Glarean Magazin

Drei Weihnachts-Grotesken von Rainer Wedler

Posted in Literatur, Neue Prosa, Rainer Wedler by Walter Eigenmann on 15. Dezember 2013

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Drei Weihnachts-Grotesken

Dr. Rainer Wedler

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Dieses Jahr

haben wir Weihnachten ausfallen lassen.
Jetzt hat mein Vater zwei neue Schneidezähne, meine Mutter trägt den Arm noch immer in der Schlinge, meinem Bruder sitzt die Nase schief. Warum nur ich kein bleibendes oder nicht wenigstens ein vorübergehendes Andenken ans Fest habe, das wissen die Götter. Oder das Christkind. ■

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Der Nikolaus

wird das Christkind heiraten. Eigentlich fällt sowas ja unter den Pädophilenparagraphen. Aber Promis sind  eben exempt. Oder es traut sich keiner an sie heran. Wie dem auch sei, diese Weihnachten soll die Hochzeit gefeiert werden.
Ein Störfaktor könnte allerdings Knecht Ruprecht werden, das ist der mit der furchterregenden Rute. Aber warten wir’s ab, vielleicht gibt’s ja ´nen flotten Dreier oder so. ■

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Einen ganz besonders ausgefallenen Weihnachtsschmuck

hatten wir im letzten Jahr. Oder soll ich sagen, einen abgefallenen? Es geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Die Nachbarin hatte Sturm geläutet, Frohe Weihnachten allerseits, und sich dabei an einem Sektglas festgehalten. Auf die Dauer schien ihr das aber zu unsicher, also hängte sie sich mit der freien Hand an den nächstbesten Zweig, auf dem die Kerzen traulich brannten, Halleluja, dann ging sie, den Zweig festumklammernd,  dabei zwangsläufig den im Lichterglanz erstrahlenden Baum nach sich ziehend, mit Getöse zu Boden, klingelingklingeling, ein lustig Klirren und Knistern hub an,  es roch nach brennendem Tannengrün, eine Eimerkette war schnell gebildet und das Haus gerettet.
Der kurzzeitige Weihnachtsschmuck zog sich wachs-, wasser- und ruhmbekleckert in die eigenen Gemächer zurück, Frohe Weihnachten und vielen Dank für den schönen Abend. ■

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rainer-wedler-glarean-magazin.jpgRainer Wedler

Geb. 1942, nach dem Abitur als Schiffsjunge in die Türkei, nach Algerien und Westafrika; Studium der Germanistik, Geschichte, Politik, Philosophie, Promotion über Burleys «Liber de vita», zahlreiche Lyrik-, Kurzprosa- und Roman-Veröffentlichungen

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Das Zitat der Woche

Posted in Bertold Brecht, Literatur, Weihnachten, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 26. Dezember 2010

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Das Paket des lieben Gottes

Bertolt Brecht

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Nehmt eure Stühle und eure Teegläser mit hier hinten an den Ofen und vergeßt den Rum nicht. Es ist gut, es warm zu haben, wenn man von der Kälte erzählt.
Manche Leute, vor allem eine gewisse Sorte Männer, die etwas gegen Sentimentalität hat, haben eine starke Aversion gegen Weihnachten. Aber zumindest ein Weihnachten in meinem Leben ist bei mir wirklich in bester Erinnerung. Das war der Weihnachtsabend 1908 in Chicago. Ich war Anfang November nach Chicago gekommen, und man sagte mir sofort, als ich mich nach der allgemeinen Lage erkundigte, es würde der härteste Winter werden, den diese ohnehin genügend unangenehme Stadt zustande bringen könnte. Als ich fragte, wie es mit den Chancen für einen Kesselschmied stünde, sagte man mir, Kesselschmiede hätten keine Chancen, und als ich eine halbwegs mögliche Schlafstelle suchte, war alles zu teuer für mich. Und das erfuhren in diesem Winter 1908 viele in Chicago, aus allen Berufen.
Und der Wind wehte scheußlich vom Michigansee herüber durch den ganzen Dezember, und gegen Ende des Monats schlossen auch noch eine Reihe großer Fleischpackereien ihren Betrieb und warfen eine ganze Flut von Arbeitslosen auf die kalten Straßen.
Wir trabten die ganzen Tage durch sämtliche Stadtviertel und suchten verzweifelt nach etwas Arbeit und waren froh, wenn wir am Abend in einem winzigen, mit erschöpften Leuten angefüllten Lokal im Schlachthofviertel unterkommen konnten. Dort hatten wir es wenigstens warm und konnten ruhig sitzen. Und wir saßen, solange es irgend ging mit einem Glas Whisky, und wir sparten alles den Tag über auf für dieses eine Glas Whisky, in das noch Wärme, Lärm und Kameraden mit einbegriffen waren, all das, was es an Hoffnung für uns noch gab.
Dort saßen wir auch am Weihnachtsabend dieses Jahres, und das Lokal war noch überfüllter als gewöhnlich und der Whisky noch wäßriger und das Publikum noch verzweifelter. Es ist einleuchtend, daß weder das Publikum noch der Wirt in Feststimmung geraten, wenn das ganze Problem der Gäste darin besteht, mit einem Glas eine ganze Nacht auszureichen, und das ganze Problem des Wirtes, diejenigen hinauszubringen, die leere Gläser vor sich stehen hatten.

Bertolt Brecht (1898-1956)

Aber gegen zehn Uhr kamen zwei, drei Burschen herein, die, der Teufel mochte wissen woher, ein paar Dollars in der Tasche hatten, und die luden, weil es doch eben Weihnachten war und Sentimentalität in der Luft lag, das ganze Publikum ein, ein paar Extragläser zu leeren. Fünf Minuten darauf war das ganze Lokal nicht wiederzuerkennen. Alle holten sich frischen Whisky (und paßten nun ungeheuer genau darauf auf, daß ganz korrekt eingeschenkt wurde), die Tische wurden zusammengerückt, und ein verfroren aussehendes Mädchen wurde gebeten, einen Cakewalk zu tanzen, wobei sämtliche Festteilnehmer mit den Händen den Takt klatschten. Aber was soll ich sagen, der Teufel mochte seine schwarze Hand im Spiel haben, es kam keine rechte Stimmung auf.
Ja, geradezu von Anfang an nahm die Veranstaltung einen direkt bösartigen Charakter an. Ich denke, es war der Zwang, sich beschenken lassen zu müssen, der alle so aufreizte. Die Spender dieser Weihnachtsstimmung wurden nicht mit freundlichen Augen betrachtet. Schon nach den ersten Gläsern des gestifteten Whiskys wurde der Plan gefaßt, eine regelrechte Weihnachtsbescherung, sozusagen ein Unternehmen größeren Stils, vorzunehmen.
Da ein Überfluß an Geschenkartikeln nicht vorhanden war, wollte man sich weniger an direkt wertvolle und mehr an solche Geschenke halten, die für die zu Beschenkenden passend waren und vielleicht sogar einen tieferen Sinn hatten.
So schenkten wir dem Wirt einen Kübel mit schmutzigem Schneewasser von draußen, wo es davon gerade genug gab, damit er mit seinem alten Whisky noch ins neue Jahr hinein ausreichte. Dem Kellner schenkten wir eine alte, erbrochene Konservenbüchse, damit er wenigstens ein anständiges Servicestück hätte, und einem zum Lokal gehörigen Mädchen ein schartiges Taschenmesser, damit sie wenigstens die Schicht Puder vom vergangenen Jahr abkratzen könnte.
Alle diese Geschenke wurden von den Anwesenden, vielleicht nur die Beschenkten ausgenommen, mit herausforderndem Beifall bedacht. Und dann kam der Hauptspaß.
Es war nämlich unter uns ein Mann, der mußte einen schwachen Punkt haben. Er saß jeden Abend da, und Leute, die sich auf dergleichen verstanden, glaubten mit Sicherheit behaupten zu können, daß er, so gleichgültig er sich auch geben mochte, eine gewisse, unüberwindliche Scheu vor allem, was mit der Polizei zusammenhing haben mußte. Aber jeder Mensch konnte sehen, daß er in keiner guten Haut steckte.
Für diesen Mann dachten wir uns etwas ganz Besonderes aus. Aus einem alten Adreßbuch rissen wir mit Erlaubnis des Wirtes drei Seiten aus, auf denen lauter Polizeiwachen standen, schlugen sie sorgfältig in eine Zeitung und überreichten das Paket unserm Mann.
Es trat eine große Stille ein, als wir es überreichten. Der Mann nahm das Paket zögernd in die Hand und sah uns mit einem etwas kalkigen Lächeln von unten herauf an. Ich merkte, wie er mit den Fingern das Paket anfühlte, um schon vor dem Öffnen festzustellen, was darin sein könnte. Aber dann machte er es rasch auf.
Und nun geschah etwas sehr Merkwürdiges. Der Mann nestelte eben an der Schnur, mit der das «Geschenk» verschnürt war, als sein Blick, scheinbar abwesend, auf das Zeitungsblatt fiel, in das die interessanten Adreßbuchblätter geschlagen waren. Aber da war sein Blick schon nicht mehr abwesend. Sein ganzer dünner Körper (er war sehr lang) krümmte sich sozusagen um das Zeitungsblatt zusammen, er bückte sein Gesicht tief darauf herunter und las. Niemals, weder vor- noch nachher, habe ich je einen Menschen so lesen sehen. Er verschlang das, was er las, einfach. Und dann schaute er auf. Und wieder habe ich niemals, weder vor- noch nachher, einen so strahlend schauen sehen wie diesen Mann.
«Da lese ich eben in der Zeitung», sagte er mit einer verrosteten, mühsam ruhigen Stimme, die in lächerlichem Gegensatz zu seinem strahlenden Gesicht stand, «daß die ganze Sache einfach schon lang aufgeklärt ist. Jedermann in Ohio weiß, daß ich mit der ganzen Sache nicht das geringste zu tun hatte.» Und dann lachte er.
Und wir alle, die erstaunt dabeistanden und etwas ganz anderes erwartet hatten und fast nur begriffen, daß der Mann unter irgendeiner Beschuldigung gestanden und inzwischen, wie er eben aus diesem Zeitungsblatt erfahren hatte, rehabilitiert worden war, fingen plötzlich an, aus vollem Halse und fast aus dem Herzen mitzulachen, und dadurch kam ein großer Schwung in unsere Veranstaltung, die gewisse Bitterkeit war überhaupt vergessen, und es wurde ein ausgezeichnetes Weihnachten, das bis zum Morgen dauerte und alle befriedigte.
Und bei dieser allgemeinen Befriedigung spielte es natürlich gar keine Rolle mehr, daß dieses Zeitungsblatt nicht wir ausgesucht hatten, sondern Gott. ■

