Glarean Magazin

Zitat der Woche

Posted in Glarean Magazin, Johannes Scherr, Literatur, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 15. Mai 2011

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Über die Welt und das Leben

Johannes Scherr

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Wenn die Darwinisten recht haben, so muß, auch die denkbar langsamste und sachteste Entwickelung vorausgesetzt, einmal ein Augenblick gewesen sein, wo der Riß zwischen Tierheit und Menschheit, zwischen tierischem Traumsein und menschlichem Bewußtsein geschah.
Falls wir aber dem ersten Wesen, welches sich im Gegensatze zum Tier als Mensch fühlte, nicht etwa die Schande antun wollen, uns dasselbe als einen Idioten vorzustellen, so muß es bald, sehr bald gemerkt haben, daß das Leben nichts weniger als eine Schlaraffei sei. Schon in den ersten Menschen dürfte der Kampf ums Dasein mitunter die Frage angeregt haben: Ist dieses Dasein eines solchen Kampfes wert? Man könnte, so man von einem Adam im biblischen Sinne sprechen wollte, unschwer auf die Vermutung kommen, schon der erste Mensch müßte notwendig ein Skeptiker gewesen sein und sich mitunter gefragt haben: Was tu’ ich eigentlich da?

Johannes Scherr (1817-1886)

Eine sehr fragwürdige Frage, fürwahr, und bis heute noch unbeantwortet, obzwar alle Religionen und alle Philosophien sich abgemüht haben, eine Antwort zu finden. Was sie fanden? Fabeln und Phrasen.
Auch die Poesie wußte die Frage nur scharfschneidig zu formulieren, nicht aber zu beantworten.
Solche Frageformeln sind der Hiob, der Prometheus, der Faust, der Kain.Der letztere, die echteste, gefühlteste und großartigste dichterische Schöpfung des neunzehnten Jahrhunderts, in welcher der Genius Byrons in seiner ganzen Kraft und Düsternis sich offenbarte, ist keineswegs ein Anachronismus. Denn warum sollte, die biblische Mythe einmal zugelassen, der Erstgeborene Evas nicht der erste Pessimist gewesen sein? War er ein denkendes Wesen, so mußte sich das Gefühl des Verhängnisses, Mensch zu sein, bleischwer auf ihn legen, und mußte er klagen, wie der Dichterlord ihn klagen läßt:

»Und dies ist Leben?
Sich stets zu mühn – warum soll ich mich mühn?
Ich lebe, ja, doch einzig um zu sterben,
Und seh’ im Leben nichts, den Tod verhaßt
Zu machen, als ein innerliches Bangen,
Den widerwärt’gen, unbesieglichen
Instinkt, zu leben, den ich wie mich selbst
Verachte, doch nicht überwinden kann.
So leb’ ich denn. O, hätt’ ich nie gelebt!«

