Glarean Magazin

Gesina Stärz: «Die Verfolgerin» (Roman)

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«Heute Nacht bin ich gestorben»

Günter Nawe

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Gesina-Staerz_Die Verfolgerin_CoverWas wäre, wenn… man einfach einen Menschen töten würde. Einfach so – auf der Straße? Traum oder Albtraum – oder gar Wirklichkeit? Ein solcher Gedanke jedenfalls wird für Jossi zu einer Art Obsession. Dabei ist Jossi, Anfang vierzig, eine eigentlich recht unauffällige Frau, die in sogenannten gutbürgerlichen Verhältnissen lebt. Ihr Mann ist Kardiologe, die beiden Söhne studieren, sie verdient sich ihr Geld als Texterin.
Wäre da nicht… Von ihrem Mann, der im Roman nur als «der Ehemann» oder «der Mann» bezeichnet wird, fühlt sie sich nach zwanzig Jahren Ehe nicht mehr genügend beachtet, ja verlassen – und wird es letztendlich auch. Ihre Liaison mit Till ist mehr oder minder oberflächlich. Bleibt nur der Schmerz, das Unausgefülltsein. Am Ende hat der Leser ein großartiges Psychogramm einer Frau gelesen.
«Heute Nacht bin ich gestorben», so heißt es zu Beginn des Romans. «Innerlich… Der Mann neben mir im Bett hat geschnarcht…« Ein Whiskey sour lässt «alle Zellen in mir in Schneekristalle verwandeln. Ich weiß nicht, ob ich das geträumt habe, aber ich fühlte mich besser, und etwas in mir wusste, dass dieser Zustand anhalten würde.»

Soweit also die «psychologischen» Voraussetzungen in dem Roman «Die Verfolgerin» von Gesina Stärz. Die Autorin, sie ist in Sachsen geboren, lebt in München und hat mit «kalkweiss» bereits 2011 einen beachtlichen und beachteten Roman veröffentlicht. In ihrem neuen Roman gelingt es ihr auf sehr subtile Weise, Fiktion und Wirklichkeit in Einklang zu bringen, ein spannendes Geflecht von Traum und realem Erleben herzustellen.
Jossi «erfindet» sich ein neues Leben außerhalb der bisherigen Lebenswirklichkeit. Sie verstrickt sich in die Gedankenwelten von Mörderinnen und Mördern, plant gedanklich den perfekten Mord. Motiv: Fehlanzeige. Ihre «Opfer»: Zufallsbegegnungen und Menschen, auf deren Gesichtern alle Empfindungen gelöscht sind. Sie wird zur «Verfolgerin» – auf der steten Suche nach ihren Opfern.
Hier bekommt der Roman einen interessanten kriminalistischen Touch. Jossi recherchiert bis ins kleinste Detail eine Tötungsmethode, die keine Spuren hinterlässt. Ein Gift, das nicht oder kaum nachweisbar ist, wird über eine komplizierte Konstruktion durch einen Stock für das Opfer kaum wahrnehmbar injiziert wird.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin

Gesina Stärz hat einen schönen und spannenden Roman geschrieben, der angesiedelt ist zwischen Psychologie und Kriminalistik, zwischen Traum und Wirklichkeit – und zugleich eine interessante psychologische Studie darstellt über Fiktion und Realität

Die «Planungen» der Morde, die Recherche nach einem seltenen Gift, die Konstruktion der «Waffe», die «Durchführung» (Jossi hat 17 Morde begangen, und niemand hat es bemerkt) – dies alles steht in direktem Zusammenhang mit dem realen Leben der Verfolgerin. Nach außen sieht es so aus, als gelte der ganze Aufwand einem Romanprojekt. Familie, Freundinnen, der Liebhaber – sie alle werden auf raffinierte Art und Weise getäuscht. Alles andere bleibt offen. Fiktion oder Realität? Am Ende bekennt die Verfolgerin: «Ich wollte nicht, das der Ehemann geht. Ich wollte, dass er mich sieht, dass er mich spürt, dass er mir die Hand reicht.». Gibt es hier doch das, was Psychologen und Kriminologen ein Motiv nennen?

Am Ende steht auch ein Satz, der diesen Roman in sprachlicher Hinsicht charakterisiert: «Ihr Ton ist sachlich und wirkt streng.» Das gilt auch für Gesina Stärz’ Sprache, die fast emotionslos ist und wie ein Dossier gelesen werden kann. Die Spannung bezieht das interessante Werk aus seiner gelungenen Mischung von Traum und Wirklichkeit – und tieferer Bedeutung. ■

Gesina Stärz: Die Verfolgerin, Roman, edition 8, 174 Seiten, ISBN 978-3-85990-183-4

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Gisela Elsner: «Zerreissproben» (Erzählungen)

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Nichts für zarte Gemüter

Dr. Karin Afshar

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Gisela Elsner-Zerreissproben-Verbrecher-Verlag-CoverBestimmt haben Sie als Leser oder Leserin mehr als einmal darüber nachgedacht, zu welcher Gruppe Leser Sie wohl gehören würden, wenn es in Buchhandlungen nicht die üblichen Sparteneinteilungen in Sachbücher, Romane, Fantasy, Frauenromane etc.  gäbe, sondern Einteilungen wie z.B. in Kundensparten: «Interessiert sich für die politische Richtung eines Autors», oder «Meint, kein Autor schreibe anders als autobiografisch», oder «Interessiert sich für in Widersprüche verstrickte Autoren», zu deren Regale Sie dergestalt orientiert Ihre Schritte lenken könnten, um sicherzustellen, dass Sie auch genau die Bücher, die Sie interessieren, in die Hände bekämen und nicht unnötigerweise – das Leben hält genug schlechte Überraschungen bereit – solche, die sie enttäuschen würden. Die Sparten in Kombination würden Ihnen jenes Buch auswerfen, um das es in den nächsten Absätzen gehen wird.
Wenn Sie den Eingangssatz durchdrungen haben, stehen Sie bereits mitten in einem Labyrinth; so ist es zumindest bei Gisela Elsner. Besagter Satz ist nur ein fader Abklatsch dessen, was sie zu Papier bringt. Die kafkaeske Art ist ihr Stil, ihr Markenzeichen: sie konstruiert Sätze, die erstaunen, zum Lachen bringen, ungeduldig, atemlos, ja, wütend machen. Sie wiederholt, insistiert, ist akribisch, sie zählt auf, spitzt zu, zerpflückt, zerteilt… Dieser Erzählstil unterstreicht natürlich Inhalte, und die sind nicht lustig. Ihre Texte handeln von der Künstlichkeit einer bürgerlichen Welt, die einerseits die Schrauben immer fester anzieht, andererseits verschroben daher kommt.

Elf Erzählungen Elsners hat die Herausgeberin Christine Künzel neu choreographiert, und die Abfolge ist gelungen. Christine Künzel betreut seit 2002 die Werkschau Gisela Elsners im Verbrecher Verlag Berlin: «Die Zähmung», Roman (2002), «Das Berührungsverbot», Roman (2006), «Heilig Blut», Roman (2007), «Otto der Großaktionär», Roman (2008) und «Fliegeralarm», Roman (2009) sind bereits erschienen. Gisela Elsner erhielt etliche internationale Auszeichnungen, darunter den Prix Formentor für ihren ersten Roman «Die Riesenzwerge» (1964), an dessen Erfolg sie nicht wieder anknüpfen konnte. Sie veröffentlichte Romane, Erzählungen, Aufsätze, Hörspiele und das Opernlibretto «Friedenssaison».
Elsner beschreibt in den vorliegenden Erzählungen vor allem Menschen, die sie aus dem Kollektiv herausarbeitet, wie man einen 3D-Abdruck aus einem Nagelbild herausarbeitet: hinten wird gedrückt und vorne entsteht das Bild. Sie beschreibt das Kollektiv, die Welt der Oberfläche, die sie sodann demaskiert, damit das Darunter – das Scheinheilige – zum Vorschein kommt. Die Geschichten verlangen starke Nerven, denn Elsner zerlegt und karikiert so gründlich, dass sie sich selbst und dem Leser den Boden unter den Füßen wegzuziehen vermag.

Gisela Elsner

Gisela Elsner (1937-1992)

In «Die Zerreißprobe» (der ersten Erzählung im Band 2) geht es um eine Frau, die sich – als Terroristin verdächtigt – im Fadenkreuz des Verfassungsschutzes glaubt. Ihre Wohnung wird beobachtet. Wenn sie nicht zuhause ist, kommen «sie», schalten Tischlampen aus, verrücken Möbel und schneiden von Kleidungsstücken Stofffetzen ab. Von einem Nachbarn, dem Vormieter dieser Wohnung, in der sie nun lebt, erfährt sie, dass in der Wohnung in erst kürzlich zurückliegender Vor-Nach-Stammheimer Zeit Terroristen untergeschlüpft sein sollen. Der Verdacht – so vermutet die Erzählerin, die auch in der Erzählung Schriftstellerin ist – fällt jetzt auf sie, aber sie geht der Sache auf den Grund.
In «Der Maharadscha-Palast» mokiert sie sich über eine Reisegesellschaft, die am Ort ihrer Unterkunft mit einigen Überraschungen konfrontiert ist: keiner der Betroffenen wird sich – zurück in Deutschland ­– die Blöße geben und zugeben, sich angesichts des Vorgefundenen entlarvt zu haben.
«Der Selbstverwirklichungswahn» verhöhnt nicht nur die Selbstfindungswelle der frühen 80er Jahre, sondern nimmt die Auswüchse der «Grünlichen» aufs Korn, und dabei nicht weniges vorweg. Wie überhaupt die spitz gezeichneten Bilder sowohl allesamt Abbilder der 70er und 80er sind, als  auch eine Vorwegnahme, die wir jetzt – 2013 – im Nachhinein in voller Tragweite bestätigen können. Elsners Geschichten sind meiner Meinung nach mehr als Satire. Unsere Zeit hat die Satire längst eingeholt, und bei manchen Erzählungen ereilt mich der Verdacht, Elsner habe geahnt, worauf es hinausläuft, und ist Opfer ihres persönlichen Minenfeldes geworden. Damit musste sie eine Herausgefallene werden!
In «Der Sterbenskünstler» geht es um die Friedensbewegung und ihre Abstrusitäten, in «Der Antwortbrief Hermann Kafkas auf Franz Kafkas Brief an seinen Vater» bricht sie mit ihrem «Gott» Franz, an dem sich orientieren zu können sie in jungen Jahren glaubte: «Du schreibst, Du wärest mir als das Ergebnis meiner Erziehung peinlich. [...] Viel peinlicher indes als das Ergebnis meiner Erziehung ist für mich die Tatsache, dass ich es durch Dich mehr und mehr verlerne, nicht allein die Welt zu begreifen, sondern auch mich. [...]» Kafka, ohne dies ergiebig zu vertiefen, lebte vor den Toren zur Gegenwart und trat nicht über die Schwelle ins Jetzt. Seine Hauptthemen waren durchweg voller Anklage an jene, von denen er glaubte, sie verhinderten ihn. Das wiederum übte eine gewisse Faszination – nicht nur auf Elsner – aus.

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In ihrem zweiten Erzählband “Zerreissproben” legt Gisela Elsner ein Zeugnis ihrer selbst ab, und das so fundamental und radikal, dass es einem die Luft abdrehen kann. Wir blicken in Abgründe…

«Die Zwillinge» und «Vom Tick-Tack zum Tick»  kommen im Vergleich zu «Die verwüstete Glückseligkeit» harmlos daher, zeugen aber gerade deshalb von Elsners – es Talent zu schreiben zu nennen, wäre eine Beleidigung – mal lauter, mal leiser Demontierungswut und Wortgewalt. Elsner geht auch mit sich selbst hart ins Gericht, demontiert sich selbst und erwartet anscheinend doch unendlich viel – oder gar nichts mehr? Was weiß man von dieser Frau? Muss man etwas über sie wissen? Ich finde ja: man muss! Sie ist gegen die Friedensbewegung, sie lehnt die Errungenschaften von 68 radikal ab, sie bekennt sich zum Kommunismus, ist aber doch wankelmütig (Eintreten, dann Austreten, dann Wiedereintreten in die DKP), sie will nicht Dichterin genannt werden, … Sie inszeniert sich selbst und später – als das nicht mehr reicht – ihre Selbstzerstörung. Sie hadert mit sich, ist unzufrieden, gehört nirgendwo dazu, und braucht das vielleicht doch sehr dringend? «Irgendwie» besteht die «reine Möglichkeit», dass das Ende der ganzen Kette von Missständen, dem Abstrusen, dem verhassten Kapitalismus, der Kleinbürgerlichkeit … ein anderes Leben bedeuten könnte – bis es jedoch soweit ist, fehlt ihr eine wirklich positive Perspektive. Gisela Elsner wird 1937 in Nürnberg geboren, und nimmt sich 1992 das Leben.

Im Buch enthalten sind Erklärungen zu Elsners erzählerischem Werk, editorische Notizen zur Historie der einzelnen Erzählungen sowie deren Verortung im Gesamtwerk. Niemand schreibt anders als autobiografisch  – zu dieser Ansicht bin ich im Laufe meines Lebens gelangt. Das Herausstechendste an Elsners hier vorgelegten Erzählungen ist: sie legt ein Zeugnis ihrer selbst ab, und das so fundamental und radikal, dass es einem die Luft abdrehen kann. Wir blicken in Abgründe. Nicht viel Spaß wünsche ich nun beim Lesen, sondern viele Erkenntnisse! ●

Gisela Elsner: Zerreissproben, Erzählungen (Band 2), 224 Seiten, Verbrecher Verlag, ISBN 9783943167054

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Hanns-Josef Ortheil: «Das Kind, das nicht fragte»

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«Kennst du das Land / Wo die Zitronen blühn?»

