Glarean Magazin

Interview mit dem Schach-Autor J. Carlstedt («Die kleine Schachschule»)

Posted in Buch-Rezension, Glarean Magazin, Interviews, Jonathan Carlstedt, Schach, Schach-Rezension, Thomas Binder by Walter Eigenmann on 25. November 2014

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Jonathan Carlstedt: «Die kleine Schachschule»

Thomas Binder

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Chess - Die kleine Schachschule - Carlstedt - Humboldt Verlag - CoverDer junge Hamburger Bundesliga-Spieler Jonathan Carlstedt gehört seit kurzer Zeit zu den Exponenten der Deutschen Schachszene. Neben dem eigenen Spiel arbeitet er als Geschäftsführer der Schachschule Hamburg, schreibt als Journalist und Online-Autor für verschiedene Medien und hat seit 2010 bereits mehrere Bücher vorgelegt. Dabei wendet er sich an die ganze Breite des Schachpublikums. Sind die Eröffnungsbücher sicher dem Experten vorbehalten, galten die beiden Werke unter dem Obertitel «Die große Schachschule» dem engagierten Turnier- und Vereinsspieler. Mit der «Kleinen Schachschule» wird das Spektrum der Zielgruppen nun gewissermaßen «nach unten» abgerundet, verkündet doch schon die Titelseite «Perfekt für Anfänger!»
Carlstedts Werk reiht sich in die Tradition klassischer Schach-Lehrbücher für «Jedermann», wie sie seit mehr als 100 Jahren einen Urtyp der Schachliteratur darstellen. Kann man dieses Genre noch mit neuen Ideen bereichern?

Blicken wir zunächst auf die grobe Gliederung des Werkes: Wir haben vier wesentliche Abschnitte vor uns:
– Die Grundbegriffe und Regeln des Schachspiels werden auf ca. 40 Seiten erklärt
– Es folgen knapp 70 Seiten über Eröffnungen
– Das Mittelspiel wird auf ca. 60 Seiten abgehandelt
– Mit gut 40 Seiten ist das Endspielkapitel eher knapp bemessen
– Den Abschluss des Buches bildet ein kurzer Essay «Die Welt der Schachszene», (dem der Rezensent gerne etwas mehr Umfang und Tiefgang gewünscht hätte).

Chess - Die kleine Schachschule - Carlstedt - Humboldt Verlag - Inhalt_Seite_03

Das ganze Basis-Rüstzeug des Schach-Anfängers in einem Band

Das einführende Kapitel vermittelt das regeltechnische Rüstzeug jeder Schachpartie, leider noch nicht auf dem Stand der 2014 geänderten FIDE-Regeln (bei Stellungswiederholung und 50-Züge-Regel).
In den folgenden Hauptkapiteln hat es sich Carlstedt zur Aufgabe gemacht, dem «Anfänger» deutlich mehr zu vermitteln, als es vergleichbare Bücher tun.  Exemplarisch dafür ist das Eröffnungskapitel. Nach Vermittlung der Grundstrategien (Figurenentwicklung, Königssicherheit) führt der Autor den Leser in einige wichtige Eröffnungssysteme ein. Dabei findet Jonathan Carlstedt das für einen Spieler auf Anfänger-Niveau passende Maß zum Verständnis der vorgestellten Eröffnungen. Bei jedem Zug wird dargestellt, inwiefern er seinen Beitrag zu den Grundzielen des Eröffnungsspiels leistet. Streiten könnte man allenfalls über das Mengenverhältnis (acht Seiten Königsgambit vs. fünf Seiten Sizilianisch) und über die Auswahl der Systeme. So fehlen etwa mit der Pirc-Verteidigung oder Russisch auch Eröffnungen, die einem Anfänger sehr wahrscheinlich recht bald begegnen werden.
Als ein Juwel unter vielen möchte ich hervorheben, wie der Autor die «fried liver attack» des Zweispringerspiels (freilich ohne sie beim Namen zu nennen) behandelt. Ich selbst habe schon viele Schach-Eleven ob der doppelten Bedrohung des Punktes f7 regelrecht verzweifeln sehen. Schade nur, dass in diesem Buch der betreffende Text im Abschnitt «Italienische Partie» versteckt ist.

