Glarean Magazin

Torsten Wohlleben: «Ausgerockt»

Posted in Buch-Rezension, Christian Busch, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rezensionen, Torsten Wohlleben by Walter Eigenmann on 30. September 2010

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Unsanfte Landung in der Wirklichkeit

Christian Busch

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Es gibt Menschen, die nach einem zerplatzten Traum keine  Kraft für einen zweiten haben. Denen das Mittelmaß nicht zum Selbstbewusstsein reicht. Für die es keine Wege zu geben scheint, noch nicht einmal falsche. Die nicht einmal im Internet wissen, was sie suchen könnten. Die, wenn ihnen das Schicksal ein Sprungbrett hinhält, auf dem Schlauch stehen.
Die es nicht schaffen, das Mädchen, das sie gerade kennen gelernt haben, nach ihrer Telefonnummer oder ihrem Namen zu fragen. Deren Anblick weder zum Lachen noch zum Weinen reicht und denen das Nichts ein vertrauter, ständiger Begleiter in Form von ein paar Flaschen Bier und einer Pizza ist. Es gibt sie.

Von einem solchen handelt Torsten Wohllebens dritter, in Bremen spielender, bemerkenswerter Roman «Ausgerockt». Natürlich hat die Literatur-Szene, auch die aktuelle, schon schillerndere Gestalten gesehen als Linus Keller. Linus ist 32, Single, Vertreter der Thirtysomething-Generation, verkannter Rockmusiker (moderne Variante der Bremer Stadtmusikanten?) und Gelegenheits-Flaschensortierer. Was macht ein Autor mit so einem zwar sympathischen, liebenswürdigen, aber doch eben etwas weltfremden Schluffi, wenn er ihn zum Protagonisten seines immerhin 250 Seiten füllenden Roman bestimmt hat?  Und: Wie schafft er es, ihm eine positive Entwicklung anzudichten?
Da ist zunächst Kumpel Holger, immer da, wenn Linus ihn nicht braucht – ein würdiger Vertreter der SMS-Generation, ehemaliges Bandmitglied und nervig-spleeniges Faktotum, das Linus mit seinen skurrilen Protest-Aktionen gegen die von MTV und DSMS vereinnahmte Medienwelt aus seiner Lethargie – und dann beinahe in den Abgrund – mitreißt. Und der es am Ende fast noch schafft, Linus als medialen Giganten zu etablieren.

Torsten Wohllebens Roman ist eine grundehrliche, ernsthafte, sehr bodenständige und doch sympathisierende Auseinandersetzung mit der bereits erwähnten Thirtysomething-Generation. Dem Autor gelingt die schmale Gratwanderung zwischen unterhaltsamer und realistischer Prosa; vor allem die mal atemlos Nähe herstellende, mal augenzwinkernd menschliche Schwächen berührende Liebesgeschichte ist ihm gelungen.

Aber vor allem ist da eine wunderschöne Liebesgeschichte: Jana heißt sie. «Beim Internet muss man schon was anklicken. Das geht nicht von allein weiter», sagt sie ihm bei ihrer ersten zufälligen Begegnung im Internet-Café. Und es ist tatsächlich ein kunstvoll geglückter Balance-Akt nötig, um Wohllebens passiven Helden und die schöne Jana zusammenzubringen; ein paar Zufälle und ein starker Kaffee allein reichen da nicht, bis er sie – endlich – küsst. Friedlich findet sie ihn, als sie ihn beim Schlafen beobachtet. So kehrt etwas Neues, bisher Unbekanntes in Linus’ Leben ein: das Glück. Das Glück, das ihm eine Träne entlockt. Die Träne, die er beim Tod seiner Stieftochter Hanna, nicht vergießen konnte – im Gegensatz zu seinem in die USA ausgewanderten Halbbruder Mark. Jana schafft es sogar, dass Linus schließlich – mit der Hilfe einiger Freunde – sein eigenes Café eröffnet. Doch auch die Liebe macht aus Linus kein Alpha-Männchen. Linus wäre nicht Linus, wäre der Rückfall nicht schon vorprogrammiert. Es kommt, was kommen musste: Linus stürzt erneut ab – unsanfte Landung in der Wirklichkeit. Doch Übung macht den Meister, das hofft auch Linus. Fortsetzung folgt?

Torsten Wohllebens Roman ist eine grundehrliche, ernsthafte, sehr bodenständige und doch sympathisierende Auseinandersetzung mit der bereits erwähnten Thirtysomething-Generation. Dem Autor gelingt die schmale Gratwanderung zwischen unterhaltsamer und realistischer Prosa; vor allem die mal atemlos Nähe herstellende, mal augenzwinkernd menschliche Schwächen berührende Liebesgeschichte ist ihm gelungen. ■

Torsten Wohlleben, Ausgerockt, Roman, 280 Seiten, Carl Schünemann Verlag Bremen, ISBN 978-3-7961-1970-5

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Das neue «Glarean»-Literatur-Kreuzworträtsel

Posted in Denksport, Kreuzworträtsel, Literatur, Literatur-Kreuzworträtsel, Rätsel, Spielwiese by Walter Eigenmann on 29. September 2010

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Denksport-Herausforderung für Literaturkenner

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Rätsel zum Ausdrucken (PDF-Format)

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Internationaler Wettbewerb für junge Komponisten

Posted in Kompositionswettbewerbe, Musik, Musik-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 29. September 2010

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Gesucht: Zeitgenössische Musik

Die Grazer Musik-Akademie Impuls für zeitgenössische Kompositionen schreibt einen internationalen Wettbewerb für junge Komponistinnen und Komponisten aus. Zur Teilnahme berechtigt sind EinsenderInnen, die nicht vor 1973 geboren sind, eingereicht werden können Partituren für 10-17 Musiker mit einer Werkdauer von 15-20 Minuten. Eine Jury, bestehend aus Komponisten, Musikern und Experten wird anschließend vier Komponisten aus den Einreichungen nominieren. Einsende-Schluss ist am 20. November 2010, die weiteren Einzelheiten sind hier zu finden. ■

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Ricardo Piglia: «Ins Weiße zielen»

Posted in Buch-Rezension, Günter Nawe, Literatur, Rezensionen, Ricardo Piglia by Walter Eigenmann on 28. September 2010

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Annalen der Boshaftigkeit und Verleumdung

Günter Nawe

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Wer hat Tony Durán ermordet? Die klassische Frage, auf die normalerweise und mit großer Selbstgewissheit Kriminalromane eine Antwort geben. Eine solche Antwort hat auch Ricardo Piglia. Aber welche? Der 1941 geborene argentinische Autor – er zählt zu den bedeutendsten argentinischen Schriftstellern – hat einen Krimi vorgelegt, der eigentlich keiner ist. Oder anders: der das Genre des Kriminalromans sprengt.

Mord in der Pampa also. Kommissar Croce begibt sich auf die Suche nach dem Täter. Der windige Staatsanwalt Cueto dagegen glaubt ihn bereits zu haben. Zwei Schwestern hatten sehr engen Kontakt mit dem Mordopfer Durán, das ebenfalls eine zwielichtige Rolle spielte. Der kleine Japaner, ein Nachtportier, wird eingesperrt. Ein Jockey liebt sein Pferd mehr als sein Leben. Und der Kommissar nimmt sich eine «Auszeit» im Irrenhaus. Auch der Journalist Rienzi hat eine Theorie und recherchiert auf seine Weise.
Da gibt es aber auch noch die Familie Belladonna, Land- und Fabrikbesitzer mit etwas eigenartigem Geschäftsgebaren. Was hat der Chef mit dem Mordopfer zu tun? Geht es um Spekulation oder Liebe? Piglia hat alle Versatzstücke, die zu einem Krimi gehören, in dieses Buch hineingepackt – und sie so miteinander verknüpft, dass am Ende nichts ist, wo es scheint. Aber «alles ist so, wie wir es kennen, bevor wir es sehen». Und die wesentlichen Fragen werden woanders gestellt und beantwortet. Und so entstehen quasi «Annalen der Boshaftigkeiten und Verleumdungen in der argentinischen Pampa».

Ricardo Piglia (*1941)

Denn dieses Buch ist eine großartige Beschreibung der argentinischen Wirklichkeit in den siebziger Jahren: Bodenspekulation, verbrecherischer Aktienhandel, korrupte Justiz – und alles in der Erwartung der Rückkehr von Perón. Eine Gesellschaft, in der der Einzelne sich nur schwer zurecht finden kann. Man lebt in einer Kultur, die längst «nicht mehr weiß, was Wahrheit» ist. «Die Geschichte der argentinischen Politik bewege sich auf Bodenhöhe, während alle übrigen Ereignisse in der Höhe vorbeizögen, wie ein Schwalbenschwarm, der im Winter fortzieht», heißt es an einer Stelle.

Bodenspekulation, verbrecherischer Aktienhandel, korrupte Justiz, Folter, Terror, Diktatur: Argentinische Terror-Opfer in den Siebzigern (Prozess-Video vimeo)

Luca, Sproß der Fabrikantenfamilie Belladonna, die den Ruin ihres Unternehmens erleben muss, weiß die Wahrheit. Er bringt den «Mut auf, sich seinem Traum zu stellen», den Traum einer Künstlerexistenz. Hunderttausend Dollar sind geblieben, sollen als Hypothek für das Fabrikgelände dienen. Sie liegen bei der Staatsanwaltschaft und werden nur freigegeben, wenn der Japaner verurteílt wird. Von Luca hängt es ab. Seine Aussage wider besseres Wissen macht ihn schuldig. Er bekommt das Geld, muss aber mit der Schuld einer Falschaussage und den Konsequenzen leben – und kann es letztlich nicht.
Dies alles zusammen ergibt ein Bild der argentinischen Gesellschaft und eröffnet zudem tiefe Einblicke in die Seelnlage der Figuren: vom vegetarischen Gaucho über den Matetrinker mit den literarischen Interessen zum korrupten Staatsanwalt; von den Opfern der Gesellschaft bis zu ihren Tätern. Von Croce, der ehrlichen Haut, bis zur Renzi, dem Journalisten auf der Suche nach der Exklusivstory. Piglia bietet faszinierende Psychogramme.

Ricardo Piglia erzählt von einem Mord in der Pampa, hinter dem sich ein Stück argentinischer Geschichte und ein Psychogramm der argentinischen Gesllschaft verbirgt. Ein hervorragend konstruierter Roman, sprachlich brillant und von außerordentlicher Tiefe – ein Meisterwerk.

So komplex wie die Geschichte und so facettenreich und unterschiedlich wie die handelnden Figuren ist auch das Buch. Alles zielt ins Weiße, um den Romantitel aufzunehmen, ins Zetrum der Dinge. Ricardo Piglia erzählt davon auf mehreren Ebenen, bemüht gekonnt die Philosophie und die Psychologie, verknüpft die verschiedenen Theorien miteinander, um dann den Knoten wieder zu lösen. Er hat einen hervorragend konstruierten Roman geschrieben, sprachlich brillant und von außerordentlicher Tiefe. Es wechseln «die Wörter ständig ihren Ort und erlaubten ganz unterschiedliche, zur selben Zeit simultane wie aufeinanderfolgende Lesarten der Sätze».