Christian Busch

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Literatur-Hanns-Josef Ortheil-Das-Kind-das-nicht-fragte-RezensionenMilde, sanfte Zephirwinde, verzaubernder Duft, im Sonnenlicht gereifte Zitrusfrüchte, melodienschöne Klänge fremder Sprache, in Olivenöl getauchte, mediterrane Speisen, antike, sagenumwobene Kulissen,  historische Schätze beherbergende Stätten, die zu den Wurzeln abendländischer Kultur führen: Das alles ist Italien, das Land der Sehnsucht und Objekt germanischen Fernwehs. Der nicht erst seit Goethes Mignon vielbeschworene literarische Topos figuriert in der Gestalt Siziliens auch in Hanns-Josef Ortheils neuem Roman «Das Kind, das nicht fragte» als magischer Ort, der den Lauf der Dinge und der Menschen verändert.

Seine autobiographische Züge tragende Hauptfigur ist ein Benjamin, der Ethnologe Benjamin Merz, das von klein auf unterdrückte, jüngste Kind einer siebenköpfigen bürgerlichen Familie. Von Köln bricht er im Frühjahr auf zu neuen Ufern – nach Mandlica, einer (fiktiven) sizilianischen Kleinstadt. «Gedankenleser» – so werden die Einwohner Mandlicas ihn auf Grund seiner Begabung, den Menschen zuzuhören, ihnen in ihren Erzählungen zu folgen und sie auf diesem Weg zu erforschen, in respektvoller Verehrung nennen, wenn sie sich ihm öffnen. Dass ihn sein wissenschaftliches Forschungsprojekt nicht nur weg von den eigenen morbiden Wurzeln seiner Familiengeschichte und der Enge der Heimat führen wird, sondern auch zu den eigenen tief in ihm vergrabenen Ursprüngen seiner ethnologischen Studien, ahnt man. «Wenn ich die Augen schließe und an Deutschland denke, sehe ich ein Land der Quiz- und Kochsendungen, der überdrehten, wichtigtuerisch vorgetragenen Wetterberichte und der sich täglich ins Kleinste verlaufenden politischen und ökonomischen Kommentare, die ein immerwährendes Unwohlsein verbreitet und dieses Unwohlsein kultivieren.»

Literatur-Hanns-Josef Ortheil-Glarean-Magazin

Hanns-Josef Ortheil

So bezieht Benjamin sein Quartier in einer kleinen Pension und beginnt die Wege und Gespräche der Menschen zu suchen. In der Pension trifft er zunächst auf ausgewanderte Landsleute, die den Reizen Siziliens bereits erlegen und verbunden sind: die redselige Maria mit ihrer verschlossenen herb-schönen Schwester Paula, welche zugleich Übersetzerin und Hüterin des Hauses des sizilianischen Nobelpreisträger für Literatur. Schritt für Schritt findet er Zugang zu den bedeutenden und geheimnisvollen Gestalten des Ortes und zu ihren Geheimnissen. Da ist der Buchhändler Alberto, Lucio mit den feuchten und weit geöffneten Augen, Besitzer eines klassischen, traditionellen Ristorante, der für windige EU-Projekte eintretende Bürgermeister Enrico Bonni, seine außergewöhnliche Tochter Adriana und zuletzt die weise Signora Vulpi mit ihrem «gefühligen» Sohn Matteo.

Literatur-Sizilien

Sizilianische Mediterranität als literarischer Topos

Der zunächst eher karg und verhalten beginnende Roman gewinnt durch die beständige Ich-Perspektive und die stets Unmittelbarkeit des Geschehens evozierende Gegenwart zunehmend an atmosphärischer Dichte. Die dadurch erzeugte Sogkraft hilft dabei, den doch sehr glatt reüssierten Siegeszug der Hauptfigur zu übersehen und dem durchweg photogen und mit sinnlichem Gespür für sizilianische Wirklichkeit erzählten Geschehen treu zu bleiben, bis man ihm schließlich atemlos erlegen ist. Hier erweist sich Hanns-Josef Ortheil erneut als kunstvoller und bis ins Detail ausgefeilter, souveräner Erzähler einer sehr erzählenswerten, zuweilen auch märchenhaft anmutenden Geschichte.
Wendepunkt im Roman ist die nicht gänzlich überraschende Beziehung zu Paula, die als charakterstarke Deutsch-Sizilianerin das nicht gesuchte, aber benötigte Pendant zu «Beniamino» und eine neue Qualität menschlicher Beziehung darstellt: «Das Leben mit Paula ist also ein Erzählstrom eigener lebendiger und heftigerer Art, im Grunde ist es ein erotisches Sprechen, das unsere Vereinigungen vorbereitet oder sogar begleitet.»

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin

Hanns-Josef Ortheils «Das Kind, das nicht fragte» ist ein geradezu klassischer Reiseroman mit Bildungs-, Entwicklungs- und Liebesgeschichte – ein wunderbares Buch für alle fernab des Konsum-Tourismus reisenden Menschen.

So ist Ortheils Roman ein geradezu klassischer Reiseroman mit Bildungs-, Entwicklungs- und Liebesgeschichte, ein wunderbares Buch für alle fernab des Konsum-Tourismus reisenden Menschen, die mit beiden Beinen fest auf dem Teppich stehen, ohne die Hoffnung zu verlieren, dass er fliegen lernt: «Letztlich waren es die Menschen, die ihre Zurückhaltung und Schüchternheit im Umgang mit der Fremde zunehmend verloren. Genau deshalb gingen sie ja in die Fremde: Um dort die störenden Eigenschaften ihrer früheren Identität gegen eine neue, von der Fremde begründete und geformte Identität einzutauschen. In der Fremde verwandelten sie sich, blühten auf und spürten die positiven Auswirkungen ihrer Forschungen am eigenen Leib und an der eigenen Seele.»
Am Ende des Romans färben die etwas altbacken wirkenden Reminiszenzen an Don Camillo und Cinema paradiso den Roman ein wenig rosa – kleine, sympathische Schönheitsflecke in einem nicht nur Sehnsucht nach Sizilien, dem Schmelztiegel zwischen römisch- und griechisch-antiker Kultur weckenden großen Roman über «Das Kind, das nicht fragte». ■

Hanns-Josef Ortheil: Das Kind, das nicht fragte, Roman 426 Seiten, Luchterhand Verlag, ISBN 978-3-630-87302-2

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Interessante Buch- und CD-Neuheiten – kurz vorgestellt

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Cotton Reloaded: «Der Beginn» – E-Book-Roman

Mitte der 1950-er Jahre begann mit dem ersten Jerry-Cotton-Heft im Bastei-Verlag eine der kommerziell erfolgreichsten Krimi-Serien, deren weltweit verbreiteter Hype unter Mitwirkung von weit über 100 Autoren bis heute andauert. Nun legt der Lübbe-Verlag nach und transferiert den smarten amerikanischen FBI-Agenten mit einer Reloaded-Reihe ins moderne Zeitalter des digitalen E-Book-Lesens. Die erste Story des «neuen» Cotton titelt «Der Beginn» und startet im New York des Jahres 2012, wo der modernisierte G-Team-Mann mitsamt seinen Nebenfiguren Phil Decker, Zeerookah, Mr. High u.a. einen Serienkiller jagt – in einer Welt des Terrorismus’, des Cybercrime, der Drogen- und der Bankenkriminalität.
Der Verlag will Cotton monatlich «reloaden», und jeder Band erscheint ausschließlich als E-Book und als Hörbuch (in den Formaten ePub bzw. MP3), wobei die einzelnen Folgen in sich abgeschlossen sind. Den Start-Band «Der Beginn» hat Bestseller- und «Tatort»-Autor Mario Giordano («Apocalypsis») geschrieben, Verfasser der zweiten Folge «Countdown» (geplant für Mitte November 2012) wird Peter Mennigen sein. ■

Mario Giordano: Cotton Reloaded – Der Beginn, Kriminal-Roman, E-Book, Lübbe Verlag

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Buch- und CD-Dokumentation: «Jazz unter Ulbricht und Honecker»

Der 1954 im sächsischen Zwickau geborene Jazz-Posaunist, Arrangeur, Komponist, Big-Band-Dirigent und Autor Frieder W. Bergner hat als Musiker und Kulturschaffender jahrzehntelang unterm DDR-Regime gelebt und gearbeitet. In seiner jüngsten, belletristisch-erzählerisch konzipierten Publikation «Jazz unter Ulbricht und Honecker» berichtet er autobiographisch über sein «musikalisches Leben in der DDR» und streift dabei mit grosser Detailfülle und sehr persönlich-authentischem Schreibstil die wichtigsten Stationen und Personen seiner Karriere. Der Band berichtet davon, «wie aus einem schüchternen, kleinen Jungen ein Mann wurde, der sich vor hundert Menschen auf eine Bühne stellt, um mit Musik und mit Worten seine Geschichten zu erzählen. Und davon, wie er sich über Jahrzehnte seines Lebens nicht von dieser Beschäftigung abbringen ließ. Nicht von den Eltern, nicht von den Obrigkeiten in Schule und Staat…» ■

Frieder W. Bergner: Jazz unter Ulbricht und Honecker – Mein musikalisches Leben in der DDR, Prosa-Band & Audio-CD, 212 Seiten, Selbstverlag 2012

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Ueli Schenker: «Jagdgründe» – Gedichte

Seit langem gehört der im Luzernischen Meggen lebende Schriftsteller Ueli Schenker zu den profiliertesten Poeten der Innerschweizer Literaturszene. Einst auch als Theater-Autor aktiv, verlegt sich der promovierte Anglistiker und Germanist Schenker nunmehr seit über 20 Jahren fast ausschließlich auf die Lyrik. Sein jüngster Band «Jagdgründe» muss unbedingt zum Besten seines bisherigen Schaffens gezählt werden. Unterteilt in fünf Kapitel, sind über 90 Gedichte versammelt, denen eine thematisch enorme Vielfalt, metaphorische Dichte und auch große stilitische Varianz eignet. Schenker ist außerdem ein Meister des Bilderkontrasts und des Zusammendenkens heterogener Sinnkreise:
Im Freien
Schnorchelsommer Herbst
Laubhaufenkrieg Advent ver-
passte Schneeballschlachten
über den Heckenspass ver-
rauscht ein Schwanenpaar

Gedichte zum laut Vorlesen und still Nachdenken – empfehlenswert!    ■

Ueli Schenker, Jagdgründe, Gedichte, Isele Verlag, 108 Seiten, ISBN 978-3-86142-559-5

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Weitere Rezensionen im Glarean Magazin

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Interessante Buch- und DVD-Neuheiten – kurz vorgestellt

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Therese Bichsel: «Grossfürstin Anna» – Roman

Die Emmentaler Schriftstellerin und Journalistin Therese Bichsel (*1956) ist seit 1997 v.a. als gut recherchierende und literarisch gewandte Porträtistin historischer Frauengestalten im Bewusstsein der literarischen Öffentlichkeit. Nun legt sie – wiederum im Zytglogge Verlag – die Roman-Biographie der Prinzessin Juliane von Sachsen-Coburg vor – jener Anna Feodorowna (1781-1860), die später als russische Grossfürstin an die Seite eines Enkels von Katharina der Grossen verheiratet wird, dann aber aus St. Petersburg flieht und in der Schweiz heimliche Geliebte und Mutter zweier Kinder wird. Bichsel rollt das Schicksal der 14-Jährigen Prinzessin Juliane einfühlsam und historisch informativ auf bis hin zu den wenigen glücklichen Tagen der schließlich geschiedenen russischen Fürstin Anna auf ihrem prächtigen Gut «Elfenau» nahe der Berner Aare. Die Autorin selber zur Entstehungsgeschichte ihres Buches: «Vor einiger Zeit stiess ich auf Anna Feodorowna und war bald fasziniert von dieser Frau, ihren schwierigen Männerbeziehungen und ihrem Kampf um die unehelichen Kinder in einer Zeit des Umbruchs.» – Eine willkommene Bereicherung des an Interessantem momentan nicht so reichen Genres «Historischer Roman».  ■

Therese Bichsel: Grossfürstin Anna – Flucht vom Zarenhof in die Elfenau, Roman, 304 Seiten, Zytglogge Verlag, ISBN 978-3-7296-0851-1

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DVD-Dokumentation: «Glenn Gould – Genie und Leidenschaft»

Das kanadische Musik-Phänomen Glenn Gould steht im Mittelpunkt des Dokumentarfilms «Genie und Leidenschaft», unlängst in einer Doppel-DVD (inkl. eines «internationalen Director’s Cut») bei «Mindjazz Pictures» erschienen. Das Video präsentiert vielschichtig und über weite Strecken eindringlich präsentiert das Leben und Werk einer der faszinierendsten Persönlichkeiten der jüngeren Musikgeschichte. Pianist Gould – «Der Mann mit dem Mantel und dem Stuhl» – ist bis heute Gegenstand sowohl internationaler Verehrung als auch unablässiger klavierinterpretatorischer Forschung, und auch 30 Jahre nach seinem Tode scheint die Faszination für diesen Ausnahmekünstler noch nicht nachgelassen zu haben. Der Film beinhaltet unveröffentlichtes Archivmaterial, Interviews mit Gould-Freunden sowie Ausschnitte aus bisher noch nicht publizierten privaten Bild- und Tonaufnahmen. – Die beiden DVDs bringen die (so facettenreiche wie zerrissene) Pianisten-Ausnahmerscheinung Glenn Gould mit all ihrer Widersprüchlichkeit und musikalischen Obsession, aber auch mit ihrer intellektuellen Vielschichtigkeit und interpretatorischen Tiefe nahe. Empfehlenswert. ■

Glenn Gould – Genie und Leidenschaft, Dokumentarfilm von Michele Hozer und Peter Raymont, Mindjazz Pictures, Doppel-DVD, 84 Min. & Bonusmaterial 106 Min.