Chess - Die kleine Schachschule - Carlstedt - Humboldt Verlag - Probeseite

Circa 200 Stellungsbilder unterstützen hervorragend das Text-Verständnis

Unter dem Oberbegriff «Mittelspiel» führt Carlstedt in die wichtigsten taktischen Manöver und strategischen Motive ein. Der Leser lernt Fesselungen, Gabeln, Spieße, Abzüge ebenso kennen wie grundlegendes Wissen über Bauernstrukturen und -schwächen. Auch die Eigenheiten der einzelnen Figuren und die Konsequenzen für ihren optimalen Einsatz werden besprochen. Ein (zu) kurzer Abschnitt über den Königsangriff beschließt das Mittelspiel-Kapitel.
Bei den Endspielen widmet Carlstedt den verschiedenen Aspekten der Bauernumwandlung (Opposition, Randbauer, Quadratregel) breiten Raum. Es folgen einige wichtige Stellungen zum Endspiel «Turm&Bauer gegen Turm». Das ist sicher eines der anspruchsvollsten Kapitel des Buches, und Jonathan Carlstedt präsentiert es so gekonnt, dass auch der «Anfänger» jederzeit folgen kann. Überraschend: Erst danach geht er auf die elementaren Matts mit den Schwerfiguren ein. Insgesamt hätte man dem Endspiel-Kapitel sogar etwas mehr Umfang gewünscht. Da bleiben einige Themen offen, die man auch der Zielgruppe dieses Buches zumuten kann. Andererseits wäre selbst ein Anfänger-Lehrbuch der Schach-Endspiele gut und gerne so stark wie die ganze vorliegende «Kleine Schachlehre» – so bietet sich das vielleicht für ein Nachfolgeprojekt an.

Das Buch im handlichen Taschenbuchformat ist auf hochwertigem Papier produziert und sorgfältig redigiert. Der Sprachstil des jungen Autors macht Freude, seine bereits enorme Erfahrung als Trainer ist auf jeder Seite zu verspüren.
Circa 200 Stellungsbilder unterstützen in perfekter Weise das Verständnis. Diese Diagramme wurden offenbar mit Chessbase-Software erstellt. Dabei nutzt Carlstedt die Möglichkeit der Verdeutlichung von Ideen und Plänen mit farbigen Pfeilen und Feldmarkierungen. Allerdings geht die visuelle Aussagekraft dieses Gestaltungsmittels beim Schwarz-Weiß-Druck fast völlig verloren und in einigen Fällen ist die Erkennbarkeit gerade dadurch sogar eingeschränkt.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin

Jonathan Carlstedt legt ein modernes «Anfänger-Lehrbuch» vor. Ansprechende Gestaltung und frischer Schreibstil tragen zum Erfolg des Werkes bei.

Bleibt die Frage, an welche Zielgruppe sich das Buch richtet. Carlstedt ist insofern konsequent, dass er keine spezielle Zielgruppe anspricht. Insbesondere fehlen jegliche spielerischen Elemente, wie man sie aus Kinder-Schach-Lehrbüchern kennt. Die Ansprache des Lesers orientiert sich am erwachsenen, allenfalls jugendlichen Schachschüler. So ist die Zielgruppe wohl nicht an Altersgruppen festzumachen, sondern am Einsteiger, der sich auf das anstrengende aber wunderbare Abenteuer einlassen will, das Schachspiel «von der Pike auf» zu erlernen. Wer das vorliegende Buch konzentriert durcharbeitet und das Gelernte umsetzt, wird schon nach wenigen eigenen Partien die ersten Früchte der Arbeit ernten.
Carlstedt schreibt im Vorwort: «Bücher schreiben macht Spaß». Wenn der Leser diesen Spaß des Autors nachempfindet, ist das Werk gelungen. Ich habe ihn nachempfunden! ■

