Glarean Magazin

Gedicht des Tages

Veröffentlicht in Friederike Kempner, Gedicht des Tages, Literatur, Lyrik by Walter Eigenmann am Juni 29th, 2008

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Auf’s Papier!

Unnütz lyrisches Gesinge,
Unnütz lyrisches Geklinge,
Gehst Du mir nicht aus dem Sinn,
Schreib’ ich auf’s Papier Dich hin!

Friederike Kempner

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Cartoon der Woche

Veröffentlicht in Cartoon der Woche, Literatur by Walter Eigenmann am Juni 29th, 2008

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Hans Traxler (CZ)

 

Das Krimi-Festival München

Veröffentlicht in Agatha Christie, Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann am Juni 22nd, 2008

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Agatha-Christie-Preis 2009

Der Fischer Taschenbuch Verlag, Hugendubel, FOCUS Online und das Krimi-Festival München vergeben den Agatha-Christie-Krimipreis und suchen die besten Krimiautoren Deutschlands. Einzusenden ist «eine spannende Kurzgeschichte» zum Thema «Die Uhr läuft ab». Die 25 besten Geschichten wernden als Anthologie im Fischer Taschenbuch Verlag erscheinen, beim Münchner Krimi-Festival (März 2009) werden die Gewinner der Plätze 1 bis 3 gekürt. Einsende-Schluss ist am 22. August 2008, die weiteren Einzelheiten finden sich hier.

Innerschweizer Prosa-Wettbewerb

Veröffentlicht in Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann am Juni 14th, 2008

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Kurzgeschichten zu Novalis-Motto

Der Innerschweizer Schriftstellerinnen- und Schriftsteller-Verein ISSV schreibt gemeinsam mit der Willisauer «Stadtmühle» einen Wettbewerb für Kurzgeschichten aus. Thematisch steht der Wettbewerb unter dem Novalis-Motto: «Trägt nicht alles, was uns begeistert, die Farbe der Nacht». Die noch unveröffentlichten Texte sollen den Umfang von 10′000 Zeichen nicht überschreiten. Die Preis-Texte werden im Rahmen der Zentralschweizer Literaturtage 2009 professionell vorgelesen. Einsende-Schluss ist der 31. Oktober 2008, die weiteren Details sind hier zu lesen.

Fabeln von Horst-Dieter Radke

Veröffentlicht in Horst-Dieter Radke, Literatur, Prosa by Walter Eigenmann am Juni 12th, 2008

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Drei Fabeln

Horst-Dieter Radke

 

Schlange und Flöte

«Du musst tanzen, wenn ich erklinge!» sprach die Flöte zur Schlange. «Du bist meine Sklavin.»
Die Schlange wiegte sich hin und her. «Was ist schlimm daran, wenn ich deine Musik in Bewegung verwandele und so nicht nur dem Ohr, sondern auch dem Auge etwas biete?»
«Du musst, wenn ich will» lästerte hämisch die Flöte.
Am Abend kroch die Schlange zur Flöte, die der Spieler achtlos auf die Decke gelegt hatte, und richtete sich auf.
«Siehst du?» sprach sie. «Ich kann auch tanzen ohne deine Musik. Wer will es mir verwehren?»
Die Flöte schaute die Schlange nur verächtlich an.
«Aber kannst du erklingen», zischte die Schlange, «wenn der Spieler dich nicht bläst?»
Hilflos und stumm schaute die Flöte der tanzenden Schlange zu.

 

Storch und Frosch

«Schau», sagte der Storch zum Frosch, «es ist ja nur etwas mehr als ein halbes Jahr, dass ich deinesgleichen belästige. Im Herbst gehen wir auf Reisen und im Winter sind wir in Ländern, die euch gar nicht gefallen würden.»
«Was haben wir davon?» jammerte der Frosch. «Im Winter liegen wir starr und steif im Schlamm, erwarten das Frühjahr und fürchten eure Rückkehr.»
«Dafür kann ich nichts!» sagte der Storch. «Außerdem seid ihr uns zahlenmäßig überlegen.» Er schnappte den Frosch mit dem Schnabel, schlang ihn herunter und stapfte auf seinen langen Beinen weiter durch die Wiese, auf der Suche nach einem neuen Gesprächspartner.

 

Mücke und Fliege

«Du ernährst dich nur von den Resten der Menschen.» lästert eine Mücke arrogant, als sie sich an der Wand neben der Fliege niederlässt. «Ich nehme das Beste was sie haben, ihr Blut, wann immer ich es will.»
Beleidigt summt die Fliege davon. Ein heftiger Klatsch verstreicht das frische Blut mit der Mücke über die Wand zu einem hässlichen Fleck.
«Siehst du wohl!» sagt die Fliege, als sie sich auf den gut nach Honig riechenden Klebestreifen setzt.

 

 

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Horst-Dieter Radke

Geb. 1953, aufgewachsen in Hamm/D, Ausbildung zum Industriekaufmann; Wirtschaftsinformatiker, Studium der Betriebspädagogik, fast zwei Jahrzehnte in der Geschäftsführung eines Betriebes der Naturkostbranche tätig; arbeitet heute als Autor, Lektor und Journalist.

Lyrik von Matthias Berger

Veröffentlicht in Literatur, Lyrik, Matthias Berger by Walter Eigenmann am Juni 9th, 2008

 

Matthias Berger 

 

der kuss
das eau de toilette
die weiße haut
der orgasmus
der schrei
das neugeborene

der kuss
die sommersprossen
der hüpfer
der schrei
der verdrehte körper
der kindersarg

der kuss
die verweinten augen
der richter
die scheidungsurkunde

der kuss
der kalte stein
der schrei
die grabinschrift

der kuss
das rouge
das kondom
der orgasmus
die banknoten

der kuss
die weiche backe
die urinflasche
der schwesternkittel
die tränen

der kuss
die knappe luft
das herzrasen
der schrei
das

 

  

action painting

wirres wuseln
marrakesch?

verfangene
fäden?

