Glarean Magazin

H.-J. Neumann / H. Eberle: «War Hitler krank?»

Posted in Adolf Hitler, Buch-Rezension, Geschichte, Gesellschaft, Nazi-Deutschland, Rezensionen, Walter Eigenmann by Walter Eigenmann on 4. März 2010

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Das Urteil: Vollumfänglich schuldfähiger Verbrecher

Walter Eigenmann

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Lange Jahre stand, angesichts von Millionen Kriegs- und Mord-Toten während des deutschen «Dritten Reiches», für viele fest: Nur ein Wahnsinniger, nur ein hoffnungslos kranker Psychopath konnte solche Zerstörung, solch kollektives Leid, solch abgrundtiefe Unmenschlichkeit über die ganze Welt ausbreiten, und schon lange vor Kriegsende, also vor dem totalen Zusammenbruch der Deutschen und ihrer Hitlerei, fragten sich die ob solch unfassbarer Barbarei Entsetzten öffentlich oder insgeheim: Ist/War Hitler krank? Wurde die weltweit wütende Wehrmacht von einem Drogenabhängigen geführt? Hat ein krankes Hirn die Abschlachtung von Millionen Menschen befohlen? War Auschwitz womöglich «nur» die Ausgeburt eines perversen Morbiden, der für seinen wahnhaften Zustand «eigentlich gar nichts konnte?»
Dieser Frage gehen nun, nach einigen bisherigen anderen, thematisch ähnlich gelagerten Publikationen, die beiden deutschen Autoren Prof. Dr. Hans-Joachim Neumann (Medizinhistoriker & Pathograph) und Prof. Dr. Henrik Eberle (Historiker) in einem «abschließenden Befund» unter dem Titel «War Hitler krank?» nach.
Auf über 300 Seiten breiten dabei die zwei Wissenschaftler Zeit- und aktuell recherchierte Dokumente aus: Medizinische Gutachten, pharmakologische Analysen, Zeitzeugen-Gespräche, Tagebücher, Befehls-Unterlagen, Arzt-Berichte, u.v.a. Und Seite um Seite demontieren die Autoren den ebenso langlebigen wie allen betroffenen Schuldigen zupassekommenden Mythos von Hitler als einem hinfälligen Psychopathen im Bunker der Reichskanzlei, der von seinem Leibarzt Morell «kaputtgespritzt» worden sei.

Unmittelbar nach Kriegsende exhumierten sowjetische Offiziere Hitlers verbrannte Überreste und stellten die Echtheit anhand seiner Zähne fest.

Denn zwar bestreiten Neumann und Eberle natürlich nicht, dass Hitler unter verschiedenen Erkrankungen litt (u.a. Augen- und Hals-/Nasen-Probleme, psychosomatische Verdauungs-Beschwerden, Bluthochdruck, Koronarsklerose, später Parkinson,  evtl. Medikamenten-Missbrauch), aber die wegweisenden Entscheidungen traf Hitler schon früh, als gesunder Mensch, und krankheitsbedingt war, wie die Buchautoren nachweisen, kein einziger seiner zahllosen destruktiven Befehle. Auch für eine schuldmindernde Beeinträchtigung infolge psychopathologischer Erkrankungen fehlt jeder wissenschaftlich haltbare Beweis, wie Neumann und Eberle dokumentieren.

Die beiden Pathographen wörtlich: «Die Konstellation seiner Familiengeschichte teilten Millionen Deutsche. Ein dominierender, möglicherweise gewaltätiger Vater und eine überfürsorgliche, vielleicht zu sehr liebende Mutter waren der Normalfall in einem Haushalt der vorletzten Jahrhunderte. Alle anderen exogenen, also von außen verursachten seelischen Beeinträchtigungen gehören in das Reich der Mythologie und der vorsätzlichen Lüge. [...]

Fast das gesamte deutsche Volk jubelte seinem Führer begeistert zu (Video-Dokument: «Adolf Hitler spricht im Berliner Sportpalast»)

Hitler hasste zwar, war aber immer in der Lage, seinen Wunsch nach Vernichtung der Juden mit den Vorstellungen der Gesellschaft zu synchronisieren. Gerade die zahlreichen taktischen Wendungen – etwa der Hitler-Stalin-Pakt mit der jüdisch-bolschewistischen Sowjetunion – zeigen die enorme Flexibilität seines Handelns.

