Glarean Magazin

Das Zitat der Woche

Posted in Gerhard Köpf, Literatur, Literaturwissenschaft, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 30. Mai 2010

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Von der Literaturwissenschaft und ihren Schriftstellern

Gerhard Köpf

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Als Schriftsteller brauche ich die Literaturwissenschaft nicht. Ziel der Wissenschaft ist nichts anderes als das Herleiten von Gesetzmäßigkeiten aus Vorhandenem. Diese Gesetzmäßigkeiten gelten weder noch taugen sie für den Schriftsteller. Er kann als Gesetz nur akzeptieren, was er mit jedem Werk neu erschaffen muß. Die Bemühungen der Literaturwissenschaft kümmern den Schriftsteller nicht. Sobald er aber beginnt, über Literatur zu schreiben, sitzt ihm sogleich die Literaturwissenschaft im Genick. Für sie ist mein Roman ein Objekt – nicht so für mich, den Schriftsteller, der ihn geschrieben hat. Mein Verhältnis zu ihm ändert sich. Ich setze mich zu ihm vor allem dann in ein anderes Verhältnis, sobald ich Raum schaffen muß für einen neuen Roman: Der Literaturwissenschaftler blickt nur auf das Resultat.
Mir ist dagegen die Prozessualität hinter dem nunc stans wichtig – und das Werkstattgespräch mit Kollegen, wenn wir uns gemeinsam Texte vorlesen, an denen wir arbeiten, die weder abgeschlossen noch publiziert sind. Der Weg ist das Ziel. »Mit seinen Erfindungen, für die es leider kein Patentamt gibt, begegnet der Schriftsteller den schallenden Ohrfeigen vollendeter Tatsachen. Vollendete Tatsachen sind eine Ungeheuerlichkeit für einen kreativen Menschen. So erfinden wir uns halt von Geschichte zu Geschichte durchs Leben, wir Gaukler.« (Hermann Burger, Hölderlin-Preisrede 1983)

Gerhard Köpf

Ich fürchte, es gibt nur sehr wenig Literaturwissenschaftler, die eine Ahnung haben von der Not des Schriftstellers beim Schreiben. Das Schreiben, das Erzählen, das Erfinden ist der primäre Akt. Literaturwissenschaft handelt stets von oder über, leitet Regeln und Gesetze aus Kunstwerken ab – und mögen diese noch so abstrakt sein: die Literaturwissenschaft nährt sich von der Literatur und von den Schriftstellern, was etliche Literaturwissenschaftler in ihrer Wissenschaftlichkeitshybris und Theorielüsternheit vergessen haben.
Hier soll nicht theoretisches Denken verteufelt, hier soll lediglich festgestellt werden, daß die Wissenschaft von der Literatur von Haus aus ein sekundäres Unterfangen darstellt und bestenfalls dienende Funktion beanspruchen darf. Sekundärliteratur wird Primärliteratur für Sekundärliteraten – womit ich wieder beim Autoritäts-Syndrom alles Sekundären bin, das Tyrannen zeugt oder Gläubige. Auf den schöpferischen Akt kommt es dem Schriftsteller an, nicht dem Literaturwissenschaftler. Mit den Worten Friedrich Dürrenmatts heißt dies: »Mit allem Nachdruck möchte ich bemerken, daß die Kunst, Theaterstücke zu schreiben, nicht unbedingt mit der Planung eines bestimmten Kindes anfängt, oder wie sich der Eunuch die Liebe denkt, sondern mit der Liebe, die der Eunuch nicht kann.« (Theater – Essays, Gedichte und Reden 1980) ■

Aus Gerhard Köpf, Zwitter im Korsett, in: Literatur und Lernen – Zur berufsmäßigen Aneignung von Literatur, Luchterhand Verlag 1985

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Das Zitat der Woche

Posted in Jorge Luis Borges, Literatur, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 24. Mai 2010

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Borges und ich

Jorge Luis Borges

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Dem anderen, Borges, passiert immer alles. Ich schlendere durch Buenos Aires und bleibe stehen, vielleicht schon unwillkürlich, um einen Bogengang und die Gittertür zu betrachten; von Borges erhalte ich Nachrichten durch die Post und lese seinen Namen in einem Professorenkolleg oder in einem biographischen Lexikon. Ich mag Sanduhren, Landkarten, die Typographie des 18. Jahrhunderts, Etymologien, das Aroma von Kaffee und Stevensons Prosa; der andere teilt zwar diese Vorlieben, aber in aufdringlicher Art, die sie zu Attributen eines Schauspielers macht.

Es wäre übertrieben zu behaupten, daß wir auf schlechtem Fuß miteinander stünden; ich lebe, ich lebe so vor mich hin, damit Borges seine Literatur ausspinnen kann, und diese Literatur rechtfertigt mich. Ich gebe ohne weiteres zu, daß ihm hie und da haltbare Seiten gelungen sind, aber diese Seiten können mich nicht retten, vielleicht weil das Gute schon niemandem mehr gehört, auch nicht dem anderen, sondern der Sprache oder der Tradition. Im übrigen ist es mein Los, mich zu verlieren, unwiderruflich, und nur irgendein Moment von mir wird in dem anderen überleben können.
Allmählich trete ich ihm alles ab, obwohl ich seine perverse Art des Verfälschens und Vergrößerns kenne. Spinoza meinte, daß alle Dinge in ihrem Sein beharren wollen; der Stein will ewig Stein sein und der Tiger Tiger. Ich muß in Borges bleiben, nicht in mir (falls ich überhaupt jemand bin), aber ich erkenne mich in seinen Büchern weniger wieder als in vielen anderen oder im beflissenen Gezupf einer Gitarre.
Vor Jahren wollte ich mich von ihm befreien und ging von den Mythologien der Vorstadt zu Spielen mit der Zeit und mit dem Unendlichen über, aber heute gehören diese Spiele Borges, und ich werde mir etwas anderes ausdenken müssen. So ist mein Leben eine Flucht, und alles geht mir verloren, und gehört dem Vergessen, oder dem anderen. ■

Aus Jorge Luis Borges, Borges und ich, in: Leben schreiben, Autobiographische Texte des 20. Jahrhunderts, Fischer Taschenbuch Verlag 2003

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Das Zitat der Woche

Posted in Franz Stadler, Germanistik, Kultur&Gesellschaft, Literatur, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 17. Mai 2010

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Von der Massenliteratur

Franz Stadler

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Ein Bucherfolg sei «das Zeichen eines geglückten soziologischen Experiments, der Beweis dafür, daß wieder einmal eine Mischung von Elementen gelungen ist, die dem Geschmack der anonymen Lesermassen entspricht»: so 1931 Siegfried Kracauer (1889 – 1966).
Der Leihbücherei-Roman, der Illustrierten-Roman, der Heftroman, das Serien-Taschenbuch: sie sind kalkulierte steadyseller, zu störungsfreiem Absatz – als Periodika – entschlossen: der Sensation bedürftige und doch nolens volens risikoscheue Industrieware. Die Moderation der Abmischungen «geglückter/mißglückter Experimente» gibt Auskunft – über Teilnehmer und Teilhaber des Literaturmarkts.

An der profitablen Massenliteratur läßt sich das Widerspiel von Freiheit und Marktmacht, von Promotion, Werbe-Umfeld-Anpassung, Kampf um Vertriebsspannen, «Prüfstellen»-Regulativen, Richtlinien von «Freiwilligen Selbstkontrollen» und Lektorats-Anweisungen studieren.
Sie wird für ein Publikum produziert, dem Bildungsforscher alle paar Jahre attestieren, daß ihm (bis zu) 30% als sekundäre (funktionelle) Analphabeten nur als Leser-Zombies angehören. Die Zahlen der «nicht buchreifen» Pflichtschul-Abgänger und der Nie-Buch-Leser (je über 50%) interpretieren einander. Die Leseforschung (in der BRD und im Österreich der siebziger Jahre) hat ein knappes Drittel der lesefähigen Bevölkerung als «bekennende» Leser von (Heft-) Serienliteratur ermittelt; etwa 55% der Lesefähigen lesen (gerne nur) «Unterhaltungsliteratur».

Doch eiliger Ineinssetzung von «Bildungs-Unterschicht» und «Trivialkultur» stehen entgegen: die soziale und Bildungs-Streuung der Heftleser wie die verbreitete Erscheinung des «manischen» Heftlesers einerseits; zum anderen der durch Studien über Werkbüchereien u.ä. erbrachte Nachweis des proletarischen Lesers mit breit gefächerten Lese-Weltorientierungs-Bedürfnissen. Wohl begründbar ist auch die «selektive more-and-more-rule» der Medienforscher: die vom Einzelnen präferierten Lektüre-Muster werden auch in seiner sonstigen Mediennutzung bevorzugt. ■

Aus Franz Stadler, Massenliteratur, in: Deutsche Literatur zwischen 1945 und 1995, Haupt Verlag 1997

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Das Zitat der Woche

Posted in Literatur by Walter Eigenmann on 9. Mai 2010

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Über die Bestimmung des Gelehrten

Johann Gottlieb Fichte

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Der Gelehrte ist ganz vorzüglich für die Gesellschaft bestimmt: er ist, insofern er Gelehrter ist, mehr als irgendein Stand, ganz eigentlich nur durch die Gesellschaft und für die Gesellschaft da; er hat demnach ganz besonders die Pflicht, die gesellschaftlichen Talente, Empfänglichkeit und Mitteilungsfertigkeit, vorzüglich und in dem höchstmöglichen Grade in sich auszubilden…
Seine für die Gesellschaft erworbene Kenntnis soll er nun wirklich zum Nutzen der Gesellschaft anwenden: er soll die Menschen zum Gefühl ihrer wahren Bedürfnisse bringen und sie mit den Mitteln ihrer Befriedigung bekannt machen. Das heißt nun aber nicht, er soll sich mit ihnen in die tiefen Untersuchungen einlassen, die er selbst unternehmen mußte, um etwas Gewisses und Sicheres zu finden. Dann ginge er darauf aus, alle Menschen zu so großen Gelehrten zu machen, als er etwa selbst sein mag; und das ist unmöglich und zweckwidrig. Das übrige muß auch getan werden; und dazu sind andere Stände; und wenn diese ihre Zeit gelehrten Untersuchungen widmen sollten, so würden auch die Gelehrten bald aufhören müssen, Gelehrte zu sein. Wie kann und soll er denn aber seine Kenntnisse verbreiten? Die Gesellschaft könnte ohne Zutrauen auf die Redlichkeit und Geschicklichkeit anderer nicht bestehen, und dieses Zutrauen ist demnach tief in unser Herz geprägt; und wir haben es durch eine besondere Wohltat der Natur nie in einem höhern Grade als da, wo wir der Redlichkeit und Geschicklichkeit des andern am dringendsten bedürfen. Er darf auf dieses Vertrauen zu seiner Redlichkeit und Geschicklichkeit rechnen, wenn er es sich erworben hat, wie er soll. -

Johann Gottlieb Fichte (1762-1814)

Ferner ist in allen Menschen ein Gefühl des Wahren, welches freilich allein nicht hinreicht, sondern entwickelt, geprüft, geläutert werden muß; und das eben ist die Aufgabe des Gelehrten. Es würde dem Ungelehrten nicht hinreichen, um ihn auf alle Wahrheiten zu führen, deren er bedürfte; aber wenn es nur sonst – und das geschieht oft gerade durch Leute, die sich zu den Gelehrten zählen – wenn es nur sonst nicht etwa künstlich verfälscht worden ist, wird es immer hinreichen, daß er die Wahrheit, wenn ein anderer ihn darauf hinführt, auch ohne tiefe Gründe für Wahrheit anerkenne. -Auf dieses Wahrheitsgefühl darf der Gelehrte gleichfalls rechnen. – Also der Gelehrte ist, insoweit wir den Begriff desselben bis jetzt entwickelt haben, seiner Bestimmung nach der Lehrer des Menschengeschlechts.
Aber er hat die Menschen nicht nur im allgemeinen mit ihren Bedürfnissen und den Mitteln, dieselben zu befriedigen, bekannt zu machen: er hat sie insbesondere zu jeder Zeit und an jedem Orte auf die eben jetzt, unter diesen bestimmten Umständen eintretenden Bedürfnisse und auf die bestimmten Mittel, die jetzt aufgegebenen Zwecke zu erreichen, zu leiten. Er sieht nicht bloß das Gegenwärtige, er sieht auch das Künftige; er sieht nicht bloß den jetzigen Standpunkt, er sieht auch, wohin das Menschengeschlecht nunmehr schreiten muß, wenn es auf dem Wege zu seinem letzten Ziele bleiben und nicht von demselben abirren oder auf ihm zurückgehen soll. Er kann nicht verlangen, es auf einmal bis zu dem Punkte fortzureißen, der etwa ihm in die Augen strahlt; es kann seinen Weg nicht überspringen: er hat nur zu sorgen, daß es nicht stille stehe und daß es nicht zurückgehe. In dieser Rücksicht ist der Gelehrte der Erzieher der Menschheit.

