Satire von Dorit Böhme
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Von den Freuden des Schreckens
Dorit Böhme
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Frage: Womit verschafft man einer Dorfgemeinschaft den größtmöglichen Lustgewinn? Antwort: Mit einem Erlebnis, das die eigene Familie betrifft und der Vorstellungskraft der anderen einen Schubs gibt, um sie zu ungeahnten Höhenflügen aufsteigen zu lassen.
Dies rühmliche Werk der Nächstenliebe tat ich unlängst – ohne Rücksicht auf eigene Verluste. -
Meine Phantasie schwebte in der sechsten Dimension. Ich hämmerte in meine Schreibmaschine – Geniales und Blödes (ersteres verschwindet leider immer im Papierkorb). Da kam der Sohn von der nachmittäglichen Schule nach Hause und unterbrach meine Schaffenskraft mit dem Begehren, ich solle seine Aufgaben kontrollieren – eine Herausforderung an die Anpassungsfähigkeit des Geistes!
Nach einer weiteren Stunde begann ich unruhig zu werden: da fehlte doch etwas? Richtig: wo blieb die Unterbrechung durch meine Tochter? Ein Blick auf ihren Stundenplan bestätigte meinen mütterlichen Instinkt. Sie hätte schon vor sechzig Minuten – trödelt sie noch: vor dreißig Minuten – im fürsorglichen Elternhause eintreffen müssen. Nur: sie war nicht da, wie ein Kontrollgang durch alle Räume (einschließlich Kohlenkeller) zeigte.
Angeregt durch vielseitige Medienwahrheiten versuchte ich das Problem einzukreisen: Mord, Kidnapping, Vergew… – oder spielte sie seelenruhig bei einer Schulkameradin?
Anrufe würden zu lange dauern und wurden von mir aus Kostengründen – 1500 Einwohner – auch abgelehnt. Ich wählte den schnellsten Weg, stürzte auf die Straße und fragte das Nachbarskind, ob es meine Tochter nach der Schule noch irgendwo gesehen habe.
«Jessica ist von der Schule nicht heimgekommen!», brüllte die Kleine den mit fragenden Blicken zufällig herumstehenden Frauen entgegen.
Wie eine Feuersbrunst breitete sich die Nachricht aus, schneller, als ich die Straße hinunterlaufen konnte, um im Schulhaus bei der Lehrerin nachzufragen. Ergebnislos.
Während ich wie ein aufgescheuchtes Huhn hinter jedem Strauch und neben jedem Haus nach verscharrten Beinen forschte, sahen mich die spalierstehenden Mitmenschen kämpferisch und mitleidig an. Offensichtlich durchzuckten die gleichen Gedanken ihre Köpfe.
In mir bäumte sich mein Mutterlöwenherz auf und suchte bereits die passende Rache für den Übeltäter. Kopf ab, vierteilen, in kochendem Wasser brühen, zu Hackfleisch machen – und dies nicht nur sinnbildlich gemeint.
Was konnte ich noch tun? Jeder Lehrer, Hauswart, Jogger und Handelsreisende war inzwischen über die schrecklichste aller Wahrheiten informiert. Polizei alarmieren – oder erst mein angetrautes Prachtstück? Aber das war diese Woche irgendwo auf einer Geschäftstour und – beinahe selbstverständlich – nicht zu erreichen…
Nachdem mein Gehirn alle Eventualitäten und Möglichkeiten erschöpfend abgehandelt hatte, klärte sich meine Verwirrung zu der Erleuchtung, dass heute Dienstag war – und Jessica jeden Dienstag, direkt nach der Schule, zu ihrer Ballet-Doppelstunde ging. -
Völlig ermattet, aber zufrieden so wehrhaft für das Wohl meines Kindes eingetreten zu sein, ließ ich mich auf den Schreibtischstuhl nieder und beantwortete alle tausend Anrufe der besorgten Dorfbewohner. Ihnen hatte ich ein markerschütterndes Erlebnis geliefert, welches den Grundstock für manches zukünftige Gespräch bilden konnte.
Ich hätte ihnen keinen größeren Dienst erweisen können! ■
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Geb 1954 in Berlin-Köpenick; Ausbildung zur Zahnarztgehilfin; Prosa – und Reportagen-Veröffentlichungen in Zeitschriften; Lebt als Massage- und Hypnose-Therapeutin in Widnau/CH
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Herbert Jost: Ein Theater-Fragment
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Hamlets Rückkehr
Dr. Herbert Jost
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Ein dunkler, leerer Raum, dessen Rückwand von
einem schweren, schwarzen Vorhang verdeckt wird.
Hamlet und Horatio von links
HAMLET
So bin ich also wieder da,
zurückgekehrt – woher? – wohin?
Nicht nach Helsingör, wie’s scheint,
das ich für alle Zeit verließ,
als meinen Leib die Erde deckte.
Und doch, es stimmt: ich bin zurück.
HORATIO
Und nun, mein Prinz?
HAMLET
Und nun, treuer Horatio,
will ich ein Weilchen bleiben.
Hier, denk ich,
ist es grad so gut,
wie an jedem andern Ort -
tausendmal besser
als unter der Linde,
wo die Familie beisammensitzt,
andere zerredet, die gleich uns
die ird’sche Welt schon lang verließen.
Ich sage dir, Horatio -
und bau dabei auf deine Freundschaft,
dass keinem du es hinterbringst -
heut weiß ich endlich, dass mein Kampf
verloren war, eh er begann.
Ich stritt einst für meinen Vater -
nein, nicht für ihn,
für seinen Geist und Seelenfrieden! -
ich schlug mich für Gerechtigkeit
und Sühne brüderlicher Untat,
für viele hehre Dinge.
Ach! Von hier besehen
war alles eitler Plunder!
Nun, da ich mit ihnen bin so viele Ewigkeiten,
kenn ich den Vater und den Oheim wohl genug,
um zu verstehn, wie sehr ich irrte:
keiner von denen, bester Freund,
ist gut oder auch schlecht genug,
dass es sich lohnt, dafür zu sterben.
HORATIO
Was grämt ihr Euch?
Ihr tatet doch nur recht,
nach bestem Wissen und Gewissen recht,
wieso Euch nun mit Zweifel plagen?
HAMLET
Verstehst du nicht, Horatio?
Mein Ende, es war ganz umsonst
und alles Leid, das ehedem geschah -
umsonst und ganz und gar vergebens.
Der Schmerz, den ich Ophelia brachte,
Ophelia, die ich liebte, und die
noch immer mich erfüllt mit unnennbarer Zärtlichkeit,
Laertes und die anderen alle,
die diese komische Tragödie fällte -
umsonst gingen sie hin,
ohne Nutzen war dies alles.
HORATIO
Ihr könnt nicht weiter trauern, Prinz.
Die Ewigkeit ist viel zu groß,
um sie in Schmerz zu baden.
HAMLET
Ja, du hast recht, Horatio.
Doch laß mich nun,
da mein Auge trocken bleibt,
noch diesen einen Augenblick
in Andacht hier verweilen.
Geh, guter Freund,
und laß mich jetzt allein.
Bald wird Ophelia hier erscheinen,
und noch bevor sie bei mir ist,
soll meine Wut verflogen sein.
HORATIO
Wie Euch beliebt, mein Prinz.
Ab nach rechts
HAMLET
Allein. – Allein?
Nein, sicher nicht.
Wohl kann man hier sehr einsam sein,
doch ganz alleine ist man nie.
Wie sehr sich doch die Sphären gleichen!
Der treue Horatio hat ja recht:
warum soll ich mich grämen?
Es liegt kein Sinn in dieser Qual,
kein Schaden zwar, doch auch kein Nutzen.
Oftmals denke ich zurück:
Wie Yoricks Schädel in der Hand ich hielt,
wie Ekel mich befiel bei dem Gedanken,
daß dies einst jener Yorick war, mein Yorick…
Nun seh ich selbst so aus da unten,
drüben – wo auch immer.
Und oft treff ich den guten Narr’n.
Er ist noch ganz der alte,
doch macht er keine Späße mehr.
In diesem weiten Paradies
ist jeder ein viel größ’rer Narr,
als Yorick jemals einer war.
Wozu dann seine Kunst verschwenden?
Bald wird Ophelia kommen.
Ophelia! Wie befreit ich war,
als ich sie endlich wiedertraf,
gesund an Geist und Seele.
Wahnsinn ist nicht für diese Welt.
So ist sie mir gerettet;
und auch, wenn sie so fleischlos ist,
wie alle anderen um uns her:
ich lieb sie mehr als je.
Ophelia erscheint von links
OPHELIA
Da bist du ja.
Doch ganz allein?
Warst du nicht mit Horatio?
HAMLET
Ich schickt’ ihn fort.
Er ist fürwahr ein guter Freund,
doch manches Mal sehr anstrengend.
OPHELIA
Anstrengend? Horatio,
der dich aus tiefster Seele liebt?
Wie soll ich das verstehen?
HAMLET
Empfindest du’s als leicht,
mit einem Freund zu reden,
der nicht versteht, wovon du sprichst?
OPHELIA
Dann also sprachst du ihm
von deinen Zweifeln, Hamlet?
du weißt, von allen, die hier sind,
wird keiner das verstehen.
