Glarean Magazin

Gesina Stärz: «Die Verfolgerin» (Roman)

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Günter Nawe, Gesina Stärz, Glarean Magazin, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rezensionen von Walter Eigenmann am 20. April 2013

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«Heute Nacht bin ich gestorben»

Günter Nawe

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Gesina-Staerz_Die Verfolgerin_CoverWas wäre, wenn… man einfach einen Menschen töten würde. Einfach so – auf der Straße? Traum oder Albtraum – oder gar Wirklichkeit? Ein solcher Gedanke jedenfalls wird für Jossi zu einer Art Obsession. Dabei ist Jossi, Anfang vierzig, eine eigentlich recht unauffällige Frau, die in sogenannten gutbürgerlichen Verhältnissen lebt. Ihr Mann ist Kardiologe, die beiden Söhne studieren, sie verdient sich ihr Geld als Texterin.
Wäre da nicht… Von ihrem Mann, der im Roman nur als «der Ehemann» oder «der Mann» bezeichnet wird, fühlt sie sich nach zwanzig Jahren Ehe nicht mehr genügend beachtet, ja verlassen – und wird es letztendlich auch. Ihre Liaison mit Till ist mehr oder minder oberflächlich. Bleibt nur der Schmerz, das Unausgefülltsein. Am Ende hat der Leser ein großartiges Psychogramm einer Frau gelesen.
«Heute Nacht bin ich gestorben», so heißt es zu Beginn des Romans. «Innerlich… Der Mann neben mir im Bett hat geschnarcht…« Ein Whiskey sour lässt «alle Zellen in mir in Schneekristalle verwandeln. Ich weiß nicht, ob ich das geträumt habe, aber ich fühlte mich besser, und etwas in mir wusste, dass dieser Zustand anhalten würde.»

Soweit also die «psychologischen» Voraussetzungen in dem Roman «Die Verfolgerin» von Gesina Stärz. Die Autorin, sie ist in Sachsen geboren, lebt in München und hat mit «kalkweiss» bereits 2011 einen beachtlichen und beachteten Roman veröffentlicht. In ihrem neuen Roman gelingt es ihr auf sehr subtile Weise, Fiktion und Wirklichkeit in Einklang zu bringen, ein spannendes Geflecht von Traum und realem Erleben herzustellen.
Jossi «erfindet» sich ein neues Leben außerhalb der bisherigen Lebenswirklichkeit. Sie verstrickt sich in die Gedankenwelten von Mörderinnen und Mördern, plant gedanklich den perfekten Mord. Motiv: Fehlanzeige. Ihre «Opfer»: Zufallsbegegnungen und Menschen, auf deren Gesichtern alle Empfindungen gelöscht sind. Sie wird zur «Verfolgerin» – auf der steten Suche nach ihren Opfern.
Hier bekommt der Roman einen interessanten kriminalistischen Touch. Jossi recherchiert bis ins kleinste Detail eine Tötungsmethode, die keine Spuren hinterlässt. Ein Gift, das nicht oder kaum nachweisbar ist, wird über eine komplizierte Konstruktion durch einen Stock für das Opfer kaum wahrnehmbar injiziert wird.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin

Gesina Stärz hat einen schönen und spannenden Roman geschrieben, der angesiedelt ist zwischen Psychologie und Kriminalistik, zwischen Traum und Wirklichkeit – und zugleich eine interessante psychologische Studie darstellt über Fiktion und Realität

Die «Planungen» der Morde, die Recherche nach einem seltenen Gift, die Konstruktion der «Waffe», die «Durchführung» (Jossi hat 17 Morde begangen, und niemand hat es bemerkt) – dies alles steht in direktem Zusammenhang mit dem realen Leben der Verfolgerin. Nach außen sieht es so aus, als gelte der ganze Aufwand einem Romanprojekt. Familie, Freundinnen, der Liebhaber – sie alle werden auf raffinierte Art und Weise getäuscht. Alles andere bleibt offen. Fiktion oder Realität? Am Ende bekennt die Verfolgerin: «Ich wollte nicht, das der Ehemann geht. Ich wollte, dass er mich sieht, dass er mich spürt, dass er mir die Hand reicht.». Gibt es hier doch das, was Psychologen und Kriminologen ein Motiv nennen?

