Mario Ziegler: «Das Schachturnier London 1851»
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Qualitätsvolle Monographie zu einem schachhistorischen Meilenstein
Thomas Binder
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Das Jahr 1851 markiert einen Meilenstein in der Geschichte des Schachs als Wettkampfsport. Zum ersten Mal trafen einige der anerkannten Meister in einem Turnier aufeinander. Bis dahin hatten sich die Besten der Besten nur in Match-Zweikämpfen gegenüber gestanden. In London nun maßen sich 16 Spieler, darunter gut zur Hälfte Akteure, die man nach heutigem Verständnis etwa zu den Top-20 der Super-Großmeister zählen würde.
Den Übergangscharakter der Veranstaltung verdeutlichen auch die Regularien. So war «London 1851» mitnichten ein Turnier, wie wir es heute kennen, sondern eine Folge von KO-Matches, die in einem Finale kulminierte. Eine Begrenzung der Bedenkzeit war nicht vorgesehen, nach 8 Stunden wurde die Partie vertagt. Interessant auch, dass zwar das Anzugsrecht ausgelost wurde, nicht aber die Farbverteilung. So konnte unter Umständen auch Schwarz die Partie eröffnen. Die damit nötige Übersetzung der Partien in die heute übliche Notation mag in einigen Fällen die Quelle von Unklarheiten gewesen sein.
Über das Turnier von London gibt (gab es bisher) zwei Standardwerke: 1852 veröffentlichte der Engländer Howard Staunton das authentische Turnierbuch. Staunton war die zentrale Figur des Londoner Turniers. Er wirkte maßgeblich in Vorbereitung und Durchführung des Turniers mit und nahm zudem als Spieler teil. Sportlich erlebte er allerdings mit Platz 4 eine Enttäuschung. Stauntons verdienstvolles Turnierbuch wurde 2010 von Jens-Erik Rudolph in einer deutschen Ausgabe neu herausgebracht. Den deutschen Klassiker lieferte bereits 1852 der Berliner Verlag Veit & Company. Eine namentliche Nennung des Autors hierzu gibt es bisher nicht. Mario Ziegler – um nun endlich zum hier rezensierten Buch zu kommen – nennt einige Argumente für die Autorenschaft Alexanders von Oppen, des Herausgebers der «Schachzeitung».
Mit dem letzten Satz wurde bereits angedeutet, dass der Historiker Dr. Mario Ziegler in der Tat neue Forschungsergebnisse vorlegen kann. Er arbeitete beide Turnierbücher sowie darüber hinaus zahlreiche Schachzeitungen und –kolumnen (buchstäblich aus «aller Welt») auf. Ein breites Feld für geschichtliche Forschungen lässt das Londoner Turnier allemal. So gibt es bis heute keinen genauen Terminplan des wohl knapp 2 Monate dauernden Wettstreits. Ziegler hat hier Pionierarbeit geleistet, indem er für viele Partien das Datum auf engere Zeiträume eingrenzen konnte. Zu der kontrovers diskutierten Abmachung zwischen dem späteren Turniersieger Adolf Anderssen und seinem Viertelfinalgegner Jozsef Szen über eine Teilung des Preisgeldes, das einer der beiden erringen würde, entwickelt Ziegler in ausführlicher und gut fundierter Argumentation einen eigenen Standpunkt. So ergreift er auch an vielen anderen Stellen sehr wohl Partei für den einen oder anderen Spieler, für den einen oder anderen Kommentator, analysiert und moderiert die einschlägige Fachdiskussion.
Den Hauptteil des Buches bilden die ausführlich kommentierten Partien. Auf ca. 370 Seiten werden die 85 gespielten Schachpartien vorgestellt. Knapp 100 Seiten nehmen die Porträts der 16 Teilnehmer ein – naturgemäß in sehr unterschiedlicher Gewichtung, sind doch über die weniger bekannten Teilnehmer kaum biographische Details verfügbar. Gehen einige der Porträts an die 10 Seiten heran, oder bei Staunton weit darüber hinaus, so ist es bei E.S. Kennedy – nicht einmal die Vornamen sind bekannt – nur eine halbe Seite. Selbst über Anderssens Finalgegner, den Engländer Wyvill kommt kaum mehr als eine Seite zusammen. Das zeigt einmal mehr, auf welch schwieriges Forscherterrain sich Mario Ziegler begeben hat. Komplettiert wird sein Werk durch eine Reihe kürzerer Artikel zur Vorgeschichte und Nachwirkung des Turniers.
Zu den großen Stärken des vorliegenden Buches muss Zieglers Sprachstil gezählt werden. Es ist ein Vergnügen, seine Zeilen zu lesen. Ihm gelingt eine sachliche Darstellung, die ohne emotionale Aufwallungen auskommt und dennoch spannend und lebendig zu lesen ist. Dabei stört es nicht, dass der Historiker nun mal nicht aus dem Korsett einer wissenschaftlich fundierten Arbeit entfliehen kann. Fast jede Seite ist mit umfangreichen Fußnoten gespickt. Neben akribischen Quellenangaben beherbergen sie jeweils den Text der fremdsprachigen Originale. Davon Gewinn zu haben, setzt zwar die sichere Beherrschung der zitierten Sprachen – zudem in zeitgenössischer Ausprägung – voraus, mit diesem Hintergrund kann man aber noch manche Nuancen entdecken, die bei der Übersetzung verloren gegangen sind.
Im Mittelpunkt des Interesses stehen natürlich die Partieanalysen. Hier leistet der Autor eine solide Arbeit. Jede einzelne Partie wird sehr ausführlich vorgestellt, in angemessener Weise mit Diagrammen illustriert. In der Eröffnungsphase verweist Mario Ziegler an vielen Stellen auf den damaligen Stand der theoretischen Diskussion und auf Vorgängerpartien. Ein Verweis auf heutiges Theoriewissen findet hingegen seltener statt. Der Partieverlauf wird anschaulich geschildert, insbesondere die Wendepunkte werden pointiert herausgestellt. Die analysierten Alternativen und Varianten untermauern die Argumentation. Natürlich stützt sich Mario Ziegler dabei auf Computerhilfe. Er benennt im Quellenverzeichnis selbst die eingesetzten Programmversionen und die benutzte Hardware. In den Kommentaren wird für mich freilich nicht immer erkennbar, wo Ziegler eigene Entdeckungen (bzw. die seines Computers) präsentiert und wo er auf bereits früher veröffentlichte Analysen zurückgreift.
Dem heutigen Leser mag es befremdlich vorkommen, dass damals selbst in einem Elite-Turnier grobe Fehler an der Tagesordnung waren. Auch die geringe Remisquote (nur 7 von 85 Partien) spricht für ein ganz anderes Spielniveau. So gesehen könnte man das vorliegende Werk vielleicht noch um eine globalere Analyse zur Entwicklung der Spielstärke und der Leistungsdifferenzierung in jener Epoche ergänzen.
Neben der schachlich soliden Arbeit überzeugen die Partiebesprechungen durch ihren flüssigen Schreibstil und die nie verloren gehende Einbindung in den Gesamtzusammenhang des Turniers. Etwas unglücklich erscheint allenfalls, dass ab dem Halbfinale auch die Matches der unterlegenen Spieler ohne klare Abgrenzung vorgestellt werden. So steht das große Final-Match zwischen Anderssen und Wyvill nicht am Ende des Buches, sondern wird noch von den Spielen um die Plätze 3 bis 7 gefolgt. Hier könnte ich mir bei einer Überarbeitung eine klarere Teilung in das eigentliche KO-Turnier und die Trostrunde vorstellen.

Nach mehr als 150 Jahren wird von Dr. Mario Ziegler ein neues Standardwerk über das erste große Schachturnier vorgelegt. Im Mittelpunkt stehen Porträts der 16 Turnierteilnehmer und die ausführliche Besprechung aller 85 Partien. Zieglers Monographie überzeugt gleichermaßen durch fundierte historische Recherche wie flüssig geschriebene Texte.
Das vorliegende Buch macht einen hochwertigen Eindruck. Typographisch gibt es nichts auszusetzen, auch der Umgang mit den zahlreichen Fußnoten ist gelungen. Bedenkt man die enorme Forschungsarbeit, die in diesem Werk steckt, ist der stolze Preis gewiss mehr als gerechtfertigt. Freilich muss offen bleiben, ob es in der Schachszene genügend Interessenten gibt, die es ermöglichen, dass man solche Projekte wirtschaftlich sinnvoll durchhalten kann.
Gerade auch unter diesem Aspekt möchte ich Mario Ziegler viel Erfolg und Beharrlichkeit in seiner Arbeit wünschen. Aus seiner Feder stammen übrigens zwei mindestens genauso reizvolle schachhistorische Projekte: «Die große Schachparade» (an den historischen Epochen orientiert) und «Säulen des Schachs» (Vorstellung wichtiger Orte der Schachgeschichte). Zu beiden Serien ist bislang ein Band erschienen, und man darf erwartungsfroh auf Fortsetzung hoffen. ■
Mario Ziegler: Das Schachturnier London 1851, Verlag ChessCoach, 555 Seiten, ISBN 978-3944158006
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John Nunn: «Das Verständnis des Mittelspiels im Schach»
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Das Schach-Mittelspiel in 100 Lehr-Motiven
Thomas Binder
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Man muss den englischen Großmeister John Nunn hier gewiss nicht vorstellen, gehört er doch seit Jahren zu den produktivsten und zu Recht beliebtesten Autoren der Schachszene. Sein neuestes Werk «Das Verständnis des Mittelspiels im Schach» will laut Untertitel die «100 wichtigsten Mittelspielideen» präsentieren. Bevor wir uns der Frage zuwenden, wie dies gelungen ist, machen wir uns mit dem Aufbau des Buches vertraut.
Nach zwei vielversprechenden Einführungsbeiträgen («Mythen des Mittelspiels» und «Die Verbundenheit aller Dinge») folgen acht etwa gleichwertige Kapitel zu den wichtigsten Themen des Mittelspiels. Die Titel dieser Abschnitte sprechen für sich: Materielle Ungleichgewichte; Strategie; Aktivität; Angriffsspiel; Verteidigungsspiel; Bauernstruktur; Typische Zentrumsformationen; Typische Fehler.
Dabei fällt eigentlich nur das Kapitel «Angriffsspiel» etwas aus dem Rahmen. Es widmet sich vorwiegend taktischen Ideen (z.B. klassischen Opfermotiven). In den übrigen Abschnitten dominiert strategische Überlegung – und damit erfüllt sich auch die Erwartungshaltung, die zumindest der Schreibende an ein Mittelspielbuch knüpft. Eine Ausnahmestellung nimmt allenfalls noch das Schlusskapitel ein, in dem es weniger um konkrete Motive auf dem Schachbrett geht, als um das Denken des Schachspielers. So wird hier z.B. davor gewarnt, den Besitz des Läuferpaars bereits als gewinnbringenden Vorteil zu überschätzen, oder ein dargebotenes Opfer ohne Prüfung von Alternativen automatisch anzunehmen.
Besonderen Gewinn habe ich aus den Kapiteln über «materielle Ungleichgewichte» (z.B. Stellungen mit Mehr-Qualität oder den unterschiedlichen Kompensationen für eine Dame) und über Zentrums-Formationen gezogen. In letztgenanntem geht es um Zentrums-Strukturen, die sich typischerweise aus ganz bestimmten Eröffnungen ergeben. Das sind Themen, die in der einschlägigen Literatur unterrepräsentiert sind, und deren Vermittlung wohl auch einen solch profilierten Autor wie John Nunn braucht. Hier kommen sie in einer Form herüber, die auch dem Spieler mit Elo-Niveau unterhalb der magischen 2000 verständlich wird.
Jedes der oben erwähnten Kapitel beginnt auf zwei dicht bedruckten Seiten ohne jeden Partiebezug mit einer theoretischen Einführung. Ehrlich gesagt, sind diese Texte für den Leser ziemlich anstrengend. Da man sie aber für das Verständnis der folgenden Seiten unbedingt lesen sollte, müsste hier nach einer etwas attraktiveren Gestaltung gesucht werden.
Dann folgt jeweils die Vorstellung der zugehörigen «Mittelspiel-Ideen». Diese summieren sich über die acht Komplexe dann auf jene versprochenen 100 Motive. Jedes einzelne wird mit passenden Partien illustriert, die mustergültig kommentiert sind. Zwei Diagramme zu jeder Partie (bzw. jedem Partie-Fragment) geben Gelegenheit, dem Text auch ohne Schachbrett zu folgen. Die eingestreuten Varianten halten sich in Umfang und Tiefgründigkeit genau an das notwendige Maß. Hier schreibt ein Autor für seine Leser, der genau weiß, was sie von ihm erwarten.
Leider hat sich John Nunn – in meinen Augen unnötig – etwas enge Ketten angelegt, die den Gesamteindruck ein wenig trüben. Es beginnt mit der strengen Systematisierung, bei der nun mal genau 100 Motive heraus kommen sollten. War das Nunns Idee oder hat hier der Verlag einen gut gemeinten Rat gegeben? So stehen Themen gleichberechtigt nebeneinander, die gewiss eine – auch im Umfang – unterschiedliche Präsentation verdient hätten.
Geht dieses Muster z.B. bei taktischen Motiven (Idee 43: «Das Springeropfer auf d5 im Sizilianer») gut auf, so stößt es bei strategischen (Idee 21: «Der Minoritätsangriff») oder gar psychologischen (Idee 97: «Mangelnde Wachsamkeit») an seine Grenzen. Ja, das (selbst?) angelegte Korsett wird noch enger: Jede «Idee» wird auf genau 2 Seiten vorgestellt, mit je 2 Partien (je genau eine pro Seite), jede Partie mit genau 2 Diagrammen illustriert, in jeder Druckspalte genau ein Diagramm. Schade – da werden Reserven verschenkt, die eine differenziertere Darstellung der Themen möglich gemacht hätten.