- leben -

leinwand
saugt auf
was
zufällt -
zu geschichte
gerinnt

es ist - 

 

 

 

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matthias-berger.jpgMatthias Berger

Geb. 1961, aufgewachsen bei Bern, Studium der evang.-ref. Theologie in Bern und Nairobi, acht Jahre Gemeindepfarramt, vier Jahre Psychiatrieseelsorge, seit 4,5 Jahren Gefängnisseelsorger in Pfäffikon(ZH) und seit vier Jahren Spitalseelsorger in Bülach, lebt in Zürich.

25 Short Storys von Ray Bradbury

Veröffentlicht in Literatur, Ray Bradbury, Rezensionen, Walter Eigenmann by Walter Eigenmann am Juni 3rd, 2008

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Vom Kurzkrimi bis zur Mars-Mär

Bradbury Ausgewählte ErzählungenMit dem Roman «Fahrenheit 451» wurde er vor 55 Jahren schlagartig weltberühmt: Der US-Romancier, Novellist, Science-Fiction-Schriftsteller und Drehbuch-Autor Ray Bradbury (geb. 1920 in Waukegan/Illinois). Doch nicht der Roman, sondern die Erzählung, genauer das amerikanische Genre der sog. Short-Story zählte von Anfang an zur Domäne dieses großen Phantasten und Horror-Spezialisten, und nicht zufällig ist Bradbury mehrfacher Preisräger des berühmten «Best-American- Short-Story»-Award.
In einem schmucken kleinen Geschenk-Schuber präsentiert nun der Zürcher Diogenes-Verlag 25 «Ausgewählte Erzählungen» Ray Bradburys. Die Herausgeber Daniel Keel und Daniel Kampa griffen dabei nicht nur tief, sondern auch breit in die Bradbury’sche Oeuvre-Kiste: Von 1946 («Ein zeitloser Frühling») bis in unsere Tage («Geisterfahrt») bzw. vom absurden Kleinkrimi («Die Früchte am Grunde der Schale») bis zur weihnächtlichen Mars-Mär («Das Weihnachtsgeschenk») reicht die Palette der Auswahl. Allein thematisch dürften also nicht nur eingefleischte Bradbury-Fans auf ihre Kosten kommen, Ray Bradburysondern auch all jene, denen dieser unerschöpflich fabulierende, in immer wieder neuen, überraschenden bis surrealen Facetten ganze Zeiten und Welten durchmessende Erzähler noch unbekannt ist. Eine schöne Edition des Verlages, welche den Focus auf einen ebenso umfangreichen - Bradbury soll über 500 Kurzgeschichten geschrieben haben! - wie stilistisch und inhaltlich bestimmenden Schaffensaspekt dieses Schriftstellers zieht. (Walter Eigenmann)

D.Keel&D.Kampa (Hrsg.): Ray Bradbury, Ausgewählte Erzählungen, Diogenes Verlag, 660 Seiten, ISBN 978-3257066548

Das Zitat der Woche

Veröffentlicht in Essays & Aufsätze, Friedrich Dürrenmatt, Literatur, Zitat der Woche by Walter Eigenmann am Juni 2nd, 2008

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Geschichten für Schriftsteller?

Friedrich Dürrenmatt

 

Gibt es noch mögliche Geschichten, Geschichten für Schriftsteller? Will einer nicht von sich erzählen, romantisch, lyrisch sein Ich verallgemeinern, fühlt er keinen Zwang, von seinen Hoffnungen und Niederlagen zu reden, durchaus wahrhaftig, und von seiner Weise, bei Frauen zu liegen, wie wenn Wahrhaftigkeit dies alles ins Allgemeine transponieren würde und nicht viel mehr ins Medizinische, Psychologische bestenfalls, will einer dies nicht tun, vielmehr diskret zurücktreten, das Private höflich wahren, den Stoff vor sich wie ein Bildhauer sein Material, an ihm arbeitend und an ihm sich entwickelnd und als eine Art Klassiker versuchen, nicht gleich zu verzweifeln, wenn auch der bare Unsinn kaum zu leugnen ist, der überall zum Vorschein kommt, dann wird Schreiben schwieriger und einsamer, auch sinnloser, eine gute Note in der Literaturgeschichte interessiert nicht - wer bekam nicht schon gute Noten, welche Stümpereien wurden nicht schon ausgezeichnet -, die Forderungen des Tags sind wichtiger. Doch auch hier ein Dilemma und ungünstige Marktlage. Bloße Unterhaltung bietet das Leben, am Abend das Kino, Poesie die Tageszeitung unter dem Strich, für mehr, doch sozialerweise schon von einem Franken an, wird Seele gefordert, Geständnisse, Wahrhaftigkeit eben, höhere Werte sollen geliefert werden, Moralien, brauchbare Sentenzen, irgend etwas soll überwunden oder bejaht werden, bald Christentum, bald gängige Verzweiflung, Literatur alles in allem. Friedrich DürrenmattDoch wenn dies zu produzieren der Autor sich weigert, immer mehr, immer hartnäckiger, weil er sich zwar im klaren ist, daß der Grund seines Schreibens bei ihm liegt, in seinem Bewußten und Unbewußten in je nach Fall dosiertem Verhältnis, in seinem Glauben und Zweifeln, jedoch auch meint, gerade dies gehe das Publikum nun wirklich nichts an, es genüge, was er schreibt, gestaltet, formt, man zeige appetitlicherweise die Oberfläche und nur diese, arbeite an ihr und nur dort, im übrigen sei der Mund zu halten, weder zu kommentieren noch zu schwatzen? Angelangt bei dieser Erkenntnis, wird er stocken, zögern, ratlos werden, dies wird kaum zu vermeiden sein. Die Ahnung steigt auf, es gebe nichts mehr zu erzählen, die Abdankung wird ernstlich in Erwägung gezogen, vielleicht sind einige Sätze noch möglich, sonst aber Schwenkung in die Biologie, um der Explosion der Menschheit, den vorrückenden Milliarden, den unablässig liefernden Gebärmüttern wenigstens gedanklich beizukommen, oder in die Physik, in die Astronomie, sich über das Gerüst ordnungshalber Rechenschaft abzulegen, in welchem wir pendeln. Der Rest für die Illustrierte, für Life, Match, Quick und für die Sie und Er: der Präsident unter dem Sauerstoffzelt, Onkel Bulganin in seinem Garten, die Prinzessin mit ihrem Tausendsassa von Flugkapitän, Filmgrößen und Dollargesichter, auswechselbar, schon aus der Mode, kaum wird von ihnen gesprochen. Daneben der Alltag eines jeden, westeuropäisch in meinem Fall, schweizerisch genauer, schlechtes Wetter und Konjunktur, Sorgen und Plagen, Erschütterungen durch private Ereignisse, doch ohne Zusammenhang mit dem Weltganzen, mit dem Ablauf der Dinge und Undinge, mit dem Abspulen der Notwendigkeiten. Das Schicksal hat die Bühne verlassen, auf der gespielt wird, um hinter den Kulissen zu lauern, außerhalb der gültigen Dramaturgie, im Vordergrund wird alles zum Unfall, die Krankheiten, die Krisen. Selbst der Krieg wird abhängig davon, ob die Elektronen-Hirne sein Rentieren voraussagen, doch wird dies nie der Fall sein, weiß man, gesetzt die Rechenmaschinen funktionieren, nur noch Niederlagen sind mathematisch denkbar; wehe nur, wenn Fälschungen stattfinden, verbotene Eingriffe in die künstlichen Hirne, doch auch dies weniger peinlich als die Möglichkeit, daß eine Schraube sich lockert, eine Spule in Unordnung gerät, ein Taster falsch reagiert, Weltuntergang aus technischem Kurzschluß, Fehlschaltung. So droht kein Gott mehr, keine Gerechtigkeit, kein Fatum wie in der fünften Symphonie, sondern Verkehrsunfälle, Deichbrüche infolge Fehlkonstruktion, Explosion einer Atombombenfabrik, hervorgerufen durch einen zerstreuten Laboranten, falsch eingestellte Brutmaschinen. In diese Welt der Pannen führt unser Weg, an dessen staubigem Rande nebst Reklamewänden für Ballyschuhe, Studebaker, Icecream und den Gedenksteinen der Verunfallten sich noch einige mögliche Geschichten ergeben, indem aus einem Dutzendgesicht die Menschheit blickt, Pech sich ohne Absicht ins Allgemeine weitet, Gericht und Gerechtigkeit sichtbar werden, vielleicht auch Gnade, zufällig aufgefangen, widergespiegelt vom Monokel eines Betrunkenen.