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Ken Follett: «Winter der Welt» – Roman

Die Irrungen und Wirrungen des Zweiten Weltkrieges, seine globalen wie einzelmenschlichen Schicksale nimmt Englands wohl berühmtester Bestseller-Autor Ken Follett («Die Nadel») diesmal als historisches Panorama her für seinen jüngsten Wälzer «Winter der Welt». Der über 1000-seitige Roman – Übersetzung: Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher – ist als der zweite Teil einer «Jahrhundert-Saga»  gedacht – nach «Sturz der Titanen» -  und breitet episch vor zeitgeschichtlich dramatischem Hintergrund mannigfaltige Handlungsstränge mit zahllosen fiktiven wie realen historischen Persönlichkeiten aus. Für manche Leserschichten aspruchsvollerer Belletristik mag Ken Follett (*1949) teils etwas geschwätzig, teils etwas rührselig daherschreiben. Für die in die Millionen gehende Fan-Gemeinschaft des produktiven – und übrigens auch sozial sehr engagierten -, dabei äußerst detailreichen Schriftstellers ist selbstverständlich «Winter der Welt» das literarische Muss dieses Herbstes. ■

Ken Follett, Winter der Welt, Roman, Lübbe Verlag, 1020 Seiten, ISBN 978-3-7857-2465-1

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Weitere Rezensionen im Glarean Magazin

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Boris Johnson: «72 Jungfrauen» (Roman)

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Höllenfahrt im Krankenwagen

Günter Nawe

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So ganz neu ist das Buch, vor acht Jahren bereits in England erschienen, nicht. Jetzt endlich gibt es erfreulicherweise diese herrliche Slapstick-Komödie erstmals auf Deutsch. Und immer noch ist dieser Roman keineswegs  «abgestanden», sondern ein außerordentliches Vergnügen.
Vergnügen? Geht es doch um einen terroristischen Angriff. Und so etwas ist doch wahrlich nicht zum Lachen. Doch! Denn geschrieben hat diesen Roman der etwas exzentrische Boris Johnson, mittlerweile Bürgermeister von London. Und der weiß, was er tut. Versteht er doch viel von Politik, von schnellen Autos, von klassischer Philologie. Manchmal und nicht ungern gebärdet er sich wie ein aristokratischer Snob. Und ist dabei und so ganz nebenher ein intelligenter, ein sprachmächtiger Autor mit einem Hang zu Komödie und Komik. Und aus dieser Gemengelage heraus ist diese wunderbare Polit-Thriller-Satire entstanden.

Bürgermeister, Literat, Komödiant: Boris Johnson

Was ist geschehen? Ein Terroristen-Quartett von der  «Brüderschaft der Zwei Moscheen» klaut einen Krankenwagen, mit dem es sich unter Leitung von Jones der Bombe quer durch London auf den Weg nach Westminister macht. Ziel ist ein terroristischer Anschlag auf das englische Parlament und sogenannten Ehrengästen, vor denen der amerikanische Präsident eine Rede halten wird. Natürlich ist dieser Präsident kein anderer als George W. Bush. Denn wir schreiben das Jahr 2001 – einen Zeitpunkt, kurz nach dem Attentat 9/11, den die Möchtegern-Terroristen bewusst gewählt haben. Verspricht er ihnen doch ein anständiges Medienecho. Und bei Gelingen der Aktion den Einritt ins islamische Paradies, empfangen von zweiundsiebzig Jungfrauen – ein etwas fragwürdiger Lohn. Dass daraus so oder so nichts wird, ahnen nicht nur die Terroristen, sondern auch die Leser.
Profis sind die Vier: Jones, Dean, Haroun und Habib absolut nicht. Und auch die freiwilligen und unfreiwilligen Helfershelfer sind eher Laiendarsteller in Sachen Terrorismus. Mit dem Abgeordneten – very british – Roger Barlow hat Boris Johnson zudem einen Typus ins Spiel gebracht, den keiner ernst nimmt und der dennoch eine Art Hauptrolle spielen wird. So kommt es zu geradezu grotesken Szenen. Die Fahrt mit dem gestohlenen Krankenwagen gerät zu einer Art Höllenfahrt. Einig ist sich dieses Quartett auch nicht immer. Dennoch gelingt es auf oft sehr kuriose Weise, die großangelegten Sicherheitsmaßnahmen zu durchbrechen. Nicht zuletzt deshalb, weil konkurrierende Geheimdienste, unfähige Polizisten, arrogante und karrieresüchtige Parlamentarier dem Geschehen eher tatenlos zuschauen oder sich in die Hosen machen.
Schließlich haben die Vier den Präsidenten in ihrer Gewalt. Sie versuchen, eine weltweite Abstimmung über die Medien zu erreichen, durch die die Häftlinge von Guantanamo freigepresst werden sollen.

Boris Johnson hat einen herrlichen Politik-Thriller geschrieben, ein Buch voller Witz und Komik, voller genialer Einfälle und mit überbordendem Humor. Eine Satire mit einem durchaus ernsten Hintergrund – ein herrliches Lesevergnügen.

Das alles ist so aberwitzig, dass man aus dem Lachen und Staunen nicht herauskommt. Ohne dabei jedoch den ernsten Hintergrund zu übersehen. Komödie und Tragödie liegen nahe beieinander. Am Ende ist es ein wunderbares dramma giocoso. Und eine brillante Vorlage für einen Film.
Johnson ist ein hinreißend witziges und kluges Buch gelungen – mit unzähligen Anspielungen auf seinerzeit aktuelle Ereignisse. Gekonnt und dank eigener parlamentarischer und politischer Erfahrungen kenntnisreich decouvriert er einerseits den demokratischen Machtapparat, die allmächtigen Medien, die vermeintlich allwissenden und alleskönnenden Geheimdienste. Der US-Scharfschütze Prickel, dem im Irak-Krieg in die Hoden gebissen wurde, ist der ideale Vertreter diese Spezies. Johnson macht sich über sie lustig, ironisiert ihre Aktivitäten und Ansichten, macht sich ebenso lustig über das gängige Politikergeschwafel und political correctness und zeigt die Schwachstellen der Systeme auf.
Andererseits stellt Boris Johnson den islamistischen Terror an den Pranger, attestiert ihm Blindheit und immer auch ein wenig Dummheit, stellt Fragen nach der religiösen Motivation. Bei allem Witz, bei aller Situationskomik wahrt der Autor jedoch den Respekt vor dem Islam.
Boris Johnson erzählt in einem atemlosen, rasanten Tempo. Genau drei Stunden und dreiunddreißig Minuten dauert das Romangeschehen, minutiös belegt von 7:52 Uhr bis 11:25 Uhr. Die Slapstick-Einlagen sind ebenso witzig wie die Dialoge. Johnsons an der Wirklichkeit orientierter Einfallsreichtum ist phänomenal. Und so macht das Buch einfach nur Spaß und Freude. ■

Boris Johnson:  72 Jungfrauen, Roman, 412 Seiten. Verlag Haffmans & Tolkemitt, ISBN 978-3-942989-13-8

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Ulrich Kittstein (Hg.): «An Aphrodite» – Gedichte von Frauen

Posted in Buch-Rezension, Glarean Magazin, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rezensionen, Sigrid Grün by Walter Eigenmann on 31. Mai 2012

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Weibliche Lyrik von der Antike bis ins 20. Jahrhundert

Sigrid Grün

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1960 erschien im Verlag Lambert Schneider die Anthologie «Irdene Schale – Frauenlyrik seit der Antike», die damals von Mechthild Barthel-Kranzbühler herausgegeben wurde. «An Aphrodite» ist nun die Nachfolge-Anthologie. Die Auswahl der Gedichte wurde stark überarbeitet. Einerseits musste das Textkorpus reduziert werden, andererseits kamen Gedichte aus dem 20. Jahrhundert hinzu. Gegenwartslyrik wurde allerdings ausgespart, da hier noch kein abwägender Blick aus der Distanz möglich ist. Die nicaraguanische Erzählerin und Lyrikerin Gioconda Belli (* 1948) setzt mit ihren Gedichten also den Schlusspunkt.
Den Schwerpunkt bildet weibliche Lyrik aus dem europäischen und amerikanischen Kulturraum. Aber auch Gedichte von türkischen und arabischen Autorinnen finden sich in der facettenreichen Auswahl, die einen Bogen von der Antike bis ins 20. Jahrhundert schlägt. Dabei lässt sich auch sehr gut der Wandel der weiblichen Lebenswelt nachvollziehen. Hier ist eine erhebliche Ausweitung des Aktionsradius’ festzustellen: Etwa von der ausschließlich innerlichen Lyrik des Mittelalters hin zur oft auch stark politisch motivierten Dichtung im 20. Jahrhundert.

Antikes Vorbild weiblichen Schreibens: Aphrodite (mit Eros / Gemälde: H. C. Danger)

Den Auftakt macht die griechische Dichterin Sappho, die als erste bekannte Lyrikerin Europas gilt. In ihren Texten findet man häufig Anrufungen von weiblichen Vorgängerinnen oder Vorbildern, etwa der Göttin Aphrodite: «Auf buntem Thron, Unsterbliche, Aphrodite,/ Zeus’ Tochter, Listenspinnerin, ich flehe zu dir:/ Lähm’ mir mit Trübsinn nicht und Überdrüssen,/ Herrin den Mut».
In der Anrufung war es auch Frauen möglich, sich in eine (weibliche) Traditionslinie zu stellen und ihr Schreiben zu rechtfertigen. Bis ins 20. Jahrhundert setzt sich der Topos fort: Ingeborg Bachmann widmet ihr Gedicht «Wahrlich» zum Beispiel der russischen Dichterin Anna Achmatova. Hier wird ein intertextueller Bezug über eine Sprach- und Kulturgrenze hinweg geschaffen.
Jede Lyrikerin ist mit einer Handvoll Gedichten vertreten. Man findet zum Beispiel Texte von Sappho (um 600 v. Chr.), Sulpicia (um Christi Geburt), Al-Chansa (7. Jh.), Hildegard von Bingen (1098-1179), Theresia von Avila (1515 – 1582), Gaspara Stampa (1523 – 1554), Karoline von Günderode (1780 – 1806), Marianne Willemer (1784 – 1860), Marceline Desbordes-Valmore (1786 – 1859), Annette von Droste-Hülshoff (1797 – 1848), Emily Bronte (1818 – 1848), Emily Dickinson (1830 – 1886), Ricarda Huch (1864 – 1947), Else Lasker-Schüler (1869 – 1945), Anna Andrejewna Achmatowa (1889 – 1966), Gabriela Mistral (1889 – 1957), Nelly Sachs (1891 – 1970), Marina Zwetajewa (1892 – 1941), Maria Pawlikowska-Jasnorzewska (1894 – 1945), Marie Luise Kaschnitz (1901 – 1974), Hilde Domin (1909 – 2006), Margherita Guidacci (1921 – 1992), Blaga Dimitrowa (1922 – 2003), Nazik al-Mala’ika (1923 – 2007), Ingeborg Bachmann (1926 – 1973), Sylvia Plath (1932 – 1963), Gülten Akin (*1933), Sarah Kirsch (*1935), Gioconda Belli (*1948) u.v.m.

Eine der bedeutendsten Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts: Ingeborg Bachmann

Die Gedichte sind mal poetisch und innerlich, mal gesellschaftskritisch und oft verzweifelt. Zu manchen Texten findet man nur schwer einen Zugang. Die Gründe dafür sind vielfältig und können beispielsweise durch die zeitliche Distanz bedingt sein, die zwischen der Entstehung der Texte und der Gegenwart liegt. Die neueren Gedichte, die der hermetischen Lyrik zuzuordnen sind, entziehen sich dem unmittelbaren Verständnis, weil Autorinnen wie etwa Ingeborg Bachmann versuchten ein neues Sprachverständnis zu entwickeln. Die Bilder sind auf der semantischen Ebene zunächst schwer greifbar, nach dem erfolgreichen Prozess der Dechiffrierung aber dafür sehr eingängig.

«An Aphrodite» ist eine umfangreiche und vielseitige Lyrik-Anthologie, die literarisch eindrucksvoll vor Augen führt, wie viel sich in puncto «Befreiung der Frau» im Laufe des vergangenen Jahrhunderts getan hat.

