Glarean Magazin

Literatur-Wettbewerbe 2013 für junge Autorinnen und Autoren

Posted in Ausschreibung, Kurzprosa, Literatur, Literatur-Ausschreibungen, Literaturwettbewerbe, Lyrik by Walter Eigenmann on 16. Oktober 2012

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Internationaler Lyrik-Wettbewerb Castello di Duino 2013

«Die Zukunft… ein Ort auf dieser Welt»

So lautet das Thema des 9. italienischen bzw. mehrsprachigen Lyrikwettbewerbes «Castello di Duino». AutorInnen bis zum Alter von 30 Jahren sind eingeladen, ein  unveröffentlichtes und bisher unprämiertes Gedicht einzusenden, wobei  man an einer oder mehreren angebotenen Sektionen teilnehmen kann. Einsende-Schluss ist am 15. Dezember 2012, die weiteren Einzelheiten finden sich hier. ■

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Internationaler Othmar-Seidner-Jungautorenpreis 2013

Lyrik von jugendlichen Autorinnen & Autoren

Die österreichische «Gesellschaft der Lyrikfreunde» offeriert auch im nächsten Jahr ihren «Othmar-Seidner-Jungautorenpreis», der sich an jugendliche Schreibende im Alter von 17 bis 21 Jahren richtet. Es können maximal vier Gedichte von je 25 Zeilen eingesandt werden. Einsende-Schluss ist am 30. November 2012, die weiteren Details sind hier. ■

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Internationaler Walter-Kempowski-Literaturpreis 2013

Kurzprosa zum Thema «Besser geht’s nicht»

Dieser Literatur-Wettbewerb der «Hamburger Autorenvereinigung» richtet sich an deutschsprachig Schreibende mit Jahrgängen ab 1962. Eingesandt werden können literarisch geschlossene Kurzgeschichten und Erzählungen mit einer Länge von max. fünf A4-Seiten. Einsende-Schluss ist am 28. Februar 2013, weitere Einzelheiten sind hier zu erfahren. ■

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Schreibwettbewerb des Thuner Literaturfestivals 2013

Beiträge aus allen literarischen Genres gesucht

Der literarische Schweizer Förderverein «Literaare» schreibt im Rahmen seines «8. Thuner Literaturfestivals» einen Wettbewerb aus, bei dem ausdrücklich alle lyrischen und prosaischen Genres zugelassen sind. Die prämierten Texte werden von den Verfasser/innen im Rahmen von Lesungen am Festival vorgestellt. Einsende-Schluss ist am 31. Oktober 2012, weitere Einzelheiten finden sich hier. ■

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Weitere Literatur-Wettbewerbe im Glarean Magazin

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Drei Märchen-Grotesken von Christian Urech

Posted in Christian Urech, Glarean Magazin, Literatur, Neue Prosa, Neue Schweizer Literatur by Walter Eigenmann on 30. Juli 2012

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Es war einmal…

Christian Urech

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… ein einsamer Buchstabe

der zu den Zeiten von Napoleons Rußland-Feldzug einfach in den kargen Weiten der sibirischen Steppen vergessen worden war und seither in der unzivilisierten Natur des Nordens umherirrte.
Es war ein französischer Buchstabe, wohlgesprochen, ein Buchstabe, der in den Wörtern der feinsten Pariser Salons verkehrt hatte, und dies schon vor der Revolution. Er war durch die süße Kehle der Marie Antoinette gegangen, in einem Rokokoschlößchen. Molière hatte ihn auf die Bühne gebracht, der Papst ihn urbi et orbi unter der christlichen Menschheit verbreitet.
Und jetzt? So allein, so allein! Seit Jahrzehnten, Jahrhunderten – allein.
Nur einmal, da hatte er sich in den Mund eines besoffenen russischen Bauern verirrt, der ihn aber alsogleich mit einem wüsten Fluch wieder in die Verbannung hinausbeförderte.
Was beweist, daß manchen einsamen Buchstaben nichts weiter fehlt als ein gutes Wort. ■

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… eine Tomate

die war sehr sensibel und schüchtern, so dass sie sicher errötet wäre, wenn ihr jemand ein Kompliment gemacht hätte – und wenn sie überhaupt noch hätte röter werden können, als sie es schon war. Es war nämlich eine schöne, saftige, sonnengereifte Tomate.
Natürlich gab es genügend brutale Menschen, die nur zu gerne in sie hineingebissen hätten. Aber die Tomate, die zwar sensibel, jedoch nicht im Mindesten masochistisch veranlagt war, hatte einen gesunden Überlebenstrieb. So rollte sie – nach einer an der Mutterpflanze glücklich verlebten Jugend (und anschließend gelandet auf dem Gemüsestand eines italienischen Bauern) – einfach tollkühn davon.
Sie rollte mit dem unverschämten Glück der Naiven quer durch den Moloch Florenz, in dessen Kinos perfiderweise der neueste Hollywood-Streifen mit dem Titel «Angriff der Killertomaten» gezeigt wurde. Rollte also davon, ohne von Autos zerquetscht, von Füßen zertrampelt oder von Polizisten eingefangen und als Beilage zu einem Frühstückssandwich gescheibelt zu werden. Sie rollte davon und raus aus der Stadt, in die friedlichen Felder der Toscana hinein.
Es war ein überaus sonniger, heißer Tag. Unsere sensible Tomate wurde müde und wollte ein kleines Schläfchen halten.
Man ahnt schon, wie die Geschichte endet. Matschig und faulig werdend, überlebte sie die Siesta in dem trockenen Staub wohl kaum.
Was beweist, daß das Leben der Tomanten so oder so kurz und tragisch ist. ■

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… ein armer Mann

dessen Herz war so schwer wie ein Sack voller Steine, denn er hatte eine siebenköpfige Familie zu ernähren und keine Arbeit und kein Geld. Da er in einem Land wohnte, in dem alles andere leichter zu bekommen war als gutes und reichliches Essen – die meisten Nahrungsmittel mussten an die reichen Länder des Nordens verkauft werden, um irgendwelche Schulden zurückzahlen zu können, von denen der arme Mann keine Ahnung hatte, wie sie zustandegekommen waren -, hielt er die Erde für eine öde Wüste oder für einen trüben Sumpf, das Leben aber für eine Art Aufnahmeprüfung: die höhere Schule war das Paradies, der Himmel die Götter.
Sicherlich hatte der arme Mann in diesem Paradies einen anderen Körper als hier auf Erden. Einen stärkeren, widerstandsfähigeren, und mit schärferen Pranken, spitzeren Zähnen. Die Welt im Himmel ist ruhig wie ein Stück sich selbst überlassene Natur, nur erfüllt von der Musik der singenden Vögel, vom Schnattern, Seufzen, Stöhnen, Pfeifen, Schnauben, Stampfen und Rascheln der lebendigen Kreatur.
Der arme Mann, welcher jetzt schön ist und stark, dessen Haut bronzen glänzt, und dessen Haar schimmert wie Gold, dieser arme Mann bahnt sich mit seinem silbernen Schwert einen Weg durch diese grüne, friedliche, dampfende, stampfende, raschelnde Welt. Er schreitet voran wie ein König, ein Adliger, ein Auserwählter, ein Sohn Gottes. Er ist die Krone der Schöpfung, unbeteiligt mitfühlend, ein Wissender und trotzdem Unschuldiger, ein Teil und doch teilhabend am Ganzen.
Mitten im dampfenden, kochenden Urwald steht ein wunderschönes Schloss, ein Schloss mit einer üppigen Architektur, ein Labyrinth aus Türmen, Bogen, Quadern, Pyramiden, die künstlich aufeinandergetürmten Steine fast naturhaft oder zumindest äußerst raffiniert die Natur nachahmend, ein Märchenschloss auf dem Grunde des Meeres.
Und er betritt durch ein bogenförmiges Tor das Schloss, der arme, nunmehr reichgewordene Mann, kein Mensch begegnet ihm, nur davonhuschendes Getier. Und er geht durch lange Gänge, vorbei an bogenförmigen Fenstern, vor denen friedlich, tiefgrün, wogend und brodelnd die Welt liegt. Er verliert sich ganz in diesem endlosen Gehen. Sein Kopf ist leer, die Gedanken sind Größerem gewichen. Er ist nur noch leeres Bambusrohr, Instrument des Absoluten.
Da, plötzlich, ganz unverhofft öffnet sich der Gang in einen offenen Saal. Die Luft ist aus goldenem, fast flüßigem Stoff. Berauscht sinkt der Mann in diesen Stoff hinein, in den Stoff, aus dem die Träume sind (Danke, Herr Simmel).
Solch verzauberte Welten – die aufregendsten Märchen, Sagen und Legenden – gibt es jetzt in einer einzigartigen Buchreihe. Allerdings muß unser armer Mann – will er, was ihm niemand verdenken wird, an ihr teilhaben – zumindest lesen können und wenigstens das Kleingeld übrig haben für den Einführungsband «Das verwunschene Reich». ■

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Christian Urech

Geb. 1955 in Menziken/CH, Germanistik-Studium in Bern, vieljährige Tätigkeit als Redaktor und Lektor bei einem Verlag, Veröffentlichungen von Sachbüchern und Kriminalromanen, lebt als Berufsbildner, freier Journalist und Marketingberater in Zürich

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Satire von Dorit Böhme

Posted in Dorit Böhme, Glarean Magazin, Literatur, Neue deutsche Literatur, Neue Prosa, Satire by Walter Eigenmann on 18. Juli 2012

