Glarean Magazin

A.Michaltschischin/O.Stetsko: «Kämpfen und Siegen mit Magnus Carlsen»

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Würdigung eines Himmelsstürmers

Dr. Mario Ziegler

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Magnus Carlsen wurde 1990 im norwegischen Tønsberg geboren. Er wurde im Jahre 2004 als drittjüngster Spieler aller Zeiten Großmeister und belegte 2010 erstmals Platz 1 der Weltrangliste. Diese rekordverdächtigen Fakten sorgen seit mehreren Jahren dafür, dass Carlsen an erster Stelle genannt wird, wenn es um den künftigen Weltmeister geht. Sie beantworten jedoch nur zum Teil die Frage, warum der junge Norweger eine solche Ausstrahlung hat, die ihn zu einem Idol für jugendliche Schachenthusiasten macht – ein Status, den die meisten seiner Kollegen in der Spitze des Weltschachs nicht für sich reklamieren können. Hier spielt neben seinem rasanten Aufstieg in jungen Jahren ganz sicher auch sein unbedingter Kampfeswille eine wichtige Rolle. Wo andere Spitzenspieler eine Partie remis geben, kämpft Carlsen einfach weiter und kann sich nicht selten am Ende doch noch den Erfolg an die Fahnen heften. Angesichts dieses Kampfgeistes ist der Titel «Kämpfen und Siegen mit Magnus Carlsen» und noch mehr jener der englischen Fassung «Fighting Chess with Magnus Carlsen» gut gewählt.

Das Buch ist im wesentlichen chronologisch gegliedert: Kapitel 1 («Vom Meister zum Großmeister», S. 24-53) nimmt die Jahre 2002-2004 in den Blick, Kapitel 2 («Der Weg nach oben», S. 54-167) die Jahre bis 2007 und Kapitel 3 («Das Leben an der Weltspitze», S. 168-299) die Phase bis 2011. Das letzte besprochene Ereignis ist das Turnier im rumänischen Medias im Juni 2011. Das Buch wird abgerundet durch Originalaussagen Carlsens zu den unterschiedlichsten Themen (S. 300-303), allerdings in einer Reihenfolge, die mir nicht einleuchtet (die Statements sind weder alphabetisch nach den Themen noch chronologisch nach dem Zeitpunkt, an dem Carlsen sie machte, geordnet). Eine Übersicht über Carlsens Ergebnisse in Turnieren und Matches seit 2002 (S. 304-308) sowie eine Übersicht über seine Elo-Entwicklung (S. 309) erlauben einen schnellen Überblick über die stetig voranschreitende Entwicklung seiner schachlichen Fähigkeiten. Indices seiner Gegner, der gespielten Eröffnungen und der zitierten Partien erlauben ein schnelles Auffinden der gewünschten Themen.

Das Kernstück des Buches sind die 64 Hauptpartien (hinzu kommen zahlreiche weitere Partien und Partiefragmente), nach der thematischen Ausrichtung des Werkes natürlich alles Gewinnpartien Carlsens. Diese Partien sind ausführlich kommentiert und durch die gut verständlichen Erklärungen für Leser jeder Spielstärke nachvollziehbar. Die Textpassagen berichten in erster Linie von den zahlreichen Turnieren Carlsens, wobei der Fokus auch hier auf den Erfolgen liegt und die gelegentlichen Misserfolge teilweise nur knapp gestreift werden (z. B. S. 45). Die Arbeitsweise Carlsens im Training wird hin und wieder kurz angesprochen (z. B. S. 28 oder 32f.), allerdings gehen die Autoren hier nicht so ins Details, wie es sich der interessierte Leser vielleicht wünschen wird. Aufschlussreich fand ich die Feststellung, dass in der frühen Phase von Carlsens Karriere sich sein unzureichendes Eröffnungsrepertoire gelegentlich hinderlich auswirkte (S. 55) und die zahlreichen Turnierteilnahmen zu Misserfolgen wegen einer Überspieltheit führten (z. B. S. 66).