Aus Johann Gottlieb Fichte, Über die Bestimmung des Gelehrten, Vorlesungen, Jena 1794

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Das Zitat der Woche

Posted in Nicolai Hartmann, Philosophie, Wissenschaft, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 2. Mai 2010

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Vom inneren Gesetz der Wissenschaft

Nicolai Hartmann

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Wissenschaft ist zu keiner Zeit ein feststehender Besitz, so sehr auch es dem in seiner Zeitlage Wurzelnden so erscheinen mag; sie ist stets im Werden, ist im Ganzen gesehen ein einziger großer Prozeß. Der Prozeß aber ist, wo immer er lebendig im Gange und nicht etwa bloßes Zehren von fremder Errungenschaft ist, notwendig ein Adäquationsprozeß, Annäherung an die Wahrheit. Das trifft auch dort noch zu, wo einseitige Richtungen sich zuspitzen. Der Halt an der Sache läßt es nicht anders zu; was unwahr ist, kann mit Gegebenem nicht zur Deckung gebracht werden, kann also dem fortschreitenden Problemstande nicht genügen.
Die Irrtümer in diesem Prozeß sind also nicht nur lehrreich, sie sind vielmehr ebenso positiv bewegende Momente wie die Einsichten; und zwar auf die Dauer stets solche, die sich auf die Wahrheit zu bewegen. Sie gerade zwingen zum tieferen Eindringen, ihre eigene Unhaltbarkeit drängt zur Berichtigung hin. In der Wissenschaft sind Irrtümer die Erfahrungen, die der objektive Geist an sich selber macht. Und seine Erfahrungen kommen ihm zugute.

Nicolai Hartmann (1882-1950)

So ist es schon im Leben des Individuums. Die Erkenntnis wächst im Maße der begangenen Irrtümer und ihrer Berichtigungen. Der Mensch zahlt Lehrgeld, indem er fortschreitet. So ist es erst recht beim Erkenntnisprozeß im Großen, der als geschichtlicher den individuellen überlagert und in seine Bewegung einbettet. Und beide hängen zusammen: wie die jeweilige Errungenschaft des Wissens das Erkennen des Individuums trägt und bewegt, so bewegt dieses wiederum den Bestand des Wissens durch seine jeweilige Errungenschaft fort.
Die Bewegung des objektiven Geistes unterliegt somit in der Wissenschaft einem eigenen Gesetz, wie es auf keinem anderen Gebiet sein Analogon hat: sie mag im einzelnen von Irrtum zu Irrtum führen, sie führt dennoch in der Gesamtresultante unentwegt der Wahrheit zu – und zwar unabhängig davon, ob sie in bestimmter Frage zur Wahrheit gelangt oder nicht. ■

Aus Nicolai Hartmann, Das Problem des geistigen Seins, Walter de Gruyter Verlag, Berlin 1949

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Das Zitat der Woche

Posted in Klaus Mollenhauer, Kultur&Gesellschaft, Pädagogik, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 25. April 2010

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Über die schlechten Schüler

Klaus Mollenhauer

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Bis vor wenigen Jahren noch ist man in der deutschen Pädagogik der Meinung gewesen, daß eine Bildungstheorie möglich sei, die sich auf die allgemeine Bildung für alle beziehen könne und die nicht nur prinzipiell denkbar sei, sondern der Realität unserer Schulen entspreche. Ungleichmäßigkeiten im Begabungsniveau und in der Lernfähigkeit wurden als individuelle Faktoren interpretiert, denen indessen mit geeigneten unterrichtsmethodischen Praktiken beizukommen sei. Disfunktionen wurden auf den Begriff des »schlechten Schülers« gebracht, wobei man gerne zugab, daß die schwachen schulischen Leistungen ihre Ursache auch in sozialen Faktoren haben könnten, etwa in ungünstigen Familienverhältnissen, die dann ebenfalls in der Rolle disfunktionaler Störfaktoren erschienen.« Das heißt, das Bildungssystem im Ganzen wurde als funktionales Bezugssystem akzeptiert; die Entdeckung von Disfunktionen veranlaßte – des vorausgesetzten theoretischen Modells wegen – nicht dazu, das System in Frage zu stellen, es sei denn in der Form innerer Verbesserungen.

Nach neueren Untersuchungen nun werden die dort gemachten Voraussetzungen problematisch. Die beobachteten Disfunktionen lassen sich nämlich als Merkmale kollektiven Bildungsschicksals interpretieren. So hat sich z.B. bei Untersuchungen des kindlichen Sprachniveaus gezeigt, daß es schichtenspezifische Sprachformen gibt, die die schulische Leistungsfähigkeit, also auch das, was wir mit dem Ausdruck »Begabung« sinnvoll bezeichnen können, sehr weitgehend bedingen. Andererseits ist kein Zweifel daran, daß unsere Höhere Schule eine Sprachschule insofern ist, als sie ihre Aufgabe vorwiegend in den sprachlichen Fächern betreibt. Konsequenterweise scheitern die meisten Unterschichten-Kinder in eben diesen Fächern. Die Sprachform, deren sich die Lehrerschaft bedient, ist nämlich durchweg die der Mittelschicht.
Natürlich kann man auch diese Phänomene disfunktional nennen, müßte das aber in einem anderen Sinne tun, denn diese Phänomene sind nicht eigentlich störende Abweichungen, sondern resultieren aus dem sozialen System selbst. Betrachten wir nämlich die Schule als eine Stätte, an der sich der gegenwärtige Schichtenaufbau zu reproduzieren hätte, wären diese Phänomene funktional zu nennen. Mit anderen Worten: Sie indizieren eine durch soziale Ungleichheit bestimmte Konfliktsituation, die für unsere Gesellschaft strukturell ist. ■

Aus Klaus Mollenhauer, Disfunktionale Momente der Erziehungswirklichkeit, in: Erziehung und Emanzipation, Juventa Verlag 1968

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Das Zitat der Woche

Posted in Gesellschaft, Gottfried Benn, Kultur&Gesellschaft, Philosophie, Psychologie, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 19. April 2010

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Vom Nihilismus

Gottfried Benn

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Der Mensch ist gut, sein Wesen rational, und alle seine Leiden sind hygienisch und sozial bekämpfbar, dies einerseits, und andererseits die Schöpfung sei der Wissenschaft zugänglich, aus diesen beiden Ideen kam die Auflösung aller alten Bindungen, die Zerstörung der Substanz, die Nivellierung aller Werte, aus ihnen die innere Lage, die jene Atmosphäre schuf, in der wir alle lebten, von der wir alle bis zur Bitterkeit und bis zur Neige tranken: Nihilismus.
Dieser Begriff gewann in Deutschland Gestalt im Jahre 1885/86, als das Werk >Der Wille zur Macht< teils konzipiert, teils geschrieben wurde, dessen erstes Buch ja den Untertitel führt: >Der europäische Nihilismus<. Aber dieses Buch enthält schon eine Kritik dieses Begriffes und Entwürfe zu seiner Überwindung.
Wollen wir ihn noch weiter zurück verfolgen, wollen wir feststellen, wo und wann dieser schicksalhafte Begriff zum ersten Male in der europäischen Geistesgeschichte als Wort und seelisches Erlebnis auftritt, müssen wir uns, bekanntlich, nach Rußland wenden. Seine Geburtsstunde war der März 1862, der Monat, in dem der Roman >Väter und Söhne< von Iwan Turgenjew erschien. Weiter können auch russische Geschichtsforscher diesen Begriff nicht zurück verfolgen. Aber der Held dieses Romans, namens Basaroff, das ist schon der fertige Nihilist, und Turgenjew stellt ihn mit diesem Namen vor. Dieser Name wurde dann ungeheuer schnell populär, der Autor erzählt in einem Nachwort zu seinem Roman, wie er schon nach wenigen Monaten in aller Munde war, als er im Mai desselben Jahres nach Petersburg zurückkehrte, es war die Zeit der großen Brandstiftungen, des Brandes des Apraxinhofes, rief man ihm zu: »Da sehen Sie Ihre Nihilisten, sie stecken Petersburg in Brand.«

Gottfried Benn (1886-1956)

Für unser Thema äußerst interessant ist nun, daß der Nihilismus dieses Basaroff eigentlich gar kein Nihilismus in absoluter Form war, kein Negativismus schlechthin, sondern ein fanatischer Fortschrittsglaube, ein radikaler Positivismus in Bezug auf Naturwissenschaft und Soziologie. Er ist zum erstenmal in der europäischen Literatur der siegesgewisse Mechanist, der schneidige Materialist, dessen etwas fragwürdige Enkel wir ja heute noch lebhaft tätig unter uns sehen – hören wir, welche vertrauten Klänge aus den sechziger Jahren zu uns herüberklingen: Ein tüchtiger Chemiker, hören wir, ist zwanzigmal wertvoller als der beste Poet. Ein Stück Käse ist mir lieber als der ganze Puschkin. Halten Sie nichts von der Kunst? Doch, von der Kunst, Geld zu machen und Hämorrhoiden zu kurieren! Jeder Schuhmacher ist ein größerer Mann als Goethe und Shakespeare. George Sand ist eine zurückgebliebene Frau, sie verstand nichts von Embryologie.
Und neben diesen Wahrheiten tritt das Kaschemmenmilieu in Leben und Kunst als letzter Schrei auf, hier und damals entstand also der Stil, den wir bis in gewisse moderne Opern und Opernbearbeitungen verfolgen können: der Kult des Athleten, der Hymnus auf den Normalmenschen, die kindische Gesellschaftskritik: die Gerichte sollen abgeschafft werden, die Erziehung soll abgeschafft werden, die alten Sprachen als ungenial verboten werden, dafür hat man es mit den Trieben: dreckig soll der Mensch sein, die Frauen soll man tauschen und von anderen erhalten lassen, trinken soll man, denn Trinken ist billiger als Essen, und außerdem stinkt man danach, ja, selbst den Dadaismus, dessen Auftreten in Zürich und Berlin unsere Gegenwart kürzlich so interessant fand, finden wir in einem Roman der sechziger Jahre, dem Roman >Was tun< von Tschernischewsky, schon vor: Kunst heißt, lesen wir dort, zwei Klaviere in einen Salon rücken, an jedes eine Dame setzen, um jedes soll sich ein Halbchor bilden, und jeder Beteiligte singt oder spielt dann gleichzeitig recht laut ein anderes Lied vor sich hin. Dies wurde als die Melodie der Revolution und die Orgie der Freiheit bezeichnet. Wir sehen also, die geistigen Auswirkungen des geschichtsphilosophischen Materialismus beginnen in den sechziger Jahren, sind also mindetens achtzig Jahre alt, also eigentlich sind sie das Alte und das Reaktionäre. Eigentlich, und damit stoßen wir in die Zukunft vor, ist heute aller Materialismus reaktionär, sowohl der der Geschichtsphilosophie wie der in der Gesinnung: nämlich rückwärts blickend, rückwärts handelnd, denn vor uns liegt ja schon ein ganz anderer Mensch und ein ganz anderes Ziel.

Aus Gottfried Benn, Nach dem Nihilismus (Essay 1931)

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Links. Gottfried Benn

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Das Zitat der Woche

Posted in Emerich Coreth, Philosophie, Religion, Theologie, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 29. März 2010

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Vom Christsein in problematischer Welt

Emerich Coreth

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Von größter Bedeutung ist, daß die Christen in unserer Zeit ihre Sendung und Verantwortung gegenüber den brennenden Problemen der heutigen Welt erkennen und in Angriff nehmen. Auf die Probleme des materiellen Fortschritts in der technisch-industrialisierten Welt, auf den erschreckenden Sinnverlust in dieser modernen Gesellschaft wurde schon hingewiesen, und darauf, daß der christliche Glaube hier gültige Antwort zu geben hat.

Aber es geht nicht nur um transzendente Sinngebung, sondern auch um die weltimmanenten Probleme selbst, das ungeheuere soziale Problem der heutigen Menschheit, das Gefälle zwischen arm und reich, die grauenhafte Not und das Elend, in dem Hunderte Millionen von Menschen in unterentwickelten Ländern leben – und täglich an Hunger sterben – gegenüber dem Wohlstand der Industrienationen. Die Kirche hat sich aus dem Geist Christi auf die Seite der Armen, der Unterdrückten, der Benachteiligten zu stellen, und sie tut es in zunehmendem Maße. Sicher hat das Evangelium nicht für alle konkreten sozialen und wirtschaftlichen Fragen fertige Patentlösungen anzubieten. Wohl aber kann ein Christentum, das die Botschaft Jesu ernst nimmt, nicht nur ewiges Heil schenken, sondern auch – in einer heillosen Welt – irdisches Heil zu vermitteln helfen: aus dem Geist christlicher Liebe, durch den Einsatz für Friede und Gerechtigkeit, das Sein-für-andere, wie es Christus gelebt und gelehrt hat.
Zwar ist es nicht richtig, das Christsein auf die horizontale Ebene zu reduzieren und darüber die vertikale Dimension zu vergessen oder zu verschweigen, aber ebenso unrichtig und einseitig wäre es, Christsein nur in der vertikalen ohne die horizontale Dimension verwirklichen zu wollen. Beides gehört zusammen: Liebe zu Gott und zu den Menschen, Religion und Einsatz für den Mitmenschen. Christliche Liebe ist aber mehr als bloße »Mitmenschlichkeit«, weil sie im Glauben an Gott gründet, den Gott aller Menschen, der das Heil aller will und in seiner Liebe alle umfängt. Nur aus Gott, der uns – uns alle – zuvor geliebt hat, kann echte, selbstlos dienende und helfende Liebe zu den Menschen Mut und Kraft, Geduld und Zuversicht schöpfen.
Solche Überlegungen zur Weltsendung des christlichen Glaubens in unserer Zeit gehören mit hinein in mein Verständnis des Christseins. Diese Aspekte und Dimensionen der christlichen Botschaft sind die Entfaltung des einen Notwendigen, die folgerichtige Ausstrahlung und Auswirkung des einzig Zentralen. So bleibt schließlich meine Antwort auf die Frage, warum ich Christ bin, auf die Mitte bezogen, aus der das Ganze lebt. Die Antwort heißt ganz einfach: weil ich glaube.

