4. Internationaler Kompositionswettbewerb Bruno Maderna
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Gesucht: Moderne Werke für Jugendorchester
Für den 2010 vom Orchestra Giovani Musicisti Veneti erstmals ausgeschriebenen Internationalen Kompositionswettbewerb Bruno Maderna können auch in diesem Jahr wieder Werke eingereicht werden. Vorgeschrieben ist eine Komposition für Jugendorchester mittleren Schwierigkeitsgrades, ihre Dauer sollte zwischen acht und zwölf Minuten liegen. Bezüglich Alter und Nationalität der Komponisten bestehen keine Einschränkungen, der Preis ist mit 2’000 Euro dotiert. Einsende-Schluss ist am 30. Juni 2013, die weiteren Einzelheiten finden sich hier. ■
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Weitere Musik-Ausschreibungen im Glarean Magazin
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Internationaler Orchester-Kompositionswettbewerb 2013
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Werke für chinesisches und klassisches Instrumentarium
Gemeinsam mit dem «Hong Kong Chinese Orchestra» organisieren die «Luxembourg Sinfonietta» bzw. die Luxemburger Gesellschaft für Neue Musik ihren zehnten Internationalen Kompositionswettbewerb. Komponisten aus aller Welt und jeden Alters sind eingeladen neue Werke einzureichen für ein Orchester, das aus sieben traditionellen chinesischen und sieben klassischen Instrumenten besteht. Das einzureichende Orchesterstück soll unveröffentlicht sein und aus neun Abschnitten von je ca. 1 – 1,5 Minuten Dauer bestehen, wobei jeder Musikabschnitt ein Bild bzw. Foto einer Szene oder Landschaft «beschreibt». Der Preis ist mit insgesamt 7’500 Euro dotiert. Einsende-Schluss ist am 15. September 2012, die weiteren Einzelheiten finden sich hier. ■
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Weitere Musik-Ausschreibungen im Glarean Magazin
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Franz Schreker: «Das Weib des Intaphernes – Symphonie op. 1 – Psalm 116 – Lieder»
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«Ich bin (leider) Erotomane»
Wolfgang-Armin Rittmeier
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Mit einem Augenzwinkern ist diese Selbsteinschätzung des Komponisten Franz Schreker zu verstehen. Schließlich entstammt sie seiner satirischen Selbstcharakteristik, die im April 1921 in den Wiener «Musikblättern des Anbruch» publiziert wurde. Schreker montierte sie aus Kritiken, die bis dato zu seinen Werken erschienen waren, und ihm als Komponisten und Menschen sowie seinem Werk quasi alle denkbaren und sich bisweilen völlig widersprechenden Eigenschaften zusprachen, so dass der kleine Text in der verzweifelten Frage gipfelt: «Wer aber – um Himmels Willen – bin ich nicht?»
Wer Franz Schreker war, das ist auch heute noch fast ein Geheimnis, seine Musik bleibt ein Geheimtipp. Bereits 1947, also nur 13 Jahre nach Schrekers Tod, konnte Joachim Beck, der in den späten zwanziger Jahren mehrfach in Kurt Tucholskys «Weltbühne» über den Komponisten geschrieben hatte, in der «Zeit» einen Artikel veröffentlichen, der den bezeichnenden Titel trägt: «Franz Schreker, ein Vergessener».
Wie konnte es dazu kommen? Schließlich war Schreker zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts als der führende deutsche Opernkomponist, ja als Messias des neuen Musikdramas gefeiert worden. Nun – Franz Schreker war Jude. Und als solcher gehörte er zu jenen Künstlern, die im nationalsozialistischen Deutschland zunächst beschimpft, verfemt und schließlich von der gleichgeschalteten Musikwissenschaft als «undeutsch» aus der Historie getilgt werden sollten. So liest man beispielsweise in der «Geschichte der Deutschen Musik» des strammen Nationalsozialisten Otto Schumann (der nach Ende des Krieges einfach Fäden aufhob und munter weiter publizierte) zu Schreker: «Wie wahl- und sinnlos das Judentum in der Verhimmelung seiner Gesinnungsgenossen vorgegangen ist, zeigt das Beispiel von Franz Schreker. Obwohl in seinen orchestralen Farbmischungen, seiner verstiegenen Theatralik und schmeichelnden Gehaltlosigkeit der vollendete Gegensatz zu Schönberg, wurde er ‘in Fachkreisen’ als ein Gott der Musik gepriesen. Dabei erklärt sich dieser jüdische Fachgeschmack ganz einfach daraus, dass Schreker in seinen Dirnen- und Zuhälteropern die Verzückungen käuflicher Sinnlichkeit mit allen Mitteln des modernen ‘Musikdramas’ feierte.» Fortan war Schreker aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden, zumal er 1934 – wohl in Folge der nationalsozialistischen Hetze – einen Herzinfarkt und einen Schlaganfall erlitt und verstarb. Anders also als im Falle manch eines anderen Komponisten gab es keine Fortsetzung des kompositorischen Schaffens im Verlauf des Dritten Reiches und nach Ende des Weltkrieges, die ihn im Bewusstsein der Musikinteressierten hätte halten können.
