Philosophische Satire von Angela Mund
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Schlaf gut, mein Freund Hektor
Angela Mund
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«Verabschieden sie sich endlich von ihrem Idealismus. Denken sie wissenschaftlich!» Er sah mich über seine dickgerahmten Brillengläser hinweg an. Ich glaubte zumindest, dass er mich ansah. Die Gardinen waren zugezogen, in Kombination mit den schwarzen Möbeln glich sein Büro eher dem Vorraum eines Bestattungsinstitutes, und eine matte Dunkelheit hatte sich auf unsere Gesichter gelegt. Ich hatte ein Stück Fingernagel zwischen den Zähnen und schob es mit der Zunge hin und her. «Vielleicht sollten sie mit dem Studium doch lieber aufhören.» Erst jetzt fiel mir ein Bild auf, welches schräg hinter ihm an der Wand hing: Achilles steht auf dem Siegerwagen, die Zügel zweimal um die Hände geschlungen, das Kinn voller Stolz gegen Troja gerichtet, Hektor unkenntlich im Staub hinter sich herziehend. Ich suchte in der Dunkelheit seine Augen und erwiderte zögerlich: «Das hatte ich heute eigentlich vor.» Der Fingernagel schwamm nun etwas verloren auf meiner Zunge und machte mich nervös.
Das Mädchen neben ihm lächelte lakonisch vor sich hin und wackelte bei jedem seiner Sätze bedrohlich weit mit dem Kopf, als wolle ihr Hals jeden Moment umknicken wie eine überdehnte Lanze. Hektor war ein Held, er war der einzige Krieger gewesen, dem es nicht um das Mädchen gegangen war. Er hatte lediglich seine Heimat schützen wollen, seinem Vater Ehre erweisen, den feigen Bruder Paris vor der Schande der Niederlage bewahren und seiner Frau das Schicksal ersparen wollen, Sklavin der Achäer zu werden. Er war ein Held, weil er nach seinen Prinzipien gehandelt hatte, und trotz dieser unumstößlichen Wahrheit hatte man seinen toten Körper über das Schlachtfeld gezogen, anstatt ihn mit Öl zu salben, damit die Haut wie Bronze glänzen konnte.
«Wissen sie eigentlich, was sie da gerade gesagt haben?», dröhnte seine Stimme blechern, als würde ein Pferd in eine Metalluren röhren. Unauffällig nahm ich den Fingernagel aus meinem Mund und klemmte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. «Ich habe ihnen zu erklären versucht, worin das Problem des Seins besteht.» Das Mädchen kicherte, er zog die Luft scharf ein, Hektor drehte mir den Rücken zu, und der Fingernagel lag nun etwas einsam vor mir auf der grauen PVC-Auslage.
«Das Problem des Seins besteht darin, dass es ein Problem der Wissenschaft geworden ist.» Man stelle sich einmal das Sein in der Mitte vor – ich hatte für diese Erklärung extra eine Skizze angefertigt -, neben dem Sein befanden sich die wissenschaftlichen Fachbereiche fächerartig aufgereiht. Jeder Wissenschaft ordnete ich die jeweiligen Problemfelder zu, beispielsweise der Psychologie. Ihr Problem ist, dass sie die Persönlichkeit aufteilt in 50% Gene, 40% Umwelt und einen Fehleranteil von 10%, den man als freien Willen bezeichnen musste, weil man sonst nichts weiter damit anzufangen wusste. Auf der anderen Seite befand sich die Theologie, die ich deshalb als Wissenschaft angeführt hatte, weil sie ein umfassendes Erklärungssystem bereitstellt, indem die Instanz Gott das Sein legitimiert. Gott offenbart sich jedoch als eine Instanz, von der man bis heute nur sagen kann, was sie nicht ist; auch die Theologie versucht ihre Definitionslücken durch negative Kategorien zu retuschieren. Hinzu kommt die Mathematik, die zwar exakte Formeln aufstellen kann, welche aber nur unter Ausschluss unbekannter Variablen funktionieren. Zum Schluss hatte ich noch die Philosophie angeführt, die daran scheitert, dass sie nicht erklären kann, worauf die Wahrnehmung des Seins beruht und Descartes daher einen Homunkulus annahm, der im Kopf des Menschen sitzt und für diesen wahrnimmt. Diese war von allen Erklärungsfantasien noch die netteste.
Hektor fummelte nervös an seinen Fußfesseln. Die Dunkelheit breitete sich bis in die hintersten Winkel des Raumes aus, und ich musste meine Augen fest zusammenkneifen, um das Bild an der Wand noch erkennen zu können. Ich holte tief Luft und zerbrach die Stille: «Egal, ob 10 Prozent Fehleranteil, Gott, reduzierte Formeln oder Homunkulus – das alles sind nur Hilfskonstruktionen der Wissenschaften, die überspielen sollen, dass sie etwas Entscheidendes nicht erklären können: Das Sein.» Er zog eine Augenbraue nach oben. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte Achilles vom Wagen gestoßen, um sein Siegerkinn in den Boden zu pressen. Stattdessen kratzte ich mit dem linken Fuß den Fingernagel unter meinen Stuhl und flüsterte: «Wenn man das Problem nicht kennt, findet man auch keine Lösung.» Die andere Augenbraue schob sich ebenfalls nach oben, das Mädchen mit dem Lanzenhals rutschte ängstlich auf ihrem Stuhl hin und her, das Zimmer kannte keinen Lichtstrahl mehr und ich stand breitbeinig über dem gefallenen Achilles, der mir mit dreckverschmiertem Gesicht erstaunt entgegenblickte. Da trat Hektor hinter mich und legte seine Hand ruhig auf meine Schulter. «Wozu das alles?» Und weil ich ihm die Frage nicht beantworten konnte, murmelte ich mehr zu mir selbst: «Das macht die alte Wissenschaft überflüssig.», während ich das Schwert in Achilles Ferse stieß. Hektor senkte langsam den Kopf. Entgegen meiner Erwartungen beugte sich der Dozent eher gemächlich nach vorn, soweit bis die Tischkante hart gegen seine Eingeweide hätte drücken müssen, und fragte in einem Tempo, als würde seine Zunge eine Apfelsine bearbeiten, indem er jedes Wort im reinsten Hochdeutsch noch einmal zerschälte: «Und welche Lösung schlagen sie vor?» Schemenhaft konnte ich erkennen, wie er mit seinem Stift einen einfachen Strich quer über das Blatt Papier zog, welches vor ihm lag, und den Stift in genüsslicher Ruhe wieder auf den Tisch parallel zu seiner Hand legte.
Ich hatte 14 Semester Philosophie studiert und mich dementsprechend lange auf diese Frage vorbereiten können. Meine Erklärung war einfach, sie musste es sein, damit sie auch von jedem verstanden wird. Ich war mir sicher, dass selbst das Mädchen mit dem Lanzenhals meinen Erklärungen folgen könnte. Es ist nämlich so, dass sich das Sein im Allgemeinen nur auf das Menschsein beziehen kann. Und was ist der Mensch? Er ist ein Tier. «Um das Problem des Menschseins zu lösen, muss man sein Tiersein definieren. Weil aber der Mensch im Zuge der Zivilisierung, Industrialisierung und Urbanisierung sein Tiersein verleugnet hat, kann er auch kein vollkommener Mensch sein.»
Mein Dozent sah mich für einen Augenblick lang entsetzt an, kehrte aber recht schnell wieder zu seinen alten Gesichtszügen zurück, indem er einen Mundwinkel nach oben und den anderen nach unten schob und die Augenbrauen elegant über der Nasenwurzel justierte. Während er also seine Mimik sortierte, reichte er mir mittels rechtem Arm, der durch den hochgezogenen Hemdsärmel nackt war und sich wie ein sterbender Wurm vor mir aufbäumte, das Blatt Papier mit dem nicht ganz akkurat gezogenem Strich darauf. Das Mädchen zwirbelte unablässig eine Strähne ihres dünnen und farblosen Haars und starrte unbeteiligt wie ein Passant am Unfallort auf die anderen Fingernägel, die neben meinem Stuhl verstreut wie Blumensamen herumlagen. «Und ich hatte schon befürchtet, sie sagen etwas zum Thema. Sie können gehen. Sie haben zwar keine Note, aber dafür ihren Abschluss.» Er neigte sich zu seiner Assistentin, die ihren Kopf kaum noch in der Senkrechten halten konnte und raunte ihr zu, als würde ich seine leise Stimme in der Stille nicht hören können: «Hat sie was zu Aufgabe zwei gesagt?» Die Assistentin wisperte: «Nein, nichts, glaube ich.»
Als ich die schwere Tür des Instituts aufstieß, strahlte mir eine kühle Wintersonne unverhohlen ins Gesicht, und ich hielt mir die Hand vor die Augen. Hektor würgte das Blatt Papier in seinen Händen, unschlüssig, ob er es auf den Boden oder doch lieber in die Mülltonne schmeißen sollte. Ohne sich entschieden zu haben, zupfte er mir sogleich am Ärmel und blickte mich aus seinen braunen Augen zweifelnd an, indem er seine Stirn in Falten legte. Ich blinzelte durch meine gespreizten Finger hindurch zu ihm und fragte mich, ob er solch ein Gesicht auch auf dem Schlachtfeld gezeigt hatte und er deshalb seinen Feinden unterlegen gewesen war. Er war unruhig, er zog und schob mich wieder in Richtung Tür, während seine Arme nun hektisch um seinen Körper flatterten. Ich lächelte ihn nachsichtig an: «Nein, den Achilles beerdigen wir nicht, auch wenn es bei euch so Brauch ist. Bei uns lässt man die Toten liegen. Das erledigt nämlich ein Fachmann.» Immer heftiger bedrängte er mich und blickte dabei so verzweifelt, wie nur Kinder blicken können. Ich wand mich aus seinem Griff und drehte ihm, da ich mir nicht anders zu helfen wusste, den Arm auf den Rücken, so dass sein Körper abrupt in sich zusammen sackte.
Mein Lösungsvorschlag war nicht sehr umfangreich, aber es war ein Anfang und nur darum ging es ja. Einer musste den Anfang machen, einer musste für die, die ihm folgen werden, den Weg ebnen, sozusagen mit seiner Fantasie eine Schneise für die kommenden Generationen schlagen. Ich war bereit. Nur musste ich zunächst einmal Hektor davon überzeugen, sich von mir nicht nur die Straße entlang ziehen zu lassen, sondern auf eigenen Beinen zu stehen und mit denen möglichst schnell neben mir her zu laufen. Von einem griechischen Helden hatte ich mehr Wagemut erwartet. Wir durften keine Zeit verlieren, schließlich lag schon der erste braune Schneeschlamm zwischen Fahrbahn und Bürgersteig, der Himmel war ergraut wie das melierte Haar alternder Männer und die Menschen zogen sich die Kapuzen über die frierenden Köpfe. Es würde nicht mehr lange dauern und das Dröhnen der Streumaschinen würde sich über der Stadt ausbreiten und alles unter sich begraben. Der Winter in großen Städten war die Zeit der Selbsterkenntnis und Antidepressiva. Ich hatte dazu eine Statistik gelesen.
Trotz des Widerstandes von Hektor gelangten wir zügig in meine von blattlosen Rotbuchen gesäumte Straße. Um sich dem Tiersein zu nähern, müsste man das tun, was ein Tier tut, in unserem Falle ein Säugetier. Mit einer Hand hielt ich Hektor fest, der sich immer weniger zur Wehr setzte, mit der anderen schloss ich die Tür zu meiner Wohnung auf. Es war nicht nur einfach dunkel im Zimmer, sondern nahezu so schwarz wie die hinterste Windung eines Fuchsbaus. Hektor versuchte vergeblich, den Lichtschalter im Flur zu betätigen, ein sinnloses Unterfangen, schließlich hatte ich schon vor Wochen die Glühbirnen rausgeschraubt, zusätzlich dicke Teppichvorleger über die Fenster gespannt und mit Gaffaband abgedichtet. Um wenigstens die Sauerstoffzufuhr in der Wohnung zu sichern, blieb nur das kleine Fenster im Bad geöffnet, was nicht weiter störte, da es sowieso zum Hinterhof zeigte und dieser von den Schatten umliegender Häuser abgedunkelt wurde. Kurz und gut, es herrschte kaum eine Andeutung von Licht, und so tasteten wir uns blind wie Welpen an der Wand entlang zu meinem Schlafzimmer. Hektor stolperte mir willenlos hinterher und schien jegliche Kraft verloren zu haben. Seine Hand lag schlaff in meiner und hätte ich ihn nicht an den Schultern festgehalten, er wäre wohl zu Boden gegangen. Was war von seiner Stärke noch übriggeblieben? Ich lehnte ihn behutsam gegen den Türrahmen und betastete seine Stirn, die viel schmaler wirkte, als ich sie von heute Nachmittag in Erinnerungen hatte. Seine Haut war kalt und fühlte sich fremd an. «Wenn uns der Verstand nicht zu besseren Menschen macht, herrscht das Gesetz des Instinktes.» Am liebsten hätte ich ihn fest in meine Arme geschlossen und ihm durch sein gelocktes Griechenhaar «Vertrau mir» zugeflüstert, aber ich konnte diese Leere, die mit einem Mal zwischen uns aufgekommen war, nicht überwinden.
So standen wir uns lange schweigend gegenüber, fanden in der Dunkelheit nicht den Blick des anderen, und ich konnte nichts weiter tun als seinem Atmen zu lauschen, welches immer schwerer wurde, als hätte Achilles seinen Fuß auf Hektors Brustkorb gesetzt und würde nun nach und nach sein Gewicht nach vorn verlagern. Ich wartete auf ein Zeichen des Einverständnisses von ihm, er war mein Freund, ich konnte ihn nicht einfach dazu zwingen, mit mir den Anfang zu machen, die Schneise zu schlagen.
Ein Geräusch riss mich aus den Gedanken heraus, besser gesagt, es war das Fehlen eines Geräusches, welches mich irritierte; ich begriff zunächst nicht, was genau an diesem Moment seltsam war. Hektor hatte kurzzeitig aufgehört zu atmen, ich wusste, dass er dies mit Absicht getan hatte, und so schlug ich ihm mit der flachen Hand gegen die Rippen, erst erschrocken und dann aus Wut. «Also los» rief ich ihm zu und schob ihn bestimmt in mein Zimmer, in dem etliche Kissen und Decken wild verstreut herumlagen und uns mit den ersten Schritten einsinken ließen. Die Möbel hatte ich schon im März an die Studenten, die ein Stockwerk unter mir eingezogen waren, verschenkt. Danach wurde mir ein Platz auf ihrem kaputten Sofa angeboten und eine Flasche Bier in die Hand gedrückt. Der Abend begann recht angenehm und es wurden nach und nach weitere Weinflaschen entkorkt.
Ich war gerade dabei, ihnen meine Theorie des Menschseins zu erläutern, immer bestrebt darin, weitere Wegegefährten für die Sache zu gewinnen, als mir ein ziemlich betrunkener Lehramtsstudent ins Wort fiel, in dem er lachend verkündete: «Das ist doch nicht neu. Tarzan hat es vorgemacht!» Nach dem das darauf folgende Handgemenge von den umstehenden Zuhörern aufgelöst wurde, glättete ich bedächtig mein Shirt und überließ diese Menschheit sich selbst. Die Möbel sollten sie trotzdem behalten. Ich hatte schließlich keine Verwendung mehr dafür. Zwischen den Kissen stapelten sich Thunfischdosen, dutzende Packungen verschiedener Trockenkekssorten und Wasserflaschen.
Eine funktionierende Rückbesinnung auf das Tier in uns muss gut vorbereitet sein. Ich drückte Hektor sanft in die Kissen und warf einige Decken über uns. Dann hielt ich ihm meine geöffnete Handfläche entgegen, in der sich zwei kleine, weiße Tabletten versteckten und darauf warteten, verdaut zu werden: «Du eine, ich eine». Hektor berührte vorsichtig meine zerfurchten Fingerkuppen, und für einen kurzen Augenblick fühlte es sich wie ein Streicheln an. Ich tastete wieder nach seiner Stirn und stellte traurig fest, dass er seine Augenbrauen misstrauisch zusammengezogen hatte. «Wenn du aufwachst, nimmst du gleich zwei. Ich hab das genau berechnet.» Nun zwang ich ihm die erste Tablette in den Mund, schluckte auch meine hinunter und legte die kleine Metalldose hinter mich. Ich wollte, dass er mir vertraut und sprach ihm aufmunternd zu: «Du kannst auch was von dem Thunfisch essen, wenn du Hunger hast.» Hektor war ein Held, weil er nach seinen Prinzipien handelte, und doch lag er nun teilnahmslos neben mir, als würde sein Körper wieder der Leichnam sein, den man bis zum Sonnenaufgang über das Schlachtfeld gezogen hatte. Ich empfand plötzlich einen Schmerz irgendwo zwischen Bauch und Hals, ohne mir recht erklären zu können, warum dieser Schmerz da, war und der Umstand, dass ich es mir eben nicht erklären konnte, stürzte mich in eine seltsame Verzweiflung. Er hatte damit begonnen, seinen Kopf von einer Seite auf die andere zu werfen, gleichzeitig hob und senkte er seine Schultern, alles verkrampfte sich in ihm und aus seinem Mund kam ein tiefes Grollen, was mir Angst einflößte. Es war ein Beben und Erzittern, so stark, dass es sich auf mich übertrug, und weil ich mir nicht anders zu helfen wusste, drückte ich ihm mit zwei Fingern die Augenlider zu, umschlang ihn fest mit Armen und Beinen und flüsterte ihm ins Ohr: «Träum`, Hektor, schlafe und träume etwas Gutes. Wir sehen uns in zwei Monaten wieder, wenn der Winterschlaf zu Ende ist.» ■
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Geb. 1986 in Illmenau/D, Studentin der Psychologie, Kulturwissenschaften und Medienpädagogik, Arbeit im Theaterbetrieb als Regisseurin und Autorin, lebt in Leipzig
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Das Zitat der Woche
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Vom Staat und seinen Bürgern
Heinrich von Treitschke
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Der Staat, der die Ahnen mit seinem Rechte schirmte, den die Väter mit ihrem Leibe verteidigten, den die Lebenden berufen sind auszubauen und höher entwickelten Kindern und Kindeskindern zu vererben, der also ein heiliges Band bildet zwischen vielen Geschlechtern, er ist eine selbständige Ordnung, die nach ihren eigenen Gesetzen lebt. Niemals können die Ansichten der Regierenden und der Regierten sich gänzlich decken; sie werden im freien und reifen Staate zwar zu demselben Ziele gelangen, aber auf weit verschiedenen Wegen.
Der Bürger fordert vom Staate das höchstmögliche Maß persönlicher Freiheit, weil er sich selber ausleben, alle seine Kräfte entfalten will. Der Staat gewährt es, nicht weil er dem einzelnen Bürger gefällig sein will, sondern weil er sich selber, das Ganze, im Auge hat: er muß sich stützen auf seine Bürger, in der sittlichen Welt aber stützt nur was frei ist, was auch widerstehen kann. So bildet allerdings die Achtung, welche der Staat der Person und ihrer Freiheit erweist, den sichersten Maßstab seiner Kultur; aber er gewährt diese Achtung zunächst deshalb, weil die politische Freiheit, deren der Staat selber bedarf, unmöglich wird unter Bürgern, die nicht ihre eigensten Angelegenheiten ungehindert selbst besorgen. ▀
Aus Heinrich von Treitschke, Ausgewählte Schriften, Hirzel Verlag 1923
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Das Zitat der Woche
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Über den Patriotismus
Samuel Smiles
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Ein großer Teil dessen, was heutzutage im Namen des Patriotismus geschieht, ist im Grunde genommen bloße Heuchelei und Beschränktheit, die sich in nationalen Vorurteilen, nationalem Dünkel und nationalem Haß darstellen. Diese Gesinnung zeigt sich nicht in Taten, sondern in prahlerischen Worten – in Geschrei, Gestikulationen und kläglichen Hilferufen – im Fahnenschwenken und Absingen von Liedern – im beständigen Ableiern längst begrabener Beschwerden und längst gesühnten Unrechts. Von solchem »Patriotismus« befallen zu werden, gehört wohl zu den schwersten Flüchen, die ein Volk treffen können.
Aber wenn es einen unechten Patriotismus gibt, so gibt es auch einen echten – den Patriotismus, der ein Land durch edle Taten stärkt und erhebt – der seine Pflicht aufrichtig und mannhaftig erfüllt – der ein ehrliches, mäßiges und wahrhaftiges Leben führt und sich bemüht, die Gelegenheiten zur Vervollkommnung, die sich ihm von jeder Seite darbieten, nach besten Kräften zu benutzen; und gleichzeitig gibt es Patrioten, die das Andenken und Beispiel großer Männer früherer Zeit in Ehren halten, von Männern, die durch ihr Leiden um die Sache der Religion oder der Freiheit unsterblichen Ruhm für sich und für ihr Volk, jene Privilegien freien Lebens und freier Einrichtungen, deren Erbe und Besitzer es ist, errungen haben.
Nationen dürfen ebensowenig wie Individuen nach ihrer meßbaren Größe beurteilt werden. Denn um groß zu sein, bedarf eine Nation nicht einer großen Ausbreitung, obgleich diese Begriffe häufig miteinander verwechselt werden. Eine Nation kann an Land und Bevölkerungszahl sehr ausgedehnt und dennoch ohne wahre Größe sein. Das Volk Israel war klein, doch welch großes Leben entfaltete es und welch gewaltigen Einfluß übte es auf die Geschicke der Menschheit aus. Griechenland war nicht ausgedehnt. Die ganze Bevölkerung Attikas war geringer als die von Süd-Lancashire. Athen zählte weniger Einwohner als New York und doch wie groß war es in Kunst, Literatur, Philosophie und Patriotismus! Aber es war eine verhängnisvolle Schwäche Athens, daß seine Bürger kein wahres Familienleben hatten, während die Freien von den Sklaven an Zahl weit übertroffen wurden. Seine Staatsmänner waren in ihrer Moral lax, wenn nicht gar verderbt. Seine Frauen, auch die gebildetsten, waren sittenlos. So war Athens Fall unvermeidlich, und er erfolgte rascher als der Aufstieg.
Ebenso ist der Verfall und Untergang Roms der allgemeinen Korruption des Volkes und der immer weiter um sich greifenden Vergnügungssucht und Trägheit zuzuschreiben – wurde doch die Arbeit in der letzten Zeit als nur für Sklaven passend angesehen. Seine Bürger rühmten sich nicht mehr der Charaktertugenden ihrer großen Vorfahren, und das Reich ging unter, weil es nicht verdiente, weiter zu leben. Und so müssen die Nationen, die träge und üppig sind – die wie der alte Burton sagt, »lieber in einer einzigen Schlacht ein Pfund Blut, als bei ehrlicher Arbeit einen Tropfen Schweiß vergießen« – unvermeidlich aussterben, und arbeitsamen, energischen Völkern Platz machen.
Als Ludwig XIV. Colbert fragte, wie es käme, daß er als Herrscher über ein so großes und bevölkertes Land wie Frankreich das kleine Holland nicht hätte erobern können, antwortete der Minister: »Sire, weil die Größe eines Landes nicht auf der Ausdehnung seines Gebietes, sondern auf dem Charakter seines Volkes beruht. Es war der Fleiß, die Mäßigkeit und die Energie der Holländer, die sie für Eure Majestät unüberwindlich gemacht haben.«
Von Spinola und Richardet, den Gesandten des Königs von Spanien zur Abschließung eines Vertrages in Haag 1608, wird erzählt, daß sie eines Tages acht oder zehn Leute aus einem kleinen Boote steigen sahen, welche sich im Grase niederließen, um eine Mahlzeit von Brot, Käse und Bier einzunehmen. »Wer sind jene Ankömmlinge?« fragten die Gesandten einen Bauern. »Das sind unsere edlen Herren, die Gesandten der Generalstaaten«, war die Antwort. Spinola flüsterte sofort seinem Gefährten zu: »Wir müssen Frieden schließen, solche Menschen lassen sich nicht besiegen.«
Die Stabilität der Einrichtungen muß auf der Stabilität des Charakters beruhen. Eine Anzahl entarteter Gemeinwesen kann keinen großen Staat bilden. Das Volk kann hochzivilisiert scheinen und doch bei dem ersten Angriff zerfallen. Ohne Untadeligkeit des individuellen Charakters gibt es für einen Staat keine wahre Stärke, keinen inneren Zusammenhang, kein gesundes Leben. Ein Volk kann reich, politisch, künstlerisch bedeutend sein und doch schon am Rande des Verderbens stehen. Ein Volk, in dem jeder nur für sich und sein Vergnügen lebt – wo jedes kleine Ich für einen Gott sich hält – ist schon gerichtet, und sein Untergang ist unabwendbar.
