Glarean Magazin

Esther Kinsky: «Fremdsprechen – Gedanken zum Übersetzen»

Posted in Buch-Rezension, Esther Kinsky, Glarean Magazin, Karin Afshar, Literatur, Rezensionen by Walter Eigenmann on 3. Mai 2013

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Übersetzen – eine seltsame Könner-Kunst

Dr. Karin Afshar

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MSB Kinsky Fremdsprechen Umschlag.inddEin Künstler – um vorauszugreifen – muss nichts wissen, ein Könner alles. Der Titel dieser Besprechung wie auch der erste Satz greifen die Anfangssätze des letzten Absatzes aus Esther Kinskys Buch «Fremdsprechen» auf. Darin geht es ums Übersetzen und ums Schreiben, denn Esther Kinsky ist beides: Schriftstellerin und Übersetzerin.
Der «kleine Text» (immerhin auf 122 von 141 Seiten und in 10 Kapitel unterteilt) ist eigentlich ein Essay und – das stellt die Autorin gleich zu Beginn klar – kein Ratgeber und keine Anleitung für Übersetzer. Wie es mir immer passiert, ist dieses Buch ganz und gar nicht zufällig in meine Hände gelangt: es hat mich gefunden, sitze ich doch gerade an der Überarbeitung einer Übersetzung aus dem Persischen ins Deutsche. Also beginne ich meinen Dialog mit dem Buch und mit Esther Kinsky, und wir sind keine geschlossene Gesellschaft, denn Sprachen und was mit ihnen in Textgeweben geschieht, was mit uns geschieht in diesen Bild- und Klangwelten, geht nicht nur sie und mich an.

Einen Schritt zurück: Wie kommt sie denn auf diesen Titel? Fremdsprechen? Ein Verschreiber? In Kapitel 3 dazu eine Geschichte, in der wir von Vertrautheit und Fremdheit lesen. Wir lesen auch, dass Sprache einerseits Konvention ist, der wir uns zu beugen haben, wenn wir von den Unseren verstanden werden wollen. Und doch ist sie unser eigenster Besitz. Wir haben ein persönliches Verhältnis zu den Dingen in der Welt und zu den Wörtern, mit denen wir sie bezeichnen. Wenn wir einer uns fremden Sprache begegnen, erleben wir, dass die Dinge nicht nur andere Bezeichnungen bekommen, sondern die Sprecher dieser Bezeichnungen darüberhinaus ein anderes Verhältnis zu den Dingen haben und völlig andere Erfahrungen mit ihnen benennen.
Übersetzen, schreibt Esther Kinsky, ist das Umbenennen der Welt, in dem Bekanntes fremdgesprochen wird. Sie gibt lesenswerte Beispiele dafür. Jeder, der zwei oder mehr Sprachen spricht, wird weitere Geschichten beisteuern können.

Esther Kinsky

Esther Kinsky (*1956)

Um die Frage der Übersetzbarkeit von sprachlichen Ausdrücken und Metaphern, von Sprachbildern und um deren Grenzen geht es in den nächsten beiden Kapiteln. Manches ist nicht übersetzbar! Sprache ist eine Ordnungsstifterin, und als solche tut sie dies unterschiedlich in unterschiedlichen Sprachen. Wir versprachlichen z.B. das Konzept von Zeit unterschiedlich und handhaben es auch so – welche Kluft kann sich da auftun! Ich sitze doch gerade daran: die persischen Konzepte von Linearität in der Zeit sind ganz andere als die deutschen. Wie bzw. ob wir Vor-, Gleich- und Nachzeitigkeit ausdrücken, prägt unsere Wahrnehmung der Welt ebenso wie es die räumlichen Einteilungen in oben, unten, rechts und links tun. Beim Übersetzen können die Unterschiede bedeuten, dass der Versuch, die grammatischen Zeitverhältnisse einer fremden Sprache nachempfinden zu wollen, zu einer Verfremdung des Textes in der Übersetzung führt. Dieses wird dem Original dann nicht mehr gerecht. Eine Schlussfolgerung: Der Übersetzer darf das Original nicht eigenmächtig verbiegen – und in manchen Fällen eine Unübersetzbarkeit akzeptieren.

Was unterscheidet nun den Schriftsteller vom Übersetzer? – Übersetzend, schreibt Esther Kinsky, probiert man ganz verschiedenes Handwerkzeug aus. Schreiben ist ein vorrangig kreativer Prozess, Übersetzen ein handwerklicher Vorgang; der eine schafft Kunst, der andere bearbeitet ein fertiges Material.
Der eine fließt in und mit seinem Text, der andere handelt aus einem Ruhezustand heraus. Der Übersetzer ist der Fremdsprecher des Originals, und wenn er es gut macht, dann ist er ein Könner und doch auch ein Künstler. ■

Esther Kinsky: Fremdsprechen – Gedanken zum Übersetzen, 141 Seiten, Matthes & Seitz Verlag, ISBN 978-3-88221-038-5

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Gesina Stärz: «Die Verfolgerin» (Roman)

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«Heute Nacht bin ich gestorben»

Günter Nawe

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Gesina-Staerz_Die Verfolgerin_CoverWas wäre, wenn… man einfach einen Menschen töten würde. Einfach so – auf der Straße? Traum oder Albtraum – oder gar Wirklichkeit? Ein solcher Gedanke jedenfalls wird für Jossi zu einer Art Obsession. Dabei ist Jossi, Anfang vierzig, eine eigentlich recht unauffällige Frau, die in sogenannten gutbürgerlichen Verhältnissen lebt. Ihr Mann ist Kardiologe, die beiden Söhne studieren, sie verdient sich ihr Geld als Texterin.
Wäre da nicht… Von ihrem Mann, der im Roman nur als «der Ehemann» oder «der Mann» bezeichnet wird, fühlt sie sich nach zwanzig Jahren Ehe nicht mehr genügend beachtet, ja verlassen – und wird es letztendlich auch. Ihre Liaison mit Till ist mehr oder minder oberflächlich. Bleibt nur der Schmerz, das Unausgefülltsein. Am Ende hat der Leser ein großartiges Psychogramm einer Frau gelesen.
«Heute Nacht bin ich gestorben», so heißt es zu Beginn des Romans. «Innerlich… Der Mann neben mir im Bett hat geschnarcht…« Ein Whiskey sour lässt «alle Zellen in mir in Schneekristalle verwandeln. Ich weiß nicht, ob ich das geträumt habe, aber ich fühlte mich besser, und etwas in mir wusste, dass dieser Zustand anhalten würde.»

Soweit also die «psychologischen» Voraussetzungen in dem Roman «Die Verfolgerin» von Gesina Stärz. Die Autorin, sie ist in Sachsen geboren, lebt in München und hat mit «kalkweiss» bereits 2011 einen beachtlichen und beachteten Roman veröffentlicht. In ihrem neuen Roman gelingt es ihr auf sehr subtile Weise, Fiktion und Wirklichkeit in Einklang zu bringen, ein spannendes Geflecht von Traum und realem Erleben herzustellen.
Jossi «erfindet» sich ein neues Leben außerhalb der bisherigen Lebenswirklichkeit. Sie verstrickt sich in die Gedankenwelten von Mörderinnen und Mördern, plant gedanklich den perfekten Mord. Motiv: Fehlanzeige. Ihre «Opfer»: Zufallsbegegnungen und Menschen, auf deren Gesichtern alle Empfindungen gelöscht sind. Sie wird zur «Verfolgerin» – auf der steten Suche nach ihren Opfern.
Hier bekommt der Roman einen interessanten kriminalistischen Touch. Jossi recherchiert bis ins kleinste Detail eine Tötungsmethode, die keine Spuren hinterlässt. Ein Gift, das nicht oder kaum nachweisbar ist, wird über eine komplizierte Konstruktion durch einen Stock für das Opfer kaum wahrnehmbar injiziert wird.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin

Gesina Stärz hat einen schönen und spannenden Roman geschrieben, der angesiedelt ist zwischen Psychologie und Kriminalistik, zwischen Traum und Wirklichkeit – und zugleich eine interessante psychologische Studie darstellt über Fiktion und Realität

Die «Planungen» der Morde, die Recherche nach einem seltenen Gift, die Konstruktion der «Waffe», die «Durchführung» (Jossi hat 17 Morde begangen, und niemand hat es bemerkt) – dies alles steht in direktem Zusammenhang mit dem realen Leben der Verfolgerin. Nach außen sieht es so aus, als gelte der ganze Aufwand einem Romanprojekt. Familie, Freundinnen, der Liebhaber – sie alle werden auf raffinierte Art und Weise getäuscht. Alles andere bleibt offen. Fiktion oder Realität? Am Ende bekennt die Verfolgerin: «Ich wollte nicht, das der Ehemann geht. Ich wollte, dass er mich sieht, dass er mich spürt, dass er mir die Hand reicht.». Gibt es hier doch das, was Psychologen und Kriminologen ein Motiv nennen?

Am Ende steht auch ein Satz, der diesen Roman in sprachlicher Hinsicht charakterisiert: «Ihr Ton ist sachlich und wirkt streng.» Das gilt auch für Gesina Stärz’ Sprache, die fast emotionslos ist und wie ein Dossier gelesen werden kann. Die Spannung bezieht das interessante Werk aus seiner gelungenen Mischung von Traum und Wirklichkeit – und tieferer Bedeutung. ■

Gesina Stärz: Die Verfolgerin, Roman, edition 8, 174 Seiten, ISBN 978-3-85990-183-4

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Nico Bleutge: «Verdecktes Gelände» (Gedichte)

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Moderne Lyrik – mit Voraussetzungen

Bernd Giehl

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Nico Bleutge_Verdecktes Gelände_CoverWer schreibt heute eigentlich noch Naturgedichte? Ich muss gestehen: Ich bin nicht auf dem Laufenden. Jedes Jahr erscheinen so viele Lyrikbände, da kann man schon mal den Überblick verlieren – Sarah Kirsch fällt mir ein oder Wulf Kirsten, aber sonst? Gibt es auch noch jüngere Autoren, die die Natur zu ihrem Gegenstand wählen? Ich habe ein wenig im 25. Jahrbuch der Lyrik (S. Fischer 2007) geblättert. Ein paar habe ich im Teil von 1998 gefunden (Jürgen Becker, Friederike Mayröcker). Sonst: nicht viel. Naturlyrik scheint gerade nicht «in» zu sein. Dabei vereint dieser Band doch die Gedichte unterschiedlichster Autoren aus den Jahren 1979-2006.

Viele Gedichte Nico Bleutges handeln vom Erleben der Natur. Aber es ist keine idyllische Natur, sondern eine eher fremdartige, vom Menschen unter seine Herrschaft gezwungene, die Bleutge beschreibt:
«am ufer ankommen, wach/ unter dem schwelgeruch der flure, ruß-/ wasser, wandernder austritt, der sog/ lief langsam in sich zurück. keller / die nachhallten, gänge, einfach überwölbt, / von feuchte durchzogen, sie zeigte sich vorne, / bewegte sich im hintergrund, kaltluft drang nach, / infiltrierte die stufen, moos, die rohe verflechtung/ löste sich aus dem raum, löste sich auf im gehen/das schon innen war, wände verschwammen, zellen/ wuchsen in die gänge ein, porig, vertraut/ mit den fugen, ließen sie, ringsum verlängert / pflanzen austreiben, wuchernde blattformen/ führten tiefer ins ufer hinab.»

Nico Bleutge

Nico Bleutge (geb. 1972)

Bleutges Technik ist die der Überblendung. Bilder schieben sich ineinander. Da ist zum einen das Bild eines Bach- oder Seeufers und zum anderen das Bild eines alten bemoosten Kellergewölbes oder Kellergangs, und beide werden bis zur Ununterscheidbarkeit vermischt. An anderen Stellen beschreibt Bleutge nur Natur, aber er geht so nah heran, dass das Bild verschwimmt:
«wasser im sinn haben, steine, / das rundumlaufende licht/ auf den schichten des piers// meeresbeweglichkeit, kurzes/ sprühen, austausch von wärme/ und gewicht, denken an//
Witterung, kiemen, brüchiges/, holz, das sich ablöst, gleich/ wieder angesaugt wird//
von den pfosten am pier./ fischsilber, mölekulares/ glänzen, rohglas, zersplittert//
und doch aufgenommen, vermischt/ mit der entfernung zum hafen/ die masse durchdringt sich,  wasser//
in wasser, ein drängen so eins/ in sich, so unterschieden/ wie die steine, die gleiten, leicht//
ihre schuppen verlieren, sinken/ versenken zinkweiße strömung/ aus spannung und klang//
die nicht nachläßt/ sich formt/ im gedanken an flutwechsel, / dämmerungsdichte am hafen.»
Natur wie fotografiert vom Makroobjektiv. Der Pointillismus fällt mir ein, eine Strömung, die sich Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Impressionismus entwickelte, und dessen Bilder man nur erkennen kann, wenn man Abstand nimmt.
Aber keine Regel ohne Ausnahme. Es gibt auch andere Gedichte, die fast schon verständlich sind beim ersten Lesen. Gedichte, von denen man den Eindruck hat, man könne ihren Inhalt in eigenen Worten wiedergeben.(«die augen meiner Mutter waren hinter glas», S.36, «und manchmal nachts da geht der atem leise, S.40) Das sind dann keine Gedichte über die Natur, sondern über das eigene Bewusstsein.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin

Die Gedichte Nico Bleutges handeln vom Erleben der Natur. Aber es ist keine idyllische Natur, sondern eine eher fremdartige, vom Menschen unter seine Herrschaft gezwungene, die Bleutge beschreibt. Komplexe Sprachgebilde, die gewisse Kenntnisse der modernen Literatur voraussetzen.

Gedichte, so habe ich es schon mehrfach behauptet, sagen nicht unmittelbar, was sie meinen, sondern sie sprechen in Bildern, und manchmal stellen sie ihre Leser auch vor Rätsel. So betrachtet sind diese Gedichte durchaus lesenswert. Allerdings sollte man schon eine Ahnung von moderner Lyrik haben, ehe man sich mit ihnen befasst… ▀

Nico Bleutge: Verdecktes Gelände, Lyrik, C.H. Beck Verlag, 68 Seiten, ISBN 978-3406646782

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Interessante Buch-Novitäten – kurz vorgestellt

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Ferdinand Wedler: «stARTistik» – Die Welt in Kunstkuchen

Ferdinand Wedler - Startistik - CoverDer deutsche Philologe und technische Software-Redakteur Ferdinand Wedler (geb. 1979) ist als freiberuflicher Illustrator und Karikaturist vielseitig tätig. In seiner jüngst erschienen «stARTistik» knöpft er sich die oft verräterisch skurrile Welt der Zahlen, Statistiken, Umfragen vor. Als «erzählte Zählungen» will er seine «Welt in Kunstkuchen» verstanden wissen: Seine Kuchendiagramme – jeweils durch eine stilisierte Zeichnung illustriert – haben einen teils direkten, teils mehrdeutigen und auch erst zu enträtselnden Sprachwitz. Vor Wedlers humorvollem Zugriff ist dabei kein Alltagsbereich sicher; das Bändchen ist unterteilt in die Segmente: leben, wohnen und essen, lieben, denken, arbeiten, reisen, sehen-hören-lesen. Denn wie meint der Autor: «An allen Schauplätzen des Lebens lassen sich aus dem Erlebten Kuchenstücke bilden. Teile eines Kuchens, der Raum für das Gedachte öffnet». – Originell. ■

Ferdinand Wedler: stARTistik – Die Welt in Kunstkuchen, 72 Seiten, epubli Berlin, ISBN 978-3844216349 

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Carola Vahldiek: «Ein Tag wie ein Schmetterling»

Carola Vahldiek - Ein Tag wie ein Schmetterling - Cover«Das weiße Blatt / des Tages mit / Worten / beschreiben: / “Guten Morgen!” / Den Morgen gut sein lassen» – so eröffnet die Lyrikerin und bekannte norddeutsche Naturphotographin Carola Vahldiek ihr jüngstes kleines «Wohlfühl-Bändchen» namens «Ein Tag wie ein Schmetterling». Und ebenso leicht-luftig kommen alle anderen Sprüche und Illustrationen auf diesen schmuck gestalteten, betont positiv gehaltenen “Frühlingsblättern” daher. Innehalten, aber auch Wandlung sind dabei zwei zentrale inhaltliche Leitmotive des auch kalligraphisch hübsch konzipierten Büchleins. Problembewusstsein oder philosophische Schwere findet sich nirgends auf diesen paar farbhellen Seiten – dafür viel guter Zuspruch und die Aufforderung zum Wahrnehmen des Moments: «Am Ende / mit blauen Stiften / Nacht / einkehren lassen / und einen / Stern».  – Wellness. ■

Carola Vahldiek: Ein Tag wie ein Schmetterling, 24 Seiten, Verlag am Eschbach, ISBN 978-3-86917-216-3

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Johanna Adorjan: «Meine 500 besten Freunde»

Johanna Adorjan - Meine 500 besten Freunde - CoverDie bekannte FAZ-Feuilletonistin Johanna Adorján präsentiert mit ihrem Band «Meine 500 besten Freunde» nun bereits ihre dritte grössere Belletristik-Novität – nach dem Theaterstück «Die Lebenden und die Toten» (2004) und nach «Eine exklusive Liebe» (2009).
Der Band versammelt 13 eher lose miteinander verknüpfte Erzählungen aus und über Deutschlands Hauptstadt. Die 1971 in Stockholm geborene Autorin breitet dabei ein durchaus sensibel beobachtetes Kaleidoskop von Berliner Protagonisten aus, deren Leben sich extrem widersprüchlich zwischen Sein und Schein abspielt, gespiegelt in der oft scharf formulierten Ironie Adorjans. Die skurrile bis abstruse Welt der Berliner Schickeria und ihren Modemachern, Regisseuren, Schauspielern und Journalisten – hier wird sie literarisches Ereignis. – Lesevergnügen. ■

Johanna Adorján: Meine 500 besten Freunde, Erzählungen, 256 Seiten, Luchterhand Verlag, ISBN 978-3-630-87354-1

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Weitere Rezensionen im Glarean Magazin

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Interessante Buch- und Musik-Novitäten – kurz vorgestellt

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«Hit-Session»: Weihnachtslieder für Keyboard

Musik-Bosworth-Keyboard-Weihnachten-CoverIn Fortsetzung seiner neuen, bereits umfangreichen Serie «Hit-Session» veröffentlichte der Musik-Verlag Bosworth nun unter dem Titel «Keyboard – Weihnachtslieder» eine Sammlung der beliebtesten Christmas-Songs aus aller Welt. Neben zahlreichen traditionellen, vorwiegend europäischen Weisen – von «Adeste Fideles» bis «Zu Bethlehem geboren», von «Feliz Navidad» bis zu «Stille Nacht» -  versammelte der Verlag auch eine Fülle englischsprachiger bzw. amerikanischer Christmas-Hits. Als Autor(inn)en fungieren hier so berühmte Song-Makers wie Mariah Carey, Boney M, John Lennon, Bryan Adams, Elvis Presley, Chris Rea oder Celine Dion, um nur wenige zu nennen, und Titel wie «Last Christmas», «Jingle Bell Rock», «Driving home for Christmas», «Happy X-mas (War is over)», «Sleigh ride», «Rudolph, the red-noised Reindeer», «Winter wonderland» oder «Let it snow» gehören auch hierzulande längst zum festen Weihnachtslieder-Kanon. Jeder Song beinhaltet neben den obligaten Akkord- und Tempo-Angaben auch die Strophentexte, er ist ausserdem in handlichem Format gedruckt und mit sehr praktikabler Spiralheftung versehen. Für  Unterrichtszwecke hätte man sich noch die Fingersätze der einstimmigen Keyboard-Notationen gewünscht, aber insgesamt: Empfehlenswert. ■

Hit-Session: Keyboard Weihnachtslieder, 100 Weihnachtslieder, 140 Seiten, Bosworth Musikverlag, ISBN 978-3-86543-703-7 

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Hans Sahl: «Der Mann, der sich selbst besuchte» – Erzählungen

Literatur-Luchterhand-Hans-Sahl-Erzaehlungen-CoverMit dem vierten Sahl-Band «Der Mann, der sich selbst besuchte» schließt der Luchterhand-Verlag seine sehr verdienstvolle Werkausgabe Hans Sahls ab. Das Buch, basierend auf dem bereits vor 25 Jahren in deutscher Sprache publizierten Band «Umsteigen nach Babylon», enthält sämtliche Erzählungen des Autors, darunter auch eine Reihe von bislang unveröffentlichten Texten aus dem Nachlass, sowie seine bereits zu Sahls Lebzeiten bekanntgewordenen Glossen. Diese oft an entlegenen Stellen veröffentlichten Miniaturen in dieser Ausgabe wieder verfügbar zu machen ist ein besonderes Verdienst dieser jüngsten und letzten Sahl-Anthologie. Zurecht ist der Verlag stolz darauf, mit dieser Edition das erzählerische Werk Sahls in seiner Gesamtheit neu erschlossen zu haben – und damit das Werk «eines großen Autors», der in die Emigration getrieben wurde, und der «doch auch in der Ferne nichts von seinem Witz und seiner moralischen Feinfühligkeit verlor». Für literarisch besonders Interessierte und für jeden Freund hochstehender Kurzprosa unbedingt ein Favorit für das Buchgeschenk unterm Weihnachtsbaum! ■

Hans Sahl: Der Mann, der sich selbst besuchte, Erzählungen und Glossen, 416 Seiten, Luchterhand Verlag, ISBN 978-3-630-87293-3

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Sarah Lark: «Die Insel der roten Mangroven» – Roman

Adobe Photoshop PDFAuf Jamaika schreibt man das Jahr 1753: Deirdre, die Tochter der Engländerin Nora Fortnam und des Sklaven Akwasi lebt behütet auf einer Plantage. Bis sie den jungen Arzt Victor Dufresne kennenlernt und heiratet. Gmeinsam schifft man sich ein nach Saint-Domingue auf der Insel Hispaniola – um sich dort plötzlich dramatischen Verwicklungen ausgesetzt zu sehen.
Sarah Lark – Pseudonym einer deutschen Bestseller-Autorin – legt hier den zweiten Band ihrer erfolgreichen Karibik-Saga vor – und bedient sich bei fast allen publikumswirksamen Ingredienzien des Genres: Historisch bewegter Hintergrund, exotischer Schauplatz, grandiose Heldenhaftigkeit, und selbstverständlich ein sattes Maß an Herz-Schmerz. Für Kenner und Geniesser des sog. Historischen Romanes sind die «Mangroven» kein Muss, doch für Lark-Fans sicher ein neuer Höhepunkt des Lesespaßes. ■

Sarah Lark: Die Insel der roten Mangroven, Roman, 668 Seiten, Lübbe Verlag, ISBN 978-3-7857-2460-6

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Interessante Buch- und CD-Neuheiten – kurz vorgestellt

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Cotton Reloaded: «Der Beginn» – E-Book-Roman

Mitte der 1950-er Jahre begann mit dem ersten Jerry-Cotton-Heft im Bastei-Verlag eine der kommerziell erfolgreichsten Krimi-Serien, deren weltweit verbreiteter Hype unter Mitwirkung von weit über 100 Autoren bis heute andauert. Nun legt der Lübbe-Verlag nach und transferiert den smarten amerikanischen FBI-Agenten mit einer Reloaded-Reihe ins moderne Zeitalter des digitalen E-Book-Lesens. Die erste Story des «neuen» Cotton titelt «Der Beginn» und startet im New York des Jahres 2012, wo der modernisierte G-Team-Mann mitsamt seinen Nebenfiguren Phil Decker, Zeerookah, Mr. High u.a. einen Serienkiller jagt – in einer Welt des Terrorismus’, des Cybercrime, der Drogen- und der Bankenkriminalität.
Der Verlag will Cotton monatlich «reloaden», und jeder Band erscheint ausschließlich als E-Book und als Hörbuch (in den Formaten ePub bzw. MP3), wobei die einzelnen Folgen in sich abgeschlossen sind. Den Start-Band «Der Beginn» hat Bestseller- und «Tatort»-Autor Mario Giordano («Apocalypsis») geschrieben, Verfasser der zweiten Folge «Countdown» (geplant für Mitte November 2012) wird Peter Mennigen sein. ■

Mario Giordano: Cotton Reloaded – Der Beginn, Kriminal-Roman, E-Book, Lübbe Verlag

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Buch- und CD-Dokumentation: «Jazz unter Ulbricht und Honecker»

Der 1954 im sächsischen Zwickau geborene Jazz-Posaunist, Arrangeur, Komponist, Big-Band-Dirigent und Autor Frieder W. Bergner hat als Musiker und Kulturschaffender jahrzehntelang unterm DDR-Regime gelebt und gearbeitet. In seiner jüngsten, belletristisch-erzählerisch konzipierten Publikation «Jazz unter Ulbricht und Honecker» berichtet er autobiographisch über sein «musikalisches Leben in der DDR» und streift dabei mit grosser Detailfülle und sehr persönlich-authentischem Schreibstil die wichtigsten Stationen und Personen seiner Karriere. Der Band berichtet davon, «wie aus einem schüchternen, kleinen Jungen ein Mann wurde, der sich vor hundert Menschen auf eine Bühne stellt, um mit Musik und mit Worten seine Geschichten zu erzählen. Und davon, wie er sich über Jahrzehnte seines Lebens nicht von dieser Beschäftigung abbringen ließ. Nicht von den Eltern, nicht von den Obrigkeiten in Schule und Staat…» ■

Frieder W. Bergner: Jazz unter Ulbricht und Honecker – Mein musikalisches Leben in der DDR, Prosa-Band & Audio-CD, 212 Seiten, Selbstverlag 2012

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Ueli Schenker: «Jagdgründe» – Gedichte

Seit langem gehört der im Luzernischen Meggen lebende Schriftsteller Ueli Schenker zu den profiliertesten Poeten der Innerschweizer Literaturszene. Einst auch als Theater-Autor aktiv, verlegt sich der promovierte Anglistiker und Germanist Schenker nunmehr seit über 20 Jahren fast ausschließlich auf die Lyrik. Sein jüngster Band «Jagdgründe» muss unbedingt zum Besten seines bisherigen Schaffens gezählt werden. Unterteilt in fünf Kapitel, sind über 90 Gedichte versammelt, denen eine thematisch enorme Vielfalt, metaphorische Dichte und auch große stilitische Varianz eignet. Schenker ist außerdem ein Meister des Bilderkontrasts und des Zusammendenkens heterogener Sinnkreise:
Im Freien
Schnorchelsommer Herbst
Laubhaufenkrieg Advent ver-
passte Schneeballschlachten
über den Heckenspass ver-
rauscht ein Schwanenpaar

Gedichte zum laut Vorlesen und still Nachdenken – empfehlenswert!    ■

Ueli Schenker, Jagdgründe, Gedichte, Isele Verlag, 108 Seiten, ISBN 978-3-86142-559-5

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Interessante Buch- und DVD-Neuheiten – kurz vorgestellt

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Therese Bichsel: «Grossfürstin Anna» – Roman

Die Emmentaler Schriftstellerin und Journalistin Therese Bichsel (*1956) ist seit 1997 v.a. als gut recherchierende und literarisch gewandte Porträtistin historischer Frauengestalten im Bewusstsein der literarischen Öffentlichkeit. Nun legt sie – wiederum im Zytglogge Verlag – die Roman-Biographie der Prinzessin Juliane von Sachsen-Coburg vor – jener Anna Feodorowna (1781-1860), die später als russische Grossfürstin an die Seite eines Enkels von Katharina der Grossen verheiratet wird, dann aber aus St. Petersburg flieht und in der Schweiz heimliche Geliebte und Mutter zweier Kinder wird. Bichsel rollt das Schicksal der 14-Jährigen Prinzessin Juliane einfühlsam und historisch informativ auf bis hin zu den wenigen glücklichen Tagen der schließlich geschiedenen russischen Fürstin Anna auf ihrem prächtigen Gut «Elfenau» nahe der Berner Aare. Die Autorin selber zur Entstehungsgeschichte ihres Buches: «Vor einiger Zeit stiess ich auf Anna Feodorowna und war bald fasziniert von dieser Frau, ihren schwierigen Männerbeziehungen und ihrem Kampf um die unehelichen Kinder in einer Zeit des Umbruchs.» – Eine willkommene Bereicherung des an Interessantem momentan nicht so reichen Genres «Historischer Roman».  ■

Therese Bichsel: Grossfürstin Anna – Flucht vom Zarenhof in die Elfenau, Roman, 304 Seiten, Zytglogge Verlag, ISBN 978-3-7296-0851-1

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DVD-Dokumentation: «Glenn Gould – Genie und Leidenschaft»

Das kanadische Musik-Phänomen Glenn Gould steht im Mittelpunkt des Dokumentarfilms «Genie und Leidenschaft», unlängst in einer Doppel-DVD (inkl. eines «internationalen Director’s Cut») bei «Mindjazz Pictures» erschienen. Das Video präsentiert vielschichtig und über weite Strecken eindringlich präsentiert das Leben und Werk einer der faszinierendsten Persönlichkeiten der jüngeren Musikgeschichte. Pianist Gould – «Der Mann mit dem Mantel und dem Stuhl» – ist bis heute Gegenstand sowohl internationaler Verehrung als auch unablässiger klavierinterpretatorischer Forschung, und auch 30 Jahre nach seinem Tode scheint die Faszination für diesen Ausnahmekünstler noch nicht nachgelassen zu haben. Der Film beinhaltet unveröffentlichtes Archivmaterial, Interviews mit Gould-Freunden sowie Ausschnitte aus bisher noch nicht publizierten privaten Bild- und Tonaufnahmen. – Die beiden DVDs bringen die (so facettenreiche wie zerrissene) Pianisten-Ausnahmerscheinung Glenn Gould mit all ihrer Widersprüchlichkeit und musikalischen Obsession, aber auch mit ihrer intellektuellen Vielschichtigkeit und interpretatorischen Tiefe nahe. Empfehlenswert. ■

Glenn Gould – Genie und Leidenschaft, Dokumentarfilm von Michele Hozer und Peter Raymont, Mindjazz Pictures, Doppel-DVD, 84 Min. & Bonusmaterial 106 Min.