Profilierte Schachautoren: Oleg Stetsko und Adrian Mikhalchishin

Hinter die Schachkarriere tritt in der Monographie die Persönlichkeit des jungen Norwegers. So sehr es verständlich ist, dass man von einem gerade Einundzwanzigjährigen noch keine angemessene Biographie schreiben kann – denn schließlich liegt der größte Teil seines Lebens noch vor ihm – so hätte man sich etwa zu seinem Auftritt als Model für die Modefirma G-Star Raw im Sommer 2010 zusammen mit Liv Tyler doch mehr gewünscht als einen einzigen Satz (S. 290). Noch weniger verständlich ist für mich, wieso der vieldiskutierte Entschluss Carlsens, auf die Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2011 zu verzichten, ohne jeden weiteren Kommentar referiert wird (S. 294). Hier wäre etwas mehr Tiefgang wünschenswert gewesen.
A propos Tiefgang. Noch vor die Beschreibung der Karriere Carlsens setzten die Autoren ein Kapitel «Magnus Carlsen – Held des Computerzeitalters» (S. 10-23). Hinter diesem etwas nichtssagenden Titel verbirgt sich eine Betrachtung der schachlichen Fortschritte Carlsens über die Jahre, konkretisiert an der «Fähigkeit, das Endspiel richtig zu behandeln, durch die sich alle Weltmeister der Vergangenheit auszeichneten» (S. 15). Nun kann man natürlich darüber streiten, wie sinnvoll ein solches Kapitel ist – dass Carlsen auf seinem Weg von knapp über 2000 zu aktuell (Januar 2012) 2835 Elo seine Endspielfähigkeiten deutlich verbesserte, ist ein wenig überraschendes Faktum, das man vermutlich in gleicher Weise bei allen jungen Weltklassespielern beobachten könnte. Was mich aber deutlich mehr stört, ist die ausgesprochen oberflächliche Art, in der die illustrierenden Partiefragmente analysiert sind. Hierzu einige Beispiele. Die Originalanmerkungen der Autoren sind jeweils durch das Kürzel (M/S) gekennzeichnet:

Auf S. 16 wird die Partie Carlsen-Kedyk (im Buch in der Schreibweise Kedik), Internationale norwegische Meisterschaft U18 2002, analysiert.



48.g4?

“Zuerst hätte dem König mit 48.Ta4 der Weg gesichert werden sollen.” (M/S)

48…Tb3+ 49.Kf4 Tb4+ 50.Kf5 Tb5+ 51.Ke6 Tb4

“Es ist wichtig, den Bauern das Vorrücken nicht zu gestatten! Folgerichtig demonstriert Schwarz den entsprechenden Mechanismus.”

52.Ta7+ Kh6?

Danach kann Weiß wieder gewinnen, was Michaltschischin und Stetsko allerdings unterschlagen. 52…Kg6 führt unkompliziert zum Remis. Der weiße König kann sich nicht annähern, daher hängt der g-Bauer. Erzwungen ist folglich 53.h5+ Kh6 (53…Kg5? 54.Tg7++-) und im Falle von 54.Kf5 remisiert Schwarz sofort mit dem Patttrick 54…Txg4!.

53.Kf5 Tb5+ 54.Kf6 Tb6+ 55.Kf7?!

55.Ke7 gewinnt deutlich schneller. Da nun der Trick aus der Partie nicht funktioniert, kann Weiß in Ruhe seinen Turm über a4 und d6 nach d6 führen.

a) 55…Tf6?? 56.g5++-

b) 55…Tb4 56.g5+ Kg6 (56…Kh5 57.Kf7+-) 57.Ta6+ Kg7 58.h5+-

c) 55…Kg6 56.Ta4!+- … Ta4-d4-d6 (56.Td7? Tb4 führt nur zum Remis)

55…Tf6+!

“Mit Hilfe des Motivs des ‘Desperado-Turmes’ wird der König von den Bauern weggetrieben. Wess es wie in diesem Fall gelingt, den König abzuschneiden, ist es leichter, die Bauern zu blockieren.” (M/S)

56.Ke8 Tf4 57.g5+ Kh5 58.Th7+ Kg6 59.Th6+ Kg7

60.h5?