(Aus Friedrich Dürrenmatt, Einleitung zur «Panne», in: Theater-Schriften und Reden, ExLibris 1966)

Kurzprosa von Jutta Miller-Waldner

Veröffentlicht in Jutta Miller-Waldner, Literatur, Prosa by Walter Eigenmann am Mai 25th, 2008

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Und Kutte lachte

Jutta Miller-Waldner

 

Kutte plinkerte mit den Augen, klatschte mit der linken Hand eine Fliege fort, die sich auf sein rechtes Lid gesetzt hatte, verzog das Gesicht vor Schmerz, wälzte sich auf die andere Seite, fiel fast von der Parkbank, zuckte zusammen.
Kutte war wach.
Und Kutte hatte Hunger.
Er erhob sich ächzend, blieb eine Weile sitzen, den Rücken gebeugt, den Kopf tief zwischen den Schultern. Schließlich erhob er sich und faltete die FAZ-Sonntagsausgabe zusammen, die ihm als Unterlage und Kopfkissen und Zudecke gedient hatte, warf sie in den Abfallkorb.
«Heute muss ick mir wieda zwee Zeitungen orjanisiern. Muss ick wieda mit de S-Bahn fahren. Oder nee, besser is et mit die U-Bahn. Da lassen die Leute öfta mal ne TAZ liejen.»
Kutte las möglichst jeden Tag die TAZ. Das hatte er von früher beibehalten. Da war er eigen. Soviel Würde musste sein.
Er spritzte sich am Springbrunnen Wasser ins Gesicht, wischte den Schmutz von seinen Schuhen, seinen Jeans, zog den Kamm aus der linken Gesäßtasche, fuhr sich über die Haare, spuckte in die Hände und strich sie glatt, erblickte sein Gesicht im Wasser, guckte schnell wieder weg.
Sein Magen knurrte.
«Als erstet werd ick die Abfallkörbe abklappern. Am besten drüben beim Jymnasium. Wenn nich schon ein andrer dajewesen is. Aba die Jören schmeißen ja soville wech, da werd ick bestimmt noch wat finden. Filleicht ha ick ja Glück und find ne Stulle mit Katenrauchschinken.»
Kutte aß gerne Kartenrauchschinken. Am liebsten aß er Räucherlachs, aber welche Mutter gab seinem Kind schon ein Lachsbrot mit in die Schule.
Er schlurfte hinüber, wühlte. Nichts. «Mist», dachte er. «Det is nich mein Tach heute. Da steht man am besten jar nich erst uff. Aber denn kommen die Bullen un verjagen einen. Na jut, werd ick zur Realschule marschieren.»
Kuttes Magen knurrte lauter.
«Sei ruhich», befahl er. «Krichst ja jleich wat.»
Er wühlte. Fand zwei in Alufolie gewickelte Schrippen - «is doch meen Jlückstach heute» -, wühlte weiter, zog eine viertelvolle Einliterflasche Cola heraus, eine halbleere Dose Red Bull, ein Überraschungsei, eine Sonnenbrille, deren linkes Glas verschrammt war, drei Sammelbilder für das Fußball-EM-Album mit René Adler - «wieso denn der», schoss es ihm durch den Kopf -, Miroslav Klose und Bastian Schweinsteiger. «Na nu», wunderte er sich. «Wat schmeißen die denn sowat wech?!»
Kutte mochte Schweini.
Des Weiteren fand er eine Barbiepuppe mit nur einem Bein, warf sie angewidert zurück.
Fand eine Tarotkarte.
«Wat is ‘n det? So’n Quatsch», stellte er fest. Warf sie wieder in den Abfallkorb.
Er steckte das eine Brötchen in die Jackentasche - «Wer weeß, wenn ick wieda wat finde» -, wickelte das andere aus, knüllte die Alufolie zusammen, warf sie zur Tarotkarte. Klappte das Brötchen auf, begutachtete die Jagdwurstscheibe, roch daran. «Na ja, jeht ooch» -, klappte es zu, biss hinein, schlurfte weiter.
Schlurfte zurück, griff in den Abfallkorb, holte die Tarotkarte heraus. Starrte sie an, steckte sie in die Hosentasche, wanderte zu seiner Parkbank. Aß seine Schrippe auf, schlenderte zum Springbrunnen, wusch sich die Hände, setzte die Sonnenbrille mit dem zerkratzten linken Glas auf, marschierte zurück, setzte sich, schlug das rechte Bein über das linke, zog die Tarotkarte aus der Hosentasche, betrachtete sie, die blauen Kugeln, die geschweiften Linien, die Ketten, die Frau, die das Schwert mit beiden Händen hielt …
«Uff wat für Einfälle die Leute kommen», wunderte er sich. «Wer kooft denn sowat? Und wozu?»
Er las die Zahl, die da in römischen Ziffern geschrieben stand, las das Wort am unteren Rand: Ausgleichung.
«Ausgleichung. Kenn ick nich. Ha ick ja noch nie jehört. Det jibt Jleichungen, Jleichberechtigung haha, Anjleichung, Ausjleich, Jleichheit, na ja, Jleichjüligkeit. Die kenn wa zu jenüje.»
Kutte saß auf seiner Parkbank, er rutschte hin und her, starrte auf die Karte, stand auf, setzte sich wieder, starrte auf die Karte, schaute hinüber zum Springbrunnen, auf die Karte in seiner Hand. Sah die neunundneunzig Luftballons, die in der Fontäne tanzten - hellblaue, babyblaue, südseehimmelblaue, blau wie Vergissmeinnicht, Gletschereis, Saphire, gestreift, gepunktet, kariert -, ging hinüber, ergriff die Strippe eines weißblauen, hob ab und schwebte. Er schwebte über das ICC, den Funkturm, über Fürstenfeldbruck und New York, die Wüste Gobi und den Angelfall, über den Atlantischen Ozean, über Vulkane und Eis, und er schwebte, und der Mond war sein Kumpel und die Sonne seine Braut, und die Planeten spielten um ihn her Ringelreihen, er kickte einen Satelliten gegen die Venus und schrie «Toooor», und rief zur ISS ein «Nasdarowje» hinüber; er spazierte mittenmang auf der Milchstraße, die Strippe des Luftballons fest in seiner rechten Hand, und sah die Galaxien Walzer tanzen, die Quasare Rock ‘n Roll, er fuhr auf einem Kometen Achterbahn und rodelte mit einer Sternschnuppe zurück zu Erde. -
Kutte plinkerte mit den Augen, klatschte mit der linken Hand eine Fliege fort, die sich auf sein rechtes Lid gesetzt hatte, verzog das Gesicht vor Schmerz, wälzte sich auf die andere Seite, fiel fast von der Parkbank, zuckte zusammen, erhob sich ächzend und starrte auf seine rechte Hand.
Und Kutte lachte.