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Ken Follett: «Winter der Welt» – Roman

Die Irrungen und Wirrungen des Zweiten Weltkrieges, seine globalen wie einzelmenschlichen Schicksale nimmt Englands wohl berühmtester Bestseller-Autor Ken Follett («Die Nadel») diesmal als historisches Panorama her für seinen jüngsten Wälzer «Winter der Welt». Der über 1000-seitige Roman – Übersetzung: Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher – ist als der zweite Teil einer «Jahrhundert-Saga»  gedacht – nach «Sturz der Titanen» -  und breitet episch vor zeitgeschichtlich dramatischem Hintergrund mannigfaltige Handlungsstränge mit zahllosen fiktiven wie realen historischen Persönlichkeiten aus. Für manche Leserschichten aspruchsvollerer Belletristik mag Ken Follett (*1949) teils etwas geschwätzig, teils etwas rührselig daherschreiben. Für die in die Millionen gehende Fan-Gemeinschaft des produktiven – und übrigens auch sozial sehr engagierten -, dabei äußerst detailreichen Schriftstellers ist selbstverständlich «Winter der Welt» das literarische Muss dieses Herbstes. ■

Ken Follett, Winter der Welt, Roman, Lübbe Verlag, 1020 Seiten, ISBN 978-3-7857-2465-1

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Boris Johnson: «72 Jungfrauen» (Roman)

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Höllenfahrt im Krankenwagen

Günter Nawe

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So ganz neu ist das Buch, vor acht Jahren bereits in England erschienen, nicht. Jetzt endlich gibt es erfreulicherweise diese herrliche Slapstick-Komödie erstmals auf Deutsch. Und immer noch ist dieser Roman keineswegs  «abgestanden», sondern ein außerordentliches Vergnügen.
Vergnügen? Geht es doch um einen terroristischen Angriff. Und so etwas ist doch wahrlich nicht zum Lachen. Doch! Denn geschrieben hat diesen Roman der etwas exzentrische Boris Johnson, mittlerweile Bürgermeister von London. Und der weiß, was er tut. Versteht er doch viel von Politik, von schnellen Autos, von klassischer Philologie. Manchmal und nicht ungern gebärdet er sich wie ein aristokratischer Snob. Und ist dabei und so ganz nebenher ein intelligenter, ein sprachmächtiger Autor mit einem Hang zu Komödie und Komik. Und aus dieser Gemengelage heraus ist diese wunderbare Polit-Thriller-Satire entstanden.

Bürgermeister, Literat, Komödiant: Boris Johnson

Was ist geschehen? Ein Terroristen-Quartett von der  «Brüderschaft der Zwei Moscheen» klaut einen Krankenwagen, mit dem es sich unter Leitung von Jones der Bombe quer durch London auf den Weg nach Westminister macht. Ziel ist ein terroristischer Anschlag auf das englische Parlament und sogenannten Ehrengästen, vor denen der amerikanische Präsident eine Rede halten wird. Natürlich ist dieser Präsident kein anderer als George W. Bush. Denn wir schreiben das Jahr 2001 – einen Zeitpunkt, kurz nach dem Attentat 9/11, den die Möchtegern-Terroristen bewusst gewählt haben. Verspricht er ihnen doch ein anständiges Medienecho. Und bei Gelingen der Aktion den Einritt ins islamische Paradies, empfangen von zweiundsiebzig Jungfrauen – ein etwas fragwürdiger Lohn. Dass daraus so oder so nichts wird, ahnen nicht nur die Terroristen, sondern auch die Leser.
Profis sind die Vier: Jones, Dean, Haroun und Habib absolut nicht. Und auch die freiwilligen und unfreiwilligen Helfershelfer sind eher Laiendarsteller in Sachen Terrorismus. Mit dem Abgeordneten – very british – Roger Barlow hat Boris Johnson zudem einen Typus ins Spiel gebracht, den keiner ernst nimmt und der dennoch eine Art Hauptrolle spielen wird. So kommt es zu geradezu grotesken Szenen. Die Fahrt mit dem gestohlenen Krankenwagen gerät zu einer Art Höllenfahrt. Einig ist sich dieses Quartett auch nicht immer. Dennoch gelingt es auf oft sehr kuriose Weise, die großangelegten Sicherheitsmaßnahmen zu durchbrechen. Nicht zuletzt deshalb, weil konkurrierende Geheimdienste, unfähige Polizisten, arrogante und karrieresüchtige Parlamentarier dem Geschehen eher tatenlos zuschauen oder sich in die Hosen machen.
Schließlich haben die Vier den Präsidenten in ihrer Gewalt. Sie versuchen, eine weltweite Abstimmung über die Medien zu erreichen, durch die die Häftlinge von Guantanamo freigepresst werden sollen.

Boris Johnson hat einen herrlichen Politik-Thriller geschrieben, ein Buch voller Witz und Komik, voller genialer Einfälle und mit überbordendem Humor. Eine Satire mit einem durchaus ernsten Hintergrund – ein herrliches Lesevergnügen.

Das alles ist so aberwitzig, dass man aus dem Lachen und Staunen nicht herauskommt. Ohne dabei jedoch den ernsten Hintergrund zu übersehen. Komödie und Tragödie liegen nahe beieinander. Am Ende ist es ein wunderbares dramma giocoso. Und eine brillante Vorlage für einen Film.
Johnson ist ein hinreißend witziges und kluges Buch gelungen – mit unzähligen Anspielungen auf seinerzeit aktuelle Ereignisse. Gekonnt und dank eigener parlamentarischer und politischer Erfahrungen kenntnisreich decouvriert er einerseits den demokratischen Machtapparat, die allmächtigen Medien, die vermeintlich allwissenden und alleskönnenden Geheimdienste. Der US-Scharfschütze Prickel, dem im Irak-Krieg in die Hoden gebissen wurde, ist der ideale Vertreter diese Spezies. Johnson macht sich über sie lustig, ironisiert ihre Aktivitäten und Ansichten, macht sich ebenso lustig über das gängige Politikergeschwafel und political correctness und zeigt die Schwachstellen der Systeme auf.
Andererseits stellt Boris Johnson den islamistischen Terror an den Pranger, attestiert ihm Blindheit und immer auch ein wenig Dummheit, stellt Fragen nach der religiösen Motivation. Bei allem Witz, bei aller Situationskomik wahrt der Autor jedoch den Respekt vor dem Islam.
Boris Johnson erzählt in einem atemlosen, rasanten Tempo. Genau drei Stunden und dreiunddreißig Minuten dauert das Romangeschehen, minutiös belegt von 7:52 Uhr bis 11:25 Uhr. Die Slapstick-Einlagen sind ebenso witzig wie die Dialoge. Johnsons an der Wirklichkeit orientierter Einfallsreichtum ist phänomenal. Und so macht das Buch einfach nur Spaß und Freude. ■

Boris Johnson:  72 Jungfrauen, Roman, 412 Seiten. Verlag Haffmans & Tolkemitt, ISBN 978-3-942989-13-8

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Ulrich Kittstein (Hg.): «An Aphrodite» – Gedichte von Frauen

Posted in Buch-Rezension, Glarean Magazin, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rezensionen, Sigrid Grün by Walter Eigenmann on 31. Mai 2012

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Weibliche Lyrik von der Antike bis ins 20. Jahrhundert

Sigrid Grün

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1960 erschien im Verlag Lambert Schneider die Anthologie «Irdene Schale – Frauenlyrik seit der Antike», die damals von Mechthild Barthel-Kranzbühler herausgegeben wurde. «An Aphrodite» ist nun die Nachfolge-Anthologie. Die Auswahl der Gedichte wurde stark überarbeitet. Einerseits musste das Textkorpus reduziert werden, andererseits kamen Gedichte aus dem 20. Jahrhundert hinzu. Gegenwartslyrik wurde allerdings ausgespart, da hier noch kein abwägender Blick aus der Distanz möglich ist. Die nicaraguanische Erzählerin und Lyrikerin Gioconda Belli (* 1948) setzt mit ihren Gedichten also den Schlusspunkt.
Den Schwerpunkt bildet weibliche Lyrik aus dem europäischen und amerikanischen Kulturraum. Aber auch Gedichte von türkischen und arabischen Autorinnen finden sich in der facettenreichen Auswahl, die einen Bogen von der Antike bis ins 20. Jahrhundert schlägt. Dabei lässt sich auch sehr gut der Wandel der weiblichen Lebenswelt nachvollziehen. Hier ist eine erhebliche Ausweitung des Aktionsradius’ festzustellen: Etwa von der ausschließlich innerlichen Lyrik des Mittelalters hin zur oft auch stark politisch motivierten Dichtung im 20. Jahrhundert.

Antikes Vorbild weiblichen Schreibens: Aphrodite (mit Eros / Gemälde: H. C. Danger)

Den Auftakt macht die griechische Dichterin Sappho, die als erste bekannte Lyrikerin Europas gilt. In ihren Texten findet man häufig Anrufungen von weiblichen Vorgängerinnen oder Vorbildern, etwa der Göttin Aphrodite: «Auf buntem Thron, Unsterbliche, Aphrodite,/ Zeus’ Tochter, Listenspinnerin, ich flehe zu dir:/ Lähm’ mir mit Trübsinn nicht und Überdrüssen,/ Herrin den Mut».
In der Anrufung war es auch Frauen möglich, sich in eine (weibliche) Traditionslinie zu stellen und ihr Schreiben zu rechtfertigen. Bis ins 20. Jahrhundert setzt sich der Topos fort: Ingeborg Bachmann widmet ihr Gedicht «Wahrlich» zum Beispiel der russischen Dichterin Anna Achmatova. Hier wird ein intertextueller Bezug über eine Sprach- und Kulturgrenze hinweg geschaffen.
Jede Lyrikerin ist mit einer Handvoll Gedichten vertreten. Man findet zum Beispiel Texte von Sappho (um 600 v. Chr.), Sulpicia (um Christi Geburt), Al-Chansa (7. Jh.), Hildegard von Bingen (1098-1179), Theresia von Avila (1515 – 1582), Gaspara Stampa (1523 – 1554), Karoline von Günderode (1780 – 1806), Marianne Willemer (1784 – 1860), Marceline Desbordes-Valmore (1786 – 1859), Annette von Droste-Hülshoff (1797 – 1848), Emily Bronte (1818 – 1848), Emily Dickinson (1830 – 1886), Ricarda Huch (1864 – 1947), Else Lasker-Schüler (1869 – 1945), Anna Andrejewna Achmatowa (1889 – 1966), Gabriela Mistral (1889 – 1957), Nelly Sachs (1891 – 1970), Marina Zwetajewa (1892 – 1941), Maria Pawlikowska-Jasnorzewska (1894 – 1945), Marie Luise Kaschnitz (1901 – 1974), Hilde Domin (1909 – 2006), Margherita Guidacci (1921 – 1992), Blaga Dimitrowa (1922 – 2003), Nazik al-Mala’ika (1923 – 2007), Ingeborg Bachmann (1926 – 1973), Sylvia Plath (1932 – 1963), Gülten Akin (*1933), Sarah Kirsch (*1935), Gioconda Belli (*1948) u.v.m.

Eine der bedeutendsten Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts: Ingeborg Bachmann

Die Gedichte sind mal poetisch und innerlich, mal gesellschaftskritisch und oft verzweifelt. Zu manchen Texten findet man nur schwer einen Zugang. Die Gründe dafür sind vielfältig und können beispielsweise durch die zeitliche Distanz bedingt sein, die zwischen der Entstehung der Texte und der Gegenwart liegt. Die neueren Gedichte, die der hermetischen Lyrik zuzuordnen sind, entziehen sich dem unmittelbaren Verständnis, weil Autorinnen wie etwa Ingeborg Bachmann versuchten ein neues Sprachverständnis zu entwickeln. Die Bilder sind auf der semantischen Ebene zunächst schwer greifbar, nach dem erfolgreichen Prozess der Dechiffrierung aber dafür sehr eingängig.

«An Aphrodite» ist eine umfangreiche und vielseitige Lyrik-Anthologie, die literarisch eindrucksvoll vor Augen führt, wie viel sich in puncto «Befreiung der Frau» im Laufe des vergangenen Jahrhunderts getan hat.

Besonders reizvoll an diesem Band ist die Möglichkeit, als Leser die Variationen der Rolle der Frau innerhalb der patriarchalischen Gesellschaft sehr gut nachzuvollziehen. Die Auswahl ist also als ausgesprochen gelungen zu betrachten, spiegelt sie doch sehr gut wider, wie die weibliche Lebenswelt und ihr Wandel in den verschiedenen Epochen und Kulturräumen erlebt wurde. Natürlich mag man anführen, dass wichtige Autorinnen wie etwa Rose Ausländer fehlen – aber eine vollständige Zusammenfassung weiblichen Schreibens ist nicht einmal für den deutschen Sprachraum wirklich zu bewältigen.
Sehr gelungen ist auch die Einführung durch den Herausgeber Ulrich Kittstein. Auf wenigen Seiten werden hier die Besonderheiten des weiblichen Schreibens und seine Entwicklung zusammengefasst. Eine umfangreiche und vielseitige Anthologie also, die eindrucksvoll vor Augen führt, wie viel sich in puncto «Befreiung der Frau» im Laufe des vergangenen Jahrhunderts getan hat. Es ist faszinierend, diesem Weg auf einer literarischen Spur zu folgen. ■

Ulrich Kittstein (Hg.): An Aphrodite – Gedichte von Frauen von Sappho bis Sarah Kirsch, 231 Seiten, Verlag Lambert Schneider, ISBN 978-3650250742

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Interessante Buch- und CD-Neuheiten – kurz vorgestellt

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Pindakaas-Saxophon-Quartett: «Voyage»

Das Münsterer Saxophon-Quartett Pindakaas mit Marcin Langer (Sopransaxophon), Guido Grospietsch (Altsaxophon), Anja Heix (Tenorsaxophon) und Matthias Schröder (Baritonsaxophon) legt neu die – bereits 1996 in der Kirche Oberberg/D aufgenommene – CD «Voyage» auf. Mit total 21 Titeln aus dem anonymen Spätmittelalter über Schönberg-Liedern bis hin zur Jazz-Moderne eines Chick Corea durchschreiten dabei die vier Bläser einen ebenso fulminanten wie interessanten Stile-Parcours. Wer nicht nur kammermusikalisch niveauvolles Zusammenspiel, sondern auch Ausdrucksvielfalt und Variabilität des relativ neuen Instrumentes Saxophon eindrücklich dokumentiert haben möchte, wird sich diese Jahrhunderte-Reise der vier «Pindakaas»-Künstler in den Platten-Schrank stellen. ■

Pindakaas-Saxophon-Quartett: Voyage, Audio-CD, Spieldauer 56:37, CPO/ClassicClips – Hörbeispiele

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Klaus Martens: «Abwehrzauber», Gedichte

Klaus Martens (geb. 1944), emerierter Literatur-Professor und langjährig in der universitären Forschung als Übersetzer tätig, schreibt seit bereits Jahrzehnten und produktiv auch Lyrik. Nach seinen diesbezüglich beiden letzten Büchern «Das wunderbare Draußen» und «Alte Knochen» publiziert er nun seinen 160 Seiten starken Gedichte-Band «Abwehrzauber». Die Sammlung vereinigt ausschließlich jüngste Poesien des Autors aus den letzten drei Jahren. In der «Einführung und Danksagung» des Dichters zu seinen Gedichten heißt es: «Sie greifen auf, entwickeln und reflektieren einige Gedanken und Emotionen, Erfahrungen und Erlebnisse, privat und öffentlich, zuhause und im Ausland aus mehr als vier Jahrzehnten». – Klaus Martens ist auch als Autor im Glarean Magazin in Erscheinung getreten. ■

Klaus Martens: Abwehrzauber, Gedichte, 160 Seiten, Conte Verlag, ISBN 978-3-941657-71-7

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Christian Elin (Saxophon): «Back to yourself»

Mit Graham Fitkin, Minas Borbodakis, Marc Mellits, Stefan Nerf, Lepo Sumera, Peter Michael Hamel, Enott Schneider, Christian Elin und Manfred Stahnke vereint die neue CD «back to yourself» des Augsburger Konzert-Saxophonisten Christian Elin (vormals Christian Dellinger) eine Reihe interessanter Komponisten der aktuellsten Jazz-Moderne. Die stilistische Paletette der neuen Saxophon-CD Elins mit u.a. der Pianistin Anna D’Errico reicht von der Asiatischen Musik über den Jazz, die Film-Musik und die Minimal Music bis zurück ins Spätmittelalter. Herausgeber Elin: «Ein weiteres Charakteristikum dieser CD ist, dass mehrere Komponisten die Improvisation als wesentliches Moment in ihre Werke integrieren und damit Freiräume für die ausübenden Musiker schaffen.» ■

Christian Elin, Anna D’errico, Sebastian Hausl, Bastian Jütte, Wolfram Oettl: «back to yourself», Audio-CD, Spieldauer 74:02, Label Raccanto

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Mehr Rezensionen im Glarean Magazin

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Jaume Cabré: «Das Schweigen des Sammlers» (Roman)

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Von Dämonen besessen

Günter Nawe

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Die Vial, eine wertvolle Geige aus der Werkstatt des Cremoneser Geigenbauers Storioni aus dem 18. Jahrhundert, übt eine seltsame Faszination auf den jungen Adrià Ardèvol aus. Dieser polyglotte, außerordentlich begabte Sohn eines Antiquitätenhändlers aus Barcelona und diese Geige mit ihrem bezaubernden Klang, an der allerdings Blut klebt, stehen im Mittelpunkt des neuen Romans des katalanischen Autors Jaume Cabré.
Die Geige, die Adrià bald perfekt zu spielen versteht, ist auch der Grund für ein Tötungsdelikt, für einen geheimnisvollen Mord, dem Adriàs Vater Felix Ardèvol i Bosch zum Opfer fällt. Für dieses Verbrechen macht sich der Junge selbst verantwortlich. Hat er doch die wertvolle Stoirioni, die sein Vater einem Interessenten zeigen will, gegen seine eigene und weniger wertvolle Geige ausgetauscht. Diese «Schuld», die er später auf andere Weise – die Geige gehörte eigentlich einem jüdischen Besitzer – abtragen will, muss Adrià leben.
Das ist die Konstellation, aus der heraus der Autor seinen Roman konstruiert. Dabei entwickelt er Handlungsstränge, die sich ständig überschneiden oder parallel zueinander verlaufen. Das vielstimmige Personal dieses umfangreichen Buches, die Schauplätze, ein schier unübersehbare Fülle von Ereignissen in Vergangenheit und Gegenwart – das alles ist auf höchst kunstvolle Weise mit- und ineinander verschränkt, so dass eine Nacherzählung fast unmöglich wird.
Dennoch: Gelehrter soll nach Vaters Willen Adrià werden, nach Mutters Willen Geigenvirtuose. Die Konflikte, die sich daraus für den Jungen ergeben, sind evident – und machen die psychische Situation aus, in der der sensible Adrià, eine höchst eindrucksvolle Figur, sich befindet. Adrià – wie schon sein Vater – ist nicht nur von der Musik besessen, sondern auch von dessen Sammelleidenschaft erfasst. Er verstand, «…dass ich von dem gleichen Dämon besessen war wie mein Vater. Das Kribbeln im Bauch, das Jucken in den Fingern, der trockene Mund…». Adrià versucht, sich in diesem Zwiespalt von Gefühlen und Ambitionen, was einem Fluch gleichkommt, zwischen musikalischem Virtuosentum und Gelehrsamkeit einzurichten.

Aus den Recherchen Adriàs über den Mord an seinem Vater und auf der Suche nach dem Täter erschließt sich die Familiengeschichte und die Geschichte der Geige und ihrer Entstehung in Cremona im 17./18. Jahrhundert. Eine dunkle Vergangenheit tut sich auf. Sie ist verbunden mit der Inquisition im 14. und 15. Jahrhundert, in der der Großinquisitor und sein Sekretär, ein Meuchelmörder, ein Mönch und ein jüdischer Arzt entscheidende Rollen spielen; Paris wird zum Schauplatz und 1914 bis 1918 auch Rom. Eine Geschichte, die Jaume Cabré in Auschwitz–Birkenau 1944 enden lassen wird, mit den schrecklichen Verbrechen von Sturmbannführern und KZ-Ärzten an jüdischen Häftlingen. Cabré schlägt damit einen historischen Bogen vom Mittelalter bis in die Neuzeit – und stellt oft erschreckende Übereinstimmungen, vor allem in ihren negativen Erscheinungsformen, fest.

Dichter von Weltrang: Jaume Cabré (*1947)

Es ist eine Geschichte, es sind viele Geschichten in einer von Gier und Macht und Neid, von dunklen Mordfällen und finsteren Intrigen, vom Bösen schlechthin – aber auch über die Liebe. Eine Liebe, die Adrià und Sara erleben und erleiden. Der Roman ist eine Art Metapher über den Missbrauch von Macht und über die Macht der Kunst. Damit ist dieser wunderbare Roman auch ein Buch über die conditio humana, melancholisch dargestellt und sehr tragisch, der sich Adrià ausgesetzt sieht. Rettung erwächst ihm jedoch aus der Liebe und aus der Liebe zur Gelehrsamkeit und zur Musik.

Jaume Cabré wechselt oft unerwartet die Zeitebenen. Erzählzeit und erzählte Zeit gehen plötzlich ineinander über. Es ist ein faszinierendes Tableau der Gleichzeitigkeit von aktuellem Geschehen, von Erinnerung und historischen Fakten, das dieser geniale Autor geschaffen hat. Mitten im Satz wird aus dem Ich-Erzähler ein auktorialer Erzähler; ergibt sich eine Art «Wechselgesang» zwischen der ersten und dritten Person. Wir haben es mit einer sehr kühnen, jedoch sehr gelungene Romankonstruktion zu tun, die vom Leser ein hohes Maß an Aufmerksamkeit erfordert; ihn dafür aber auch wunderbar belohnt. Die kongeniale Übersetzung durch Kirsten Brandt und Petra Zickmann trägt dazu in hohem Maße bei.

Jaume Cabrés Roman "Das Schweigen des Sammlers" ist eine Studie von einzigartigem, ja weltliterarischem Rang über die Macht und deren Missbrauch - und über die Macht der Kunst.

Jaume Cabré ist ein äußerst kluger, ein souveräner Autor. Das hat er bereits in seinen früheren Büchern («Die Stimmen des Flusses», «Senyoria») bewiesen. Mit diesem Roman toppt er jedoch seine bisher erschienenen Romane. Das hat nicht nur etwas mit dem Plot, den vielen Plots, sehr ambitioniert und virtuos miteinander verknüpft, zu tun, sondern auch mit der Musikalität der Sprache des katalanischen Autors. Jaume Cabré hat einmal darüber gesagt: «…denn mehr noch als Schriftsteller bin ich Musiker, jedenfalls, was die Leidenschaft angeht… Es gibt eine syntaktische Kadenz, an der ich dauernd arbeite…». Genau so auch liest sich der Roman, hoch musikalisch, von großer sprachlicher Dichte, artistisch, ohne artifiziell zu sein.
Es sicher nicht zu weit ausgeholt, diesem großartigen Roman weltliterarischen Rang zuzusprechen. ■

Jaume Cabré: Das Schweigen des Sammlers, 839 Seiten, Insel-Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3-458-17522-3

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Silvia Stolzenburg: «Die Heilerin des Sultans»

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Ein praller Historienschmöker

Marita Robker-Rahe

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Silvia Stolzenburg studierte Germanistik und Anglistik, um 2006 über zeitgenössische Bestseller zu promovieren. Diese Voraussetzungen merkt man ihren Büchern an, die immer wieder eine akribische Recherche zeigen. Sie vermischt diese mit fiktiven Handlungen und merkt auch an, dass dabei die historischen Ereignisse manchmal zu Gunsten der Handlung verschoben wurden.
«Die Heilerin des Sultans» ist das dritte Buch einer Trilogie über die wegen ihres Münsters weltbekannte Stadt Ulm und die – fiktiven – Geschichten der dort lebenden Menschen. Ob sich dieses Buch an seinen Vorgängern messen kann, kann ich nicht beurteilen, da ich die Vorgängerbände «Die Launen des Teufels» und «Das Erbe der Gräfin» (noch) nicht kenne.

«Die Heilerin des Sultans» hat aber alle Qualitäten eines gut lesbaren Historienschmökers. Abenteuer, gut recherchierte historische Hintergründe, ein Hauch von Exotik und eine schöne Liebesgeschichte sind in eine temporeiche und spannende Handlung eingebaut. Jeder Band ist eine in sich abgeschlossene Geschichte, womit man auch keine Schwierigkeiten hat, in die einzelnen Storys einzusteigen. Für mich ist es nach dem Lesen dieses Buches allerdings ein Muss geworden, die Vorgängerbände zu lesen, da ich von der Autorin und ihrem spannenden und flüssigen Schreibstil begeistert bin.

