Glarean Magazin

Essay von Joanna Lisiak

Posted in Essays & Aufsätze, Joanna Lisiak, Literatur, Psychologie by Walter Eigenmann on 25. Juli 2011

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Reife Männerstimmen

Joanna Lisiak

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Man kann sich ihrer Faszination nicht entziehen, auch wenn man sie zunächst wahrnehmen, ja erst gewahren muss als ein isoliertes Ereignis. Denn tauchen sie auf, umgibt sie sogleich die Hülle eines ganzen Kosmos’, der reich an unterschiedlichen Assoziationen ist. Man muss nicht erst künstlich versessen sein auf die menschliche Stimme, deren Klang und Wirkung, um die durchdringende Aura dieser ganz besonderen Stimmen zu erkennen. Möglich, dass eine anachronistische Veranlagung oder die Erwartung, in einer Stimmfarbe zugleich auch auf einen vollen Körper zu treffen, dazu verleiten, reife Männerstimmen, von denen hier die Rede ist, als mehr als einen zufriedenstellenden Hörgenuss zu deklarieren.
Was aber ist der Körper dieser Stimmen, aus was setzt er sich zusammen, so dass die Sympathie beim Hörer alsbald hergestellt ist und die Anziehungskraft ihre Wirkung nicht verfehlt? Die Auslegung der Fragen in psychoanalytische Einzelteile oder gar die Annäherung an ödipale Konflikte würde die Betrachtungsweise verfehlen, weil sie allzu sehr auf die einzelnen Subjekte eingehen würde und die Stimme nichts weiter als ein Schlüssel diente, um die Charaktere beziehungsweise Beziehungen der Protagonisten offenzulegen. Von einer solchen Analyse ist man jedoch weit entfernt, wenn man vor allem untersuchen möchte, aus was sich die erquickende Wirkung speist, die eine solche Stimme auf den Hörer hat. 1)

Stimmritze und Stimmbänder des Menschen

Zunächst ist da der reine Klang. Ein Klang, der mindestens einem harmonischen Dreiklang gleichkommt, oder der ist wie ein guter Duft, welcher eine Basis-, eine Herz- und eine Kopfnote einschließt. Die menschliche Männerstimme ist mit einer Reife belegt, die das hörende Gemüt im Nu besänftigt. Die Stimme wirkt erfahren, doch ist dies kaum der Hauptgrund, weshalb sie vertrauenerweckend scheint. Ohne genau lokalisieren zu können, woher die Überzeugung herrührt, schreiben wir dieser stimmlichen Reife eine innere Reife zu, die uns ermöglicht, uns hineinzubegeben ins richtige Hören, sprich, ins Zuhören hinein. Dieses Zuhören findet auf einer tieferen Ebene statt als das rein akustische Wahrnehmen, das an das thematische Interesse gekoppelt ist. Zuhören aus einem vertrauten Punkt heraus bedeutet in erster Linie zu glauben, was der andere sagt, und es meint zudem, Vorbehalte abzubauen, sich nicht dagegen anzulehnen, was gesagt wird/werden könnte, dem wir uns mit unserer Meinung entgegensetzen könnten oder möchten.

Dies soll nicht bedeuten, dass wir durch diese reifen Männerstimmen sang- und klanglos manipuliert werden wollen, oder dass wir etwa unbewusst einem Mechanismus zum Opfer fallen, der unser eigenes Denken lähmt. Der kritische Punkt wird in der Konstellation des Zuhörens einer reifen Stimme allemal – und ist zunächst abhängig von einem selbst und nicht von der Person ausserhalb –, wohl aber etwas verzögert erreicht. Durch die gegebene Chronologie: 1. Vertrauen, 2. (mögliche) Kritik entsteht jedoch ein Denken, das von einem konzentrierten Punkt her stattfindet und erst noch aus einer entspannten, womöglich eher aus einer emotionalen denn einer kognitiven Haltung heraus. Eine von Anfang an misstrauische, kritische Haltung, zum Beispiel gegenüber einer weniger überzeugenden Stimme, beschäftigt das Gehirn von vornherein, was einerseits zu einer zusätzlichen Aktivität und somit Belastung, also auf Kosten der Konzentration geht, andererseits das Denken unnötig in eine vom Misstrauen, nicht aber vom Thema bestimmte Richtung lenkt. Das Naturell des Spielerischen und Kreativen ist jedoch in ein entkrampftes Umfeld zu betten. Nur so ist ein solches Denken flexibel und offen für jene anderen Einflüsse ausserhalb, die sich aus diesem Prozess erst ergeben.

