Glarean Magazin

Interessante Buch- und DVD-Neuheiten – kurz vorgestellt

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Therese Bichsel: «Grossfürstin Anna» – Roman

Die Emmentaler Schriftstellerin und Journalistin Therese Bichsel (*1956) ist seit 1997 v.a. als gut recherchierende und literarisch gewandte Porträtistin historischer Frauengestalten im Bewusstsein der literarischen Öffentlichkeit. Nun legt sie – wiederum im Zytglogge Verlag – die Roman-Biographie der Prinzessin Juliane von Sachsen-Coburg vor – jener Anna Feodorowna (1781-1860), die später als russische Grossfürstin an die Seite eines Enkels von Katharina der Grossen verheiratet wird, dann aber aus St. Petersburg flieht und in der Schweiz heimliche Geliebte und Mutter zweier Kinder wird. Bichsel rollt das Schicksal der 14-Jährigen Prinzessin Juliane einfühlsam und historisch informativ auf bis hin zu den wenigen glücklichen Tagen der schließlich geschiedenen russischen Fürstin Anna auf ihrem prächtigen Gut «Elfenau» nahe der Berner Aare. Die Autorin selber zur Entstehungsgeschichte ihres Buches: «Vor einiger Zeit stiess ich auf Anna Feodorowna und war bald fasziniert von dieser Frau, ihren schwierigen Männerbeziehungen und ihrem Kampf um die unehelichen Kinder in einer Zeit des Umbruchs.» – Eine willkommene Bereicherung des an Interessantem momentan nicht so reichen Genres «Historischer Roman».  ■

Therese Bichsel: Grossfürstin Anna – Flucht vom Zarenhof in die Elfenau, Roman, 304 Seiten, Zytglogge Verlag, ISBN 978-3-7296-0851-1

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DVD-Dokumentation: «Glenn Gould – Genie und Leidenschaft»

Das kanadische Musik-Phänomen Glenn Gould steht im Mittelpunkt des Dokumentarfilms «Genie und Leidenschaft», unlängst in einer Doppel-DVD (inkl. eines «internationalen Director’s Cut») bei «Mindjazz Pictures» erschienen. Das Video präsentiert vielschichtig und über weite Strecken eindringlich präsentiert das Leben und Werk einer der faszinierendsten Persönlichkeiten der jüngeren Musikgeschichte. Pianist Gould – «Der Mann mit dem Mantel und dem Stuhl» – ist bis heute Gegenstand sowohl internationaler Verehrung als auch unablässiger klavierinterpretatorischer Forschung, und auch 30 Jahre nach seinem Tode scheint die Faszination für diesen Ausnahmekünstler noch nicht nachgelassen zu haben. Der Film beinhaltet unveröffentlichtes Archivmaterial, Interviews mit Gould-Freunden sowie Ausschnitte aus bisher noch nicht publizierten privaten Bild- und Tonaufnahmen. – Die beiden DVDs bringen die (so facettenreiche wie zerrissene) Pianisten-Ausnahmerscheinung Glenn Gould mit all ihrer Widersprüchlichkeit und musikalischen Obsession, aber auch mit ihrer intellektuellen Vielschichtigkeit und interpretatorischen Tiefe nahe. Empfehlenswert. ■

Glenn Gould – Genie und Leidenschaft, Dokumentarfilm von Michele Hozer und Peter Raymont, Mindjazz Pictures, Doppel-DVD, 84 Min. & Bonusmaterial 106 Min.

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Ken Follett: «Winter der Welt» – Roman

Die Irrungen und Wirrungen des Zweiten Weltkrieges, seine globalen wie einzelmenschlichen Schicksale nimmt Englands wohl berühmtester Bestseller-Autor Ken Follett («Die Nadel») diesmal als historisches Panorama her für seinen jüngsten Wälzer «Winter der Welt». Der über 1000-seitige Roman – Übersetzung: Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher – ist als der zweite Teil einer «Jahrhundert-Saga»  gedacht – nach «Sturz der Titanen» -  und breitet episch vor zeitgeschichtlich dramatischem Hintergrund mannigfaltige Handlungsstränge mit zahllosen fiktiven wie realen historischen Persönlichkeiten aus. Für manche Leserschichten aspruchsvollerer Belletristik mag Ken Follett (*1949) teils etwas geschwätzig, teils etwas rührselig daherschreiben. Für die in die Millionen gehende Fan-Gemeinschaft des produktiven – und übrigens auch sozial sehr engagierten -, dabei äußerst detailreichen Schriftstellers ist selbstverständlich «Winter der Welt» das literarische Muss dieses Herbstes. ■

Ken Follett, Winter der Welt, Roman, Lübbe Verlag, 1020 Seiten, ISBN 978-3-7857-2465-1

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Weitere Rezensionen im Glarean Magazin

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Inge Grolle: «Die jüdische Kauffrau Glikl» (Biographie)

Posted in Buch-Rezension, Günter Nawe, Inge Grolle, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rezensionen by Walter Eigenmann on 29. Juli 2011

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«Aus vielen Sorgen und Nöten und Herzeleid»

Günter Nawe

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Sie war eine deutsch-jüdische Kauffrau, eine erfolgreiche Unternehmerin und Perlenhändlerin. Sie lebte von 1646 bis 1724, geboren in Hamburg und gestorben in Metz. Sie hieß eigentlich korrekt «Glikl bas Judah Leib» (Tochter des Judah Leib), wurde aber eher bekannt als «Glückl von Hameln», benannt nach dem Herkunftsort ihres Mannes Chajim: Hameln.
Glikl führte ein außergewöhnliches und exemplarisches Leben, über das sie in erster Linie ihren Kindern berichtete – und durch einen Glücksfall auch der Nachwelt. So liegen sowohl der Urtext ihrer Erinnerungen in westjiddischer Sprache (und hebräischen Schriftzeichen) – in «Weiberdeutsch», wie es etwas despektierlich hieß – vor als auch mehrere Übertragungen. Zuletzt kam dieses Verdienst 1913 Alfred Feilchenfeld zu. Eine Neuausgabe erfolgte 1994, der Fassung von Bertha Pappenheim, eine Nachfahrin der «unbekannten Jüdin» Glikl, durch Viola Roggenkamp.

Dieser außergewöhnlichen Frau hat jetzt Inge Grolle ein «Lebensbild» gewidmet. Die Autorin, sie studierte Geschichte, Germanistik und Romanistik, hat sich durch zahlreiche wissenschaftliche Publikationen einen Namen gemacht. Ihr besonderes Interesse gilt der hamburgischen Sozial- und Frauengeschichte. Ihre Arbeit über die Kauffrau Glikl hat sie entlang der bekannten biografischen Fakten gerschrieben, immer aber in den Konzext von Zeit und Zeitumständen gestellt.

Bertha Pappenheim im Kostüm der Glikl. Pappenheim, eine entfernte Verwandte Glikls, übersetzte und veröffentlichte 1910 deren Memoiren. (Nach einem Gemälde von L. Pilichowski)

So ist Grolles Buch für den Leser ein faszinierendes Porträt der Glikl von Hameln und gleichzeitig ein spannendes Zeitpanorama. Wie lebte Glikl von Hameln, und wie lebten Juden Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts in Deutschland? In den Erinnerungen der Glikl können wir es nachlesen. Sie hatten geschäftlichen Erfolg, genossen zum Beispiel als «Hofjuden» Anerkennung. Sie waren insgesamt und als Familie im Besonderen gefährdet als Juden und Kaufleute. Es gab Krankheiten wie die Pest. Und es gab religiöse Umbrüche und Irritationen (zum Beispiel das Auftreten dess Sabbatai Zwi), die sich auf das religiöse Leben der Juden auswirkten. Es gab staatliche Restriktionen und persönliche Verfolgungen.

Das alles hat Glikl nicht nur miterlebt, sondern auch aufgeschrieben. Sie, Mutter von 12 Kindern, dreißig Jahre mit Chajim verheiratet, später als selbständige Geschäftsfrau mit internationalen Verbindungen tätig, schildert sehr ausführlich die äußeren Umstände ihres Lebens. Sie gibt aber auch einen Blick in ihre Seelenlage – «Aus vielen Sorgen und Nöten und Herzeleid». Sie, die aufopferungsvolle Frau und Mutter, findet ihren Halt im Glauben an einen Gott, der sie hält, obwohl «sündig», und dem sie sich in jeder Siuation ihres Lebens anvertraut. Dass sie, nach einer zweiten und nicht sehr glücklichen Ehe, verarmt starb, macht ihre persönliche Tragik aus.

nge Grolle erinnert uns mit ihrem Lebensbild der Kauffrau Glikl von Hameln nicht nur an eine faszinierende Frau, sondern gibt auch ein sehr differenziertes Zeitbild. Die Lebenswelt der Glikl war geprägt von Zeitgeist und Zeitumständen und kann so als exemplarisch gelten. Inge Grolles sehr empfehlenswerte Arbeit ist es auch.

Dies alles ist bei Inge Grolle zu lesen. Und mehr. Die jüdischen Sitten und Gebräuche werden uns ebenso nahegebracht wie das Rollenverständnis von Mann und Frau in der jüdischen Lebenswelt – vor allem aber das Selbstverständnis einer jüdischen Frau in der damaligen Zeit.
So erzählt Inge Grolle von der Geschichte und den Geschichten.der Glikl, die uns mit ihren Aufzeichnungen auch ein höchst wichtiges literarisches Zeugnis hinterlassen hat. Und es ist sehr schön, dass die Autorin einige dieser von Glikl erzählten Geschichten an das Ende ihres Buches gestellt hat. Von einer «märchenhaften Atmosphäre altjiddischer Erzählkunst» ist die Rede (I.G.). Und weiter: «Inmitten von Glikls biografischem Bericht ist die sprachliche Suggestion der Geschichten manchmal so stark, dass die dramatischen Ereignisse ihres eigene Lebens fast selbst den Charakter eines alten Exempels annehmen.» Dem ist von Seiten des Lesers nichts hinzuzufügen. ▀

Inge Grolle: Die jüdische Kauffrau Glikl (1646-1724), 194 Seiten, Edition Temmen Hamburg, ISBN 978-3-8378-2017-1

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Martin Tamcke: «Tolstojs Religion»

Posted in Biographie, Buch-Rezension, Jan Neidhardt, Lew Tolstoj, Literatur, Martin Tamcke, Rezensionen by Walter Eigenmann on 7. Dezember 2010

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Suche nach einem gültigen Lebensentwurf

Jan Neidhardt

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Lew Nikolajewitsch Tolstoj (1828-1910) zählt zu den bekanntesten russischen Schriftstellern und zu den größten Autoren der Weltliteratur überhaupt. Der Sohn einer russischen Adelsfamilie war dem Realismus verpflichtet und beschäftigte sich in seinem Werk insbesondere mit dem Gegenstand des Sinns des menschlichen Daseins.
In «Tolstojs Religion» stellt sich der Theologe Martin Tamcke einer Annäherung an ein für Tolstoj lebensbeherrschendes Thema: der Spiritualität und dem «richtigen Leben». Tolstoj war von der Absicht getrieben einen für ihn gültigen moralischen Lebensentwurf zu entwickeln, der auf Basis seiner Religiosität bestehen sollte. Zentral war für ihn hierbei die Suche nach der Begegnung mit Gott. Ein Mensch, der sich derart intensiv wie Tolstoj auf die Suche nach dem Schöpfer begibt, wird auch an der Auseinandersetzung mit den offiziellen Vertretern der Kirche (besonders im Russland der damaligen Zeit) nicht vorbeikommen.