Die Geschichte beginnt im Jahr 1400. Der fünfzehnjährige Falk von Katzenstein hat seine Eltern bei einem Brand verloren und die väterliche Pferdezucht übernommen. Sein Verwalter Lutz ist ihm zum väterlichen Freund geworden, dessen Meinung ihm sehr wichtig ist.
Als eines Tages ein Onkel von Lutz, Otto von Katzenstein auftaucht, hört Falk allerdings nicht auf seinen väterlichen Freund, der spürt, dass Otto nichts Gutes im Schilde führt, sondern Falk bricht mit seinem Onkel zu einer Handelsreise in den Orient auf, um Araberpferde für seine Zucht zu kaufen.
Die Reise endet für Falk damit, dass er von Piraten gefangen genommen wird und nach Bursa in den Palast des Sultans Bayezid I., einem der grausamsten Herrscher des Orients, verkauft wird. Dort soll er zum Soldaten ausgebildet werden, um dem Sultan zu dienen, der sein Reich zu allen Seiten vergrößern will und sogar den Kampf mit dem Nachfolger Dschingis Khans, Timur Lenk, aufnimmt. Im Palast lernt er Sapphira, die Heilerin des Sultans, kennen und lieben. Doch ihre Liebe darf nicht bekannt werden, denn darauf steht der Tod. Sapphira und Falk schmieden einen gefährlichen Plan…

Silvia Stolzenburgs «Die Heilerin des Sultans» garantiert ein pralles und spannendes Lesevergnügen, das Zeit und Lokalkolorit fantastisch einfängt!

Wie schon eingangs erwähnt, ist diese Geschichte ein pralles und spannendes Lesevergnügen, das Zeit und Lokalkolorit fantastisch einfängt. Sowohl die Beschreibung der Reise, als auch die Schilderungen des Haremlebens werden interessant, abenteuerlich und flüssig erzählt, so dass man das Gefühl hat mitten im Geschehen zu sein. Das uns ungewohnte Leben im Orient fasziniert und schreckt gleichzeitig ab, da man viel über die Macht des Sultans, seine Kämpfe und die Intrigen innerhalb des Harems erfährt, die durch die detailgetreuen Schilderungen der Autorin an Leben gewinnen. Ist man erst in die Geschichte eingetaucht, blättern sich die Seiten wie von selbst um, und man fiebert mit den Protagonisten mit. Fantastisch geschrieben! ■

Silvia Stolzenburg: Die Heilerin des Sultans, Historischer Roman, Bookspot Verlag, 528 Seiten, ISBN 978-3937357478

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Andreas Maier: «Das Haus» (Roman)

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«Ich im Haus und alle anderen draußen»

Günter Nawe

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Es ist nicht das erste Mal, dass Andreas Maier literarisch im besten Sinne auffällig wird. Bereits mit «Wäldchestag» hat er auf sich aufmerksam gemacht. Und mit «Das Zimmer» (2010) den großartigen Beginn eines auf elf Bände angelegten Romanzyklus’ vorgelegt: eine Familiensaga, ein großangelegter Heimatroman. Und das ist in diesem Falle kein negativ besetzter Begriff, sondern für Andreas Maier schon fast ein Markenzeichen. Jetzt liegt der zweite Band – betitelt «Das Haus» – vor. Und wieder kann man nur staunen, mit welcher Sensibilität, mit wieviel Empfinden sich der Autor in die Welt eines Kindes hinein versetzen kann. Eines Kindes zudem, das  soziophob, das beinahe autistisch ist. Dieses kinndliche Ich – und vielleicht liegt da der Grund – hat in dieser autobiografisch eingefärbten Geschichte zweifellos Bezüge zum Autor Andreas Maier selbst.

Und so erzählt er, besser: lässt er Andreas erzählen von den Jahren früher Kindheit wie von einem verlorenen Paradies. «Drinnen» ist das erste von zwei Kapiteln überschrieben. Fremd ist Andreas in einer Welt, der er sich zudem durch eine Art Sprachlosigkeit verweigert. Es gab in diesem Leben noch keine Zwänge, einzig die Urgroßmutter ist so etwas wie eine Bezugsperson. Alles spielt sich im Innern des Kindes ab, ist eine Form der Erinnerungsarbeit. Mit drei Jahren beginnt er sich zu erinnern. «Bis heute kommt es mir vor, als habe damals mein Kopf begonnen, eine Geschichte zu erzählen, die Geschichte meiner Welt oder der Welt schlechthin.» Oder: «Vielleicht war es einfach die Welt, die mir die Welt erzählte.» Und: «… so rekontruiere ich bis heute eigentlich auch immer wieder zwanghaft die Jahre, an die ich mich nicht erinnern kann…». Das also ist die Geschichte, die Andreas Maier erzählt.

Andreas Maier (*1967)

«Nach der Verweigerung des Kindergartens hatte ich noch drei Jahre im wiedergefundenen Paradies gelebt.» Doch dann wird diese Welt sehr real. Mit dem Einzug in ein neues Haus beginnt für Andrreas auch das Leben, von dem im Kapitel «Draußen» erzählt wird. Maier porträtiert ein Kind, das sich bewusst als Außenseiter gibt, für den das neue Haus, das er allerdings nun immer wieder verlassen muss, zum Rückzugsraum wird aus der Welt draußen. Erstaunlich ist, dass es von der Außenwelt keine Repressionen ob dieser Verweigerungshaltung gibt. Eher erfährt das Kind Verständnis. «Faul ist er nicht, dumm auch nicht, aber er zieht sich immer so zurück», so die Eltern.
Er konnte  sich den Gesetzen der Schule einfach nicht unterordnen. Freunde hatte er nicht, mitmachen wollte er nicht. Er war allein und wollte allein sein. Bei sich war er nur dann. Dieses Leben, diese Welt  aber hat auch etwas Bedrohliches, generiert Angst. Sie liegt «…wie ein Gemälde von Breughel…vor mir». Aufregend aber war das «andere» Leben, das Leben im Haus jedoch nicht.besonders. Für das Kind galt es nur zu beobachten: die Eltern, die Geschwister, das Leben draußen – aus sicherer Entfernung.

Roman einer Kindheit, Familiensaga und Heimatroman – Andreas Maier ist mit «Das Haus» ein außergewöhnliches Buch gelungen, das durch die psychologische Tiefe, durch eine fast klinische Nüchternheit und seine lakonische Diktion überzeugt.

So unterscheidet sich dieser Roman von Andreas Maier, wunderbar lakonisch und schon fast schlicht erzählt, grundlegend von anderen Büchern dieser Art, seien sie Kindheitserinnerungen, Entwicklungsromane und ähnliches. Er hat eine ganz eigenen und unverwechselbare Handschrift. Und wenn Maier auch nicht das Kind ist: das Kind ist doch ein Stück weit der brillante und außergewöhnliche Autor Andreas Maier.  Das Leben draußen also: Das ist für das Kind und für Andreas Maier die Straße, in der das Haus steht, die Stadt Bad Nauheim, die Wetterau. So wird dieser Roman zu einer Art Heimatroman. Hier ist der Autor Andreas Maier zu Hause – und von hier und darüber erzählt er. «Und die Musik vermischte sich mit meinem Zustand und dem Haus und allen Räumen und der Wetterau  vor den Fenstern. Mit den Bäumen, mit der Usa, dem Himmel, und der Ferne, auch mit Herrn Rubin, der lautlos da draußen vor sich hinarbeitet», heißt es am Ende des Romans – dieser Familiensaga, auf deren Fortsetzung wir gespannt sein dürfen. ●

Andreas Maier: Das Haus, Roman, 164 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3-518-42266-3

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Tomas Espedal: «Gehen – oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen»

Posted in Buch-Rezension, Günter Nawe, Glarean Magazin, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rezensionen, Tomas Espedal by Walter Eigenmann on 15. November 2011

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«Warum nicht mit der Straße beginnen»

Günter Nawe

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Während Thomas Bernhard in seiner Erzählung «Gehen» Denken und Gehen in einem schier unmöglichen Zusammenhang sieht, findet Karl Krolow in seiner Erzählung «Im Gehen»: «Späth wollte einiges im Gehen loswerden. Er wollte das, was anhänglich war, vergessen.» Beide Titel – und einige mehr – fallen dem Leser (vielleicht) ein bei der Lektüre des wunderbaren Buches des Norwegers Tomas Espedal: «Gehen – oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen».
Doch wie anders ist dieses Buch dieses Autors. Espedal sieht sehr wohl einen Zusammenhang zwischen Gehen und Denken, einen sehr fruchtbaren gar. Auch geht es ihm nicht darum, etwas loszuwerden, zu vergessen, sondern etwas zu gewinnen. Und dies geschieht durch waches Beobachten, durch ein Den-Dingen-«nachdenken», durch Reflexion – auf dem Weg zu sich selbst.
Dieser Tomas Espedal (geb. 1961), ein in Norwegen sehr geschätzter Autor, ist leider im deutschen Sprachraum bisher völlig unbekannt. «Gehen» ist das erste seiner Werke, das in deutscher Übersetzung (Paul Berf) vorliegt.

Imaginärer Espedal-Wandergefährte: Arthur Rimbaud

«Wir denken weniger, wenn wir weit gehen, wir gleiten in den Rhythmus des Gehens, und die Gedanken enden, werden zu einer konzentrierten Aufmerksamkeit, die darauf gerichtet ist, was wir sehen und hören, was wir riechen; diese Blume, der Wind, die Bäume, als würden die Gedanken umgeformt und zu einem Teil dessen werden, was ihnen begegnet; ein Fluss, ein Berg, ein Weg.» So formuliert Espedal seine «Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen» – und damit fast eine kleine Philosophie des Gehens.

«Warum nicht mit einer Straße beginnen» – mit diesem Satz beginnt dieses wunderbare Buch. «Hatte ich mir nicht schon seit langem gewünscht, mich auf den Weg zu machen, ohne Kurs und Ziel, und nur zu gehen, in eine einzige, beliebige Richtung… Der Philosoph ging täglich. Das schärfe sein Denken.» So gerüstet verlässt ein Mann Frau, Kind und Haus, um das Leben eines Landstreichers zu führen. Er macht sich auf den schon erwähnten Weg zu sich selbst. Es ist ein abenteuerlicher Weg – zum Beispiel durch sein Heimatland Norwegen. Und schnell stellt er fest: «Du bist glücklich, weil du gehst.» Dies Gehen ist aber nicht nur Glück. Es ist auch ein Scheitern, es ist Trinken, ist Not, ist manchmal ein hohes Maß an Verzweiflung. Sein «Gehen» durch Norwegen, später Frankreich und Deutschland, ist eine existenzielle Erfahrung. Im Gepäck hat Espedal, der Schriftsteller, eine Reihe von Kollegen. Vor allem sind es Jean-Jacques Rousseau und Arthur Rimbaud, die ihn «begleiten». Später wird er auf Alberto Giacometti treffen, einen Dialog mit Eric Satie führen, in Deutschland dann, in Todtnauberg, auf Martin Heidegger («Der Feldweg») stoßen. So ist diese Reise auch und vor allem – neben den körperlichen Anforderungen – ein Abenteuer des Denkens.

Tomas Espedal an einer Lesung in Amerika

An einer Stelle zitiert Espedal Walt Whitman, auch er Tramp und Wandersmann:
«Zu Fuß und leichten Herzens schlag ich die offene Straße ein,
Gesund, frei, vor mir die Welt

Hinfort frage ich nicht nach Glück, ich bin das Glück

Stark und zufrieden zieh ich den offenen Weg.»

Tomas Espedal erzählt vom Abenteuer des Gehens und des Denkens in Reflexionen, Geschichten und wunderbaren Beschreibungen. Illustre Gefährten aus Literatur und Philosophie begleiten den «Landstreicher» auf seinen Wegen durch Norwegen, Frankreich, Deutschland, Griechenland und die Türkei - und die Landschaften des Denkens.

«Stark und zufrieden» zieht Espedal seinen Weg und lernt die Kunst zu reisen! Viele haben sich schon an ihr – teilweise sehr erfolgreich – versucht. W. G. Sebald fällt uns ein und Gottfried Seume. Und all die Flaneure und Spaziergänger der Literaturgeschichte. Tomas Espedal reiht sich mit seinen poetischen Texten ein. Und nimmt uns mit in ein «wildes» Leben, das im zweiten Teil des Buches nach Griechenland, über den Peloponnes und in die Türkei führt. Mit dem Autorenfreund Narve Skaar ist er unterwegs. Sie «gehen, um zu gehen, um zu sehen». Und sehen und erleben sehr viel. Daraus ergeben sich sehr schöne, kleine Erzählungen. Über Istanbul und Merih Günay, der an «Fernando Pessoa erinnert». Oder über den Oberst und seine Familie, denen sie, Espedal und Skaar, auf dem Wege nach Olympos begegnen.
Es ist das Abenteuerliche, das an diesem Buch fasziniert. Es sind aber auch auch die «Gespräche», die der Wanderer führt, die Reflexionen, die sich daraus ergeben. Der Leser «geht» gern mit, lässt sich führen und verführen.

Tomas Espedal, Gehen – oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen, 235 Seiten, Matthes & Seitz Berlin, ISBN 978-3-88221-551-9

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Hörprobe

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Olaf Grabienski u.a. (Hg.): «Poetik der Oberfläche» – Die deutschsprachige Popliteratur

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Lese-Animierung mit wissenschaftlichem Anspruch

Jan Neidhardt

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«Popliteratur ist tot, schon kommt die Germanistik daher». Ein Zitat, das an unterschiedlichen Stellen im Buch «Poetik der Oberfläche» zu verwenden sich in diesem Zusammenhang offenbar in einem Anflug von Selbstironie anbietet. Die Popliteratur – und hier ist eigentlich von dem deutschsprachigen Phänomen die Rede – gilt tatsächlich mittlerweile als endgültig verstorben, jedenfalls, wenn man vom Coolheitsfaktor und der damit verbundenen Wirkmächtigkeit des Begriffs ausgeht.
Gewiss, die Popliteratur, das war eine Phase in den 90-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, Oberflächlichkeit spielten eine Rolle und natürlich das Pop- und Rockzitat. Wobei man natürlich Rock nicht sein wollte, wie man bei Lektüre von «Poetik der Oberfläche» erfahren kann. Die Texte, die Autoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht oder Joachim Lottmann in dieser Zeit geschrieben haben, erscheinen als eine Art von Insiderliteratur, die sich nur bei der entsprechenden Sozialisation richtig erschließen kann, da es hier auch darum geht, Querverweise in die Populärkultur zu erkennen und richtig einzuordnen. Der Leser darf sich als Insider fühlen, als Teil der Szene, denn er hat die durchaus aktive Aufgabe, im Gewirr von gedroppten Namen und Situationen die «richtigen» Schlüsse zu ziehen und dabei zu erkennen, dass er den Test bestanden hat, denn er weiß wovon die Rede ist, kann sich als «cool» betrachten. (Ein Wort, das wahrscheinlich in diesem Zusammenhang völlig deplatziert ist, es gibt aber kein besseres).

Einflussreicher Schweizer Pop-Literat: Christian Kracht

In «Poetik der Oberfläche» geht es um eben dieses Thema: Was macht die Faszination der sog. Popliteratur aus, und wie kann man sie überhaupt eingrenzen? Verschiedene Autoren aus dem literatur- und sprachwissenschaftlichen Spektrum haben sich zu diesem Thema ihre Gedanken gemacht und meist spannende Aufsätze verfasst. Der erste Teil des Buchs beschäftigt sich mit der Geschichte der Popliteratur und dem gesellschaftlichen Kontext, in dem diese entstehen konnte. Besonders der Aufsatz von Thomas Hecken ist hier aufschlussreich, er charakterisiert den kulturellen Wandel in den 1990er Jahren treffend: «Das Projekt der neuen Mitte [...] besteht nicht im Aufruf, sich den Freuden des Konsumierens und den Angeboten der Unterhaltungsindustrie ohne kulturkritische Bedenken hinzugeben. Es besteht vielmehr darin, das Bekenntnis zur kapitalistisch hervorgebrachten, medial inszenierten Wirklichkeit so zu konturieren, dass der Akzent nicht auf Konsum liegt, sondern auf der selbstbewussten vitalen Aneignung dieser rundweg akzeptierten modisch-zeitgenössischen liberal-kapitalistischen Wirklichkeit.»

Deutscher Exponent der Popliteratur: Joachim Lottmann

Die Wurzeln der Attitüde der Popliteratur werden in den 70er Jahren ausgemacht, einer Zeit, wo eine Jugend heranwuchs, die  mit den Wertvorstellungen der sog. 68er Generation konfrontiert war. Passend dazu wird im Buch an verschiedenen Stellen gerne Stuckrad-Barre zitiert, der einen Betriebsrat als «SPD-Nazi» beschimpft. Popliteratur also als bewusste Abgrenzung zu entsprechenden sozialen Werten, die allerdings im moralisierenden Gewand erscheinen und deshalb abzulehnen sind («Gemeinschaftskundelehrer und Latzhosenträger»).
Im zweiten Teil des Buch geht es um die Verbindungen zwischen Popliteratur und Popkultur, eben das, was die Popliteratur auch ausmacht: Der Verweis in die Welt der popkulturellen Sozialisation, das Zitat, das man verstehen, das man kennen muss, um dabei zu sein und zu kapieren. Spannend ist hier besonders der Aufsatz von Tilo Renz über den Roman «Tomboy», der starke Bezüge zu den Gender-Studies aufweist und zeigt, dass auch Wissenschaft durchaus als «Pop» lesbar ist. Sascha Seiler beschäftigt sich in seinem Aufsatz mit der Songlyrik in Deutschland; hier geht es darum, dass in der Musik, die ja in der angesprochenen Art von Literatur eine sehr wichtige Identifikationsquelle ist, ganz ähnliche Entwicklungen stattfanden, also wird eine gegenseitige starke Beeinflussung erkennbar.
Teil 3 des Buches beschäftigt sich mit der medialen Inszenierung der Autoren, hier wird klar, dass einen guten «Popliteraten» eben vor allem die virtuose Beherrschung der Register der Medienwelt ausgemacht hat – aber nicht nur das: Der Aufsatz von Katharina Picandet zeigt am Beispiel von Thomas Meinecke, der ja auch selbst DJ ist, wie die Selbstauffassung in dieser Art von Literatur zum Tragen kommt: Der Autor mixt und sampelt, er erfindet weniger selbst als dass er verarbeitet. Der Dichter als DJ: eine Vorstellung, auf die sich das Ganze in vielerlei Hinsicht sehr gut herunterbrechen lässt.
Im letzten Teil geht es dann um den Schweizer Christian Kracht, der ja auch oft stark in Verbindung mit Deutschland gesehen wird, wenn man z.B. an den Roman «Faserland» denkt. Kracht kann schon als ein typischer Vertreter seines Genres betrachtet werden, mit ihm wird gerne der Begriff des Dandys in Verbindung gebracht, der eben durch Oberfläche glänzt, auf der Höhe seiner Zeit ist und auch eine Art moderner Nomade, wie sich auch in seinen Romanen zeigt; Thema ist oft das der Reise oder des Fremden, was sehr schön in dem Aufsatz von Stefan Hermes herausgearbeitet wird.

«Poetik der Oberfläche» ist für all jene ein Gewinn, die sich mit aktueller (oder fast noch aktueller) Literatur beschäftigen. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse werden gekonnt vermittelt, literarische Entstehungsprozesse offengelegt und das Buch macht Lust, die weitere Entwicklung zu verfolgen.

Das Buch insgesamt richtet sich natürlich eher an ein germanistisch interessiertes Fachpublikum als an den gemeinen Leser. Wer sich aber mit Popliteratur identifizieren kann bzw. konnte – was nicht wenige Menschen sein dürften, denn davon lebt das Genre schließlich -, wird auch als aufmerksamer und kritischer Leser bei dieser Sammlung auf seine Kosten kommen. Denn hier finden sich Querverweise und Zitate genug. Das Buch glänzt auch mit interessanten Anregungen zum Lesen und Weiterlesen sowie mit – sicher eine Novität im eher wissenschaftlichen Kontext – jeweils  zu (fast) jedem Aufsatz  entsprechenden Platten-Diskographien. ■

Olaf Grabienski, Till Huber, Jan-Noël Thon (Hrsg.), Poetik der Oberfläche – Die deutschsprachige Popliteratur der 1990er Jahre, De Gruyter Verlag, 240 Seiten, ISBN 978-3-11-023764-1

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Rebecca Gablé: «Der dunkle Thron»

Posted in Buch-Rezension, Günter Nawe, Glarean Magazin, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rebecca Gablé, Rezensionen by Walter Eigenmann on 19. September 2011

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Geschichte in Geschichten

Günter Nawe

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Es waren in jeder Hinsicht aufregende Zeiten, die England zwischen 1529 und 1553 erlebte. Heinrich VIII. wird sich von der katholischen Kirche lossagen, eine Frau nach der anderen heiraten. Einige, wie Anne Boleyn, landen auf dem Schafott. Auf dem Schafott landet auch der papsttreue Thomas Beckett. Wie überhaupt Anhänger der katholischen Kirche vor Verfolgung nicht sicher sind. Andererseits gibt es reformatorische Tendenzen, die von Deutschland aus auf die Insel kommen.

Königin von England und Protestantismus-Hasserin: Maria I. Tudor («Bloody Mary»)

Eine kritische Gemengelage also, die nicht nur die Gesellschaft in Unruhe versetzt, sondern auch die Monarchie. Während sich Heinrich VIII. bemüht, einen Thronfolger in die Welt zu setzen, gibt es immer noch Mary, seine Tochter und damit die legitime Thronfolgerin – und Papistin. Auf sie setzen die Engländer ihre Hoffnungen. Als spätere Königin wurde sie als «Bloody Mary» bekannt. Sie ist «die historische Hauptfigur» im neuen Roman von Rebecca Gablé. Aus ihrer Perspektive erzählt die Autorin – und gibt ihr so die Gelegenheit, etwas an ihrem Bild in der Geschichtsschreibung zu korrigieren. Um sie und die Kontrahenten herum hat Rebecca Gablé das gesamte historische Personal der Zeit hervorragend in Szene gesetzt.
Mary steht als fiktive Hauptfigur Nicholas of Waringham gegenüber. Und damit sind wir «im Roman». «Der dunkle Thron» ist der nun vierte Band der mittlerweile berühmten Waringham-Saga, mit der die Autorin nicht nur alle Bestsellerlisten erklommen, sondern auch eine millionenfache Fangemeinde gefunden hat. Das hat wiederum etwas mit der sehr gelungene Mischung aus Fakten und Fiktion, die diese schon fast beispielhaften und literarisch anspruchsvollen historischen Romane der Gablé auszeichnet.

Erfolgsautorin historischer Romane: Rebecca Gablé

Mary und Nick: Sie kennen sich von Kindheit an. Sie sind befreundet und irgendwie liebt er sie auch ein wenig. Auf jeden Fall ist er immer an ihrer Seite, wenn es gilt, sie von ihrem größten Feind, ihrem Vater, zu beschützen. Denn Mary ist nicht nur ein Stachel im Fleische Henry VIII., sie steht seiner Heiratspolitik ebenso entgegen wie seinen kirchenpolitischen Plänen. Und Nick? Als Erbe einer heruntergekommenen Baronie hat er nicht nur wirtschaftliche Probleme zu bewältigen. Als Earl steht er auch mitten im politischen Geschehen seiner Zeit. Auf einer Seite ist er dem König den Vasalleneid schuldig, auf der anderen Seite steht eben Mary. Eine Position, die zu Verwicklungen führt, Gefahren für Leib und Leben birgt. Gefährliche Abenteuer sind für ihn zu bestehen, politische Händel auszufechten, Familienprobleme zu lösen. Er kämpft, stürzt, steht wieder auf. Er liebt und leidet, zeigt Mut und Schwäche, glaubt und zweifelt.
Nicholas of Waringham ist eine starke Figur. Und bewährt sich glänzend. «Vielleicht sind Männer wie ich so überholt und überflüssig geworden wie alte Schlachtrösser, die meine Vorfahren einst gezüchtet haben. Aber kein Waringham hat sich je einem Tyrannen unterworfen. Und ich schwöre bei Gott, ich werde nicht der erste sein». Es gibt zwar kein historisches Vorbild für ihn, so Rebecca Gablé in einem Interview mit dem Glarean Magazin, aber «es hätte Nicholas of Waringham… geben können».

Mit dem vierten Roman der Waringham-Saga legt Rebecca Gablé, die «Königin des historischen Romans», wieder einem spannenden und sehr unterhaltenden Roman vor. Mit profundem Wissen ausgestattet zeichnet sie sprachmächtig und fantasiereich ein farbenfreudiges Bild Englands an der Nahtstelle von Mittelalter und Renaissance.

Wie in allen ihren Romanen versteht es die Autorin auch in «Der dunkle Thron» hervorragend, Geschichte in Geschichten zu erzählen – kenntnisreich, farbenprächtig und sprachmächtig. Ihr «Herz gehöre dem englischen Mittelalter», hat Rebecca Gablé einmal gesagt. Mehr noch: Ausgestattet mit einem profunden Wissen um die Zeit verdienen die Romane der studierten Mediävistin und Germanistin im wahrsten Sinne des Wortes das Prädikat «historisch».Mit «Der dunkle Thron» hat Rebecca Gablé das Mittelalter verlassen und ist in der Renaissance angekommen. Aber es sind ja immer die Zusammenhänge und Übergänge, die Epochen der Geschichte so spannend machen. Ein Spannung, die auch durch die gesamte abenteuerliche Geschichte von Nicholas of Waringham hindurch zu spüren ist. Aber nicht nur daran ist es Rebecca Gablé gelegen. Sie möchte ihre Leser unterhalten. Und das ist ihr – wie schon mit den früheren Waringham-Romanen – hervorragend gelungen.

Rebecca Gablé, Der dunkle Thron, Historischer Roman, 956 Seiten, Lübbe-Ehrenwirth Verlag, ISBN 978-3-431-03840-8

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Leseproben

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Wells Tower: «Alles zerstört, alles verbrannt»

Posted in Buch-Rezension, Günter Nawe, Glarean Magazin, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rezensionen, Wells Tower by Walter Eigenmann on 12. September 2011

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Wie schrecklich Liebe sein kann

Günter Nawe

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Es ist schön, dass es immer wieder Bücher gibt, die sich auf die eine oder andere Weise aus der Flut von Neuerscheinungen herausheben, neugierig machen – und auch glücklich, weil sie dem Leser das Gefühl vermitteln, etwas Wunderbares entdeckt zu haben. Ein solches Buch ist «Alles zerstört, alles verbrannt», ein schmaler Band mit Stories des jungen Kanadiers Wells Tower, 1973 in Vancouver geboren. Ein erstaunliches Debüt.
Was eine gute Short Story zu sein hat – Ernest Hemingway und Raymond Carver haben es gezeigt. Sie zeichnet sich durch eine bestimmte Art von Minimalismus und einen lakonischen Stil aus. Sie berichtet in der Regel von einfachen Menschen, von Alltäglichem und oft Nebensächlichem – und wird dadurch zu etwas beispielhaft Besonderem.