Der Ekel, die Verzweiflung müßte es doch schließlich über den »widerwärtigen Instinkt« davontragen, falls sich dieser nicht zwei starke Helfershelferinnen beigesellt hätte: Geduld und Gewohnheit. Diese lehren den Menschen ertragen, was an und für sich – persönliches »Glück« oder »Unglück« ganz beiseite gelassen – des Ertragens in keiner Weise wert ist.
Denn wo wäre ein auch nur halbwegs vernünftiger Zweck des Menschendaseins auch nur halbwegs annehmbar nachgewiesen? Nirgends. Religiöse Märchen und philosophische Redensarten die Hülle und Fülle, aber nicht die Spur von einem Nachweis, von welchem ein ehrlicher, anständiger und geschulter Mann sagen möchte: Daran kann ich glauben.
Wie? Auch an die Arbeit nicht? Als an ein Mittel, ja; als an den Zweck, nein. Denn warum soll ich arbeiten? da die schreckliche geheime Stimme in mir immerfort raunt: Dein Arbeiten ist am Ende aller Enden gerade so eitel und zwecklos wie das aller, die vor dir waren und die nach dir sein werden. Warum? Wozu? Wofür?
Es ist ganz wahr, die ungeheure Mehrzahl der Menschen wird durch diese Fragen gar nicht behelligt, weil sie das Leben tierisch-naiv faßt und führt. Die kleine – genau betrachtet, sehr kleine – Minderzahl, die Wissenden, welche den Dingen auf den Grund sehen möchten, sie haben sich von jeher redlich abgequält mit dem furchtbaren Warum? Wofür? Wozu? Man muß es auch sehr begreiflich und verzeihlich finden, wenn die armen zweifelnden, fragenden, suchenden Menschen sich von Zeit zu Zeit eine angebliche Lösung des unlösbaren Problems durch irgend einen Schelling oder Hegel – will sagen: durch diesen oder jenen betrogenen Betrüger – vorgaukeln lassen, bis dann die angebliche Lösung immer wieder als ein aus den Hüllen schamloser Begriffenotzucht und grausamer Sprachefolterung herausgeschältes faules Windei sich darstellt.
Aber ist es denn nötig, allzeit und überall dem Warum? nachzugrübeln? Lassen wir das Woher? und Wohin? und Wozu? und nehmen wir die Welt, wie sie nun einmal ist. Anders machen können wir sie ja doch nicht, und so wird es denn wohl das klügste sein, uns praktisch darin zurecht zu finden. Tun wir das, so werden wir weder bestreiten können noch wollen, daß die menschheitliche Arbeit im Laufe der Jahrtausende denn doch was Hübsches vor sich gebracht und daß die Vervollkommnungsschule Weltgeschichte erkleckliche Erziehungsresultate zutage gefördert habe. Wer wollte das bezweifeln? Wir laufen nicht mehr im Tierfellkostüm herum und nähren uns nicht mehr mit Eicheln. In der Schaffung und Verfeinerung von Formen hat sich die menschliche Kulturarbeit wahrhaft groß erwiesen. Was das Wesen angeht, so wollen scharfe Augen entdeckt haben, daß der Mensch im Perfektibilitätsfrack noch ganz derselbe sei, welcher er im pfahlbäuerischen Wolfs- oder Bärenfell gewesen. Gerade herausgesagt, die dermalen Tag und Nacht mechanisch Hergebetete Fortschrittslitanei vermag keinen Geschichtekenner zu überzeugen, daß die Zivilisation den Menschen substantiell verändert oder beziehungsweise veredelt habe. Soweit die geschichtliche Kenntnis in die Vorzeit hinaufreicht, ist der Mensch und ist die menschliche Gesellschaft dem Wesen nach ganz so gewesen, wie sie heute noch sind: – der Mensch ein Mischmasch von Widersprüchen, die Gesellschaft ein Wirrsal von gegensätzlichen Interessen. Zu allen Zeiten dieselben Illusionen und Enttäuschungen, dieselben Anlagen und Leidenschaften, dieselben Bedürfnisse und Begehrnisse, dieselbe Tugendtheorie und dieselbe Lasterpraxis. Zu allen Zeiten Schwindler und Beschwindelte, Ausbeuter und Ausgebeutete, Schelme und Narren. Ob aber dereinst aus dem verfallenden Erdenhause der letzte Mensch als der letzte Schwindler oder als der letzte Beschwindelte, als der letzte Narr oder als der letzte Schelm hinausziehen werde, darüber sind die Gelehrten noch nicht einig.
Darüber dagegen sind, wenn nicht die Gelehrten, so doch die Verständigen einig, daß die Erde nichts weniger als ein Eden, daß das »goldene Zeitalter« der Freiheit, des Friedens und der Freude wie in der Vergangenheit so auch in der Zukunft nur ein Ammenmärchen, daß die Natur unerbittlich und erbarmungslos, daß unser Menschenleben mit seiner jämmerlich unbehilflichen Kindheit und seinem einsamen bresthaften Alter, mit seinen Krankheiten und seinen Torheiten, mit seinen grellen Ungerechtigkeiten und ekelhaften Roheiten, mit seinen zahllosen Niederträchtigkeiten, Schurkereien und Freveltaten, mit seinen ruhelosen Wünschen und unzulänglichen Befriedigungen, mit seinen boshaften Verkettungen und seinen wehvollen Trennungen, mit den Luftspiegelungen des Ehrgeizes, mit den Verführungen des Reichtums und den Demütigungen der Armut, mit allen seinen Sorgen, Mühen, Schmerzen, geknickten Hoffnungen und bitteren Erfahrungen, sogar mit seinem sogenannten Glücke, seinen flüchtigen Genugtuungen und seinen täuschungsvollen Genüssen – ja, daß die Erde mit allem, was darauf, nichts als eine, mit dem armen Leopardi zu sprechen, »grenzenlose Nichtigkeit«, eine »inutile miseria«, oder auch nichts als eine schnöde Prellerei, ein niederträchtiger Schwindel.
Was folgt aus alledem?
Daß der »loathsome and yet all invincible instinct of life«, wovon der Byronsche Kain spricht, die Menschen zwang, eine Erfindung zu machen, mittels welcher sie über die Erdennot sich hinwegtäuschen konnten.
Diese Erfindung, die Lehre von der Fortdauer der Seele des Menschen nach seinem leiblichen Tode und die damit eng verbundene Vorstellung von einer Vergeltung in einem sogenannten Jenseits, ist die tröstlichste gewesen, welche ein Menschengehirn jemals ausgesonnen hat. Nur Abstraktoren, wie z. B. der verwichene Doktor Strauß, dem sein eigen Volk gerade so fremd gewesen wie etwa das japanische, nur dürre Doktrinäre, welche niemals in und mit dem Volke gelebt haben, vermögen zu verkennen, welche unermeßliche und unerschöpfliche Wohltat für die arme Menschheit der Unsterblichkeitsglaube war und ist. Die wirklich Weisen aller Länder und Zeiten, Denker und Dichter, Propheten und Politiker, haben das wohl erkannt. In den Katakomben Ägyptens, auf den Bergen von Baktrien, in den Banianenhainen am Ganges, unter den Platanen des Ilissos, auf den Triften Galiläas, in den Sandsteppen Arabiens wie in dem Schattendüster der Wälder Germaniens und unter den Druideneichen Armorikas ist diese Lehre verkündigt und geglaubt worden, und überall hat sie ungezählte und unzählige Millionen von Menschen die schwere Last des Lebens tragen gelehrt.
Wenn die menschliche Zivilisation etwas so Hehres und Herrliches ist, wie ihr sagt, wohlan, nur der Unsterblichkeitsglaube hat sie möglich gemacht. Dadurch möglich gemacht, daß er den Geschlechtern der Menschen die Hingebung und Ausdauer verlieh, inmitten von allen den Bedrängnissen des Daseins ihre Arbeit zu tun. Darf das ein bloßer Wahn genannt werden? Kann es ein bloßer Wahn sein? Und wenn es ein Wahn, ist er verwerflich und entbehrlich? Aber was ist denn eigentlich Wahn, und was ist Wahrheit? ■