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Das Zitat der Woche

Posted in Heinrich Seidel, Literatur, Weihnachten, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 19. Dezember 2010

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Das Weihnachtsland

Heinrich Seidel

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Werner und Anna

Im letzten Hause des Dorfes, gerade dort, wo schon der große Wald anfängt, wohnte eine arme Witwe mit ihren zwei Kindern Werner und Anna. Das wenige, das in ihrem Garten und auf dem kleinen Ackerstück wuchs, die Milch, die ihre einzige Ziege gab, und das geringe Geld, das sie durch ihre Arbeit erwarb, reichte gerade hin, um die kleine Familie zu ernähren, und auch die Kinder durften nicht feiern, sondern mußten solche Arbeit leisten, wie sie in ihren Kräften stand. Sie taten das auch willig und gern und betrachteten diese Tätigkeit als ein Vergnügen, zumal da sie dabei den herrlichen Wald nach allen Richtungen durchstreifen konnten. Im Frühling sammelten sie die goldenen Schlüsselblumen und die blauen Anemonen zum Verkauf in der Stadt und später die Maiglöckchen, die mit süßem Duft aus den mit welkem Laub bedeckten Hügelabhängen des Buchenwaldes emporwuchsen. Dann war auch der Waldmeister da mit seinen niedlichen Bäumchen, die gepflückt werden mußten, ehe sich die zierlichen, weißen Blümchen hervortaten, damit seine Kraft und Würze fein in ihm verbleibe. Sie wanden zierliche Kränze daraus, denen noch, wenn sie schon vertrocknet waren, ein süßer Waldesduft entströmte oder banden ihn in kleine Büschel, die die vornehmen Stadtleute in den Wein taten, auf daß ihm die taufrische Würze des jungen Frühlings zuteil werde.
Später schimmerten dann die Erdbeeren rot unter dem niedrigen Kraut hervor, und während nun die Kinder der reicheren Eltern in den Wald liefen und fröhlich an der reichbesetzten Sommertafel schmausten oder höchstens zur Kurzweil ein Beerensträußlein pflückten, um es der Mutter mitzubringen, saßen Werner und Anna und sammelten fleißig »die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen«. Aber sie waren fröhlich dabei und guter Dinge, pflückten um die Wette und sangen dazu.
Noch späterhin wurden auf dem bemoosten Grunde des Tannenwaldes die Heidelbeeren reif und standen unter den großen Bäumen als kleine Zwergenwälder beieinander, indem sie mit ihren dunklen Früchten wie niedliche Pflaumenbäumchen anzusehen waren. Auch diese sammelten sie mit blauen Fingern und fröhlichem Gemüt in ihre Töpfe, und dann ging’s ins Moor, wo die Preißelbeeren standen, die so zierliche Blüten wie kleine, rosig angehauchte Porzellanglöckchen und Früchte rot wie Korallen haben und eingemacht über die Maßen gut zu Apfelmus schmecken.
Von der alten Liese, die alle Tage mit einem baufälligen Rößlein und einem Wagen voll Gemüse und dergleichen in die Stadt fuhr und für die Kinder verkaufte, was sie gesammelt hatten, lernten sie noch manches kennen, was die Stadtleute lieben und gern für ein paar Pfennige erwerben. So suchten sie in der Zwischenzeit allerlei zierliche Moose und Flechten, wie sie in trockenen Kiefernwäldern mannigfaltig den Boden bedecken und sich mit sonderlichen und zierlichen Gestaltungen bescheiden hervortun. Da fanden sie solche rot und ästig wie kleine Korallen und andere, die einem Haufen kleiner Tannenbäumchen glichen. Aus wieder anderen wuchsen die Blütenorgane gleich kleinen Trompetchen oder spitzen Kaufmannstüten hervor, während noch wieder andere kleine Keulen emporstreckten, die mit einem Knopf wie von rotem Siegellack geschmückt waren. Solches Moos lieben die Stadtleute auf einem Teller freundlich anzuordnen, damit sich ihr Auge, wenn es müde ist, über die große Wüste von Mauern und Steinsäulen zu schweifen, auf einem Stück fröhlichen Waldbodens ausruhen könne.
Unter solchen fleißigen und freudigen Tätigkeiten kam dann der Herbst heran und die Zeit, da die Stürme das trockene Holz von den Bäumen werfen und es günstig ist, die Winterfeuerung einzusammeln, die Zeit, wo sie sich schon zuweilen auf die schönen Winterabende freuten, wenn das Feuer in dem warmen Ofen bullert und sein Widerschein auf dem Fußboden und an den Wänden lustig tanzt, wenn die Bratäpfel im Rohr schmoren und zuweilen nach einem leisen »Paff« lustig aufzischen, und die Mutter bei dem behaglichen Schnurren des Spinnrades ein Märchen erzählt. Unter solchen Gedanken schleppten sie fröhlich Tag für Tag ihr Bündelchen Holz heim und türmten so allmählich neben der Hütte ein stattliches Gebirge auf. Zuweilen hing auch ein Beutel mit Nüssen an dem Bündel; diese holten sie gelegentlich aus dem großen Nußbusch, wo in manchem Jahre so viele wuchsen, daß, wenn man mit einem Stock an den Strauch schlug, die überreifen Früchte wie ein brauner Regen herabprasselten. Wenn sie davon genug mitgebracht hatten, wurden die Nüsse in einen größeren Beutel getan und in den Rauchfang gehängt, um für Weihnachten aufgehoben zu werden. Weihnachten, das war ein ganz besonderes Wort, und die Augen der Kinder leuchteten heller auf bei seinem Klange. Und doch brachte ihnen dieser festliche Tag so wenig. Ein kleines, winziges Bäumchen mit ein paar Lichtern und Äpfeln und selbstgesuchten Nüssen und zwei Pfefferkuchenmännern, darunter für jedes ein Stück warmes Winterzeug und, wenn’s hoch kam, ein einfaches, billiges Spielzeug oder eine neue Schiefertafel, das war alles. Doch von den wenigen, kleinen Lichtern und von dem goldenen Stern an der Spitze des Bäumchens ging ein Leuchten aus, das seinen traulichen Schein durch das ganze Jahr verbreitete und dessen Abglanz in den Augen der Kinder jedesmal aufleuchtete, wenn das Wort Weihnachten nur genannt wurde.
Als es nun Winter geworden war und sie eines Abends behaglich um den Ofen saßen und die Mutter gerade eine schöne Weihnachtsgeschichte erzählt hatte, sah der kleine Werner eine ganze Weile ganz nachdenklich aus und fragte dann plötzlich: »Mutter, wo wohnt denn der Weihnachtsmann?«
Die Mutter antwortete, indem sie den feinen Faden durch die Finger gleiten ließ und das Spinnrad munter dazu schnurrte: »Der Weihnachtsmann? Hinter dem Walde in den Bergen. Aber niemand weiß den Weg zu ihm; wer ihn sucht, rennt vergebens in der Runde, und die kleinen Vögel in den Bäumen hüpfen von Zweig zu Zweig und lachen ihn aus. In den Bergen hat der Weihnachtsmann seine Gärten, seine Hallen und seine Bergwerke, dort arbeiten seine fleißigen Gesellen Tag und Nacht an lauter schönen Weihnachtsdingen, in den Gärten wachsen die silbernen und goldenen Äpfel und Nüsse und die herrlichsten Marzipanfrüchte, und in den Hallen sind die schönsten Spielsachen der Welt zu Tausenden aufgestapelt.«
Diese Geschichte kam Werner nicht wieder aus dem Sinn, und er dachte es sich herrlich, wenn es ihm gelingen könnte, den Weg nach diesem Wunderlande zu entdecken. Einmal war er bis in die Berge gelangt und war dort lange umhergestreift, allem er hatte nichts gefunden als Täler und Hügel und Bäume wie überall. Die Bäche, die dort liefen, schwatzten und plauderten wie alle Bäche, allein sie verrieten ihr Geheimnis nicht, die Spechte hackten und klopften dort wie anderswo im Walde auch und flogen davon und an den Eichhörnchen, die eilig die Bäume hinaufkletterten, war auch nichts Besonderes zu sehen.
Wenn ihm nur jemand hätte sagen können, wie der Weg in das wunderbare Weihnachtsland zu finden sei, er hätte das Abenteuer wohl bestehen wollen. Aber die Leute, die er danach fragte, lachten ihn aus, und als er deshalb der Mutter seine Not klagte, da lachte sie auch und sagte, das solle er sich nur aus dem Sinne schlagen; was sie ihm damals erzählt habe, sei ein Märchen gewesen wie andere auch.
Aber der kleine Werner konnte die Geschichte doch nicht aus seinen Gedanken bringen, obgleich er nun niemand mehr danach fragte. Nur mit der kleinen Anna sprach er zuweilen beim Holzsammeln davon, und beide malten sich schöne Traumbilder aus von den Herrlichkeiten des wunderbaren Weihnachtslandes.