Die Mutter der Belladonna-Schwestern hat alles gelesen, was ihr an Weltliteratur in die Hände kam. «Nur argentinische Schriftsteller liest sie nie, sie sagt, die Geschichten würde sie schon alle kennen». Und weil das für uns nicht gilt, sollten wir das Meisterwerk von Ricardo Piglia lesen. ■

Ricardo Piglia, Ins Weiße zielen, Roman, 252 Seiten, Wagenbach Verlag Berlin, ISBN 9783803132321

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Österreichischer Vokal-Kompositionswettbewerb

Posted in Kompositionswettbewerbe, Musik, Musik-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 27. September 2010

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Anregung des experimentellen vokalen Denkens

Einen Kompositionswettbewerb zur Schaffung neuer Stücke für solistisches Vokalensemble schreiben die österreichische Sektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik in Zusammenarbeit mit dem Wiener Jeunesse-Kammerchor aus. Teilnahmeberechtigt sind Komponistinnen und Komponisten jeglicher/n Nationalität und Alters. «Ziel der Ausschreibung ist es, die Aufmerksamkeit der Komponierenden auf die Stimme zu lenken, die Gattung der Vokalensemble-Komposition zu bereichern, experimentelles vokales Denken anzuregen, sowie ein Anstoß zu sein, die Erweiterung des Repertoires auf dem Gebiet der Vokalmusik nachhaltig zu fördern.» Einsende-Schluss ist am 15. November 2010, die weiteren Details sind hier ersichtlich. ■

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Das Zitat der Woche

Posted in Gesellschaft, Kultur&Gesellschaft, Leo Kreutzer, Literatur, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 26. September 2010

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Über die Wissenschaft in der Gesellschaft

Leo Kreutzer

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Im Herbst 1977 – einem »deutschen Herbst«, wie man alsbald zu sagen begann —, im besonders vernebelten November jenes Jahres also fand im Bonner Konrad-Adenauer-Haus eine Tagung statt, die den »geistigen und gesellschaftlichen Ursachen« des Terrorismus nachgehen sollte. Als erster der Wissenschaftler, die man hatte kommen lassen, referierte der Zürcher Sozialpsychologe und Soziologe Gerhard Schmidtchen. In einer alert systemtheoretischen Skizze unserer Gesellschaft interpretierte er den Terrorismus als ein kraß dysfunktionales Phänomen, als »destruktives Verständigungsmuster« in einer »Grammatik des sozialen Handelns«.
Fixiert auf die Vorstellung andauernder Perfektibilität und maximaler Effektivität eines alle Bereiche sozialer Interaktion regulierenden handlungsgrammatischen Systems, prüfte er durch, welche gesellschaftlichen »Subsysteme« dieser Vorstellung gegenwärtig bereits nahekommen, welche andern bedauerlicherweise immer noch zu den »Defizitbereichen« gehören. Und da vermochte Schmidtchen lediglich einem dieser Subsysteme die Bestnote zu erteilen, dem »Wissenschaftssystem«. »Das Wissenschaftssystem kontrolliert über Schule, über die Betriebsorganisation und den hohen augenfälligen Gebrauchswert einer technischen Industrieproduktion, die Denkstile, das Weltbild und großenteils die Motive der Massen. Die Sozialisation wissenschaftlichen Denkstils ist so wirkungsvoll, daß Wahrheiten, die sich nicht in diesen übersetzen lassen, nicht mehr als Wahrheiten akzeptiert werden können… Das Sozialisationssystem für die Durchsetzung eines wissenschaftlichen Denkstils hat eine imponierende Perfektion.«

Leo Kreutzer

Es besteht Anlaß zu der Befürchtung, daß Herr Schmidtchen recht hat. Daß also der wissenschaftliche Denkstil gegenwärtig in einer Weise alle Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens kontrolliert, wie das so umfassend und wirksam keiner anderen Instanz oder Institution auch nur annähernd gelingt, vergleichbar allenfalls der Kontrollfunktion, welche im Mittelalter die Religion innehatte: Was sich da nicht in den religiösen Denkstil übersetzen ließ, konnte nicht als Wahrheit akzeptiert werden.
Dieser Vergleich kommt nicht von ungefähr. Er vermag den Funktionswandel zu verdeutlichen, den die Wissenschaft durchgemacht hat, um zu ihrer heutigen Geltung zu gelangen. Angetreten, am Beginn der Neuzeit und ihn markierend, die Kontrolle durch den religiösen Denkstil zu durchbrechen, also das Denken aus dieser es blockierenden Aufsicht zu befreien, ist die Wissenschaft ihrerseits zu einer alles beherrschenden Kontrollinstanz geworden und wirkt heute, wie Herbert Marcuse in »Triebstruktur und Gesellschaft« ausgeführt hat, »zerstörerisch gegenüber jener Freiheit, die sie einst versprach«.

Aus Leo Kreutzer, Mein Gott Goethe, Reinbek/Rowohlt 1980

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Der brillante Schachzug (76)

Posted in Der brillante Schachzug, John Nunn, Schach, Schach-Rätsel by Walter Eigenmann on 25. September 2010

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Weiß am Zuge

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Weitere Brillanten.

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Kurzprosa von Paula Küng

Posted in Literatur, Neue Prosa, Paula Küng, Prosa, Schweizer Literatur by Walter Eigenmann on 24. September 2010

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Vier verlorene Tage – oder Paris pour toujours

Paula Küng

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Eigentlich war’s aus und fertig. Sie wusste es. Dennoch hatte sie sich entschlossen, nach Paris zu fahren. Jetzt war sie da. Aber er hatte keine Zeit für sie. Das alte Lied! Aber es war doch der drittletzte Tag des Jahres, und sie wollte unbedingt Sylvester in Paris verbringen! Von der Schule wusste sie: Champagner auf der Strasse, Umarmungen und Küsschen von Wildfremden. Alles viel lustiger als zu Hause in der braven Schweiz. Waren sie nicht letztes Jahr auf einem Acker zwischen Biel und Benken mit dem Auto stecken geblieben? Bitte, keine Wiederholung von Sylvester mit ihrem kleinen Bruder und seinen Studienkollegen!
In Paris konnte sie in der Wohnung von Freunden übernachten. Sie befand sich im Quartier Latin, an der Rue Monge mit der sinnigen Hausnummer 101; es war eine Parterrewohnung, kalt, dunkel, muffig. Der Kühlschrank lief nicht, aber das spielte jetzt im Winter keine Rolle. Sie brauchte nichts zu bezahlen, das war das Entscheidende. Vier Tage in Paris! Sie war mit dem Nachtzug in der Gare de l’Est angekommen, und sie würde auch wieder mit dem Nachtzug nach Basel über die Grenze zurückkehren, im neuen Jahr.
Endlich erreicht sie Finn am Telefon in der Botschaft, wo er als Laufbursche arbeitet, um sich sein Studium zu finanzieren. Sie treffen sich an der Métrostation Place Saint-Placide, in der Nähe seines Zimmers. Später trinken sie einen Espresso in der Bar eines Auvergnat. Die Wirtin ist nett. Anderntags geht sie in das gleiche russige Lokal, trinkt einen Espresso und denkt an ihren Freund. In der Küche nebenan hört sie die geile Lache der Wirtin, während sie sich mit dem Wirt und mit Gästen unterhält. Sicher machen sie Witze über sie und ihren Freund, wie sie auf der Bank geschmust haben. Es war ein Fehler gewesen zurückzukommen.
An Sylvester wird sie sich mit Finn zum gemeinsamen Mittagessen treffen. Der Bullier ist offen: Es ist das Restaurant universitaire an der Rue de l’Observatoire. Ganz in der Nähe, am Boul’ Mich’, befindet sich das Foyer international pour jeunes filles. Dort, in der Eingangshalle, wartet sie auf ihren Freund. Der Portier hat sie hereingelassen, fragt nach ihren Wünschen. Sie möchte hier warten. Sie setzt sich auf eine Bank, später legt sie die Beine hoch, legt sich hin. Es ist kalt. Plötzlich steht der Wächter vor ihr und fragt, ob es ihr schlecht sei. Nein, nein, sie sei nur müde. Sie entschuldigt sich, setzt sich kerzengerade auf das Bänklein. Endlich kommt Finn. Er trägt seinen grünen Mantel, den Kragen hochgeschlagen. Im Restau U gibt es eine weihnachtliche Bûche zum Dessert. Sie freut sich, Finn zu sehen, und ist ganz zufrieden. Aber mit dem Sylvesterabend ist nichts. Der Botschafter hat eingeladen, wie sollte er sie vorstellen? Die Angehörigen der Botschaft sind dort, es wird über Afrika und über Politik gesprochen. Sie ist eine Weiße.
Am Abend ging sie wieder zur Eglise Saint-Placide. Sie verbrachte den Abend in einem modernen Lokal mit verspiegelten Wänden und großen, breiten Bänken, die mit grünem Plastik über dicken Kunststoffpolstern bezogen waren. Der Plastik zeigte bereits Risse. Das Lokal war eines jener, die so sehr das typische Pariser Café verkörpern. Dazu die grünen Tassen in verschiedenen Grössen, mit oder ohne Zierrand. Um Mitternacht war es, wie sie es von der Schule her wusste: Champagner auf der Strasse, Umarmungen und Küsschen von Wildfremden. Prosit Neujahr. Ihren Freund würde sie am nächsten Abend an der Gare de l’Est wiedersehen. Ihr Zug fuhr um 22.22 Uhr. Es blieb noch Zeit, zusammen einen Grand crème zu trinken, sich zu umarmen, sich zu verabschieden, sich Treue zu schwören und einander das letzte Geld zuzustecken. Das neue Jahr würde zeigen, was es brachte. Ach, es lag noch so viel Zeit vor ihnen! Ach, es war noch nicht aus und fertig. Ihre erste Liebe ließ sich doch nicht an Sylvester begraben, vier Tage in Paris ließen die alte Leidenschaft aufleben, es waren vier gewonnene Tage.
Eine Liebe ließ sich sehr wohl an Sylvester begraben, wusste sie genau zehn Jahre später. Aber das ist eine andere Geschichte. ■

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Paula Küng

Geb. 1944 in Budapest/H, Studium der Romanistik, Germanistik und Geschichte in Basel und Paris, Dr. phil., Prosa-Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, wissenschaftliche Buch-Publikationen, lebt in Reinach/CH

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Lyrik von Klaus Martens

Posted in Klaus Martens, Literatur, Lyrik, Neue Lyrik by Walter Eigenmann on 23. September 2010

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Was Herbst heißt

Herbst heißt Enden vor dem Schluss,
Wandlung der Farben zum Ende hin,
zum Saftrückfluss, zum Fall, zum Abfall,
zunächst dekorativ auf Stein geweht
oder ausharrendem Gras,
das nicht mehr wächst, doch irgendwie grün ist,
totgrün,  nicht lebendgrün,
totrotes Laub, schwarz umrandet,
schlechte Nachrichten an die Hockenden
im Boden, in Hecken und Verstecken,
die nicht entfliehen können –
die Ausharrer übers Enden hinaus,
Gewinner, Verlierer in der Wetterlotterie,
oder wie abgeschlagene Tannen im
Januar, gefühlsbekränzte Tote
vom Leben allzubald verbrannt.

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Der Himmel ist blau

Es weht kalt vom Garten herein.
Sonne und Himmelsblau täuschen.
Das Kreuzbein sitzt fest –
Herbstschmerz. Masseure
haben Hochbetrieb.
Im Takt von zwanzig Minuten
wird das Bein gestreckt, gehoben,
werden Wirbel geknetet,
dann der nächste arme Kerl.

Dabei ist es nur Herbst. Es wird
kälter, die Natur (der Körper)
zieht sich zusammen, die Sehnen,
die Gelenke schleifen,
und es schmerzt im Herbst,
ein weiterer Abschied von Wärme
und Jugend und Gelenkigkeit,
doch der Himmel bleibt sonnig
und blau. Kälte weht herein

aus dem schon verlorenen Garten.

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Klaus Martens

Geb. 1944 in Kirchdorf/D, Studium der Anglistik und Germanistik in Göttingen, Promotion 1979, zwischen 1979 und 1989 Lehraufträge an den Universitäten Göttingen, Münster und Kassel, zahlreiche literaturwissenschatliche und übersetzerische Publikationen in Büchern und Zeitschriften, Mitglied des PEN Deutschland, diverse Lyrik-Veröffentlichungen, lebt als emer. Universitätsprofessor in Saarbrücken/D

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Das klassische Glarean-Tangram (14)

Posted in Denksport, Rätsel, Spielwiese, Tangram by Walter Eigenmann on 22. September 2010

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Legen Sie mit den Tangram-Elementen die folgende Figur

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Das Tangram-Puzzle

Das Tangram (auch Siebenschlau oder Weisheitsbrett genannt) ist ein altehrwürdiges chinesisches Geometrie-Spiel: Aus nur sieben Steinen eines Quadrates, nämlich fünf Dreiecken, einem Quadrat und einem Parallelogramm lassen sich die vielfältigsten Figuren (Pflanzen, Tiere, Menschen u.v.a.) legen, wobei immer alle sieben Steine verwendet werden müssen. Sie sollen sich berühren, dürfen sich aber nicht überlappen.