Wells Tower

Von dieser Art sind auch die Geschichten, die Wells Tower erzählt. So von dem Mann, der von seiner Frau rausgeworfen wird, nachdem sie an der Windschutzscheibe seine Wagens einen Fußabdruck entdeckt, der mit ihrem eigene nicht übereinstimmt. «Vicky erblickte über dem Handschuhfach den schemenhaften Fußabdruck einer Frau an der Windschutzscheibe. Sie zog ihre Schuhe aus, sah, dass der Abdruck nicht mit ihrem übereinstimmte, und sagte Bob, er sei in ihrem Haus nicht mehr willkommen.»
Von einem unglücklichen Vater ist die Rede und seinem missratenen Sohn. Und von einer Insel, in der titelgebenden Erzählung «Alles zerstört, alles verbrannt», auf der die Menschen versuchen, sich durch Brandschatzen und Blutvergießen aus ihrer Hoffnungslosigkeit und von ihren Depressionen zu befreien. Das betrifft auch die persönlichen Beziehungen. «Pia fehlte mir schon jetzt… Zu böse und zu traurig war sie nicht aufgestanden, um von mir Abschied zu nehmen.» Am Ende stellt der Ich-Erzähler fest, «wie schrecklich die Liebe sein kann».
Es sind fast durchweg verkrachte Existenzen in einem «Wild America» – so der Titel einer der Geschichten. Wie Derrick und Claire, die sich permanent mit billigem Fusel besaufen. Zerstörung allenthalben und Selbstzerstörung. «Feindschaft» herrscht auch zwischen den beiden Mädchen Jacey und Maya. Zwischenmenschliche Beziehungen werden jeweils auf den Prüfstand gestellt – mit allen negativen Ergebnissen. Und Illusionen zerschellen an den Klippen des Lebens.

Mit «Alles zerstört, alles verbrannt» haben wir ein erstaunliches literarisches Debüt vor uns. Diese Stories des Kanadiers Wells Tower stehen in der Tradition der klassischen amerikanischen Kurzgeschichte, und doch hat der junge Autor seinen eigenen Stil, einen unverwechselbaren Ton. Seine Geschichten von verkrachten Existenzen und an den an den Klippen des Lebens zerschellten Illusionen gehören zum Besten, was das Genre «Kurzgeschichte» zurzeit zu bieten hat.

In Amerika gilt Wells Tower als hervorragender und vor allem als einer der besten Nachwuchsautoren der amerikanischen Literatur. Die Erstveröffentlichung seiner «Stories», die jetzt auch hier in der hervorragenden Übersetzung von Malte Krutzsch und Britta Waldhof zu lesen sind, erfolgte in «The New Yorker» und in «The Paris Review» – und wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.
Tower ist allerdings kein Epigone von Hemingway oder Carver. Er hat schon seinen eigenen Stil, einen sehr eigenen Ton. Seine Geschichten sind von einer großartigen Eindringlichkeit. Atmosphärisch dicht, schnörkellos in der Diktion, kraftvoll und unsentimental und gerade deshalb von großer Tiefe. Meisterhaft.
Wells Tower ist ein großartiger Autor, von dem wir sicher noch viel erwarten dürfen. Deshalb dürfen wir auf das nächste Buch von ihm – er schreibt an einem Roman – sicher gespannt sein. ■

Wells Tower, Alles zerstört, alles verbrannt – Stories, 270 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 978-3-10-080031-2

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Martin Walker: «Schwarze Diamanten»

Posted in Buch-Rezension, Glarean Magazin, Isabelle Klein, Literatur, Literatur-Rezensionen, Martin Walker, Rezensionen by Walter Eigenmann on 8. September 2011

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Spannend und unterhaltsam, doch thematisch zu viel des Guten

Isabelle Klein

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Im beschaulichen Saint Denis ist im Dezember jede Menge zu tun für Bruno, den Chef de police: Das lokale Sägewerk schließt, Menschen verlieren ihre Jobs, nicht zuletzt wegen des Sohnes des Besitzers Guillaume Pons, der sich an die Spitze der Écolos gestellt hat. Vater und Sohn sind zutiefst verfeindet. Guillaume ist kürzlich, nach vielen Jahren Auslandsaufenthalt in Asien, wo er scheinbar äußerst erfolgreich war, in seine Heimat zurückgekehrt. Er eröffnet die Auberge des Verts und will Bürgermeister werden – sehr zum Verdruss Brunos…
Doch nicht genug: Bruno, geschäftstüchtiger Trüffelzüchter, verkauft zu Saisonbeginn die «schwarzen Diamanten» auf dem Markt in Sainte Alvère, als ihn sein Freund Hercule auf Ungereimtheiten hinweist: die teuren Trüffeln wurden anscheinend mit minderwertigen Chinatrüffeln gestreckt und überteuert an Pariser Hotels verkauft. Bruno nimmt sich der Sache an…
Schließlich kommt es auf dem örtlichen Weihnachtsmarkt, den der Chef de police in seiner Funktion als Weihnachtsmann beehrt, auch noch zu einem Überfall auf den allseits geschätzten vietnamesischen Restaurant- und Weihnachtsmarktstand-Besitzer Nimh. Bruno ermittelt und sticht in ein Wespennest aus Intrigen. Und als Bruno und der Baron sich auf die Schnepfenjagd begeben, finden sie Hercule brutal ermordet…

Martin Walker

Martin Walker nimmt sich in diesem seinem dritten «Bruno»-Fall einiges vor: Bandenkrieg der Vietnamesen und Chinesen, Organisiertes Verbrechen, verbunden mit dem Kolonialkrieg in Vietnam und dem Algerienkrieg, jede Menge Stoff also – meines Erachtens etwas zu viel, denn durch die Trüffelthematik, gewürzt mit oben genannten Bezügen, ist dieser Krimi thematisch überfrachtet. Dadurch, dass letztlich alle Ereignisse zusammenhängen, wirkt dieser Fall zu konstruiert, es geht zulasten der Stringenz und der Spannung: Der Mord an Hercule geschieht «so nebenbei» und geht angesichts aller anderen «Probleme» unter, wird am Ende auch mit wagen Vermutungen abgespeist.
Statt den Fall glaubhaft und durchdacht in den Mittelpunkt zu stellen, wird zu sehr auf anders abgezielt: auf das «Multitalent», den «Allrounder» Bruno. Alle seine unzähligen Vorzüge zu nennen ist unmöglich: Bruno ist nicht nur Polizist, Koch, Selbstversorger, Tennis- und Rugbylehrer, sondern auch ambitionierter Trüffelzüchter, Jäger, Kinderretter, Feuerwehr- und Weihnachtsmann. Und er ist immer und überall zur Stelle: Er besorgt Jobs, rettet mal so nebenbei ein Kind aus der Jauchegrube, wird mal schnell zum Feuerwehrmann, rettet dabei weitere Kinder. Bruno ist zum Gutmenschen hochstilisiert, ist positiv völlig überzeichnet, wirkt dadurch unglaubhaft. Überhaupt ist mir die Schwarz-Weiß-Malerei, die der Autor hier betreibt, zu flach: Böse sind nur böse und Gute nur gut. Wo bleiben Einblicke in das Seelenleben und die Entwicklung/Hintergründe/Motive, die die Bösen so böse werden lassen? Den Charakteren fehlt es insgesamt an Tiefe – sie bleiben alle sehr oberflächlich beschrieben. Dafür erhalten wir jede Menge Einblick in Brunos Seelen- bzw Liebesleben: Isabelle, Pamela, eine alleinerziehende Mutter…

Bei aller Kritik an Martin Walkers neuem Krimi «Schwarze Diamanten» mit seiner thematischen Überfrachtung und seiner psychologischen Schwarz-Weiss-Malerei: Das Buch unterhält durchaus bestens, ist prima geeignet beispielsweise als Strandlektüre - ein echter Wohlfühlkrimi!

Bei aller Kritik ist aber doch zu sagen: das Buch unterhält durchaus bestens, ist prima geeignet beispielsweise als Strandlektüre – ein echter Wohlfühlkrimi. Er enthält viel stimmige Darstellung der Atmosphäre mittels dichtem Beschreibungsstil; man bekommt regelrecht Lust, dem Departement Dordogne, dem Périgord einen Besuch abzustatten, dabei gut zu essen – natürlich mit Trüffeln und Wein… Und wenn der Folgeband die angesprochenen Fehler vermeidet: Konstruiert-gesuchte Handlung, überfrachtete Themata, Oberflächliche Figuren-Entwicklungen, teils psychologische Unglaubwürdigkeit, dann darf man sicher erwartungsvoll dem vierten «Fall» des Walkerschen Polizeichefs Bruno entgegensehen. Ich jedenfalls werde ihn bestimmt lesen. ■

Martin Walker, Schwarze Diamanten (Black Diamond), Kriminalroman, 348 Seiten, Diogenes Verlag, ISBN 978-3257067828

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Regine U. Schricker: «Ohnmachtsrausch und Liebeswahn»

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Von der weiblichen Lust am Leiden in der Liebe

Sigrid Grün

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Schon bevor der deutsche Psychiater und Rechtsmediziner Richard von Krafft-Ebing den Begriff des Masochismus, der sich auf den österreichischen Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch bezieht, in den wissenschaftlichen Diskurs einführte, beschrieben zahlreiche Autoren Frauen, die eine gewisse Lust an der Unterwerfung und am Leiden in der Liebe empfanden. Sowohl Goethe, als auch die Geschwister Bronte oder Nathaniel Hawthorne beschrieben solche Figuren. Besonders populär wurde die Darstellung der in Leid umgeschlagenen Leidenschaft im 20. und 21. Jahrhundert. Dies hat nicht zuletzt mit der «pornographication of the mainstream» zu tun, die Brian McNair und Susan Sontag Mitte der 1990er Jahre postulierten. In einer Zeit, in der Sexualität nicht «glücklich, sondern allenfalls süchtig» macht (Georg Seeßlen) und die mediale Darstellung nackter Körper nicht mehr ungewöhnlich, sondern ganz alltäglich ist, erscheint der Sadomasochismus als interessantes «Lusterlebnis».

Dr. Regine Schricker

Die Autorin Regine U. Schricker nähert sich in ihrer Dissertation «Ohnmachtsrausch und Liebeswahn» dem Thema «Weiblichkeit und Masochismus» an, wobei sie der Frage nachspürt, wie «weibliche Unterwerfung kulturell besetzt ist», und wie die mediale Inszenierung vonstatten geht. Dabei analysiert sie fiktionale literarische und filmische Texte des 20. und 21. Jahrhunderts (aus den Jahren 1954-2004). Vor allem nordamerikanische, französische und deutschsprachige Texte werden herangezogen. Den Textanalysen stellt die Autorin einen einleitenden Teil voran, in dem sie zunächst ein Theoriegebäude entwirft, in dem psychoanalytische, literarische, feministische und rezeptionstheoretisch ausgerichtete Diskurse berücksichtigt werden. Ausgehend von Ricahrd von Krafft-Ebings, Sigmund Freuds und Theodor Reiks psychonalytischen Arbeiten zeigt die Autorin auf, wie Masochismus und Weiblichkeit in Relation zueinander gestellt werden können.
Sehr interessant ist auch die Analyse von «Venus im Pelz», Leopold von Sacher-Masochs Novelle, in der ein männlicher Masochist im Zentrum der Darstellung steht. Schließlich geht Regine Schricker der Frage nach, ob der Masochismus eine spezifisch weibliche Angelegenheit sei, wie es etwa die Konzepte der Psychoanalytikerinnen Helene Deutsch, Marie Bonaparte und Jeanne Lampl-de Groot nahe legen. Welche Positionen sind im feministischen Diskurs vorherrschend? Und welche Rolle spielt der weibliche Masochismus in der feministischen Film- und Literaturtheorie?

«Venus im Pelz»: Sado-masochistische Illustration von Franz von Bayros

Im Hauptteil der Arbeit widmet sich die Autorin dann ausführlich elf literarischen und filmischen Texten, die sie nach unterschiedlichen Kriterien zusammenfasst. Luis Bunuels Film «Belle de jour» aus dem Jahre 1967 und Rainer Werner Fassbinders Fernsehfilm «Martha» aus dem Jahr 1974 etwa setzen sich intensiv mit dem Bürgertum und seinen Abgründen auseinander. Der voyeuristische weibliche Blick wird anhand von David Lynchs Film «Blue Velvet» (1986) und Elfriede Jelineks Roman «Die Klavierspielerin» (1983) thematisiert. In den Analysen von Elizabeth McNeills Erzählung «Nine and a Half Weeks» von 1978 (später sehr erfolgreich von Adrian Lynes mit Kim Basinger in der Hauptrolle verfilmt) und von Ingeborg Bachmanns 1971 erschienenem Roman «Malina» wird schließlich der Zusammenhang von Sprachlosigkeit und Begehren in den Mittelpunkt gestellt. Wie weibliche (zerstörte) Körper inszeniert werden, kann man gut anhand von Pauline Reages Roman «Geschichte der O» (1954) und Marina de Vans Film «In My Skin» (2002) nachvollziehen. Religiöse Opfer stehen in Lars von Triers «Breaking the Waves» (1996) und in M. Night Shyamalans «The Village» (2004) im Mittelpunkt. Zuletzt geht es um den Coming-out-Film einer Masochistin, Steven Shainbergs «Secretary» von 2002.

Die neue Studie «Ohnmachtsrausch und Liebenswahn» von Regine Schricker bietet fundierte Analysen zahlreicher literarischer und filmischer Texte, die man nach der Lektüre dieses Buches neu lesen kann. Mit ihrer Arbeit sensibilisiert sie für ein Thema, das in den Medien eine immer wichtigere Rolle spielt. Sprachlich klar und inhaltlich gehaltvoll bietet die Autorin dem Leser eine sehr gute Möglichkeit, sich ausführlich mit einem spannenden Thema auseinander zu setzen.

Regine U. Schricker geht dem Phänomen des weiblichen Masochismus in der Literatur und im Film sehr eingehend nach und zeigt fundiert die verschiedenen Ansätze auf, die hinter der Deutung des Zusammenhanges von Weiblichkeit und Masochismus stecken. Welche Rolle spielt eine labile Persönlichkeitsstruktur? Was bedeutet die Darstellung des weiblichen Masochismus für die weibliche Identität? Regine Schrickers Buch ist sehr gut gegliedert, und ihren wissenschaftlichen Ausführungen lässt sich hervorragend folgen. ■

Regine U. Schricker, Ohnmachtsrausch und Liebeswahn – Weiblicher Masochismus in Literatur und Film des 20. und 21. Jahrhunderts, 236 Seiten, Königshausen&Neumann Verlag, ISBN 9783826045165

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Helena Marten: «Die Kaffeemeisterin»

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Eine unmögliche Liebe

Isabelle Klein

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Ein ansprechend gestaltetes Cover und der verheißungsvolle Titel «Die Kaffeemeisterin» ließen mich beim Stöbern in der Buchhandlung aufmerksam werden. – Frankfurt 1732: Nach dem Tod ihres Mannes hat es die junge Johanna Berger nicht leicht das Kaffehaus «Coffeemühle» erfolgreich weiterzuführen, machen ihr doch allerlei Intrigen und Misstrauen gegenüber dem «teuflischen Getränk» Kaffee, das «süchtig macht», das Leben schwer. Doch die gewitzte Johanna lässt sich nicht unterkriegen, hat sie es doch Adam auf dem Totenbett versprochen. So mausert sie sich zu einer fähigen Geschäftsfrau, die Frankfurts ersten Damensalon aufmacht. Denn: warum soll der verführerische Genuss Frauen verwehrt bleiben?! Doch am Tag der Eröffnung schlägt Intimfeind Hoffmann erneut zu, es kommt zum Eklat. Die «Bergerin» steht unvermittelt vor dem Nichts. Es beginnt eine abenteuerliche Reise, die sie über Venedig schließlich bis ins exotische Istanbul, in den Harem des Sultans führt. Zurück lässt Johanna allerding ihre zwei Stiefkinder und auch ihre knospende Bekanntschaft mit dem jüdischen Musiker Gabriel Stern, der ihre große, aber unerfüllbare Liebe zu werden scheint …

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich, nach der «Porzellanmalerin», um das zweite Werk des Autorenduos Helena Marten. Gemäß Verlagsangaben besteht dies aus Autorinnen, die beide in der Verlagsbranche arbeiten. Eines ist dieser Roman sicherlich: eine unterhaltsame Lektüre, gepaart mit einer problematischen Liebesgeschichte, vor historischer Kulisse mit exotischen Schauplätzen. Er liest sich leicht, die Sprache ist sehr eingängig und einfach, bildhaft, teils auch banal (mit sehr vielen Ausrufesätzen). Da wird beispielsweise geplumpst, geschmissen oder losgelegt. Oder schon mal der Schwester des Sultans das Wort «Hallo» in den Mund gelegt. Wer drückte sich zur damaligen Zeit wohl so aus?! Von vgaloppierenden Hunden» ganz zu schweigen…

Hinter dem Pseudonym Helena Marten verbirgt sich ein Frankfurter Autorinnen-Duo

Sollte ein historischer Roman nicht mehr aufweisen?! Nämlich einen gewissen «Mehrwert» – ich möchte Neues erfahren. Doch außer rudimentären Kenntnissen über die Kaffeezubereitung wird hier nichts geboten. Zudem möchte ich in die Geschichte hineingezogen, an Schauplätze versetzt werden, die dicht beschrieben sind. Stattdessen ist Lokalkolorit Mangelware: Johannas Venedig wird zwar bildhaft beschrieben, doch nicht atmosphärisch ausgearbeitet. Auch Istanbul bleibt bloßer Handlungshintergrund für einen kurzen Ausflug in den Harem. Diesbezüglich hat das Autorenduo jede Menge Potenzial verschenkt: Johanna hastet innerhalb nicht einmal eines Jahres (und 100 Seiten) von Frankfurt über Venedig nach Istanbul und via Neapel wieder zurück. Wie glaubhaft ist es solches anno 1733? Eine anstrengende Reise innerhalb dieser Zeitspanne zu bewältigen, nebenbei noch zur Kaffeemeisterin des Sultans aufzusteigen und zwei neue Sprachen zu erlernen?

Schlecht ist Helena Martens neuer Roman «Die Kaffeemeisterin» keineswegs. Nur leider historisch sehr schwammig bis fragwürdig. Ein Historischer Roman sollte vor allem authentisch und korrekt sein. Ich bevorzuge pralle «Sittengemälde» a la Rebecca Gable, wo sich überzeugende und fein gezeichnete Gestalten glaubhaft verhalten und entsprechend handeln. Und wo ich quasi nebenbei jede Menge Neues aus alter Zeit erfahre. Dies alles fehlt bei Helena Marten - schade.

Dieser historische Roman ist also vor allem eines: Anachronistisch mit seiner Hauptfigur Johanna, die über Giovanna zu Yuhanissa mutiert. Sie wird als «stark und faszinierend» beschrieben, ist aber erstaunlich naiv. Sie reist alleine nach Venedig – wie das bitte zu einer Zeit, in welcher Frauen alleine nicht mal das Haus verließen?! Oder: Sie besucht einen jüdischen Musiker zu Hause und gibt zur Begrüßung die Hand.
Die Protagonistin, eigentlich eine sympathische Figur, ist leider schablonenhaft ausgearbeitet. Sie meistert jede Situation, aber überzeugt weder als historische Gestalt noch als Mensch wirklich, sie bleibt vorhersehbar und seltsam blutleer, außerdem naiv in ihren Gedankengängen wie in ihren Verhaltensweisen. Die Beziehung zu dem «faszinierenden, großäugigen und sensiblen» Musiker Gabriel bleibt weitestgehend «auf der Strecke». Dennoch erkennen beide vom ersten Augenblick an die gegenseitige Anziehung und können einander nicht vergessen…
Aber bei aller Kritik: Schlecht ist dieser Roman keineswegs. Nur leider historisch sehr schwammig bis fragwürdig. Zudem fehlt im dritten Teil, als Johanna wieder in Frankfurt/Main ankommt, der rote Faden; Hier reihen sich mehr oder weniger Ereignisse, und alles endet recht vorhersehbar.
Ein historischer Roman sollte vor allem authentisch und historisch korrekt sein. Ich bevorzuge pralle «Sittengemälde» a la Rebecca Gable, wo sich überzeugende und fein gezeichnete Gestalten glaubhaft verhalten und entsprechend handeln. Und wo ich außerdem, quasi nebenbei, jede Menge Neues aus alter Zeit erfahre. ■

Helena Marten, Die Kaffeemeisterin, 512 Seiten, Diana Verlag, ISBN 3453290607

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Leseproben

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Brigitte Fuchs: «salto wortale»

Posted in Brigitte Fuchs, Buch-Rezension, Günter Nawe, Literatur, Literatur-Rezensionen, Lyrik, Rezensionen by Walter Eigenmann on 2. August 2011

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NIELÄUFTEINWURMSTURM

Günter Nawe

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.«Als sich das ROTWEINROT und das
WEISSWEINWEISS näher kamen,
sah die Welt plötzlich ganz rosé aus»

Von dieser und anderer, fantastisch vielfältiger Art sind die Sprachspiele der Brigitte Fuchs. Und so liegt – um es vorwegzunehmen – ein höchst amüsantes, ein sehr intelligentes und sehr schönes Buch vor mir, das jede Empfehlung wert ist. Was die Lyrikerin Brigitte Fuchs hier bietet, ist sprachliche Equilibristik der besonderen Art. Sie spielt mit den Wörtern, schüttelt sie sich zu recht, findet poetische Wortbilder, schlägt gewagte Salti und Kapriolen. Sie schreibt Sinn und vermeintlich Unsinn – doch lasse man sich nicht täuschen. Alles, was wir in diesem Buch sehen und lesen, ist begründet in der Lust an der Sprache und hat einen höchst poetischen Wert.
Ihre Lyrik ist – so hat Brigitte Fuchs es einmal selbst formuliert – «Arbeit an der Aussage, am Klang, am Rhythmus, an der Form». Ein hoher Anspruch, dem die Schweizer Lyrikerin in jeder Zeile, in jedem Bild gerecht wird. Für die Sprachartistin gehören «Genauigkeit des Denkens und das genaue Hinsehen wesentlich zum Handwerk des Schreibens». Und so ist das, was hier so leichtfüßig herkommt, harte Arbeit und pefektes Handwerk.

Witzige Wortvirtuosin: Brigitte Fuchs

Geboren in Widnau im St. Galler Rheintal lebt die Lyrikerin heute im Kanton Aargau. Die gelernte Lehrerin ist nicht nur nur als Dichterin, sondern auch gestalterisch tätig. Ihren Arbeiten merkt man dies an. Dafür hat sie bereits zahlreiche Literaturpreise erhalten. Die Bücher der Brigitte Fuchs – zum Beispiel: «Herzschlagzeilen», «Das Blaue vom Himmel oder ich leben jetzt» und «Solange ihr Knie wippt» – sind längst über den Status eines Geheimtipps hinaus. Und das sollte auch für den Band «salto wortale» gelten.
Die Sprachkünstlerin Brigitte Fuchs konfrontiert den Leser mit oft sehr ungewohnten visuellen und verbalen Überraschungen. Seien es Wortcollagen, Sprachbilder, Gedichte oder Schüttelreime.
Da gibt es das Sprachbild «KONKRET», das mit der Zeile NIELÄUFTEINWURMSTURM endet.
Da sagt

«…der Seiltänzer zu seiner Frau: >Du müsstest wissen, dass für mich ein Seitensprung nicht in Frage kommt!<

Oder man lese das «Sonett» – wenn man so will: ein wunderbares Liebesgedicht, in dem der Liebste aufgefordert wird, ein Sonett zu schreiben. Worauf er dichtet:

«…Sonette sind was Bittersüsses, Feines, / für Mädchen, die längst Frauen sind, mein Kind! / Sonette sind die Länge deines Beines – / denkst du denn, dass ich dafür Worte find?»

Manchmal «jandelt» es richtig schön. So, wenn Brigitte Fuchs ihrem großen Kollegen Ernst Jandl folgendes Gedicht widmet:

Oh Schandl

Was für ein Wandl
seit Ernst Jandl
verschwandl
… .
kein Wortspielhandl
alles verläuft im Sandl
oh Schandl

In ihrem Lyrik-Band «salto wortale» versteht es Brigitte Fuchs souverän, auf der gesamten Klaviatur der Sprache zu spielen. Ihr Buch ist amüsant, hintergründig und vordersinnig, intelligent und wunderbar - voller Lust an der Sprache und von hohem poetischen Wert. Durch die kongenialen Wortbilder von Beat Hofer bekommt dieser Lyrikband zudem ein unverwechselbares Aussehen.

Nein, nichts verläuft in diesem herrlichen Buch, in diesen «vergnüglichen, anregenden und bekömmlichen Blätterbuch für Sprachfans» «im Sandl». Auch nicht die wunderbaren Farbbild-Seiten des Grafikers Beat Hofer. Er spielt ebenfalls gekonnt mit Bild und Wort und Farbe und hat so dem Lyrikband sein unverwechselbares Aussehen gegeben.
Übrigens: Müsste man der POESIE nicht endlich das DU anbieten? Brigitte Fuchs steht längst mit der Poesie auf Du und Du. Im «Vor- und Nachwort» schreibt sie: «Wir verlangen ja nicht viel vom Wort: Das und kein anderes soll es sein, anfänglich, wahr, gut, groß, geflügelt. Es soll uns auf die Sprünge helfen, wir wollen es ergreifen, halten, führen, erteilen, entziehen. Eines gibt das andere, wir werden jedes unterschreiben und das letzte, noch ehe es gesagt ist, behalten». Dem ist nichts hinzuzufügen. ▀

Brigitte Fuchs, salto wortale – Sprachliche Kapriolen (Zweite/erweiterte Auflage), mit Wortbildern von Beat Hofer, 192 Seiten, edition 8, ISBN 978-3-85990-110-0

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Leseproben

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Inge Grolle: «Die jüdische Kauffrau Glikl» (Biographie)

Posted in Buch-Rezension, Günter Nawe, Inge Grolle, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rezensionen by Walter Eigenmann on 29. Juli 2011

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«Aus vielen Sorgen und Nöten und Herzeleid»

Günter Nawe

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Sie war eine deutsch-jüdische Kauffrau, eine erfolgreiche Unternehmerin und Perlenhändlerin. Sie lebte von 1646 bis 1724, geboren in Hamburg und gestorben in Metz. Sie hieß eigentlich korrekt «Glikl bas Judah Leib» (Tochter des Judah Leib), wurde aber eher bekannt als «Glückl von Hameln», benannt nach dem Herkunftsort ihres Mannes Chajim: Hameln.
Glikl führte ein außergewöhnliches und exemplarisches Leben, über das sie in erster Linie ihren Kindern berichtete – und durch einen Glücksfall auch der Nachwelt. So liegen sowohl der Urtext ihrer Erinnerungen in westjiddischer Sprache (und hebräischen Schriftzeichen) – in «Weiberdeutsch», wie es etwas despektierlich hieß – vor als auch mehrere Übertragungen. Zuletzt kam dieses Verdienst 1913 Alfred Feilchenfeld zu. Eine Neuausgabe erfolgte 1994, der Fassung von Bertha Pappenheim, eine Nachfahrin der «unbekannten Jüdin» Glikl, durch Viola Roggenkamp.

Dieser außergewöhnlichen Frau hat jetzt Inge Grolle ein «Lebensbild» gewidmet. Die Autorin, sie studierte Geschichte, Germanistik und Romanistik, hat sich durch zahlreiche wissenschaftliche Publikationen einen Namen gemacht. Ihr besonderes Interesse gilt der hamburgischen Sozial- und Frauengeschichte. Ihre Arbeit über die Kauffrau Glikl hat sie entlang der bekannten biografischen Fakten gerschrieben, immer aber in den Konzext von Zeit und Zeitumständen gestellt.

Bertha Pappenheim im Kostüm der Glikl. Pappenheim, eine entfernte Verwandte Glikls, übersetzte und veröffentlichte 1910 deren Memoiren. (Nach einem Gemälde von L. Pilichowski)

So ist Grolles Buch für den Leser ein faszinierendes Porträt der Glikl von Hameln und gleichzeitig ein spannendes Zeitpanorama. Wie lebte Glikl von Hameln, und wie lebten Juden Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts in Deutschland? In den Erinnerungen der Glikl können wir es nachlesen. Sie hatten geschäftlichen Erfolg, genossen zum Beispiel als «Hofjuden» Anerkennung. Sie waren insgesamt und als Familie im Besonderen gefährdet als Juden und Kaufleute. Es gab Krankheiten wie die Pest. Und es gab religiöse Umbrüche und Irritationen (zum Beispiel das Auftreten dess Sabbatai Zwi), die sich auf das religiöse Leben der Juden auswirkten. Es gab staatliche Restriktionen und persönliche Verfolgungen.