Literarisch leidenschaftliche Suche nach den menschlichen Grundwerten: Erste Manuskript-Seite von «Krieg und Frieden»

Das Buch macht sehr gut deutlich, wie Tolstoj letztlich hier keine Antworten fand. Die Auseinandersetzung war immer stärker von Kritik geprägt und führte schließlich zu seiner Exkommunizierung durch die orthodoxe Kirche. Auch Tolstoj selbst wurde durch seine Suche nach einem Lebensentwurf immer wieder vor persönliche Schwierigkeiten gestellt. So stellte er fest, dass ein gültiger Lebensentwurf immer im Verlauf eines bereits gelebten Lebens entsteht, welches meist den moralischen Ansprüchen nicht genügen kann.

Die «menschlichen Grundfragen» anhand von Tolstoj beleuchtet: Martin Tamcke

Martin Tamcke schildert diese Schwierigkeiten sehr anschaulich und gut nachvollziehbar. Details oder eine Chronologie der Lebensgeschichte Lew Tolstojs spielen dabei eine eher untergeordnete Rolle, es werden bestimmte Aspekte des Lebens und Werks des Autors beleuchtet, und das Buch setzt beim Leser schon gewisse Grundkenntnisse voraus. Tolstoj erscheint hier nicht unbedingt in einem ganz neuen Licht, doch Leben und Lebensbetrachtung werden in Hinblick auf das Religiöse gut erfahrbar.

«Tolstojs Religion» von Martin Tamcke ist eine gelungene Auseinandersetzung mit Tolstojs Suche nach dem «richtigen Leben», insbesondere im Hinblick auf sein religiöses Fragen. Tolstoj wird als Mensch mit sehr menschlichen Problemen gezeigt - eine interessante Ergänzung zu den originalen Werken des großen russischen Schriftstellers.

Was ich persönlich zudem spannend fand, sind die Entwicklungen in der russisch-orthodoxen Kirche und die Macht der Zensur im 19. bis frühen 20. Jahrhundert. Martin Tamckes Anspruch, Tolstoj «nicht zu einer Autorität für alternative religiöse Konzepte zu küren [...], sondern ihn vor den gleichen menschlichen Grundfragen zu sehen, die sich vielen von uns auch heute stellen», wird in diesem Buch sehr gut eingelöst, da der Bezug auch zum heutigen Leben hergestellt werden kann, insbesondere hinsichtlich der vielen Möglichkeiten, die sich uns heute zu bieten scheinen. Das Buch erlaubt Vergleiche anzustellen, und es regt an Dinge zu hinterfragen… ■

Martin Tamcke: Tolstojs Religion -  Eine spirituelle Biographie, Insel / Suhrkamp Verlag, 154 Seiten, ISBN 978-3458174837

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Peter Gülke: «Robert Schumann – Glück und Elend der Romantik»

Posted in Biographie, Buch-Rezension, Günter Nawe, Musik, Peter Gülke, Rezensionen, Robert Schumann by Walter Eigenmann on 9. September 2010

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«Was er bedeute und wolle»

Günter Nawe

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Das ist das Schöne an Gedenktagen, dass sie immer wieder Dichter, Denker, Maler oder Komponisten aus der Gefahr der Vergessenheit erretten oder neue und anders gewichtete Aspekte von Leben und Werk an das Licht einer interessierten Öffentlichkeit bringen. In diesem Jahr waren und sind es vor allem Komponisten wie Chopin, Mahler und Robert Schumann, die Aufmerksamkeit erregten und zu vielfältigen Würdigungen Anlass gaben und geben.
Eine sehr gewichtige neue Arbeit ist Robert Schumann gewidmet. Von ihr soll hier die Rede sein – und von seinem (aus der Fülle vieler «Wortmeldungen») herausragenden Biografen Peter Gülke.
Gülke, Kapellmeister, Musikwissenschaftler und Musikdirektor in Dresden und Weimar, ist eine Ausnahmeerscheinung sowohl als Musiker wie auch als Autor umfangreicher Musikliteratur. Und das eben bekommt seiner großen Biografie – oder soll man besser sagen: seinem biografischen Essay – besonders gut. «Robert Schumann – Glück und Elend der Romantik» ist deshalb auch keine chronologische Abfolge von Lebens- und Werkdaten, sondern eine thematisch gegliederte, musikologisch orientierte Arbeit.

«Innige Verbindung von Musik und Dichtung»: Die von Schumann gegründete «Neue Zeitschrift für Musik» (1834)

Wichtig erscheint Gülke, die große romantische Gestalt des Komponisten darzustellen, der zwischen kreativem Überschwang und dem Zwang zu schöpferischen Vollendung seiner Kompositionen zu sehen ist. «Unter den Großen war er der Ungeduldigste. Entweder gelingt etwas sofort, oder es gelingt nie – das war die Prämisse seiner Arbeit, ausgewiesen durch kaum glaubliche, nur Mozart und Schubert vergleichbare Geschwindigkeit und Sicherheit im Vollbringen» – so Peter Gülke.

Leidenschaftlich war dieser Robert Schumann, der am 8. Juni 1810 in Zwickau geboren wurde, der im Alter von 44 Jahren dem Wahnsinn verfiel und am 29. Juli 1856 in einer Nervenheilanstalt in Bonn-Endenich verstarb, in vieler Hinsicht. Eine Pianistenlaufbahn wegen eines ruinierter Fingers blieb ihm verwehrt. Stattdessen widmete er sich ausführlicher Lektüre von Jean Paul und E. T. A. Hoffmann, Hölderlin und Poe, sowie der Abfassung von beachtlichen und beachtete Musikkritiken. Und schließlich dem Komponieren.
Eine sehr genaue Zeittafel ist übrigens dem Buch von Gülke angefügt. Leben und Werk – auch hier wird es deutlich – ist bei Robert Schumann eng verflochten. Das zu analysieren und zu bewerten hat sich Peter Gülke zur Aufgabe gemacht – und diese hervorragend gelöst.

Schumanns Arbeitszimmer in Leipzig

Klavierwerke, Lieder, Sinfonien, Opern und ein Requiem – vielseitiger und umfangreicher ging es kaum. Und das von einem wilden, kreativen, ja versoffenen Genie. Gülke: «Auf der einen Seite war er störrisch, hochfahrend und stolz. Aber auf der anderen Seite war er ebenso oft wahnsinnig, oft zerknirscht, tief enttäuscht und in unendliche Depressionen versunken. Das geht unglaublich stark hin und her bei ihm». So gegensätzlich wie der Mensch ist auch sein Werk. «Die Träumerei» und manche Lieder wurden und werden unter dem Rubrum «romantisch» gehört – trotz vieler artifizieller Eigenheit und Raffinessen.

Zum «romantischen» Schumann gehört natürlich die Ehe mit Clara Schumann, auch wenn diese Ehe alles andere als nur romantisch war. Wenn zwei geniale Künstler zusammenkommen, bringt das zwangsläufig Interessenkonflikte, die ausgelebt und ausgekämpft werden müssen. So auch bei Robert und Clara, der er in unzähligen Liedern permanent Liebeserklärungen macht. Robert Schumann war im wahrsten Sinne eine zerrissene Persönlichkeit. Und Gülke weiß das – und lässt es uns wissen. Glück und Elend der Romantik also am Beispiel des Robert Schumann.

Peter Gülke

Dies alles erzählt Peter Gülke – er ist schließlich Musikwissenschaftler – unter dem Gesichtspunkt des Werkverständnisses. Und so wird das immense Werk des Robert Schumann ausführlich interpretiert. Denn, so Schumann selbst: «Es affiziert mich alles, was in der Welt umgeht, Politik, Literatur, Menschen – über alles denke ich in meiner Weise nach, was sich dann durch die Musik Luft machen, einen Ausdruck suchen will.»
Gülke hat sich mit den musikalischen und vielen ästhetischen Aspekten auseinandergesetzt. Er war den vielen Einflüssen auf der Spur und hat sie gefunden.

Ein brillanter Essay, eine großartige Monografie. Peter Gülke hat die Persönlichkeit Robert Schumanns eloquent, sprachlich geschliffen, vor allem aber mit großer Sachkenntnis – sowohl was das Biografische als auch das Werk mit seinen vielen Facetten angeht – dargestellt.

Peter Gülke hat in seiner neuen Biographie die Persönlichkeit Robert Schumanns eloquent, sprachlich geschliffen, vor allem aber mit großer Sach- und Fachkenntnis dargestellt – sowohl was das Biografische als als auch das Werk und dessen viele Facetten angeht. Ein brillanter Essay!

Robert Schumann hat, wie Gülke schreibt, «ein geordnetes Haus hinterlassen». Und er zitiert den Komponisten: «Man hüte sich als Künstler, den Zusammenhang mit der Gesellschaft zu verlieren, sonst geht man unter wie ich.» Peter Gülke hat stellvertretend den «Zusammenhang mit der Gesellschaft», mit uns, den Lesern, wieder hergestellt. Und etwas erreicht, was Schumann verwehrt blieb. Dem Besucher Joseph Joachim hat Schumann am Ende «zugeraunt», «er müsse von Endenich weg, denn die Leute verstünden ihn gar nicht, was er bedeute und wolle.» Wie wahr! ■

Peter Gülke: Robert Schumann – Glück und Elend der Romantik, 268 Seiten, Paul Zsolnay Verlag, ISBN 978-3-552-05492-9

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Leseproben

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Robert Zimmer: «Arthur Schopenhauer» (Biographie)

Posted in Arthur Schopenhauer, Biographie, Buch-Rezension, Günter Nawe, Literatur, Philosophie, Rezensionen by Walter Eigenmann on 2. September 2010

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Ein durchweg zweideutiges Leben

Zum 150. Todesjahr von Arthur Schopenhauer

Günter Nawe

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Rechtzeitig zum 150. Todesjahr des großen deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer hat Robert Zimmer eine großartige Biografie vorgelegt. Für den promovierten Philosophen war und ist Arthur Schopenhauer nicht nur ein bedeutender Philosoph, er war der wohl einzige Philosoph, der ein umfassendes Verständnis hatte für Musik und Kunst und Literatur (Shakespeare und Goethe zum Beispiel), und der selbst ein exzellenter Schriftsteller war. Dies alles beschreibt Zimmer im Kontext zu den Lebensdaten und der Werk- und Wirkungsgeschichte Schopenhauers. Und das in einer Art und Weise, die auch dem nicht philosophisch geschulten Leser Gewinn verspricht und Freude machen wird, und ohne ins populärwissenschaftliche Genre abzugleiten.