Aus Emerich Coreth, Christsein aus Herkunft und Berufung, in: W.Jens (Hrsg.), Warum ich Christ bin, Kindler Verlag 1979

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Das Zitat der Woche

Posted in Eugen Kogon, Geschichte, Nazi-Deutschland, Politik&Gesellschaft, SS, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 20. März 2010

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Vom menschlich Bösen

Eugen Kogon

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Im KL Buchenwald hatte die SS eine eigene Liquidationsanstalt neben der Reithalle, außerhalb des Stacheldrahtbereiches. Dort wurde nur erschossen. Für das Kommando bestand bei der Kommandantur das Stichwort »99«. Die Scharführer wurden ihm, soweit sie sich nicht freiwillig gemeldet hatten, abwechselnd zugeteilt.
Wenn die ahnungslosen Opfer, fast durchweg russische Kriegsgefangene, in den Stall kamen, hielt der leitende SS-Offizier des Mordkommandos eine kurze Ansprache, die übersetzt wurde: »Sie sind in einem Sammellager. Um die Ansteckungsgefahr zu vermeiden, müssen Sie vorher untersucht, desinfiziert und gebadet werden. Beim Ausziehen zuerst den Rock, dann die Hose hinlegen, die Schuhe daneben stellen, die Erkennungsmarke in die Schuhe legen, damit es keine Verwechslungen gibt.« Die Scharführer gingen in weißen Mänteln umher, um Ärzte vorzutäuschen. Dann hieß es: »Die ersten sechs Mann zum Baden!« Ein Lautsprecher wurde auf volle Stärke eingeschaltet, der Grammophonmusik brachte, während durch einen anderen Namen und Nummern laut gerufen wurden.

Eugen Kogon (1903-1987)

Zur selben Zeit spielte sich in den nächsten Räumen die blutige Tragödie ab. Die zum >Baden< bestimmten Opfer gingen in einen kleinen Raum, der schalldichte Wände und Türen hatte; er war als Baderaum ausgestattet, mit Fliesen am Boden und an den Wänden und acht Duschen. In der Tür befand sich ein 30 Zentimeter breiter und drei Zentimeter hoher Schlitz. Ein SS-Mann schloß die Tür fest zu und schoß die auf das Bad Wartenden mit einer automatischen Pistole zusammen.
Lagen alle am Boden, oftmals nicht tödlich getroffen, so wurden sie auf ein Lastauto geworfen, das mit Zinkblech ausgeschlagen war. Die Duschen wurden aufgedreht, das Blut weggespült – die nächsten konnten antreten! Auf diese Weise wurden an manchen Tagen von neun Uhr abends bis fünf Uhr morgens 500 Mann >gebadet<.
Anfangs bediente sich die SS einer Maschine (die aber wieder abgeschafft wurde, weil sie nicht rasch genug arbeitete): Auf einem Holzpodium war eine Latte zum Messen der Körperlänge angebracht mit einm Schlagbolzen in der Höhe des Genicks. Wenn sich der ahnungslose Delinquent auf das Podium stellte, schnellte der Bolzen heraus und zertrümmerte Genick oder Hirnschale. Die Maschine tötete nicht immer, die Halbtoten wurden trotzdem auf den Leichenwagen zum Krematorium gefahren. Dort erhielten sie den Gnadenschlag mit einer großen Eichenkeule.
Der Krematoriumsgehilfe Zbigniew Fuks hat erlebt, dass ein russischer Kriegsgefangener, der mit einer Fuhre Leichen eingebracht worden war, ihn noch ansprach: «Kamerad, gib mir die Hand!» Er war wie alle Erschossenen nackt und blutig und hatte auf einem Haufen nackter Leichen gelegen. Er wurde von dem hinzuspringenden SS-Oberscharführer Warnstedt, dem Leiter des Krematoriums Buchenwald, mit einem Revolverschuss getötet. [...]
Sämtliche SS-Angehörige des «Kommandos 99» haben das Kriegsverdienstkreuz erhalten. ■

Aus Eugen Kogon, Kommando 99 – Pferdestall, in: Der SS-Staat – Das System der deutschen Konzentrationslager, Kindler Verlag 1974

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Das Zitat der Woche

Posted in Alexis Tocqueville, Philosophie, Politik&Gesellschaft, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 5. Oktober 2009

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Über die Entwicklung zur Demokratie

Alexis de Tocqueville

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Seit die Bürger anfingen, den Grund und Boden nicht mehr als Lehen zu besitzen, und seit der mittlerweile aufgekommene Reichtum an beweglichen Gütern Einfluß und Macht verlieh, gibt es keine Entwicklungen auf dem Gebiet der Künste, keine Vervollkommnungen in Handel und Gewerbe, die nicht neue Bausteine zur Gleichheit unter den Menschen geliefert hätten. Von diesem Augenblick an sind alle Entwicklungen, alle neuen Bedürfnisse, alle Wünsche, die sich befriedigen wollen, nur Schritte auf dem Wege zur allgemeinen Nivellierung. Die Neigung zum Luxus, die Liebe zum Krieg, die Herrschaft der Mode, die künstlichsten wie die tiefsten Leidenschaften des menschlichen Herzens scheinen miteinander darauf hin zu arbeiten, die Reichen arm und die Armen reich zu machen.

Alexis de Tocqueville

Alexis de Tocqueville (1805-1859)

Seit die geistige Arbeit zu einer Quelle des Reichtums und der Macht wurde, muß man jede Entwicklung der Wissenschaft, jede neue Erkenntnis, jede neue Vorstellung als einen Keim der dem Volk zubereiteten Macht betrachten. Dichtkunst, Beredsamkeit, Witz, Einbildungskraft, Gedankentiefe, alle die Gaben, die der Himmel nach Belieben austeilt, förderten die Demokratie, und selbst wenn sie sich im Besitze der Gegner der Demokratie befanden, dienten sie doch ihrer Sache, indem sie Zeugnis gaben von der natürlichen Größe des Menschen; alle Errungenschaften der Demokratie breiteten sich mit denen der Zivilisation und der Bildung aus, und die Literatur wurde zu einem jedermann offenen Arsenal, aus dem sich die Schwachen und die Armen täglich bewaffneten.
Durchläuft man die Seiten unserer Geschichte, so findet man in den letzten siebenhundert Jahren keine bedeutenden Ereignisse, die nicht die Entwicklung der Gleichheit gefördert hätten. ■

Aus Alexis de Tocqueville, Demokratie in Amerika, Paris 1840

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Das Zitat der Woche

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Über das «Genie» Adolf Hitler

Thomas Mann

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Ich frage mich, ob die abergläubischen Vorstellungen, die sonst den Begriff des <Genie> umgaben, noch stark genug sind, dass sie uns hindern sollten, unsern Freund ein Genie zu nennen. Warum denn nicht, wenn’s ihm Freude macht? Der geistige Mensch ist beinahe ebensosehr auf Wahrheiten aus, die ihm wehe tun, wie die Esel nach Wahrheiten lechzen, die ihnen schmeicheln. Wenn Verrücktheit zusammen mit Besonnenheit Genie ist (und das ist eine Definition!), so ist der Mann ein Genie: Um so freimütiger versteht man sich zu dem Anerkenntnis, weil Genie eine Kategorie, aber keine Klasse, keinen Rang bezeichnet, weil es sich auf den allerverschiedensten geistigen und menschlichen Rangstufen manifestiert, aber auch auf den tiefsten noch Merkmale aufweist und Wirkungen zeitigt, welche die allgemeine Bezeichnung rechtfertigen.

Thomas Mann

Thomas Mann (1875-1955)

Ich will es dahingestellt sein lassen, ob die Geschichte der Menschheit einen ähnlichen Fall von moralischem und geistigem Tiefstand, verbunden mit dem Magnetismus, den man <Genie> nennt, schon gesehen hat wie den, dessen betroffene Zeugen wir sind. Auf jeden Fall bin ich dagegen, dass man sich durch ein solches Vorkommnis das Genie überhaupt, das Phänomen des großen Mannes verleiden lässt, das zwar vorwiegend immer ein ästhetisches Phänomen, nur selten auch ein moralisches war, aber, indem es die Grenzen der Menschheit zu überschreiten schien, die Menschheit einen Schauder lehrte, der trotz allem, was sie von ihm auszustehen hatte, ein Schauder des Glückes war. Man soll die Unterschiede wahren – sie sind unermesslich. Ich finde es ärgerlich, heute rufen zu hören: «Wir wissen es nun, Napoleon war auch nur ein Kaffer!» Das heißt wahrhaftig, das Kind mit dem Bade ausschütten. Es ist als absurd abzulehnen, dass man sie in einem Atem nennt: den großen Krieger zusammen mit dem großen Feigling und Erpressungspazifisten, dessen Rolle am ersten Tage eines wirklichen Krieges ausgespielt wäre; das Wesen, das Hegel den «Weltgeist zu Pferde» nannte, das alles beherrschende Riesengehirn, die ungeheuerste Arbeitskapazität, die Verkörperung der Revolution, den tyrannischen Freiheitsbringer, dessen Gestalt der Menschheit als Erzbild mittelmeerländischer Klassik für immer ins Gedächtnis geprägt ist – zusammen mit dem tristen Faulpelz, tatsächlichen Nichtskönner und <Träumer> fünften Ranges, dem blöden Hasser der sozialen Revolution, dem duckmäuserischen Sadisten und ehrlosen Rachsüchtigen mit <Gemüt>…
Ich sprach von europäischer Verhunzung: Und wirklich, unserer Zeit gelang es, so vieles zu verhunzen: Das Nationale, den Sozialismus – den Mythos, die Lebensphilosophie, das Irrationale, den Glauben, die Jugend, die Revolution und was nicht noch alles. Nun denn, sie brachte uns auch die Verhunzung des großen Mannes. Wir müssen uns mit dem historischen Lose abfinden, das Genie auf dieser Stufe seiner Offenbarungsmöglichkeit zu erleben.
Aber die Solidarität, das Wiedererkennen sind Ausdruck einer Selbstverachtung der Kunst, welche denn doch zuletzt nicht ganz beim Worte genommen sein möchte. Ich glaube gern, ja ich bin dessen sicher, dass eine Zukunft im Kommen ist, die geistig unkontrollierte Kunst, Kunst als schwarze Magie und hirnlos unverantwortliche Instinktgeburt ebensosehr verachten wird, wie menschlich schwache Zeiten, gleich der unsrigen, in Bewunderung davor ersterben. Kunst ist freilich nicht nur Licht und Geist, aber sie ist auch nicht nur Dunkelgebräu und blinde Ausgeburt der tellurischen Unterwelt, nicht nur <Leben>. Deutlicher und glücklicher als bisher wird Künstlertum sich in Zukunft als einen helleren Zauber erkennen und manifestieren: als ein beflügelt-hermetisch-mondverwandtes Mittlertum zwischen Geist und Leben. Aber Mittlertum selbst ist Geist.

Aus Thomas Mann, Bruder Hitler, Paris 1939

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Das Zitat der Woche

Posted in Philosophie, Seneca, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 4. August 2009

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Über das glückliche Leben

Seneca

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Wo es sich um Fragen der Menschheit handelt, sind wir nicht in der glücklichen Lage, sagen zu können, dass der Mehrzahl das Bessere gefalle: der Standpunkt der großen Masse lässt gerade den Schluss auf das Schlimmste zu. Wir müssen also fragen, was zu tun das Beste, nicht was das Gebräuchlichste ist, und was uns den Besitz ununterbrochenen dauernden Glücks sichert, nicht was dem großen Haufen, diesem verwerflichsten Ausleger der Wahrheit, genehm ist.
Zur großen Masse rechne ich aber ebensogut gekrönte Häupter wie Menschen im Kittel. Denn ich blicke nicht auf die Farbenpracht der Kleider, die dem Körper ein stattliches Aussehen verleihen; ich traue nicht den Augen, wo es sich um den Menschen handelt; ich habe eine bessere und zuverlässigere Leuchte, um Wahres und Falsches zu unterscheiden: es ist des Geistes Wert, den der Geist auffinden soll. Ist er – der Geist – einmal dazu gekommen, ruhig aufzuatmen und Einkehr in sich zu halten, wie wird er sich dann unter dem selbstbereiteten Druck der Folterqualen die Wahrheit gestehen! «Alles», wird er sagen, «was ich bisher getan, o möchte es doch ungetan sein; überschlage ich im Geiste alles, was ich gesagt habe, so beneide ich die Stummen; alles, was ich mir gewünscht habe, erscheint mir wie ein Fluch aus dem Munde der Feinde; alles, was ich gefürchtet habe, gute Götter, wieviel geringer war das anzuschlagen als das, was ich mit heißem Verlangen mir vergebens herbeiwünschte! Mit vielen habe ich in Feindschaft gestanden und habe mich, dem Hasse entsagend, wieder mit ihnen versöhnt, sofern überhaupt unter Übeltätern von Versöhnung die Rede sein kann: meine Feindschaft mit mir selbst steht noch auf schwachen Füßen. Ich habe mir redlich Mühe gegeben, mich aus der großen Menge herauszuheben und durch irgendwelchen Geistesvorzug die Augen auf mich zu lenken. Und der Erfolg? Er war kein anderer als der, dass ich mich wohlgezielten Angriffen ausgesetzt sah und den Böswilligen die Blöße zeigte, wo sie mich packen konnten. Siehst du sie, die meine Beredsamkeit preisen, meinem Reichtum nachlaufen, um meine Gunst buhlen, meine Macht in den Himmel heben? Sie alle sind nichts anderes als entweder meine Feinde oder, was dasselbe besagt, sie können es sein; die Schar der Bewunderer ist nicht größer oder kleiner als der Neider. Warum richte ich mein Sinnen und Trachten nicht vielmehr auf etwas gut Erprobtes, dessen ich mir innerlich bewusst bin, statt auf etwas, womit ich nach außen hin Staat mache? All das, was die Augen auf sich zieht, was die Vorübergehenden haltmachen lässt, was der eine dem anderen staunend zeigt – es ist nichts als äußerer Glanz ohne jeden inneren Wert.»