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Jutta Miller-WaldnerJutta Miller-Waldner
Geb. 1942 in Berlin, zahlreiche Lyrik- und Kurzprosa-Publikationen in Zeitschriften und Anthologien, Lesungen in Deutschland, Spanien, Österreich und Ungarn, verschiedene literarische Würdigungen, Vorsitzende der IGdA, lebt als Autorin, Lektorin und Chefredakteurin von «IGdA-aktuell: Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik» in Berlin

Das Roman-Debüt

Veröffentlicht in Literatur, Neuheiten by Walter Eigenmann am Mai 24th, 2008

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Albert Ostermaier: «Zephyr»

ZephyrParis 2002: Die Schauspielerin Marie Trintignant und Bertrand Cantat, Sänger der Rockband «Noir Désir», lassen sich als frisch Verliebte durch die Nächte treiben. Um sich nicht trennen zu müssen, begleitet er sie zu Dreharbeiten nach Vilnius. Sie spielt unter der Regie ihrer Mutter in einer Verfilmung des Lebens der Schriftstellerin Colette. Es kommt zu Eifersuchtsexzessen zwischen den beiden, er erschlägt sie und schläft umstandslos neben ihr ein. In einer Villa an der Côte d’Azur liegt Cathy auf dem Bett, sie scheint zu schlafen. Neben ihr Gilles, ihr Mann. Er hat den Auftrag zu einem Drehbuch über das Paar Marie-Bertrand.
Gilles fällt es immer schwerer, zwischen Wirklichkeit und Fiktion zu unterscheiden, zwischen den Schnitten ins Herz und denen seines Filmscripts, er überblendet, was er wahrnimmt, mit dem, was er vor seinem inneren Kameraauge sieht. Sein Leben läuft wie ein Film an ihm vorüber. Ist er selbst auch ein Mörder, oder schreibt er sich diese Rolle nur zu?
Albert OstermaierAlbert Ostermaiers erster Roman, erzählt im raschen Perspektivenwechsel, ist ein rasantes Gegenstück zum «Film Noir», ein dunkler Liebessong, dessen Rhythmus und Refrain den Leser in den Sog einer Geschichte ziehen. (Verlagsinfo)

Albert Ostermaier, Zephyr, Roman, Suhrkamp Verlag, 224 Seiten, ISBN 978-3518419588

Leseprobe

Wettbewerb für deutschsprachige Prosa

Veröffentlicht in Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann am Mai 23rd, 2008

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1. Hohenemser Literatur-Preis

Kultur in HohenemsDas Kulturamt der Stadt Hohenems/A schreibt für 2009 erstmals den Hohenemser Literaturpreis für deutschsprachige AutorInnen nichtdeutscher Muttersprache aus. Der Preis richtet sich an AutorInnen jeden Alters, Geschlechts und Wohnortes.
Eingereicht werden können bis dahin nicht publizierte, deutschsprachige Prosatexte im Umfang von maximal zehn Seiten. Diese sollen «in literarisch überzeugender Weise nicht nur migrantische Erfahrungen, sondern in freier Themenwahl das Ineinandergreifen verschiedener kultureller Traditionen und biographischer Prägungen vor dem Hintergrund einer sich beständig wandelnden Gegenwart thematisieren – einer Gegenwart, in der Sprache und Literatur wie auch Identität keinesfalls als Konstanten anzusehen sind.»
Einsende-Schluss ist am 15. September 2008, die weiteren Einzelheiten sind hier nachzulesen.