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Von den Freuden des Schreckens

Dorit Böhme

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Frage: Womit verschafft man einer Dorfgemeinschaft den größtmöglichen Lustgewinn? Antwort: Mit einem Erlebnis, das die eigene Familie betrifft und der Vorstellungskraft der anderen einen Schubs gibt, um sie zu ungeahnten Höhenflügen aufsteigen zu lassen.
Dies rühmliche Werk der Nächstenliebe tat ich unlängst – ohne Rücksicht auf eigene Verluste. -
Meine Phantasie schwebte in der sechsten Dimension. Ich hämmerte in meine Schreibmaschine – Geniales und Blödes (ersteres verschwindet leider immer im Papierkorb). Da kam der Sohn von der nachmittäglichen Schule nach Hause und unterbrach meine Schaffenskraft mit dem Begehren, ich solle seine Aufgaben kontrollieren – eine Herausforderung an die Anpassungsfähigkeit des Geistes!
Nach einer weiteren Stunde begann ich unruhig zu werden: da fehlte doch etwas? Richtig: wo blieb die Unterbrechung durch meine Tochter? Ein Blick auf ihren Stundenplan bestätigte meinen mütterlichen Instinkt. Sie hätte schon vor sechzig Minuten – trödelt sie noch: vor dreißig Minuten – im fürsorglichen Elternhause eintreffen müssen. Nur: sie war nicht da, wie ein Kontrollgang durch alle Räume (einschließlich Kohlenkeller) zeigte.
Angeregt durch vielseitige Medienwahrheiten versuchte ich das Problem einzukreisen: Mord, Kidnapping, Vergew… – oder spielte sie seelenruhig bei einer Schulkameradin?
Anrufe würden zu lange dauern und wurden von mir aus Kostengründen – 1500 Einwohner – auch abgelehnt. Ich wählte den schnellsten Weg, stürzte auf die Straße und fragte das Nachbarskind, ob es meine Tochter nach der Schule noch irgendwo gesehen habe.
«Jessica ist von der Schule nicht heimgekommen!», brüllte die Kleine den mit fragenden Blicken zufällig herumstehenden Frauen entgegen.
Wie eine Feuersbrunst breitete sich die Nachricht aus, schneller, als ich die Straße hinunterlaufen konnte, um im Schulhaus bei der Lehrerin nachzufragen. Ergebnislos.
Während ich wie ein aufgescheuchtes Huhn hinter jedem Strauch und neben jedem Haus nach verscharrten Beinen forschte, sahen mich die spalierstehenden Mitmenschen kämpferisch und mitleidig an. Offensichtlich durchzuckten die gleichen Gedanken ihre Köpfe.
In mir bäumte sich mein Mutterlöwenherz auf und suchte bereits die passende Rache für den Übeltäter. Kopf ab, vierteilen, in kochendem Wasser brühen, zu Hackfleisch machen – und dies nicht nur sinnbildlich gemeint.
Was konnte ich noch tun? Jeder Lehrer, Hauswart, Jogger und Handelsreisende war inzwischen über die schrecklichste aller Wahrheiten informiert. Polizei alarmieren – oder erst mein angetrautes Prachtstück? Aber das war diese Woche irgendwo auf einer Geschäftstour und – beinahe selbstverständlich – nicht zu erreichen…
Nachdem mein Gehirn alle Eventualitäten und Möglichkeiten erschöpfend abgehandelt hatte, klärte sich meine Verwirrung zu der Erleuchtung, dass heute Dienstag war – und Jessica jeden Dienstag, direkt nach der Schule, zu ihrer Ballet-Doppelstunde ging. -
Völlig ermattet, aber zufrieden so wehrhaft für das Wohl meines Kindes eingetreten zu sein, ließ ich mich auf den Schreibtischstuhl nieder und beantwortete alle tausend Anrufe der besorgten Dorfbewohner. Ihnen hatte ich ein markerschütterndes Erlebnis geliefert, welches den Grundstock für manches zukünftige Gespräch bilden konnte.
Ich hätte ihnen keinen größeren Dienst erweisen können! ■

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Dorit Böhme

Geb 1954 in Berlin-Köpenick; Ausbildung zur Zahnarztgehilfin; Prosa – und Reportagen-Veröffentlichungen in Zeitschriften; Lebt als Massage- und Hypnose-Therapeutin in Widnau/CH

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Kurzprosa von Oliver Gassner

Posted in Glarean Magazin, Literatur, Neue deutsche Literatur, Neue Lyrik, Oliver Gassner by Walter Eigenmann on 29. Juni 2012

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Freudiana I & II

Oliver Gassner

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FREUDIANA I

Er holt mit der machete aus und schlägt in die grünen pflanzenleiber.
So bahnt er sich seinen weg.
Mit leisem zischen gibt die luft ihm raum.

Das knacken des schlags das feuchte geräusch wenn die klinge sich
wieder vom stengelfleisch löst klingen wie gebete in seinen
gottesohren.

Als er die augen öffnet klebt an der machete blut.

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FREUDIANA II

Das erste was man an ihm bemerkt ist die rechte hand im schwarzen
handschuh zur faust geballt. Im sessel sitzend hat er den ellenbogen
auf die lehne das kinn seitlich in die lederfaust gestützt. Scheinbar
teilnahmslos die lider halb geschlossen formen die lippen lautlos worte
einer vergessenen sprache, die ergrauten haare wollen nicht recht zur
jugendlich muskulösen Statur des fremden passen. Nur in den
hellgrauen augen des schmalen gesichts finden sich spuren von
schrecken schmerz leid. Er wird warten. Bis der junge mann zu ihm tritt
und ihn nach seinem leiden fragt. Und antworten. Unsterblichkeit.

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Oliver Gassner

Geb. 1964 in Hegau/BRD, langjähriger Mitherausgeber der eingestellten Literaturzeitschrift ‘Wandler’, verschiedene Veröffentlichungen in deutschsprachigen Literaturzeitschriften, schreibt nach Ausflügen in Copy Art und experimentelle und digitale Literatur und nach einer Kreativpause wieder Gedichte.

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Internationaler Literaturpreis «Antho? – Logisch!» 2013

Posted in Ausschreibung, Literatur, Literatur-Ausschreibungen, Literaturwettbewerbe by Walter Eigenmann on 28. Juni 2012

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Kurzprosa gesucht zum Thema «Schöner fremder Himmel»

Zum fünften Mal nach 2005 wird vom deutschen Verleger, Autor und Herausgeber Marco Frohberger der Literaturwettbewerb «Antho? – Logisch!» ausgeschrieben. Gesucht ist Kurzprosa zum Thema «Schöner fremder Himmel». Die Länge des einzureichenden Manuskripts ist auf maximal 7 Seiten (à 30 Zeilen à 60 Anschläge) begrenzt. Der Wettbewerb ist mit insgesamt 1’500 Euro dotiert. Einsende-Schluss ist am 15. Juli 2012, die weiteren Details finden sich hier. ■

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Herbert Jost: Ein Theater-Fragment

Posted in Glarean Magazin, Herbert Jost, Literatur, Neue Prosa, Theater by Walter Eigenmann on 18. Juni 2012

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Hamlets Rückkehr

Dr. Herbert Jost

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Ein dunkler, leerer Raum, dessen Rückwand von
einem schweren, schwarzen Vorhang verdeckt wird.
Hamlet und Horatio von links

HAMLET

So bin ich also wieder da,
zurückgekehrt – woher? – wohin?
Nicht nach Helsingör, wie’s scheint,
das ich für alle Zeit verließ,
als meinen Leib die Erde deckte.
Und doch, es stimmt: ich bin zurück.

HORATIO

Und nun, mein Prinz?

HAMLET

Und nun, treuer Horatio,
will ich ein Weilchen bleiben.
Hier, denk ich,
ist es grad so gut,
wie an jedem andern Ort -
tausendmal besser
als unter der Linde,
wo die Familie beisammensitzt,
andere zerredet, die gleich uns
die ird’sche Welt schon lang verließen.
Ich sage dir, Horatio -
und bau dabei auf deine Freundschaft,
dass keinem du es hinterbringst -
heut weiß ich endlich, dass mein Kampf
verloren war, eh er begann.
Ich stritt einst für meinen Vater -
nein, nicht für ihn,
für seinen Geist und Seelenfrieden! -
ich schlug mich für Gerechtigkeit
und Sühne brüderlicher Untat,
für viele hehre Dinge.
Ach! Von hier besehen
war alles eitler Plunder!
Nun, da ich mit ihnen bin so viele Ewigkeiten,
kenn ich den Vater und den Oheim wohl genug,
um zu verstehn, wie sehr ich irrte:
keiner von denen, bester Freund,
ist gut oder auch schlecht genug,
dass es sich lohnt, dafür zu sterben.

HORATIO

Was grämt ihr Euch?
Ihr tatet doch nur recht,
nach bestem Wissen und Gewissen recht,
wieso Euch nun mit Zweifel plagen?

HAMLET

Verstehst du nicht, Horatio?
Mein Ende, es war ganz umsonst
und alles Leid, das ehedem geschah -
umsonst und ganz und gar vergebens.
Der Schmerz, den ich Ophelia brachte,
Ophelia, die ich liebte, und die
noch immer mich erfüllt mit unnennbarer Zärtlichkeit,
Laertes und die anderen alle,
die diese komische Tragödie fällte -
umsonst gingen sie hin,
ohne Nutzen war dies alles.