Denn es war für einen Denker und Gelehrten schon ein aufregendes Leben, das dieser 1788 in Danzig geborene Schopenhauer geführt hat. Eine Reihe von Lebensstationen gab es: Hamburg (hier erlernte er den Kaufmann-Beruf), Gotha und Weimar, Göttingen und Berlin, Rudolstadt und Dresden, und schließlich Frankfurt/Main. Dazu viele Reisen, schon als Kind mit Aufenthalten in Holland, England, Frankreich und der Schweiz. Später zwei Italienreisen. In Rudolstadt schrieb er seine Dissertation «Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde», Grundlage für sein späteres Hauptwerk «Die Welt als Wille und Vorstellung» (1818). In Weimar gab es dann die Auseinandersetzung mit Mutter Johanna und Schwester Adele, die mit einem unkittbaren Zerwürfnis endete. Mit Goethe, den er verehrte, hatte er Kontakt über die «Farbenlehre», der Schopenhauer allerdings selbstbewusst und überheblich eine eigene Schrift «Über das Sehn und die Farben» (1816) entgegenstellte. Ein «durchweg zweideutiges Leben» also. Am 21. September 1860 ist der Philosoph Arthur Schopenhauer in Frankfurt/Main gestorben.

Die erste Manuskript-Seite des 2. Bandes von Shopenhauers «Die Welt als Wille und Vorstellung»

Zimmer versteht es, alle diese Ereignisse korrespondieren zu lassen mit den Anschauungen dieses gern als pessimistisch, misanthropisch und frauenfeindlich apostrophierten Einzelgängers mit dem Pudel, der allerdings auch Liebesbeziehungen, unter anderem mit einer Choristin der Berliner Oper, und uneheliche Kinder hatte. Stattdessen war – nach Zimmer – der Philosoph ein kosmopolitischer Denker (mit gutem Grund trägt diese Biografie den Untertitel «Ein philosophischer Weltbürger»), der es verstanden hat, abendländisches Denken mit fernöstlichen Weisheiten in Verbindung zu bringen.

Dies und sein Eigenwille brachte ihn zwangsläufig in Konflikt mir der bisherigen Philosophie und ihren Vertretern, die er neben sich nicht gelten ließ – außer Kant, den die akademische Philosophie missverstanden habe, und mit dem einzig er – Schopenhauer – auf Augenhöhe denken könnte. So ist besonders die Auseindersetzung mit seinen «Erzfeinden»  Hegel, Fichte und Schelling und mit der gesamten akademischen Philosophie bemerkenswert. Den Vorwurf: «Die Philosophie-Profeßoren haben redlich das Ihrige gethan, um dem Publiko die Bekanntschaft mit meinen Schriften wo möglich auf immer vor zu enthalten. Beinahe 40 Jahre hindurch bin ich ihr Caspar Hauser gewesen.» wird er bis in seine letzten Jahre aufrecht erhalten.. Er rächt sich, indem er vom «ekelhaften Hegeljargon» spricht, von der «Hegelei» und von «Hegelianischen Flausen», und auch an allen anderen kein gutes Haar lässt.

Biograph Robert Zimmer

Auch am Leser übrigens nicht. «Meine letzte Zuflucht ist jetzt, ihn (den Leser) zu erinnern, daß er ein Buch, auch ohne es gerade zu lesen, doch auf mancherlei Art zu benutzen weiß. Es kann, so gut wie viel andere, eine Lücke seiner Bibliothek ausfüllen, wo es sich, sauber gebunden, gewiß gut ausnehmen wird. Oder auch er kann es seiner gelehrten Freundin auf die Toilette, oder den Theetisch legen. Oder endlich er kann ja, was gewiß das Beste von Allem ist und ich besonders rathe, es recensiren.» Auch wenn Schopenhauer gedichtet hat: «Daß von allem, was man liest, / Man neun Zehntel bald vergißt, / Ist ein Ding, das mich verdrießt./ Wer’s doch All auswendig wüßt’!»

Robert Zimmer erzählt in «Ein philosphischer Weltbürger» umfassend von Leben und Werk des Denkers Arthur Schopenhauer, der die deutsche Philosophie aus dem akademischen Elfenbeinturm befreit hat.

So war er, dieser Arthur Schopenhauer, der einmal von sich sagte: «Das Leben ist eine missliche Sache: ich habe mir vorgesetzt, es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken.»  Und das tat er gründlich und prononciert, sodass sein Werk, vor allem die «Parerga und Paralipomena» (1851) mit den «Aphorismen zur Lebensweisheit», eine Art «Steinbruch» sind, aus dem sich jeder, was immer er will herausschlagen kann. Zum Beispiel Sprachpuristen, die gern sein Diktum gegen die «Sprachverhunzung» zitieren: «Empörend ist es, die deutsche Sprache zerfetzt, zerzaust und zerfleichst zu sehen, und oben drauf den triumphirenden Unverstand, der selbstgefällig sein Werk belächelt.»

Robert Zimmer erzählt umfassend und verständlich, sodass der Leser ein sehr komplexes Bild von diesem kosmopolitischen Denker und Schriftsteller, auch vom Menschen Schopenhauer und vom Philosophen erhält, der die deutsche Philosophie des 19. Jahrhunderts maßgeblich erweitert hat. Vor allem hat er sie dank seiner verständlichen Sprache aus dem akademischen Elfenbeinturm befreit. ■

Robert Zimmer: Arthur Schopenhauer – Ein philosophischer Weltbürger, Biografie, 316 Seiten, Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-24800-6

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Leseproben

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Karin Andert: «Monika Mann – Eine Biografie»

Posted in Buch-Rezension, Günter Nawe, Karin Andert, Literatur, Monika Mann, Rezensionen by Walter Eigenmann on 21. Juni 2010

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Das ungeratene Kind

Günter Nawe

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Im September 1934 beschrieb Katia Mann ihrem Sohn Klaus die Rückkehr der Tochter und Schwester Monika aus dem Internat Salem: «Vom Mönle (Monika – die Red.), Deiner Lieblingsschwester in ihrer Art, muß ich Dir doch wohl auch kurz berichten, um so mehr, als ihre Ankunft geradezu sensationellen Charakter trug, so überaus verschönt, gertenschlank, mit herrlichen Fladeaus versehen und mit feurigen Samzungen modisch angetan und stolz gereckt entstieg sie dem Zuge, die eigenen Geschwister erkannten sie buchstäblich nicht, aber bei näherer Bekanntschaft erwies sich die Transformation doch nur als recht äußerlich, auch bekommt ihr ja leider das Elternhaus erfahrungsgemäß nicht, und sie ist, nach dreiwöchigem Aufenthalt hier, doch ganz das alte dumpf-wunderliche Mönle, völlig unbeschäftigt, die Speisekammer bemausend (was ihrer Schlankheit abträglich ist), teilnahmslos und unbekümmert, mit bisweilen aufblitzenden Hintergründen. So wird es wohl bleiben». Mutterliebe klingt anders.
Und so ist es geblieben – nicht das Mönle, aber das Verhältnis von Monika zu Vater und Mutter und zu den Geschwistern. Sie war eindeutig das «Stiefkind» in der Familie des Großschriftstellers Thomas Mann, der Monikas Geburt einfach ignorierte, weil mit ihr «die Grenze des Lächerlichen, fürchte ich, erreicht» ist. Auch in den Forschungen um und über die Familie Mann, in der Literaturwissenschaft und in der Biografistik ist dem «vierten der sechs ungeratenen Kinder» (so Monika über sich selbst), dem «ungeliebten» Mönle, bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden.

Monika Mann in den 1920-er Jahren: «Das alte dumpf-wunderliche Mönle, völlig unbeschäftigt, die Speisekammer bemausend»

Jetzt hat Karin Andert diesem «Stiefkind», dessen 100. Geburtstags wir in diesem Jahr gedenken, eine umfassende, sehr kluge und sensible Biografie gewidmet. Übrigens: die erste überhaupt. Die Autorin verfolgt weniger chronologisch denn auf Lebensereignisse und Lebensbeziehungen bezogen den Lebensweg von Monika Mann, geboren am 7. Juni 1910 in München und gestorben am 17. März 1992 in Leverkusen. Der Biografin ist so nicht nur eine eindringliche, brillante Biografie gelungen, sondern auch ein höchst sensibles Porträt einer Frau mit den «zwei Gesichtern» (Andert). Dass Monika Mann die Sympathie der Autorin gehört, kann der Leser teilnehmend nachvollziehen. Dennoch lässt die Literaturwissenschaftlerin Karin Andert zu keiner Zeit die wissenschaftlich-kritische Distanz vermissen.

Auch aus einem anderen Grund ist diese Biografie bemerkens- und lesenswert. Hat doch Karin Andert eine Fülle bisher unbekannten Materials gesichtet und berücksichtigt. So das bisher unveröffentlichte «New Yorker Tagebuch» aus dem Jahre 1945, das dieser Biografie sowohl in deutscher als auch englischer Sprache dieser Biografie angefügt ist.Das gilt auch für das «Monika-Büchlein» der Mutter Katia Mann aus den Jahren 1910-1914.
So sehen wir jetzt deutlicher, wer diese Frau war, die – es sei noch einmal gesagt – so recht nicht zur Familie gehörte. Sie hat ihren Vater geliebt und stets die Nähe zur Mutter gesucht; auch später in ihren Schriften. Nichts davon ist ihr zurückgegeben worden. Sicher, sie war kein einfaches Kind – aber wer von den Mann-Kindern war das schon. Und so ist Monika Mann ihren Lebensweg allein gegangen. Die begabte Musikerin hat ein Klavier-Karriere abgebrochen, die späteren Veröffentlichungen der sehr talentierten Schriftstellerin  – Feuilletons, «Vergangenes und Gegenwärtiges», «Das fahrende Haus» sowie beachtete Texte in deutscher, englischer und italienischer Sprache – sind gegen den Widerstand der Familie, vor allem zum Missfallen der Schwester Erika, der Gralshüterin, erschienen.