John Nunns «Das Verständnis des Mittelspiels im Schach» spricht mit 100 Motiven wichtige strategische, taktische und psychologische Aspekte an. Auch wenn buchformale Restriktionen vorhanden sind: Das neueste Werk des berühmten Schachautors stellt eine wertvolle Lektüre für Spieler ab mittlerem Vereinsspielerniveau dar. Empfehlenswert!
Ein großes Lob hingegen ist der Partieauswahl zu zollen. Die Beispiele stammen überwiegend aus der aktuellen Turnierszene des 21. Jahrhunderts. Selbst zu bereits bekannten und in der Literatur oft behandelten Motiven finden sich also neue Gedanken.
Das Buch kann jedem Spieler ab mittlerem Vereinsspielerniveau (was ich mal mit ELO ab 1800 ansetzen würde) empfohlen werden, der sich im schwierigen Feld der Planfindung und Stellungsbewertung in komplexen Mittelspielstellungen verbessern möchte. Er wird vom Autor anspruchsvoll gefordert, aber immer didaktisch geführt und nicht im Variantengestrüpp alleingelassen. Empfehlenswert! ■
John Nunn: Das Verständnis des Mittelspiels im Schach, Gambit Publications, 240 Seiten, ISBN 978-1906454388
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Inhaltsübersicht und Leseproben
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Ripperger / Wietek / Ziegler: «Die Säulen des Schachs – Paris»
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Interessanter Exkurs in die Schach-Kulturgeschichte
Thomas Binder
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Der saarländische Verlag ChessCoach überrascht die Schachwelt mit einem weiteren ambitionierten Projekt zur Schachgeschichte. Neben ihre Reihe «Die große Schachparade» stellen die gleichen Autoren nun mit «Die Säulen des Schachs» eine Serie mit substantiell anderem Ansatz: Konzentriert sich die Schachparade auf das Turnierschach und seine Meister, wird bei den «Säulen des Schachs» der gesamte historische und kulturelle Kontext in den Vordergrund geholt. Es ist also dem Verlag das Durchhaltevermögen zu wünschen, beide Projekte komplettieren zu können.
Im 19. Jahrhundert fand das Königliche Spiel seinen Weg vom Zeitvertreib der höfischen Gesellschaft in die Kreise des gebildeten Bürgertums. Zugleich entwickelte es sich zu jenem Gesamtbild aus Kunst, Wissenschaft und Sport, als das wir es noch heute wahrnehmen. Die Autoren haben den interessanten Ansatz gewählt, diese Entwicklung am Beispiel von fünf europäischen Metropolen nachzuzeichnen. Dem Eröffnungsband über Paris sollen noch London, St. Petersburg, Wien und Berlin folgen.
Im Buch stehen die schachlichen und die gesamt-geschichtlichen Beiträge etwas nebeneinander. Man hat den Eindruck, dass die Autoren – darunter der dem interessierten Publikum gut bekannte (Schach)-Historiker Helmut Wieteck – doch ein wenig aneinander vorbei gearbeitet haben. Die Verschränkung der beiden Ebenen gelingt nur stellenweise. Da das Buch allerdings in ca. 40 kurze Kapitel gegliedert und im übrigen sehr reichhaltig bebildert ist, kann man sich gut orientieren und Schwerpunkte setzen.
In den geschichtslastigen Abschnitten sind historische Ereignisse sachlich dargestellt, etwa die Französische Revolution oder der Deutsch-Französische Krieg. Umfangreiche Porträts stellen uns eine überraschend große Zahl historischer Personen vor: Schriftsteller, Naturwissenschaftler, Politiker, Adlige, Philosophen, Komponisten… Nicht in jedem Fall wird der Bezug zum Gesamtthema deutlich.
Wer sich jedoch darauf einlässt, wird viel Wissenswertes erfahren, auch wenn seine Erwartungen an das Buch vielleicht andere waren. Insgesamt nehmen diese Themen gut die Hälfte des Raumes ein und sind mir damit ein wenig überrepräsentiert.
Beim flüchtigen Vergleich wird offenbar, dass heutzutage die universelle Wissensquelle «Wikipedia» auch für die Autoren einen unverzichtbaren Faktenfundus bildete. Einzelne Formulierungen stimmen auffällig überein, die Grenze zum Plagiat wird freilich nie auch nur andeutungsweise sichtbar.
Blicken wir auf den schachlichen Anteil des Buches, so beginnt die Reise im berühmten Pariser Café de la Régence, also bei Kaffeehaus-Schach im besten Sinne. Morphy tritt auf und die berühmte Partie des Meisters Legall (heute als Seekadettenmatt bekannt) wird besprochen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist Paris in der Tat der schachliche «Nabel der Welt». Mit Namen wie Philidor, Deschapelles, de la Bourdonnais und Saint Amant sowie ihren jeweiligen Gegnern kann man nicht nur Pariser sondern europäische Schachgeschichte schreiben. Natürlich fehlt auch die Fernpartie gegen London nicht, mit welcher die Pariser Spieler die «Französische Verteidigung» begründeten.
Wenig später prägten Immigranten das Schachleben der französischen Metropole. Namen wie Kieseritzky und Bernstein sind uns heute vielleicht gerade noch geläufig. Im vorliegenden Buch sehen wir nicht nur ihre Partien, sondern erfahren Wissenswertes über die spielenden Personen. Die Autoren lassen sie mit ihren Stärken und Schwächen, mit ihrem persönlichen Schicksal lebendig werden.
Die Wende zum 20. Jahrhundert und seinen Formen des Wettkampfschachs symbolisieren in Paris die Weltausstellungen der Jahre 1867, 1878, 1889 und 1900. Mit einer Ausnahme wurden sie von hochkarätigen Schachturnieren flankiert. Eingebettet in gelungene Artikel zum zeithistorischen Umfeld der Ausstellungen – hier gelingt das oben angemahnte Zusammenspiel sehr gut – werden die Turniere durch vollständige Kreuztabellen und einige Partiebeispiele präsentiert. Mit Meistern wie Steinitz, Winawer, Zuckertort, Blackburne, Anderssen, Lasker, Pillsbury, Marshall, Tschigorin und vielen anderen traf sich die Weltelite an der Seine.
Die beiden letzten Textseiten sind – nach meinem Geschmack etwas unmotiviert – dem französischen Maler Marcel Duchamp gewidmet. Seine schachliche Bedeutung – er spielte u.a. bei fünf Olympiaden – ist unbestritten. Jedoch fällt seine Karriere zeitlich aus dem thematischen Rahmen des Buches.

Die Autoren stellen das Schachspiel in den Zusammenhang der historischen Ereignisse und kulturellen Entwicklungen in der französischen Hauptstadt. Die Gewichtung mag dem Leser etwas zu sehr auf den nicht-schachlichen Themen liegen. Seine wahre Stärke offenbart das Buch aber bei den Porträts heute fast vergessener Meister. Die Serie mit vier weiteren geplanten Bänden über europäische Schach-Metropolen darf mit Spannung erwartet werden.
Insgesamt werden uns 34 Partien der Protagonisten vorgeführt und von Reinhold Ripperger knapp kommentiert. Hier hätte man sich etwas mehr schachliche Analyse gewünscht, zumal wenn man weiß, dass Ripperger als erfahrener Trainer hier seine große Stärke hat. Auch dabei wäre der historische Kontext von Interesse. Wenn es z.B. zu einer Partie von 1843 lapidar heißt: «Wir befinden uns hier in der Tarrasch-Variante des Damen-Gambits.», so drängt sich die Frage auf, welche Rolle diese Variante damals – ein halbes Jahrhundert vor Tarrasch – spielte.
Wenn es also an diesem Buch den einen oder anderen Kritikpunkt gibt, so hat das vor allem mit der Erwartungshaltung des Rezensenten zu tun. Der Spagat, Schach im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklung einer Epoche zu präsentieren, ist noch nicht oft versucht worden. Nur selten ist er besser gelungen, als es Ripperger, Ziegler und Wieteck tun. Wünschen wir dem Buch einen Leserkreis, der das Bildungsinteresse mitbringt, diese Idee zu tragen. Das Projekt sollte unbedingt gelingen – der Gesamtwert erschließt sich gewiss erst aus dem Blick auf alle fünf vorgesehenen Ausgaben. ■
Reinhold Ripperger / Helmut Wieteck / Mario Ziegler: Die Säulen des Schachs – Paris, ChessCoach Verlag, 212 Seiten, ISBN 978-3981190571
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Interview mit dem Schach-Autor R. Ripperger («Gegenspiel»)
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Reinhold Ripperger: «Gegenspiel»
Thomas Binder
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Repertoirebücher nehmen im Spektrum der Eröffnungsliteratur einen breiter werdenden Raum ein. Sie haben den unbestreitbaren Vorteil einer hohen Praxistauglichkeit. Autor und Leser können sich auf die für sie wirklich relevanten Systeme beschränken und in diese vertiefen. Während bei den reinen Eröffnungs-Nachschlagewerken inzwischen wohl elektronische Medien und Datenbanken konkurrenzlos sind, ist hier dem gedruckten Buch ein Platz weiterhin sicher. Der saarländische Schachtrainer Reinhold Ripperger hat nach «Anzugsvorteil» – einem Weißrepertoire für den e4-Spieler – nun mit «Gegenspiel» das Pendant für den Nachziehenden vorgelegt. Ein Repertoire für Weißspieler, die den Damenbauern bevorzugen, ist in Vorbereitung.

Reinhold Ripperger (Dipl. Sozialarbeiter) wurde 1954 in St. Ingbert/D geboren, wo er auch heute noch mit Ehefrau und Tochter lebt. Seit seinem 18. Lebensjahr ist er aktiver Schachspieler. Er durchlief die Ausbildung des Deutschen Schachbundes und erhielt 1985 die Trainerlizenz.
Rippergers Schwarz-Vorschlag klingt auf den ersten Blick banal und schmalspurig: «Ziehen Sie 1… e6, egal was der Gegner eröffnet haben mag.» Dieses Vorgehen (wahlweise auch mit c6, d6, g6 oder anderen Zügen zelebriert) ist so selten gar nicht anzutreffen. Aber nicht immer ist es von Verständnis für die entstehenden Stellungen getragen. Man muss also bei der Repertoireplanung einen Schritt weiter gehen – und das tut Reinhold Ripperger.
Gegen 1. e4 landet man im Franzosen, wobei Ripperger auch in der Folge eine sinnvolle Auswahl anbietet – immer dort, wo Schwarz Gelegenheit hat, das Spiel zu bestimmen. Gegen 1. d4 fokussiert er sich streng auf den modernen Stonewall, bei dem Schwarz seine weiteren Bauern auf c6, d5 und f5 platziert, den Königsläufer aber im Gegensatz zum klassischen Stonewall auf d6. Die somit abgegrenzte Eröffnungswahl ist nicht nur von Ripperger selbst, sondern von mehreren namhaften Großmeistern erprobt und hat sich bewährt. Insbesondere verweist der Autor darauf, dass sich in beiden Eröffnungen ähnliche Motive ergeben und dem Spieler die Orientierung erleichtern. Bei der weiteren Variantenauswahl entscheidet sich Ripperger immer für offensive Abspiele, verspricht seinem Leser ein «Spiel auf Gewinn». Mit Schwarz wird also nicht ängstlich geklammert, sondern getreu dem Titel des Buches aktives Gegenspiel gesucht.
Angenehm fällt dabei auf, dass der Leser nicht mit ellenlangen und vielfach untergliederten Zugfolgen allein gelassen wird. In angemessenem Umfang werden der Sinn der einzelnen Züge und der dahinter stehende strategische Plan erläutert. Zwei bis drei Diagramme pro Seite lockern den Text auf und lassen es zu, die Ausführungen auch «vom Blatt» zu verfolgen. Nun hatte der Rezensent natürlich weder das Wissen noch die Zeit, jede einzelne Variante auf ihren schachlichen Gehalt zu prüfen. Stichproben haben aber das Vertrauen in Rippergers fundierte Analysen gestärkt. Dabei ist der Autor ein unabhängiger Geist, der vor der Autorität von Großmeistergenerationen und rechenstarken Computern nicht erschrickt, wenn es eigene Ideen zu vertreten gilt. Mit Blick auf das eigene Repertoire habe ich exemplarisch eine Variante geprüft: Nach 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4 verfügt Weiß über die interessante Gambitfortsetzung 4. Ld2. Sie hat einen gewissen schachhistorischen Wert, stand u.a. 1950 im Kandidatenwettkampf zwischen Bronstein und Boleslawski auf der Tagesordnung. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man damit selbst gestandene Französisch-Spieler aus dem Gleis ihrer Vorlieben werfen kann. Ripperger nun lässt seine Leser nicht im Regen stehen: Er empfiehlt sehr deutlich die Antwort 4… Sc6! Der Blick auf die Schach-Software «Fritz» bzw. in die «Mega Database» enthüllt dies als einen echten Geheimtipp: Die Datenbankstatistik zeigt, dass er gerade mal mit einer Häufigkeit von 4% in dieser Stellung gespielt wird und auch nach längerer Rechenzeit, weist «Fritz 13» den Zug erst als Nr. 4 oder 5 seiner Kandidatenzüge aus. Mit solchen Empfehlungen kann Reinhold Ripperger also auch dem gestandenen Spieler noch viele neue Ideen vermitteln.