Wo der nationale Charakter nicht mehr aufrecht erhalten wird, da ist die Nation verloren. Wo die Tugenden der Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Unbescholtenheit und Gerechtigkeit nicht mehr geschätzt und geübt werden, da verdient niemand mehr, zu leben. Und wenn ein Land durch Reichtum so verdorben, oder durch Vergnügen so entartet, oder durch Parteiung so verblendet ist, daß Ehre, Ordnung, Gehorsam, Tugend und Treue nur noch der Vergangenheit angehören, wenn dann ja noch vorhandene ehrenhafte Männer im Dunkeln umhertasten, um ihres Gleichen Hände zu fassen, so bleibt als einzige Hoffnung nur noch die Wiederherstellung und Hebung des individuellen Charakters; und wenn der Charakter unwiederbringlich verloren ist, dann ist in der Tat nichts mehr übrig, was erhalten zu werden verdient. ▀Aus Samuel Smiles, Der Charakter, Traktat 1895
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Das Zitat der Woche
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Über den Rhythmus
Carl Ludwig Schleich
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Es ist längst bekannt, welche Rolle die Periodizität im Körperlichen und Geistigen spielt, wie die ganze Summe physischen und psychischen Geschehens in unserem Leibe und unserer Seele in dauernder Abhängigkeit vom Rhythmus ist, von dem wiederum gar nicht anders zu denken ist, als daß er in Harmonie mit dem Welttakte sein muß, um nicht einfach hinweggefegt zu werden vom Schwungrad des Kosmos, wie ein Sonnenstäubchen vom wehenden Atem. Ich will niemand behelligen mit der Aufzählung aller physiologischen und pathologischen Periodizitäten, den Bedingungen des Pulsschlags und der Atmungszahl, den periodischen Sekretionen, Schlaf und Wachsein, Pubertät und Adynamie, Ein- und Ausgabe der Nahrungsmittel, nicht mit der Rhythmik der Schmerzanfälle, der Krämpfe, der Zuckungen, Wallungen und Blutungen, ich will nur verweilen bei dem psycho-physischen Grundgesetz des Rhythmischen auch im menschlichen Leben und will den Mechanismus zu ergründen suchen, auf dem sich auch dieses psycho-physische Geschehen auf einem Widerspiel zwischen Aktion und Hemmung, als dem eigentlichen Grunde der Rhythmik, aufbauen läßt. Ich muß hier bemerken, daß ich alles seelische Geschehen in Abhängigkeit setze von einer Aktion der Nervenströme und einem Hemmungsmechanismus, einer Art periodischer Isolation durch die Neuroglia, bzw. von dem sie durchströmenden Blutsafte, welcher ja nach Ritters Untersuchungen aus Biers Schule in der Tat stromhemmende, Nervenerregungen einbettende Kraft hat. Danach ist es leicht, sich vorzustellen, daß das mit dem Herzpulse einströmende Blut periodisch die Ganglien außer Kontakt setzt und daß die Pause der Herzbewegung diejenige Zeit ist, innerhalb welcher die Ganglien Anschlußfreiheit besitzen. Die Ärzte wissen, welche Rolle Blutmischungsanomalien für die Art der Anschlüsse im Gehirn spielen, wie ein verdünntes, hemmungsarmes Blut naturgemäß zu Erregungen und Unruhen, Ängsten und Wahnvorstellungen und Schmerzempfindungen disponiert; wie Hunger und Krankheit, veränderte innere Sekretion ein ganzes Heer abnormer Nervenstörungen hervorrufen kann. Sie wissen alle, wie die Herausnahme der Schilddrüse unter Überladung des Blutes mit Hemmungssäften, wie bekannt, auch den geistreichsten Menschen zu einem Idioten machen kann. Wir wissen, daß die Nebennieren einen Stoff produzieren, welcher selbst auf peripheren Nerven die allerenergischste Stromausschaltung zuwege bringt, und den Irrenärzten ist bekannt, wie wichtig ein normaler Hemmungsmechanismus für den Bestand der Seele ist.
Es kann keine Frage sein, daß, wenn der Blutsaft die ihm von mir vindizierte Kraft der Ein- und Ausschaltung besitzt, das eigentliche Wesen der Persönlichkeit, das Temperament eine Frage der rhythmischen größeren oder geringeren Reaktionsfähigkeit der Nervenzentren sein muß, daß die Zahl der aufgenommenen Eindrücke and ihre Verarbeitung zu Vorstellungs- und Willensimpulsen in direkter Abhängigkeit von rhythmischen Individualitäten sein muß, die wiederum in Abhängigkeit von der rhythmisch ein- und ausschaltenden Saftfüllung des Gehirns steht. Der alte Volksglaube von dem leichten und schweren Blute findet hier also seine durchaus plausible wissenschaftliche Begründung; das Menschenherz ist nicht nur die grobmechanische Druckpumpe für Blutbewegungen, es spielt in seinen rhythmischen Zuckungen auch für das Nerven- und Gemütsleben eine wichtige, wenn auch bisher noch wenig gewürdigte Rolle. Aber noch in einem ganz anderen Sinne ist die Herzbewegung der eigentliche Manometer der harmonischen Einstellung des Nervenlebens in den Gesamtrhythmus aller Erscheinungen. Schon Ernst v. Baer hat die geistreiche Frage gewagt, wie wohl unsere Wahrnehmungen sich anders gestalten würden, wenn wir nicht, wie jetzt, in einer Sekunde etwa zehn Einzelwahrnehmungen zu apperzipieren fähig wären, in einem Zeitraum, der durchschnittlich genau übereinstimmt mit dem Ablauf eines Herzpulses, und er hat plausibel gemacht, daß schon die Fähigkeit, innerhalb einer Sekunde etwa 30 Beobachtungen machen zu können, uns zwingen würde, das ganze Weltbild anders zu sehen. Wir würden die Flintenkugel als einen Strich, alle Himmelskörper als leuchtende Kreise wahrnehmen können, und würden von jedem Sinne her der Welt als total anders erkennende Wesen gegenüberstehen. Wir können jetzt hinzufügen, daß wir schon mit bloßem Auge die festen Gegenstände nicht mehr als fest bezeichnen könnten, sondern daß wir etwas von ihrer innerlichen, rasenden Bewegung wahrzunehmen vermöchten. Wir sind also mit unserm rhythmischen Spiel von Puls- und Nervenaktion einerseits und Sinneseindrücken andererseits so in den Rhythmus des Ganzen eingestellt, daß unser Harmoniegefühl direkt abhängig ist von diesem rhythmischen Maß unserer Wahrnehmung in Sekunden. Natürlich erklärt sich auf diese Weise am einfachsten das »Zeitliche« im Begriff alles Rhythmischen. Zeit ist eben die mit dem Maß unseres eigenen rhythmischen Wahrnehmens gemessene und empfundene Bewegung des Alls. Das führt uns direkt zu einem Verständnis des Ästhetischen.
Wir haben nur von denjenigen Rhythmen der Außenwelt den Eindruck des Lebenfördernden, Erhebenden, Daseinsteigernden, welche sich dem Rhythmus unserer inneren Aktionen harmonisch einfügen, richtiger, sofern wir sie in uns harmonisch zu verschmelzen imstande sind. Daseinsteigernd im ästhetischen Sinne sind eben nur diejenigen Rhythmen, welche unserm persönlichen Sinnesrhythmus synchron zu verbinden sind bzw. ihn ohne Widerstand und Disharmonie zu erhöhen imstande sind.
Das schließt nicht aus, daß auch der Konflikt der Rhythmen außer uns mit denen in uns als Kontrastempfindung nach vollzogenem Ausgleich lusterhöhend, doch nur indirekt wirken kann, aber im allgemeinen ist zu einer ästhetischen Freude die Einfügung der lusterweckenden Rhythmen in den Rhythmus unserer Nervenströme unerläßlich. Insofern hat alles deutlich erkennbar Rhythmische einen erheiternden, erhebenden, freudewirkenden Einfluß, überall besteht ein geheimes Verhältnis seiner Schwingungszahl zur Schwingungszahl unserer Nervensubstanz, mag das nun an einer schöngeschwungenen Linie, an einem Akkord, an einer Farbengebung, an einem Wohlgeruch oder an einem Hautgefühl sich betätigen. Die Rhythmen der schönen Dinge müssen einfügbar sein in die Rhythmen unserer Sinnesschwingungen, um ästhetisch zu wirken, das ist das Grundgesetz der Kunst, so variabel für den einzelnen, weil eben diese innenwirkende Schwingungszahl eine durchaus persönliche Gleichung ist. Ist in diesem Verhältnis doch auch der eminente Einfluß alles Rhythmischen, seine suggestive Übertragbarkeit begründet. Der Redner, der Dichter, der Schauspieler reißt mich darum in seinen Bann, weil dem Schwungrad seiner Begeisterung alle meine Seelenräder sich im geheimen Gleichtakt einstellen, und ich bin im Bann eines jeden Menschen, dessen seelische Schwingungen mich gleichsinnig zu bewegen imstande sind. Die ganze Macht der Imitation, ja der Ähnlichkeiten, beruht auf diesem Einstellungsverhältnis zwischen Außenwirkung und Innenbewegung. Und fragen wir, auf welchem Wege diese Rhythmusakkomodation sich abspielt, so gibt es nur einen erkennbaren Weg des Ausgleiches zwischen Wahrnehmung und innerer Anpassung, der ist die Marconiplatte des Nervus Sympathicus, dessen enormen und oft blitzartigen Einfluß auf Herzbewegungen und Gefäßspannungen die Ärzte lange kennen. Hat aber die Herzbewegung Einfluß auf unsere Ein- und Ausschaltungen im zentralen Nervengebiet, so ist der Kontaktkreis geschlossen: der sympathische Außenweltrhythmus erhält seine rhythmische Konsonanz im Innern. Die Vorgänge sind also viel mechanischer, als man gemeinhin anzunehmen geneigt ist. Ein zündendes Wort, eine schlagende Formel, eine leuchtende Wahrheit hat oft die Kraft, unser ganzes Innere blitzartig zu erhellen, weil sie Spannkraft genug hat, die schlummernden Wellen unserer Seele mit rhythmischem Lichte zu durchbrausen. Dem metrischen, schön gefügten Wortreiz liegt oft eine verborgene Harmonie zu unserem Atmungsrhythmus zugrunde, und es wäre eine dankbare Untersuchung, festzustellen, wie aus den möglichen Atmungsvarianten sich die Versmaße herleiten lassen. Ist doch nicht, wie Bücher meint, die Arbeit der Vater des Rhythmus und der Musik, sondern ist doch vielmehr der Rhythmus der Arbeit mit dem typischen Niederschlag des Hammers in der Exspirationspause, also beim Ausatmen, und das Ausholen beim Einatmen eben die direkte Folge des Atmungsrhythmus, so daß dieser selbst für Melodie und Rhythmus des Gesanges den Ursprung bedeutet. Rhythmus und Arbeit sind beides nur Funktionäre unserer Atmungsmechanik, die Cäsuren einer Melodie sind ursprünglich die naturgemäßen Pausen zum Atemholen.
Wir wissen, daß es Schwingungen der Luftwellen gibt, welche von einer solchen rhythmischen Schnelligkeit sind, daß wir sie mit dem Ohre allein nicht wahrnehmen können. Wir hören nicht mehr das Geigenspiel gewisser Zikadenarten, trotzdem es mit Kunsthilfe wahrnehmbar und berechenbar ist, ähnliches mag bei vielen anderen Sinneswahrnehmungen der Fall sein, so daß schon aus diesen Tatsachen der Satz sich herleiten läßt, der Rhythmus unserer Nervenschwingungen übermittelt uns nur einen Teil der Weltallsrhythmen, und dieses Verhältnis läßt uns die Möglichkeit nicht von der Hand weisen, daß es Menschen mit einer Feinheit der Sinnesrhythmen geben mag, welche mehr Dinge wahrnehmen, als der Durchschnitt. – Haben wir bisher im wesentlichen die rhythmischen Wogen betrachtet, welche von den brausenden, chaotischen Kraftwellen stammen, die die Außenwelt gegen die seelischen Gestade wirft in nimmer ruhendem, vom Weltallsodem gepeitschtem Wogenspiel, so bleibt uns noch übrig, dem rhythmischen Hin- und Hergleiten der inneren, scheinbar aus eigenem Herd geborenen, summenden und kreisenden Nervenspindeln zu lauschen. War schon der Mensch als organisches Wesen in seiner Gesamtheit aufzufassen als ein System rhythmischer Durchflutungen für sich, abgetrennt vom Kraftspiel der anorganischen Masse, so ist noch viel mehr seine Seele eine für sich und vielleicht einzig dastehende, still verschlossene Kammer wunderbaren rhythmischen Spiels, die ihn in eigener Weise befähigt, mit den Eindrücken der Außenwelt innen frei zu schalten und zu walten. Haben nicht auch diese seine der Phantasie zugeborenen Tätigkeiten ihre offenbare, zwingende Beziehung zur Rhythmik? Ist nicht eigentlich die Phantasie die Gabe, sich mit allen seinen Gedanken in den Rhythmus des Andern außer uns, sei es Mensch, Tier, Pflanze oder ein Unbelebtes, selbst ein Gedachtes, hineinzuversetzen? Wo wäre der Künstler, der einen Gegenstand voll und überzeugend darzustellen vermöchte, wenn er nicht zuvor völlig eins geworden wäre mit dem Rhythmus und der Wesensart des Darzustellenden, der nicht aufjauchzte, wenn er sein eigenes inneres Empfinden, die Schwingungen des persönlichen Ichs verschmelzen fühlt mit dem erschauten Objekt? Das ist aber nur möglich, wenn er gleichschwingend den Einklang fühlt, in dem der Rhythmus des Gegenstandes mit der eigenen inneren Rhythmik verschmilzt. Sich »hineinversetzen« heißt doch nichts anderes, als sich das Gefühl des Anderen und sei es eines Gegenstandes einzuverleiben mit Hilfe der Phantasie und so selbst Lebloses mit dem Strom des eigenen Lebens betrachtend zu erfüllen. Wehe dem Künstler, der nicht rhythmisch verschmilzt mit dem Objekt, das er darstellen will: er muß ein Stein sein können, wenn er ihn malt, eine Blume, wenn er ihres Kelches Schönheit herbeizaubern will, ein Kind, wenn er sprechen will, wie Kinder sprechen, und eine Wolke, wenn er mit ihr seine Lieder wandern lassen will. Der echte Künstler steckt in Woge und Wald, die er malt, ist König und Bettler, wenn er sie darstellt, hat ihren Stolz und ihren Hunger, trägt ihren Szepter und ihren Bettelstab.
Wie reich macht doch die Phantasie, indem sie den Verwandlungsmantel über unsere Seele legt, so daß schlechterdings nichts unerreichbar wird! Aber auch der Wissenschaftler, der Entdecker und der Erfinder wird niemals zu neuen Offenbarungen gelangen, wenn nicht die Intensität seines Einfühlens in die Materie ihn befähigt, den Rhythmus des zu Schauenden bis zu dem geheimen Motor der kreisenden Atome zu erfassen und das Geschaute auch anderen, weniger Einfühlungsfähigen zu übermitteln. Wo wäre der Redner, der Erzieher, der Prophet, der wirken könnte ohne diese rhythmische Durchdringung seiner Lauscher, ohne die Fähigkeit Strudel der innersten Bewegung zu erzeugen, in welchen Zweifel, Furcht, Eigenliebe versinken, wie Holzstückchen in den gurgelnden Schlund! Wie wäre eine Ethik denkbar, die sich nicht den Rhythmus des höherstehenden, anbetungswürdigen Ideals zu eigen machte, das uns die Phantasie als lockendes Ziel eines königlichen Gefühls der inneren Harmonie vorhält?
Wie könnte man Liebe erwecken, wenn nicht ein Gleichstrom siegenden Wollens die Geliebte mit berauschendem Wort in den Feuerstrom entfesselter Leidenschaften hineinrisse?
Ich bin am Ende meiner Ausführungen. Wollte ich alle Beziehungen des Rhythmischen zur Seele auch nur aufzählen, so würde wohl kaum ein Gebiet seelischer Aktionen unerwähnt bleiben. Ich muß mich mit diesen kurzen Andeutungen begnügen. Der Rhythmus ist der Allbeherrscher alles physischen und psychischen Geschehens. Der Puls des Universums schlägt in allem, was ist und lebt. Das Gehirn der Menschen ist ein Gestade nur, das er mit ewigem Wellenliede umrauscht, eine Harfe nur, auf der er seine Sonnenlieder und Schattenklagen singt, ein Prisma nur, durch das seine hellen und dunklen Lichtwellen zitternd jagen und das, vielgestaltig und zu buntem Strahlenbüschel zerstreut, den umgeformten Rhythmus wieder in das All zurücksendet. War Rhythmus der Pendelschlag von Kraft und Hemmung, so ist die Seele ein diesem Pendelspiel spezifisch eingeschalteter, organischer Widerstand. Nicht die Lebenskraft ist das Besondere, der Kraft kann noch unendlich viel Wunderbareres vorbehalten sein als der Menschengeist, – sondern die eigentümliche Hemmung, die die Weltkraft zwingt, sich in uns so rätselhaft zu spalten, ist der Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung. Wo sich die Weltkraft entzündet an der atomistischen Reibefläche des Organischen, da blitzt das Leben auf und erlischt wie der Meteorstein, der aufglüht, wenn sein Sturz ins Chaos hineingerät in die sausenden Rhythmen der irdischen Atmosphäre. ■Aus Carl Ludwig Schleich, der Rhythmus, in: Von der Seele, Essay 1922
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Von der Bedeutung der Naturwissenschaften an den Universitäten
Wilhelm Maximilian Wundt
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Die Erneuerung unsrer Hochschulbildung, die sich im 18. Jahrhundert vorbereitet und im 19. vollzogen hat, beruht auf dem jetzt erst endgültig eingetretenen Bruch mit dem schulmäßigen Lehrbetrieb. Und dieser Bruch ist auf das engste gebunden an die von nun an mit unwiderstehlicher Macht sich durchsetzende Verbindung von Lehre und Forschung. Nicht die Erneuerung des Lehrstoffs und nicht die ohnehin nur teilweise durch sie bedingte veränderte Lehrform hat die Scholastik endgültig von unseren Hochschulen verbannt, sondern die Umwandlung dieser selbst aus höheren Schulen im buchstäblichen Sinne des Wortes in Anstalten, die der wissenschaftlichen Arbeit in der doppelten Form der Forschung und der Lehre gewidmet sind. Noch war im 18. Jahrhundert im allgemeinen die Forschung eine private Nebenbeschäftigung des Lehrers gewesen, zu der er dann allmählich wohl auch die Tüchtigeren unter seinen Studenten heranzog. So sind neben den mehr praktisch gerichteten Übungen der Theologen schon im Laufe des 18. Jahrhunderts in Göttingen und Halle philologische Seminarien entstanden. Bei uns wurde ein solches jetzt vor hundert Jahren bei dem vierhundertjährigen Jubiläum der Universität eröffnet, und es mochte als ein glückliches Vorzeichen gelten, daß der jugendliche Gottfried Hermann das neue Institut mit einer in klassischem Latein gedichteten Kantate begrüßte.
Die Hauptschwierigkeit, die dem für die neue Verbindung von Lehre und Forschung unentbehrlichen Fortschritt dieser Gründungen im Wege stand, bereiteten jedoch zunächst die Gebiete, die in der Bedeutung ihrer Institute und in dem Aufwand ihrer Mittel ihre bescheidenen philologischen Vorläufer heute weit überflügelt haben: die Naturwissenschaften. Die späte Aufnahme ihrer praktischen Hilfsmittel in den Lehrbetrieb der Universitäten hängt mit der Art, wie von diesen überhaupt die neue Naturwissenschaft aufgenommen worden war, auf das engste zusammen. Wohl hatte sich die die Scholastik verdrängende neuere Philosophie auf der Grundlage der neuen Naturwissenschaft entwickelt. Eingang bei den Universitäten fanden aber die Naturwissenschaften selbst zuerst in der Form der aus ihnen hervorgegangenen Philosophie. Das war bei der Art des von den Zeiten der Scholastik her noch immer herrschenden Lehrbetriebs begreiflich genug. Die Universitäten waren und blieben ja Lehrinstitute, höhere Schulen, nichts weiter. Wenn der Professor für sich physikalische oder chemische Experimente machte, so lag das außerhalb seines Lehrberufs. Dieser blieb in der Naturwissenschaft und zumeist selbst in der Medizin ein rein theoretischer, ganz wie er es zur Zeit der Herrschaft der Aristotelischen Physik gewesen war. Selbst der Anatom tat ein Übriges, wenn er etwa einmal im Semester die Lage der Eingeweide seinen Zuhörern demonstrierte. Da war es denn immerhin ein großer Schritt vorwärts, daß die neue Philosophie wenigstens zu ihrem Teil in die naturwissenschaftlichen Anschauungen, von denen sie durchdrungen war, einführte. So kam es, daß besonders die allgemeineren Naturwissenschaften lange noch von Professoren der Philosophie vorgetragen wurden, die dann freilich in der Universalität ihrer Bestrebungen auch bis zu ganz konkreten technischen Gebieten, die später überhaupt von der Hochschule verschwanden, herabstiegen. Christian Wolff und seine Schüler lasen daher gelegentlich über Baukunst, Kriegskunst, Nautik ebensogut wie über Physik und über Mechanik. Dieser Zustand war nur möglich, weil doch ein gutes Stück scholastischer Tradition in der Lehrform immer noch weiterlebte, vornehmlich aber, weil die Aufgabe, die sich die Hochschule gestellt, die einer eigentlichen Schule noch nicht überschritten hatte. Hierfür ist es bezeichnend, daß die Initiative zur Gründung von Arbeitsstätten naturwissenschaftlicher Forschung zunächst überhaupt nicht von den Universitäten ausging, sondern von den Fürsten und ihren Räten. Wohl mochten es nicht immer wissenschaftliche Interessen sein, die in solchen von oben kommenden Anregungen zum Ausdruck kamen. Die Experimente mit Elektrisiermaschine und Luftpumpe waren beliebte Vorführungen, mit denen vom 17. Jahrhundert an wandernde Künstler die Hofgesellschaften unterhielten. Begreiflich daher, daß man in diesen Kreisen wünschte, die Universitäten möchten ihnen in der Pflege dieser Gebiete, die ihnen interessanter waren als Cicero oder Virgil, zu Willen sein. So regte Kurfürst August der Starke schon um das Jahr 1710 nicht nur die Gründung einer Sternwarte in Leipzig an, sondern er veranlaßte auch die Anstellung eines besonderen Professors der Physik, von dem er wünschte, daß er mit dem nötigen Instrumentarium ausgestattet werde. Die Universität aber stand diesen Anforderungen ziemlich ablehnend gegenüber. Eine Sternwarte, meinte man, sei eine überflüssige Zierde; und dem Professor der Physik überließ man es, sich, wenn er wollte, seine Apparate selbst anzuschaffen oder aus der Hinterlassenschaft seines Vorgängers zu erwerben. Noch schlimmer urteilte man über die Errichtung chemischer Laboratorien, über die ein Gutachten aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts sich äußerte, sie seien nicht bloß überflüssig, sondern durch den Geruch, den sie verbreiteten, lästig, und durch die giftigen Stoffe, mit denen die Chemiker umgingen, gesundheitsgefährlich.