Karin Andert

Das traumatische Erlebnis ihres Lebens war der Tod ihre Mannes Jenö Lányi. Auf der Überfahrt nach Amerika 1940 wurde die «City of Benares» von einem deutschen U-Boot torpediert und sank. Monikas Mann ertrank vor ihren Augen. Auch in dieser Situation erschreckt die Kälte, die ihr von den Eltern entgegenschlug. Es dauerte, bis sie sich gefangen hatte und an «neues» Leben denken konnte. Nach vielen Reisen und  immer neuen Wohnsitzen – ein Zusammenwohnen mit der Familie, ob mit Eltern oder Geschwistern, erwies sich als unmöglich -, nach der Emigration fand sie auf Capri nicht nur eine neue Liebe, die ihr Leben dreißig Jahr lang  bestimmen sollte, sondern auch endlich so etwas wie Heimat – real und gefühlsmäßig. Hier ist Monika Mann zu einer selbstbewussten, höchst eigenständigen Persönlichkeit geworden. Hier hat sie aber auch die gewünschte Anonymität gefunden: «Mann suchte Landschaft, Ruhe und Menschenleere. Ihr Gang nach außen waren ihre Texte», so der Verleger Nikolaus Gelpke. Und Karin Andert: «Monika Mann hatte es als schweigsame Person schwer in einer Familie, in der das gesprochene Wort eine wichtige Rolle spielte». Monika Mann reagierte mit ihren Texten.

Karin Andert ist nicht nur eine eindringliche, brillante Biografie gelungen, sondern auch ein höchst sensibles Porträt einer Frau mit den «zwei Gesichtern» (Andert). Sie stellt das Persönlichkeitsbild der Monika Mann in den Kontext der Familien- und Zeitgeschichte. Sie hat bisher unbekanntes Material gesichtet und berücksichtigt. Und sie hat das Bild von Monika Mann, diesem ungeliebte Mitglied der Familie Mann, neue und sicher gerechtere Konturen verliehen. Aus diesen und vielen anderen Gründen: lesenswert.

Karin Anderts Biografie wirft auch ein vielleicht nicht unbedingt neues, aber bezeichnendes Licht auf die übrigen Familienmitglieder dieser in jeder Hinsischt außergewöhnlichen Familie Mann. Gleichzeitig ist diese Biografie eine Art Rehabilitation dieser komplexen, oft auch widersprüchlichen Persönlichkeit.
Frido Mann, der Neffe, der Nepomuk Schneidewein aus dem «Doktor Faustus» von Thomas Mann, schrieb in seiner Autobiografie «Achterbahn» über seine Tante: «Monika ist und bleibt die Verfemteste unter allen Geschwistern, über den Tod hinaus. Auch ihre Mutter verhält sich entsprechend. Sich über Monikas Schriftstellerei herablassend, ja angewidert zu äußern, gehört die ganzen Jahre und Jahrzehnte hindurch zum guten Familienton.»
Sein Fazit über die Biografie von Karin Andert lautet deshalb: «Eine überfällige, liebevoll und akkurat durchgeführte Rehabilitation dieser allseits verfemten Verwandten». ■

Karin Andert: Monika Mann – Eine Biografie, 326 Seiten, Mare-Verlag, ISBN 978-3-86648-125-1

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O.Philipponnat/P.Lienhardt: «Irène Némirovsky – Die Biographie»

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Ein Leben wie ein Roman

Günter Nawe

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Neun Romane, eine Biographie und achtunddreißig Erzählungen – und das alles in etwa zehn Jahren: Irène Némirovsky gehörte sicher zu den produktivsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit. Sie war Russin, Französin und Jüdin. Sie hat den phänomenalen Roman «Suite Française» geschrieben, der erst nach ihrem Tod erschienen ist und sie auf einen Schlag bekannt gemacht hat. Und wie ein Roman liest sich auch ihr Leben – mit tragischem Ende. Wer aber war Irène Némirovsky wirklich?

2005 ist eine Biographie von Jonathan Weiss erschienen, etwa zu dieser Zeit auch die Biographie von Élisabeth Gille: «Le mirador». Beide ehrenwert, aber nicht unbedingt zuverlässig. Ab sofort ist das anders. Olivier Philipponnat und Patrick Lienhardt haben eine fulminante, vor allem aber ausführliche und äußerst gründliche Lebensbeschreibung dieser außergewöhnlichen Schriftstellerin verfasst. Dabei gelingen den beiden Biographen höchst sensible Momentaufnahmen ebenso wie prägnante Schilderungen von Zeit und Gesellschaft. An dieser Biographie, die ein komplexes Bild der Schriftstellerin zeichnet, wird man sich in Zukunft bei der Beschäftigung mit Irène Némirovsky orientieren müssen.

Irène Némirovsky wurde 1903 in Kiew geboren. Sie war aus einem reichen jüdischen Hause, musste aber 1917 aus den russischen Revolutionswirren nach Frankreich fliehen. Hier wurde sie zur Schriftstellerin, deren Bücher sich unter anderem aus ihrem (berechtigten) Hass auf die Mutter, der Verachtung für alles Jüdische und der Antipathie gegenüber den Russen speisten. Philipponnat und Lienhardt haben gerade diese Aspekte bei der Interpretation der Werke der Schriftstellerin besonders betrachtet. Denn sie haben etwas mit dem Seelenleben der Némirovsky zu tun. So hat sie in dem berühmt–berüchtigten Roman «David Golder» (1929) ein ziemliches Zerrbild der jüdischen Protagonisten gezeichnet. Der Roman wurde ein großer Erfolg, brachte ihr aber auch den vielleicht nicht ganz unberechtigten Vorwurf des Antisemitismus ein.

Irène Némirovsky mit ihrem Mann Michel Epstein und den beiden Töchtern Denise and Élisabeth

Irène Némirovsky war damals gerade mal Mitte Zwanzig und hatte ein aufwändiges Leben in den renommierten Badeorten Frankreichs geführt – vorwiegend in Ballsälen. Von da an – also nach «David Golder» – erschien ein Buch nach dem anderen, eine Erzählung nach der anderen. So «Die Herbstfliegen» (1931), «Der Fall Kurilow» (1933), «Le Vin de solitude» (1935) und 1936 «Die Beute». In den Jahren 1936 bis 1941/1942 entstanden dann so wichtige Bücher wie die schon genannte «Suite Française», «Die Hunde und die Wölfe», «Das Feuer im Herbst» und als letzter Roman «Leidenschaft».
Diese Romane und viele der Erzählungen erfahren durch die beiden Biographen exzellente und sehr fundierte Würdigungen und Interpretationen – immer im Kontext auch zur persönlichen Lebenssituation der Autorin und der Zeit. Vor allem wird die Ambivalenz der Beurteilung – namentlich des vermeintlichen Antisemitismus – in der Rezeption der Bücher im besetzten Frankreich ausführlich geschildert.

Ihr Judentum wurde der Némirovsky zum Verhängnis. Während der Besatzungszeit durch die Nazis versuchte sie, sich und ihre Familie dadurch zu retten, dass sie zum Katholizismus konvertierte; sie musste aus Paris fliehen, fühlte sich von ihrem geliebten Frankreich, dass ihr die Staatsbürgerschaft verwehrte, verraten und verlassen. Sie konnte den braunen Schergen, unterstützt von französischen Kollaborateuren, nicht entgehen. Am Ende ihres aufregenden Lebens stand Auschwitz. Am 17. August 1942 ist Irène Némirovsky im KZ umgekommen. Zurück blieb ein Koffer mit allen Manuskripten.

Dann war es lange Zeit still um die französische Schriftstellerin, als die sie sich immer betrachtet hat. Erst sechzig Jahr nach ihrem Tod erschien der Roman «Suite Française». Und erregte größte Aufmerksamkeit bei Kritik und Publikum – und Interesse an weiteren Büchern der Irène Némirovsky. Ein Interesse, das jetzt durch die vorzügliche Biographie von Olivier Philipponnat und Patrick Lienhardt sicher neue Nahrung finden wird.

Der letzte Nemirovsky-Roman: «Leidenschaft»

Auch in Deutschland. Gerade ist beim Knaus Verlag, der sich rührend um das Werk der Némirovsky bemüht, «Leidenschaft» – von Eva Moldenhauer glänzend übersetzt – erschienen. Es war der letzte Roman, den die Autorin 1941/1942 fertiggestellt hat.
«Dieses Land, im Herzen Frankreichs, ist wild und reich zugleich. Jeder lebt für sich auf seinem Gut, misstraut dem Nachbarn, bringt seinen Weizen ein, zählt sein Geld und kümmert sich nicht um den Rest.» Hier wohnen sie: Colette und ihr älterer Ehemann – und zwar scheinbar im Glück. Doch hinter der Fassade spielt sich das Drama – basierend auf eine Lebenslüge – ab. Ehebruch, Liebe, Lüge und Leidenschaft und Tod, ja Mord erschüttern das kleine Dorf in der Provinz. Um eine Liebe geht es, die «alle Regeln bricht und die Moral verhöhnt, um einmal wirklich zu leben», heißt es an einer Stelle. Und um Schuld auf vielerlei Weise. Doch Irène Némirovsky wertet nicht, sie erzählt. Und zwar fast lakonisch-leidenschaftslos. Die Dramatik stellt sich durch psychologisch sehr einfühlsame Schilderung der verschiedenen Charaktere ein. Und der Leser erkennt «allmählich die im Dunkel des Berichts kauernden Tiere, die am Ende losspringen und dabei die hübsche ländliche Szenerie zerfetzen werden», so Philipponnat und Leinhardt im Nachwort.

Hier ist es noch einmal deutlich zu erkennen – das große Talent, ja die Meisterschaft der Autorin. Eigentlich sollte – so hatte die Némirovsky es wohl beabsichtigt – «Leidenschaft» eine Fortsetzung der «Suite Française» werden. Das wird sicher nicht mehr zu klären sein. Auch als selbständiges Werk ist «Leidenschaft» jedenfalls ein großartiger, ein sehr beeindruckender Roman. ■

Olivier Philipponnat & Patrick Lienhardt, Irène Némirovsky – Die Biographie, Knaus Verlag München, 576 Seiten, ISBN 978-3-8135-0341-8

Irène Némirovsky, Leidenschaft, Roman, Knaus Verlag München, 128 Seiten, ISBN 978-3-8135-0322-7

Leseproben

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Fernando Pessoa: «Genie und Wahnsinn»

Posted in Biographie, Buch-Rezension, Egon Ammann, Fernando Pessoa, Günter Nawe, Interviews, Literatur, Rezensionen by Walter Eigenmann on 20. April 2010

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«Sei vielfältig wie das Universum»

Günter Nawe

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Der Band «Genie und Wahnsinn – Schriften zu einer intellektuellen Biographie» bildet den Abschluss der grandiosen Werkausgabe von Fernando Pessoa (1888 bis 1935) im Zürcher Ammann Verlag. Er fasst annähernd alle Nachlassfragmente zusammen, die von der großen Schlüsselfigur des portugiesischen Modernismus zu Themen wie Genie, Wahnsinn, Degeneration oder Psychopathologie niedergeschrieben worden sind.
Der junge Pessoa erweist sich darin als ein beachtlicher Kenner der geistigen Strömungen, die in Europa vor dem Ersten Weltkrieg im Umlauf waren und in der damaligen Zeit die intellektuelle Aufmerksamkeit beherrschten. Genannt seien stellvertretend Siegmund Freud, Max Nordau und Cesare Lombroso. Dabei ist zu berücksichtigen, dass alle so entstandenen Texte Frühschriften sind – aus der Zeit nach der Rückkehr Pessoas aus Afrika.