Schach-Autor und -Trainer Reinhold Ripperger legt mit «Gegenspiel» ein praxistaugliches Schwarz-Repertoire mit Schwerpunkt «Französisch» vor. Die Stärke des Buches liegt in der Eigenständigkeit seiner Analysen und den angemessenen Erläuterungen zum strategischen Gehalt der empfohlenen Züge.
Gelungene Gestaltung und Typographie sorgen dafür, dass man das Buch jederzeit gern zur Hand nimmt. Der auf den ersten Blick vielleicht etwas hohe Preis ist durch den enormen Arbeits- und Analyseaufwand gerechtfertigt. Hier wird eine eigene Leistung des Autors verkauft, der wohl zu jeder Aussage des Buches stehen kann – keine schnell dahin geschriebene Computeranalyse. Einziger Kritikpunkt: ca. 35 Seiten mit insgesamt 100 Testaufgaben einschließlich Lösungen und Punktbewertung scheinen mir in einem Repertoirebuch entbehrlich. Abgefragt wird hier nicht schachliches Können, sondern «nur» das Erinnern der vorgestellten Varianten.
Alles in allem: Basierend auf der Empfehlung «Spiele immer 1… e6» legt Reinhold Ripperger ein praxistaugliches Schwarz-Repertoire vor. Neben einer gezielten Auswahl von Französisch-Varianten konzentriert er sich auf den Modernen Stonewall. Die Stärke des Buches liegt in der Eigenständigkeit seiner Analysen und den angemessenen Erläuterungen zum strategischen Gehalt der empfohlenen Züge. ■
Reinhold Ripperger: Gegenspiel – Ein dynamisches Repertoire für den Schwarzspieler, ChessCoach-Verlag, 272 Seiten, ISBN 3-981190-57-0
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Interview mit dem Schach-Autor Reinhold Ripperger
«Eröffnungstheorie ist ein lebendiger Prozess»
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Glarean Magazin: Herr Ripperger, in den letzten 2-3 Jahren steht Ihr Name immer wieder für interessante Neuveröffentlichungen auf dem Schachbuch-Markt. Den Menschen dahinter kennen sicher nur wenige. Möchten Sie sich bitte kurz den Glarean-Lesern vorstellen?
Reinhold Ripperger: Ich bin 57 Jahre alt, verheiratet, habe eine erwachsene Tochter, bin von Beruf Sozialarbeiter und lebe im Saarland.
GM: Als sehr aktiven Turnierspieler weist Sie schon die DWZ-Datenbank des deutschen Schachverbandes aus. Ihre Bücher lassen vermuten, dass Sie auch als Trainer Erfahrungen gesammelt haben?
RR: Ich bin seit über 30 Jahren Trainer und im Besitz der B-Lizenz. Als Spieler des SC Anderssen St. Ingbert und des SC Caissa Schwarzenbach habe ich in der Oberliga Südwest und in der 2. Bundesliga gespielt.
GM: Der Blick auf Ihre Homepage offenbart, dass es neben dem Schachspieler Ripperger noch einen auf ganz andere Art interessanten Menschen gibt – den Liedermacher. Erzählen Sie doch bitte ein wenig über diese Seite.
RR: Ich liebe gute Musik und bin ein glühender Fan von Reinhard Mey. Ich schreibe selbst hin und wieder ein Lied und veranstalte Liederabende, bei denen ich Keyboard spiele und neben eigenen Liedern auch Stücke von Hannes Wader, Reinhard Mey oder den Wise Guys singe. Im übrigen bin ich der Ansicht, dass Schach und Musik eng miteinander verwandt sind.
GM: Zurück zum Schachautor: Wenn ich nichts übersehen habe, liegen aus Ihrer Feder – zum Teil mit Co-Autoren – knapp 10 Bücher vor. Das Spektrum ist breit, der Schwerpunkt liegt aber bisher im Eröffnungsbereich. Wie schreibt man eigentlich heute in der Zeit der Datenbanken ein Eröffnungsbuch, das sich vom Durchschnitt abhebt? Wie ist das Verhältnis von eigener Erfahrung zur Vorgefassten Meinung anderer Autoren bzw. der Einschätzung der Computerprogramme?
RR: Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich versuche in meinen Büchern, wie auch im Training, die Denkweise meiner Leser zu verändern. Ich lege großen Wert auf die Stellungsbeurteilung und das Schmieden eines sinnvollen Planes. Ich gehe auf die Feinheiten der Position ein und will so die strategischen und taktischen Fertigkeiten meiner Leser ausbilden. Die Computerprogramme sind wahnsinnig stark geworden, können aber einem Spieler keinen Plan erklären. Oft „sehen“ sie auch selbst keinen Plan. Selbstverständlich greife ich bei der Analyse einer Variante manchmal auch die Idee eines anderen Autors auf und versuche diese in meine Überlegungen einzubeziehen.
GM: Was muss heute ein gutes Eröffnungsbuch bieten, um einen Mehrwert gegenüber computergestützten Medien zu erreichen?
RR: Ich versuche dem Lernenden zu vermitteln, wie er sich ein vernünftiges Eröffnungsrepertoire zusammenstellt, seine ihm zur Verfügung stehende Zeit optimal nutzt. Ich versuche ihm wertvolle Ratschläge zu geben, welche psychologischen Einflüsse in einer Schachpartie zum Tragen kommen. Ein Fehler auf dem Brett entspringt einem Defizit im schachlichen Denken. Das versuche ich meinen Schülern klar zu machen.
GM: Einige Ihrer Bücher, darunter das aktuelle «Gegenspiel» verstehen sich als Repertoire-Empfehlung. Der Markt scheint gerade in diesem Bereich zu boomen. Ist das ein Trend «weg vom allgemeinen Eröffnungslexikon» hin zum «individuellen Rundum-Sorglos-Paket»?
RR: Wie ich schon sagte, kann ein Computer kein Eröffnungsrepertoire zusammenstellen. Außerdem ist die Eröffnungstheorie im modernen Schach ein lebendiger Prozess, der ständig im Fluss ist und von ehrgeizigen Spielern stetig beobachtet und weiterentwickelt wird.
GM: Leben Sie eigentlich das Konzept «… im ersten Zug immer e7-e6» auch selbst vor und wenn ja, mit welchen Erfahrungen?
RR: Ja, oft spiele ich selbst so. Das hat mir zum Beispiel in der Französischen Verteidigung eine Menge Erfahrung eingebracht. Natürlich muss ich hin und wieder von diesem meinen Gegnern bekannten Repertoire abweichen, um Vorbereitungen aus dem Weg zu gehen und mit der einen oder anderen Überraschung aufzuwarten.
GM: An «Gegenspiel» gefällt mir besonders, dass Sie den Leser nicht mit langen Varianten allein lassen, sondern die Idee einzelner Züge in kurzen und verständlichen Erklärungen erläutern.
RR: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich selbst sehr ungern endlos lange Varianten mit eingeschobenen Untervarianten nachspiele. Dann ist es doch selbstverständlich, dass ich das meinen Lesern ersparen möchte. Das soll aber nicht heißen, dass ich in meinen Büchern den Königsweg gefunden habe. Es gibt andere Konzepte, die bei anderen Schachspielern auf große Zustimmung stoßen und das ist auch in Ordnung.
GM: In den Katalogen finde ich ein Buch, das – nicht nur in Ihrem bisherigen Schaffen – aus dem Rahmen fällt. «Die große Schachparade 1», angekündigt als Streifzug durch die Turnierwelt vor 100 und mehr Jahren. Die Ziffer «1» weckt in mir die Erwartung, dass wir es hier mit einem auf Fortsetzung angelegten Projekt zu tun haben. Erzählen Sie uns bitte, worauf wir uns hier freuen dürfen.
RR: Die Schachparade ist kein klassisches Lehrbuch sondern mehr ein Lesebuch zum Thema Schach in unterschiedlichen Epochen und Ländern. Wir wollen den Lesern die Menschen hinter den Schachspielern näher bringen und interessante Details über Zeitgeist, politische und gesellschaftliche Hintergründe vermitteln. Das Buch ist sehr aufwendig gestaltet mit vielen Fotos und in Hardcover produziert ein echter Hingucker. Es werden nach und nach weitere Bände folgen.
GM: Sie veröffentlichen im Eigenverlag „ChessCoach“. Was hat Sie und Ihren Partner bewogen, einen eigenen Verlag aufzubauen?
RR: Ein eigener Verlag hat natürlich den Vorteil, dass man seine Vorstellungen eins zu eins umsetzen kann. Natürlich bringt es deutlich mehr Arbeit mit sich, das Buch nicht nur zu konzipieren, sondern auch am Markt zu platzieren, ein Vertriebsnetz aufzubauen und mit dem Buchhandel Geschäftsbeziehungen zu pflegen. Dennoch stellt es auch eine interessante Erfahrung dar, auf diesem Sektor tätig zu sein. Der Verlag ChessCoach ist ständig auf der Suche nach neuen Autoren und interessanten Konzepten. Da ich auf Grund meiner Schwerbehinderung nicht mehr im Berufsleben stehe, kann ich für den Verlag mehr Zeit aufwenden und habe gleichzeitig eine interessante und sinnvolle Beschäftigung. Dennoch muss man es als Liebhaberei ansehen, da angesichts der geringen Auflage eines Schachbuchs die Kosten-Nutzen-Rechnung in den Hintergrund tritt und kaufmännischen Anforderungen nicht genügt.
GM: Welche aktuellen Projekte hat der ChessCoach-Verlag denn in der Pipeline?
RR: Im Verlag ChessCoach wird in Kürze das Buch «Anzugsvorteil II» erscheinen, ein Weißrepertoire für d4-Spieler. Außerdem stehen die Arbeiten an zwei schachhistorischen Werken kurz vor dem Abschluss: «Die Säulen des Schachs» sowie «London 1851». Zudem wird es ein Lehr- und Arbeitsbuch geben, «Die goldenen Regeln des Schachspiels». Besonders innovativ ist ein Projekt zum Thema Entscheidungen am Schachbrett. Das Hauptaugenmerk liegt auf dem Unterschied zwischen Fernschach und Nahschach. Hierzu konnten wir zwei international renommierte Großmeister gewinnen. ■
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Weitere Schach-Rezensionen im Glarean Magazin
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E. Neiman & Y.Afek: «Invisible Chess Moves»
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Von der Unsichtbarkeit gewisser Schachmanöver
Thomas Binder
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Bislang sind Emmanuel Neiman (FIDE-Meister aus Frankreich) und Yochanan Afek (Internationaler Meister aus Israel, lebt und arbeitet in den Niederlanden) vor allem als Trainer und Autoren hervorgetreten. Afek ist darüber hinaus als namhafter Studienkomponist bekannt. Ihr erstes Gemeinschaftswerk erschien 2009 in Frankreich und liegt nun in einer erweiterten Übersetzung auf dem englischsprachigen Schachbuchmarkt vor.
Der Ansatz des Buches ist originell und erfrischend. Die Autoren gehen der Frage nach, warum bestimmte Züge, bestimmte Manöver für Schachspieler aller Leistungsklassen – die Partiebeispiele gehen bis hin zu WM-Kämpfen – sehr schwer erkennbar sind. An der Komplexität der zu berechnenden Varianten kann es nicht liegen. In aller Regel muss man nur wenige Züge voraus denken. Die Kombinationen lassen sich problemlos beim Lesen «vom Blatt» verstehen. Es muss also andere Gründe geben – und es gibt sie. Neiman und Afek haben bestimmte wiederkehrende Merkmale erkannt, die einen Zug quasi «unsichtbar» machen. Einerseits sind es geometrische Motive, andererseits psychologische Hemmnisse, die uns abhalten einen bestimmten Zug auch nur zu erwägen.
Das Werk gliedert sich demgemäß in zwei Hauptteile: «Objektive» und «Subjektive» Unsichtbarkeit. Dies und die weitere Untergliederung zeigen, dass die Autoren durchaus mit Ernsthaftigkeit und Akribie gearbeitet haben, nicht in Richtung «Sensationskabinett» abdriften. Natürlich kann man über die Einteilung streiten – bleibt die Unsichtbarkeit doch auf unser menschliches Auge beschränkt. Computer haben auch mit «objektiv unsichtbaren» Zügen keine Mühe und «subjektive Unsichtbarkeit» ist eben doch abhängig vom Leistungsstand und Erfahrungsschatz des Spielers. Dieser Unterschied spiegelt sich übrigens sehr schön in den Partiekommentaren wider. Im ersten Teil werden überwiegend Beispiele von beiden Spielern übersehener Motive vorgestellt, tritt die tatsächliche Partiefolge als Anmerkung in den Hintergrund. Im zweiten Teil sehen wir meist sehr schwierige, aber tatsächlich gespielte Züge. Hier war die Unsichtbarkeit also auf einen der beiden Spieler beschränkt.
Das erste Kapitel ist weiter unterteilt in «hard-to-see moves» (mir fällt keine griffige Übersetzung ein) und in eine Sammlung geometrischer Motive. In die erste Gruppe fallen u.a. ruhige Züge, Desperado-Manöver oder kollineare Züge. Zur zweiten Kategorie gehören rückwärts gerichtete und horizontale Züge (der Begriff «horizontal effect» sollte vielleicht ersetzt werden, hat er doch im Computerschach eine ganz andere Bedeutung), Figuren-Rundläufe oder Selbstfesselungen.
Im zweiten großen Abschnitt geht es um «positionelle» und «psychologische» Unsichtbarkeit. Hier wird offensichtlich, dass doch eine gewisse Korrelation von schachlicher Sehschärfe und Spielstärke besteht. Da ähnelt das Buch schon eher gewöhnlichen Taktik-Lehrbüchern, bewahrt aber seinen eigenen Blick auf die tieferen Ursachen der Fehler.
Zu den Kriterien positioneller Unsichtbarkeit gehören Züge, die die eigene Bauernstruktur schwächen, scheinbar stellungswidriger Abtausch oder ungewöhnliche Figurenpostierung (z.B. der berühmt-berüchtigte Springer am Rand). Zu den psychologischen Faktoren wird schließlich das Umdenken zwischen Angriff und Verteidigung gerechnet – ergänzt wieder um geometrische Gedanken wie «vorwärts gerichtete Verteidigungszüge» und «rückwärts gerichtete Angriffszüge».
Nach jedem Unterkapitel und am Ende des Buches folgen Übungsaufgaben. Die Lösungen sind oft noch mit der reizvollen Zusatzfrage «Warum war dieser Zug unsichtbar?» garniert. Die jeweilige Antwort darauf gehört für mich zu den schönsten Aha-Erlebnissen im Buch.
Das Ganze wird locker und ansprechend präsentiert, man kann den Autoren mühelos folgen. Tiefe und Breite der Variantenbesprechung ist angemessen. Ein paar Anekdoten lockern den Text auf. Die sehr zahlreichen Partiebeispiele (ergänzt um ganz wenige Studien) decken einen Zeitraum vom 19. Jahrhundert bis in die jüngste Vergangenheit ab. Auch die aktuelle Meistergeneration (Anand, Topalow, Kramnik u.a.) ist vor der Tücke unsichtbarer Züge also nicht gefeit.

Neiman und Afek gelingt in ihrem «Invisible Chess Moves» ein erfrischend neuer Blick auf die Ursachen schachlicher Fehler und verpasster Chancen. Sie entdecken eine Reihe positioneller und geometrischer Motive, die einen Zug «objektiv unsichtbar» machen, und schärfen so des Lesers «Gefühl» für ungewöhnliche Lösungen von Stellungsproblemen.
Ob Neiman und Afek den im Untertitel angedeuteten Anspruch erfüllen können, sei dahingestellt. Sicher hat man nach der Lektüre seinen Blick für ungewöhnliche Lösungen eines Stellungsproblems geschärft. Dies in praktischen Spielerfolg umzusetzen, bleibt jedem Spieler auch jetzt noch selbst überlassen.
Manchmal würde man sich etwas mehr erläuternden Hintergrundtext wünschen. Aus ihrem Erfahrungsschatz als Trainer könnten die Autoren gewiss manch weitere Details beisteuern. Zuallererst wünscht sich Ihr Rezensent – in seiner Eigenschaft als Schachlehrer – aber eine deutsche Übersetzung, die er dann auch seinen Schülern dringend empfehlen würde. ■
Emmanuel Neiman / Yochanan Afek, Invisible Chess Moves, New in Chess, 240 Seiten, ISBN 978-90-5691-368-7
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Weitere Schach-Rezensionen im Glarean Magazin
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Michael Richter: «Geheimnisse der Planfindung»
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Wegweiser im Dschungel der Strategie
Dr. Mario Ziegler
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Den richtigen strategischen Plan ausfindig zu machen, gehört zu den wohl schwierigsten Aufgaben einer Schachpartie. Kann man für Eröffnung und Endspiel die erprobten Ergebnisse der Theorie heranziehen und in taktisch betonten Stellungen auf zahlreiche mehr oder weniger bekannte Muster zurückgreifen, die als Indizien für das Gelingen einer Kombination dienen können, sind viele Spieler unschlüssig über das Vorgehen in positionellen Stellungen. An diesem Punkt setzt die DVD des Berliner Internationalen Meisters und Trainers Michael Richter ein. An Hand von 40 Trainingslektionen (plus Einführung und Schlussbemerkungen – letztere auf der DVD unnötigerweise mit dem Anglizismus «Outro» bezeichnet) – soll der Zuschauer in die Lage versetzt werden, aus einer Beurteilung der konkreten Stellung den richtigen Plan abzuleiten.
Leitfaden der Datenbank ist, wie üblich bei ChessBase-Produkten, ein übergreifender Datenbanktext, der im Fall der Planfindungs-DVD allerdings keine weiterführenden Erläuterungen enthält, sondern nur als Inhaltsverzeichnis dient, durch das die jeweiligen Lektionen anwählbar sind. Diese sind jeweils sowohl als kommentierte Partiefragmente als auch als Videos (insgesamt 4 Stunden 25 Minuten) im Chess Media Format vorhanden, bei denen parallel zu den verbalen Erläuterungen das Geschehen auf dem Schachbrett demonstriert wird.
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Ein typisches Beispiel für das Chess Media System: rechts oben läuft das Video mit Richters Erklärungen, links wird synchron die besprochene Stellung gezeigt und graphisch aufbereitet.
Die meisten Konsumenten werden wohl die Videolektionen bevorzugen, die jeweils nach dem gleichen Schema aufgebaut sind: Nach einigen kurzen einleitenden Worten bittet Richter seine Zuschauer, das Video anzuhalten und sich selbst Gedanken über die Stellung zu machen. Selbstverständlich ist der Lerneffekt deutlich größer, wenn man diesen Rat befolgt und erst einmal selbständig versucht, einen Plan zu finden. Wenn man anschließend das Video weiterlaufen lässt, hat man die Möglichkeit, die eigenen Überlegungen mit denen Richters zu vergleichen. Da sich der Autor auch immer wieder die Frage stellt, welche Überlegungen einem Amateur in der jeweiligen Stellung durch den Kopf gehen könnten, entsteht in gewissem Sinn ein Dialog mit dem Autor – soweit dies in einem Videolehrgang eben möglich ist.
Für die Ableitung eines Planes legt Richter ein Planfindungsschema zu Grunde, das er dem Leser in seinem «Outro» auch graphisch nahe bringt:
Als ersten notwendigen Schritt sieht er eine korrekte Stellungseinschätzung an. Neben den grundlegenden Aspekten «Drohungen», «Material» und «Königssicherheit», auf die Richter nur am Rande eingeht, empfiehlt er dem Lernenden, auf Entwicklungsvorsprung, Raumvorteil, Qualität der Figuren, Felderschwächen und Bauernstruktur zu achten. Diese Stellungsmerkmale werden auf der DVD jeweils an Hand mehrerer Beispiele demonstriert. Der zweite und wichtigere gedankliche Schritt besteht in der eigentlichen Planfindung. Hier nennt der Autor vier Prinzipien, durch die sich Handlungsanweisungen für strategische Stellungen ausfindig machen lassen: Das Prinzip der schlechtesten Figur (Ermittlung und Verbesserung der eigenen Figur, die am wenigsten Wirkung entfaltet), das Prinzip der zwei Schwächen (Schaffung zweier oder mehr Schwächen im gegnerischen Lager, um die Kräfte des Kontrahenten zu überlasten), Vorbeugung (Erkennen und Vereiteln gegnerischer Pläne) und Bauernhebel. Zudem geht Richter in sieben Beispielen auf Ungleichgewichte in der Stellung ein, also auf den in der praktischen Partie sehr verbreiteten Fall, dass eine Seite Vorteile in einem bestimmten Bereich für sich reklamieren kann, die andere Seite Vorteile auf anderem Sektor besitzt, also etwa Raumvorteil gegen Entwicklungsvorsprung.
Der letzte Schritt muss natürlich in der Überprüfung des ermittelten Plans durch das konkrete Berechnen der Varianten bestehen, d. h. der Frage, ob der Gegner Maßnahmen einleiten kann, die den Plan verhindern. Dieser Aspekt ist im eigentlichen Sinn nicht mehr Bestandteil der DVD und wird in den letzten vier Beispielen relativ knapp abgehandelt.
Eine der für mich eindrucksvollsten Stellungen ist Nr. 32:
Hier geht es um das Thema «Vorbeugung», d. h. das Denken aus der Sicht des Gegners. Wenn Weiß dieses Denkschema anwendet, gewinnt er diese Stellung, die auf den ersten Blick keineswegs entschieden aussieht, absolut zwingend, was übrigens am Brett auch Ex-Weltmeister Michail Tal nicht gelang, der gegen Zoltán Ribli (Skara 1980) 1.Sd2 spielte und nur remisierte. Ich gebe im Folgenden Richters Kommentare wider:
«Wenn man sich die Stellung nur aus weißer Sicht ansieht, fällt es schwer, einen guten Plan zu finden. Bis auf den Springer f3 stehen die weißen Figuren alle gut. Es geht in der Stellung aber nicht darum, was der Weiße möchte. Man muss vielmehr versuchen, den Plan des Schwarzen zu finden. Dieses Denken aus der Sicht des Gegners ist insbesondere im Kinderbereich oft kaum ausgeprägt und muss erst nach und nach antrainiert werden. Der schwarze Plan besteht darin, so schnell wie möglich den Damenflügel zu entwickeln. Das muss verhindert werden.
1.Db5!
Die Entscheidung zwischen Db5 und Da4 fällt schwer und beruht letztendlich nur auf einer taktischen Möglichkeit. Mit beiden Zügen wird zunächst verhindert, dass der Schwarze seinen Springer ziehen kann.
1.Da4? Lf8 Hier hat der Weiße keine taktische Möglichkeit und muss die Kontrolle über c6 aufgeben. 2.Tdd1 Sc6 =
1…a6
Schwarz möchte die lästige Dame natürlich wieder los werden. Schwarz hat aber auch keine anderen Alternativen zur Wahl. Er ist gelähmt.
1…Lf8 2.Txf6! Deswegen ist nur 1.Db5! richtig. Weiß hat einen Doppelangriff und gewinnt Material. 2…Dxf6 3.Dd5+ +-
2.Dd5!
Die weiße Dame gibt die Kontrolle über das Feld c6 nicht mehr ab.
2…Dxd5 3.cxd5 Txc1+
3…Tf8 4.Tc7 +-
4.Lxc1
Schwarz musste seine aktiven Figuren tauschen. Übrig geblieben ist der unentwickelte Damenflügel und der schlechte Lg7. Es ist für mich immer wieder überraschend zu sehen, mit welchen klaren Zügen der Weiße eine totale Gewinnstellung erreicht hat.
4…Kf7 5.Td8 Ke7 6.Tc8
Schwarz kann sich nicht mehr bewegen und verliert Material.
6…Kd7
6…h5 7.La3+ Kf7 8.Ld6 +-
7.Tg8 +-
Zusammenfassung: Für ein tiefes Verständnis der Stellung ist es notwendig, den Plan des Gegners zu kennen. Oftmals ist es sogar sinnvoll, seinen eigenen Plan zurückzustellen, um den Plan des Gegners zu verhindern.»

