Glarean Magazin

Hans-Joachim Hessler: «Spiegel im Spiegel»

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Improvisatorische Musik: Erzählend, nachdenklich stimmend…

Dr. Barbara Dobretsberger

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Michael Ende, der Meistererzähler, brachte in seinem Prosaband «Der Spiegel im Spiegel» Szenerien zu Papier, die vordergründig Surrealistisches darstellen, hintergründig Weltverlorenheit zum Ausdruck bringen. «Ohne helfenden Hinweis» – so der Autor – wird der Leser mit dem offenen Schluss der Erzählungen allein gelassen. Vier Geschichten Endes wählt Hans-Joachim Heßler für seine programmatische Improvisation aus. Er überhöht die sprachliche Ebene, modelliert teils komponierte, teils improvisierte musikalische Szenen zu den skurrilen, bedrückenden, nachdenklich stimmenden poetischen Bildern Michael Endes.

Fasziniert vom Spiegel im Spiegel: Schriftsteller Michael Ende (1929-1995)

Ein Tänzer wartet hinter dem Vorhang auf seinen Auftritt, doch das «Schwere schwarze Tuch» – so der Titel der ersten Improvisation – will sich nicht heben. Der Tänzer geht seine Schritte immer und immer wieder in Gedanken durch. Die Musiker «tanzen» sich durch die Szene, umkreisen die einzelnen Figuren des nur imaginär stattfindenden Auftritts. Der Hörer wird in die beklemmende, zugleich aber auch kontemplative Szenerie eingesponnen. Matthias Schubert (Tenorsaxophon), Hans-Joachim Heßler  (Orgel, Klavier, Keyboards), Stefan Werni (Kontrabass, Elektronik) und Klaus Wallmeier (Schlagzeug, Stimme) entlassen weder sich noch den Hörer aus dem dicht gesponnenen Netz fatalistischer Tanzsequenzen.
Im «Schlittschuhläufer», einer 17 Minuten dauernden Improvisation, werden philosophische Fragen in Musik gesetzt: Ein Schlittschuhläufer «schreibt» mit seinen Schlittschuhen Buchstaben in den Himmel. Doch sein Publikum kann die Schrift nicht entziffern. Schließlich gehen die Leute nach Hause und vergessen den Vorfall. «Wer weiß, ob die Botschaft wirklich so wichtig war» – dies der programmatische Hinweis im Booklet. Hier fokussiert sich die Musik auf Fragen nach den Möglichkeiten einer Bedeutung, zunächst in einem ruhigen Umkreisen und Ausloten von Klangfarben und Motiven, nach und nach drängender werdend, und letztendlich, erwartungsgemäß, zu einem quasi achselzuckenden Ende geführt.

Komponist, Pianist und Improvisator Hans-Joachim Heßler: Zeugnis ablegend von den vielfältigen Möglichkeiten des «postmodernen» Komponierens

«Dieser Herr besteht nur aus Buchstaben»: Michael Ende beschreibt in dieser Geschichte einen Mann, der sich zwischen seinem eigenen Spiegelbild und seiner Freundin entscheiden muss. Der Herr zerfällt, die Leute trampeln über ihn hinweg. Kurios, surrealistisch auch die Musik (obige Formation ergänzt durch Sabine Hoffmann, Flöte), changierend zwischen verharmlosend Satirischem,  Klangballungen und lose Zerfallendem schließt sich der Kreis in der Wiederaufnahme einer salonhaften Attitüde am Schluss.
Eine ekstatische Klangwelt, die ganz allmählich zum Erlöschen und Verrauchen geführt wird, spiegelt sich in «Die Hochzeitsgäste waren tanzende Flammen» wider. Eine sich ganz allmählich aufbauende Traumwelt, in der aus einem Ostinato sukzessive Stimmungsbilder herauswachsen, wird in einem kontinuierlichen Prozess zum bruchstückhaften Schweigen gebracht.
Ideologien in Bezug auf eine «zeitgenössische» Klangsprache sind Heßler fremd. Seine Stilsouveränität  erlaubt es ihm, sich auf das Changieren zwischen Freitonalem und Tonalem, zwischen Komponiertem und Improvisiertem, zwischen Zitiertem und Originalem einzulassen. Als homme de lettre findet Heßler im französischen Philosophen J.-F.  Lyotard eine Inspirationsquelle: der Diskurs kann nur im Widerstreit (frz. différend) weitergetrieben werden: «Le Différend 17» und «Le Différend 21» (1997 entstanden) für Orchester legen hiervon musikalisches Zeugnis ab.