Jonathan Carlstedt: Die kleine Schachschule – Regeln, Strategien und Spielzüge verständlich erklärt, Humboldt Verlag, 224 Seiten, ISBN 978-3-86910-209-2

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Interview mit dem Schach-Autor Jonathan Carlstedt

«Der Schach-Sport ist – richtig verpackt – sehr kommunikativ»

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Glarean Magazin: Herr Carlstedt, stellen Sie sich zunächst unserer Leserschaft kurz vor?

Jonathan Carlstedt: Ich bin 24 Jahre alt. Nachdem ich 2010 mein Abitur in Hamburg gemacht habe, begann ich selbstständig als Schachspieler/-Trainer/-Autor/-Journalist zu arbeiten. Inzwischen bin ich Internationaler Meister, trainiere ca. 25 Schüler, schreibe für den Deutschen Schachbund, bin Geschäftsführer des Hamburger Schachklubs und der Schachschule Hamburg, Organisator des VMCG-Schachfestivals und selber als Spieler auf diversen Turnieren und in der ersten Bundesliga aktiv. Außerdem verfasse ich regelmäßig Schachbücher und -Artikel.

GM: Was läuft in Deutschland bei der öffentlichen Darstellung des Schachs als Wettkampfsport falsch? Was kann/muss man besser machen um das Image des Schachsports aufzupolieren?

JC: Vermutlich muss man hier differenzieren. Wir haben zum einen die externen Umstände, bis zu einem gewissen Punkt passt Schach nicht in unsere Zeit. Schach ist ein stiller Sport, in dem nicht derjenige recht hat, der am lautesten schreit, sondern derjenige, der die besten schachlichen Argumente hat. Meine sehr und ganz persönliche Meinung ist, dass dieser Ansatz in unser Gesellschaft, die Kraft des Arguments über der Kraft der Lautstärke, immer weniger eine Rolle spielt und Schach als dessen Vertreter geringere Chancen als andere Sportarten hat, akzeptiert zu werden.
Gerade bin ich in Dresden, hier spielen 10 der stärksten Frauen des Landes ein Turnier mit einem Preisfond von 10’000 Euro in äußerst professioneller Atmosphäre. Nun ist die Frage: Wie können wir das Interesse der Medien und damit der Öffentlichkeit gewinnen. Anscheinend ist es möglich, das für einen Schach-WM-Kampf zu schaffen. «SPIEGEL Online» und «Zeit online» berichten ausführlich mit großartiger Berichterstattung. Um eine regelmäßige Darstellung wie andere «Mainstream»-Sportarten zu erreichen, müssen wir in gemeinsamer und vor allem koordinierter (etwas was gelegentlich fehlt) Anstrengung versuchen, ein Grundverständnis für unser Spiel bei der breiten Masse zu erzeugen. Dann haben wir die Chance, auch in der öffentlichen Wahrnehmung häufiger eine Rolle zu spielen.
Aber was ist das Image des Schachsport? Freaks ohne Anschluss? Sportart für Super-Intelligente? Schul-AG für Außenseiter? Wenn dem so ist, dann müssen wir etwas tun! Das geht nicht von heute auf morgen, denn die Diskussion wurde in der Schachszene bisher nicht geführt, ob wir nicht gut daran tun, eine Randsportart zu sein. Meine Meinung dazu ist klar: Unser Sport ist interessant, richtig verpackt sehr kommunikativ, und wenn Sie sich heute die Topspieler anschauen, haben wir intelligente, durchtrainierte Leistungssportler, die sich verkaufen können. Mit hochwertiger und beständiger Öffentlichkeitsarbeit können wir ins Bewusstsein der Bevölkerung treten. Konkret und kurzfristig müssen wir freundlicher zu Einsteigern werden, denn in den Vereinen ist das Bild in der Tat teilweise schmuddelig. Auch wenn ich vermutlich einige böse Mails bekommen werde, müssen frische Klamotten, Deo, gepflegtes Auftreten und Genuss von Alkohol nur zur späten Stunde ungeschriebenes Gesetz im Verein werden.
Zusammenfassend also: Wir sind unseres Glückes Schmied, konstante Öffentlichkeitsarbeit, die bereits geleistet wird, zusammen mit einem gemeinsamen Bewusstsein für deren Wichtigkeit sind die beiden Eckpfeiler uns in der breiten Öffentlichkeit zu etablieren.