Besonders reizvoll an diesem Band ist die Möglichkeit, als Leser die Variationen der Rolle der Frau innerhalb der patriarchalischen Gesellschaft sehr gut nachzuvollziehen. Die Auswahl ist also als ausgesprochen gelungen zu betrachten, spiegelt sie doch sehr gut wider, wie die weibliche Lebenswelt und ihr Wandel in den verschiedenen Epochen und Kulturräumen erlebt wurde. Natürlich mag man anführen, dass wichtige Autorinnen wie etwa Rose Ausländer fehlen – aber eine vollständige Zusammenfassung weiblichen Schreibens ist nicht einmal für den deutschen Sprachraum wirklich zu bewältigen.
Sehr gelungen ist auch die Einführung durch den Herausgeber Ulrich Kittstein. Auf wenigen Seiten werden hier die Besonderheiten des weiblichen Schreibens und seine Entwicklung zusammengefasst. Eine umfangreiche und vielseitige Anthologie also, die eindrucksvoll vor Augen führt, wie viel sich in puncto «Befreiung der Frau» im Laufe des vergangenen Jahrhunderts getan hat. Es ist faszinierend, diesem Weg auf einer literarischen Spur zu folgen. ■

Ulrich Kittstein (Hg.): An Aphrodite – Gedichte von Frauen von Sappho bis Sarah Kirsch, 231 Seiten, Verlag Lambert Schneider, ISBN 978-3650250742

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Jaume Cabré: «Das Schweigen des Sammlers» (Roman)

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Von Dämonen besessen

Günter Nawe

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Die Vial, eine wertvolle Geige aus der Werkstatt des Cremoneser Geigenbauers Storioni aus dem 18. Jahrhundert, übt eine seltsame Faszination auf den jungen Adrià Ardèvol aus. Dieser polyglotte, außerordentlich begabte Sohn eines Antiquitätenhändlers aus Barcelona und diese Geige mit ihrem bezaubernden Klang, an der allerdings Blut klebt, stehen im Mittelpunkt des neuen Romans des katalanischen Autors Jaume Cabré.
Die Geige, die Adrià bald perfekt zu spielen versteht, ist auch der Grund für ein Tötungsdelikt, für einen geheimnisvollen Mord, dem Adriàs Vater Felix Ardèvol i Bosch zum Opfer fällt. Für dieses Verbrechen macht sich der Junge selbst verantwortlich. Hat er doch die wertvolle Stoirioni, die sein Vater einem Interessenten zeigen will, gegen seine eigene und weniger wertvolle Geige ausgetauscht. Diese «Schuld», die er später auf andere Weise – die Geige gehörte eigentlich einem jüdischen Besitzer – abtragen will, muss Adrià leben.
Das ist die Konstellation, aus der heraus der Autor seinen Roman konstruiert. Dabei entwickelt er Handlungsstränge, die sich ständig überschneiden oder parallel zueinander verlaufen. Das vielstimmige Personal dieses umfangreichen Buches, die Schauplätze, ein schier unübersehbare Fülle von Ereignissen in Vergangenheit und Gegenwart – das alles ist auf höchst kunstvolle Weise mit- und ineinander verschränkt, so dass eine Nacherzählung fast unmöglich wird.
Dennoch: Gelehrter soll nach Vaters Willen Adrià werden, nach Mutters Willen Geigenvirtuose. Die Konflikte, die sich daraus für den Jungen ergeben, sind evident – und machen die psychische Situation aus, in der der sensible Adrià, eine höchst eindrucksvolle Figur, sich befindet. Adrià – wie schon sein Vater – ist nicht nur von der Musik besessen, sondern auch von dessen Sammelleidenschaft erfasst. Er verstand, «…dass ich von dem gleichen Dämon besessen war wie mein Vater. Das Kribbeln im Bauch, das Jucken in den Fingern, der trockene Mund…». Adrià versucht, sich in diesem Zwiespalt von Gefühlen und Ambitionen, was einem Fluch gleichkommt, zwischen musikalischem Virtuosentum und Gelehrsamkeit einzurichten.

Aus den Recherchen Adriàs über den Mord an seinem Vater und auf der Suche nach dem Täter erschließt sich die Familiengeschichte und die Geschichte der Geige und ihrer Entstehung in Cremona im 17./18. Jahrhundert. Eine dunkle Vergangenheit tut sich auf. Sie ist verbunden mit der Inquisition im 14. und 15. Jahrhundert, in der der Großinquisitor und sein Sekretär, ein Meuchelmörder, ein Mönch und ein jüdischer Arzt entscheidende Rollen spielen; Paris wird zum Schauplatz und 1914 bis 1918 auch Rom. Eine Geschichte, die Jaume Cabré in Auschwitz–Birkenau 1944 enden lassen wird, mit den schrecklichen Verbrechen von Sturmbannführern und KZ-Ärzten an jüdischen Häftlingen. Cabré schlägt damit einen historischen Bogen vom Mittelalter bis in die Neuzeit – und stellt oft erschreckende Übereinstimmungen, vor allem in ihren negativen Erscheinungsformen, fest.

Dichter von Weltrang: Jaume Cabré (*1947)

Es ist eine Geschichte, es sind viele Geschichten in einer von Gier und Macht und Neid, von dunklen Mordfällen und finsteren Intrigen, vom Bösen schlechthin – aber auch über die Liebe. Eine Liebe, die Adrià und Sara erleben und erleiden. Der Roman ist eine Art Metapher über den Missbrauch von Macht und über die Macht der Kunst. Damit ist dieser wunderbare Roman auch ein Buch über die conditio humana, melancholisch dargestellt und sehr tragisch, der sich Adrià ausgesetzt sieht. Rettung erwächst ihm jedoch aus der Liebe und aus der Liebe zur Gelehrsamkeit und zur Musik.

Jaume Cabré wechselt oft unerwartet die Zeitebenen. Erzählzeit und erzählte Zeit gehen plötzlich ineinander über. Es ist ein faszinierendes Tableau der Gleichzeitigkeit von aktuellem Geschehen, von Erinnerung und historischen Fakten, das dieser geniale Autor geschaffen hat. Mitten im Satz wird aus dem Ich-Erzähler ein auktorialer Erzähler; ergibt sich eine Art «Wechselgesang» zwischen der ersten und dritten Person. Wir haben es mit einer sehr kühnen, jedoch sehr gelungene Romankonstruktion zu tun, die vom Leser ein hohes Maß an Aufmerksamkeit erfordert; ihn dafür aber auch wunderbar belohnt. Die kongeniale Übersetzung durch Kirsten Brandt und Petra Zickmann trägt dazu in hohem Maße bei.

Jaume Cabrés Roman "Das Schweigen des Sammlers" ist eine Studie von einzigartigem, ja weltliterarischem Rang über die Macht und deren Missbrauch - und über die Macht der Kunst.

Jaume Cabré ist ein äußerst kluger, ein souveräner Autor. Das hat er bereits in seinen früheren Büchern («Die Stimmen des Flusses», «Senyoria») bewiesen. Mit diesem Roman toppt er jedoch seine bisher erschienenen Romane. Das hat nicht nur etwas mit dem Plot, den vielen Plots, sehr ambitioniert und virtuos miteinander verknüpft, zu tun, sondern auch mit der Musikalität der Sprache des katalanischen Autors. Jaume Cabré hat einmal darüber gesagt: «…denn mehr noch als Schriftsteller bin ich Musiker, jedenfalls, was die Leidenschaft angeht… Es gibt eine syntaktische Kadenz, an der ich dauernd arbeite…». Genau so auch liest sich der Roman, hoch musikalisch, von großer sprachlicher Dichte, artistisch, ohne artifiziell zu sein.
Es sicher nicht zu weit ausgeholt, diesem großartigen Roman weltliterarischen Rang zuzusprechen. ■

Jaume Cabré: Das Schweigen des Sammlers, 839 Seiten, Insel-Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3-458-17522-3

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Miriam Kanne: «Andere Heimaten»

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Moderne weibliche Heimat-Konzepte

Sigrid Grün

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Die Heimat ist gerade in der deutschen Literatur ein sehr häufiger Topos, doch die enorme Bedeutung des Heimat-Sujets beschränkte sich im 20. Jahrhundert nicht nur auf die Blut-und-Boden-Dichtung des Dritten Reiches, auch danach spielte die Heimat in der deutschsprachigen Literatur eine herausragende Rolle. Die Anti-Heimatliteratur, v.a. in den Siebziger Jahren, bildete einen Gegenentwurf zu den idyllisierenden Darstellungen, die vorher dominiert hatten.
Im vorliegenden Buch begibt sich die promovierte Literaturwissenschaftlerin Miriam Kanne auf die Spur des Konstruktes Heimat, das nicht nur in räumlicher, zeitlicher, kultureller und sozialer Hinsicht von Bedeutung ist, sondern auch in der feministischen Forschung eine wichtige Rolle spielt. Während die Frauen nämlich in den «klassischen» Heimatromanen männlicher Autoren entweder als Subjekte marginalisiert bzw. als Verkörperung von Heimat dargestellt werden oder dann als das Fremde, Andersartige in Erscheinung treten, die das männliche Gegenüber gefährden, kommt der Frau in der Literatur weiblicher Autorinnen meist eine andere Rolle zu. Miriam Kanne beantwortet hier also Fragen wie: Welches Heimatbild wird in der zeitgenössischen, weiblichen Literatur entworfen?  Wie unterscheidet es sich von den Heimatkonzepten, das Männer konstruieren? Welche Rolle kommt den weiblichen Protagonistinnen zu?
Anhand von acht Werken weiblicher Schriftstellerinnen des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts wird diesen (und weiteren) Fragen nachgegangen, wobei folgende Autorinnen bzw. Werke analysiert werden: Marlen Haushofers Roman «Die Wand» (1962), Ingeborg Bachmanns Erzählung «Drei Wege zum See» (1972), Helga Maria Novaks Doppelwerk «Die Eisheiligen» (1979) und «Vogel Federlos» (1981), Waltraud Anna Mitgutschs «Die Züchtigung» (1985), Barbara Honigmanns Erzählung «Eine Liebe aus nichts» (1991), Erica Pedrettis Roman «Engste Heimat» (1995), Emine Sevgi Özdamars Narration «Die Brücke zum Goldenen Horn» (1998), und Judith Kuckarts Roman «Lenas Liebe» von 2002.

Dem Analyseteil stellt Miriam Kanne allerdings eine ausführliche Genese des Heimatbegriffes in der Literatur des 20. Jahrhunderts voran. So lassen sich die Entwicklung und die Unterschiede, etwa in puncto Zeit, Raum und Geschlecht sehr gut nachvollziehen. Bezeichnend für die weiblichen Heimatentwürfe ist – im Gegensatz zur traditionellen Heimatliteratur – der Topos des in der Beheimatung Deplatzierten, Heimatlosen. Die Heimat wird den Protagonistinnen fremd oder wirkt befremdlich und ist nicht mehr Schutz- oder Kompensationsraum. Der bisherigen Ordnung wird die Verwirrung entgegengesetzt. Brüche und Dissonanzen werden sichtbar. Und die Rolle der Frau verändert sich. Stereotypisierte Rollenvorstellungen werden aufgebrochen – die Frau wird nicht mehr als Subjekt marginalisiert oder als Verkörperung von Heimat gedeutet. Stattdessen wird das überkommende System hinterfragt und unterminiert.

Der Autorin ist hier eine sehr fundierte Analyse zeitgenössischer weiblicher Heimatliteratur gelungen, die die Augen für die Wandlung des tradierten Heimatbildes öffnet. Auch für Literatur- und Kulturwissenschaftler sehr empfehlenswerte Lektüre.

Miriam Kanne zeigt auf, welche Transformationsprozesse des traditionellen Heimatverständnisses in der zeitgenössischen weiblichen Literatur stattgefunden haben: Weg von der Deutung der Heimat als Ort des Eigenen, Bekannten und Vertrauten – hin zur Heimat, der das Fremde und Andersartige selbst innewohnt und nicht nur als deren Gegenteil begriffen wird. In den analysierten Texten geht es also darum, dass Heimat das Fremde und Andere beinhaltet und generiert. Oder um es mit den Worten Martina Ölkes zu sagen, die den Heimatbegriff bei Anette von Droste-Hülshoff näher untersuchte: «Das Fremde liegt nicht in der Ferne, sondern (auch) im heimatlichen Innenbereich.» ■

Miriam Kanne: Andere Heimaten – Transformationen klassischer «Heimat»-Konzepte bei Autorinnen der Gegenwartsliteratur, Ulrike-Helmer-Verlag, 480 Seiten, ISBN 978-3897413344

Inhaltsverzeichnis

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Silvia Stolzenburg: «Die Heilerin des Sultans»

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Ein praller Historienschmöker

Marita Robker-Rahe

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Silvia Stolzenburg studierte Germanistik und Anglistik, um 2006 über zeitgenössische Bestseller zu promovieren. Diese Voraussetzungen merkt man ihren Büchern an, die immer wieder eine akribische Recherche zeigen. Sie vermischt diese mit fiktiven Handlungen und merkt auch an, dass dabei die historischen Ereignisse manchmal zu Gunsten der Handlung verschoben wurden.
«Die Heilerin des Sultans» ist das dritte Buch einer Trilogie über die wegen ihres Münsters weltbekannte Stadt Ulm und die – fiktiven – Geschichten der dort lebenden Menschen. Ob sich dieses Buch an seinen Vorgängern messen kann, kann ich nicht beurteilen, da ich die Vorgängerbände «Die Launen des Teufels» und «Das Erbe der Gräfin» (noch) nicht kenne.

«Die Heilerin des Sultans» hat aber alle Qualitäten eines gut lesbaren Historienschmökers. Abenteuer, gut recherchierte historische Hintergründe, ein Hauch von Exotik und eine schöne Liebesgeschichte sind in eine temporeiche und spannende Handlung eingebaut. Jeder Band ist eine in sich abgeschlossene Geschichte, womit man auch keine Schwierigkeiten hat, in die einzelnen Storys einzusteigen. Für mich ist es nach dem Lesen dieses Buches allerdings ein Muss geworden, die Vorgängerbände zu lesen, da ich von der Autorin und ihrem spannenden und flüssigen Schreibstil begeistert bin.

Die Geschichte beginnt im Jahr 1400. Der fünfzehnjährige Falk von Katzenstein hat seine Eltern bei einem Brand verloren und die väterliche Pferdezucht übernommen. Sein Verwalter Lutz ist ihm zum väterlichen Freund geworden, dessen Meinung ihm sehr wichtig ist.
Als eines Tages ein Onkel von Lutz, Otto von Katzenstein auftaucht, hört Falk allerdings nicht auf seinen väterlichen Freund, der spürt, dass Otto nichts Gutes im Schilde führt, sondern Falk bricht mit seinem Onkel zu einer Handelsreise in den Orient auf, um Araberpferde für seine Zucht zu kaufen.
Die Reise endet für Falk damit, dass er von Piraten gefangen genommen wird und nach Bursa in den Palast des Sultans Bayezid I., einem der grausamsten Herrscher des Orients, verkauft wird. Dort soll er zum Soldaten ausgebildet werden, um dem Sultan zu dienen, der sein Reich zu allen Seiten vergrößern will und sogar den Kampf mit dem Nachfolger Dschingis Khans, Timur Lenk, aufnimmt. Im Palast lernt er Sapphira, die Heilerin des Sultans, kennen und lieben. Doch ihre Liebe darf nicht bekannt werden, denn darauf steht der Tod. Sapphira und Falk schmieden einen gefährlichen Plan…

Silvia Stolzenburgs «Die Heilerin des Sultans» garantiert ein pralles und spannendes Lesevergnügen, das Zeit und Lokalkolorit fantastisch einfängt!