Ideologien in Bezug auf eine «zeitgenössische» Klangsprache sind dem Komponisten Hans Joachim Heßler fremd. Seine Stilsouveränität erlaubt es ihm, sich auf das Changieren zwischen Freitonalem und Tonalem, zwischen Komponiertem und Improvisiertem, zwischen Zitiertem und Originalem einzulassen. Dies dokumentiert der Komponist eindrücklich auch in seinen vier programmatischen Improvisationen «Spiegel im Spiegel»

Dass Ironie und Satire Heßler nicht fremd sind, wird in den programmatischen Improvisationen zu Michael Endes Texten deutlich. Ein Vorläufer der surrealistischen Ader Heßlers zeigt sich im Streichquartett «Tanz im Vogelkäfig», das mit Flamenco-Klängen folkloristische Allusionen zulässt. Das Orchesterstück «Nabuli Tintin» von 1999 verrät einiges über Heßlers stets auf der Suche befindliche und über eine große Bandbreite verfügende Komponistenseele. Als Hommage an Arvo Pärt, dessen Tintinnabuli-Stil (Glöckchenspiel-Stil) in den 1970er-Jahren aus der von ihm als zukunftslos empfundenen Moderne hinausführte und einen neuen kompositorischen Weg öffnete, legt «Nabuli Tintin» Zeugnis ab von den vielfältigen Möglichkeiten des «postmodernen» Komponierens. ■

Hans-Joachim Heßler: Spiegel im Spiegel – Eine programmatische Improvisation über vier Geschichten aus dem gleichnamigen Zyklus von Michael Ende, mit M. Schubert, St. Werni, K. Wallmeier, Eichendorff Quartett, Philharmonie Kronstadt, Audio-CD, Label United Dictions of Music UDM

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Barbara Dobretsberger

Geb. 1967, Klavierpädagogik-, Musikwissenschafts- und Philologie-Studium in Salzburg, Promotion in Wien, zahlreiche fachwissenschaftliche und musikpädagogische Publikationen in Büchern und Zeitschriften sowie Veröffentlichungen über Zeitgenössische Musik und über die Beziehung zwischen Text/Literatur und Musik, lebt als Dozentin am Mozarteum in Salzburg

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Internationaler Orchester-Kompositionswettbewerb 2013

Posted in Ausschreibung, Kompositionswettbewerbe, Musik, Musik-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 8. Juni 2012

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Werke für chinesisches und klassisches Instrumentarium

Gemeinsam mit dem «Hong Kong Chinese Orchestra» organisieren die «Luxembourg Sinfonietta» bzw. die Luxemburger Gesellschaft für Neue Musik ihren zehnten Internationalen Kompositionswettbewerb. Komponisten aus aller Welt und jeden Alters sind eingeladen neue Werke einzureichen für ein Orchester, das aus sieben traditionellen chinesischen und sieben klassischen Instrumenten besteht. Das einzureichende Orchesterstück soll unveröffentlicht sein und aus neun Abschnitten von je ca. 1 – 1,5 Minuten Dauer bestehen, wobei jeder Musikabschnitt ein Bild bzw. Foto einer Szene oder Landschaft «beschreibt». Der Preis ist mit insgesamt 7’500 Euro dotiert. Einsende-Schluss ist am 15. September 2012, die weiteren Einzelheiten finden sich hier. ■

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Weitere Musik-Ausschreibungen im Glarean Magazin

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Cartoon der Woche

Posted in Adolf Oberländer, Cartoons, Grafik, Musik by Walter Eigenmann on 2. Februar 2011

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Konzert mit «verstärktem Orchester»

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Adolf Oberländer: «Konzert mit verstärktem Orchester» (aus «Die fliegenden Blätter» Nr.1615 / München )

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1. Internationaler Bruno-Maderna-Kompositionspreis