«Sei vielfältig wie das Universum» galt als Lebensdevise des Fernando Pessoa. Wie sehr er sich daran gehalten hat, zeigt sein Werk, das mit dem «Buch der Unruhe» des kurzsichtigen Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, mit den Büchern seiner Heteronyme Alberto Caeiro, Ricardo Reis, Álvaro de Campos und António Mora nicht nur diese Vielfalt dokumentiert, sondern zu den ganz großen Werken der Weltliteratur gehört.
Mit dem Band «Genie und Wahnsinn – Schriften zu einer intellektuellen Biographie» liegt also die «definitive, erweiterte Ausgabe der Werke Fernando Pessoas in neuer und überarbeiteter Übersetzung» vor, wie der Verlag zurecht feststellt. Und damit ein sehr schöner Abschluss einer hervorragenden Werkedition, für die der Ammann Verlag nicht genug zu loben ist.

Pessoa im Lissabon der Zwanzigerjahre

«Verrücktwerden bedeutet, dass man zu leben beginnt». So befasst sich Pessoa im ersten Teil dieses Bandes mit den Gegebenheiten und Varianten von Wahnsinn und Genie, die sich nach seiner Auffassung gegenseitig bedingen. Es sind allerdings keine in sich geschlossenen Abhandlungen, sondern eher fragmentarische Texte. Es ist, wie der Herausgeber und Übersetzer Steffen Dix in seinem vorzüglichen Nachwort ausführt, eine Art der Selbstvergewisserung und der Selbstanalyse, der sich der Autor denkend und schreibend unterzieht. Diese Abhandlungen tragen aber wie auch die anderen Kapitel dieses Buchs dazu bei, das nachfolgende Werk des großen Schriftstellers etwas besser zu verstehen.

Das gilt auch für die literaturwissenschaftlich interessante «Fragestellung Shakespeare-Bacon», sowie die «Abhandlungen» zum Thema «Literatur und Psychiatrie» und «Über Kunst und Künstler». Spannend zu lesen auch die «Auszüge aus einigen Erzählfragmenten».
Damit also sind «wieder neue Masken Pessoas (…) ans Tageslicht befördert» worden. Werden es wirklich die letzten sein? Und was gibt die berühmte «Fundgrube», von der immer wieder einmal gesprochen wird, eventuell noch her? Wir dürfen gespannt sein. ■

Fernando Pessoa, Genie und Wahnsinn – Schriften zu einer intellektuelle Biographie, aus dem Portugiesischen und Englischen von Steffen Dix, Ammann Verlag Zürich, 442 Seiten, ISBN 978–3–250–10456-8

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«Ich werde Verleger bleiben bis an die Bahre»

Interview mit Egon Ammann

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Verleger Egon Ammann (1993)

Günter Nawe: Herr Ammann, mit dem Band «Genie und Wahnsinn» liegt jetzt – so die Verlagsmitteilung – «die definitive, erweiterte Ausgabe der Werke Fernando Pessoas» vor?

Egon Ammann: «Genie und Wahnsinn» ist ein weiterer Band in der Reihe von Ammanns Ausgabe der Werke von Fernando Pessoa. Die Texte, die in diesem Band versammelt sind, sind tatsächlich auf dem neuesten Stand der portugiesischen Quellentext-Forschung.

GN: Wirklich – oder ist in der berühmten «Truhe» noch etwas zu finden?

EA: Noch ist die Ausgabe nicht abgeschlossen, es fehlen wichtige Pfeiler von Pessoas Werk: Einmal die Gedichte, die er unter seinem Namen Fernando Pessoa geschrieben hat, also Texte, die er keinem seiner Heteronyme zugeordnet hat; eine Auswahl aus diesem orthonymen Pessoa wird in der Übersetzung von Inés Koebel 2013 bei S. Fischer erscheinen. Ein weiterer Band mit eher theoretischen Texten zum Modernismus, inspiriert von Marinetti, wird 2012, übersetzt von Steffen Dix unter den Titel «Sensationismus», der portugiesischen Variante des Modernismus, ebenfalls bei S. Fischer erscheinen.

GN: Diese «Schriften zu einer intellektuellen Biographie» sind so etwas wie «Fingerübungen» des damals noch jungen Pessoa. Welchen Stellenwert haben sie nach Ihrer Meinung innerhalb des Gesamtwerks?

EA: Die Schriften zu einer, wie wir das Buch im Untertitel genannt haben, «Intellektuellen Biographie» Fernando Pessoas sind wichtig, da er sich mit beiden Themata Genie und Wahnsinn, mit Degeneration und Psychopathologie bis zu seinem Lebensende befasst hat, auch wenn die meisten der in diesem Band versammelten Texte aus seiner frühen Schaffenszeit stammen, also um 1907 bis zum Beginn des ersten Weltkriegs. Sie bieten so tatsächlich Einblick in die Seelenstruktur des bedeutenden Portugiesen.

GN: Die Edition der Werke Fernando Pessoas ist so etwas wie ein «Schlusspunkt» in einer großen und erfolgreichen Reihe bedeutender Werkausgaben: Ossip Mandelstam, Antonio Machado, Fjodor Dostojewski und Ismail Kadare. Und damit auch ein «Schlusspunkt» für den Verleger Egon Ammann. Warum?

EA: Sie haben nicht unrecht, dass wir mit Fernando Pessoa so etwas wie einen Schlusspunkt unserer editorischen Arbeit setzen, doch, wie gesagt, es werden noch zwei, drei Bände folgen, nicht mehr mit dem Impressum des Ammann Verlags, aber bei S. Fischer. – Und ein endgültiger Schlusspunkt wird die Ausgabe Pessoas nicht sein. Wir hatten vor zwei, drei Jahren mit zwei wichtigen Werken begonnen, einer Neuübersetzung von Dantes «Göttlicher Komödie» durch Kurt Flasch. Dieses Werk wird 2011 im Herbst bei S. Fischer erscheinen, ich darf es als Verleger begleiten. Und dann ein großer Roman, von seiner literarischen Bedeutung her wie von seinem Umfang, ein Italiener mit Namen Stefano d’Arrigo, hierzulande eher unbekannt, der Titel seines großen Romans «Horcynus Orca», eine moderne Odyssee, wenn Sie so wollen, die während der Landung de Alliierten auf Sizilien spielt. Ein großartiger Meerroman, der zu den großen Romanwerken des vorigen Jahrhunderts zählt. Dieses Werk wird voraussichtlich 2013 ebenfalls bei S. Fischer erscheinen. Und danach dürfte, mit Seiner Hilfe, Schluss sein.

«Ein hervorragendes literarisches Programm» (Zurlauben-Preisverleihung 1993): Über 800 Bücher im mehrfach prämierten Ammann-Verlagsprogramm

GN: Sie haben einmal gesagt: «Ich bin mit Leib und Seele Verleger». Und Sie waren es schließlich dreißig Jahre lang – und sehr erfolgreich. Gilt diese Aussage heute nicht mehr?

EA: Doch, ich bin Verleger und werde Verleger bleiben bis an die Bahre – oder Grube. Das ist und war mein Beruf.

GN: Hat Ihr Rückzug als Verleger etwas mit den Entwicklungen in der Branche zu tun, mit den neuen technischen Gegebenheiten oder auch mit den Veränderungen innerhalb der Literatur?

EA: Der Rückzug, das heißt die Schließung von «Ammann», hat verschiedene Gründe, auf die wir reagiert haben. Einer davon ist die Tatsache, dass wir mit unserer Branche auf der Schwelle einer Revolution stehen. Gutenberg wird nicht abdanken, davon bin ich überzeugt, aber das Geschäft wird andere Wege gehen, sowohl im herstellenden wie im vertreibenden Buchhandel. Das digitale Zeitalter steht ante portas, und dem wollte ich mich nicht mehr stellen. Das sollen die Nachfolgenden, die Jungen bewältigen.

GN: In Ihrem herausragenden Verlagsprogramm gibt es – parallel zu den genannten großen Übersetzungen von Autoren der zeitgenössischen Moderne – eine Vielzahl prominenter Gegenwartsautoren. Ich nenne nur Julia Franck, Thomas Hürlimann, Navid Kermani, Katja Oskamp. Was geschieht mit diesen Autoren und ihren Büchern – und allen anderen rund 800 Titeln – in Zukunft?

EA: Diese Autorinnen und Autoren, die zum Teil bei Ammann debütiert oder bis zuletzt in unserem Haus veröffentlicht haben, haben inzwischen neue Verlagspartner gefunden, worüber wir sehr froh sind. Für einige wenige suchen wir noch Verlage, ich bin zuversichtlich, dass wir auch für sie früher oder später neue Heimaten finden werden. Es sind durchweg ernstzunehmende, gute Schriftsteller und Dichter, die werden ihren Weg gehen.

GN: Sie sind eine herausragende Persönlichkeit, nicht nur als Verleger. Sie haben ein Stück weit mit Ihrem Verlag die literarische Landschaft geprägt. Was macht Egon Ammann vor diesem Hintergrund in Zukunft? Bleiben Sie auf die eine und andere Weise der Literatur erhalten?

EA: Wie ich schon ausgeführt habe, werde ich die Werkausgabe von Pessoa weiterhin begleiten, auch den Dante und den d’Arrigo, aber dann werde ich das Alter erreicht haben, wo ich mich mit mir und meinem Abtreten beschäftigen muss. Auch das wird Arbeit sein. – Ein Kollege von mir, Friedrich Witz, der Begründer des Artemis Verlags, hat seine Biographie mit dem vielsagenden Titel «Ich wurde gelebt» überschrieben. Ganz so ist es bei mir nicht gewesen, ich konnte und habe gestaltet, ich habe gedient, ja, und dann kommt die stille Besinnung auf das, was gewesen ist, die Rechenschaft, das Beschäftigen mit dem Abgang. Eine Biographie jedoch wird es nicht geben, so wichtig ist die nicht und bin ich nicht.  ■

.Links:  Ein anarchistischer BankierGo Lisbon

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Ralph Ludwig: «Der Erzähler – Johann Peter Hebel»

Posted in Biographie, Buch-Rezension, Günter Nawe, Johann Peter Hebel, Literatur, Ralph Ludwig, Rezensionen by Walter Eigenmann on 30. März 2010

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«Regelrechte Leidenschaft zum Schreiben»

Günter Nawe

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Rechtzeitig zum 250. Geburtstag des deutschen Dichters alemannischer Sprache Johann Peter Hebel hat sich der Theologe Ralph Ludwig, ein Landsmann von Johann Peter Hebel, des Jubilars angenommen.
Ludwig, der aus seiner Sympathie für den Dichter keinen Hehl macht, hat einen sehr persönlich gefärbten Abriss einer Biographie verfasst. Dem Dichter Hebel ist er – wie er schreibt – auf zweifache Weise begegnet. Einmal als «Erzähler», zum anderen als «weiser Mann», der ihm vom Philosophen Ernst Bloch nahe gebracht worden ist. Kommt hinzu: der Dichter und sein Biograph verbindet die «lebenslange Sehnsucht nach dem heimatlichen Markgräfler Land».