Wie schon eingangs erwähnt, ist diese Geschichte ein pralles und spannendes Lesevergnügen, das Zeit und Lokalkolorit fantastisch einfängt. Sowohl die Beschreibung der Reise, als auch die Schilderungen des Haremlebens werden interessant, abenteuerlich und flüssig erzählt, so dass man das Gefühl hat mitten im Geschehen zu sein. Das uns ungewohnte Leben im Orient fasziniert und schreckt gleichzeitig ab, da man viel über die Macht des Sultans, seine Kämpfe und die Intrigen innerhalb des Harems erfährt, die durch die detailgetreuen Schilderungen der Autorin an Leben gewinnen. Ist man erst in die Geschichte eingetaucht, blättern sich die Seiten wie von selbst um, und man fiebert mit den Protagonisten mit. Fantastisch geschrieben! ■

Silvia Stolzenburg: Die Heilerin des Sultans, Historischer Roman, Bookspot Verlag, 528 Seiten, ISBN 978-3937357478

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Interview mit Rebecca Gablé («Der dunkle Thron»)

Posted in Günter Nawe, Glarean Magazin, Interviews, Literatur, Rebecca Gablé by Walter Eigenmann on 22. September 2011

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«Ich erzähle euch, wie es gewesen sein könnte»

Günter Nawe

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Vor einigen Tagen veröffentlichte die deutsche Bestseller-Autorin Rebecca Gablé (Bürgerlicher Name: Ingrid Krane-Müschen) mit «Der dunkle Thron» ihren 13. «historischen Roman». Für das Glarean Magazin fragte Günter Nawe die erfolgreiche Schriftstellerin nach ihren literarischen Motivationen und nach den Gründen des Booms von Mittelalter und Renaissance in der modernen Literatur.

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Glarean Magazin: Frau Gablé, vom berühmten Leopold Ranke stammt das Diktum, dass der Historiker aufzuzeigen habe, «wie es eigentlich gewesen» sei. Hat sich die Mediävistin und Schriftstellerin Rebecca Gablé diesen Satz zueigen gemacht?

Rebecca Gablé: Nein, denn dieser Anspruch ist unerfüllbar und überholt. Ganz gleich, wie gründlich wir schriftliche Quellen und archäologische Funde auswerten, kann das, was wir daraus ableiten, doch immer nur eine Rekonstruktion von Vergangenheit sein. Ein educated guess, wie die Briten sagen: eine Vermutung auf Grundlage der bekannten Indizien. Wie es «eigentlich gewesen» ist, können wir nicht erforschen und darum niemals wissen. So betrachtet, haben wir Schriftsteller es einfacher als die armen Wissenschaftler, denn wir sagen lediglich: «Ich erzähle euch, wie es gewesen sein könnte.» Nichts anderes hat übrigens auch Leopold Rankes Urgroßneffe Robert Graves getan: Er hat mit Kaiser Claudius einen Ich-Erzähler von scheinbar großer Zuverlässigkeit erdacht, der behauptet, er werde die Geschichte nun so erzählen, wie sie «eigentlich gewesen» sei, um dann ein abenteuerliches Konstrukt aus Intrigen und Mord zu spinnen, das zwar möglich, aber keinesfalls nachweisbar ist. Es kommt einem vor, als habe er mit einem Augenzwinkern in Richtung seines berühmten Vorfahren geschrieben.

GM: Sie haben sich vorwiegend und äußerst erfolgreich am englischen Mittelalter «abgearbeitet». In einem Interview haben Sie einmal gesagt: «Mein Herz gehört dem historischen Roman und dem englischen Mittelalter». Warum gerade diesem?

RG: Meine Vorliebe für das englische Mittelalter geht auf mein Literaturstudium zurück. Dort bin ich zum ersten Mal der englischen Dichtung des 8. bis 14. Jahrhunderts begegnet, die mich seither fasziniert und meine Fantasie anregt, weil sie so farbenprächtig, ausdrucksstark und in vieler Hinsicht auch sonderbar ist. All diese Werke – auch wenn sie religiöse oder sagenhafte Motive behandeln – erzählen etwas über ihre Verfasser und deren Zeit. Darum erschien es mir immer naheliegend, diese Literatur als Ausgangspunkt zu nehmen und mir die Lebenswelt der Dichter und ihrer Zeitgenossen vorzustellen. Von da war der Schritt nicht mehr weit, mich an einem historischen Roman zu versuchen, der, wie sich herausstellte, eine Literaturform ist, die mir besonders liegt.

GM: Mit dem neuen Roman «Der dunkle Thron» haben Sie allerdings das Mittelalter verlassen. Der vierte Teil der berühmten Waringham-Saga spielt bereits in der Renaissance, im 16. Jahrhundert. War das dem Interesse Ihrer Leserschaft geschuldet, die nach «Das Lächeln der Fortuna», «Die Hüter der Rose» und «Das Spiel der Könige» einfach wissen wollte, wie es weitergeht mit den Waringhams?

RG: Dem Interesse meiner Leserschaft und meinem. Ich wäre nicht in der Lage, mich zwei Jahre lang einem Thema zu widmen, das nicht in allererster Linie meine eigene Neugier weckt. Ich selber wollte wissen, wie es den Waringham – diesen wertekonservativen Spinnern, die immer noch Ritter sein wollen – in einer Epoche ergehen würde, die sich in vielerlei Hinsicht radikal vom Mittelalter unterscheidet.

GM: Im Mittelpunkt der Tetralogie steht das Geschlecht derer von Waringham. Mit dem Roman «Der dunkle Thron» haben Sie dieses Geschlecht in der mittlerweile sechsten Generation durch eine fast 200-jährige Geschichte begleitet und damit einen relativ langen Zeitraum der Geschichte abgeschritten. Wie hält das die Autorin durch, ohne den roten Faden zu verlieren?

RG: Mit Stammbäumen, sehr vielen Notizen und einem halbwegs zuverlässigen Gedächtnis.

GM: Die «Waringhams» sind ein fiktive Größe in Ihrem Roman. Sie erleben Abenteuer, Liebesgeschichten, Aufstieg und Fall. Dies alles eingebunden in den Fluß realer Geschichte. Wie viel in Ihren Romanen ist Fakt, wie viel Fiktion?

RG: Das ist schwierig zu bemessen, und wir sprachen ja eingangs schon über die Problematik historischer «Fakten». Dem historisch verbrieften Personal meiner Romane (das ja meist in der Überzahl ist), dichte ich keine Taten an, die sie nicht tatsächlich vollbracht haben, aber in dem Moment, da ich sie zu Romanfiguren mache, werden sie fiktionalisiert. Ich bemühe mich, ihre Charaktere so zu beschreiben, wie sie nach meiner Deutung wahrscheinlich waren, aber dessen ungeachtet werden sie zu Geschöpfen meiner Fantasie mit einer eigenen Ausdrucksweise und Körpersprache, mit Dialogen und Emotionen. Das gilt natürlich erst recht für die erfundenen Figuren, also zum Beispiel alle Waringham, obwohl ich auch dort immer mein Augenmerk darauf richte, ihre Lebensgeschichte so zu zeichnen, wie sie sich in der jeweiligen Epoche hätte zutragen können.

GM: Mit Nicholas Waringham, dem Protagonisten des neuen Romans, haben sie eine starke, eine faszinierende Figur geschaffen. Hat es eine vergleichbare Persönlichkeit in dieser Zeit gegeben – oder anders: Hätte es diesen Nicholas Waringham geben können?

RG: Es hätte Nicholas of Waringham in dem oben beschriebenen Sinne geben können, aber er hat kein historisches Vorbild.

GM: Historische Hauptfiguren in Ihrem Roman sind König Heinrich VIII., Anne Boleyn und seine anderen Frauen. Uns ist aufgefallen, dass Sie Heinrich VIII. nicht unbedingt mögen, die Frauen – vor allem Mary, seiner Tochter und späteren Königin, dafür Ihre – sagen wir einmal so – besondere Sympathie genießen. Haben wir richtig gelesen?

RG: Ich muss widersprechen: Die historische Hauptfigur dieses Romans ist allein die besagte Tochter, die spätere Königin Mary I. Ihr Vater Heinrich VIII. (den ich in der Tat fürchterlich finde), ihre Mutter und ihre fünf Stiefmütter sind natürlich wichtige Figuren, aber im Grunde nur in ihrer Beziehung zu Mary oder dem Protagonisten Nicholas of Waringham. Ich glaube, ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass ich «besondere Sympathie» für Mary hege, dafür waren die Gräuel ihrer Regentschaft vielleicht einfach zu schrecklich. Aber es war mein Anliegen, diese in den Geschichtsbüchern so oft vernachlässigte Königin einmal zu entstauben, genauer zu betrachten und zu ergründen, warum sie wurde, wie sie war. Das ist es auch, was dieser Roman erzählt. Und je besser ich Mary kennen lernte, desto größer wurde meine Toleranz ihr gegenüber.

GM: Das ganze Romangeschehen spielt vor dem Hintergrund der geistigen, religiösen und politischen Umbrüche im 16. Jahrhundert. Und das nicht nur in England, das neben seinen Königen auch Persönlichkeiten wie Thomas Morus aufzuweisen hatte. Wir sprechen von der Reformation, die auch England erreicht, von der Loslösung Englands von dem Papst, von Heiratspolitik mit politischen Folgen. Hat die lange und intensive Beschäftigung mit dieser Zeit auch die Sichtweise der Autorin beeinflusst?

RG: Natürlich habe ich bei meiner Recherche viel Neues gelernt und bin Personen, Gedanken und Ereignisketten begegnet, von denen ich zuvor nur nebulöse Vorstellungen hatte. Aber meine Sichtweise hat sich nicht geändert. Ich wusste vorher schon, dass Religionen und Absolutheitsansprüche in Glaubensfragen das gefährlichste Konfliktpotenzial sind, das die Menschheit je ersonnen hat.

GM: Sie haben einmal gesagt, Ihr vordringliches Ziel sei zu unterhalten. Kann das gerade der historische Roman mit seiner Mischung aus Fakten und Fiktion leisten? Und ist darin das große Interesse Ihrer ständig wachsenden Leserschaft begründet? Auch weil – wir kommen noch einmal auf den Satz von Leopold Ranke zurück – es Ihnen so gelingt, am besten zu zeigen, «wie es eigentlich gewesen» ist?

RG: Ich glaube nicht, dass der historische Roman einen höheren Unterhaltungswert hat als andere Genres. Der anhaltende Erfolg ist eher der Mischung aus Unterhaltung und Wissensvermittlung geschuldet – «Infotainment», um mal ein besonders abscheuliches Wort zu bemühen, ist ja sehr in Mode. Viele Menschen interessieren sich für Geschichte und wollen wissen, wie die Welt früher war oder wie wir zu der Gesellschaft wurden, die wir heute sind, aber längst nicht alle haben die nötige Zeit oder Motivation, sich zur Beantwortung ihrer Fragen durch historische Fachliteratur zu quälen. Sie greifen lieber zu einem historischen Roman.

GM: Wie wir sehen, ist Ihnen das bestens gelungen zu unterhalten. «Der dunkle Thron» ist mittlerweile Ihr 13. Roman. Sie sind Bestseller-Autorin, gelten als «Königin des historischen Romans», sind in in Bücher-Charts prominent vertreten. Was kann jetzt noch kommen? Eine Fortsetzung der «Waringham-Saga» – oder etwas ganz anderes?

RG: Auf jeden Fall eine Rückkehr in mein geliebtes Mittelalter. Aber mehr wird noch nicht verraten… ■

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Vergessene Bücher (1): «Liebe Mutter…» von Margaret Millar

Posted in Bernd Giehl, Essays & Aufsätze, Literatur, Margaret Millar, Vergessene Bücher by Walter Eigenmann on 12. Juni 2011

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Der kalte Blick auf die Welt

Bernd Giehl

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«Sieh mal, Edith, unser Kopf ist doch wie ein Dschungel, ein dunkler, dichter Dschungel mit Millionen kleinen Pfaden, zu denen das Licht nie dringt. Man ahnt nichts von diesen Pfaden, bis auf einem von ihnen plötzlich etwas auftaucht. Und dann, Edith, versucht man, dieses Etwas zurückzuverfolgen, man verfolgt die Spuren und Fährten, man geht weit, sehr weit, und stellt am Ende doch wieder fest, daß der Pfad zu verschlungen ist, zu lichtlos, lautlos, zeitlos…» (Margaret Millar in «Das eiserne Tor», 1983, S. 67f.)

Originalausgabe erschienen 1955 unter dem Titel «Beast in View», deutsche Ausgabe erstmals 1967 bei Diogenes

Stellen Sie sich den Autor dieses Beitrags ruhig als alten Mann vor. Mit Baskenmütze auf dem Kopf und in abgewetzter Cordhose, die schon vor zehn Jahren unmodern war. Dazu vielleicht ein Jackett in Hahnentrittmuster. Und einer Krawatte natürlich, Krawatte muss sein. Und jetzt stellen Sie sich diesen Autor vor, wie er durch eines dieser modernen Buchkaufhäuser geht und an dem Tisch stehenbleibt, auf dem die Ratgeberliteratur inklusive der Kochbücher liegen und sich vorstellt, worüber er sein nächstes Buch schreiben wird («Durch indisches Kochen zum besseren Selbst»), wie er dann am Tisch mit den Bestsellerautoren vorbeigeht, schließlich am Belletristik-Regal stehenbleibt und nach dem einen oder anderen Buch Ausschau hält, das leider noch nicht in seinem Bücherregal steht. Nach den Werken von Margaret Millar zum Beispiel. Kein Buch von ihr zu finden. Er tritt an die «Information» und fragt nach ihr. Die Buchhändlerin sieht im Netz nach und bedauert: kein Buch dieser Autorin lieferbar. «Vielleicht versuchen Sie es mal im Modernen Antiquariat», sagt sie zum Abschied. Dort kauft er dann ein Diogenes Bändchen dieser Autorin für 2 Euro. Ziemlich vergilbt, etwas zerfleddert, aber es erfüllt seinen Zweck.