Posted in Musik, Musik-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 30. April 2010

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Neue Musik für Jugendorchester

Die «Ecce-Gratum-Association» in Zusammenarbeit mit den Edizioni Sconfinarte und unter dem Patronat der Gemeinde Treviso schreiben ihren ersten Internationalen Bruno-Maderna-Kompositionspreis aus. Der Wettbewerb lädt Komponistinnen und Komponisten ein zur Einreichung von sieben bis 10 Minuten dauernden Werken für Jugendorchester mittleren Schwierigkeitesgrades. Der Preis ist mit 2’000 Euro dotiert. Einsende-Schluss ist am 15 Juni 2010, die weiteren Einzelheiten (engl.) finden sich hier.

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«Tactus»-Kompositionspreis 2010

Posted in Ausschreibung, Musik, Musik-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 23. April 2010

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Symphonische Musik junger Komponisten

Das belgische «Forum für junge Komponisten» namens «Tactus» schreibt – in Zusammenarbeit mit der Kompositions-Software Sibelius – einen internationalen Kompositionswettbewerb für symphonisches Orchester aus. Die Dauer des Stückes sollte ungefähr zehn Minuten betragen. Teilnehmen können Komponistinnen und Komponisten aller Nationalitäten, wobei das Alter höchstens 35 Jahre betragen soll. Einsende-Schluss ist am 15. Oktober 2010, die weiteren Details (engl.) finden sich hier. ■

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Weimarer Frühjahrstage für zeitgenössische Musik 2010

Posted in Musik, Musik-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 16. Dezember 2009

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Gesucht: Werke für Solo-Violine und Orchester

Aus Anlass der 11. Weimarer Frühjahrstage für zeitgenössische Musik schreibt Via Nova einen internationalen Kompositionswettwerb aus. Eingesandt werden kann ein (allenfalls uraufgeführtes, aber noch nicht veröffentlichtes) Werk für Solovioline und Orchester. Teilnehmen können KomponistInnen, die nach dem 1. Januar 1970 geboren sind. Einsende-Schluss ist am 31. Dezember 2009, die weiteren Details finden sich hier. ■

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Internationaler Mahler-Kompositionswettbewerb 2010

Posted in Musik, Musik-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 6. September 2009

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Gesucht: Klavierlieder, Klavierquartette oder Orchesterstücke

Gustav Mahler GesellschaftIn Zusammenarbeit mit der Internationalen Gustav Mahler Gesellschaft, dem ORF-Radio-Symphonieorchester Wien und dem Wiener Konzerthaus schreibt der Österreichische Komponistenbund aus Anlass der Mahlerjahre 2010/11 (150. Geburtstag, 100. Todestag) einen internationalen Kompositions-Wettbewerb aus, der Komponistinnen und Komponisten des 21. Jahrhunderts ohne Altersbegrenzung einlädt, Werke in jenen drei Kategorien einzureichen, für die Gustav Mahler Kompositionen geschaffen hat: a) Klavierlied b) Klavierquartett c) Orchester.
Es ist kein konkreter Mahler-Bezug gefordert, allerdings sollten die ausgewählten Werke «in Anlehnung an Mahlers Modernität und seinen weitreichenden Einfluss auf die Musikentwicklung des 20. Jahrhunderts im besten Sinne innovativ und in die Zukunft blickend» gestaltet sein.
Die Dauer des Werkes soll maximal 15 Minuten betragen; die max. Besetzung: 3-3-3-3, 4-4-3-1, 1 Pauker, 3 Schlagzeuger, 1 Harfe, 14-12-10-8-6 (Holzbläser inkl. Nebeninstrumente). Einsende-Schluss ist am  30. September 2010, die weiteren Details finden sich hier. ♦

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Eugen Stefan Paschek: «Toulouse-Bordeaux mit TGV»

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«Toulouse-Bordeaux mit TGV»

Für Harmonieorchester

von Eugen Stefan Paschek

(Erst-Veröffentlichung)

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Titel-Seite – Leseprobe:

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Paschek_Toulouse_Partitur_Seite01_Glarean-Magazin