Schrekers Œuvre versank in einem Dornröschenschlaf, in dem es sich seither – man muss es trotz der zunehmenden Versuche, seine Opern auf deutsche Bühnen zu bringen (wie in jüngerer Zeit beispielsweise am Bonner Theater) und Einspielungen seiner Werke vorzunehmen, sagen – immer noch befindet.
Bei genauem Hinsehen sind aber auch die Einspielungen seines Werkes – mit einigen Ausnahmen – nicht wirklich aktuell, sodass sich auch hier nicht die Tendenz zu einer angemessenen Schreker-Renaissance zeigt. Man muss dankbar für das sein, was überhaupt vorliegt. Auch die von Cappriccio jüngst herausgegebene 3 CD-Box bringt nicht wirklich etwas Neues, sondern fasst Aufnahmen des Labels zusammen, die alle schon vor geraumer Zeit in Einzelaufnahmen erschienen sind. Interessanterweise steht im Zentrum dieser Aufnahmen der «unbekannte Schreker», was der Box wiederum einen speziell exotischen Charakter verleiht. Unbekannte Werke eines mehr oder minder unbekannten Komponisten vorzulegen scheint auf den ersten Blick so mutig, dass man wohl gewiss sein darf, dass es sich um ein Panoptikum kompositorischer Gemmen handeln muss. Das ist streckenweise tatsächlich auch der Fall. Ausgesprochen faszinierend ist beispielsweise die Einspielung des Melodrams «Das Weib des Intaphernes». Sicher, die Textvorlage des Vielschreibers Eduard Stucken (der – welch eine Ironie des Schicksals! – im übrigen ein regimetreuer Nationalsozialist und Unterzeichner des «Gelöbnisses treuester Gefolgschaft» war), ist literarisch mäßig. Dafür ist sie außerordentlich farbig und gibt dem bestens aufgelegten Sprecher Gert Westphal reichlich Gelegenheit zu glänzen.
Die den Text psychologisch auslotende Musik Schrekers weist diesen als das aus, was er im Grunde ist: ein Mann der Oper. Das 20 Minuten währende Werk, das eine Geschichte von Bosheit, verderbter Lust, Verzweiflung und Rache erzählt, erinnert in seiner dunklen musikalischen Schwüle nicht selten an Richard Strauss’ «Salomé», und das WDR-Rundfunkorchester unter der Leitung von Peter Gülke schafft es ohne entscheidende Abstriche, die irisierende Klangwelt Schrekers sinnlich zum Leben zu erwecken.
Gleiches gilt für Schrekers schon fast monumentale Vertonung des 116. Psalms, der durch Gülke, das WDR-Orchester sowie den WDR-Rundfunkchor Köln mustergültig dargestellt wird. Wenig reizvoll ist Schrekers op. 1 – nicht so sehr aufgrund der Aufnahme, sondern als Werk. Hier hört man noch sehr viel Epigonales, bisweilen hat man das Gefühl, eine verschollene Übungssymphonie des jungen Brahms zu hören.
Die zweite CD, die ebenfalls WDR-Aufnahmen Gülkes umfasst, widmet sich dem Liedkomponisten, Dichter und Arrangeur Schreker. Hier nun kann man bei allem Wohlwollen gegenüber Schreker nicht umhin, mehr Schwächen als Stärken erkennen zu müssen. Der Textdichter Schreker ist wenig innovativ und gänzlich in seiner Zeit verhaftet. Texte wie «Immer hatt’ ich noch Glück im Leben» oder «Wollte ich hadern mit Glück und Schicksal» sind nachgerade peinlich. Da ändert auch die Rezitation der Texte durch Westphal nichts. Die vorgestellten Orchesterlieder teilen diese Schwäche. Auch dass Mechthild Georgs schwerer Mezzo klanglich nicht überzeugen will und ihre Diktion oft mehr als mäßig ist, hilft nicht weiter.

Die vom CD-Label Capriccio herausgegebene Box mit Werken Schrekers verdeutlicht sowohl die Stärken des absolut zu unrecht vergessenen Komponisten als auch seine Schwächen. Insgesamt eine verdienstvolle, auch qualitätsvoll eingespielte Zusammenfassung, die Lust auf das weitere Œuvre Schrekers macht.