Hitler im März 1945 an der Ostfront in einer Lagebesprechung. Er war gezeichnet von seiner Parkinson-Krankheit und konnte nicht mehr länger als eine halbe Stunde stehen; die zitternde linke Hand ist unter dem Kartentisch verborgen. Neumann&Eberle: «Seine geistigen Fähigkeiten wurden durch die Krankheit nicht beeinträchtigt.»

So zynisch es klingt: Alle Verbrechen, die er anordnete und ermöglichte, der Völkermord an den Juden, die Ermordung von Sinit und Roma, Massentötungen von Geisteskranken, sind durch sein Agieren in den gesellschaftlichen Handlungs-Spielräumen erklärbar. [...] Die wirklichen Ursachen für diese Verbrechen sind in der deutschen Gesellschaft zu suchen, in ihrer Geistesgeschichte und den sozialen Zusammenhängen.»

Neumann und Eberle kommen nach ihrem 320-seitigen Report denn auch zu einem ebenso eindeutigen wie abschließenden Befund: «Der Krieg wurde nicht geführt, und die Juden wurden nicht vernichtet, weil Hitler krank war, sondern weil die meisten Deutschen seine Überzeugungen teilten, ihn zu ihrem Führer machten und ihm folgten.» ■

Hans-Joachim Neumann & Henrik Eberle, War Hitler krank? – Ein abschließender Befund, Lübbe Verlag, 320 Seiten, ISBN 978-3-7857-2386-9

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Leseproben

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Das Zitat der Woche

Posted in Medizin, Paracelsus, Philosophie, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 9. Dezember 2009

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Von der Natur in der Krankheit

Paracelsus

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Die Natur ist es, die dem Kranken die Arznei gibt. So Natur die Arznei gibt, muß sie den Kranken erkennen. Denn ohne Erkenntnis kann sie ihm nichts geben. Nun liegt die Erkenntnis nit im Arzt, sondern in der Natur. So Natur sich kennt, stellt sie das Rezept zusammen. Krankheit und Arznei kommen beide aus der Natur und nit vom Arzt. Von diesen beiden soll der Arzt lernen. Was sie ihn lehren, soll er tun. Lehren sie ihn nichts, so kann und weiß er nichts. Denn beide, Arznei und Krankheit, unterliegen der Natur, die ihr eigener Arzt ist.

Paracelsus (1493-1541)

Die Natur allein lehrt den Arzt, nit der Mensch. So nun in der Natur so viel liegt, ist es vonnöten, darüber zu handeln, wer die Natur sei. Das ist eben Gegenstand der Philosophie. Bei der Definition, was Philosophie sei, gibt es einen Streit zwischen mir und meinen Gegnern. Was sie für Philosophie halten, halte ich für eine Drüse, das heißt, sie sind wie ein Arzt, der seine Kunst aus den Drüsen nimmt, die außen am Leibe wachsen, ihm gleichsehen, aber nicht gleich sind. Derartig sind diese Arztphilosophen… Daß sie etwas von meiner Philosophie halten, ist nit gut möglich. Darum wird meine Philosophie von ihnen nit gebraucht, auch nit von andern Narren.
Der Arzt soll vor allem Himmel und Erde kennen, ihre Materie, Art und ihr Wesen. So er darüber unterrichtet ist, mag er mit dem Studium der Arznei beginnen. Denn nach dieser Erfahrung, diesem Wissen und dieser Kunst beginnt der Arzt. Mein Unterfangen und Grundsatz ist, daß die Arzneikunst so geübt werde, daß aus dem äußern Arzt der innere geboren werde und wo der äußere nit sei, da sei auch der innere nit, und was der innere treibt, führt und lernt aus sich selbsten, das ist umsonst. ■

Aus Paracelsus, Paragranum (1529)

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Diagnose: Bösartiger Hirntumor

Posted in Buch-Rezension, Eric Baumann, Literatur, Psychologie, Rezensionen, Walter Eigenmann by Walter Eigenmann on 22. Januar 2009

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Eric Baumann: «Einen Sommer noch»