Selbst ich weiß nur, was dich bewegt,
weil mein Herz mit dem deinen schlug.
HAMLET
Vielleicht muß es so sein,
dass ich zweifle, daß ich leide,
und der Tod mir bitter ist.
OPHELIA
Man könnte glauben, hört man dich,
wir wären nicht im Himmel.
HAMLET
Für euch mag es der Himmel sein,
den ich euch herzlich gönne,
für mich bleibt es ein Ort der Pein.
OPHELIA
Ein Ort der Pein?
Wär’ ich dann hier?
Hamlet schweigt
OPHELIA
Wir wollen auf die Sterne sehn
und all den Gram vergessen!
Der Vorhang im Hintergrund öffnet sich;
dahinter: ein sternenübersäter Himmel.
Kurzes Schweigen
OPHELIA
Weißt du, als ich ertrunken bin,
als mir die Sinne schwanden,
da sah ich Gott für kurze Zeit.
HAMLET
Auch ich sah ihn in dem Moment,
als, von Laertes gift’gem Streich gefällt,
ich meinen letzten Atem tat.
Er kam heran und sprach zu mir:
- Du hattest mich gerufen, Sohn,
nun sieh, ich bin gekommen. -
Ich sagte drauf: Ja, das ist wahr,
Hamlet hat Euch wohl gerufen,
als die Qual sein Herz zerriß.
Doch das ist lange her.
Und nun seid ihr gekommen.
Darauf verschwand er – einfach so.
Und nie kam er zurück. ■
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Geb. 1960 in Frankfurt/M, Ethnologie-Studium und Promotion in Marburg; fachwissenschaftliche, belletristische und zeichnerische Publikationen in Büchern, Zeitschriften und Anthologien, seit 1980 als Autor, Zeichner, Produzent, Regisseur und Darsteller freiberuflich tätig, lebt in Alsfeld/D
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Kurzprosa von Andreas Hutt
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Schwarze kommen nicht
Andreas Hutt
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Martin blickte nach draußen. Von den schweren Wolken des indischen Monsuns, die am Tag zuvor den Himmel verdunkelt hatten, war fast nichts mehr zu sehen. Nur eine einzelne schwarze Wolke stand noch wie eine Mahnung am Himmel, dass es mit der Idylle jederzeit vorbei sein könne. Schnell packte Martin ein Badetuch, Sonnenöl und einen Krimi in seine Jutetasche. Dann verließ er die Unterkunft und ging einen mit Steinplatten gepflasterten Weg entlang, an Palmen und eingeschossigen Häusern vorbei in Richtung Strand.
Nachdem er auf die Strandpromenade eingebogen war, sah Martin einen Touristen mit schulterlangem Haar, der einen blau gemusterten Wickelrock wie die Einheimischen trug. Der Mann schaute seltsam verklärt auf den Boden, blickte aber zu Martin auf, als der an ihm vorüberging. Martin musste wegen des Wickelrockes lachen und sagte «Hallo!» zu dem Unbekannten, der zuerst verwirrt, dann aber belustigt wirkte und den Gruß erwiderte. Dabei blitzten die Augen des Mannes auf.
Nach dem Frühstück legte sich Martin an den Strand. Der Fremde kam vorbei, erkannte ihn und hockte sich zu ihm hin. «Sieht so aus, als hättest du ’was für Genuss übrig», sagte er mit österreichischem Akzent.
«Klar, solange das Wetter noch so ist wie jetzt.»
«Ich bin übrigens Thomas.»
«Martin. Auch als Tourist hier?»
«Tourist?» Der Österreicher schüttelte den Kopf. «Das kann man so nicht sagen. Wir – also meine Frau, mein bester Freund und ich – wollen länger bleiben. Wir haben weiter oben am Hang ein Haus gemietet – für ein halbes Jahr und dann sehen wir weiter.» Während er redete, schweiften seine Augen immer wieder zum Strand ab und verweilten dort, als suche er etwas.
«Ihr seid also sozusagen Aussteiger!», meinte Martin.
«Na ja, Aussteiger ist zuviel gesagt», erwiderte Thomas. «Weißt du, wir kommen aus einer Kleinstadt in Kärnten. Wenn du da ein bisschen anders bist als die anderen, dann zerreißen sich die Leute das Maul über dich. Vor vier Monaten haben wir die Schnauze voll gehabt und sind abgehauen – mal sehen, wie lange es uns hier gefällt.»
«Wovon lebt ihr hier? Von euren Ersparnissen?»
Thomas verzog die Lippen zu einem maliziösen Lächeln. «Ich muss jetzt weiter. Ach ja, falls du Lust hast: Mein Kumpel und ich geben heute Abend eine Party. Du bist auch eingeladen! Wir können dich an der Strandpromenade abholen. Um acht Uhr am Leuchtturm?»
«O.k.», sagte Martin. Thomas erhob sich und setzte sich wieder in Bewegung. Als er schon einige Schritte gegangen war, wandte er sich noch einmal um: «Übrigens: Du brauchst keine Befürchtungen zu haben. Schwarze kommen nicht!» Er grinste. «Bis heute Abend!»
Martin starrte Thomas nach, bis dieser in der Ferne verschwunden war. Dann holte er seinen Krimi aus der Tasche, las den Klappentext, schlug das Buch aber nicht auf. Seine Gedanken kreisten noch immer um Thomas und seinen Satz: Schwarze kommen nicht.
Auch am Nachmittag zogen nur einige wenige Wolken über einen ansonsten lichtblauen Himmel. Martin ging nach einer Siesta erneut zum Meer, kramte seinen Krimi hervor und las. Als er von seiner Lektüre aufblickte, sah er, dass sich ein braungebrannter Mann mit schwarzem Haar neben ihn gelegt hatte.
Martin wollte schon zu lesen fortfahren, doch er schaute noch einmal zu seinem Nachbarn hinüber. «Heute Morgen ist mir was passiert», meinte er. «Ich bin einfach so von einem Wildfremden zu einer Party eingeladen worden.»
«Du auch?», lachte der Mann los. «Lass mich raten: Von Thomas und seinem Freund?»
Martin lächelte. «Sie scheinen halb Kovalam von ihrer Party erzählt zu haben.» Während er seinen Blick über den Strand wandern ließ, sah Martin in einiger Entfernung Thomas. Der Österreicher unterhielt sich gerade mit einem Pärchen, nickte, als er Martin erkannte, und setzte dann sein Gespräch fort – ohne später noch einmal bei ihm und seinem Nachbarn vorbeizuschauen.
Nachdem die Sonne untergegangen war, hatte fast jedes Lokal an der Strandpromenade seine Veranda mit einer Lichterkette beleuchtet. Die bunten Lampen vertrieben die Dunkelheit auf eine Art und Weise, die etwas Beruhigendes hatte. Martin genoss den Anblick auf einem Felsen, bevor er in einem Restaurant Platz nahm und eine Masala Dosa bestellte. Zufällig betrat auch Jochen das Lokal, den er vor einigen Tagen im Bus kennengelernt hatte. Jochen entdeckte Martin, winkte und setzte sich zu ihm an den Tisch.
Während des Essens bemerkte Jochen, dass er sich beeilen müsse, da er ja noch auf die Party wolle.
Martin war perplex: «Du bist auch eingeladen?»
«Du etwa auch?», fragte Jochen und kratzte sich am Kopf.
Als sie gegen acht am Leuchtturm standen, wehte vom Meer eine feuchtwarme, fischige Brise herüber. Martin steckte die Hände in die Hosentasche und betrachtete das Meer. «Irgendwie riecht hier alles verdorben?», dachte er sich.
Jochen nahm ihn beiseite: «Sag mal, hat Thomas auch so etwas zu dir gesagt, dass keine Schwarzen zur Party kämen?» Martin nickte und Jochen zog die Augenbrauen nach oben. Der Strandnachbar vom Nachmittag erschien und kurz darauf kam auch Thomas aus dem Dunkel der Nacht. Er trug noch immer den Wickelrock vom Vormittag und hatte sich zusätzlich ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift «Liberty» übergestreift. «Ah, schön, ihr habt euch schon miteinander bekannt gemacht», meinte er in seinem schwerfälligen, österreichischen Akzent. «Mir nach!»
Thomas ging allein vorneweg, die anderen folgten ihm. Zuerst ließen sie auf einem Weg, der zwischen zwei Restaurants entlangführte, die Strandpromenade mit ihren Lichtern hinter sich. Danach liefen sie weiter auf Schotterstraßen zwischen einzelnen Hotels, Pensionen und Privatunterkünften einen Berg hinauf. Kein Mensch begegnete ihnen. Dieser Teil des Ortes war wie ausgestorben. Nach einer Weile hörten sie Dancefloormusik. «Das sind wir», bemerkte Thomas. «Wir sind gleich da.»
Sie bogen auf einen Pfad ein, der sie zu einer Art Motel brachte. Vor den Apartments standen ein weißer Plastiktisch und Stühle, auf denen ein Mann und eine Frau saßen. Zwei Jungen spielten auf dem Sandplatz davor zu den Klängen von Scooter.
