Glarean Magazin

Das Zitat der Woche

Posted in Ödön von Horváth, Glarean Magazin, Literatur, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 27. März 2011

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Über die verschiedenen Arten der Stille

Ödön von Horváth

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Unlängst traf ich einen Bekannten in der Zimmerstraße. »Ich verstehe Sie«, begrüßte er mich, »aber was ich nicht verstehe, ist einfach dies: warum haben Sie eigentlich Ihrem herrlich idyllischen Dorfleben den Rücken gekehrt und sind hierher nach Berlin gezogen? Sie sind doch sogenannter Schriftsteller und wenn ich mich in Sie hineinlebe, so stelle ich mir das so vor, daß Sie draußen auf dem Lande viel mehr Ruhe zum Dichten haben, außerdem haben Sie dort auch würzige Luft.«
»Also was die würzige Luft betrifft«, sagte ich, »da haben Sie relativ recht, aber bekanntlich kann man von der Luft nicht leben, selbst wenn sie würzig ist. Ich muß doch unbedingt nach Berlin, und zwar erstens: um unbedingt Geld zu verdienen. Vergessen Sie doch bitte nicht, daß man nicht nur zum Denken, sondern auch zum Dichten unbedingt Papier, Tinte oder Bleistift braucht, vom Essen, Schlafen und der Garderobe will ich jetzt gar nicht reden!« »Also das hat sich allmählich herumgesprochen«, beruhigte er mich, »aber hören Sie mal: wenn ich Sie wäre, würde ich nur dann nach Berlin ziehen, wenn mir die Tinte, Papier oder drgl. gerade mal ausgegangen ist, wie ich dann aber die Sachen habe, würde ich mich sofort wieder von Berlin empfehlen, hinaus in den ländlichen Frieden, um dort meine Belletristik zu schreiben. Sie können sich doch draußen in der himmlischen Stille und an dem Busen der Natur bedeutend konsequenter konzentrieren, als wie im Trubel der Weltstadt. Hier wird man doch nur zu leicht von seiner Intuition abgelenkt.«

Ödön von Horvath (1901-1938)

»Das glaube ich weniger«, sagte ich, »von der sogenannten wahren Intuition kann man nicht so mirnix-dirnix abgelenkt werden, aber abgesehen hiervon: ich kann, wenn ich will, hier in Berlin genau so still leben, wie an dem Busen der Natur. Wenn man gerade eine Intuition hat, kann man hier leicht ein Eremitendasein führen, allerdings gibt es hier mehr Versuchungen, als wie draußen im Dorf, jedoch meist nur nach sieben Uhr abends. Aber ich hätte ja gar keinen Willen, wenn ich diesen Versuchungen nicht standhalten könnte! Es gibt natürlich auch unbewußte Versuchungen und Ablenkungen, man wird natürlich oft abgelenkt, ohne daß man es merkt. Aber in dieser Weise kann ich auch auf dem Lande abgelenkt werden, zum Beispiel durch einen Wald, durch eine Lichtung, und in der Stadt durch eine Fabrik, eine Straßenbahn – aber das hat ja auch natürlich alles seine Vorteile, es wirkt in mir weiter, und springt auf einmal heraus in irgendeiner Szene eines Buches, oder nur einer Kapitelüberschrift. So würde dann auf dem Lande ein Kapitel heißen ›Abendsonnenschein im Hochwald‹ und in der Stadt ›Die Arbeitslosenunterstützung wird gekürzt.‹ Verstehen Sie mich?«
»Nein.«
»Dann hab ich das vielleicht zu kompliziert formuliert, aber ich kann es nicht einfacher. Sie haben mich ja überhaupt erst auf den Gedanken gebracht. Kehren wir lieber zur Stille zurück, zu diesem Begriff. Die Stille, lieber Herr, ist etwas sehr schönes, sie ist ja auch nicht umsonst schon oft besungen worden, von allen Völkern, den schwarzen, den weißen, roten, gelben, und zwar nach allen Regeln der Reimerei. Und zu allen Zeiten, sicherlich bereits knapp nach der Ermordung des Urpapas. Es ist aber natürlich ein großer Unterschied zwischen der Stille der Stadt und des Landes. Erstere ist selbstgewählt mit einem bestimmten Zweck, nämlich zur dichterischen Arbeit, letztere ist ein ›Muß‹, eine Mußstille. Und die Stille verführt zum Träumen und logischerweise zur Romantik, während die städtische Stille nur der Arbeit gewidmet ist, arbeit ich aber mal nicht, so kann ich in der Stadt keine Stille verspüren, es entsteht also statt des Phantasierens das Sehenmüssen, ob mir das nun ganz bewußt wird oder nicht, spielt natürlich keine Rolle.«
»Jetzt versteh ich Sie überhaupt nicht mehr«, sagte mein Bekannter und sah mich mitleidig an. »Reden wir doch wieder deutsch«, bat er mich freundlich und fuhr sogleich fort: »Es ist mir bekannt, daß die Stadt das Zentrum ist, daß die Stadt den Ton angibt und die ländliche Einfalt zwingt, ihren Ton nachzuahmen, wenn sie überhaupt einen Ton haben will. Das Land ist heute kaum entwicklungsfähig, die lebendige Kultur gibt es nur in der Stadt, darüber sind wir uns doch im klaren. Das Schwergewicht verschiebt sich immer mehr zur Industrie. Die künftigen Kulturzentren sind sicherlich die Industrieorte. Das wissen wir doch alle. Das können Sie vor allem genau so auf dem Lande wissen, wie hier in Berlin, Sie können ein Buch darüber lesen, Zeitungen, Radio, Zeitschriften abonnieren, usw. Bei Ihnen kommt es doch nicht so sehr darauf an, ob Sie nun die neueste Nachricht einige Stunden später erfahren, wo Sie doch ewige Werte schaffen wollen.«
»Hm«, sagte ich nachdenklich, »es ist für mich als jungen Dichter, der ewige Werte schaffen will, natürlich gleichgültig, ob ich es drei Stunden früher oder später erfahre, daß sich wieder mal einige Personen infolge wirtschaftlicher Not das Leben genommen haben. Das ist klar, das hat mit dem Schaffen ewiger Werte nichts zu tun. Aber es kommt doch beim Dichten nicht darauf an, daß ich das erfahre, sondern daß ich das selbst sehe. Es kommt doch auf die Nuancen an. So einen Selbstmord sieht doch ein jeder anders, durch ein anderes Temperament. Aber wichtiger als dies, scheint mir folgendes zu sein: es bildet sich ein neues gesellschaftliches Bewußtsein, es ist alles im Werden begriffen, auch die bisher bekannten Typen der Menschen bilden sich um, es entstehen gewissermaßen ganz neue Mischungen – – sehen Sie: und das können Sie heute auf dem Lande weder fühlen noch sehen, das Land läßt der Stadt den Vortritt, und für mich als jungen Dichter ist dies natürlich kolossal wichtig, die persönlichen Eindrücke von diesem Wandel des Bewußtseins. Sie werden das vielleicht gar nicht so verspüren?«
»Also da haben Sie schon sehr recht! Leben Sie wohl!«
»Auf Wiedersehen!« ■

Aus Ödön von Horváth, Autobiographisches und Theoretisches, Suhrkamp 1988

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