Ob sich in 20 Jahren wohl noch irgend jemand an Margaret Millar erinnern kann? Das war doch… Ja, ganz richtig. 14 Romane und zwei Bände mit Erzählungen dieser Autorin stehen auf einer Liste im Anhang des Bandes «Ein Fremder liegt in meinem Grab» (Diogenes Verlag 1997). Selbst bei «Amazon» sind derzeit nur noch zwei Exemplare dieses Buches gebraucht zu bekommen.
Nun ist Margaret Millar beileibe nicht die Einzige, der dieses Schicksal widerfährt. Weil die Buchproduktion heute so rasend schnell ist, und weil jedes Jahr Hunderttausende neuer Bücher herauskommen (genaue Zahlen siehe beim Börsenverein des deutschen Buchhandels), werden die Bücher älterer Autoren auch schnell zu Altpapier verwandelt. Wer es nicht bis in den Olymp der Klassiker geschafft hat (und wer schafft das schon?), der ist bald nicht mehr dabei. Der wird aussortiert, gestrichen, verramscht. Selbst Autoren, die einmal sehr bekannt waren, trifft dieses Schicksal. Oder kennt jemand noch Hanns Henny Jahnns Riesenroman «Fluss ohne Ufer»? Oder gar seinen «Perrudja»?

Margaret Millar (1915-1994)

Nun ist es sicher sehr viel schwieriger zu erklären, warum Hanns Henny Jahnn es nicht bis auf den Olymp geschafft hat. Für Margaret Millar ist die Erklärung einfacher. Millars Romane erzählen von einer tief verstörenden Welt, aber das hat sich nicht bis in die Form ihrer Bücher durchgefressen. Und genau das werden die Snobs des deutschen Literaturbetriebs ihr vorwerfen. Falls sie sich überhaupt so viel Mühe machen und nicht vielmehr sich mit der Erklärung begnügen, Krimiautoren schrieben nun einmal Bücher, die man nicht ernst nehmen müsse. Thomas Pynchon springt in «Gegen den Tag» von einer Geschichte zur nächsten, und wer nicht ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis hat, der wird sich irgendwann verzweifelt fragen, wer Merle Rideout oder Lew Basnight doch noch war, oder wie all diese Geschichten eigentlich zusammengehören. Roberto Bolanos Roman «2666» erzählt ebenfalls Geschichten, von denen man sich irgendwann verzweifelt fragt, was sie eigentlich zusammenhält. Im Mittelpunkt steht eine Mordserie an Hunderten von Prostituierten (und der Autor schildert sie Fall für Fall ab, als wäre er Mitglied der Sonderkommission zur Aufklärung dieser Morde). Stumpf, den Leser ermüdend und ohne jede innere Beteiligung. Mit den fast immer gleichen Worten. Vermutlich wollte er mit «2666» beweisen, dass die Welt sinnlos ist. Diese Sinnlosigkeit ist bis in die Form hinein zu spüren.
Das ist bei Millar deutlich anders. Nicht etwa, dass ihre Kriminalromane nicht auch so etwas wie einen experimentellen Charakter hätten, aber der steht nicht so im Vordergrund wie bei den genannten Autoren der Postmoderne. Man muss ihre Romane nicht einmal selbst zusammenbauen wie bei Italo Calvinos «Wenn ein Reisender in einer Winternacht…»
Erstaunlicherweise haben die hochexperimentellen Romane von Pynchon oder Bolano gerade Konjunktur. Womöglich möchte sich der intellektuelle Bohemien von den genannten Autoren ja bestätigen lassen, dass die Welt, so wie wir sie gerade erleben, sinnlos ist. Und wer nach dem Lesen von Bolanos «2666» immer noch nicht genug hat, wer also immer noch einen Funken Hoffnung oder gar Lebensfreude in sich spürt, der kann ja noch David Foster Wallace «Infinite Jest» lesen, zu Juli Zehs «Spieltrieb» greifen oder zu Helene Hegemann, diesem altklugen Kind, das mit 16 glaubt, schon mehr erlebt zu haben als andere mit 50 Jahren.

Originaltitel von Millars «Beast in View» in der TV-Serie «The Alfred Hitchcock Hour»

Die Romane von Margaret Millar funktionieren anders. Sie sind zwar tief verstörend, aber am Ende kann sich zumindest ein Gefühl von «Sinn» einstellen. So paranoid das eine oder andere ihrer Bücher auch sein mag, so gibt die Autorin doch zumindest eine Erklärung für das, was geschehen ist. Sie verweigert sich nicht wie Pynchon und sie lässt den Leser auch nicht mit seinen Fragen allein wie Bolano. Wer mag, kann das altmodisch finden und meinen, es passe nicht mehr in die Zeit. Dennoch ziehe ich persönlich ihre Romane der obengenannten Literatur vor. Vielleicht hat das ja auch damit zu tun, dass ich mir nicht die allerletzte Hoffnung rauben lassen möchte.
Parallelen? Ich denke, einige Romane von Patricia Highsmith oder Paul Auster haben eine ähnliche Thematik und arbeiten mit ähnlichen Mitteln. Alle drei experimentieren mit dem Unbewussten, dem Zufall und dem Schrecken, der aus all dem entstehen kann. Nur dass Margaret Millar (1915-1994) lange nicht so bekannt ist wie Patricia Highsmith, die im gleichen Zeitraum lebte (1921-1995), und obwohl beide doch ganz ähnliche Themen behandeln, auch ihr Stil Ähnlichkeiten aufweist. Ganz zu schweigen von Alfred Hitchcock, der zwar keine Bücher schrieb, dafür aber Filme drehte, die mit filmischen Mitteln eine ganz ähnliche Welt zeigen. Übrigens hat Hitchcock auch Romane der Highsmith verfilmt (z.B. «Zwei Fremde im Zug»), Margaret Millar dagegen ist dieses Glück nur ausnahmsweise zuteil geworden. Wer weiß, ob sie andernfalls nicht viel präsenter im kulturellen Gedächtnis wäre.

Margaret Millar war verheiratet mit Kenneth Millar, besser bekannt unter dem Pseudonym Ross Macdonald, dem Verfasser einiger «hartgesottener Kriminalromane» mit dem Privatdetektiv Lew Archer. Übrigens legte sich ihr Ehemann seinerzeit den Künstlernamen zu, weil seine Frau damals sehr viel erfolgreicher war als er selbst. Nicht immer wollen Männer im Schatten ihrer Frau stehen. Heute dagegen steht Margaret Millar in seinem Schatten.  Manchmal ist das Leben ungerecht.
Aber natürlich hat unsere Autorin das gewusst. Womöglich hätte sie sich sogar darüber amüsiert. Sie kannte die Menschen. Wahrscheinlich besser, als die meisten sich selbst kennen. Margaret Millar hatte den kalten Blick auf die Welt, den nicht gar so viele Autoren besitzen. Ich glaube nicht, dass sie die Menschen liebte. Dafür sind ihre Romane zu boshaft geschrieben. Es wäre reizvoll, eine Biographie über sie zu lesen, aber wenn es eine gibt, dann kenne ich sie nicht.

Prominente Konkurrentin und Millar-Zeitgenossin: Die 21-jährige Patricia Highsmith

Auf jeden Fall wäre es reizvoll zu wissen, welchen Unterschied es gibt zwischen ihrem Leben und ihren literarischen Ideen.
Denn die haben es in sich. Gleich mit den ersten Sätzen erzeugt sie eine Spannung, die bis zur letzten Seite anhält. «Die Stimme war sanft, beinahe lächelnd: ‚Ist dort Miss Clarvoe?‘
‚Ja.‘
‚Wissen Sie, wer da spricht?‘
‚Nein.‘
‚Eine Freundin.‘
‚Ich habe unzählige Freundinnen‘, log Miss Clarvoe…
‚Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen‘, sagte die Stimme. ‚Trotzdem habe ich Sie immer irgendwie im Auge behalten. Ich habe nämlich eine Kristallkugel.‘»
Mit diesen Worten beginnt der Roman «Liebe Mutter, es geht mir gut…»
Helen Clarvoe kennt die Anruferin nicht, und gerade das beunruhigt sie. Allerdings kann man bei ihrer Aussage, sie kenne Evelyn Merrick nicht, zweifeln, denn gleich auf der ersten Seite charakterisiert die (allwissende) Erzählerin Miss Clarvoe als professionelle Lügnerin.
Eine alte Jungfer von 30 Jahren als Heldin eines Romans, noch dazu eine, die schon ganz am Anfang als kalt, verschlossen und vom Leben enttäuscht geschildert wird; wem könnte das sonst noch einfallen? Unsympathischer als Helen Clarvoe kann man eigentlich nicht mehr sein. Mit wenigen Sätzen kann Millar ihre «Heldin» charakterisieren. Nicht einmal Patricia Highsmith hat so eine Person in den Mittelpunkt ihrer Romane gestellt. (Aber die hatte natürlich auch ihre Gründe.) Nachdem sie sich bei der Telefonistin, die die Anrufe im Apartmenthaus, in dem sie wohnt, nach der Anruferin erkundigt hat, wird Miss C. mit folgenden Worten beschrieben: «Miss Clarvoe hängte ab. Sie wußte, wie man mit June und ihresgleichen umzugehen hatte. Man hängte ab. Man unterbrach die Verbindung. Was Miss Clarvoe sich nicht klarmachte, war, daß sie in ihrem Leben bereits zu viele Verbindungen unterbrochen hatte. Sie hatte zu oft, zu schnell und schon bei zu vielen Menschen abgehängt. Jetzt, mit Dreißig, war sie allein.» (S. 10) Nicht nur Evelyn Merrick besitzt eine Kristallkugel, in der sie die Clarvoe beobachtet.
Wer aber nun glaubt, dass Helen Clarvoe die einzige ist, die von ihrer Schöpferin mit jenem eiskaltem Blick beobachtet wird, der täuscht sich. June, die Telefonistin, ist beschwipst, als sie zu Miss Clarvoe geht, weil die sie darum gebeten hat. Und den Sherry, den ihre Gastgeberin ihr anbietet, schlägt sie natürlich auch nicht aus. Womöglich ist das Leben nur noch betrunken zu ertragen, selbst wenn man keine Drohanrufe von einer angeblichen Freundin erhält. Mr. Blackshear, ihr Vermögensverwalter, den die Clarvoe um Hilfe angeht, ist 50 Jahre alt, und für ihn hat «der Winter der Leere eingesetzt, und dort, wo einmal etwas in seinem Inneren zerbrochen war, hatte sich Frost gebildet.» (S. 20) Eigentlich, so denkt man, kann nichts mehr passieren, was diese Herrschaften aus ihrer Erstarrung herausholen könnte.  Dass es aber dennoch passiert ist, nicht die geringste aller Künste, die Margaret Millar beherrscht.

Im Gegensatz zur Ehefrau weltberühmt geworden: Krimi-Autor Kenneth Millar alias Ross MacDonald

Doch dazu bedarf es nun eines Raums, den die Autorin schafft. Und dieser Raum, man kann es nicht anders sagen, ist klaustrophobisch. Man bekommt Luftnot, wenn man sich zu lang in ihm aufhält. Vermutlich kann man diesen Raum nicht unbedingt «realistisch» nennen, aber Autoren – Autorinnen sind selbstverständlich immer mit gemeint – schaffen nun einmal ihr eigenes Universum. Selbst wenn man sich verbarrikadiert, wie Helen Clarvoe es spätestens nach dem Anruf von Evelyn Merrick tut, gibt es immer noch das Telefon, das einen mit der Außenwelt verbindet. Oder die inneren Stimmen, die einen nicht in Ruhe lassen.
Aber selbst wenn auch die schweigen, gibt es da ja noch Evelyn Merrick, die mit ihren Anrufen und Andeutungen, die leider oft genug auf Wahrheit beruhen, einen Menschen jagen und schließlich sogar in den Tod treiben kann. Es ist nicht nur Helen Clarvoe, auf die sie es abgesehen hat. Ihr Hass reicht tiefer. Sie macht ein paar gehässige Bemerkungen über Douglas, Helens jüngeren Bruder, gegenüber Mrs. Clarvoe; enthüllt dabei der Mutter Douglas‘ Homosexualität, die er bis dahin erfolgreich verbergen konnte, und treibt den jungen Mann damit in den Tod. Was im Jahr 2011, wo zumindest in Deutschland viele sich offen zu ihrer Homosexualität bekennen, ziemlich unwahrscheinlich klingt, ist im prüden Amerika der fünfziger oder sechziger Jahre durchaus vorstellbar. Nur ein einziges Mal greift Miss Merrick selbst zur Waffe; in den anderen Fällen treibt sie ihre Opfer allein durch ihre Worte in den Tod. Und am Ende passiert das, was passieren muss: Evelyn Merrick und Helen Clarvoe verschmelzen zu einer einzigen Person, und das ist dann auch das Ende.