Am Ende steht auch ein Satz, der diesen Roman in sprachlicher Hinsicht charakterisiert: «Ihr Ton ist sachlich und wirkt streng.» Das gilt auch für Gesina Stärz’ Sprache, die fast emotionslos ist und wie ein Dossier gelesen werden kann. Die Spannung bezieht das interessante Werk aus seiner gelungenen Mischung von Traum und Wirklichkeit – und tieferer Bedeutung. ■

Gesina Stärz: Die Verfolgerin, Roman, edition 8, 174 Seiten, ISBN 978-3-85990-183-4

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Boris Johnson: «72 Jungfrauen» (Roman)

Veröffentlicht in Boris Johnson, Buch-Rezension, Günter Nawe, Glarean Magazin, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rezensionen von Walter Eigenmann am 20. Juli 2012

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Höllenfahrt im Krankenwagen

Günter Nawe

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So ganz neu ist das Buch, vor acht Jahren bereits in England erschienen, nicht. Jetzt endlich gibt es erfreulicherweise diese herrliche Slapstick-Komödie erstmals auf Deutsch. Und immer noch ist dieser Roman keineswegs  «abgestanden», sondern ein außerordentliches Vergnügen.
Vergnügen? Geht es doch um einen terroristischen Angriff. Und so etwas ist doch wahrlich nicht zum Lachen. Doch! Denn geschrieben hat diesen Roman der etwas exzentrische Boris Johnson, mittlerweile Bürgermeister von London. Und der weiß, was er tut. Versteht er doch viel von Politik, von schnellen Autos, von klassischer Philologie. Manchmal und nicht ungern gebärdet er sich wie ein aristokratischer Snob. Und ist dabei und so ganz nebenher ein intelligenter, ein sprachmächtiger Autor mit einem Hang zu Komödie und Komik. Und aus dieser Gemengelage heraus ist diese wunderbare Polit-Thriller-Satire entstanden.

Bürgermeister, Literat, Komödiant: Boris Johnson

Was ist geschehen? Ein Terroristen-Quartett von der  «Brüderschaft der Zwei Moscheen» klaut einen Krankenwagen, mit dem es sich unter Leitung von Jones der Bombe quer durch London auf den Weg nach Westminister macht. Ziel ist ein terroristischer Anschlag auf das englische Parlament und sogenannten Ehrengästen, vor denen der amerikanische Präsident eine Rede halten wird. Natürlich ist dieser Präsident kein anderer als George W. Bush. Denn wir schreiben das Jahr 2001 – einen Zeitpunkt, kurz nach dem Attentat 9/11, den die Möchtegern-Terroristen bewusst gewählt haben. Verspricht er ihnen doch ein anständiges Medienecho. Und bei Gelingen der Aktion den Einritt ins islamische Paradies, empfangen von zweiundsiebzig Jungfrauen – ein etwas fragwürdiger Lohn. Dass daraus so oder so nichts wird, ahnen nicht nur die Terroristen, sondern auch die Leser.
Profis sind die Vier: Jones, Dean, Haroun und Habib absolut nicht. Und auch die freiwilligen und unfreiwilligen Helfershelfer sind eher Laiendarsteller in Sachen Terrorismus. Mit dem Abgeordneten – very british – Roger Barlow hat Boris Johnson zudem einen Typus ins Spiel gebracht, den keiner ernst nimmt und der dennoch eine Art Hauptrolle spielen wird. So kommt es zu geradezu grotesken Szenen. Die Fahrt mit dem gestohlenen Krankenwagen gerät zu einer Art Höllenfahrt. Einig ist sich dieses Quartett auch nicht immer. Dennoch gelingt es auf oft sehr kuriose Weise, die großangelegten Sicherheitsmaßnahmen zu durchbrechen. Nicht zuletzt deshalb, weil konkurrierende Geheimdienste, unfähige Polizisten, arrogante und karrieresüchtige Parlamentarier dem Geschehen eher tatenlos zuschauen oder sich in die Hosen machen.
Schließlich haben die Vier den Präsidenten in ihrer Gewalt. Sie versuchen, eine weltweite Abstimmung über die Medien zu erreichen, durch die die Häftlinge von Guantanamo freigepresst werden sollen.