Sympathie-/Empathie-Organ: Das menschliche Ohr

Die stimmliche Reife überdies, erweckt das Vertrauen des Zuhörers auch deshalb, weil sie zweifellos eine Aura von Sympathie umgibt, die wiederum nicht auf einer sympathisch klingenden Stimmfarbe, sondern in allererster Linie auf Empathie aufbaut. Jener Empathie nämlich, sozusagen als «Voraus-Bonus» gegenüber dem Zuhörer, die der noch zu entstehenden Sympathie zugrunde liegt. Der vermittelte Inhalt geht mit dem Sprechenden auf dieser zeitlich nur gering und nur unbewusst verschobenen Grundlage entspannt und harmonisch einher und bewirkt, dass das Gesagte glaubwürdig daherkommt. Zweifelsohne gibt es auch andere, unreifere Stimmen, die überzeugend wirken können, uns zum Kern des Themas transportieren und unsere Reflexion vorbehaltlos ankurbeln. Der Unterschied liegt vermutlich darin, dass die reifen Männerstimmen auch dank dem Vorteil der Empathie immer ein Stück weit authentischer wirken und uns daher das Gefühl vermitteln, das Gesagte und Erzählte wirklich selbst erlebt zu haben.

Unsere Gesellschaft ist nicht darauf ausgerichtet, sich in erster Linie mit älteren Menschen zu identifizieren, noch weniger darauf, sie sich zum Vorbild zu machen. Ob junge Männer – insbesondere solche, die Berufe ausüben, in denen die Stimme ein wichtiges Element, ja auch Teil eines Erfolges ist – solchen reifen Stimmen (und nicht nur klangschönen, stimmgewaltigen) nacheifern, ist schwer zu beurteilen. Kann, wenn er es möchte, ein guter Schauspieler nicht auch eine Authentizität durch reine Arbeit erreichen? Er kann es bedingt. Empathie ist gewissermassen auch technisch herzustellen, indem man sich das Gegenüber vorstellt auf der einen Seite, und andererseits, indem man sich als Vortragender in den Text mit Frische, Begeisterung und einem Stück Reflexion auf das eigene Subjekt hin bezogen, das eben spricht, hineinbegibt. Ein ordentlich guter Schauspieler, der nicht mit der besagten reifen Männerstimme ausgestattet ist, hat durchaus die Aussicht, uns durch seine Kunst zu verführen, uns mit ihm fühlen zu lassen, ihn als Schauspieler vergessen zu machen, und er kann uns für sich gewinnen, indem wir ihm Glauben schenken, mit ihm sympathisieren usw. Doch wird er es sehr schwer haben, die Empathie, die er uns gegenüber hat, durch Bewusstsein, Absicht, Willen und Handwerk grundlegend und vom ersten Ton an herzustellen. Denn die Empathie der reifen Männerstimme dem Zuhörer gegenüber baut nicht nur zeitlich rascher, sondern auf einer universellen Sprache auf und meint nicht zwei einzelne Menschen – den Sprechenden und Zuhörenden plus den Inhalt -, sondern zwei Menschen, die sich erst durch die Menschheit, ja Menschlichkeit grundlegend definieren und auf diese Weise ganz ausserhalb des vermittelten Inhaltes zueinander finden.