Seneca

Seneca (4 v.Chr. - 64 n.Chr.)

Schauen wir also aus nach einem nicht äußerlich glänzenden Gut, sondern einem solchen, das in sich gefestigt und gleichmäßig ist und seine höhere Schönheit von weniger bemerkbarer Seite zeigt! Das lasst uns ausfindig machen. Und es liegt nicht in der Ferne; man muss nur wissen, wohin man die Hand strecken soll. Jetzt tappen wir gleichsam im Finsteren, haben das sehnsüchtig Gesuchte unmittelbar vor uns und gehen dicht daran vorüber. Doch um dir lange Umwege zu ersparen, will ich mich nicht auf die Meinungen anderer einlassen – denn es wäre eine zeitraubende Sache, sie aufzuzählen und zu widerlegen: lass dir meine Ansicht genügen. Wenn ich aber sage: meine Ansicht, so binde ich mich damit nicht an irgendeinen einzelnen Meister der Stoa; auch ich habe das Recht der eigenen Meinung. Daher werde ich mich an diesen oder jenen anschließen, werde einen anderen auffordern, einzelne Punkte seiner Meinung bestimmt hervorzuheben, und werde, wenn ich etwa erst zuletzt aufgerufen werde, nichts von dem, wofür sich meine Vorgänger ausgesprochen haben, verwerfen und nur erklären: «Ich stimme dafür, nur mit folgendem Zusatz.»
Dabei halte ich mich, worin die Stoiker alle übereinstimmen, an die Natur. Von ihr nicht abzuirren, nach ihrem Gesetz und Beispiel sich zu bilden, das ist Weisheit. Glücklich also ist dasjenige Leben, das mit seiner Natur in vollem Einklang steht. Dies Ziel zu erreichen ist aber nicht anders möglich, als wenn zuvörderst der Geist gesund und im dauernden Besitz dieser seiner Gesundheit ist, wenn er ferner tapfer und voll Feuer ist, sodann auch im Leiden ein schönes Muster von Ergebenheit, in die Umstände sich schickend, achtsam auf den Körper und seine Bedürfnisse, doch nicht bis zur Ängstlichkeit, voll Bedacht auch für alles, was sonst zum Leben gehört, ohne die mindeste Überschätzung, bereit, des Schicksals Gaben zu nutzen, nicht aber, um sich zu ihrem Sklaven zu machen.
Als Folge davon stellt sich – das ist dir auch ohne ausdrücklichen Hinweis darauf klar – andauernde Ruhe, verbunden mit dem Gefühl der Freiheit, ein, unter Fernhaltung von allem, was uns reizt oder in Schrecken versetzt. Denn ist der Reiz der Sinnengenüsse verschwunden, so stellt sich statt dessen, was kleinlich, hinfällig und eben durch seine Lasterhaftigkeit schädlich ist, eine erstaunlich frohe Stimmung ein, unerschütterlich und sich immer gleichbleibend, sodann Friede und Eintracht der Seele sowie hochherzige Gesinnung, verbunden mit Sanftmut; denn wilde Rohheit hat ihren Ursprung immer nur in der Schwäche.

Aus Seneca, Über das glückliche Leben, Brief an den Bruder Gallio, Rom 58 n.Chr.

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Das Zitat der Woche

Posted in Erasmus von Rotterdam, Kunst&Kultur, Philosophie, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 27. Juli 2009

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Von den Künstlern

Erasmus von Rotterdam

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Von den Künstlern? Was sie ja alle auszeichnet, ist just die Selbstgefälligkeit, und eher ließe sich einer sein väterliches Gut absprechen als sein Talent, besonders was Schauspieler, Sänger, Redner und Dichter sind: Je weniger einer kann, desto frecher belobigt er sich, desto stolzer geht er einher, macht er sich breit. Und nun weiß man: jedes Kraut hat seinen Fresser, oder anders: je ärger der Schund, desto stärker der Beifall, zieht doch stets das Geringste am meisten, denn, wie ich sagte, die Mehrzahl der Menschen ist eingeschworen auf die Torheit. Wenn also dem größten Stümper der größte Erfolg bei sich selbst und beim Publikum in den Schoß fällt, wozu sollte sich einer noch gründlich schulen? Schulung kostet erstens Geld, dann macht sie unnatürlich und befangen, und findet schließlich nicht halb soviel Anklang.

Erasmus von Rotterdam

Erasmus von Rotterdam (1465-1536)

Nun sehe ich aber, dass die Natur nicht bloß dem einzelnen seinen Dünkel, sondern auch jeder Nation, um nicht zu sagen jeder Stadt, einen Gesamtdünkel eingepflanzt hat. Drum wollen die Engländer wissen, neben anderen finde man Schönheit, Musik und einen guten Tisch nur bei ihnen. Die Schotten sind stolz auf ihren Adel und auf die Verwandtschaft mit dem Königshaus, aber auch auf ihre dialektischen Kniffe. Die Franzosen haben die Höflichkeit gepachtet. Die Pariser maßen sich in der Theologie eine besondere Meisterschaft an und lassen fast niemand neben sich gelten. Die Italiener haben Literatur und Beredsamkeit an sich gerissen und schmeicheln sich alle, auf der ganzen Welt die einzigen Nichtbarbaren zu sein, zumal aber die Römer, die noch immer von jenem alten Rom träumen. Die Venezianer beglückt der Glaube an ihre Vornehmheit. Die Griechen spielen sich als die Erfinder der Wissenschaften auf und machen viel Wesens aus ihren alten berühmten Helden. Der Türke und die ganze echte Barbarenbande wähnt gar, die beste Religion zu haben und verlacht die Christen als abergläubisch. Die Juden – noch köstlicher – warten auch jetzt noch unentwegt auf ihren Messias und halten an ihrem Moses bis heute krampfhaft fest. Die Spanier gönnen keinem den Heldenlorbeer. Die Deutschen trutzen auf ihre Hünengestalt und die Kenntnis der Magie.
Ich spare mir Details: ihr seht wohl schon, wieviel Freude dem einzelnen und der gesamten Menschheit die Selbstgefälligkeit schenkt.
Von ähnlicher Art ist ihre Schwester Schmeichelei – jene nämlich ist am Werk, wenn einer sich selber streichelt; tut er dasselbe einem andern, steht diese hinter ihm. – Freilich genießt sie heutzutage keinen guten Ruf, aber doch nur bei denen, die sich an den Namen statt an die Sache halten. Sie meinen, mit der Schmeichelei stehe die Treue auf schlechtem Fuße, und doch könnten sie schon von den Tieren lernen, dass dem nicht so ist: keines schmeichelt so wie der Hund, aber auch keines ist so treu; keines kokettiert so wie das Eichhörnchen, aber keines ist dem Menschen so zugetan. Oder meint ihr, mit reißenden Löwen oder wilden Tigern oder fauchenden Pantern wäre ihm besser gedient? Es gibt zwar eine bösartige Schmeichelei, mit welcher hinterlistige, hämische Gesellen ihre armen Mitmenschen ins Verderben locken; aber von dieser Art ist meine nicht. Sie stammt aus der Herzensgüte und Unschuld und steht der Tugend viel näher als ihr Gegenstück, die Schroffheit und die, wie Horaz sagt, widerhaarige und unfreundliche Pedanterie. Sie richtet den Niedergeschlagenen auf, streichelt den Traurigen, stupft den Saumseligen, weckt den Stumpfsinnigen; Krankheit erleichtert sie, Trotz bricht sie, Liebesbande knüpft sie und schon geknüpfte festigt sie; sie weiß die Jungen zum Lernen zu verlocken, die Alten zu erheitern, die Fürsten ohne Kränkung, im Gewande des Lobes, zu ermahnen und zu belehren, kurzum: sie bringt es zuwege, dass jeder sich selbst angenehmer und wertvoller wird – und das ist beim Glück ja die Hauptsache. Und wie selbstlos sieht es doch aus, wenn ein Esel den andern krault! Vergessen wir zudem nicht, dass die Schmeichelei eine große Rolle in der löblichen Redekunst spielt, eine größere noch in der Heilkunst, die größte in der Poesie und dass sie überhaupt den Verkehr der Menschen versüßt und würzt.

Aus Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit, Paris 1511

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Das Zitat der Woche

Posted in Agrippa Nettesheim, Philosophie, Theologie, Wissenschaft, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 20. Juli 2009

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Über die Ungewissheit der Wissenschaft

Agrippa von Nettesheim

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Ihr habet aus dem, was ich von Anfang bis hierher gesaget, gehöret, dass die Wissenschaften und Künste nichts anders sind, als Menschenüberlieferungen und von uns nur in törichter Leichtgläubigkeit angenommen, und dass solche insgesamt aus nichts anders als aus zweifelhaftigen Dingen und Ungewissen Meinungen genommen und durch scheinbare Demonstrationes dargetan werden; ja dass sie alle, so viel derer sind, ungewiss und betrüglich, ich könnte fast sagen schädlich und gottlos sind. Daher ist es gottlos, zu glauben, dass sie uns zu unserer Seligkeit was dienlich sein könnten. Vor diesem hatten die Heiden diesen Aberglauben, dass, wann sie einen sahen, der eine Kunst oder Wissenschaft erfunden hatte oder darinnen exzellieret, demselben taten sie göttliche Ehre an und rechneten ihn unter die Zahl der Götter; sie weiheten ihm Tempel und Altäre und beteten ihn unter gewissen Figuren [177] an, wie der Vulcanus bei den Ägyptiern, weil er der erste Philosophus war, und die Principia naturae dem Feuer zuschriebe, so war er hernach gar als ein Feuer geehret; und der Äsculapius (wie Celsus dafür hält), weil er die annoch rauhe Medizin ein wenig subtiler zu traktieren wusste, so ward er deswegen unter die Götter gezählet. Also ist diese und keine andere Gottheit der Wissenschaften bei ihnen, als welche die alte Schlange, die dergleichen Götterkünstlerin ist, unseren ersten Eltern versprochen hat, wann sie saget: Eiritis sicut Dii, scientes bonum et malum. Das ist: Ihr werdet sein wie die Götter, sobald ihr Gutes und Böses wisset. In dieser Schlange mag sich rühmen, wer sich einer Wissenschaft: rühmet; denn fürwahr niemand wird können einer Wissenschaft fähig sein und dieselbe besitzen, als aus Gunst und Favor dieser Schlange, deren Lehre nichts anderes als Zauberei und Gaukelei und deren Final endlich böse ist; also dass auch bei dem geimeinen Mann ein Sprichwort entstanden: Omnes scientes insanire. Alle die was wissen, die seien närrisch und unsinnig. Denen pflichtet auch Aristoteles bei, wann er sagt: Nullam magnam esse scientiam sine mixtura dementiae. Jedwede grosse Wissenschaft sei mit einer Torheit vermischet. Und Augustinus selbsten bezeuget, dass manche, durch Begierde viel zu wissen, ihre Vernunft verloren haben.

Agrippa von Nettesheim

Agrippa von Nettesheim (1486-1535)

Es ist kein Ding auf der Welt der christlichen Religion und dem Glauben so zuwider, als die Wissen schaft, und ist nichts, das sich weniger miteinander vertragen kann, als diese beiden; denn wir wissen aus den Kirchenhistorien, und hat es auch die Erfahrung gegeben, wie die Wissenschaften, nachdem der Glaube an Christum aufkommen, verfallen sind, also dass fast der grösste oder doch der vornehmsten Teil gänzlich zugrunde gangen ist. Denn die zauberischen Künste meistenteils, die die grössten und vornehmsten gewesen sind, die haben sich dergestalt verloren, dass keine Spuren mehr da sind; und von allen der Philosophorum [178] Sekten ist nicht mehr übrig geblieben, als nur allein die peripatetische und zwar auch ganz verstümmelt und unvollkommen. Und hat sich die Kirche niemals besser befunden und mehr in stiller Zufriedenheit gelebet, als zu der Zeit, da man von Künsten und Wissenschaften nichts gewusst hat oder doch, da dieselben in eine Enge gebracht worden sind, nämlich da keine Grammatica gewesen, als nur bei dem Alexander Gallo, keine Dialectica, als bei dem Petro Hispano, keine Rhetorica, als bei dem Laurentio Aquilegio, ein klein Fasciculus oder Bändchen war genug für die Historie, für die mathematischen Disziplinen genügte die Ausrechnung des Kirchenkalenders, allen andern Disziplinen auch stunde der einige Isidorus für. Anjetzo aber, da wieder so viel Sprachen aufgekommen, so viel rhetorische Orationes geschrieben und so viel alte Bücher aufs neue das Tageslicht gesehen haben, und die Wissenschaften wieder excolieret worden, da sehe man nur, wie die Kirche in ihrer Ruhe ist turbieret worden, und was für neue Sekten und Ketzereien nacheinander an den Tag kommen sind, ja es ist keine Art unter den Menschen weniger geschickt Gottes heilige Lehre an sich zu nehmen, als diejenige, so sich in allerhand Wissenschaften vertiefet hat, denn diese bleiben oftermals so obstinat und halsstarrig auf ihrer Meinung, dass sie dem Heiligen Geist keinen Baum lassen wollen, und trauen ihren eigenen Kräften und Köpfen so viel zu, dass sie der reinen Wahrheit keinesweges welchen wollen, lassen auch nichts zu, als was mit syllogistischen Schlüssen erwiesen werden kann, und was sie nicht durch ihre Kräfte und Fleiss nachgrübeln mögen, das verachten sie und lachen es aus. Darum hat Christus diese seine heilige Lehre für den Weisen und Klugen verborgen und hat sie den Kleinen und Geringen offenbaret, nämlich denenjenigen, die geistlich arm sind und mangelnder Wissenschaft; denenjenigen, welche reinen Herzens und nicht mit diesen vergeblichen Meinungen und Wissenschaften beflecket sind; deren Seelen wie ein Blatt weissen Papieres sind, auf dem noch nichts geschrieben stehet von menschlichen Traditionen; denenjenigen, welche friedfertig sind und nicht gerne streiten oder mit ihren zänkischen Syllogismis die Wahrheit verjagen, denenjenigen, welche wegen der Wahrheit und Gerechtigkeit Verfolgung leiden und als Esel von den argen Sophisten verlachet werden oder als Grünschnäbel, verrufen in den Schulen, entfernt von den Lehrstühlen, verjagt von den Universitäten, als Ketzer verleumdet und verfolgt, auch wohl grausam am Leben gestrafet. ■