Schon in der uralten Kultur Chinas bedeutete das Quadrat die reinste Form einer Fläche, in sich vollkommen, und beim Tangram wird dieses in sich ruhende Quadrat nun aufgelöst in eine endlose Bewegung, wird es durch unablässige Veränderung zum Ausgangspunkt ungeahnter Gebilde, durch das Zusammenspiel seiner festen Elemente zum Quell des Neuen.
Die ersten Tangram-Bücher wurden zur Zeit des Ch’ing-Kaisers Chia Ch’ing (1796-1820) gedruckt, die früheste uns überlieferte Tangram-Publikation dort stammt aus dem Jahre 1813, doch das Grundprinzip des Spiels dürfte im asiatischen Raum schon lange vor  Christi Geburt weit verbreitet gewesen sein. Eine frühe erste Veröffentlichung in Europa datiert aus dem Jahre 1805.

Inzwischen hat das Tangram einen wahren Siegeszug durch alle Kontinente angetreten, ist Gegenstand zahlreicher Bücher und Sammlungen geworden – und lädt unvermindert anregend und spannend ein zum Nachdenken, zum Knobeln, zum Sinnieren,  ja vielleicht gar zum Philosophieren über die ewige Veränderung des ewig Immergleichen…

Im «Glarean Magazin» finden sich regelmäßig interessante und berühmte Tangram-Aufgaben.  Dabei wird das Lege-Puzzle erleichtert, wenn man sich aus Karton die sieben Grundelemente zurechtschneidet.
Sollten unter unseren Leserinnen und Lesern vielleicht sogar Tangram-«Erfinder» sein, so sind sie freundlich eingeladen, uns ihre neuen Figuren als Grafik-Datei zu senden!  (we)

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Ein Beispiel

Legen Sie mit den Tangram-Elementen die folgende Figur

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Prosa-Wettbewerb zum Thema «Tor»

Posted in Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 22. September 2010

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Der Putlitzer Kurzprosa-Preis 2011

Putlitzer Literaturwettbewerb 2010Auch in diesem Jahr wird vom Literatur-Portal «42er Autoren» der internationale «Putlitzer Preis» ausgeschrieben. Das Thema des Wettbewerbs 2011 lautet «Tor». Teilnahmeberechtigt sind alle Autoren, Profis wie ambitionierte Nachwuchsschriftsteller, die in deutscher Sprache schreiben. Einzureichen sind Kurzprosa-Manuskripte mit maximal 1’000 Wörtern. Einsende-Schluss ist am 15. Oktober 2010, die weiteren Details finden sich hier.

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Alan Pauls: «Geschichte der Tränen»

Posted in Alan Pauls, Buch-Rezension, Günter Nawe, Literatur, Rezensionen by Walter Eigenmann on 21. September 2010

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«Zuhören, weinen, in seltenen Fällen auch reden»

Günter Nawe

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Argentinien ist in diesem Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse. Argentinien feiert zugleich 200 Jahre Unabhängigkeit. Geschichte und Literatur also in einem. Und eine Reihe prominenter argentinischer Schriftsteller weiß sich mit ihren Werke beidem verpflichtet: der Literatur und der Geschichte.

Einer der wichtigsten Autoren Argentiniens ist sicher Alan Pauls. Der 1959 geborene Journalist, Schriftsteller und Dozent für Literaturgeschichte hat in Deutschland mit seinem Roman «Die Vergangenheit» großes Interesse und viel Lob bei Kritikern und Lesern gefunden. Große Aufmerksamkeit und Begeisterung gilt jetzt auch dem neuen Roman «Geschichte der Tränen».

Pauls erzählte eine der wichtigsten Episoden in der Geschichte seines Heimatlandes. Es geht im Wesentlichen um das Regime Videla und die Gegenrevolution der Gewerkschaften in den 70er Jahren. Und es geht um die «Empfindsamkeit», die diese Aktivitäten deutlich werden lassen. Zum Beispiel bei einem hypersensiblen jungen Mann, der Hauptfigur, die als Kind Superman liebt. Allerdings nicht wegen seiner Stärken, sondern wegen seiner Schwächen. Diese Sensibilität hat ihren Preis. So hat der Protagonist, der sonst viel geweint hat, nach der Fernsehübertragung des Putsches gegen Allende in Chile, keine Tränen mehr. Dafür lernt er im Lauf der Zeit zu verstehen, was es auch mit der Diktatur in seinem Lande auf sich hat.

Alan Pauls (*1959)

Das alles geschieht in diesem Roman in Form einer Art Entwicklungsgeschichte, in der der jungen Mann, namenlos und damit stellvertretend, vom «Superman» zum Sozialisten wird. «Schwülstige Menschlichkeit» stösst ihn ab, er verachtet seinen Vater, verlässt seine Freundin und findet seine Berufung. Aus Schwäche wird Stärke.
So erlebt der Held aus der Ortega-y-Gasset (der Name dieser Straße ist ein Stück Programm) im Zentrum von Buenos Aires, wo er mit der geschiedenen Mutter und seinen Großeltern wohnt, seine Geschichte: Er ist ein Einzelgänger, ein Individualist, der die Geschichten von Superman sich zu eigen macht, der ganz in seiner «Empfindsamkeit» aufgeht, der sich in der Kunst des Weinens – vorerst noch – übt. «Zuhören, weinen, in seltenen Fällen auch reden» – so sein Motto. Sein Medium ist das Ohr. Und weil dem so ist, wird er zum Ansprechpartner für alle und jeden; für seine Eltern, für Menschen mit Liebesäffaren und verunglückten Lebensträumen. Denn mitten im Lärm und den Wirrnissen der Politik und ihrer fatalen Erscheinungen, die ihm keinesfalls entgehen, kommt auch immer wieder das Private, das Persönliche zum Ausdruck.

«Folter, Schmerz, Leid allenthalben»: Argentiniens Junta-General Videla

Dem komplexen Geschehen, den sehr differenzierten Wahrnehmungen entspricht die Sprache Alan Pauls, eine Sprache, die an Marcel Proust geschult ist. Es sind monologisch erzählte Episoden, es sind verschiedene «Stimmen», mal laut mal leise, die erzählen. So auch von den Folterungen in den Gefängnissen mit Langzeitfolgen. Der «Zuhörer» bemerkt eine Narbe: «…und plötzlich bleibt sein Blick an der schimmernden Stelle hängen, einer Lichtung, wo sich die Haut zur glatten Oberfläche ohne Poren, ohne Haare, ohne Unregelmäßigkeiten spannt…». Folter, Schmerz, Leid allenhalben.

Gibt es in diesem Leben außer Schmerz auch Glück? Der Held findet es. Und als er zeigt, wer sein Glück ist und wie es aussieht, erhält er prompt eine Warnung, dass dieses Glück nur deshalb so ist, wie es ist, «…weil du nie an ein Bettgestell gefesselt warst, während zwei Typen dir die Eier verkohlen». Dies und das ist bitterböse, ist erschreckend und – wenn man so will – auch eine Anklage mit den Mitteln der Literatur.

Dieser Roman ist vieles zugleich, vor allem aber ein beeindruckendes Psychogramm eines Individualisten - und erschreckendes Zeitzeugnis.

Schmerz und Leid, Öffentliches und Privates sind in diesem Roman thematisiert. Biografie und Zeitgeschichte sind miteinander verwoben. Und das auf eine wunderbar kunstvolle, literarisch bedeutende Art und Weise. Ein großer, ein bedeutender Roman. ■

Alan Pauls, Geschichte der Tränen, Roman, 140 Seiten, Klett-Cotta Verlag, ISBN 978-3-608-93710-7

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Leseproben

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Felix-Sonnenfeld-Problemschach-Wettbewerb 2010

Posted in Felix Alexander Sonnenfeld, Problemschach, Schach, Schach-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 20. September 2010

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2-Züger-Hilfsmatt-Schach-Turnier

Felix Sonnenfeld (1910-1993)

Anlässlich des 100. Geburtsjahres des bekannten brasilianischen Problem-Schach-Komponisten und Hilfsmatt-Experten Felix Alexander Sonnenfeld (1910-1993) wird ein internationales Thema-Turnier ausgeschrieben. Eingesandt werden können Zweizügige Hilfsmatt-Probleme, als Preisrichter amtiert Uri Avner. Einsende-Schluss ist am 31. Dezember 2010, die weiteren Einzelheiten sind hier zu finden (engl.) ■

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Kompositionspreis des «Concours de Genève» 2011

Posted in Kompositionswettbewerbe, Musik, Musik-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 20. September 2010

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Moderne Kammermusik für Streichquartett

Für alle Komponistinnen und Komponisten, die frühestens am 1. Februar 1971 geboren sind, schreibt der «Concours de Genève» einen internationalen Kompositions-Wettbewerb aus. Der Preis wird im Rahmen des 66. «Geneva Music Competition» ausgelobt und verlangt originale Kammermusik-Werke für die klassische Streichquartett-Besetzung. Einsende-Schluss ist am 15. Januar 2011, die weiteren Details finden sich hier (engl.) ■

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Internationaler Kurzgeschichten-Wettbewerb

Posted in Literatur, Literatur-Ausschreibungen, Literaturwettbewerbe by Walter Eigenmann on 20. September 2010

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Prosa-Texte zum Thema «Diebe»

Im Rahmen seiner Reihe Literareon schreibt der Herbert Utz Verlag neuerlich einen Kurzgeschichten-Wettbewerb aus. Das Thema lautet diesmal «Diebe», die Teilnahme steht allen Autorinnen und Autoren offen. Pro Autorin/Autor soll nur ein Beitrag eingereicht werden; der Text sollte 1’500 Wörter (ca. drei Seiten) nicht überschreiten. Der Beitrag muss ein selbstverfasstes, bisher unveröffentlichtes Werk in deutscher Sprache sein. Einsende-Schluss ist am 30.November 2010, die weiteren Details finden sich hier. ■

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Das Zitat der Woche

Posted in Amnesty International, Daniel Bolomey, Politik&Gesellschaft, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 19. September 2010

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Über den Nutzen der Solidarität

Daniel Bolomy

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Max Göldi und Rachid Hamdani sind endlich in Freiheit. Die Erleichterung war gross, sie wieder in Sicherheit zu wissen. Amnesty hat die beiden mit einer gross angelegten Solidaritätsaktion sowie mit gezielter Lobbyarbeit unterstützt.
Das Schicksal von Max Göldi und Rachid Hamdani hat uns deutlich vor Augen geführt, dass Freiheit und Gerechtigkeit in vielen Ländern der Welt noch in weiter Ferne sind. Es hat uns auch in Erinnerung gerufen: Max Göldi und Rachid Hamdani sind nicht allein. Was ihnen geschehen ist, erleben unzählige Menschen auf der ganzen Welt – ihr Schicksal bleibt jedoch vielen unbekannt. Oft werden sie verschleppt, gefoltert und ohne faire Verfahren festgehalten. Ihre Familien wissen oft wochen- oder jahrelang nicht, wohin sie gebracht worden sind und ob sie noch leben.

Daniel Bolomey in einem Interview mit dem Schweizer Fernsehen (Januar 2010)

Für viele dieser Menschen ist Amnesty International die letzte Hoffnung. Der öffentliche Druck, den unsere Aufklärungsarbeit und unsere Aktionen erzeugen, ist für sie enorm wichtig und oft lebensrettend.
Max Göldi und Rachid Hamdani haben Solidarität und Unterstützung aus der ganzen Welt erfahren. Unzählige andere sind noch immer unter schrecklichen Bedingungen in Haft. Ihnen und ihren Angehörigen gilt unser Einsatz. Wir bleiben dran. ■

Aus Daniel Bolomey, Generalsekretär von Amnesty International Schweiz, Spenden-Brief vom September 2010

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Das Glarean-Schach-Kreuzworträtsel

Posted in Kreuzworträtsel, Schach, Schach-Kreuzworträtsel, Schach-Rätsel by Walter Eigenmann on 18. September 2010

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Schach-Rätselspaß im September 2010

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Rätsel zum Ausdrucken (pdf)

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Michael Kleeberg: «Das amerikanische Hospital»

Posted in Buch-Rezension, Günter Nawe, Literatur, Michael Kleeberg, Rezensionen by Walter Eigenmann on 17. September 2010

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Von geschundenen Seelen

Günter Nawe

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Er stand auf der Longlist der Vorschläge zum Deutschen Buchpreis 2010, hat es aber leider nicht in die Shortlist der sechs vermeintlich besten Romane dieses Jahres geschafft. Das ist zu bedauern. Denn Michael Kleeberg gehört zweifelsfrei zu den bedeutendsten deutschen Autoren der Gegenwart – und der neue Roman «Das amerikanische Hospital» zu den wichtigsten und schönsten Neuerscheinungen.