Wettbewerb für Erzähl- oder Sachbücher

Veröffentlicht in Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann am Mai 21st, 2008

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Der Katholische Kinder- und Jugendbuch-Preis 2009

Deutsche BischofskonferenzDie Deutsche Bischofskonferenz vergibt im Jahr 2009 zum 20. Mal ihren mit 5′000 EUR dotierten Katholischen Kinder- und Jugendbuch-Preis. Der Preis wird verliehen für Bücher, die «beispielhaft und altersgemäß religiöse Erfahrungen vermitteln, Glaubenswissen erschließen und christliche Lebenshaltungen verdeutlichen.»
Verlage, Institutionen und Privatpersonen können Erzähl- oder Sachbücher (keine Manuskripte) in 10-facher Ausführung einreichen, die den genannten Kriterien entsprechen und aus dem Produktionsjahrgang 2008 stammen. Einsende-Schluss ist am 1. November 2008, die weiteren Einzelheiten erfährt man hier.

Lyrik-Wettbewerb für junge DichterInnen

Veröffentlicht in Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann am Mai 18th, 2008

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Leonce-und-Lena-Preis 2009

Alle zwei Jahre schreibt die Stadt Darmstadt ihren «Leonce-und-Lena-Preis» in Höhe von 8′000 EUR sowie die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise in Höhe von insgesamt 8′000 EUR für deutschsprachige Lyrik aus.
2009 findet der Darmstädter «Literarische März» zum 16. Mal statt. Teilnahmeberechtigt sind deutschsprachige Autorinnen und Autoren, die nicht vor 1973 geboren sind. Es können bis zu zwölf unveröffentlichte Gedichte eingesandt werden.
Einsende-Schluss ist am 15. September 2008, die Wettbewerb-Details finden sich hier.

Das neue Literatur-Kreuzworträtsel

Veröffentlicht in Literatur, Literatur-Kreuzworträtsel, Rätsel by Walter Eigenmann am Mai 3rd, 2008

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Literatur-Rätsel Mai 2008

Förderung junger Schweizer AutorInnen

Veröffentlicht in Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann am April 29th, 2008

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Prosa-Wettbewerb der Studer/Ganz-Stiftung

Die 2005 gegründete Studer/Ganz-Stiftung fördert jüngere Autorinnen und Autoren der Schweiz. Im Spätherbst 2008 vergibt die Stiftung zum 2. Mal in der Deutschschweiz einen Preis für das beste unveröffentlichte Prosa-Manuskript.
Gesucht werden unveröffentlichte Romane, Erzählungen und Novellen von Autorinnen und Autoren unter 42 Jahren, die noch wenig publiziert haben, das Schweizer Bürgerrecht besitzen oder ihren Wohnsitz in der Schweiz haben. Einsende-Schluss ist am 1. September 2008, die weiteren Einzelheiten liest man hier.

S.Fischer-Verlag sucht Gedichte

Veröffentlicht in Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann am April 27th, 2008

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Jahrbuch der Lyrik 2009

S.Fischer-Verlag_Lyrik-Jahrbuch 2008Die renommierten Frankfurter S.Fischer-Verlage (Scherz, Krüger, Barth, Theater&Medien u.a.) schreiben erneut die Teilnahme an ihrem «Jahrbuch der Lyrik» aus. Herausgeber dieser jährlichen Anthologie ist nach wie vor Christoph Buchwald, diesmal unterstützt von Uljana Wolf, Trägerin des Peter-Huchel-Lyrik-Preises. Einsende-Schluss ist am 1. Juni 2008, die Einzelheiten liest man hier.

Gedichte von Bernd Ernst

Veröffentlicht in Bernd Ernst, Literatur, Lyrik by Walter Eigenmann am April 24th, 2008

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Bernd Ernst

 

… die ausgelassenen Worte

Ihre Stimme wächst über den Feldern
kämmt der Wind das Gras
Die Erinnerung fällt wie eine leichte Strähne
aus dem Rouge des Abendhimmels
weht der Duft ihrer Locken
auf die fliehenden Schultern des Hügels

 

Kosmisches Geflüster

Nichts wussten wir
                    in einundtausend Nächten
gingen unter demselben Stern-
talergestöber
im Innern Verschüttete Milch-
straßenkinder die nicht lesen konnten
was auf ihren Lippen stand

Du urknallender Schmatz blüh mir deine Rosen hinter das Aug
Echolote
                   das pochende Glück

 

… unter der berstenden Schale des Himmels

Ein Baum gebiert den Vogel der sein Nest in den Wolken baut
In der Klaue des Wipfels fängt sich der Wind
Auf dem Tautropfen in seinem Schnabel schwimmt der Duft der Kirschblüte

 

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Bernd Ernst
Geb. 1969, schreibt Lyrik und Theaterstücke, Mitglied verschiedener Autoren-Gruppen, Mit-Organisator der «Pirmasenser Poetry-Slam», lebt in Pirmasens/BRD

Das neue Literatur-Kreuzworträtsel

Veröffentlicht in Literatur, Literatur-Kreuzworträtsel, Rätsel, Spielwiese by Walter Eigenmann am April 23rd, 2008

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Literatur-Rätsel April 2008

 

Literatur-Wettbewerb der Schweizer Frauenzeitung

Veröffentlicht in Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann am April 23rd, 2008

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Lyrik und Prosa zum Thema «Grenzen.Los»

Frauenzeitung FRAZ Nr.1/2008Die Schweizer Frauenzeitung FRAZ - 1976 als Organ der in den 70er Jahren aktiven Frauen-Befreiungsbewegung FBB gegründet - schreibt ihren ersten deutschsprachigen Literatur-Wettbewerb aus. Bis zum 15. Juni 2008 können Prosa- und Lyrik-Texte zum Thema «Grenzen.Los» eingesandt werden. Neben Geld-Preisen winkt den besten Einsendern eine Veröffentlichung in der FRAZ-September-Ausgabe. Die weiteren Einzelheiten finden sich hier.