Das alles hat Glikl nicht nur miterlebt, sondern auch aufgeschrieben. Sie, Mutter von 12 Kindern, dreißig Jahre mit Chajim verheiratet, später als selbständige Geschäftsfrau mit internationalen Verbindungen tätig, schildert sehr ausführlich die äußeren Umstände ihres Lebens. Sie gibt aber auch einen Blick in ihre Seelenlage – «Aus vielen Sorgen und Nöten und Herzeleid». Sie, die aufopferungsvolle Frau und Mutter, findet ihren Halt im Glauben an einen Gott, der sie hält, obwohl «sündig», und dem sie sich in jeder Siuation ihres Lebens anvertraut. Dass sie, nach einer zweiten und nicht sehr glücklichen Ehe, verarmt starb, macht ihre persönliche Tragik aus.

nge Grolle erinnert uns mit ihrem Lebensbild der Kauffrau Glikl von Hameln nicht nur an eine faszinierende Frau, sondern gibt auch ein sehr differenziertes Zeitbild. Die Lebenswelt der Glikl war geprägt von Zeitgeist und Zeitumständen und kann so als exemplarisch gelten. Inge Grolles sehr empfehlenswerte Arbeit ist es auch.

Dies alles ist bei Inge Grolle zu lesen. Und mehr. Die jüdischen Sitten und Gebräuche werden uns ebenso nahegebracht wie das Rollenverständnis von Mann und Frau in der jüdischen Lebenswelt – vor allem aber das Selbstverständnis einer jüdischen Frau in der damaligen Zeit.
So erzählt Inge Grolle von der Geschichte und den Geschichten.der Glikl, die uns mit ihren Aufzeichnungen auch ein höchst wichtiges literarisches Zeugnis hinterlassen hat. Und es ist sehr schön, dass die Autorin einige dieser von Glikl erzählten Geschichten an das Ende ihres Buches gestellt hat. Von einer «märchenhaften Atmosphäre altjiddischer Erzählkunst» ist die Rede (I.G.). Und weiter: «Inmitten von Glikls biografischem Bericht ist die sprachliche Suggestion der Geschichten manchmal so stark, dass die dramatischen Ereignisse ihres eigene Lebens fast selbst den Charakter eines alten Exempels annehmen.» Dem ist von Seiten des Lesers nichts hinzuzufügen. ▀

Inge Grolle: Die jüdische Kauffrau Glikl (1646-1724), 194 Seiten, Edition Temmen Hamburg, ISBN 978-3-8378-2017-1

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Rainer Wedler: «Unter der Hitze des Ziegeldachs»

Posted in Buch-Rezension, Christian Busch, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rainer Wedler, Rezensionen by Walter Eigenmann on 4. Juli 2011

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«Die Wörter befreien sich / und tanzen frech»

Christian Busch

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In einer Tonne, einem Weinfass oder auch mit Tieren soll Diogenes im 4. Jahrhundert vor Christus gelebt haben. Um seiner Rolle als Bürgerschreck und Unterhalter gerecht zu werden. Im 21. Jahrhundert lässt sich «Unter der Hitze des Ziegeldachs» so mancherlei Erhellendes finden und denken, wie Rainer Wedlers gleichnamiger, beim Pop-Verlag erschienener Gedichtband beweist. In diesem erweist sich der bereits mit zahlreichen literarischen Preisen und Ehrungen ausgezeichnete Autor einmal mehr als virtuoser, mal verwirrender, Augen zwinkernder, mal schockierender, provozierender Sprachjongleur, dem es gelingt, den Leser in den Bann seiner Betrachtungen zu ziehen.

Rainer Wedler (*1942)

Die kurzen, schmucklos-lakonischen Texte, ebenso nüchtern und doch treffend von Ferdinand Wedler illustriert, beleuchten in vier Zyklen anhand von scheinbar beiläufig ausgewählten Realien und Motiven die ‚conditio humana’ aus überraschendem Blickwinkel. Zunächst vorsichtig: hinter vorgehaltener Maske, dann mutiger: Was man sich so alles wünscht, schließlich real: es gibt dies. Im letzten Kapitel «Eigenwillig» hat es sich konstituiert, das lyrische Ich, in immer klarer werdenden, respektive autobiographischen Konturen. Dabei weist jedes Gedicht über sich hinaus, indem es sich der Begrenztheit von Sprache bewusst ist und sich ihrer doch bedient. So wie jemand, der lebt, weiß, dass sein eigenes Leben nur begrenzt ist und die Möglichkeit unendlich vieler Leben ungenutzt in sich trägt.

«Die Offenheit des Kamins wärmt»: Grafisch-poetische Stilisierungen von Sohn Ferdinand Wedler

Im ersten Zyklus sind es zunächst Todes-Visionen («nicht zu heilende Krankheit»; «der Tod hat sich bei mir eingehakt»), die als Auslöser für die Suche nach dem Sinn und einem Weg figurieren. Da helfen die verstaubten Bücher nur wenig. Unwillkürlich fällt einem da ein berühmtes Studierzimmer ein, in dem jemand verzweifelte. Beklagt werden die bei Tageslicht bis zur Unkenntlichkeit gebleichten Nachtgedanken und das Joch der Zivilisation («Nachgeborener»). Misantrophisch («zuweilen»; «Attrappen») schwingt er nicht nur mit Blick auf die Medienwelt die gesellschaftskritische Keule («…zappen wir mit dem nervösen Daumen /Und geben dieses Zucken für Leben aus») im Angesicht der existentiellen Einsamkeit des Menschen («Die große Einsamkeit»), die an der Weltordnung rüttelt. Von der Sehnsucht nach einem erfüllteren, wahrhaftigeren Leben, nach Selbsterkenntnis und Identität, nach einem festen Punkt im ewigen Fortschreiten der Zeit. Kurz: vom Menschen. Gekonnt spielt er mit der Schiffs-Metaphorik, in der er den Ausdruck für das rastlose und nimmermüde Herumirren und -treiben des Menschen findet («das Meer ist eine Frau»). Spricht hier noch der Schiffsjunge Wedler, der nach der Schule nach Afrika fuhr?

Rainer Wedler erweist sich in seinem Lyrik-Band «Unter der Hitze des Ziegeldachs» einmal mehr als virtuoser, mal verwirrender, Augen zwinkernder, mal schockierender, provozierender Sprachjongleur, dem es gelingt, den Leser in den Bann seiner Betrachtungen zu ziehen. Seine Gedichte dokumentieren eine unbändige poetische Experimentierlust und die philosophische Lust auf das Leben.

So weit und noch weiter gehen diese heiter-spielerischen und doch meist von aufrichtiger Ernsthaftigkeit zeugenden Gedichte, Ergebnis unbändiger poetischer Experimentierlust und der philosophischen Lust auf das Leben. Egal, ob es die Ameise, der Liebesakt oder das Abendmahl ist: Immer spiegeln sie das Leben in seinen mannigfaltigen Wirklichkeiten wider, variieren verschiedene Identitäten, die des Schiffsjungen, des Begehrenden, Abschied nehmenden, des Ehepartners oder auch liebenden Vaters. Da erschrecken die Liebenden vor der «gefährlichen Schlucht in ihren Augen». Doch immer gilt: «die Wörter befreien sich / und tanzen frech / mit den Gedanken / die ausgebrochen sind / aus ihrem Zuchtgehäuse.»
Rainer Wedler erweist sich hier einmal mehr als virtuoser, mal verwirrender, Augen zwinkernder, mal schockierender, provozierender Sprachjongleur, dem es gelingt, den Leser in den Bann seiner Betrachtungen zu ziehen. Die spielerisch-heiteren und doch meist von aufrichtiger Ernsthaftigkeit zeugenden Gedichte dokumentieren eine unbändige poetische Experimentierlust und die philosophische Lust auf das Leben. ▀

Rainer Wedler, Unter der Hitze des Ziegeldachs – Lyrik, 136 Seiten, Pop-Verlag, ISBN 978-3-86356-010-2

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Reece Hirsch: «Der Informant»

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Spannung bis ins Unerträgliche

Marita Robker-Rahe

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Will Connely, Angestellter der Firma Reynolds/Finch&McCom LLp, einer der großen Anwaltskanzleien San Franciscos, steht kurz vor einem großen Karrieresprung. Als Workaholic sitzt Will oft schon frühmorgens an seinem Arbeitsplatz, um eben diesen Karrieresprung voranzutreiben. Doch an jenem Morgen ist alles anders. Er sieht seinen Kollegen Ben Fischer aus der Etage über ihm aus dem Fenster springen und 38 Stockwerke in die Tiefe stürzen. Selbstmord oder Mord? Da Will sich zu diesem Zeitpunkt in der Kanzlei befand und seine Schlüsselkarte bei dem Getöteten gefunden wird, gehört er zum Kreis der Verdächtigen. Nach Bens Tod wird Will jener Fall übergeben, an dem sein Kollege gearbeitet hat, und Will wird den Gedanken nicht los, dass Fischers Tod mit diesem Fall zu tun hat, nämlich mit der Fusion zweier wichtiger Softwarefirmen, die für  Datensicherung zuständig sind.
Als Wills großer Traum in Erfüllung geht und er Partner dieser Kanzlei wird, feiert er dieses Ereignis abends in einer Bar, wo er eine Frau kennenlernt, mit der er auch die Nacht verbringt. Als er am nächsten Morgen in Katyas Wohnung von zwei Mitgliedern der Russen-Mafia zusammengeschlagen wird, merkt er, dass er einem Lockvogel in die Falle gegangen war. Ab diesem Zeitpunkt  ist nichts mehr, wie es war. Die Mafia fordert Information über die Fusion, um an der Börse Gewinn zu machen, aber auch andere Organisationen haben Interesse an Will. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, und Connely wird zum Spielball verbrecherischer Organisationen, aber auch staatlicher Geheimdienste. Er wird sowohl von der Polizei als auch von der Mafia gejagt und hat nur Chancen auf eine Zukunft, wenn er selbst seine Position in diesem Spiel verändert.

Reece Hirsch

Mit einem filmreifen Plot beginnt Reece Hirschs Thriller, der Insiderhandel, Mafia, Terrorismus sowie illegales Datensammeln zum Thema hat. Die Spannung, die er zu Anfang seines Buches aufbaut, schafft es, den Leser bis zum Ende in Atem zu halten. Viele Wendungen im Geschehen, aber auch das Wissen, niemandem trauen zu können, steigert das Packende im «Informant» ins schier Unermessliche. Die Protagonisten werden gut beschrieben, und mehr als einmal kamen mir die ersten Bücher von John Grisham in den Sinn, die im Leser dieselbe Spannung hervorzurufen vermögen.

Genauso wie Will Connely, Hauptprotagonist dieses Thrillers, ist  Autor Reece Hirsch Partner einer großen amerikanischen Rechtsanwalts-Kanzlei. Er lebt in der Nähe von San Francisco, wo auch dieses Thriller-Debüt angesiedelt ist.

«Der Informant» ist eines der Bücher, die mich in diesem Jahr begeistern konnten. Autor Reece Hirsch braucht Kollegen wie John Grisham oder John T. Lescroart nicht zu fürchten, sein Thriller-Debüt garantiert Spannung bis ins Unerträgliche! Man darf gespannt sein, wie es mit Reece Hirsch weitergeht...

«Der Informant» ist eines der Bücher, die mich in diesem Jahr begeistern konnten. Der Autor braucht Schriftstellerkollegen wie John Grisham oder John T. Lescroart nicht zu fürchten, denn sein Insiderwissen, gepaart mit der Fähigkeit eine fast unerträgliche Spannung aufzubauen, läßt die Fans dieses Genres das Buch in jeder Minute genießen. Man darf also gespannt sein, wie es mit Reece Hirsch weitergeht, ob er dieses Niveau halten kann. Es wäre allen Krimi-Freunden zu wünschen. ▀

Reece Hirsch, Der Informant, Thriller, 384 Seiten, Rowohlt Verlag, ISBN 978-3862520145

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Leseprobe

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K.-H. Wollscheid: «Theorie und Praxis der Interpretation ausgewählter Gedichte»

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Gute Lyrik-Einführung – mit einem Schuss Pedanterie

Bernd Giehl

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In einer älteren Buchbesprechung für dieses Magazin («Die Lyrik des Abendlands») habe ich mir eine Einführung in die Lyrik gewünscht, «in der (nicht nur jungen Lesern) erklärt wird, wie man lernt, Gedichte zu lesen, und was man (an Lebensqualität) damit gewinnt». Und nun liegt also ein Buch auf meinem Nachttisch, das diesen Wunsch einzulösen verspricht. «Theorie und Praxis der Interpretation ausgewählter Gedichte» heißt es und stammt von dem pensionierten Gymnasiallehrer Karl-Heinz Wollscheid.
Bleibt die Frage: Ist dies das Buch, das ich mir gewünscht habe? Gleich zu Anfang erklärt Wollscheid, er wolle jenes Wissen, das er in seiner Zeit als Deutschlehrer am Gymnasium erworben habe, an künftige Schüler weitergeben. Schüler der Oberstufe, die sich für Gedichte interessieren, sind also vor allem die Zielgruppe, für die dieses Buch geschrieben ist. Wollscheids Ziel ist es, Schüler und vermutlich auch andere Leser in die Lage zu versetzen, Gedichte sachgemäß zu interpretieren. Den Einwand, alle Interpretationen seien gleich gültig, den manche Postmodernen machen, will er dabei nicht gelten lassen. Nach seiner Auffassung gibt es so etwas wie die Intention eines Dichters, mit der er ein bestimmtes Gedicht schrieb, und der gilt es möglichst nahezukommen. Ganz lässt sich dieses Ziel nicht erreichen; das gibt auch Wollscheid zu, aber er glaubt, man könne dem Gemeinten durchaus nahekommen. Dazu müsse man zum einen Form und Inhalt eines Gedichts möglichst genau analysieren und zum anderen – vor allem bei älteren Gedichten – auch die Zeit, in der ein Gedicht entstanden ist, berücksichtigen.  Zur Form eine Gedichts rechnet Wollscheid das Versmaß (Jambus, Daktylus, Alexandriner usw.) den Rhythmus und den Reim.

Sachkundig, mit einem Hauch Pedanterie: Lyrik-Experte Wollscheid

Was mir zumindest im ersten Teil fehlt, das ist die Frage nach der Symbolik. Schon in der älteren, ganz bestimmt aber in der neueren Lyrik, die ohne Versmaß und Reim auskommt,  spielt die Bildsprache eine große Rolle. Für Wollscheid, der sich in diesem Buch fast ausschließlich mit älterer Lyrik (bis zum 19. Jahrhundert) beschäftigt und auch fast ausschließlich gereimte Gedichte bespricht, mag sie nicht so wichtig sein. Aber damit vergibt er sich auch eine wichtige Chance.  Womöglich möchte ein Schüler, der in der Schule oft nicht über Gedichte von Goethe und Schiller hinauskommt, auch einmal einen moderneren Autor kennenlernen. Moderne Gedichte leben nun einmal weniger von Reim und Versmaß (die meisten sind nicht gereimt), sondern sie sind geprägt vom Spiel mit den Worten, von Symbol und Metapher. Sie verweisen auf eine andere Ebene als das, was im Gedicht unmittelbar gesagt wird. Sicher ist das weniger gut zu fassen als Metrum und Reim, aber zumindest sollte man darauf aufmerksam machen. Und Anleitung geben, wie man von der wörtlichen Bedeutung eines Gedichts auf die darunter verborgen liegende Ebene kommt.

Karl-Heinz Wollscheids Buch «Theorie und Praxis der Interpretation ausgewählter Gedichte» ist eine gute Lyrik-Einführung - allerdings mit einem Schuss Pedanterie, die oft allzu stark Formales wie Reim, Versmaß oder Alliteration in den interpretatorischen Fokus hebt.

Im Praxis Teil, also in der Einzelinterpretation ausgesuchter Gedichte, tut Wollscheid das auch. Da erklärt er uns beispielsweise Gottfried August Bürgers Gedicht «Der Bauer», das im Untertitel die Widmung «An seinen Durchlauchtigen Tyrannen»trägt, als eine Anklage eines einfachen Mannes gegen seinen Fürsten, der in seinen Lebensgewohnheiten keine Rücksicht nimmt auf seinen Untertan, sondern dessen Lebensgrundlage rücksichtslos zerstört. Dazu zieht Wollscheid auch die Lebensumstände der Zeit des Absolutismus heran. Oder er schafft es, den Fluch-Charakter des Gedichts «Die schlesischen Weber» herauszuarbeiten, eines Gedichts, das zur Zeit der Industriellen Revolution entstanden ist. Auch hier ist der geschichtliche Hintergrund wichtig, obwohl man aus dem Gedicht selbst schon einiges über die extreme Armut der schlesischen Weber erfahren kann, die 1844 schließlich zum Aufstand gegen die Obrigkeit führte und blutig niedergeschlagen wurde.
Insgesamt sind Wollscheids Interpretationen gute Erklärungen der besprochenen Gedichte, und sie zeigen durchaus, wie man Gedichte interpretieren kann. Allerdings kann einem Wollscheids Pedanterie, sein ausführliches Eingehen auf das Versmaß, aber auch seine Behauptung, diese oder jene Alliteration – also die Häufung bestimmter Vokale in einer Zeile oder einer Strophe -, die er praktisch in jedem der besprochenen Gedichte findet, beweise das, was er vorher schon herausgefunden hat, gewaltig auf den Geist gehen. Sätze dieser Art findet man praktisch in jeder Gedichtinterpretation, und ich bezweifle stark ob der «betroffene» Autor das auch so sehen würde.
Wäre ich Deutschlehrer, machte ich gern ein Experiment: Ich würde meinen Schülern die eine oder andere Gedichtinterpretation von Wollscheid geben und sie dann fragen, ob sie damit etwas anfangen können. Ich vermute, dass sie ähnlich gespalten wären, wie ich es bin. Ich glaube jedenfalls, dass Wollscheids Buch vor allem denen etwas nützt, die sowieso schon ein starkes Interesse an Lyrik haben… ▀

Karl Heinz Wollscheid, Theorie und Praxis der Interpretation ausgewählter Gedichte, 246 Seiten, Rhombos Verlag, ISBN 978-3-941216-49-5

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Leseprobe

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Tobias Wolff: «Unsere Geschichte beginnt»

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«Alles wird gut…»

Bernd Giehl

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Keine Sorge, meine sehr verehrten Damen und Herren, die Atomkraft ist sicher. Vielleicht nicht in Japan, aber in Deutschland und ganz besonders in der Schweiz. Griechenland wird nicht bankrottgehen – und wenn doch, wird sich die Spekulation ganz bestimmt nicht gegen Irland oder Spanien richten, und wenn der Euro wider Erwarten doch die Flügel streckt, werden wir eben den Schweizer Franken als europäische Währung einführen. Ansonsten werden wir das Klima retten und die Wale natürlich auch. Sie sehen, es ist alles in bester Ordnung und nur noch eine Frage der Zeit, bis Libyen und Syrien Mitglieder der EU werden.

Nein, so schrill und wie Pfeifen im dunklen Wald klingen die Geschichten nicht, die Tobias Wolff erzählt. Auch ist die Lüge und der Selbstbetrug nicht so deutlich sichtbar wie in den Behauptungen, die ich eingangs aufgestellt habe. Aber in vielen Erzählungen von «Unsere Geschichte beginnt» geht es genau darum: Wie Menschen einer Gefahr ins Auge sehen und sie dann doch verdrängen. Wie sie in einem Moment der Hellsichtigkeit selbsterkennen und dann doch weiterleben, als wäre nichts geschehen. Sie machen sich etwas vor. Und darin gleichen sie uns.
Nur ist das alles sehr viel diskreter, als ich es gerade getan habe. Und wenn man sich von der ersten Geschichte dieses Bandes «Im Garten der nordamerikanischen Märtyrer» aufs Glatteis führen lässt, dann wird mancher sogar vehement bestreiten, dass es hier um Illusionen und Selbstbetrug geht. Denn Mary, die «Heldin» dieser Geschichte, eine abgehalfterte College Professorin, die auf der Suche nach einem neuen Job ist, verzichtet ja gerade auf die Lüge und erzählt dem Ausschuss, der sie einstellen soll, was dieser keinesfalls hören will. Aber sie weiß eben auch, dass sie sowieso keine Chance hat, sondern nur als Zählkandidatin fungiert.

Tobias Wolff

In den allermeisten anderen Geschichten des Bandes verhält es sich jedoch anders. In «Nebenan» werden Eheleute Zeugen häuslicher Gewalt in der Nachbarwohnung, ohne etwas dagegen zu tun. Stattdessen flüchtet zumindest der Mann sich in Tagträume – alles besser als die Realität, in der er lebt.  In der Geschichte «Im Zweifel für den Angeklagten» erlebt ein Amerikaner in Rom die extreme Armut im Auswanderer-Ghetto, wird ausgeraubt – und dennoch wird schon alles gut werden. Die Gesellschaft, für die er arbeitet und die er eigentlich verachtet, weil sie eigentlich nur schönen Schein produziert, wird ihm schon das Geld überweisen, das er braucht, um sein Hotel zu bezahlen. Es ist zwar alles nur Lüge und Illusion, aber es funktioniert, und das ist die Hauptsache. Ein Vater, der seinen verweichlichten Sohn zu einer Militärakademie bringt, damit endlich ein Mann aus ihm werde, spürt bei der Rückfahrt, dass es die falsche Entscheidung war, aber dann beruhigt er sich doch mit der Erkenntnis, dass das Leben ein Kampf sei und sein Sohn das eben lernen müsse («Nachtigall»).

Tobias Wolff ist in dem Erzählband «Unsere Geschichte beginnt» nicht nur ein guter Beobachter, sondern auch ein diskreter Erzähler. Jedenfalls erzählt er nicht mit erhobenem Zeigefinger. Seine Figuren sind nicht nur schwarz oder weiß. Und bei allem Selbstbetrug haben sie auch ihre guten Seiten...

Tobias Wolff ist nicht nur ein guter Beobachter, sondern auch ein diskreter Erzähler. Jedenfalls erzählt er nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Seine Figuren sind nicht nur schwarz oder weiß. Und bei allem Selbstbetrug haben sie auch ihre guten Seiten. Sie sind bestimmt gute Nachbarn und hilfsbereite Menschen. Sie passen sich an, haben Allerweltsgesichter, und sicher sind sie auch gute Staatsbürger, die pünktlich ihre Steuern zahlen. Und weil sie so sind, wie sie sind, geht eben alles seinen wohlgeordneten Gang. Sie sehen, meine Damen und Herren: Alles wird gut… ▀

Tobias Wolff, Unsere Geschichte beginnt, Erzählungen, 208 Seiten, Berlin Verlag, ISBN-13 9783827008527

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Jens Lapidus: «Mach sie fertig»

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Krimi-Roman als Milieu-Studie

Marita Robker-Rahe

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«Mach sie fertig» ist das zweite Buch des Schweden Jens Lapidus. Schon mit seinem ersten Werk «Spür die Angst» hat der Autor Erfolge erzielt; es stand wochenlang auf der schwedischen Bestsellerliste und war 2008 das in Schweden am meisten verkaufte Taschenbuch.
Bei seinem Nachfolger «Spür die Angst» hoffte man auf den gleichen Erfolg. Mir allerdings fiel die Bewertung dieses Buches ziemlich schwer. Im Klappentext des Buches steht «Thriller – brutal, spannend!». Die Attribute brutal und spannend sind durchaus zutreffend – aber als Thriller würde ich diesen Roman nicht bezeichnen, eher als Milieustudie des «neuen Schweden».

Im Zentrum der Krimi-Inszenierung: Sozialdemokrat Olaf Palme, zweimaliger schwedischer Ministerpräsident

Drei Personen bestimmen das Geschehen. Da ist einmal Mahmud, arabischer Herkunft, in den Außenbezirken Stockholms wohnend, in den sogenannten Asylgettos – Brutalität und Drogen bestimmen das Leben dort. Mahmud, der gerade aus dem «Bau» entlassen wurde, wird von Konkkurenten des Drogenhandels «in die Zange» genommen, da er ihnen noch Geld schuldet. Daraufhin läßt er sich von den «Jugos» anheuern, verkauft Drogen für sie, kümmert sich um deren Prostituierte.
Zweiter Protagonist ist Niklas, ehemaliger Söldner, der in den «Sandkästen» des Iraks gekämpft hat: zurück in Schweden findet er keine Aufgabe; mehrere Versuche, sich als Sicherheitsmann in verschiedenen Bereichen anzubieten, schlagen fehl. So sieht er sich als Beschützer und Rächer misshandelter Frauen, macht es sich zur Aufgabe, deren Männer «abzustrafen». Er selbst stammt aus einer Familie, in der Gewalt gegen seine Mutter an der Tagesordnung war. Als eines Tages der ehemalige Freund seiner Mutter im Kelleraufgang des Wohnhauses gefundet wird, wird Polizist Thomas zum Tatort gerufen, Lapidus’ dritte Hauptfigur.
Thomas findet den Ermordeten brutal zugerichtet vor, seine Zähne und Fingerkuppen sind für eine Identifikation nicht mehr zu gebrauchen. Thomas selbst ist ein Gesetzeshüter, der sich seine eigene Moral gestrickt hat: Mit kleinen Deals und beschlagnahmter Ware, die er bei Drogendealern konfiziert hat, bessert er sein Polizistengehalt auf. Als er jetzt das brutal zugerichtete Mordopfer noch einmal in der Gerichtsmedizin aufsucht, stellt er fest, dass das Gutachten des Pathologen nicht ganz vollständig ist. Zusammen mit einem Kollegen der Mordkommission macht er sich daran, die Ungereimtheiten des Mordfalles zu ermitteln. Doch während seiner Recherchen wird ihm immer wieder unmissverständlich klargemacht, dass er seine Finger von diesem Fall lassen soll, doch Drohungen und gar tätliche Angriffe halten ihn nicht davon ab. Als er schließlich abgestraft und zur Verkehrspolizei versetzt wird, übernimmt er einen Zweitjob in einer Stripperbar der «Jugos». Denn seine Recherche gibt er nicht auf – und entdeckt dabei Dinge, die weit in die Vergangenheit Schwedens zurückreichen. Diese drei Hauptfiguren in «Mach sie fertig» treffen schließlich im Showdown aufeinander, jeder mit einer anderen Intension…

Einige der Schilderungen in Lapidus' «Mach sie fertig» widerstreben der landläufigen Auffassung von gutem Geschmack... Allerdings muss dem Autor zugute gehalten werden, dass sein brutaler Erzählstil der Milieu-Sprache genau angepasst ist.