Boris Johnson hat einen herrlichen Politik-Thriller geschrieben, ein Buch voller Witz und Komik, voller genialer Einfälle und mit überbordendem Humor. Eine Satire mit einem durchaus ernsten Hintergrund – ein herrliches Lesevergnügen.

Das alles ist so aberwitzig, dass man aus dem Lachen und Staunen nicht herauskommt. Ohne dabei jedoch den ernsten Hintergrund zu übersehen. Komödie und Tragödie liegen nahe beieinander. Am Ende ist es ein wunderbares dramma giocoso. Und eine brillante Vorlage für einen Film.
Johnson ist ein hinreißend witziges und kluges Buch gelungen – mit unzähligen Anspielungen auf seinerzeit aktuelle Ereignisse. Gekonnt und dank eigener parlamentarischer und politischer Erfahrungen kenntnisreich decouvriert er einerseits den demokratischen Machtapparat, die allmächtigen Medien, die vermeintlich allwissenden und alleskönnenden Geheimdienste. Der US-Scharfschütze Prickel, dem im Irak-Krieg in die Hoden gebissen wurde, ist der ideale Vertreter diese Spezies. Johnson macht sich über sie lustig, ironisiert ihre Aktivitäten und Ansichten, macht sich ebenso lustig über das gängige Politikergeschwafel und political correctness und zeigt die Schwachstellen der Systeme auf.
Andererseits stellt Boris Johnson den islamistischen Terror an den Pranger, attestiert ihm Blindheit und immer auch ein wenig Dummheit, stellt Fragen nach der religiösen Motivation. Bei allem Witz, bei aller Situationskomik wahrt der Autor jedoch den Respekt vor dem Islam.
Boris Johnson erzählt in einem atemlosen, rasanten Tempo. Genau drei Stunden und dreiunddreißig Minuten dauert das Romangeschehen, minutiös belegt von 7:52 Uhr bis 11:25 Uhr. Die Slapstick-Einlagen sind ebenso witzig wie die Dialoge. Johnsons an der Wirklichkeit orientierter Einfallsreichtum ist phänomenal. Und so macht das Buch einfach nur Spaß und Freude. ■

Boris Johnson:  72 Jungfrauen, Roman, 412 Seiten. Verlag Haffmans & Tolkemitt, ISBN 978-3-942989-13-8

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Jaume Cabré: «Das Schweigen des Sammlers» (Roman)

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Günter Nawe, Glarean Magazin, Jaume Cabré, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rezensionen von Walter Eigenmann am 17. April 2012

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Von Dämonen besessen

Günter Nawe

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Die Vial, eine wertvolle Geige aus der Werkstatt des Cremoneser Geigenbauers Storioni aus dem 18. Jahrhundert, übt eine seltsame Faszination auf den jungen Adrià Ardèvol aus. Dieser polyglotte, außerordentlich begabte Sohn eines Antiquitätenhändlers aus Barcelona und diese Geige mit ihrem bezaubernden Klang, an der allerdings Blut klebt, stehen im Mittelpunkt des neuen Romans des katalanischen Autors Jaume Cabré.
Die Geige, die Adrià bald perfekt zu spielen versteht, ist auch der Grund für ein Tötungsdelikt, für einen geheimnisvollen Mord, dem Adriàs Vater Felix Ardèvol i Bosch zum Opfer fällt. Für dieses Verbrechen macht sich der Junge selbst verantwortlich. Hat er doch die wertvolle Stoirioni, die sein Vater einem Interessenten zeigen will, gegen seine eigene und weniger wertvolle Geige ausgetauscht. Diese «Schuld», die er später auf andere Weise – die Geige gehörte eigentlich einem jüdischen Besitzer – abtragen will, muss Adrià leben.
Das ist die Konstellation, aus der heraus der Autor seinen Roman konstruiert. Dabei entwickelt er Handlungsstränge, die sich ständig überschneiden oder parallel zueinander verlaufen. Das vielstimmige Personal dieses umfangreichen Buches, die Schauplätze, ein schier unübersehbare Fülle von Ereignissen in Vergangenheit und Gegenwart – das alles ist auf höchst kunstvolle Weise mit- und ineinander verschränkt, so dass eine Nacherzählung fast unmöglich wird.
Dennoch: Gelehrter soll nach Vaters Willen Adrià werden, nach Mutters Willen Geigenvirtuose. Die Konflikte, die sich daraus für den Jungen ergeben, sind evident – und machen die psychische Situation aus, in der der sensible Adrià, eine höchst eindrucksvolle Figur, sich befindet. Adrià – wie schon sein Vater – ist nicht nur von der Musik besessen, sondern auch von dessen Sammelleidenschaft erfasst. Er verstand, «…dass ich von dem gleichen Dämon besessen war wie mein Vater. Das Kribbeln im Bauch, das Jucken in den Fingern, der trockene Mund…». Adrià versucht, sich in diesem Zwiespalt von Gefühlen und Ambitionen, was einem Fluch gleichkommt, zwischen musikalischem Virtuosentum und Gelehrsamkeit einzurichten.