Die Frau erhob sich und ging auf die Gäste zu. Sie hatte ihr blondes Haar zu einem Zopf zusammengebunden. «I bin die Uschi», sagte sie. «Un des is der Manfred.» Der Mann stand auf, so dass man sehen konnte, wie groß und dünn er war, und schüttelte jedem der Gäste die Hand. Als Kontrast zu seinen Jeans und dem T-Shirt hatte er sich eine bestickte indische Kappe auf den Kopf gesetzt.
«Raucht ihr?», fragte Manfred, griff in seine Hemdtasche und holte Tabak, Blättchen und ein braunes Tütchen hervor. «Falls ihr etwas braucht, dann könnt ihr es von uns bekommen. Wir verkaufen das Zeug – auch tagsüber am Strand.»
Während Manfred seinen Joint baute, erzählte er seinen Gästen, dass er und sein Freund vor vier Monaten ihre Stellen gekündigt hatten, nach Bombay geflogen waren und dort jedem, der ihnen über den Weg gelaufen war, ein Foto von Kovalam unter die Nase gehalten hatten. «Dort wollen wir hin! War nicht leicht, das Dorf zu finden. Aber jetzt sind wir tatsächlich hier!»
«Sagt mal», meinte Jochen, «ladet ihr häufiger Leute vom Strand ein?» Er biss sich auf die Unterlippe. «Nicht, dass ihr mich jetzt falsch versteht…»
«Schon gut!», fiel ihm Manfred ins Wort. «Weißt du, unser Geschäft lebt von unseren Kontakten. Je mehr Leute uns kennen – je mehr Leute wissen, dass sie bei uns `was kriegen können, desto besser. Da laden wir gern `mal jemanden zu uns nach Hause ein, wenn der dann vielleicht bei uns kauft.»
Manfred befeuchtete das Blättchen. «Im Augenblick läuft alles bestens!», fügte er hinzu. «Wir können machen, was wir wollen. Das Geschäft brummt. Uns geht es gut!» Dann blickte er zur Seite und spuckte auf den Boden. «Das einzige, was nervt, sind die Schwarzen! Zum Glück haben wir nur ab und zu geschäftlich mit denen zu tun.»
Niemand erwiderte etwas, während Manfred die Arbeit an seinem Joint beendete. Martin nutzte die Gesprächspause, um sich das Motel näher anzusehen. Die Wände der Häuser waren rot und die Fenster mit weißen Läden verschlossen, was der Anlage eher ein skandinavisches als ein indisches Flair gab. Uschi sagte: «Ich auch!» und Manfred gab den Tabak, die Blättchen und das Marihuana an sie weiter.
Die Leere des Schweigens wurde durch die Musik übertönt. Dann ergriff Manfred erneut das Wort: «Möchtet ihr vielleicht einen Tee?» Ohne eine Antwort seiner Gäste abzuwarten, rief er: «Mira, wir haben Gäste. Mach uns einen Tee!» in die Nacht hinaus. Aus dem Schatten eines Hauses löste sich eine Frauengestalt. Sie verschwand in einem der Apartments, und obwohl Martin sie nur für einen Augenblick gesehen hatte, konnte er erkennen, dass es sich um eine Einheimische handelte.
«Meine Frau», erklärte Manfred, als er Martins fragenden Blick bemerkte, «wir sind seit zweieinhalb Monaten verheiratet.» Er zündete sich den Joint an und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
«Aha! Schwarze kommen also nicht!», sagte Martin, bevor er von seinem Platz aufstand und in der indischen Nacht verschwand. ■
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Geb. 1967 in Kassel/D, Lehramtsstudium (Mathematik und Deutsch), Lyrik- und Kurzprosa-Publikationen in Zeitschriften und Anthologien, verschiedene Theaterprojekte, Rezensionen für Literatur-Portale, lebt als Gymnasiallehrer in Marburg/D
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Peter Reutterer: «Siesta mit Magdalena»
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«In Wirklichkeit ist alles nur ein Traum»
Alexander Peer
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«Magdalenas Mann verabschiedet sich in den Nebenraum», heißt es im ersten Satz von Peter Reutterers als Novelle gekennzeichnetem Text «Siesta mit Magdalena». Nicht nur in den Nebenraum scheint dieser Mann zu verschwinden, sondern gleichsam aus dem Text und damit aus der Perspektive des Erzählers Beno, der hier in einer Art lyrischem Monolog die Beziehung zu Magdalena besingt, beklagt, bekundet.
Schon die Titelgebung folgt einem programmatischen Ansatz. Die Siesta als Zeit der Muße, des Zuruhekommens und als Zäsur des Tages steht metaphorisch für einen Erzählduktus, der zwischen Wiedergabe von Ereignissen und imaginierten Begegnungen steht. Gewissermaßen schafft die Erzählhaltung ein Bewusstsein, das als semipermeabel erscheint, als halbdurchlässig. Glaubt man in einem Absatz noch einem Bericht zu folgen, steigert sich im nächsten in oft elegisch gehaltenem Ton der Erzähler in einen Rausch.
Es fällt schwer, nicht Maria Magdalena zu assoziieren. Nicht allein um des Namens willen, sondern weil diese Beziehung, die sich bloß in einzelnen Brennpunkten zu manifestieren scheint und gewissermaßen als geheim vermittelt wird, etwas Unbeständiges ist. An einer Stelle ist der Bezug zur evangelischen Magdalena jedoch evident, wenn es heißt «Magdalena sei die Heiligste in der Gefolgschaft des Gottessohnes und gleichzeitig die Leibfrohste, Telefonsex würde dem lauteren Wesen Magdalenas widerstreben.» Bevor dem Text allerdings ein Etikett verabreicht wird, das ihm nicht gerecht wird, gilt es die Erzählanordnung zu loben.
Hier wird keine Kritik der christlichen Religion im rationalen Sinn unternommen, vielmehr entsteht aus der Notwendigkeit die Sehnsucht nach etwas über die weltliche Existenz Hinausweisenden jenseits abgegriffener Dogmatik artikuliert. Diese Notwendigkeit heißt Tod. «Kompromisslos still bleiben die Toten, auch wenn sie uns anwesen», heißt es einmal.
Bis zur Seite zwölf des Bandes sterben der Erzählung ihre praktisch noch gar nicht zu Gestalt gekommenen Protagonisten weg. Karlchen, Melisse, Onkel Ernst, dem «eben noch aus dem Mantel geholfen wird» und auf welchen schon das Leichentuch wartet, und schließlich vor allem der Bruder Karl, der Suizid begeht. Dieser Freitod schwebt über dem Geschehen, weil er einen Konflikt zwischen Erzähler und dem Vater festmacht. Ein Konflikt der nicht chronologisch aufgeschlüsselt wird, ja gar nicht aufgeschlüsselt werden darf, will das Motiv der Siesta, diesem pendelnden Zustand von Erinnerungsmomenten, akuten Befindlichkeiten und Verweisen auf Künftiges, konsequent umgesetzt werden. Es genügt, wenn der Erzähler den Vater skizziert, ihn als einen in der Zeit der Nationalsozialisten gesellschaftsfähig gemachten Mannes darstellt, dessen persönliche Wirklichkeit für alle zu gelten hat und der dem Sohn, dem Musiker und Tagträumer, «der sich im Bett gerne in Phantasmen verliegt», nur als fremd erscheinen kann, vor allem jedoch als unnahbar. Fast erleichternd ist eine ab und an auftretende Nüchternheit, wenn Beno bekennt: «Was wir auf Erden tun können: miteinander schlafen gehen.»
Ebenfalls konkret, jedoch meist abwesend ist die Beziehung des Erzählers zu seiner Frau Kathrin und seinen Söhnen. Sie gehören einem Alltag an, den der Erzähler eher absolviert als lebt, sich lassen und sich loslassen scheint ihm nur mit Magdalena möglich, eine Jugendliebe, die bis ins Seniorenheim zu währen hofft.

Tod und Liebe bestimmen die Brennpunkte von Peter Reutterers Novelle «Siesta mit Magdalena». Wo die körperliche Vereinigung über die Egozentrik der Bedürfnisbefriedigung hinausweist, scheint sie in einem höheren Sinn zu gelingen. Diese Bezugnahme auf eine befreiende Sexualität ist angenehm einfach und provoziert gleichzeitig.
An manchen Stellen muss gerechterweise festgehalten werden, ist der Pathos etwas dick aufgetragen und manche rhetorische Kniffe sind zu gesucht, vor allem eine Formulierung wie «ich lasse mich von einer Rolltreppe abtreiben» halte ich für missglückt.
Das soll aber die Leseempfehlung nicht schmälern: Peter Reutterer erzeugt eine stimmige Collage von verpassten Momenten, Vereinigungen und fast schon beklemmender Lust. Der Erzähler reichert seine Ausführungen mit einigen zitablen Befunden an, etwa wenn es wiederum programmatisch heißt, «wenn wir das Leben nicht wahrnehmen, nehmen wir uns das Leben». Während an anderer Stelle die Vernichtung des Lebens durch den Alltag kommentiert wird: «Später werde ich zwischen Leuten sitzen, die ihr eingerichtetes Haus als ihr Leben ansehen.» Weise fast eine Erkenntnis, dass eine Scheidung nach 25jähriger Ehe fast nur dazu führen könne, «die Lebenslage nur noch behandeln und nicht mehr gestalten zu können».