Walter Eigenmann

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eric-baumann_einen-sommer-noch_coverBücher mit einem ähnlichen Klappentext wie dem folgenden wurden und werden immer wieder publiziert, und liest man in der Buchhandlung solche Sätze wie auf der Rückseite von Eric Baumanns Buch «Einen Sommer noch», denkt man «Armer Kerl!» und stellt es mitfühlend-seufzend wieder ins Regal zurück:
«Er ist jung, erfolgreich, frisch verliebt – und auf dem Karrieresprung. Dem Journalisten Eric Baumann steht die Welt offen. Doch sein Körper spricht eine andere Sprache, schickt Kopfschmerzen, Sprachaussetzer, Sehstörungen. An seinem 34. Geburtstag erfährt Eric Baumann, dass er einen bösartigen Gehirntumor hat, der sofort operiert werden muss. Seine Überlebenschancen sind auch nach der Operation gleich null. Ab diesem Zeitpunkt steht über jedem schönen Augenblick die Frage: Werde ich das je wieder erleben? Dennoch gibt Eric Baumann auch in Momenten tiefster Verzweiflung nicht auf. Mit offenen Augen schaut er in die Welt und wehrt sich mit Lebensfreude und Mut nun schon mehr als drei Jahre gegen den sicheren Tod.»
Nun, diesen Band des Luzerner Wirtschaftsjournalisten Eric Baumann sollte man nicht wieder ins Regal zurückstellen. Sondern miterleben.
Gewiss, Baumann ist weder Poet, noch Literat, noch Wissenschaftler, noch Philosoph, noch Pfarrer, noch Märtyrer. Seine Sprache: Knapp, realistisch, voller Verben und Substantive, ohne alle Larmoyanz, streckenweise schier ohne Sentiment, doch wider Erwarten keineswegs humorlos – wie das alles gute Wirtschaftsredakteure durchaus können. Und überhaupt: «Um mich zu besinnen, muss ich nicht die Hände falten. Ich brauche auch keine Institution, die mir zu erklären versucht, was nach dem Tod passiert.» Denn dieses «Einen Sommer noch» impliziert zwar Hoffnung, es bilanziert gar irgendwie, obwohl es nur nach vorne blickt – aber vor allem sind diese knapp 260 Seiten ein in seiner detaillierten Intensität ungeheuer beeindruckendes, so noch nie gelesenes Stenogramm einer Heimsuchung.
eric-baumann_lubbe-verlagUnd deren menschlicher wie medizinischer Bewältigung. Baumann hat einen wahren Kosmos der inneren Monologe und und der äußeren (medizinischen) Dialoge, auch der sozialen Netze, der widersprüchlichen Therapie-Diskussionen, des Selbstbeobachtens und des Fremdbestimmtseins, bis hin zur Resignation und zur Resurrektion zwischen zwei Buchdeckel gelegt, seine Sätze voller «Ich» und «ich» und voller Namen von Menschen und Leuten und Sachen und Techniken vermitteln zwischen Chemotherapie und Anthroposophie, zwischen Glioblastom und Qigong, zwischen Misteln und Tomographen. Kein Zweifel, nachdenken und reden über eine Krankheit wie Krebs ist ihrer Bekämpfung enorm förderlich. Wiewohl Baumann differenziert: «Den Begriff ‘Kampf’ für den Umgang mit dem Krebs streiche ich aus meinem Vokabular. Ich interpretiere meinen Weg eher als Prozess. [...] Klar ist er ein Biest, dieser Tumor. Nach der Lektüre einiger Bücher wie dem von Simonton verstehe ich ihn aber immer mehr als einen Teil von mir, denn seine Zellen gehören zu meinem Zellenvolk. Wenn ich visualisiere, mag ich mir jedenfalls nicht einen Krieg von gegeneinander antretenden Zellen vorstellen, selbst wenn das der Realität entspricht. Das Putzteam ist mir sympathischer.»
«Einen Sommer noch» ist das anrührend ehrliche, sensibel, doch ungeschönt notierende, in seiner intelligent sezierenden Präzision fast beängstigende, zwar subjektivst erlebte und erlittene, aber auch in große menschliche und medizinische Vorgänge eingebettete Protokollieren des Überlebens - von der ersten dringenden Hirnoperation bis zur jüngsten Nevada-Reise mit Partnerin Alice. Dazwischen liegen hoffnungsvolle Monate und Jahre – geschenkte Lebenszeit, gemäß Statistik. Doch wie schreibt der inzwischen 38-jährige, noch immer an einem der schlimmsten, weil bösartigsten Hirntumore (= Grad IV der WHO) leidende Autor – alles Gute ihm auch von hier aus! – in seinem Buch-«Epilog»:
«Es ist Frühling, es ist warm. Wie vor einem Jahr sitze ich im Parkcafé, nippe an einer Apfelschorle. Vor mir liegt ein Manuskript, meine Geschichte. – Ich habe wieder einen Befund aus dem Spital erhalten. Es sieht gut aus. Die Chemomedizin muss ich aber weiterhin schlucken, es wäre fahrlässig, sie abzusetzen. – Ein Sonnenstrahl dringt durch eine Allee von Pappeln. Der Sommer steht vor der Tür. Noch einer. Was für ein schönes Leben! – Ich packe zusammen. Fertig für heute. Es gibt ein Morgen.» ■