Es ist eine abgeschlossene Welt, in der alles seinen gnadenlosen Gang geht. Und die Hauptfiguren sind entweder hysterisch wie Helen Clarvoe oder paranoid. Das ist übrigens auch ein Kennzeichen der anderen Romane von Margaret Millar, jedenfalls, soweit ich sie kenne. Es sind nicht die normalen Menschen, an denen die Millar interessiert war. Eher schon die, die aus der Norm herausfallen. Menschen, die sich verfolgt fühlen oder die die Realität verdrängen und sich in eine Scheinwelt flüchten. Menschen also, die eher schwach sind.
Interessant ist schließlich auch, dass ihre Hauptfiguren alle weiblich sind. Jedenfalls trifft das für die Romane zu, die ich gelesen habe, also «Liebe Mutter, es geht mir gut», «Ein Fremder liegt in meinem Grab», «Von hier an wird’s gefährlich», «Die Feindin» und «Das eiserne Tor». Die Männer, denen man in ihren Romanen begegnet, sind dagegen eher sympathisch gezeichnet. Sie sind hilfsbereit wie Mr. Blackshear, der Freund von Miss Clarvoe oder wie Ralph MacPherson, der Anwalt, der Mrs. Oakley, eine der Hauptfiguren aus «Die Feindin» immer wieder in die Realität zurückholt. Sie mögen schwach sein, wie Charlie Gowen, (ebenfalls eine wichtige Figur in der «Feindin»), aber selbst ihre Weltfremdheit hat etwas seltsam Sympathisches.  Ob Margaret Millar eine Weiberhasserin war? Aus ihren Romanen könnte man es zumindest herauslesen.

Original-Cover der amerikanischen Bantam-Ausgabe von Millars «Beast in View» (1955/56)

Dennoch ist der Kosmos, den sie mit ihren Worten erschafft, anders als jene von beispielsweise Kafka, immer noch die Welt, die wir kennen. Er ist angesiedelt in der amerikanischen Mittelschicht der fünfziger und sechziger Jahre, und die Details sind liebevoll beschrieben und damit wiedererkennbar. Hin und wieder entsteht gerade aus der Schwäche der Hauptfiguren die Bedrohung. Es sind nicht die Starken, die die Welt bedrohlich machen, sondern die Schwachen. Das gilt vielleicht weniger für Helen Clarvoe, die nur noch flieht, wohl aber für Mrs. Oakley, die Hysterikerin aus «Die Feindin», und ebenso auch für Charlie Gower, der ebenfalls eine wichtige Rolle in der «Feindin» spielt.
Wer sehen möchte, mit welch unterschiedlichen Mitteln Margaret Millar eine Welt der Angst aufbauen kann, der lese nacheinander «Liebe Mutter, mir geht es gut» und «Die Feindin». In «Liebe Mutter» gibt es nur Helen Clarvoe als Fokus, und der Aufbau der Bedrohung passiert schnell. In der «Feindin» wechselt der Fokus immer wieder von Kate Oakley, die sich vor ihrem (getrennt von ihr lebenden) Mann fürchtet und deren Angst geradezu hysterisch ist, zu Jessie Brant und Mary Martha Oakley, zwei neunjährigen Kindern, die befreundet sind, zu Charlie Gower, der eine Schwäche für Kinder hat, dann zu Virginia und Howard Arlington, einem Ehepaar im beginnenden Kriegszustand, der wiederum durch Virginias Liebe zu Jessie ausgelöst wird. Die Spannung ist subtiler, und lange fragt der Leser sich, welche der Personen denn nun die Katastrophe auslösen wird, die bei Margaret Millar unweigerlich am Ende stehen wird. Und natürlich ist es wieder anders, als man es sich gedacht hat. Aber das kennt man ja aus fast jedem Krimi.
Eine solche Welt, bedrohlich, tückisch und doch zumindest halbwegs realistisch, kenne ich eigentlich nur noch aus einigen Romanen der Highsmith, aus den Krimis von Barbara Vine oder aus Paul Austers «Leviathan».

... ist eine Essay-Reihe, in der das Glarean Magazin wöchentlich Werke vorstellt, die vom kultur-medialen Mainstream links liegengelassen oder überhaupt von der «offiziellen» Literaturgeschichte ignoriert werden, aber nichtsdestoweniger von literarischer Bedeutung sind über alle modische Aktualität hinaus. Die Autoren der Reihe pflegen einen betont subjektiven Zugang zu ihrem jeweiligen Gegenstand und wollen weniger belehren als vielmehr erinnern und interessieren.

Kürzlich las ich in der «Zeit» eine Reportage über eine Reise zu den Foltergefängnissen der Roten Khmer, die von 1975-1979 Kambodscha regierten und zugrunde richteten. Der Artikel ist aus Anlass des ersten Prozesses eines internationalen Gerichtshofs über ein Mitglied der Roten Khmer geschrieben. Auch wer sich nicht mehr an diese Zeit erinnert, vielleicht weil er zu jung ist, wird aus dem Artikel von Susanne Mayer «Spuren des Schmerzes» («Die Zeit», Nr. 29 vom 15. Juli 2010, S. 46/47) das Grauen lernen können. Auf einer Tafel in einem Foltergefängnis, das Susanne Mayer besucht hat, steht der Satz: «Während der Elektroschocks ist es verboten zu schreien.»
Mag sein, dass es irgendwann einen Roman über die Herrschaft der Khmer Rouge in Kambodscha geben wird. Womöglich wird er ja ins Deutsche übersetzt. Zwar hat Adorno seinerzeit behauptet, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben sei unmöglich, aber es gab nicht nur Gedichte nach Auschwitz; es gab sogar welche über das Unsagbare. Paul Celan hat sie geschrieben. Und Primo Levi hat einen Roman über die Vernichtungslager geschrieben; Elie Wiesel oder Wieslaw Kielar haben aus ihrer eigenen Erfahrung über die Vernichtungslager geschrieben. Womöglich gibt es kein Grauen, das nicht irgendwann einmal literarisch verarbeitet wird. Einzig die Zeit, die vergehen muss, bis ein solches Geschehen seinen Weg in die Welt des Romans findet, spielt eine gewisse Rolle. Es dauert eben, bis man die nötige Distanz hat, das Entsetzen in Worte zu fassen. Aber falls je ein Roman über die Herrschaft der Khmer Rouge erscheinen wird, glaube ich nicht, dass ich ihn lesen werde. Es gibt ein Leid, das ich mir gern ersparen möchte. Obwohl ich andererseits auch verstehe, wenn ein Betroffener dieses Leid durch das Schreiben eines Romans «verarbeiten» will.

Dennoch sind mir offensichtlich fiktive Werke wie die Romane von Margaret Millar lieber. Sie spielen mit meinen Ängsten, aber sie überschreiten die Grenze nicht. Sie respektieren den Schutzraum, den das Individuum braucht, um zu überleben.
Näher möchte ich eigentlich nicht mehr heran. Das ist der Unterschied zwischen Margaret Millar und – pars pro toto – Roberto Bolano. Womöglich kann man mit ebensolchem Recht sagen: Die Welt ist nun einmal grausam, und wir sind so abgestumpft, dass nur noch neue Formen uns aus unserer Lethargie reißen können. Außerdem entspricht das Abbild, das Bolano, Pynchon und tutti quanti von der Welt liefern, viel eher der modernen Erfahrung des Ausgeliefert-Seins an anonyme Mächte, die wir kaum noch erkennen, geschweige denn beschreiben können, als die Romane von Margaret Millar, wo die Bedrohung von einem Individuum ausgeht, dessen Namen man kennt, und dessen Motive nach und nach sichtbar werden. Und selbst wenn es die Bewohner der Kleinstadt sind, die einen wie Charlie Gowen aus der «Feindin» immer mehr einkreisen, so «kennt» man doch als Leser die Namen und Gesichter.
Man kann also sagen: die Romane von Bolano, Pynchon, Zeh oder der anderen Shooting Stars der Postmoderne entsprechen viel eher der heutigen Lebenserfahrung. Sie bilden die Wirklichkeit von heute viel besser ab als eine Margaret Millar. Ich würde dieser These nicht einmal widersprechen wollen. Dennoch ziehe ich Margaret Millar vor und verweise auf den Anfang dieses Essays:. Ein bisschen Distanz halte ich für angebracht. Selbst wenn das altmodisch klingen sollte.

Noch ein Wort zur Übersetzung: «Liebe Mutter, es geht mir gut» ist 1955 in New York auf Englisch erschienen und 1967 von Elizabeth Gilbert übersetzt worden. Die Sprache erscheint oft gestelzt. «Miss Hudsons Büro war kunstvoll der Werbung neuer Schülerinnen angepaßt.» (S. 47) Eine Telefonistin gibt keinen Anruf durch; sie stellt ihn durch. Ich wüsste auch niemanden, der «abhängt», wenn er ein Telefonat beendet; die meisten legen auf. Letzteres liefert einen Hinweis auf die Muttersprache der Übersetzerin, falls das der Vorname nicht schon getan hat. »She hung up» heißt es im Englischen, wenn eine Frau das Telefon auflegt. Elizabeth Gilberts Muttersprache ist vermutlich Englisch, aber zumindest hätte ein Lektor oder eine Lektorin noch einmal über den Text schauen können. Auch in anderen Romanen von Margaret Millar, die sie übersetzt hat, habe ich ungewöhnliche Redewendungen und Stilblüten gefunden. Falls also Margaret Millars Romane noch einmal aufgelegt werden, was ich sehr hoffe, dann sollten sie möglichst auch gleich neu übersetzt werden. ●

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Bernd Giehl

Geb. 1953 in Marienberg/D, Studium der Theologie in Marburg, zahlreiche schriftstellerische und theologische Publikationen, lebt als evang. Pfarrer in Nauheim

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Esther Pauchard: «Jenseits der Couch»

Posted in Buch-Rezension, Esther Pauchard, Günter Nawe, Glarean Magazin, Literatur, Rezensionen, Schweizer Literatur by Walter Eigenmann on 9. Dezember 2010

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Die Niederungen der menschlichen Seele

Günter Nawe

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Nichts ist mehr, wie es war für die Assistenzärztin Kassandra Bergen, die in der Psychiatrischen Klinik Eschenberg arbeitet. Und das hat einzig und allein etwas mit dem Notfall zu tun, der gegen halb drei Uhr morgens eingeliefert worden ist. Entgleiste Schizophrenie lautet die Diagnose, nicht zuletzt forciert durch die Einnahme illegaler Substanzen. Doris Greub ist die Patientin, die offensichtlich ihren Ehemann nicht nur eines Verbrechens beschuldigt, sondern auch versucht hat, ihn umzubringen.
Ein klarer Fall? Mitnichten. Die Schweizer Autorin Esther Pauchard ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, sie arbeitet als Oberärztin in einer Suchtklinik. Und sie entwickelt dank geballter Fachkompetenz und einem Gespür für die menschlichen Abgründe aus dem, was eigentlich nur ein psychiatrischer Fall ist, einen brillanten Krimi.

Denn sehr schnell kommt Kassandra Bergen darauf, dass es mit Doris Greub eine andere Bewandtnis haben muss. Sind die Beschuldigungen der Patientin gegen ihren Mann, dem sie den Missbrauch ihrer Tochter unterstellt, und der sie bewusst für unzurechnungsfähig erklären will, nur die Folge der Einnahme von Drogen, sind ihre Halluzinationen und Wahnvorstellungen nicht näher an der Wirklichkeit, als es ihr Mann glauben machen will?

Psychiaterin, Oberärztin, Krimi-Autorin: Esther Pauchard

Die resolute Kassandra Bergen beginnt an ihrer Diagnose zu zweifeln, setzt sich vehement auch gegen den Kollegen Martin zu Wehr und beginnt auf eigene Faust nicht nur in der Krankengeschichte von Doris zu forschen, sondern sich auch das Familienumfeld vorzunehmen. Das ist natürlich weit außerhalb dessen, was ihr als Ärztin erlaubt ist. Sie gefährdet ihre Karriere und gerät in gefährliche Turbulenzen. Esther Pauchard zeichnet ein großartiges Psychogramm dieser Ärztin, dieser Frau, die sich, selbstbewusst und dennoch verletzlich, ihrem Beruf und ihrer Aufgabe als Ärztin verpflichtet fühlt, auch über fachliche Grenzen hinaus.
Immer deutlicher wird es für Kassandra – spätestens nach dem Selbstmord ihrer Patientin Doris -, dass hier etwas nicht stimmt. Mit Hilfe der Medizinstudentin Kerstin Lindner «ermittelt» sie auf eigene Faust, auf eigene Gefahr und «jenseits der Couch». Und bald tut sich vor ihr ein Abgrund von Lügen, Verschleierungen und kriminellen Aktivitäten auf. Sie dienen einzig dem Ziel, nicht nur Doris Greub auszuschalten, die mehr weiß als es anderen recht sein kann (was schließlich gelungen ist), sondern auch alle Spuren zu verwischen, die auf die Untaten des «seriösen» Peter Greub und seiner vier bürgerlich gutsituierten Freunde verweisen.

Die Berner Autorin Esther Pauchard hat mit «Jenseits der Couch» einen Debüt-Krimi geschrieben, der eine höchst spannende Studie über die Abgründe der menschlichen Seele darstellt. Mit der Fachkompetenz der Ärztin und Psychiaterin entwickelt die brillante Erzählerin eine faszinierende Geschichte, die den Leser über die Lektüre hinaus beschäftigen dürfte.