Der kleine Vogel

Heinrich Seidel (1842-1906)

An einem Morgen kurz vor Weihnachten nahm Werner das Küchenbeil über die Schulter und ging allein in den Wald, denn der Förster, der den Knaben gern sah, hatte ihm auch in diesem Jahre wieder erlaubt, sich selbst ein Tannenbäumchen für den Weihnachtsabend abzuhauen. Ausgesucht hatten die Kinder sich dieses schon lange und waren nach vielem Beraten und Erwägen einig geworden, daß im ganzen Walde kein schöneres zu finden sei. Es stand ziemlich weit draußen ganz allein unter dem Schutz einer einzelnen alten Buche und war so nett und zierlich gewachsen, daß es eine wahre Freude war.
Es war ein schöner milder Wintertag, die Sonne schien vom unbewölkten Himmel, und der Waldboden war mit ein wenig Schnee wie mit Streuzucker gepudert, so recht ein Tag für die kleinen Waldvögel, die im Winter bei uns bleiben. Man hörte in der stillen Luft überall das muntere Zwitschern und Locken der Meisen und Goldhähnchen, die sich in kleinen Scharen in den Wipfeln umhertrieben und die feinen Zweiglein und Äste der Bäume gar emsig absuchten. Als Werner bei der alten Buche und dem Tannenbäumchen angelangt war, setzte er sich eine Weile auf einen Baumstumpf, um sich auszuruhen. Rings war es so still wie in einer einsamen Kirche, nur ein Bächlein ging mit leisem Plätschern und dunklem Gewässer durch seine beschneiten Ufer hin, und aus der Ferne kam zuweilen der scharfe Schrei eines Hähers. Er verfiel wieder in seine alten Träumereien über das wunderbare Weihnachtsland, und die Sehnsucht nach diesen Herrlichkeiten bemächtigte sich seiner so, daß er vor sich hinrief: »Ach, wer mir doch den Weg sagen könnte ins Weihnachtsland!«
Da ging ein lauteres Getön durch die Wellen des Baches, wie ein rieselndes Gelächter, eine Waldmaus guckte aus ihrer Höhle am Stamm und kicherte mit feiner Stimme, und im Wipfel der alten Buche wiegte und wogte es, als schüttele sie den Kopf über solcherlei Torheit. In dem kleinen Tannenbaum, der vor ihm stand, zwitscherte es aber plötzlich fein und vernehmlich; es war eine Blaumeise, die von Zweig zu Zweig hüpfte, bald oben saß, bald unten hing und dazu fortwährend ihren Ruf erklingen ließ: »Ich weiß! Ich weiß!«
»Was weißt du?« fragte Werner.
Der kleine Vogel warf sich rücklings von einem Zweig, schoß auf possierliche Art in der Luft Kobolz und saß dann wieder und rief? »Ich weiß den Weg! Ich weiß den Weg!«
»So zeig ihn mir!« sagte Werner rasch.
Nun fing der kleine Vogel wieder ein feines Gezwitscher an, aber der Knabe verstand alles: »Bist gut gewesen!« sagte er. »Hast mir die Kinderchen beschützt, meine zehn kleinen Kinderchen! Ich weiß den Weg, ich zeig’ ihn dir! Fix! Fix!«
Damit flog das Tierchen auf den nächsten Strauch und weiter, und Werner folgte ihm. Er hatte die Rede des Vogels anfangs nur halb begriffen, doch zuletzt fiel es ihm ein, daß es eine Blaumeise gewesen war, durch deren ängstliches Geschrei er in dem vergangenen Frühjahr zu der alten Buche gelockt wurde. Dort sah er, wie ein Häher vor dem Baumloche saß, in dem ihr Nest war, im Begriff, die kleinen, nackten Meisenjungen herauszuholen, um sie zu verzehren, indes die Mutter mit ihren schwachen Kräften unter jämmerlichem Schreien ihre Brut zu verteidigen suchte. Schnell hob er einen Stein auf und warf so glücklich, daß der Häher zu Tode getroffen zu Boden fiel.
Nun wollte sich die kleine Blaumeise in ihrer Art dankbar beweisen. Sie flog immer von Busch zu Busch vor ihm her, dem Laufe des Baches entgegen, der aus den Bergen kam. Bald hob sich der Boden und der Bach plätscherte lauter zu Werners Füßen dahin; dann gelangte er in ein ansteigendes Tal, das sich immer mehr verengte, indes die Seitenwände steiler wurden, und zuletzt, als der Bach plötzlich um einen Felsvorsprung bog, sah Werner vor sich eine glatte Steinwand, die hoch aufragte und oben mit mächtigen Tannen gekrönt war. Der kleine Vogel war plötzlich verschwunden, doch tönte seine Stimme von oben, in der Ferne verhallend: »Gleich! Gleich!«
Werner setzte sich auf einen Felsblock und betrachtete die Steinwand. Sie war glatt und ohne Fugen und mit Moos und bunten Flechten bewachsen; sonst war nichts an ihr zu sehen. So saß er und wartete. Der Bach schoß unablässig plätschernd zur Seite, aus einem Felsenspalt und aus den Tannenwipfeln kam das eintönige Singen der Zweige, sonst war kein Laut ringsum vernehmbar. Endlich hörte er ein leises Flattern über sich, und eine Haselnuß fiel vor seine Füße. »Nimm! Nimm!« rief der kleine Vogel. »Beiß auf! Beiß auf!«
Werner nahm die Nuß und betrachtete sie. Es war nichts Besonderes an ihr zu sehen, aber wenn man sie schüttelte, so klapperte es, als sei etwas Hartes eingeschlossen. Er knackte sie auf und fand einen zierlichen goldenen Schlüssel darin. Unterdes war der kleine Vogel an die Steinwand geflogen, hatte sich dort mit seinen feinen Füßchen angehäkelt und pickte so emsig zwischen den Flechten herum, daß die Stückchen davonflogen. Endlich rief er: »Hier! Hier!«
Werner trat hinzu und bemerkte nun ein kleines, mit Silber eingefaßtes Schlüsselloch. Der goldene Schlüssel paßte ganz genau hinein, und als Werner ihn umdrehte, da ging ein merkwürdig feines Klingen durch die Steinwand, und es tat sich ganz von selbst eine schwere Tür auf, die so genau in ihren Rahmen paßte, als sei sie eingeschliffen. Zugleich strömte eine warme, bläuliche Luft aus der Öffnung hervor, und es verbreitete sich ein Duft nach ausgeblasenen Wachskerzen und angesengten Tannennadeln.
»O, wie riecht das nach Weihnachten!« sagte der kleine Werner.
Der Vogel aber rief: »Hinein! Hinein! Fix! Fix!«
Kaum hatte Werner, dem doch etwas ängstlich zumute war, ein paar Schritte in den dunklen Gang hinein gemacht, so fühlte er hinter sich einen Luftzug, und plötzlich war es ganz finster, denn die Tür hatte sich lautlos wieder geschlossen. Nun sank ihm doch ein wenig der Mut, da jede Rückkehr abgeschlossen war, aber da er zugleich einsah, daß Zittern und Zagen hier nichts helfe, so tappte er entschlossen in dem finsteren Gange weiter.

