José Saramago: «Die Reise des Elefanten»
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Salomons abenteuerliche Reise nach Wien
Günter Nawe
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Am 18. Juni 2010 ist der portugiesische Autor und Literatur-Nobelpreisträger José Saramago im Alter von 87 Jahren gestorben. Der überzeugte Kommunist und bekennende Atheist, Autor so berühmter Bücher wie «Die Stadt der Blinden» und «Die Stadt der Sehenden», hat uns jetzt, als eine Art Vermächtnis, einen kleinen Roman, eher eine wunderbare Novelle hinterlassen.
Saramago war ein äußerst eleganter Spötter, ein brillanter Ironiker und ein herausragender Erzähler. Alles, was er an literarischen und intellektuellen Fähigkeiten besaß, hat er noch einmal in «Die Reise des Elefanten» eingebracht. Eine Geschichte, die auf einer historischen Begebenheit basiert. Denn tatsächlich hatte Mitte des 16. Jahrhunderts König Johann von Portugal einen an seinem Hofe lebenden Elefanten dem österreichischen Erzherzog Maximilian zur Hochzeit geschenkt und auf die Reise durch Spanien, über das Mittelmeer, durch Italien und über die Alpen nach Wien geschickt.
José Saramago macht daraus eine großartige comédie humaine. Denn neben der abenteuerlichen Schilderung dieser Reise werden die Eitelkeiten und Schwächen der Menschen, repräsentiert durch das riesige Gefolge, das den Elefanten «standesgemäß» begleitet oder ihm begegnet, aufgezeigt – seien sie Könige, Mächtige oder einfache Soldaten. Oder Kirchenmänner.
An ihnen und dem christlichen Glauben sowie seiner Überlieferung wetzt Saramago genüsslich sein literarisches «Messer» in Form von brillanten Sottissen und blasphemisch anmutenden Sentenzen. So heißt es an einer Stelle: «Darin liegt jedoch der große Irrtum des Himmels, da für ihn selbst nichts unmöglich ist, glaubt er, die angeblich nach dem Vorbild seines allmächtigen Bewohners geschaffene Menschen verfügen über dasselbe Prinzip.» Oder: «Fast sind wir versucht wie dieser andere zu sagen, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.» Das kann und wird nicht unbedingt jedem gefallen, aber hier geht es nicht um Glaubensbekenntnisse, sondern um Literatur. Kommt hinzu: Die Geschichte spielt in der Zeit der beginnenden Gegenreformation. Luther hatte gerade den Stein in den etwas trüben Teich römisch-katholischen Absolutheitsanspruchs geworfen, formierte sich mit Inquisition und dem Konzil von Trient heftiger Widerstand.

Die wahre Geschichte eines indischen Elefanten auf der Reise von Lissabon nach Wien – literarisch hervorragend «in Szene» gesetzt» vom portugiesischen Literaturnobelpreisträger José Saramago. Noch einmal hat der Alt-Kommunist und bekennende Atheist sein ganzes Können gezeigt: als brillanter Erzähler, als eleganter Spötter und Ironiker.
Hauptperson der höchst vergnüglichen Geschichte, vom Autor ganz leicht und locker erzählt, ist der Elefantenführer Subhro, der als Mahut dafür sorgen soll, dass das Tier mit dem Namen Salomon letztlich sein Ziel unbeschadet erreicht. So sorgt er für die Bedürfnisse des Tieres auf der schweren Reise, als da sind Unmengen von Futter und Wasser; für die «Entsorgung» ebenso großer Mengen von Exkrementen – kurz: für das Wohl und Wehe des ihm anvertrauten Tieres. Außerdem bringt Subhro, ein gebürtiger Inder, ein Underdog und ein kluger Mann, den es nach Portugal verschlagen hat, seinem Elefanten auf Befehl bei, vor einer Kirche eine Kniebeuge zu machen. Ironischer geht es nicht. Ironie ist es auch und letztlich Spott, wenn die Rechtgläubigen den Elefanten in «Soliman» und Subhro in «Fritz» umtaufen. Der Dickhäuter jedenfalls nimmt’s gelassen und sein Herr, Mahut Subhro, beobachtet reflektierend aus luftiger Höhe, vom Elefantenrücken das aberwitzige Treiben.