Dies alles bestimmt die Diktion dieser Biographie, die der Autor vor allem am «Erzähler» festmacht. Nicht von ungefähr deshalb auch der Untertitel «Wie Johann Peter Hebel ein literarisches Schätzkästlein schuf». In kurzen Kapiteln betrachtet Ludwig das Werk des Dichters der «Alemannischen Gedichte – Für Freunde ländlicher Natur und Sitten» (1803), der Kalendergeschichten «Der Rheinländische Hausfreund» (1803-1811), des «Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes» (1811) und der «Biblischen Geschichten – Für die Jugend bearbeitet» (1824).
In allen diesen Werken zeigen sich, wie Ludwig schön nachweist, der Dichter natürlich, aber auch der Theologe (in seinem Verhältnis zu Religion und Christentum) und der Pädagoge. «Ihn trieb eine regelrechte Leidenschaft fürs Schreiben an, gemischt mit einem unbestechlichen Scharfblick für die Kunst der Sprache» – so der Biograph.

Hebels Handexemplar der «Alemannischen Gedichte» mit persönlichen Korrekturen

Über der Betrachtung des Werks verliert Ludwig nicht den Blick auf das Leben – beides, das wissen wir, bedingen sich in Persönlichkeiten wie Johann Peter Hebel. Kindheit und Jugend sowie schulische Ausbildung in Hausen, Basel und Karlsruhe; Theologiestudium in Erlangen, Lehrer in Lörrach, später Karlsruhe; 1798 Ernennung zum außerordentlichen Professor, verschiedene öffentliche und halböffentliche Funktionen, am Ende Prälat der evangelischen Landeskirche und Mitglied der ersten Kammer des Badischen Landtags.

Das Hebel-Denkmal in Basel

Theodor Heuss über Hebel: «Hebel aber blieb lebendig… – nicht bloß deshalb, weil die Dankbarkeit des alemannischen Volkstums den Mann trägt, die Dankbarkeit dafür, dass er die Heimatsprache sozusagen druckreif gemacht hat, sondern weil in diesem bewussten und begrenzten Provinzialismus der Gedichte ein Weltgefühl umfasst ist, und weil in diesen mit sehr viel Zeitluft und mit aktuellem Zeitgeschehen angefüllten Anekdoten der Unterton des Bleibenden, Gültigen, des Ewigen, Ewig-Menschlichen mitklingt…»

Ralph Ludwig

So kann man auch Ludwigs Würdigung Johann Peter Hebels lesen. Seine Lebensbeschreibung ersetzt zwar nicht eine umfassendere, eine kritische Biographie – aber sie ist ein schöne Hinführung zum Dichter und seinem Werk. ■

Ralph Ludwig, Der Erzähler – Wie Johann Peter Hebel ein literarisches Schatzkästlein schuf, Wichern-Verlag, 120 Seiten, ISBN 978-3-88981-286-5

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Leseproben

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Christian Linder: Heinrich-Böll-Biographie

Posted in Biographie, Buch-Rezension, Christian Linder, Heinrich Böll, Literatur, Rezensionen, Wilma Ruth Albrecht by Walter Eigenmann on 10. März 2010

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Vom «Schwirren des heranfliegenden Pfeils»

Dr. Wilma Ruth Albrecht

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Christian Linders kürzlich veröffentlichte 617-Seiten-Biografie ist in Anlehnung an eine Metapher von Jean Paul «Das Schwirren des heranfliegenden Pfeiles» betitelt. Neuigkeiten über Heinrich Böll (1917-1985, 1972 Literaturnobelpreis) gibt es nicht. Neu ist allein der Blick, den Biograf Linder auf seinen Biografenden Böll wirft, und apart ist die Form wie sich der Biograf mit seinem Biografenden in Beziehung setzt – versucht Linder doch, wie in der Nachbemerkung ausgeführt, «ein Leben und ein Werk aus sich selbst heraus zu erklären und zu erkunden, wie ich diese Methode mit meinem eigenen Leben verbinden könnte.»
Diese mit geckenhafter Attitüde verbundene Doppelimmanenz ist deshalb ein problematischer Ansatz, weil ein Leben nicht «aus sich selbst heraus» erklärt werden kann, dieses sich vielmehr im hermeneutischen Zirkel windet; auch kann ein Werk nicht allein über die Biografie eines Künstlers bzw. Schriftstellers erschlossen werden.

Linder unterlegt seiner Biografie diese existentielle Fragestellung: «Zu fragen ist [...] ob sein Werk aufgrund dieser durch die individuelle Besonderheit seiner Person und seiner Herkunft zu erklärenden Erkenntnischancen und Irrtümern unserem Blick aufs Leben und auf den Tod neue Sehweisen hinzufügen konnte; was Böll zum Beispiel unter ´Heimat´ verstand und ob das in seinen Büchern aufscheinende, meistens funzlig, sentimental-heimelig wirkende Dämmerlicht auf den alten Bildern, mit denen im Kopf er durch das Leben gereist ist und die er schreibend aufgestellt hat auf der Suche nach der verlorenen Heimat, für uns wirklich begehbare ´Heimwege´ bedeuten (wohin auch immer); aus welchen Erinnerungen nicht nur seines Gedächtnisses, sondern auch seines Körpers sein Werk überhaupt zusammengebaut ist…»
Diese Leitfragen will der Biograf in drei breit angelegten Kapiteln: «Der Reisende», «Der Staub der Trümmer» und «Das Imperium» beantworten.

Lieferte Böll wichtige Motive wie Armut, Liebe, Religion: Léon Bloy (1846-1917)

Im ersten Kapitel wertet Linder vor allem Bölls «Briefe aus dem Krieg» aus und findet Bekanntes heraus: Böll wurde von Léon Bloys konservativ-mystischem Denken, das sich mit eigenen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg verband, erheblich beeinflußt:
«Seine Kritik an der katholischen Amtskirche wegen ihrer Nähe zu den Reichen und der ´inhumanen Ellenbogenmentalität der Wohlstands-Katholiken´ hat Böll später in seinem Werk weitergeschrieben, in der direkt inspirierten und manchmal wörtlichen Nachfolge Bloys – dieser Einfluss findet sich von den frühen Nachkriegstexten über den Roman Ansichten eines Clowns von 1963 bis zu den letzten Romanen ‘Fürsorgliche Belagerung’ von 1979 und ‘Frauen vor Flusslandschaften’  von 1985.»
Von Bloy übernommen sind auch zentrale Motive und Themen wie Armut, Liebe, Religion und das Verhältnis zur modernen, kapitalistisch bestimmten Zeit.

Im zweiten Kapitel sucht Linder nach Bölls Hauptidentität als Schriftsteller. Er spürt sie vor allem in der eignen Familie, in den Trümmern und im Staub des Jahres 1945 auf. Sie erlaubten es Böll, Gerichtstag über Verursacher dieser Trümmerlandschaft, großes Kapital, Militär, konservative Politiker und autokratische Kirche, zu halten «und dem Verlauf der politischen Geschichte Widerstand» entgegenzusetzen, «indem er sein Leben und das seiner Familie und ihrer Privatmythologien erzählt…»
Nach Wiederaufbau, politischer, sozialer und wirtschaftlichen Restauration und der angeblich vor allem konsumgeprägten ´nivellierten Mittelstandsgesellschaft´ (Helmut Schelsky) des ´rheinischen Kapitalismus´ (Jürgen Becker) der alten Bundesrepublik Deutschland verflüchtigte sich freilich der Anklagegegenstand zunehmend. Das Sujet von Bölls Literatur und das kleinbürgerlich, heimatliche, von Kindheitsmustern geprägte Lebensideal illusionierte sich. Die Erkenntnis der Vergeblichkeit des Tuns führte auch Böll in zunehmende Depression, förderte seine Hinwendung zu kirchlicher Mystik und ließ ihn Trost in deren Sakramenten suchen.

Der politische Literat mit Willy Brandt (1974)

Das dritte Kapitel kreist um die Bedeutung Bölls als «politischer Schriftsteller» und um dessen politisches Engagement. Böll war auch als um interessensbezogen-praktische «Einigkeit der Einzelgänger« (Dieter Lattmann) bemühter Autor kein exponierter politisch-realistischer Schriftsteller, verstand vielmehr sein «Schreiben als Verteidigung und Konservierung von Kindheit und der Stunde der Einfachheit.« Bölls Art des Schreibens rieb sich jedoch an der (bundes-) deutschen gesellschaftlichen Wirklichkeit und wirkte dadurch ebenso politisch wie seine moralischen, im humanen Christentum verankerten Forderungen (in) seiner politischen Publizistik aggressiv erschienen.

Der Schriftsteller als moralische Instanz: Manuskript-Auszug der «Verlorenen Ehre der Katharina Blum»

Linder führt seine assoziativen Gedankengänge so breit wie möglich aus. Er stützt sich auf lange Zitate aus Bölls Briefen und Artikeln, Ausführungen von Theoretikern und Kritikern sowie eitel-gefälligen Bölleinschätzungen durch Leute, mit denen Böll zeitweilig zu tun hatte, etwa dem Münstereifler Deutschlehrer und Autor Heinz Küpper, oder dem Biografen Linder selbst. Den Text überfrachten zu viele Wiederholungen und zu unkritische Einschätzungen; dies besonders am Schluss, wenn sich Linder als Böllspurensucher an Zeitzeugen der verfemten Juden von Drove (Kreuzau) heranmacht.