Die dritte CD bringt schließlich Schreker-Bearbeitungen für Klavier, die sein Schüler Ignaz Stasvogel vorgenommen hat. Pianist Kolja Lessing interpretiert die ausgesprochen gut bearbeiteten Stücke klangschön, durchsichtig und ohne jegliche Sentimentalität, die sich in der kleinen Suite «Der Geburtstag der Infantin» schnell einschleichen und den reizvollen Miniaturen den Charakter von «Salonmusik» verleihen könnte. Dabei ist Lessings Spiel keinesfalls nüchtern, sondern durchwegs engagiert. Höhepunkt dieser CD ist Stasvogels Bearbeitung von Schrekers «Kammersymphonie», die nicht nur Lessings stilsichere Herangehensweise unterstreicht, sondern auch Stasvogels Fähigkeit, die klangliche Vielfalt der Schrekerschen Orchestrationskunst kongenial auf das Klavier zu übertragen. ■
Franz Schreker: Das Weib des Intaphernes – Psalm 116 – Kammersinfonie – Lieder, Mechthild Georg, Gerd Westphal, WDR-Rundfunkchor und -orchester, Peter Gülke, Kolja Lessing, Capriccio, 3 Audio CD
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Alan Hovhaness: Exile-Symphony (Boston Modern Orchestra Project)
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«Ich komponiere, weil ich komponieren muss»
Wolfgang-Armin Rittmeier
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«Ich kann diese billige Ghetto-Musik nicht hören». Das ist starker Tobak und nichts Geringeres als eine wahrlich vernichtende Kritik, zumal sie nicht von irgend jemandem stammt, sondern von Leonard Bernstein. Ziel des Spottes war die erste Symphonie des Tanglewood-Stipendiaten Alan Hovhaness, der 1911 als Alan Vaness Chakmakjian geboren wurde. Doch Bernstein war nicht der einzige Komponist in Tanglewood, der nichts mit der Musik des jungen Amerikaners armenisch-schottisch Herkunft anfangen konnte. Auch Aaron Copland lehnte seine Musik strikt ab. Gleiches gilt für Vigil Thomson.
Die Ablehnung dreier einflussreicher Männer der amerikanischen Musikwelt mag ein Grund dafür sein, dass Hovhaness’ Musik auch in Europa so gut wie unbekannt geblieben und so gut wie nie im Konzertsaal zu erleben ist. Ein anderes Moment, das dazu geführt hat, in den Kreisen der europäischen E-Musik peinlich berührt und mit einem Anflug an Schamesröte standhaft an Hovhaness vorbeizublicken, ist die schlecht zu leugnende Tatsache, dass seine musikalische Sprache schnell so klingen kann wie esoterisch angehauchte, an asiatischen Klängen orientierte Entspannungsmusik. Räucherstäbchen, Mantras, «Om» und Hovhaness als stimmungsvoller Soundtrack. Derlei kann man sich, beschäftigt man sich nicht weiter mit Philosophie und Œuvre des Komponisten, schon schnell als Meinung und endgültiges Urteil zurechtlegen. Spätestens jedoch, wenn der Hörer dann noch über eines der populärsten Werke des Komponisten stolpert, das pünktlich zu Beginn der Heydays der New-Age-Bewegung in den USA im Jahre 1970 erschien und den verdächtigen Titel «And God Created Great Whales» trägt, ist das letzte Quentchen Offenheit gegenüber Hovhaness dahin. Denn wenn einer hingeht und auf Tonband gebannte Walgesänge in einer klasssichen Komposition unterbringt, so kann man doch wohl kaum noch von einer ernstzunehmenden Komposition eines ernstzunehmenden Komponisten reden, oder?
Doch, man kann. Denn wendet man sich weg vom allzu einfachen Esoterik-Vorwurf, so kann man in Hovhaness Kompositionen, die in ihrer Art vollkommen individuell sind, einen Kontrapunkt zu der akademisch arrivierten Musik seiner Zeit (Copland, Bernstein) erkennen. Denn brachte Amerika auf der einen Seite den Intellekt fokussierende seriell orientierte Komponisten hervor, so gab es mit Hovhaness auf der anderen Seite einen naturverbunden Mystizismus, der aus der Überzeugung des Komponisten hervorging, dass die technisierte Gegenwart die Seele des Menschen zerstört habe und der Künstler dabei helfen müsse, die Menschheit spirituell zu erneuern.
Das erkannten dann schließlich auch eine Reihe anderer Künstler wie beispielsweise John Cage, Martha Graham, Leopold Stokowski und Fritz Reiner, die Hovhaness unterstützten. Dieses Jahr wäre er, der schließlich doch zu einem der großen alten Männer der ameriakanischen Musikszene aufstieg, einhundert Jahre alt geworden. Europa hat davon kaum Notiz genommen und auch der CD-Markt hat nicht allzuviel zu diesem Ereignis produziert.
Eine löbliche Ausnahme ist eine Produktion des Labels BMOP Sound, dem Hauslabel des «Boston Modern Orchestra Project», einem der führenden amerikanischen Orchester im Sektor der neuen Musik. Gründer und Dirigent Gil Rose hat sich zum Hovhaness-Jahr nicht lumpen lassen und eine Reihe von Werken des Komponisten auf einer CD neu eingespielt, die vorwiegend aus dessen früher Phase stammen. Das früheste ist der 1933 entstandene «Song of the Sea», und man darf glücklich darüber sein, dass dieses zweiteilige Stück für Klavier und Streichorchester nicht jener großen Vernichtung von Frühwerken anheim gefallen ist, die Hovhaness zwischen 1930 und 1940 durchgeführt hat. Es präsentiert einen Komponisten mit Sinn für große, unmittelbar verständliche melodische Bögen und sinnliche Klangfarben, einen Nachfolger Sibelius’ und Verwandten Vaughan Williams – einen späten Spätestromatiker also.