Das alles hat doppelte Bedeutung und steckt voller Witz. Der Leser findet in diesem Roman Geschichte und Geschichten – und wird dank der Kunst des Autors herrlich unterhalten. ■
José Saramago, Die Reise des Elefanten, Roman, 236 Seiten, Hoffmann und Campe Verlag, ISBN 978-3-455-40279-7
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Leseproben
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Fernando Pessoa: «Genie und Wahnsinn»
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«Sei vielfältig wie das Universum»
Günter Nawe
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Der Band «Genie und Wahnsinn – Schriften zu einer intellektuellen Biographie» bildet den Abschluss der grandiosen Werkausgabe von Fernando Pessoa (1888 bis 1935) im Zürcher Ammann Verlag. Er fasst annähernd alle Nachlassfragmente zusammen, die von der großen Schlüsselfigur des portugiesischen Modernismus zu Themen wie Genie, Wahnsinn, Degeneration oder Psychopathologie niedergeschrieben worden sind.
Der junge Pessoa erweist sich darin als ein beachtlicher Kenner der geistigen Strömungen, die in Europa vor dem Ersten Weltkrieg im Umlauf waren und in der damaligen Zeit die intellektuelle Aufmerksamkeit beherrschten. Genannt seien stellvertretend Siegmund Freud, Max Nordau und Cesare Lombroso. Dabei ist zu berücksichtigen, dass alle so entstandenen Texte Frühschriften sind – aus der Zeit nach der Rückkehr Pessoas aus Afrika.
«Sei vielfältig wie das Universum» galt als Lebensdevise des Fernando Pessoa. Wie sehr er sich daran gehalten hat, zeigt sein Werk, das mit dem «Buch der Unruhe» des kurzsichtigen Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, mit den Büchern seiner Heteronyme Alberto Caeiro, Ricardo Reis, Álvaro de Campos und António Mora nicht nur diese Vielfalt dokumentiert, sondern zu den ganz großen Werken der Weltliteratur gehört.
Mit dem Band «Genie und Wahnsinn – Schriften zu einer intellektuellen Biographie» liegt also die «definitive, erweiterte Ausgabe der Werke Fernando Pessoas in neuer und überarbeiteter Übersetzung» vor, wie der Verlag zurecht feststellt. Und damit ein sehr schöner Abschluss einer hervorragenden Werkedition, für die der Ammann Verlag nicht genug zu loben ist.
«Verrücktwerden bedeutet, dass man zu leben beginnt». So befasst sich Pessoa im ersten Teil dieses Bandes mit den Gegebenheiten und Varianten von Wahnsinn und Genie, die sich nach seiner Auffassung gegenseitig bedingen. Es sind allerdings keine in sich geschlossenen Abhandlungen, sondern eher fragmentarische Texte. Es ist, wie der Herausgeber und Übersetzer Steffen Dix in seinem vorzüglichen Nachwort ausführt, eine Art der Selbstvergewisserung und der Selbstanalyse, der sich der Autor denkend und schreibend unterzieht. Diese Abhandlungen tragen aber wie auch die anderen Kapitel dieses Buchs dazu bei, das nachfolgende Werk des großen Schriftstellers etwas besser zu verstehen.
Das gilt auch für die literaturwissenschaftlich interessante «Fragestellung Shakespeare-Bacon», sowie die «Abhandlungen» zum Thema «Literatur und Psychiatrie» und «Über Kunst und Künstler». Spannend zu lesen auch die «Auszüge aus einigen Erzählfragmenten».