Copyright Eugen Stefan Paschek, Marl/D – August 2009 – Erst-Veröffentlichung

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Eugen PaschekEugen Stefan Paschek
Geb. 1937 in in Schwientochlowitz/Oberschlesien, Musikstudium an der Musikhochschule Kattowitz, Arbeit mit dem RTV-Rundfunk-Unterhaltungsorchester Kattowitz als Musiker und Komponist, 1980-1996 Kompositions-Mitglied des polnischen ZAKR, seit 1987 Deutscher Staatsangehöriger, lebt in Marl/D

Alle Rechte vorbehalten
[Aufführungen erwünscht; E-Mail an: eugen-paschek(ät)freenet.de ]

Partitur-Gratis-Download (49 Seiten A4, pdf-Format / ZIP – 72 MB

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Der Queen-Elisabeth-Kompositionswettbewerb 2009

Posted in Musik, Musik-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 25. August 2009

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Gesucht: Werk für für Klavier und Orchester

Queen_Elisabeth_Kompositionswettbewerb 2009Der international renommierte belgische Queen-Elisabeth-Kompositions-Wettbewerb wird für 2009/10 erneut ausgeschrieben. Eingesandt werden kann diesmal ein unveröffentlichtes Werk für Klavier und Sinfonie-Orchester. Formal besteht keine Einschränkung; die Dauer des Werkes soll mindestens zehn Minuten betragen. Die Besetzung: «WOODWIND: 3 flutes (including the piccolo) – 3 oboes (including the cor anglais) – 3 clarinets (including the bass clarinet and/or the soprano clarinet) – 3 bassoons (including the double bassoon) BRASS: 4 horns – 3 trumpets – 3 trombones – 1 tuba PERCUSSION: 4 percussionists (or 1 timpanist and 3 percussionists) HARP: 1 musician CELESTA, GLOCKENSPIEL: 1 musician STRINGS: 14 – 12 – 10 – 8 – 6». Uraufgeführt wird das siegreiche Stück im Frühjahr 2010. Einsende-Schluss ist am 7. November 2009, die weiteren Einzelheiten (engl.) finden sich hier.

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16-Jähriger dirigiert amerikanisches Spitzenorchester

Posted in Aufgeschnappt, Events, Ilyich Rivas, Musik, Musik für Orchester, Pjotr Iljitsch Tschaikowski by Walter Eigenmann on 14. August 2009

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Musik-Wunderknabe Ilyich Rivas interpretiert Tschaikowsky

Walter Eigenmann


Ilyich Rivas_Atlanta 2009

Als Sechzehnjähriger vor einem amerikanischen Spitzenorchester: Ilyich Rivas in Atlanta 2009

In praktisch allen Kultur- und Sport-Bereichen scheinen die «Maestri» und «Stars» ständig jünger zu werden. Nun überraschte das amerikanische Spitzenorchester Atlanta Symphony Orchestra (ASO) seine weltweiten Anhänger mit der sensationellen Ankündigung, der erst 16 Jahre junge, in Venezuela geborene Ilyich Rivas werde ein komplettes Sinfonie-Konzert des renommierten Klangkörpers dirigieren.
Der jugendliche Conductor und Pianist, dessen Vater ebenfalls ein angesehener Orchester-Dirigent ist, fiel in einer Reihe von hochkarätigen Ausbildungsstätten – darunter auch im Verbier-Festival-Dirigentenkurs von Kurt Masur – als Extrem-Begabung auf und hat als Dirigent bereits zahlreiche Orchesterkonzerte sowohl in Amerika als auch in seinem Heimatland hinter sich. Mit neun leitete Rivas erstmals ein Bläser-Ensemble, ein Jahr später führte er in Venezuela Mozarts große G-Moll-Sinfonie Nr. 40 auf…