Pro Helvetia unterstützt ambitionierte Literatur

Veröffentlicht in Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann am April 22nd, 2008

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Prämien für deutsch-schweizerische Verlage

Pro Helvetia Verlagspraemien 2008Die Schweizer Kultur-Stiftung Pro Helvetia will sich auch in diesem Jahr «für eine vielfältige Verlagsszene» in der Schweiz einsetzen. Dazu vergibt sie wiederum Prämien an unabhängige literarisch ambitionierte Verlage. Es gibt je eine Hauptprämie und eine Förderprämie im Gesamtwert von 100′000 Franken.
Mit der Hauptprämie honoriert Pro Helvetia das literarische Gesamtprogramm eines Verlags sowie seine Aktivitäten im Bereich Literaturvermittlung. Die Förderprämie richtet sich speziell an Nachwuchsverlage, die sich bereits durch ein profiliertes Programm ausweisen können. Die Vergabe der Verlagsprämie erfolgt alternierend nach Sprachregionen: 2007 wurden zwei Verlage aus der lateinischen Schweiz prämiert, in diesem Jahr sind die Verlage aus der deutschen Schweiz an der Reihe.
Die Ausschreibung läuft noch bis zum 1. Juni 2008, die Details finden sich hier.

Der Schatz der Nibelungen

Veröffentlicht in Geschichte, Literatur, Neuheiten by Walter Eigenmann am April 20th, 2008

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Mythos und Geschichte eines Gold-Raubes.

Eine der Legenden um die Nibelungen erzählt vom unverwundbaren Krieger, der in Drachenblut gebadet hat. War es Arminius, der die Römer in der Varusschlacht vernichtend geschlagen und deren Wunderwaffen erbeutet hatte? In den Nibelungen verbinden sich übersinnliche Motive, germanische Götterwelt und Heldengeschichten.
Die Geschichte der Nibelungen ist von zeitloser Aktualität. Noch immer bewegt das Drama um Liebe, Eifersucht, Kampfesmut, Rache und Untergang die Menschen. Der Stoff dieses epochalen Werkes der Weltliteratur diente als Vorlage für Romane, Theaterstücke und Opern.
Doch die Nibelungen geben bis heute Fragen und Rätsel auf. Autor Jörg Oberste begibt sich in seinem Bild-Band «Der Schatz der Nibelungen - Mythos und Geschichte» auf Spurensuche im Spannungsfeld zwischen Geschichtlichkeit und Mythologie. Spannende Rekonstruktionen und kühne Thesen werfen ein ganz neues Licht auf den Stoff. Die älteste Spur führt zu den Anfängen der römischen Eroberung Germaniens. Die Eifel: das europäische Zentrum für Waffenschmiede-Kunst. Die Drachentaktik der römischen Legionen: ein Hinweis auf den wahren Kern der Siegfried-Saga?
Der historische wie kriminalistische Blick führt zu überraschenden Einsichten. Rund siebzig Abbildungen in Farbe und Schwarz-Weiß sowie etliche Karten runden die lebendigen Ausführungen des Autors ab.
Jörg Oberste legt mit diesem reich bebilderten TV-Begleitbuch eine neue Deutung vor. Er interpretiert die erzählten Geschehnisse auf der Grundlage der reichen mittelalterlichen Text- und Bild-Überlieferungen und findet dabei überraschend neue Spuren. Vor allem geht er der Frage nach, warum dieser mittelalterliche «Bestseller» auch heute noch auf solch große Resonanz stößt und welch verschlungene Pfade die Nibelungen in der Moderne eingeschlagen haben. (Verlagsinfo) -
«Der Schatz der Nibelungen» des Regensburger Mittelalter-Forschers Jörg Oberste ist eine (bei aller wissenschaftlichen Seriösität) spannend entwickelte Bild-Monographie, die nicht nur hinsichtlich ihres breit recherchierten Detail-Reichtums überzeugt, sondern auch typographisch und von der Bildqualität her eindrücklich ihrem großen «mythischen» Gegenstand angepasst wurde. Ein schöner Geschenk-Band - auch für moderne «Fantasy»-Freunde. (gm/08)

Jörg Oberste, Der Schatz der Nibelungen - Mythos und Geschichte, Gustav Lübbe Verlag, 304 Seiten, ISBN 978-3785723180

Leseprobe

Heute vor … Jahren

Veröffentlicht in Essays & Aufsätze, Heute vor ... Jahren, Jean Genet, Literatur, Walter Eigenmann by Walter Eigenmann am April 17th, 2008

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Ungeheure Träume träumender Ungeheuer

Über «Die Zofen» von Jean Genet

Walter Eigenmann

 

Am 17. April 1947 hat das Pariser Théatre de l’Athéne auf seinem Spielplan die Uraufführung eines Stückes, dessen Autor im Säuglingsalter von seiner Mutter, einer Prostituierten, der Fürsorge übergeben wird, und der schon in seiner Jugendzeit als Strichjunge, vagabundierender Dieb, Schwulen-Zuhälter und schließlich als mehrjähriger Sträfling jenes Verworfenen-Leben lebt, das später zur zentralen Staffage, ja zur zelebrierten Unter- und Gegen-Welt des totalen Werte-Negierens in fast allen seinen Romanen und Stücken erhoben wird. Die Rede ist von dem französischen Schriftsteller, Dramatiker und Poet Jean Genet (1910-1986) - und von seinem absurd-grotesken Prosa-Einakter «Die Zofen» (Les Bonnes).
Die Zofen, das sind die Schwestern Claire und Solange, welche dienend gleichsam zum lebenden Mobiliar in der reichen Salon-Welt einer «gnädigen Frau» erniedrigt sind, die aber, ist die Herrschaft aus dem Haus, zu eigenem Spiel und Traum umsiedeln, um dort ihren Herrschafts-Trieben, ihren Vergeltungs-Sehnsüchten, ihrer gegenseitigen Hass-Liebe und ihrem Vernichtungsrausch zu frönen.