Der als Schriftstellerin debütierenden Autorin Esther Pauchard gelingt es, die Niederungen der menschlichen Seele zu beschreiben, Menschen in Extremsituationen darzustellen. Und das macht sie so geschickt, dass dem Leser manchmal der Atem stockt. Vor diesem Hintergrund also ist ein Buch entstanden, dem es an Tiefgang beileibe nicht fehlt.
Denn Pauchard geht es nicht um spektakuläre Bilder, um wilde Verfolgungsjagden, auch wenn sie sich der üblichen Versatzstücke eines Krimis bedient. Er geht es um das, was hinter dem Verbrechen steht. Und das macht sie hervorragend – bis zum Schluss, bis zu dem Moment, wo der eindeutige Beweis der Schuld von Greub und seiner Kumpane vorliegt.
Und was für ein Beweis! Kassandra hat alle Gefahren, auch die für Leib und Leben letztlich überstanden. Auch wenn sie, nachdem sie das Video gesehen hat, das die permanente Vergewaltigung der Tochter von Doris Greub zeigt, gestehen muss: «Alles, worauf ich gebaut habe, ist ins Wanken geraten». Für sie und in ihr ist mehr passiert als nur die Aufklärung eines Verbrechens. Und nichts ist, wie es einmal war.
Auch wenn am Ende alles gut geht – die Psychiaterin hat Mühe, sich nicht nur von diesen Bildern zu befreien, sie muss auch eigene Probleme verarbeiten, die sich im Verlaufe der Geschichte für sie ergeben haben.
Und auch der Leser dieses faszinierenden Krimis wird sich weit über das Geschehen hinaus damit beschäftigen… ■

Esther Pauchard: Jenseits der Couch, Roman, 429 Seiten, Nydegg Verlag, ISBN 978-3-9522295-9-0

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Charlotte Thomas: «Der König der Komödianten»

Posted in Buch-Rezension, Charlotte Thomas, Günter Nawe, Literatur, Rezensionen by Walter Eigenmann on 19. Juli 2010

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Die Welt ist eine Bühne, und unser Stück ist das Leben

Günter Nawe

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Nach den spannenden und interessanten historischen Romanen – u.a. «Die Madonna von Murano» und «Die Lagune des Löwen» – erleben wir diesmal eine ganz andere Charlotte Thomas. «König der Komödianten» heißt ihr neuer Roman und ist auf seine Art in der Tat eine Komödie. Klassisch kommt er daher, wie die alte und herrliche Commedia dell’ Arte – und hat eine Menge mit ihr gemein.
Anders auch die Erzählform. Ein Ich-Erzähler diesmal. Die Autorin nimmt sich zurück, um auf diese Weise doch wieder ihrem Helden ganz nahe zu kommen, Marco, der sich schon mal täuschen lässt von «falschen Helden, falschen Schwertern und falschen Weibern» und ihre volle Sympathie hat. Und bald auch die Sympathie des Lesers.

Historien-Roman-Autorin Charlotte Thomas in Venedig

Worum geht es? Der junge Marco verlässt sein Kloster und schließt sich einer Gruppe von Komödianten an, fahrendem Volk, das durch das Veneto zieht, um die Leute mit ihrem Spiel zu erfreuen und zu unterhalten. In dieser Truppe, ein zusammengewürfelter Haufen herrlicher Typen, die alle mehr oder weniger den bekannten Figuren der Commedia gleichen oder sie spielen, findet Marco seine Erfüllung. Schnell steigt er, der irgendwann einmal seinen «leidenschaftlichen Hang zum Schreiben» entdeckt, vom Kulissenschieber zum Theaterdichter auf.
«Die Welt ist unsere Bühne, und unser Stück ist das Leben, und wenn es sich gerade fügt, geben wir unser Spiel vor anderen zum Besten», heißt es an einer Stelle. Nun ist das Leben auf dieser Bühne nicht immer lustig. Das Repertoire an Stücken der «Incomparabili» (der «Unvergleichlichen») ist begrenzt, und meist reichen die Einnahmen auf den Straßen und Plätzen von Padua und Venedig kaum zum Leben. So kommt Marco als «Theaterdichter» gerade recht. Mit ihm kommt aber auch das Abenteuer. Denn Marcos Herkunft birgt ein für ihn selbst und dann auch für die Theatergruppe gefährliches Geheimnis.

Pantomime, Satire, Musik und Tanz in der italienischen Commedia dell'Arte (Antoine Watteau, 1720)

Diese abenteuerliche Geschichte erzählt Charlotte Thomas routiniert und sehr intelligent, mit vielen spannenden Erlebnissen und vor allem mit viel komödiantischem Geschick. So jagt, um es etwas platt zu sagen, ein «Gag» den anderen – manchmal sogar etwas zu oft.

Der Leser aber glaubt sich wirklich «im Theater», in einer herrlichen Komödie vor einer wunderbaren Kulisse, der Charlotte Thomas auch noch einen anderen Aspekt gibt. Sie erzählt ein Stück Geschichte der Commedia dell’ Arte, also ein Stück Theatergeschichte, garniert mit Zitaten und Verweisen aus zeitgenössischen Stücken. Indirekt treten auch einige Autoren auf die «Bühne»: zum Beispiel Plautus und Terenz und der unvergleichliche Shakespeare mit seinen Komödien.

Ein spannender historischer Roman, der schon wegen des Sujets eine besondere Qualität hat. Charlotte Thomas, mittlerweile in der vorderen Reihe von Autoren dieses Genres, ist es wieder einmal gelungen, eine phantasievolle Story mit interessanten historischen Fakten zu verbinden und so einen unterhaltsamen Roman zu schreiben.

Und Marco? Der Junge lernt das Leben kennen, Gefahren zu bestehen; er lernt, natürlich, die Liebe kennen. Nicht nur die komödiantischen Verwicklungen, auch die biographischen Entwicklungen bestimmen ein Leben, das er nach und nach zu meistern weiß – mit dem klassischen «Ende gut, alles gut». Und das gilt auch für den Leser dieses Romans. ■

Charlotte Thomas, Der König der Komödianten, Roman 696 Seiten, Lübbe Verlag, ISBN 978-343-103-807-1

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Leseproben

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Rolf Bauerdick: «Wie die Madonna auf den Mond kam»

Posted in Bernd Giehl, Buch-Rezension, Literatur, Rezensionen, Rolf Bauerdick by Walter Eigenmann on 26. November 2009

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Interessante Bewältigung eines komplizierten Stoffes

Bernd Giehl

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Rolf Bauerdick, Jahrgang 1957, studierte Literaturwissenschaft und Theologie, bevor er sich dem Journalismus zuwandte. Er hat Reportagereisen in rund sechzig Länder unternommen – nun legt er mit «Wie die Madonna auf den Mond kam» seinen ersten Roman vor.
Von Mal zu Mal wird die Theorie atemberaubender, die die beiden Helden des Buches, Ilja Botev und sein Freund, der Zigeuner Dimitru Gabor da zusammenspinnen. Das Buch beginnt mit dem Flug des ersten, noch unbemannten Weltraumfahrzeugs, des «Sputnik 1» der großen heldenhaften Sowjetunion am 5. November 1957. Und schon an diesem Tag wird die Verschrobenheit der beiden Freunde deutlich, die mit einem Trichter in den Weltraum horchen, um die Signale des Sputniks aufzufangen. In was für einen Wahn sich diese beiden liebenswerten Männer allerdings noch hineinsteigern werden, ahnt der Leser zu Beginn des Buches noch nicht. Denn erst einmal geht es um einen anderen Erzählfaden, nämlich das Verschwinden der versoffenen und eigentlich gar nicht so beliebten Lehrerin an der einklassigen Volksschule in Baia Luna, Angela Barbulescu, von allen nur «die Barbu» genannt. Finstere Mächte scheinen ihre Finger im Spiel zu haben, denn der Ich-Erzähler, Pavel Botev, der Enkel Iljas, hat nicht nur ein Foto gesehen, auf dem die junge, hübsche Barbu in einer Orgie mit dem (späteren) Parteibonzen Dr. Stefan Stefanescu zu sehen ist, sondern er hat auch ihr Tagebuch gefunden, das sie vor ihrem Verschwinden im Pfarrhaus des Dorfes versteckt hat. Und dann wird auch noch dem im Dorf beliebten Priester Johannes Baptiste der Hals durchgeschnitten. Später, als die Barbu auf dem Mondberg tot an einem Baum hängend gefunden wird, glaubt das Dorf, die Lehrerin habe den Pfarrer ermordet. Nur Pavel ist davon überzeugt, dass die kommunistische Partei hinter den mysteriösen Todesfällen steckt, und er beschließt, den Auftrag, den ihm die Barbu kurz vor ihrem Verschwinden gegeben hat, nämlich Stefanescu zu vernichten, in die Tat umzusetzen.

Rolf Bauerdick

Das ist der eine Strang des Romans. Der andere ergibt sich aus der Theorie, die Dimitru in die Welt setzt, und der der Großvater Ilja mehr und mehr verfällt. Dimitru und Ilja glauben nämlich, dass die Sowjetunion mit ihrem Schritt in den Weltraum nicht nur beweisen wolle, dass sie den Amerikanern überlegen sind, sondern dass sie vielmehr Amerika und dessen Währung, den Dollar, vernichten wollen. Das würde den Sowjets dann gelingen, wenn sie beweisen könnten, dass Gott nicht existiert. Schließlich steht ja auf jedem Dollarschein «In God we trust.» Der Plan, den die Russen ausgeheckt haben, ist äußerst raffiniert. Die Russen wollen nämlich auf dem Mond landen und damit der Jungfrau Maria an den Kragen. Klar ist nämlich, dass die Jungfrau Maria sich – nach ihrer leiblichen Himmelfahrt – nur auf dem Mond befinden kann. Beweis: Die Madonnen-Statue, die viele Jahre in der Kirche von Baia Luna stand, und die nun verschwunden ist, stand auf einer Sichel. Und diese Sichel kann nur der Mond sein. Also tauschen die beiden, angestachelt von Pavel, den Fernseher, den Dimitru vor Jahren dem Großvater zu seinem 55. Geburtstag geschenkt hat, in einem Geschäft der Provinzhauptstadt gegen ein Himmelsfernrohr und die Ausrüstung eines Fotolabors. Dass Pavel, der vor allem an dem Fotolabor interessiert ist, dabei seine ganz eigenen Absichten hat, verrät der natürlich nicht. Das Fotolabor braucht Pavel für seine eigenen Pläne mit Stefanescu, den er mit einem alten Foto vernichten will, was ihm aber nicht gelingt. Stattdessen bringt er seine eigenen Leute in höchste Gefahr. Dann landen die Amerikaner 1969 auf dem Mond, aber leider im falschen Krater, im «Mare Tranquilitatis» statt im «Mare Serenitatis», wo Maria ihr letztes Domizil aufgeschlagen hat, wie Dimitru es bei seinen theologischen Studien herausgefunden hat. Kurzum: die ganze Welt hat sich gegen die beiden Freunde verschworen. Sogar der Papst ist Mitglied dieser weltweiten Verschwörung, weil er im Zweiten Vatikanischen Konzil verkündet hat, das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel sei nicht wörtlich zu nehmen. Wie das Unglück es will, wird in dieser Zeit ein neuer Pfarrer in Baia Luna eingeführt, und der erzählt den Leuten in seiner ersten Predigt davon, was Ilja Botev derart auf die Palme bringt, dass er einen Eklat in der Kirche veranstaltet. Es bleibt ihm nur noch die Möglichkeit, Präsident Richard Nixon, der gerade im Begriff ist, die Hauptstadt «Transmontaniens» («Hinter den Bergen») zu besuchen, mit einem persönlichen Brief vor den Folgen zu warnen…

Rolf Bauerdick ist ein sehr schöner und auch ziemlich schräger Roman gelungen. Natürlich soll hier nicht verraten werden, wie das Buch ausgeht. Nur so viel sei noch dazu gesagt: Es ist spannend und komisch; manchmal habe ich Tränen gelacht und andere Male das Buch nicht aus der Hand legen können, bis ich wusste, wie Pavel und die anderen sich aus der Gefahr retten konnten. Es hat auch seine Widersprüchlichkeiten – vor allem in der Person Dimitrus, der einerseits auf eine fast rührend naive Weise an die Religion glaubt und der andererseits, ohne mit der Wimper zu zucken, Reliquien wie die Muttermilch aus den Brüsten der Heiligen Jungfrau herstellen kann, die er dann gegen bares Geld an orthodoxe Klöster verkauft, um zum Beispiel seinem Freund Ilja einen Fernseher zum Geburtstag schenken zu können. Es ist ein Buch, das in einem fiktiven Land, nämlich «Transmontanien» spielt und das doch auf fast jeder Seite das reale Vorbild, Rumänien, durchscheinen lässt. Wer seine (westliche) Überlegenheit ausspielen will, der wird behaupten, dass die Menschen in diesem Buch ja wirklich «hinter den sieben Bergen wohnen», dass sie Hinterweltler sind. Aber offensichtlich hat Bauerdick begriffen, dass religiöse Menschen nicht per se Heuchler sein müssen. Hier zumindest ist es der christliche Glaube, der seine Helden formt, so biblizistisch und abergläubisch er im Übrigen auch ausgestaltet sein mag. Zumindest die wichtigsten Personen des Buchs, Pavel, sein Großvater Ilja und Dimitru, aber auch der Priester Johannes Baptiste sind Menschen mit einem großen, weiten Herzen; daran ändert alle Verschrobenheit nichts.
Mir gefällt, wie Bauerdick Leitmotive schafft, die sich durch das ganze Buch durchziehen. Die Madonna ist so ein Leitmotiv; die Freiheitsstatue in New York ein anderes. An der Sprache hätte, unter Mitwirkung eines umsichtigeren Lektorats, noch gefeilt werden können. Aber Bauerdick hat es geschafft, einen ziemlich komplizierten Stoff so darzubieten, dass das Buch nirgendwo angestrengt wirkt. ■

Rolf Bauerdick, Wie die Madonna auf den Mond kam, Roman, 516 Seiten, Deutsche Verlagsanstalt, ISBN 978-3-421-04446-4

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Leseproben


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Förderung deutschsprachiger Liebesromane

Posted in Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 2. September 2009

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Der DeLiA-Literaturpreis 2010

Delia-Literaturpreis 2009Um den Liebesroman zu fördern, schreibt die Vereinigung deutschsprachiger Liebesroman-Autorinnen und -Autoren einen mit 1’000 Euro dotierten Literaturpreis aus. Zur Teilnahme eingereicht werden können entsprechende Erstveröffentlichungen aus dem Jahre 2009; ausgeschlossen sind Neuausgaben oder Neuauflagen sowie Übersetzungen aus anderen Sprachen. Ebenso ausgeschlossen sind Publikationen mit Kostenbeteiligungen (von sog. Zuschuss-Verlagen) sowie E-Books und Hörbücher. Einsende-Schluss ist am 31. Dezember 2009, die weiteren Details finden sich hier. ♦

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