GM: Sie sind Geschäftsführer der Schachschule Hamburg. Sie haben jetzt Gelegenheit ein wenig Werbung für dieses Projekt zu machen :-)

JC: Die Schachschule Hamburg bietet Schachinteressierten jeden Alters und jeder Spielstärke vom Anfänger bis zum Bundesligaspieler «offline»-Trainingsmöglichkeiten (wie man das glaube ich neudeutsch nennt) an. Dabei versuchen wir uns nach den Bedürfnissen und Wünschen der jeweiligen Interessenten zu richten und haben unser Trainingsangebot entsprechend breit aufgestellt. Jeder der also irgendwie an Schach interessiert ist, ist bei uns genau richtig! :-)

GM: Professionelle Schachschulen mit kommerzieller Ausrichtung scheinen sich in Deutschland wachsender Beliebtheit zu erfreuen. Wie schätzen Sie auf lange Sicht den Markt für solche Projekte ein? Wie sehen Sie diese Schulen im Spannungsfeld der «klassischen» Ausbildungswege junger Schachspieler wie Schulschach-AGs, Schachvereine und ggf. das Training der Verbandskader  und schließlich den vielen neuen Spiel- und Trainingsansätzen im Internet?

JC: Die Schachschule Hamburg ist aus dem Hamburger Schachklub, dem größten Schachverein Deutschlands, entstanden und ein Teil dieses Schachklubs. Zwar verstehen wir uns als Unternehmen, müssen und wollen aber auch den Ideen eines gemeinnützigen Vereins wie dem Hamburger Schachklub genügen.
Der Markt für Schachschulen ist aus meiner Sicht sehr groß. Wir haben in Deutschland 90’000 eingetragene Schachspieler, davon alleine können Schachschulen nicht leben. Die Zahl derjenigen, die im Kindesalter oder wann auch immer die Grundregeln kennengelernt haben und grundsätzlich Interesse am Schachspiel bzw. -sport haben, ist ungleich größer. Wenn sich die «Schachszene» weiterhin diesen Umstand bewusst macht, ist der Markt noch lange nicht gesättigt. Übrigens eine Tendenz, die ich aus meiner selbstständigen Arbeit als Trainer untermauern kann. Allein in den vergangenen zwei Monaten musste ich sieben Anfragen von Schülern ablehnen, da ich keine Zeitkapazitäten mehr habe.
Für uns ist Schachschule und Schulschach kein Spannungsfeld, sondern die Grundlage für unsere Existenz. Unheimlich viele engagierte Trainer leisten an Schulen ehrenamtliche Arbeit, die die Basis dafür ist, dass Menschen wie ich und Institutionen wie die Schachschule wirtschaftlich arbeiten können. Ohne den Unterbau der dort geschaffen wird, kann es weiter in der Spitze bzw. für die Spitze keine Zukunft geben.
Auch das Internet ist, denke ich, förderlich für den Schachsport. Auf jeden Fall müssen wir uns nicht davor fürchten. Jene die ohnehin lieber in ihren eigen vier Wänden bleiben, haben das auch schon vor dem Aufkommen des Internets getan. Der Vorteil des Internets, aus Schachspieler-Sicht, ist, dass man schneller und unkomplizierter mit dem Schachsport in Berührung kommt. Unsere Aufgabe ist es, all jenen, die über das Internet zum Schachsport gekommen sind, Angebote zu unterbreiten, in den Verein zu kommen. Denn seien wir ehrlich: Bei einem Bierchen oder für Kinder und Jugendliche einer Cola in der realen Welt eine Partie Schach zu spielen, entspricht deutlich eher den menschlichen Bedürfnissen, als im eigenen Kämmerlein gegen anonyme Gegner zu spielen. Und auch wenn es einige nicht glauben, die meisten Schachspieler sind sogar extrem in Ordnung.