Damit also sind «wieder neue Masken Pessoas (…) ans Tageslicht befördert» worden. Werden es wirklich die letzten sein? Und was gibt die berühmte «Fundgrube», von der immer wieder einmal gesprochen wird, eventuell noch her? Wir dürfen gespannt sein. ■
Fernando Pessoa, Genie und Wahnsinn – Schriften zu einer intellektuelle Biographie, aus dem Portugiesischen und Englischen von Steffen Dix, Ammann Verlag Zürich, 442 Seiten, ISBN 978–3–250–10456-8
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«Ich werde Verleger bleiben bis an die Bahre»
Interview mit Egon Ammann
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Günter Nawe: Herr Ammann, mit dem Band «Genie und Wahnsinn» liegt jetzt – so die Verlagsmitteilung – «die definitive, erweiterte Ausgabe der Werke Fernando Pessoas» vor?
Egon Ammann: «Genie und Wahnsinn» ist ein weiterer Band in der Reihe von Ammanns Ausgabe der Werke von Fernando Pessoa. Die Texte, die in diesem Band versammelt sind, sind tatsächlich auf dem neuesten Stand der portugiesischen Quellentext-Forschung.
GN: Wirklich – oder ist in der berühmten «Truhe» noch etwas zu finden?
EA: Noch ist die Ausgabe nicht abgeschlossen, es fehlen wichtige Pfeiler von Pessoas Werk: Einmal die Gedichte, die er unter seinem Namen Fernando Pessoa geschrieben hat, also Texte, die er keinem seiner Heteronyme zugeordnet hat; eine Auswahl aus diesem orthonymen Pessoa wird in der Übersetzung von Inés Koebel 2013 bei S. Fischer erscheinen. Ein weiterer Band mit eher theoretischen Texten zum Modernismus, inspiriert von Marinetti, wird 2012, übersetzt von Steffen Dix unter den Titel «Sensationismus», der portugiesischen Variante des Modernismus, ebenfalls bei S. Fischer erscheinen.
GN: Diese «Schriften zu einer intellektuellen Biographie» sind so etwas wie «Fingerübungen» des damals noch jungen Pessoa. Welchen Stellenwert haben sie nach Ihrer Meinung innerhalb des Gesamtwerks?
EA: Die Schriften zu einer, wie wir das Buch im Untertitel genannt haben, «Intellektuellen Biographie» Fernando Pessoas sind wichtig, da er sich mit beiden Themata Genie und Wahnsinn, mit Degeneration und Psychopathologie bis zu seinem Lebensende befasst hat, auch wenn die meisten der in diesem Band versammelten Texte aus seiner frühen Schaffenszeit stammen, also um 1907 bis zum Beginn des ersten Weltkriegs. Sie bieten so tatsächlich Einblick in die Seelenstruktur des bedeutenden Portugiesen.
GN: Die Edition der Werke Fernando Pessoas ist so etwas wie ein «Schlusspunkt» in einer großen und erfolgreichen Reihe bedeutender Werkausgaben: Ossip Mandelstam, Antonio Machado, Fjodor Dostojewski und Ismail Kadare. Und damit auch ein «Schlusspunkt» für den Verleger Egon Ammann. Warum?
EA: Sie haben nicht unrecht, dass wir mit Fernando Pessoa so etwas wie einen Schlusspunkt unserer editorischen Arbeit setzen, doch, wie gesagt, es werden noch zwei, drei Bände folgen, nicht mehr mit dem Impressum des Ammann Verlags, aber bei S. Fischer. – Und ein endgültiger Schlusspunkt wird die Ausgabe Pessoas nicht sein. Wir hatten vor zwei, drei Jahren mit zwei wichtigen Werken begonnen, einer Neuübersetzung von Dantes «Göttlicher Komödie» durch Kurt Flasch. Dieses Werk wird 2011 im Herbst bei S. Fischer erscheinen, ich darf es als Verleger begleiten. Und dann ein großer Roman, von seiner literarischen Bedeutung her wie von seinem Umfang, ein Italiener mit Namen Stefano d’Arrigo, hierzulande eher unbekannt, der Titel seines großen Romans «Horcynus Orca», eine moderne Odyssee, wenn Sie so wollen, die während der Landung de Alliierten auf Sizilien spielt. Ein großartiger Meerroman, der zu den großen Romanwerken des vorigen Jahrhunderts zählt. Dieses Werk wird voraussichtlich 2013 ebenfalls bei S. Fischer erscheinen. Und danach dürfte, mit Seiner Hilfe, Schluss sein.