Richters schachliches Erstlingswerk darf als gelungen bezeichnet werden. Zwar verrät die DVD trotz ihres Titels keine «Geheimnisse», doch werden dem fortgeschrittenen Spieler zahlreiche Ansätze zur Verbesserung seines Spiels im strategischen Bereich geboten. Die Präsentation in Form von Videos erleichtert den Einstieg und motiviert, sich mit diesem anspruchsvollen Stoff zu beschäftigen.
Die verwendeten Beispiele sind insgesamt gut ausgewählt und repräsentieren die unterschiedlichsten Partiephasen und Stellungstypen. Ein noch größerer Lerneffekt wäre durch die Hinzufügung von Trainingsaufgaben möglich gewesen, durch die das erworbene Wissen gleich hätte überprüft und angewendet werden können. ■
Michael Richter, Geheimnisse der Planfindung – Fritz-Trainer Mittelspiel, DVD ChessBase, ISBN 978-3-86681-241-3
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Geb. 1974 in Neunkirchen/Saarland, Studium der Geschichte und Klassischen Philologie, 2002 Promotion in Alter Geschichte, seither als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im universitären Lehrbetrieb tätig. Langjähriger Schachtrainer sowie Autor und Herausgeber verschiedener Bücher zum Thema Schach.
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.Weitere Schach-Rezensionen im Glarean Magazin.
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Gerhard Josten: «Aljechins Gambit»
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Exquisiter Roman um ein unsterbliches Schach-Genie
Thomas Binder
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Wenn es mir gelingt, einen Roman an einem Tage komplett durchzulesen, ist damit eigentlich schon genug des Lobes gesagt: Gerhard Josten hat es geschafft, mich mit «Aljechins Gambit» für ein paar Stunden an den Balkonstuhl zu fesseln und alles ringsherum vergessen zu lassen. Ich wollte eintauchen in die Mysterien um den vierten Weltmeister der Schachgeschichte Alexander Aljechin – und seinen bis heute nicht völlig geklärten plötzlichen Tod in einem portugiesischen Hotel.
Der Kölner Gerhard Josten (geb. 1938) ist als profunder Schachhistoriker sowie als Autor von Schachproblemen bekannt und geschätzt. Zu beiden Bereichen legte er bereits mehrere Sachbücher vor. Nach «Ein bisschen unsterblich wie Schach» (Roman, 2005) wagt er nun erneut den Spagat zur Belletristik mit schachlichem Hintergrund. Da die Schachwelt auf diesem Gebiet nicht eben mit viel Literatur verwöhnt ist, nehmen wir solche Angebote gerne wahr und freuen uns – zumal wenn sie so gut gelungen sind wie in diesem Fall.
Der Rezensent ging nicht ganz ohne Vorwissen an die Lektüre, hatte sich vor allem bei Edward Winter und in der bei Schachthemen gewöhnlich recht zuverlässigen deutschsprachigen Wikipedia kundig gemacht. Es blieben mehr Fragen als Antworten – und das Erstaunen darüber, dass eine scheinbar so gut bekannte Persönlichkeit nach nicht einmal einem Jahrhundert so viele biographische Unklarheiten offen lässt. So weiß Wikipedia nur von drei Ehefrauen, während das englische Pendant und auch Gerhard Josten deren vier benennen. Auch Aljechins Verstrickung in die politischen Wirren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist rätselhaft und faszinierend zugleich: 1919 von den Bolschewiki zum Tode verurteilt, möglicherweise von Trotzki persönlich gerettet und danach sogar noch als Jurist in Moskau tätig… Später heiratet er eine Schweizer Sozialdemokratin und eine russische Generalswitwe, um gegen Ende seines Lebens sogar in den Verdacht der Nazi-Kollaboration zu geraten.

Legendäres Bild eines legendären Todes einer Legende: Der tote Aljechin (angeblich erstickt in einem Lissaboner Hotel an einem Stück Fleisch - März 1946)
Um dieses Lebensende ranken sich nun zahlreiche Spekulationen, die auch den Ausgangspunkt der Handlung in Jostens neuestem Buch bilden. Bekannt ist, dass Alexander Aljechin am 24. März 1946 mit nur 53 Jahren unerwartet in einem Hotel des portugiesischen Seebades Estoril bei Lissabon verstarb. Das Foto des tot in einem Sessel zusammengesunkenen Weltmeisters gehört zum Kanon der Schachgeschichte.
Die offizielle Erklärung spricht davon, er sei beim Essen an einem Stück Fleisch erstickt. Ausgerechnet das weit verbreitete Foto nährt die Zweifel an dieser Version: Das vor ihm platzierte Essgeschirr ist leer und sauber. Der Leichnam lässt keine Zeichen eines Todeskampfes erkennen und trägt zudem einen dicken Wintermantel. Da ist es naheliegend, andere Todesursachen anzunehmen – zumal sich mit etwas Phantasie auf allen Seiten des schachlichen wie weltpolitischen Spektrums Ansatzpunkte für Verschwörungstheorien finden lassen, ganz abgesehen von einer möglichen Depression angesichts der eigenen wirtschaftlichen Lage und des absehbaren Endes der Herrschaft als Schachweltmeister. Zu den Protagonisten der Mord-Thesen gehört der kanadische Großmeister Kevin Spraggett, der sich intensiv mit der Angelegenheit beschäftigte.
Unser Buch kommt in den ersten acht Kapiteln als eine klassische Kriminalerzählung daher. Es begegnen uns u.a. ein ehrgeiziger Kriminalkommissar, den der Fall weit mehr interessiert als dienstlich nötig, sein etwas begriffsstutziger Mitarbeiter, ein undurchsichtiger Hotelportier und eine attraktive Inspektorin in der Lissaboner Polizeizentrale. Wenn Ihnen das alles irgendwie bekannt vorkommt, lesen Sie vermutlich nicht ihren ersten Kriminalroman und erkennen, dass wir es hier eben mit einfachem aber gut gemachtem Krimi-Schriftsteller-Handwerk zu tun haben. Das Ganze ist flüssig zu lesen und lässt niemals Langeweile aufkommen. Der Autor verzichtet darauf, komplizierte Seitenstränge in die Handlung einzuflechten, arbeitet sozusagen «geradeaus» die Geschichte ab. Ist das vielleicht ein «schachliches» Denkmuster? Sei´s drum – der an Schach(geschichte) interessierte Leser kommt auf jeden Fall auf seine Kosten und wird das Buch nicht aus der Hand legen, solange er auf eine Lösung des Aljechin-Mysteriums hofft.

Gerhard Josten nimmt den bis heute ungeklärten Tod des vierten Schachweltmeisters Alexander Aljechin als Ausgangspunkt für einen klassischen Krimi. Kein S(ch)achbuch also, sondern ein höchst spannender Roman, der geeignet ist, die Schachspieler für eines der geheimnisvollsten Themata der Schachgeschichte zu interessieren.
Diese präsentiert Josten dann in den beiden letzten Abschnitten. Hier soll natürlich nicht verraten werden, wie die Geschichte ausgeht. Nur so viel: Der Autor und seine handelnden Personen gehören offenbar zu den Zweiflern an der offiziellen Todesursache. Letztlich schlägt sich Josten aber nicht auf die Seite einer der etablierten Theorien, sondern präsentiert eine eigene Lösung, bei der ein letztes Mal Aljechins Genialität auch außerhalb des Schachbretts aufzublitzen scheint. Der Titel des Buches «Aljechins Gambit» erhält plötzlich eine ganz unerwartete Bedeutung.
Jostens «Lösung» ist sicher kein ernsthafter Beitrag zur Diskussion um Aljechins frühen Tod und dessen ungeklärte Umstände. Sie erscheint dem Rezensenten nicht plausibler als andere Theorien, aber sie ist und bleibt eine erfrischende literarische Aufarbeitung des Themas und lenkt vielleicht das Interesse einer größeren Leserschaft auf das schachhistorische Mysterium und die in vieler Hinsicht faszinierende Persönlichkeit des vierten Schach-Weltmeisters. ■
Gerhard Josten, Aljechins Gambit – Roman, Verlag Helmut Ladwig, 150 Seiten, ISBN 9783941210349
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Viktor Kortschnoi: «Meine besten Kämpfe» (Jubiläumsausgabe)
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Zum 80. Geburtstag eines charismatischen Schachspielers
Thomas Binder
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Man kann diese Rezension nicht ohne ein paar würdigende Worte zu Viktor Kortschnoi beginnen, der in diesen Tagen seinen 80. Geburtstag feiert. Mehr als ein halbes Jahrhundert hat der charismatische Meister die Schachwelt geprägt.
Schon 1956 Großmeister geworden – damals gab es weltweit gerade 50 Titelträger –, gehörte er mehr als 30 Jahre lang zur absoluten Weltspitze. Viermal gewann er die Meisterschaft der Sowjetunion; sechsmal siegte der Jubilar mit der Nationalmannschaft bei der Schach-Olympiade; ab den 1970er-Jahren nahm Viktor Kortschnoi mehrmals Anlauf auf die Weltmeisterschaft, 1978 und 1981 unterlag er erst im WM-Kampf gegen seinen ewigen Rivalen Anatoli Karpow. Auch das Duell der beiden 1974 war praktisch schon ein WM-Kampf, der Sieger würde Weltmeister werden, da Bobby Fischers Rückzug vom Turnierschach absehbar war. Noch 1983 drang Kortschnoi in das Kandidaten-Halbfinale vor, wo er Kasparow unterlag – eine neue Schachgeneration hatte das Zepter übernommen.
Ist seine Bedeutung für das Weltschach kaum hoch genug einzuschätzen, so scheint dem Rezensenten die politische Bedeutung seiner Kämpfe am Schachbrett und außerhalb des Turniersaals noch wichtiger. Die Umstände der WM-Kämpfe sind in vielen Büchern geschildert worden, zuletzt in «Der KGB setzt matt», wozu Kortschnoi selbst ein aufschlussreiches Nachwort verfasste.
Kortschnois Emigration aus der Sowjetunion machte die Repressalien offenbar, unter denen unangepasste Persönlichkeiten wie er in der Diktatur zu leiden hatten.
Für Insider stehen in diesem Zusammenhang viele Namen im Raum: Sosonko, Gulko, Lein, Spasski… Für die Schach-Öffentlichkeit ist die «lebende Legende» Viktor Kortschnoi eine Gallionsfigur für menschliche Stärke und Charakterfestigkeit.
Viktor Kortschnoi hat sich seine geistige Frische und enorme Spielstärke bis ins hohe Alter bewahrt. 2006 wurde er Senioren-Weltmeister, und sitzt bis zum heutigen Tage regelmäßig in den höchsten Ligen am Brett. Was er für das Schach in seiner Wahlheimat Schweiz getan und bewirkt hat, kann man wohl von «außen» nur schwer ermessen.
In der dortigen Nationalliga ereignete sich auch jene amüsante Geschichte, als er seinem Gegner mit den Worten «Ich bin Schachgroßmeister» (Video auf Youtube) die Aufgabe nahelegte. Jedem anderen Spieler hätte man dies als Unsportlichkeit vorgehalten. Einer Persönlichkeit vom Range Kortschnois wird es als nette Anekdote toleriert – auch ein Zeichen von Hochachtung der gesamten Schachwelt vor dem Achtzigährigen.
Wie würdigt man Kortschnoi zu diesem Jubiläum? Der Verlag «Edition Olms» hat sich für eine Neuauflage der Partiensammlung «Meine besten Kämpfe» entschieden. Gut zehn Jahre nach der Erstausgabe wurden die beiden Bände zu einem Gesamtwerk von 430 Seiten vereint. Diesem Ursprung ist übrigens die merkwürdige Aufteilung in «Partien mit Weiß» und «Partien mit Schwarz» geschuldet. Innerhalb der beiden Teile sind die je 55 Partien chronologisch sortiert. Das Cover verspricht eine «aktualisierte und erweiterte Jubiläumsausgabe». Die Erweiterung beschränkt sich allerdings auf zehn Partien und endet auch bereits 2003, nicht wirklich eine Aktualisierung also.
So werden uns nun 110 Partien präsentiert – ein kleiner Ausschnitt aus den fast 5’000 Kortschnoi-Partien in der marktbeherrschenden Datenbank, mit denen er laut «Wikipedia» den Rekord der meisten dokumentierten Schachpartien hält. Immerhin zwei Partien des Buches hat der Rezensent nicht in jener Datenbank gefunden: die Weißpartien von 1953 gegen Suetin und von 1955 gegen Tschechower.
Alle Partien sind vom Meister selbst kommentiert. Oft stellt er einige Bemerkungen zum Anlass des Spiels und Gedanken zum jeweiligen Gegner voran. Auch in den Kommentaren lässt er uns an seinem Denken Anteil nehmen, reflektiert seine Überlegungen und Berechnungen. Die rein schachlichen Kommentare konzentrieren sich auf das Wesentliche. Dort, wo Kortschnoi ausführlicher wird, hat er uns Wichtiges zu sagen, ergibt sich auch ein Lerneffekt, obwohl wir ja gewiss kein Lehrbuch vor uns haben. Der Leser wird ge- aber nicht überfordert. Angegebene Varianten haben immer das richtige Maß. Man spürt – bzw. erklärt es Kortschnoi an einer Stelle selbst –, dass die Varianten mit Computerhilfe geprüft sind. Dennoch kommt nie der Eindruck auf, der Autor habe sich vom Schachprogramm treiben lassen. Er setzt es souverän als Kontrollinstanz ein – nicht mehr und nicht weniger. Schmunzeln muss der Leser freilich über die Bemerkung zu einer Alternativ-Variante: «Mit einer solchen Stellung müsste man Deep Blue füttern, damit uns die Maschine sagt, wer besser steht.» – Selbstironie eines Genies und zugleich ein Zeitdokument; heute würde uns der Laptop die ersehnte Antwort geben.