HORATIO

Ihr könnt nicht weiter trauern, Prinz.
Die Ewigkeit ist viel zu groß,
um sie in Schmerz zu baden.

HAMLET

Ja, du hast recht, Horatio.
Doch laß mich nun,
da mein Auge trocken bleibt,
noch diesen einen Augenblick
in Andacht hier verweilen.
Geh, guter Freund,
und laß mich jetzt allein.
Bald wird Ophelia hier erscheinen,
und noch bevor sie bei mir ist,
soll meine Wut verflogen sein.

HORATIO

Wie Euch beliebt, mein Prinz.

Ab nach rechts

HAMLET

Allein. – Allein?
Nein, sicher nicht.
Wohl kann man hier sehr einsam sein,
doch ganz alleine ist man nie.
Wie sehr sich doch die Sphären gleichen!
Der treue Horatio hat ja recht:
warum soll ich mich grämen?
Es liegt kein Sinn in dieser Qual,
kein Schaden zwar, doch auch kein Nutzen.
Oftmals denke ich zurück:
Wie Yoricks Schädel in der Hand ich hielt,
wie Ekel mich befiel bei dem Gedanken,
daß dies einst jener Yorick war, mein Yorick…
Nun seh ich selbst so aus da unten,
drüben – wo auch immer.
Und oft treff ich den guten Narr’n.
Er ist noch ganz der alte,
doch macht er keine Späße mehr.
In diesem weiten Paradies
ist jeder ein viel größ’rer Narr,
als Yorick jemals einer war.
Wozu dann seine Kunst verschwenden?
Bald wird Ophelia kommen.
Ophelia! Wie befreit ich war,
als ich sie endlich wiedertraf,
gesund an Geist und Seele.
Wahnsinn ist nicht für diese Welt.
So ist sie mir gerettet;
und auch, wenn sie so fleischlos ist,
wie alle anderen um uns her:
ich lieb sie mehr als je.

Ophelia erscheint von links

OPHELIA

Da bist du ja.
Doch ganz allein?
Warst du nicht mit Horatio?

HAMLET

Ich schickt’ ihn fort.
Er ist fürwahr ein guter Freund,
doch manches Mal sehr anstrengend.

OPHELIA

Anstrengend? Horatio,
der dich aus tiefster Seele liebt?
Wie soll ich das verstehen?

HAMLET

Empfindest du’s als leicht,
mit einem Freund zu reden,
der nicht versteht, wovon du sprichst?

OPHELIA

Dann also sprachst du ihm
von deinen Zweifeln, Hamlet?
du weißt, von allen, die hier sind,
wird keiner das verstehen.
Selbst ich weiß nur, was dich bewegt,
weil mein Herz mit dem deinen schlug.

HAMLET

Vielleicht muß es so sein,
dass ich zweifle, daß ich leide,
und der Tod mir bitter ist.

OPHELIA

Man könnte glauben, hört man dich,
wir wären nicht im Himmel.

HAMLET

Für euch mag es der Himmel sein,
den ich euch herzlich gönne,
für mich bleibt es ein Ort der Pein.

OPHELIA

Ein Ort der Pein?
Wär’ ich dann hier?

Hamlet schweigt

OPHELIA

Wir wollen auf die Sterne sehn
und all den Gram vergessen!

Der Vorhang im Hintergrund öffnet sich;
dahinter: ein sternenübersäter Himmel.
Kurzes Schweigen

OPHELIA

Weißt du, als ich ertrunken bin,
als mir die Sinne schwanden,
da sah ich Gott für kurze Zeit.

HAMLET

Auch ich sah ihn in dem Moment,
als, von Laertes gift’gem Streich gefällt,
ich meinen letzten Atem tat.
Er kam heran und sprach zu mir:
- Du hattest mich gerufen, Sohn,
nun sieh, ich bin gekommen. -
Ich sagte drauf: Ja, das ist wahr,
Hamlet hat Euch wohl gerufen,
als die Qual sein Herz zerriß.
Doch das ist lange her.
Und nun seid ihr gekommen.
Darauf verschwand er – einfach so.
Und nie kam er zurück.  ■

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Herbert Jost

Geb. 1960 in Frankfurt/M, Ethnologie-Studium und Promotion in Marburg; fachwissenschaftliche, belletristische und zeichnerische Publikationen in Büchern, Zeitschriften und Anthologien, seit 1980 als Autor, Zeichner, Produzent, Regisseur und Darsteller freiberuflich tätig, lebt in Alsfeld/D

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Walter Ehrismann: Bild-Meditation über «Grande Arlequinade»

Posted in Bild-Meditation, Glarean Magazin, Literatur, Neue Prosa, Walter Ehrismann by Walter Eigenmann on 16. Mai 2012

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Ein Maskenreigen

Betrachtung über das Gemälde «Grande Arlequinade»

Walter Ehrismann

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Vor uns ein wirrer Maskenreigen von Gesichtern – kleine Zirkuskunststücke werden uns dargeboten: Seiltänzer, Gaukler, Trapezkünstler beherrschen die Szene. Herrisch dirigiert ein farbig geschminkter Clown die Gruppe. Akrobaten, der grüngesichtige Zauberer, Feuerschlucker, Scharlatane und Harlekine unter ihrer schwarzen Augenmaske. Ein hoher Federdreispitz bedeckt den Kopf – schwarzblau, grün, rot und gold sind die vorherrschenden Farben, aus tiefstem, schwärzesten Grund ans Licht gebracht. Rhombenartig gewürfelt ihr Fleckenkleid. Sie  unterhalten die staunende Menge. Der Weiße führt sie an. Sein glitzerndes Seidenkostüm mit den zugespitzten Achselpolstern, die samtene Pumphose, der hohe Hut verleihen ihm diabolische Würde. Auf dem Saxophon bläst er schauerliche Töne. Sie wirken wie die Schreie archaischer Klageweiber.
Gemessenen Schritts umrundet er die Menge. Endlich steht er vor mir, beugt sich zu mir herab. Sein aufgerissener Mund und die Ohren sind grellrot geschminkt, das Gesicht ist erstarrt unter seiner bleichen Maske. Aus leeren Augenhöhlen fixiert er mich. Über allem liegt ein Hauch heiterer Schwermut. Alles, was ich in dem Bild erkenne, das sich vor mir ausbreitet, erzählt etwas über mich. Auch wenn ich nichts sehe: Ich bin es. ■

Walter Ehrismann: Grande Arlequinade, Oeltempera und Sand auf Leinwand, Galerie am Platz (Foto: A. Brandt)

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Weitere Bild-Meditationen im Glarean Magazin

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Kurzprosa von Andreas Wieland

Posted in Andreas Wieland, Glarean Magazin, Literatur, Neue Prosa, Neue Schweizer Literatur by Walter Eigenmann on 10. Februar 2012