Kleeberg, bereits vielfach preisgekrönt, hat sich vor allem mit Titeln wie «Der König von Korsika» und «Karlmann» einen Namen gemacht. Außerdem ist er als hervorragender Übersetzer bekannt. Zum Beispiel von Marcel Prousts «Combray» und «Eine Liebe Swanns» – beide allerdings eher brillante «Nachdichtungen».
Jetzt also «Das amerikanische Hospital», ein Buch, in dem Kleeberg sehr eindringlich Zeitgeschichte und Privatgeschichte miteinander verbindet, tief in die Seelen seiner Protagonisten eintaucht, sozusagen mit dem literarischen Seziermesser die verschiedenen Schichten offenlegt.

Michael Kleeberg bei Recherchen mit UNO-Soldaten im Südlibanon (Litani-Fluß / Juli 2008)

Paris 1991. In der Empfangshalle eines amerikanischen Hospitals treffen sich Hélène und David. Sie, französische Mittelschicht, möchte sich per In-vitro-Fertilisation einen langgehegten Kinderwunsch erfüllen. Er, amerikanischer Soldat, ist wegen seiner Traumata und Panik-Attacken, die er aus dem ersten Irak-Krieg davongetragen hat, in psychiatrischer Behandlung.
Sensibel und sehr eindringlich schildert Michael Kleeberg die Ännäherung dieser beiden Menschen. Er erzählt von den Erfolgen und Misserfolgen ihrer «Behandlungen». Die kontrapunktische Anlage des Buches ermöglicht es dem Leser, sich von verschiedenen Seiten her dem Thema Kleebergs zu nähern: Der Fragwürdigkeit technischer, politischer und bürokratischer Faktoren auf das Leben des Individuums im 20. Jahrhundert.

Hélène unterzieht sich immer wieder der technisch-nüchternen Prozedur, die die Reproduktionsmedizin bietet, um sich den Kinderwunsch zu erfüllen. Und jedesmal erfolgt auf die Hoffnung die Enttäuschung. «A bloody mess» – ein tragisches Erlebnis folgt auf das nächste. Die seelischen Folgen sind unübersehbar.
David, Literatur- und Lyrikfan und Soldat, leidet an den seelischen Beschädigungen, die seine Teilnahme am ersten Irak-Krieg hervorgerufen haben. Posttraumatische Belastungsstörungen nennt man das. Einfacher gesagt: Es sind die Bilder, die sich ihm eingebrannt haben – von den Ibissen, die eine Öllache mit einem See verwechseln und elendiglich zu Grunde gehen. Oder von den Kindern, die in Basra von einer Bombe zerfetzt werden. «A bloody mess» auch hier und für ihn.

Ein fesselnder Roman, der den Leser im wahrsten Sinne des Wortes mitnimmt; atmosphärisch dicht und sprachlich brillant. Große Literatur, die eindringlich von Individuen erzählt, die Zeitgeschichte nicht nur erleben, sondern an sich selbst erfahren.

Sie möchte neues Leben schaffen; er in ein neues Leben zurückfinden. Auf dieser Ebene finden sie sich, kommen sie sich näher. Kleeberg, brillanter Erzähler, der er ist, schildert auf sehr präzise Weise diese Erlebnisse und Vorkommnisse. Vor allem aber sind es Hélène und David, die sich nach und nach davon erzählen: Von ihrem Leben, von der Literatur, die sie beide kennen und lieben, und von sich selbst und ihren geschundenen Seelen – und auf diese Weise eine Therapie absolvieren, die erfolgreicher ist als jene der Ärzte des amerikanischen Hospitals. Eine «Objektivierung» des Erzählten erfolgt quasi durch eine dritte Person in diesem «Zweipersonenstück», durch den eigentlichen Erzähler, der am Ende so etwas wie ein Resumee zieht, wenn er von den Briefen erzählt, die sich Hélène und David geschrieben haben – und von der Trennung Hélènes von ihrem Mann.

Die ausgezeichneten Dialoge zwischen Hélène und David, in denen sich ihr Innenleben darstellt, korrespondieren mit der Außenwelt, den Bildern, die Kleeberg von den Spaziergängen der beiden durch Paris, durch den Hospitalpark, über den Père Lachaise zeichnet. Auch diese Bilder heilen. Und wenn sich am Ende beide zwar näher gekommen sind, sich aber dann doch trennen, so geschieht das irgendwie versöhnt – mit ihrem Schicksal, mit sich selbst und ein wenig auch wieder mit der Welt. ■

Michael Kleeberg: Das amerikanische Hospital, 232 Seiten, Deutsche Verlags-Anstalt, ISBN 978-3-421-04390-0

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Leseproben

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Premio-Germi-Kompositions-Wettbewerb 2010

Posted in Musik, Musik-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 16. September 2010

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Gesucht: Neue Stücke für Kammermusik

Zum Premio-Germi-Kompositionspreis 2010 sind KomponistInnen jeder Nationalität und jeden Alters eingeladen. Ein Wettbewerbsteilnehmer kann mehrere Werke einsenden. Die Stücke sollten für 1-4 Ausführende/n konzipiert sein. Der Wettbewerb ist mit 1’000 Euro für das Sieger-Stück dotiert. Einsende-Schluss ist am 4. Oktober 2010, die weiteren Details sind hier nachzulesen (engl.) ■

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Das neue Streichholz-Rätsel

Posted in Denksport, Rätsel, Spielwiese, Streichholz-Rätsel by Walter Eigenmann on 16. September 2010

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Legen Sie vier Streichhölzer so um, dass zehn Quadrate entstehen

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Lösung:—>(weiterlesen…)

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Friedrich Gernsheim: Die Klavierquintette

Posted in CD-Rezension, Friedrich Gernsheim, Markus Gärtner, Musik, Musik-Rezensionen, Rezensionen by Walter Eigenmann on 15. September 2010

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«Anmutig lächelnd wie ein Wiener Mädchenauge»

Dr. Markus Gärtner

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«Durch die Plastik und Klarheit seiner Tonschöpfungen und die ihnen innewohnende Poesie und Frische erscheint Gernsheim unter den Componisten der Gegenwart besonders befähigt, bei weiterer künstlerischer Entwicklung berufen zu sein, im edelsten Sinne des Wortes zu voller Popularität und Anerkennung seiner Werke zu gelangen.»
Der fromme Wunsch, den das Mendel-Reissmannsche «Musikalische Conversations-Lexicon» hier formuliert, ist nicht in Erfüllung gegangen. Zu Lebzeiten geachtet und geehrt, begann der Pianist und Komponist Friedrich Gernsheim schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts, aus den Köpfen der musikinteressierten Öffentlichkeit zu verschwinden.
Doch das Interesse der Tonträgerindustrie, welche mittlerweile auch die angeblich zweite und dritte Reihe deutscher Komponisten hinter und neben den großen Namen auf Verkaufspotenzial prüft – und dabei nolens volens mithilft, eine Musikgeschichte zu entwerfen, die sich auch für die Nebenarme des großen Stromes interessiert –, kommt Gernsheim, beinahe ein Jahrhundert nach seinem Tod, zugute: Es lässt das Bild eines vor allem kammermusikalisch wirkenden Tonkünstlers entstehen, der in Abhängigkeit von Johannes Brahms der vorwärtstreibenden Entwicklung der «Zukunftsmusik» um Liszt und Wagner nicht folgen wollte.

Friedrich Gernsheim (1839–1916)

Gernsheim gehört damit zum Block derjenigen Komponisten, die in der Geschichtsschreibung im Allgemeinen mit den Etiketten «Konservativer», «Akademiker» oder auch «Formalist» gekennzeichnet werden. Gleichzeitig zeigt er sich als ein ganz bestimmter Künstlertypus, wie ihn die zweite Hälfte des 19. Jahrhundert hervorgebracht hat: akademisch ausgebildet, international wirkend und doch bereits von Zeitgenossen als rückwärtsgewandt eingestuft. Ein Spezifikum dieser Komponisten, zu denen sich, ohne immer alle drei Kriterien zu erfüllen, Heinrich von Herzogenberg, Robert Fuchs, Julius Roentgen oder Hermann Goetz rechnen ließen, ist immer wieder die Orientierung an der Instrumentalmusik, und zwar im Besonderen an der Kammermusik inklusive deren Ästhetik des «Reinen» – ein Genre, welches eben schon durch die kleine Besetzung allem markschreierischen Bombast entgegengesetzt ist. Neben dem Streichquartett treiben auch immer wieder Besetzungen mit Klavier und Streichern diese Tonkünstler zur Komposition.

Entsprechend des eigenen Selbstverständnisses – «producing recordings of the huge amount of top-notch classical music that the concert halls and major record companies are ignoring» – hat sich das Label «Toccata Classics» nun auch um Friedrich Gernsheim verdient gemacht. Die vorliegende CD mit den beiden Klavierquintetten des Komponisten ist geprägt von großer Seriosität, sowohl was die Musik als auch deren Darbietung anbelangt. Hier werden keine angeblichen «Schätze» gehoben, die man am liebsten gleich wieder im Meer des Vergessens versenken möchte. Nein, Gernsheims Musik ist für ihre Zeit zwar keineswegs hochinnovativ, klingt aber dafür ungekünstelt und bietet Themen, die sowohl melodisch als auch mit Blick auf deren Verarbeitung gut erfunden sind. Das unterscheidet ihn von vielen seiner «konservativen» Kollegen, und auch Brahms arbeitet ja oftmals mit eher zähen thematischen Grundgedanken.

«Nicht innovative, aber ungekünstelte» Brahms-Nachfolge: Partitur-Auszug von «In memoriam – Klage-Sang für Streichorchester & Orgel» op. 91 von Friedrich Gernsheim

Der Kopfsatz des ersten Quintetts von 1875/76 beginnt gleich mit einem zwar instrumental gedachten, aber gleichzeitig gut memorierbaren ersten Themenblock. Auch das Scherzo weiß zu fesseln und mit dem Hörer tatsächlich seine Scherze zu treiben, indem es diesen, was das Ende des Satzes betrifft, mehrfach an der Nase herumführt.

«Vitale und feinfühlige Interpretation»: Das Art Vio String Quartet

Das zweite Quintett von 1896 zeigt sich etwas zugeknöpfter, erscheint insgesamt zurückgenommener und im Hauptthema des ersten Satzes auch weniger eingängig. Der Akzent liegt hier mehr auf dem folgenden Seitensatz, der sich tänzerisch-charmant als «eine echte Melodie aus dem Heimatland der Kammermusik» zeigt, wie Anton Ursprung in seiner Besprechung der Erstausgabe der Partitur formulierte, «anmuthig lächelnd wie ein Wiener Mädchenauge, noch dazu auf das Reizvollste instrumentiert und ausnehmend lieblich von dem düsteren, leidenschaftlichen Hintergrunde des ersten Hauptmotivs abgehoben» (Musikalisches Wochenblatt 29 [1898], S. 617-619, hier S. 619). Graziös ist allerdings auch das Scherzo, welches mit seinen dreieinhalb Minuten mehr Intermezzo- denn Satzcharakter aufweist.

Die Aufnahme kann nicht nur durch die gleichzeitig vitale wie feinfühlige Interpretation überzeugen, sondern macht zudem Lust darauf, weitere Werke Friedrich Gernsheims – z. B. seine Symphonien – kennenzulernen.