Aus Agrippa von Nettesheim, Von der Ungewissheit und Eitelkeit der Wissenschaften, Köln 1527

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Das Zitat der Woche

Posted in George Edward Moore, Philosophie, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 13. Juli 2009

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Von den Sinnesdaten

George Edward Moore

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Einige Philosophen haben, so meine ich, bezweifelt, ob es überhaupt solche Dinge gibt, wie sie andere Philosophen als »Sinnesdaten« oder »Sensa« diskutiert haben. Und ich halte es für durchaus möglich, daß einige Philosophen (darunter früher auch ich selbst) diese Ausdrücke in einem solchen Sinne verwendet haben, daß man wirklich bezweifeln kann, ob es so etwas gibt. Aber es gibt überhaupt keinen Zweifel, daß es Sinnesdaten in dem Sinne gibt, in dem ich den Ausdruck jetzt verwende. Ich sehe im Augenblick eine große Anzahl von ihnen, und fühle andere. Und um dem Leser deutlich zu machen, was ich mit Sinnesdaten meine, brauche ich ihn nur zu bitten, seine eigene rechte Hand zu betrachten. Wenn er das tut, wird er imstande sein, etwas herauszugreifen (und wenn er nicht gerade doppelt sieht, nur ein einziges Ding), und er wird dabei feststellen, daß es auf den ersten Blick eine natürliche Annahme ist, zu meinen, daß dieses Ding nun zwar nicht mit seiner ganzen rechten Hand, aber dafür mit dem Teil ihrer Oberfläche identisch ist, den er gerade sieht; andererseits aber wird er (wenn er ein wenig nachdenkt) in der Lage sein zu sehen, daß es zweifelhaft ist, ob dies mit dem fraglichen Teil der Oberfläche seiner Hand identisch sein kann. Dinge dieser Art (in einer gewissen Hinsicht), zu der das Ding gehört, das er sieht, wenn er seine Hand betrachtet, und im Hinblick auf die er verstehen kann, wie einige Philosophen zu der Annahme kamen, dies, was er da sieht, sei nun ein Teil der Oberfläche seiner Hand, während andere angenommen haben, daß dies nicht so sein kann, solche Dinge bezeichne ich als »Sinnesdaten«. Ich definiere den Ausdruck also so, daß es eine offene Frage bleibt, ob das Sinnesdatum, das ich jetzt sehe, wenn ich meine Hand betrachte, und das ein Sinnesdatum meiner Hand ist, mit dem Teil ihrer Oberfläche, den ich im Augenblick tatsächlich sehe, nun identisch ist oder nicht.

George Edward Moore

George Edward Moore (1873-1958)

Daß das, was ich im Hinblick auf dieses Sinnesdatum weiß, wenn ich weiß: »Dies ist eine menschliche Hand«, nicht darin besteht, daß es selbst eine menschliche Hand ist, scheint mir gewiß zu sein, weil ich weiß, daß meine Hand viele Teile hat (z. B. die Innenseite und die Knochen), die ganz sicherlich nicht Teile dieses Sinnesdatums sind. Ich halte es also für gewiß, daß die Analyse der Aussage »Dies ist eine menschliche Hand« wenigstens im groben die Form hat: »Es gibt ein und nur ein Ding, von dem gilt, daß es eine menschliche Hand ist, und daß diese Oberfläche ein Teil ihrer Oberfläche ist.« Mit anderen Worten, und um meine Ansicht in die Terminologie, die zu der Wendung »Theorie der repräsentativen Wahrnehmung« gehört, zu bringen: Ich behaupte, daß es ganz gewiß ist, daß ich nicht direkt meine Hand wahrnehme, und daß wenn man sagt (wie man zutreffend sagen kann), daß ich sie »wahrnehme«, dies bedeutet, daß ich (in einem anderen und fundamentaleren Sinne) etwas wahrnehme, was (in einem angemessenen Sinne) meine Hand repräsentiert, nämlich einen bestimmten Teil ihrer Oberfläche.
Dies ist alles, was ich bei der Analyse der Aussage »Dies ist eine menschliche Hand« für gesichert halte. Wir haben gesehen, daß ihre Analyse eine Aussage der Form »Dies ist Teil der Oberfläche einer menschlichen Hand« einschließt (wobei »Dies« natürlich eine andere Bedeutung hat als in der ursprünglichen Aussage, die- jetzt analysiert worden ist). Aber diese Aussage ist ohne Zweifel auch eine Aussage über das Sinnesdatum, das ich sehe, und das ein Sinnesdatum von meiner Hand ist. Und daher stellt sich die weitere Frage:
Wenn ich weiß »Dies ist Teil der Oberfläche einer menschlichen Hand«, was weiß ich dann über das fragliche Sinnesdatum? Weiß ich in diesem Falle tatsächlich über das fragliche Sinnesdatum, daß es selbst Teil der Oberfläche einer menschlichen Hand ist? Oder gilt vielleicht für diese neue Aussage dasselbe, was wir im Falle von »Dies ist eine menschliche Hand« herausgefunden haben, wo das, was ich über das Sinnesdatum wußte, sicherlich nicht darin bestand, daß es selbst eine menschliche Hand war, und wissen wir auch hier nicht im Hinblick auf das Sinnesdatum, daß es selbst Teil der Oberfläche einer Hand ist? Und wenn es so ist, was weiß ich dann über das Sinnesdatum selbst? Dies ist die Frage, auf die, wie mir scheint, bisher noch kein Philosoph eine Antwort vorgeschlagen hat, die der gesicherten Wahrheit irgendwie nahekommt. Es scheint mir hier drei und nur drei Typen von Antwortmöglichkeiten zu geben; und gegen jede bisher vorgeschlagene Antwort einer dieser Typen scheint es mir schwerwiegende Einwände zu geben.
Beim ersten Typ gibt es nur eine Antwort, nämlich daß ich in diesem Falle wirklich weiß, daß das Sinnesdatum selbst Teil der Oberfläche einer menschlichen Hand ist. Mit anderen Worten: daß ich zwar nicht meine Hand direkt wahrnehme, einen Teil ihrer Oberfläche aber in der Tat direkt wahrnehme, daß das Sinnesdatum selbst dieser Teil ihrer Oberfläche ist, und nicht bloß etwas, was (in einem Sinne, der noch näher zu bestimmen wäre) diesen Teil ihrer Oberfläche »repräsentiert«; daß also der Sinn, in dem ich diesen Teil der Oberfläche meiner Hand »wahrnehme«, nicht selber wieder ein Sinn ist, der durch Bezug auf einen dritten, noch fundamentaleren [ultimate] Sinn von »wahrnehmen« definiert werden müßte, welch letzterer dann der einzige wäre, in dem die Wahrnehmung direkt ist, nämlich der, in dem ich das Sinnesdatum wahrnehme.
Wenn diese Ansicht wahr ist (was ich so gerade noch für möglich halte), scheint es mir sicher zu sein, daß wir eine Ansicht aufgeben müssen, die von den meisten Philosophen für eine gesicherte Wahrheit gehalten worden ist, nämlich die Ansicht, daß unsere Sinnesdaten immer wirklich die Eigenschaften haben, die sie uns in ihrer sinnfälligen Erscheinung zu haben scheinen. Denn ich weiß, daß, wenn jemand anders durch ein Mikroskop die Oberfläche betrachten würde, die ich mit dem bloßen Auge sehe, das von ihm erblickte Sinnesdatum ganz andere sinnfällige Eigenschaften haben würde als mein Sinnesdatum, und zwar solche, die mit den sinnfälligen Eigenschaften meines Sinnesdatums unverträglich sind: und doch muß, wenn mein Sinnesdatum identisch mit der Oberfläche ist, die wir beide sehen, auch sein Sinnesdatum identisch mit dem meinen sein. Mein Sinnesdatum kann also mit dieser Oberfläche nur dann identisch sein, wenn es mit seinem Sinnesdatum identisch ist; und weil sein Sinnesdatum ihm sinnfällige Eigenschaften zu haben scheint, die mit den mir erscheinenden sinnfälligen Eigenschaften meines Sinnesdatums unverträglich sind, kann sein Sinnesdatum mit dem meinen nur dann identisch sein, wenn das fragliche Sinnesdatum entweder die Eigenschaften nicht besitzt, die es mir sinnfällig zu haben scheint, oder die, die es ihm sinnfällig zu haben scheint. Ich glaube jedoch nicht, daß dies ein durchschlagender Einwand gegen Auffassungen dieses ersten Typs ist. Ein weit schwerwiegenderer Einwand scheint mir der zu sein, daß, wenn wir etwas doppelt sehen (ein sogenanntes »double Image« von ihm haben), wir sicherlich zwei Sinnesdaten haben, von denen jedes ein Sinnesdatum von der gesehenen Oberfläche ist, und daß also nicht beide identisch mit ihr sein können; daß es nun aber andererseits doch so scheint, als ob – wenn jemals ein Sinnesdatum identisch mit der Oberfläche ist, von der es ein Sinnesdatum ist – eben dies auch für jedes dieser sogenannten »Bilder« gelten müßte. Es sieht also letzten Endes doch so aus, als ob jedes Sinnesdatum nur ein »Repräsentant« der Oberfläche wäre, von der es ein Sinnesdatum ist. ■

Aus George Edward Moore, Eine Verteidigung des Common Sense (1925), in: Geschichte der Philosophie / 20. Jahrhundert, Reclam Verlag 1981

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Das Zitat der Woche

Posted in Kultur&Gesellschaft, Musik, Richard Wagner, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 6. Juli 2009

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Vom Nutzen und Zweck der Arbeit

Richard Wagner

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Der Künstler hat, außer an dem Zwecke seines Schaffens, schon an diesem Schaffen, an der Behandlung des Stoffes und dessen Formung selbst Genuß, sein Produzieren ist ihm an und für sich erfreuende und befriedigende Tätigkeit, nicht Arbeit. Dem Handwerker gilt nur der Zweck seiner Bemühung, der Nutzen, den ihm seine Arbeit bringt; die Tätigkeit, die er verwendet, erfreut ihn nicht, sie ist ihm nur Beschwerde, unumgängliche Notwendigkeit, die er am liebsten einer Maschine aufbürden möchte: seine Arbeit vermag ihn nur aus Zwang zu fesseln, deshalb ist er auch nicht mit dem Geiste dabei gegenwärtig, sondern beständig darüber hinaus bei dem Zwecke, den er so gerade wie möglich erreichen möchte.

Richard Wagner

Richard Wagner (1813-1883)

Ist nun aber der unmittelbare Zweck des Handwerkers nur die Befriedigung eines eigenen Bedürfnisses, z. B. die Herstellung seiner eigenen Wohnung, seiner eignen Gerätschaften, Kleidung usw., so wird ihm mit dem Behagen an den ihm verbleibenden nützlichen Gegenständen allmählich auch Neigung zu einer solchen Zubereitung des Stoffes, wie sie seinem persönlichen Geschmacke zusagt, eintreten; nach der Herstellung des Notwendigsten wird daher sein auf weniger drängende Bedürfnisse gerichtetes Schaffen sich von selbst zu einem künstlerischen erheben: gibt er aber das Produkt seiner Arbeit von sich, verbleibt ihm davon nur der abstrakte Geldeswert, so kann sich unmöglich seine Tätigkeit je über den Charakter der Geschäftigkeit der Maschine erheben; sie gilt ihm nur als Mühe, als traurige, saure Arbeit. Die Letztere ist das Los des Sklaven der Industrie…

Aus Richard Wagner, Die Kunst und die Revolution, Dresden 1849

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Das Zitat der Woche

Posted in Heinz Schlaffer, Literatur, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 8. Juni 2009

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Über die Lesesucht

Heinz Schlaffer

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»Lesesucht« ist an den Roman gebunden. Daher erreichen beide zu gleicher Zeit, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, ihren geschichtlichen Höhepunkt. Um das neue Leseverhalten zu verstehen, ist gerade die äußerlichste Bestimmung des Romans – fiktive Prosaform von größerem Umfang – die wesentlichste. Ihrer Herkunft nach steht die Prosa des bürgerlichen Romans der Zeitung näher als der Poesie. Wie der Zeitungsleser das Papier überfliegt, um auf neue, spannende Nachrichten zu stoßen, so vergißt auch der Leser des Romans, der »Novel«, die sinnliche Gestalt der hörbaren Sprache über den Inhalten, die seine Vorstellung fesseln. Prosa ist die Sprache, die den Rhythmus des Körpers – Herzschlag, Atem, Schritt – verloren hat. Im Metrum der Verse lebt immer noch deren Ursprung aus Tanz und Musik weiter: jenes rhythmische Zeitmaß, das den eigenen Körper mit dem der anderen zusammenschloß. Wer Verse spricht, ist nicht ganz allein, weil er den Takt noch fühlt, den vor ihm alle anderen verspürt haben. Den verschiedenen Zeilen eines Gedichts, sogar mehreren Gedichten ist das Metrum gemeinsam, weshalb es nicht schwerfällt, Gedichte auswendig zu lernen. Dagegen ist der Duktus jedes prosaischen Satzes einmalig und unwiederholbar. Auch in tausend Exemplaren gedruckt, bleibt doch seine Gestalt ephemer. Sie existiert nur im Augenblick der Lektüre und ist danach vergessen. Deshalb läßt sich Prosa kaum ohne das Buch zitieren.