Anlässlich des 80. Geburtstag von Viktor Kortschnoi legt die «Edition Olms» zu einem günstigen Preis eine Sammlung von 110 Gewinnpartien des Jubilars vor. Kortschnois Kommentare sind auch im Abstand von Jahrzehnten noch lesenswert und lehrreich. Text und Varianten finden genau das richtige Maß zum Verständnis der 110 Meisterwerke.
Das Buch ist – wie immer bei Olms – typographisch angenehm gelungen. Übersichtliches Schriftbild und sinnvoll eingesetzte Diagramme machen es sehr gut lesbar. Das Geleitwort von Kortschnois Freund und Weggefährten Gennadi Sosonko gehört zu den weiteren Stärken des Buches.
«Wie würdigt man Kortschnoi zu diesem Jubiläum?» hatte ich weiter oben gefragt. Die Herausgabe seiner Partiensammlung war gewiss eine gute Idee – genau genommen wohl die zweitbeste… Noch besser wäre seiner charismatischen Persönlichkeit eine (erweiterte) Neuauflage der Autobiographie «Mein Leben für das Schach» gerecht geworden. Aber das ist eben der Wunsch des Rezensenten. Vielleicht kann man ihn ja schon mal für Viktors nächsten runden Geburtstag notieren… ■
Viktor Kortschnoi, Meine besten Kämpfe, Edition Olms Zürich, 430 Seiten, ISBN 978-3283010188
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Thematisch verwandte Links
Chess-international – Tipps-und-Tricks-mit-Ebooks – SCV.Schulschach-Bayern
DerWesten – Ich bin Schach-Grossmeister
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Martin Weteschnik: «Schachtaktik – Jahrbuch 2011»
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Aufgabensammlung mit breitem Anwendungsgebiet
Thomas Binder
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FIDE-Meister Martin Weteschnik hat sich auf dem deutschen Schachbuch-Markt vor allem durch Trainingsbücher zur Schachtaktik einen Namen gemacht. In seinem neuesten Werk «Schachtaktik – Jahrbuch 2011» macht er den interessanten Versuch, die Kombinationssammlung mit einem Jahrbuch des weltweiten Schachgeschehens zu verbinden.
Das Buch beginnt mit einem äußerst informativen Blick um 100 Jahre zurück auf das Schachjahr 1910. Im Mittelpunkt steht dabei der WM-Kampf zwischen Lasker und Schlechter. Einige sehenswerte Kombinationen von damals runden den einführenden Beitrag ab. Unmittelbar danach widmet sich Weteschnik den wichtigsten Ereignissen des aktuellen Jahrgangs, laut Kapitelüberschrift also dem «Schachjahr 2010». Allerdings handelt es sich genau genommen um die Saison 2009/2010, weshalb man z.B. die Schach-Olympiade in Russland vermisst. Die Darstellung ist umfassend und geht auf alle wichtigen Wettkämpfe des Zeitraums ein. Auch einige Opens sowie Jugend- und Senioren-Meisterschaften werden gestreift.
Dass dabei die Schwerpunktsetzung diskutierbar ist, liegt in der Natur der Sache. Über den WM-Kampf zwischen Anand und Topalow in Sofia hätte ich – gerade mit dem Abstand eines halben Jahres – gern deutlich mehr gelesen als über einen Länderkampf zwischen Russland und China. Sehr verdienstvoll ist hingegen das Eingehen auf Themen abseits des Schachbretts, wie die Schachpolitik und Regeländerungen der FIDE. Freilich fehlt auch hier die Aktualität, wenn auf die anstehenden Wahlen der FIDE und der ECU im Vorausblick eingegangen wird.
Zwei Nachrufe auf verstorbene Meister (Edith Keller-Herrmann und Wassili Smyslow) runden den Rückblick ab. Campomanes wird noch erwähnt, mindestens Andor Lilienthal hätte eine ausführliche Würdigung verdient. Insgesamt wünscht sich der Rezensent, dass in künftigen Jahrgängen dieser Jahrbuch-Charakter noch mehr ausgeprägt wird, die Textbeiträge etwas umfangreicher werden.
Kernstück des Buches sind die Kombinationssammlungen aus den verschiedenen Wettkampfebenen, wobei jeweils ein informativer Text voran gestellt ist. Im Einzelnen sind das folgende Bereiche:
Bundesliga und ausländische Ligen (42 Aufgaben)
Deutsche Meisterschaften (18 Aufgaben)
Schach International (48 Aufgaben)
Open-Turniere (54 Aufgaben)
Deutsche Jugendmeisterschaften (42 Aufgaben)
Jugendschach International (30 Aufgaben)
Seniorenschach (36 Aufgaben)
Ergänzt werden diese Kapitel durch zwei Einschübe, bei denen die Kombinationen gleich im Kommentar vorgestellt und erläutert werden:
Ein- und Reinfälle (17 verblüffende Kombinationen)
«Schachtaktik zum Mitmachen» (ein Kombinationswettbewerb der Deutschen Schachjugend, 5 Beispiele)
Die enorme Vielfalt der Kombinationsmotive unterschiedlichster Schwierigkeit ist die große Stärke der Sammlung. Viele der gezeigten Partien wären ohne dieses Buch völlig unbeachtet geblieben.
Die Aufgaben sind jeweils als kommentarloses Diagramm gegeben. Dem Leser fehlt also zunächst jeder orientierende Hinweis. Gerade dies macht Weteschniks Taktik-Buch aber als Trainingsmittel so reizvoll.
Im Anschluss an die Aufgaben eines Kapitels folgen die Kurzlösungen (tabellarisch, jeweils nur der Schlüsselzug) und dann die kommentierten Lösungen, bei denen wir auch die Namen der Spieler erfahren. In komplexen Fällen wird hier noch ein Diagramm eingefügt.
Bei den ausführlichen Lösungen findet Weteschnik das richtige Maß an Besprechungs- und Variantentiefe, so dass man seinen Varianten in aller Regel noch «vom Blatt» folgen kann. Der Sprachstil ist flüssig und gut verständlich. Inhalt und Form der Lösungsbesprechung liegen nach meinem Empfinden deutlich über dem Durchschnitt ähnlich gelagerter Arbeiten. Hier wird offenbar praktische Trainererfahrung besonders angenehm spürbar.
Auf die Aussage, alle Kombinationen seien gewissenhaft überprüft, verlässt sich der Rezensent mal, ohne sie im Detail nachzuprüfen. Ernsthafte Zweifel kommen jedenfalls nicht auf.

Die Sammlung von nahezu 300 kombinatorischen Schachaufgaben kann Spielern und Trainern auf jeder Leistungsebene kurzweilige Unterhaltung und Lerneffekt bieten. Martin Weteschnik präsentiert ein Jahrbuch, bei dem man sich bereits auf die Fortsetzung in den Folgejahren freut.
Weteschniks Aufgabensammlung eröffnet sich ein breites Anwendungsgebiet. In der vorliegenden Form kann man sie zum schnellen «Zwischendurchlösen» im Zug ebenso gewinnbringend verwenden, wie als Trainer für den Einsatz im Kinder- und Jugendschach.
Die Fülle der Namen und Zahlen in einem solchen Buch erfordert vom Autor wie vom Lektorat besondere Sorgfalt. Leider ist hierbei doch eine ganze Reihe von Schreibfehlern durchgerutscht. Dass der Deutsche U10-Meister Raphael Lagunow als «Lagonow» vorgestellt wird, ist vielleicht nur dem Rezensenten aufgefallen, der diesen jungen Schachmeister zu seinen Schützlingen zählen darf. Fehlschreibungen wie «Chanty-Mansijks» und «Tischbiereck» sind hingegen ebenso peinlich wie ein falsches Geburtsjahr im Nachruf auf Edith Keller-Herrmann. Dem schachlichen Gebrauchswert des Buches tun sie keinen Abbruch, passen aber nicht gerade zum guten Gesamteindruck. ■
Martin Weteschnik, Schachtaktik – Jahrbuch 2011, Jugendschach-Verlag Dresden, 160 Seiten, ISBN 978-3000324314
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Leseproben (Scans)
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Michael Ehn / Ernst Strouhal: «en passant»
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Eindrückliche Zeitdokumentation der jüngeren Schachgeschichte
Thomas Binder
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Das 20-Jahr-Jubiläum der wöchentlichen Schachkolumne in einer überregionalen Tageszeitung ist heutzutage sicher ein Grund für würdige Feiern. Michael Ehn und Ernst Strouhal (dem regelmäßigen Leser als «ruf & ehn» bekannt) können stolz auf genau diese zwei Jahrzehnte ihrer Arbeit für den Wiener «Standard» zurückblicken. Sie begehen dies mit einer Sammlung ihrer dort erschienenen Beiträge und werden das dabei entstandene Buch «en passant» am 10. Dezember im «project space» der Wiener Kunsthalle bei einer grandiosen Veranstaltung präsentieren.
Die beiden Autoren müssen dem Fachpublikum wohl nicht mehr vorgestellt werden. Michael Ehn gehört zu den renommiertesten Schachhistorikern der Gegenwart. Erst kürzlich konnten wir an dieser Stelle sein Buch «Alles über Schach» vorstellen. Ernst Strouhal doziert u.a. an der Universität für angewandte Kunst in der österreichischen Hauptstadt. Seine kulturwissenschaftlichen Studien haben vielfältige Bezüge zum Schachspiel.
Der Versuch, eine Zeitungskolumne in Buchform zu pressen, erscheint gewagt. Ehn und Strouhal haben einen ungewöhnlichen Ansatz gewählt, diese Vielfalt zu bewältigen. Ihrem Buch ist eine DVD beigegeben, die eine unveränderte Wiedergabe aller seit Juni 1990 erschienenen Beiträge – das sind mehr als 1’100 – enthält. Dabei gehen die Autoren betont puristisch vor: Die Artikel der Jahre 1990 bis 2008 werden als Scans im JPG-Format präsentiert, die der Jahre 2009 und 2010 (bis Juni) als PDF-Dokument. So hat man einen Weg gefunden, vergängliches Material aus Tageszeitungen vollständig für die Schachfreunde künftiger Generationen zu erhalten.
Eine rückwirkende Rezension der Kolumnen aus heutiger Sicht verbietet sich von selbst. Um dem Leser einen kleinen Einblick zu gewähren, will ich willkürlich ein paar Monate aus dem riesigen Fundus herausgreifen und die Inhalte ganz kurz vorstellen. Die Auswahl wurde nach dem Zufallsprinzip getroffen, lässt aber den eigentlichen Reiz der Lektüre aufscheinen: Es ist höchst amüsant, frühere Beiträge aus heutiger Sicht noch einmal zu lesen, Parallelen zu ziehen, Wertungen zu hinterfragen.
April 1992: Am 5.4. kommentieren die Autoren die Querelen um die Brettbesetzung der österreichischen Olympiade-Mannschaft und teilen in Richtung Verbandsspitze aus. Aktuelle Parallelen kommen dem Rezensenten nicht ganz zufällig in den Sinn. Am 12.4. wird der Schachöffentlichkeit ein neues Wunderkind vorgestellt: Der 12jährige Peter Leko war damals gerade der jüngste IM der Schachwelt. Leko prophezeite übrigens seinerzeit Anand als künftigen Weltmeister – und sich selbst (für 2002) als dessen Nachfolger. Erwies sich Teil 1 der Vorhersage als Volltreffer, wird am zweiten Teil noch gearbeitet… Eine Woche später würdigen die Autoren Alex Wohl für den Gewinn der australischen Meisterschaft und zum Monatsende geht es in die «exzentrische Welt der Studien». Anlass ist das Erscheinen der Studien-Datenbank des Holländers Harold van der Heijden.
Juli 2002: Das Modewort hieß «Advanced Chess», wobei sich zwei menschliche Spieler mit Computer-Unterstützung duellieren. So berichtet die Kolumne vom 6.7.2002 über ein solches Match zwischen Anand und Kramnik – nicht ahnend, dass beide mehrere Jahre später ohne Rechner um die WM gegeneinander spielen werden. Wie es der Zufall will, wird eine Woche später ein weiterer WM-Kandidat ins Bild gesetzt: Ein Topalow-Porträt ziert den Beitrag über das Dortmunder Kandidatenturnier, am 20.07. werden dann Topalow und Leko als Finalisten von Dortmund präsentiert und zum Ende des Monats steht fest: «Es kann nur einen geben» – Leko ist der Herausforderer für Weltmeister Kramnik.
August 2008: In diesem Monat stehen zunächst drei Beiträge zu Geschichte und Gegenwart des Schachs auf der Karibik-Insel Kuba im Blickpunkt. Am 25. August wird dann mit weit ausholendem Blick auf den Ödipus-Komplex eine aktuelle Turnierpartie zwischen Vater und Sohn Carlsen kommentiert. Ohne «ruf & ehn» wäre sie längst in Vergessenheit geraten. -