Danach ist die Partie remis. Der Bg5 ist zu anfällig und der weiße König findet kein sicheres Plätzchen. Hier gewinnt 60.Kd7 paradoxerweise zwei Züge schneller als 60.Ke7. Der Gewinnplan besteht darin, mit dem König nach f5 zu gelangen und im Fall von seitlichen Schachs sich auf h5 verstecken zu können.

60…Te4+ 61.Kd7 Te5 62.Tg6+ Kh7 63.Kd6 Ta5 64.Kc7 Te5 65.Kd7 Ta5 66.Ke6 Ta6+ 67.Kf5 Txg6 ½–½

Das folgende Beispiel (S. 17) führen die Autoren mit der Bemerkung ein: «Nach der ihm in dieser Partie erteilten Lektion blieb Magnus nichts anderes übrig, als sich die Methode des ‘Ankoppelns’ des Turmes an den König und die Freibauern für den Rest seines Schachlebens zu merken. Ein Jahr später rettete er selbst ein ähnliches Endspiel.” Danach folgt unkommentiert das folgende Fragment:

Bindrich,Falko – Carlsen,Magnus, Europameisterschaft U14 Budva, 2003

76.Tf3 Th1 77.Kg4

77.h6+ Kh7 78.g6+ Kxh6 79.Kf6+- gewinnt problemlos.

77…Tg1+ 78.Tg3 Ta1 79.Tc3 Tg1+ 80.Tg3 Ta1 81.Td3 Tg1+ 82.Kf4 Tf1+ 83.Kg4 Tg1+ 84.Kf3


So findet sich diese Partie im Buch und auch in den gängigen Datenbanken, was ich aber kaum glauben kann, denn hier remisiert der absolut auf der Hand liegende Zug 84…Txg5 sofort.

84…Tf1+ 85.Kg2 Tf5 86.Tg3 Ta5 87.Kh3 Ta1 88.Tb3 Th1+ 89.Kg4 Tg1+ 90.Kf4 Tf1+ 91.Tf3 Th1 92.Kf5 Txh5 93.Ta3 Th1 94.Ta7+ Kf8 95.Kg6 Tg1 96.Ta8+ Ke7 97.Kh6


Hier brechen die Autoren mit der Bemerkung ab: “Hier gab es für Weiß den möglichen Gewinnweg 97.Tg8! mit der Absicht Kh7 und g5-g6. Es ist ein typisches Manöver, an das man sich nützlicherweise erinnern sollte. Falko Bindrich fand es jedoch nicht, obwohl sich ihm diese Chance mehrfach bot. So endete die Partie im 115. Zug remis.” Selbst wenn gewisse Ähnlichkeiten mit dem vorherigen Beispiel nicht zu leugnen sind und man darüber spekulieren könnte, ob die Enttäuschung der Partie gegen Kedyk den jungen Norweger dazu motivierte, sich intensiver mit diesen Endspielen zu beschäftigen, was ihm hier vielleicht zu Gute kam, muss die Frage erlaubt sein, wieso die Autoren ein Beispiel abdrucken, das von Beginn an für Carlsens Gegner gewonnen war und in dem dieser lediglich den Gewinn übersah.

97…Kf7 98.Ta7+ Kg8 99.Tb7 Kf8 100.Kg6 Tg2 101.Tf7+ Kg8 102.Tg7+ Kf8 103.Th7 Kg8 104.Ta7 Kf8 105.Ta4 Tg1 106.Th4 Kg8 107.Kh6 Ta1 108.Tb4 Ta6+ 109.Kh5 Kg7 110.Tb7+ Kg8 111.Tc7 Tb6 112.Tc8+ Kg7 113.Ta8 Tc6 114.Ta7+ Kg8 115.g6 Tc1 ½–½

Auch die folgenden Beispiele sind nicht überzeugend. In der Partie Rosentalis-Carlsen (S. 18) fehlt zumindest eine Zeile Text in der Anmerkung «Nach 31…Ke6!? 32.Kg3 f5 33.h5 fxg4 34.hxg6 Kf6 wäre es im Falle von 34.h6? Kf7 35.Kxg4 Kg8 sogar Schwarz, der gewinnt.» In der Partie Carlsen-Aronian (S. 18-19) ist die Anmerkung zum 67. Zug: «Dieser Trick … führt zum Verlust» einfach falsch. In Wirklichkeit ist alles noch Remis (über die Frage, ob es leichtere Wege zum Remis gegeben hätte, muss man hier nicht diskutieren), zum Verlust führt erst 74.Kf3, danach spielen beide Kontrahenten nicht sauber.