GM:  Sie bieten auch Anfänger-Kurse für Erwachsene und Kurse für Senioren an. Wie werden diese Angebote angenommen?

JC: Im Grundsatz sind wir mit dem Zuwachs an Interessenten zufrieden. Trotzdem muss man einen Unterschied machen zwischen Erwachsenen, die im Berufsleben stehen und Senioren. So laufen die Seniorenkurse, die wir wöchentlich beispielsweise von 10 bis 12 Uhr anbieten, hervorragend. Berufstätige nach der Arbeit noch von 19 bis 21 Uhr für ein Schachtraining zu begeistern ist, wenn auch nicht unmöglich, doch schwierig. Deshalb gehen wir hier einen zweiten Weg: Wir bieten sogenannte Kompaktkurse an, Kurse also, die an einem Samstag gehalten werden und weisen ausdrücklich darauf hin, dass diese Kurse sehr gut geeignet sind, damit man seinen Partner mitnimmt, um anschließend gut gerüstet zu sein bei einem abendlichen Glas Rotwein auf dem Balkon eine Partie Schach zu spielen. Es ist nicht unser Ziel, jeden zu einem Großmeister zu machen.
Dieses Angebot wollen wir ausbauen, mit Eltern/Kind-Kursen und Trainings, die nicht bei uns, sondern in den Schulen vor Ort stattfinden. Wir haben hier noch einen weiten Weg zu gehen, sind aber überzeugt, dass dies der Richtige ist.

GM: Zu Ihrem neuesten Buch, der «Kleinen Schachschule». Zunächst war ich etwas verwirrt, nach zwei Büchern unter dem Label «Große Schachschule» jetzt auf die «Kleine Schachschule» zu treffen. Können Sie uns Ihre bisherigen Buchprojekte vorstellen und einen Blick auf die nächsten Pläne werfen?

JC: Da muss ich etwas weiter ausholen, aber da ich bisher schon ellenlang geantwortet habe, mögen mir die Leser das verzeihen :-)
Mein erstes Buch schrieb ich im zarten Alter von 19 Jahren, zeitgleich zur Lernphase meines Abiturs. «Die Englische Eröffnung» war der Titel und behandelt eine Schacheröffnung, die ich seit ich denken kann, spiele. Im Anschluss folgte «Die große Schachschule» Damals hatte ich eine Schachschule in Lüneburg und ich habe große Teile des Lehrplans meiner Schachschule in dieses Buch integriert, es folgte ein weiteres Eröffnungsbuch «Die Tarrasch-Verteidigung», ein Buch das aus meiner Sicht für die «Eingeweihten» eine Menge interessante neue Ideen beinhaltet. Anschließend schrieb ich «Die große Schachschule: Aus den Fehlern der Großmeister lernen». Hier habe ich 25 Partien analysiert, an vielen war ich selber beteiligt, wo eine Seite, vertreten durch einen Profispieler, einen schweren Fehler begeht. Mein Versuch war es, und ich hoffe er ist mir gelungen, diesen Fehlern auf den Grund zu gehen und «en passant» weniger erfahrenen Schachfreunden einen Einblick in die Schachszene zu geben.
Zu guter Letzt also «Die kleine Schachschule», auf die ich ebenfalls sehr stolz bin. Einerseits ist sie inhaltlich aus meiner Sicht gut geworden, außerdem hat mal wieder der Verlag hervorragende Arbeit geleistet, was Layout etc. angeht.
Zukünftige Projekte… Mein Plan war eigentlich weniger zu arbeiten :-) Derzeit gibt es einige Angebote Bücher zu schreiben. Meine Idee ist allerdings, einfach eins zu schreiben, ohne dass jemand davon weiß und es dann einem Verlag anzudrehen. Ich habe immer noch die sehr romantische Vorstellung mich einmal in ein Haus auf einer fernen Insel einzuschließen, dort zwei Monate an einem Buch zu schreiben, ohne von außen gestört zu werden. Vielleicht kennen Sie ja einen Verlag mit einem Haus auf einer karibischen Insel? ;-)