Auf Buch und DVD namens «en passant» dokumentieren Ehn und Strouhal die 20-jährige Geschichte ihrer Schachkolumne im Wiener «Standard». Das großformatige Buch bietet als Orientierungshilfe die dazugehörigen Register. Wer sich auf die Arbeit mit den mehr als 1’000 Dateien einlässt, wird mit hochinteressanten Fundstücken zur jüngeren Schachgeschichte und darüber hinaus belohnt.
Die Kolumne wird meist mit einer aktuellen oder thematisch passenden und angemessen kommentierten Meisterpartie beschlossen. Hinzu kommen eine oder mehrere Schachaufgaben, seit Juli 2000 in den drei Kategorien «Ganz leicht», «Ganz schön» und «Ganz schön schwer» – Titel, die den spielerisch souveränen Umgang der Autoren mit dem königlichen Spiel ahnen lassen.
Das großformatige und aufwendig gestaltete Buch könnte man augenzwinkernd als «DVD-Booklet» bezeichnen. Es enthält die unentbehrlichen Orientierungshilfen zur DVD: eine kurze Chronologie der Beiträge; ein alphabetisches Namen- und Sachregister jeweils mit Verweis zum Datum des Beitrages; eine detailliert nach Eröffnungen sortierte Partieübersicht und chronologische Übersicht der Partiefragmente; eine Auswahl von ca. 270 der oben erwähnten Aufgaben mit Lösungen; und als Highlight: 20 Kolumnen als Faksimile-Abdruck.
Uns liegt also ein großartiges Zeitdokument vor, mit dem die verdienstvollen Autoren ihrer Schachspalte ein bleibendes Denkmal gesetzt haben. Wer es in voller Pracht genießen will, muss sich am Rechner durch das Gewirr von weit über 1’000 Dateien kämpfen – eine Geduldsarbeit, die wohl nur Enthusiasten (und Rezensenten) fertig bringen. Vielleicht ist ja dereinst das nächste Jubiläum (das Vierteljahrhundert?) Anlass für eine «echte» Buchausgabe ausgewählter Kolumnen mit rückblickendem Kommentar. Lesespaß und Entdeckerfreude wären garantiert. ■
Michael Ehn / Ernst Strouhal: «en passant», Mit DVD, Springer Verlag Wien / New York, 182 Seiten, ISBN 978-3-7091-0345-6
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Leseprobe (Buch-Scan)
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Michael Ehn / Hugo Kastner: «Alles über Schach»
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Mythen und Kuriositäten rund ums Königliche Spiel
Thomas Binder
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Der Humboldt-Verlag hat sich in letzter Zeit verstärkt des königlichen Spiels angenommen. Mittlerweile ist dort eine kleine Schachbibliothek entstanden, die alle wesentlichen Bereiche von der Eröffnung bis zum Endspiel abdeckt. Nach «Legendäre Schachpartien» liegt nun mit «Alles über Schach – Mythen, Kuriositäten, Superlative» das zweite auf mosaikartige Information ausgerichtete Buch vor. Als Autoren lassen der bekannte Schachhistoriker und -journalist Michael Ehn sowie der Spiele-Experte Hugo Kastner höchste Ansprüche erwarten.
Das Genre, dem sie sich verschrieben haben, ist nicht neu. Zu allen Zeiten wurden Bücher geschrieben, die in unterhaltsamer Weise möglichst vielseitige Fakten aus der Geschichte des Schachspiels sammeln und sie mit besonders spektakulären Zügen würzen. Ein Blick nur in den eigenen Bücherschrank des Rezensenten fördert u.a. Werke von Krabbé («Schach-Besonderheiten»), Damsky («Chess records»), Fox / James («The complete chess addict»), Linder («Faszinierendes Schach») oder die schachhistorischen Werke von Edward Winter zu Tage. Der letzte größere Beitrag auf diesem Gebiet, Christian Hesses «Expeditionen in die Schachwelt», setzte in mancher Hinsicht neue Maßstäbe und wird von Ehn/Kastner in einer Rangliste der wichtigsten Schachbücher zu Recht ganz weit vorn eingeordnet. Die vorgenannten Titel umreißen etwa das Spektrum, das wir auch hier zu erwarten haben, setzen aber Schwerpunkte auf jeweils eigenem Gebiet. So ist Hesse in seinen Analysen deutlich tiefgründiger, Krabbé konzentriert sich auf wenige Einzelthemen, Winter betreibt eigenständige schachhistorische Forschung.
Ehn und Kastner lösen mit Leichtigkeit die Aufgabe, sich in dieser Vielfalt zu behaupten und legen ein Buch vor, das sich – auch bei sehr günstigem Preis-Leistungsverhältnis – als unterhaltsame und lehrreiche Lektüre für jeden Schachfreund empfehlen kann. Seine Stärke ist die Vielfalt der angesprochenen Themenkomplexe bei ansprechender Gestaltung. Naturgemäß findet man vieles wieder, was man aus ähnlichen Sammlungen bereits kennt. Aber selbst der versierte Leser wird neue Fakten, Informationen und vor allem Partien entdecken. Gegenüber anderen Werken dieser Art hebt sich «Alles über Schach» zudem mit einer ansehnlichen Reihe von Fotoseiten ab.
Wo immer es geht, führen die Autoren eine Art Rangliste ein, folgen darin wohl dem Zeitgeist der Fernseh-Ranking-Shows. Mein Geschmack ist diese Pseudo-Objektivität nicht, aber es stört auch nicht wirklich. Vielleicht macht ja ein Internet-Portal daraus sogar eine tragfähige Idee für Abstimmungen nach den «Best-Of»s der Schachgeschichte.
Blicken wir kurz auf den Inhalt – nur so kann man wohl den vielseitigen Charakter des Buches erfassen. Es gliedert sich in sechs große Abschnitte mit jeweils zwei Schlagworten als Titel:
«Geschichte & Mythos» (ca. 65 Seiten): Kurze Abrisse zur Schachgeschichte von der unvermeidlichen Weizenkornlegende über Mittelalter und 20. Jahrhundert bis zum Computer-Zeitalter.
«Meister & Amateur» (ca. 100 Seiten): Es beginnt mit Statistiken und Superlativen, wie man sie in vielen derartigen Büchern findet und Seitenblicken auf schachspielende Politiker, Sportler und Künstler. Dann folgt «endlich» die erste Rangliste: Die 10 wichtigsten Schachspielerinnen der Geschichte. Weitere Listen folgen für die Top-Spieler, die niemals Weltmeister wurden (Philidor vor Morphy und Keres) sowie die Titelträger (Waren wirklich Euwe und Spassky die «schwächsten» Weltmeister?).
«Partie & Turnier» (ca. 60 Seiten): Neben einigen Rekorden und Superlativen der Turniergeschichte und zu Partien (a la «Schnellstes Patt» und «langlebigste Vierfachbauern») stehen nun die Ranglisten ganz im Mittelpunkt. Ehn und Kastner servieren – nach ihrer Einschätzung, aber weitgehend plausibel – die schönsten Einzelzüge aus praktischen Partien: Marshalls «Goldener Zug» landet auf Platz 4, Sie dürfen also gespannt sein, wer sich vor ihm platziert. Es folgen die zehn besten Kurzpartien, wobei mir die Grenze bei maximal 22 Zügen etwas hoch gegriffen erscheint, sowie 2×10 «Partien für die Ewigkeit». In dieser letzten Kategorie helfen sich die Autoren mit dem Kunstgriff einer zeitlichen Zweiteilung. Zunächst werden uns die Klassiker präsentiert, dann die Partien der letzten 60 Jahre. Mit Blick auf das Gesamtwerk hätte ich mir diesen Abschnitt etwas umfangreicher gewünscht.
«Kunst & Literatur» (ca. 55 Seiten): Hier geht es vor allem um Schach in Literatur und Film sowie um Schachhistoriker und -sammler. Neben einigen episodischen Artikeln sind auch hier Ranglisten präsent. Bemerkenswerterweise belegt sowohl bei den Schachbüchern wie bei den Schachfilmen der gleiche Stoff den ersten Platz. Welcher es ist, soll hier nicht verraten werden.
«Problem & Studie» (ca. 90 Seiten): Für meinen Geschmack ist dieser Bereich, der den meisten Lesern weniger vertraut sein wird, etwas überrepräsentiert. Gleich 11 Ranglisten gibt es zu verschiedenen Bereichen des Kunstschachs von Retro- über Märchenschach bis zu Problemen und Studien und ihren jeweiligen Protagonisten. Da verliert man schnell die Übersicht, zumal gerade diese Bereiche oft mehr Erläuterung gebraucht hätten. Eine Lösung von «Dawson’s Weihnachtsbaum» auf wenigen Zeilen dürfte jedenfalls beim Retro-unerfahrenen Leser mehr Fragen als Antworten hinterlassen. Dessen ungeachtet, hält auch dieser Abschnitt eine Reihe netter Entdeckungen bereit, die dem Rezensenten bisher entgangen waren.
«Rösselsprünge & Rochaden» (ca. 50 Seiten): Das letzte Kapitel vereint in kurzen Splittern vielfältige Kuriositäten aus der Geschichte des Schachs. Vergessene Namen und Fakten werden ans Licht gezogen. Vieles davon liest man gern. Wussten Sie zum Beispiel, dass man sich früher bei manchen Turnieren Bedenkzeit regelrecht «einkaufen» konnte oder dass es einen einzigen Schach-Weltmeister gab, zu dessen Hobbies das Kanufahren gehörte? Auf die Nachricht über einen – mir bislang unbekannten – Schachmeister, der nach seinem Tode ausgestopft und zur Schau gestellt wurde, hätte ich hingegen gerne verzichtet. Ganz zum Schluss folgt auch in diesem Kapitel eine Rangliste: Unter «10 Schach-Varianten» führt Fischer-Random vor Tandem- und Räuberschach. Das ist dann eine Spitzengruppe, der auch der praktizierende Jugendtrainer aus eigener Erfahrung zustimmen kann.

Mit «Alles über Schach» komplettiert der Humboldt-Verlag seine Schachreihe mit einem informativen und vielseitigen Lese-Buch. Die Autoren Ehn und Kastner ergänzen das bereits gut versorgte Genre mit einem Werk, das interessante eigene Schwerpunkte setzt.
464 Seiten ungetrübter Lesefreude liegen hinter uns. Einige wenige handwerkliche Fehler sind dem Rezensenten aufgefallen; sie lassen sich bei einer Neuauflage sicher beheben.
So wird dem jungen deutschen Fußballstar Özil, der leidenschaftlich gern Schach spielt, ein falscher Vorname beigegeben.
Beim Kommentar zu Kortschnoi–Karpow (5. WM-Partie 1978) zitiert der Autor zwar widersprüchliche Einschätzungen von Rauser und Tal, verzichtet aber auf die heute mögliche Objektivierung durch Tablebases.
Die schachlichen Analysen sind notwendigerweise durchweg recht kurz. Dennoch sollten oberflächliche Formulierungen (wie «… und matt im nächsten Zug», wenn doch tatsächlich noch verzögernde Verteidigungen möglich sind, die u.U. sogar zu einem anderen Mattbild führen) noch ausgebessert werden.
Schließlich wünscht sich der Rezensent noch ein Namens- bzw. Partieverzeichnis im Anhang und würde dafür auch gerne auf die nach Sternzeichen sortierte Geburtstagsliste verzichten. ■
Michael Ehn/Hugo Kastner: Alles über Schach, Humboldt Verlag Hannover, 464 Seiten, ISBN 978-3-86910-171-2
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Valeri Bronznik: «1.d4 – Ratgeber gegen Unorthodoxe Verteidigungen»
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Weiße Rezepte gegen die schwarze Giftküche
Walter Eigenmann
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Der gebürtige Ukrainer Valeri Bronznik, seines Zeichens Internationaler Meister und seit Jahren in Stuttgart ansäßig, genießt nicht nur als Spieler, sondern auch als Buchautor wie als Schachpädagoge einiges Ansehen. Das Credo, dem dabei der rührige IM als Schach-Coach wie als Theoretiker anhängt, erläutert er selber einschlägig z.B. hier:
«Viele meinen, dass es völlig ausreichend sei, eigene Partien mit dem Computer zu analysieren. “Fritz sagt, daß falls ich Lc1xh6 gespielt hätte, wäre es +2,7 für mich”; oder “Es war praktisch ausgeglichen, ich sollte nur Da1-h8 spielen”. Wozu braucht man noch einen Trainer, wenn ein Schachprogramm alles sofort sieht und zeigt?
Die Antwort ist eigentlich einfach. Kein Schachprogramm erklärt Ihnen, wie Sie den richtigen Zug finden. Es erklärt Ihnen auch nicht, warum Sie diesen, und nicht den anderen Plan verwirklichen sollen. In Ihren weiteren Partien werden Tausende neuer Positionen entstehen, aber kein Programm sagt Ihnen, mit welcher Vorgehensweise Sie die zukünftigen Probleme lösen können. Kein Programm kann erkennen, zu welchen Fehlern Sie neigen, aus welchem Grund, und Ihnen dann eine entsprechende Hilfe anbieten. Kein Programm zieht Psychologie in Betracht, welche im Schach eine enorm große Rolle spielt.
Das alles läßt sich aber mit Hilfe eines qualifizierten Trainers lösen. Und wenn Ihre Zusammenarbeit mit ihm gut läuft, dann sehen Sie nach einiger Zeit, daß Sie das Schachspiel viel besser verstehen, in Ihren verschiedenen Turniersituationen viel besser zurecht kommen und folglich einfach besser spielen und davon mehr Spaß haben.»
Nun könnte man solcherlei auf den ersten Blick als simpel-worthülsige Reklame fürs eigene Gewerbe abtun, hätte Bronznik den Tatbeweis seiner Qualitäten nicht längst auch in Form vielbeachteter Buchpublikationen angetreten. Nach spezifischen Eröffnungs-Monographien (z.B. über «Tschigorin» und «Colle») sowie einem Positionsspiel-Lehrbuch (gemeinsam mit Anatoli Terekhin) widmete er sich nun verschiedenen Nebenlinien gegen ungewöhnliche schwarze Reaktionen auf 1.d4; der Band nennt sich vielsagend: «1.d4 – Ratgeber gegen Unorthodoxe Verteidigungen / Ihr Gegner will Sie überraschen? Bleiben Sie cool!»
Und in der Tat hat wohl jeder ambitionierte d4-Spieler gegen den schwarzen Mainstream der Halboffenen Spiele – der da ist: alle bekannten «grossen» Indischen Verteidigungen inkl. Grünfeld und Benoni sowie natürlich der ganze Damengambit-Komplex – seine Lieblingspfeile im Eröffnungsköcher; wenn aber die Nachziehenden mit vielversprechendem Exotischem daherkommen – z.B. betont Taktik-Lastigem wie die Englund-, Schara-Hennig-, Albins-Gambite oder auch einer «gesunden» Keres- oder Englisch-Verteidigung zuzüglich Budapester Gambit -, dann kann das beim unvorbereiteten Weißen schon mal die Schweißtropfen der hochnotpeinlichen Überraschung auf die Stirn treiben (siehe auch untenstehendes Inhaltsverzeichnis).
Dagegen nun fährt Valeri Bronzniks Veröffentlichung kräftig Geschütze auf – wobei er dezidiert keine «Eröffnungsbibel» schrieb, sondern eher ein «Wegweiser», der teils zwar bei komplexen Systemen eine variantenreiche Binnengliederung nötig machte, teils bei klareren «Fällen» auch eine einfachere Strukturierung des Materials verwendete. Dementsprechend beanspruchen «seriösere» Systeme – z.B. Keres-Verteidigung, Verzögerter Stonewall, Budapester Gambit oder Englische Verteidigung – ausführlich Raum, während Waghalsig-Unkorrektes wie beispielsweise Soller- bwz. Englund-Gambit oder das Wusel mit ein paar wenigen Seiten bzw. dem Hinweis auf «natürliche Züge» für den Anziehenden abgefertigt werden konnten. Grundsätzlich reduziert Autor Bronznik aber eigentlich weitverzweigendes Variantengestrüpp in wohltuendem Pragmatismus einfach auf ein besonders vielversprechendes Abspiel mit dem Hinweis: «Die Variante, die ich Ihnen empfehle, ist darauf orientiert, einen vielleicht nicht sehr großen, dafür aber stabilen Vorteil zu erhalten.»
Im Zuge seiner Untersuchungen greift dabei Bronznik immer wieder dezidiert u.a. auf Arbeiten des Münsterer Schachautoren und Dortmunder Bundesligisten Stefan Bücker zurück, um dessen umfangreiche Recherchen in Sachen «Groteske Schacheröffnungen» konstruktiv aufzugreifen bzw. kritisch zu hinterfragen. Denn Kaissiber-Herausgeber Bücker hat sich gerade als Experte für Unorthodoxes einen Namen gemacht, so dass Valeri Bronznik in verschiedenen Details die Arbeit des Münsterer FIDE-Meisters zum willkommenen Ausgangspunkt seiner Aktualisierungen nehmen konnte.

Lesefreundliches Schriftbild, schönes Layout, inkl. «Fazit»: Auszug der «Geier»-Analyse von Valeri Bronznik
Stichwort Aktualität: diesbezüglich ist diese d4-Abhandlung Bronzniks über jeden Zweifel erhaben – sowohl hinsichtlich des Partien- wie bezüglich des Variantenmaterials. Sogar die Grundlagen- bzw. Beispiel-Partien, welche das zu behandelnde System je verallgemeinernd umreißen, sind – im Gegensatz zu vergleichbaren Publikationen – meist nicht älter als 10-15 Jahre, weiterführende exemplarische Games stammen manchmal gar aus dem Zeitraum der letzten zwei Jahre. Auch hinsichtlich taktische Akkuratesse – ein in älteren Monographien dieser Art immer wieder kritisches Element – befriedigt Bronzniks Arbeit: der Autor hat offensichtlich ausführlich Gebrauch gemacht von modernster Software, was die Gefahr von fehlerhaften taktischen Details minimiert, und an einzelnen Stellen werden gar dezidiert Analyseergebnisse von starken Schach-Programmen wie z.B. «Rybka» oder «Fritz» zitiert.

