Glarean Magazin

K.-H. Wollscheid: «Theorie und Praxis der Interpretation ausgewählter Gedichte»

.

Gute Lyrik-Einführung – mit einem Schuss Pedanterie

Bernd Giehl

.

In einer älteren Buchbesprechung für dieses Magazin («Die Lyrik des Abendlands») habe ich mir eine Einführung in die Lyrik gewünscht, «in der (nicht nur jungen Lesern) erklärt wird, wie man lernt, Gedichte zu lesen, und was man (an Lebensqualität) damit gewinnt». Und nun liegt also ein Buch auf meinem Nachttisch, das diesen Wunsch einzulösen verspricht. «Theorie und Praxis der Interpretation ausgewählter Gedichte» heißt es und stammt von dem pensionierten Gymnasiallehrer Karl-Heinz Wollscheid.
Bleibt die Frage: Ist dies das Buch, das ich mir gewünscht habe? Gleich zu Anfang erklärt Wollscheid, er wolle jenes Wissen, das er in seiner Zeit als Deutschlehrer am Gymnasium erworben habe, an künftige Schüler weitergeben. Schüler der Oberstufe, die sich für Gedichte interessieren, sind also vor allem die Zielgruppe, für die dieses Buch geschrieben ist. Wollscheids Ziel ist es, Schüler und vermutlich auch andere Leser in die Lage zu versetzen, Gedichte sachgemäß zu interpretieren. Den Einwand, alle Interpretationen seien gleich gültig, den manche Postmodernen machen, will er dabei nicht gelten lassen. Nach seiner Auffassung gibt es so etwas wie die Intention eines Dichters, mit der er ein bestimmtes Gedicht schrieb, und der gilt es möglichst nahezukommen. Ganz lässt sich dieses Ziel nicht erreichen; das gibt auch Wollscheid zu, aber er glaubt, man könne dem Gemeinten durchaus nahekommen. Dazu müsse man zum einen Form und Inhalt eines Gedichts möglichst genau analysieren und zum anderen – vor allem bei älteren Gedichten – auch die Zeit, in der ein Gedicht entstanden ist, berücksichtigen.  Zur Form eine Gedichts rechnet Wollscheid das Versmaß (Jambus, Daktylus, Alexandriner usw.) den Rhythmus und den Reim.

Sachkundig, mit einem Hauch Pedanterie: Lyrik-Experte Wollscheid

Was mir zumindest im ersten Teil fehlt, das ist die Frage nach der Symbolik. Schon in der älteren, ganz bestimmt aber in der neueren Lyrik, die ohne Versmaß und Reim auskommt,  spielt die Bildsprache eine große Rolle. Für Wollscheid, der sich in diesem Buch fast ausschließlich mit älterer Lyrik (bis zum 19. Jahrhundert) beschäftigt und auch fast ausschließlich gereimte Gedichte bespricht, mag sie nicht so wichtig sein. Aber damit vergibt er sich auch eine wichtige Chance.  Womöglich möchte ein Schüler, der in der Schule oft nicht über Gedichte von Goethe und Schiller hinauskommt, auch einmal einen moderneren Autor kennenlernen. Moderne Gedichte leben nun einmal weniger von Reim und Versmaß (die meisten sind nicht gereimt), sondern sie sind geprägt vom Spiel mit den Worten, von Symbol und Metapher. Sie verweisen auf eine andere Ebene als das, was im Gedicht unmittelbar gesagt wird. Sicher ist das weniger gut zu fassen als Metrum und Reim, aber zumindest sollte man darauf aufmerksam machen. Und Anleitung geben, wie man von der wörtlichen Bedeutung eines Gedichts auf die darunter verborgen liegende Ebene kommt.

Karl-Heinz Wollscheids Buch «Theorie und Praxis der Interpretation ausgewählter Gedichte» ist eine gute Lyrik-Einführung - allerdings mit einem Schuss Pedanterie, die oft allzu stark Formales wie Reim, Versmaß oder Alliteration in den interpretatorischen Fokus hebt.

Im Praxis Teil, also in der Einzelinterpretation ausgesuchter Gedichte, tut Wollscheid das auch. Da erklärt er uns beispielsweise Gottfried August Bürgers Gedicht «Der Bauer», das im Untertitel die Widmung «An seinen Durchlauchtigen Tyrannen»trägt, als eine Anklage eines einfachen Mannes gegen seinen Fürsten, der in seinen Lebensgewohnheiten keine Rücksicht nimmt auf seinen Untertan, sondern dessen Lebensgrundlage rücksichtslos zerstört. Dazu zieht Wollscheid auch die Lebensumstände der Zeit des Absolutismus heran. Oder er schafft es, den Fluch-Charakter des Gedichts «Die schlesischen Weber» herauszuarbeiten, eines Gedichts, das zur Zeit der Industriellen Revolution entstanden ist. Auch hier ist der geschichtliche Hintergrund wichtig, obwohl man aus dem Gedicht selbst schon einiges über die extreme Armut der schlesischen Weber erfahren kann, die 1844 schließlich zum Aufstand gegen die Obrigkeit führte und blutig niedergeschlagen wurde.
Insgesamt sind Wollscheids Interpretationen gute Erklärungen der besprochenen Gedichte, und sie zeigen durchaus, wie man Gedichte interpretieren kann. Allerdings kann einem Wollscheids Pedanterie, sein ausführliches Eingehen auf das Versmaß, aber auch seine Behauptung, diese oder jene Alliteration – also die Häufung bestimmter Vokale in einer Zeile oder einer Strophe -, die er praktisch in jedem der besprochenen Gedichte findet, beweise das, was er vorher schon herausgefunden hat, gewaltig auf den Geist gehen. Sätze dieser Art findet man praktisch in jeder Gedichtinterpretation, und ich bezweifle stark ob der «betroffene» Autor das auch so sehen würde.
Wäre ich Deutschlehrer, machte ich gern ein Experiment: Ich würde meinen Schülern die eine oder andere Gedichtinterpretation von Wollscheid geben und sie dann fragen, ob sie damit etwas anfangen können. Ich vermute, dass sie ähnlich gespalten wären, wie ich es bin. Ich glaube jedenfalls, dass Wollscheids Buch vor allem denen etwas nützt, die sowieso schon ein starkes Interesse an Lyrik haben… ▀

Karl Heinz Wollscheid, Theorie und Praxis der Interpretation ausgewählter Gedichte, 246 Seiten, Rhombos Verlag, ISBN 978-3-941216-49-5

.

Leseprobe

.

.

.

.

.

.

%d Bloggern gefällt das: