Helena Marten: «Die Kaffeemeisterin»
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Eine unmögliche Liebe
Isabelle Klein
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Ein ansprechend gestaltetes Cover und der verheißungsvolle Titel «Die Kaffeemeisterin» ließen mich beim Stöbern in der Buchhandlung aufmerksam werden. – Frankfurt 1732: Nach dem Tod ihres Mannes hat es die junge Johanna Berger nicht leicht das Kaffehaus «Coffeemühle» erfolgreich weiterzuführen, machen ihr doch allerlei Intrigen und Misstrauen gegenüber dem «teuflischen Getränk» Kaffee, das «süchtig macht», das Leben schwer. Doch die gewitzte Johanna lässt sich nicht unterkriegen, hat sie es doch Adam auf dem Totenbett versprochen. So mausert sie sich zu einer fähigen Geschäftsfrau, die Frankfurts ersten Damensalon aufmacht. Denn: warum soll der verführerische Genuss Frauen verwehrt bleiben?! Doch am Tag der Eröffnung schlägt Intimfeind Hoffmann erneut zu, es kommt zum Eklat. Die «Bergerin» steht unvermittelt vor dem Nichts. Es beginnt eine abenteuerliche Reise, die sie über Venedig schließlich bis ins exotische Istanbul, in den Harem des Sultans führt. Zurück lässt Johanna allerding ihre zwei Stiefkinder und auch ihre knospende Bekanntschaft mit dem jüdischen Musiker Gabriel Stern, der ihre große, aber unerfüllbare Liebe zu werden scheint …
Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich, nach der «Porzellanmalerin», um das zweite Werk des Autorenduos Helena Marten. Gemäß Verlagsangaben besteht dies aus Autorinnen, die beide in der Verlagsbranche arbeiten. Eines ist dieser Roman sicherlich: eine unterhaltsame Lektüre, gepaart mit einer problematischen Liebesgeschichte, vor historischer Kulisse mit exotischen Schauplätzen. Er liest sich leicht, die Sprache ist sehr eingängig und einfach, bildhaft, teils auch banal (mit sehr vielen Ausrufesätzen). Da wird beispielsweise geplumpst, geschmissen oder losgelegt. Oder schon mal der Schwester des Sultans das Wort «Hallo» in den Mund gelegt. Wer drückte sich zur damaligen Zeit wohl so aus?! Von vgaloppierenden Hunden» ganz zu schweigen…
Sollte ein historischer Roman nicht mehr aufweisen?! Nämlich einen gewissen «Mehrwert» – ich möchte Neues erfahren. Doch außer rudimentären Kenntnissen über die Kaffeezubereitung wird hier nichts geboten. Zudem möchte ich in die Geschichte hineingezogen, an Schauplätze versetzt werden, die dicht beschrieben sind. Stattdessen ist Lokalkolorit Mangelware: Johannas Venedig wird zwar bildhaft beschrieben, doch nicht atmosphärisch ausgearbeitet. Auch Istanbul bleibt bloßer Handlungshintergrund für einen kurzen Ausflug in den Harem. Diesbezüglich hat das Autorenduo jede Menge Potenzial verschenkt: Johanna hastet innerhalb nicht einmal eines Jahres (und 100 Seiten) von Frankfurt über Venedig nach Istanbul und via Neapel wieder zurück. Wie glaubhaft ist es solches anno 1733? Eine anstrengende Reise innerhalb dieser Zeitspanne zu bewältigen, nebenbei noch zur Kaffeemeisterin des Sultans aufzusteigen und zwei neue Sprachen zu erlernen?

Schlecht ist Helena Martens neuer Roman «Die Kaffeemeisterin» keineswegs. Nur leider historisch sehr schwammig bis fragwürdig. Ein Historischer Roman sollte vor allem authentisch und korrekt sein. Ich bevorzuge pralle «Sittengemälde» a la Rebecca Gable, wo sich überzeugende und fein gezeichnete Gestalten glaubhaft verhalten und entsprechend handeln. Und wo ich quasi nebenbei jede Menge Neues aus alter Zeit erfahre. Dies alles fehlt bei Helena Marten - schade.