Eric Baumann, Einen Sommer noch, Mein Leben mit der Diagnose Hirntumor, 268 Seiten, Lübbe Verlag, ISBN 978-3-7857-2355-5

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Leseprobe (Eric Baumann: «Einen Sommer noch»)

Ein Assistenzarzt zeigt mir die Bilder. Er wirkt desinteressiert,
sein Blick ist frustriert und müde. Was ich zu sehen bekomme,
schnürt mir die Kehle zu: Der Schatten ist viel deutlicher
zu sehen als auf der Computertomografie von gestern
Abend. Er dominiert den linken Schläfenlappen des Gehirns.
Um ihn herum hat sich eine enorme Schwellung gebildet. Sie
will mein Gehirn vor dem Eindringling schützen. Der Platz im
Kopf ist aber begrenzt, die Hirnmasse wird zur Seite gedrängt,
eingequetscht.
In der Mitte des Gehirns verläuft eine Linie. Normalerweise
ist sie gerade, meine aber hat derzeit eine Delle. »Midline-Shift
nach rechts«, heißt es im Spitalbericht. »Eindeutig Hirntumor«,
meint der Assistenzarzt. Also doch! Bestimmt wussten die Mediziner
in der Notfallstation gestern Abend bereits, dass es sich
nicht um eine Entzündung handelt. Vermutlich wollten sie
mir die Diagnose »Bösartiger Hirntumor« noch nicht als einzig
mögliche Erklärung zumuten.
»Der Tumor«, so der Arzt, »hat einen Durchmesser von etwa
vier Zentimetern und zerfranst in verschiedene Richtungen.«
Vier Zentimeter? Das ist etwa die Größe eines Pingpongballs!
Und zerfranst klingt nicht gut. »Harmlos ist er definitiv nicht«,
bestätigt der Assistenzarzt teilnahmslos. »Er muss weg. Wir
haben bereits einen Termin für Sie gefunden, die Operation findet
nächsten Montagmorgen statt, am dritten Januar.« In vier
Tagen komme ich unters Messer!
Hirntumore werden von der Weltgesundheitsorganisation
(WHO) in Kategorien eingeteilt, wie ich jetzt erfahre. I und II
sind gutartig, III und IV bösartig. Wucherungen aller Grade
beanspruchen Platz im Kopf. »Gutartig« ist also ein verharmlosendes
Wort, denn selbst in so einem Fall kann ein Tumor
zum Tod führen, wenn er zu groß wird.
Tumore höheren Grades wachsen sogar ins Gehirn hinein,
verästeln sich, zerstören Zellen und setzen damit früher oder
später lebenswichtige Funktionen außer Gefecht. In diesem
Fall gelten Hirntumore auch als Krebserkrankung. Gradmäßig
geht es nur nach oben. Ein maligner Tumor – Mediziner-Slang
für »bösartig« – kann sich nicht zu einem gutartigen zurückentwickeln.
»Genau wissen wir es erst nach der Operation. Vermutlich
handelt es sich um Grad III«, ergänzt der Assistenzarzt. Bestimmt
schlimm genug. Ich kann also nur noch hoffen, dass es
keine Nummer Vier ist. Sagt der Arzt die Wahrheit, oder ist die
Art, wie er seine Einschätzung formuliert, selbst bei ihm ein Akt
der Barmherzigkeit?
»Wie lange habe ich denn noch zu leben?«
»Das kann ich Ihnen nicht sagen. Wir wissen noch nicht
genug.«
»Bin ich dem Tod geweiht?«
»Nun, Sie müssen davon ausgehen, dass wir Sie nicht heilen
können. aber wir werden Ihnen eine zusätzliche beschwerdefreie
Zeit ermöglichen.«
Noch so ein Faustschlag. Das kann doch nicht sein. Ich,
sterben? Heute ist mein Geburtstag! Mir geht das alles viel
zu schnell. Wie soll ich als Vierunddreißigjähriger von einer
Stunde auf die nächste einen Plan für den Umgang mit der eigenen
Vergänglichkeit bereithalten? Dass mir in meinem Alter
schon der Tod blühen könnte, damit habe ich mich noch nie
auseinandergesetzt.[...]

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