Wenn man daher nach der Bedeutung, die heute die naturwissenschaftlichen Laboratorien und die mannigfachen, gleichzeitig der praktischen Unterweisung und der wissenschaftlichen Forschung dienenden medizinischen Institute für unsere Universitäten besitzen, vermuten könnte, es sei von Anfang an der für den Wohlstand der Nation wie der Einzelnen unschätzbare Nutzen dieser Anstalten gewesen, der ihre Gründung veranlaßt habe, so würde diese Annahme ein großer historischer Irrtum sein. Eine theoretische Wahrheit kann zuweilen sofort einleuchten. Die ungeheuren praktischen Folgen, die eine Umwälzung wissenschaftlicher Methoden mit sich führt, werden erfahrungsgemäß immer erst erkannt, nachdem diese Folgen selbst mindestens teilweise schon eingetreten sind. So war es denn auch eine solchen praktischen Erwägungen völlig ferne liegende reformatorische Idee pädagogischer Art, die hier aus den Bildungsbestrebungen des 18. Jahrhunderts und den am Ende des Jahrhunderts mächtig sich regenden neuen Erziehungsidealen als letzte Frucht hervorging. Schon Kant hatte in seinem “Streit der Fakultäten” die Anwendung dieser Ideale auf die Hochschulbildung gestreift. Ihren energischen Ausdruck fand sie aber erst in dem Zukunftsprogramm der neuen Philosophie, die im Bunde mit der um die Wende der Jahrhunderte auftretenden romantischen Geistesströmung hervortrat, und die auf eine neue, engere Verbindung von Kunst, Wissenschaft und Leben hindrängte. Hier war es allen voran Fichte, der seine Stimme laut für diese neue Botschaft erhob. In der Entfremdung vom Leben und von den praktischen Bedürfnissen der Zeit erkannte er den schwersten Schaden der seitherigen Wissenschaft und besonders auch der seitherigen Hochschulbildung. Doch in dem wunderbaren Wechselspiel geistiger Kräfte, das solchen Übergangszeiten eigen ist, hat die gleiche Erneuerung der Philosophie, von der diese reformatorische Idee ausging, nicht minder durch den Konflikt, den sie sehr bald zwischen der Philosophie und den positiven Wissenschaften, besonders den Naturwissenschaften, heraufbeschwor, jene Entwicklung begünstigt, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts der Naturwissenschaft allmählich die führende Rolle an den deutschen Universitäten verschaffte. ■Aus Wilhelm Maximilian Wundt: Festrede zur fünfhundertjährigen Jubelfeier der Unversität Leipzig, Wilhelm Enegelmann Verlag 1909
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Über die Welt und das Leben
Johannes Scherr
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Wenn die Darwinisten recht haben, so muß, auch die denkbar langsamste und sachteste Entwickelung vorausgesetzt, einmal ein Augenblick gewesen sein, wo der Riß zwischen Tierheit und Menschheit, zwischen tierischem Traumsein und menschlichem Bewußtsein geschah.
Falls wir aber dem ersten Wesen, welches sich im Gegensatze zum Tier als Mensch fühlte, nicht etwa die Schande antun wollen, uns dasselbe als einen Idioten vorzustellen, so muß es bald, sehr bald gemerkt haben, daß das Leben nichts weniger als eine Schlaraffei sei. Schon in den ersten Menschen dürfte der Kampf ums Dasein mitunter die Frage angeregt haben: Ist dieses Dasein eines solchen Kampfes wert? Man könnte, so man von einem Adam im biblischen Sinne sprechen wollte, unschwer auf die Vermutung kommen, schon der erste Mensch müßte notwendig ein Skeptiker gewesen sein und sich mitunter gefragt haben: Was tu’ ich eigentlich da?Eine sehr fragwürdige Frage, fürwahr, und bis heute noch unbeantwortet, obzwar alle Religionen und alle Philosophien sich abgemüht haben, eine Antwort zu finden. Was sie fanden? Fabeln und Phrasen.
Auch die Poesie wußte die Frage nur scharfschneidig zu formulieren, nicht aber zu beantworten.
Solche Frageformeln sind der Hiob, der Prometheus, der Faust, der Kain.Der letztere, die echteste, gefühlteste und großartigste dichterische Schöpfung des neunzehnten Jahrhunderts, in welcher der Genius Byrons in seiner ganzen Kraft und Düsternis sich offenbarte, ist keineswegs ein Anachronismus. Denn warum sollte, die biblische Mythe einmal zugelassen, der Erstgeborene Evas nicht der erste Pessimist gewesen sein? War er ein denkendes Wesen, so mußte sich das Gefühl des Verhängnisses, Mensch zu sein, bleischwer auf ihn legen, und mußte er klagen, wie der Dichterlord ihn klagen läßt:»Und dies ist Leben?
Sich stets zu mühn – warum soll ich mich mühn?
Ich lebe, ja, doch einzig um zu sterben,
Und seh’ im Leben nichts, den Tod verhaßt
Zu machen, als ein innerliches Bangen,
Den widerwärt’gen, unbesieglichen
Instinkt, zu leben, den ich wie mich selbst
Verachte, doch nicht überwinden kann.
So leb’ ich denn. O, hätt’ ich nie gelebt!«Der Ekel, die Verzweiflung müßte es doch schließlich über den »widerwärtigen Instinkt« davontragen, falls sich dieser nicht zwei starke Helfershelferinnen beigesellt hätte: Geduld und Gewohnheit. Diese lehren den Menschen ertragen, was an und für sich – persönliches »Glück« oder »Unglück« ganz beiseite gelassen – des Ertragens in keiner Weise wert ist.
Denn wo wäre ein auch nur halbwegs vernünftiger Zweck des Menschendaseins auch nur halbwegs annehmbar nachgewiesen? Nirgends. Religiöse Märchen und philosophische Redensarten die Hülle und Fülle, aber nicht die Spur von einem Nachweis, von welchem ein ehrlicher, anständiger und geschulter Mann sagen möchte: Daran kann ich glauben.
Wie? Auch an die Arbeit nicht? Als an ein Mittel, ja; als an den Zweck, nein. Denn warum soll ich arbeiten? da die schreckliche geheime Stimme in mir immerfort raunt: Dein Arbeiten ist am Ende aller Enden gerade so eitel und zwecklos wie das aller, die vor dir waren und die nach dir sein werden. Warum? Wozu? Wofür?
Es ist ganz wahr, die ungeheure Mehrzahl der Menschen wird durch diese Fragen gar nicht behelligt, weil sie das Leben tierisch-naiv faßt und führt. Die kleine – genau betrachtet, sehr kleine – Minderzahl, die Wissenden, welche den Dingen auf den Grund sehen möchten, sie haben sich von jeher redlich abgequält mit dem furchtbaren Warum? Wofür? Wozu? Man muß es auch sehr begreiflich und verzeihlich finden, wenn die armen zweifelnden, fragenden, suchenden Menschen sich von Zeit zu Zeit eine angebliche Lösung des unlösbaren Problems durch irgend einen Schelling oder Hegel – will sagen: durch diesen oder jenen betrogenen Betrüger – vorgaukeln lassen, bis dann die angebliche Lösung immer wieder als ein aus den Hüllen schamloser Begriffenotzucht und grausamer Sprachefolterung herausgeschältes faules Windei sich darstellt.
Aber ist es denn nötig, allzeit und überall dem Warum? nachzugrübeln? Lassen wir das Woher? und Wohin? und Wozu? und nehmen wir die Welt, wie sie nun einmal ist. Anders machen können wir sie ja doch nicht, und so wird es denn wohl das klügste sein, uns praktisch darin zurecht zu finden. Tun wir das, so werden wir weder bestreiten können noch wollen, daß die menschheitliche Arbeit im Laufe der Jahrtausende denn doch was Hübsches vor sich gebracht und daß die Vervollkommnungsschule Weltgeschichte erkleckliche Erziehungsresultate zutage gefördert habe. Wer wollte das bezweifeln? Wir laufen nicht mehr im Tierfellkostüm herum und nähren uns nicht mehr mit Eicheln. In der Schaffung und Verfeinerung von Formen hat sich die menschliche Kulturarbeit wahrhaft groß erwiesen. Was das Wesen angeht, so wollen scharfe Augen entdeckt haben, daß der Mensch im Perfektibilitätsfrack noch ganz derselbe sei, welcher er im pfahlbäuerischen Wolfs- oder Bärenfell gewesen. Gerade herausgesagt, die dermalen Tag und Nacht mechanisch Hergebetete Fortschrittslitanei vermag keinen Geschichtekenner zu überzeugen, daß die Zivilisation den Menschen substantiell verändert oder beziehungsweise veredelt habe. Soweit die geschichtliche Kenntnis in die Vorzeit hinaufreicht, ist der Mensch und ist die menschliche Gesellschaft dem Wesen nach ganz so gewesen, wie sie heute noch sind: – der Mensch ein Mischmasch von Widersprüchen, die Gesellschaft ein Wirrsal von gegensätzlichen Interessen. Zu allen Zeiten dieselben Illusionen und Enttäuschungen, dieselben Anlagen und Leidenschaften, dieselben Bedürfnisse und Begehrnisse, dieselbe Tugendtheorie und dieselbe Lasterpraxis. Zu allen Zeiten Schwindler und Beschwindelte, Ausbeuter und Ausgebeutete, Schelme und Narren. Ob aber dereinst aus dem verfallenden Erdenhause der letzte Mensch als der letzte Schwindler oder als der letzte Beschwindelte, als der letzte Narr oder als der letzte Schelm hinausziehen werde, darüber sind die Gelehrten noch nicht einig.
Darüber dagegen sind, wenn nicht die Gelehrten, so doch die Verständigen einig, daß die Erde nichts weniger als ein Eden, daß das »goldene Zeitalter« der Freiheit, des Friedens und der Freude wie in der Vergangenheit so auch in der Zukunft nur ein Ammenmärchen, daß die Natur unerbittlich und erbarmungslos, daß unser Menschenleben mit seiner jämmerlich unbehilflichen Kindheit und seinem einsamen bresthaften Alter, mit seinen Krankheiten und seinen Torheiten, mit seinen grellen Ungerechtigkeiten und ekelhaften Roheiten, mit seinen zahllosen Niederträchtigkeiten, Schurkereien und Freveltaten, mit seinen ruhelosen Wünschen und unzulänglichen Befriedigungen, mit seinen boshaften Verkettungen und seinen wehvollen Trennungen, mit den Luftspiegelungen des Ehrgeizes, mit den Verführungen des Reichtums und den Demütigungen der Armut, mit allen seinen Sorgen, Mühen, Schmerzen, geknickten Hoffnungen und bitteren Erfahrungen, sogar mit seinem sogenannten Glücke, seinen flüchtigen Genugtuungen und seinen täuschungsvollen Genüssen – ja, daß die Erde mit allem, was darauf, nichts als eine, mit dem armen Leopardi zu sprechen, »grenzenlose Nichtigkeit«, eine »inutile miseria«, oder auch nichts als eine schnöde Prellerei, ein niederträchtiger Schwindel.
Was folgt aus alledem?
Daß der »loathsome and yet all invincible instinct of life«, wovon der Byronsche Kain spricht, die Menschen zwang, eine Erfindung zu machen, mittels welcher sie über die Erdennot sich hinwegtäuschen konnten.
Diese Erfindung, die Lehre von der Fortdauer der Seele des Menschen nach seinem leiblichen Tode und die damit eng verbundene Vorstellung von einer Vergeltung in einem sogenannten Jenseits, ist die tröstlichste gewesen, welche ein Menschengehirn jemals ausgesonnen hat. Nur Abstraktoren, wie z. B. der verwichene Doktor Strauß, dem sein eigen Volk gerade so fremd gewesen wie etwa das japanische, nur dürre Doktrinäre, welche niemals in und mit dem Volke gelebt haben, vermögen zu verkennen, welche unermeßliche und unerschöpfliche Wohltat für die arme Menschheit der Unsterblichkeitsglaube war und ist. Die wirklich Weisen aller Länder und Zeiten, Denker und Dichter, Propheten und Politiker, haben das wohl erkannt. In den Katakomben Ägyptens, auf den Bergen von Baktrien, in den Banianenhainen am Ganges, unter den Platanen des Ilissos, auf den Triften Galiläas, in den Sandsteppen Arabiens wie in dem Schattendüster der Wälder Germaniens und unter den Druideneichen Armorikas ist diese Lehre verkündigt und geglaubt worden, und überall hat sie ungezählte und unzählige Millionen von Menschen die schwere Last des Lebens tragen gelehrt.
Wenn die menschliche Zivilisation etwas so Hehres und Herrliches ist, wie ihr sagt, wohlan, nur der Unsterblichkeitsglaube hat sie möglich gemacht. Dadurch möglich gemacht, daß er den Geschlechtern der Menschen die Hingebung und Ausdauer verlieh, inmitten von allen den Bedrängnissen des Daseins ihre Arbeit zu tun. Darf das ein bloßer Wahn genannt werden? Kann es ein bloßer Wahn sein? Und wenn es ein Wahn, ist er verwerflich und entbehrlich? Aber was ist denn eigentlich Wahn, und was ist Wahrheit? ■Aus Johannes Scherr, Größenwahn, Essay, Größenwahn, Max Hesses Verlag 1876
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Bösel/Pudill/Schäfer (Hg): «Denken im Affekt»
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Denken ohne Effekt
Michael Magercord
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Denken und Affekt wollen im Abendland nicht mehr zusammenkommen. Doch sollten diese beiden grundlegenden menschliche Regungen nicht letztlich immer zusammen betrachtet werden? Gehören sie nicht sogar zusammen?
Dies jedenfalls meinen die jungen Wiener Philosophen, die sich als Autoren des Bandes «Denken im Affekt» zusammengefunden haben. Ihre Abhandlungen sind recht unterschiedlich gestaltet: von der theoretischen Herleitung der eigenen Überzeugung über die Aussagen früherer Philosophen bis zum Versuch, sich schreibend dem gedanklichen Affekt auszusetzen, reicht die textliche Herangehensweise an das Titelthema.
Die Erkenntnis, dass Gefühle in unserer rationalen abendländischen, ja kartensischen Welt eher – wie es im Buch heißt – «infantilisiert» werden, ist nicht neu, sie begleitet die Aufklärungskritik schon seit ihrem Beginn. Doch unbeirrt schreibt Mitherausgeber Bernd Bösel im Vorwort: «Wir brauchen eine Philosophie, die es wagt, im Affekt zu denken.»
Aber wozu? Philosophische Texte sollten nach Möglichkeit mehr sein, als eine bloße Wiedergabe schon erkannten. Und tatsächlich soll das neuentdeckte Denken im Affekt nach der Vorstellung der Autoren zu etwas führen, nämlich zu einer neuen Subjektsouveränität im Umgang mit dem Affekt – und demnach eben auch mit dem Denken. Auch ein Philosoph will von seinen eigene Ideen überfallen werden, heißt es weiter im Buch.
Einige der Autoren – wagemutig sind sie, sich darauf einzulassen, das immerhin sollte man ihnen zugestehen – lassen sich von ihren vermeintlich affektösen Gedanken leiten und schreiben im Selbstversuch munter drauf los. Doch den hohen Anspruch kann der Affekt nicht einlösen. Die textlichen Versuche in diesem Buch scheitern kläglich daran beides, Affekt und Denken, schreibend zu etwas Weiterführendem zu verbinden. Mehr als ein paar nette Sätze kommen dabei nicht hinaus. Und dem leidigen Leib-Seele-Problem dadurch beizukommen, dass man das ganze dann als «Textkörper» bezeichnet, erscheint doch eher als semantischer Schnickschnack. Oder ist hier die Philosophie als Therapie gemeint? Dann ist die Frage erlaubt, wie diese Schreibereien nun die Souveränität über sein Selbst fördern sollen.
Vielleicht hätten die Autoren ihren Blick eher auf außereuropäische Denktraditionen lenken und vor allem den oralen Kulturen Gehör schenken sollen. Es gibt dazu bereits hoffnungsvolle Versuche, sich über philososophische Betrachtungen diese unverschrifteten Denkweisen für die Aufklärungskritik nutzbar zu machen. Zu erinnern gilt es hier an die Werke von Mamoussé Diagne sowie die Untersuchungen von Cheikh Moctar Ba, die beide am Lehrstuhl für afrikanische Philosophie an der Universität Dakar im Senegal lehren.
Und doch: Die Autoren und ihr Buch berührt immerhin einen tatsächlichen Mangel im abendländischen Umgang mit dem Gefühl oder dem Denken, dass darin verhaftet ist. Es ist nur der falsche Hebel, an dem sich die Texte abmühen. Denn es wurde ja vermutlich noch nie soviel über Gefühle im öffentlichen Raum dahergelabert, wie heute im medialen Raum, worin man dann allerdings von «Emotionen» spricht. Und doch lässt sich ein eklatantes Fehlen einer wirklichen Diskursfähigkeit über Gefühle im politischen und gesellschaftlichen Raum konstatieren, wie in Deutschland die Auseinandersetzung um das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 gezeigt hat:

Das Buch «Denken im Affekt» spricht ein wichtiges Thema an, schreibt aber an ihm vorbei. Es bleibt zu hoffen, dass dieses nur ein Anfang ist, eine Schreibübung vielleicht, woraus sich in Zukunft mehr entwickelt – denn die Behandlung des Themas vor allem im politischen und gesellschaftlichen Raum ist dringender denn je. So aber wie bislang in diesem Buch kommt man in dem Bemühen nicht weiter.
Zur Schlichtung der Gemüter über umstrittenen Bahnhofsneubau wurde etliche Gesprächsrunden mit Experten aller Art und von allen Seiten veranstaltet, die als «Schlichtung» bekannt geworden sind. Alle Aspekte wurden darin debattiert, von den Taktzeiten der S-Bahn bei unterschiedlichen Gleislängen und Gleiszahlen bis hin zur Dichte und Grundwasserführung des Gipskeupers bei Tunnelbohrungen. Aber es fiel darin kein Wort über den vielleicht wichtigsten Anlass, aus dem heraus sich soviele Menschen gegen den Bau des Megaprojektes gewandt hatten: Denn es ist wohl die komplette Veränderung des Lebensumfeldes, die mit dem Bau einhergeht, die das Unbehagen auslöst. Die affektierte Verbundenheit mit dem alten Bahnhof oder die Unlust, in Zukunft nur noch unterirdisch in einem Shopping-Centre anzukommen anstatt in der gewohnten Umgebung sind zwei Dinge, die bei der Schlichtung nicht angesprochen worden sind, weil es vermutlch dafür keine Sprache gibt in einer ach so sachlichen Entscheidung über Infrastrukturprojekte. Oder anders ausgedrückt: Aus dem Volk der Dichter und Denker wurden die Schlichter und Rechner.
Doch gerade diese Auseinandersetzung, die nun sogar den Ausgang der Landtagswahlen im deutschen Bundesland Baden-Württemberg bestimmt hat, zeigt dass Gefühle im politischen Raum nicht notgedrungen mit irrationalen Ängsten gleichbedeutend sind, etwa vor Fremdartigen und Andersgläubigen, wie immer gegen jede Rücksichtnahme auf derartige Affekte ins Feld geführt wird. Doch dabei ist es erst diese Negation der berechtigten Gefühle in den politischen und gesellschaftlichen Prozessen, die diese Ängste sogar meist zu erzeugen.
Nein, nicht am Ausdrücken von Gefühlen und dem Denken in – nennen wir es also nochmals neudeutsch: Emotionen fehlt es. Aber es hakt beim Diskurs über sie, sowie an der Rücksichtnahme im politischen Raum auf sie und ihrer Einbeziehung in die entsprechenden Entscheidungen. Das zu beheben, bedürfte es aber gerade einer analytischen Betrachtung auf Gefühltes und Gedachtes, doch dazu leisten die in diesem Sammelband erschienenen theoretischen Texte und Textversuche leider keinen Beitrag. Sie sind nur eine Wiederholung der Aufklärungskritik, die so alt ist wie das aufklärerische Denken selbst. Das Glücksgefühl der weiterführenden Erkenntnis vermittelt dieser Band jedenfalls nicht. ●
Bernd Bösel / Eva Pudill / Elisabeth Schäfer (Hg): Denken im Affekt, Passagen Verlag Wien, 188 Seiten, ISBN 9783851659566
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Das Zitat der Woche
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Über die Philosophie
Rudolf Christoph Eucken
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Daß die Philosophie nicht nur voller Probleme, daß sie auch als Ganzes ein Problem ist und ein Problem bleibt, das zeigt schon die verschiedene Schätzung und die umstrittene Stellung, die ihr das menschliche Leben gibt. Einerseits heißt sie die Königin der Wissenschaften, und ein ihr geweihtes Leben dünkt die Höhe des menschlichen Daseins, Geister allerersten Ranges bemühten sich, ihr zu dienen, und in den Gesamtstand der Menschheit griff sie oft mit mächtiger Wirkung ein. Dabei zeigte dies Wirken mannigfachste Verzweigung. Bald entrang die Philosophie, wie bei Plato, dem trüben Gemenge des Alltags hohe Ideale und hielt sie dem Streben als feste Richtsterne vor, bald suchte sie, nach Aristoteles’ Art, allen Reichtum der Wirklichkeit in ein Ganzes zu fassen und das Leben gleichmäßig zu durchgliedern, bald auch war sie ein sicherer Halt und schließlich ein Trost gegen alle Sorgen und Nöte, so im späteren Altertum, dann wieder wirkte sie, wie in der Neuzeit, zur Befreiung der Geister und als eine Leuchte aufsteigender Kultur, zugleich vollzog sie eine gründliche Prüfung des überkommenen Lebensstandes und suchte sie die Menschheit über die Grenzen ihres Vermögens gewissenhaft aufzuklären. Alles Große bedurfte ihrer Hilfe und Mitarbeit; wo immer sie fehlte, da verlor das Leben an Ursprünglichkeit, an Freiheit, an Tiefe. In diesem Gedankengange erscheint die Philosophie als ein unentbehrliches Hauptstück des geistigen Besitzes der Menschheit.
Aber zugleich zeigt jeder Überblick der Erfahrung, daß ihr zu allen Zeiten zahlreiche Gegner erwuchsen, die sie für überflüssig erklärten, ja als schädlich verwarfen. So der Spezialforscher, der mit seiner Verteilung der Welt in einzelne Gebiete sein Werk abschließt, so der Praktiker, dem ihr Mühen und Grübeln eine Hemmung frischen und freudigen Handelns dünkt, so auch manche Anhänger der Religion, die von ihr eine Erschütterung des Glaubens und ein Übermaß menschlichen Selbstvertrauens befürchten. Gefährlicher aber als alle Bekämpfung von außenher ist die Unsicherheit der Philosophie bei sich selbst, das Auseinandergehen ihrer Arbeit, ihre Spaltung in verschiedene Sekten, deren jede, um sich selbst zu behaupten, alle übrigen glaubt vernichten zu müssen. Dieser Streit droht ohne Abschluß und ohne Ergebnis zu bleiben, er scheint im Laufe der Jahrhunderte eher zu wachsen als abzunehmen. Denn ob die Sophisten mit ihrem Subjektivismus oder Sokrates mit seiner Begriffslehre im Rechte waren, ob das höchste Gut auf dem Wege der Stoa oder auf dem Epikurs zu suchen sei, das steht noch immer in Frage. Wohl verließen die handelnden Personen selbst den Schauplatz, aber ihre Ideale blieben und setzten den Kampf mit unverminderter Leidenschaft fort, wie die Geister auf den katalaunischen Feldern. Von hier aus bleibt unverständlich, wie die Philosophie einen tiefen Einfluß auf das Denken und Leben zu gewinnen vermochte; liegt ein solcher Einfluß als eine unbestreitbare Tatsache vor, so stehen wir vor einem Rätsel, und es treibt mit Notwendigkeit dazu, uns über die Aufgabe wie die Stellung der Philosophie zu orientieren.
Jenen Widerspruch hat man wohl durch eine Fassung der Philosophie zu heben versucht, die sie allen annehmbar machen sollte; die Frage ist nur, ob sie dabei eine Selbständigkeit und einen Wert bewahren kann. Früher sowie heute wird oft der Philosophie kein anderes Ziel gesteckt als das, die Arbeit der einzelnen Wissenschaften zusammenzufügen, ihre Leistungen in ein Gesamtbild zu fassen; je weiter die Forschung sich verzweige, so heißt es, desto nötiger sei eine besondere Disziplin, welche für den Zusammenhang der Zweige sorge; indem die Philosophie als eine solche sowohl die Voraussetzungen, als die Methoden, als die Hauptergebnisse der Einzelwissenschaften überschaue und vergleiche, gewinne sie eine wichtige und unverwerfliche Aufgabe. Eine Aufgabe ist hier unverkennbar, aber jeder Versuch einer genaueren Fassung erzeugt Verwicklungen und treibt die Geister auseinander.