Dieser historische Roman ist also vor allem eines: Anachronistisch mit seiner Hauptfigur Johanna, die über Giovanna zu Yuhanissa mutiert. Sie wird als «stark und faszinierend» beschrieben, ist aber erstaunlich naiv. Sie reist alleine nach Venedig – wie das bitte zu einer Zeit, in welcher Frauen alleine nicht mal das Haus verließen?! Oder: Sie besucht einen jüdischen Musiker zu Hause und gibt zur Begrüßung die Hand.
Die Protagonistin, eigentlich eine sympathische Figur, ist leider schablonenhaft ausgearbeitet. Sie meistert jede Situation, aber überzeugt weder als historische Gestalt noch als Mensch wirklich, sie bleibt vorhersehbar und seltsam blutleer, außerdem naiv in ihren Gedankengängen wie in ihren Verhaltensweisen. Die Beziehung zu dem «faszinierenden, großäugigen und sensiblen» Musiker Gabriel bleibt weitestgehend «auf der Strecke». Dennoch erkennen beide vom ersten Augenblick an die gegenseitige Anziehung und können einander nicht vergessen…
Aber bei aller Kritik: Schlecht ist dieser Roman keineswegs. Nur leider historisch sehr schwammig bis fragwürdig. Zudem fehlt im dritten Teil, als Johanna wieder in Frankfurt/Main ankommt, der rote Faden; Hier reihen sich mehr oder weniger Ereignisse, und alles endet recht vorhersehbar.
Ein historischer Roman sollte vor allem authentisch und historisch korrekt sein. Ich bevorzuge pralle «Sittengemälde» a la Rebecca Gable, wo sich überzeugende und fein gezeichnete Gestalten glaubhaft verhalten und entsprechend handeln. Und wo ich außerdem, quasi nebenbei, jede Menge Neues aus alter Zeit erfahre. ■
Helena Marten, Die Kaffeemeisterin, 512 Seiten, Diana Verlag, ISBN 3453290607
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Kurzprosa von Heidemarie Markhardt
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Amerika ist weit weg
Heidemarie Markhardt
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Mit dem Zug wollte ich 1982 nach Italien und dort bleiben, für immer die Sehnsucht nach Süden stillen. Noch vor Villach wird meiner Freundin die Handtasche geraubt. Das ganze Geld ist weg, der Pass wird im Klo gefunden. Wir ahnen, wer der Räuber war. Lange stand er vor unserem Abteil, bevor wir einschliefen. In Udine steigen wir aus, und er mit uns. Er nähert sich uns freundlich auf dem Bahnsteig und lädt uns zum Essen in der Bahnhofstrattoria ein. Da wir ab jetzt nur mehr von meinem Geld zehren werden, nehmen wir dankend an. Er erzählt uns von seiner komplizierten Existenz in Jugoslawien. Auch eine Art der Entschuldigung.
In Venedig laufen wir in schmalen Gassen den Katzen hinterher und kaufen gestreifte T-Shirts mit der Aufschrift «Venezia». In einer verträumt-verschrobenen Buchhandlung auf einer namenlosen Piazza finde ich ein von einer venezianischen Contessa im Selbstverlag herausgegebenes Buch mit Texten und Aquarellen über in den Kanälen lebenden Nixen. Am Abend, als die Stadt sich in rosa Dunst hüllt, flüstert mir ein Mann zu, dass überall der Teufel lauert.
Wir nehmen den Nachtzug nach Rom. Irgendwo auf der Strecke bleiben wir mit einem Ruck stehen. Sciopero! Es wird immer heißer im Abteil, in das acht Personen und jede Menge Koffer und Bündel gepfercht wurden. Jemand beginnt, ein Lied von Lucio Dalla zu singen. Ein anderer Mitreisender schneidet uns mit dem Taschenmesser Scheiben vom mitgebrachten Brot. Mortadella und Käse. Wein und Wasser. Der Zug fährt wieder ein Stück, bleibt wieder stehen. Reden, essen, singen – und manche schlafen. Dazwischen regt man sich lautstark und wort- und gestenreich über den leidigen Streik auf.