Bei «Kämpfen und Siegen mit Magnus Carlsen» handelt es sich – von einigen Ungereimtheiten abgesehen – um ein überzeugendes Werk, das den beständigen Aufstieg Carlsens über die Jugendturniere, Open und geschlossenen Turniere geringerer Kategorie bis hin zu den Vergleichen mit der Weltspitze nachzeichnet.

Auch wenn es sich hier nicht um ein Endspielbuch handelt, ist diese Häufung von Fehlern auffällig – viele von ihnen hätten durch einen einfachen Gebrauch der Tablebases vermieden werden können. In einer Betrachtung über die Endspielfähigkeiten Carlsens als Indikator für seine Spielstärke muss man gerade von solch profilierten Autoren und Trainern wie Michaltschischin und Stetsko eine größere Präzision erwarten.

Alles in allem: Abgesehen von den beschriebenen Unsauberkeiten handelt es sich um ein überzeugendes Werk, das den beständigen Aufstieg Carlsens über die Jugendturniere, Open und geschlossenen Turniere geringerer Kategorie bis hin zu den Vergleichen mit der Weltspitze nachzeichnet. Für Fans des norwegischen Schachstars stellt das Buch somit eine Pflichtlektüre dar, doch auch alle anderen Schachenthusiasten können von den geschickt ausgewählten und gut kommentierten Partien profitieren. ■

Adrian Mikhalchishin & Oleg Stetsko, Kämpfen und Siegen mit Magnus Carlsen, 320 Seiten, Olms Verlag, ISBN 978-3283010218

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Weitere Schach-Rezensionen im Glarean Magazin

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Martin Breutigam: «Todesküsse am Brett»

Posted in Buch-Rezension, Martin Breutigam, Rezensionen, Schach, Schach-Rezension, Thomas Binder by Walter Eigenmann on 13. Oktober 2010

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Kurzweilige Geschichten rund um die Schach-Genies

Thomas Binder

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Martin Breutigam kann mit Recht als einer der umfassendsten Schachkenner deutscher Sprache gelten. Viele Jahre spielte der Internationale Meister in der Bundesliga; inzwischen wird er vorwiegend als freischaffender Schachjournalist wahrgenommen. Dabei ist es ihm gelungen, die Schachszene in zwei der großen überregionalen Tageszeitungen Deutschlands präsent zu halten: der Süddeutschen Zeitung und dem Berliner Tagesspiegel.
Seine neueste Veröffentlichung ist eine Sammlung von Nachdrucken seiner Kolumne im Tagesspiegel aus den Jahren 2006 bis 2010: «Todesküsse am Brett – 140 Rätsel und Geschichten der Schachgenies von heute».

Der Internationale Meister Martin Breutigam

Um es vorwegzunehmen: Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft liegt damit ein nettes kleines Buch vor, mit dem man jedem Schach-Interessierten – unabhängig von Alter oder Spielstärke – eine Freude machen kann. Der günstige Preis – knapp 10 Euro – trägt dazu bei, dass sich die Investition auf jeden Fall lohnt. Dieser Preis begründet sich wohl durch die einfache Gestaltung als Taschenbuch und sicher auch durch die «Zweitverwertung» bereits vorhandenen Materials. Sozusagen «Gebrauchsliteratur» im besten Sinne…

Den Hauptteil des Buches bilden «140 Rätsel und Geschichten der Schachgenies von heute», wie es im Untertitel heißt. Nach Art und Umfang sind sie eine ideale Lektüre zum Schmökern zwischendurch, für eine kurze U-Bahn-Fahrt, für eine Wartezeit oder vor dem Einschlafen. Knapp ein Drittel jeder Seite ist dabei einem optisch angenehm gedruckten großen Stellungsbild vorbehalten. Danach folgen ein kurzer Text über den jeweiligen Protagonisten bzw. den aktuellen Bezug und dann mehr beiläufig die Frage nach der Gewinnfortsetzung, die der genannte Spieler an dieser Stelle aufs Brett gezaubert hat.