Das Zusammenspiel des Art Vio Quartetts mit dem Pianisten Edouard Oganessian kann nur gelobt werden. Fein staffeln die Musiker Lautstärkeunterschiede, ohne auf die große Geste zu verzichten. Das verleiht der Musik eine ihr gut zu Gesicht stehende kräftige Note, die den Hörer positiv an die Hand nimmt, vorliegende Quintette genauer kennenzulernen. Die Aufnahme kann nicht nur durch die gleichzeitig vitale wie feinfühlige Interpretation überzeugen, sondern macht zudem Lust darauf, weitere Werke Friedrich Gernsheims – z. B. seine Symphonien – kennenzulernen. ■

Friedrich Gernsheim: Piano Quintet No. 1 in D minor, op. 35; Piano Quintet No. 2 in B minor, op. 63; Art Vio String Quartet; Edouard Oganessian, piano; Toccata Classics

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Hörproben

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Humor in der Musik (13)

Posted in Humor, Humor in der Musik, Musik by Walter Eigenmann on 14. September 2010

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Velohupen in Concert

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Isabelle Stamm: «Schonzeit»

Posted in Buch-Rezension, Günter Nawe, Isabelle Stamm, Literatur, Rezensionen by Walter Eigenmann on 13. September 2010

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«Die Welt begann sich langsamer zu drehen»

Günter Nawe

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Nein, es gibt keine «Schonzeit» für die Liebe und schon gar keine im Leben überhaupt.
Bis Miruna Lupescu, Schweizerin mit rumänischen Vorfahren, zu dieser Erkenntnis kommt, lebt sie einsam und zurückgezogen, hat lediglich Kontakt zu ihrer Schwester. Ab und an schleicht sich ein Liebhaber nachts bei ihr ein. Drogen versetzen sie zwischendurch in eine lethargische Unwirklichkeit. Ansonsten geht das Leben an ihr vorbei. So gibt es für die junge Frau fast keine Außenwahrnehmung – und niemand findet Zugang zu ihrem Inneren.
Die junge Schweizer Autorin Isabelle Stamm hat 2008 mit dem Roman «Zwillings Welten» auf sich aufmerksam gemacht und bereits mehrere Auszeichnungen erhalten. Dass sie die verdient hat, beweist sie nun mit ihrem zweiten Roman «Schonzeit».

Das «Leben» oder was auch immer kommt zu Miruna in Form von Briefen, die sie aus dem Rumänischen übersetzen soll. Briefe, die sie auf seltsame Weise anrühren und beschäftigen, obwohl sie weder Briefschreiber, Gabriel Alexandru, noch Adressaten kennt. Haben sie doch etwas mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. Auch sie kam aus Rumänien, ihrer Eltern sind nach dem Tod ihres dritten Kindes dahin zurück gekehrt.

Isabelle Stamm

So empfindet sie das, was sie übersetzt, auch als ein Stück eigener Familiengeschichte. Die andere, die übersetzte Familiengeschichte macht es möglich. Beide sind beinahe spiegelbildlich zu sehen. Auf jeden Fall möchte Miruna den Empfänger der Briefe kennen lernen. Mit Johann Tschanun, dem Enkel des Briefschreibers, hat sie plötzlich einen (Gesprächs-)Partner. Ihrer beider Lebens- und Familiengeschichten korrespondieren miteinander. Und ihre Kenntnis setzt bei beiden Erinnerungen frei.
So konnte sich Johann bisher nicht an seine Mutter erinnern, die ihn im Alter von drei Jahren verlassen hat. Ein traumatisches Erlebnis. Und Miruna ist nun auch in der Lage, ihre eigene Geschichte zu akzeptieren. «…die Welt begann sich langsamer zu drehen», aber «ich konnte ihr folgen».

Spannung erzeugt die Autorin durch häufige Perspektivwechsel. Mal lesen wir Briefe, mal Erzählungen und Gespräche. Und dies alles in Zeitsprüngen – ein kunstvolles Erzählgeflecht. Was für den Leser nach und nach offensichtlich wird, verschweigen die Liebenden – und das sind sie mittlerweile – voreinander: ihre tiefen Wunden und Verletzungen. So Miruna, die ebenfalls mit einem Trauma fertig werden muss: mit dem Tod ihres Bruders.

Isabelle Stamm erzählt in ihrem Roman «Schonzeit» zwei Familiengeschichten, die miteinander korrespondieren, und eine Beziehungsgeschichte, die sich daraus ergibt. Die Vielschichtigkeit des Plots, die Charakteristik der Protagonisten und das psychologische Einfühlungsvermögen der Autorin sowie sprachliches Feingefühl machen «Schonzeit» zu einem bemerkenswerten Buch.

Mit viel psychologischem Einfühlungsvermögen schildert Isabelle Stamm die Seelenproblamatik, für die es keine Lösung zu geben scheint. Es sei denn, es müsse eine katastrophale sein. Und so kommt es – nach dem Miruna ein weiteres und besonders furchtbares Geheimnis bei Johann entdeckt. Was bis jetzt Schonzeit war, ist aufgehoben. Die Wirklichkeit fordert anderes.Und so führt die schonungslose Konfrontation (vorerst) zur Trennung. Miruna lebt wieder in ihrer Isolation – in ihrem Turm von Einsamkeit und Gleichgültigkeit. Wird sie sich daraus wieder befreien können? Stärke wird gefragt sein; eine Stärke, die aus der Schwächer erwächst.
Äußerst vielschichtig ist dieser Roman. Die Charaktere der beiden Protagonisten sind komplex. Die Geschichte selbst manchmal etwas bemüht konstruiert, aber in sich sehr schlüssig. Auf jeden Fall ist Isabelle Stamm ein bemerkenswerter Roman gelungen. Leseempfehlung! ■

Isabelle Stamm, Schonzeit, Roman, 220 Seiten, Limmat Verlag Zürich, ISBN 978-3-85791-598-7

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Leseprobe

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Das Zitat der Woche

Posted in Georg W. F. Hegel, Literatur, Philosophie, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 12. September 2010

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Von der Gewissheit der Vernunft

Georg W. F. Hegel

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Die Vernunft ist die Gewißheit des Bewußtseins, alle Realität zu sein; so spricht der Idealismus ihren Begriff aus. Wie das Bewußtsein, das als Vernunft auftritt, unmittelbar jene Gewißheit an sich hat, so spricht auch der Idealismus sie unmittelbar  aus: Ich bin Ich, in dem Sinne, daß Ich, welches mir Gegenstand ist, nicht wie im Selbstbewußtsein überhaupt, noch auch wie im freien Selbstbewußtsein, dort nur leerer Gegenstand überhaupt, hier nur Gegenstand, der sich von den anderen zurückzieht, welche neben ihm noch gelten, sondern Gegenstand mit dem Bewußtsein des Nichtseins irgendeines anderen, einziger Gegenstand, alle Realität und Gegenwart ist.

Georg W. F. Hegel (1770-1831)

Das Selbst-Bewußtsein ist aber nicht nur für sich, sondern auch an sich alle Realität erst dadurch, daß es diese Realität wird oder vielmehr sich als solche erweist. Es erweist sich so in dem Wege, worin zuerst in der dialektischen Bewegung des Meinens, Wahrnehmens und des Verstandes das Anderssein als an sich und dann in der Bewegung durch die Selbständigkeit des Bewußtseins in Herrschaft und Knechtschaft, durch den Gedanken der Freiheit, die skeptische Befreiung und den Kampf der absoluten Befreiung des in sich entzweiten Bewußtseins das Anderssein, insofern es nur für es ist, für es selbst  verschwindet. Es traten zwei Seiten nacheinander auf, die eine, worin das Wesen oder das Wahre für das Bewußtsein die Bestimmtheit des Seins, die andere[, worin es] die hatte, nur für es zu sein. Aber beide reduzierten sich in eine Wahrheit, daß, was ist, oder das Ansich nur ist, insofern es für das Bewußtsein, und was für es ist, auch an sich ist. Das Bewußtsein, welches diese Wahrheit ist, hat diesen Weg im Rücken und vergessen, indem es unmittelbar als Vernunft auftritt, oder diese unmittelbar auftretende Vernunft tritt nur als die Gewißheit jener Wahrheit auf. Sie versichert  so nur, alle Realität zu sein, begreift dies aber selbst nicht; denn jener vergessene Weg ist das Begreifen dieser unmittelbar ausgedrückten Behauptung. Und ebenso ist dem, der ihn nicht gemacht hat, diese Behauptung, wenn er sie in dieser reinen Form hört -denn in einer konkreten Gestalt macht er sie wohl selbst -unbegreiflich. ■

Aus Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Bamberg/Würzburg 1807

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Zum Tode von Bent Larsen

Posted in Bent Larsen, Bobby Fischer, News & Events, Schach by Walter Eigenmann on 11. September 2010

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«Ich spiele auf Sieg»

Walter Eigenmann

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Schach-Genie Bent Larsen als Simultanist in Dänemark 1960

Wie die Dänische Schach-Union meldet, ist vorgestern in Buenos Aires der legendäre, bis heute in breiten Schachkreisen populär gebliebene dänische Schach-Großmeister Bent Larsen im Alter von 75 Jahren gestorben. Laut Medienberichten litt Larsen seit längerem an starker Diabetes.

Bent Larsen gehörte in den Sechzigern und Siebzigern nicht nur zu den erfolgreichsten Turnierlöwen überhaupt, sondern auch zu den besonders innovativen Schachtheoretikern (—> Larsen System: 1.b3). Zu Zeiten von Bobby Fischers Anfängen galt der dänische Großmeister, dessen taktisch einfallsreicher, opferfreudiger, teils auch strategisch tiefsinniger Schachstil allgemein bewundert und gefürchtet wurde, zeitweise als die Nummer Eins der westlichen Schach-Welt. Larsens stärkstes historisches Elo-Rating betrug 2660, das er im Februar 1971 erreichte; damit lag er auf Platz Drei der Weltrangliste. Beim prestigeträchtigen Wettkampf UdSSR gegen den Rest der Welt 1970 in Belgrad spielte er am Spitzenbrett, wobei er seine drei Begegnungen mit Weltmeister Boris W. Spasski ausgeglichen zu gestalten vermochte. In seiner Blütezeit war Larsen (wie später Fischer) als Bollwerk gegen die sowjet-russische Schach-Hegemonie stark ideologisiert bzw. instrumentalisiert worden.

Desaster in Denver: WM-Halbfinale gegen das Jahrhundert-Genie Fischer

1980 lernte Larsen in Buenos Aires seine spätere Frau Laura kennen, eine promovierte Juristin und Rechtsanwältin. Seitdem lebte er in Argentinien. Bent Larsen schrieb mehrere schachtheoretische Bücher und war seit längerem ständiger Kolumnist der deutschen Schachzeitschrift Kaissiber.