Dann, endlich in Rom, werfe ich Münzen in den berühmten Brunnen und wünsche mir ein Appartement mit Dachgarten auf der Piazza Navona – der heißgeliebten Piazza Navona – oder dass zumindest das Geld bis Sizilien reicht. In unseren Venezia-T-Shirts schlendern wir die Via Condotti entlang und tun so, als wären wir reich. Schön sind wir sowieso. Cerrutti, Armani und Versace. Guarda le scarpe! Cappucino im Café Greco, eine gute Investition. Schöne dekadente Menschen, und einer, der uns fragt: Mögt Ihr Caravaggio? Eine unscheinbare Kirche in einem Gässchen wird eigens für uns aufgesperrt. Ein dunkles Bild in einer dunklen Kirche. Die Augen des Gekreuzigten sind offen und folgen uns, bis wir wieder draußen sind.
In Wien gab uns ein sardinischer Busfahrer eine Adresse einer römischen Jobvermittlungsagentur. Sie führt uns in einen noblen Stadtpalast. Nachdem wir die edle Messingklingel bei der angegebenen Nummer gedrückt haben, öffnet sich Tür für Tür. Türschilder gibt es keine. Gelackte Menschen empfangen uns, freuen sich, dass uns der Sarde schickt. Sie rufen ihn auch gleich an, ob er uns wirklich kennt. Er scheint das am Telefon zu bestätigen. Sie taxieren uns, wirken interessiert. Kein Lebenslauf, kein Zeugnis ist von Interesse. Es genüge ja, dass wir uns auf Italienisch unterhalten können. Wir sollen am nächsten Tag wiederkommen, man würde uns eine Adresse einer Pension in Amalfi geben, wo wir dann sofort anfangen können. Wir bedanken uns und kehren nie wieder – wohl wissend, dass auch in Italien Jobvermittlungsagenturen nicht in barock möblierten Palazzi residieren.
Nach ein paar Tagen treibt es uns schon wieder weiter südlich. Die Waggone sind alt, vergammelt und noch viel unbequemer als nördlich von Rom. Immerhin zieren vergilbte Italien-Ansichten in Blechrahmen die überquellenden Abteile. In Neapel empfangen uns die ambulanten Händler am Bahnhof mit lautem panini-giornali-panini-Geschrei. Der kleine Mann in der Touristeninformation am Bahnhof vermittelt uns ein Zimmer bei seinem Cousin Marco. Wir nehmen einen Bus, der sich durch das Verkehrsinferno an den Stadtrand quält. «Jesus beschütze uns» steht auf den Klebern an den Heckscheiben der Autos. Betonsilos, ein Barackenghetto hinter einem Zaun, wo man Erdbebenopfer untergebracht hat. Gleich daneben ein schriller Vergnügungspark. Wir fragen uns durch nach Marcos Unterkunft. Völlig übermüdet schleppen wir uns zu einem mitten im Niemandsland isoliert stehenden Häuschen. Der Mann hat eine Augenklappe, und verlangt das Geld im voraus. Vor unserem Fenster liegen vom Unkraut überwucherte Eisenbahnschienen. In der Nacht schieben wir den Kasten vor die Tür.