Wie ist jene überschauende und verbindende Tätigkeit zu denken? Bleibt sie ganz an den übermittelten Stand des Wissens gebunden, hat sie keinerlei Recht, von sich aus zu prüfen und weiterzubilden, so ist sie freilich aller Gefahr entronnen, aber mit der Gefahr hat sie auch alle eigentümliche Bedeutung eingebüßt. Denn bei solcher Beschränkung ist sie nicht mehr als ein Registrieren der Ergebnisse der Fachwissenschaften, eine bloße Enzyklopädie, die ein liberaler Sprachgebrauch Wissenschaft nennen mag, die aber damit noch nicht eine selbständige Wissenschaft wird. Auch ist nicht zu verstehen, wie von einer solchen Enzyklopädie eine so tiefe Erschütterung und eine so fruchtbare Weiterbildung des Denkens und Lebens ausgehen konnte, wie sie doch, denken wir nur an Plato und an Kant, von der Philosophie tatsächlich ausgegangen sind. Und wie soll es gehalten werden, wenn die einzelnen Wissenschaften sich nicht ohne weiteres zusammenschließen, wenn schroffe Konflikte entstehen, wenn zum Beispiel das eine Gebiet ebenso entschieden eine mechanische Kausalität verficht, wie das andere auf einer Freiheit des Handelns besteht? Soll die Philosophie einen derartigen Widerspruch ruhig ertragen und willig hinnehmen? ■Aus Rudolf Christoph Eucken, Einführung in die Hauptfragen der Philosophie (1911)
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Das Zitat der Woche
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Über musikalische Gedanken
Carl Gustav Carus
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Musikalische Gedanken sagt man eigentlich nur figürlich, so wie man das Wort Ton auch für gewisse Eigenschaften der Farbe braucht – beides ist zu entschuldigen, weil es an besondern Worten für beides eben fehlt. Aber diese musikalischen Gedanken haben in ihrer Sphäre vieles, ja fast alles, was die erkennenden eigentlichen Gedanken auch haben: sie können Klarheit und Verworrenheit haben, sie können mächtig und erhaben, sie können schwach und gemein sein usw.; besonders aber können sie sich auch auszeichnen durch das, was wir reine, gesunde, natürliche Folge nennen, und je mehr unser innerer Sinn ausgebildet und entwickelt ist, desto mehr wird diese Folge uns freuen, und desto mehr wird ihr Mangel uns unbefriedigt lassen.
Es gibt einen Fluß großer musikalischer Gedanken, welche durch diese Folge, durch diese große, erhabene Natürlichkeit das Gefühl einer höchsten Schönheit entzünden können. Der dritte Akt von Glucks ›Armide‹, die größten Werke Mozarts und viele unsterbliche Schöpfungen Beethovens haben dies in vollstem Maße. Fehlt diese Folge, so kann selbst der Reichtum feinster und originellster Harmonie und unerwartetster Tonverhältnisse nicht ein hinreichendes Gegengewicht darbieten. Das seligste Genügen des Geistes aber entsteht im Reiche der Töne allemal erst dann, wenn Melodien ihm zudringen, wie er selbst sie nicht zu schaffen vermag, wie sie ihm aber doch so durchaus gemäß sind, daß er in ihnen sich selbst gleichsam vervollständigt findet, und wenn in diesen Melodieen ihm alles neu und doch alles so notwendig, so organisch bedingt und darum wieder so bekannt vorkommt, daß er im voraus gewiß ist, es könne nicht anders kommen, als es kommt. Dieses Genügen ist daher eigentlich auch allein der Prüfstein vollendeter Schönheit eines großen musikalischen Werkes. ■
Aus Carl Gustav Carus, Gedanken über große Kunst, Leipzig 1940
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Das Zitat der Woche
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Von der Seele der Pflanze
Gustav Theodor Fechner
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Die ursprüngliche Natur-Ansicht der Völker, sowie der charakteristische und ästhetische Eindruck, den uns die Pflanzen unmittelbar machen, spricht viel mehr für die Seele der Pflanzen, als die unter uns herrschende, auf anerzogenen Vorstellungen beruhende Volksansicht gegen dieselbe.
Die Pflanzen sind uns zwar im ganzen unähnlicher als die Tiere, Stimmen doch aber gerade in den Hauptgrundzügen des Lebens noch mit uns und den Tieren so überein, daß wir, wenn auch auf einen großen Unterschied in der Art der Beseelung zwischen ihnen und uns, doch nicht auf den Grundunterschied von Beseelung und Nichtbeseelung selbst zu schließen berechtigt sind. Im Allgemeinen findet ein solches Verhältnis der Ergänzung beiderseits statt, daß das Seelenleben der Pflanzen Lücken ausfüllt, welche das der Menschen und Tiere lassen würde.
Daß die Pflanzen weder Nerven noch ähnliche Sinnesorgane zur Empfindung haben wie die Tiere, beweist doch nichts gegen ihr Empfinden, da sie auch anderes, wozu das Tier der Nerven und besonders gearteter Organe bedarf, ohne Nerven und ähnliche Organe nur in anderer Form zu leisten vermögen; überhaupt aber der Schluß, daß die besondere Form der tierischen Nerven und Sinnesorgane zur Empfindung nötig sei, auf unhaltbaren Gründen beruht.
Die gesamte teleologische Betrachtung der Natur gestaltet sich viel befriedigender, wenn man den Pflanzen Seele beimißt, als wenn man sie ihnen abspricht, indem eine große Menge Verhältnisse und Einrichtungen in der Natur hierdurch eine lebendige und inhaltsvolle Bedeutung gewinnen, die sonst tot und müßig liegen oder als leere Spielerei erscheinen.
Daß das Pflanzenreich den Zwecken des Menschen- und Tierreichs dient, kann doch nicht gegen darin waltende Selbstzwecke sprechen, da in der Natur sich der Dienst für andere und für eigene Zwecke überhaupt nicht unverträglich zeigt, auch das Tierreich ebensowohl den Zwecken des Pflanzenreichs zu dienen hat wie umgekehrt.Wenn die Pflanzen als beseelte Wesen schlimm gestellt scheinen, indem sie sich viel Unbill von Menschen und Tieren gefallen lassen müssen, ohne sich dagegen wehren zu können, so erscheint dies doch bloß so schlimm, wenn wir uns auf unseren menschlichen Standpunkt stellen, ganz anders dagegen, wenn wir das Pflanzenleben nach seinem eigenen inneren Zusammenhange auffassen. Auch legen wir diesem Einwande überhaupt mehr Gewicht bei, als er verdient.
Wenn man behauptet, daß die Pflanzen keine Seele haben, weil sie keine Freiheit und willkürliche Bewegung haben, so achtet man entweder nicht recht auf die Tatsachen, welche eine solche Freiheit in der Pflanze doch in ähnlichem Sinne wie im Tiere erkennen lassen, oder verlangt von der Pflanze etwas, was man bei Tieren auch nicht findet, indem von eigentlicher Freiheit doch auch bei Tieren nicht wohl die Rede sein kann.
Sofern Pflanzenreich und Tierreich durch ein Zwischenreich aneinander grenzen, wo die Unterschiede beider zweideutig werden, dieses Zwischenreich aber sowohl die unvollkommensten Pflanzen als Tiere enthält, kann man das Pflanzenreich dem Tierreiche nicht schlechthin als ein tiefer stehendes unterordnen; da es sich vielmehr von dem Zwischenreiche durch die höheren Pflanzen wieder zu erheben anfängt. Dies und der Umstand, daß das Pflanzenreich und Tierreich in der Schöpfungsgeschichte gleiches Datum der Entstehung haben, spricht dafür, daß das eine dem anderen auch in betreff der Beseelung nicht schlechthin untergeordnet sein wird.
Vermißt man die Zeichen der Zentralisation, verknüpfenden Einheit oder des selbständigen Abschlusses im Pflanzen-Organismus als Bedingung oder Ausdruck der Einheit und Individualität der Seele, so sieht man wieder nicht auf die rechten Punkte, oder verlangt Dinge von den Pflanzen, die man bei den Tieren auch nicht findet.
Es ist wahrscheinlich, daß das Seelenleben der Pflanzen noch viel mehr ein rein sinnliches ist als das der Tiere, welche, wenn auch nicht Vernunft und Selbstbewußtsein, doch noch Erinnerung des Vergangenen und Voraussicht des Zukünftigen haben, während das Pflanzenleben wahrscheinlich im Fortleben mit der Gegenwart aufgeht, ohne deshalb in der Allgemeinbeseelung aufzugehen. Statt daß aber das Sinnesleben der Pflanzen minder entwickelt als das der Tiere wäre, mag es noch mehr entwickelt sein. ■Aus Gustav Theodor Fechner: Nanna oder über das Seelenleben der Pflanzen, Leipzig 1848
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Das Zitat der Woche
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Von der Gewissheit der Vernunft
Georg W. F. Hegel
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Die Vernunft ist die Gewißheit des Bewußtseins, alle Realität zu sein; so spricht der Idealismus ihren Begriff aus. Wie das Bewußtsein, das als Vernunft auftritt, unmittelbar jene Gewißheit an sich hat, so spricht auch der Idealismus sie unmittelbar aus: Ich bin Ich, in dem Sinne, daß Ich, welches mir Gegenstand ist, nicht wie im Selbstbewußtsein überhaupt, noch auch wie im freien Selbstbewußtsein, dort nur leerer Gegenstand überhaupt, hier nur Gegenstand, der sich von den anderen zurückzieht, welche neben ihm noch gelten, sondern Gegenstand mit dem Bewußtsein des Nichtseins irgendeines anderen, einziger Gegenstand, alle Realität und Gegenwart ist.
Das Selbst-Bewußtsein ist aber nicht nur für sich, sondern auch an sich alle Realität erst dadurch, daß es diese Realität wird oder vielmehr sich als solche erweist. Es erweist sich so in dem Wege, worin zuerst in der dialektischen Bewegung des Meinens, Wahrnehmens und des Verstandes das Anderssein als an sich und dann in der Bewegung durch die Selbständigkeit des Bewußtseins in Herrschaft und Knechtschaft, durch den Gedanken der Freiheit, die skeptische Befreiung und den Kampf der absoluten Befreiung des in sich entzweiten Bewußtseins das Anderssein, insofern es nur für es ist, für es selbst verschwindet. Es traten zwei Seiten nacheinander auf, die eine, worin das Wesen oder das Wahre für das Bewußtsein die Bestimmtheit des Seins, die andere[, worin es] die hatte, nur für es zu sein. Aber beide reduzierten sich in eine Wahrheit, daß, was ist, oder das Ansich nur ist, insofern es für das Bewußtsein, und was für es ist, auch an sich ist. Das Bewußtsein, welches diese Wahrheit ist, hat diesen Weg im Rücken und vergessen, indem es unmittelbar als Vernunft auftritt, oder diese unmittelbar auftretende Vernunft tritt nur als die Gewißheit jener Wahrheit auf. Sie versichert so nur, alle Realität zu sein, begreift dies aber selbst nicht; denn jener vergessene Weg ist das Begreifen dieser unmittelbar ausgedrückten Behauptung. Und ebenso ist dem, der ihn nicht gemacht hat, diese Behauptung, wenn er sie in dieser reinen Form hört -denn in einer konkreten Gestalt macht er sie wohl selbst -unbegreiflich. ■
Aus Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Bamberg/Würzburg 1807
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Robert Zimmer: «Arthur Schopenhauer»
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Ein durchweg zweideutiges Leben
Zum 150. Todesjahr von Arthur Schopenhauer
Günter Nawe
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Rechtzeitig zum 150. Todesjahr des großen deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer hat Robert Zimmer eine großartige Biografie vorgelegt. Für den promovierten Philosophen war und ist Arthur Schopenhauer nicht nur ein bedeutender Philosoph, er war der wohl einzige Philosoph, der ein umfassendes Verständnis hatte für Musik und Kunst und Literatur (Shakespeare und Goethe zum Beispiel), und der selbst ein exzellenter Schriftsteller war. Dies alles beschreibt Zimmer im Kontext zu den Lebensdaten und der Werk- und Wirkungsgeschichte Schopenhauers. Und das in einer Art und Weise, die auch dem nicht philosophisch geschulten Leser Gewinn verspricht und Freude machen wird, und ohne ins populärwissenschaftliche Genre abzugleiten.
Denn es war für einen Denker und Gelehrten schon ein aufregendes Leben, das dieser 1788 in Danzig geborene Schopenhauer geführt hat. Eine Reihe von Lebensstationen gab es: Hamburg (hier erlernte er den Kaufmann-Beruf), Gotha und Weimar, Göttingen und Berlin, Rudolstadt und Dresden, und schließlich Frankfurt/Main. Dazu viele Reisen, schon als Kind mit Aufenthalten in Holland, England, Frankreich und der Schweiz. Später zwei Italienreisen. In Rudolstadt schrieb er seine Dissertation «Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde», Grundlage für sein späteres Hauptwerk «Die Welt als Wille und Vorstellung» (1818). In Weimar gab es dann die Auseinandersetzung mit Mutter Johanna und Schwester Adele, die mit einem unkittbaren Zerwürfnis endete. Mit Goethe, den er verehrte, hatte er Kontakt über die «Farbenlehre», der Schopenhauer allerdings selbstbewusst und überheblich eine eigene Schrift «Über das Sehn und die Farben» (1816) entgegenstellte. Ein «durchweg zweideutiges Leben» also. Am 21. September 1860 ist der Philosoph Arthur Schopenhauer in Frankfurt/Main gestorben.
Zimmer versteht es, alle diese Ereignisse korrespondieren zu lassen mit den Anschauungen dieses gern als pessimistisch, misanthropisch und frauenfeindlich apostrophierten Einzelgängers mit dem Pudel, der allerdings auch Liebesbeziehungen, unter anderem mit einer Choristin der Berliner Oper, und uneheliche Kinder hatte. Stattdessen war – nach Zimmer – der Philosoph ein kosmopolitischer Denker (mit gutem Grund trägt diese Biografie den Untertitel «Ein philosophischer Weltbürger»), der es verstanden hat, abendländisches Denken mit fernöstlichen Weisheiten in Verbindung zu bringen.
Dies und sein Eigenwille brachte ihn zwangsläufig in Konflikt mir der bisherigen Philosophie und ihren Vertretern, die er neben sich nicht gelten ließ – außer Kant, den die akademische Philosophie missverstanden habe, und mit dem einzig er – Schopenhauer – auf Augenhöhe denken könnte. So ist besonders die Auseindersetzung mit seinen «Erzfeinden» Hegel, Fichte und Schelling und mit der gesamten akademischen Philosophie bemerkenswert. Den Vorwurf: «Die Philosophie-Profeßoren haben redlich das Ihrige gethan, um dem Publiko die Bekanntschaft mit meinen Schriften wo möglich auf immer vor zu enthalten. Beinahe 40 Jahre hindurch bin ich ihr Caspar Hauser gewesen.» wird er bis in seine letzten Jahre aufrecht erhalten.. Er rächt sich, indem er vom «ekelhaften Hegeljargon» spricht, von der «Hegelei» und von «Hegelianischen Flausen», und auch an allen anderen kein gutes Haar lässt.
Auch am Leser übrigens nicht. «Meine letzte Zuflucht ist jetzt, ihn (den Leser) zu erinnern, daß er ein Buch, auch ohne es gerade zu lesen, doch auf mancherlei Art zu benutzen weiß. Es kann, so gut wie viel andere, eine Lücke seiner Bibliothek ausfüllen, wo es sich, sauber gebunden, gewiß gut ausnehmen wird. Oder auch er kann es seiner gelehrten Freundin auf die Toilette, oder den Theetisch legen. Oder endlich er kann ja, was gewiß das Beste von Allem ist und ich besonders rathe, es recensiren.» Auch wenn Schopenhauer gedichtet hat: «Daß von allem, was man liest, / Man neun Zehntel bald vergißt, / Ist ein Ding, das mich verdrießt./ Wer’s doch All auswendig wüßt’!»

Robert Zimmer erzählt in «Ein philosphischer Weltbürger» umfassend von Leben und Werk des Denkers Arthur Schopenhauer, der die deutsche Philosophie aus dem akademischen Elfenbeinturm befreit hat.
So war er, dieser Arthur Schopenhauer, der einmal von sich sagte: «Das Leben ist eine missliche Sache: ich habe mir vorgesetzt, es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken.» Und das tat er gründlich und prononciert, sodass sein Werk, vor allem die «Parerga und Paralipomena» (1851) mit den «Aphorismen zur Lebensweisheit», eine Art «Steinbruch» sind, aus dem sich jeder, was immer er will herausschlagen kann. Zum Beispiel Sprachpuristen, die gern sein Diktum gegen die «Sprachverhunzung» zitieren: «Empörend ist es, die deutsche Sprache zerfetzt, zerzaust und zerfleichst zu sehen, und oben drauf den triumphirenden Unverstand, der selbstgefällig sein Werk belächelt.»
Robert Zimmer erzählt umfassend und verständlich, sodass der Leser ein sehr komplexes Bild von diesem kosmopolitischen Denker und Schriftsteller, auch vom Menschen Schopenhauer und vom Philosophen erhält, der die deutsche Philosophie des 19. Jahrhunderts maßgeblich erweitert hat. Vor allem hat er sie dank seiner verständlichen Sprache aus dem akademischen Elfenbeinturm befreit. ■
Robert Zimmer: Arthur Schopenhauer – Ein philosophischer Weltbürger, Biografie, 316 Seiten, Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-24800-6
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Das Zitat der Woche
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Über die rechte Erziehung
Immanuel Kant
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Unsern Schulen fehlet fast durchgängig etwas, was doch sehr die Bildung der Kinder zur Rechtschaffenheit befördern würde, nämlich ein Katechismus des Rechts. Er müßte Fälle enthalten, die populär wären, sich im gemeinen Leben zutragen, und bei denen immer die Frage ungesucht einträte: ob etwas recht sei oder nicht? Beispielsweise wenn jemand, der heute seinem Kreditor bezahlen soll, durch den Anblick eines Notleidenden gerührt wird, und ihm die Summe, die er schuldig ist, und nun bezahlen sollte, hingibt: ist das recht oder nicht? Nein! Es ist unrecht, denn ich muß frei sein, wenn ich Wohltaten tun will. Und, wenn ich das Geld dem Armen gebe, so tue ich ein verdienstliches Werk; bezahle ich aber meine Schuld, so tue ich ein schuldiges Werk. Ferner, ob wohl eine Notlüge erlaubt sei? Nein! es ist kein einziger Fall gedenkbar, in dem sie Entschuldigung verdiente, am wenigsten vor Kindern, die sonst jede Kleinigkeit für eine Not ansehen, und sich öfters Lügen erlauben würden.
Gäbe es nun ein solches Buch schon, so könnte man, mit vielem Nutzen, täglich eine Stunde dazu aussetzen, die Kinder das Recht der Menschen, diesen Augapfel Gottes auf Erden, kennen, und zu Herzen nehmen zu lehren. -Was die Verbindlichkeit zum Wohltun betrifft: so ist sie nur eine unvollkommene’ Verbindlichkeit. Man muß nicht sowohl das Herz der Kinder weich machen, daß es von dem Schicksale des andern affiziert werde, als vielmehr wacker. Es sei nicht voll Gefühl, sondern voll von der Idee der Pflicht. Viele Personen wurden in der Tat hartherzig, weil sie, da sie vorher mitleidig gewesen waren, sich oft betrogen sahen. Einem Kinde das Verdienstliche der Handlungen begreiflich machen zu wollen, ist umsonst. Geistliche fehlen sehr oft darin, daß sie die Werke des Wohltuns als etwas Verdienstliches vorstellen. Ohne daran zu denken, daß wir in Rücksicht auf Gott nie mehr, als unsere Schuldigkeit tun können, so ist es auch nur unsere Pflicht, dem Armen Gutes zu tun.
Denn die Ungleichheit des Wohlstandes der Menschen kommt doch nur von gelegentlichen Umständen her. Besitze ich also ein Vermögen, so habe ich es auch nur dem Ergreifen dieser Umstände, das entweder mir selbst oder meinem Vorgänger geglückt ist, zu danken, und die Rücksicht auf das Ganze bleibt doch immer dieselbe.
Der Neid wird erregt, wenn man ein Kind aufmerksam darauf macht, sich nach dem Werte anderer zu schätzen. Es soll sich vielmehr nach den Begriffen seiner Vernunft schätzen. Daher ist die Demut eigentlich nichts anders, als eine Vergleichung seines Wertes mit der moralischen Vollkommenheit. [...]
Ob aber der Mensch nun von Natur moralisch gut oder böse ist? Keines von beiden, denn er ist von Natur gar kein moralisches Wesen; er wird dieses nur, wenn seine Vernunft sich bis zu den Begriffen der Pflicht und des Gesetzes erhebt. Man kann indessen sagen, daß er ursprünglich Anreize zu allen Lastern in sich habe, denn er hat Neigungen und Instinkte, die ihn anregen, ob ihn gleich die Vernunft zum Gegenteile treibt. Er kann daher nur moralisch gut werden durch Tugend, also aus Selbstzwang, ob er gleich ohne Anreize unschuldig sein kann.
Laster entspringen meistens daraus, daß der gesittete Zustand der Natur Gewalt tut, und unsre Bestimmung als Menschen ist doch, aus dem rohen Naturstande als Tier herauszutreten. Vollkommne Kunst wird wieder zur Natur.
Es beruht alles bei der Erziehung darauf, daß man überall die richtigen Gründe aufstelle, und den Kindern begreiflich und annehmlich mache. Sie müssen lernen, die Verabscheuung des Ekels und der Ungereimtheit an die Stelle der des Hasses zu setzen; innern Abscheu, statt des äußern vor Menschen und der göttlichen Strafen, Selbstschätzung und innere Würde, statt der Meinung der Menschen, – innern Wert der Handlung und des Tun, statt der Worte, und Gemütsbewegung, – Verstand, statt des Gefühles, – und Fröhlichkeit und Frömmigkeit bei guter Laune, statt der grämischen, schüchternen und finstern Andacht eintreten zu lassen. ■Aus Immanuel Kant, Über Pädagogik, in: Werke in 12 Bänden (W.Weischedel/Hg.), Suhrkamp Verlag 1968 (Bd. 12)
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Das Zitat der Woche
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Von der Notwendigkeit der ganzheitlichen Betrachtung
Carl Gustav Carus
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Betrachten wir den gegenwärtigen Stand der Naturwissenschaften, von welcher Seite wir wollen, so ist nicht zu verkennen, daß die philosophische Seite, die Seele derselben, unverhältnismäßig in ihrer Ausbildung hinter der sinnlichen Seite, gleichsam dem Leibe derselben, zurückgeblieben sei. Eine fast unübersehbare Masse einzelner Beschreibungen und Beobachtungen hat sich gesammelt, und unermüdet werden immer neue Formen, immer verwickeltere Erscheinungen aufgesucht. Weit weniger aber sieht man ein ruhiges und klares Bestreben, die Bedeutung der bekanntesten Formen zu erforschen, in der Mannigfaltigkeit der Phänomene die einfachsten, die Urphänomene, zu erkennen und aus diesen kombinatorisch die Vielheit abzuleiten. [...]
Aber das Bedürfnis, hier sich kräftiger zu entwickeln, regt sich unter den mannigfaltigsten Gestalten, und was die Wissenschaft betrifft, so darf uns die Schwierigkeit, es dürfen noch so viele mißlungene Versuche nicht abhalten, nach einem Ziele zu streben, welches uns durch seine Einheit allein das Gegengewicht gegen eine erdrückende Vielheit gewähren kann. Ja, es zeigt sich die Wichtigkeit der Ausbildung dieser Seite auch insofern, als durch die Auffindung gesetzmäßiger Konstruktion der Naturbildungen gleichsam die Rechenprobe auf unsre sinnliche Beobachtung gemacht wird; denn erst wenn der Mensch so weit ist, eine aufgenommene Mannigfaltigkeit gleichsam rekonstruierend, schematisch, einfach und kurz darzulegen, darf er überhaupt sagen, daß er zu einem lebendigen Wissen über diese Mannigfaltigkeit gelangt sei.
Übrigens möge das Aussprechen des Wunsches einer künftigen tiefern Bearbeitung der Naturwissenschaften von philosophischer Seite durchaus nicht als eine Zurücksetzung der beobachtenden Seite betrachtet werden; denn nur als Hinweisung auf die Notwendigkeit gleichmäßiger Ausbildung beider Richtungen sollen diese Worte angesehen sein, und jeder, der die Welt überhaupt nur, inwiefern sie ein Ganzes ist, zu denken vermag, wird von der Notwendigkeit dieser Gleichmäßigkeit sich überzeugt halten; wer hingegen nur Stückwerk sieht und Stückwerk will, wird auch für die Notwendigkeit innern Gleichgewichts wissenschaftlicher Ausbildung keinen Sinn haben, und es wäre vergeblich, für solche Gesinnung Beweise zu häufen, welche notwendig fruchtlos bleiben müssen, wo das Organ sie zu fassen mangelt. ■Aus Carl Gustav Carus, Welches sind die Anforderungen an eine künftige Bearbeitung der Naturwissenschaften? (1822), in: Natur und Seele, Diderichs Verlag Jena
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Das Zitat der Woche
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Von der Philosophie und der Logik
Friedrich Waismann
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Der Philosoph macht nicht das, was der Logiker macht – nur weniger kompetent -, sondern etwas ganz und gar anderes. Ein philosophisches Argument ist keine Approximation eines logischen, noch ist das letztere ein Ideal, das der Philosoph anstrebt. Eine solche Darstellung gibt das, was wirklich vor sich geht, vollkommen falsch wieder. Philosophie ist keine Übung in formaler Logik, philosophische Argumente sind keine – wenn auch unzulängliche – Ketten logischer Folgerungen, noch können sie mit viel Mühe auf deduktive Formen gebracht werden. Hier wird das Ziel des Wissenschaftlers, neue Wahrheiten zu finden, mit dem Ziel des Philosophen, Einsicht zu gewinnen, verwechselt.