Larsens Kampf-Motto (und einer seiner Buch-Titel) lautete: «Ich spiele auf Sieg»; dementsprechend heimste der phantasievolle Däne eine Reihe von prächtigen Turniersiegen ein. Namentlich zu nennen wären u.a. Amsterdam 1964, Sousse 1967, Havanna 1967 oder Monaco 1968, später das Interzonenturnier 1976 im schweizerischen Biel.
Einer seiner spektakulärsten Partien datiert aus dem Jahre 1970: Damals fügte er dem späteren Weltmeister Fischer am Interzonen-Turnier in Palma de Mallorca als Schwarzer eine vielbeachtete Niederlage zu (um allerdings aufgrund seines kompromisslosen Kampfstils gegen denselben Fischer im folgenden Kandidaten-Match mit 0:6 das Schach-Trauma seines Lebens zu erleiden):

Robert J. Fischer – Bent Larsen
Palma de Mallorca 1970

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 Sc6 6.Lc4 e6 7.Lb3 Le7 8.Le3 0-0 9.De2 a6 10.0-0-0 Dc7 11.g4 Sd7 12.h4 Sc5 13.g5 b5 14.f3 Ld7 15.Dg2 b4 16.Sce2 Sxb3+ 17.axb3 a5 18.g6 fxg6 19.h5 Sxd4 20.Sxd4 g5 21.Lxg5 Lxg5+ 22.Dxg5 h6 23.Dg4 Tf7 24.Thg1 a4 25.bxa4 e5 26.Se6 Dc4 27.b3 Dxe6 28.Dxe6 Lxe6 29.Txd6 Te8 30.Tb6 Txf3 31.Txb4 Tc8 32.Kb2 Tf2 33.Tc1 Lf7 34.a5 Ta8 35.Tb5 Lxh5 36.Txe5 Le2 37.Tc5 h5 38.e5 Lf3 39.Kc3 h4 40.Kd3 Te2 41.Tf1 Td8+ 42.Kc3 Le4 43.Kb4 Tb8+ 44.Ka3 h3 45.e6 Lxc2 46.b4 Te3+ 47.Kb2 Ld3 48.Ta1 La6 49.Tc6 Txb4+ 50.Kc2 Lb7 51.Tc3 Te2+ 52.Kd1 Tg2 0-1

Dabei war Larsen nicht nur ein genialer Mittelspiel-Taktiker, sondern auch im Endspiel höchst gefährlich. Ein eindrückliches Beispiel dieser Gefährlichkeit lieferte er noch 20 Jahre später in Hastings gegen den starken russischen Großmeister Evgeny Bareev:

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Bent Larsen – Evgeny Bareev
Hastings 1990

1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Le7 5.e5 Sfd7 6.Lxe7 Dxe7 7.f4 0-0 8.Sf3 c5 9.Dd2 Sc6 10.0-0-0 cxd4 11.Sxd4 Sb6 12.De3 Ld7 13.Kb1 Dc5 14.h4 Tac8 15.Th3 Sa5 16.Sb3 Dxe3 17.Txe3 Sac4 18.Tf3 f6 19.exf6 Txf6 20.Sd4 Tcf8 21.Lxc4 Sxc4 22.b3 Sd6 23.Te3 b5 24.a3 a5 25.g3 b4 26.axb4 axb4 27.Sa2 Tb8 28.Kb2 Se4

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1r4k1/3b2pp/4pr2/3p4/1p1NnP1P/1P2R1P1/NKP5/3R4 w – - 0 29

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29.Sf3!! Le8 30.Sg5 Lh5 31.Sxe4 Lxd1 32.Sxf6+ gxf6 33.Txe6 Kf7 34.Te3 Lh5 35.Td3 Ke6 36.Td4 Tg8 37.Sxb4 Lf3 38.Td3 Le4 39.Te3 Kf5 40.Sc6 1-0

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Der betagte Larsen beim Partie-Analysieren mit argentinischen Schachfreunden (Video Youtube)

Larsens jahrzehntelange internationale Schachkarriere war von zahlreichen Erfolgen als Spieler wie also Schachautor gekrönt, und seine über 20 Siege an teils hochkarätig besetzten Turnieren brachten ihm damals den Titel eines «Turnier-Weltmeisters» ein. Allerdings war Larsen auch der erste – aber bei weitem nicht letzte – Meisterspieler, der offiziell von einem Schachcomputer besiegt wurde: 1988 verlor der Däne an einem Open im kalifornischen Long Beach sensationell eine Partie gegen den Rechner «Deep Thought» (den Vorgänger von «Deep Blue», der knapp zehn Jahre später auch Weltmeister Garry Kasparov schlug).

Bent Larsen war in der internationalen Schach-Arena als sehr sympathischer, zwar ehrgeiziger und kämpferischer, aber auch sensibler und zuvorkommender Großmeister hoch angesehen. Der Larsen-Freund und -Fan J. Armas schreibt in seinem Rückblick in Larsens Buch «Alle Figuren greifen an» über eine Simultan-Begegnung: «Wir waren alle voller Stolz, diesen Meister in unserer Nähe zu wissen. Niemals drückte er seinen jeweiligen Gegner einfach an die Wand. Gegen jeden einzelnen spielte  er so, als hätte er einen Großmeister vor sich. Und mit welchen Erinnerungen und ergötzlichen Geschichten unterhielt er uns zwischen den Partien, während der ganzen vier Stunden!»
Mit Bent Larsen verliert die Schach-Welt einen ihrer interessantesten und schillerndsten Vertreter der «Golden Chess Sixties». ■

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Der brillante Schachzug (75)

Posted in Der brillante Schachzug, Schach, Schach-Rätsel by Walter Eigenmann on 11. September 2010

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Weiß am Zuge

r1bq1k1r/4npp1/p1nNp2p/bp1pP2P/3P4/P4N2/2B2PP1/R1BQ1K1R w

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Weitere Brillanten

 

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Schreibwettbewerb für Kurzprosa und Lyrik

Posted in Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 10. September 2010

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«Sei jemand, der du nicht bist»

Zum fünften Mal schreibt das deutsche Reise-Portal «Literarisch-Reisen» seinen Literatur-Wettbewerb aus. Diesmal lautet das Thema «Sei jemand, der du nicht bist». Eingereicht werden können eine Kurzgeschichte bzw. ein Gedicht pro AutorIn. Die zwei «literarisch interessantesten» Beiträge werden mit je 100 Euro prämiert. Einsende-Schluss ist am 31. Oktober 2010, die weiteren Details hier. ■

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Das neue Glarean-Sudoku

Posted in Denksport, Rätsel, Spielwiese, Sudoku by Walter Eigenmann on 10. September 2010

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Der Sudoku-Spaß im September 2010

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Sudoku zum Ausdrucken (pdf)

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Peter Gülke: «Robert Schumann – Glück und Elend der Romantik»

Posted in Biographie, Buch-Rezension, Günter Nawe, Musik, Peter Gülke, Rezensionen, Robert Schumann by Walter Eigenmann on 9. September 2010

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«Was er bedeute und wolle»

Günter Nawe

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Das ist das Schöne an Gedenktagen, dass sie immer wieder Dichter, Denker, Maler oder Komponisten aus der Gefahr der Vergessenheit erretten oder neue und anders gewichtete Aspekte von Leben und Werk an das Licht einer interessierten Öffentlichkeit bringen. In diesem Jahr waren und sind es vor allem Komponisten wie Chopin, Mahler und Robert Schumann, die Aufmerksamkeit erregten und zu vielfältigen Würdigungen Anlass gaben und geben.
Eine sehr gewichtige neue Arbeit ist Robert Schumann gewidmet. Von ihr soll hier die Rede sein – und von seinem (aus der Fülle vieler «Wortmeldungen») herausragenden Biografen Peter Gülke.
Gülke, Kapellmeister, Musikwissenschaftler und Musikdirektor in Dresden und Weimar, ist eine Ausnahmeerscheinung sowohl als Musiker wie auch als Autor umfangreicher Musikliteratur. Und das eben bekommt seiner großen Biografie – oder soll man besser sagen: seinem biografischen Essay – besonders gut. «Robert Schumann – Glück und Elend der Romantik» ist deshalb auch keine chronologische Abfolge von Lebens- und Werkdaten, sondern eine thematisch gegliederte, musikologisch orientierte Arbeit.

«Innige Verbindung von Musik und Dichtung»: Die von Schumann gegründete «Neue Zeitschrift für Musik» (1834)

Wichtig erscheint Gülke, die große romantische Gestalt des Komponisten darzustellen, der zwischen kreativem Überschwang und dem Zwang zu schöpferischen Vollendung seiner Kompositionen zu sehen ist. «Unter den Großen war er der Ungeduldigste. Entweder gelingt etwas sofort, oder es gelingt nie – das war die Prämisse seiner Arbeit, ausgewiesen durch kaum glaubliche, nur Mozart und Schubert vergleichbare Geschwindigkeit und Sicherheit im Vollbringen» – so Peter Gülke.

Leidenschaftlich war dieser Robert Schumann, der am 8. Juni 1810 in Zwickau geboren wurde, der im Alter von 44 Jahren dem Wahnsinn verfiel und am 29. Juli 1856 in einer Nervenheilanstalt in Bonn-Endenich verstarb, in vieler Hinsicht. Eine Pianistenlaufbahn wegen eines ruinierter Fingers blieb ihm verwehrt. Stattdessen widmete er sich ausführlicher Lektüre von Jean Paul und E. T. A. Hoffmann, Hölderlin und Poe, sowie der Abfassung von beachtlichen und beachtete Musikkritiken. Und schließlich dem Komponieren.
Eine sehr genaue Zeittafel ist übrigens dem Buch von Gülke angefügt. Leben und Werk – auch hier wird es deutlich – ist bei Robert Schumann eng verflochten. Das zu analysieren und zu bewerten hat sich Peter Gülke zur Aufgabe gemacht – und diese hervorragend gelöst.

Schumanns Arbeitszimmer in Leipzig

Klavierwerke, Lieder, Sinfonien, Opern und ein Requiem – vielseitiger und umfangreicher ging es kaum. Und das von einem wilden, kreativen, ja versoffenen Genie. Gülke: «Auf der einen Seite war er störrisch, hochfahrend und stolz. Aber auf der anderen Seite war er ebenso oft wahnsinnig, oft zerknirscht, tief enttäuscht und in unendliche Depressionen versunken. Das geht unglaublich stark hin und her bei ihm». So gegensätzlich wie der Mensch ist auch sein Werk. «Die Träumerei» und manche Lieder wurden und werden unter dem Rubrum «romantisch» gehört – trotz vieler artifizieller Eigenheit und Raffinessen.

Zum «romantischen» Schumann gehört natürlich die Ehe mit Clara Schumann, auch wenn diese Ehe alles andere als nur romantisch war. Wenn zwei geniale Künstler zusammenkommen, bringt das zwangsläufig Interessenkonflikte, die ausgelebt und ausgekämpft werden müssen. So auch bei Robert und Clara, der er in unzähligen Liedern permanent Liebeserklärungen macht. Robert Schumann war im wahrsten Sinne eine zerrissene Persönlichkeit. Und Gülke weiß das – und lässt es uns wissen. Glück und Elend der Romantik also am Beispiel des Robert Schumann.

Peter Gülke

Dies alles erzählt Peter Gülke – er ist schließlich Musikwissenschaftler – unter dem Gesichtspunkt des Werkverständnisses. Und so wird das immense Werk des Robert Schumann ausführlich interpretiert. Denn, so Schumann selbst: «Es affiziert mich alles, was in der Welt umgeht, Politik, Literatur, Menschen – über alles denke ich in meiner Weise nach, was sich dann durch die Musik Luft machen, einen Ausdruck suchen will.»
Gülke hat sich mit den musikalischen und vielen ästhetischen Aspekten auseinandergesetzt. Er war den vielen Einflüssen auf der Spur und hat sie gefunden.

Ein brillanter Essay, eine großartige Monografie. Peter Gülke hat die Persönlichkeit Robert Schumanns eloquent, sprachlich geschliffen, vor allem aber mit großer Sachkenntnis – sowohl was das Biografische als auch das Werk mit seinen vielen Facetten angeht – dargestellt.

Peter Gülke hat in seiner neuen Biographie die Persönlichkeit Robert Schumanns eloquent, sprachlich geschliffen, vor allem aber mit großer Sach- und Fachkenntnis dargestellt – sowohl was das Biografische als als auch das Werk und dessen viele Facetten angeht. Ein brillanter Essay!

Robert Schumann hat, wie Gülke schreibt, «ein geordnetes Haus hinterlassen». Und er zitiert den Komponisten: «Man hüte sich als Künstler, den Zusammenhang mit der Gesellschaft zu verlieren, sonst geht man unter wie ich.» Peter Gülke hat stellvertretend den «Zusammenhang mit der Gesellschaft», mit uns, den Lesern, wieder hergestellt. Und etwas erreicht, was Schumann verwehrt blieb. Dem Besucher Joseph Joachim hat Schumann am Ende «zugeraunt», «er müsse von Endenich weg, denn die Leute verstünden ihn gar nicht, was er bedeute und wolle.» Wie wahr! ■

Peter Gülke: Robert Schumann – Glück und Elend der Romantik, 268 Seiten, Paul Zsolnay Verlag, ISBN 978-3-552-05492-9

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Leseproben

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Das neue Musik-Kreuzworträtsel

Posted in Denksport, Kreuzworträtsel, Musik, Musik-Kreuzworträtsel, Musik-Rätsel, Rätsel, Spielwiese by Walter Eigenmann on 8. September 2010

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Musik-Rätsel-Spaß im September

Copyright 2010 by W.Eigenmann / Glarean Magazin

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Rätsel zum Ausdrucken (pdf)

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Lösung: —>(weiterlesen…)

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Peter Reutterer: «Siesta mit Magdalena»

Posted in Alexander Peer, Buch-Rezension, Literatur, Peter Reutterer, Rezensionen by Walter Eigenmann on 7. September 2010

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«In Wirklichkeit ist alles nur ein Traum»

Alexander Peer

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«Magdalenas Mann verabschiedet sich in den Nebenraum», heißt es im ersten Satz von Peter Reutterers als Novelle gekennzeichnetem Text «Siesta mit Magdalena». Nicht nur in den Nebenraum scheint dieser Mann zu verschwinden, sondern gleichsam aus dem Text und damit aus der Perspektive des Erzählers Beno, der hier in einer Art lyrischem Monolog die Beziehung zu Magdalena besingt, beklagt, bekundet.
Schon die Titelgebung folgt einem programmatischen Ansatz. Die Siesta als Zeit der Muße, des Zuruhekommens und als Zäsur des Tages steht metaphorisch für einen Erzählduktus, der zwischen Wiedergabe von Ereignissen und imaginierten Begegnungen steht. Gewissermaßen schafft die Erzählhaltung ein Bewusstsein, das als semipermeabel erscheint, als halbdurchlässig. Glaubt man in einem Absatz noch einem Bericht zu folgen, steigert sich im nächsten in oft elegisch gehaltenem Ton der Erzähler in einen Rausch.