GM: Die «Kleine Schachschule» ist vom Typ her sicher mit klassischen Schachlehrbüchern zu vergleichen. Schach-Einführungen für Anfänger gibt es seit mehr als 100 Jahren. Sie erklären elementar die Regeln und geben kurze Abrisse zu Taktik-Motiven, strategischen Prinzipien, zur Eröffnungstheorie und Endspiellehre. Welche neuen Ideen haben Sie für diesen Lehrbuch-Typ eingebracht?

JC: In der «Kleinen Schachschule» geht es darum, kurz und bündig Interessenten am Schach unser Spiel näher zu bringen und ohne großes Hin und Her die Grundlagen zu bieten, um einfach mal eine Partie Schach zu spielen.
Meine neue Idee in dem Buch ist, früher auf grundlegende Strategien in den 3 Phasen Eröffnung Mittelspiel, Endspiel einzugehen. Meine Erfahrung aus den vielen Trainings und Lehrgängen mit Anfängern ist, dass man die Leute durchaus fordern kann und das Interesse am Schach auch und vor allem in den Strategien begründet ist. ■

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Michael Ehn / Hugo Kastner: «Alles über Schach»

Posted in Buch-Rezension, Hugo Kastner, Michael Ehn, Rezensionen, Schach, Schach-Rezension, Thomas Binder by Walter Eigenmann on 3. November 2010

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Mythen und Kuriositäten rund ums Königliche Spiel

Thomas Binder

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Der Humboldt-Verlag hat sich in letzter Zeit verstärkt des königlichen Spiels angenommen. Mittlerweile ist dort eine kleine Schachbibliothek entstanden, die alle wesentlichen Bereiche von der Eröffnung bis zum Endspiel abdeckt. Nach «Legendäre Schachpartien» liegt nun mit «Alles über Schach – Mythen, Kuriositäten, Superlative» das zweite auf mosaikartige Information ausgerichtete Buch vor. Als Autoren lassen der bekannte Schachhistoriker und -journalist Michael Ehn sowie der Spiele-Experte Hugo Kastner höchste Ansprüche erwarten.

Das Genre, dem sie sich verschrieben haben, ist nicht neu. Zu allen Zeiten wurden Bücher geschrieben, die in unterhaltsamer Weise möglichst vielseitige Fakten aus der Geschichte des Schachspiels sammeln und sie mit besonders spektakulären Zügen würzen. Ein Blick nur in den eigenen Bücherschrank des Rezensenten fördert u.a. Werke von Krabbé («Schach-Besonderheiten»), Damsky («Chess records»), Fox / James («The complete chess addict»), Linder («Faszinierendes Schach») oder die schachhistorischen Werke von Edward Winter zu Tage. Der letzte größere Beitrag auf diesem Gebiet, Christian Hesses «Expeditionen in die Schachwelt», setzte in mancher Hinsicht neue Maßstäbe und wird von Ehn/Kastner in einer Rangliste der wichtigsten Schachbücher zu Recht ganz weit vorn eingeordnet. Die vorgenannten Titel umreißen etwa das Spektrum, das wir auch hier zu erwarten haben, setzen aber Schwerpunkte auf jeweils eigenem Gebiet. So ist Hesse in seinen Analysen deutlich tiefgründiger, Krabbé konzentriert sich auf wenige Einzelthemen, Winter betreibt eigenständige schachhistorische Forschung.