Dieser kaum sechs Minuten währenden Miniatur mit dem herrlich aufspielenden BMPO unter Rose und einem höchst delikat gestaltenden John McDonald am Klavier folgt die 1936 entstandene erste Symphonie, die den Beinamen «Exile» führt. Das 1939 in England vom BBC Orchestra unter der Leitung von Leslie Heward uraufgeführte Werk gedenkt des Völkermorders an den Armeniern im Umkreis der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Höchst eindrucksvoll erhebt sich im ersten Satz (Andante espressivo – Allegro) über einer Ostinato-Figur eine orientalisch angehauchte klagende Klarinettenmeldie, die weiter durch die einzelnen Holzbläsergruppen wandert, wobei sie immer wieder einmal durch «heroische» Fanfaren unterbrochen wird. Plötzlich brechen nervöse Streicher in die feierliche Klage herein, die Stimmung ändert sich: kriegerische Nervosität kommt auf. Das ist wahrlich nicht schlecht gemacht, weder was Meldodieführung, Instrumentation noch was die Dramaturgie des Satzes angeht. Ganz besonders begeistert die Spielkultur des BMPO, das minutiös jenen Wunsch umsetzt den Hohvaness einmal in einem Interview gegenüber Bruce Diffie geäußert hat: Er wolle keinen Klangbrei, sondern dass man jeden Ton der Komposition höre. Besser als hier geschehen ist, kann man das kaum umsetzen. Herrlich auch der an mittelalterliche Tanzweisen erinnernde Ton des zweiten Satzes (Grazioso), der die ruhige Stimmung des vorangegangenen Andante espressivo wieder aufgreift.
Im dritten Satz, der bisweilen als «Triumph» bezeichnet wird, kehren die kriegerischen Fanfaren des ersten Satzes ebenso wieder, wie die nervöse Ostinato-Figur der Streicher, jetzt jedoch eingebettet in eine wiederum altertümlich anmutende Choralmelodie, die das Werk zu einem hymnischen Abschluss bringt. In einer seiner Bewerbungen für ein Stipendium der Guggenheim-Stiftung schreibt Hovhaness 1941: «Ich schlage vor, einen heroischen und monumentalen Kompositionsstil zu schaffen, der einfach genug ist, um jeden Menschen zu inspirieren, frei von Modeerscheinungen, Manierismus und falscher Bildung, dafür direkt, ehrlich und immer ursprünglich, aber nie unnatürlich.» Die «Exile Symphony» hat dieses Programm bereits fünf Jahre zuvor umgesetzt.

Im Hovhaness-Jahr präsentiert das Boston Modern Orchestra Project unter der Leitung von Gil Rose einen interessanten Einblick in das Frühwerk des hierzulande zu wenig bekannten Komponisten Alan Hovhaness. Neben einer eindringlichen Wiedergabe der «Exile Symphony» und der drei «Armenian Rhapsodies» präsentiert diese CD erstmals das hörenswerte «Concerto for Soprano Saxophone and Strings». Ein gelungenes Plädoyer für einen nicht selten missverstandenen Komponisten.
An die armenische Thematik schließen die 1944 entstandenen drei «Armenian Rhapsodies» an. Das musikalische Material zu diesen kurzen Orchesterstücken stammt aus Hovhaness’ Zeit als Organist der St. James Armenian Apostolic Church in Watertown. Tatsächlich sind die drei Rhapsodien zusammen genommen ein Panoptikum armenischer Folklore und Sakralmusik. Da hört man lebhafte Tänze, ernsten Hymnen und untröstliche Weisen, allesamt für Streicher gesetzt, wobei an Intensität besonders die tief empfundene, klagende dritte Rhapsodie hervorsticht.
Schließlich wird die CD abgerundet durch das späte Konzert für Sopransaxophon und Streichorchester aus dem Jahre 1988, das – obgleich es ausgesprochen schön musiziert wird (hervorragend: Kenneth Radnowsky am Saxophon) – in dieser Zusammenstellung ein wenig fehl am Platze wirkt. Denn obwohl Hovhaness einmal sagte, man könne seine späten von seinen frühen Kompositionen im Grunde nicht unterscheiden, so ist das doch nicht ganz richtig, und das Konzert für Sopransaxophon ist dafür ein gutes Beispiel: Obschon Hovhaness auch hier die kompositorischen Elemente seiner Frühzeit nutzt, so tritt in der Melodik der armenische Tonfall zurück und ein sphärenhaftes Idiom, das seit der zweiten Symphony (Mysterious Mountain, 1955) Hovhaness’ Markenzeichen geworden war, dominiert. Zudem begegnet man traditionalistischen musikalischen Konventionen. Im ersten und letzten Satz begegnen wir gar der Fuge (Hovhaness war lebenslang ein großer Bewunderer der Bach’schen «Kunst der Fuge»), im zweiten einem entzückenden langsamen Walzer und schließlich einem Abschnitt, der wie eine Hommage an die Wiener Klassik anmutet. Und doch: Schön ist es in jedem Fall, das Werk nun überhaupt in einer Einspielung vorliegen zu haben. ■
Alan Hovhaness, Exile-Symphony – Boston Modern Orchestra Project, Audio-CD, BMOP/sound 2011
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Kein Applaus für das Royal Philharmonic Orchestra
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Mozart-Sinfonik für Pflanzen?