Im Gegensatz zu Linder kann ich nicht erkennen, dass Bölls Werk fremd daherkommt, sondern sehe eher, dass Böll als Schriftsteller «Grundsatzthemen der Nachkriegszeit» (um eine Biografenformel zu zitieren) aufgegriffen und gestaltet hat. Diese Grundsatzthemen wirken auch heute historisch nach und sind teilweise so aktuell wie etwa (nun freilich ganzdeutsche) Kriegsbeteiligung, Finanz- und Wirtschaftskrise, Arm-Reich-Gegensatz, amtskirchliche und religiöse Gegenaufklärung unterschiedlicher Schattierungen, politische Korruption und moralische Korrumpierung. Insofern könnte es dem nun erweiterten Sozialgebilde Deutschland gut anstehen, gegen die Zeit und ihren Geist schreibende Autoren wie Heinrich Böll – auch als ´moralische´ Instanz – zu haben.

Diese Böll-Biografie ist grottenschlecht geschrieben. Sie ist kaum lesbar. Sie muß auch nicht gelesen werden. ■

Christian Linder: Das Schwirren des heranfliegenden Pfeils – Heinrich Böll – Eine Biographie, Matthes&Seitz Verlag, 616 Seiten, ISBN 978-3-88221-656-1

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Wilma Ruth Albrecht

Geb. 1947 in Ludwigshafen/D, Promotion in Sozialwissenschaften, seit 1972 beruflich als Wissenschaftlerin, Stadt- & Regionalplanerin und Lehrerin tätig, 1989-1999 ehrenamtliche Stadtverordnete sowie Fraktions- und Ausschussvorsitzende im Rat der Stadt Bad Münstereifel, zahlreiche fachwissenschaftliche, essayistische und politische Publikationen und Online-Beiträge, lebt in Bad Münstereifel/D

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Julia Kristeva über das weibliche Genie

Posted in Hannah Arendt, Neuheiten, Philosophie by Walter Eigenmann on 22. April 2008

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Hannah Arendt und die Krise der Kultur

Julia Kristeva_Das weibliche Genie_Hannah Arendt«Julia Kristeva ist auch im deutschsprachigen Raum durch eine Vielzahl von Publikationen als Literaturtheoretikerin und Psychoanalytikerin bekannt. Wenn sie sich der jüdischen, politischen Philosophin Hannah Arendt widmet, dann birgt schon diese Konstellation von Autorin und Sujet eine gewisse Spannung in sich, die dadurch zusätzlichen Reiz gewinnt, daß sie Leben und Denken der Philosophin unter die Maßgabe dessen stellt, was sie als weibliches Genie, ‘le génie féminin’, zu erfassen sucht.
Das Buch setzt mit einer biographischen Skizze ein, die die geistige Entwicklung Hannah Arendts in einer Weise nachzeichnet, die – etwa im Blick auf ihre Beziehung zu Martin Heidegger – Denken und Biographie nicht einfach trennt: Julia Kristeva kennt Hannah Arendts Lehrmeister Platon, Aristoteles, Augustinus und Kant gut genug, um ihren Lesern auseinandersetzen zu können, worin Hannah Arendt ihre eigenständige Lesart klassischer Philosophie entwickelt hat.
Hannah ArendtWonach Hannah Arendt suchte und woran sie bis zu ihrem Tod 1975 arbeitete, sei ‘eine nicht-subjektive Fundierung der Politik’ als Antwort auf die Erfahrung des Grauens totalitärer Systeme im 20. Jahrhundert. Aber nicht die Reflexion über Macht und Gewalt stehe bei der Autorin der ‘Vita Activa‘ im Zentrum ihres Denkens, sondern das Eingedenken der ‘Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens’. Arendts Genie wäre in eben dieser Bewegung zwischen Denken und existentieller Erfahrung zu verorten, die uns die Bilder einer komplexen und standardisierten modernen Welt vor Augen führt und gleichzeitig an das humane Versprechen erinnert, das in jeder einzelmenschlichen Existenz liegt.» (Verlagsinfo)

Julia Kristeva: Das weibliche Genie – Hannah Arendt, Europäische Verlagsanstalt, 388 Seiten, ISBN 978-3434461739

Inhalt

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Neue Studien zu Jean Sibelius

Posted in Jean Sibelius, Musik, Musik-Forschung, Neuheiten by Walter Eigenmann on 6. November 2007

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Tomi Mäkelä:  «Poesie in der Luft»

sibelius-poesie-in-der-luft.jpgTomi Mäkeläs Buch ist seit mehr als 40 Jahren die erste zusammenfassende originale Publikation zu Leben und Werk von Jean Sibelius in deutscher Sprache. Das Buch enthält zahlreiche kaum bekannte und teilweise erstmals gedruckte Abbildungen. Eine ausführliche Darstellung der wichtigsten Strömungen der Sibelius-Rezeption im 20. Jahrhundert und eine Sibelius-Chronologie schließen den umfangreichen Band ab.
«Poesie in der Luft» ist der Versuch, Sibelius und sein kompositorisches Werk aus der Perspektive seiner bildungsbürgerlichen Herkunft und seiner regionalen, ganz und gar nicht provinziellen Zeitumstände zu sehen. Insofern entwirft der Autor beziehungsreich das Psychogramm eines modernen Künstlers. Die Selbstfindung des Komponisten lässt sich durchaus mit der Entwicklung anderer Kunstschaffenden seiner Generation vergleichen.
Mäkeläs Ergebnisse revidieren das Bild vom exotisch-naiven Naturmenschen und zeigen Sibelius in seiner kreativen Individualität, die sich bewusst an den mitteleuropäischen Strömungen seiner Zeit orientiert. Im Mittelpunkt der Werkbetrachtungen stehen Gattungen wie Symphonie, Kammermusik und Vokalmusik, mit denen Sibelius heute Weltgeltung erlangt hat. (Verlagsinfo)

Tomi Mäkelä: Poesie in der Luft, Jean Sibelius – Studien zu Leben und Werk, Breitkopf & Härtel, 512 Seiten, ISBN 978-3765103636

Sensible Biographie über eine Pop-Ikone

Posted in Bob Dylan, Buch-Rezension, Musik, Musik-Rezensionen, Rezensionen by Walter Eigenmann on 5. November 2007

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H. Detering: «Bob Dylan»

bobdylan_reclam.jpgWer da als Fan dieser Pop-Ikone meint, er hätte über Bob Dylan bereits erfahren, was es zu erfahren gibt, den belehrt diese neueste Biographie eines besseren. Heinrich Deterings groβer Respekt vor Dylans Person und Lebenswerk lässt ihn einerseits nahe an der Musik und an den Originaltexten interpretieren, arbeitet aber auch präzis und erstaunlich sensibel die psychologischen Stränge heraus, wo Dylan über teils lange Jahre (seiner jüngeren Vergangenheit) ins künstlerisch Anbiedernde oder Kitschige abdriftete.

Ein sehr facettenreicher, auf Bebilderung verzichtender und im typischen gelben Reclam-Bändchen-Outfit daherkommender, aber äuβerst kenntnisreich und dabei sehr flüssig-eloquent geschriebener Essay über einen der wichtigsten Barden der Rock-Geschichte. (gm)

Detering: Bob Dylan, Biographie, Reclam Verlag, 184 Seiten, ISBN 978-3150184325

Janko Ferk über die Genesis eines Genies

Posted in Essays & Aufsätze, Franz Kafka, Janko Ferk, Literatur by Walter Eigenmann on 19. August 2007

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Wie man Franz Kafka wird

Dr. Janko Ferk


franz-kafka-statue-glarean-magazin.jpgAm 18. Juni 1906 wurde der Dichter in Prag (Bild: Kafka-Statue von Jaroslav Róna in Prag) zum Dr. jur. promoviert. Für die deutschsprachige Literatur undenkbar, dass er statt Rechtswissenschaften Chemie studiert und statt der «Verwandlung» «Die Umwandlung» geschrieben hätte.
Als unabdingbarer oder vielmehr unvermeidlicher Bestandteil der Rettung des Abendlands war und ist, abgesehen von sog. Berechtigungs-Prüfungen, die Matura als Initiationsritus für die Aufnahme unter die – bereits vom Leben geprüften – Erwachsenen vorgesehen. Waren um die Wende zum vorigen Jahrhundert leicht übertriebene Geschenke wie Cabrios und dergleichen noch nicht vorgesehen, so blieb man doch gewissermaßen im Bereich der Mobilität.

franz-kafka-01-glarean-magazin.jpgFranz Kafka, beispielsweise, wurde für die am 11. Juli 1901 bestandene Matura von den Eltern mit einer ausgedehnten Reise beschenkt. Der knapp Achtzehnjährige (2.Bild) war der jüngste von vierundzwanzig Maturanten seines Jahrgangs. Die schriftliche Reifeprüfung legt er in den Hauptfächern alte Sprachen, Deutsch und Mathematik ab, die mündliche konzentrierte sich auf Übersetzungen aus dem Lateinischen und Griechischen. Franz K. wäre nicht Franz K., wenn er die Prüfungen nicht wie einen drohenden Gerichtstag erwartet hätte, an dem sich sein Schicksal entscheiden sollte, wie er sich später in seinen Schriften erinnerte.

Zuvor musste er aber noch einen zeittypisch chauvinistischen Matura-Aufsatz mit der Überschrift »Welche Vorteile erwachsen Österreich aus seiner Weltlage und aus seinen Bodenverhältnissen?» verfassen. Franz Joseph I., der in Prag am 12. Juni 1901 als Kaiser buchstäblich einritt, hätte bei der Lektüre wohl seine Freude gehabt. Das Maturazeugnis zeigt einen leicht überdurchschnittlichen Schüler, der in keiner Disziplin nennenswerte Stärken oder Schwächen aufweist. Sechs «lobenswerte» und sechs «befriedigende» Leistungen sagen in ihrer numerischen Sprödigkeit zwar nicht allzu viel aus, attestieren aber einen nicht besonders schlechten Abiturienten.

franz-kafka-02-glarean-magazin.jpgDie geschenkte Reise führt Franz Kafka erstmals über die Grenzen des Königreichs Böhmen. Zum Begleiter wird Onkel Siegfried Löwy, der Landarzt (!) aus Triesch in Mähren. Onkel und Neffe reisen im August 1901 nach Norderney und Helgoland. Später fährt Kafka lieber nach Venedig, an die Adria, in die Toskana, nach Südtirol oder Berlin und sonst wohin.

Kafka muss den für Maturanten vorgesehenen Militärdienst als Einjährigfreiwilliger nicht antreten, weil ihm ein ärztliches Zeugnis eine «Schwäche» bescheinigt, die ihn zum Dienen unfähig macht. Dem Studienbeginn stehen also weder Drill noch Drillich, soll heißen Uniform, entgegen.