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Vom Koffer in den Mund

Andreas Wieland

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Aus Behagen fläzte ich eine Zeitlang auf dem Stubenteppich und rannte darauf freudenschreiend aus der elterlichen Wohnung. Die Treppe hoch und runter, vorbei an dem betagten Herrn Eisenhut und seiner schrumpeligen Frau Lilchen, an der schielenden Miss Siusan Cunningham, an der immerzu kichernden Tamilin AaduMayil und weiteren, mir unbekannten, doch äusserst adretten und uniformen Persönlichkeiten. Allesamt standen sie mit aufgerissenen und, wenn ich es richtig gesehen habe, auch angefeuchteten Augen zwischen Tür und Angel. Sie wussten – jetzt hat er’s geschafft. Jetzt hat er den Koffer zugeklappt. Die Schlösser eingeschnappt. Sich entfesselt von allen Hemmnissen und die Packung mit den Betablockern zerknüllt und ins Klo geworfen. Als verschroben mochten mich meine Mitbewohner empfunden und meinen Aufbruch als impertinent bezeichnet haben, doch erachtete ich meine Entscheidung als die gelungene Tat eines Genies. Ausgeklügelt und doch in der Spontanität des Rastlosen. Ich war eine der Natur abgewonnene Bereicherung für die Gesellschaft. Ich war jener Held, welcher für das Gemeinwohl die Courage aufbrachte und eine Bresche in den Alltag zu schlagen wagte. Wie ein Popstar zog ich von Ort zu Ort, lebte aus dem Koffer, von der Hand in den Mund. Man liebte mich. Man weinte um mich. Man jubelte mir zu. Natürlich ermunterte mich dies in meinem Schneid und tatsächlich stand ich in schönster Blüte. Sublimiert mein ganzes Wesen und ausgebrochen aus der Pedanterie quälender Sesshaftigkeit. Und mit dem Ehrenwort des Genies versichere ich Ihnen meine Geistesgrösse und den Verdienst meiner Begabung. Wider meiner eigentlichen Verschwiegenheit, ist es mir eine Ehre, hiervon berichten zu dürfen.
Fragen Sie sich bitte nicht nach dem Indikator meines aussergewönlichen Triebes nach Höherem streben zu wollen. Betrachten Sie meine Reisen als Ventil hedonistischer Bemühungen, als das Liebesabenteuer des Kyrenaikers. Nun gut, für mich standen Tür und Tor offen, eigentlich wünschte ich dies auch meinen Mitmenschen oder zumindest meinen Mitbewohnern. Den Eisenhuts, Miss Siusan und AaduMayil. Aber auch den Neuzugezogenen mit ihren Kindern, Verwandten und Bekannten. Jauchzend rannte ich in Socken und Boxershorts über die polierten Fliesen in die Wohnung zurück und fragte mich, ob jemand mir zu liebe das Treppenhaus so fürstlich geschmückt hatte. Mit Blumengestecken und sonstigem Firlefanz, Bildern und Duftkerzen. In knappen Worten, wie es sich für einen Mann der Tat gehörte, informierte ich meine Eltern über mein Vorhaben. Den Katzen warf ich das für den Sonntag bestimmte Roastbeef in den Napf und den Zierfischen überliess ich den vorgebackenen Yorkshire-Pudding plus Katzenfutter. Auch bedankte ich mich in den Abschiedszeilen für ihre Warmherzigkeit und das unerschütterliche Wohlwollen, anstandsgemäss vergass ich nicht Vaters Videokamera zu erwähnen, welche für meine reisejournalistische Arbeit, welcher ich mich gezwungenermassen stellen musste, von äusserster Tragweite war. Und nur weil ich kein Kleingeld mehr hatte war ich genötigt, aus Mutters Einkaufsportemonnaie ein paar Groschen für die Strassenbahn zu klauben. Natürlich hätte ich auch das Taxi nehmen können, doch sagte ich mir, dass ich von Anfang an zum Geld Sorge tragen will. Alleine schon ob dieser Einstellung liebten mich meine Eltern und schenkten mir volles Vertrauen. Ohnehin stand für uns Vertrauen an oberster Stelle. Liebend gern hätte ich die Rückkehr meiner Eltern abgewartet und mein Abschiedsgeschenk entgegengenommen. Doch wollte ich noch Tante Hedwig über meine Abreise in Kenntnis setzen, damit sie mir etwas mit auf den Weg geben konnte. Ein Wunsch, welchen ich ihr jeweils nicht abschlagen durfte. Zumindest nicht damals, wo ich mich in einer hoch lebhaften Phase befand und für jegliche Form des Ansporns dankbar war. Eine sich alleweil lohnende Investition, auf solche Leute zu setzen. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Eine von mir klipp und klar definierte Zielsetzung. In relativ kurzer Zeit liess sich der Besuch bei ihr abhandeln. Ich bestellte dann doch noch ein Taxi und liess mich zum Bahnhof chauffieren. Mutters Spaziergeld spendete ich der Fahrerin. Schliesslich trug sie mir meinen Koffer noch bis zum Perron. Versehentlich setzte ich mich ins Erstklasse-Abteil, was allerdings keine Rolle spielte. Den Aufschlag bezahlte ich gerne und um ein Haar wollte ich dem Schaffner noch ein Trinkgeld geben. Eigentlich stellte ich mir die Fahrt um einiges entspannter vor. Doch diesmal, zugegeben, lag es an mir. Ich hätte mich eindeutig besser informieren sollen. Über mich selbst verwundert setzte ich mich in den Speisewagen und klappte den Laptop auf, um neue Möglichkeiten abzuchecken. Zürich – Köln – Bruxelles – Antwerpen dauerte mir auf einmal entschieden zu lange. Über Paris war eine schlechte Alternative. Diese hatte ich ja zuvor schon abgecheckt. Ich schlürfte meinen Capuccino und lächelte strahlend der hübschen Bedienung entgegen. Ich hatte ja auch allen Grund dazu. So fand ich doch tatsächlich einen Lastminute Flug von Köln nach Venedig. Businessclass! Morgen um 07:30 Uhr. Um einem weiten Weg zum Flughafen vorzubeugen, mietete ich mir gleich ein Zimmer in einem der noblen Hotels in der Agglomeration. Antwerpen Ade, schrieb ich in die Agenda und: Sitze vergnügt im Überschallzug nach Köln. Bereite VJ-Aktion vor. Weissabgleich, Ton usw. eingestellt. Interview mit Service-, Küchen- und Hilfspersonal. Anschliessend Travelling-Aufnahmen Speisewagen.
Aus Rücksicht erstsatte ich Ihnen keinen ausführlichen Bericht über meinen Hotelaufenthalt in Köln. Nicht über die anfänglichen Schwierigkeiten am Empfang und auch nicht über das Missverständnis in der Pianobar. Schlussendlich hatte sich ja alles zum Guten gewendet und selbst der Pianist nur noch für mich gespielt. Zumindest kam es mir so vor. Am nächsten Morgen verpasste ich auch den zweiten Shuttlebus des Hotels und liess mir deswegen ein Taxi rufen. Auf mein Verlangen hin holte ein Portier meinen Koffer vom Zimmer zur Rezeption, als ich auscheckte. Formgewandt winkte ich ihn damit gleich zum Taxi mit dem viel zu nervösen Chauffeur weiter. Natürlich gab ich ihm dafür eine Belohnung und auch dem Taxifahrer – gleich im Voraus. Höflich hielt ich noch kurz nach dem Hoteldirektor Ausschau, doch war dieser nirgendwo aufzufinden. Ihn herbeirufen lassen wollte ich nicht. Ich dachte nur, dass er sich vielleicht gerne von mir verabschiedet hätte. Auf dem Flughafenterminal angekommen, wurde mein Name bereits mehrere Male aufgerufen und ich fühlte mich seit langem wieder einmal ernst genommen und genoss mein Dasein als Videojournalist und Darsteller jenes Popstars, der mir in vielen Dingen ähnlich war. Rein physiognomisch, in Gestik und Mimik, aber auch in seiner vornehmen Gangart. Einziger Unterschied: ich war nicht in Begleitung von Bodyguards, sondern von einer Flugbegleiterin, welche mir wahrlich versuchte Feuer unterm Hintern zu machen. Natürlich spielte ich ihr zuliebe mit und rannte an ihrer Seite zum Flugzeug wie ein gehetzter Starmanager; in meiner Situation wie ein Popstar ohne Privatjet. An Bord angekommen stellte ich mich persönlich mit meinem Nachnamen, dann nachdrücklich mit Vor- und Nachnamen beim Personal vor und bedankte mich gleichzeitig für ihr Entgegenkommen. Dem Piloten liess ich meine Ankunft ausrichten. „Startklar!“, rief ich den Flugpassagieren aufmunternd zu, die wie im Theater gespannt ihre Blicke auf den Protagonisten (ich) richteten, obwohl neben mir eine nette junge Dame bereits das Erstehilfe-Set gebärdenstark vordemonstrierte. Ich machte meine dritte Travelling-Aufnahme (die zweite war in der Hotellobby), dann wurde ich untergehakt zu meinem Platz gebracht und sogar angeschnallt. Businessclass! Venezia, ich komme!, schwelgte es in meiner Brust und glücklich verköstigte ich mich an dem von mir gewünschten Weight-Watcher-Frühstück. Ich verlangte Tageszeitungen in Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch, klappte den Laptop auf und liess mir koffeinarmen Kaffee nachschenken. Immer wieder erntete ich bewundernde Blicke von anderen Passagieren. Wahrscheinlich waren sie hin und her gerissen ob meiner Person. Wussten nicht wo sich mich einzustufen hatten. Sei es im Showbiz oder im Management. Ich verriet es in keinster Weise. Den Flugbegleiterinnen hingegen, zwinkerte ich schon mal zu oder hob die eine Augenbraue.
Venedig war einfach wundervoll. Zauberhaft! La Serenissima. Molto bello. Bellissima. Ich vermisse weder Zürich, noch Antwerpen. Paris und Köln können mir gestohlen bleiben, notierte ich in meine Agenda. Bleibe vielleicht etwas länger. Filmfestspiele. Mostra internazionale d’arte cinematografica di Venezia. Plane Videoaufnahmen. Dann klappte ich die Agenda zu wie damals den Koffer, verliess das Zimmer, das Hotel, den Garten und trat auf den sonnenbeschienenen Platz hinaus. Ich trug eine dunkle Sonnenbrille, meine gelierten Haare waren streng nach hinten gekämmt, das Hemd trug ich trotz unbehaarter und jünglingshafter Brust bis zu den untersten Knöpfen offen. Hose und Schuhe waren äusserst elegant und mit Leichtigkeit, ich spürte es genau, faszinierte ich etliche Leute. Natürlich profitierte ich von den Festspielen und einiges vereinfachte sich für mich dadurch. So waren viele meiner Geschichten den Leuten beinahe ihre Existenz wert und ich wurde zu den verrücktesten Sachen eingeladen, was mir wiederum eine Verlängerung meines Aufenthaltes ermöglichte. Meine Eltern und auch Tante Hedwig fingen sich bereits an zu sorgen, worauf ich sie herzlichst vertröstete und meine Situation bis ins Detail schilderte. Natürlich erwähnte ich auch Hoteladresse und Bankverbindung. Täglich sandte ich ihnen wunderbare Bilder von Palästen, goldenen Gondeln, aufflatternden Taubenschwärmen, märchenhaften Brücken, vom feudalen Theater und der Bibliothek. Von Schulen, Zunfthäusern und Piazzas, vom Sonnenauf- und Sonnenuntergang. Doch fühlte ich mich nach zwei Monaten der Rast erneut von seltsamer Unruhe heimgesucht und weder Kunst noch Weiblichkeit konnte mich festhalten. Ich bat um das Lösen meiner Fussfessel. Ich fühlte mich elend. Und was ich lange Zeit als unumstössliches Privileg betrachtete, war mir auf einmal nicht mehr genug. Ich zückte Agenda und Bleistift und schrieb: Das Liebesabenteuer des Kyrenaikers hat sich ausgelebt. Denn was bedeutete mir jetzt noch Zürich, die Stadt meiner Jugendjahre? Was die Reisen nach Indien und Russland, China und Amerika? Auch Hamburg, Wien und Rom hatte ich gesehen. Die Akropolis und die Golanhöhen. Afrika. Die Spitzbergen. Jetzt, so wusste ich genau, musste ich einen neuen Weg einschlagen. Einer, der sich nicht kartographieren liess. Einer, der durch unsichtbare Gefilde führte und sich jeglicher Beschreibung und Sprache entzog. Ein Durchwandern eines unendlichen Gebietes sollte es werden. Von einer Lauterkeit in die nächste. Ein hinter undurchdringbarer Umzäunung geglaubtes Land wollte ich entdecken und mit meinem Ehrenwort versichere ich Ihnen, ich hatte es gefunden. Mit wahren Gefühlen und unter buschigen Brauen hervor betrachtete ich diese neue Welt wider üblicher Gewohnheit. In aller Bescheidenheit. Sogleich bemerkte ich diese fantastische und erdenferne Ungebundenheit und ob ich demnach in Venedig auf einem kaiserlichen Balkon weilte oder in New York in einem der miefenden Yellow cabs sass, meine neu entdeckte Welt traf ich überall an. Ich fühlte mich herrlich dabei. Alles je Erträumte breitete sich vor mir aus wie ein funkelndes Geschenkpapier. Kein Zeitdruck, keine Hetze an Bahnhöfen und Flughäfen, Businessclass gab es keine. Weight watcher war verpönt. Tante Hedwig besuchte ich jeweils aus reinen Motiven heraus, auch verfütterte ich in meiner Beherztheit kein Roastbeef an Katzen und der Yorkshire-Pudding blieb Beilage. Herr Eisenhut zeigte sich mir alles andere als betagt und Lilchens Haut sah aus wie nach einem Intensiv-Gesicht-Körper-Wunder-Peeling. Siusan blickte aus zwei wunderschönen blauen Augen und AaduMayil, na ja, sie behielt ihr eigensinniges Lust-, beziehungsweise Humorempfinden. Das irdische Reisen, Sie werden staunen, behielt ich aber trotzdem bei. So zog ich von der elterlichen Wohnung aus und mietete mir ein Zimmer. Gleich zwischen Miss Siusan und AaduMayil, was sich als äusserst vernünftig herausstellte. Denn, wie Sie ja wissen, lebte ich vom Koffer in den Mund, war also häufig unterwegs, und so war es für meine Anwohner äusserst kommod und ohne grossen Aufwand verbunden, während dieser Zeit meine Räumlichkeit zu lüften, das Mobiliar abzustauben und die Pflanzen zu giessen. Im Gegenzug durften sie sich soviel Kaffee oder Tee kochen wie sie wollten, turmhohe Lagen an Schokolade und Keksen lagen jeweils auch bereit. Sie konnten sich also in keiner Weise beklagen. Auch schrieb ich ihnen regelmässig Ansichtskarten. Ich fühlte mich von ihnen verstanden. ■