Ich habe mich, zugegeben, teilweise etwas schwer getan mit diesem Buch. Einige seiner Schilderungen widerstrebten schon sehr meiner Auffassung von gutem Geschmack… Allerdings muss dem Autor zugute gehalten werden, dass sein brutaler Erzählstil der Milieu-Sprache genau angepasst ist. Lapidus ist Strafverteidiger, Gewalt, Drogenhandel und Prostitution bilden seine Arbeitswelt – er weiß, worüber er schreibt. Positiv wiederum empfinde ich seine Schilderungen der Probleme von Menschen mit Migrations-Hintergrund; Lapidus schildert sie als Leute, die sich nicht zugehörig fühlen, sondern die schwedische Gesellschaft als Gegner wahrnehmen, der ihr Schicksal mitverschuldet hat. Auch die Orientierungslosigkeit des Exsöldners Niklas und sein Umgang mit Gewalt zeigen, was nicht verarbeitete Traumata ausrichten können.
Ich kann nicht behaupten, dass ich das Buch uninteressant fand, und auch die fiktive Idee, eine Geschichte um Schwedens ehemaligen Ministerpräsidenten Olaf Palme herum zu inzenieren, fand ich nicht schlecht. Allerdings erschien mir «Mach sie fertig» von seiner Grundstimmung her einfach zu destruktiv – und vom Sprachlichen her eher abstoßend. Denn obwohl die Sprache perfekt passt zum beschriebenen Milieu, war mir das über 600 Buchseiten hinweg denn doch zu viel… ▀

Jens Lapidus, Mach sie fertig, Roman, 592 Seiten, Scherz Verlag, ISBN 978-3502101949

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Leseprobe

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Stefan Frank: «Du musst immer gleich wieder schreiben…»

Posted in Buch-Rezension, Christian Busch, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rezensionen, Stefan Frank by Walter Eigenmann on 26. April 2011

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Ein Plädoyer fürs Briefeschreiben

Christian Busch

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«Dir zu gefallen liegt mir mehr am Herzen als Gott zu gefallen. […] Ist mein Selbst nicht bei Dir, so ist es nirgendwo.» So erwiderte Heloise 1121 aus dem Kloster Argenteuil die erotisch-leidenschaftlichen Briefe ihres früheren Lehrers Abaelard, der nach seiner Entmannung durch Heloises Vormund Fulbert in die Abtei Saint-Denis eingetreten war. 1761 inspirierten diese Briefe den französischen Philosoph-Literaten Jean-Jacques Rousseau zu seinem Briefroman «Julie ou La nouvelle Héloise», welcher wiederum die Blütezeit des Briefromans im 18. Jahrhundert einleitete. Innerer Reichtum, gesteigerte Empfindsamkeit, das hohe Lied der Liebe in intimen Geständnissen und von gesellschaftlichen Schranken und Konventionen ungetrübte, freie und bar jeder Vernunft ihren Ausdruck findende seelische Kraft zeichnen diese Gattung bis heute aus: «Ach, könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papier das einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt, dass es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist der Spiegel des unendlichen Gottes», klagt Goethes Werther (1772), bevor seine Briefe den Untergang seiner in ihrer bedingungsloser Liebe zu Lotten gefangenen Seele dokumentieren.
Da der Zeitlosigkeit des Schicksals der Liebenden jedoch auch die Bindung an ihre Zeit entspricht, durfte man neugierig auf Stefan Franks (*1972) literarisches Debüt «Du musst gleich wieder schreiben… – Eine Liebe in Briefen» sein. Hier lernt das Ich, ein scheinbar Gefühlen und der Liebe unbedarft gegenüberstehender Single, auf einer Vernissage eine faszinierende Frau kennen, die er nicht mehr loslassen möchte. Sie verbringen vier Stunden miteinander, in denen sie ihn bei der Erklärung ihrer Kunstwerke in ihren Bann zieht. Wie betäubt ist er noch, als Juliane ihn auf seine Bitte hin sie wiederzusehen, «Warum?» fragt und von ihm fordert, sich ihr zu öffnen. Schreiben solle er ihr. Briefe. Keine SMS, keine Mail. Briefe.

Roman-Debütant Stefan Frank (*1972)

Soviel zum vielversprechenden Prolog. Doch anstatt sich hinzusetzen, stöbert er in alten Kisten die Liebeskorrespondenz von Karin (21) aus Wusterhausen und Robert (22) aus Leipzig von August 1971 bis Juni 1972 auf. Sie soll ihm helfen seine Schreib- und Gefühlsbarrieren zu überwinden. Dieser Briefwechsel – nur von wenigen dazwischen geschobenen Briefen des Ichs unterbrochen – bildet nun den eigentlichen Briefroman, der neben einer wachsenden, innig-herzlichen liebevollen Verbundenheit auch viel Alltägliches (Zugfahrten, Wartezeiten, Prüfungsvorbereitungen, Stimmungsschwankungen, Hochzeitsvorbereitungen etc.) – leider in oft banaler Weise (und Sprache) – behandelt. Dabei entsteht auch ansatzweise ein Bild, das oberflächig den Alltag und die Gesellschaft der DDR in den 1970er Jahren widerspiegelt.

Leider reicht Stefan Franks Erstling «Du musst immer gleich wieder schreiben…» für ein gelungenes literarisches Debüt nicht aus: Zu flach, zu banal-belanglos plätschert der Text oft dahin. Immerhin: Streckenweise durchaus ein überzeugendes Plädoyer fürs Briefeschreiben, gegen SMS und E-Mail...

Im Zentrum jedoch steht die – leider so gar nicht ungewöhnliche – Liebe der räumlich getrennten Liebenden, das herzliche Einverständnis, das niemals poetische, intime oder erotische Blüten trägt (Angst vor Postüberwachung durch die Stasi?), nur immer das Bemühen um harmonische Verbundenheit, schließlich die gemeinsame Freude von «Sternling» und «Liebstling» über den kommenden Nachwuchs, den «Kleinstling». Literarisch wesentlich interessanter sind da schon die unter dem Einfluss der Lektüre stehenden Briefe des Ichs an Juliane, in denen er sich dem Phänomen Liebe nähert: «Es zerrt die Schleier vom Ich – es klärt das Spiegelbild. […] Es steht vor den Wällen, den Blick fest auf den kirschkerngroßen Hort der Wärme gerichtet. Die Zeit allein wird zeigen, ob die Wälle brechen oder sich öffnen. […] Und ich? Ich in das Kampfgebiet, das Universum, das allumfassende Toben, grad erzittert. Außen ein Fels, innen eine Spinnwebe.» Denn da ist die Angst, die Angst vor der Leere: «…gibt es eine größere Leere als die, die Menschen in Deinem Herzen hinterlassen, die dort einen Platz hatten, den sie nicht mehr wollten?» Ist es die Angst, die ihn über Treue, Routine und den unseligen Moment, das Ende des Verliebtseins sinnieren lässt, bis er über das Schreiben zur behutsamsten Annäherung («Mein Leben – mein geliebtes Ruinenfeld») an sich selbst gelangt? Jetzt ist die Kontaktaufnahme möglich: «Aber das bin ich. Und wenn du magst, schreib mir jetzt zurück.» Hier ist der Roman ein überzeugendes Plädoyer für Briefe und gegen SMS und E-Mail, doch leider nur in diesen Passagen.
Davon hätte sich der Leser mehr gewünscht. Denn insgesamt reichen die vielversprechenden Ansätze leider für ein gelungenes literarisches Debüt (noch) nicht aus. Zu flach, zu banal-belanglos, eintönig und einfältig plätschern die Briefe von Robbi und Sternli über 200 Seiten dahin und untergraben die innere Spannung, die durch die Rahmengeschichte und durch die eingeschobenen Briefe des Ichs durchaus geschickt aufgebaut wird. Schade! Aber vielleicht gibt es ja eine Fortsetzung? Hoffen wir, dass Juliane antworten wird… ■

Stefan Frank, Du mußt immer gleich wieder schreiben – Eine Liebe in Briefen, 240 Seiten, Mitteldeutscher Verlag, ISBN 978-3-89812-786-8

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Bösel/Pudill/Schäfer (Hg): «Denken im Affekt»

Posted in Buch-Rezension, Literatur, Literatur-Rezensionen, Michael Magercord, Philosophie, Rezensionen by Walter Eigenmann on 18. April 2011

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Denken ohne Effekt

Michael Magercord

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Denken und Affekt wollen im Abendland nicht mehr zusammenkommen. Doch sollten diese beiden grundlegenden menschliche Regungen nicht letztlich immer zusammen betrachtet werden? Gehören sie nicht sogar zusammen?
Dies jedenfalls meinen die jungen Wiener Philosophen, die sich als Autoren des Bandes «Denken im Affekt» zusammengefunden haben. Ihre Abhandlungen sind recht unterschiedlich gestaltet: von der theoretischen Herleitung der eigenen Überzeugung über die Aussagen früherer Philosophen bis zum Versuch, sich schreibend dem gedanklichen Affekt auszusetzen, reicht die textliche Herangehensweise an das Titelthema.
Die Erkenntnis, dass Gefühle in unserer rationalen abendländischen, ja kartensischen Welt eher – wie es im Buch heißt – «infantilisiert» werden, ist nicht neu, sie begleitet die Aufklärungskritik schon seit ihrem Beginn. Doch unbeirrt schreibt Mitherausgeber Bernd Bösel im Vorwort: «Wir brauchen eine Philosophie, die es wagt, im Affekt zu denken.»
Aber wozu? Philosophische Texte sollten nach Möglichkeit mehr sein, als eine bloße Wiedergabe schon erkannten. Und tatsächlich soll das neuentdeckte Denken im Affekt nach der Vorstellung der Autoren zu etwas führen, nämlich zu einer neuen Subjektsouveränität im Umgang mit dem Affekt – und demnach eben auch mit dem Denken. Auch ein Philosoph will von seinen eigene Ideen überfallen werden, heißt es weiter im Buch.

Das Herausgeber-Trio Elisabeth Schäfer, Bernd Bösel und Eva Pudill

Einige der Autoren – wagemutig sind sie, sich darauf einzulassen, das immerhin sollte man ihnen zugestehen – lassen sich von ihren vermeintlich affektösen Gedanken leiten und schreiben im Selbstversuch munter drauf los. Doch den hohen Anspruch kann der Affekt nicht einlösen. Die textlichen Versuche in diesem Buch scheitern kläglich daran beides, Affekt und Denken, schreibend zu etwas Weiterführendem zu verbinden. Mehr als ein paar nette Sätze kommen dabei nicht hinaus. Und dem leidigen Leib-Seele-Problem dadurch beizukommen, dass man das ganze dann als «Textkörper» bezeichnet, erscheint doch eher als semantischer Schnickschnack. Oder ist hier die Philosophie als Therapie gemeint? Dann ist die Frage erlaubt, wie diese Schreibereien nun die Souveränität über sein Selbst fördern sollen.
Vielleicht hätten die Autoren ihren Blick eher auf außereuropäische Denktraditionen lenken und vor allem den oralen Kulturen Gehör schenken sollen. Es gibt dazu bereits hoffnungsvolle Versuche, sich über philososophische Betrachtungen diese unverschrifteten Denkweisen für die Aufklärungskritik nutzbar zu machen. Zu erinnern gilt es hier an die Werke von Mamoussé Diagne sowie die Untersuchungen von Cheikh Moctar Ba, die beide am Lehrstuhl für afrikanische Philosophie an der Universität Dakar im Senegal lehren.
Und doch: Die Autoren und ihr Buch berührt immerhin einen tatsächlichen Mangel im abendländischen Umgang mit dem Gefühl oder dem Denken, dass darin verhaftet ist. Es ist nur der falsche Hebel, an dem sich die Texte abmühen. Denn es wurde ja vermutlich noch nie soviel über Gefühle im öffentlichen Raum dahergelabert, wie heute im medialen Raum, worin man dann allerdings von «Emotionen» spricht. Und doch lässt sich ein eklatantes Fehlen einer wirklichen Diskursfähigkeit über Gefühle im politischen und gesellschaftlichen Raum konstatieren, wie in Deutschland die Auseinandersetzung um das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 gezeigt hat:

Das Buch «Denken im Affekt» spricht ein wichtiges Thema an, schreibt aber an ihm vorbei. Es bleibt zu hoffen, dass dieses nur ein Anfang ist, eine Schreibübung vielleicht, woraus sich in Zukunft mehr entwickelt – denn die Behandlung des Themas vor allem im politischen und gesellschaftlichen Raum ist dringender denn je. So aber wie bislang in diesem Buch kommt man in dem Bemühen nicht weiter.

Zur Schlichtung der Gemüter über umstrittenen Bahnhofsneubau wurde etliche Gesprächsrunden mit Experten aller Art und von allen Seiten veranstaltet, die als «Schlichtung» bekannt geworden sind. Alle Aspekte wurden darin debattiert, von den Taktzeiten der S-Bahn bei unterschiedlichen Gleislängen und Gleiszahlen bis hin zur Dichte und Grundwasserführung des Gipskeupers bei Tunnelbohrungen. Aber es fiel darin kein Wort über den vielleicht wichtigsten Anlass, aus dem heraus sich soviele Menschen gegen den Bau des Megaprojektes gewandt hatten: Denn es ist wohl die komplette Veränderung des Lebensumfeldes, die mit dem Bau einhergeht, die das Unbehagen auslöst. Die affektierte Verbundenheit mit dem alten Bahnhof oder die Unlust, in Zukunft nur noch unterirdisch in einem Shopping-Centre anzukommen anstatt in der gewohnten Umgebung sind zwei Dinge, die bei der Schlichtung nicht angesprochen worden sind, weil es vermutlch dafür keine Sprache gibt in einer ach so sachlichen Entscheidung über Infrastrukturprojekte. Oder anders ausgedrückt: Aus dem Volk der Dichter und Denker wurden die Schlichter und Rechner.
Doch gerade diese Auseinandersetzung, die nun sogar den Ausgang der Landtagswahlen im deutschen Bundesland Baden-Württemberg bestimmt hat, zeigt dass Gefühle im politischen Raum nicht notgedrungen mit irrationalen Ängsten gleichbedeutend sind, etwa vor Fremdartigen und Andersgläubigen, wie immer gegen jede Rücksichtnahme auf derartige Affekte ins Feld geführt wird. Doch dabei ist es erst diese Negation der berechtigten Gefühle in den politischen und gesellschaftlichen Prozessen, die diese Ängste sogar meist zu erzeugen.
Nein, nicht am Ausdrücken von Gefühlen und dem Denken in – nennen wir es also nochmals neudeutsch: Emotionen fehlt es. Aber es hakt beim Diskurs über sie, sowie an der Rücksichtnahme im politischen Raum auf sie und ihrer Einbeziehung in die entsprechenden Entscheidungen. Das zu beheben, bedürfte es aber gerade einer analytischen Betrachtung auf Gefühltes und Gedachtes, doch dazu leisten die in diesem Sammelband erschienenen theoretischen Texte und Textversuche leider keinen Beitrag. Sie sind nur eine Wiederholung der Aufklärungskritik, die so alt ist wie das aufklärerische Denken selbst. Das Glücksgefühl der weiterführenden Erkenntnis vermittelt dieser Band jedenfalls nicht. ●

Bernd Bösel / Eva Pudill / Elisabeth Schäfer (Hg): Denken im Affekt, Passagen Verlag Wien, 188 Seiten, ISBN 9783851659566

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Hilde Kernmayer (Hg.): «Schreibweisen Poetologien» (Bd.2)

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Literarische Selbstreflexion österreichischer Autorinnen

Sigrid Grün

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Der zweite Band aus der Reihe «Schreibweisen Poetologien» widmet sich dem Schreiben von 15 zeitgenössischen österreichischen Schriftstellerinnen. Jede Autorin reflektiert zunächst selbst über den persönlichen Schreibprozess, die bevorzugten Themen und eigene Verfahrensweisen. Dieses Nachdenken über das Schreiben vollzieht sich in Form von Essays, Reden, Interviews oder poetisch verdichteter Lyrik, wie etwa bei Gertrude Maria Grossegger, die das Schreiben mit dem «in den keller gehen» vergleicht: «ein muss und ein unbehagen zuerst / und dann ein tiefes eintauchen und ein nicht anders können / und ein nichts anderes können als das und ein nachschauen / und ein immerwährendes nachschauen was alles im keller ist und was alles / nicht mehr ist». Die Autorin beschreibt hier das Schreiben und liefert damit eine «Beschreibung der Beschreibung», wie sie an anderer Stelle formuliert: «kreiselsprache/ das schreiben kreist um die beschreibung der beschreibung.»
Die Germanistin Alice Boltenauer wiederum fügt dieser Beschreibungsschnecke noch eine weitere Windung hinzu, wenn sie in ihrem Kommentar zu Grosseggers poetologischem Gedicht die Beschreibung der Beschreibung der Beschreibung liefert.

Dr. Hilde Kernmayer

So kompliziert kann es klingen, wenn sich Schriftstellerinnen Gedanken über die eigene Arbeit machen. Dabei ist es so kompliziert eigentlich nicht – man muss den Ausführungen der Autorinnen nur aufmerksam folgen und die jeweils nachfolgenden Kommentare und Analysen lesen, die verschiedene Literaturwissenschaftler verfasst haben, um den Zugang zum Werk der 15 zeitgenössischen Schriftstellerinnen zu erleichtern.
Neben weit über die österreichischen Landesgrenzen hinaus bekannten Autorinnen wie etwa Ilse Aichinger (*1921), Elfriede Jelinek (*1946) oder Kathrin Röggla (*1971) findet man auch Texte von Autorinnen, die nicht ganz so bekannt, aber im Hinblick auf ihre poetologischen Konzepte mindestens genau so interessant sind – und auf alle Fälle den Wunsch beim Leser wecken, sich vertieft mit ihrem Werk zu beschäftigen. Neben der bereits zitierten Gertrude Maria Grossegger (*1957), sind dies auch Elfriede Kern (*1950), Erika Kronabitter (*1959), Christa Nebenführ (*1960), Birgit Pölzl (*1959), Marianne Fritz (*1948), Lisa Spalt (*1970), Sissi Tax (*1954), Olga Flor (*1968), Marianne Gruber (*1944), Sabine Gruber (*1963) sowie Evelyn Schlag (*1951).
In ihrem Essay «Poetologien» setzt sich Elfriede Kern etwa mit der Schaffung einer Vielfalt von Identitäten im Internet auseinander. Wer ist man als Autor, wenn man alles und jeder sein kann? Mann oder Frau, oder keines von beiden?

Das Buch bietet einen faszinierenden Einblick in die Vielfalt der zeitgenössischen österreichischen (weiblichen) Literatur. Die den poetologischen (und poetischen) Texten nachgeordneten literaturwissenschaftlichen Analysen ergänzen und vertiefen dabei hervorragend. Für literaturwissenschaftlich Interessierte ein inspirierendes Buch, das sicher auch zur Beschäftigung mit außerhalb von Österreich eher unbekannten Autorinnen anregt.

Die Autorinnen reflektieren häufig normierte Sprachmustern und hinterfragen diese tradierten Sprach- und Denksysteme. Als Leser streift man durch die Textuniversen der Schriftstellerinnen und freut sich über das ungeheure sprachliche Potenzial, das hier – ganz abseits von leicht konsumierbarer Massenware – freigesetzt wird. Das Buch bietet einen faszinierenden Einblick in die Vielfalt der zeitgenössischen österreichischen (weiblichen) Literatur. Die den poetologischen (und poetischen) Texten nachgeordneten literaturwissenschaftlichen Analysen ergänzen und vertiefen dabei hervorragend. Für literaturwissenschaftlich Interessierte ein inspirierendes Buch, das sicher auch zur Beschäftigung mit außerhalb von Österreich eher unbekannten Autorinnen anregt. ●

Hilde Kernmayer (Hg.): Schreibweise Poetologien 2 – Zeitgenössische Literatur von Frauen, 472 Seiten, Milena Verlag, ISBN 978-3852861920

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Jean-Marc Souvira: «Der Zauberer»

Posted in Buch-Rezension, Günter Nawe, Glarean Magazin, Jean-Marc Souvira, Literatur, Rezensionen by Walter Eigenmann on 26. Februar 2011

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Mörderische Tricks – Mistral ermittelt

Günter Nawe

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Er ist so ganz anders – der Kommissar Ludovic Mistral, Leitender Kommissar im Pariser Polizeipräsidium am Quai des Orfèvres. – kein Kriminalrambo, weder Alkoholiker; noch depressiv. Dafür ein braver Familienvater mit zwei Kindern, intelligent, musikliebend, einfach ein netter Kerl.
So erlebt der Leser ihn in dem jetzt erstmals in Deutschland veröffentlichten und in Köln Presse und Publikum vorgestellten Debüt-Roman «Der Zauberer». Der Autor Jean-Marc Souvira, geboren 1954 in Oran, war 25 Jahre Kriminalkommissar und ist jetzt Leiter der Abteilung Geldwäsche und Terrorismus in Paris. Er hatte bereits mit einer kurzen Geschichte, die Luc Besson unter dem Titel «Go fast» verfilmt hat, erste literarische Aufmerksamkeit gefunden.
Der «Gegenspieler» von Kommissar Mistral in seinem Roman ist der «Zauberer»Arnaud Lécuyer, der vor Jahren Paris in Angst und Schrecken versetzt hat. Mit Zaubertricks, mörderisches Tricks, hat er kleine Jungen angelockt, sie beinahe rituell erdrosselt, erstochen und vergewaltigt – ohne auch nur die geringste Spur zu hinterlassen. Mordwaffe ist ein umfunktionierter Schraubenzieher, mit dem Lécuyer auch andere Morde verübt hat. Nach zwölf Jahren Gefängnisaufenthalt – übrigens wegen eines anderen Delikts – beginnt sein Treiben nun von Neuem. Und weitere Opfer sind zu erwarten.
Damit beginnt auch die Jagd auf den «Zauberer». Ein Kampf gegen die Zeit und ein schwieriges Unterfangen, denn der Mann ist unscheinbar, unauffällig, aber von inneren Dämonen getrieben, mit denen er «im Gespräch» ist, und äußerst raffiniert in der Ausführung seiner schrecklichen Taten. Ein so ganz anderer Tätertyp als wir ihn aus den herkömmlichen Kriminalromanen und Thrillern kennen.

Die Seelenlage des geisteskranken Täters ausgelotet: Jean-Marc Souvira

Souvira, der im Gespräch in Köln bekannte, dass «beaucoup» von ihm selbst in Kommissar steckt, hat mehrere authentische Fälle zu einer Romanhandlung komprimiert. Er kennt natürlich die Ermittlungsarbeit, er weiß aber auch um die unterschiedlichsten Täterprofile. In diesem Fall hat ihn – und letztlich auch den Leser – die Seelenlage des Täters, eines Geisteskranken, interessiert. Souvira beschreibt in einem fast lakonischen Stil, aus wechselnden Perspektiven, die Obsessionen des Täters, seine Wahrnehmungen und Ängste. Das macht diesen Roman so außergewöhnlich, auch aus literarischer Sicht, und so spannend.
Auch von der Dramaturgie her ist der Roman hochinteressant. Obwohl der Leser den Täter von Anfang an kennt, lassen die Spannung und das Interesse nicht nach. Souvira: «Der Roman hat eine Melodie. Der Rhythmus wird dem Ende zu immer schneller» – bis zum schrecklich-großartigen Showdown. Und so verfolgt der Leser das Geschehen atemlos bis zur letzten Seite. Was nicht zuletzt auch an der ausgezeichneten Übersetzung ins Deutsche von Ulrike Werner liegt.

Ein Krimi, ein Thriller mit einem interessanten Plot, spannend, gut geschrieben und mit Tiefgang: «Der Zauberer» ist ein faszinierender Roman, den man gern empfiehlt.

Im Gespräch erläuterte Jean-Marc Souvira seine Intention. Ihn hat vor allem interessiert, was hinter der Tat steht. So versucht sein Kommissar Mistral, in die Seelenwelt des Täters einzudringen. Und die so gewonnen Erkenntnisse für die Ergreifung des Täters zu nutzen.
Das gelingt ihm auf hervorragende Weise.
Kommissar Ludovic Mistral wird – so Jean-Marc Souvira – weiter ermitteln. Ein zweiter Fall wird im Roman «Die dunkle Seite des Spiegels» gelöst. Und ein dritter Roman ist in Arbeit. Zur Freude des Lesers, der diesen Autor und seinem Kommissar gern bei seinen Ermittlungen begleiten wird. ■

Jean-Marc Souvira, Der Zauberer, Kriminalroman, 491 Seiten, Bastei-Lübbe-Verlag, ISBN 978-3-404-16526-1

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Armin Mueller-Stahl: «Die Jahre werden schneller»

Posted in Armin Müller-Stahl, Bernd Giehl, Buch-Rezension, Literatur, Literatur-Rezensionen, Lyrik, Rezensionen by Walter Eigenmann on 3. Februar 2011

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Vom Nonsens bis zur Altersweisheit

Bernd Giehl

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Da könnte man ja richtig neidisch werden. Ja natürlich; Neid ist etwas für kleine Geister zu denen man sich selbstverständlich nicht zählt, bei all den Begabungen die man hat und bei all dem, was man schon geleistet hat, Bücher in Miniauflagen veröffentlicht und Rezensionen geschrieben für «Glarean» und andere berühmte Magazine, ganz abgesehen davon, dass man ja auch schon so viele Jahre im Beruf seinen Mann gestanden hat, aber dann bekommt man das neue Buch von Armin Mueller-Stahl in die Hand, das man erst einmal nicht so ganz ernst nimmt, weil man ja schließlich weiß, der Mann ist Schauspieler und jeder Schauspieler, der etwas auf sich hält, schreibt ab und an auch ein Buch – muss man ja, weil schließlich nur der bleibt, der schreibt, und schließlich ist der Mann ja gerade achtzig geworden, da muss man ja was tun für den Nachruhm und die Nachrufe, aber dann blättert man in diesem Buch, liest sich fest und denkt, nanu, der kann ja noch mehr als nur den Kommissar Brockmöller in alten «Tatort»-Filmen spielen oder meinetwegen den alten Konsul in den «Buddenbrooks» – der kann ja tatsächlich Gedichte schreiben.

Schauspieler, Musiker, Maler, Schriftsteller: Hollywood-Star und Multitalent Armin Mueller-Stahl

Doch ja, das kann er. Wobei die Gedichte manchmal ein bisschen altmodisch wirken mit ihrer (sicherlich gekonnten) Reimstruktur. Nun könnte man ja sagen, seit ein paar Jahren ist Reimen wieder in, aber wie man an den Jahreszahlen sieht, die unter den Gedichten stehen, reimt Mueller-Stahl schon seit mehr als vierzig Jahren. Womöglich tut er das, weil er auch noch Musiker ist und vermutlich viele dieser Gedichte auch noch vertont hat.
Aber gut; Was an Tiefsinn fehlt, macht Mueller-Stahl mit Frechheit und Humor wett. Wunderschön, wie er die paffende Franziska entsorgt, indem er sie nachts, als sie schläft, in einen Umschlag steckt und in den Briefkasten wirft. Und wenn ihn doch einmal der Weltschmerz überfällt, weil eine Geliebte ihn verlassen hat, dann fällt ihm garantiert irgendetwas Ironisches ein.
Und die Themen? «Herzenssachen» heißen sie, und «Auf und ab», «Krieg» auch, und schließlich noch – wie könnte es anders sein bei einem Mann, der gerade die Achtzig vollendet hat – «Letzte Dinge». Am ehesten wird man Mueller-Stahl wohl einen Moralisten nennen können. Was – bitte mich nicht misszuverstehen – zuallerletzt «Moralapostel bedeuten soll. Das ist er nicht.
Seine Gedichte haben, so scheint mir, weniger den Anspruch, vollendete Sprachkunstwerke zu sein, sondern sie wollen die Welt verbessern. Vielleicht nur ein klein wenig. Durch Einsicht in die Begrenztheit der Welt, der Menschen und nicht zuletzt des eigenen Ich. Oder manchmal – so wie im Kapitel «Letzte Dinge» – wollen sie auch nur helfen, die Welt ein bisschen besser zu ertragen. Was ihm, wie er mit einem Augenzwinkern zugibt, nicht immer gelingt. Viele Gedichte stehen in der Tradition von La Fontaines, lesen sich wie Fabeln, nur dass La Fontaine seine Fabeln nicht gereimt hat. Diesen Anspruch mag man naiv nennen oder weise; ich vermute, dass das den Autor nicht kümmert. Er will auf seine Weise zu sagen versuchen, was nicht gelungen ist.