Aus den Recherchen Adriàs über den Mord an seinem Vater und auf der Suche nach dem Täter erschließt sich die Familiengeschichte und die Geschichte der Geige und ihrer Entstehung in Cremona im 17./18. Jahrhundert. Eine dunkle Vergangenheit tut sich auf. Sie ist verbunden mit der Inquisition im 14. und 15. Jahrhundert, in der der Großinquisitor und sein Sekretär, ein Meuchelmörder, ein Mönch und ein jüdischer Arzt entscheidende Rollen spielen; Paris wird zum Schauplatz und 1914 bis 1918 auch Rom. Eine Geschichte, die Jaume Cabré in Auschwitz–Birkenau 1944 enden lassen wird, mit den schrecklichen Verbrechen von Sturmbannführern und KZ-Ärzten an jüdischen Häftlingen. Cabré schlägt damit einen historischen Bogen vom Mittelalter bis in die Neuzeit – und stellt oft erschreckende Übereinstimmungen, vor allem in ihren negativen Erscheinungsformen, fest.

Dichter von Weltrang: Jaume Cabré (*1947)

Es ist eine Geschichte, es sind viele Geschichten in einer von Gier und Macht und Neid, von dunklen Mordfällen und finsteren Intrigen, vom Bösen schlechthin – aber auch über die Liebe. Eine Liebe, die Adrià und Sara erleben und erleiden. Der Roman ist eine Art Metapher über den Missbrauch von Macht und über die Macht der Kunst. Damit ist dieser wunderbare Roman auch ein Buch über die conditio humana, melancholisch dargestellt und sehr tragisch, der sich Adrià ausgesetzt sieht. Rettung erwächst ihm jedoch aus der Liebe und aus der Liebe zur Gelehrsamkeit und zur Musik.

Jaume Cabré wechselt oft unerwartet die Zeitebenen. Erzählzeit und erzählte Zeit gehen plötzlich ineinander über. Es ist ein faszinierendes Tableau der Gleichzeitigkeit von aktuellem Geschehen, von Erinnerung und historischen Fakten, das dieser geniale Autor geschaffen hat. Mitten im Satz wird aus dem Ich-Erzähler ein auktorialer Erzähler; ergibt sich eine Art «Wechselgesang» zwischen der ersten und dritten Person. Wir haben es mit einer sehr kühnen, jedoch sehr gelungene Romankonstruktion zu tun, die vom Leser ein hohes Maß an Aufmerksamkeit erfordert; ihn dafür aber auch wunderbar belohnt. Die kongeniale Übersetzung durch Kirsten Brandt und Petra Zickmann trägt dazu in hohem Maße bei.

Jaume Cabrés Roman "Das Schweigen des Sammlers" ist eine Studie von einzigartigem, ja weltliterarischem Rang über die Macht und deren Missbrauch - und über die Macht der Kunst.