Gerade diese ernsten, jedem Menschen mit gravierendem Beziehungsverlust nachvollziehbaren Erfahrungen erzeugen in Kombination mit den Passagen von Klage und Erfüllung ein stimmiges Ganzes. Eine Erwartung jedoch muss der Rezensent enttäuschen: Dieses Buch liefert keine Wichsvorlage. Peter Reutterer ist es zu ernst mit der Allmacht der Sexualität, die über den Tod hinauszuweisen scheint. Er degradiert seine komplexen Protagonisten nicht zu hechelnden Statisten.
Denn Tod und Liebe bestimmen die Brennpunkte von Peter Reutterers Novelle. Wo die körperliche Vereinigung über die Egozentrik der Bedürfnisbefriedigung hinausweist, scheint sie in einem höheren Sinn zu gelingen. Diese Bezugnahme auf eine befreiende Sexualität ist angenehm einfach – und provoziert gleichzeitig. ■
Peter Reutterer, Siesta mit Magdalena, Novelle, Arovell Verlag, Seiten, ISBN 9783902547149
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Geb. 1971 in Salzburg/A, Studien der Germanistik, Philosophie und Publizistik, lebt als freier Autor und Journalist in Wien
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Erich Wolfgang Skwara: «Im freien Fall»
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Hundert Scherben eines schönen Spiegels
Christian Busch
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Schon im 19. Jahrhundert war der Roman – nach Stendhal – «un miroir», ein Spiegel und Abbild seiner Zeit, zugleich Zeugnis der Illusion, das Leben sei in seiner Totalität tatsächlich erfassbar. An diese Tradition knüpft auch Erich Skwaras Roman «Im freien Fall» an, auch wenn der Held – ursprünglich mal auf der Suche nach der Sinnfälligkeit des Lebens – längst das «Zeitalter transzendentaler Obdachlosigkeit» (Georg Lukács) durchschritten hat. Mehr und mehr ist dabei das vereinzelte und sich vereinzelnde Ich auf sich selbst zurückgeworfen, Zuflucht nur in einen grenzenlosen Subjektivismus findend, das Leben dabei ein unergründliches Rätsel, ein undankbares Puzzle, ein zersplitterter Spiegel, dessen Scherben zusammenzusetzen eine qualvolle Sisyphos-Arbeit bedeutete, die zu allem Überdruss auch noch nur sich selbst dient.
Spielmann heißt die Hauptfigur des Romans, bei deren Namensgebung Grillparzers Novelle «Der arme Spielmann» Pate gestanden hat. Ein junggebliebener Mittfünfziger, ein misanthropischer Menschenfreund, der seiner Frau Linda und seinen Töchtern in liebevoller Lieblosigkeit auch aus größter zeitlicher und räumlicher Distanz verbunden ist, der seiner mit der Erfindung von immer neuen künstlichen Bedürfnissen höchst zeitgemäß ausgerichteten Firma mit weiser, an Rousseau’scher Zivilisationskritik orientierter Skepsis gegenübersteht, und der als entwurzelter Weltbürger, der Kultur des Abendlandes verhaftet, in der Neuen Welt gestrandet ist: «Vor ihm erstreckte sich der Ozean. Der gehörte ihm allein, er wusste bestimmt, dass er ihn nicht mit anderen Menschen teilte. Niemand sah, was er sah. Das galt für alle Bilder, und diese Gewissheit war sein verlässlichster Besitz».
Diese Selbsterkenntnis ist Ausgangs- und Zielpunkt der Romanerzählung, die in zahlreichen, durchaus virtuos verknüpften Rückblenden Spielmanns Geschichte komponiert: die hundert Scherben des schönen Spiegels. Vor allem ist da das knabenhafte, leitmotivisch immer «bleiche» Mädchen mit der Botticelli-Aura, dessen Todesanzeige Spielmann bei der morgendlichen Zeitungslektüre sucht, und das ihn auf der gemeinsamen Reise zu den Wurzeln europäischer Kultur in eine heftige, erotische Liebesbeziehung gestürzt hatte. Die Parallele zu Walter Faber und Sabeth drängt sich auf, denn so wie Fabers technisches Welt- und Menschenbild zerbröckelt, so befindet sich auch Spielmann in einer Sinnkrise und auf der existentiellen Suche nach Wirklichkeit – eben «im freien Fall».
Um diesen roten Faden der Geschichte ranken sich verschiedene Episoden um die Freundschaft, die vollkommene Schönheit, den Tod und die wahrhaft – die Anspielung an Dantes Inferno ist überdeutlich – «höllische» Gewalt der Technik, etwa wenn er den Maschinenraum im Bauch eines Kreuzfahrtschiffs aufsucht. Geradezu anrührend erzählt ist der Besuch der Herz-Jesu-Statue in der englischen Kirche St. Peter and The Guardian Angels. Wenn sich Spielmann und sein bleiches Mädchen in gemeinsamem Gedenken an das mütterliche Leid über die im Großen Krieg verstorbenen Brüder Peter und Francis Dennien an den Händen halten, trifft Skwara die menschliche Gesellschaft an ihrem wundesten Punkt: der gnadenlosen Ausbeutung des Individuums durch staatliche Macht.
Doch vor allem reisen Spielmann und seine Liebesgespielin durch Europa auf den Spuren europäischer Kulturgeschichte, den Zentren der Antike und der Renaissance: Rom, Paris, Chartres, Chenonceaux, Vézelay, Brügge, Florenz. Trotz heftigster erotischen Aufladung stellt sich keine dauerhafte Bindung oder Beziehung ein: «Ich bin nicht auf deiner Höhe», schluchzt sie verzweifelt und stürzt – wie Gretchen – in den Wahn, die Liebe wird zum Verbrechen. Spielmann bleibt Einzelgänger – wie Faust – und zieht seiner bleichen, makellosen Schönheit die Fresken von Domenico Ghirlandaio vor. Damit schließt sich der Kreis. Spielmanns Spiegel ist zusammengesetzt, ein Prozess der Selbstfindung, der Selbstvergewisserung ist abgeschlossen, der Preis ist hoch, die Zerbrechlichkeit des Spiegels nur allzu spürbar, «gerettet» nur sein Selbstbild. Und wer sagt, dass Helden in der Moderne sympathisch sein müssen?
Kein Zweifel: Der 1948 in Salzburg geborene Erich Wolfgang Skwara, Literaturdozent, Reiseleiter und Schriftsteller, schöpft aus einem reichen Fundus an Bildung und Lebenserfahrung (die autobiographischen Züge des Romans sind unübersehbar), aus dem er eine facettenreiche Palette von gewichtigen Topoi und Themen kreiert und in die Waagschale wirft. Er versteht es auch – atmosphärisch dicht – Stimmungen zu entwerfen, die in ihrer Zeitlosigkeit von großer poetischer Ausdruckskraft sind, die magische Momente bis hin ins Unvergängliche verklären und nicht nur zu Beginn des Romans von großer suggestiver Kraft sind. So ist dem Autor ein äußerst lesenwerter Roman gelungen. Bei aller erlaubten Provokation, die Spielmann in seiner unendlichen Egozentrik, seinen sexuellen Phantasien und seiner parasitären Existenz auslöst, bleibt indes die Frage nach einer – auch für den Helden – menschlich erfüllteren Daseinsform. ■
Erich Wolfgang Skwara, Im freien Fall, Roman, 272 Seiten, Hoffmann und Campe Verlag, ISBN 978-3-455-40261-2
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Geb. 1968 in Düsseldorf/D, Studium der Germanistik, Romanistik und Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn, jahrelange Erfahrung in verschiedenen Chören, arbeitete als Lehrer in Frankreich, Südafrika und Deutschland, lebt derzeit in Teneriffa/SP
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Kurzprosa von Norbert Sternmut
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Die Auferstehung
Norbert Sternmut
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Plötzlich fiel ihm alles aus, wie das Licht der Welt. Gleichzeitig fiel ihm nichts Neues ein. Er spürte einen Schmerz, war sich aber nicht ganz sicher. Hatte er einen Schlag auf den Kopf bekommen? Was war geschehen, wenn etwas geschehen war? War etwas geschehen? Und wenn etwas geschehen war, wo und weshalb war es geschehen?
Er lag in einer Art Kiste, fühlte sich nicht ganz behaglich und spürte vielleicht einen Schmerz. Er tastete sich ab: einen Körper mit Beinen, Armen, einen üblichen menschlichen Körper. Er konnte sich entsinnen, dass der Körper in dieser Ausprägung für ihn üblich war, er selbst dieser Rasse angehörte. Etwas anderes wußte er nicht.
Er lag in einer Holzkiste, die allerdings keinen Deckel trug, denn nach oben war ihm die Sicht nicht versperrt. Er spürte keinen Luftzug, befand sich nicht auf freiem Gelände. Wo befand er sich? In einem Raum, doch war es ein Kellerraum, ein Wohnraum, oder die Zelle einer Haftanstalt? Es war ruhig, ganz ruhig. Niemand sprach, keuchte, sang. Kein Atem! Er war sicher alleine, alleine mit sich. Mit wem? Er überlegte, versuchte auf einen Namen zu kommen, einen eigenen Namen, seinen Namen. Walter, Wastel, Wenzel? Nichts!