«Ein hervorragendes literarisches Programm» (Zurlauben-Preisverleihung 1993): Über 800 Bücher im mehrfach prämierten Ammann-Verlagsprogramm
GN: Sie haben einmal gesagt: «Ich bin mit Leib und Seele Verleger». Und Sie waren es schließlich dreißig Jahre lang – und sehr erfolgreich. Gilt diese Aussage heute nicht mehr?
EA: Doch, ich bin Verleger und werde Verleger bleiben bis an die Bahre – oder Grube. Das ist und war mein Beruf.
GN: Hat Ihr Rückzug als Verleger etwas mit den Entwicklungen in der Branche zu tun, mit den neuen technischen Gegebenheiten oder auch mit den Veränderungen innerhalb der Literatur?
EA: Der Rückzug, das heißt die Schließung von «Ammann», hat verschiedene Gründe, auf die wir reagiert haben. Einer davon ist die Tatsache, dass wir mit unserer Branche auf der Schwelle einer Revolution stehen. Gutenberg wird nicht abdanken, davon bin ich überzeugt, aber das Geschäft wird andere Wege gehen, sowohl im herstellenden wie im vertreibenden Buchhandel. Das digitale Zeitalter steht ante portas, und dem wollte ich mich nicht mehr stellen. Das sollen die Nachfolgenden, die Jungen bewältigen.
GN: In Ihrem herausragenden Verlagsprogramm gibt es – parallel zu den genannten großen Übersetzungen von Autoren der zeitgenössischen Moderne – eine Vielzahl prominenter Gegenwartsautoren. Ich nenne nur Julia Franck, Thomas Hürlimann, Navid Kermani, Katja Oskamp. Was geschieht mit diesen Autoren und ihren Büchern – und allen anderen rund 800 Titeln – in Zukunft?
EA: Diese Autorinnen und Autoren, die zum Teil bei Ammann debütiert oder bis zuletzt in unserem Haus veröffentlicht haben, haben inzwischen neue Verlagspartner gefunden, worüber wir sehr froh sind. Für einige wenige suchen wir noch Verlage, ich bin zuversichtlich, dass wir auch für sie früher oder später neue Heimaten finden werden. Es sind durchweg ernstzunehmende, gute Schriftsteller und Dichter, die werden ihren Weg gehen.
GN: Sie sind eine herausragende Persönlichkeit, nicht nur als Verleger. Sie haben ein Stück weit mit Ihrem Verlag die literarische Landschaft geprägt. Was macht Egon Ammann vor diesem Hintergrund in Zukunft? Bleiben Sie auf die eine und andere Weise der Literatur erhalten?
EA: Wie ich schon ausgeführt habe, werde ich die Werkausgabe von Pessoa weiterhin begleiten, auch den Dante und den d’Arrigo, aber dann werde ich das Alter erreicht haben, wo ich mich mit mir und meinem Abtreten beschäftigen muss. Auch das wird Arbeit sein. – Ein Kollege von mir, Friedrich Witz, der Begründer des Artemis Verlags, hat seine Biographie mit dem vielsagenden Titel «Ich wurde gelebt» überschrieben. Ganz so ist es bei mir nicht gewesen, ich konnte und habe gestaltet, ich habe gedient, ja, und dann kommt die stille Besinnung auf das, was gewesen ist, die Rechenschaft, das Beschäftigen mit dem Abgang. Eine Biographie jedoch wird es nicht geben, so wichtig ist die nicht und bin ich nicht. ■
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