Jaume Cabré ist ein äußerst kluger, ein souveräner Autor. Das hat er bereits in seinen früheren Büchern («Die Stimmen des Flusses», «Senyoria») bewiesen. Mit diesem Roman toppt er jedoch seine bisher erschienenen Romane. Das hat nicht nur etwas mit dem Plot, den vielen Plots, sehr ambitioniert und virtuos miteinander verknüpft, zu tun, sondern auch mit der Musikalität der Sprache des katalanischen Autors. Jaume Cabré hat einmal darüber gesagt: «…denn mehr noch als Schriftsteller bin ich Musiker, jedenfalls, was die Leidenschaft angeht… Es gibt eine syntaktische Kadenz, an der ich dauernd arbeite…». Genau so auch liest sich der Roman, hoch musikalisch, von großer sprachlicher Dichte, artistisch, ohne artifiziell zu sein.
Es sicher nicht zu weit ausgeholt, diesem großartigen Roman weltliterarischen Rang zuzusprechen. ■

Jaume Cabré: Das Schweigen des Sammlers, 839 Seiten, Insel-Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3-458-17522-3

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Die neue Komödie von David Safier

Veröffentlicht in Buch-Rezension, David Safier, Literatur, Rezensionen von Walter Eigenmann am 15. November 2008

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«Jesus liebt mich»

Walter Eigenmann

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savier_jesus-liebt-michDavid Safier, erfolgreicher Drehbuch-Autor von TV-Soaps wie «Berlin, Berlin», «Nikola» oder «Mein Leben&ich», legt nach seinem schräg-schrillen Bestseller «Mieses Karma» eine weitere Kostprobe seiner aberwitzigen Fabulierlust und -kunst vor. In «Jesus liebt mich», einer modernen, mit teils urkomischen, teils durchaus auch platteren Gags angereicherten, mitnichten blasphemischen, schon gar nicht sektiererischen Komödie – für Puristen vielleicht gar Comedy -, handelt Safier die Geschichte einer ganz speziellen Liebe ab: Marie, Anfang 30, eigentlich ziemlich unreligiös, hat gerade ihrem Freund Sven just vor dem Traualtar mit einem deutlich vernehmbaren «Nein!» den Laufpass gegeben. Kurz darauf lernt sie einen Zimmermann kennen, der den väterlichen Dachstuhl reparieren soll: Joshua. Joshua ist, ganz im Gegensatz zu Maries früheren Typen, einfühlsam, sensibel, völlig selbstlos. Marie verliebt sich – und fällt buchstäblich aus allen Wolken, als ihr der fremde Zimmermann eröffnet, dass er – Jesus sei.
Originalton: «’Du glaubst mir nicht, dass ich Jesus bin’, stellte er fest. Warum konnte er nicht einfach sagen: Du, die ganze Jesus-Nummer war ein ziemlich dummer Scherz. Den habe ich nur gemacht, weil ich ein ein oller Kiffer bin. Damit hätte ich sehr gut leben können. Darauf hätte man eine gemeinsame Zukunft aufbauen können. ‘Dir fehlt der Glaube’, merkte Joshua sachlich an. Und dir eine Zwangsjacke, dachte ich…»

David Safier

Man täte Safier völlig unrecht, ordnete man seiner süffigen «Jesus»-Lovestory irgendwelches reinkarnatives, überhaupt besonders religiöses, womöglich gar Dostojewski-Gedankengut («Großinquisitor») zu. Auch wenn darin ne Menge missianische (Un-)Heilsverkündigung – Satan und Erzengel inklusive – zu finden ist. «Jesus liebt mich» ist einfach ein flockig-lockerer, gekonnt formulierter, zuweilen arg kalauernder, aber nonstop origineller Unterhaltungsroman, gestreckt mit zahllosen verbalen – und übrigens 16 tatsächlichen – Comic-Attacken auf so manche gesellschaftsmoralische und pseudospirituelle Rührseligkeit unserer Zeit. Alles in allem 300 Seiten lang ein Lese-Spaß erster Güte, und wer schon Safiers «Karma» mochte, wird bei seinem «Jesus» vollends vor heiterer Ehrfurcht in den Boden versinken. Für Christen und Atheisten. ■

David Safier, «Jesus liebt mich», Roman & s/w-Zeichnungen, Kindler Verlag, 304 Seiten, ISBN 978-3463405520