Er tastete die Seitenwände der Kiste ab, bewegte den Kopf hin, her. Es ist sehr unangenehm, wenn einem alles ausfällt und nichts Neues dazukommt. Wastel? Der Name war ihm eine Art Begriff. Er mußte ihn schon einmal benutzt haben, doch fiel ihm der Zusammenhang nicht ein, weder Ort noch Zeit.
Welcher Tag wurde geschrieben, Mittwoch, Freitag? Er wußte es nicht. Wastel? Er sagte den Namen mehrmals vor sich hin, Wastel, Wastel, schien er doch etwas in Bewegung zu setzen, innerlich. Er bewegte die Beine, stemmte sich mit einiger Anstrengung ein paar Zentimeter in die Höhe, so dass er über die Kiste hinaussehen konnte. Es war ein feierlicher Raum, ein andächtiger, besinnlicher Raum. Ein ganzes Blumenmeer war um seine Kiste herum angelegt. Kerzen säumten sie, Kränze, Schleier, die mit Namen versehen waren. Er las alle. In stiller Trauer: Fritz. Wir nehmen Abschied: Familie Abendrot mit Silke und Herbert. Neben einigen Vereinen, die er nicht weiter kannte, war von weiteren Namen die Rede, doch trat kein Wastel auf. Es traten auf in dieser Reihenfolge: Ein Hans, ein Dieter, Reinhold, ein Klaus, ein anderer Herbert. Namen, die alle nichts in ihm bewegten. Oder nichts mehr? Wastel?!
Kruzifix nochmal, hörte er sich fluchen, dann fiel es ihm ein: Wastel. Er hatte gesagt: «Ich will Wastel heißen, wenn es einen Wonnebald gibt.»
Vielleicht war es um eine Wette gegangen. Jedenfalls wußte er nicht, zu wem er diesen Satz gesagt hatte, und in welchem Zusammenhang. Aber der Satz mußte gefallen sein. Er hatte ihn nun deutlich im Ohr. Ort und Zeit der Aussage ließen sich auch nicht festmachen. Immerhin waren die zwei Namen gefallen. Er wollte nach diesem Satz Wastel heißen, wenn es einen Wonnebald gäbe, doch wer konnte dieser Wonnebald sein, um den es hier ging? Er versuchte sich über den Zusammenhang klar zu werden.
Es ging um «einen Wonnebald» – nicht um «den Wonnebald». Es war also von nichts Bestimmtem die Rede, immerhin von etwas, das es vielleicht geben konnte und vielleicht nicht. Es ging wohl eher um einen sächlichen Zusammenhang, der mit dem Namen umschrieben wurde, vielleicht auch nur um die Vorstellung davon, die allein schon ungenau sein konnte. Keine genaue Umschreibung. Wie sollte er sich also an etwas erinnern können, was den Namen «Wonnebald» trug? Dieser eine Satz wurde gesagt, wurde von ihm gesagt, an etwas anderes konnte er sich nicht erinnern.
Er winkelte die Knie an, hielt sich mit den Händen an den Seitenwänden der Kiste fest und zog sich hoch. Er stand, was von einem leichten Schwindelgefühl begleitet wurde, aber er stand und konnte nun den Raum genau betrachten. Kein kleiner Raum. Neben seiner Kiste lag zunächst ein Deckel, der sicher für seine Kiste bestimmt war. Was aber wichtiger war: es befanden sich noch zehn weitere Kisten im Raume. Jede einzelne war ebenso wie seine eigene von Blumengebinden, Kränzen und Schleiern gesäumt, und auch hier war von einigen Namen die Rede. Er stand, konnte aber in keine der Kisten hineinsehen. Immerhin, soviel war jetzt klar: es handelte sich nicht um ein Wohnzimmer, denn für ein wohliges Wohnzimmer schien der Raum ungeeignet. Lag nicht auch ein etwas ungesunder, abgestandener Geruch in der Luft?
Er konnte sich nicht entsinnen, diesen Raum in dieser Weise eingerichtet zu haben, wußte auch nicht, wie er hierher gekommen war. Noch immer stand er kerzengerade in seiner Kiste, zog aber schon mal ein Knie etwas an. Es ging. Immerhin schien dies nicht selbstverständlich zu sein. Er hatte noch immer ein ungutes Gefühl, eine Art Schmerzempfinden, doch war er sich nicht sicher.
Wastel? Er sagte den Namen vor sich hin, begann sogar kurz zu pfeifen, hörte aber gleich wieder auf. Es half nichts. Er wollte seinen Namen erfahren und hatte nur diesen einen Satz: «Ich will Wastel heißen, wenn es einen Wonnebald gibt». Nun, der Satz konnte auch lauten: «Wenn es einen Wonnebald gibt, will ich Wastel heißen.» Er konnte auch dies gesagt haben, was seine Lage nicht grundsätzlich verändert hätte.
Er versuchte weiter an den Zusammenhang, vielleicht an den Inhalt heranzukommen, um sich auf diese Weise seinem Namen zu nähern. Er überlegte. Wollte er Wastel heißen auch ohne Bedingungen? Eigentlich nicht. Er fand, dass er freiwillig lieber einen anderen Namen tragen wollte. Wastel wollte er eigentlich als Namen ausschließen, konnte an ihm keinen Gefallen finden. Er ging davon aus, dass dies zur Zeit seiner Aussage ebenso war. Somit wollte er schon damals nicht Wastel heißen, heißt: um nicht Wastel heißen zu müssen, ging er davon aus, dass es «einen Wonnebald» nicht gibt. Im Grunde wollte er auf keinen Fall Wastel heißen und mußte sich seiner Sache also sicher gewesen sein, jener, die eine Existenz eines Wonnebalds ausschließt.
Er trat aus seiner Kiste. Er konnte gehen, das war gut. Dort war eine Tür, und er ging vorsichtig darauf zu. Noch immer spürte er ein Schwindelgefühl, aber er konnte gehen, immerhin. Die Tür war verschlossen. Es steckte kein Schlüssel. Es gab nicht einmal ein Schlüsselloch. Es mußte sich um eine spezielle Tür handeln. Wenigstens war er sich sicher, dass es eine Tür war. Es war aber nichts zu machen. Er hatte auch nicht gehofft, dass er einfach aus diesem Raum gehen könnte. Und wenn er selbst Wonnebald war? Die Frage schoß ihm durch den Kopf. Er überlegte. Dann hätte er damals sinngemäß gesagt: «Wenn es mich gibt, will ich Wastel heißen». Dabei hätte er erschwerend angenommen, dass es ihn überhaupt nicht gäbe. Obwohl es ihn aber nicht gäbe, wollte er Wastel heißen, wenn es ihn gegeben hätte, obwohl er dann eindeutig Wonnebald geheißen hätte. Da konnte etwas nicht stimmen. Gut, er hätte sagen können: «Wenn ich Wonnebald bin, will ich Wastel heißen». Oder: «Wenn ich Wastel bin, will ich Wonnebald heißen». Oder: «Wenn ich Wastel heiße, will ich Wonnebald sein». Oder: «Ich habe den Hund nicht erschossen». Aber so!?
Wenn er als Person oder sonst in einer Weise nicht präsent ist, nicht einmal im Ansatz erkennbar, dann kann er auch nicht Wastel heißen wollen.
Er wollte seinem Geisteszustand vertrauen und somit weder Wonnebald noch Wastel heißen. Oder doch? Wie gut kannte er sich selbst? Er kannte nicht einmal seinen Namen! Woher sollte er dann wissen, was er wollte?
Er ging an eine Kiste, nahm eine Kerze und leuchtete hinein. Ein weiterer Körper lag darin, bewegte sich aber nicht. Scheinbar noch ein Mensch, der ihm ziemlich blaß vorkam. Er wollte ihn mit seinem Namen ansprechen, doch er kannte weder den Menschen noch seinen Namen. Er neigte sich über ihn und sprach ihn mit einem «Hallo!» an. Nichts rührte sich. Er hob den blaßen Schädel etwas in die Höhe und ließ ihn auf das Kissen zurückplumpsen, mehrmals. Er rührte sich von selbst nicht.
In dieser Weise klapperte er alle zehn Kisten ab. Es war nichts zu machen.
Keiner wollte mehr seinen Namen wissen, geschweige denn nennen. Da ging auch er zu seiner Kiste zurück, stieg wieder hinein und wartete darauf, dass ihn jemand bei seinem Namen aufwecken würde. ■
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Norbert Sternmut (alias Norbert Schmid)
Geb. 1958 in Stuttgart, Abitur, Ausbildung zum Altenpfleger, Studium der Sozialpädagogik, seit 1993 innerhalb der Bildungsarbeit beim Bildungszentrum Stuttgart, zahlreiche Roman- und Lyrik-Publikationen, lebt in Ludwigsburg
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Kurzprosa von Jutta Miller-Waldner
Und Kutte lachte
Jutta Miller-Waldner
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Kutte plinkerte mit den Augen, klatschte mit der linken Hand eine Fliege fort, die sich auf sein rechtes Lid gesetzt hatte, verzog das Gesicht vor Schmerz, wälzte sich auf die andere Seite, fiel fast von der Parkbank, zuckte zusammen.