Spiele-Experte und Schach-Autor: Hugo Kastner

Ehn und Kastner lösen mit Leichtigkeit die Aufgabe, sich in dieser Vielfalt zu behaupten und legen ein Buch vor, das sich – auch bei sehr günstigem Preis-Leistungsverhältnis – als unterhaltsame und lehrreiche Lektüre für jeden Schachfreund empfehlen kann. Seine Stärke ist die Vielfalt der angesprochenen Themenkomplexe bei ansprechender Gestaltung. Naturgemäß findet man vieles wieder, was man aus ähnlichen Sammlungen bereits kennt. Aber selbst der versierte Leser wird neue Fakten, Informationen und vor allem Partien entdecken. Gegenüber anderen Werken dieser Art hebt sich «Alles über Schach» zudem mit einer ansehnlichen Reihe von Fotoseiten ab.
Wo immer es geht, führen die Autoren eine Art Rangliste ein, folgen darin wohl dem Zeitgeist der Fernseh-Ranking-Shows. Mein Geschmack ist diese Pseudo-Objektivität nicht, aber es stört auch nicht wirklich. Vielleicht macht ja ein Internet-Portal daraus sogar eine tragfähige Idee für Abstimmungen nach den «Best-Of»s der Schachgeschichte.

«Informatives und vielseitiges Lese-Buch»: Uralt-Matt-Beispiel aus «Alles über Schach»

Blicken wir kurz auf den Inhalt – nur so kann man wohl den vielseitigen Charakter des Buches erfassen. Es gliedert sich in sechs große Abschnitte mit jeweils zwei Schlagworten als Titel:
«Geschichte & Mythos» (ca. 65 Seiten): Kurze Abrisse zur Schachgeschichte von der unvermeidlichen Weizenkornlegende über Mittelalter und 20. Jahrhundert bis zum Computer-Zeitalter.
«Meister & Amateur» (ca. 100 Seiten): Es beginnt mit Statistiken und Superlativen, wie man sie in vielen derartigen Büchern findet und Seitenblicken auf schachspielende Politiker, Sportler und Künstler. Dann folgt «endlich» die erste Rangliste: Die 10 wichtigsten Schachspielerinnen der Geschichte. Weitere Listen folgen für die Top-Spieler, die niemals Weltmeister wurden (Philidor vor Morphy und Keres) sowie die Titelträger (Waren wirklich Euwe und Spassky die «schwächsten» Weltmeister?).
«Partie & Turnier» (ca. 60 Seiten): Neben einigen Rekorden und Superlativen der Turniergeschichte und zu Partien (a la «Schnellstes Patt» und «langlebigste Vierfachbauern») stehen nun die Ranglisten ganz im Mittelpunkt. Ehn und Kastner servieren – nach ihrer Einschätzung, aber weitgehend plausibel – die schönsten Einzelzüge aus praktischen Partien: Marshalls «Goldener Zug» landet auf Platz 4, Sie dürfen also gespannt sein, wer sich vor ihm platziert. Es folgen die zehn besten Kurzpartien, wobei mir die Grenze bei maximal 22 Zügen etwas hoch gegriffen erscheint, sowie 2×10 «Partien für die Ewigkeit». In dieser letzten Kategorie helfen sich die Autoren mit dem Kunstgriff einer zeitlichen Zweiteilung. Zunächst werden uns die Klassiker präsentiert, dann die Partien der letzten 60 Jahre. Mit Blick auf das Gesamtwerk hätte ich mir diesen Abschnitt etwas umfangreicher gewünscht.