Das Weihnachtsland

Bald wurde es heller vor ihm, und dann trat er hinaus in eine wunderliche Gegend, wie er solche noch niemals gesehen hatte. Es war dort warm, doch war es nicht Sommerwärme, die ihm entgegenschlug, sondern eine Luft, wie sie in geheizten Stuben zu sein pflegt, angefüllt mit allerlei süßen Düften. Auch schien keine Sonne an dem Himmel, und doch war überall eine gleichmäßige Helle verbreitet. Von der Gegend selbst sah er nicht viel, denn hinter ihm stand die hohe Felsenwand, durch die er hereingekommen war, und ringsum verdeckten die Aussicht viele hochgewachsene Sträucher, an denen die seltsamsten Früchte wuchsen. Als er verwundert und staunend zwischen diesen Gewächsen einherschritt, fand er bald eine breite Allee, die auf ein fernes Gebäude zuführte. Zu beiden Seiten war sie mit großen Apfelbäumen eingefaßt, auf denen goldene und silberne Äpfel wuchsen. Alte, gnomenartige Männer mit eisgrauen Bärten und schöne junge Kinder waren eifrig beschäftigt, sie zu pflücken und in große Körbe zu sammeln, deren viele schon mit ihrer schimmernden Last ganz gefüllt dastanden. Keiner von diesen Leuten achtete aber auf den kleinen Werner, der unter steter Verwunderung auf das Gebäude im Hintergrunde, das sich jetzt als ein großes Schloß mit ragenden Türmen und vergoldeten Kuppeln und Dächern darstellte, zuschritt. An den Seiten des Weges lagen viele Felder, die in Beete geteilt und mit niedrigen Gewächsen bestanden waren. Auch hier herrschte überall eine emsige Tätigkeit, einzusammeln und zu ernten, und auf den einzelnen Felder, die sich je nach der Art ihrer Gewächse in verschiedenen Farben hervorhoben, waren überall zierliche, bunte Gestalten zu sehen, die kleine, zweiräderige Karren mit goldfarbigen, zottigen Pferdchen bespannt, fleißig beluden.
Als sich Werner dem Schlosse näherte, fiel es ihm auf, daß sich ein Duft nach Honigkuchen immer stärker verbreitete, und als er näher zusah, bemerkte er, daß das ganze Schloß aus diesem süßen Stoff erbaut war. Der Unterbau bestand aus groben Blöcken und die Wandflächen aus glatten Tafeln, die durch eingedrückte Mandeln und Zitronat mit den herrlichsten Ornamenten verziert waren. Und die köstlichsten Reliefs aus Marzipan, die überall eingelassen waren, die Ballustraden und Galerien und Balkone aus Zuckerguß, die prächtigen Statuen aus Schokolade, die in vergoldeten Nischen standen, und die schimmernden bunten Fenster, zusammengesetzt aus durchsichtigen Bonbontafeln, fürwahr, das war ein Schloß, so recht zum Anbeißen schön. An der kunstreichen Eingangstür war der Knopf eines Klingelzuges von durchsichtigem Zucker angebracht; der kleine Werner faßte Mut und zog kräftig daran. Aber kein Glockenton erschallte, sondern es schrie inwendig so laut: »Kikeriki!«, daß der Knabe erschrocken zurücktrat. Dann wiederholte sich der Ruf wie ein Echo mehrmals immer ferner und leiser im Inneren des Gebäudes, und dann war es still. Jetzt taten sich leise die Türflügel auseinander, und in der Öffnung erschien eine sonderbare Persönlichkeit, die Werner, wenn sie nicht gelebt und sich bewegt hätte, unbedingt für einen großen Hampelmann angesehen haben würde.
»Potz Knittergold!« sagte diese lustige Person, – »Besuch? Das ist ja ein merkwürdiger Vorfall!« Und damit schlug er aus Verwunderung oder Vergnügen ein paarmal sämtliche Gliedmaßen über dem Kopf zusammen, so daß es beinahe schauderhaft anzusehen war. Sodann fragte er, indem Arme und Beine fortwährend hin und her schlenkerten: »Was willst du denn, mein Junge?«
»Wohnt hier der Weihnachtsmann?« fragte der kleine Werner.
»Gewiß«, sagte der Hampelmann, »und Ihro Gnaden sind zu Hause, aber sehr beschäftigt, sehr beschäftigt!« – Damit forderte er den Kleinen auf, ihm zu folgen, indem er sich in seltsamer Weise unter unablässigem Schlenkern seitwärts fortbewegte, denn anders ließ es die eigentümliche Beschaffenheit seiner Gliedmaßen nicht zu. Er führte den Knaben durch einen Vorsaal, dessen Wände aus Marzipan bestanden und dessen Decke von Säulen aus polierter Schokolade getragen wurde, an eine Tür, vor der zwei riesige Nußknacker in großer Uniform und mit ungeheuren Bärenmützen Wache standen, ließ ihn hier warten und ging hinein.
Die Nußknacker betrachteten unterdes den kleinen Werner mit großen lackierten Augen, schielten sich dann unter einem unbeschreiblich hölzernen Grinsen gegenseitig an, und dabei gnuckerte es in ihnen, als ob sie mit dem Magen lachten. Nun kam der Hampelmann wieder heraus, machte von seitwärts eine sehr schöne Verbeugung und sagte: »Der gnädige Herr läßt bitten!« Da ruckten sich die Nußknacker zusammen und schlugen mit den Zähnen einen Wirbel, der ganz außerordentlich war.
Als der kleine Werner in das Zimmer des Weihnachtsmannes eintrat, erstaunte er sehr, denn dieser sah nicht im mindesten so aus wie er sich ihn vorgestellt und wie er ihn auf Bildern abgemalt gesehen hatte. Zwar besaß er einen schönen langen, weißen Bart, wie es sich gehört, allein auf dem Kopfe trug er ein blaues, mit Gold gesticktes Hauskäppchen, und sonst war er gekleidet in einen langen Schlafrock von gelber Seide und saß vor einem großen Buch und schrieb. Aber dieser Schlafrock war mit so wunderbarer Stickerei bedeckt, daß man ihn wie ein Bilderbuch betrachten konnte. Darauf waren zu sehen: Puppen und Hanswürste und sämtliche Tiere aus der Arche Noahs, Trommeln, Pfeifen, Violinen, Trompeten, Kränze und Kringel und Sonne, Mond und Sterne.
Der Weihnachtsmann legte seine Feder weg und sagte: »Wie kommst du hierher, Junge?«
Werner antwortete: »Der kleine Vogel hat mir den Weg gezeigt.«
»Seit hundert Jahren ist kein Besuch hier gewesen«, sagte der Weihnachtsmann sodann, »und dieser kleine Bengel bringt es fertig? Na, dafür sollst du auch alles sehen. Ich habe zwar keine Zeit, aber meine Tochter soll dir alles zeigen. Goldflämmchen, komm mal her«, rief er dann, »wir haben Besuch!«
Da raschelte und flitterte es im Nebenzimmer, und ein schönes kleines Mädchen sprang in die Stube, das hatte ein Kleidchen von Rauschgold an und flimmerte und blinkte am ganzen Leibe. Es trug ein goldenes Flitterkrönchen auf dem Kopfe, und auf dessen oberster Spitze saß ein leuchtendes Flämmchen.
»Ei, das ist hübsch!« sagte das Mädchen, nahm den kleinen Werner bei der Hand, rief: »Komm mit, fremder Junge!« und lief mit ihm zur Tür hinaus.

