Glarean Magazin

Das Zitat der Woche

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Vom Staat und seinen Bürgern

Heinrich von Treitschke

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Der Staat, der die Ahnen mit seinem Rechte schirmte, den die Väter mit ihrem Leibe verteidigten, den die Lebenden berufen sind auszubauen und höher entwickelten Kindern und Kindeskindern zu vererben, der also ein heiliges Band bildet zwischen vielen Geschlechtern, er ist eine selbständige Ordnung, die nach ihren eigenen Gesetzen lebt. Niemals können die Ansichten der Regierenden und der Regierten sich gänzlich decken; sie werden im freien und reifen Staate zwar zu demselben Ziele gelangen, aber auf weit verschiedenen Wegen.

Heinrich von Treitschke (1834-1896)

Der Bürger fordert vom Staate das höchstmögliche Maß persönlicher Freiheit, weil er sich selber ausleben, alle seine Kräfte entfalten will. Der Staat gewährt es, nicht weil er dem einzelnen Bürger gefällig sein will, sondern weil er sich selber, das Ganze, im Auge hat: er muß sich stützen auf seine Bürger, in der sittlichen Welt aber stützt nur was frei ist, was auch widerstehen kann. So bildet allerdings die Achtung, welche der Staat der Person und ihrer Freiheit erweist, den sichersten Maßstab seiner Kultur; aber er gewährt diese Achtung zunächst deshalb, weil die politische Freiheit, deren der Staat selber bedarf, unmöglich wird unter Bürgern, die nicht ihre eigensten Angelegenheiten ungehindert selbst besorgen. ▀

Aus Heinrich von Treitschke, Ausgewählte Schriften, Hirzel Verlag 1923

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Das Zitat der Woche

Posted in Amnesty International, Daniel Bolomey, Politik&Gesellschaft, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 19. September 2010

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Über den Nutzen der Solidarität

Daniel Bolomy

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Max Göldi und Rachid Hamdani sind endlich in Freiheit. Die Erleichterung war gross, sie wieder in Sicherheit zu wissen. Amnesty hat die beiden mit einer gross angelegten Solidaritätsaktion sowie mit gezielter Lobbyarbeit unterstützt.
Das Schicksal von Max Göldi und Rachid Hamdani hat uns deutlich vor Augen geführt, dass Freiheit und Gerechtigkeit in vielen Ländern der Welt noch in weiter Ferne sind. Es hat uns auch in Erinnerung gerufen: Max Göldi und Rachid Hamdani sind nicht allein. Was ihnen geschehen ist, erleben unzählige Menschen auf der ganzen Welt – ihr Schicksal bleibt jedoch vielen unbekannt. Oft werden sie verschleppt, gefoltert und ohne faire Verfahren festgehalten. Ihre Familien wissen oft wochen- oder jahrelang nicht, wohin sie gebracht worden sind und ob sie noch leben.

Daniel Bolomey in einem Interview mit dem Schweizer Fernsehen (Januar 2010)

Für viele dieser Menschen ist Amnesty International die letzte Hoffnung. Der öffentliche Druck, den unsere Aufklärungsarbeit und unsere Aktionen erzeugen, ist für sie enorm wichtig und oft lebensrettend.
Max Göldi und Rachid Hamdani haben Solidarität und Unterstützung aus der ganzen Welt erfahren. Unzählige andere sind noch immer unter schrecklichen Bedingungen in Haft. Ihnen und ihren Angehörigen gilt unser Einsatz. Wir bleiben dran. ■

Aus Daniel Bolomey, Generalsekretär von Amnesty International Schweiz, Spenden-Brief vom September 2010

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Das Zitat der Woche

Posted in Albert Camus, Essays & Aufsätze, Politik&Gesellschaft, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 24. November 2008

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Von der Verteidigung der Freiheit

Albert Camus

Man findet sich zu leicht mit dem Verhängnis ab. Man läßt sich zu leicht zu dem Glauben verleiten, daß im Grunde genommen nur das Blut die Geschichte vorwärtstreibt und daß der Stärkere dank der Schwäche des anderen fortschreitet. Vielleicht gibt es dieses Verhängnis. Aber es ist nicht die Aufgabe des Menschen, es hinzunehmen und sich seinen Gesetzen zu unterwerfen. Wenn die Menschen es in der Urzeit getan hätten, stünden wir heute noch in der Vorgeschichte. Die Aufgabe des gebildeten und gläubigen Menschen besteht auf jeden Fall nicht darin, den historischen Kämpfen auszuweichen, noch darin, dem Grausamen und Unmenschlichen an ihnen zu dienen. Sondern darin, ihren Platz zu behaupten, dem Menschen Hilfe zu bringen gegen das, was ihn unterdrückt, und seine Freiheit zu verteidigen gegenüber den Verhängnissen, die ihn rings umgeben.

albert-camus

Unter dieser Bedingung schreitet die Geschichte wahrhaft vorwärts, dann schafft sie Neues, ist sie mit einem Wort schöpferisch. In allem übrigen wiederholt sie sich wie ein blutiger Mund, der nur wütendes Gestammel speit. Wir sind heute am Gestammel, und doch öffnen sich unserem Jahrhundert die weitesten Perspektiven. Wir stehen noch beim Zweikampf mit dem Messer, oder doch beinahe, und die Welt bewegt sich mit der Geschwindigkeit unserer Überschallflugzeuge. Am gleichen Tag, da unsere Zeitungen den traurigen Bericht unserer Provinzstreitigkeiten drucken, verkünden sie die Schaffung des europäischen Atompools. Wenn Europa bloß mit sich selber eins wird, können morgen Fluten von Reichtümern den Kontinent bedecken und bis hierher überfließen, so daß unsere Probleme überholt sind und unser Haß hinfällig wird.

Aus Albert Camus, Verteidigung der Freiheit, Politische Essays (daraus: Burgfrieden in Algerien, Algier 1956), Rowohlt Verlag 1960