Der große deutsche Weltstar (Schauspieler, Musiker, Maler, Schriftsteller...) Armin Mueller-Stahl legt mit seinem neuen Band ein weites Lyrik-Panorama vom Nonsens bis zur Altersweisheit vor. Eindrücklich.

Und so schreibt er über den Krieg, die Liebe, die ja auch nicht immer gelingt, und auch seine Erfahrungen mit Freunden, die ihn, den gelernten DDR-Bürger an die Stasi verraten haben, spart er nicht aus. Da gelingt ihm dann nicht mehr, was er sonst so meisterhaft beherrscht: im leichten Ton das Schwere sagen, vermutlich weil das eine der schlimmsten Enttäuschungen eines langen Lebens ist. Aber als weiser alter Mann, der er ja ist, hat er das selbst gewusst und die Gedichte trotzdem in diesen Band aufgenommen. Ich persönlich finde, dass ihn das ehrt. Auch Nonsens-Gedichte wie das von der blauen Kuh, die ihre eigene Milch trinkt, oder jenes vom Apfelbaum, der ganz oben auf der Spitze eine Pflaume trägt, oder eben dies von Franziska, die per Eilbrief «entsorgt» wird, sind dabei.
Aber was mir persönlich am besten an diesem Buch gefällt, sind die Collagen. Manchmal ist die Grundlage ein eigener oder fremder Text, den er dann mit Farben und Formen übermalt. Manchmal nehmen sie das Thema eines Gedichts noch einmal auf; ein anders Mal sind es abstrakte Gemälde.
Armin Mueller-Stahl: Schauspieler, Musiker, Maler, Schriftsteller, Multitalent. Ob das wohl alles auf eine Visitenkarte passt? Bei so vielen Begabungen könnte man schon einmal neidisch werden… ■

Armin Müller-Stahl, Die Jahre werden schneller – Lieder und Gedichte, 220 Seiten, Aufbau-Verlag, ISBN-13 978-3351033163

Hörproben

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Jens Bisky (Hg.): «Heinrich von Kleist – Bisse, Küsse»

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«…und wer recht von Herzen liebt»

Insel-Almanach 2011 auf Heinrich von Kleist

Günter Nawe

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Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Und ein literarisches «Großereignis» ist mit dem 21. November 2011 gegeben. An diesem Tage, vor 200 Jahren,  hat sich Heinrich von Kleist (1777 – 1811), einer der größten deutschen Dichter und Autor des berühmten «Michael Kohlhaas», am Berliner Wannsee zusammen mit seiner Geliebten Henriette Vogel das Leben genommen.
Mit «Küsse, Bisse», dem Insel Almanach auf das 2011, wird das Kleist-Jahr gewissermaßen eingeläutet. Es werden zwar sicher noch eine Reihe von Publikationen folgen – hier aber hat die interessierte Leserschaft schon einmal ein sehr schönes, sehr informatives Kompendium aus Gedichten, Auszügen aus dem dramatischen Werk, Erzählungen und Briefen zur Hand.
Im Vorwort wird eine schöne Charakteristik dieses «Fachmanns für Emotionen», wie Kleist genannt worden ist,  von Clemens Brentano zitiert, der den Dichterkollegen 1810 in Berlin erlebt hat. Er «fand ihn sanft und ernst, ‚frisch und gesund’, untersetzt, ‚mit einem erlebten rund Kopf, gemischt launigt, kindergut, arm und fest». «Ein guter, grober, bornierter, dummer, eigensinniger , mit langsamen Konsequenztalent herrlich ausgerüsteter Mensch.’»

«Virtuose der großen Gefühle»: Kleist-Grabstätte am Ufer des Berliner Wannsee

So viel zu den Äußerlichkeiten dieses ungewöhnlichen Menschen.  Ebenso wichtig und nach wie vor spannend zu lesen die hier gesammelten Auszüge aus dem Werk Kleists. So aus dem Trauerspeil «Penthelisea», dem auch der  Titel des Almanachs entnommen ist:  «… Küsse, Bisse, / das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, / Kann schon das Eine für das Andre greifen.»
Zum Thema «Liebe» im Werk von Heinrich von Kleist, der sich mit ihr persönlich sehr schwer getan hat, werden Texte aus den Erzählungen (u. a. aus «Das Erdbeben von Chili») zitiert und vor allem Briefe an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge, aus der nie seine Frau werden sollte. Wie sollte auch eine Ehe aussehen, die unter folgender Voraussetzung geschlossen worden wäre: «Der Mann ist nicht bloß der  Mann seine Frau, er ist auch ein Bürger des Staates, die Frau hingegen ist nichts, als die Frau ihres Manns… das Glück des Weibes ist zwar ein unerläßlicher  aber nicht der einzige Gegenstand des Mannes… das Glück des Mannes hingegen ist der einzige Gegenstand der Frau….».
Freundschaften pflegte Kleist hingegen besonders mit seiner Halbschwester Ulrike von Kleist und mit Ernst von Pfuel, eine mehr als symbiotische Beziehung, wie aus den im Almanach abgedruckten Briefen herauszulesen ist.

Mit diesem sehr schönen und sehr informativen Almanach, einem Kompendium aus Gedichten, Auszügen aus dem dramatischen Werk, aus Erzählungen und Briefen ist ein kompetenter Einstieg in jede weitere Beschäftigung mit einem der größten deutschen Dichter gelungen. Lesenswert!

Kleist also der unglückliche Dichter, der sich als Virtuose der großen Gefühle gefällt?  Zeugnisse allenthalben jedenfalls – auch zum Thema «Hass», der u. a. in «Die Hermannschlacht» sein literarisches Zeugnis findet.
Heinrich von Kleist – er war als Dichter groß, als Mensch unglücklich. Und so ist am Ende des Almanachs auch der Tod am Wannsee dokumentiert – das außergewöhnliche Ende einer  außergewöhnlichen  Persönlichkeit. ■

Jens Bisky (Hg.): Heinrich von Kleist – Bisse, Küsse, Insel Almanach auf das Jahr 2011, 230 Seiten, Insel / Suhrkamp Verlag Berlin, ISBN 978-3-458-17486-8

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Kerstin Decker: «Lou Andreas-Salomé – Der bittersüße Funke Ich»

Posted in Buch-Rezension, Literatur, Literatur-Rezensionen, Lou Andreas-Salomé, Rezensionen, Sigrid Grün by Walter Eigenmann on 7. Januar 2011

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Die Frau, die Nietzsche den Schlaf raubte

Sigrid Grün

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Lou Andreas-Salomé war eine der ungewöhnlichsten Frauen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Nietzsche, Rilke, Wedekind und Freud lagen ihr zu Füßen. Schließlich heiratete die emanzipierte Lou aber den Orientalisten Friedrich Carl Andreas, der sich für seine Angebetete sogar ein Messer in die Brust gerammt hatte, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass er es ernst meinte. (Die Ehe mit Andreas wurde allerdings nur unter der Bedingung akzeptiert, mit dem 15 Jahre älteren Mann nie das Bett teilen zu müssen… ) Nietzsche und dessen Freund Paul Rée verzehrten sich nach der jungen Intellektuellen, die zahlreiche Bücher (u.a. über Ibsen, Nietzsche und Rilke) sowie Essays verfasste und sich als Psychoanalytikerin betätigte.
Wer war diese Frau, die exakt am 12. Februar vor 150 Jahren in St. Petersburg das Licht der Welt erblickte? Die promovierte Philosophin Kerstin Decker, die zuletzt eine Biografie über Else-Lasker Schüler verfasst hat, nähert sich in diesem hervorragend recherchierten und sprachmächtigen Buch der Ausnahmeerscheinung und «Sammlerin seltener, kostbarer Ichs», Lou Andreas-Salomé.

Kerstin Decker

Bereits als Kind begehrte Lou gegen auferlegte Zwänge auf. Die Tochter des Generals Gustav von Salomé, des Gründers der deutsch-reformierten Kirche in Russland, weigerte sich, konfirmiert zu werden! Bereits in jungen Jahren brachte sie ihre Eltern mit ihren weitaus älteren Verehrern in Verlegenheit, die sich bis zur Verzweiflung steigerte. Diese Frau konnte man offensichtlich nicht bändigen. Doch was genau war es, das die männliche Intelligenzia der Jahrhundertwende vom Hocker riss? Wie kann man die unglaubliche Faszination, die diese Frau schon als Jugendliche auf «denkende» Männer ausübte, erklären?
Kerstin Decker lässt Lou Andreas-Salomé und die ihr Verfallenen häufig selbst zu Wort kommen. In Briefen, Tagebucheintragungen und natürlich in ihren Büchern. Und langsam wird eine Frau sichtbar, die ihrer Zeit weit voraus war, weil sie sich nicht um die bürgerlichen Konventionen kümmerte, die sie in Ketten hätten legen können. Die Tochter aus gutem Hause konnte es sich schließlich auch leisten. Sie wuchs in einem intellektuell anregenden Klima auf, das es ihr später ermöglichte, auch mit Geistesgrößen, die weitaus älter als sie waren, souverän umzugehen. Stets war sie auf der Suche nach geistigem Austausch – im Alter von 18 Jahren war sie beispielsweise von dem protestantischen Pastor Hendrik Gillot fasziniert, mit dem sie die unterschiedlichsten Themen besprach. Und wie sollte es anders sein: Der 25 Jahre ältere Gillot verfiel seiner jungen Schülerin und wollte sogar die Scheidung von seiner langjährigen Frau einreichen, um Lou zu heiraten. Der holländische Pastor reihte sich damit als erster in eine Reihe von willigen Heiratskandidaten ein, die die gebildete junge Frau abblitzen ließ.

Die Philosophie vor den Wagen der Emanzipation gespannt: Lou Andreas-Salomé, Paul Reé, Friedrich Nietzsche

Als Lou 1882 nach Rom reiste, um im warmen Klima ein Lungenleiden zu kurieren, traf sie dort – ausgerechnet im Petersdom! – auf Nietzsche, der der Frau mit der raschen Auffassungsgabe sofort verfiel. Genau so wie schon vorher sein Freund Paul Rée. Aus diesem Jahr stammt auch eine Fotografie, die sich (neben vielen anderen Aufnahmen) im Buch befindet: Die beiden Philosophen Rée und Nietzsche sind vor einen Holzwagen gespannt, auf dem die junge Lou bewaffnet mit einer Peitsche sitzt. Die Idee für diese inszenierte Aufnahme stammte übrigens von Nietzsche!
Auch die Berliner Jahre in den 1880er Jahren brachten zahlreiche Freundschaften und Bekanntschaften mit prominenten Geistesgrößen mit sich. Gerhart Hauptmann, Frank Wedekind und Maximilian Harden sind nur wenige derjenigen Männer, mit denen sie in regem geistigem Austausch stand. Und schließlich, «das Leben als Trivialroman» – Lou lernt in einer Pension den Orientalisten Friedrich Carl Andreas kennen, der ihr – wie könnte es anders sein – sofort verfällt. Nach einem spektakulären Selbstmordversuch vor den Augen der Angebeteten willigt sie in die Ehe ein. Die Ehe ließ die junge Frau zwar etwas zur Ruhe kommen – in ihrem Haus «Loufried» baute sie sogar Gemüse an und züchtete Hühner –, doch die geistige Betätigung blieb doch im Vordergrund. Kurz vor der Jahrhundertwende lernte Lou in München den jungen Rilke kennen und übte einen starken Einfluss auf ihn aus – so stark, dass er sein Frühwerk in den Müll warf und der großartige Dichter wurde, den wir heute schätzen. Die Russlandreisen, die Rilke mit Lou unternahm, prägten ihn nachhaltig. Einfühlsam beschreibt Decker, wie Lou viele Jahre später den recht frühen Tod Rilkes erlebte.

Kerstin Decker zeichnet in dieser Biografie Lou Andreas-Salomés ein differenziertes und nuanciertes Bild einer beeindruckenden Frau. Zahlreiche Zitate lassen die Stimmung der damaligen Zeit lebendig werden und werfen ein neues Licht auf das Werk zahlreicher bekannter Dichter und Denker, wie Rilke und Nietzsche.

Und dann, 1911, lernte Andreas-Salomé schließlich Freud kennen, der ihr in ihren letzten 25 Lebensjahren zur wichtigen Bezugsperson wurde. Lou wurde Psychoanalytikerin und eröffnete 1915 in ihrem «Loufried» die erste psychoanalytische Praxis Göttingens. Sie praktizierte bis ins hohe Alter. 1930 verstarb ihr Ehemann, sieben Jahre später, Anfang Februar 1937 erwacht sie nicht mehr. Die Welt hatte eine außergewöhnlich Frau verloren, die viele Denker des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts beeinflusste.
Kerstin Decker zeichnet in dieser Biografie Lou Andreas-Salomés ein differenziertes und nuanciertes Bild einer beeindruckenden Frau. Zahlreiche Zitate lassen die Stimmung der damaligen Zeit lebendig werden und werfen ein neues Licht auf das Werk zahlreicher bekannter Dichter und Denker, wie Rilke und Nietzsche. Eine einfühlsame Biografie, die sich der Ausnahmeerscheinung Lou Andreas-Salomé in respektvoller Weise annähert. ■

Kerstin Decker: Lou Andreas-Salomé – Der bittersüße Funke Ich, 360 Seiten, Propyläen Verlag, ISBN 978-3549073841

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Corina Caduff: «Kränken und Anerkennen» (Essays)

Posted in Buch-Rezension, Corina Caduff, Glarean Magazin, Karin Afshar, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rezensionen by Walter Eigenmann on 27. Dezember 2010

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Warum Herr Freud gekränkt war

Dr. Karin Afshar

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Ein Essay ist eine aus einem persönlichen Blickwinkel erklärende Darstellung kultureller, gesellschaftlicher oder philosophischer Themen. Ein Essay – auch wenn er grundsätzlich nicht fiktional ist – enthält erzählerische Passagen. Außerdem sind Essays chronologisch, normalerweise eher kurz (5-10 Seiten) – feste Regeln aber gibt es nicht –, und jeder neue Begriff wird eingeführt und vorgestellt. Essays sind, wie die französische Bedeutung des Wortes sagt, Versuche, Großes und Kleines, Wichtiges und scheinbar Unwichtiges zusammenzubringen und zu beleuchten.

Die Schweizer Literaturwissenschaftlerin Corina Caduff hat sich in zehn solcher «Versuche» knapp 170 Seiten lang mit dem Thema «Kränken und Anerkennen» auseinander gesetzt. Nun sind Essays keine leichte Lektüre – sie verlangen vom Leser ein Mitgehen. Nicht selten sind sie erst dann richtig interessant, wenn das Thema ihn persönlich betrifft. So ging es mir: wie durch Zauberhand legten sich auf meinen Tisch nicht nur das Buch, sondern mehrere Fälle von Beziehungs- und Kommunikationsproblemen, die mit einer nicht geleisteten Anerkennung, mit dem Äußern von Kritik, die als zu vernichtend empfunden wurde und daraus resultierendem Kränkungsgefühl zu tun hatten. Gleichzeitigkeit von Ereignissen nennt man das, und ich hatte mehr als einen Grund, mit Gier und Neugier Caduff zu erlesen, und so trat ich in Gedankenaustausch mit ihr.

Die Essays kommen nicht glatt daher, apodiktische Antworten gibt es nicht – wohl aber vorläufige, die Raum zu eigenen Überlegungen lassen. Die Autorin gibt Einblicke in ihr Denken und Fühlen, lässt den Leser teilhaben und setzt sich einer Kritik aus, die sie kränken könnte. Es erfordert Mut, seine Gedanken zu den Dingen der Welt zu äußern, denn man gibt sich eine Blöße.
«Der wunde Punkt scheint darin zu bestehen, dass sie mit ihrem Produkt, das sie der Öffentlichkeit anvertrauen wollen, aufs empfindlichste verwoben sind.» heißt es im Essay «Kunst und Kritik». Darin geht es um die Beziehung zwischen dem Künstler, seinem Werk und dem Publikum, dem er es darbringen möchte.

Ein anderer Titel: «Erschrecken». Die Lust am Erschrecken, schreibt Caduff, hat mit Macht und Kontrollausübung zu tun. Endlich bestimmt man als Erschreckender einmal aktiv und unmittelbar sichtbar über eine Reaktion bei anderen. Der Erschrockene wiederum erlebt einen Zeitriss, bei dem er aus dem Zeitkontinuum fällt. Das Eintreten dieses Zeitrisses beschreiben wir landläufig als «plötzlich» – dank Caduff habe ich nun verstanden, warum Geschichtenschreiber sich dieses Wörtchens befleißigen, wenn sie Spannung erzeugen wollen. Der Riss in der Zeit geht mit einem Verlust von Fassung einher und stellt eine Attacke dar; in unserer (evolutionären) Erinnerung ist es das Hereinbrechen des Jägers über sein Beutetier. In unserer zivilisierten Welt nehmen wir das Erschrecktwerden sehr übel – ist es doch der vorübergehende Verlust der Integrität des Selbst, und damit eine Kränkung.

Blicke sind ebenso wie Geld Machtwerkzeuge, angetan, sowohl zu vernichten wie auch zu trösten. In noch weiteren Essays streifen wir Abbildungen von Toten, den Umgang mit Kranksein und Sterben und Begegnungen mit dem Jenseits. Auch die Wissenschaftsgeschichte trägt bei: in «Kränkungen der Menschheit» machen wir einen Abstecher in den Themenkreis «Wissenschaft versus Religion».

Corina Caduff schreibt für Menschen, die sich ihre eigenen Gedanken machen können und – gehört damit zu jener neuen Generation von Philosophen, die sich die Empirie des eigenen Lebens und der eigenen Erfahrung erlauben, auch wenn sie Gefahr laufen, zu wiederholen, was «man» längst weiß. Weiß man es wirklich?

Corina Caduff ist eine Wissenschaftlerin; ihre Gedanken versieht sie mit Querverweisen auf weitere Literatur. Der nun hungrig gewordene, interessierte Leser kann sich in die Themen weiter einlesen und die Hintergründe vertiefen. Caduff schreibt für Menschen, die sich ihre eigenen Gedanken machen können und – gehört damit zu jener neuen Generation von Philosophen, die sich die Empirie des eigenen Lebens und der eigenen Erfahrung erlauben, auch wenn sie Gefahr laufen, zu wiederholen, was «man» längst weiß. Weiß man es wirklich?

Caduffs Stil ist konstant und durchstrukturiert. Da ist nichts dem Zufall überlassen: sie ist pointiert und kokettiert doch mit dem Vorläufigkeitscharakter des «Versuchs». An manchen Stellen gibt es mehr Erzählung, bisweilen verlässt sie die Rolle der Betrachtenden und Reflektierenden und ist dann erlebender Mensch, sehr real und lebendig. «Tote zeigen» beinhaltet einen fünfseitigen Abschnitt über einen Aufenthalt in Kathmandu, und gleich zu Beginn ist es das Erlebnis des Fliegens, das sie mit uns teilt. Im letzten Essay ist es ein Selbstversuch, den sie schildert, und damit beginnt und endet der Zyklus bei der Person – ein persönliches Buch! ■

Corina Caduff, Kränken und Anerkennen, Essays, 168 Seiten, Lenos Verlag, ISBN 978-3857877438

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Eve Pormeister: «Grenzgängerinnen»

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Fortgehen und Daheimbleiben in einem

Günter Nawe

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Zwei schreibende Frauen, zwei bedeutende Schweizer Schriftstellerinnen – mit dem literarischen Schaffen von Gertrud Leutenegger (geb. 1948) und der Nonne Silja Walter (geb. 1919) beschäftigt sich die estnische Germanistin und Literaturwissenschaftlerin Eve Pormeister, Professorin an der Universität Tartu. Sie hat bereits in Einzelstudien über beide Autorinnnen gearbeitet und kann darüber hinaus als Expertin für Schweizer Literatur gelten.
In dem vorliegenden Band legt sie neue Studien über die beiden «Grenzgängerinnen» Gertrud Leutenegger und Silja Walter vor – literarische Essays, die einzeln und nebeneinander gelesen werden können, und die doch zusammenhängen. Für Eve Pormeister ist das Band, das beide Schriftstellerinnen verbindet, das «Fortgehen und Dableiben in einem» (Silja Walter). Beide sitzen sie auf einem Baum: eine auf ihrem «Apfelbaum», die andere auf ihrem «Wolkenbaum». Metaphern, wie sie in der Dichtung der einen und anderen zu finden sind. Von ihren «Bäumen» herab zeigen sie uns die Welt – zeitkritisch, spirituell, lyrisch und sprachmächtig.

«Farbenreiche und musikalische Sprachbilder»: Gertrud Leutenegger

Eve Pormeister beschreibt die gebürtige Innerschweizerin Leutenegger als sehr poetische Autorin. Nahe am Werk zeigt sie die farbenreichen und musikalischen Sprachbilder als Gegenentwurf zu den – wie Pormeister schreibt – «erstarrten Denk- und Verhaltensmustern». Exemplarisch dargestellt am Roman «Vorabend» zum Beispiel. Und sie zitiert Leutenegger: «Ich schreibe, um aus meinen Schmerzen ein Fest zu machen». Schmerzliche Erfahrungen macht die Leutenegger auch in ihrem Werk «Pomona», das Eve Pormeister ebenfalls ausführlich untersucht und deutet.
Dabei erfahren wir, dass es sich – wie später auch bei Silja Walter – nicht um feministische Literatur, nicht um eine écriture féminine handelt, sondern einfach nur um «Texte von weiblicher Hand». Beider Poetik ist allerdings jeweils eine «schmerzliche und notwendige Grenzerfahrung» in vielerlei Hinsicht.

«Spiritualität mit Poesie verbunden»: Silja Walter

Die Nonne und Dichterin Silja Walter versteht es auf hohem literarischem Niveau, Spiritualität mit Poesie zu einer religiösen Dichtung zu verbinden. Werke wie ihre Gedichte (z.B. «Die Feuertaube» 1985), Chronikspiele (u.a. «Die Jahrhundert-Treppe» 1981), Theaterstücke («Sie kamen in die Stadt» 1982) und Prosa («Der Wolkenbaum. Meine Kindheit im alten Haus» 1991) belegen dies. Pormeister versucht die «Außenseiterin» in die schweizerische Literatur einzuordnen und ihr den Platz, den sie verdient, zuzuweisen. Sie macht dies sehr klug, und sie verdeutlicht damit auch die Verbindung, ja die «Verwandtschaft» mit Gertrud Leutenegger.

Auf der Spur von Grenz-Gängerinnen: Germanistin Eve Pormeister

Silja Walter über sich selbst: «Ich bin nicht Schriftstellerin / und dazu noch Nonne. / Ich bin nur eine Nonne, / die schreibt. / Ich glaube, darum schreibe ich.» – «Ich glaube, darum schreibe ich» ist eine Art dichterischen Credos, das ihr ganzes Werk durchzieht. Von ihr wurde einmal geschrieben: …wie niemand sonst schafft Silja Walter im Einklang mit ihrem Bekenntnis Werke, die literarisch auf der Höhe unserer Zeit stehen.» («Weltwoche» 1977). Eve Pormeister bestätigt diese Würdigung 30 Jahre Jahre später mit ihrem Essay.

Das Werk Gertrud Leuteneggers und Silja Walters, der beiden bekannten Schweizer Autorinnen und «Grenzgängerinnen», hat in der gleichnamigen, sehr lesenswerten Untersuchung von Eve Pormeister überzeugende Deutungen erfahren.

«Grenzgängerinnen» also zwischen Poesie und Erzählung, zwischen Zeitkritik und spiritueller Erfahrung. So mit den Augen der Literaturwissenschaftlerin Pormeister gelesen zeigen sich neue Aspekte im Werk der beiden Autorinnen – oder bestätigen bestehende Auffassungen. Geistesverwandt beide: Gertrud Leutenegger und Silja Walter, denen «diese Lust: eine Welt entflammen zu lassen» gemeinsam ist.
Das Werk Leuteneggers und Walters hat in dieser Untersuchung überzeugende Deutungen erfahren, und die wunderbaren Arbeiten von Eve Pormeister, ergänzt um persönliche Gespräche mit den Autorinnen, «entflammen» auch den Leser, machen neugierig auf mehr. Was kann man Besseres von einem Buch sagen! ■

Eve Pormeister: Grenzgängerinnen – Gertrud Leutenegger / Silja Walter, 222 Seiten, SAXA Verlag, ISBN 978-3-939060-26-0

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Charles Lewinsky: «Der Teufel in der Weihnachtsnacht»

Posted in Buch-Rezension, Charles Lewinsky, Günter Nawe, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rezensionen by Walter Eigenmann on 3. Dezember 2010

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Die Zehn Gebote und Krombacher Pils

Günter Nawe

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Einen Spaß wollte er sich machen, dieser Charles Lewinsky. Und das ist ihm bestens gelungen. Gerade recht zum Weihnachtsfest kommt diese nicht ganz ernstgemeinte (und bereits vor 13 Jahren erstmals verlegte) Geschichte über den Papst und seinen unheiligen Besuch in der heiligen Weihnachtszeit erneut auf den Gabentisch.
Schwester Innocentia, Seiner Heiligkeit deutsche Haushälterin mit Schnurrbärtchen, ist eigentlich mal wieder schuld daran, dass es dank ihrer köstlichen Christstollen, die dem Papst schwer im Magen liegen, zu diesem außergewöhnlichen Rencontre kommt, zu einem Rededuell mit dem Teufel; mitten in der Nacht -  ein Albtraum!
Will der Leibhaftige den Papst nach neutestamentlichem Strickmuster verführen? Immerhin kommt der Teufel sehr präsentabel daher, fein gekleidet und bestens gelaunt.

Gut gelaunt war wohl auch der Zürcher Theater- und Roman-Autor Charles Lewinsky beim Schreiben dieses Textes. Er zündet ein wahrhaftiges Feuerwerk toller Idee, witzig, intelligent – und trotz mancher Respektlosigkeit nie verletzend. Nach Teufels Art also weiß sich der Leibhaftige hervorragend zu verkaufen, so dass sogar dem Heiligen Vater manchmal nicht nur die Argumente ausgehen, sondern er beinahe wirklich in Versuchung kommt, dem Teufel zu glauben. Weiß Satan doch genau, wo dem Papst und damit der Kirche der berühmte Schuh drückt. Laufen ihnen die Schäfchen weg, bröckelt das Image, sinken die Erträge.

Charles Lewinsky

So empfiehlt Satan nichts weniger als einen Relaunch, eine Optimierung kirchlicher Unternehmenspolitik, und verspricht dadurch eine «Umsatzsteigerung» in allen Bereichen. Zum Beispiel Werbespots, die zum Empfang der Sakramente auffordern und das Beten wieder salonfähig machen sollen. Einen elektronischen Beichtstuhl empfiehlt er – eine wahrhaft teuflische Idee. Und ein letzter, sozusagen ultimativer Vorschlag: Sponsoring zum Füllen vatikanischer Kassen. Bedingung: die Sponsoren wollen bei allen Kulthandlungen und Verlautbarungen genannt werden. Nach dem Beispiel: Der Weihrauch riecht nach Käpt’n Iglus Fischstäbchen und die Zehn Gebote werden von Krombacher Pils präsentiert.
Es gibt noch mehr solcher Ideen, die alle sehr überzeugend klingen, sodass der Papst bereit ist, seine Unterschrift unter einen enstprechenden Vertrag zu setzen. Just in dem Augenblick schellt der Wecker und Schwester Innocentia steht in der Tür – mit einem großen Stück köstlichen Dresdener Christstollen….