Walter Eigenmann
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Die chronische Finanzknappheit heutiger Sinfonieorchester, auch berühmtester Ensembles treibt buchstäblich immer seltsamere Blüten. Einen Marketing-Gag der schrägsten Art ließen sich unlängst die englische Shopping-Kette QVC und das renommierte Royal Philharmonic Orchestra einfallen. Geschlagene drei Stunden lang konzertierte das Londoner Spitzenorchester unter der Leitung von Benjamin Pope vor einem stattlichen Auditorium von – Pflanzen! Denn QVC-Garden-Chief Richard Jackson und seine Werbeleute wollten gemäß einer Meldung von «NewsLite» prüfen, ob klassische Musik bzw. die Nachhallzeit von Schallwellen eventuell «die Protein-Produktion in Pflanzen stimulieren und dadurch das Wachstum verstärken» könnte. Und so kam eine über 100 Arten zählende Riesensammlung unterschiedlichsten Grünzeugs im altehrwürdigen RPO-Stammhaus «Cadogan Hall» in den Genuss zahlreicher Klassik-Hits, darunter viel Mozart-Sinfonik.
QVC-«Garten-Experte» Jackson im PR-Video (siehe via Bild-Mausklick) allen Ernstes (wenngleich nicht ohne Schmunzeln): «Wir wollten herausfinden, ob Pflanzen mit Klassik glücklicher sind und besser wachsen». Dirigent Pope seinerseits zu dem botanischen Konzert-Gag: «Bestimmt das duftigste Publikum, vor dem wir jemals gespielt haben. Es war allerdings leicht zermürbend, statt applaudierender Menschen nur viele Reihen gesenkter Köpfe zu sehen…»
Wie hoch des Orchesters Honorar für das Rezital ausgefallen ist, entzieht sich der Kenntnis des Berichterstatters; außerdem steht zu befürchten, dass keinerlei exakte naturwissenschaftliche Messwerte dieses «Experimentes» publik werden… ●
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Humor in der Musik (15)
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Rowan Atkinson (alias Mr Bean) leitet Beethovens Fünfte
Der Dirigent (The Conductor)
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Rafael Kubelik / Berliner Philharmoniker: Die Schumann-Sinfonien
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Packende und klangschöne Orchester-Romantik
Jan Bechtel
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Chopin und Schumann könnten in diesem Jahr ihren 200. Geburtstag feiern, und zudem gedenkt heuer die Musikwelt Gustav Mahlers 150. Todestag. Pünktlich hierzu lassen es sich die großen Labels nicht nehmen einige «Schätze» aus ihren Archiven wieder frisch aufzulegen oder ihnen zumindest ein neues «Layout» zu geben. So hat nun die Deutsche Grammophon Gesellschaft (DGG) eine Aufnahme der vier Symphonien Robert Schumanns mit Rafael Kubelik am Pult der Berliner Philharmoniker in ihrer Reihe «The Originals» wieder neu herausgegeben. Die kürzlich auf zwei CDs wiederveröffentlichte Einspielung erschien ursprünglich auf drei einzelnen LPs in den Jahren 1963/64. Dabei befanden sich die Symphonien Nr. 1 und 4, die Symphonie Nr. 3 und die «Manfred»-Ouvertüre sowie die Symphonie Nr. 2 und die Ouvertüre zu «Genoveva» auf einer LP. (Die Aufnahme der 3. Symphonie und der «Manfred»-Ouvertüre wurde im Jahr 1965 mit dem Grand Prix des Discophiles ausgezeichnet.)
Der Dirigent der vorliegenden Aufnahmen ist Rafael Kubelik, ein Schweizer Komponist und Dirigent tschechischer Herkunft. Er wurde am 29. Juni 1914 in Bychory (Schloss Horskyfeld)/Tschechische Republik geboren, als Sohn des berühmten Geigers Jan Kubelik. Rafael Kubelik war v.a. bekannt für herausragende Interpretationen der Werke von Komponisten seiner Heimat, u.a. Janacek und Dvorak. Auch das Orchester-Oeuvre Gustav Mahlers stand im Fokus seines dirigentischen Schaffens. Seine bedeutendste Anstellung war die des Chefdirigenten des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks (1961–79, als Nachfolger von Eugen Jochum, der das Orchester 1949 gegründet hatte). Von 1955 bis 1958 war er Chief Administrator des Royal Opera House Covent Garden London.
1948 verließ er die Tschechische Republik und ging in die USA (1973 nahm er die Schweizer Staatsbürgerschaft an). Erst 1990 kehrte er auf Einladung des damaligen tschech. Präsidenten Vaclav Havel in seine Heimat zurück. 1984 zog er sich von der Musikbühne zurück, um sich dem Komponieren zu widmen. Am 11. August 1996 starb Kubelik mit 82 Jahren in Kastanienbaum (Schweiz), bestattet wurde er auf dem Vyscherader Friedhof in Prag.