Heinz Schlaffer

Heinz Schlaffer

Beim Lesen ist der Körper stillgestellt. Wir sitzen oder liegen, um ihn möglichst wenig zu spüren. Nicht einmal den Mund bewegen wir mehr, während die Antike keine andere Form von Lektüre kannte als lautes Vorlesen (in der bürgerlichen Lesekultur wird Vorlesen zur aristokratischen Ausnahme). Selbst der einsame Leser sprach sich damals das Gelesene vor, so daß er eigentlich nicht einsam war, sondern ausnahmsweise die Rollen von Sprecher und Hörer in sich vereinigte. Augustinus berichtet von der Überraschung, mit der er seinen Lehrer Ambrosius ohne Bewegung der Lippen lesen gesehen habe – der ganzen Antike war also die Technik des stummen Lesens unbekannt gewesen. Wer laut liest, muß den äußeren, weiten und langsamen Weg von Auge über Mund und Ohr zum Bewußtsein nehmen. Wer leise liest, durcheilt den inneren, kurzen und raschen Weg vom Auge zum Bewußtsein. Jener hält sich an die natürliche Zeitspanne, die das gesprochene Wort zur Reproduktion des geschriebenen braucht; dieser nützt die Chance, daß wir schneller lesen als sprechen können. Die Geschwindigkeit des Sprechens hat enge Grenzen, die des lautlosen Lesens läßt sich bedeutend steigern, zumal wenn die Aufnahme des Inhalts genügt. Eben dies ist bei der Prosa der Fall. Die Möglichkeit des >diagonalen< Lesens hat nicht erst das moderne Management entdeckt, um den Überfluß an Informationen trotz des Mangels an Zeit zu verarbeiten. Komprimierte Lektüre zählt zu jener Art von Fortschritt, deren Kennzeichen die Beschleunigung herkömmlicher Aufgaben ist. Der erste jedoch, der diese Technik entdeckte, war der Romanleser, der langweilige Passagen überfliegt, um möglichst schnell zu den erregenden zu gelangen. Wie anders nimmt sich neben solcher Willkür im Umgang mit dem Zeitfluß der Erzählung die gelassene Gerechtigkeit aus, mit der der Hörer dem epischen Rhapsoden beim gleichmäßigen Vortrag der unerschütterlich wiederkehrenden Hexameter gefolgt war!
Die Rezitation des Rhapsoden ist wie das Spiel des Akteurs an engere physische Grenzen gebunden als die Lektüre. Nach der Anstrengung weniger Stunden benötigt die Stimme eine längere Pause. Deshalb fügt sich alles Gesprochene, mag sein Inhalt auch noch so ungewöhnlich sein, in die gewohnte Einteilung der alltäglichen Zeitordnung und Lebenspraxis. Dagegen hat sich der Akt des Lesens viel weiter von körperlichen Schranken befreit; er ist nahezu unerschöpflich. Über seinem Roman vergißt der Leser Stunde und Tag. Von lesend durchwachten Nächten berichten fast alle Autobiographien des 18. Jahrhunderts. In der Nacht verschwimmen die Konturen der Wirklichkeit; die Kontrollen durch Verstand, Moral, Gesellschaft sind aufgehoben; dem freien Flug der Phantasie steht nichts mehr ihm Wege. Die Imagination, durch nächtliche Lektüre erregt, setzt die Ordnung des Tages außer Kraft. Daher stimuliert die Erzählung vom Verbotenen, von der Übertretung der bürgerlichen Gesetze am stärksten die Lesesucht: das Exotische, das Erotische, das Kriminelle bilden seine Nahrung. Abenteuerroman, Pornographie und Detektiverzählung sind die Genres, die speziell für die Anregung und Ausbeutung der Lesesucht eingerichtet sind. Früh schon sorgen sich die Wächter der gesellschaftlichen Ordnung und der bürgerlichen Tugend um die Folgen der »Lesesucht«. Durch sie werde, so warnt Heinrich Zschokke in den >Stunden der Andacht zur Beförderung wahren Christentums und häuslicher Gottesverehrung<, die Jugend verdorben, werde »ihre Einbildungskraft mit unanständigen Vorstellungen, mit verschönernden Gemälden viehischer Triebe, mit Verzierungen des Verbrechens vertraut gemacht – wer rettet dann das schirmlose Herz vor der vergifteten Phantasie?« Die Phantasie allerdings war nicht zu retten, ihr Übertritt in die Helle des Bewußtseins und des Tages jedoch kaum zu befürchten. So sehr hat sich der süchtige Leser der Wirklichkeit der Zeit, des Raumes und seines Körpers enthoben, daß er nie anders als gänzlich ernüchtert in sie zurückkehren kann. ■

Aus Heinz Schlaffer, Lesesucht, in: Neue Rundschau, S.Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1995

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Das Zitat der Woche

Posted in Essays & Aufsätze, Philosophie, Psychologie, Robert Musil, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 30. März 2009

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Über die Dummheit

Robert Musil

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Im Leben versteht man unter einem dummen Menschen gewöhnlich einen, der »ein bißchen schwach im Kopf« ist. Außerdem gibt es aber auch die verschiedenartigsten geistigen und seelischen Abweichungen, von denen selbst eine unbeschädigt eingeborene Intelligenz so behindert und durchkreuzt und irregeführt werden kann, daß es im ganzen auf etwas hinausläuft, wofür dann die Sprache wieder nur das Wort Dummheit zur Verfügung hat. Dieses Wort umfaßt also zwei im Grunde sehr verschiedene Arten: eine ehrliche und schlichte Dummheit und eine andere, die, ein wenig paradox, sogar ein Zeichen von Intelligenz ist. Die erstere beruht eher auf einem schwachen Verstand, die letztere eher auf einem Verstand, der bloß im Verhältnis zu irgend etwas zu schwach ist, und diese ist die weitaus gefährlichere.
Die ehrliche Dummheit ist ein wenig schwer von Begriff und hat, was man eine »lange Leitung« nennt. Sie ist arm an Vorstellungen und Worten und ungeschickt in ihrer Anwendung. Sie bevorzugt das Gewöhnliche, weil es sich ihr durch seine öftere Wiederholung fest einprägt, und wenn sie einmal etwas aufgefaßt hat, ist sie nicht geneigt, es sich so rasch wieder nehmen zu lassen, es analysieren zu lassen oder selbst daran zu deuteln. Sie hat überhaupt nicht wenig von den roten Wangen des Lebens! Zwar ist sie oft unbestimmt in ihrem Denken, und die Gedanken stehen ihr vor neuen Erfahrungen leicht ganz still, aber dafür hält sie sich auch mit Vorliebe an das sinnlich Erfahrbare, das sie gleichsam an den Fingern abzählen kann. Mit einem Wort, sie ist die liebe »helle Dummheit«, und wenn sie nicht manchmal auch so leichtgläubig, unklar und zugleich so unbelehrbar wäre, daß es einen zur Verzweiflung bringen kann, so wäre sie eine überaus anmutige Erscheinung.
Ich mag mir nicht versagen, diese Erscheinung noch mit einigen Beispielen auszuzieren, die sie auch von anderen Seiten zeigen und die ich Bleulers Lehrbuch der Psychiatrie entnommen habe: Ein Imbeziller drückt, was wir mit der Formel »Arzt am Krankenbett« abtäten, mit den Worten aus: »Ein Mann, der hält dem ändern die Hand, der liegt im Bett, dann steht da eine Nonne.« Es ist die Ausdrucksweise eines malenden Primitiven! Eine nicht ganz klare Magd betrachtet es als schlechten Scherz, wenn man ihr zumutet, sie solle ihr Erspartes der Kasse übergeben, wo es Zinsen trage: So dumm werde niemand sein, ihr noch etwas dafür zu bezahlen, daß er ihr das Geld aufbewahre! gibt sie zur Antwort; und es drückt sich darin eine ritterliche Gesinnung aus, ein Verhältnis zum Geld, das man vereinzelt noch in meiner Jugend an vornehmen alten Leuten hat wahrnehmen können! Einem dritten Imbezillen endlich wird es symptomatisch aufgeschwärzt, daß er behauptet, ein Zweimarkstück sei weniger wert als ein Markstück und zwei halbe, denn – so lautet seine Begründung: man müsse es wechseln, und dann bekäme man zu wenig heraus! Ich hoffe, nicht der einzige Imbezille in diesem Saal zu sein, der dieser Werttheorie für Menschen, die beim Wechseln nicht aufpassen können, herzlich zustimmt!
Um aber nochmals auf das Verhältnis zur Kunst zurückzukehren, die schlichte Dummheit ist wirklich oft eine Künstlerin. Statt auf ein Reizwort mit einem ändern Wort zu erwidern, wie es in manchen Experimenten einstens sehr üblich war, gibt sie gleich ganze Sätze zur Antwort, und man mag sagen, was man will, diese Sätze haben etwas wie Poesie in sich! Ich wiederhole, indem ich zuerst das Reizwort nenne, einige von solchen Antworten:
»Anzünden: Der Bäcker zündet das Holz an.
Winter: Besteht aus Schnee.
Vater: Der hat mich einmal die Treppe hinuntergeworfen.
Hochzeit: Dient zur Unterhaltung.
Garten: In dem Garten ist immer schön Wetter.
Religion: Wenn man in die Kirche geht.
Wer war Wilhelm Tell: Man hat ihn im Wald gespielt; es waren verkleidete Frauen und Kinder dabei.
Wer war Petrus: Er hat dreimal gekräht.«
Die Naivität und große Körperlichkeit solcher Antworten, der Ersatz höherer Vorstellungen durch das Erzählen einer einfachen Geschichte, das wichtige Erzählen von Überflüssigem, von Umständen und Beiwerk, dann wieder das abkürzende Verdichten wie in dem Petrus-Beispiel, das sind uralte Praktiken der Dichtung; und wenn ich auch glaube, daß ein Zuviel davon, wie es recht in Schwang ist, den Dichter dem Idioten annähert, so ist doch auch das Dichterische in diesem nicht zu verkennen, und es fällt ein Licht darauf, daß der Idiot in der Dichtung mit einer eigentümlichen Freude an seinem Geist dargestellt werden kann.

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Robert Musil (1880-1942)