Da beides vollkommen verschieden ist, nimmt es kaum wunder, daß sich der Philosoph nicht in der Rüstung des Logikers bewegen kann. Nicht einmal dann, wenn der Logiker selbst den Kampf führt. Der Konflikt über das Gesetz vom ausgeschlossenen Dritten in der Mathematik ist ein Konflikt zwischen zwei Parteien, von denen jede im Besitz klarer und genau definierter Begriffe ist. Dennoch scheint es keine Möglichkeit zu geben, die Kontroverse durch zwingende Argumente beizulegen. Wenn es wahr ist, daß philosophische Schwierigkeiten aus der unklaren Natur unserer alltäglichen Begriffe entstehen, wie kann es dann angehen, daß solche Konflikte in der exaktesten aller Wissenschaften ausbrechen? ■
Aus Friedrich Waismann, Wie ich Philosophie sehe, in: A. Kulenkampff (Hg.), Methodologie der Philosophie, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1979
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Das Zitat der Woche
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Vom Organismus als geistige Macht
Adolf Portmann
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Eingliederung in ein teilweise unbekanntes Gesamtbild – das ist eine unbequeme und unbeliebte Forderung, und doch ist sie entscheidend. Sie wird heute oft in einem erschreckenden Mass vernachlässigt. Die Bilder vom Organismus geben sich in unseren Tagen meist als rational durchschaute. Sie wollen völlig verstandene Bilder sein. Der Organismus ist in diesen Konstruktionen auf das reduziert worden, was von ihm jederzeit rational fassbar ist, und diese Auffassung beherrscht denn auch den elementaren Unterricht der Gegenwart. Die Blüte der höheren Pflanze ist in dieser Betrachtungsweise eine Bestäubungseinrichtung mit einem weit ausgebauten, farben- und düftereichen Publizitätsdienst. Das Farbenkleid eines Vogels steht etwa im Dienst der Tarnung oder der Anlockung der Geschlechter oder es vermittelt das Erkennen von Artgenossen. Der Farbwechsel eines Fisches ist ein Auslöser für soziale Beziehungen, eine Kundgabe von Stimmungen. Dass in allen diesen Fällen gerade die eigenartigsten Tatsachen der Gestalt auch noch anderen Deutungen zugänglich wären, die nicht ausschliesslich der Sphäre der puren Erhaltung der Art oder des Individuums angehören, das sei im Augenblick nur angedeutet.
Selbst Forschungsrichtungen, welche die Gestaltung des Lebendigen sehr ernst nehmen, wie die Verhaltungsforschung der neuesten Zeit, sind in manchen ihrer Varianten auf den blossen Nachweis von funktionellem Sinn der äusseren Merkmale eingeengt, sie suchen nach «Rollen» in ganz bestimmten Lebensspielen. Sie machen deshalb bewusst oder unbewusst mit bei der Reduktion der organischen Erscheinung auf bloss funktional Verstandenes.
Die Gefahr einer Gestaltauffassung, die derart auf das rational Durchschaute reduziert ist, wird in unserer Zeit noch vergrössert durch einen Umstand, der eine immer drohendere Lage schafft: der technische Ausbau der Arbeitsmethoden führt heute immer weiter weg von einer umfassenden Betrachtung der Gesamterscheinung eines Organismus. Die zwangsläufige Entwicklung lenkt ab von der Gestalt. Sie zwingt den Forscher ins Submikroskopische, in den molekularen Bereich. Die Form ist dann nur noch Funktionsträger, der als durchschaut gilt; sie ist zuweilen dem Forscher überhaupt nur noch technischer Test für Verborgenes. Dadurch wird einer Reduktion der Vorstellung vom Lebendigen Vorschub geleistet, die oft noch weit unter das geht, was zur Zeit rational verstanden wird: eine Reduktion auf blosse biotechnisch bedeutungsvolle Ausschnitte.
Denken wir nun an die Notwendigkeit der äussersten Beschränkung im Unterricht, wie sie die nahe Zukunft aus Zeitgründen immer schärfer bringen wird – wie gross ist da die Gefahr, dass wir uns mehr und mehr auf einige schematische Robotbilder des Lebendigen beschränken. Nur eine neue Auffassung vom Organismus, von der eine wirkliche geistige Macht ausgeht, könnte einem solchen Verfall entgegenwirken. ■Aus Adolf Portmann, Wandlungen unseres Bildes vom Lebendigen, in: Wege zur neuen Wirklichkeit, Vortragsreihe, Verlag Hallwag Bern 1960
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Hélène Cixous: «Manhattan»
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Vom Scheitern einer Besprechung und vom
Herantasten an eine Vorgeschichte
Karin Afshar
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Als ich entschied, das Buch von Hélène Cixous zu besprechen, wusste ich nichts, aber auch gar nichts über die Autorin. Das ist nichts Neues, denn viele Autoren, deren Bücher ich bis jetzt besprochen habe, sind einer weiteren Leserschaft eher unbekannt. Dass ich diese Autorin aber hätte kennen können, wurde mir klar, als ich nachforschte – neugierig geworden, bevor ich das Buch in den Händen hielt: Cixous ist am 5. Juni 1937 in Oran (Algerien) geboren, sie ist Schriftstellerin, Philosophin, Universitätsprofessorin (Anglistik); lebt und arbeitet in Paris und Arcachon als Literaturwissenschaftlerin und Philosophin, vor allem aber als Roman- und Theaterautorin hat Hélène Cixous seit 1967 etwa 70 Bücher veröffentlicht.
«Schreiben aus der Vorgeschichte» heißt der Untertitel – was stelle ich mir darunter vor? Das Buch beginnt mich zu interessieren, denn seit geraumer Zeit sammle ich die Geschichte meiner Familie mütterlicher- wie auch väterlicherseits, und da kommt einiges zum Vorschein. Erzählungen aus der Zeit, bevor wir denken lernten, sind nicht zu unterschätzen. Sie können erklären, warum man selbst ist, wie man ist, mit allen Wunden und verqueren Mustern. Auf der Seite des Wiener Passagen Verlags, in dem die Übersetzung erschienen ist, lese ich dies:
«Die Ursache des Schreibens, wo liegt sie? Immer wieder warnt die Autorin ihre Leser (im Ankündigungstext des Verlages): «Ich werde dieses Buch nicht schreiben», und doch bahnt sich das Buch Wege ans Licht der Seiten und umschreibt in bebenden Rucken und heftigen Erschütterungen die zertrümmernde Begegnung mit G.»
Das Buch ist noch nicht da, von Wien nach Frankfurt dauert es mit der Post etwas länger, und ich werde jetzt doch sehr neugierig. Die Qual des Schreibens – oh ja, die kenne ich! Ob ich eine Seelenverwandte finde? Eine, mit der ich mich, ohne sie zu kennen, verstehe und die mir, ohne dass ich sie darum gebeten hätte, Impulse gibt? Währenddessen erlese ich über Cixous noch einiges mehr:
«Hélène Cixous’ immer an der Matrix der französischen Sprache ausgerichtetes literarisches Werk bringt originelle und zugleich traditionsgesättigte Sprachkunstwerke hervor, deren Bezugspole die gesamte abendländische Literaturtradition in sich aufnehmen: Ihr experimenteller Schreibstil ist subjektivistisch, zuweilen changiert ihre Prosa in lyrische Passagen. Schreiben ist für Hélène Cixous weibliche Selbsterkundung und Selbstschaffung, dieser feministische Ansatz wurde von ihr insbesondere während ihrer akademischen Tätigkeit programmatisch entwickelt. Hélène Cixous schreibt radikal antitotalitär und prägt als dekonstruktive Sprachdenkerin (zusammen mit ihrem verstorbenen Freund Jacques Derrida) seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts die poststrukturale Literatur und Philosophie.» (Erwin Rauner über Cixous)
Dekonstruktivismus – was war das noch gleich? Ich recherchiere auch dies und erinnere mich wieder: Es hat etwas mit der Auflösung der binären Opposition zu tun – also z.B. mit der Dualität von Mann und Frau oder dem dominanten Gesellschaftssystem und einem daneben existierenden, anders strukturierten System. Eine Frau, soll Cixous gesagt haben, schreibe deshalb nicht wie ein Mann, weil sie mit dem Körper spreche. Weil das Patriarchat immer geherrscht habe, habe die Frau keine eigene Sprache, und ihr Körper werde ihr einzig nutzbares Mittel. Schreibpraxis und Sinnenfreude fallen bei ihr zusammen – die weibliche Schreibpraxis ist irrational, nicht regelhaft und voller Zerstörung.
Das Buch ist endlich angekommen. Es hat einen schlichten grauen Einband, ist ein Paperback. Auch innen Schlichtheit, gedruckt auf gelblichem Papier, keine weiteren Angaben z.B. zu bereits im Verlag veröffentlichten anderen Büchern. Es erscheint völlig auf den Text konzentriert. Worum es geht?
«Die Liebe zu G. war nicht Liebe zu G., sondern in Wahrheit Liebe zur Literatur. Ja, dass es G. gar nicht gab, dass er Zitat, Abschrift, Imitation und Zusammenschnitt aus den berauschend berückendsten Werken der Weltliteratur war – hätte sie das ahnen können oder sollen, sie, die damals, 1965 in Amerika, glaubte, einen jungen Mann namens Gregor zu lieben? Und wer, wenn nicht die geheimen Andermächte der von ihr über alles geliebten Literatur hatte diesem G. die Schlüssel zu ihrem Wesen in die Hände gespielt: einen Namen zum Beispiel, der klanglich ihre geliebtesten Verstorbenen heraufbeschwor, oder einen leichten Husten und dann die Eingebung, ihr eine Lungenkrankheit vorzutäuschen mit einem Schreiben aus Kafkas Briefen an Milena?» (Verlagsinfo).

Die Verworrenheit, die die Protagonisten in Hélène Cixous' «Manhattan» durchleben, spiegelt sich in einer Verworrenheit des Schreibstils, basierend auf den vielen literarischen Bezügen, wider – das Lesen ist anstrengend...
Gut, gehen wir’s an. Ich setze mich mit dem Buch auf den Balkon, mitten zwischen meine Brennesseln, die die schönsten im ganzen Innenhof sind, beginne zu lesen. Aber ich komme nicht weit. Wir – das Buch und ich – bekommen keine Verbindung. Die Sätze, die mir entgegenfallen, sind mir zu konstruiert nichtstrukturiert. Die Art von Spiel mit der Sprache ist mir fremd, so fremd, dass es keinen Grund gibt, mich damit auseinanderzusetzen. Bevor ich an einen Punkt gelange, an dem die Geschichte vielleicht richtig anfängt, lege ich das Buch aus der Hand.
Dergleichen ist mir auch bei anderen Autoren passiert. Ich fand jene mit Abstand betrachtet allesamt zu subjektivistisch und zu sehr an Details orientiert, die einen wegführen von dem, was der Kern ist. Sie machen mich zu einer Voyeuristin: ich stehe staunend oder befremdet vor den Reflektionen der Protagonisten. Die Verworrenheit, die die Protagonisten durchleben, spiegelt sich in einer Verworrenheit des Schreibstils, basierend auf den vielen literarischen Bezügen, wider – das Lesen ist anstrengend. Natürlich habe ich mir meine Gedanken zu «Liebe» und Emanzipation oder Feminismus gemacht, und seichte Literatur ist auch nicht, was ich suche.
Im Dekonstruktivismus wird offensichtlich tatsächlich etwas «zerstört», was mich wiederum verstört. Ich bin ja nun auch schon durch einige Wirrungen und Irrungen des Lebens gegangen und wenn ich einen Protagonisten auf seinem Schmerzensweg begleite, dann will ich nicht gleichzeitig Kalkül einer Konstruktion sein, auf deren Rücken eine Theorie ausgelebt wird. Dieses Empfinden habe ich bei vielen Erzählungen der sogenannten Moderne…
Erwähnen will ich noch, dass mir eine Übersetzung vorliegt. Es ist immer eine große Aufgabe, ein Original in eine andere Sprache zu übersetzen. Im Falle von Cixous würde ich sagen: es ist ein Unterfangen, das nahezu unmöglich ist. Man muss sie vermutlich im Original lesen, dies ganz unabhängig vom Vorgesagten und meinen Schwierigkeiten mit der «Moderne».
Eins allerdings hat das Buch in mir geweckt: den Wunsch, nun doch die Geschichte zu schreiben, die von den Abgründen in einer Familie handelt. Mehr noch als Wunsch: ich bin herausgefordert. Aber keine Bange: ich werde mein Buch ebenso wenig schreiben, wie ich dieses vor mir liegende lesen werde. ■
Hélène Cixous, Manhattan, Schreiben aus der Vorgeschichte, Hg: Peter Engelmann, Ü: Claudia Simma, 212 Seiten, Passagen Verlag, ISBN 9783851659269
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Leseproben
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Das Zitat der Woche
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Über die Individualität
Max Horkheimer
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Die Individualität wird beeinträchtigt, wenn jedermann beschließt, sich selbst zu helfen. Indem der gewöhnliche Mensch sich von der Teilnahme an politischen Angelegenheiten zurückzieht, tendiert die Gesellschaft dazu, zum Gesetz des Dschungels zurückzukehren, das alle Spuren von Individualität tilgt. Das absolut isolierte Individuum ist stets eine Illusion gewesen. Die am höchsten geschätzten persönlichen Qualitäten, wie Unabhängigkeit, Wille zur Freiheit, Sympathie und der Sinn für Gerechtigkeit, sind ebenso gesellschaftliche wie individuelle Tugenden.
Das vollentwickelte Individuum ist die Vollendung einer vollentwickelten Gesellschaft. Die Emanzipation des Individuums ist keine Emanzipation von der Gesellschaft, sondern die Erlösung der Gesellschaft von der Atomisierung, eine Atomisierung, die in Perioden der Kollektivierung und Massenkultur ihren Höhepunkt erreicht hat. ■
Aus Max Horkheimer, Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, in: Vorträge und Aufzeichnungen, S. Fischer Verlag 1967
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Das Zitat der Woche
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Über das Paradies
Nikos Kazantzakis
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Als ich erwachte, mochte es Mittag sein. Ich blickte mich überall um. Was gab es nicht alles zu sehen! Ein kleines sauberes Zimmer mit Lehnstühlen, einem Waschtisch, Seife, Flaschen, Fläschchen, großen und kleinen Spiegeln. An den Wänden hingen bunte Kleider und eine große Menge Fotografien – Matrosen, Offiziere, Kapitäne, Polizisten, Tänzerinnen, halbnackte Frauen. Und neben mir im Bett lag warm, duftend, mit verwühltem Haar das weibliche Geschlecht.
He, <Sorbas>, flüsterte ich und schloß die Augen, <du kamst schon bei Lebzeiten ins Paradies. Hier ist es gut sein, hier bringen dich keine zehn Pferde weg.>Wie ich dir schon früher erklärte, hat jeder Mensch sein eigenes Paradies. Deins ist mit Büchern und großen Tintenflaschen vollgestopft. Für einen anderen besteht es aus Fässern voll Wein, Uso und Kognak. Einem dritten bedeuten ganze Berge von englischen Pfunden das Paradies. Mein Paradies ist jetzt ein kleines Zimmer mit bunten Röcken, Parfüms und wohlriechender Seife, ich liege in einem breiten Bett mit Sprungfedern und das weibliche Geschlecht mir zur Seite.
Aus Nikos Kazantzakis, Alexis Sorbas, Roman, Rowohlt Verlag 1976
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Das Zitat der Woche
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Über die Bestimmung des Gelehrten
Johann Gottlieb Fichte
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Der Gelehrte ist ganz vorzüglich für die Gesellschaft bestimmt: er ist, insofern er Gelehrter ist, mehr als irgendein Stand, ganz eigentlich nur durch die Gesellschaft und für die Gesellschaft da; er hat demnach ganz besonders die Pflicht, die gesellschaftlichen Talente, Empfänglichkeit und Mitteilungsfertigkeit, vorzüglich und in dem höchstmöglichen Grade in sich auszubilden…
Seine für die Gesellschaft erworbene Kenntnis soll er nun wirklich zum Nutzen der Gesellschaft anwenden: er soll die Menschen zum Gefühl ihrer wahren Bedürfnisse bringen und sie mit den Mitteln ihrer Befriedigung bekannt machen. Das heißt nun aber nicht, er soll sich mit ihnen in die tiefen Untersuchungen einlassen, die er selbst unternehmen mußte, um etwas Gewisses und Sicheres zu finden. Dann ginge er darauf aus, alle Menschen zu so großen Gelehrten zu machen, als er etwa selbst sein mag; und das ist unmöglich und zweckwidrig. Das übrige muß auch getan werden; und dazu sind andere Stände; und wenn diese ihre Zeit gelehrten Untersuchungen widmen sollten, so würden auch die Gelehrten bald aufhören müssen, Gelehrte zu sein. Wie kann und soll er denn aber seine Kenntnisse verbreiten? Die Gesellschaft könnte ohne Zutrauen auf die Redlichkeit und Geschicklichkeit anderer nicht bestehen, und dieses Zutrauen ist demnach tief in unser Herz geprägt; und wir haben es durch eine besondere Wohltat der Natur nie in einem höhern Grade als da, wo wir der Redlichkeit und Geschicklichkeit des andern am dringendsten bedürfen. Er darf auf dieses Vertrauen zu seiner Redlichkeit und Geschicklichkeit rechnen, wenn er es sich erworben hat, wie er soll. -Ferner ist in allen Menschen ein Gefühl des Wahren, welches freilich allein nicht hinreicht, sondern entwickelt, geprüft, geläutert werden muß; und das eben ist die Aufgabe des Gelehrten. Es würde dem Ungelehrten nicht hinreichen, um ihn auf alle Wahrheiten zu führen, deren er bedürfte; aber wenn es nur sonst – und das geschieht oft gerade durch Leute, die sich zu den Gelehrten zählen – wenn es nur sonst nicht etwa künstlich verfälscht worden ist, wird es immer hinreichen, daß er die Wahrheit, wenn ein anderer ihn darauf hinführt, auch ohne tiefe Gründe für Wahrheit anerkenne. -Auf dieses Wahrheitsgefühl darf der Gelehrte gleichfalls rechnen. – Also der Gelehrte ist, insoweit wir den Begriff desselben bis jetzt entwickelt haben, seiner Bestimmung nach der Lehrer des Menschengeschlechts.
Aber er hat die Menschen nicht nur im allgemeinen mit ihren Bedürfnissen und den Mitteln, dieselben zu befriedigen, bekannt zu machen: er hat sie insbesondere zu jeder Zeit und an jedem Orte auf die eben jetzt, unter diesen bestimmten Umständen eintretenden Bedürfnisse und auf die bestimmten Mittel, die jetzt aufgegebenen Zwecke zu erreichen, zu leiten. Er sieht nicht bloß das Gegenwärtige, er sieht auch das Künftige; er sieht nicht bloß den jetzigen Standpunkt, er sieht auch, wohin das Menschengeschlecht nunmehr schreiten muß, wenn es auf dem Wege zu seinem letzten Ziele bleiben und nicht von demselben abirren oder auf ihm zurückgehen soll. Er kann nicht verlangen, es auf einmal bis zu dem Punkte fortzureißen, der etwa ihm in die Augen strahlt; es kann seinen Weg nicht überspringen: er hat nur zu sorgen, daß es nicht stille stehe und daß es nicht zurückgehe. In dieser Rücksicht ist der Gelehrte der Erzieher der Menschheit.Aus Johann Gottlieb Fichte, Über die Bestimmung des Gelehrten, Vorlesungen, Jena 1794
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Das Zitat der Woche
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Vom inneren Gesetz der Wissenschaft
Nicolai Hartmann
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Wissenschaft ist zu keiner Zeit ein feststehender Besitz, so sehr auch es dem in seiner Zeitlage Wurzelnden so erscheinen mag; sie ist stets im Werden, ist im Ganzen gesehen ein einziger großer Prozeß. Der Prozeß aber ist, wo immer er lebendig im Gange und nicht etwa bloßes Zehren von fremder Errungenschaft ist, notwendig ein Adäquationsprozeß, Annäherung an die Wahrheit. Das trifft auch dort noch zu, wo einseitige Richtungen sich zuspitzen. Der Halt an der Sache läßt es nicht anders zu; was unwahr ist, kann mit Gegebenem nicht zur Deckung gebracht werden, kann also dem fortschreitenden Problemstande nicht genügen.
Die Irrtümer in diesem Prozeß sind also nicht nur lehrreich, sie sind vielmehr ebenso positiv bewegende Momente wie die Einsichten; und zwar auf die Dauer stets solche, die sich auf die Wahrheit zu bewegen. Sie gerade zwingen zum tieferen Eindringen, ihre eigene Unhaltbarkeit drängt zur Berichtigung hin. In der Wissenschaft sind Irrtümer die Erfahrungen, die der objektive Geist an sich selber macht. Und seine Erfahrungen kommen ihm zugute.So ist es schon im Leben des Individuums. Die Erkenntnis wächst im Maße der begangenen Irrtümer und ihrer Berichtigungen. Der Mensch zahlt Lehrgeld, indem er fortschreitet. So ist es erst recht beim Erkenntnisprozeß im Großen, der als geschichtlicher den individuellen überlagert und in seine Bewegung einbettet. Und beide hängen zusammen: wie die jeweilige Errungenschaft des Wissens das Erkennen des Individuums trägt und bewegt, so bewegt dieses wiederum den Bestand des Wissens durch seine jeweilige Errungenschaft fort.
Die Bewegung des objektiven Geistes unterliegt somit in der Wissenschaft einem eigenen Gesetz, wie es auf keinem anderen Gebiet sein Analogon hat: sie mag im einzelnen von Irrtum zu Irrtum führen, sie führt dennoch in der Gesamtresultante unentwegt der Wahrheit zu – und zwar unabhängig davon, ob sie in bestimmter Frage zur Wahrheit gelangt oder nicht. ■Aus Nicolai Hartmann, Das Problem des geistigen Seins, Walter de Gruyter Verlag, Berlin 1949
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Das Zitat der Woche
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Von den Erinnerungen an die Liebe
Sören Kierkegaard
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Cordelia, meine Cordelia, du meine Cordelia! [...] Sie hat Phantasie, Seele, Leidenschaft, kurz, alle Substantialitäten, aber nicht subjektiv reflektiert. Davon hat ein Zufall mich heute so recht überzeugt. Ich weiß von der Firma Jansen, daß sie nicht musiziert, da das den Grundsätzen der Tante zuwider läuft. Ich habe das stets bedauert, denn die Musik ist immer ein gutes Kommunikationsmittel, wenn man sich einem jungen Mädchen nähern will, vorausgesetzt freilich, daß man so vorsichtig ist, nicht als Kenner aufzutreten.
Heute ging ich zu Frau Jansen hinauf, ich hatte die Tür halb geöffnet, ohne anzuklopfen, eine Unverschämtheit, die mir oftmals zugute kommt und die ich, wenn es nottut, durch eine Lächerlichkeit wettmache, dadurch nämlich, daß ich an die offene Tür klopfe – sie saß dort allein am Fortepiano – sie schien heimlich zu spielen – es war eine kleine schwedische Melodie – sie spielte ohne Geläufigkeit, sie wurde ungeduldig, doch dann erklangen wieder sanftere Töne.
Ich machte die Tür zu und blieb draußen, auf den Wechsel ihrer Stimmungen lauschend, es war zuweilen eine Leidenschaft in ihrem Spiel, die an Jungfer Mettelil erinnerte, welche die Goldharfe schlug, daß die Milch aus ihren Brüsten sprang. Es war etwas Wehmütiges, aber auch etwas Dithyrambisches in ihrem Vortrag. – Ich hätte vorstürzen, diesen Augenblick ergreifen können – es wäre Torheit gewesen. -
Die Erinnerung ist nicht nur ein Mittel der Konservierung, sondern auch der Vermehrung, was von Erinnerung durchdrungen ist, wirkt doppelt. – Man findet in Büchern, zumal in Gesangbüchern, oft eine kleine Blume – ein schöner Augenblick war es, der den Anlaß gegeben hat, sie in das Buch zu legen, aber schöner noch ist doch die Erinnerung.