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Andreas WielandAndreas Wieland

Geb. 1969 in Chur/CH, Studium an der Höheren Fachschule für Hotel- und Tourismusmanagement, anschließend als diplomierter Hotelier in den Kantonen Graubünden, Zürich und Luzern tätig, Kurzprosa- und Roman-Publikationen, lebt als freischaffender Schriftsteller in Walenstadt/CH

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Menantes-Förderpreis für erotische Dichtung 2012

Posted in Erotik, Literatur, Literatur-Ausschreibungen, Literaturwettbewerbe by Walter Eigenmann on 20. Januar 2012

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Gesucht: Galante Gedichte und Erzählungen

Die Evangelische Kirchgemeinde Wandersleben schreibt in Zusammenarbeit mit der Thüringer Zeitschrift «Palmbaum» zum vierten Mal ihren zweijährlichen Menantes-Förderpreis für erotische Dichtung aus. (Der Preis ist benannt nach einem der «galantesten», sprich frivolsten Dichter des Barock, dem Wanderslebener Literaten, Satiriker und Librettisten Christian F. Hunold, alias Menantes / 1680-1721). Eingesandt werden können je bis zu drei unveröffentlichte Gedichte oder eine unveröffentliche Kurzgeschichte mit max. fünf Manuskriptseiten. Der Preis ist mit insgesamt 2’750 Euro dotiert. Einsende-Schluss ist am 31. März 2012, die weiteren Details finden sich hier. ■

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Literatur-Wettbewerb des Jandl-Festivals 2012

Posted in Ausschreibung, Literatur, Literatur-Ausschreibungen, Literaturwettbewerbe by Walter Eigenmann on 11. Januar 2012

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Dem Themenkreis «Zeit» gewidmet

Gemeinsam mit dem Jandl-Festival «tohuwabohu – jazz me, if you can!» schreibt das Literaturbüro NRW einen Literaturwettbewerb aus: «Auf den Spuren Ernst Jandls» wird nach Texten gesucht von Autorinnen und Autoren, die «zu einer eigenen Ausdrucksweise gefunden haben». Das einzureichende Werk sollte sich formal und/oder thematisch dem Themenkreis «Zeit» widmen und als Fortschreibung der Poetik und Poesie Ernst Jandls erkennbar sein. Der Preis ist mit 1’000 Euro dotiert. Einsende-Schluss ist am 29. Februar 2012, die weiteren Details finden sich hier. ■

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Weitere Literaturausschreibungen im Glarean Magazin

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Franz Trachsel: Marsch-Impressionen im Parkhaus

Posted in Franz Trachsel, Humor, Humoreske, Literatur, Musik, Neue Prosa by Walter Eigenmann on 27. November 2011

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Semper fidelis !

Franz Trachsel

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Shopping-Center-Parkhäuser dürfen für sich beanspruchen, nach aussen umgebungskonform-freundlich aufzutreten, nach innen angesichts ihres grossen Parkplatzangebots aber die nüchtern-zweckmässige Wucht selber zu sein. Und dann erst die ausserhalb der Shopping-Zeiten darin herrschende Stille – empfunden heute, eines vorsommerlich frühen Montagvormittags, und angesichts des nur sehr spärlichen Eintreffens der Kundschaft.
Doch urplötzlich sieht sich, wer schon hier, vom Hauptzugang her von einem vollorchestrierten marschmusikkalischen Auftakt vereinnahmt! Und wer ausserdem auf dem schmalen Weg im Zweiradbereich abgestiegen, der kommt sich in eine kasernenhaft grosse, höchst belebte Blasmusikhalle hineingeraten vor.
Das alles aber keineswegs als aufdringliches Unterhaltungsgezeter dahertönend. Nein, was sich da vollentfaltet sehr wohl hören lässt, ist nichts Geringeres als eine amerikanische Marsch-Legende, nämlich John Philipp Sousas enorm beschwingter «Semper Fidelis». In voller Korpsstärke notabene – ein wirklich frappanter Tages- und Wochen-Start!

Die US-Marines - ohne Sousaphone...

Und dann ist da die Erinnerung, diesen Marsch nicht nur in Konzerten, sondern in quasi welthistorischer Entfaltung miterlebt zu haben. Und zwar live anlässlich der Jubiläumsparade «200 Jahre USA» am 4. Juli 1976 auf der Pennsylvania-Avenue in Washington. Dieses Erlebnis dabei umso eindrücklicher, als Sousas «Semper Fidelis» nichts Geringeres ist als das stolz vertonte Siegel der US-Marine. Ja, und wem sonst, wenn nicht der Marine-Band wäre damals die Ehre zugekommen – vom Millionenpublikum besonders stürmisch applaudiert -, dem historischen Tag diesen unverkennbaren Stempel aufzudrücken! Das blendend weiss uniformierte Korps, ein makelloses Neunerkolonnen-Erscheinungs­bild, der mitreissende Marschmusik-Takt: ein nationalhistorisches Aufkreuzen wie aus einem Guss!