Peter Reutterer

Es fällt schwer, nicht Maria Magdalena zu assoziieren. Nicht allein um des Namens willen, sondern weil diese Beziehung, die sich bloß in einzelnen Brennpunkten zu manifestieren scheint und gewissermaßen als geheim vermittelt wird, etwas Unbeständiges ist. An einer Stelle ist der Bezug zur evangelischen Magdalena jedoch evident, wenn es heißt «Magdalena sei die Heiligste in der Gefolgschaft des Gottessohnes und gleichzeitig die Leibfrohste, Telefonsex würde dem lauteren Wesen Magdalenas widerstreben.» Bevor dem Text allerdings ein Etikett verabreicht wird, das ihm nicht gerecht wird, gilt es die Erzählanordnung zu loben.

Sünderin und Büßerin: Maria Magdalena bei Tizian

Hier wird keine Kritik der christlichen Religion im rationalen Sinn unternommen, vielmehr entsteht aus der Notwendigkeit die Sehnsucht nach etwas über die weltliche Existenz Hinausweisenden jenseits abgegriffener Dogmatik artikuliert. Diese Notwendigkeit heißt Tod. «Kompromisslos still bleiben die Toten, auch wenn sie uns anwesen», heißt es einmal.
Bis zur Seite zwölf des Bandes sterben der Erzählung ihre praktisch noch gar nicht zu Gestalt gekommenen Protagonisten weg. Karlchen, Melisse, Onkel Ernst, dem «eben noch aus dem Mantel geholfen wird» und auf welchen schon das Leichentuch wartet, und schließlich vor allem der Bruder Karl, der Suizid begeht. Dieser Freitod schwebt über dem Geschehen, weil er einen Konflikt zwischen Erzähler und dem Vater festmacht. Ein Konflikt der nicht chronologisch aufgeschlüsselt wird, ja gar nicht aufgeschlüsselt werden darf, will das Motiv der Siesta, diesem pendelnden Zustand von Erinnerungsmomenten, akuten Befindlichkeiten und Verweisen auf Künftiges, konsequent umgesetzt werden. Es genügt, wenn der Erzähler den Vater skizziert, ihn als einen in der Zeit der Nationalsozialisten gesellschaftsfähig gemachten Mannes darstellt, dessen persönliche Wirklichkeit für alle zu gelten hat und der dem Sohn, dem Musiker und Tagträumer, «der sich im Bett gerne in Phantasmen verliegt», nur als fremd erscheinen kann, vor allem jedoch als unnahbar. Fast erleichternd ist eine ab und an auftretende Nüchternheit, wenn Beno bekennt: «Was wir auf Erden tun können: miteinander schlafen gehen.»

Ebenfalls konkret, jedoch meist abwesend ist die Beziehung des Erzählers zu seiner Frau Kathrin und seinen Söhnen. Sie gehören einem Alltag an, den der Erzähler eher absolviert als lebt, sich lassen und sich loslassen scheint ihm nur mit Magdalena möglich, eine Jugendliebe, die bis ins Seniorenheim zu währen hofft.

Tod und Liebe bestimmen die Brennpunkte von Peter Reutterers Novelle «Siesta mit Magdalena». Wo die körperliche Vereinigung über die Egozentrik der Bedürfnisbefriedigung hinausweist, scheint sie in einem höheren Sinn zu gelingen. Diese Bezugnahme auf eine befreiende Sexualität ist angenehm einfach und provoziert gleichzeitig.

An manchen Stellen muss gerechterweise festgehalten werden, ist der Pathos etwas dick aufgetragen und manche rhetorische Kniffe sind zu gesucht, vor allem eine Formulierung wie «ich lasse mich von einer Rolltreppe abtreiben» halte ich für missglückt.
Das soll aber die Leseempfehlung nicht schmälern: Peter Reutterer erzeugt eine stimmige Collage von verpassten Momenten, Vereinigungen und fast schon beklemmender Lust. Der Erzähler reichert seine Ausführungen mit einigen zitablen Befunden an, etwa wenn es wiederum programmatisch heißt, «wenn wir das Leben nicht wahrnehmen, nehmen wir uns das Leben». Während an anderer Stelle die Vernichtung des Lebens durch den Alltag kommentiert wird: «Später werde ich zwischen Leuten sitzen, die ihr eingerichtetes Haus als ihr Leben ansehen.» Weise fast eine Erkenntnis, dass eine Scheidung nach 25jähriger Ehe fast nur dazu führen könne, «die Lebenslage nur noch behandeln und nicht mehr gestalten zu können».

Gerade diese ernsten, jedem Menschen mit gravierendem Beziehungsverlust nachvollziehbaren Erfahrungen erzeugen in Kombination mit den Passagen von Klage und Erfüllung ein stimmiges Ganzes. Eine Erwartung jedoch muss der Rezensent enttäuschen: Dieses Buch liefert keine Wichsvorlage. Peter Reutterer ist es zu ernst mit der Allmacht der Sexualität, die über den Tod hinauszuweisen scheint. Er degradiert seine komplexen Protagonisten nicht zu hechelnden Statisten.
Denn Tod und Liebe bestimmen die Brennpunkte von Peter Reutterers Novelle. Wo die körperliche Vereinigung über die Egozentrik der Bedürfnisbefriedigung hinausweist, scheint sie in einem höheren Sinn zu gelingen. Diese Bezugnahme auf eine befreiende Sexualität ist angenehm einfach – und provoziert gleichzeitig. ■

Peter Reutterer, Siesta mit Magdalena, Novelle, Arovell Verlag, Seiten, ISBN 9783902547149

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Alexander Peer

Geb. 1971 in Salzburg/A, Studien der Germanistik, Philosophie und Publizistik, lebt als freier Autor und Journalist in Wien

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3. Augsburger Dramatiker-Preis

Posted in Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 6. September 2010

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«Meine Freiheit = Deine Freiheit?»

Zum Thema «Meine Freiheit = Deine Freiheit?» schreibt das Augsburger S’ensemble Theater in Kooperation mit der Lutherdekade 2017 seinen dritten Augsburger Dramatikerpreis aus. Gesucht wird ein abendfüllendes Stück für zwei Personen, das «die Grenzen individueller Freiheit dramatisch umsetzt». Der Wettbewerb ist mit insgesamt 2’500 Euro dotiert. Einsende-Schluss ist am 31. Dezember 2010, die näheren Details sind hier nachzulesen. ■

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Kompositions-Wettbewerb «Excellence in Composition 2010»

Posted in Musik, Musik-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 6. September 2010

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Gesucht: Qualitativ hochwertige Musikstücke

Einen internationalen Wettbewerb für Komponisten aller Altersgruppen und Nationlitäten schreibt die griechische National Academy of Music in Zusammenarbeit mit dem Konservatorium Neapolis aus. Ziel der Ausschreibung ist einerseits, auch junge und aufstrebende KomponistInnen zu fördern, andererseits die Motivierung zum Schreiben von «qualitativ hochwertiger Musik für pädagogische Zwecke». Eingesandt werden können unveröffentlichte Originalwerke unterschiedlicher Besetzungen und Schwierigkeitsgrade mit einer Dauer von maximal drei Minuten. Einsende-Schluss ist am 1. Oktober 2010, die weiteren Einzelheiten (engl.) finden sich hier. ■

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Das Zitat der Woche

Posted in Dashiell Hammett, Literatur, Sprache, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 5. September 2010

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Von der Sprache des einfachen Mannes

Dashiell Hammett

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Die Sprache des Mannes auf der Straße ist meistens weder klar noch einfach. Wenn Sie meinen, ich übertreibe, lassen Sie Ihre Stenografin mal ein bißchen mit Notizblock und Bleistift horchen. Sie werden diese von Gestik und Gesichtsausdruck losgelöste Sprache nicht nur überaus kompliziert und stumpfsinnig, sondern in ihrem Mangel an logischem Zusammenhang nahezu sinnlos finden. Vielleicht ist die geschriebene Sprache des einfachen Mannes ein wenig besser. Wenn Sie erfahren wollen, wie wenig, so wählen Sie aufs Geratewohl ein halbes Dutzend Männer aus, Männer, die in ihrer täglichen Arbeit nicht mit Worten zu tun haben, und lassen Sie sie ein Schriftstück verfassen. Das Ergebnis wird interessant und lehrreich sein. Es wird weder klar noch einfach sein. Die Lieblingsworte des einfachen Mannes sind die, die es ihm ermöglichen zu reden, ohne zu denken…

Dashiell Hammett (1894-1961)

Man kann tonnenweise Bücher und Zeitschriften lesen, ohne, selbst im erfundenen Dialog, auf einen Versuch zu stoßen, die Alltagssprache getreu zu reproduzieren. Es gibt zwar Schriftsteller, die es versuchen, aber sie sehen sich selten gedruckt.
Einfachheit und Klarheit sind vom Mann auf der Straße nicht zu kriegen. Sie sind die am schwersten faßbaren und am schwierigsten zu erreichenden literarischen Leistungen, und jeder Schriftsteller, der sie erreichen will, braucht ein hohes Maß an Geschick. Sie sind die wichtigsten Qualitäten, wenn man die maximale gewünschte Wirkung auf den Leser erzielen will. Diese maximale gewünschte Wirkung zu erzielen, ist das Hauptziel der Literatur. ■

Aus Dashiell Hammett, Über Stil, in: Tintenfass Nr. 26, Diogenes Verlag 2002

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Der brillante Schachzug (74)

Posted in Der brillante Schachzug, Schach, Schach-Rätsel by Walter Eigenmann on 4. September 2010

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Schwarz am Zuge

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Lösung: —>(weiterlesen…)

Weitere Brillanten.

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Jessica Riemer: «Rilkes Frühwerk in der Musik»

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«O Herr, gib jedem seinen eignen Tod»

Christian Busch

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Rainer Maria Rilke gehört zu den deutschen Dichtern, deren Werke bis heute nichts von ihrer Wirkung und Präsenz eingebüßt haben. Seine Gedichte erscheinen moderner und zeitloser denn je, von hellsichtiger Klarheit und unerschöpflichem Reichtum, so dass selbst die analytische Literaturwissenschaft sie noch nicht endgültig fassen und «erledigen» konnte. Und spielt Rilkes vielleicht berühmtestes Gedicht «Herbsttag» (aus dem «Buch der Bilder») nicht auf die Verfassung des modernen Menschen an? Auf die Zeit der Einsamkeit, des «Wachens» und «Lange-Briefe-Schreibens», in der man unruhig in den «Alleen zwischen treibenden Blättern» hin und her «wandert»? Auf die Suche nach Antworten auf Fragen, die sich aus der Konfrontation mit Tod und Vergänglichkeit unweigerlich stellen, doch in der schrillen Medienwelt tabu sind?

Um sich Rilke und seinem Werk weiter zu nähern, bedarf es daher vieler und vielfältiger Wege. Jessica Riemer geht in ihrer umfangreichen, sehr fundierten und beziehungsreichen Arbeit den Weg über die Rezeptionsgeschichte und die Rezeptionsästhetik mit dem Schwerpunkt auf dem Frühwerk und der Todesthematik. Eine besondere Berücksichtigung erhalten die zahlreichen musikalischen Vertonungen, denen Rilkes Texte als Inspiration, Thema oder Deutung zu Grunde liegen. Sie alle dokumentieren die Modernität, Aktualität und Zeitlosigkeit von Rilkes Texten.