«Vielseitige Kuriositäten»: Marathon-Beispiele aus «Alles über Schach»

«Kunst & Literatur» (ca. 55 Seiten): Hier geht es vor allem um Schach in Literatur und Film sowie um Schachhistoriker und -sammler. Neben einigen episodischen Artikeln sind auch hier Ranglisten präsent. Bemerkenswerterweise belegt sowohl bei den Schachbüchern wie bei den Schachfilmen der gleiche Stoff den ersten Platz. Welcher es ist, soll hier nicht verraten werden.
«Problem & Studie» (ca. 90 Seiten): Für meinen Geschmack ist dieser Bereich, der den meisten Lesern weniger vertraut sein wird, etwas überrepräsentiert. Gleich 11 Ranglisten gibt es zu verschiedenen Bereichen des Kunstschachs von Retro- über Märchenschach bis zu Problemen und Studien und ihren jeweiligen Protagonisten. Da verliert man schnell die Übersicht, zumal gerade diese Bereiche oft mehr Erläuterung gebraucht hätten. Eine Lösung von «Dawson’s Weihnachtsbaum» auf wenigen Zeilen dürfte jedenfalls beim Retro-unerfahrenen Leser mehr Fragen als Antworten hinterlassen. Dessen ungeachtet, hält auch dieser Abschnitt eine Reihe netter Entdeckungen bereit, die dem Rezensenten bisher entgangen waren.
«Rösselsprünge & Rochaden» (ca. 50 Seiten): Das letzte Kapitel vereint in kurzen Splittern vielfältige Kuriositäten aus der Geschichte des Schachs. Vergessene Namen und Fakten werden ans Licht gezogen. Vieles davon liest man gern. Wussten Sie zum Beispiel, dass man sich früher bei manchen Turnieren Bedenkzeit regelrecht «einkaufen» konnte oder dass es einen einzigen Schach-Weltmeister gab, zu dessen Hobbies das Kanufahren gehörte? Auf die Nachricht über einen – mir bislang unbekannten – Schachmeister, der nach seinem Tode ausgestopft und zur Schau gestellt wurde, hätte ich hingegen gerne verzichtet. Ganz zum Schluss folgt auch in diesem Kapitel eine Rangliste: Unter «10 Schach-Varianten» führt Fischer-Random vor Tandem- und Räuberschach. Das ist dann eine Spitzengruppe, der auch der praktizierende Jugendtrainer aus eigener Erfahrung zustimmen kann.

Mit «Alles über Schach» komplettiert der Humboldt-Verlag seine Schachreihe mit einem informativen und vielseitigen Lese-Buch. Die Autoren Ehn und Kastner ergänzen das bereits gut versorgte Genre mit einem Werk, das interessante eigene Schwerpunkte setzt.

464 Seiten ungetrübter Lesefreude liegen hinter uns. Einige wenige handwerkliche Fehler sind dem Rezensenten aufgefallen; sie lassen sich bei einer Neuauflage sicher beheben.
So wird dem jungen deutschen Fußballstar Özil, der leidenschaftlich gern Schach spielt, ein falscher Vorname beigegeben.
Beim Kommentar zu Kortschnoi–Karpow (5. WM-Partie 1978) zitiert der Autor zwar widersprüchliche Einschätzungen von Rauser und Tal, verzichtet aber auf die heute mögliche Objektivierung durch Tablebases.
Die schachlichen Analysen sind notwendigerweise durchweg recht kurz. Dennoch sollten oberflächliche Formulierungen (wie «… und matt im nächsten Zug», wenn doch tatsächlich noch verzögernde Verteidigungen möglich sind, die u.U. sogar zu einem anderen Mattbild führen) noch ausgebessert werden.
Schließlich wünscht sich der Rezensent noch ein Namens- bzw. Partieverzeichnis im Anhang und würde dafür auch gerne auf die nach Sternzeichen sortierte Geburtstagsliste verzichten. ■

Michael Ehn/Hugo Kastner: Alles über Schach, Humboldt Verlag Hannover, 464 Seiten, ISBN 978-3-86910-171-2

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Leseproben

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