Unverwechselbare Reife der Stimme: Placido Domingo, Heinz Reincke, Christian Kohlund

Diese voller Wohlwollen empfundene Empathie örtlich aufzuspüren ist ebenso sinnlos, wie es unmöglich ist, die Worte zwischen den Zeilen ausfindig zu machen. Wie auch immer diese Stimmen entstehen und reifen: mit bewusst erlebtem, reich gelebtem Leben gefüllt scheinen sie allemal. Die pure Freude der zuweilen zarten, märchenhaft anmutenden Erzählweise des mit dieser Stimme Sprechenden schwingt immer über die Vermittlung des Textes, über den Sprechenden und über den Hörenden hinaus. Sie schwingt, glüht, steckt an. Sie ist gebend, auch wenn wir nicht erfassen können, was genau wir bekommen. Sie lässt einem gewiss die Freiheit und doch kaum die Wahl, sich irgendwie lebendig, substanziell zu fühlen, in dem Moment, wo sie zu uns spricht und etwas bei uns erreicht oder in uns bewirkt.
Die Empfänglichkeit für diesen Schwung und die Begeisterung für diese reifen Männerstimmen hat wohl kaum ihren Ursprung darin, dass wir in diese Stimmen das Organ des Wunschgrossvaters oder Vaters projizieren. Die Anziehungskraft des Fremden und doch stets so Vertrauten kann bisweilen bis zu den erotischen Gefilden führen, auch wenn diese Form von Erotik wohl weniger die Leidenschaft weckt, als dass sie ihr (künftiges, vergangenes, hier wie dort oder in der Menschheit selber verankertes) Vorhandensein unprätentiös und verständnisvoll offenbart.

Am Ende bleibt die fahle Befangenheit, dass diese Art von reifen Männerstimmen ausstirbt, da sie einer Männerart angehört, die es so bald nicht mehr gibt. Möglicherweise waren, salopp ausgedrückt, Menschen diesen Schlags schon immer rar, aber immerhin gab es genug derer, die diesen Stimmen einen festen Platz in der Gesellschaft einräumten, sie wertschätzten und sie für Tonaufnahmen, sei es in Hörspielen, Hörbüchern, Radiosendungen oder für Vertonungen von Dokumentar- oder anderen Filmproduktionen engagierten. Die Tonträger und ein paar nostalgische Zeugen werden bleiben, hoffentlich aber jene, die so zu leben verstehen, dass solche Stimmen überhaupt erst erzeugt und hervorgebracht werden können, sowie andere, die es verstehen diese zu fördern, um sie der Gesellschaft zugänglich zu machen. Mangels genügender Vorstellungsgabe ist es unmöglich, sich der in den Medien heute vertretenen Männerstimmen jene herauszupicken, die die Eigenschaften von dieser Art reifen Männerstimmen in gesetztem Alter erreichen könnten. ▀

1) Der Text ist im weitesten Sinne vielleicht eine persönliche Lobeshymne an die reifen Männerstimmen, kann jedoch durchaus auch als Beispiel für die reife menschliche Stimme und somit auch als Pendant mit dem Beispiel der weiblichen reifen Stimme gelesen werden. Um den Textfluss nicht unnötig mit Parallel-Beispielen aus der weiblichen Stimmwelt zu stören, wurde der Fokus einzig auf die maskuline Seite gelegt. Möglicherweise auch deswegen, weil mehr Beispiele unter Männern gefunden wurden.