John Philipp Sousa

Hier im Parking des örtlichen Shopping-Centers hingegen, 35 Jahre später: Sein Klang eine wahre Entschuldigung dafür im Gegensatz zu Washington, auch ohne das geringste Aufblitzen hochglänzend polierter Blasinstrumente festzustellen. Aber warum sollte denn den etagentragenden Parkhaus-Betonsäulen, den Auf- und Abfahrtsrampen, den Parkplatzschranken und dem massig alle sieben Etagen untereinander verbindenden Liftschacht nicht ausnahmsweise mal eine echte Klangreflektoren-Rolle zukommen! Aussergewöhnlich dabei halt dieser «Immer-Treu»-Marschauftritt vor allem deswegen, weil er ohne augenfällige Formation auskam. Nahm sich die Freiheit, statt sich mühsam um all die Begrenzungen, Kurven, Auf- und Abstiege herumzuwinden und sich in seine einzelnen Register aufzulösen und ganz eigene Weg ezu gehen. Ja selbst der Dirigent dürfte sich unter dem wuchtigen Etagenmauerwerk marschtrunken mit schwingendem Taktstock auf die sonnige Center-Dachterrasse verirrt haben. Und wenn dabei schrittsicher von jemandem begleitet, dann am ehesten noch vom Tambouren- und Flötenregister, derweil sich das Klarinetten-, das Saxaphon-, Trompeten-, Posaunen-, Pauken- und Bassregister (weil für den vom Dirigenten irgendwo mit seinem Stock in die Luft geschmetterten Takt hellhörig geworden), auf das übrige halbe Dutzend Etagen aufgeteilt haben mochten.
Und weil nun einmal John Philipp Sousas Klassiker des Tages die Aufwartung machte, dann gewiss nicht ohne sein – das Korps bekanntlich hinten dekorativ abschliessendes – Sousaphon-Register! Nicht auszudenken, dieses könnte – weil den Auftritt auch hier hinten abschliessend – im Zuge einer akuten Klangtrunkenheit etwa im Parterre-Zugang, also im Wagenwaschanlagen-Bereich in die gewaltig rotierenden Waschbürsten geraten sein. Deren schonungslos nässetrunkener Umlauf wäre vermutlich der kältesten Dusche ihres Musikerlebens gleichgekommen. Hätte man sich also den völlig aussergewöhnlichen Marsch-Auftritt durchaus im Beisein seines berühmten Komponisten vorstellen können, so doch keineswegs den Untergang einer ganzen Sousaphon-Equipe. So gesehen vielleicht nicht ganz unglücklich für ihn, diese Welt schon vor 80 Jahren verlassen zu haben.

Nun denn, plötzlich erwiesen sich auch meine Marschmusik-Minuten hier als gezählt. Augenblicke später benimmt sich in die eingetretene Stille hinein irgendwo im Parking eine forsch zuschlagende Autotür taktgenau wie ein Schlusssignal. Eine Soundanlage der Zehntausenderklasse in einem Coupé der Mittelklasse hatte wohl Raum- und Klangqualität bewiesen. Hier also ein hochkarätiges Bravourstück, was sich anderswo unter anderen Vorzeichen als polizeilich verbotene Belästigung erwiesen hätte. ■

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Franz Trachsel
Geb. 1933, langjähriger Lokal- und Kulturjournalist bei verschiedenen Printmedien, Kurzprosa in Zeitungen und Zeitschriften, lebt in Emmenbrücke/CH

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Internationaler MDR-Literatur-Wettbewerb 2012

Posted in Ausschreibung, Literatur, Literatur-Ausschreibungen, Literaturwettbewerbe by Walter Eigenmann on 22. November 2011

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Kurzgeschichten / Short Storys für den MDR

Alle deutschsprachigen Autoren, die bereits literarische Veröffentlichungen vorweisen können, sind vom Mitteldeutschen Rundfunk zur Teilnahme am internationalen Kurzgeschichten-Wettbewerb 2012 eingeladen. Die Länge des einzureichenden Manuskripts – nur unveröffentlichte Arbeiten – soll ca. 11’000 Zeichen nicht überschreiten. Der Hauptpreis wird vom MDR ausgerichtet und beträgt 5’000 Euro, der Zweitplatzierte erhält 2’000 Euro, der Dritte 1’500 Euro; ein weiterer Preis von 1’000 Euro wird vom Publikum vergeben. Alle Teilnehmer, die es in die Endrunde schaffen, erhalten ein Honorar. Einsende-Schluss ist am 31. Januar 2012, die weiteren Einzelheiten sind hier zu finden. ■

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Anthologie-Ausschreibung für Fantasy-Storys

Posted in Ausschreibung, Literatur, Literatur-Ausschreibungen, Literaturwettbewerbe by Walter Eigenmann on 18. Juli 2011

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Gesucht: Hexen-Geschichten

.Für eine Buch-Anthologie mit Märchen und Fantasy-Geschichten sucht der Sperling Verlag noch Beiträge zum Thema Hexen. Es soll dabei nicht um die mittelalterliche Hexenverfolgung gehen, sondern erwünscht sind Geschichten über «die Hexe als real angesehenes Wesen (Fantasy)». Einsende-Schluss ist am 30. Dezember 2011, die weiteren Einzelheiten finden sich hier. ▀

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Erster Deutscher E-Book-Preis 2011

Posted in Ausschreibung, Literatur, Literatur-Ausschreibungen, Literaturwettbewerbe by Walter Eigenmann on 14. Juli 2011

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Literaturwettbewerb für Online-Kurzgeschichten

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Den ersten 1. Deutschen E-Book-Preis schreiben die Portale Satzweis.com und Chichili Agency aus. Eingesandt werden können deutschsprachige Kurzgeschichten/ShortStorys, die bis zum 31. August 2011 elektronisch bei einem Verlag oder Online-Portal publiziert worden sind und der Leserschaft in voller Länge zur Verfügung stehen. (Die Veröffentlichung muss zuerst elektronisch erfolgt sein, also noch vor Print oder Audio. Privates Ins-Netz-Stellen im Blog, auf der Homepage, auf Foren u. Ä. gelten nicht als Ebook-Veröffentlichung.) Thema und Genre sind nicht vorgegeben, und es gibt keinerlei Altersbeschränkungen für die teilnehmenden Autorinnen und Autoren. Der Preis ist insgesamt dotiert mit 1’500 Euro sowie einem Sachpreis, die weiteren Details finden sich hier. ▀

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Kultur-Ausschreibung der Zeitschrift «Sterz»

Posted in Ausschreibung, Literatur, Literatur-Ausschreibungen, Literatur-Zeitschriften by Walter Eigenmann on 29. Juni 2011

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Beiträge gesucht zum Thema «Herzblut»

«Sterz», die Wiener Zeitschrift «für Literatur, Kunst und Kulturpolitik», lädt unterm Motto «Herzblut» zur Einsendung von Lyrik-, Prosa-, Essay-, Wissenschafts-, Comic- oder Foto-/Grafik-Beiträgen und anderen abdruckbaren Techniken ein. Einsende-Schluss ist Mitte September 2011, weitere Einzelheiten finden sich hier. ▀

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Tobias Wolff: «Unsere Geschichte beginnt»

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«Alles wird gut…»

Bernd Giehl

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Keine Sorge, meine sehr verehrten Damen und Herren, die Atomkraft ist sicher. Vielleicht nicht in Japan, aber in Deutschland und ganz besonders in der Schweiz. Griechenland wird nicht bankrottgehen – und wenn doch, wird sich die Spekulation ganz bestimmt nicht gegen Irland oder Spanien richten, und wenn der Euro wider Erwarten doch die Flügel streckt, werden wir eben den Schweizer Franken als europäische Währung einführen. Ansonsten werden wir das Klima retten und die Wale natürlich auch. Sie sehen, es ist alles in bester Ordnung und nur noch eine Frage der Zeit, bis Libyen und Syrien Mitglieder der EU werden.

Nein, so schrill und wie Pfeifen im dunklen Wald klingen die Geschichten nicht, die Tobias Wolff erzählt. Auch ist die Lüge und der Selbstbetrug nicht so deutlich sichtbar wie in den Behauptungen, die ich eingangs aufgestellt habe. Aber in vielen Erzählungen von «Unsere Geschichte beginnt» geht es genau darum: Wie Menschen einer Gefahr ins Auge sehen und sie dann doch verdrängen. Wie sie in einem Moment der Hellsichtigkeit selbsterkennen und dann doch weiterleben, als wäre nichts geschehen. Sie machen sich etwas vor. Und darin gleichen sie uns.
Nur ist das alles sehr viel diskreter, als ich es gerade getan habe. Und wenn man sich von der ersten Geschichte dieses Bandes «Im Garten der nordamerikanischen Märtyrer» aufs Glatteis führen lässt, dann wird mancher sogar vehement bestreiten, dass es hier um Illusionen und Selbstbetrug geht. Denn Mary, die «Heldin» dieser Geschichte, eine abgehalfterte College Professorin, die auf der Suche nach einem neuen Job ist, verzichtet ja gerade auf die Lüge und erzählt dem Ausschuss, der sie einstellen soll, was dieser keinesfalls hören will. Aber sie weiß eben auch, dass sie sowieso keine Chance hat, sondern nur als Zählkandidatin fungiert.

Tobias Wolff

In den allermeisten anderen Geschichten des Bandes verhält es sich jedoch anders. In «Nebenan» werden Eheleute Zeugen häuslicher Gewalt in der Nachbarwohnung, ohne etwas dagegen zu tun. Stattdessen flüchtet zumindest der Mann sich in Tagträume – alles besser als die Realität, in der er lebt.  In der Geschichte «Im Zweifel für den Angeklagten» erlebt ein Amerikaner in Rom die extreme Armut im Auswanderer-Ghetto, wird ausgeraubt – und dennoch wird schon alles gut werden. Die Gesellschaft, für die er arbeitet und die er eigentlich verachtet, weil sie eigentlich nur schönen Schein produziert, wird ihm schon das Geld überweisen, das er braucht, um sein Hotel zu bezahlen. Es ist zwar alles nur Lüge und Illusion, aber es funktioniert, und das ist die Hauptsache. Ein Vater, der seinen verweichlichten Sohn zu einer Militärakademie bringt, damit endlich ein Mann aus ihm werde, spürt bei der Rückfahrt, dass es die falsche Entscheidung war, aber dann beruhigt er sich doch mit der Erkenntnis, dass das Leben ein Kampf sei und sein Sohn das eben lernen müsse («Nachtigall»).