Sie macht offenbar ein Geheimnis daraus, daß sie spielt, oder spielt sie etwa nur diese kleine schwedische Melodie – hat diese etwa ein besonderes Interesse für sie? Das alles weiß ich nicht, deshalb aber ist dieses Ereignis für mich von großer Wichtigkeit. Wenn ich nun einmal vertraulicher mit ihr rede, dann lenke ich sie ganz heimlich auf diesen Punkt hin und lasse sie in diese Fallgrube stürzen. ■Aus Sören Kirkegaard, Das Tagebuch des Verführers (Entweder-Oder, 1843), Deutscher Taschenbuch Verlag
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Das Zitat der Woche
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Vom Christsein in problematischer Welt
Emerich Coreth
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Von größter Bedeutung ist, daß die Christen in unserer Zeit ihre Sendung und Verantwortung gegenüber den brennenden Problemen der heutigen Welt erkennen und in Angriff nehmen. Auf die Probleme des materiellen Fortschritts in der technisch-industrialisierten Welt, auf den erschreckenden Sinnverlust in dieser modernen Gesellschaft wurde schon hingewiesen, und darauf, daß der christliche Glaube hier gültige Antwort zu geben hat.
Aber es geht nicht nur um transzendente Sinngebung, sondern auch um die weltimmanenten Probleme selbst, das ungeheuere soziale Problem der heutigen Menschheit, das Gefälle zwischen arm und reich, die grauenhafte Not und das Elend, in dem Hunderte Millionen von Menschen in unterentwickelten Ländern leben – und täglich an Hunger sterben – gegenüber dem Wohlstand der Industrienationen. Die Kirche hat sich aus dem Geist Christi auf die Seite der Armen, der Unterdrückten, der Benachteiligten zu stellen, und sie tut es in zunehmendem Maße. Sicher hat das Evangelium nicht für alle konkreten sozialen und wirtschaftlichen Fragen fertige Patentlösungen anzubieten. Wohl aber kann ein Christentum, das die Botschaft Jesu ernst nimmt, nicht nur ewiges Heil schenken, sondern auch – in einer heillosen Welt – irdisches Heil zu vermitteln helfen: aus dem Geist christlicher Liebe, durch den Einsatz für Friede und Gerechtigkeit, das Sein-für-andere, wie es Christus gelebt und gelehrt hat.
Zwar ist es nicht richtig, das Christsein auf die horizontale Ebene zu reduzieren und darüber die vertikale Dimension zu vergessen oder zu verschweigen, aber ebenso unrichtig und einseitig wäre es, Christsein nur in der vertikalen ohne die horizontale Dimension verwirklichen zu wollen. Beides gehört zusammen: Liebe zu Gott und zu den Menschen, Religion und Einsatz für den Mitmenschen. Christliche Liebe ist aber mehr als bloße »Mitmenschlichkeit«, weil sie im Glauben an Gott gründet, den Gott aller Menschen, der das Heil aller will und in seiner Liebe alle umfängt. Nur aus Gott, der uns – uns alle – zuvor geliebt hat, kann echte, selbstlos dienende und helfende Liebe zu den Menschen Mut und Kraft, Geduld und Zuversicht schöpfen.
Solche Überlegungen zur Weltsendung des christlichen Glaubens in unserer Zeit gehören mit hinein in mein Verständnis des Christseins. Diese Aspekte und Dimensionen der christlichen Botschaft sind die Entfaltung des einen Notwendigen, die folgerichtige Ausstrahlung und Auswirkung des einzig Zentralen. So bleibt schließlich meine Antwort auf die Frage, warum ich Christ bin, auf die Mitte bezogen, aus der das Ganze lebt. Die Antwort heißt ganz einfach: weil ich glaube.Aus Emerich Coreth, Christsein aus Herkunft und Berufung, in: W.Jens (Hrsg.), Warum ich Christ bin, Kindler Verlag 1979
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Das Zitat der Woche
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Über die Begehrsucht
Buddha
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Wahrlich, durch Begehrsucht bedingt, durch Begehrsucht veranlaßt, durch Begehrsucht bewogen, eben bloß aus Begehrsucht streiten Fürsten mit Fürsten, Adelige mit Adeligen, Priester mit Priestern, Hausväter mit Hausvätern, streitet die Mutter mit dem Sohn, der Sohn mit der Mutter, der Vater mit dem Sohn, der Sohn mit dem Vater, streitet Bruder mit Bruder, Bruder mit Schwester, Schwester mit Bruder, Freund mit Freund. Und so in Streit, Zank und Zwist geraten greifen sie sich gegenseitig mit Fäusten, Stöcken und Schwertern an. Dabei nun erleiden sie den Tod oder tödliche Schmerzen. Das aber ist der Unsegen der Begehrsucht, die sichtbare Leidensanhäufung, durch Begehrsucht bedingt, durch Begehrsucht veranlaßt, durch Begehrsucht erzeugt, durch Begehrsucht verursacht.
Und fernerhin: durch Begehrsucht bedingt, durch Begehrsucht veranlaßt, durch Begehrsucht bewogen, eben bloß aus Begehrsucht brechen die Menschen in Häuser ein, rauben, plündern Häuser, verüben Wegelagerei, gehen zu den Frauen anderer. Solche nehmen die Fürsten fest und verhängen mancherlei Strafen über sie. Und so erleiden sie den Tod oder tödliche Schmerzen. Das aber ist der Unsegen der Begehrsucht, die sichtbare Leidensanhäufung, durch Begehrsucht bedingt, durch Begehrsucht veranlaßt, durch Begehrsucht erzeugt, durch Begehrsucht verursacht.
Und fernerhin: durch Begehrsucht bedingt, durch Begehrsucht veranlaßt, durch Begehrsucht bewogen, eben bloß aus Begehrsucht führen die Menschen einen üblen Wandel in Werken, Worten und Gedanken. Und in Werken, Worten und Gedanken einen üblen Wandel führend, geraten sie beim Zerfall des Körpers, nach dem Tode, in ein niederes Dasein, auf leidvolle Fährte, in verstoßene Welt, zur Hölle. Das aber ist der Unsegen der Begehrsucht, die jenseitige Leidensanhäufung, durch Begehrsucht bedingt, durch Begehrsucht veranlasst, durch Begehrsucht erzeugt, durch Begehrsucht verursacht. ■
Aus Nyanatiloka, Das Wort des Buddha, Beyerlein&Steinschulte Verlag 1906
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Das Zitat der Woche
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Von der Natur in der Krankheit
Paracelsus
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Die Natur ist es, die dem Kranken die Arznei gibt. So Natur die Arznei gibt, muß sie den Kranken erkennen. Denn ohne Erkenntnis kann sie ihm nichts geben. Nun liegt die Erkenntnis nit im Arzt, sondern in der Natur. So Natur sich kennt, stellt sie das Rezept zusammen. Krankheit und Arznei kommen beide aus der Natur und nit vom Arzt. Von diesen beiden soll der Arzt lernen. Was sie ihn lehren, soll er tun. Lehren sie ihn nichts, so kann und weiß er nichts. Denn beide, Arznei und Krankheit, unterliegen der Natur, die ihr eigener Arzt ist.
Die Natur allein lehrt den Arzt, nit der Mensch. So nun in der Natur so viel liegt, ist es vonnöten, darüber zu handeln, wer die Natur sei. Das ist eben Gegenstand der Philosophie. Bei der Definition, was Philosophie sei, gibt es einen Streit zwischen mir und meinen Gegnern. Was sie für Philosophie halten, halte ich für eine Drüse, das heißt, sie sind wie ein Arzt, der seine Kunst aus den Drüsen nimmt, die außen am Leibe wachsen, ihm gleichsehen, aber nicht gleich sind. Derartig sind diese Arztphilosophen… Daß sie etwas von meiner Philosophie halten, ist nit gut möglich. Darum wird meine Philosophie von ihnen nit gebraucht, auch nit von andern Narren.
Der Arzt soll vor allem Himmel und Erde kennen, ihre Materie, Art und ihr Wesen. So er darüber unterrichtet ist, mag er mit dem Studium der Arznei beginnen. Denn nach dieser Erfahrung, diesem Wissen und dieser Kunst beginnt der Arzt. Mein Unterfangen und Grundsatz ist, daß die Arzneikunst so geübt werde, daß aus dem äußern Arzt der innere geboren werde und wo der äußere nit sei, da sei auch der innere nit, und was der innere treibt, führt und lernt aus sich selbsten, das ist umsonst. ■Aus Paracelsus, Paragranum (1529)
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Das Zitat der Woche
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Über den Menschen
Georg Christoph Lichtenberg
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Jede Größe ist sich selbst gleich, sagt er; und wiegt endlich die Sonne mit allen Planeten ab. Er weiß die Zeit der Bedeckung entfernter Planeten und weiß den Untergang einer Welt nicht, die seinen Körper ausmacht. Ich bin nach Gottes Bild geschaffen, sagt er, und dort schlurft er den Urin des unsterblichen Lama. Staunt eine Bienenzelle mit Verwunderung an und kann selbst Peterskirchen bauen. Wirft Hirsenkörner durch das Ohr einer Nadel oder bestreicht sie mit einem Stein und findet auf dem Meer seinen Weg. Nennt Gott bald das tätigste Wesen, bald den Unbeweglichen, gibt dem Engel bald Sonnenlicht zum Gewand und bald Vielfraß-Pelz (Kamtschatka), betet bald Mäuse und Würmer an, glaubt hier an einen Gott, vor dem tausend Jahre sind wie der Tag, der gestern vergangen ist, und bald an gar keinen. Ermordet sich selbst und vergöttert sich selbst, kastriert sich selbst, brennt und hurt sich zu Tode, tut Gelübde der Keuschheit, und verbrennt einer … wegen Troja. Frißt seine Mitbrüder, seinen Mist. (Mehr verdaut und besser geordnet.) ■
Aus G.Ch. Lichtenberg, Aphorismen, Göttingen 177
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Das Zitat der Woche
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Über die romantische Welt
Novalis
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Wir leben in einem kolossalen (im Großen und im Kleinen) Roman. Betrachtung der Begebenheiten um uns her. Romantische Orientierung, Beurteilung und Behandlung des Menschenlebens.
Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts als eine qualitative Potenzierung. Das niedere Selbst wird mit einem besseren Selbst in dieser Operation identifiziert. So wie wir selbst eine solche qualitative Potenzreihe sind. Diese Operation ist noch ganz unbekannt. Indem ich dem Gemeinen eine hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es. ■
Aus Novalis, «Fragmente» (1800)
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Das Zitat der Woche
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Über die Wahrheit in der Wissenschaft
Paul Häberlin
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Wahrheit ist eine strenge Herrin. Wo es um Erkenntnis geht, da darf keine andre Rücksicht walten. Vieles ist brauchbar, was gar nicht wahr ist, und was wahr ist, braucht nicht wirtschaftlich verwendbar zu sein. Eine Wissenschaft, die nach solcher Verwendbarkeit schielt, läßt sich von ihrer eigentlichen Bestimmung ablenken, und sei es auch nur dadurch, daß sie sich ihre Aufgaben oder ihre Forschungsgebiete von außen her vorschreiben läßt. Es gibt nicht nur eine Politisierung der Wissenschaft, deren Bedenklichkeit wir alle einsehen, sondern auch eine Kommerzialisierung oder Ökonomisierung, die nicht minder an das Herz der Wissenschaft greift.
Lassen Sie mich ein Beispiel nennen, das mir selber naheliegt: die Psychologie. Die Anwendung psychologischer Einsichten auf das Wirtschaftsleben, auf den Verkehr, auf die Behandlung der Menschen ist möglich, und gegen «angewandte Psychologie» in diesem $inne möchte ich nichts sagen. Etwas anderes aber ist es, wenn Psychologie selber wesentlich unter dem Gesichtspunkt solcher Verwendung arbeitet. Dann fragt sie nicht mehr – wie sie als Wissenschaft ausschließlich immer müßte – nach der Wahrheit über den Menschen als Menschen, sondern sie fragt nach dem Menschen gerade nur so weit, als er für die Wirtschaft in Betracht kommt, wenn sie sich nicht gar darauf beschränkt, zu fragen, wie er, der Mensch, als Subjekt oder vor allem als Objekt der Wirtschaft verwendbar sei.
Derartiges Fragen aber wird dem Menschen, und der Aufgabe der Wissenschaft vom Menschen, in doppelter Weise nicht gerecht. Einmal kann die psychologische Wahrheit überhaupt nicht angegangen, geschweige denn gefördert werden, wenn nicht von vornherein und jederzeit der ganze Mensch im Blickfeld steht, nicht nur das, was an ihm ökonomisch in Betracht kommt. Vor allem aber tötet solche Einstellung den Willen zur Wahrheit selbst. Denn sie ist zufrieden, wenn sie gewisse menschliche Züge oder Verhaltensweisen festgestellt hat, welche ihr wirtschaftspraktisch relevant erscheinen. Das ist, grob gesagt, nicht anders, als wenn etwa Botanik sich damit begnügen wollte, festzustellen, welche Pflanzen oder Pflanzenteile eßbar oder sonstwie verwendbar seien, oder wie man sie zu diesem Zweck behandeln müsse. Daß es da Hintergründe, Rätsel, Geheimnisse, Probleme gibt, auf die es eigentlich ankommt und denen gegenüber jedes zufriedene Haltmachen ein Verrat an der wissenschaftlichen Ehrfurcht vor der Wahrheit ist, dies sieht solches Genügen an der Aufdeckung von Verwendbarkeiten nicht; ja es hindert, darnach überhaupt zu fragen. Wahrheit läßt nicht mit sich markten; wer nicht für sie ist, ist wider sie. ■Aus Paul Häberlin, Philosophie und Wirtschaft, Zürich 1948
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Das Zitat der Woche
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Über den Menschen als staatliches Wesen
Johann J. Bachofen
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Aristoteles hat es schon gesagt: «Der Mensch ist ein staatliches Wesen», und es werden wohl noch zweitausend Jahre vergehen, ehe man dieselbe Idee kürzer und besser ausdrückt. Der Staat ist der innersten Natur des Menschen selbst entnommen. Er ist nicht Erfindung eines verdorbenen Geschlechts, nicht der Deckmantel unserer Schadhaftigkeit; er ist vielmehr die Verkörperung der besseren Menschennatur; nicht ein Damm gegen größeren Verfall, sondern die Verbrüderung zur Erreichung der höchsten Zwecke, eine Vereinigung aller besseren Kräfte in jeder Wissenschaft, jeder Kunst, jeder Tugend, jeder Vollendung.
Da aber das Ziel einer solchen Verbrüderung nicht in einer Generation, nicht in vielen erreicht werden kann, so ist der Staat nicht bloß die Verbrüderung der lebenden Menschen, sondern der Lebenden und der Toten und derer, die noch geboren werden!
Jeder einzelne Staat ist ferner bloß eine teilweise Verbrüderung in der großen und allgemeinen Verbrüderung der ganzen Menschheit, ein Glied zur Bildung der großen Kette, welche die niederen mit den höheren Naturen, die sichtbare mit der unsichtbaren Welt verbindet. Das ist der Zweck, das die Bestimmung des Staates; fürwahr eine Bestimmung, die in sich selbst die höchste Seite der menschlichen Natur offenbart!
Beneiden wir also die Anhänger jenes naturrechtlichen Systems nicht um die zerstörte Vollkommenheit ihres ersten Zustandes, noch um ihr verlorenes Paradies. Denn für uns besteht nun die Geschichte, zumal die des Rechts, nicht in der traurigen Entfaltung eines immer tieferen Verfalls, sondern in dem steten Fortgang der Entwicklung zu größerer Vollkommenheit. ■Aus Johann Jakob Bachofen, Basler Antrittsrede zur Rechts-Professur 1841
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Das Zitat der Woche
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Über Gefühl und Anschauung
Friedrich Schleiermacher
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Anschauung ohne Gefühl ist nichts und kann weder den rechten Ursprung noch die rechte Kraft haben, Gefühl ohne Anschauung ist auch nichts: beide sind nur dann und deswegen etwas, wenn und weil sie ursprünglich eins und ungetrennt sind. Jener erste geheimnisvolle Augenblick, der bei jeder sinnlichen Wahrnehmung vorkommt, ehe noch Anschauung und Gefühl sich trennen, wo der Sinn und sein Gegenstand gleichsam ineinander geflossen und eins geworden sind, ehe noch beide an ihren ursprünglichen Platz zurückkehren – ich weiß, wie unbeschreiblich er ist, und wie schnell er vorübergeht, ich wollte aber, ihr könntet ihn festhalten und auch in der höheren und göttlichen religiösen Tätigkeit des Gemüts ihn wieder erkennen. Könnte und dürfte ich ihn doch aussprechen, andeuten wenigstens, ohne ihn zu entheiligen! Flüchtig ist er und durchsichtig, wie der erste Duft, womit der Tau die erwachten Blumen anhaucht, schamhaft und zart wie ein jungfräulicher Kuß, heilig und fruchtbar wie eine bräutliche Umarmung; ja nicht wie dies, sondern er ist als dieses selbst. Schnell und zauberisch entwickelt sich eine Erscheinung, eine Begebenheit zu einem Bilde des Universums.
So wie sie sich formt, die geliebte und immer gesuchte Gestalt, flieht ihr meine Seele entgegen, ich umfange sie nicht wie einen Schatten, sondern wie das heilige Wesen selbst. Ich liege am Busen der unendlichen Welt: ich bin in diesem Augenblick ihre Seele, denn ich fühle alle ihre Kräfte und ihr unendliches Leben, wie mein eigenes, sie ist in diesem Augenblicke mein Leib, denn ich durchdringe ihre Muskeln und ihre Glieder wie meine eigenen, und ihre innersten Nerven bewegen sich nach meinem Sinn und meiner Ahndung wie die meinigen. Die geringste Erschütterung, und es verweht die heilige Umarmung, und nun erst steht die Anschauung vor mir als eine abgesonderte Gestalt; ich messe sie, und sie spiegelt sich in der offenen Seele wie ein Bild der sich entwindenden Geliebten in dem aufgeschlagenen Auge des Jünglings, und nun erst arbeitet sich das Gefühl aus dem Innern empor und verbreitet sich wie die Röte der Scham und der Lust auf seiner Wange. ■
Aus Friedrich Schleiermacher, Über die Religion – Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern, Berlin 1799
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Das Zitat der Woche
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Über die Entwicklung zur Demokratie
Alexis de Tocqueville
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Seit die Bürger anfingen, den Grund und Boden nicht mehr als Lehen zu besitzen, und seit der mittlerweile aufgekommene Reichtum an beweglichen Gütern Einfluß und Macht verlieh, gibt es keine Entwicklungen auf dem Gebiet der Künste, keine Vervollkommnungen in Handel und Gewerbe, die nicht neue Bausteine zur Gleichheit unter den Menschen geliefert hätten. Von diesem Augenblick an sind alle Entwicklungen, alle neuen Bedürfnisse, alle Wünsche, die sich befriedigen wollen, nur Schritte auf dem Wege zur allgemeinen Nivellierung. Die Neigung zum Luxus, die Liebe zum Krieg, die Herrschaft der Mode, die künstlichsten wie die tiefsten Leidenschaften des menschlichen Herzens scheinen miteinander darauf hin zu arbeiten, die Reichen arm und die Armen reich zu machen.
Seit die geistige Arbeit zu einer Quelle des Reichtums und der Macht wurde, muß man jede Entwicklung der Wissenschaft, jede neue Erkenntnis, jede neue Vorstellung als einen Keim der dem Volk zubereiteten Macht betrachten. Dichtkunst, Beredsamkeit, Witz, Einbildungskraft, Gedankentiefe, alle die Gaben, die der Himmel nach Belieben austeilt, förderten die Demokratie, und selbst wenn sie sich im Besitze der Gegner der Demokratie befanden, dienten sie doch ihrer Sache, indem sie Zeugnis gaben von der natürlichen Größe des Menschen; alle Errungenschaften der Demokratie breiteten sich mit denen der Zivilisation und der Bildung aus, und die Literatur wurde zu einem jedermann offenen Arsenal, aus dem sich die Schwachen und die Armen täglich bewaffneten.
Durchläuft man die Seiten unserer Geschichte, so findet man in den letzten siebenhundert Jahren keine bedeutenden Ereignisse, die nicht die Entwicklung der Gleichheit gefördert hätten. ■Aus Alexis de Tocqueville, Demokratie in Amerika, Paris 1840
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Das Zitat der der Woche
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Von der Notwendigkeit des Handelns
Noam Chomsky
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Wer nichts weiß, kann niemanden verraten. Er geht sorglos durchs Leben. Wir aber, die wir in einer Tradition stehen – der europäischen – und diese Tradition fortsetzen, wir haben mit Wissen und Einsicht, wir haben bei vollem Bewusstsein betrogen; wir haben die Kriege sorgfältig analysiert, bevor sie erklärt wurden. Aber wir haben sie nicht verhindert. (Und viele von uns wurden zu deren Propagandisten, sobald sie erklärt waren.) Wir beschreiben, wie die Armen von den Reichen ausgeplündert werden. Und wir leben unter den Reichen. Wir leben von der Beute und verkuppeln den Reichen Ideen.
Wir haben Folterungen beschrieben und unsere Namen unter Resolutionen gegen die Folter gesetzt, aber wir haben sie nicht verhindert. (Und wir selber wurden zu Folterknechten, wenn höhere Interessen das verlangten, und machten uns zu den Ideologen der Tortur.) Und nun analysieren wir wieder die Weltlage, wir schreiben über die Kriege und erklären, warum die Massen arm sind und hungern. Aber mehr tun wir nicht. Wir sind nicht die Träger des Bewusstseins. Wir sind die Huren des Verstandes.
Aus Noam Chomsky, Über Erkenntnis und Freiheit, Suhrkamp/Frankfurt 1973
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Das Zitat der Woche
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Vom Glauben und vom Wissen
Christian Nürnberger
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Wir stehen, was die letzten Fragen betrifft, wieder da, wo wir vor 250 Jahren aufgebrochen sind, um diese Fragen durch das Unternehmen Wissenschaft einer endgültigen Klärung zuzuführen. Dieses Unternehmen entdeckt heute seine Unzuständigkeit für eine solche Klärung. Die Unzuständigkeit resultiert aus der mittlerweile erfolgten Selbstbeschränkung bei der Wahrheitssuche. Die Wissenschaft verlangt aus guten Gründen, bevor sie etwas als wissenschaftlich bewiesenes Faktum anerkennt, dass dieses Faktum jederzeit an jedem Ort der Welt unter Befolgung der angegebenen Methode reproduzierbar nachgewiesen werden kann. Dadurch entzieht sie aber weite Teile der Wirklichkeit dem wissenschaftlichen Zugriff, denn jeder weiß aus seinem eigenen Leben, dass vieles, meist sogar das Wesentliche, aus einmaligen, unwiederholbaren, für andere kaum kontrollierbaren Ereignissen besteht.
Das, was uns in unserem Innersten existenziell betrifft – Liebe, Leid, Hass, Freundschaft, Vertrauen, Freude, Trauer, Glück, Freiheit, Religion – also das eigentlich Interessante in unserem Leben, ist dieser Art von rigider Wissenschaft prinzipiell unzugänglich. Daher kann sie auch keine negative oder positive oder sonst wie geartete Aussage über diesen Teil der Realität machen und rück-überweist uns zu Philosophie, Theologie und Ethik. Insofern liegt in der Selbstbeschränkung heutiger Wissenschaft die stärkste Kritik am Bultmannschen Theologie-Ansatz. Das allzu dogmatische Anlegen wissenschaftlicher Kriterien an den Glauben könnte eine voreilige Unterwerfung gewesen sein.
Weil die ganze Wirklichkeit größer ist als jener Teilbereich, der wissenschaftlichen Methoden zugänglich ist, steht die Tür zu Religion und Glaube wieder offen. An Wunder glauben zu sollen, wird uns dennoch weiterhin als Zumutung erscheinen, aber die Frage, was Menschen intellektuell zugemutet werden kann, spielt keine besonders große Rolle, wenn es um Gott und die Wahrheit geht, denn das menschliche Fassungsvermögen ist immer zu klein für Gott, und darum sind wir damit sowieso und immerzu überfordert.
Selbst wenn es Gott nicht geben sollte, scheitern wir an den letzten Fragen, denn der Urknall trägt dazu gar nichts bei. Was war vorher? Was hat ihn bewirkt? Eben darauf haben wir keine Antwort. Wer aber daraus folgert, gerade deshalb müsse man annehmen, ein Schöpfergott stecke hinter dem Urknall, denn von nichts kommt nichts, verkennt, dass die letzte Frage damit nur um ein weiteres, allerletztes Glied nach hinten verschoben wird, denn woher kommt Gott? Wie ist er entstanden? Die Antwort, er sei nicht entstanden, sondern seit ewiger Zeit immer schon dagewesen, überfordert uns vielleicht noch mehr als die Vorstellung, der Kosmos sei aus dem Nichts entstanden. So oder so stoßen wir an eine Erkenntnisgrenze, die, wenn überhaupt, nur durch religiöse Offenbarung oder durch Glauben zu überwinden ist.