Kutte war wach.
Und Kutte hatte Hunger.
Er erhob sich ächzend, blieb eine Weile sitzen, den Rücken gebeugt, den Kopf tief zwischen den Schultern. Schließlich erhob er sich und faltete die FAZ-Sonntagsausgabe zusammen, die ihm als Unterlage und Kopfkissen und Zudecke gedient hatte, warf sie in den Abfallkorb.
«Heute muss ick mir wieda zwee Zeitungen orjanisiern. Muss ick wieda mit de S-Bahn fahren. Oder nee, besser is et mit die U-Bahn. Da lassen die Leute öfta mal ne TAZ liejen.»
Kutte las möglichst jeden Tag die TAZ. Das hatte er von früher beibehalten. Da war er eigen. Soviel Würde musste sein.
Er spritzte sich am Springbrunnen Wasser ins Gesicht, wischte den Schmutz von seinen Schuhen, seinen Jeans, zog den Kamm aus der linken Gesäßtasche, fuhr sich über die Haare, spuckte in die Hände und strich sie glatt, erblickte sein Gesicht im Wasser, guckte schnell wieder weg.
Sein Magen knurrte.
«Als erstet werd ick die Abfallkörbe abklappern. Am besten drüben beim Jymnasium. Wenn nich schon ein andrer dajewesen is. Aba die Jören schmeißen ja soville wech, da werd ick bestimmt noch wat finden. Filleicht ha ick ja Glück und find ne Stulle mit Katenrauchschinken.»
Kutte aß gerne Kartenrauchschinken. Am liebsten aß er Räucherlachs, aber welche Mutter gab seinem Kind schon ein Lachsbrot mit in die Schule.
Er schlurfte hinüber, wühlte. Nichts. «Mist», dachte er. «Det is nich mein Tach heute. Da steht man am besten jar nich erst uff. Aber denn kommen die Bullen un verjagen einen. Na jut, werd ick zur Realschule marschieren.»
Kuttes Magen knurrte lauter.
«Sei ruhich», befahl er. «Krichst ja jleich wat.»
Er wühlte. Fand zwei in Alufolie gewickelte Schrippen – «is doch meen Jlückstach heute» -, wühlte weiter, zog eine viertelvolle Einliterflasche Cola heraus, eine halbleere Dose Red Bull, ein Überraschungsei, eine Sonnenbrille, deren linkes Glas verschrammt war, drei Sammelbilder für das Fußball-EM-Album mit René Adler – «wieso denn der», schoss es ihm durch den Kopf -, Miroslav Klose und Bastian Schweinsteiger. «Na nu», wunderte er sich. «Wat schmeißen die denn sowat wech?!»
Kutte mochte Schweini.
Des Weiteren fand er eine Barbiepuppe mit nur einem Bein, warf sie angewidert zurück.
Fand eine Tarotkarte.
«Wat is ‘n det? So’n Quatsch», stellte er fest. Warf sie wieder in den Abfallkorb.
Er steckte das eine Brötchen in die Jackentasche – «Wer weeß, wenn ick wieda wat finde» -, wickelte das andere aus, knüllte die Alufolie zusammen, warf sie zur Tarotkarte. Klappte das Brötchen auf, begutachtete die Jagdwurstscheibe, roch daran. «Na ja, jeht ooch» -, klappte es zu, biss hinein, schlurfte weiter.
Schlurfte zurück, griff in den Abfallkorb, holte die Tarotkarte heraus. Starrte sie an, steckte sie in die Hosentasche, wanderte zu seiner Parkbank. Aß seine Schrippe auf, schlenderte zum Springbrunnen, wusch sich die Hände, setzte die Sonnenbrille mit dem zerkratzten linken Glas auf, marschierte zurück, setzte sich, schlug das rechte Bein über das linke, zog die Tarotkarte aus der Hosentasche, betrachtete sie, die blauen Kugeln, die geschweiften Linien, die Ketten, die Frau, die das Schwert mit beiden Händen hielt …
«Uff wat für Einfälle die Leute kommen», wunderte er sich. «Wer kooft denn sowat? Und wozu?»
Er las die Zahl, die da in römischen Ziffern geschrieben stand, las das Wort am unteren Rand: Ausgleichung.
«Ausgleichung. Kenn ick nich. Ha ick ja noch nie jehört. Det jibt Jleichungen, Jleichberechtigung haha, Anjleichung, Ausjleich, Jleichheit, na ja, Jleichjüligkeit. Die kenn wa zu jenüje.»
Kutte saß auf seiner Parkbank, er rutschte hin und her, starrte auf die Karte, stand auf, setzte sich wieder, starrte auf die Karte, schaute hinüber zum Springbrunnen, auf die Karte in seiner Hand. Sah die neunundneunzig Luftballons, die in der Fontäne tanzten – hellblaue, babyblaue, südseehimmelblaue, blau wie Vergissmeinnicht, Gletschereis, Saphire, gestreift, gepunktet, kariert -, ging hinüber, ergriff die Strippe eines weißblauen, hob ab und schwebte. Er schwebte über das ICC, den Funkturm, über Fürstenfeldbruck und New York, die Wüste Gobi und den Angelfall, über den Atlantischen Ozean, über Vulkane und Eis, und er schwebte, und der Mond war sein Kumpel und die Sonne seine Braut, und die Planeten spielten um ihn her Ringelreihen, er kickte einen Satelliten gegen die Venus und schrie «Toooor», und rief zur ISS ein «Nasdarowje» hinüber; er spazierte mittenmang auf der Milchstraße, die Strippe des Luftballons fest in seiner rechten Hand, und sah die Galaxien Walzer tanzen, die Quasare Rock ‘n Roll, er fuhr auf einem Kometen Achterbahn und rodelte mit einer Sternschnuppe zurück zu Erde. -
Kutte plinkerte mit den Augen, klatschte mit der linken Hand eine Fliege fort, die sich auf sein rechtes Lid gesetzt hatte, verzog das Gesicht vor Schmerz, wälzte sich auf die andere Seite, fiel fast von der Parkbank, zuckte zusammen, erhob sich ächzend und starrte auf seine rechte Hand.
Und Kutte lachte. ■
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Geb. 1942 in Berlin, zahlreiche Lyrik- und Kurzprosa-Publikationen in Zeitschriften und Anthologien, Lesungen in Deutschland, Spanien, Österreich und Ungarn, verschiedene literarische Würdigungen, Vorsitzende der IGdA, lebt als Autorin, Lektorin und Chefredakteurin von «IGdA-aktuell: Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik» in Berlin
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Satire von Ernst-Edmund Keil
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Milch und Blut
Ernst-Edmund Keil
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Stadtrandsiedlung der Bayerisch-Königlichen Metropole. Im Postamt auf der Rückseite des Balkan-Grills, wo er sich an den Schalter stellt, in eine Schlange, nachdem er zu Hause, hoch im Norden und also für ihn unerreichbar, sein Telefonbüchlein hatte liegen lassen, vergesslicherweise, die begehrte Nummer auch hier, am Ständer, nirgendwo entdecken konnte, denn der war vielfach freistaatlich besetzt und hatte keinen Raum mehr für den Rest der Republik.
Also schlängelt er sich geduldig, hoffnungsvoll an den Schalter heran. Vor ihm ein Mann in einer «Lederhosen» mit Gamsbart und bajuwarischem Äußeren. Wer sagt’s denn! Gestern war er noch in der Innenstadt gewesen, hin mit S und retour mit U, und hatte den Eindruck gewonnen, die Römer seien als Sieger an den Limes zurückgekehrt und hätten die Bajuwaren endgültig zu einem museal-archäologischen Thema deklariert. Dem, denkt er, ist also nicht ganz so oder so ganz. Im Gegenteil. Nachdem der Lederbehoste postalisch bedient war, erscheint jetzt vor ihm im offenen Schalteroval, nicht anders als in einer frühromanischen Mandorla, ein Gesichtchen, ein weibliches, aus Milch und Blut, das ihn an altbayerische Frömmigkeit erinnert – auch sie, denkt er, gibt es also noch -, und das richtet nun mit Madonnenblick und autochthonem Zungenschlag die frühchristlichen Augen auf bzw. gegen ihn, dass er geradezu ins Stottern gerät.
Auf dem Ständer, versucht er ihr missverständlich klarzumachen, habe er eine Nummer begehrt leider völlig vergeblich, worauf sie mit verschämter Unschuld (oder Neugier?) ihre mandelbraunen Madonnenaugen niederschlägt. Ja, und ob sie ihm vielleicht, hinter dem Schalter, seine Nummer geben könne – nein? – oder doch sein Buch, und nennt schließlich die Stadt, die er sucht und die hoch im Norden seines Vaterlandes liegt. Worauf sie, durchatmend, aufsieht, mit dem Engelsköpfchen nickt und, nachdem sie ihn versöhnlich um Geduld gebeten, aus seinem Gesichtskreis verschwindet, oder sollte er besser sagen: entschwebt? Wohin wohl und hoffentlich nicht für immer?