Die Auflösung wird kopfstehend und in sehr kleiner Schrift am unteren Ende der Seite präsentiert – ein gelungener Kompromiss, wie ich finde: Man muss nicht weiterblättern, ist aber auch davor geschützt, die Lösung quasi «aus Versehen» wahrzunehmen. Die Antworten beschränken sich auf drei bis vier Zeilen, gehen aber in der Analyse zumindest so weit, dass auch ein Schachfreund auf mittlerem Klubspielerniveau die Zugfolge ohne Brett nachvollziehen und verstehen kann. Einige ganzseitige Porträt-Fotos (u.a. Aronjan, Short, Carlsen, Hou Yifan) runden das Werk ab.

Zocken auf http://www.schach.de nach der Polit-Demo: Putin-Gegner und Ex-Schach-WM Garry Kasparow («Todesküsse» Seite 10)

Die Auswahl der Partien ist – dem Ursprung der Beiträge geschuldet – auf die aktuelle Meistergeneration und die Turniere des letzten Jahrzehnts beschränkt. Auch die in diesem Zeitraum verstorbenen Top-Spieler (stellvertretend seien Fischer und Bronstein genannt) werden gewürdigt.
In einigen Fällen spannt Breutigam den Bogen mit einem Kunstgriff weit auf, z.B. wenn er Akiba Rubinstein vorstellt, um dann mit einer aktuellen Partie fortzusetzen, deren Motiv an dessen berühmte Opferpartie gegen Rotlevi erinnert. Ansonsten dokumentieren die Texte schlaglichtartig die Schachgeschichte seit 2006, freilich ohne ins Detail zu gehen.

Seiner Verantwortung als Journalist wird der Autor darin gerecht, dass er auch kontroverse Themen nicht ausspart, sei es Kasparows politisches Engagement, die Austragung der Frauen-WM 2008 in einem Krisengebiet oder die umstrittene Null-Toleranz-Regel der FIDE. So gewinnt auch der Außenstehende einen Eindruck von jenen Themen, die uns Schachspieler abseits des Brettes beschäftigen, und er wird angeregt, sich darüber näher zu informieren. Mehr kann man im Rahmen dieser Sammlung sicher nicht leisten. Letztlich ist gerade die Vielfalt der angesprochenen Aspekte eine Stärke des Buches.
Bei der Auswahl der Stellungen hat sich Martin Breutigam auf effektvolle Kombinationen konzentriert, die zum sofortigen Partieschluss führten. So ist für Unterhaltungswert und Lerneffekt gleichermaßen gesorgt.
Ob es dabei eines reißerischen Titels wie «Todesküsse am Brett» bedurft hätte, mögen Marketing-Experten bewerten. Den Titel verwendet Breutigam – leicht abgewandelt – für seinen Artikel über Kramniks Niederlage gegen Deep Fritz, als der Weltmeister ein einzügiges Matt zuließ. Ich halte dies für die am meisten überbewertete Episode der jüngeren Schachgeschichte, und leider macht Breutigam hier keine Ausnahme: Ausgerechnet diese Story wird auf mehreren Seiten ausgebreitet.

140 kurze Geschichten umrahmen jeweils eine knackige Kombinations-Pointe aus dem Schaffen der aktuellen Meistergeneration. In einem unschlagbar günstigen Preis-Leistungs-Verhältnis legt uns Martin Breutigam ein passendes Weihnachtsgeschenk für jeden Schachfreund auf den Gabentisch.

