Glarean Magazin

E. Neiman & Y.Afek: «Invisible Chess Moves»

Posted in Buch-Rezension, Emmanuel Neiman, Glarean Magazin, Schach, Schach-Rezension, Thomas Binder, Yochanan Afek by Walter Eigenmann on 3. November 2011

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Von der Unsichtbarkeit gewisser Schachmanöver

Thomas Binder

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Bislang sind Emmanuel Neiman (FIDE-Meister aus Frankreich) und Yochanan Afek (Internationaler Meister aus Israel, lebt und arbeitet in den Niederlanden) vor allem als Trainer und Autoren hervorgetreten. Afek ist darüber hinaus als namhafter Studienkomponist bekannt. Ihr erstes Gemeinschaftswerk erschien 2009 in Frankreich und liegt nun in einer erweiterten Übersetzung auf dem englischsprachigen Schachbuchmarkt vor.

Der Ansatz des Buches ist originell und erfrischend. Die Autoren gehen der Frage nach, warum bestimmte Züge, bestimmte Manöver für Schachspieler aller Leistungsklassen – die Partiebeispiele gehen bis hin zu WM-Kämpfen – sehr schwer erkennbar sind. An der Komplexität der zu berechnenden Varianten kann es nicht liegen. In aller Regel muss man nur wenige Züge voraus denken. Die Kombinationen lassen sich problemlos beim Lesen «vom Blatt» verstehen. Es muss also andere Gründe geben – und es gibt sie. Neiman und Afek haben bestimmte wiederkehrende Merkmale erkannt, die einen Zug quasi «unsichtbar» machen. Einerseits sind es geometrische Motive, andererseits psychologische Hemmnisse, die uns abhalten einen bestimmten Zug auch nur zu erwägen.

Gute Illustration von «Hard-to-see-moves»

Das Werk gliedert sich demgemäß in zwei Hauptteile: «Objektive» und «Subjektive» Unsichtbarkeit. Dies und die weitere Untergliederung zeigen, dass die Autoren durchaus mit Ernsthaftigkeit und Akribie gearbeitet haben, nicht in Richtung «Sensationskabinett» abdriften. Natürlich kann man über die Einteilung streiten – bleibt die Unsichtbarkeit doch auf unser menschliches Auge beschränkt. Computer haben auch mit «objektiv unsichtbaren» Zügen keine Mühe und «subjektive Unsichtbarkeit» ist eben doch abhängig vom Leistungsstand und Erfahrungsschatz des Spielers. Dieser Unterschied spiegelt sich übrigens sehr schön in den Partiekommentaren wider. Im ersten Teil werden überwiegend Beispiele von beiden Spielern übersehener Motive vorgestellt, tritt die tatsächliche Partiefolge als Anmerkung in den Hintergrund. Im zweiten Teil sehen wir meist sehr schwierige, aber tatsächlich gespielte Züge. Hier war die Unsichtbarkeit also auf einen der beiden Spieler beschränkt.
Das erste Kapitel ist weiter unterteilt in «hard-to-see moves» (mir fällt keine griffige Übersetzung ein) und in eine Sammlung geometrischer Motive. In die erste Gruppe fallen u.a. ruhige Züge, Desperado-Manöver oder kollineare Züge. Zur zweiten Kategorie gehören rückwärts gerichtete und horizontale Züge (der Begriff «horizontal effect» sollte vielleicht ersetzt werden, hat er doch im Computerschach eine ganz andere Bedeutung), Figuren-Rundläufe oder Selbstfesselungen.

Häufige Psycho-Falle: Die Ablenkung (Deflection)

Im zweiten großen Abschnitt geht es um «positionelle» und «psychologische» Unsichtbarkeit. Hier wird offensichtlich, dass doch eine gewisse Korrelation von schachlicher Sehschärfe und Spielstärke besteht. Da ähnelt das Buch schon eher gewöhnlichen Taktik-Lehrbüchern, bewahrt aber seinen eigenen Blick auf die tieferen Ursachen der Fehler.
Zu den Kriterien positioneller Unsichtbarkeit gehören Züge, die die eigene Bauernstruktur schwächen, scheinbar stellungswidriger Abtausch oder ungewöhnliche Figurenpostierung (z.B. der berühmt-berüchtigte Springer am Rand). Zu den psychologischen Faktoren wird schließlich das Umdenken zwischen Angriff und Verteidigung gerechnet – ergänzt wieder um geometrische Gedanken wie «vorwärts gerichtete Verteidigungszüge» und «rückwärts gerichtete Angriffszüge».
Nach jedem Unterkapitel und am Ende des Buches folgen Übungsaufgaben. Die Lösungen sind oft noch mit der reizvollen Zusatzfrage «Warum war dieser Zug unsichtbar?» garniert. Die jeweilige Antwort darauf gehört für mich zu den schönsten Aha-Erlebnissen im Buch.
Das Ganze wird locker und ansprechend präsentiert, man kann den Autoren mühelos folgen. Tiefe und Breite der Variantenbesprechung ist angemessen. Ein paar Anekdoten lockern den Text auf. Die sehr zahlreichen Partiebeispiele (ergänzt um ganz wenige Studien) decken einen Zeitraum vom 19. Jahrhundert bis in die jüngste Vergangenheit ab. Auch die aktuelle Meistergeneration (Anand, Topalow, Kramnik u.a.) ist vor der Tücke unsichtbarer Züge also nicht gefeit.

Neiman und Afek gelingt in ihrem «Invisible Chess Moves» ein erfrischend neuer Blick auf die Ursachen schachlicher Fehler und verpasster Chancen. Sie entdecken eine Reihe positioneller und geometrischer Motive, die einen Zug «objektiv unsichtbar» machen, und schärfen so des Lesers «Gefühl» für ungewöhnliche Lösungen von Stellungsproblemen.

Ob Neiman und Afek den im Untertitel angedeuteten Anspruch erfüllen können, sei dahingestellt. Sicher hat man nach der Lektüre seinen Blick für ungewöhnliche Lösungen eines Stellungsproblems geschärft. Dies in praktischen Spielerfolg umzusetzen, bleibt jedem Spieler auch jetzt noch selbst überlassen.
Manchmal würde man sich etwas mehr erläuternden Hintergrundtext wünschen. Aus ihrem Erfahrungsschatz als Trainer könnten die Autoren gewiss manch weitere Details beisteuern. Zuallererst wünscht sich Ihr Rezensent – in seiner Eigenschaft als Schachlehrer – aber eine deutsche Übersetzung, die er dann auch seinen Schülern dringend empfehlen würde. ■

Emmanuel Neiman / Yochanan Afek, Invisible Chess Moves, New in Chess, 240 Seiten, ISBN 978-90-5691-368-7

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