Daher gilt auch in der Wissensgesellschaft weiter die alte Volksweisheit, wonach es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gebe, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt. Uns wird also, wo es um letzte Wahrheiten geht, sowieso mehr zugemutet, als wir fassen können. Daher wäre eine Theologie, die den Glauben so lange zurechtvernünftelt, bis er endlich vom begrenzten menschlichen Verstand erfasst und vom letzten Allerwelts-Atheisten akzeptiert werden kann, wertlos und überflüssig. Und eine Theologie, welche die gesamte Bibel einfach nur deshalb »erledigte«, weil sie angeblich inkompatibel zum aufgeklärten Bewusstsein sei, überschritte ihre Grenzen.
Glaube und Wissen werden wir daher nie zur Deckungsgleichheit bringen können, sollten es auch gar nicht versuchen, denn es sind zwei verschiedene Kategorien, die auseinanderzuhalten sind. Ginge Glaube in Wissen auf, wäre er kein Glaube mehr. Verzichteten wir aber darauf, Glaubensinhalte mit dem Wissen zu konfrontieren und zu prüfen, handelte es sich nicht mehr um echten Glauben, sondern um unsicheres Wissen, Noch-nicht-Wissen, Unwissen, Vermutung oder schlicht um zum Glauben erhobene Ignoranz, welche oft auch noch frech das grundgesetzlich verbriefte Recht der Religionsfreiheit für sich reklamiert, um unter diesem Schutz allerhand Teufeleien auszuhecken.
Die Tür zum Glauben ist offen, auch in der Wissens- und Hightech-Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Aber wer den Weg zu dieser Tür weisen, gar deren Schwelle überschreiten will und verlangt, ihm auf diesem Weg zu folgen, muss sich kritisch fragen lassen, warum er glaubt, dass es die richtige Tür ist. Echter Glaube, der auch heute noch ernst genommen und respektiert werden will, muss allen seit der Aufklärung vorgebrachten religionskritischen Einwänden standhalten. Das aber gelingt nur, wenn sich der Glaubende bemüht, das Niveau der Aufklärung zu erklimmen und Anschluss zu halten an den jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Diskussion.Aus: Christian Nürnberger, Glaube und Wissen, in: Jesus für Zweifler, Gütersloher Verlagshaus 2007
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Das Zitat der Woche
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Über den Neoliberalismus
Urs Marti
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Konflikte nehmen in einer Gesellschaft im gleichen Maß zu wie der Abstand zwischen Reichtum und Armut, Macht und Ohnmacht; auf dieser Einsicht baut das politische Denken seit Jahrtausenden auf. Manche Indizien sprechen dafür, dass es um die Stabilität moderner Gesellschaften nicht zum Besten steht. Gewiss, die revolutionäre Linke ist, wo sie überhaupt eine Rolle spielt, minoritär, von einigen lateinamerikanischen Ländern vielleicht abgesehen. Doch dem Neoliberalismus als der derzeit wohl konsistentesten Doktrin zur Verteidigung der kapitalistischen Marktwirtschaft ist es bislang nicht gelungen, ein konsensfähiges politisches Projekt zu formulieren oder gar umzusetzen. Derweil nimmt der Abstand zwischen Reich und Arm absurde Ausmaße an, der Mittelstand fürchtet den Abstieg, und niemand kann sich mit der Hoffnung trösten, der Markt belohne Fleiß und bestrafe Faulheit [...]
Indizien der Destabilisierung sind derzeit aber nicht revolutionäre Bewegungen, eher Pathologien unterschiedlicher Art, Frustrationen und Ressentiments. Demokratische Verfahren mutieren zu marktähnlichen Mechanismen, und häufig drängt sich der Eindruck auf, nachgefragt wurde primär, was den größten Unterhaltungswert verspricht. Beliebt ist der grobe Ton, das Aufhetzen, die Verunglimpfung und moralische Diskreditierung der Gegenseite. Es entbehrt nicht der Ironie, wenn in einem Klima der permanenten Mobilisierung gegen ganze Menschengruppen, denen das Recht auf Partizipation und Inklusion abgesprochen wird, linke Argumente als bloßer Ausdruck einer veralteten Ideologie des Klassenkampfs «widerlegt» werden. Der Klassenkampf ist keine Erfindung der Linken, allenfalls besitzt, wer linke Anliegen vertritt, ein etwas feineres Sensorium für das soziale Konfliktpotenzial, das in der Unvereinbarkeit von Interessen liegt. Dieses Potenzial wird durch weltfremde Utopien einer ausschließlich aus Eigentümern, Konsumenten und Investoren bestehenden Gemeinschaft nicht entschärft. Während die als Neoliberalismus bezeichnete Doktrin in ihrem Selbstverständnis eher eine Wissenschaftskritik ist als eine Wissenschaft, sind ökonomische Theorien, auf die er sich stützt, in den letzten Jahrzehnten regelmäßig falsifiziert worden. Statt sich jedoch mit empirischen Falsifikationen auseinanderzusetzen, ziehen es Neoliberale vor, jeden Versuch, aufgrund rationaler Reflexion alternative Ordnungen zu entwerfen, der Sünde des »Konstruktivismus« zu bezichtigen.
Wenn Krisensymptome nicht oder nur verzehrt wahrgenommen werden, so auch deshalb, weil rationale Diskussionen über die Wünschbarkeit und Realisierbarkeit von Alternativen im politischen Tagesstreit kaum auf Interesse stoßen. In dieser Situation hat die revolutionäre Linke naturgemäß einen schweren Stand. Ihre Konzeption eines freiheitlichen Sozialismus ist vorderhand nicht mehr als eine Hypothese, und Projekte einer revolutionären Politik können nicht mehrheitsfähig werden, wenn es nicht gelingt, den die politische Auseinandersetzung prägenden Irratiopalismus zu überwinden. Immerhin ist zu konstatieren, dass zumindest in der akademischen Welt die Bereitschaft, Marx’ Theorie ernsthaft zu diskutieren, zugenommen hat. In einem kürzlich erschienenen Buch, dessen Herausgeber man wohl dem Lager der Ordoliberalen zurechnen darf, steht zu lesen, Marx habe den zeitgenössischen Liberalismus gerade deshalb abgelehnt, weil ihm die individuelle Freiheit so überaus wichtig gewesen sei. Ebenso wird konstatiert, sein Werk biete «eine lebhaft sprudelnde Quelle der Inspiration, aus der freilich – wenn nicht alles täuscht – gegenwärtig kaum geschöpft wird» (Pies/Leschke: Karl Marx’ kommunistischer Individualismus, Tübingen 2005). Diesem Befund kann man nur beipflichten.
Revolution heißt Veränderung sozialer Institutionen, Neuverteilung der Macht mittels Neudefinition von Rechten, insbesondere Partizipations- und Eigentumsrechten. Revolution in diesem Sinne hat nichts zu tun mit einer moralischen Läuterung oder einer kulturellen Wiedergeburt. Der Liberalismus ist für den Marxismus eine notwendige Stufe der Zivilisationsgeschichte, hinter die zurückzugehen so sinnlos wie verhängnisvoll wäre. Die Revolution verändert nicht den Menschen, sie schafft ein anderes Anreizsystem, sie verändert die Bedingungen, unter denen Menschen handeln, sich entfalten, Wissen sammeln und nutzen können, sie zielt auf die Schaffung neuer Formen der Kooperation, worin in den Worten von Marx und Engels «die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist». ♦Aus Urs Marti, Freiheit, Recht und Revolution, in: Zukunft der Demokratie, Das postkapitalistische Projekt, Rotpunkt Verlag 2008
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Das Zitat der Woche
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Über das glückliche Leben
Seneca
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Wo es sich um Fragen der Menschheit handelt, sind wir nicht in der glücklichen Lage, sagen zu können, dass der Mehrzahl das Bessere gefalle: der Standpunkt der großen Masse lässt gerade den Schluss auf das Schlimmste zu. Wir müssen also fragen, was zu tun das Beste, nicht was das Gebräuchlichste ist, und was uns den Besitz ununterbrochenen dauernden Glücks sichert, nicht was dem großen Haufen, diesem verwerflichsten Ausleger der Wahrheit, genehm ist.
Zur großen Masse rechne ich aber ebensogut gekrönte Häupter wie Menschen im Kittel. Denn ich blicke nicht auf die Farbenpracht der Kleider, die dem Körper ein stattliches Aussehen verleihen; ich traue nicht den Augen, wo es sich um den Menschen handelt; ich habe eine bessere und zuverlässigere Leuchte, um Wahres und Falsches zu unterscheiden: es ist des Geistes Wert, den der Geist auffinden soll. Ist er – der Geist – einmal dazu gekommen, ruhig aufzuatmen und Einkehr in sich zu halten, wie wird er sich dann unter dem selbstbereiteten Druck der Folterqualen die Wahrheit gestehen! «Alles», wird er sagen, «was ich bisher getan, o möchte es doch ungetan sein; überschlage ich im Geiste alles, was ich gesagt habe, so beneide ich die Stummen; alles, was ich mir gewünscht habe, erscheint mir wie ein Fluch aus dem Munde der Feinde; alles, was ich gefürchtet habe, gute Götter, wieviel geringer war das anzuschlagen als das, was ich mit heißem Verlangen mir vergebens herbeiwünschte! Mit vielen habe ich in Feindschaft gestanden und habe mich, dem Hasse entsagend, wieder mit ihnen versöhnt, sofern überhaupt unter Übeltätern von Versöhnung die Rede sein kann: meine Feindschaft mit mir selbst steht noch auf schwachen Füßen. Ich habe mir redlich Mühe gegeben, mich aus der großen Menge herauszuheben und durch irgendwelchen Geistesvorzug die Augen auf mich zu lenken. Und der Erfolg? Er war kein anderer als der, dass ich mich wohlgezielten Angriffen ausgesetzt sah und den Böswilligen die Blöße zeigte, wo sie mich packen konnten. Siehst du sie, die meine Beredsamkeit preisen, meinem Reichtum nachlaufen, um meine Gunst buhlen, meine Macht in den Himmel heben? Sie alle sind nichts anderes als entweder meine Feinde oder, was dasselbe besagt, sie können es sein; die Schar der Bewunderer ist nicht größer oder kleiner als der Neider. Warum richte ich mein Sinnen und Trachten nicht vielmehr auf etwas gut Erprobtes, dessen ich mir innerlich bewusst bin, statt auf etwas, womit ich nach außen hin Staat mache? All das, was die Augen auf sich zieht, was die Vorübergehenden haltmachen lässt, was der eine dem anderen staunend zeigt – es ist nichts als äußerer Glanz ohne jeden inneren Wert.»Schauen wir also aus nach einem nicht äußerlich glänzenden Gut, sondern einem solchen, das in sich gefestigt und gleichmäßig ist und seine höhere Schönheit von weniger bemerkbarer Seite zeigt! Das lasst uns ausfindig machen. Und es liegt nicht in der Ferne; man muss nur wissen, wohin man die Hand strecken soll. Jetzt tappen wir gleichsam im Finsteren, haben das sehnsüchtig Gesuchte unmittelbar vor uns und gehen dicht daran vorüber. Doch um dir lange Umwege zu ersparen, will ich mich nicht auf die Meinungen anderer einlassen – denn es wäre eine zeitraubende Sache, sie aufzuzählen und zu widerlegen: lass dir meine Ansicht genügen. Wenn ich aber sage: meine Ansicht, so binde ich mich damit nicht an irgendeinen einzelnen Meister der Stoa; auch ich habe das Recht der eigenen Meinung. Daher werde ich mich an diesen oder jenen anschließen, werde einen anderen auffordern, einzelne Punkte seiner Meinung bestimmt hervorzuheben, und werde, wenn ich etwa erst zuletzt aufgerufen werde, nichts von dem, wofür sich meine Vorgänger ausgesprochen haben, verwerfen und nur erklären: «Ich stimme dafür, nur mit folgendem Zusatz.»
Dabei halte ich mich, worin die Stoiker alle übereinstimmen, an die Natur. Von ihr nicht abzuirren, nach ihrem Gesetz und Beispiel sich zu bilden, das ist Weisheit. Glücklich also ist dasjenige Leben, das mit seiner Natur in vollem Einklang steht. Dies Ziel zu erreichen ist aber nicht anders möglich, als wenn zuvörderst der Geist gesund und im dauernden Besitz dieser seiner Gesundheit ist, wenn er ferner tapfer und voll Feuer ist, sodann auch im Leiden ein schönes Muster von Ergebenheit, in die Umstände sich schickend, achtsam auf den Körper und seine Bedürfnisse, doch nicht bis zur Ängstlichkeit, voll Bedacht auch für alles, was sonst zum Leben gehört, ohne die mindeste Überschätzung, bereit, des Schicksals Gaben zu nutzen, nicht aber, um sich zu ihrem Sklaven zu machen.
Als Folge davon stellt sich – das ist dir auch ohne ausdrücklichen Hinweis darauf klar – andauernde Ruhe, verbunden mit dem Gefühl der Freiheit, ein, unter Fernhaltung von allem, was uns reizt oder in Schrecken versetzt. Denn ist der Reiz der Sinnengenüsse verschwunden, so stellt sich statt dessen, was kleinlich, hinfällig und eben durch seine Lasterhaftigkeit schädlich ist, eine erstaunlich frohe Stimmung ein, unerschütterlich und sich immer gleichbleibend, sodann Friede und Eintracht der Seele sowie hochherzige Gesinnung, verbunden mit Sanftmut; denn wilde Rohheit hat ihren Ursprung immer nur in der Schwäche.Aus Seneca, Über das glückliche Leben, Brief an den Bruder Gallio, Rom 58 n.Chr.
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Das Zitat der Woche
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Von den Sinnesdaten
George Edward Moore
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Einige Philosophen haben, so meine ich, bezweifelt, ob es überhaupt solche Dinge gibt, wie sie andere Philosophen als »Sinnesdaten« oder »Sensa« diskutiert haben. Und ich halte es für durchaus möglich, daß einige Philosophen (darunter früher auch ich selbst) diese Ausdrücke in einem solchen Sinne verwendet haben, daß man wirklich bezweifeln kann, ob es so etwas gibt. Aber es gibt überhaupt keinen Zweifel, daß es Sinnesdaten in dem Sinne gibt, in dem ich den Ausdruck jetzt verwende. Ich sehe im Augenblick eine große Anzahl von ihnen, und fühle andere. Und um dem Leser deutlich zu machen, was ich mit Sinnesdaten meine, brauche ich ihn nur zu bitten, seine eigene rechte Hand zu betrachten. Wenn er das tut, wird er imstande sein, etwas herauszugreifen (und wenn er nicht gerade doppelt sieht, nur ein einziges Ding), und er wird dabei feststellen, daß es auf den ersten Blick eine natürliche Annahme ist, zu meinen, daß dieses Ding nun zwar nicht mit seiner ganzen rechten Hand, aber dafür mit dem Teil ihrer Oberfläche identisch ist, den er gerade sieht; andererseits aber wird er (wenn er ein wenig nachdenkt) in der Lage sein zu sehen, daß es zweifelhaft ist, ob dies mit dem fraglichen Teil der Oberfläche seiner Hand identisch sein kann. Dinge dieser Art (in einer gewissen Hinsicht), zu der das Ding gehört, das er sieht, wenn er seine Hand betrachtet, und im Hinblick auf die er verstehen kann, wie einige Philosophen zu der Annahme kamen, dies, was er da sieht, sei nun ein Teil der Oberfläche seiner Hand, während andere angenommen haben, daß dies nicht so sein kann, solche Dinge bezeichne ich als »Sinnesdaten«. Ich definiere den Ausdruck also so, daß es eine offene Frage bleibt, ob das Sinnesdatum, das ich jetzt sehe, wenn ich meine Hand betrachte, und das ein Sinnesdatum meiner Hand ist, mit dem Teil ihrer Oberfläche, den ich im Augenblick tatsächlich sehe, nun identisch ist oder nicht.
Daß das, was ich im Hinblick auf dieses Sinnesdatum weiß, wenn ich weiß: »Dies ist eine menschliche Hand«, nicht darin besteht, daß es selbst eine menschliche Hand ist, scheint mir gewiß zu sein, weil ich weiß, daß meine Hand viele Teile hat (z. B. die Innenseite und die Knochen), die ganz sicherlich nicht Teile dieses Sinnesdatums sind. Ich halte es also für gewiß, daß die Analyse der Aussage »Dies ist eine menschliche Hand« wenigstens im groben die Form hat: »Es gibt ein und nur ein Ding, von dem gilt, daß es eine menschliche Hand ist, und daß diese Oberfläche ein Teil ihrer Oberfläche ist.« Mit anderen Worten, und um meine Ansicht in die Terminologie, die zu der Wendung »Theorie der repräsentativen Wahrnehmung« gehört, zu bringen: Ich behaupte, daß es ganz gewiß ist, daß ich nicht direkt meine Hand wahrnehme, und daß wenn man sagt (wie man zutreffend sagen kann), daß ich sie »wahrnehme«, dies bedeutet, daß ich (in einem anderen und fundamentaleren Sinne) etwas wahrnehme, was (in einem angemessenen Sinne) meine Hand repräsentiert, nämlich einen bestimmten Teil ihrer Oberfläche.
Dies ist alles, was ich bei der Analyse der Aussage »Dies ist eine menschliche Hand« für gesichert halte. Wir haben gesehen, daß ihre Analyse eine Aussage der Form »Dies ist Teil der Oberfläche einer menschlichen Hand« einschließt (wobei »Dies« natürlich eine andere Bedeutung hat als in der ursprünglichen Aussage, die- jetzt analysiert worden ist). Aber diese Aussage ist ohne Zweifel auch eine Aussage über das Sinnesdatum, das ich sehe, und das ein Sinnesdatum von meiner Hand ist. Und daher stellt sich die weitere Frage:
Wenn ich weiß »Dies ist Teil der Oberfläche einer menschlichen Hand«, was weiß ich dann über das fragliche Sinnesdatum? Weiß ich in diesem Falle tatsächlich über das fragliche Sinnesdatum, daß es selbst Teil der Oberfläche einer menschlichen Hand ist? Oder gilt vielleicht für diese neue Aussage dasselbe, was wir im Falle von »Dies ist eine menschliche Hand« herausgefunden haben, wo das, was ich über das Sinnesdatum wußte, sicherlich nicht darin bestand, daß es selbst eine menschliche Hand war, und wissen wir auch hier nicht im Hinblick auf das Sinnesdatum, daß es selbst Teil der Oberfläche einer Hand ist? Und wenn es so ist, was weiß ich dann über das Sinnesdatum selbst? Dies ist die Frage, auf die, wie mir scheint, bisher noch kein Philosoph eine Antwort vorgeschlagen hat, die der gesicherten Wahrheit irgendwie nahekommt. Es scheint mir hier drei und nur drei Typen von Antwortmöglichkeiten zu geben; und gegen jede bisher vorgeschlagene Antwort einer dieser Typen scheint es mir schwerwiegende Einwände zu geben.
Beim ersten Typ gibt es nur eine Antwort, nämlich daß ich in diesem Falle wirklich weiß, daß das Sinnesdatum selbst Teil der Oberfläche einer menschlichen Hand ist. Mit anderen Worten: daß ich zwar nicht meine Hand direkt wahrnehme, einen Teil ihrer Oberfläche aber in der Tat direkt wahrnehme, daß das Sinnesdatum selbst dieser Teil ihrer Oberfläche ist, und nicht bloß etwas, was (in einem Sinne, der noch näher zu bestimmen wäre) diesen Teil ihrer Oberfläche »repräsentiert«; daß also der Sinn, in dem ich diesen Teil der Oberfläche meiner Hand »wahrnehme«, nicht selber wieder ein Sinn ist, der durch Bezug auf einen dritten, noch fundamentaleren [ultimate] Sinn von »wahrnehmen« definiert werden müßte, welch letzterer dann der einzige wäre, in dem die Wahrnehmung direkt ist, nämlich der, in dem ich das Sinnesdatum wahrnehme.
Wenn diese Ansicht wahr ist (was ich so gerade noch für möglich halte), scheint es mir sicher zu sein, daß wir eine Ansicht aufgeben müssen, die von den meisten Philosophen für eine gesicherte Wahrheit gehalten worden ist, nämlich die Ansicht, daß unsere Sinnesdaten immer wirklich die Eigenschaften haben, die sie uns in ihrer sinnfälligen Erscheinung zu haben scheinen. Denn ich weiß, daß, wenn jemand anders durch ein Mikroskop die Oberfläche betrachten würde, die ich mit dem bloßen Auge sehe, das von ihm erblickte Sinnesdatum ganz andere sinnfällige Eigenschaften haben würde als mein Sinnesdatum, und zwar solche, die mit den sinnfälligen Eigenschaften meines Sinnesdatums unverträglich sind: und doch muß, wenn mein Sinnesdatum identisch mit der Oberfläche ist, die wir beide sehen, auch sein Sinnesdatum identisch mit dem meinen sein. Mein Sinnesdatum kann also mit dieser Oberfläche nur dann identisch sein, wenn es mit seinem Sinnesdatum identisch ist; und weil sein Sinnesdatum ihm sinnfällige Eigenschaften zu haben scheint, die mit den mir erscheinenden sinnfälligen Eigenschaften meines Sinnesdatums unverträglich sind, kann sein Sinnesdatum mit dem meinen nur dann identisch sein, wenn das fragliche Sinnesdatum entweder die Eigenschaften nicht besitzt, die es mir sinnfällig zu haben scheint, oder die, die es ihm sinnfällig zu haben scheint. Ich glaube jedoch nicht, daß dies ein durchschlagender Einwand gegen Auffassungen dieses ersten Typs ist. Ein weit schwerwiegenderer Einwand scheint mir der zu sein, daß, wenn wir etwas doppelt sehen (ein sogenanntes »double Image« von ihm haben), wir sicherlich zwei Sinnesdaten haben, von denen jedes ein Sinnesdatum von der gesehenen Oberfläche ist, und daß also nicht beide identisch mit ihr sein können; daß es nun aber andererseits doch so scheint, als ob – wenn jemals ein Sinnesdatum identisch mit der Oberfläche ist, von der es ein Sinnesdatum ist – eben dies auch für jedes dieser sogenannten »Bilder« gelten müßte. Es sieht also letzten Endes doch so aus, als ob jedes Sinnesdatum nur ein »Repräsentant« der Oberfläche wäre, von der es ein Sinnesdatum ist. ■Aus George Edward Moore, Eine Verteidigung des Common Sense (1925), in: Geschichte der Philosophie / 20. Jahrhundert, Reclam Verlag 1981
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Das Zitat der Woche
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Über die Natur
Alexander von Humboldt
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Wer die Resultate der Naturforschung nicht in ihrem Verhältnis zu einzelnen Stufen der Bildung oder zu den individuellen Bedürfnissen des geselligen Lebens, sondern in ihrer großen Beziehung auf die gesamte Menschheit betrachtet; dem bietet sich, als die erfreulichste Frucht dieser Forschung, der Gewinn dar, durch Einsicht in den Zusammenhang der Erscheinungen den Genuß der Natur vermehrt und veredelt zu sehen. Eine solche Veredlung ist aber das Werk der Beobachtung, der Intelligenz und der Zeit, in welcher alle Richtungen der Geisteskräfte sich reflektieren. Wie seit Jahrtausenden das Menschengeschlecht dahin gearbeitet hat, in dem ewig wiederkehrenden Wechsel der Weltgestaltungen das Beharrliche des Gesetzes aufzufinden und so allmählich durch die Macht der Intelligenz den weiten Erdkreis zu erobern, lehrt die Geschichte den, welcher den uralten Stamm unseres Wissens durch die tiefen Schichten der Vorzeit bis zu seinen Wurzeln zu verfolgen weiß. Diese Vorzeit befragen heißt dem geheimnissvollen Gange der Ideen nachspüren, auf welchem dasselbe Bild, das früh dem inneren Sinne als ein harmonisch geordnetes Ganzes, Kosmos, vorschwebte, sich zuletzt wie das Ergebnis langer, mühevoll gesammelter Erfahrungen darstellt.