Zu dieser ehrlichen Dummheit steht nun die anspruchsvolle höhere in einem wahrhaft nur zu oft schreienden Gegensatz. Sie ist nicht sowohl ein Mangel an Intelligenz als vielmehr deren Versagen aus dem Grunde, daß sie sich Leistungen anmaßt, die ihr nicht zustehen; und sie kann alle schlechten Eigenschaften des schwachen Verstandes an sich haben, hat aber außerdem auch noch alle die an sich, die ein nicht im Gleichgewicht befindliches, verwachsenes, ungleich bewegliches, kurz, ein jedes Gemüt verursacht, das von der Gesundheit abweicht. Weil es keine »genormten« Gemüter gibt, drückt sich, richtiger gesagt, in dieser Abweichung ein ungenügendes Zusammenspiel zwischen den Einseitigkeiten des Gefühls und einem Verstand aus, der zu ihrer Zügelung nicht hinreicht. Diese höhere Dummheit ist die eigentliche Bildungskrankheit (aber um einem Mißverständnis entgegenzutreten: sie bedeutet Unbildung, Fehlbildung, falsch zustande gekommene Bildung, Mißverhältnis zwischen Stoff und Kraft der Bildung), und sie zu beschreiben, ist beinahe eine unendliche Aufgabe. Sie reicht bis in die höchste Geistigkeit; denn ist die echte Dummheit eine stille Künstlerin, so die intelligente das, was an der Bewegtheit des Geisteslebens, vornehmlich aber an seiner Unbeständigkeit und Ergebnislosigkeit mitwirkt. Schon vor Jahren habe ich von ihr geschrieben: »Es gibt schlechterdings keinen bedeutenden Gedanken, den die Dummheit nicht anzuwenden verstünde, sie ist allseitig beweglich und kann alle Kleider der Wahrheit anziehen. Die Wahrheit dagegen hat jeweils nur ein Kleid und einen Weg und ist immer im Nachteil.« Die damit angesprochene Dummheit ist keine Geisteskrankheit, und doch ist sie die lebensgefährlichste, die dem Leben selbst gefährliche Krankheit des Geistes.
Wir sollten sie gewiß jeder schon in uns verfolgen, und nicht erst an ihren großen geschichtlichen Ausbrüchen erkennen. Aber woran sie erkennen? Und welches unverkennbare Brandmal ihr aufdrücken?! Die Psychiatrie benutzt heute als Hauptkennzeichen für die Fälle, die sie angehen, die Unfähigkeit, sich im Leben zurechtzufinden, das Versagen vor allen Aufgaben, die es stellt, oder auch plötzlich vor einer, wo es nicht zu erwarten wäre. Auch in der experimentellen Psychologie, die es vornehmlich mit dem Gesunden zu tun hat, wird die Dummheit ähnlich definiert. »Dumm nennen wir ein Verhalten, das eine Leistung, für die alle Bedingungen bis auf die persönlichen gegeben sind, nicht vollbringt«, schreibt ein bekannter Vertreter einer der neuesten Schulen dieser Wissenschaft. Dieses Kennzeichen der Fähigkeit sachlichen Verhaltens, der Tüchtigkeit also, läßt für die eindeutigen »Fälle« der Klinik oder der Affenversuchsstation nichts zu wünschen übrig, aber die frei herumlaufenden »Fälle« machen einige Zusätze nötig, weil das richtige oder falsche »Vollbringen der Leistung« bei ihnen nicht immer so einleuchtend ist. Erstens liegt doch in der Fähigkeit, sich allezeit so zu verhalten, wie es ein lebenstüchtiger Mensch unter gegebenen Umständen tut, schon die ganze höhere Zweideutigkeit der Klugheit und Dummheit, denn das »sachgemäße«, »sachkundige« Verhalten kann die Sache zum persönlichen Vorteil benutzen oder ihr dienen, und wer das eine tut, pflegt den, der das andre tut, für dumm zu halten. (Aber medizinisch dumm ist eigentlich nur, wer weder das eine noch das andere kann.) Und zweitens läßt sich auch nicht leugnen, daß ein unsachliches Verhalten, ja sogar ein unzweckmäßiges, oft notwendig sein kann, denn Objektivität und Unpersönlichkeit, Subjektivität und Unsachlichkeit haben Verwandtschaft miteinander, und so lächerlich die unbeschwerte Subjektivität ist, so lebens-, ja denkunmöglich ist natürlich ein völlig objektives Verhalten; beides auszugleichen, ist sogar eine der Hauptschwierigkeiten unserer Kultur. Und schließlich wäre auch noch einzuwenden, daß sich gelegentlich keiner so klug verhält, wie es nötig wäre, daß jeder von uns also, wenn schon nicht immer, so doch von Zeit zu Zeit dumm ist. Es ist darum auch zu unterscheiden zwischen Versagen und Unfähigkeit, gelegentlicher oder funktioneller und beständiger oder konstitutioneller Dummheit, zwischen Irrtum und Unverstand. Es gehört das zum wichtigsten, weil die Bedingungen des Lebens heute so sind, so unübersichtlich, so schwer, so verwirrt, daß aus den gelegentlichen Dummheiten der einzelnen leicht eine konstitutionelle der Allgemeinheit werden kann. Das führt die Beobachtung also schließlich auch aus dem Bereich persönlicher Eigenschaften hinaus zu der Vorstellung einer mit geistigen Fehlern behafteten Gesellschaft. Man kann zwar, was psychologisch-real im Individuum vor sich geht, nicht auf Sozietäten übertragen, also auch nicht Geisteskrankheiten und Dummheit, aber man dürfte heute wohl vielfach von einer »sozialen Imitation geistiger Defekte« sprechen können; die Beispiele dafür sind recht aufdringlich.
Mit diesen Zusätzen ist der Bereich der psychologischen Erklärung natürlich wieder überschritten worden. Sie selbst lehrt uns, daß ein kluges Denken bestimmte Eigenschaften hat, wie Klarheit, Genauigkeit, Reichtum, Löslichkeit trotz Festigkeit und viele andere, die sich aufzählen ließen; und daß diese Eigenschaften zum Teil angeboren sind, zum Teil neben den Kenntnissen, die man sich aneignet, auch als eine Art Denkgeschicklichkeit erworben werden; bedeuten doch ein guter Verstand und ein geschickter Kopf so ziemlich das gleiche. Hierbei ist nichts zu überwinden als Trägheit und Anlage, das läßt sich auch schulen, und das komische Wort »Denksport« drückt nicht einmal so übel aus, worauf es ankommt.
Die »intelligente« Dummheit hat dagegen nicht sowohl den Verstand als vielmehr den Geist zum Widerpart, und wenn man sich darunter nicht bloß ein Häuflein Gefühle vorstellen will, auch das Gemüt. Weil sich Gedanken und Gefühle gemeinsam bewegen, aber auch weil sich in ihnen der gleiche Mensch ausdrückt, lassen sich Begriffe wie Enge, Weite, Beweglichkeit, Schlichtheit, Treue auf das Denken wie auf das Fühlen anwenden; und mag der daraus entstehende Zusammenhang selbst noch nicht ganz klar sein, so genügt es doch, um sagen zu können, daß zum Gemüt auch Verstand gehört und daß unsere Gefühle nicht außer Verbindung mit Klugheit und Dummheit sind. Gegen diese Dummheit ist durch Vorbild und Kritik zu wirken.
Die damit vorgetragene Auffassung weicht von der üblichen Meinung ab, die durchaus nicht falsch, wohl aber äußerst einseitig ist und nach der ein tiefes, echtes Gemüt des Verstandes nicht brauchte, ja durch ihn bloß verunreinigt würde. Die Wahrheit ist, daß an schlichten Menschen gewisse wertvolle Eigenschaften, wie Treue, Beständigkeit, Reinheit des Fühlens und ähnliche ungemischt hervortreten, aber das doch eigentlich nur tun, weil der Wettbewerb der anderen schwach ist; und ein Grenzfall davon ist uns vorhin im Bilde des freundlich zusagenden Schwachsinns zu Gesicht gekommen. Nichts liegt mir ferner, als das gute, rechtschaffene Gemüt mit diesen Ausführungen erniedrigen zu wollen — sein Fehlen hat sogar geziemlichen Anteil an der höheren Dummheit! — aber noch wichtiger ist es heute, ihm den Begriff des Bedeutenden voranzusetzen, was ich freilich nur noch gänzlich utopischerweise erwähne.
Das Bedeutende vereint die Wahrheit, die wir an ihm wahrnehmen können, mit den Eigenschaften des Gefühls, die unser Vertrauen haben, zu etwas Neuem, zu einer Einsicht, aber auch zu einem Entschluß, zu einem erfrischten Beharren, zu irgend etwas, das geistigen und seelischen Gehalt hat und uns oder anderen ein Verhalten »zumutet«; so ließe sich sagen, und was im Zusammenhang mit der Dummheit das wichtigste ist, das Bedeutende ist an der Verstandes- wie an der Gefuhlsseite der Kritik zugänglich. Das Bedeutende ist auch der gemeinsame Gegensatz von Dummheit und Roheit, und das allgemeine Mißverhältnis, worin heute die Affekte die Vernunft zerdrücken, statt sie zu beflügeln, schmilzt im Begriff der Bedeutung zu. Genug von ihm, ja vielleicht schon mehr, als zu verantworten sein möchte! Denn sollte noch etwas hinzugefugt werden müssen, so könnte es nur das eine sein, daß mit allem Gesagten durchaus noch kein sicheres Erkennungs- und Unterscheidungszeichen des Bedeutenden gegeben ist und daß wohl auch nicht leicht ein ganz genügendes gegeben werden könnte. Gerade das führt uns aber auf das letzte und wichtigste Mittel gegen die Dummheit: auf die Bescheidung.
Gelegentlich sind wir alle dumm; wir müssen gelegentlich auch blind oder halbblind handeln, oder die Welt stünde still; und wollte einer aus den Gefahren der Dummheit die Regel ableiten: »Enthalte dich in allem des Urteils und des Entschlusses, wovon du nicht genug verstehst!«, wir erstarrten! Aber diese Lage, von der heute recht viel Aufhebens gemacht wird, ist ähnlich einer, die uns auf dem Gebiet des Verstandes längst vertraut ist. Denn weil unser Wissen und Können unvollendet ist, müssen wir in allen Wissenschaften im Grunde voreilig urteilen, aber wir bemühen uns und haben es erlernt, diesen Fehler in bekannten Grenzen zu halten und bei Gelegenheit zu verbessern, wodurch doch wieder Richtigkeit in unser Tun kommt. Nichts spricht eigentlich dagegen, dieses exakte und stolzdemütige Urteilen und Tun auch auf andere Gebiete zu übertragen; und ich glaube, der Vorsatz: Handle, so gut du kannst und so schlecht du mußt, und bleibe dir dabei der Fehlergrenzen deines Handelns bewußt! wäre schon der halbe Weg zu einer aussichtsvollen Lebensgestaltung.
Aber ich bin mit diesen Andeutungen schon eine Weile am Ende meiner Ausführungen, die, wie ich schützend vorgekehrt habe, nur eine Vorstudie bedeuten sollen. Und ich erkläre mich, den Fuß auf der Grenze, außerstande, weiter zu gehen; denn einen Schritt über den Punkt, wo wir halten, hinaus, und wir kämen aus dem Bereich der Dummheit, der selbst theoretisch noch abwechslungsreich ist, in das Reich der Weisheit, eine öde und im allgemeinen gemiedene Gegend. ■

Aus Robert Musil, Über die Dummheit, Vortrag, Wien 1937, Alexander Verlag Berlin

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Das Zitat der Woche

Posted in Philosophie, Religion, Satire, Umberto Eco, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 8. Dezember 2008

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«Die Bibel? Ein echter Reißer!»

Umberto Eco

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Ich muss sagen, als ich den Anfang dieses Manuskripts und die ersten hundert Seiten las (Eco erstellt hier einen Lektorenbericht über die Bibel…/Anm. der Red.), war ich begeistert. Alles Action, prallvoll mit allem, was die Leser heute von einem richtigen Schmöker erwarten: Sex (jede Menge), Ehebrüche, Sodomie, Mord und Totschlag, Inzest, Kriege, Massaker usw. Die Episode in Sodom und Comorra mit den Schwulen, die die zwei Engel vernaschen wollen, könnte von Rabelais sein; die Geschichte von Noah sind reinster Karl May, die Flucht nach Ägypten schreit geradezu nach Verfilmung… Kurz, ein echter Reißer, gut konstruiert, mit effektsicheren Theatercoups, voller Fantasy, dazu genau die richtige Prise Messianismus, ohne die Sache ins Tragische kippen zu lassen.

Literatur - Umberto Eco - Glarean Magazin

Umberto Eco

Beim Weiterlesen habe ich dann gemerkt, dass es sich um eine Anthologie diverser Autoren handelt, eine Zusammenstellung sehr heterogener Texte mit vielen, zu vielen poetischen Stellen, von denen manche auch ganz schön fade und larmoyant sind, echte Jeremiaden ohne Sinn und Verstand.
Was dabei herauskommt, ist ein monströses Sammelsurium, ein Buch, das alle bedienen will und daher am Ende keinem gefällt.
Außerdem wäre es eine Heidenarbeit, die Rechte von all den Autoren einzuholen, es sei denn, der Herausgeber stünde dafür gerade. Aber dieser Herausgeber wird leider nirgends genannt, nicht mal im Register, als ob es irgendwie Hemmungen gäbe, seinen Namen zu nennen.
Ich würde vorschlagen zu verhandeln, um zu sehen, ob man nicht die ersten fünf Bücher allein herausbringen kann. Das wäre ein sicherer Erfolg. Mit einem Titel wie Die verlorene Schar vom Roten Meer oder so.

Aus Umberto Eco, Platon im Striptease-Lokal, Parodien und Travestien, darin: <…müssen wir mit Bedauern ablehnen (Lektoratsgutachten)>, Hanser Verlag 1990

Das Zitat der Woche

Posted in Gesellschaft, John L. Mackie, Philosophie, Religion, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 25. August 2008

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Vom Recht auf Leben

John Leslie Mackie

Von einem Recht auf Leben können wir sinnvollerweise nur als einem Anspruchsrecht reden, das der Pflicht entspricht, nicht zu töten und nichts zu unternehmen, was voraussichtlich zum Tod eines Menschen führt. Obwohl ein solches Recht fundamental ist, kann es doch nicht absolut sein. So wie die Welt nun einmal ist, lassen sich Kriege und Revolutionen nicht ausnahmslos als moralisch verwerflich ausschließen. Für die Todesstrafe ist dies meines Erachtens möglich. Die vorsätzliche Tötung eines Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt stellt eine solche Herausforderung dar für jedes humane Empfinden, das für die Moral unabdingbar ist, daß sie sich durch keine zusätzlich abschreckende Wirkung aufwiegen läßt; tatsächlich ist die Vollstreckung der Todesstrafe sogar eher dazu angetan, die Kriminalität noch zu erhöhen. Doch zeitlich sehr lang bemessene Gefängnisstrafen sind vielleicht wenigstens genauso inhuman.