Das Weihnachtslager

Sie gelangten in einen großen Gang, und dort war eine lange Reihe von hölzernen Rollpferden angebunden, Schimmel, Braune, Füchse und Rappen.
»Nun suche dir eins aus!« sagte Goldflämmchen.
Werner wählte einen schönen lackierten Grauschimmel, der auf dem Hinterteil gar herrlich mit apfelähnlichen Flecken geziert war, und Goldflämmchen bestieg einen spiegelblanken Rappen. »Hüh!« rief sie dann und – schnurr – rollten die Pferdchen mit ihnen davon, den Gang entlang, daß dem kleinen Werner die Haare flogen und das Flämmchen auf der Flitterkrone des Mädchens lang zurückwehte. Als sie an die Tür am Ende kamen, rief sie: »Holla!« Da tat sich diese von selbst auf, und sie sausten hindurch in einen großen Saal hinein, in dessen Mitte sie anhielten. Sie stiegen von ihren Rößlein und Goldflämmchen sagte: »Dieser Saal ist der Bleisaal.« An den Wänden zogen sich bis an die Decke hinauf offene Wandschränke mit Borten über Borten hin, und darauf standen, in Schachteln verpackt, unzählige Heere von Jagden, Schäfereien, Schlittenpartien, Menagerien und was es aus Blei nur alles gibt. Kleine schwarzbärtige Zwerge stiegen eilfertig auf den Leitern auf und ab und luden die Schachteln auf Karren, die sie hinausrollten, um draußen größere Wagen damit zu befrachten. Als sie Werner und Goldflämmchen erblickten, rollten sie schnell ein paar Lehnstühle von Goldbrokat herbei, und Goldflämmchen rief: »Es soll gleich eine große Parade sein!«
Sie setzten sich und hatten kaum eine halbe Minute gewartet, da ging’s: »Trari, Trara!« unter dem einen Wandschrank, und Hirsche, Hase und Füchse brachen hervor, hinterher die kläffende Hundemeute und die Jäger zu Pferde mit Hussa, Hörnerklang und Peitschenknall. Dann flimmerte es auf einmal in der Luft und feiner Schnee fiel hernieder. Als der Boden weiß bedeckt war, kam mit lustigem Schellengeklingel eine Schlittenpartie zum Vorschein und sauste vorüber. Die Vorderteile der Schlitten waren gebildet wie Schwäne, Löwen, Tiger und Drachen, und darin saßen Herren und Damen in schönen Pelzen, und wenn sie vorüberkamen, warfen sie mit kleinen Schneebällen, die Damen nach Werner und die Herren nach Goldflämmchen. Wenn man einen solchen Schneeball aber näher besah, da war es eine Zuckererbse, in Seidenpapier gewickelt.
Der Schnee verlor sich wieder, und mit lieblichem Glockengeläut zogen nun Hirten und Hirtinnen mit ihren Herden vorüber, dann niedliche Gärtnerinnen mit Früchten und Blumenkränzen, dann Zigeuner, Musikanten, Drahtbinder, Seiltänzer, Kunstreiter und solcherlei fahrendes Volk, und zuletzt Herr Hagenbeck aus Hamburg mit einer afrikanischen Tierkarawane, mit Giraffen, Elefanten, Nilpferden, Nashörnern, Zebras und Antilopen. Die Löwen und Panther fuhren in Käfigen auf kleinen Wagen hinterher und brüllten ungemein, da sie wahrscheinlich der Ansicht waren, sie brauchten sich dergleichen nicht gefallen zu lassen.
Nach Beendigung dieser lustigen Parade bestiegen die beiden Kinder wieder ihre Rößlein und fuhren weiter. Es war ungeheuer, was der kleine Werner alles zu sehen bekam. Den großen Puppensaal, aus dem er sich nicht viel machte und von dem er nur wünschte, daß Anna ihn sehen möchte, das Theatermagazin, in dem auf Goldflämmchens Geheiß gleichzeitig in tausend Theatern tausend verschiedene Stücke gespielt wurden, was einen erbärmlichen Spektakel abgab, den Baukastenspeicher, das Lager musikalischer Instrumente, das Magazin hölzerner Tiere, die Bilderbücherei, den Malkastenboden, den Wachslichtersaal und dergleichen mehr, so daß er ganz ermüdet war, als sie endlich in der großen Marzipanniederlage anlangten.
»Nun wollen wir essen«, sagte Goldflämmchen. Sofort schleppten sechs kleine Konditorburschen in weißen Jacken und Schürzen und breiten, weißen Mützen einen Tisch herbei, deckten ihn und besetzten ihn in großer Geschwindigkeit mit den herrlichsten Gerichten. So etwas hatte der kleine Werner noch niemals vor seinen Schnabel bekommen. Da waren Leipziger Lerchen von Marzipan, inwendig mit Nußcreme gefüllt, Quittenwürste, Schinken von rosigem Schmelzzucker, Pastetchen mit Erdbeermus und unzählige Sorten eingezuckerter Früchte. Dazu tranken sie Ananaslimonade, die mit feinem Vanillecreme bedeckt war, und hinter ihnen standen immer die sechs kleinen Konditorburschen, bereit, auf jeden Wunsch zu springen und das Verlangte zu holen. Zum Nachtisch gab es, wie Goldflämmchen besonders bemerkte, etwas ganz Extrafeines, nämlich trockenes Schwarzbrot und Berliner Kuhkäse. Solche gewöhnlichen Gerichte waren nämlich in diesem Lande so selten und so schwer zu haben, daß sie für die allerschönsten Delikatessen galten. Nach dem Essen wurden die Holzpferde wieder vorgeführt und Goldflämmchen sagte: »So, nun geht’s in die Bergwerke!« Sie stiegen auf und sausten auf den vortrefflichen Tieren zum nächsten Tore hinaus.

Die Bergwerke

Sie ritten durch Felder dahin, auf denen die herrlichsten Früchte und Gemüse wuchsen, die alle aus Marzipan, Schmelzzucker oder Schokolade mit Creme gefüllt bestanden, sie ritten mit sausender Eile durch herrliche Alleen von Obstbäumen auf das Gebirge zu, das teils mit weißen, glänzenden Abhängen, wie Kreidefelsen, teils finster und dunkel, als wenn es aus Basalt bestände, vor ihnen lag. Aber die Kuppen der fast schwarzen Berge waren ebenfalls glänzend weiß, als seien sie beschneit.
»Du denkst wohl, dort liegt Schnee?« sagte Goldflämmchen. »Wenn es hier schneit, da schneit es nur Streuzucker.«
Endlich sah Werner eine hohe, abgestufte, weißglänzende Felsenwand vor sich liegen, an der Hunderte von Arbeitern in allen Stockwerken mit Pochen und Hämmern fleißig beschäftigt waren. Sie ritten dicht heran und stiegen dann ab. »Dies ist der große Zuckerbruch«, sagte Goldflämmchen. »Diese ganzen Felsen bestehen aus dem schönsten weißen Kolonialzucker.«
Ganz in der Nähe war der Eingang einer Höhle sichtbar, und als sich ihr Werner und Goldflämmchen näherten, liefen eilfertig einige von den Bergleuten herbei, zündeten Fackeln an und leuchteten ihnen. Sie schritten tief in den Berg hinein, die Wände schimmerten und blitzten im Widerschein des Fackellichtes, und plötzlich traten sie hinaus in einen mächtigen Hohlraum, dessen Wände dicht mit riesenhaften Kristallen von durchsichtigem Kandiszucker bedeckt waren und im Lichte der Fackeln prächtig flammten und blitzten.
»Die große Kandishöhle!« sagte Goldflämmchen. Sie schritten hindurch und kamen an einen Ort, wo die Bergleute fleißig hämmerten und pochten und neue Gänge in das Gebirge trieben.
»Diese suchen nach Schmelzzucker!« sagte Goldflämmchen. »Der kommt in dieser Gegend in großen Nestern eingesprengt vor. Wenn sie ein solches finden, so holen sie ihn mit großen Löffeln heraus.«
Plötzlich, als sie noch weiter vordrangen, veränderte sich auf einen Schlag das Gebirge, statt weiß und glänzend, sah es matt und dunkelbraun aus und roch nach Vanille. »Wir kommen in die Schokolade!« erklärte Goldflämmchen.
Hier waren viele Leute geschäftig und hatten wie in einem Salzbergwerk große Hallen herausgebrochen, in denen nur einzelne Pfeiler stehengeblieben waren. Die feinste Vanilleschokolade gab es nämlich nur im Innern des Berges, während der Tagebau draußen bloß Gewürzschokolade lieferte. Als sie dort endlich wieder ins Freie traten, bemerkte Werner einen rauschenden Bach, der aus einer Schlucht des Gebirges hervorkam und dem Tale zuströmte, wo er Mühlen trieb, die die Schokoladenblöcke in Tafeln zersägten.
»Willst du mal trinken?« fragte Goldflämmchen, »es schmeckt gut, es ist eitel Likör.« Der kleine Werner hatte einen mächtigen Durst bekommen von den vielen Süßigkeiten, die er genossen und gesehen hatte, und aus dem Bache stieg ein so frischer, verlockender Duft auf, daß er den Becher eilig ergriff, den ihm ein gefälliger Bergmann reichte, und ihn auf einen Zug austrank. Aber kaum hatte er ihn geleert, da fing die Welt an, in höchst sonderbarer Weise um ihn herumzugehen, er sah zwei Goldflämmchen, vier Goldflämmchen, hundert Goldflämmchen, die vor seinen Augen flimmerten und blitzten und schließlich zu einem leuchtenden Schein zusammenflossen, und in diese goldene Flut hinein schwamm seine Besinnung und war weg.