Tobias Wolff ist in dem Erzählband «Unsere Geschichte beginnt» nicht nur ein guter Beobachter, sondern auch ein diskreter Erzähler. Jedenfalls erzählt er nicht mit erhobenem Zeigefinger. Seine Figuren sind nicht nur schwarz oder weiß. Und bei allem Selbstbetrug haben sie auch ihre guten Seiten...

Tobias Wolff ist nicht nur ein guter Beobachter, sondern auch ein diskreter Erzähler. Jedenfalls erzählt er nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Seine Figuren sind nicht nur schwarz oder weiß. Und bei allem Selbstbetrug haben sie auch ihre guten Seiten. Sie sind bestimmt gute Nachbarn und hilfsbereite Menschen. Sie passen sich an, haben Allerweltsgesichter, und sicher sind sie auch gute Staatsbürger, die pünktlich ihre Steuern zahlen. Und weil sie so sind, wie sie sind, geht eben alles seinen wohlgeordneten Gang. Sie sehen, meine Damen und Herren: Alles wird gut… ▀

Tobias Wolff, Unsere Geschichte beginnt, Erzählungen, 208 Seiten, Berlin Verlag, ISBN-13 9783827008527

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Internationaler Wiener Literatur-Wettbewerb 2012

Posted in Ausschreibung, Literatur, Literatur-Ausschreibungen, Literaturwettbewerbe by Walter Eigenmann on 13. Juni 2011

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Werkstattpreis zum Thema «Innenwelt-Außenwelt»

Der traditionelle «Wiener Werkstattpreis» um Peter Schaden in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur richtet auch für 2012 einen internationalen Wettbewerb für Lyrik und Kurzprosa aus. Das diesjährige Thema lautet «Innenwelt-Außenwelt», eingesandt werden können max. zehn Gedichte, die Kurzgeschichten sollen max. 10’000 Zeichen umfassen. Die Texte müssen noch unveröffentlicht sein. Einsende-Schluss ist am 30. November 2011, die weiteren Einzelheiten finden sich hier. ▀

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Weitere Literaturausschreibungen im Glarean Magazin

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Wettbewerb der 42er Autoren zum Thema «Mist»

Posted in Ausschreibung, Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 8. Juni 2011

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Der Putlitzer Kurzprosa-Literatur-Preis 2012

Putlitzer Literaturwettbewerb 2010Auch im Jahre 2012 wird vom Literatur-Portal «42er Autoren» der internationale «Putlitzer Preis» ausgeschrieben. Das Thema lautet diesmal: «Mist». Teilnahmeberechtigt sind alle Autoren, Profis wie ambitionierte Nachwuchsschriftsteller, die in deutscher Sprache schreiben. Einzureichen sind Kurzprosa-Manuskripte mit maximal 1’000 Wörtern. Einsende-Schluss ist am 30. September 2011, die weiteren Details finden sich hier. ▀

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Anthologie-Ausschreibung des Candela-Verlages

Posted in Ausschreibung, Glarean Magazin, Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 14. März 2011

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Gesucht: Groteske Kurzgeschichten

Für eine neue Anthologie mit Kurzgeschichten, die «von grotesken Situationen und Figuren bestimmt» werden, schreibt der deutsche Verlag Candela einen Literaturwettbewerb aus. Eingesandt werden können max. drei Kurzprosa-Texte mit einer Länge von je höchstens 40’000 Zeichen. «Ziel der Ausschreibung ist es, eine abwechslungsreiche, inhaltlich und sprachlich anspruchsvolle Anthologie mit neuen Geschichten zu diesem traditionsreichen Genre herauszubringen.» Einsende-Schluss ist am 31 Mai 2011, die weiteren Einzelheiten finden sich hier. ■

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Literatur-Wettbewerb für Kurzprosa

Posted in Ausschreibung, Glarean Magazin, Literatur, Literatur-Ausschreibungen, Literaturwettbewerbe by Walter Eigenmann on 8. Februar 2011

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«Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm»

Einen Literaturwettbewerb für Kurzprosa-Texte schreibt das Literaturportal buchbesprechung.de aus. Man ist auf der Suche nach «kreativen und originellen Kurzgeschichten zum Thema ‘Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm’: Nehmt Euch des Themas dabei vollkommen frei an – ob Vater-Sohn-Konflikte, spannende Erntegeschichte, biblische mystische Bezüge». Einsende-Schluss ist am 31. März 2011, die weiteren Details finden sich hier. ■

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Literatur-Wettbewerb des Net-Verlages

Posted in Literatur, Literatur-Ausschreibungen, Literaturwettbewerbe by Walter Eigenmann on 18. Dezember 2010

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Lyrik und Prosa zum Thema «Gut und Böse»

Für eine Anthologie zum Thema «Gut und Böse» schreibt der deutsche Net-Verlag einen Literaturwettbewerb aus. Eingesandt werden können Gedichte oder Geschichten, «bei denen es um gegensätzliche Charaktere, also um gute und böse, geht. Es können Geschichten aus der Gegenwart sein, aber es können auch Fantasiegestalten oder Falbelwesen sein.». Die max. Länge einer Geschichte soll 30’000 Zeichen nicht überschreiten. Einsende-Schluss ist am 31. Dezember 2010, die weiteren Details finden sich hier.

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Weihnachts-Satire von Rainer Wedler

Posted in Literatur, Neue Prosa, Rainer Wedler by Walter Eigenmann on 6. Dezember 2010

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Die Weihnachtsaktion

Rainer Wedler

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Sehr verehrte, liebe Marktleiterinnen und Marktleiter!
Ganz herzlich darf ich Sie begrüßen zu unserer alljährlichen Weihnachtsaktion. Wie Sie sehen, möchte ich Sie mit der zwar bekannten, aber doch jedes Jahr wieder neuen Spezialkleidung einstimmen auf die kommenden Wochen und Monate, die der eigentlichen Aktion vorausgehen, die den Älteren unter Ihnen noch als Weihnachtsfest bekannt sein dürfte. Zwar ist mein rotes Aktionskleid etwas zu warm für diesen wunderbaren Spätsommer, ha, ha, aber neue Entwicklungen auf dem Stoffsektor haben es leichter und weniger warm gemacht.
Aber was rede ich von mir, meine lieben und verehrten Marktleiterinnen und Marktleiter. Reden wird von der Aktion der Aktionen, reden wir von der Weihnachtsaktion. Sie sehen hier zu meiner Linken unser bekanntestes Produkt, unseren Schnelldreher, unser GOLDNUSS-PÄRCHEN. Nun dreht euch mal. Sind sie nicht zum Anbeißen? Braun wie VON HAUSEN-Schokolade, diese braunen Brüstchen, wie sie hüpfen, und erst der Hintern, die kleinen Arschbäckchen, alles goldbraun-nussig. Eine aufmerksamkeitsstarke und ungewöhnliche Weihnachtspromotion. Und nun, meine sehr verehrten Marktleiterinnen und Marktleiter, zu meiner Rechten ein weiterer Blickfang. Der echte Weihnachtsmann in seiner typischen Kleidung: rotes Gewand mit Kapuze, wahlweise auch mit Mitra, weißer Bart und kleiner Jutesack. Als nette Geschenke für die kleinen Kunden verteilt er aus dem Säckchen FLUPPIES, das sind wuschelige und flauschweiche Kerlchen mit Fühlern und beweglichen Knopfaugen. Und der Gag: Die lustigen kleinen FLUPPIES haben selbstklebende Füßchen. Und natürlich verteilt der gute Weihnachtsmann GOLDNUSS-PÄRCHEN an die lieben Großen.

Weihnachtsbaum - Rockefeller Center New York

Weihnachtsbaum vor dem New Yorker Rockefeller Center

 

Nun, jetzt kennen Sie die Akteure. Wir kommen sodann zur Durchführung der Aktion:
1) Einsatztermin und Aktionspunkt müssen mit dem Markt vereinbart werden. Der Markt verfügt über angemessene Bestand an Produkten der SIANOVE-Gruppe.
2) Es ist die aktionstypische Kleidung, wie soeben erwähnt, zu tragen.
3) Die SIANOVE-Gruppe stellt Ihnen die kleinen FLUPPIES zur Verfügung. Pro Einsatztag dürfen maximal 100 FLUPPIES (= Verpackungseinheit) ausgegeben werden. Die Ausgabe erfolgt aus dem Jutesäckchen. Entfernen Sie die Folie unter den Füßchen und heften Sie das lustige Kerlchen den Kindern an oder auch den Großen.
4) Nutzen Sie den ganzen Einzugsbereich des Aktionsplatzes und gehen Sie aktiv auf den Verbraucher zu.
5) Sorgen Sie für Ordnung und Sauberkeit an Ihrem Aktionspunkt.
6) Füllen Sie den Einsatzbericht mit exakten, eindeutigen Angaben aus.
7) Unser GOLDNUSS-PÄRCHEN wird direkt aus der Box angeboten, damit der Verbraucher neben dem softig-nussig-feinen Geschmack auch die schöne Innengestaltung und die farbtypische Gesamtgestaltung wahrnimmt.
8) Die Übergabe der ganzen Praline erfolgt, indem Sie das Pralinenkörbchen unten anfassen und nach vorn aus dem Tiefzieheinsatz lösen. Greifen Sie mit Daumen und Zeigefinger den Körbchen-Henkel und überreichen Sie das Probierstück mit der aufgeklebten Siegelmarke nach vorn – in Richtung des Konsumenten. Der Konsument darf die Praline auf keinen Fall selbst aus der Box nehmen !
9) Vermeiden Sie auf jeden Fall Mehrfachabgaben der Probe an eine Person.
Wenn Sie sich genau an unsere Vorschriften halten, kann eigentlich nichts schiefgehen und Sie werden großen Erfolg mit den Produkten der SIANOVE-Gruppe haben. Sie sollten allerdings von eventuell auftretenden Einsatzhindernissen ohne Verzug per Lockruf die oberste Einsatzleitung am Stammsitz unserer Firma in Kenntnis setzen. Nur dann haben wir die Chance, notwendige Korrekturen zu veranlassen.
Sollten Sie noch irgendwelche Fragen haben, so stehe ich gerne zu Ihrer Verfügung. Wie ich Ihren schon weihnachtlich glänzenden Gesichtern entnehme, scheint dies aber nicht der Fall zu sein. Deshalb darf ich mich ganz herzlich von Ihnen verabschieden, nicht ohne Ihnen recht guten Erfolg bei unserer gemeinsamen Pflege altchristlichen Brauchtums und wahrer Gläubigkeit zu wünschen. Zum Abschluß unserer alljährlichen Einsatzbesprechung darf ich unser GOLDNUSS-PÄRCHEN nun bitten, uns mit ihrer wunderbaren, exotischen SIANOVE-SHOW zu erfreuen und mit heißen Rhythmen auf das Fest der Feste einzustimmen.
Sie alle, meine lieben Marktleiterinnen und Marktleiter, darf ich gleichzeitig zu einem Glas Sekt einladen und zum Genuß unserer vielfältigen SIANOVE-Produkte. – Vielen Dank für Ihre freundliche Aufmerksamkeit! ■