Rilke-Grab auf dem Bergfriedhof Raron (Schweiz)

Von maßgeblicher Bedeutung ist zunächst Rilkes eigener ambivalenter Todesbegriff, der «eigne» und der «kleine» Tod, der in der nur wenig beachteten Erzählung «Das Christkind» (1893) thematisiert wird. Vor dem Hintergrund seiner großen Affinität zum Tod unterscheidet er den «eignen» oder vollkommenen Tod, der als Teil des Lebens akzeptiert wird («Der Tod wächst aus dem Leben nämlich heraus wie eine Frucht aus einem Baum») vom «kleinen» Tod, dem Sterben in anonymisierter, den Tod leugnender Form.
Die enge Verbindung von Tod und Leben setzt sich fort in der an Sigmund Freud orientierten Dialektik von Lebens- (Eros) und Todestrieb (Thanatos). Der Tod in der Schlacht von Cornet, dem Titelhelden der Prosadichtung «Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph», erscheint als letzte Steigerung des Lebensgefühls, unmittelbar nach der Liebesnacht mit der Gräfin.

Nach einem Verweis auf die unsägliche Rezeption im Nationalsozialismus, aber auch schon im 1. Weltkrieg, beschäftigt sich Jessica Riemer in der Folge ihrer nun deutlich interdisziplinär angelegten Arbeit mit der äußerst umfangreichen musikalischen Rezeption nach 1945, von denen hier nur einige genannt werden können.
Rilkes Gedicht «O Herr, gib jedem seinen eignen Tod» aus dem Stundenbuch wird in Karl Schiskes 1946 komponiertem Oratorium «Vom Tode» zum Leitmotiv und roten Faden, das im Epilog die höchste Steigerung in der Schlussfuge erfährt. Im «eignen» Tod erfährt das lyrische Ich die Erlösung, die Schiskes im Krieg verstorbenen Bruder (der «kleine» Tod) versagt blieb.

Dmitri Schostakowitsch (Hörbeispiel auf Youtube: «Der Tod des Dichters» / 14. Sinfonie)

Ein weiteres Beispiel – auch für die enge Verwandtschaft von Musik und Literatur – erläutert die Autorin in der 1969 uraufgeführten «Symphonie vom Tode» (Nr. 14 op. 135) von Dimitri Schostakowitsch, in welcher der Komponist die Unterdrückung des Künstlers in der sozialistischen Gesellschaft anprangert. Krankheit, Unterdrückung und Todesangst prägen Schostakowitsch in dieser Zeit, und auch sein Werk, seine Todesauffassung – entgegen der von Rilke – bleibt rein pessimistisch. Die Interferenz entsteht dann auch durch Rilkes Gedicht «Der Tod des Dichters» aus den Neuen Gedichten.

Die Analyse der 2005 uraufgeführten Symphonie Nr. 8, im Untertitel «Lieder der Vergänglichkeit» genannt, von Krzysztof Penderecki bringt wieder eine stärkere und engere Identifikation mit Rilkes Botschaften zum Vorschein. Auch hier fungieren in der Thematik von Herbst, Vergänglichkeit und Tod seine Gedichte «Ende des Herbstes» und der berühmte «Herbsttag» als roter Faden. Penderecki teilt Rilkes Auffassung vom Tod als höhere Stufe des Lebens, die sich in seiner Symphonie wie ein persönliches, religiöses Glaubensbekenntnis widerspiegelt.
Auch die Liederzyklen von Rilkes Freund Ernst Krenek und Alois Bröder stellen den Prozess von Werden und Vergehen als einen Kreislauf dar und betonen somit Rilkes ambivalentes Todesverständnis, welche musikalisch durch Dur- und Moll-Wechsel und das Gegenüberstellen von dynamischen Kontrasten umgesetzt sind.
Im letzten Kapitel ihrer Arbeit geht Riemer auf die 20(!), jeweils höchst unterschiedliche Rilke-Rezeptionen offenbarende Vertonungen von Rilkes Cornet ein. Unter diesen nimmt das den Tod als Erlösung interpretierende Konzertmelodram des in Theresienstadt inhaftierten Victor Ullmann – nicht nur auf Grund der Umstände – eine Sonderstellung ein.

Jessica Riemers Untersuchung ist Zeugnis einer jahrelangen Auseinandersetzung mit dem Dichter, wobei der Prozess der sukzessiven Erhellung den Leser aus dem Staunen nicht herauskommen lässt. Besser lässt sich die Zeitlosigkeit von Rilkes Texten nicht untermauern.

Jessica Riemers nahezu enzyklopädische Arbeit über Rilke und dessen Rezeption stellt nicht nur wegen der interdisziplinär geführten Darstellung einen Meilenstein in der Rilke-Forschung dar. Sie ist Zeugnis einer jahrelangen, intensiven und kompetenten Auseinandersetzung mit dem Dichter, seinen Texten und Rezipienten, wobei der Prozess der sukzessiven Erhellung den Leser aus dem Staunen nicht herauskommen lässt. Eindrucksvoller lässt sich die Aktualität, Modernität und Zeitlosigkeit von Rilkes polyvalente Deutungsoptionen bietenden Texten nicht untermauern. ■

Jessica Riemer: Rilkes Frühwerk in der Musik, Rezeptionsgeschichtliche Untersuchungen zur Todesthematik, Universitätsverlag Winter, 552 Seiten, ISBN 978-3-8253-5698-9

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Leseproben

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Robert Zimmer: «Arthur Schopenhauer» (Biographie)

Posted in Arthur Schopenhauer, Biographie, Buch-Rezension, Günter Nawe, Literatur, Philosophie, Rezensionen by Walter Eigenmann on 2. September 2010

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Ein durchweg zweideutiges Leben

Zum 150. Todesjahr von Arthur Schopenhauer

Günter Nawe

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Rechtzeitig zum 150. Todesjahr des großen deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer hat Robert Zimmer eine großartige Biografie vorgelegt. Für den promovierten Philosophen war und ist Arthur Schopenhauer nicht nur ein bedeutender Philosoph, er war der wohl einzige Philosoph, der ein umfassendes Verständnis hatte für Musik und Kunst und Literatur (Shakespeare und Goethe zum Beispiel), und der selbst ein exzellenter Schriftsteller war. Dies alles beschreibt Zimmer im Kontext zu den Lebensdaten und der Werk- und Wirkungsgeschichte Schopenhauers. Und das in einer Art und Weise, die auch dem nicht philosophisch geschulten Leser Gewinn verspricht und Freude machen wird, und ohne ins populärwissenschaftliche Genre abzugleiten.

Denn es war für einen Denker und Gelehrten schon ein aufregendes Leben, das dieser 1788 in Danzig geborene Schopenhauer geführt hat. Eine Reihe von Lebensstationen gab es: Hamburg (hier erlernte er den Kaufmann-Beruf), Gotha und Weimar, Göttingen und Berlin, Rudolstadt und Dresden, und schließlich Frankfurt/Main. Dazu viele Reisen, schon als Kind mit Aufenthalten in Holland, England, Frankreich und der Schweiz. Später zwei Italienreisen. In Rudolstadt schrieb er seine Dissertation «Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde», Grundlage für sein späteres Hauptwerk «Die Welt als Wille und Vorstellung» (1818). In Weimar gab es dann die Auseinandersetzung mit Mutter Johanna und Schwester Adele, die mit einem unkittbaren Zerwürfnis endete. Mit Goethe, den er verehrte, hatte er Kontakt über die «Farbenlehre», der Schopenhauer allerdings selbstbewusst und überheblich eine eigene Schrift «Über das Sehn und die Farben» (1816) entgegenstellte. Ein «durchweg zweideutiges Leben» also. Am 21. September 1860 ist der Philosoph Arthur Schopenhauer in Frankfurt/Main gestorben.

Die erste Manuskript-Seite des 2. Bandes von Shopenhauers «Die Welt als Wille und Vorstellung»

Zimmer versteht es, alle diese Ereignisse korrespondieren zu lassen mit den Anschauungen dieses gern als pessimistisch, misanthropisch und frauenfeindlich apostrophierten Einzelgängers mit dem Pudel, der allerdings auch Liebesbeziehungen, unter anderem mit einer Choristin der Berliner Oper, und uneheliche Kinder hatte. Stattdessen war – nach Zimmer – der Philosoph ein kosmopolitischer Denker (mit gutem Grund trägt diese Biografie den Untertitel «Ein philosophischer Weltbürger»), der es verstanden hat, abendländisches Denken mit fernöstlichen Weisheiten in Verbindung zu bringen.

Dies und sein Eigenwille brachte ihn zwangsläufig in Konflikt mir der bisherigen Philosophie und ihren Vertretern, die er neben sich nicht gelten ließ – außer Kant, den die akademische Philosophie missverstanden habe, und mit dem einzig er – Schopenhauer – auf Augenhöhe denken könnte. So ist besonders die Auseindersetzung mit seinen «Erzfeinden»  Hegel, Fichte und Schelling und mit der gesamten akademischen Philosophie bemerkenswert. Den Vorwurf: «Die Philosophie-Profeßoren haben redlich das Ihrige gethan, um dem Publiko die Bekanntschaft mit meinen Schriften wo möglich auf immer vor zu enthalten. Beinahe 40 Jahre hindurch bin ich ihr Caspar Hauser gewesen.» wird er bis in seine letzten Jahre aufrecht erhalten.. Er rächt sich, indem er vom «ekelhaften Hegeljargon» spricht, von der «Hegelei» und von «Hegelianischen Flausen», und auch an allen anderen kein gutes Haar lässt.

Biograph Robert Zimmer

Auch am Leser übrigens nicht. «Meine letzte Zuflucht ist jetzt, ihn (den Leser) zu erinnern, daß er ein Buch, auch ohne es gerade zu lesen, doch auf mancherlei Art zu benutzen weiß. Es kann, so gut wie viel andere, eine Lücke seiner Bibliothek ausfüllen, wo es sich, sauber gebunden, gewiß gut ausnehmen wird. Oder auch er kann es seiner gelehrten Freundin auf die Toilette, oder den Theetisch legen. Oder endlich er kann ja, was gewiß das Beste von Allem ist und ich besonders rathe, es recensiren.» Auch wenn Schopenhauer gedichtet hat: «Daß von allem, was man liest, / Man neun Zehntel bald vergißt, / Ist ein Ding, das mich verdrießt./ Wer’s doch All auswendig wüßt’!»

Robert Zimmer erzählt in «Ein philosphischer Weltbürger» umfassend von Leben und Werk des Denkers Arthur Schopenhauer, der die deutsche Philosophie aus dem akademischen Elfenbeinturm befreit hat.

So war er, dieser Arthur Schopenhauer, der einmal von sich sagte: «Das Leben ist eine missliche Sache: ich habe mir vorgesetzt, es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken.»  Und das tat er gründlich und prononciert, sodass sein Werk, vor allem die «Parerga und Paralipomena» (1851) mit den «Aphorismen zur Lebensweisheit», eine Art «Steinbruch» sind, aus dem sich jeder, was immer er will herausschlagen kann. Zum Beispiel Sprachpuristen, die gern sein Diktum gegen die «Sprachverhunzung» zitieren: «Empörend ist es, die deutsche Sprache zerfetzt, zerzaust und zerfleichst zu sehen, und oben drauf den triumphirenden Unverstand, der selbstgefällig sein Werk belächelt.»

Robert Zimmer erzählt umfassend und verständlich, sodass der Leser ein sehr komplexes Bild von diesem kosmopolitischen Denker und Schriftsteller, auch vom Menschen Schopenhauer und vom Philosophen erhält, der die deutsche Philosophie des 19. Jahrhunderts maßgeblich erweitert hat. Vor allem hat er sie dank seiner verständlichen Sprache aus dem akademischen Elfenbeinturm befreit. ■

Robert Zimmer: Arthur Schopenhauer – Ein philosophischer Weltbürger, Biografie, 316 Seiten, Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-24800-6

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Leseproben

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