Kubelik war berühmt und geschätzt dafür, dass er die Partituren der dirigierten Werke perfekt kannte. Und auch sein kollegialer Umgang mit den Orchestermusikern trug ihm große Zuneigung ein.
Dass Kubelik sich intensiv mit den Werken auseinandersetzte, die er aufführte, zeigen auch seine Aufnahmen der vier Symphonien Schumanns, die er Mitte der 1960er Jahre mit Karajans «Berlinern» einspielte. Schumanns Werke hatten zuvor zwar nie großen Raum in seinen Konzerten eingenommen, dennoch kannte und liebte Kubelik die Symphonien Schumanns. (Die Aufnahmesitzungen fanden übrigens in den Jahren 1963/64 in der Berliner Jesus-Christus-Kirche im Stadtteil Dalem statt, die ein sehr berühmter Aufnahme-Ort geworden war; zahlreiche großartige Einspielungen entstanden in dem Sakralbau, u.a. machte Herbert von Karajan hier einige seiner ganz großen Aufnahmen.)
Mit den Berliner Philharmonikern, die erstmals 1957 bei den Salzburger Festspielen mit Kubelik zusammengearbeitet hatten, verband den Dirigenten schon nach kurzer Zeit ein besonders vertrautes Verhältnis. Die hier besprochene Einspielung gibt ein beredtes Zeugnis davon. Kubelik und den «Berlinern» gelang ein Interpretationsansatz, der Schumanns Musik wundervoll Rechnung trägt. Er wählt einen sehr «sanften» Zugang, was Schumanns Musik gut bekommt, und dokumentiert dadurch eindringlich, welche Qualitäten Schumann als Symphoniker hatte (und dass die Behauptung mitnichten stimmt, er habe «keine Ahnung» von Instrumentierung/Orchestrierung gehabt – ein «Argument», das sich hartnäckig auch im 19. Jahrhundert hielt). Wie schon u.a. George Szell und Wolfgang Sawallisch schuf Kubelik damit einen Schumann-Zyklus, der beweist, dass Schumanns Musik auch nicht sperrig und schwülstig klingen muss. Kubeliks Tempi sind durchaus straff, aber niemals gehetzt, und auch das andere Extrem, das Dahinschleppen gerade der langsamen Sätze, vermeidet Kubelik.

Kubelik als Interpret tschechischer Musik: Smetanas «Moldau» in der Prager Philharmonie 1990 (Klangbeispiel: Youtube)
Die 1. Symphonie macht ihrem Namen («Frühlingssymphonie») bei Kubelik alle Ehre. Sie kommt gleichsam als ein frischer Frühlingshauch daher, die langsame Einleitung ist kräftig herausgearbeitet, und der Übergang zum Hauptteil ist einfach großartig gelungen. Das Larghetto erinnert mich an einen lauen Frühlingsabend, wenn ein leises Lüftchen weht und eine gelassene, lockere Stimmung herrscht. Das Scherzo wiederum ist ein sehr prägnantes, zupackendes Stück, und Kubelik geht es entsprechend energisch und markig an, das Finale schließlich trumpft wieder absolut «majestätisch» auf. Mit seinen Schlussakkorden endet eine überzeugende Einspielung dieser Symphonie.
Schumanns C-Dur Symphonie op.61 ist ja ein eher selten gespieltes Werk. Das «Juwel» des ganzen Opus ist zweifelsohne sein langsamer Satz. Und Kubelik macht gerade aus diesem Satz etwas ganz Besonderes, etwas Ergreifendes, das niemanden kalt lässt. Den ganzen Schmerz, den Schumann in dieses Stück hineingeschrieben zu haben scheint, lässt Kubelik deutlich werden, indem er beinahe «hymnisch» ausdirigiert. Und obwohl er weniger Zeit als etwas George Szell für den Satz benötigt, geht kein Detail verloren. Ich persönlich habe diesen Satz selten so ergreifend interpretiert gehört wie hier unter Kubelik.
Auch Schumanns Dritte, die sog. «Rheinische» liegt hier in einer wirklich grandiosen Aufnahme vor; möglicherweise darf man sogar von einer Referenzaufnahme sprechen. Die beiden Ecksätze werden majestätisch musiziert; es soll wohl der Besuch des Kölner Doms darstellt werden, und in der Tat kann man regelrecht die Ausmaße dieses sakralen Prachtbaus erahnen (wenngleich es sich hier, wie stets bei Schumann, nicht um eigentliche Programmmusik handelt). Beisternd zupackend musizieren Kubelik und die «Berliner» aber auch in den Innensätzen.