In diesen beiden Epochen der Weltansicht, dem ersten Erwachen des Bewußtseins der Völker und dem endlichen, gleichzeitigen Anbau aller Zweige der Kultur, spiegeln sich zwei Arten des Genusses ab. Den einen erregt, in dem offenen kindlichen Sinne des Menschen, der Eintritt in die freie Natur und das dunkle Gefühl des Einklangs, welcher in dem ewigen Wechsel ihres stillen Treibens herrscht. Der andere Genuß gehört der vollendeteren Bildung des Geschlechts und dem Reflex dieser Bildung auf das Individuum an: er entspringt aus der Einsicht in die Ordnung des Weltalls und in das Zusammenwirken der physischen Kräfte. So wie der Mensch sich nun Organe schafft, um die Natur zu befragen und den engen Raum seines flüchtigen Daseins zu überschreiten; wie er nicht mehr bloß beobachtet, sondern Erscheinungen unter bestimmten Bedingungen hervorzurufen weiß; wie endlich die Philosophie der Natur, ihrem alten dichterischen Gewande entzogen, den ernsten Charakter einer denkenden Betrachtung des Beobachteten annimmt: treten klare Erkenntnis und Begrenzung an die Stelle dumpfer Ahnungen und unvollständiger Induktionen. Die dogmatischen Ansichten der vorigen Jahrhunderte leben dann nur fort in den Vorurteilen des Volks und in gewissen Disziplinen, die, in dem Bewußtsein ihrer Schwäche, sich gern in Dunkelheit hüllen. Sie erhalten sich auch als ein lästiges Erbteil in den Sprachen, die sich durch symbolisierende Kunstwörter und geistlose Formen verunstalten. Nur eine kleine Zahl sinniger Bilder der Phantasie, welche, wie vom Dufte der Urzeit umflossen, auf uns gekommen sind, gewinnen bestimmtere Umrisse und eine erneuerte Gestalt.
Die Natur ist für die denkende Betrachtung Einheit in der Vielheit, Verbindung des Mannigfaltigen in Form und Mischung, Inbegriff der Naturdinge und Naturkräfte, als ein lebendiges Ganzes. Das wichtigste Resultat des sinnigen physischen Forschens ist daher dieses: in der Mannigfaltigkeit die Einheit zu erkennen; von dem Individuellen alles zu umfassen, was die Entdeckungen der letzteren Zeitalter uns darbieten; die Einzelheiten prüfend zu sondern und doch nicht ihrer Masse zu unterliegen: der erhabenen Bestimmung des Menschen eingedenk, den Geist der Natur zu ergreifen, welcher unter der Decke der Erscheinungen verhüllt liegt. Auf diesem Wege reicht unser Bestreben über die enge Grenze der Sinnenwelt hinaus; und es kann uns gelingen, die Natur begreifend, den rohen Stoff empirischer Anschauung gleichsam durch Ideen zu beherrschen.
Wenn wir zuvörderst über die verschiedenen Stufen des Genusses nachdenken, welchen der Anblick der Natur gewährt; so finden wir, daß die erste unabhängig von der Einsicht in das Wirken der Kräfte, ja fast unabhängig von dem eigenthümlichen Charakter der Gegend ist, die uns umgibt. Wo in der Ebene, einförmig, gesellige Pflanzen den Boden bedecken und auf grenzenloser Ferne das Auge ruht; wo des Meeres Wellen das Ufer sanft bespülen und durch Ulfen und grünenden Seetang ihren Weg bezeichnen: überall durchdringt uns das Gefühl der freien Natur, ein dumpfes Ahnen ihres „Bestehens nach inneren ewigen Gesetzen”. In solchen Anregungen ruht eine geheimnißvolle Kraft; sie sind erheiternd und lindernd, stärken und erfrischen den ermüdeten Geist, besänftigen oft das Gemüt, wenn es schmerzlich in seinen Tiefen erschüttert oder vom wilden Drange der Leidenschaften bewegt ist. Was ihnen ernstes und feierliches beiwohnt, entspringt aus dem fast bewußtlosen Gefühle höherer Ordnung und innerer Gesetzmäßigkeit der Natur; aus dem Eindruck ewig wiederkehrender Gebilde, wo in dem Besondersten des Organismus das Allgemeine sich spiegelt; aus dem Kontraste zwischen dem sittlich Unendlichen und der eigenen Beschränktheit, der wir zu entfliehen streben. In jedem Erdstriche, überall wo die wechselnden Gestalten des Tier- und Pflanzenlebens sich darbieten, auf jeder Stufe intelleKtueller Bildung sind dem Menschen diese Wohltaten gewährt.
Ein anderer Naturgenuß, ebenfalls nur das Gefühl ansprechend, ist der, welchen wir, nicht dem bloßen Eintritt in das Freie (wie wir tief bedeutsam in unserer Sprache sagen), sondern dem individuellen Charakter einer Gegend, gleichsam der physiognomischen Gestaltung der Oberfläche unseres Planeten verdanken. Eindrücke solcher Art sind lebendiger, bestimmter und deshalb für besondere Gemütszustände geeignet. Bald ergreift uns die Größe der Naturmassen im wilden Kampfe der entzweiten Elemente oder, ein Bild des Unbeweglich-Starren, die Öde der unermesslichen Grasfluren und Steppen, wie in dem gestaltlosen Flachlande der Neuen Welt und des nördlichen Asiens; bald fesselt uns, freundlicheren Bildern hingegeben, der Anblick der bebauten Flur, die erste Ansiedelung des Menschen, von schroffen Felsschichten umringt, am Rande des schäumenden Gießbachs. Denn es ist nicht sowohl die Stärke der Anregung, welche die Stufen des individuellen Naturgenusses bezeichnet, als der bestimmte Kreis von Ideen und Gefühlen, die sie erzeugen und welchen sie Dauer verleihen. ■
Aus Alexander von Humboldt, Kosmos, Entwurf einer physischen Weltbeschreibung, 1858
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Schach-Satire von Lars Bremer
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Die 32-Steiner
Lars Bremer
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Sämtliche Schachstellungen in einer 32-Steiner-Tablebase-Datenbank zu erfassen gilt als unmöglich. Aber warum eigentlich? Geht es vielleicht doch? Und wenn ja, wie geht es – und vor allem: wann? -
Im Schachklub trifft man die seltsamsten Leute. Komischerweise trinken alle gern Bier, und so saßen neulich ein paar Schachfreunde mit mir um einen Kneipentisch herum. Einer, von Beruf Philosoph an der Uni, dozierte: «Na gut, der Kramnik mag verloren haben, aber die Rechner werden niemals perfekt spielen, wir werden immer die Möglichkeit haben, sie zu besiegen, denn das Schachspiel ist unerschöpflich und nur ein kreativer Geist kann versuchen, es zu ergründen. Er wird keinen Erfolg haben, aber der Weg ist das Ziel! Die Computer jedoch werden auf ewig daran scheitern und sich in den endlosen Varianten verlaufen!»
Zufrieden griff er zu seinem Bierglas, da meldete sich ein Mathematiker: «Unerschöpflich würde ich eigentlich nicht sagen. Die längste mögliche Schachpartie dauert schließlich 5899 Züge, und dabei schon müssen beide Seiten sorgfältig kooperieren. Normale Partien, in denen jeder den besten Zug macht, dauern bei weitem nicht so lange.»
Der Philosoph konterte: «Das ist egal, es gibt mehr Schachpartien als Atome im Universum. Niemals wird man die berechnen können!»
«Das stimmt schon», sagte der Mathematiker. «Aber Stellungen gibt es viel weniger, nämlich nur etwa 2,28*10ˆ46. Die Sechssteiner gibt es schon, warum sollte es nicht irgendwann die 32-Steiner geben?»
Ich mischte mich ins Gespräch: «Das ist ganz einfach. Die Endspiel-Datenbanken berechnen aus der Stellung die Speicher-Adresse. An der steht dann, wie viele Züge zum Gewinn nötig sind. Bei 5899 Zügen braucht man pro Stellung also zwei Byte. Macht für alle Stellungen 4,56*10ˆ46 Byte. Nächstes Jahr wird es eine Festplatte geben, die ein Terabyte speichert, also 1024 GByte oder 1.048.576 MByte und so weiter. Die einfache Rechnung ist: Du wirst ewa 4,15*10ˆ34 von diesen Terabyte-Festplatten brauchen.»
«Klingt doch beherrschbar», sagte der Mathematiker und grinste.
«Beherrschbar?», fragte ich. «Wir können ja mal weiterrechnen. Eine Festplatte hat die Maße 14,5x10x2,5 Zentimeter, also ein Volumen von 0,0003625 Kubikmetern. Zusammen ergäbe das ein Volumen von 15 Trilliarden Kubikkilometern, das entspricht einem Würfel von fast 25 Millionen Kilometern Kantenlänge. Nur aus Festplatten! Die Erde hat dagegen nur einen mageren Rauminhalt von etwas mehr als einer Billion Kubikkilometern, sie würde fast 14 Milliarden Mal da reinpassen. Auch mit der Sonne sieht es nicht besser aus, der Festplattenwürfel würde so groß sein wie zehntausend Sonnen! Du müsstest alle Sterne in 30 Lichtjahren Umkreis abreißen und zu Festplatten verarbeiten!»
Ein Elektro-Techniker hatte auch zugehört und warf ein: «Wenn der Zentralrechner in der Mitte des Würfels säße, würde jede Anfrage zu den in den Ecken befindlichen Festplatten trotz Lichtgeschwindigkeit 71 Sekunden unterwegs sein! Und zurück natürlich dieselbe Zeit brauchen.»
«Was nicht wichtig wäre, weil euer Würfel ohnehin unter seiner eigenen Gravitation kollabieren und zu einem schwarzen Loch zusammenstürzen würde», meinte ein Physiker.
Der Philosoph nahm zufrieden sein Bierglas zur Hand, der Mathematiker aber sagte: «Ja, das sind sehr große Zahlen. Aber warum sollen die Potenzen nur immer gegen uns arbeiten? Die Festplatten fassen doch jedes Jahr mehr! Wie lange hat es bis jetzt immer gedauert, bis die Kapazität sich verdoppelt hat?»
«Im Mittel drei Jahre, eher weniger», schätzte ich.
«Aha, drei Jahre.» Der Mathematiker rieb sich die Hände. «Mal angenommen, das geht so weiter. Dann haben wir 2010 eine Platte mit zwei Terabyte …», er wurde still und bewegte die Lippen. «… und im Jahre 2352 eine Festplatte mit der nötigen Speicherkapazität für den 32-Steiner.»
Er kicherte, und am Tisch wurde es still. Nach einer Weile meldete sich der Philosoph: «Na gut, vielleicht kann man die Daten speichern, aber ausrechnen kann man sie nicht!»
Ich mischte mich auch wieder ein: «Genau! Mal angenommen, ein Tablebase-Generator könnte eine Miliarde Stellungen pro Sekunde erzeugen und bewerten. Das ist extrem optimistisch, aber mit großem Aufwand könnte man so eine Maschine vielleicht bauen heutzutage. Dann bräuchte der für 2,28*10ˆ46 Stellungen 2,28*10ˆ37 Sekunden. Das wären 7,2*10ˆ29 Jahre. Das Universum ist 13,77 Milliarden Jahre alt, und du willst sieben Quadrilliarden Jahre an den 32-Steinern rechnen? Das wäre 52 Trillionen mal so lange, wie das Universum existiert. Da windest du dich nicht raus!»
Der Mathematiker lachte. «Wenn es um große Zahlen geht, seid ihr alle Anfänger. Ihr lasst sie ja gegen euch arbeiten, dabei geht es auch umgekehrt! Moores Gesetz kenne sogar ich, alle 18 Monate verdoppelt sich die Rechnergeschwindigkeit. Wollen mal sehen, was von euren Quadrilliarden noch bleibt. Wir bauen jetzt einen Computer, der eine Milliarde Stellungen pro Sekunde erzeugt. Hm, dann sind das, dumdidum, hm, zack, hey, das geht ja noch schneller als mit dem Festplatten! Also, wir werden im Jahre 2195 einen Computer haben, der die 32-Steiner ratzfatz hastdunichtgesehen ausrechnen kann. Ich fasse zusammen, meine Herren: wenn der Fortschritt fortschreitet wie bisher, dann werden wir im Jahr 2195 die Rechenleistung haben, um die 32-Steiner theoretisch zu erzeugen, und im Jahre 2352 geht es dann auch praktisch, weil wir dann Datenträger haben werden, die groß genug sind. Noch Fragen?»
«Ja!», rief der Philosoph empört. «Die Steigerung der Rechenleistung und der Speicherkapazität wird sich doch sicher verlangsamen!»
«Vielleicht», antwortete der Mathematiker, «aber selbst wenn, was ändert das? Wenn sich die Kapazität der Platten nicht alle drei Jahre verdoppelt, sondern bloß alle 30, was soll‘s? Dann hätten wir trotzdem in dreieinhalbtausend Jahren so eine Platte. Das gilt auch für die Rechenleistung. Wenn wir die nicht in 200 Jahren haben, dann eben in 2000 Jahren. Ich gebe zu, dass das eine lange Zeit ist, viel zu lang für uns, aber historisch vollkommen unbedeutend, und jedenfalls viel zu kurz, um von ‚unmöglich‘ oder ‚niemals‘ zu sprechen, wie du es getan hast. Die Pyramiden von Gizeh wurden vor 5000 Jahren erbaut. Kannst du dir vorstellen, was in 5000 Jahren sein wird? Oder in 50.000 Jahren? Abgesehen mal davon, dass es eine Datenbank geben wird, die sämtliche Schachstellungen enthält, denn das müssen wir uns nicht vorstellen – ich habe es ja gerade bewiesen!»
Der Mathematiker grinste sardonisch und bestellte noch ein Bier. Die Tischgesellschaft beschloß, lieber über Schnittblumen zu reden. Dennoch treibt mich seitdem die Frage, ob der Mathematiker recht hatte oder ob er sich geirrt hat. Und wenn ja, wo er sich geirrt hat? ■
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Geb. 1968, Software-Entwickler und Journalist, Ex-Chefredakteur der Computerschach-Zeitschrift CSS-Online, lebt in Langenhagen/BRD
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Das Zitat der Woche
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Über das Gute im Leiden
Henry Deku
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Seit 1755, dem Erdbeben von Lissabon, pflegt man zu argumentieren: es gibt das Böse, also kann es keinen Gott geben. Thomas dagegen meinte, gerade weil es das Böse gebe, gebe es auch Gott: »esset autem e contrario arguendum: si malum est, Deus est.« Dabei spielt der physische Defekt nur eine Nebenrolle. Daß Tiere sich gegenseitig auffressen, ist ja kein so tragischer Umstand – sollten wir denn vom Tiger erwarten, daß er sein Lebtag nur Rüben knabbert? Schwerwiegend ist erst das moralische Übel bzw. das durch es verursachte Leid, zumal wenn es unverdient ist: Verleumdung etwa, ungerechte Verfolgungen und dergleichen mehr; stellen sie nicht tatsächlich handfeste Einwände gegen die Existenz Gottes dar?
Nun kann man mit dem Leiden in ästhetisierender Weise fertig zu werden versuchen, indem man sagt, wo Licht sei, müsse auch Schatten sein. Dieser mache jenes um so kostbarer. Doch wird ein solcher Gedankengang wahrscheinlich nur solange verfangen, als es andere sind, die zu leiden haben. Dann kann man es moralisch rechtfertigen, wie es ein zwanzigjähriger Student tat, dessen Tagebuch man in Oradour gefunden hat: »La seule vérité de vie: le sacrifice. Je n’ai pas assez sacrifié … combien la douleur est nécessaire! Nous n’aurons jamais assez de douleur car le peu que nous en avons sur terre ne peut même pas effacer ou faire oublier un seul de nos péchés«. Das ist nobel gedacht, wenn auch nicht so überraschend in einem weder gnostischen noch ästhetisierenden BiIdungsmilieu, aber immer noch ein wenig gewaltsam, insofern man Trostgründe gegen das Leid aufmarschieren läßt.Henry Deku: 1909-1993, Studium der Mathematik, Klassischen Philologie, Philosophie in Berlin, Dr. phil. Prof.; 1937 Bonitzpreis der Österr. Akademie der Wissenschaften, Emigration nach einem Aufenthalt im KZ Buchenwald; mit den Amerikanern nach Deutschland zurück; lehrte ab 1946 Philiosophie an den Universitäten Nortre Dame, Salzburg, München (Bronze-Statue: A. Rückel)
Wie wäre es, den Trost im Leiden selber zu suchen? Da es auch darauf ankommt, nicht nur die Dinge so zu sehen »prout sunt« – ohne verfälschende Denkmodelle, sondern auch das Rechte zu tun, wird die Übung der Selbstüberwindung nötig werden: Naive Unmittelbarkeit und Echtheit des Empfindens taugen ja nicht viel, auch Frömmigkeit ist oft genug nur eine Weise der Selbstbestätigung. Sitzen doch die Egoismen im allgemeinen so tief, daß ihnen nichts leichter fällt als eine zur Wirklichkeit recht beziehungslose Frömmigkeitswelt zusammenzuzimmern, in der von vornherein dafür gesorgt ist, daß man nur seinen eigenen Idealen begegnet, nicht aber dem Willen Gottes. Nur widrige Umstände, nur intensive Leiderfahrungen werden ein solches Gefängnis aufzubrechen vermögen. Der Verlust der Selbstverkrampfung, des Eingesponnenseins in sich selber müßte dann aber als befreiend, als beglückend empfunden werden: »itaque ad virtutem spectat tribulationes fortiter sustinere: ad sapientiam gaudere in tribulationibus« (Bernardus PL). Der Trost liegt im Leiden selber, vorausgesetzt man stellt es in den Dienst der Läuterung und Sühne und versucht darüber hinaus noch, durch geduldiges Annehmen die Summe der Übel geradezu zu vermindern; d. h. man soll nicht um jeden Preis soviel wie möglich leiden wollen – das könnte auf Eitelkeit beruhen. Auf das Ertragen als solches kommt es auch nicht an – das wäre allenfalls eine sportliche Leistung, zumal man ja auch für objektiv Unsinniges Opfer zu bringen imstande ist, etwa aus parteipolitischer Leidenschaft. In all dem läge immer noch eine subtile Selbstbestätigung verborgen. Statt dessen kann und soll man aus Liebe zu Gott versuchen, am Widrigen zu wachsen, an ihm ein anderer zu werden, um dann die in irgendeiner Hinsicht negativ gewordene Weltsituation mit der Selbstlosigkeit eines Opfers zu beantworten. Dieses Mehr an Liebe macht zwar das, worauf es die Antwort darstellt, nicht ungeschehen, es vermag ihm aber sozusagen den Stachel zu nehmen. In rückläufiger Betrachtung, aber auch nur in einer solchen, wird sogar dem bösen Anlaß etwas vom Glanz des nachfolgenden Guten zuteil…
Aus Henry Deku, Die Konkurrenzlosigkeit des Christentums, in W.Jens (Hrsg.), Warum ich Christ bin, Kindler Verlag 1979
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Das Zitat der Woche
Das moderne «Selbst» und die «Welt»
Peter Sloterdijk
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In der Moderne brechen die Klammern, die im klassischen Denken Reflexion und Leben zusammenhielten, auseinander. Es wird uns immer deutlicher, daß wir im Begriff sind, für Selbsterfahrung und Welterfahrung den gemeinsamen Nenner zu verlieren. Sogar das ehrwürdige Postulat der Selbsterkenntnis gerät heute in den Verdacht, naiv gewesen zu sein, und was einst als Gipfel der Reflektiertheit erschien, steht heute dem Argwohn gegenüber, es sei womöglich nur eine Luftspiegelung, entstanden aus dem Mißbrauch der Reflexions-Metapher. Tatsächlich hat sich der weitaus größte Teil heutiger Objektkenntnisse von jeder Beziehung auf ein Selbst abgekoppelt und steht unserem Bewußtsein in jener ausdifferenzierten Sachlichkeit gegenüber, von der kein Weg mehr «zurück»gebogen wird zu einer Subjektivität.
Im modernen wissenschaftlichen Wissen erfährt nirgendwo ein Ich sich «selbst», und wo dieses sich noch über sich selber beugt, läßt es mit seiner offenkundigen Tendenz zur weltlosen Innerlichkeit die Realien hinter sich. So sind für das heutige Denken Innerlichkeiten und Äußerlichkeiten, Subjektivitäten und Sachen zu «fremden Welten» auseinandergefallen. Damit entfällt zugleich die klassische Prämisse des Philosophierens. Den Satz «Erkenne dich selbst!» verstehen die Modernen längst als Einladung zum Egotrip einer weltflüchtigen Ignoranz. Die moderne Reflexion spricht sich ausdrücklich die Kompetenz ab, Subjektivitäten bruchlos in objektive Welten einzubetten; was sie aufdeckt, ist vielmehr der Abgrund zwischen beiden. Das «Selbst» weiß sich auf geheimnisvolle Weise an eine «Welt» angeschlossen, ohne daß es sich in ihr im Sinne griechischer Kosmologie selbst erkennen könnte; und keine «vermittelnden» Instanzen wie Sozialpsychologie oder Neurophysiologie vermögen daran etwas zu ändern.
Die moderne Selbstreflexion kommt daher bei all ihren «Rück-biegungen» nicht mehr «nach Hause». Die Subjekte wissen sich weder in «sich» noch in ihren Umwelten als «bei sich daheim». Dem radikalen Denken der Moderne enthüllt sich am Selbst-Pol die Leere und am Welt-Pol die Fremdheit, und wie sich ein Leeres in einem Fremden «selbst» erkennen sollte, kann sich unsere Vernunft beim besten Willen nicht vorstellen. ■
Aus: Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft, Suhrkamp 1983
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Julia Kristeva über das weibliche Genie
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Hannah Arendt und die Krise der Kultur
«Julia Kristeva ist auch im deutschsprachigen Raum durch eine Vielzahl von Publikationen als Literaturtheoretikerin und Psychoanalytikerin bekannt. Wenn sie sich der jüdischen, politischen Philosophin Hannah Arendt widmet, dann birgt schon diese Konstellation von Autorin und Sujet eine gewisse Spannung in sich, die dadurch zusätzlichen Reiz gewinnt, daß sie Leben und Denken der Philosophin unter die Maßgabe dessen stellt, was sie als weibliches Genie, ‘le génie féminin’, zu erfassen sucht.
Das Buch setzt mit einer biographischen Skizze ein, die die geistige Entwicklung Hannah Arendts in einer Weise nachzeichnet, die – etwa im Blick auf ihre Beziehung zu Martin Heidegger – Denken und Biographie nicht einfach trennt: Julia Kristeva kennt Hannah Arendts Lehrmeister Platon, Aristoteles, Augustinus und Kant gut genug, um ihren Lesern auseinandersetzen zu können, worin Hannah Arendt ihre eigenständige Lesart klassischer Philosophie entwickelt hat.
Wonach Hannah Arendt suchte und woran sie bis zu ihrem Tod 1975 arbeitete, sei ‘eine nicht-subjektive Fundierung der Politik’ als Antwort auf die Erfahrung des Grauens totalitärer Systeme im 20. Jahrhundert. Aber nicht die Reflexion über Macht und Gewalt stehe bei der Autorin der ‘Vita Activa‘ im Zentrum ihres Denkens, sondern das Eingedenken der ‘Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens’. Arendts Genie wäre in eben dieser Bewegung zwischen Denken und existentieller Erfahrung zu verorten, die uns die Bilder einer komplexen und standardisierten modernen Welt vor Augen führt und gleichzeitig an das humane Versprechen erinnert, das in jeder einzelmenschlichen Existenz liegt.» (Verlagsinfo)
Julia Kristeva: Das weibliche Genie – Hannah Arendt, Europäische Verlagsanstalt, 388 Seiten, ISBN 978-3434461739
Inhalt
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Das Zitat der Woche
Vom Ich und vom Selbst
Emile Michel Cioran
«Die Fensterläden sind geschlossen, ich strecke mich im Dunkeln aus. Die Außenwelt, ein immer weniger unterscheidbares Geräusch, verflüchtigt sich. Übrig bleiben nur ich und… das ist die Frage. Einsiedler haben ihr Leben damit zugebracht, mit dem Dialog zu führen, was in ihnen am verborgensten war. Könnte ich doch nach ihrem Beispiel mir diese äußerste Disziplin auferlegen, in der man das Innerste seines eigenen Wesens erreicht! Es ist diese Unterhaltung des Ich mit diesem innersten Selbst, dieser Wechsel vom einen zum andern, worauf es ankommt und was nur Wert hat, wenn man es ständig wiederaufnimmt, bis das Ich schließlich im andern, in seiner wesentlichen Fassung aufgeht.»
(Aus Emile Michel Cioran: «Vom Nachteil, geboren zu sein», Suhrkamp 1979)
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