Atlanta Symphony Orchestra_Carnegie Hall 2005

Das «Atlanta» (mit Chor) in der berühmten New Yorker Carnegie Hall 2005

In Atlanta wird er also nächsten Samstag erstmals vor einem international reputierten Orchester stehen. Gegeben werden Verdis Ouvertüre zu «Les vêpres siciliennes», Mendelssohns Violinkonzert e-moll op. 64 – mit der erst 22-jährigen (!) Elena Urioste als Solistin – sowie als Höhepunkt des Abends Tschaikowskis Vierte Sinfonie.
Ungeachtet der offensichtlichen Hochbegabung dieses jungen Musikers stellen sich mit der «Verpflichtung» Rivas’ ans ASO doch kritische Fragen:
Reicht der aus «nur» 16-jähriger Denk- und Lebenserfahrung gespiesene «geistige Horizont» eines Knaben aus für eine gültige Interpretation solcher kulturgeschichtlicher Höhepunkte wie der Tschaikowski-Sinfonik? Wie gestaltet(e) sich überhaupt in einem solchen Fall die orchesterpädagogische bzw. -psychologische Arbeit, da ein relativ unerfahrener Jugendlicher hundert hochkarätig ausgebildete und oft vieljährig erfahrene Spitzenkönner führen muss? Oder ist dieses Engagement ganz einfach das Beispiel raffinierter neuer Marketing-Gags, welche in Wirtschaftskrisen-Zeiten wieder mehr (sensationslüsterne) Besucher in die Konzerthallen der finanziell überall serbelnden Spitzenorchester (nicht nur in Amerika) schwemmen sollen? Wie weit will es der globale Musik-Kommerz noch treiben mit dem grassierenden Jugend-Kult?

Tschaikowsky – 4. Symphonie (Beginn des vierten Satzes) —> Hörbeispiel (Barenboim/YouTube)

Tschaikowsky_Vierte Sinfonie_Vierter Satz

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OrchestermusikKammerorchesterKonzertveranstaltungenOperaPoint -

Cartoon der Woche

Posted in Adolf Oberländer, Cartoons, Humor, Humor in der Musik, Musik by Walter Eigenmann on 19. März 2009

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Adolf Oberländer

oberlaender_der-falsche-ton
Adolf Oberländer: «Der falsche Ton», (Zeichnung aus den «Fliegenden Blättern», 19 Jh.)

Joachim Raff: Werke für Violine und Orchester

Posted in CD-Rezension, Joachim Raff, Markus Gärtner, Musik, Musik-Rezensionen, Rezensionen by Walter Eigenmann on 9. September 2008

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Terra firma eines neutralen Terrains

Dr. Markus Gärtner
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Geschichtsschreibung ist immer auch eine Frage der Blickrichtung, aus der sie betrieben wird. Forscher stellen dabei die Vergangenheit nicht umfassend dar (das wäre unmöglich), sondern selektieren, was für ihr jeweiliges Thema ausschlaggebend sein könnte. Dazu ziehen sie Quellen verschiedenen Aussagewertes heran. Für bestimmte Untersuchungs-Zeiträume, z.B. die Antike kann das sehr schwierig sein, denn die Anzahl der Quellen ist – und bleibt auch womöglich – begrenzt. Für die letzten zwei Jahrhunderte gilt eher das Gegenteil: Hier bildet die Auswahl aus der Unmenge an verfügbarem Material die eigentliche Herausforderung. Um so erstaunlicher mutet es an, dass die Musikgeschichtsschreibung bzgl. des 19. Jahrhunderts noch immer an einem bereits altersschwachen Modell festhält: dem Streit zwischen den sogenannten «Konservativen» um Johannes Brahms und den «Neudeutschen» um Franz Liszt. Der Vereinfachungscharakter liegt mittlerweile auf der Hand. Für keine der beiden Seiten lässt sich ein einheitliches Bild konstruieren, was denn nun genau die Zugehörigkeit ausmacht, oder wie «konservativ» bzw. «neudeutsch» eigentlich klingt.
Während also die Musikwissenschaft nicht nur am bekannten dichotomischen Konzept festhält, sondern, so will es jedenfalls scheinen, selbst reflexartig diese Konfliktlinie mittels eifersüchtig gegeneinander ausgerichteter Forschungsschwerpunkte perpetuiert, ist es die Musikindustrie, die Vergleichsmöglichkeiten wieder herstellt und mit ihren Mitteln hilft, Rasterungen der Vergangenheit zu überdenken. Je mehr Musik der zweiten Hälfte des «langen» 19. Jahrhunderts veröffentlicht wird, desto mehr verflüssigen sich auch die Gegensätze. Dabei sind es besonders unabhängige Firmen, die sich der Aufgabe stellen, Komponisten jenseits der je ersten Reihe wieder zum Klingen zu bringen.
So hat das schwedische Label Sterling kürzlich eine CD mit Werken für Violine und Orchester des gebürtigen Schweizers Joachim Raff (1822–1882) herausgebracht. Schon Hugo Riemann rechnete Raff zur «Neudeutschen Schule», stellte ihm vergleichend Felix Draeseke und Alexander Ritter an die Seite. Doch geht es wirklich um Bekanntschaftsverhältnisse? Geht es wirklich darum, wer zu welchem Zeitpunkt im fortschrittsorientierten Weimar lebte und arbeitete?