Die 4. Symphonie (d-moll) schließlich, das symphonische Gipfelwerk Schumanns: sie braucht einen sehr speziellen Interpretationsansatz, da bekanntlich ihre Sätze ohne Unterbrechung ineinander übergehen. Das Werk muss absolut «organisch» klingen, ohne hörbare Brüche, mit dezidiert fließenden Übergängen. Die langsame Einleitung zum ersten Satz nimmt Kubelik kraftvoll und energisch, der Hauptteil des Satzes schreitet betont beherzt voran, um schließlich im Scherzo bei Kubeliks Leseart in einen regelrechten Vulkanausbruch zu münden. Auch hier hat der Hörer beim Vergleichen anderer Einspielungen ein ganz besonderes Aha-Erlebnis.
Die Berliner Philharmoniker folgen Kubelik präzise durch die Werke, realisieren seine Intentionen – und stellten damit einmal mehr ihren hohen Rang in der Musikwelt unter Beweis. Alles in allem eine höchst gelungene Aufnahme der Symphonien Schumanns, die in keiner gutsortierten CD-Sammlung fehlen sollte – eine willkommene Wiederveröffentlichung einer besonders wertvollen Einspielung. ■
Rafael Kubelik, Berliner Philharmoniker, Robert Schumann, Symphonien Nr. 1-4 & Ouvertüren «Genoveva» und «Manfred», 2 CDs, Deutsche Grammophon Gesellschaft
Inhalt
CD 1
Symphonie Nr. 1 B-Dur op. 38 «Frühlingssymphonie»
Symphonie Nr. 2 C-Dur op. 61
Ouvertüre zu «Genoveva»
CD 2
Symphonie Nr. 3 Es-Dur op. 97 «Rheinische»
Symphonie Nr. 4 d-Moll op. 120 (Fassung von 1851)
«Manfred»-Ouvertüre op. 115
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Geb. 1984 in Hann.-Münden/D, Ausbildung zum Rechtsanwalts-Fachangestellten, vielfältige musikalische Aktivitäten, lebt in Witzenhausen/D
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Gustav Mahler: 1. Sinfonie D-Dur («Der Titan»)
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Luftig-luzider Orchesterklang
Christian Schütte
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Im böhmischen Kalischt wurde am 7. Juli vor 150 Jahren Gustav Mahler geboren. Es ist daher nicht überraschend, dass die Musikindustrie auf einen solchen Geburtstag mit einer Reihe von Neuveröffentlichungen reagiert, vor allem Aufnahmen, aber auch Bücher. Unzählige Einspielungen der Werke Mahlers liegen vor, die Sinfonien hat wohl nahezu jedes international bedeutsame Orchester mindestens einmal eingespielt. Es lohnt sich also, jene Neuerscheinungen in den Blick zu nehmen, die abseits dieses «Mahler-Mainstreams» liegen.
Bereits Ende des vergangenen Jahres hat das kleine Label Coviello Classics einen Live-Mitschnitt der Sinfonie Nr. 1 D-Dur «Der Titan», gespielt vom Staatsorchester Braunschweig unter seinem Chefdirigenten Alexander Joel veröffentlicht. Joel hat sich in den letzten Jahren vor allem als Operndirigent einen Namen gemacht und steht seit der Spielzeit 2007/2008 dem Staatstheater Braunschweig als Generalmusikdirektor vor. Das Staatsorchester verweist in seinen Publikationen stets darauf, es gehöre «zu den ältesten Kulturorchestern der Welt. Hervorgegangen ist es aus der 1587 gegründeten Hofkapelle des Herzogs Julius zu Braunschweig/Wolfenbüttel.»
Alexander Joel hat dem Klangkörper durch seine langjährige und internationale Opernerfahrung bislang recht gut getan, hat sich am Staatstheater doch ein insgesamt hochwertiges Niveau herausgebildet. Dieser Eindruck lässt sich zumindest anhand dieser Einspielung eines sinfonischen Werks nur bestätigen. Das hier auf Tonträger festgehaltene Konzert nimmt die Entstehungsgeschichte des Werkes in den Blick, denn die heute fast ausnahmslos gespielte viersätzige Fassung der Sinfonie ist erst die zweite von Mahler abgeschlossene. Es heißt dazu im Beiheft: «Das in der Erstfassung als zweiter Satz des damals noch so genannten sinfonischen Gedichts vorgesehene Blumine-Andante, ebenfalls nach dem von Mahler verehrten Jean Paul benannt, ist hier zusätzlich eingespielt und der Sinfonie vorangestellt, um die von Mahler in der Endfassung der Sinfonie gewollte viersätzige Dramaturgie des Werks beizubehalten.» Der sonst kaum zu hörende Satz aus der Urfassung reiht sich musikalisch nahtlos in die übrigen Sätze ein, denn thematisch schöpfte Mahler hier natürlich aus dem gleichen Material, das er auch für die endgültige Fassung verwendete.
Joel führt sein Orchester mit äußerst sensiblem Gespür für Mahlers Partitur durch die Sätze, mit luftigem, luzidem Klang, großer Transparenz und fein abgestufter Dynamik. Pathetisches Schwelgen in den Klangmassen ist Joels Sache nicht, und das tut der Sinfonie hier sehr gut.