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 Joanna Lisiak

Geb. 1971 in Poznan/Polen, Lyrik- und Prosa-Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften, schreibt auch Theaterstücke & Hörspiele, Mitglied u.a. des PEN, Jazz-Sängerin, lebt in Nürensdorf/Schweiz

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Komponisten-Porträt: Andrew Lloyd Webber

Posted in Andrew Lloyd-Webber, Essays & Aufsätze, Musical, Musik, Walter Eigenmann by Walter Eigenmann on 7. Juli 2007

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Von Jesus bis Evita

Walter Eigenmann

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Andrew Lloyd-Webber (*1948)

Bereits als Neunjähriger soll der am 22. März 1948 im englischen Westminster als Sohn des Professors für Musiktheorie & Komposition am Royal College of Music William S. Lloyd-Webber geborene Andrew Lloyd Webber ein Theaterstück für Kinder geschrieben haben. 1971 gelang ihm mit der (umstrittenen, das Neue Testament eigenwillig interpretierenden) Rockoper «Jesus Christ Superstar» der erste Welterfolg. Nach und nach kamen mit «Evita» (1978), «Cats» (1981), «Starlight Express» (1984) weitere Musical-Hits auf die internationalen Show-Bühnen – alle mit durchschlagendem Erfolg.
Heute dürfte Lloyd Webber (nicht zuletzt dank eines effizient im Hintergrund wirkenden Text- und Songwriter-Teams sowie einer perfekt funktionierenden PR-Maschinerie) der berühmteste (und reichste) U-Komponist aller Zeiten sein.

Alle Webber-Musicals leben von einer aufwendigen Inszenierung mit effektvoller Lichtregie und kostspieligen Kostümen. Darüber hinaus stellen sie teilweise hohe Ansprüche an die tänzerischen, gesanglichen und schauspielerischen Fähigkeiten der Darsteller.
Formal sind sie meist nach dem konventionellen Muster der klassischen «Nummern-Revue» gestrickt, wobei die Stoffe entweder literarische Vorlagen adaptieren (T.S. Eliot bei «Cats», G. Leroux beim «Phantom») oder auf eigenen Drehbüchern – Webbers «Lieblingstexter» sind Tim Rice und Richard Stilgoe - basieren.

Eines der meistaufgeführten Musik-Bühnenstücke der Welt: Andrew Lloyd-Webbers «Cats»

Musikalisch ist der erfolgsverwöhnte Musical-König mit allen Wassern gewaschen, und die Palette seiner Stilmittel ist für einen Unterhaltungskomponisten erstaunlich breit. Vom akkordisch einfachen Liebesduettchen bis zum dissonant-martialischen Orchestertutti, von der lyrischen Solo-Arie bis zum rockigen «Chorus Line» ziehen seine (gelegentlich durchaus kitschigen Herz-Schmerz-) Stücke sämtliche Ausdrucksregister des modernen Bühnen-Entertainments.

1985 kam mit dem «Requiem» sogar ein (melodisch teils betont populär-«süβlicher», deshalb geschmacklich auch heftig umstrittener) Abstecher in die «Klassik» hinzu. Das großangelegte Werk (nach der lateinischen Totenmesse) wurde in der New Yorker Thomas-Kathedrale uraufgeführt – immerhin mit dem renommierten English Chamber Orchestra unter Lorin Maazel sowie Placido Domingo und (Webbers Ex-Ehefrau) Sarah Brightman in den Solo-Parts.

Uraufführung des Requiems 1985 mit Domingo und Brightman unter Lorin Maazel

Der weltweite, nun schon seit 35 Jahren anhaltende Erfolg des mehrfach preisgekrönten Musical-Schöpfers Sir Andrew Lloyd-Webber kann nicht allein auf romantischen Kuss-Szenen, kreativen Syntheziser-Klängen, gigantischen Licht-Orgien oder millionenschweren Saal-Bauten beruhen. Lloyd-Webber, das ist auch eine Traumfabrik. Kein anderer Show-Komponist vor ihm hat die moderne Widersprüchlichkeit zwischen «Schein und Sein», aber auch «Kitsch und Kunst» so psychologisch raffiniert, musikalisch vielfältig und gleichzeitig szenisch virtuos auf die großen Showbühnen der internationalen Musik-Szene gebannt. Das ist der Grund, warum man einige der besten Stücke des A. Lloyd-Webber auch noch in den nächsten 50 Jahren auf den wichtigen Spielplänen der Welt antreffen dürfte. ■

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