Schluß

Der erste Ton, den der kleine Werner wieder vernahm, war das Zirpen einer Blaumeise. Er bemerkte mit Verwunderung, daß er auf dem Baumstumpf unter der alten Buche saß, vor sich den kleinen Tannenbaum. Die Blaumeise zirpte und hüpfte wie vorhin in den Tannenzweigen, allein Werner verstand nicht mehr, was sie sagte. Dann flog sie empor und verlor sich in dem Gezweige der Buche. Mit Schrecken fiel ihm jetzt ein, daß es bald Abend sein müsse und seine Mutter gewiß schon voller Angst auf ihn gewartet habe. Allein als er nach dem Stande der Sonne blickte, ward er mit Erstaunen gewahr, daß kaum eine Viertelstunde vergangen sein konnte, seit er diesen Ort verlassen hatte. Er konnte sich dies verwunderliche Ding nicht erklären, da er jedoch zu begierig war, seiner Mutter und der kleinen Anna seine sonderbaren Erlebnisse mitzuteilen, so hieb er schnell den Tannenbaum ab und begab sich, so schnell er es mit seiner Last vermochte, nach Hause. Als er hier mit glänzenden Augen und fliegender Hast alles erzählt hatte, ward seine Mutter ganz böse und sagte, er solle sich nicht unterstehen und noch einmal bei solchem Wetter im Walde einschlafen; wenn es nur etwas kälter gewesen wäre, hätte er den Tod davon haben können. Hinterher aber schüttelte sie den Kopf und meinte im stillen: »Wo der Junge nur all das wunderliche Zeug herträumt.«
Anna aber lief dem kleinen Werner, der weinend, daß ihm die Mutter keinen Glauben schenkte, hinausgegangen war, eilends nach und ward nicht müde, ihn auszufragen. Besonders Goldflämmchen und den Puppensaal mußte er immer wieder beschreiben, so daß er ganz getröstet wurde und die Geschichte noch einmal von vorn erzählte. Er mußte sie ihr all die folgenden Tage wer weiß wie oft wiederholen, und einmal gingen beide in den Wald, um den Ort zu suchen, wo der Eingang in das wunderbare Land gewesen war. Allein, ob sie gleich bis an die Stelle vordrangen, wo der kleine Bach aus einer sumpfigen Waldwiese entsprang, nirgends fanden sie einen Ort, der auch nur im mindesten auf die Beschreibung Werners gepaßt hätte, so daß dieser ganz verwirrt und beschämt vor Anna dastand und nicht wußte, wie ihm geschah.
So kam der Weihnachtstag heran. Vorher hatte es zwei Tage mächtig geschneit, so daß die Welt recht weihnachtsmäßig und wie es sein muß, aussah. Es war schon finster geworden, und die Kinder saßen erwartungsvoll in der dunklen Kammer und flüsterten miteinander und horchten auf die Mutter, die in der hellen Weihnachtsstube herumkramte und die kleine dürftige Bescherung aufbaute, da kam es von ferne auf einmal wie Schlittengeklingel näher und näher heran, und dazwischen knallte lustig eine Peitsche. Nun war es ganz nahe, und plötzlich hielt es an, man hörte die Pferde vor dem Hause stampfen und nur leise noch die Schellen klingen, wenn die Tiere den Kopf bewegten.
»Der Weihnachtsmann! Das ist der Weihnachtsmann!« rief Werner. Nun hörten sie Türen gehen und eine Männerstimme sprechen, und plötzlich rief die Mutter: »Kinder, kommt herein, der Onkel ist da!«
Werner und Anna liefen in die Stube und sahen dort einen Mann in großem Reisepelz, der ihnen beide Hände entgegenstreckte und rief: »Kommt her, liebe Kinder!« Dann hob er sie einzeln auf und küßte sie und sagte: »Ihr sollt mit mir kommen in die Stadt und bei mir in meinem großen Hause wohnen. Ich will euer Vater sein und euch zu tüchtigen Menschen erziehen.« Unterdes ging ein riesiger Kutscher mit einer Pelzmütze, einem langen, weißen Bart und einem Mantel mit sieben Kragen immer ab und zu und trug viele große Pakete in die Stube. Als diese später geöffnet wurden, gingen eine Menge der schönsten Dinge daraus hervor, so daß es eine Weihnachtsbescherung gab, wie sie in diesem Hause noch nicht erlebt worden war. Als später Werner und Anna zu Bette gingen, flüsterte er ihr geheimnisvoll zu: »Weißt du, wer der Kutscher war mit der Pelzmütze, dem langen, weißen Bart und dem großen Mantel? – Es war der Weihnachtsmann. Ich habe ihn wohl wiedererkannt, und er hat mir mit den Augen zugezwinkert.«
Wie aber war der alte reiche Onkel, der als ein menschenscheuer Geizhals allein lebte und sich niemals um seine arme Schwester und ihre Kinder gekümmert hatte, zu solcher guten Tat gekommen? Er hat es nachher selbst erzählt. In der Nacht nach dem Tage, an dem Werner den Weihnachtsmann besuchte, hatte der Onkel einen seltsamen Traum gehabt. Ein Mann mit einer blauen Sammetkappe und einem langen, weißen Bart stand, in einen goldenen Talar gehüllt, plötzlich vor ihm, schaute ihn mit mächtigen blauen Augen eine Zeitlang durchdringend an und sprach langsam und nachdrücklich: »Konrad Borodin, hast du eine Schwester?!« – Da überkam ihn ein solches Gefühl der Angst, daß er nicht zu antworten vermochte. Dann schwand die Erscheinung allmählich hinweg, und nur die Augen waren immer noch drohend auf ihn gerichtet. Diesen Traum hatte er drei Nächte hintereinander gehabt. In der Zwischenzeit wurde er von einer unbeschreiblichen Unruhe in seinem öden und toten Hause umhergetrieben, und immer dröhnte der tiefe, vorwurfsvolle Klang dieser Traumesworte in sein Ohr. Endlich am Morgen nach der dritten Nacht lief er in die Stadt und kaufte zur großen Verwunderung aller Leute, die seinen früheren Geiz kannten, die herrlichsten Dinge zusammen, bestellte einen Schlitten, packte alles hinein und fuhr ohne weiteres zu seiner armen Schwester.
Der kleine Werner hat nachher etwas Tüchtiges gelernt und ist ein berühmter und angesehener Mann geworden. Er hat mir diese Geschichte selbst erzählt. ■

Aus Heinrich Seidel, Das Weihnachtsland, in: Wintermärchen, Glogau 1885

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Weihnachts-Satire von Rainer Wedler

Posted in Literatur, Neue Prosa, Rainer Wedler by Walter Eigenmann on 6. Dezember 2010

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Die Weihnachtsaktion

Dr. Rainer Wedler

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Sehr verehrte, liebe Marktleiterinnen und Marktleiter!
Ganz herzlich darf ich Sie begrüßen zu unserer alljährlichen Weihnachtsaktion. Wie Sie sehen, möchte ich Sie mit der zwar bekannten, aber doch jedes Jahr wieder neuen Spezialkleidung einstimmen auf die kommenden Wochen und Monate, die der eigentlichen Aktion vorausgehen, die den Älteren unter Ihnen noch als Weihnachtsfest bekannt sein dürfte. Zwar ist mein rotes Aktionskleid etwas zu warm für diesen wunderbaren Spätsommer, ha, ha, aber neue Entwicklungen auf dem Stoffsektor haben es leichter und weniger warm gemacht.
Aber was rede ich von mir, meine lieben und verehrten Marktleiterinnen und Marktleiter. Reden wird von der Aktion der Aktionen, reden wir von der Weihnachtsaktion. Sie sehen hier zu meiner Linken unser bekanntestes Produkt, unseren Schnelldreher, unser GOLDNUSS-PÄRCHEN. Nun dreht euch mal. Sind sie nicht zum Anbeißen? Braun wie VON HAUSEN-Schokolade, diese braunen Brüstchen, wie sie hüpfen, und erst der Hintern, die kleinen Arschbäckchen, alles goldbraun-nussig. Eine aufmerksamkeitsstarke und ungewöhnliche Weihnachtspromotion. Und nun, meine sehr verehrten Marktleiterinnen und Marktleiter, zu meiner Rechten ein weiterer Blickfang. Der echte Weihnachtsmann in seiner typischen Kleidung: rotes Gewand mit Kapuze, wahlweise auch mit Mitra, weißer Bart und kleiner Jutesack. Als nette Geschenke für die kleinen Kunden verteilt er aus dem Säckchen FLUPPIES, das sind wuschelige und flauschweiche Kerlchen mit Fühlern und beweglichen Knopfaugen. Und der Gag: Die lustigen kleinen FLUPPIES haben selbstklebende Füßchen. Und natürlich verteilt der gute Weihnachtsmann GOLDNUSS-PÄRCHEN an die lieben Großen.