Die Kompositionen Raffs jedenfalls lassen daran zweifeln. Selbst in unmittelbarer zeitlicher und lokaler Nähe zu seinem Mentor Franz Liszt entstand mit der eingespielten La feé d’amour 1854 eine Musik, die sich kaum grundlegender vom Lisztschen Klangideal unterscheiden könnte. Raff setzt nicht auf die große Geste, sondern auf Zurückhaltung in Ausdruck und Instrumentation. Fast durchgehend fehlt die für sein Umfeld so typische Chromatik. Diesen seinen, nur in wenigen Alterswerken durchbrochenen Stil baut Raff in den folgenden Jahren und Jahrzehnten weiter aus, was die CD durch Zusammenstellung mit zwei weiteren Werken, die beide in den 1870er Jahren fertiggestellt wurden, belegt. So sparsam wie bei der Fee geht es hier allerdings nicht mehr zu. Das erste Violinkonzert eröffnet mit einem gewichtigen Kopfsatz, der in seinem komprimierten Hauptmotiv Energie für den ganzen folgenden Satzverlauf gespeichert hält.
Mit der Suite für Solo-Violine und Orchester hingegen zeigt sich Raff als Ahnvater des Neoklassizismus, indem er klassische und barocke Tanzmuster in romantischer Manier reinterpretiert. Berühmtestes Ergebnis seines diesbezüglichen Interesses ist die von ihm instrumentierte Chaconne aus der 2. Partita für Violine solo von Johann Sebastian Bach. Doch auch in der Suite von 1873 gelang dem Komponisten reizende Musik, so z. B. der zweite Satz, ein Menuett. Alle diese Beispiele aus Raffs Schaffen machen Riemanns oben erwähnte Zuordnung mehr als zweifelhaft, eine Skepsis, die sich ebenso auf Felix Draeseke ausdehnen ließe.

Doch diese CD hat noch mehr zu bieten als ein Stück ausgegrabene Musikgeschichte, denn mit dem Symphony Orchestra of Norrlands Opera ist ein saft- und kraftvoller Klangkörper zu genießen, welcher, unterstützt vom opulenten Klangbild, der Musik Raffs geradezu schwelgerische Züge abgewinnt. Und wem das immer noch nicht genügt, der sei auf den Solisten Tobias Ringborn hingewiesen, dessen Geigenton (vergleichbar vielleicht mit demjenigen Nikolaj Znaiders oder Henning Kraggeruds) satt wie beweglich der Produktion das letzte Sahnehäubchen aufsetzt.
So belegt vorliegende Veröffentlichung einmal mehr, dass die Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts weitaus differenzierter zu betrachten wäre als bisher geschehen. Von solcherart Vorarbeiten der Plattenindustrie angeregt sollten sich auch Historiker endlich darauf einigen, weniger von Lagerbildung denn von einem Kontinuum von Interdependenzen auszugehen. Ein wichtiger Hinweis darauf stammt von Raff selbst. In der Neuen Zeitschrift für Musik notiert er 1853, dass es ihm vor allem darum ginge, die «terra firma eines neutralen Terrains zu gewinnen [...]» – also eine Position nicht nur neben, sondern jenseits von vorgefertigten (musikhistoriographischen) Schubladen. ■

Symphony Orchestra of Norrlands Opera, Andrea Quinn (Dirigentin), Tobias Ringborn (Violine): Joseph Joachim Raff, Violinkonzert Nr. 1, Suite für Violine und Orchester, La fee d’amour, Sterling CDS 1075-2 (2008)

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