Aus Johannes Scherr, Größenwahn, Essay, Größenwahn, Max Hesses Verlag 1876

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Das Zitat der Woche

Posted in Philosophie, Seneca, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 4. August 2009

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Über das glückliche Leben

Seneca

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Wo es sich um Fragen der Menschheit handelt, sind wir nicht in der glücklichen Lage, sagen zu können, dass der Mehrzahl das Bessere gefalle: der Standpunkt der großen Masse lässt gerade den Schluss auf das Schlimmste zu. Wir müssen also fragen, was zu tun das Beste, nicht was das Gebräuchlichste ist, und was uns den Besitz ununterbrochenen dauernden Glücks sichert, nicht was dem großen Haufen, diesem verwerflichsten Ausleger der Wahrheit, genehm ist.
Zur großen Masse rechne ich aber ebensogut gekrönte Häupter wie Menschen im Kittel. Denn ich blicke nicht auf die Farbenpracht der Kleider, die dem Körper ein stattliches Aussehen verleihen; ich traue nicht den Augen, wo es sich um den Menschen handelt; ich habe eine bessere und zuverlässigere Leuchte, um Wahres und Falsches zu unterscheiden: es ist des Geistes Wert, den der Geist auffinden soll. Ist er – der Geist – einmal dazu gekommen, ruhig aufzuatmen und Einkehr in sich zu halten, wie wird er sich dann unter dem selbstbereiteten Druck der Folterqualen die Wahrheit gestehen! «Alles», wird er sagen, «was ich bisher getan, o möchte es doch ungetan sein; überschlage ich im Geiste alles, was ich gesagt habe, so beneide ich die Stummen; alles, was ich mir gewünscht habe, erscheint mir wie ein Fluch aus dem Munde der Feinde; alles, was ich gefürchtet habe, gute Götter, wieviel geringer war das anzuschlagen als das, was ich mit heißem Verlangen mir vergebens herbeiwünschte! Mit vielen habe ich in Feindschaft gestanden und habe mich, dem Hasse entsagend, wieder mit ihnen versöhnt, sofern überhaupt unter Übeltätern von Versöhnung die Rede sein kann: meine Feindschaft mit mir selbst steht noch auf schwachen Füßen. Ich habe mir redlich Mühe gegeben, mich aus der großen Menge herauszuheben und durch irgendwelchen Geistesvorzug die Augen auf mich zu lenken. Und der Erfolg? Er war kein anderer als der, dass ich mich wohlgezielten Angriffen ausgesetzt sah und den Böswilligen die Blöße zeigte, wo sie mich packen konnten. Siehst du sie, die meine Beredsamkeit preisen, meinem Reichtum nachlaufen, um meine Gunst buhlen, meine Macht in den Himmel heben? Sie alle sind nichts anderes als entweder meine Feinde oder, was dasselbe besagt, sie können es sein; die Schar der Bewunderer ist nicht größer oder kleiner als der Neider. Warum richte ich mein Sinnen und Trachten nicht vielmehr auf etwas gut Erprobtes, dessen ich mir innerlich bewusst bin, statt auf etwas, womit ich nach außen hin Staat mache? All das, was die Augen auf sich zieht, was die Vorübergehenden haltmachen lässt, was der eine dem anderen staunend zeigt – es ist nichts als äußerer Glanz ohne jeden inneren Wert.»