Weihnachtsbaum - Rockefeller Center New York

Weihnachtsbaum vor dem New Yorker Rockefeller Center

Nun, jetzt kennen Sie die Akteure. Wir kommen sodann zur Durchführung der Aktion:
1) Einsatztermin und Aktionspunkt müssen mit dem Markt vereinbart werden. Der Markt verfügt über angemessene Bestand an Produkten der SIANOVE-Gruppe.
2) Es ist die aktionstypische Kleidung, wie soeben erwähnt, zu tragen.
3) Die SIANOVE-Gruppe stellt Ihnen die kleinen FLUPPIES zur Verfügung. Pro Einsatztag dürfen maximal 100 FLUPPIES (= Verpackungseinheit) ausgegeben werden. Die Ausgabe erfolgt aus dem Jutesäckchen. Entfernen Sie die Folie unter den Füßchen und heften Sie das lustige Kerlchen den Kindern an oder auch den Großen.
4) Nutzen Sie den ganzen Einzugsbereich des Aktionsplatzes und gehen Sie aktiv auf den Verbraucher zu.
5) Sorgen Sie für Ordnung und Sauberkeit an Ihrem Aktionspunkt.
6) Füllen Sie den Einsatzbericht mit exakten, eindeutigen Angaben aus.
7) Unser GOLDNUSS-PÄRCHEN wird direkt aus der Box angeboten, damit der Verbraucher neben dem softig-nussig-feinen Geschmack auch die schöne Innengestaltung und die farbtypische Gesamtgestaltung wahrnimmt.
8) Die Übergabe der ganzen Praline erfolgt, indem Sie das Pralinenkörbchen unten anfassen und nach vorn aus dem Tiefzieheinsatz lösen. Greifen Sie mit Daumen und Zeigefinger den Körbchen-Henkel und überreichen Sie das Probierstück mit der aufgeklebten Siegelmarke nach vorn – in Richtung des Konsumenten. Der Konsument darf die Praline auf keinen Fall selbst aus der Box nehmen !
9) Vermeiden Sie auf jeden Fall Mehrfachabgaben der Probe an eine Person.
Wenn Sie sich genau an unsere Vorschriften halten, kann eigentlich nichts schiefgehen und Sie werden großen Erfolg mit den Produkten der SIANOVE-Gruppe haben. Sie sollten allerdings von eventuell auftretenden Einsatzhindernissen ohne Verzug per Lockruf die oberste Einsatzleitung am Stammsitz unserer Firma in Kenntnis setzen. Nur dann haben wir die Chance, notwendige Korrekturen zu veranlassen.
Sollten Sie noch irgendwelche Fragen haben, so stehe ich gerne zu Ihrer Verfügung. Wie ich Ihren schon weihnachtlich glänzenden Gesichtern entnehme, scheint dies aber nicht der Fall zu sein. Deshalb darf ich mich ganz herzlich von Ihnen verabschieden, nicht ohne Ihnen recht guten Erfolg bei unserer gemeinsamen Pflege altchristlichen Brauchtums und wahrer Gläubigkeit zu wünschen. Zum Abschluß unserer alljährlichen Einsatzbesprechung darf ich unser GOLDNUSS-PÄRCHEN nun bitten, uns mit ihrer wunderbaren, exotischen SIANOVE-SHOW zu erfreuen und mit heißen Rhythmen auf das Fest der Feste einzustimmen.
Sie alle, meine lieben Marktleiterinnen und Marktleiter, darf ich gleichzeitig zu einem Glas Sekt einladen und zum Genuß unserer vielfältigen SIANOVE-Produkte. – Vielen Dank für Ihre freundliche Aufmerksamkeit! ■

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rainer-wedler-glarean-magazin.jpgRainer Wedler

Geb. 1942, nach dem Abitur als Schiffsjunge in die Türkei, nach Algerien und Westafrika; Studium der Germanistik, Geschichte, Politik, Philosophie, Promotion über Burleys «Liber de vita», zahlreiche Lyrik-, Kurzprosa- und Roman-Veröffentlichungen

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Charles Lewinsky: «Der Teufel in der Weihnachtsnacht»

Posted in Buch-Rezension, Charles Lewinsky, Günter Nawe, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rezensionen by Walter Eigenmann on 3. Dezember 2010

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Die Zehn Gebote und Krombacher Pils

Günter Nawe

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Einen Spaß wollte er sich machen, dieser Charles Lewinsky. Und das ist ihm bestens gelungen. Gerade recht zum Weihnachtsfest kommt diese nicht ganz ernstgemeinte (und bereits vor 13 Jahren erstmals verlegte) Geschichte über den Papst und seinen unheiligen Besuch in der heiligen Weihnachtszeit erneut auf den Gabentisch.
Schwester Innocentia, Seiner Heiligkeit deutsche Haushälterin mit Schnurrbärtchen, ist eigentlich mal wieder schuld daran, dass es dank ihrer köstlichen Christstollen, die dem Papst schwer im Magen liegen, zu diesem außergewöhnlichen Rencontre kommt, zu einem Rededuell mit dem Teufel; mitten in der Nacht –  ein Albtraum!
Will der Leibhaftige den Papst nach neutestamentlichem Strickmuster verführen? Immerhin kommt der Teufel sehr präsentabel daher, fein gekleidet und bestens gelaunt.

Gut gelaunt war wohl auch der Zürcher Theater- und Roman-Autor Charles Lewinsky beim Schreiben dieses Textes. Er zündet ein wahrhaftiges Feuerwerk toller Idee, witzig, intelligent – und trotz mancher Respektlosigkeit nie verletzend. Nach Teufels Art also weiß sich der Leibhaftige hervorragend zu verkaufen, so dass sogar dem Heiligen Vater manchmal nicht nur die Argumente ausgehen, sondern er beinahe wirklich in Versuchung kommt, dem Teufel zu glauben. Weiß Satan doch genau, wo dem Papst und damit der Kirche der berühmte Schuh drückt. Laufen ihnen die Schäfchen weg, bröckelt das Image, sinken die Erträge.

Charles Lewinsky

So empfiehlt Satan nichts weniger als einen Relaunch, eine Optimierung kirchlicher Unternehmenspolitik, und verspricht dadurch eine «Umsatzsteigerung» in allen Bereichen. Zum Beispiel Werbespots, die zum Empfang der Sakramente auffordern und das Beten wieder salonfähig machen sollen. Einen elektronischen Beichtstuhl empfiehlt er – eine wahrhaft teuflische Idee. Und ein letzter, sozusagen ultimativer Vorschlag: Sponsoring zum Füllen vatikanischer Kassen. Bedingung: die Sponsoren wollen bei allen Kulthandlungen und Verlautbarungen genannt werden. Nach dem Beispiel: Der Weihrauch riecht nach Käpt’n Iglus Fischstäbchen und die Zehn Gebote werden von Krombacher Pils präsentiert.
Es gibt noch mehr solcher Ideen, die alle sehr überzeugend klingen, sodass der Papst bereit ist, seine Unterschrift unter einen enstprechenden Vertrag zu setzen. Just in dem Augenblick schellt der Wecker und Schwester Innocentia steht in der Tür – mit einem großen Stück köstlichen Dresdener Christstollen….

Charles Lewinskys «Der Teufel in der Weihnachtsnacht» arrangiert ein weihnächtliches Treffen zwischen dem Papst und dem Teufel - ein satanisches Komplott, das den Papst nicht nur in Bedrängnis bringt, sondern gar das Seelenheil kosten kann... Die ganz andere Weihnachts-Geschichte: frech, witzig, maliziös, und sehr gescheit.

Von dieser Art ist Lewinskys Erzählung vom Teufel, der den Papst in der Weihnachtsnacht besucht hat – ein kleines und feines literarisches Kabinettstückchen voller ironischer Komik, gerade recht zur Weihnachtszeit. ■

Charles Lewinsky: Der Teufel in der Weihnachtsnacht, 60 Seiten, Nagel & Kimche, ISBN 978-3-312-00465-2

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Leseproben

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«Weihnachtsgeschichten für jeden Adventstag»

Posted in Buch-Rezension, Literatur, Rezensionen, Weihnachten by Walter Eigenmann on 5. November 2009

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24 Storys von Hans Christian Andersen bis Doris Dörrie

Diogenes_Kinder-AdventsbuchWeihnachten dürfe, wie der Diogenes Verlag sichtlich meint, für Kinder nicht nur das Fest der TV-Filme und der Playstations, der DVD-Games und der Internet-Animationen sein, und auch die Zeit vom 1. bis zum 24. Dezember könne zu mehr da sein als bloß fürs Warten auf die Bescherung. Also stellte er ein neues «Kinder-Adventsbuch» zusammen, das für jeden Adventstag eine Geschichte parat hat.
Das Autorenfeld des schmuck gestalteten Bandes ist dabei so vielfältig wie die Inhalte der 24 Storys. Man begegnet mal wieder «Frau Holle» (Gebrüder Grimm) und E.T.A. Hoffmanns «Mausekönig», Erich Kästners «Felix» holt den Senf, und auch Cechovs «Wanjka» ist mit von der weihnächtlichen Partie. Diesen Advents-Klassikern zugesellt werden dann kurzprosaische Nachdenklichkeiten oder auch froh-erwartungsvolle Heiterkeiten bis hin zu leicht Satirischem von Doris Dörrie, Cornelia Funke, Tim Krohn oder Bernhard Lassahn. Mit gleich zwei köstlichen Geschichten vertreten (und jeweils ganz aus Kinder-Blickwinkel erzählend) ist außerdem der berühmte «Asterix»- und «Lucky-Luke»-Texter René Goscinny.