Großes Lob gebührt der Aufnahmetechnik, die jede einzelne Instrumentengruppe bestens in Szene setzt, die bei Livemitschnitten häufigen und oftmals unvermeidbaren Nebengeräusche aus dem Publikum sind hier so gut wie nicht zu vernehmen, bevor nach dem letzen Satz der Beifall einsetzt, kann der Hörer dieser Aufnahme geneigt sein zu glauben, es handele sich um eine Studioproduktion.
Kurzum: Alexander Joel empfiehlt sich als Mahler-Dirigent mit dieser Aufnahme genauso wie das Staatsorchester Braunschweig als sinfonisches Orchester. ■
AlexanderJoel / Staatsorchester Braunschweig: Gustav Mahler, 1. Sinfonie D-Dur, Coviello Classics 2010
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Edvard Grieg: «The Complete Orchestral Music»
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Orchestrale Grieg-Box mit lexikalischem Anspruch
Dr. Markus Gärtner
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Das Grieg-Jahr 2007 ist vorüber – und quasi im Nachschlag hat die Plattenfirma BIS nun eine preisreduzierte 8-CD-Box auf den Markt gebracht, welche die breitenwirksame Seite des oft als Klavier-Miniaturisten verschrieenen Norwegers fokussiert: «The Complete Orchestral Music». Dabei sollte man nicht dem Flüchtigkeitsfehler erliegen, anzunehmen, es handele sich ausschließlich um symphonische Musik. Vielmehr könnte und sollte die Box titeln: «The Complete Music With Orchestra». Der geneigte Hörer findet hier Orchesterlieder, dramatische Bühnenmusik und sogar ein Opernfragment. Dabei steht Bekanntes neben fast schon zu Bekanntem, vage Erinnertes neben völlig Vergessenem. Die materialreiche Zusammenstellung bietet sowohl dem Grieg-Einsteiger alle Erfolgsstücke des Meisters der einschmeichelnden Melodie, als auch dem Sammler und Spezialisten eine Vielzahl von Werken, die als nicht-kanonisierte neue Einblicke in die Künstlerpersönlichkeit Edvard Griegs möglich machen.
Natürlich beinhaltet die Box die Peer Gynt-Suiten, die Holberg-Suite, Sigurd Jorsalfar und das Klavierkonzert. Doch auch diesen allseits bekannten Evergreens der Schallplattenindustrie vermag die Veröffentlichung eine neue Seite hinzuzufügen: So bieten die CDs 4 und 5 die über 170 Minuten lange komplette Bühnenmusik zu Ibsens Peer Gynt, mit Dialogen in norwegischer Sprache (die das umfangreiche Begleitheft in einer englischen Übersetzung verständlich macht).
Auf mittlerer Bekanntheitsebene rangieren die Symphonischen Tänze, die Konzert-Ouvertüre «Im Herbst» und eine frühe c-moll-Symphonie, die das Bergen Symphonie Orchestra unter dem Dirigenten Ole Kristian Ruud sehr überzeugend, letztere besonders im ersten Satz geradezu knackig gestaltet. Kaum nachvollziehbar, warum sich Grieg von einer so gelungenen Komposition distanzierte – Schumannsche Anleihen hin oder her.
Nur absoluten Kennern dürften die darüber hinaus auf dieser Collection enthaltenen Werke etwas sagen. Dabei bilden vor allem kürzere bis mittellange Stücke für Solostimme mit Orchester einen größeren Block, z. B. das Melodram «Bergliot» op. 42, das sehr eingängige Orchesterlied «Den Bergtekne» sowie die Sechs Lieder mit Orchester. Interessieren werden auch die Lyrische Suite und die Zwei lyrischen Stücke, jeweils Orchestrierungen aus den bekannten Klavierzyklen gleichen Namens.
Bemerkenswert ist die Entscheidung der Herausgeber, auch Orchesterfassungen von fremder Hand in die Box mit aufzunehmen. So arrangierte Johann Halvorsen sowohl Ved Rondane, ein vormaliges Klavierlied, als auch einen eigentlich für Bläser geschriebenen Trauermarsch. Letzterer ist auch in der Urversion vertreten, sodass der Hörer vermag, Vergleiche zwischen Original und Bearbeitung anzustellen.
Was die opulente Box gegenüber Konkurrenzprodukten wie demjenigen der Deutschen Grammophon Gesellschaft mit Neeme Järvi unterscheidet und heraushebt, ist die bereits erwähnte Gesamtaufnahme der Schauspielmusik von Peer Gynt, die auf ähnlichen Zusammenstellungen nicht zu finden ist. Dieser Bonuspunkt werden besonders diejenigen zu schätzen wissen, die Wert auf lexikalische Vollständigkeit legen. Alle anderen können sich an kleinen und größeren Entdeckungen erfreuen, die diese umfangreiche Sammlung zum idealen, doch eben auch anspruchsvollen Geschenk machen. ■
Bergen Philharmonic Orchestra / Ole Kristian Ruud (Dirigent) / Verschiedene Solisten: Edvard Grieg, The Complete Orchestral Music, BIS-CD-1740/42 (2002-2006/2008)
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