Der Mord als Katharsis

Ihr Mord-Plan, die Herrin zu vergiften, nachdem sie deren Geliebten bereits anonym denunziert und (wie sie meinen) für immer ins Gefängnis gebracht haben, ist der erste Schritt zur eigenen Erlösung, die das soziale Gefüge neutralisieren und die beiden Zofen selber im phantastmagorischen Rollen-Spiel als Dienerin und als Herrin installieren soll. Claire (als neue Herrin) und Solange verstricken sich qualvoll leidend und lüstern genießend zugleich in ihre grausam-lustvolle Traum-Flucht hin zur selbstgewählten Knechtschaft, die sie befreien soll. Der Zofen genüsslich-morbide Spiel-Lust an der Unterwerfung wie der Unterdrückung macht sie zu «Ungeheuern - wie wir selber, wenn wir dieses oder jenes träumen» (Genet). Als die psychologisch konsequent vorangetriebene Apotheose dieser Liebe-Hass- und Herrschaft-Unterwerfung-Ambivalenz naht, kippt die erst gespielt-virtuelle Identitäts-Flucht der beiden Zofen in die tragische Realität: Herrin ist nun Claire, und diese trinkt das für die «Gnädige» bestimmt Gift, «während Solange unbeweglich mit dem Gesicht zum Publikum steht, die Hände überkreuzt, als ob sie Handschellen trüge».
Der «Komödiant und Märtyrer Saint Genet», wie Sartre in seinem gleichnamigen umfangreichen Essay diesen sowohl biographisch wie literarisch solitären Skandal-Autoren nennt, interpretiert selber «Die Zofen» weder als Sozialkritiker noch als Psychologe oder gar Moralist, sondern als Poet: «Ich versuchte, eine Distanzierung zu erreichen, die gleichzeitig einen deklamatorischen Ton zulassen und es ermöglichen sollte, das Theatralische ins Theater zu bringen. Ich hoffte, dadurch die Charaktere abzuschaffen… und sie durch Symbole ersetzen zu können, die so weit wie möglich von dem entfernt sein sollten, was sie eigentlich verkörperten, und doch wieder eng damit verknüpft, um als einziges Bindemittel zwischen Autor und Publikum dienen zu können. Kurz, ich wollte erreichen, dass die Figuren auf der Bühne nur noch Metaphern dessen waren, was sie darstellen sollten.» Die selbstimaginierte Hass- und Ekel-Eskalation der Zofen wird so zur Zelebrierung eines Rituals, welches das Verbrechen als reinigende Kult-Handlung zentriert: Der Mord als Katharsis.
Auf die (im biographischen Kontext durchaus naheliegende) Frage, warum er nie einen Mord verübt habe, entgegnete einmal der homosexuelle Kriminelle und ewige Flüchtling Genet entwaffnend: «Wahrscheinlich, weil ich meine Bücher geschrieben habe». Und die Kompromisslosigkeit, mit welcher dieser Autor - dessen Leben sich vor einem bürgerlichen Blick wie ein einziger tragischer Witz ausbreitet - die überhöhende wie krankhaft überhöhte Leidensfähigkeit seiner Protagonisten bis zur bitteren Neige auskostet, wird nur noch übertroffen durch die absurden, schier irrealen Trivialitäten, welche all diese Düsternis und dieses Scheitern in Genets teils perversen, teils ins Religiös-Heilige gesteigerten Welt(en) auszulösen vermögen. Dass sich der Existenzialist Sartre und der frühe Cocteau sowie in der Folge solche namhaften Underground- und Beat-Schriftsteller wie Allen Ginsberg, William Burroughs, Jack Kerouac oder Gregory Corso bis zu Charles Bukowski auf Jean Genet als einen ihrer literarischen Animateure berufen, ist also keineswegs zufällig.

Die zwei Schwestern

Die Inspiration für seinen «Zofen»-Handlungsrahmen holte sich Genet bei einem wahren Mordfall im französischen Städtchen Mans, wo die beiden Geschwister Christine (28) und Léa Papin (21) schon lange in einem bürgerlichen, äußert streng geführten Haushalt in der Provinzstadt Mans als Dienst-Mädchen angestellt waren. Wie sich die Tragödie abspielte, schildert Edmund White in seinem Buch «Jean Genet» (München 1993):
«Eines Tages versagte die Elektrizität im Haus. Da die Familie nicht da war, trugen die Dienstmädchen die Verantwortung. Als Mutter und Tochter nach Hause kamen, beschimpften sie die Schwestern, die in einem Wutanfall Mutter und Tochter die Augen auskratzten und sie töteten. Dann verstümmelten sie die Leichen und badeten die eine im Blut der anderen. Nach getaner Arbeit wuschen sie ihre Werkzeuge, nahmen ein Bad und legten sich im Bett zur Ruhe mit den Worten: ‘Da haben wir uns aber was geleistet!’
Die Schwestern waren immer unzertrennlich gewesen, selbst in ihren Ferien. Bei ihrem Prozess waren sie außerstande, ein Motiv für ihr Verbrechen zu nennen. Ihr einziges Interesse war, die Schande gemeinsam zu tragen. Nach fünf Monaten im Gefängnis, während derer sie von ihrer jüngeren Schwester getrennt war, brach Christine zusammen und versuchte, diesmal sich selbst die Augen auszukratzen. Als sie in eine Zwangsjacke gesteckt wurde, machte sie obszöne Verrenkungen, dann fiel sie in Schwermut.
Nachdem die beiden Mädchen zur Guillotine geführt wurden, sank Christine auf die Knie.»