Seneca

Seneca (4 v.Chr. - 64 n.Chr.)

Schauen wir also aus nach einem nicht äußerlich glänzenden Gut, sondern einem solchen, das in sich gefestigt und gleichmäßig ist und seine höhere Schönheit von weniger bemerkbarer Seite zeigt! Das lasst uns ausfindig machen. Und es liegt nicht in der Ferne; man muss nur wissen, wohin man die Hand strecken soll. Jetzt tappen wir gleichsam im Finsteren, haben das sehnsüchtig Gesuchte unmittelbar vor uns und gehen dicht daran vorüber. Doch um dir lange Umwege zu ersparen, will ich mich nicht auf die Meinungen anderer einlassen – denn es wäre eine zeitraubende Sache, sie aufzuzählen und zu widerlegen: lass dir meine Ansicht genügen. Wenn ich aber sage: meine Ansicht, so binde ich mich damit nicht an irgendeinen einzelnen Meister der Stoa; auch ich habe das Recht der eigenen Meinung. Daher werde ich mich an diesen oder jenen anschließen, werde einen anderen auffordern, einzelne Punkte seiner Meinung bestimmt hervorzuheben, und werde, wenn ich etwa erst zuletzt aufgerufen werde, nichts von dem, wofür sich meine Vorgänger ausgesprochen haben, verwerfen und nur erklären: «Ich stimme dafür, nur mit folgendem Zusatz.»
Dabei halte ich mich, worin die Stoiker alle übereinstimmen, an die Natur. Von ihr nicht abzuirren, nach ihrem Gesetz und Beispiel sich zu bilden, das ist Weisheit. Glücklich also ist dasjenige Leben, das mit seiner Natur in vollem Einklang steht. Dies Ziel zu erreichen ist aber nicht anders möglich, als wenn zuvörderst der Geist gesund und im dauernden Besitz dieser seiner Gesundheit ist, wenn er ferner tapfer und voll Feuer ist, sodann auch im Leiden ein schönes Muster von Ergebenheit, in die Umstände sich schickend, achtsam auf den Körper und seine Bedürfnisse, doch nicht bis zur Ängstlichkeit, voll Bedacht auch für alles, was sonst zum Leben gehört, ohne die mindeste Überschätzung, bereit, des Schicksals Gaben zu nutzen, nicht aber, um sich zu ihrem Sklaven zu machen.
Als Folge davon stellt sich – das ist dir auch ohne ausdrücklichen Hinweis darauf klar – andauernde Ruhe, verbunden mit dem Gefühl der Freiheit, ein, unter Fernhaltung von allem, was uns reizt oder in Schrecken versetzt. Denn ist der Reiz der Sinnengenüsse verschwunden, so stellt sich statt dessen, was kleinlich, hinfällig und eben durch seine Lasterhaftigkeit schädlich ist, eine erstaunlich frohe Stimmung ein, unerschütterlich und sich immer gleichbleibend, sodann Friede und Eintracht der Seele sowie hochherzige Gesinnung, verbunden mit Sanftmut; denn wilde Rohheit hat ihren Ursprung immer nur in der Schwäche.

Aus Seneca, Über das glückliche Leben, Brief an den Bruder Gallio, Rom 58 n.Chr.

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Lyrik von Peter Kemptner

Posted in Literatur, Lyrik, Neue Österreichische Literatur, Neue Lyrik, Peter Kemptner by Walter Eigenmann on 8. August 2007

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Geh runter zum Ufer und wirf einen Stein

Geh runter zum Ufer und wirf einen Stein
Sieh die Wellen sich ausbreiten in mich hinein
Sanft in Deine Augen ergießt sich mein Gesicht
die glatte Oberfläche unserer Leben zerbricht

Scherben der Erinnerung liegen im Gras der Zeit
Verwundete Worte des Lachens sind Gräber der Vergangenheit
Fotos, grau, zerrissen, verstreut im Ackerland
Briefe der Erinnerung sind verbrannt

Traurigkeit umgibt Dich wie ein Mantel hängt
In den Taschen Fetzen Hoffnung zerknüllt hinein gedrängt
Die Dämm’rung ist Dein Nachtmahr, Farben gibt es nicht
die glatte Oberfläche unserer Leben zerbricht

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Peter Kemptner

Geb. 1961 in Linz, Management mittelständischer Unternehmen, zuletzt selbstständig, lebt in Salzburg

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