Doch kehrt sie nach einem Weilchen, leis’ und mit leerer Hand, zurück, das holde Haupt diesmal in der Horizontalen bewegend, mit christlichem Bedauern. Sie habe nur bayerische Bücher, und die Stadt, die er suche, liege augenscheinlich nicht im Freistaat, sondern außerhalb. Das Ausland aber, bittschön, würd’ er nur finden auf der Hauptpost, in Mosach, wissen s, da herunten bei der U-Bahn. Und bescheidet ihn, hold lächelnd wie der Isarhimmel, mit einem seligen «Grüß Gott!» Er verspricht, als Glaubensbruder, ihn zu grüßen, obwohl er, wegen der Nummer, diese Bayernpost im Herzen tief zum Teufel wünscht.
Draußen ist es, obgleich erst Anfang Juni, heiß wie in Afrika. An der Ecke steht ein Araber mit einem Obststand unter freiem Sommerhimmel und preist singend seine Früchte an. Er kauft ein Schälchen, das kostet so viel oder so wenig wie in seiner 600 Kilometer entfernten Heimatstadt am Rhein. Auf dem Preisschildchen ist – nicht bajuwarisch, nicht semitisch. sondern lutherisch-national – zu lesen: «Deutsche Erdbeeren». Na, wer sagt’s denn! Das reißt die Grenzen, die diese bayerische Madonna ihm lieblich-streng gezogen, hernieder bis auf den mütterlichen Grund und lässt ihn, als Staats- und Bundesbürger, wieder freier atmen. Oh einig-süßes Vaterland, denkt er, wie lieb ich dich, und schiebt mit diesen Worten sich eine dicke, deutsche Erdbeere ungewaschen in den Mund. ■
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Geb. 1938 in Duisburg-Huckingen/D, Studium der Germanistik und Anglistik in Bonn, Studienassessor in Oberhausen&Mülheim, anschließend Professur für Deutsche Literatur a. d. Universität Valencia/ESP; zahlreiche belletristische, lyrische, theatralische und essayistische Buch-Publikationen sowie herausgeberische Tätigkeit, Träger verschiedener Literaturpreise, lebt in Sinzig-BadBodendorf/D
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Satire von Georg Schwikart
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Dichtersorgen
Georg Schwikart
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Es ist doch immer das Gleiche. Wenn ich in der Badewanne sitze, kommen mir die besten Gedanken für einen Roman. In der U-Bahn liegen mir die zartesten Gedichte auf der Zunge. Hundemüde im Bett ruhend, schreibt mein Geist spritzige Kurzgeschichten. Ich könnte die Reihe beliebig fortsetzen. So fällt mir beim Spülen ein, dass man zu bestimmten Sachverhalten unbedingt Untersuchungen anstellen müsste, oder in ein interessantes Gespräch vertieft, überfällt mich die lang gesuchte, treffende Formulierung für einen Essay.
Auf den Punkt gebracht lautet also die Grundregel: Immer genau dann, wenn weder Papier noch Schreibgerät zur Hand sind, immer genau dann küsst mich die Muse.
Habe ich aber voller Tatendrang an meinem Schreibtisch Platz genommen, um die Welt mit meinen geistigen Ergüssen zu beglücken, dann ist mir, als beherrschte ich nicht einmal das Schreiben. Mit den nun reichlich vorhandenen Füllern, Bleistiften und Kugelschreibern traktiere ich abwechselnd stapelweise Papier. Ich kritzle und male, schreibe das eine oder andere Wort, streiche es wieder durch – leer, das Papier bleibt leer. Weil der Kopf leer ist. Nichts, gar nichts will mir gelingen.
Nun, ich will mich inspirieren, schaue zum Fenster raus. Es ist schmutzig. Schnell blicke ich wieder aufs Papier. Es ist leer.
Ich gieße die Blumen, die Ärmsten waren schon ganz vertrocknet. Ich begebe mich zurück zum Schreibtisch, dieser Folterstätte. Ich male einen Kreis auf das Blatt. Einen Punkt in die Mitte. Ich zerknülle das Blatt und werfe es weg.
Einen Kaffee trinke ich, esse ein paar Plätzchen. Mir geht es schon viel besser. Meinen Schreibtisch mag ich nicht mehr ansehen. Ich setze mich zwar hin, doch eigentlich ignoriere ich dieses Möbel. Auch den Stift in meiner Hand verachte ich, ebenso die eigenartige Wortkonstellation, die er gerade zu Papier gebracht hat. Ich bin dafür verantwortlich.
Ich lese. Erst eine Zeitung, dann in einem Buch. Durst habe ich, ach nein, Kaffee habe ich gerade erst getrunken. Die Blumen sind auch schon gegossen, schade.
Ich betrachte meinen Schreibtisch und tue so, als ginge ich zum ersten Male zu ihm. Hallo, alter Junge, begrüße ich ihn. Doch er mag mich nicht. Er bleibt stumm, wie mein Stift und das Papier. Ich hasse Papier.
Ich gehe zu Bett, gestresst, müde, depressiv, zerfallen mit Gott und der Welt. Meine geschwächten Glieder genießen das ruhige Liegen auf der Matratze.
Da, als ich gerade froh bin, dass dieser grausame Tag ein Ende gefunden hat – mir fallen die Augen zu, ich weiß nicht mehr, in welcher Lage ich mich befinde -, da kommen sie: Einfälle über Einfälle.
Ich bin über mich selbst begeistert. Phantastisch! Gelungen! Ich schlafe ein.
Aus mir hätte ein großer Schriftsteller werden können. Sei’s drum. ■
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Geb. 1964 in Düsseldorf, Studium der Religionswissenschaft, Theologie und Volkskunde, Promotion; zahlreiche belletristische und essayistische Veröffentlichungen für Erwachsene und Kinder in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien, verschiedene Beiträge für Radio und Fernsehen, Leiter von Literarischen Werkstätten, lebt als freier Schriftsteller und Publizist in St. Augustin/BRD
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Kurzprosa von Christa Degen
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Isla de Los Lobos
Christa Degen
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Ein bleigrauer Morgen. Ich suche einen Parkplatz auf dem riesigen Bürogelände, stelle meinen Firmenwagen ab, eile an all den Menschen vorbei, die pflichtbewußt zur Arbeit schreiten, grüße aus der Ferne bekannte Gesichter und verliere für Sekundenbruchteile das Bewußtsein.
Wo bin ich? Ach so, ja. Auf dem Weg zum Flughafen, in den Urlaub. Und das hier ist meine Firma. Nein, Ex-Firma - und das meine Ex-Kollegen, die ich gerade gegrüßt habe. Alles wirkt so unwirklich wie ein Film, den ich nur noch aus den Augenwinkeln wahrnehme, während ich mich schon etwas anderem zuwende. Die Verbindung zu diesen Bürogebäuden, der Firma, den Menschen, mit denen ich fünf Jahre zusammengearbeitet habe, ist nicht mehr. Auf einen Schlag, mit meiner Unterschrift unter die Kündigung, sind alle Fäden durchgeschnitten. Schwerelos und ohne Verankerung eile ich zur U-Bahn.
Am Flughafen Tegel herrscht morgens um halb zehn Hochbetrieb. In der Mitte der langen Schlange vor Schalter 12 wartet Eva schon, begrüßt mich mit ihrem warmen Lächeln. Sie sieht müde aus. Ihr linkes Auge hinter der Brille ist entzündet, ihre Haare erscheinen mir grauer als sonst. Wahrscheinlich sehe ich so ähnlich aus.
Sie lächelt tapfer in mein sorgenvolles Gesicht: «Das wird schon wieder. Einfach mal zwei Tage durchschlafen, dann bin ich wieder fit».
«Nur Sonne und Nichtstun. Das wird uns gut tun», kalauere ich.
Der Rest der Schlange ist schnell abgefertigt. Wir geben unser Gepäck ab, bekommen unsere Bordkarten und laufen durch den langen, kreisförmigen Gang. Rauchend und Kaffee trinkend sitzen wir an einem der Bistro-Tischchen in der Vorhalle. Ich erzähle, daß ich seit einer Woche arbeitslos bin.
«Ja, das kam überraschend. Ich habe die Kündigung akzeptiert, weil ich die Zusage für einen neuen Job hatte. Aber dann wurde sie plötzlich zurückgenommen… Mal sehen, was jetzt kommt. Vielleicht habe ich es so gewollt. Ein Sabbatjahr, eine Auszeit, die Karten neu mischen.»
Eva sieht mich mitleidig an, nicht überzeugt von meinem Optimismus. Das wird mir jetzt noch öfter so gehen. Ich werde mir Worte, glaubhafte Sätze für meine Situation zurechtlegen müssen, damit ich Fragen wie: «Was treibst du so? Was machen Sie beruflich?» schnell und problemlos beantworten kann.
Im Flugzeug überlässt mir Eva großzügig den Fensterplatz. Wir bekommen zu essen, trinken Sekt und stoßen auf unseren Urlaub an, während der Flugkapitän die Route auf Sächsisch erläutert: «Zürich – Lyon – die Pyrenäen – Gibraltar – Cassablanca – Agadir…» Ich lehne mich zurück. Endlich alles hinter mir lassen. Das ganze letzte Jahr, den Terror in der Firma, das «Stahlbad kollektiven Männermobbings», wie es eine «Spiegel»-Redakteurin nennt, die rigiden Verhaltensregeln im Vertrieb. Von Ferne höre ich die Sicherheitserläuterungen der Stewardess: «Sauerstoffmaske über Ihnen, Schwimmweste unter Ihrem Sitz.»
Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich durch die Fensterluke die Meerenge von Gibraltar. Tiefblaues Meer, steif wie ein Brett, Schiffchen, die im Zeitlupentempo ihre zarten Spuren ziehen. Dann die riesigen, khakibraunen Gebirgsketten des Hohen Atlas, und wieder Meer, endloses Meer…
Plötzlich redet jemand aufgeregt auf mich ein: «Sauerstoffmaske, Schwimmweste!» Eva zieht heftig an den Schnüren ihrer orangeroten Plastikweste.
«Was ist denn los?»
«Keine Ahnung. Sie sagen, nur eine Vorsichtsmaßnahme.»
Ein Knall betäubt mein Trommelfell, ein ungeheurer Druck schleudert mich gegen etwas Hartes, ich sehe Flammen, und falle in ein schwarzes Loch. Dann ist es kalt, eiskalt. -
Als ich wieder zu mir komme, treibe ich allein in einer blauen Weite. Ich sehe mich um. Das Meer. Ich scheine zu leben. Meine Glieder hängen wie leblos im Wasser. Ich hebe den rechten Arm. Er lässt sich trotz des schweren, naßen Kostümstoffes bewegen. Auch der andere Arm rührt sich. Meine Zähne klappern. Die aufgeblasene Schwimmweste ist fest um meine Brust gezurrt. Ich muss die schweren Kleiderfetzen loswerden, sonst kann ich nicht schwimmen. Der linke, zerissene Ärmel hängt nur noch an ein paar Fäden und lässt sich leicht lösen. Oh, mein Gott! Was mache ich eigentlich? Wohin will ich denn schwimmen? Weit und breit ist nichts zu sehen. Ich treibe wie ein winziger Kork im Ozean.
Werde ich je irgendwo landen, bevor ich vor Kälte, Durst, Hunger…? Ich schließe die Augen. Es hat keinen Zweck. Ich kann auch gleich auf das Ende warten. Meine Tochter fällt mir ein, mein Ex-Mann, den ich immer noch liebe.
Da bewegt sich ein braunes Etwas am Rand meiner Netzhaut. Eine Fata Morgana? Ein großer Fisch? Es wird größer, scheint auf mich zuzusteuern. Ein Boot? Mein Herz hämmert in meinem erstarrten Körper. Ich erkenne Ruder. Rettung? Kann man mich denn sehen?
Ich reiße den anderen Ärmelfetzen ab und versuche das triefende Ding in die Höhe zu halten. Aber mein Arm sinkt kraftlos ins Wasser zurück. Ich will rufen. Aber aus meiner Kehle kommt nur ein Keuchen, meine Stimme gehorcht mir nicht mehr. Ich kann nur abwarten. Noch nie bin ich dem Schicksalsengel so direkt gegenübergestanden. Was hat er oder sie mit mir vor? Ich spüre nur noch einen Wunsch: Dieser unendlichen Verlassenheit, diesem vernichtenden Gefühl von Winzigkeit zu entkommen.
Das Boot wird größer. Jetzt erkenne ich eine Gestalt, die mit kräftigen Schlägen in meine Richtung rudert.
«Hola?»
Eine Männerstimme schallt über das Meer. Wo bin ich? Ist das Spanisch oder Arabisch?
«Hola, hola!» Meine Stimme funktioniert wieder. Ich schreie vor Freude, kann gar nicht mehr aufhören:
«Hola, Ola, Ola…»
Ein Lachen quillt aus meiner vereisten Brust. Habe ich den Verstand verloren? Das Boot ist jetzt fast in Reichweite. Ich paddle darauf zu.
«Venga, venga!»
Ein dunkelhäutiger Mann beugt sich über den Bootsrand und streckt mir die Hand entgegen. Als ich sie ergreifen will, fühle ich mich schwer wie ein Mühlstein.
«Dé me una mano!»
Er deutet mit dem Kinn auf meine andere Hand und zerrt mich aller Kraft über den Bootsrand. Ich plumpse auf den Holzboden und bleibe liegen wie ein Fisch, der aus seinem Element gezogen wurde und in seinen letzten Zuckungen liegt. Der Mann legt eine Art Burnus um mich, kramt eine Flasche hervor und hält sie mir an den Mund.
«Beba!»
Mein Gehirn gibt mir den Befehl zuzugreifen. Aber mein Arm bewegt sich nicht. Hilflos blicke ihn an. In seinen dunklen Augen blitzt es auf. Er schiebt einen Arm unter meinen Nacken, richtet mich auf und hält mir die Flasche an die Lippen. Frisches, klares, salzloses Wasser rinnt in meine Kehle. Als die Flasche leer ist, schenke ich ihm mit meinen rissigen Lippen ein mühsames Lächeln und sinke zurück auf den Boden. Beim Wegdämmern spüre ich, wie er mir die naßkalten Kleiderreste vom Leib schält. Die Berührung seiner Hände verwandelt meine körnige Fischhaut wieder in glattes Fleisch. Ich atme, lebe, habe überlebt. Eingehüllt in seinen Umhang aus Ziegenhaar schlafe ich ein.
Als ich wieder aufwache, sehe ich einen Oberschenkel. Meine Augen folgen seinen muskulösen Linien, den in der Sonne schimmernden Härchen auf der braunen Haut. Der Mann spürt meinen Blick, dreht sich um, sieht meine vergrößerten Pupillen und lächelt. Ich lasse den Umhang von meinen Schultern gleiten. Er legt die Ruder auf die Bootsplanken und streckt mir die Arme entgegen. Boot und Meer schaukeln in einem gleichmäßigem Rhythmus. Wind über unseren Körpern. Wir sind Teil der Elemente, Sonne, Wasser und… Ist Liebe ein Element?
Wieder eingehüllt in den Ziegenumhang sehe ich Guancho (ich habe ihm einen Namen gegeben) zu, der jetzt ein Ziel ansteuert.
«Isla de Los Lobos.»
Er zeigt nach vorn.
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«Die Insel sieht aus wie eine Mondlandschaft. Schwarzbraune Berge, deren gezackte Hänge nur aus Steinen bestehen. Das Licht auf dem Geröll wirkt überklar wie unter Wasser. Davor goldgelbe Dünen, die in hellgrüne Wellen übergehen.»
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Die Insel sieht aus wie eine Mondlandschaft. Schwarzbraune Berge, deren gezackte Hänge nur aus Steinen bestehen. Das Licht auf dem Geröll wirkt überklar wie unter Wasser. Davor goldgelbe Dünen, die in hellgrüne Wellen übergehen. Im Innern der Insel Palmen und ein paar weiße Würfel, deren Mauern vor dem tiefblauen Himmel vibrieren, als schwebten sie im milchigen Licht.
Guancho steuert das Boot an den Strand. Wir waten durch kniehohes Wasser in Richtung Oase. Ich ziehe den Umhang fester um mich, als wir das kühle Dunkel eines Hauses betreten, erkenne Holztische, Männer, die herumsitzen. Guancho schiebt mich in den hinteren Teil des Raumes und bedeutet mir, Platz zu nehmen. Er streift flüchtig mit der Hand meine Wange und verschwindet hinter einer Tür. Die Männer starren mich an.
Nach einer Weile kommt eine Frau mit einem Teller und einem Glas Wasser.
«Sopa de Marisco. Coma!»
Gierig löffle ich die dampfende Fischsuppe, schlürfe das Muschelfleisch, nage an den Krabbenbeinen. Meine letzte Mahlzeit war in einem andern Zeitalter.
Als ich das Glas Wasser hinunterkippe, setzt sie sich zu mir:
«El barco a Fuerteventura viene dentro de poco.»
Ich verstehe. Das Schiff nach Fuerteventura. Ich sehe mich um. Der niedrige Raum ist leer geworden. Guancho ist verschwunden und die Männer sind zur Arbeit gegangen. Die Frau nickt mir aufmunternd zu und geht hinter einem bunten Tuch ins Freie. Ich folge ihr. Blind von dem strahlenden Licht lehne ich mich an die Hauswand, schließe die Augen.
Als ich sie wieder öffne, ist kein Mensch mehr zu sehen. Ich laufe in Richtung Strand. Zu meiner Rechten und Linken die Wüste, vor mir das grüne Meer, das am Horizont mit dem Blau des Himmel verschmilzt. Durchsichtige Wellen umspielen meine nackten Füße.
Nein, nein, nein. Ich will nicht mit dem Schiff zurück in die Zivilisation! Das Meer hat mich geschluckt und wieder ausgespuckt, Wind und Liebe mich gewärmt und getrocknet. Meine Fußspuren verlieren sich im Sand.
«Puerto del Rosario!»
Eva lächelt mich an: «Wir sind da.» ■
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Geb. 1951 in Karlsruhe, Studium der Germanistik und des Creative Writing; langjährige Tätigkeit als Lehrerin und im EDV-Vertrieb, Kurzprosa in Zeitungen und Anthologien, arbeitet heute als freie Autorin und Anleiterin literarischer Schreibwerkstätten in Tübingen, Berlin und Italien
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Alexander Peer










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