Charles Lewinskys «Der Teufel in der Weihnachtsnacht» arrangiert ein weihnächtliches Treffen zwischen dem Papst und dem Teufel - ein satanisches Komplott, das den Papst nicht nur in Bedrängnis bringt, sondern gar das Seelenheil kosten kann... Die ganz andere Weihnachts-Geschichte: frech, witzig, maliziös, und sehr gescheit.

Von dieser Art ist Lewinskys Erzählung vom Teufel, der den Papst in der Weihnachtsnacht besucht hat – ein kleines und feines literarisches Kabinettstückchen voller ironischer Komik, gerade recht zur Weihnachtszeit. ■

Charles Lewinsky: Der Teufel in der Weihnachtsnacht, 60 Seiten, Nagel & Kimche, ISBN 978-3-312-00465-2

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Leseproben

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Ameneh Bahrami: «Auge um Auge»

Posted in Ameneh Bahrami, Karin Afshar, Kultur&Gesellschaft, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rezensionen by Walter Eigenmann on 10. November 2010

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Tragisches Schicksal als literarische Chimäre

Karin Afshar

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Der MVG-Verlag, in dem das Buch «Auge um Auge» von Ameneh Bahrami erschienen ist, hat eine Philosophie: Man will Mut machen und kompetente Hilfe in allen Lebenslagen bieten. Die Bücher, die im Verlag erscheinen, sollen für ein unbeschwertes, glückliches und bewusstes Leben stehen. Der MVG-Verlag versteht sich als zukunftsorientierter Ratgeberverlag mit den thematischen Schwerpunkten Persönlichkeitsbildung und Motivation. Sein Programm umfasst rund 700 lieferbare Titel. Im Bereich Lifestyle erscheinen Hardcover und Taschenbücher zu verschiedenen Themen. Und so kündigt er das Buch, um das es hier geht, an: «Das Buch gibt allen Frauen Kraft, für ihr Leben und ihre Freiheit einzustehen. Es ist die Geschichte einer unglaublich starken Frau.»
«Auge um Auge» hat 256 Seiten und ist ein Hardcover-Band. Bevor ich auf den Inhalt eingehe, erlauben Sie mir einen Blick auf den Einband. Vorne direkt unter dem Titel steht: «Ein Verehrer schüttete mir Säure ins Gesicht. Jetzt liegt sein Schicksal in meiner Hand.» Zwei Augen in einem ansonsten mit einem Schleier verborgenen Gesicht springen dem Leser – bzw. der Leserin, denn Frauen sind die Zielgruppe -  entgegen. Derlei Bucheinbände gibt es mittlerweile vielfach – ja, ist denn dem Verlag nichts Eigenes eingefallen?

Verkaufsträchtiges Buchcover-Motiv: Augenpaar unterm verschleiernden Muslima-Tschador

Aber sehen wir uns den Titel näher an: «Auge um Auge». Wer kennt das Zitat nicht? Soweit so gut: der Verlag setzt auf zwei bekannte und in vielen Menschen umhergeisternde Vorstellungen, um sein Buch zu vermarkten und neu im Unterbewusstsein zu verankern. Die Leute sollen kaufen! Das ist legitim, denn damit verdient ein Verlag sein Geld. Und er hat Recht: vermutlich geht für eine kurze Zeit – denn länger reicht das Gedächtnis und die Geduld der Leser nicht mehr – genau mit dieser Kombination die Rechnung auf. Daran verdient hoffentlich auch die Autorin.

Auge für Auge (hebräisch עין תּחת עין ajin tachat ajin) ist Teil eines Rechtssatzes aus dem Sefer ha-Berit (hebr. Bundesbuch) in der Tora für das Volk Israel (Ex 21,23–25 EU). In der heutigen Umgangssprache wird Auge für Auge überwiegend unreflektiert als Ausdruck für gnadenlose Vergeltung verwendet. Übersetzt als Auge um Auge (und zusammen mit Zahn um Zahn) wird das Teilzitat zur Anweisung an das Opfer oder seine Vertreter, dem Täter Gleiches mit Gleichem «heimzuzahlen» bzw. sein Vergehen zu sühnen. Dass es ursprünglich auch im Alten Testament (2. Moses 21, 24) darum ging, Rache abzuwehren und Gewalt zu begrenzen, ist nur wenigen präsent.
Im Iran, dem Heimatland der Erzählerin, ist aufgrund der rund 1300 Jahre alten Scharia-Gesetze, die bei vorsätzlicher Tötung und vorsätzlicher Körperverletzung das Vergeltungsprinzip («Qisas») darstellen, sogar vorgesehen, dass der Täter das erleiden soll, was er seinem Opfer angetan hat.
Der Erzählerin wird nach einer Gerichtsverhandlung eben dieser Urteilsspruch zuteil, dergleichen vornehmen zu dürfen.  Zwar darf sie für zwei ihrer Augen zunächst nur ein Auge des Täters blenden, aber sie kann ja das zweite hinzukaufen. Eine Frau ist eben nur halb so viel wert wie ein Mann. Sie bekommt schließlich doch seine beiden Augen…

Ein Bild, das um die Welt ging: Ameneh Bahrami nach dem Säure-Anschlag, in der Hand ihre Bilder als Gesunde

Ameneh ist eine junge Frau, die an der Freien Universität in Teheran Elektrotechnik studiert. Vom Tschador hält sie nicht viel: sie trägt lieber einen knielangen weißen Mantel und ein Kopftuch. Damit macht sie sich natürlich nicht nur Freunde, und setzt sich den Männerblicken und auch so mancher Anmache aus. Im Jahre 2003 ist eine Frau im Iran alles andere als hamsar und auf Augenhöhe eines Mannes, und scheint am besten in einer (wie auch immer arrangierten) Ehe aufgehoben. Die Nach-Khomeini-Zeit – aber nicht nur diese – hat seltsame männliche Exemplare und verquer-menschenverachtende Ansichten hervorgebracht. Nun ist es nicht ungewöhnlich und überraschend, dass in einer reglementierten Gesellschaft das Dunkle ungleich böser zum Ausbruch drängt.
Nicht alle sind «infiziert», aber eben viel zu viele. Ameneh kann sich damit nicht abfinden und glaubt an die Möglichkeit eines selbstbestimmten Lebens. Sie hat für ihr Studium gekämpft und sich mehrfach beworben, dann hat sie Jobs angenommen, um sich dieses Studium zu finanzieren – etwas, das Frauen im Westen ebenfalls kennen, denn auch uns wird nichts geschenkt. Sie hat einen jungen Mann, in den sie wirklich verliebt war, nicht geheiratet, weil er sich als eifersüchtig und kontrollierend entpuppte und sie am liebsten gleich in die Küche verbannt hätte. Sie hat sich für ein Leben allein entschieden – für solange, bis der «Richtige» käme. Da beginnt ein um drei Jahre jüngerer Mann, sie zu bedrängen – und das Ganze endet in der inzwischen weltweit bekannten Katastrophe: als sie ihn abweist, schüttet er ihr Säure ins Gesicht, sie erblindet.

Was Ameneh durchgemacht hat, ist erschütternd, da gibt es keine Diskussion. Doch dann sind da die gewollten Belehrungen und die ideologischen Knöpfe, die gedrückt werden. Die Emotionalität der Schilderungen ist vielfach kaum zu ertragen. Der Leser wird missbraucht und in eine Meinung gezwungen, anderes als hier geschrieben darf man nicht fühlen. Eine solch künstliche, amateurhafte Erzeugung von Spannung hätte die Geschichte nicht nötig gehabt...

Was Ameneh Bahrami durchgemacht hat, ist erschütternd, da gibt es keine Diskussion. Was nur können Menschen Menschen antun! Und wieso lässt Gott das zu, warum lässt er zu, dass ein heranwachsendes Leben zerstört wird und ein Mensch tiefer und tiefer fällt, bis auf den Grund seiner Menschenwürde? Soll er daran zugrundegehen oder soll er wachsen? Ist das die Lektion des Lebens?
Ameneh bemerkt in ihrer Hilflosigkeit bald, wer Freund und wer Feind ist, sie lernt zu unterscheiden, wer sie versteht, und wer schadenfroh ist. Sie ist bewusst und sich ihrer eigenen Empfindungen gewahr. Der Gedanke an Rache kommt dann auf, wenn man seelisch überfordert ist und von der anderen Seite, die man selbst noch vor sich in Schutz zu nehmen beginnt, keinerlei Reue kommt.
Das hätte ein gutes, ein großartiges Buch über grundsätzliche Fragen werden können. Nicht jedoch jetzt, zu diesem Zeitpunkt, sondern erst viel später. Amenehs Geschichte ist noch nicht zuende – die Medien haben sie ihr aber vorschnell aus der Hand gerissen. Dieses Buch ist eine Chimäre. Ein Verlag publiziert es mit der Herausstellung des Leidensweges einer Frau und liefert eine nur halbwegs durchgearbeitete Geschichte.
Es gibt durchaus Passagen, in denen Ameneh Bahrami anschaulich und erfrischend vom Alltagsleben in Hamadan oder Teheran erzählt. Ich bekomme ein Bild von diesem Mädchen, das sich seinen Platz in der Welt erobern möchte. Es ist ein menschliches Bild, das sich in jedem Land der Welt einstellen könnte. Überall suchen junge Menschen nach Selbstbestimmung und Eigenständigkeit, Anerkennung und Liebe ohne Bedingungen.

Doch dann sind da die gewollten Belehrungen und die ideologischen Knöpfe, die gedrückt werden. Natürlich geht es um Literatur – und das ist hier trotz guter Ansätze eben Betroffenheitsliteratur. Das zeigt sich im Erzählmodus ganz bestimmter Zeitungen, die ein bestimmtes Klientel bedienen. Die Emotionalität der Schilderungen ist vielfach kaum zu ertragen. Der Leser wird missbraucht und in eine Meinung gezwungen, anderes als hier geschrieben darf man nicht fühlen. An der Verwendung des Wortes «plötzlich» übrigens erkennt man die Anfänger, und dieses Wörtchen taucht mir zu häufig auf. Eine solch künstliche, amateurhafte Erzeugung von Spannung hat die Geschichte nicht nötig.

Ameneh Bahrami wünsche ich, dass sie die nahende Zeit, in der das Interesse der Medien nachlassen wird, für sich nutzen kann, um ihren Frieden zu finden. Ihren Großvater habe ich übrigens ins Herz geschlossen. Ob sie auf ihn hört? -
«Was dir die Zukunft bringt, das frage nicht / Und die vergangne Zeit beklage nicht. / Allein das Bargeld Gegenwart hat Wert, / Nach dem, was war und sein wird, frage nicht.» (Omar Khayyam)

Ameneh Bahrami: Auge um Auge, MVG-Verlag, 256 Seiten, ISBN 978-3-86882-155-0

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Leseproben


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Weitere Leseproben

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Simone Frieling: «Im Zimmer meines Lebens»

Posted in Buch-Rezension, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rezensionen, Sigrid Grün, Simone Frieling by Walter Eigenmann on 11. Oktober 2010

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Autorinnen zwischen Einsamkeit und Geselligkeit

Sigrid Grün

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Zehn biografische Essays über Autorinnen des 20. und ausgehenden 19. Jahrhunderts enthält der neue Band «Im Zimmer meines Lebens» von Simone Frieling. Porträtiert werden Virginia Woolf, Katherine Mansfield, Gertrude Stein, Marina Zwetajewa, Natalia Ginzburg, Sylvia Plath, Anne Sexton, Else Lasker-Schüler, Elisabeth Langgässer und Kate Millett. Fast jede Autorin ist auch auf einer Schwarz-Weiß-Fotografie zu sehen.

Im Mittelpunkt steht das weibliche Schreiben – und vor allem der Ort des künstlerischen Schaffens. Und diese Orte sind sehr verschieden: Vom legendären Arbeitszimmer Gertrude Steins, das voller Gemälde bekannter Künstler (u.a. Cezanne und Picasso) hing, über das gemütliche Sofa Natalia Ginzburgs bis hin zum kargen Küchentisch, an dem Marina Zwetajewa nachts schrieb, ganz benommen vom Hunger, der ihr eigenes Leben und das ihre Kinder tagtäglich bedrohte. Virginia Woolfs in „A Room of One’s own“ formulierte Forderung nach Geld und einem eigenen Zimmer sahen nur die wenigsten der hier Porträtierten erfüllt.

Die schwierige, bisweilen aussichtslose Situation, in der Frauen steckten, die ihr Leben nicht nur der Kunst, sondern auch ihren Kindern verschrieben hatten, kann Simone Frielings Buch «Im Zimmer meines Lebens» bewegend schildern.

Aber selbst wenn das Leben der Autorinnen finanziell einigermaßen abgesichert war, bedeutete dies noch lange nicht, dass sie problemlos schreiben konnten. Oft plagten sie Zweifel, meist war es kaum zu bewerkstelligen, den Spagat zwischen Familie und Schreiben zu schaffen. Und das 20. Jahrhundert brachte zwei Weltkriege, Hungersnöte und Verfolgung mit sich. Viele der vorgestellten Autorinnen mussten ins Exil, viele verloren ihre Männer – oder wie Marina Zwetajewa ihr Kind, das ein Opfer des Hungers wurde. Und fast die Hälfte der hier porträtierten Schriftstellerinnen zerbrach am Leben und beging Selbstmord.

Diese schwierige, bisweilen aussichtslose Situation, in der Frauen steckten, die ihr Leben nicht nur der Kunst, sondern auch ihren Kindern verschrieben hatten, kann Simone Frieling bewegend schildern. Schnell wird klar, dass das 20. Jahrhundert, das für Künstler ohnehin eine schwierige Zeit war, gerade für schreibende Frauen eine kaum zu bewältigende aber auch eine ausgesprochen produktive Phase war. Einige der vorgestellten Frauen sind deshalb auch zu Recht zu Ikonen der Frauenbewegung geworden. ■

Simone Frieling: Im Zimmer meines Lebens – Biografische Essays über Sylvia Plath, Gertrude Stein, Virginia Woolf, Marina Zwetajewa u.a., 144 Seiten, Edition Ebersbach, ISBN 9783869150277

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Leseprobe

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Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des «Glarean Magazins»

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Ständige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des «Glarean Magazins»

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Thomas Binder (Schach)

Geb. 1961, Diplom-Ingenieur, aktiver Schach-Spieler und -Trainer, Co-Autor des Wikipedia-Schach-Portals, lebt als EDV-Berater in Berlin – - Thomas Binder im Glarean Magazin

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Christian Busch (Musik/Literatur)

Geb. 1968 in Düsseldorf/D, Studium der Germanistik, Romanistik und Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn, jahrelange Musik-Erfahrung in verschiedenen Chören, arbeitete als Lehrer in Frankreich, Südafrika und Deutschland, lebt als Lehrer in Teneriffa/SP – - Christian Busch im Glarean Magazin

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Bernd Giehl (Literatur)

Geb. 1953 in Marienberg/D, Studium der Theologie in Marburg, zahlreiche schriftstellerische und theologische Publikationen, lebt als evang. Pfarrer in Nauheim – - Bernd Giehl im Glarean Magazin

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Sigrid Grün (Literatur)

Geb. 1980 in Rumänien, Schauspielausbildung in Regensburg, Studium der Deutsche Philologie, Philosophie und Vergleichenden Kulturwissenschaft, derzeit Promovierung, Sachbuch-Autorin und Betreiberin eines oberbayerischen Kulturportals – - Sigrid Grün im Glarean Magazin

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Michael Magercord (Musik/Literatur)

Geb. 1962, früher als Journalist bei der Berliner Tageszeitung taz und als «Stern»-Korrespondent in Peking tätig, verschiedene Buchpublikationen, lebt als Feature-Autor und Reporter des Hörfunks in Prag/Tschechien – - Michael Magercord im Glarean Magazin

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Günter Nawe (Literatur)

Geb. 1940 in Oppeln/D, von 1962 bis zur Pensionierung 2005 Mitarbeiter eines Kölner Zeitungsverlags, danach freischaffend u.a. als Pressesprecher eines großen Kölner Chores und Buchrezensent für Print- & Online-Medien – - Günter Nawe im Glarean Magazin

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Wolfgang-Armin Rittmeier (Musik)

Geb. 1974 in Hildesheim/D, Studium der Germanistik und Anglistik, bis 2007 Lehrauftrag an der TU Braunschweig, langjährige Erfahrung als freier Rezensent verschiedener niedersächsischer Tageszeitungen sowie als Solist und Chorist, derzeit Angestellter in der Erwachsenenbildung – - Wolfgang-Armin Rittmeier im Glarean Magazin

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Dr. Mario Ziegler (Schach)

Geb. 1974 in Neunkirchen/Saarland, Studium der Geschichte und Klassischen Philologie, 2002 Promotion in Alter Geschichte, seither als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im universitären Lehrbetrieb tätig. Langjähriger Schachtrainer sowie Autor und Herausgeber verschiedener Bücher zum Thema Schach. Mario Ziegler im Glarean Magazin

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Die neue Komödie von David Safier

Posted in Buch-Rezension, David Safier, Literatur, Rezensionen by Walter Eigenmann on 15. November 2008

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«Jesus liebt mich»

Walter Eigenmann

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savier_jesus-liebt-michDavid Safier, erfolgreicher Drehbuch-Autor von TV-Soaps wie «Berlin, Berlin», «Nikola» oder «Mein Leben&ich», legt nach seinem schräg-schrillen Bestseller «Mieses Karma» eine weitere Kostprobe seiner aberwitzigen Fabulierlust und -kunst vor. In «Jesus liebt mich», einer modernen, mit teils urkomischen, teils durchaus auch platteren Gags angereicherten, mitnichten blasphemischen, schon gar nicht sektiererischen Komödie – für Puristen vielleicht gar Comedy -, handelt Safier die Geschichte einer ganz speziellen Liebe ab: Marie, Anfang 30, eigentlich ziemlich unreligiös, hat gerade ihrem Freund Sven just vor dem Traualtar mit einem deutlich vernehmbaren «Nein!» den Laufpass gegeben. Kurz darauf lernt sie einen Zimmermann kennen, der den väterlichen Dachstuhl reparieren soll: Joshua. Joshua ist, ganz im Gegensatz zu Maries früheren Typen, einfühlsam, sensibel, völlig selbstlos. Marie verliebt sich – und fällt buchstäblich aus allen Wolken, als ihr der fremde Zimmermann eröffnet, dass er – Jesus sei.
Originalton: «’Du glaubst mir nicht, dass ich Jesus bin’, stellte er fest. Warum konnte er nicht einfach sagen: Du, die ganze Jesus-Nummer war ein ziemlich dummer Scherz. Den habe ich nur gemacht, weil ich ein ein oller Kiffer bin. Damit hätte ich sehr gut leben können. Darauf hätte man eine gemeinsame Zukunft aufbauen können. ‘Dir fehlt der Glaube’, merkte Joshua sachlich an. Und dir eine Zwangsjacke, dachte ich…»

David Safier

Man täte Safier völlig unrecht, ordnete man seiner süffigen «Jesus»-Lovestory irgendwelches reinkarnatives, überhaupt besonders religiöses, womöglich gar Dostojewski-Gedankengut («Großinquisitor») zu. Auch wenn darin ne Menge missianische (Un-)Heilsverkündigung – Satan und Erzengel inklusive – zu finden ist. «Jesus liebt mich» ist einfach ein flockig-lockerer, gekonnt formulierter, zuweilen arg kalauernder, aber nonstop origineller Unterhaltungsroman, gestreckt mit zahllosen verbalen – und übrigens 16 tatsächlichen – Comic-Attacken auf so manche gesellschaftsmoralische und pseudospirituelle Rührseligkeit unserer Zeit. Alles in allem 300 Seiten lang ein Lese-Spaß erster Güte, und wer schon Safiers «Karma» mochte, wird bei seinem «Jesus» vollends vor heiterer Ehrfurcht in den Boden versinken. Für Christen und Atheisten. ■

David Safier, «Jesus liebt mich», Roman & s/w-Zeichnungen, Kindler Verlag, 304 Seiten, ISBN 978-3463405520

Und immer droht der Weihnachtsmann

Posted in Buch-Rezension, Ilse Gräfin von Bredow, Literatur, Rezensionen by Walter Eigenmann on 23. November 2007

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Neue Weihnachtsgeschichten von Ilse Gräfin von Bredow

bredow-weihnachtsmann.jpgStets rechtzeitig zum Advent legt «alle Jahre wieder» die 85-jährige, aber offenbar ungebrochen rüstig schreibende Erfolgsautorin Ilse Gräfin von Bredow ihre Adventgeschichten und Weihnachtsstorys unter den Christbaum. Nach «Ich und meine Oma und die Liebe» (2005) und «Benjamin, ich hab nichts anzuziehn» (2006) ist es heuer «Und immer droht der Weihnachtsmann».
Die erfrischend unsentimental fabulierende, das (gerade an «hohen Festtagen» unausweichliche) Menschlich-Allzumenschliche mit maliziösem Stift aufspießende Hamburger Schriftstellerin bleibt sich auch dieses Jahr treu. Bis jeweils «Friede auf Erden» einkehrt, haben all die Väter und Mütter, Opas und Omas, Onkel und Tanten, Jungs und Mädels ne Menge an gar nicht gnadenbringenden Streitereien, Schrulligkeiten und garstigen Unpässlichkeiten zu überleben.
Natürlich singt’s mit verständnisvollem Augenzwinkern doch immer wieder «O du fröhliche…» am Ende der Geschichte(n) von Ilse Gräfin von Bredow, denn zu Weihnachten ist schließlich «Versöhnung» angesagt. Aber wer mal ein weihnächtliches Geschenk-Buch der sympathisch sperrigen, die Brüche in den glitzernden Weihnachtskugeln aufdeckenden, trotzdem mit feinem Humor-Lametta garnierten Art sucht, greife zu diesem «drohenden Weihnachtsmann». Schmunzeln erlaubt. (gm/07) ■

Ilse Gräfin von Bredow, Und immer droht der Weihnachtsmann, Neue Weihnachtsgeschichten, Scherz Verlag, 224 Seiten, ISBN 978-3-502-11053-8

Analyse des Fanatismus

Posted in Abdelwahab Meddeb, Buch-Rezension, Islam, Politik, Rezensionen by Walter Eigenmann on 7. August 2007

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A. Meddeb: «Die Krankheit des Islam»

die_krankheit_des_islam.jpg«Das spektakuläre Attentat vom 11. September 2001, das die Vereinigten Staaten ins Herz traf, ist ein Verbrechen. Ein Verbrechen, begangen von Islamisten, Höhepunkt einer Serie von Terrorakten mit stetig ansteigender Kurve, die nach meinem Dafürhalten im Jahr 1979 beginnt, mit dem Triumph Khomeinis im Iran und dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan. Beides waren Ereignisse mit weitreichenden Folgen, welche die fundamentalistischen Bewegungen stärkten und ihnen dabei halfen, ihre Ideologie zu verbreiten. Wenn man begreifen möchte, wie diese Ideologie entstanden ist, muss man sich weit zurück in die Vergangenheit begeben.»

So beginnt «Die Krankheit des Islam», ein passioniert geschriebenes Plädoyer des Islam-Experten und Schriftstellers Abdelwahab Meddeb (geb. 1946 in Tunis) für einen «neuen» Islam. Die höchst kenntnisreich, von Humanismus durchdrungene, historisch detaillreich grundierte Abhandlung streitet einerseits durchaus für die alte Tradition der Toleranz im Islam, schonunglos werden aber auch die (religiösen und soziologischen) Wurzeln jener islamistischen Selbstzerstörung offengelegt, welche zum Fundamentalismus und zum Fanatismus führen.

Das Credo Meddebs: Der Islam muss sich der Herausforderung der Aufklärung stellen. «Es gehört zu den Aufgaben des Schriftstellers, die eigenen Leute auf ihre Verirrungen aufmerksam zu machen. Ich möchte sozusagen vor der eigenen Tür kehren», formuliert der Autor die tiefere Intention seiner jüngsten, international mehrfach preisgekrönten Abhandlung. Der Band ist in vier große Teile gegliedert: 1. «Der Islam hat den Machtverlust nicht verkraftet»; 2. «Genealogie des Fundamentalismus»; 3. «Fundamentalismus kontra Okzident»; 4. «Der Ausschluss des Islam durch den Westen».
Ein mutiges Buch; Wen diese immer brennendere Thematik genauer interessiert, liest es mit Gewinn. (Walter Eigenmann)

Abdelwahab Meddeb: Die Krankheit des Islam, Unionsverlag, 252 Seiten, ISBN 978-3-293-20396-9

Reise ins eigene Innere

Posted in Christa Degen, Literatur, Neuheiten by Walter Eigenmann on 10. Juli 2007

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Christa Degen: «Mondschatten»

christa-degen-mondschatten-glarean-magazin.jpgAufgrund einer gescheiterten Liebe treiben Verzweiflung und Hoffen den Ich-Erzähler Jano Loewe um wie Licht und Dunkel. Erst die Reise in sein Inneres, das Vereinen beider Seiten führt ihn zu sich selbst. Der Text verfolgt seine Entwicklung anhand von Tagebuch-Einträgen und im Spiegel seiner Träume. (Verlagsinfo)
«Lesern, die nicht nur ausgetretene literarische Pfade begehen wollen oder sich gerne zu weiterführenden Gedanken anregen lassen möchten, sei dieser Roman wärmstens empfohlen.» (Kunden-Rezension bei Amazon) ■

Christa Degen, Mondschatten, Roman, Salon LiteraturVerlag, 200 Seiten, ISBN 978-3-939321-12-5

Die Literaturzeitschrift «Podium»

Posted in Literatur, Literatur-Zeitschriften, Rezensionen by Walter Eigenmann on 4. Juli 2007

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Katalysator und Kristallisationskern

podium_143144_2007.jpg«Podium versteht sich als literarischer Katalysator und Kristallisationskern, gewillt, enge Kontakte nicht nur mit dem gesamtösterreichischen Literaturschaffen herzustellen, sondern darüber hinaus mit dem des übrigen deutschen Sprachraums und des fremdsprachigen Auslands.» Dies schrieb 1970 der «Podium»-Initiator Wilhelm Szabo zur Gründung dieser heute bei inzwischen der 144. Nummer angelangten Nieder-Österreichischen Literaturzeitschrift.
An der aktuellen Ausgabe hat wiederum eine Vielzahl von Prosa- wie Lyrik-AutorInnen mitgewirkt, und schon ein flüchtiges Durchblättern der 200-seitigen Doppelnummer bestätigt die hehre Zielsetzung der Gründungsväter: «Podium» versammelt ein Fülle von qualitätsvoll redigierten, sowohl in inhaltlicher wie sprachlicher Hinsicht sorgfältig ausgesuchten Beiträgen der literarisch unterschiedlichsten Richtungen. Zentriert hat man den neuen Band um die thematische Vorgabe «Vorbilder». Redakteurin Barbara Neuwirth in ihrem Editorial zutreffend: «Die Ausschreibung zum Thema ‘Vorbilder’ zeitigte eine umfangreiche literarische Ernte – sehr viele Texte beschäftigten sich mit der Abgrenzung gegenüber untauglichen ‘Vorbildern’ (…) Die Akzeptanz positiver Vorbilder nicht als Aufgeben der Individualität zu empfinden, scheint heute fast genauso schwer (…) Das Heft ist ein spannendes Kompendium einer Auseinandersetzung, die über unsere Gesellschaft Wesentliches auszusagen imstande ist.» (gm/07) ■

Podium Literaturzeitschrift, Doppel-Nr. 143/144, Hrsg: Nils Jensen, 200 Seiten, ISBN 978-3-902054-48-7

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