Das neue «Kinder-Adventsbuch» fächert seine 24 Geschichten rund um Tannenbaum, Adventskalender, Winterschnee und Weihnachtsmann sehr kontrastreich auf, was mithin gut geeignet ist für eine tägliche – kürzere oder längere – «Vorlese-Stunde». Der «tiefere Sinn» einiger Storys dürfte sich wohl erst etwas älteren Kindern erschließen, die meisten Texte werden aber auch von jüngeren Schulkindern problemlos gelesen und genossen werden können. (we)

Diogenes Verlag (D.Kampa/Hrsg), Kinder-Adventsbuch, Weihnachtsgeschichten für jeden Adventstag (Div. Autoren), 176 Seiten, ISBN 978-3-257-01146-3

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Diogenes: «Weihnachten mit Ringelnatz»

Posted in Buch-Rezension, Humor, Joachim Ringelnatz, Literatur, Rezensionen by Walter Eigenmann on 29. Oktober 2009

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Augenzwinkerndes Sentiment und melancholischer Schabernack

Walter Eigenmann

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Diogenes_Weihnachten mit Ringelnatz_CoverSpätestens zwei Monate vor Heilig Abend überschwemmen sie bekanntlich alljährlich en masse die Buchläden und Online-Shops, jene unzähligen «heiteren und besinnlichen Gedichte und Geschichten» unterm werbewirksamen Slogan «Weihnachten mit…». Aber nun auch «Weihnachten mit..» Joachim Ringelnatz? Diesem kreativ-spöttischen Rumtreiber und raffiniert-schöpferischen Nichtstuer? Diesem unnachahmlichen Veralberer von höchsten Kuttel Daddeldus Gnaden? Diesem grummelnden Seebär, philosophischen Pfannenflicker, höhnischen Gaukler, klarsichtigen Penner? Da wird man hellhörig, blättert neugierig rein – und «Weihnachten» bekommt nochmals eine Facette mehr: eben die Ringelnatzsche.
Erstaunlich überhaupt, dass sich ein ganzes Buch ausgerechnet zum Thema «Weihnachten» destillieren lässt aus dem (allerdings umfangreichen, mittlerweile 7-bändigen) Oeuvre eines Mannes, der solche Dinge schreibt wie: «Wenn man das zierlichste Näschen / Von seiner liebsten Braut / Durch ein Vergrößerungsgläschen / Näher beschaut / Dann zeigen sich haarige Berge / Dass einem graut.» Und überraschend auch, dass dieser virtuose Gassensuppen-Verehrer, dieses Genie der Infantilität in Wort und Bild, dieser durchaus auch mal mit Trivialem Langweilende, dieser gar nicht simple «Simplicissimus»-Schreiber hier keineswegs nur geistreich rumblödelt – gerade nicht zu Weihnachten. Bilderreiche und nachdenkliche Sentiment-Lyrik wie die folgenden Verse ist durchaus ebenfalls anzutreffen:

Weihnachten

Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle,
Mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit,
Und ein schlichtes Glück streut auf die Schwelle
Schöne Blumen der Vergangenheit.

Hand schmiegt sich an Hand im engen Kreise,
Und das alte Lied von Gott und Christ
Bebt durch Seelen und verkündet leise,
Dass die kleinste Welt die größte ist.

Ringelnatz_Selbstportrait

Selbstporträt Ringelnatz

Doch Hans Gustav Bötticher wäre nicht Ringelnatz, wenn er der kerzenseligen Rührung dieses «schlichten Glücks» nicht auch das Misstrauen seines ungeschminkten Realitätssinnes gegenüberstellte. Denn der zeitlebens unstete, weder geographisch noch biographisch noch literarisch noch malerisch wirklich Beheimatete, der Wanderer durch Räume und Zeiten reimt gleichzeitig so melancholisch wie wahr:

Einsiedlers Heiliger Abend

Ich hab’ in den Weihnachtstagen -
Ich weiß auch, warum -
Mir selbst einen Christbaum geschlagen,
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.

Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein
Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.

Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abends noch spät
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter
Und anderem blanken Gerät.

Ich kochte zur heiligen Stunde
Mir Erbsensuppe mit Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.

Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied.

Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat’s an die Türe gepocht,

Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang’s nicht wie Weihnachtslieder?
Ich aber rief nicht: «Herein!»

Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.

Der sentimentale, der (auto)satirische also – und noch ein dritter Ringelnatz tritt einem über die Winter-, Weihnachts- und Silvester-Wege in diesem Buch: der poetische. Zum Beispiel in seiner unnachahmlichen «Stillen Winterstraße»:

Es heben sich vernebelt braun
Die Berge aus dem klaren Weiß,
Und aus dem Weiß ragt braun ein Zaun,
Steht eine Stange wie ein Steiß.

Ein Rabe fliegt, so schwarz und scharf,
Wie ihn kein Maler malen darf,
Wenn er’s nicht etwa kann.
Ich stapfe einsam durch den Schnee.
Vielleicht steht links im Busch ein Reh
Und denkt: Dort geht ein Mann.

Ringelnatz beim Malen

Ringelnatz beim Malen

Herausgeber Daniel Kampa stellte zwischen Ringelnatz’ Weihnachts- und Silvester-Gedichten noch drei autobiographische Prosa-Texte – mit den bezeichnenden Titeln «Weihnachten in der Tropenhitze», «Hungerweihnacht in Hamburg», «Weihnachten in der Armee». Auch hier schimmert sie stets durch, die augenzwinkernde Traurigkeit, und auch der melancholische Schabernack, wie man ihn im ganzen Werk dieses völlig singulären Literaten als Grundzug ausmachen kann.

Hat Ringelnatz auch eine «Weihnachtsbotschaft»?
Vielleicht diese:

Liedchen

Die Zeit vergeht.
Das Gras verwelkt.
Die Milch entsteht.
Die Kuhmagd melkt.

Die Milch verdirbt.
Die Wahrheit schweigt.
Die Kuhmagd stirbt.
Ein Geiger geigt.

Daniel Kampa (Hrsg.), Weihnachten mit Ringelnatz, Lyrik und Prosa, 96 Seiten, Diogenes Verlag, ISBN 978-3-257-02114-1

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Literaturwettbewerb «Winter und Weihnachten»

Posted in Literatur, Literatur-Ausschreibungen, Weihnachten 2009 by Walter Eigenmann on 22. September 2009

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Weihnachtsgeschichten für Erwachsene

literaturpodiumDas deutsche «Literaturpodium» ruft zu einem Literaturwettbewerb «Winter und Weihnachten» auf. Eingesendet werden können Erzählungen und Gedichte «rund um Winterlandschaften, Adventszauber und Knecht Ruprecht. Form und Inhalt sind frei variabel. Wert gelegt wird auf literarische Qualität und Eigenständigkeit. Weihnachtsgeschichten für Erwachsene sind gesucht, auch kann dem nachgegangen werden, warum der Schnee immer öfter ausbleibt. Von der gelungensten Überraschung aus Kindheitszeiten ließe sich berichten u.v.a.». Es dürfen maximal zwölf Gedichte eingereicht werden. Prosa sollte 15 Seiten nicht überschreiten, Auszüge aus einer längeren Erzählung sind möglich. Einsende-Schluss ist am 27. Dezember 2009, die weiteren Details finden sich hier.

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Und immer droht der Weihnachtsmann

Posted in Buch-Rezension, Ilse Gräfin von Bredow, Literatur, Rezensionen by Walter Eigenmann on 23. November 2007

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Neue Weihnachtsgeschichten von Ilse Gräfin von Bredow

bredow-weihnachtsmann.jpgStets rechtzeitig zum Advent legt «alle Jahre wieder» die 85-jährige, aber offenbar ungebrochen rüstig schreibende Erfolgsautorin Ilse Gräfin von Bredow ihre Adventgeschichten und Weihnachtsstorys unter den Christbaum. Nach «Ich und meine Oma und die Liebe» (2005) und «Benjamin, ich hab nichts anzuziehn» (2006) ist es heuer «Und immer droht der Weihnachtsmann».
Die erfrischend unsentimental fabulierende, das (gerade an «hohen Festtagen» unausweichliche) Menschlich-Allzumenschliche mit maliziösem Stift aufspießende Hamburger Schriftstellerin bleibt sich auch dieses Jahr treu. Bis jeweils «Friede auf Erden» einkehrt, haben all die Väter und Mütter, Opas und Omas, Onkel und Tanten, Jungs und Mädels ne Menge an gar nicht gnadenbringenden Streitereien, Schrulligkeiten und garstigen Unpässlichkeiten zu überleben.
Natürlich singt’s mit verständnisvollem Augenzwinkern doch immer wieder «O du fröhliche…» am Ende der Geschichte(n) von Ilse Gräfin von Bredow, denn zu Weihnachten ist schließlich «Versöhnung» angesagt. Aber wer mal ein weihnächtliches Geschenk-Buch der sympathisch sperrigen, die Brüche in den glitzernden Weihnachtskugeln aufdeckenden, trotzdem mit feinem Humor-Lametta garnierten Art sucht, greife zu diesem «drohenden Weihnachtsmann». Schmunzeln erlaubt. (gm/07) ■

Ilse Gräfin von Bredow, Und immer droht der Weihnachtsmann, Neue Weihnachtsgeschichten, Scherz Verlag, 224 Seiten, ISBN 978-3-502-11053-8