Mit seinem neuesten «Ratgeber» für d4-Spieler, die geeignete Waffen gegen unorthodoxe schwarze Eröffnungssysteme suchen, präsentiert der Stuttgarter IM Valeri Bronznik eine qualitätsvolle Monographie, die sehr originelle Rezepte vorlegt und dabei so manche schwarze Überfalls-Idee ad absurdum führt. Eine sehr interessante und empfehlenswerte Produktion aus dem Hause Kania.
Ein Knackpunkt bei variantenorientierter Schachliteratur ist selbstverständlich immer wieder die Ausgewogenheit von verbalem Beschrieb und konkreten Zugfolgen – und gerade hier auch überzeugt Bronzniks schachliterarischer Ansatz. Das teils durchaus enorm detailreiche Variantenmaterial in seinen oft starken Verästelungen wird vom Autor immer wieder strukturierend unterbrochen mit strategischen Hinweisen, positionellen Anmerkungen, allgemeinschachlichen Tipps – was in diesem Mix auch das Spektrum der Zielgruppen wünschenswert dehnt: Der Band dürfte auf allen Stärke-Levels vom erfahrenen Vereinsamateur bis zum ambitionierten Open-Spieler mit Gewinn konsultiert werden; erstere werden die grundsätzliche Einschätzung eines Gambits bzw. eines Eröffnungskomplexes zu schätzen wissen, die anderen die zahlreichen konkreten, zwar verästelten, aber nie ausufernden Abspiele als Grundlage für die eigene Eröffnungsarbeit nehmen. Über den grundsätzlichen Wert eines jedes vorgestellten Systems gibt dabei der Autor am Ende des jeweiligen Kapitels Auskunft in einem eigenen «Fazit», das die vorausgegangene Analyse mit einer Empfehlung für den Weißen (oder ggf. einer Warnung für Schwarz…) zusammenfasst.
Hilfreich beim Buchstudium ist dabei auch das differenzierende Schriftbild des Bandes: Die Partiefortsetzung kommt in größeren, die Variante in kleineren fetten, die weitere Untergliederung in normalen Buchstaben daher. Verbunden mit einer übersichtlichen Einzug- bzw. Absatz-Gestaltung sowie einer wohldosierten Diagramm-Verwendung unterstützt das Übersichtlichkeit und Lesefluss. Auch in Sachen Buchdruck überzeugt die neue Produktion aus dem Hause Kania vorbehaltlos: Stabiler Hardcover-Einband, schöne Fadenheftung, ästhetisches Layout mit tadellosem Diagramm-Druck auf qualitätsvollem Papier – wenngleich dies alles nicht anders erwartet aus einem Schach-Verlag, der schon seit Jahren anerkanntermaßen nicht auf Quantität, sondern auf Qualität setzt. Zum Preis von 20 Euro erhält der Schachfreund erneut also ein Schachbuch der mustergültigen Art, das in dieser Thematik und mit dieser Qualität willkommen eine Lücke schließt. ■
Valeri Bronznik: 1.d4 – Ratgeber gegen Unorthodoxe Verteidigungen, 236 Seiten, Kania Schachverlag, ISBN 3-978-3-931192-37-2
Leseproben (Scans)
Weitere Leseproben (pdf)
Inhalt
Einführung
TEIL I Verschiedene 1... Züge Kapitel 01 Englund-Gambit und Verwandtes Kapitel 02 Holländisches Benoni Kapitel 03 Das Wusel Kapitel 04 Die Polnische Verteidigung Kapitel 05 Die Owen-Verteidigung Kapitel 06 1...Sc6 Kapitel 07 Die Keres-Verteidigung Kapitel 08 Die Englische Verteidigung
TEIL II Variationen im Damengambit Kapitel 09 Die Marshall-Verteidigung Kapitel 10 Die Österreichische Verteidigung Kapitel 11 Die Baltische Verteidigung Kpaitel 12 Albins Gegengambit Kapitel 13 Das Schara-Hennig-Gambit Kapitel 14 Der verzögerte Stonewall
TEIL III Indische Spezialitäten Kapitel 15 Snake-Benoni Kapitel 16 Der Geier Kapitel 17 Das Fajarowicz-Gambit Kapitel 18 Das Budapester Gambit Kapitel 19 Black Knight's Tango
Literaturverzeichnis
Spielerverzeichnis
Index
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Martin Breutigam: «Todesküsse am Brett»
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Kurzweilige Geschichten rund um die Schach-Genies
Thomas Binder
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Martin Breutigam kann mit Recht als einer der umfassendsten Schachkenner deutscher Sprache gelten. Viele Jahre spielte der Internationale Meister in der Bundesliga; inzwischen wird er vorwiegend als freischaffender Schachjournalist wahrgenommen. Dabei ist es ihm gelungen, die Schachszene in zwei der großen überregionalen Tageszeitungen Deutschlands präsent zu halten: der Süddeutschen Zeitung und dem Berliner Tagesspiegel.
Seine neueste Veröffentlichung ist eine Sammlung von Nachdrucken seiner Kolumne im Tagesspiegel aus den Jahren 2006 bis 2010: «Todesküsse am Brett – 140 Rätsel und Geschichten der Schachgenies von heute».
Um es vorwegzunehmen: Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft liegt damit ein nettes kleines Buch vor, mit dem man jedem Schach-Interessierten – unabhängig von Alter oder Spielstärke – eine Freude machen kann. Der günstige Preis – knapp 10 Euro – trägt dazu bei, dass sich die Investition auf jeden Fall lohnt. Dieser Preis begründet sich wohl durch die einfache Gestaltung als Taschenbuch und sicher auch durch die «Zweitverwertung» bereits vorhandenen Materials. Sozusagen «Gebrauchsliteratur» im besten Sinne…
Den Hauptteil des Buches bilden «140 Rätsel und Geschichten der Schachgenies von heute», wie es im Untertitel heißt. Nach Art und Umfang sind sie eine ideale Lektüre zum Schmökern zwischendurch, für eine kurze U-Bahn-Fahrt, für eine Wartezeit oder vor dem Einschlafen. Knapp ein Drittel jeder Seite ist dabei einem optisch angenehm gedruckten großen Stellungsbild vorbehalten. Danach folgen ein kurzer Text über den jeweiligen Protagonisten bzw. den aktuellen Bezug und dann mehr beiläufig die Frage nach der Gewinnfortsetzung, die der genannte Spieler an dieser Stelle aufs Brett gezaubert hat.
Die Auflösung wird kopfstehend und in sehr kleiner Schrift am unteren Ende der Seite präsentiert – ein gelungener Kompromiss, wie ich finde: Man muss nicht weiterblättern, ist aber auch davor geschützt, die Lösung quasi «aus Versehen» wahrzunehmen. Die Antworten beschränken sich auf drei bis vier Zeilen, gehen aber in der Analyse zumindest so weit, dass auch ein Schachfreund auf mittlerem Klubspielerniveau die Zugfolge ohne Brett nachvollziehen und verstehen kann. Einige ganzseitige Porträt-Fotos (u.a. Aronjan, Short, Carlsen, Hou Yifan) runden das Werk ab.

Zocken auf http://www.schach.de nach der Polit-Demo: Putin-Gegner und Ex-Schach-WM Garry Kasparow («Todesküsse» Seite 10)
Die Auswahl der Partien ist – dem Ursprung der Beiträge geschuldet – auf die aktuelle Meistergeneration und die Turniere des letzten Jahrzehnts beschränkt. Auch die in diesem Zeitraum verstorbenen Top-Spieler (stellvertretend seien Fischer und Bronstein genannt) werden gewürdigt.
In einigen Fällen spannt Breutigam den Bogen mit einem Kunstgriff weit auf, z.B. wenn er Akiba Rubinstein vorstellt, um dann mit einer aktuellen Partie fortzusetzen, deren Motiv an dessen berühmte Opferpartie gegen Rotlevi erinnert. Ansonsten dokumentieren die Texte schlaglichtartig die Schachgeschichte seit 2006, freilich ohne ins Detail zu gehen.
Seiner Verantwortung als Journalist wird der Autor darin gerecht, dass er auch kontroverse Themen nicht ausspart, sei es Kasparows politisches Engagement, die Austragung der Frauen-WM 2008 in einem Krisengebiet oder die umstrittene Null-Toleranz-Regel der FIDE. So gewinnt auch der Außenstehende einen Eindruck von jenen Themen, die uns Schachspieler abseits des Brettes beschäftigen, und er wird angeregt, sich darüber näher zu informieren. Mehr kann man im Rahmen dieser Sammlung sicher nicht leisten. Letztlich ist gerade die Vielfalt der angesprochenen Aspekte eine Stärke des Buches.
Bei der Auswahl der Stellungen hat sich Martin Breutigam auf effektvolle Kombinationen konzentriert, die zum sofortigen Partieschluss führten. So ist für Unterhaltungswert und Lerneffekt gleichermaßen gesorgt.
Ob es dabei eines reißerischen Titels wie «Todesküsse am Brett» bedurft hätte, mögen Marketing-Experten bewerten. Den Titel verwendet Breutigam – leicht abgewandelt – für seinen Artikel über Kramniks Niederlage gegen Deep Fritz, als der Weltmeister ein einzügiges Matt zuließ. Ich halte dies für die am meisten überbewertete Episode der jüngeren Schachgeschichte, und leider macht Breutigam hier keine Ausnahme: Ausgerechnet diese Story wird auf mehreren Seiten ausgebreitet.

140 kurze Geschichten umrahmen jeweils eine knackige Kombinations-Pointe aus dem Schaffen der aktuellen Meistergeneration. In einem unschlagbar günstigen Preis-Leistungs-Verhältnis legt uns Martin Breutigam ein passendes Weihnachtsgeschenk für jeden Schachfreund auf den Gabentisch.
Wenn man das Buch liest – und gerade wenn man sich einzelne Geschichten zur genüsslichen Lektüre herauspickt – muss man immer im Hinterkopf behalten, dass es sich um Zeitungskolumnen handelt, deren Aktualität längst ihr Verfallsdatum überschritten hat. Im Seitenkopf ist jeweils relativ unauffällig die Jahreszahl der Veröffentlichung angegeben. Eine etwas genauere Datierung wäre hilfreich. Formulierungen wie «bei der laufenden WM» oder «am letzten Sonntag» erschließen sich dem Leser so immer erst nach einem kurzen Zweifeln, zumal der Reiz des Taschenbuches auch darin besteht, es nicht chronologisch durchzuarbeiten. Geradezu als Anachronismus wirkt es z.B. wenn Magnus Carlsen für das Erreichen von Platz 31 der Weltrangliste gefeiert wird… Die Texte aus heutiger Sicht nachträglich umzuformulieren oder zu ergänzen, wäre wohl ein schwieriger Spagat gewesen, bei dem die Authentizität auf der Strecke bleiben müsste.
Dieser zeitliche Versatz, an den sich der Leser erst gewöhnen muss, bleibt das einzige Unbehagen bei einer ansonsten absolut kurzweiligen und anregenden Lektüre. ■
Martin Breutigam: Todesküsse am Brett, Verlag Die Werkstatt, 160 Seiten, ISBN 978-3895337437.
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Weitere Leseproben
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Weitere Schach-Links
Magnus Carlsen for Fashion – Neustart im deutschen Schach – Schach als Therapie gegen Autismus – Schach in der Kaffeepause – Schachboxen – Chaoszone-Schach – DerWesten: Schach-Bundesliga – RP-Online: Schach-Bundesliga – Schachklubs im Osten – Pasch-Net: Schach-Geschenk – Deutscher Schulschach-Kongress – Schachplatz: Schach-Olympiade
Elmar Hennlein: «Die Schach-Weltmeisterschaften der Frauen»
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Umfassende Chronik des weltmeisterlichen Frauen-Schachs
Thomas Binder
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Gleich mehrfach betritt das Buch «Die Schach-Weltmeisterschaften der Frauen» von Elmar Hennlein Neuland. Der Autor hat als Literaturwissenschaftler und Theologe bisher auf anderen Gebieten gearbeitet, verfasst nun aber als passionierter Schachspieler erstmals eine Monographie zu dieser Thematik. Zugleich ist es das erste Schachbuch aus dem Wuppertaler Damen-Verlag. Somit liegt uns nun – und das ist die dritte und bedeutendste Neuerung – erstmals eine auf Vollständigkeit abzielende Darstellung zur Geschichte der Schachweltmeisterschaften der Damen vor.
Wer selbst im zeitgemäßen Medium Internet den Versuch macht, sich einen umfassenden Überblick über die nur gut 80jährige Geschichte dieser Wettkämpfe zu verschaffen, der kann verstehen, dass Hennlein von langjähriger Recherche spricht. Es ist dem Autor gelungen, die weit verstreuten Informationen zu einer chronologischen Gesamtdarstellung zu vereinen. In gedruckter Form sucht das Buch seinesgleichen und kann sich wohl als Standardwerk zur Thematik etablieren. Der Internet-Nutzer sei ergänzend auf die Webseite von Mark Weeks zur Geschichte der Schach-WM hingewiesen sowie auf die deutschsprachige Wikipedia, wo vor allem Gerhard Hund verdienst- und liebevolle Arbeit geleistet hat.

Die erste Schach-Weltmeisterin Vera Menchik im Simultan-Kampf gegen 20 Spielerinnen und Spieler (London 1931)
Elmar Hennlein widmet sich in einzelnen Kapiteln jeder der bisher 32 Weltmeisterschaften der Damen und den Titelträgerinnen von Vera Menchik bis Alexandra Kostenjuk. Zusätzlich geht er auf das Damenturnier 1897 in London ein, den legitimen Vorgänger der Weltmeisterschaften. Zu jedem Titelkampf bekommen wir die komplette Ergebnisübersicht mit Kreuztabellen oder Partielisten geboten, einschließlich der Kandidaten-Wettkämpfe (ab 1952) und Interzonenturniere (ab 1971). Bei Turnieren im Schweizer System ergänzt der Autor mit einer Kreuztabelle der oberen Turnierhälfte – ein ungewohnter und aufschlussreicher Blick auf den Turnierverlauf.
Zu den herausragenden Spielerinnen gibt es kurze biographische Details, die sich meist aber auf die Lebensdaten und die wichtigsten Turniererfolge beschränken. Etwas umfangreichere Darstellungen finden sich nur über Vera Menchik und ihre zeitweilige Rivalin Sonja Graf. Ist der Eindruck so falsch, dass die Weltmeisterinnen späterer Jahrzehnte – kommen sie aus Russland, Georgien oder China – im Vergleich zu diesen charismatischen Persönlichkeiten irgendwie austauschbar wirken?
Neben den nüchternen Ergebnissen steht jeweils eine knappe Schilderung des Wettkampfverlaufs, die allerdings kaum über das hinaus geht, was man aus den Zahlen ablesen kann. Außerdem werden zu fast jeder WM eine bis zwei entscheidende Partien in Notation und mit Diagramm dargestellt. Die Kommentare innerhalb der Partien sind knapp gehalten, können und wollen eine schachliche Analyse nicht ersetzen. Insgesamt zwölf Spielerinnen werden mit ganzseitigen, sehr gelungenen Porträt-Zeichnungen aus der Feder von Axel Hennlein «ins Bild gesetzt».
Im Anhang finden wir einige Statistiken sowie zusammengefasste biographische Daten zu knapp 100 Spielerinnen. Gewissenhaft sind an allen Stellen die verwendeten Quellen dokumentiert.
Die bisherigen Frauen-Weltmeisterinnen
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Name Zeitraum Land
Vera Menchik 1927–1944 Tschechoslowakei&GB
keine Weltmeisterin 1944–1950 –
Ljudmila Rudenko 1950–1953 Sowjetunion
Jelisaweta Bykowa 1953–1956 Sowjetunion
Olga Rubzowa 1956–1958 Sowjetunion
Jelisaweta Bykowa 1958–1962 Sowjetunion
Nona Gaprindaschwili 1962–1978 Sowjetunion
Maja Tschiburdanidse 1978–1991 Sowjetunion
Xie Jun 1991–1996 China
Zsuzsa Polgár 1996–1999 Ungarn
Xie Jun 1999–2001 China
Zhu Chen 2001–2004 China
Antoaneta Stefanowa 2004–2006 Bulgarien
Xu Yuhua 2006-2008 China
Alexandra Kostenjuk seit 2008 Russland
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Wenn man das Buch als Lektüre begreift, wird man irgendwann an einer gewissen Einförmigkeit Anstoß nehmen, die das Thema in der hier gewählten Darstellungsform nun einmal mit sich bringt. Es ist daher nicht als Lesestoff zu verstehen, sondern als Nachschlagewerk – ein Anspruch, den es hervorragend erfüllt.

Der Autor legt ein Standardwerk zu einem bislang vernachlässigten Thema vor. Jede einzelne WM wird sachlich und mit Schwerpunkt auf die sportlichen und biographischen Fakten dargestellt. Wenige Wünsche – insbesondere nach Fotos – bleiben offen. Die hochwertige äußere Gestaltung hebt das Werk vom üblichen Schachbuchmarkt ab, bedingt allerdings auch einen ungünstig hohen Verkaufspreis.
Was bleibt für den Leser an Wünschen? Da ist zunächst der vollständige Verzicht auf Fotos zu bedauern. Für den historisch kurzen Zeitraum müsste sich eigentlich genug Bildmaterial finden lassen. Jedenfalls hätten Fotos die Chance geboten, noch mehr Zeitkolorit zu vermitteln. Gleiches ließe sich vielleicht auch durch verstärkten Einsatz zeitgenössischer Zitate (aus Zeitungen – gern auch im Faksimile) erreichen. Schließlich – und das lässt sich wohl am einfachsten beheben – fehlen in allen Tabellen die Angaben zum Herkunftsland der Spielerinnen.
Das vorliegende Buch hat mit 35 Euro einen stolzen Preis. Mir scheint, dieser ist vor allem der für Schachliteratur ungewöhnlich edlen Ausstattung geschuldet. Das Lektorat hat ganze Arbeit geleistet, der Rezensent keinen einzigen Druckfehler gefunden. Leinen-Einband und sehr hochwertiges Papier ist der geneigte Schachbuch-Leser heute nicht mehr gewohnt… – und er ist wohl leider auch nicht mehr bereit, dafür zu zahlen. Hier könnte der Damen-Verlag möglicherweise am hohen eigenen Anspruch scheitern. Vielleicht kann man das Buch mit einer Auflage in Taschenbuch-Qualität für einen deutlich größeren Leserkreis attraktiv machen; verdient hätte es dies. ■
Elmar Hennlein, Die Schach-Weltmeisterschaften der Frauen, Damen-Verlag Wuppertal, 232 Seiten, ISBN 978-3-942008-00-6
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Leseproben
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Chessbase: «Fritz Beginner Edition 2010»
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Systematische Beantwortung der Schachanfänger-Fragen
Malte Thodam
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Wenn man das Schachspiel ohne Vorkenntnisse erlernen möchte, gibt es sofort eine Vielzahl von Fragen. Diese fangen schon bei den Regeln an, die nicht immer sicher beherrscht bzw. manchmal auf kuriose Art und Weise von Laien ausgelegt werden; auch die Gangart der Figuren erfordert etwas Erklärungsbedarf, hat so ein Springer doch etwas merkwürdige Bewegungseigenschaften, wenn er schlenkernd über alle Hindernisse auf dem Brett hinweg hüpft. Dann: Wann ist eine Partie remis, was ist Zugzwang, was bedeutet es, en passant zu schlagen, und wann ist der König patt? Und auch: Die verschiedenen Mattführungen mit unterschiedlichen Materialkonstellationen müssen erst erlernt werden, um eine fast gewonnene Partie zum Sieg führen zu können.
Wenn das alles verstanden worden ist, bleibt immer noch die Frage, wie man sein Spiel überhaupt vom ersten Zug an anlegen soll. Wohin ziehen die Bauern und Figuren, damit ihre Aufstellung Sinn ergibt?