Pakt mit dem Teufel

Von «NotreDame-des-fleurs» (1944) und seiner ständigen Konfrontation mit der Problematik des Tötens über «Le balcon» (1957) mit der zentralen Intention «Die Welt ist ein Bordell» bis hin zu der gigantomanen, theatralisch nicht mehr zu bewältigenden Totentanz-Opulenz der «Paravents» (1961) - Genet nannte diese seine «Wände» maßlos verniedlichend ein «Märchenspiel», ein «Fest, gewidmet den Lebenden wie den Toten» - durchzieht dabei das gesamte umfangreiche Genet-Oeuvre eine omnipräsente Spur der gewaltsamsten Obszönität und der obsessivsten Missachtung aller gesellschaftlich determinierten Moralität. Anders als etwa Henry Miller, dessen übersteigerte «literarische Sexualität» (zumindest anfänglich) banalste monetäre Ursachen hatte, ist Genet der wahrhaft Besessene, der Bilder-Junkie, der Apotheotiker auch der phallischen (präziser: homo-erotischen) Virilität, dem aller Unterleib zu Kopf steigt. Jean Genet, das ist ein einziger permanenter Tabu-Bruch, und das an Leib und Seele.
Zurecht ist in der Genet-Forschung auf die nicht nur thematische, sondern auch stilistische Parallelität Genets zur ebenfalls barock-opulenten Monströsität eines seiner «Vorgänger», nämlich des Marquis de Sade hingewiesen worden. Gleich wie bei jenem - und wieder anders als bei Miller - kommt die Prosa, kommen auch die Dramen Genets, bei all ihrer pervers-kriminellen Narration, seltsam reflektorisch daher, Dialoge und Schilderungen sind seitenweise versetzt mit quasi-philosophischen Exkursen - irritierende Reflexionen, welche die Symbolik einzelner Handlungsstränge selten erklären, meist vielmehr vorantreiben. In zwanghafter Fatalität breitet so fast jedes Genet-Werk je eine eigene wahrliche Ästhetik des Bösen aus - Der «Querelle»-Verfilmer Rainer Werner Fassbinder nennt das 1982 den «Pakt mit dem Teufel» -, die desillusionierende Analyse menschlichen Zusammenlebens wird zur buchstäblichen Sprach-Gewalt. In einem Geschwister-Dialog der «Zofen» wird das exemplarisch im Hinblick auf menschliche Bindungen formuliert: «Ich möchte dir helfen. Ich möchte dich trösten, aber ich weiß, ich ekle dich an. Ich stoße dich ab. Ich weiß es, weil du mich anekelst. Liebe in Knechtschaft ist keine Liebe.»
Zwar sind die «Zofen» in ihrer psychopathischen Individualsphäre ein Drei-Personen-Binnenstück, aber deren unentrinnbar verstrickender Identitäts-Zwiespalt, eines der großen Leit-Motive Genets, hat Genet selber hochtransponiert in seine eigene, post-literarische Lebens-Phase, da er sich vornehmlich als politischer Aktivist betätigte: Als Vietnamkrieg-Gegner, aber auch als RAF-Sympathisant; als Arafat-Freund im palästinenischen Freiheitskampf, aber auch - weltweit kritisiert - als «einfühlsamer» Versteher des «Dichters» Hitler, über den er (nur ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg!) schreibt: «Dichter, der er war, verstand er, sich des Bösen zu bedienen. Er zerstörte um der Zerstörung willen, er tötete, um zu töten.» Und: «Der Führer schickte seine schönsten Männer in den Tod. Das war die einzige Möglichkeit, die er hatte, um sie alle zu besitzen.» Hier wird noch beim späten Genet ein zweites lebenslanges literarisches Motiv dieses Allegorien-Hymnikers auf den Punkt gebracht: Die Entindividualisierung der Protagonisten, die am Ende ihres Umwandlungsprozesses nur noch als existenzielle Nackheiten vorhanden sind - als «Inszenierung ihrer äußerlichen Form», wie es die Genet-Analytikerin Michaela Wünsch einmal formulierte.
Wie fast alle seine Stücke wurde «Die Zofen» - der Dramen-Erstling Genets - vom schockierten zeitgenössischen Theater-Publikum nicht verstanden, sondern boykottiert, die Erstaufführung geriet zum Desaster, auch für den Regisseur Louis Jouvet. Noch war die Zeit 1947 nicht reif für einen Jean Genet - nicht für den Heiligen, und nicht für den Sünder. ♦

Mystische Texte gesucht

Veröffentlicht in Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann am April 17th, 2008

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«Die Magie des Augenblicks»

Der neue Publikumsverlag «Edition Zäsur» sucht für seine geplante Anthologie «Die Magie des Augenblicks» noch mystische Texte, die gegebenenfalls auch im Bereich der Esoterik angesiedelt sein dürfen. Die Länge der Geschichten sollte zehn Norm-Seiten nicht übersteigen. Texte können noch bis zum 30. August 2008 eingesandt werden, die detaillierte Ausschreibung findet sich hier.

Wer bin ich?

Veröffentlicht in Literatur, Wer bin ich? by Walter Eigenmann am April 16th, 2008

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Dialog-Kabinettstückchen

wer-bin-ich-08b-glarean-magazin.jpgIm «alten» Berlin war ich bekannt für meinen satirischen Witz, meine scharfe Zunge, meine geschliffene Feder - doch alles mit einem humorvollen Augenzwinkern. Trotzdem eckte ich durchaus auch mal bei der Obrigkeit an. Für mich Grund genug, die Urheberschaft meiner Zeitungsartikel zuweilen mit «Ernst Heiter» zu verschleiern. Recht bekannt wurde mein leicht «biedermeierlicher» Humor u.a. durch das folgende Dialog-Kabinettstückchen:

 

Also: Wer bin ich?

Wettbewerb der Schreibszene Schweiz

Veröffentlicht in Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann am April 15th, 2008

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«Knackige Postkarten-Texte»

Die Literatur-Homepage «Schreibszene Schweiz» widmet ihren diesjährigen Wettbewerb «Postkarten-Texte» dem Thema «schauerlich». Die Texte sollen auf einer Postkarte Platz haben, dementsprechend werden die Gewinner-Texte auf Postkarten gedruckt. Inhaltliches Vorbild ist dabei die bekannte Sendung «Schreckmümpfeli» von Radio DRS; gesucht werden «nackenhaarsträubende, witzige und intelligente Postkarten-Schreckmümpfeli». Einsende-Schluss ist am 1. Mai 2008, die Einzelheiten der Ausschreibung finden sich hier.