Am nächsten Tag stehen wir auf der Landstraße und warten, dass irgendwann der Bus ins Zentrum vorbeikommt. Wenn man Glück hat, ist er nicht voll und nimmt einem mit, sagte uns Marco. Die Altstadt Napolis gleicht einem abgewohnten Wohnzimmer. Essensgerüche, Fetzen familiärer Konversation, Babygeschrei und Opernarien, Kanarienvögel in Käfigen und Spitzendeckchen auf den Waschmaschinen. Fernseher gibt es überall. Wäsche, selbst die intimste, tropft von Balkon zu Balkon und über die Gassen. Da ist auch ein Transparent: Maradona il tuo arrivo é giá una vittoria! Ballspielende Kinder, aufdringliche Männer, mit bunten Glühbirnen beleuchtete Madonnen in Mauernischen. An all dem ziehen wir fasziniert vorbei. Die Kirchen mit den in den Reiseführern angepriesenen Kunstschätzen sind geschlossen. Ein Japaner mit ängstlichem Blick hat sich verirrt. Wir können ihm nicht helfen. Wir wissen nur, das ist Neapel. Eine Hure sagt uns, dass wir hier lieber nicht spazieren gehen sollten. Mit einem autoritären Via di qua! verscheucht sie uns.
Ich probiere ein dünnes Kleidchen in einem Kaufhaus, als ich es wieder ausziehe, reisst der Verkäufer den Vorhang der Umkleidekabine auf und preist meinen Körper, als wäre ich ein Stück frisch gefangener Fisch auf einem Marktstand.
Das Meer lockt, und wir nehmen das Boot nach Capri, wo wir unter dramatischen Wolkenformationen und im warmen Regen spazieren gehen. Fischer laden uns zum Grappa ein. Eine neugierige Gruppe von Schülern nimmt uns ein Stück des Weges in einem blau-weißem Oldtimer mit. Ich denke, dass ich irgendwann auf dem Hauptplatz von Capri Silvester feiern will. Dann in Ischia beschließe ich, ein Bild mit einem bestimmten Meerblick zu malen.
Wieder in Neapel stolpere ich über ein mit Zeitungspapier zugedecktes Kind. In der Nacht schlafen hier viele in den Straßen, unter den Sternen. «Lenzuolo bianche per coprirci non he ho», heißt es in einem Lied. Die Armut im Mezzogiorno tut weh.
Wir wollen nach Sizilien. Als wir mit unseren Rucksäcken am Bahnhof stehen, nehmen uns zwei Männer mit den Augen in Besitz. Wir zwängen uns in den Waggon zweiter Klasse. Der Schaffner kommt und deutet uns, ihm zu folgen. Über in den Gängen sitzende und liegende Menschen steigend, geleitet er uns in den Postwaggon, wo Eisenbahner zwischen Säcken und Kartons Karten spielen. Ich habe Angst, denke, dass ich hier gefesselt und gekidnappt werde. Er führt uns weiter in den letzten Waggon des Zuges, wo plötzlich alle Abteile leer sind. Im Geisterwaggon sitzen nur die beiden Männer vom Bahnsteig. Der Schaffner verschwindet mit den Worten, dass wir es hier bequemer haben. Der alte schaut ernst und der junge flirtet. Meine Freundin spielt die Naive und beeindruckt die beiden mit ihrem Italienisch. Man darf die Männer nicht verärgern, sie scheinen gewohnt zu sein, dass man ihre Wünsche erfüllt. So zeigen wir uns freundlich, dümmlich und mit unerschöpflichem Interesse für Sizilien. Man wird uns bella Sicilia zeigen, wir werden dort leben wie Göttinnen. Wir zeigen uns erfreut, und stellen die nächste nervige Frage. Nur einschlafen dürfen wir nicht. Die Jugendstillämpchen brennen und beleuchten kitschige Landschaftsbilder über den Kopfstützen. Ohne es irgendwie abgesprochen zu haben, wissen wir was zu tun ist. In der Früh, als die Männer endlich dösen und der Zug in Cefalú hält, schnappen wir die Rucksäcke und springen hinaus. Die Männer öffnen das Fenster und schreien, dass wir zu früh ausgestiegen sind. Der Schaffner rennt uns nach und reicht uns die Adresse einer Villa in Catania.