John Leslie Mackie 1917-1981

Es gibt viele Aktivitäten, die bekanntermaßen Lebensrisiken in sich bergen – Bergbau, Brückenbau, Kricket oder Autofahrt. Zweifellos sollten wir Vorkehrungen treffen, um dieses Risiko zu senken; doch nehmen wir um anderer Vorteile willen ein gewisses Risiko in Kauf. Ganz gewiß fielen weit weniger Menschen dem Verkehr zum Opfer, wenn für alle Fahrzeuge mit Ausnahme von Noteinsätzen eine Geschwindigkeitsbegrenzung etwa von 30 km/h eingeführt würde. Da wir keinesfalls die aktive Tötung einer vergleichbaren Zahl von Menschen in Kauf nähmen, um gleichgültig welche Vorteile auch immer aus einer höheren Verkehrsgeschwindigkeit zu ziehen, scheint es paradox, daß wir die statistische Gewißheit einer gleich hohen Zahl von Verkehrstoten hinnehmen, solange es sich für jeden (bis er tatsächlich zu Tode kommt) nur um ein Lebensrisiko handelt. Dies erscheint jedoch weniger paradox, wenn wir uns klarmachen, daß es hier nicht einfach um das Resultat – so viele Tote – geht, sondern um ein gedeihliches Leben bestimmter Art, das von entsprechenden Dispositionen getragen wird. Aus diesem Blickwinkel sind Lebensrisiken durchaus in Kauf zu nehmen, hingegen aktive Tötungshandlungen nicht – jedenfalls so lange, wie diejenigen, die die bekannten Risiken um irgendwelcher Vorteile willen in Kauf nehmen, sie für ihr eigenes Leben in Kauf nehmen. Unfair ist es, obwohl es häufiger vorkommt, daß man um eigener Vorteile willen Risiken für das Leben anderer in Kauf nimmt, die selbst eine solche Wahl nicht treffen und auch niemals treffen würden. Wenn sich jedoch die verschiedenen Parteien nicht voneinander isolieren lassen, so scheint eine moralisch annehmbare Lösung in irgendeinem Kompromiß zwischen denjenigen, die bereit sind, bestimmte Risiken in Kauf zu nehmen, und denjenigen, die dazu nicht bereit sind. zu bestehen.
Aus dem Recht auf Leben folgt ein Recht auf Beendigung des eigenen Lebens, obwohl auch dieses Recht nicht ausnahmslos gilt: Auf Seiten anderer können Ansprüche bestehen, die gegen eine Selbsttötung sprechen, die aus der Sicht allein des Handelnden als vorzugswürdig erscheint. Dennoch wäre es nicht schwierig, Umstände zu beschreiben, unter denen eine Selbsttötung erlaubt wäre. Auch kann es nicht moralisch falsch sein, Beihilfe zu einer freiwilligen Selbsttötung zu leisten. Dasselbe Prinzip läßt sich auch zugunsten der Erlaubtheit der Euthanasie anführen, unter der Voraussetzung, daß der Kranke unter Angabe einsichtiger Gründe wirklich und ernsthaft seinen eigenen Tod wünscht und darum bittet. Schwieriger ist die Frage, ob es jemals richtig sein kann, aufgrund eines beim Kranken nur vermuteten Wunsches, sein Leben zu beenden, aktiv zu werden. Meines Erachtens müßten die Gründe für eine solche Vermutung sehr stark sein. Wenn jemand jedoch unter beständigem Einsatz aufwendigster Apparaturen nur gerade noch am Leben erhalten werden kann, ohne daß sein Leben für ihn offensichtlich noch lebenswert ist, ist es richtig, ihn sterben zu lassen.
Vielleicht habe ich den Eindruck erweckt, als würde ich sehr voreilig über hochkomplizierte Sachverhalte urteilen. Ich gebe zu, daß diese Fragen einer sorgfältigeren Prüfung bedürfen. Doch meine ich, daß weder die Zitierung von Schlagwörtern wie «Mord» noch die Rede von der Heiligkeit des Lebens noch auch Versuche, aufgrund einer Abwägung aller Folgen in bezug auf das allgemeine Glück zu einem Urteil zu gelangen, hier hilfreich sein können. Vielmehr sollte man sich sein Urteil stärker von den für diese Fragen relevanten Werten, Rechten und Dispositionen her bilden und diese wiederum von gewöhnlichen und weniger umstrittenen Fällen her zu verstehen suchen.

(Aus John L. Mackie: Ethik / Elemente einer praktischen Moral, Reclam Verlag 1981)

Das Zitat der Woche

Posted in Alexander Mitscherlich, Politik&Gesellschaft, Psychologie, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 14. Juli 2008

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Von der Notwendigkeit der Selbstwahrnehmung

Alexander Mitscherlich

Die Kulturleistungen der großen Religionen nehmen sich aus wie der Diamant in der Kohlenhalde. An der vitalen Kraft, aus der Grausamkeit und Zerstörungslust leben, hat sich im Grundsatz nichts geändert. Unser Jahrhundert der Folter setzt mit neuem Schwung und ungeniert fort, worüber sich zuletzt auch das bürgerliche Jahrhundert in seinen imperialen Besitzungen nicht geschämt hat: den Stolz auf seine Brutalität.
Die Produktionskraft der Industriegesellschaften ist in wenigen Jahren schwindelhaft gestiegen. Aber auch das Ausmaß der Schrecken tat es. Es ist nicht mehr Not wie vor 30 Jahren, die neidisch, hämisch, unversöhnlich, boshaft machen müßte. Es ist überhaupt nicht nur die böse Gesellschaft, die uns da entfremdet. Die Quellen der Aggression sind vielmehr Quellen, die in uns fließen, zu unserer Natur gehören.
Zu hoffen, daß wir von außen, von einem Heilbringer, von unseren Triebwünschen erlöst werden, ist leere Hoffnung. Wir können uns nur so weit frei oder unfrei fühlen, wie wir Kenntnis von uns selbst haben.: nicht verklärte, sondern unbeschönigte Kenntnis. Zu dieser Einsicht gehört, daß wir in dauerndem Konflikt mit den Triebbedürfnissen, den Glückswünschen der anderen leben. Im besten Fall ist Kultur Anweisung zur Harmonisierung unserer Bedürfnisse. Dieser beste Fall ist selten. Erst wenn wir in uns erfahren haben, wie zäh wir an den Befriedigungen, die wir einmal kennengelernt haben, hängen, wie sehr uns der Sinn auch nach der kleinen Münze der Grausamkeit steht, können wir uns selbst Verzichte auferlegen.

Alexander Mitscherlich

Angesichts der verdeckten und unverdeckten Grausamkeit in aller Welt, müssen wir uns eingestehen, daß die großen Sittenlehrer und Sittenlehren der Menschheit gescheitert sind. So wenige sich ans große Vorbild halten konnten, wo sie selbst ins Gedränge der Versuchung kamen, so viele vergaßen total am Wochentag, was sie am Sonntag vielleicht dumpf zu begreifen begonnen hatten. Freud nannte das «Kulturheuchelei» und fand das durchschnittliche Individuum der Kultur von seiner Moral und ihrem Anspruch auf Triebverzicht überfordert. Hier scheint abermals die Grausamkeit geheimer Sieger zu bleiben. Verbirgt sie sich nicht in jenen verbietenden Moralen, die dem schwächlichen Individuum immer die Fehlerrechnung präsentieren und sich an der Qual seines Versagens verlustieren? Der große Rückzug aus dem moralischen Engagement, die verächtliche Auflehnung gegen die Großmeister der Verbotsmoral, hat seine starke Wurzel darin, daß wir heute den geschichtlichen Weg der Menschheit besser kennen als je Menschen zuvor. Wir wissen z.B., daß während wir uns noch vom Exzeß unserer kollektiven Grausamkeit im Zweiten Weltkrieg erholten, an anderen Stellen der Erde schon neue Exzesse aufbrachen.
Die Ermahnung, nett zueinander zu sein und einen Völkerbund zu gründen, ist eben keine Vorbeugung. Die Autorität, die uns belehren könnte, müßte uns durch mehr Wissen über uns befreiend helfen, statt uns vorzuspiegeln, mit gutem Willen wären in Jahrtausenden ausgetretene Fußstapfen der Brutalität zu vermeiden.

Von den wissenschaftlichen Erforschern des menschlichen Verhaltens haben wir zu lernen, daß die Zerstörungsleidenschaft einem Trieb in uns korrespondiert; und zwar geschieht das in jedem von uns. Diese Zerstörleidenschaft entspringt einer der Anlagen des Menschen; keine noch so fürsorgliche Gesellschaft kann uns die Aufgabe der Aggressionsmeisterung abnehmen. Dazu gehört die Überwindung des Wunsches, den Schwächeren zu quälen und in seinem Selbstwert zu erniedrigen. Unsere Gesellschaft kann uns zur Aufmerksamkeit erziehen, Selbsteinsicht nicht aufzugeben, wo wir rücksichtslos fordern und handeln wollen. Meist verdeckt sie aber gerade diese Aufgabe, wo geheiligte Vorrechte zu opfern wären.
Soll Moral im Zeitalter perfekter Vernichtungsmittel nicht zur privaten Kuriosität absinken, zum Deckmantel für Taten, die es zu verschleiern gilt, dann kann die Funktion der Moral nur darin bestehen, uns sanft, aber beharrlich zur Erweiterung unserer Selbstwahrnehmung anzuhalten. Wo sie sinnlos Tugenden fordert, die nicht ohne Schaden erreichbar sind, arbeitet sie im Dienst der Zerstörung: die verwüsteten Landschaften, die ermordeten namenlosen Scharen der Geschichte beweisen es. Sie wurden immer im Namen einer Tugend vernichtet, die sich selbst als die höhere – und deshalb zur Zerstörung privilegierte – verstand. Produktives Schuldgefühl (und nicht bloß quälendes) kann erst entstehen, wo die Lust an der Zerstörung innerlich voll erlebbar wird. Erst dann kann man darangehen, sich von ihrer überrumpelnden Herrschaft zu befreien.
Auf Vorbilder wird es auch weiterhin in jeder menschlichen Gesellschaft ankommen; die, nach denen wir suchen, müssen Ähnlichkeit mit uns selber haben. Sie müssen die Spuren unserer Sorgen und Nöte verraten. Auch die rettende Moral kann nicht mehr von außen erwartet werden: vielmehr geht die Forderung dahin, uns nach Kräften so zu entscheiden, daß andere sich nach uns richten können, ohne dadurch allzu heftig Schaden zu nehmen. Das erspart das Warten auf Wunder, die sicher nicht eintreten werden.

(Aus: Alexander Mitscherlich, Die Idee des Friedens, Suhrkamp&ExLibris 1969)

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Zitate der Woche

Posted in Herbert Marcuse, Ludwig Wittgenstein, Philosophie, Sprache, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 28. April 2008

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Vom Sprechen im Alltag

Ludwig Wittgenstein vs Herbert Marcuse

Ludwig Wittgenstein«435. Wenn man fragt ‘Wie macht der Satz das, dass er darstellt?’ — so könnte die Antwort sein: ‘Weißt du es denn nicht? Du siehst es doch, wenn du ihn benützt.’ Es ist ja nichts verborgen.
Wie macht der Satz das? — Weißt du es denn nicht? Es ist ja nichts versteckt.
Aber auf die Antwort ‘Du weißt ja, wie es der Satz macht, es ist ja nichts verborgen’ möchte man erwidern: ‘Ja, aber es fließt alles so rasch vorüber, und ich möchte es gleichsam breiter auseinander gelegt sehen.’
436. Hier ist es leicht, in jene Sackgasse des Philosophierens zu geraten, wo man glaubt, die Schwierigkeit der Aufgabe liege darin, dass schwer erhaschbare Erscheinungen, die schnell entschlüpfende gegenwärtige Erfahrung oder dergleichen, von uns beschrieben werden sollen. Wo die gewöhnliche Sprache uns zu roh erscheint, und es scheint, als hätten wir es nicht mit den Phänomenen zu tun, von denen der Alltag redet, sondern ‘mit den leicht entschwindenden, die mit ihrem Auftauchen und Vergehen jene ersteren annähernd erzeugen’. (Augustinus: Manifestissima et usitatissima sunt, et eadem rursus nimis latent, et nova est inventio eorum.)»

(Aus Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen I, Suhrkamp Verlag 1971)

Herbert Marcuse«Wittgensteins endloses Sprachspiel mit Bausteinen oder Herr Schulze und Herr Müller, die sich unterhalten, können als Beispiele dienen. Trotz der einfachen Klarheit des Beispiels bleiben die Sprecher und ihre Situation unbestimmt. Sie sind X und Y, wie vertraut sie auch miteinander plaudern. Im wirklichen Universum der Sprache aber sind X und Y ‘Geister’. Sie existieren nicht; sie sind das Produkt des analytischen Philosophen. Natürlich ist das Gespräch von X und Y völlig verständlich, und der Sprachanalytiker appelliert mit Recht an das normale Verständnis gewöhnlicher Menschen. Aber in Wirklichkeit verstehen wir einander nur durch ganze Bereiche des Mißverständnisses und Widerspruchs hindurch. Das wirkliche Universum der Alltagssprache ist das des Kampfes ums Dasein.»

(Aus Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch, Luchterhand Verlag 1967)

Das Zitat der Woche

Posted in E. M. Cioran, Philosophie, Psychologie, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 21. April 2008

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Vom Ich und vom Selbst

Emile Michel Cioran

«Die Fensterläden sind geschlossen, ich strecke mich im Dunkeln aus. Die Außenwelt, ein immer weniger unterscheidbares Geräusch, verflüchtigt sich. Übrig bleiben nur ich und… das ist die Frage. Einsiedler haben ihr Leben damit zugebracht, mit dem Dialog zu führen, was in ihnen am verborgensten war. Könnte ich doch nach ihrem Beispiel mir diese äußerste Disziplin auferlegen, in der man das Innerste seines eigenen Wesens erreicht! Es ist diese Unterhaltung des Ich mit diesem innersten Selbst, dieser Wechsel vom einen zum andern, worauf es ankommt und was nur Wert hat, wenn man es ständig wiederaufnimmt, bis das Ich schließlich im andern, in seiner wesentlichen Fassung aufgeht.»

(Aus Emile Michel Cioran: «Vom Nachteil, geboren zu sein», Suhrkamp 1979)

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