Wenn man das Buch liest – und gerade wenn man sich einzelne Geschichten zur genüsslichen Lektüre herauspickt – muss man immer im Hinterkopf behalten, dass es sich um Zeitungskolumnen handelt, deren Aktualität längst ihr Verfallsdatum überschritten hat. Im Seitenkopf ist jeweils relativ unauffällig die Jahreszahl der Veröffentlichung angegeben. Eine etwas genauere Datierung wäre hilfreich. Formulierungen wie «bei der laufenden WM» oder «am letzten Sonntag» erschließen sich dem Leser so immer erst nach einem kurzen Zweifeln, zumal der Reiz des Taschenbuches auch darin besteht, es nicht chronologisch durchzuarbeiten. Geradezu als Anachronismus wirkt es z.B. wenn Magnus Carlsen für das Erreichen von Platz 31 der Weltrangliste gefeiert wird… Die Texte aus heutiger Sicht nachträglich umzuformulieren oder zu ergänzen, wäre wohl ein schwieriger Spagat gewesen, bei dem die Authentizität auf der Strecke bleiben müsste.

Dieser zeitliche Versatz, an den sich der Leser erst gewöhnen muss, bleibt das einzige Unbehagen bei einer ansonsten absolut kurzweiligen und anregenden Lektüre. ■

Martin Breutigam: Todesküsse am Brett, Verlag Die Werkstatt, 160 Seiten, ISBN 978-3895337437.

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Weitere Leseproben

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Weitere Schach-Links

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Schach-Weltmeisterschaft 2007

Posted in Events, Partien, Schach, Schach-WM 2007, Viswanathan Anand by Walter Eigenmann on 30. September 2007

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Viswanathan Anand ist neuer Schach-Weltmeister

In der 14. und letzten Runde der Schach-Weltmeisterschaft in Mexiko einigte sich der Inder Viswanathan Anand mit seinem ungarischen Gegner Peter Leko auf Remis und sicherte sich dadadurch (in der Nachfolge des Russen Vladimir Kramnik) den FIDE-WM-Titel. Als einziger Spieler dieser WM blieb Anand ohne eine einzige Niederlage – eine souveräne Leistung des 38-jährigen Schachgenies.
Mit diesem Sieg in einem der schwersten Turniere der Neuzeit heimste Anand den bislang größten Triumph in seiner an großen Erfolgen reichen Profi-Laufbahn (u.a. war er viermaliger «Schach-Oscar»-Preisträger) ein. Die Schachwelt ist sich einig darüber, dass mit Viswanathan Anand einer der stärksten und auch sympathischsten Spieler der Schachgeschichte diesen höchsten Thron im Schach besteigt. ■

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1. Anand,Viswanathan....... 9.0
2. Kramnik,Vladimir........ 8.0
3. Gelfand,Boris........... 8.0
4. Leko,Peter.............. 7.0
5. Svidler,Peter........... 6.5
6. Morozevich,Alexander.... 6.0
7. Aronian,Levon........... 6.0
8. Grischuk,Alexander...... 5.5
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Levon Aronian – Viswanathan Anand
Weltmeisterschaft 2007 (Mexico)

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 d5 4.Sc3 c6 5.Lg5 h6 6.Lh4 dxc4 7.e4 g5 8.Lg3 b5 9.Se5 h5 10.h4 g4 11.Le2 Lb7 12.0-0 Sbd7 13.Dc2 Sxe5 14.Lxe5 Lg7 15.Tad1 0-0 16.Lg3 Sd7 17.f3 c5 18.dxc5 De7 19.Kh1?! a6 20.a4 Lc6 21.Sd5 exd5 22.exd5 Le5 23.f4 Lg7 24.dxc6 Sxc5 25.Td5 Se4 26.Le1 De6 27.Txh5 f5 28.Kh2 Tac8 29.Lb4 Tfe8 30.axb5 axb5 31.Te1 Df7 32.Tg5 Sxg5 33.fxg5 Txc6 34.Lf1 Txe1 35.Lxe1 Te6 36.Lc3 Dc7+ 37.g3 Te3 38.Dg2 Lxc3 39.bxc3 f4 40.Da8+ Kg7 41.Da6 fxg3+  0:1

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