Die «schwierigste Stellung im Schach»: Die Anfangsposition (rechts das «Fritz»-typische «Notationsformular»
Für die Beantwortung all dieser Fragen von Menschen, die das Königliche Spiel erlernen möchten, hat Chessbase nun eine «Fritz Beginner Edition» als DVD herausgebracht. In insgesamt ca. 10-stündigen Video-Lektionen werden die elementarsten Dinge auf den 64 Feldern für jeden Interessierten verständlich erläutert. Björn Lengwenus, Jugendtrainer und selbst spielstarker Amateur, beginnt sozusagen am absoluten Nullpunkt mit dem Schachbrett und führt den Novizen zu den Figuren und die ihnen anhaftenden Eigenschaften bis hin zu einem Minimum an für Anfänger gut spielbaren Eröffnungen (erklärt werden die grundlegenden Ideen einiger klassischer Eröffnungen wie beispielsweise Königsgambit, Italienisch oder Damengambit). Dabei weist er auch auf die wichtigsten Grundregeln für einen gelungenen Spielbeginn hin.
Gisbert Jacoby, ehemaliger Bundesligatrainer, zeigt danach allerhand taktische Motive bzw. deren Tücken. So wird klar, worauf im komplizierten Getümmel des Mittelspiels zu achten ist. Den Abschluss der Videoinstruktionen macht eine kurze Vorstellung elementarer Endspiele durch GM Karsten Müller. Hier werden die wichtigsten Mattführungen mit den verschiedenen Figuren gegen den einsamen König gezeigt. Gedeckte sowie entfernte Freibauern werden vorgestellt, wobei ihre Stärke vom Großmeister anschaulich verdeutlicht wird. Auch andere wesentliche Grundlagen des Endspiels wie Opposition und Dreiecksmanöver kommen nicht zu kurz – wobei Müller wie gewohnt recht schnell seinen Stoff vorträgt, so dass eventuell einmaliges Anschauen einer Videoeinheit dem Unerfahrenen noch nicht ausreicht, um alles zu verstehen, bzw. zu behalten.

Der Haupt-Screen der DVD mit seinen Verzweigungen zum «Trainer», zum Online-Server und zu den Video-Sessions
Insgesamt werden viele typische Anfängerfehler gezeigt, so z.B. das Schlagen vergifteter Bauern in der Eröffnung oder mehrfaches Ziehen mit einer Figur. Die Konsequenzen solcher Fehler werden dem Lernenden dabei klar vor Augen geführt, so dass er sie von Anfang an in seinen eigenen Partien vermeiden kann. Dazu kann der Anfänger gegen «Fritz» im Trainingsmodus antreten, wobei sich der Rechenknecht der eigenen Spielstärke anpassen lässt – wie bei Fritz eben üblich. Das Programm gibt in diesem Modus Hinweise, und Züge lassen sich zurücknehmen. Drei Monate Zugang auf dem Schach.de-Server – allerdings ohne Zugriff auf das Premium-Programm – runden die DVD ab; so kann der Schachneuling auch online erste Erfahrungen auf den 64 Feldern sammeln. Eine Datenbank mit über einer Million Partien bietet genügend Material, um von den Meistern zu lernen.

Die Spitzenspieler G. Jacoby, K. Müller B. Lengwenus führen den unerfahrenen Schach-Novizen systematisch in die Regeln und grundlegenden Techniken des Schachspiels ein - von der Eröffnung bis zum Endspiel; die neue DVD aus dem Hause Chessbase begleitet den Anfänger auf seinen ersten Schritten ins Reich des faszinierenden Königlichen Spiels.
Wer mit dem Schachspiel beginnen, aber zunächst noch keine Bücher kaufen möchte, der ist mit dieser DVD gut beraten. Sie enthält alles Nötige, um die ersten Partien mit Erkenntnisgewinn bestreiten zu können. Und auch diejenigen, die nie ernsthafter Schach gespielt haben, aber hier und da aus Spaß bereits die Holzfiguren über das Brett geschoben haben, können nun auf neue und vor allem systematische Art mit dem Schachspiel beginnen. So steht dann auch später der Hinwendung zu komplexeren Bereichen des Schachspiels nichts mehr im Wege. ■
Chessbase/Lengwenus/Lengwenus/Müller/Fritz Beginner Edition 2010, DVD-Schach-Software
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Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des «Glarean Magazins»
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Ständige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des «Glarean Magazins»
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Dr. Karin Afshar (Literatur)
Geb. 1958 in der Eifel/D, Studium der Sprachwissenschaft, Finn-Ugristik und Psychologie, Promotion, zahlreiche belletristische und fachwissenschaftliche Publikationen, lebt als Herausgeberin, Lektorin und Publizistin in Frankfurt – - Karin Afshar im Glarean Magazin
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Thomas Binder (Schach)
Geb. 1961, Diplom-Ingenieur, aktiver Schach-Spieler und -Trainer, Co-Autor des Wikipedia-Schach-Portals, lebt als EDV-Berater in Berlin – - Thomas Binder im Glarean Magazin
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Christian Busch (Musik/Literatur)
Geb. 1968 in Düsseldorf/D, Studium der Germanistik, Romanistik und Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn, jahrelange Musik-Erfahrung in verschiedenen Chören, arbeitete als Lehrer in Frankreich, Südafrika und Deutschland, lebt als Lehrer in Teneriffa/SP – - Christian Busch im Glarean Magazin
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Bernd Giehl (Literatur)
Geb. 1953 in Marienberg/D, Studium der Theologie in Marburg, zahlreiche schriftstellerische und theologische Publikationen, lebt als evang. Pfarrer in Nauheim – - Bernd Giehl im Glarean Magazin
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Sigrid Grün (Literatur)
Geb. 1980 in Rumänien, Schauspielausbildung in Regensburg, Studium der Deutsche Philologie, Philosophie und Vergleichenden Kulturwissenschaft, derzeit Promovierung, Sachbuch-Autorin und Betreiberin eines oberbayerischen Kulturportals – - Sigrid Grün im Glarean Magazin
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Michael Magercord (Musik/Literatur)
Geb. 1962, früher als Journalist bei der Berliner Tageszeitung taz und als «Stern»-Korrespondent in Peking tätig, verschiedene Buchpublikationen, lebt als Feature-Autor und Reporter des Hörfunks in Prag/Tschechien – - Michael Magercord im Glarean Magazin
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Günter Nawe (Literatur)
Geb. 1940 in Oppeln/D, von 1962 bis zur Pensionierung 2005 Mitarbeiter eines Kölner Zeitungsverlags, danach freischaffend u.a. als Pressesprecher eines großen Kölner Chores und Buchrezensent für Print- & Online-Medien – - Günter Nawe im Glarean Magazin
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Wolfgang-Armin Rittmeier (Musik)
Geb. 1974 in Hildesheim/D, Studium der Germanistik und Anglistik, bis 2007 Lehrauftrag an der TU Braunschweig, langjährige Erfahrung als freier Rezensent verschiedener niedersächsischer Tageszeitungen sowie als Solist und Chorist, derzeit Angestellter in der Erwachsenenbildung – - Wolfgang-Armin Rittmeier im Glarean Magazin
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Dr. Mario Ziegler (Schach)
Geb. 1974 in Neunkirchen/Saarland, Studium der Geschichte und Klassischen Philologie, 2002 Promotion in Alter Geschichte, seither als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im universitären Lehrbetrieb tätig. Langjähriger Schachtrainer sowie Autor und Herausgeber verschiedener Bücher zum Thema Schach. Mario Ziegler im Glarean Magazin
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Gert von Ameln: «Salin und der Schwarze Zauberer»
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Das Schachspiel kindgerecht verpackt
Walter Eigenmann
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Schach für Kinder: Das ist eine lange Geschichte… – und sie wird landauf, landab in den Schachvereinen und -verlagen immer wieder neu geschrieben. Weil sie kompliziert ist. Wie bringt man heutzutage Playstation-geschädigten Kids ein hochkomplexes Spiel nicht nur bei, sondern auch nahe? Ein Spiel, bei dem man eigentlich stundenlang ruhig (sitzen-)bleiben sollte, und bei dem auch nicht literweise das Blut zum Monitor rausspritzt?
Der deutsche Kinder-Schach-Trainer Gert von Ameln besann sich auf Bettelmanns berühmtes Kult-Buch «Kinder brauchen Märchen» – und schrieb «Salin und der Schwarze Zauberer». Ein Märchen, in dem nur das Schachspiel des Helden Salin die beiden Geschwisterkinder Peter und Marie und deren Freunde vor dem bösen Fluch des Schwarzen Zauberers retten kann. Alles beginnt in einem alten Park-Haus, bei einem 300 Jahre alten Schachrätsel…
Bei ihrem spannenden Abenteuer, das mit Grips, Phantasie und Neugier überstanden werden muss, erfahren die Kinder Seite um Seite, was vor mehr als tausend Jahren im alten Indien seinen Anfang nahm und heute als «Königliches Spiel» weltweit viele Millionen begeistert. Mit einer kindgerechten, kurzsätzigen Sprache, einem dem Alter angepassten Vokabular und einer interessant vorangetriebenen «Story» gelingt es dem Autor, Regeln und Taktik des Schachs für 10- bis 13-jährige Kinder unaufdringlich zu «verpacken». Hat dann ein Schach-ABC-Schütze die knapp hundert Seiten durch, weiß er nicht nur die Grundzüge (und Grund-Züge), sondern auch, quasi en passant, etwas von dem «Geist», der «Idee» hinter diesem «Spiel der Spiele».
«Salin und der Schwarze Zauberer» ist ein schachpädagogisch verdienstvolles, von Immanuel Promnitz mit zahlreichen Illustrationen aufgewertetes und vom Verlag geschmackvoll editiertes Hardcover-Märchenbuch. Eigentlich gehört es – als Alternative zu den üblichen, eher «theoretisch» orientierten Jugend-Lehrbüchern – nicht nur in alle Schulbibliotheken, sondern auch in die Hände all der Jugendschach-Betreuer in den Vereinen – z.B. als idealer Buch-Preis bei Kinder-Schachturnieren. ■
Gert von Ameln, Salin und der Schwarze Zauberer, Seibert Verlag, 96 Seiten, ISBN 978-3-9811446-1-1
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Die ganze Kultur der 64 Felder
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Die Schachzeitschrift «Karl»
W./E. Nein, irgendwie ist «Karl» (alias «Das kulturelle Schachmagazin») nicht wie die andern. Wo letztere seitenweise im undurchdringlichen Varianten-Gestrüpp der mega-super-ober-neuesten Eröffnungstheorie rumstolpern, geht «Karl» zum Beispiel der Frage nach, warum Frauen im Schach-Sport hoffnungslos in der Minderheit sind. Wenn andere Schach-Gazetten bis hinters Komma den aktuellsten Elo-Push von Anand vorrechnen, liest man im «Karl» solche schrägen Schwerpunkt-Titel wie «Schach und Politik», «Wunderkinder», «Schönheit», «Blindschach». Und wenn die anderen sich halbseitig fett über den neuesten Rückzug von Sponsor X vom GM-Turnier Y austauschen, rückt «Karl» das Groß-Schach-Projekt eines Bildhauers namens Albrecht (für die nächstjährige Schacholympiade in Dresden) ins Blickfeld – oder dann zum Beispiel einen Schach-Gentleman, wie Deutschland einen zweiten wohl nicht so schnell wieder kriegt: Wolfgang Unzicker.
Just diesem jahrzehntelangen Vorkämpfer des bundesrepublikanischen Spitzenschachs, welcher vor rund einem Jahr im spanischen Albufeira im Alter von 80 Jahren einem Herzversagen erlag, ist die neueste «Karl»-Ausgabe gewidmet. Dabei spüren Herausgeber Harry Schaak und seine Korrespondenten einem der wirklich ganz Großen der jüngeren Schach-Geschichte nach – einer jener seltenen Persönlichkeiten, über welche das einhellige Urteil des Umfelds ausschließlich positiv ausfällt und immer ausfiel. Das beweist gerade auch diese aktuelle «Karl»-Nummer. Sie widmet sich Unzicker als einem «Wandler zwischen den Welten», der als vollamtlicher Jurist immer nur Amateur-Status hatte und doch manchmal weltmeisterlich spielte, und der im Berufs- oder Turnier-Alltag stets der höchst korrekte, sittsame Herr Richter war, aber zu später oder freundschaftlicher Stunde ein ganzes Auditorium mit seinem riesigen Witze-Fundus erheitern konnte.
«Karl» um-schreibt auf seinen dokumentarisch reich bebilderten 33 Unzicker-Seiten einen facettenreichen Schachspieler: Unzicker als Richter, Unzicker als Familienvater, Unzicker als Schach-Schriftsteller, Unzicker als Olympia-Spieler – und auch Unzicker als (politischer) Antipode des anderen bedeutenden deutschen Schach-Wolfgang, nämlich Uhlmanns. Dieser kommt im «Karl» zu Worte mit einer kleinen Unzicker-Hommage, die berichtet, wie es damals «wirklich» war zu den alten DDR-Zeiten des staatlich geförderten Schach-Profitums. «Wenn die Geschichte anders gelaufen wäre und ich gemeinsam mit Unzicker in einem Land aufgewachsen wäre, dann hätten wir uns vielleicht gegenseitig stimulieren können.» (Uhlmann)
Natürlich beinhaltet der neue «Karl» neben seinem Schwerpunkt noch ne Menge weiteres Schach: Partien, Kolumnen, Rezensionen, News, Events, u.a. Besonders hervorzuheben das höchst vergnüglich-geistreiche (Selbst-)Portrait des umtriebigen Schach-Schriftstellers Lothar Nikolaiczuk.
Wolfgang Unzicker – Michael Botvinnik Europameisterschaft 1961: 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4 4.e5 c5 5.a3 Lxc3+ 6.bxc3 Dc7 7.Sf3 Se7 8.Ld3 Ld7 9.a4 Sbc6 10.Dd2 h6 11.0-0 c4 12.Le2 a5 13.La3 Sa7 14.g3 Sac8 15.Sh4 Dd8 16.f4 Sf5 17.Sxf5 exf5 18.Lf3 Le6 19.Tfb1 b6 20.Dg2 Ta7 21.Tb5 Td7 22.g4 Se7 23.Lxe7 Kxe7 24.Kh1 g6 25.Tab1 Kf8 26.gxf5 Lxf5 27.Lxd5 Dh4 28.Le4 Dxf4 29.Lxf5 gxf5 30.Txb6 Ke7 31.e6 1-0 (we/07) . ■
Karl, Das kulturelle Schachmagazin Nr.2/07, Karl Verlag Frankfurt, 68 Seiten, ISSN 1438-9673, 5,50 EUR
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Wenn Schachspieler ihr Können verbessern möchten, bedeutet das in der Regel harte Arbeit. Gerade älteren Spielern mit Verpflichtungen wie Arbeit und Familie fällt es nicht leicht, ein lohnendes Training in regelmäßigen Abständen zu absolvieren. Kindern und Jugendlichen fallen dagegen viele Dinge auf spielerische Art zu, die Erwachsene sich hart erarbeiten müssen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Fülle an Informationen im Schach ganz besonders erdrückend ist. Man kauft irgendein beliebiges Buch über seine Lieblingseröffnung, und versucht mit Mühe ein paar Varianten zu behalten. Irgendwann legt man das Buch müde und frustriert aus der Hand, verbessert hat man sich dabei kaum. Sicher haben viele Schachspieler ähnliche Erfahrungen gesammelt.













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