Bei der Auswahl des Studiums scheint der achtzehnjährige Franz Kafka eher unschlüssig gewesen zu sein. In ein Verzeichnis in seinem Gymnasium hat er kurz vor der Matura Philosophie als Studienwunsch eingetragen. Ein Meinungswechsel dürfte beim Nachdenken im Juli 1901 eingetreten sein. Der Staatsdienst war für Juden mit wenigen Ausnahmen unzugänglich und kamen für Akademiker nur freie Berufe in Frage. Der k. u. k. Sonderfall waren Fächer, die für eine Tätigkeit in der Privatindustrie qualifizierten. Der spätere Jurist und Dichter zog offensichtlich einen Posten in der Wirtschaft ins Kalkül. Chemie war zu Beginn des vorigen Jahrhunderts nichts weniger als eine besonders ungewöhnliche Studienwahl. Der Leiter des Chemischen Instituts, Guido Goldschmidt, war getaufter Jude und ein exemplarisches Beispiel für die Zwänge, denen jüdische Hochschulkarrieren unterworfen waren. Viel mehr als Privatdozent oder höchstens Extraordinarius war nicht zu schaffen.

karls-universitat-prag-glarean-magazin.jpgIm Oktober 1901 schreibt sich Franz Kafka gemeinsam mit seinen Freunden Oskar Pollak und Hugo Bergmann für das Chemiestudium an der k. k. Deutschen Karls Ferdinands-Universität in Prag, wie sie mit vollem Titel heißt, ein, und studiert diese Wissenschaft ganze zwei Wochen, um dann zu den Juristen zu wechseln.
Die Universität (Bild), die im Jahr 1348 gegründet wurde, teilte sich im Jahr 1882 in eine deutsche und eine tschechische. Die Lehrveranstaltungen wurden im «Carolinum» abgehalten. Die Prager Juden entschieden sich in der Mehrheit für die deutsche Universität, so auch Franz Kafka, wobei nicht die Muttersprache entscheidend war, sondern das – der deutschsprachigen Hochschule zugeschriebene – Bildungspotential. Die Karls-Universität betonte in nationaler Hinsicht das Deutsche, die Studenten trugen bei öffentlichen Auftritten schwarz-rot-goldene Schulterbänder mit der eingenähten Jahreszahl «1848».

Der Einfluss des Deutschsprachigen verlor in diesem Zeitraum zusehends an Bedeutung. Leo Hermann, der Obmann des zionistischen Vereins «Bar-Kochba« schreibt schon im Jahr 1909 an Martin Buber: «Nur die Juden glauben noch, das Deutschtum verteidigen zu müssen.» Der Briefschreiber hat nicht wissen können, dass in seiner Nähe einer der größten deutschsprachigen Dichter heranreift. Man stelle sich vor, Franz Kafka wäre bei der Chemie geblieben, seine Meisterstücke hießen dann nicht «Der Prozess», «Die Verwandlung» oder «Das Urteil», sondern vielleicht «Die Formel», «Die Umwandlung» und «Der Stoff»…

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Die Universität, an der Kafka (aus)gebildet wurde, konnte rund um seine Zeit mit einigen wahren Kalibern aufwarten. Die Physiker Ernst Mach und Albert Einstein lehrten, der Philosoph Franz von Brentano, der Völkerrechtler Heinrich Rauchberg, der Rechtsgeschichtler Heinrich Singer und der Verwaltungsrechtler Josef Ulbrich stehen für die Qualität des damaligen «Juridicums». Natürlich könnte man weitere klingende Namen aufzählen. Sie lauten Christian von Ehrenfels, Anton Marty und Alfred Weber, wobei letzterer Kafkas Promotor bei der Promotionsfeier war.

Innerhalb der Universität bildeten die Juristen die zahlenmäßig stärkste Fakultät. Mehr als die Hälfte der jüdischen Studenten inskribierte Rechtswissenschaften, weil sie nach dem Abschluss freiberuflich als Rechtsanwälte und Notare tätig werden konnten. Auch Franz Kafka tauchte bei ihnen unter, um ungestört in seine Gedankenwelten reisen zu können, seine literarischen Anfänge fallen aber bereits in das Jahr 1896, als er zum ersten Mal den Wunsch preisgibt, Schriftsteller werden zu wollen.

Im Frühjahr 1902 belegt er noch Vorlesungen aus Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie. Die Unentschlossenheit dürfte damals noch nicht zur Gänze ausgeräumt gewesen sein. Zu Beginn des Wintersemesters 1902/03 überlegt er kurz, nach München zu wechseln. Prag lasse ihn, wie er Ende Dezember 1902 seinem Freund oskar-pollak-glarean-magazin.jpg Oskar Pollak (Bild) schreibt, aber nicht los. Im Herbst 1903 denkt Kafka vermutlich noch einmal über einen Wechsel zur Germanistik nach. Wahrscheinlich hindert ihn letztlich der Widerstand des Vaters.

Das Jusstudium war für Franz Kafka nicht das reizvollste, obwohl er es letztlich nach nur sieben Semestern absolviert. Im nachhinein schreibt er im Jahr 1919 über es: «Ich studierte also Jus. Das bedeutete, dass ich mich in den paar Monaten vor den Prüfungen unter reichlicher Mitnahme der Nerven geistig förmlich von Holzmehl nährte, das mir überdies schon von tausend Mäulern vorgekaut war.»

franz-kafka-schwestern-glarean-magazin.jpgKafka wohnt während der Studienzeit zuhause und ist im Vergleich zu seinen Schwestern (Bild: Valli, Elli, Ottla, von Nazi-Deutschland in Lodz und Auschwitz ermordet) privilegiert. Er hat ein eigenes Zimmer, kann Freunde empfangen und muss seinem Vater nicht Gesellschaft leisten oder sein Partner beim Kartenspiel sein.

Im 18. Juli 1903 besteht Franz Kafka nach «drei verträumten Semestern», wie der Literatur-Wissenschaftler Peter-André Alt konstatiert, die erste Staatsprüfung aus den rechtshistorischen Fächern mit «gutem Erfolg». Am 7. November 1905 macht er das sogenannte Rigorosum II aus Zivil-, Handels- und Wechselrecht, Zivilprozess und Strafrecht, also den judiziellen Teil des Studiums, und besteht es mit «genügendem» Erfolg. Das Rigorosum III aus Allgemeinem und Österreichischem Staatsrecht, Völkerrecht und politischer Ökonomie legte er am 13. März 1906 ebenso mit der Note «Genügend» ab. franz-kafka-03-glarean-magazin.jpg Das abschließende Rigorosum I aus Römischem, Kanonischem und Deutschem Recht fand am 13. Juni 1906 statt. Auch bei diesem erreicht er nicht mehr als seine offensichtlich abonnierte Beurteilung. Am 18. Juni 1906 wird Franz Kafka zum Doktor der Rechte promoviert.

Nicht unerwähnt sei, dass der Student Franz Kafka (Bild: Kafkas erster Studien-Schreibtisch) unter Prüfungsängsten litt. Ende Juli 1905 fuhr er aus diesem Grund in das nordmährische Zuckmantel, wo er sich vier Wochen lang in einem Sanatorium behandeln ließ, das aus damaliger Sicht modernst eingerichtet war. Er macht dort wegen der umfassenden Studienverpflichtungen eine sogenannte Hydrokur mit elektrisch erhitzten Bädern gegen nervöse Spannungszustände. Aus heutiger Sicht eine doch eher sonderbar anmutende Heilbehandlung.

Für den Studenten Franz Kafka wurde der Strafrechtler Hans Groß zu einem seiner wichtigsten Lehrer. Groß hat für seine Zeit einen recht progressiven Grundsatz entwickelt: «Nicht das Verbrechen, sondern der Verbrecher ist der Gegenstand der Strafe, und deswegen ist nicht das Gesetz allein, sondern das Leben der Gegenstand der Lehre.» Kafka hört ihn im fünften, sechsten und siebenten Semester in den Gebieten Strafrecht, Strafprozessrecht und Rechtsphilosophie. hans-gros-glarean-magazin.jpg Groß war jahrelang Untersuchungsrichter und ist der Begründer der modernen Kriminologie als Wissenschaft. Sein «Handbuch für Untersuchungsrichter», das im Jahr 1893 erstmals erschien, wurde in zahlreiche Weltsprachen übersetzt und erreichte mehrere Auflagen. Als Hans Groß im Jahr 1915 starb, war das «Handbuch» bereits in fünfundfünfzig Sprachen übersetzt.

Hans Groß (Bild) hat im Sommersemester 1904 eine vierstündige Rechtsphilosophie-Vorlesung angeboten, die Kafka mit größter Aufmerksamkeit verfolgte. Im nächsten Semester besuchte er freiwillig noch eine Philosophievorlesung bei Emil Arleth, einem Schüler Franz von Brentanos. Aus dieser Zeit rührt wohl Kafkas rechtsphilosophisches Interesse. Kafkas Verhältnis zur Philosophie war geprägt von seinem Interesse für Aspekte der Wahrnehmung, Urteilsbildung und Sprachkonstruktion, aber auch getragen von Misstrauen gegenüber den abstrakten Ordnungssystemen einer deduktiven Methodik. Philosophische Gedanken entstehen, wenn Menschen über alternative Realitätsversionen nachdenken. In diesem Sinn ist der Dichter Franz Kafka zweifellos ein philosophierender. (Bild: Kafka-Zeichnungen)

franz-kafka-zeichnungen-glarean-magazin.jpgUnstrittig hat Hans Groß Kafka bei der Beschreibung des Amts des (Untersuchungs-)Richters angeregt. Der Kafkologe Josef Maria Häußling meint sogar, dass der Untersuchungsrichter im «Prozeß» der «Verfahrensdreh- und –angelpunkt» ist. Im Roman legt er – vom leidenschaftlichen Juristen Groß geschult – besonderes Augenmerk auf die Begriffe Recht und Gerechtigkeit beziehungsweise Gericht und Gerichtsbarkeit, personifiziert in der Gestalt des Richters.

Der Abschluss des Prüfungsverfahrens am 13. Juni 1906 ist, um es im Jargon der beruflichen Profession Kafkas zu sagen, de iure zugleich die Promotion zum Doktor der Rechte. Nach der akademischen Feier am 18. Juni 1906 veröffentlicht der Jurist eine Annonce, um seinen Status öffentlich zu machen: «Franz Kafka beehrt sich anzuzeigen, daß er am Montag, den 18. Juni d. J. an der k. k. Deutschen Karl Ferdinands-Universität in Prag zum Doktor der Rechte promoviert wurde.»

Danach stellt er unter Beweis, dass man mit einem Doktor iuris alles in der Welt werden kann: zunächst Rechtsanwaltsanwärter, dann Versicherungsjurist und schließlich Franz Kafka. ♦

Janko FerkDr. Janko Ferk
Geb. 1958 in St. Kanzian/A, Studium der Jurisprudenz in Wien, zahlreiche Prosa-, Lyrik- und essayistische Publikationen, Träger verschiedener Kultur-Preise, lebt als Richter, Philosoph und Schriftsteller in Klagenfurt

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