Wir sind frei und wollen Pasta essen. Das Mädchen, das uns das Essen serviert ist schön und hat vor Drogen glänzende Augen. Wir fragen in der Touristeninformation nach einer Pension, und man vermittelt ein Appartement mit drei Zimmern in einem Haus aus Stein. Am Strand treffen wir zwei Elsässer, auf der Straße zum Hauptplatz einen arbeitslosen Maurer, den uns schon bekannten Leiter des örtlichen Tourismusamtes und einen gitarrespielenden Heimkehrer, der in Norwegen verheiratet ist. Am Abend kochen wir alle gemeinsam Nudeln mit Pilzen und unterhalten uns auf deutsch, französisch und sizilianisch. Wir entdecken, dass wir alle etwas suchen. Das Glück und Abenteuer in Sizilien und das Glück und Abenteuer in Amerika. Ma l’America è lontana.
Am nächsten Tag wollen wir nach Palermo und die mumifizierten Leichen im Kapuzinerkloster sehen. Aber in Palermo angekommen, laufen wir in unseren bequemen weißen Plastik-Badeschuhen zunächst zum Markt, wo wir die blutigen Riesenschwertfische bewundern. Ich spüre Blicke und sehe einen Mann mit Wasserkopf aus dem Fenster starren. Die Händler preisen ihre Waren im Singsang an, doch es klingt nach in die Welt geschrieenen Klagen. Den Stimmen, Augen, Händen und Gerüchen entkommen, stehe ich auf der Kreuzung vor dem großen Dom. Zu Boden fallend, begreife ich, dass mir die Handtasche gestohlen wurde. Ich springe auf und renne dem Motorrad mit zwei Jünglingen hinterher. Aber natürlich ist das sinnlos. Die Leute rundherum tun so als wäre gar nichts passiert. Niemand hält sie auf, hat etwas gesehen oder gar einen Räuber erkannt. Auf der Questura werde ich über die Umstände des Raubes und die Gründe meines Italienaufenthalts verhört. Ein ganz normaler strappo della borsa also. Ich erhalte ein «Bahnticket für Mittellose zur Rückführung in die Heimat». ■
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Geb. 1961 in Wien, Übersetzerstudium in den Sprachen Englisch und Spanisch, Sprachwissenschaftliches Studium, Promotion, seit 1994 freiberufliche Übersetzerin (Deutsch, Englisch, Spanisch) sowie Forschungs- und Vortragstätigkeit, daneben kontinuierliche Beschäftigung mit verschiedenen Formen künstlerischen Ausdrucks (literarische Texte, Malerei, Tonskulptur)
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Roberto Saviano: «Gomorrha»
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Blutige Reise ins Reich der Camorra
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Die neue Reportage von Roberto Saviano über die Camorra, Neapels Mafia-Variante, ist sowohl dokumentarisch wie literarisch ein Schlüsselwerk zum organisierten Verbrechen. Der junge (und mutige…) italienische Journalist recherchierte (teils «undercover») lange, präzise und hartnäckig.
Roberto Savianos Bericht ist einfach erschreckend: Schier unfasslich, welche logistischen, politischen und gesellschaftspsychologischen Strukturen sich die Camorra-Verbrecher und -Massenmörder mitten in einem modernen demokratischen EU-Staat wie Italien aufgebaut haben. Kein Wunder, dass der Realismus, die Genauigkeit und die Authentizität von Savianos Buch inzwischen dazu führte, dass der Autor rund um die Uhr bewacht werden muss. Zurecht urteilte die Süddeutsche Zeitung: «Eine gleichzeitig kühle wirtschaftliche Analyse und eine packende Reportage eines Autors, der die Sprache derjenigen spricht, die er beschreibt.»
Und er sucht das wohl einzig Richtige in seiner Lage: Die totale Öffentlichkeit. Man wünscht sich diesem Report jene Politiker-Kreise, die so selten wie überlebenswichtig sind – nämlich solche, die gutgespielte Entrüstung auch in die Tat umsetzen… (gm/07)
Roberto Saviano: Gomorrha, Reise in das Reich der Camorra, Hanser Verlag, 268 Seiten, ISBN 978-3446209497
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