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rainer-wedler-glarean-magazin.jpgRainer Wedler

Geb. 1942, nach dem Abitur als Schiffsjunge in die Türkei, nach Algerien und Westafrika; Studium der Germanistik, Geschichte, Politik, Philosophie, Promotion über Burleys «Liber de vita», zahlreiche Lyrik-, Kurzprosa- und Roman-Veröffentlichungen

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Walter-Kempowski-Literaturpreis 2011

Posted in Ausschreibung, Literatur, Literatur-Ausschreibungen, Literaturwettbewerbe by Walter Eigenmann on 23. November 2010

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Kurzgeschichten zum Thema «Familie»

Erneut wird von der Hamburger Autorenvereinigung der Walter-Kempowski-Literaturpreis ausgeschrieben. Eingesandt werden können unveröffentlichte Kurzgeschichten in deutscher Sprache zum Thema «Familie». Der Umfang der Texte soll maximal fünf Normseiten (1’800 Zeichen inklusive Leerzeichen) betragen, wobei es sich um eine geschlossene literarische Erzählung handeln muss. Der Wettbewerb ist mit insgesamt 10’000 Euro dotiert. Einsende-Schluss ist am 28. Februar 2011, die weiteren Einzelheiten finden sich hier.

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Innerschweizer Literatur-Wettbewerb 2011

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Gesucht: Kurze Berggeschichten

Einen Literaturwettbewerb für Kurzprosa schreibt der Innerschweizer Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverein ISSV aus. Gesucht werden Berggeschichten, die eines der beiden folgenden Zitate im Zentrum haben: A) «An einem nebelgrauen, herbstlich kühlen Oktobertag sassen in einem abgelegenen Walde, wo kaum mehr ein Wanderer anzutreffen war, stattlich gewachsene, wohlhabende und angesehene Männer um ein Feuer herum.» (aus Meinrad Inglin: Das Riedauer Paradies); B) «Der graue, alte Berg spielt die Hauptrolle in seinem Leben. Er war sein Freund und Feind…» (aus Heinrich Federer: Pilatus). Einsende-Schluss ist am 28. Februar 2011, die weiteren Einzelheiten finden sich hier. ■

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Kurzprosa von Andreas Hutt

Posted in Andreas Hutt, Literatur, Neue Prosa by Walter Eigenmann on 8. November 2010

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Schwarze kommen nicht

Andreas Hutt

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Martin blickte nach draußen. Von den schweren Wolken des indischen Monsuns, die am Tag zuvor den Himmel verdunkelt hatten, war fast nichts mehr zu sehen. Nur eine einzelne schwarze Wolke stand noch wie eine Mahnung am Himmel, dass es mit der Idylle jederzeit vorbei sein könne. Schnell packte Martin ein Badetuch, Sonnenöl und einen Krimi in seine Jutetasche. Dann verließ er die Unterkunft und ging einen mit Steinplatten gepflasterten Weg entlang, an Palmen und eingeschossigen Häusern vorbei in Richtung Strand.
Nachdem er auf die Strandpromenade eingebogen war, sah Martin einen Touristen mit schulterlangem Haar, der einen blau gemusterten Wickelrock wie die Einheimischen trug. Der Mann schaute seltsam verklärt auf den Boden, blickte aber zu Martin auf, als der an ihm vorüberging. Martin musste wegen des Wickelrockes lachen und sagte «Hallo!» zu dem Unbekannten, der zuerst verwirrt, dann aber belustigt wirkte und den Gruß erwiderte. Dabei blitzten die Augen des Mannes auf.
Nach dem Frühstück legte sich Martin an den Strand. Der Fremde kam vorbei, erkannte ihn und hockte sich zu ihm hin. «Sieht so aus, als hättest du ’was für Genuss übrig», sagte er mit österreichischem Akzent.
«Klar, solange das Wetter noch so ist wie jetzt.»
«Ich bin übrigens Thomas.»
«Martin. Auch als Tourist hier?»
«Tourist?» Der Österreicher schüttelte den Kopf. «Das kann man so nicht sagen. Wir – also meine Frau, mein bester Freund und ich – wollen länger bleiben. Wir haben weiter oben am Hang ein Haus gemietet – für ein halbes Jahr und dann sehen wir weiter.» Während er redete, schweiften seine Augen immer wieder zum Strand ab und verweilten dort, als suche er etwas.
«Ihr seid also sozusagen Aussteiger!», meinte Martin.
«Na ja, Aussteiger ist zuviel gesagt», erwiderte Thomas. «Weißt du, wir kommen aus einer Kleinstadt in Kärnten. Wenn du da ein bisschen anders bist als die anderen, dann zerreißen sich die Leute das Maul über dich. Vor vier Monaten haben wir die Schnauze voll gehabt und sind abgehauen – mal sehen, wie lange es uns hier gefällt.»
«Wovon lebt ihr hier? Von euren Ersparnissen?»
Thomas verzog die Lippen zu einem maliziösen Lächeln. «Ich muss jetzt weiter. Ach ja, falls du Lust hast: Mein Kumpel und ich geben heute Abend eine Party. Du bist auch eingeladen! Wir können dich an der Strandpromenade abholen. Um acht Uhr am Leuchtturm?»
«O.k.», sagte Martin. Thomas erhob sich und setzte sich wieder in Bewegung. Als er schon einige Schritte gegangen war, wandte er sich noch einmal um: «Übrigens: Du brauchst keine Befürchtungen zu haben. Schwarze kommen nicht!» Er grinste. «Bis heute Abend!»
Martin starrte Thomas nach, bis dieser in der Ferne verschwunden war. Dann holte er seinen Krimi aus der Tasche, las den Klappentext, schlug das Buch aber nicht auf. Seine Gedanken kreisten noch immer um Thomas und seinen Satz: Schwarze kommen nicht.
Auch am Nachmittag zogen nur einige wenige Wolken über einen ansonsten lichtblauen Himmel. Martin ging nach einer Siesta erneut zum Meer, kramte seinen Krimi hervor und las. Als er von seiner Lektüre aufblickte, sah er, dass sich ein braungebrannter Mann mit schwarzem Haar neben ihn gelegt hatte.
Martin wollte schon zu lesen fortfahren, doch er schaute noch einmal zu seinem Nachbarn hinüber. «Heute Morgen ist mir was passiert», meinte er. «Ich bin einfach so von einem Wildfremden zu einer Party eingeladen worden.»
«Du auch?», lachte der Mann los. «Lass mich raten: Von Thomas und seinem Freund?»
Martin lächelte. «Sie scheinen halb Kovalam von ihrer Party erzählt zu haben.» Während er seinen Blick über den Strand wandern ließ, sah Martin in einiger Entfernung Thomas. Der Österreicher unterhielt sich gerade mit einem Pärchen, nickte, als er Martin erkannte, und setzte dann sein Gespräch fort – ohne später noch einmal bei ihm und seinem Nachbarn vorbeizuschauen.
Nachdem die Sonne untergegangen war, hatte fast jedes Lokal an der Strandpromenade seine Veranda mit einer Lichterkette beleuchtet. Die bunten Lampen vertrieben die Dunkelheit auf eine Art und Weise, die etwas Beruhigendes hatte. Martin genoss den Anblick auf einem Felsen, bevor er in einem Restaurant Platz nahm und eine Masala Dosa bestellte. Zufällig betrat auch Jochen das Lokal, den er vor einigen Tagen im Bus kennengelernt hatte. Jochen entdeckte Martin, winkte und setzte sich zu ihm an den Tisch.
Während des Essens bemerkte Jochen, dass er sich beeilen müsse, da er ja noch auf die Party wolle.
Martin war perplex: «Du bist auch eingeladen?»
«Du etwa auch?», fragte Jochen und kratzte sich am Kopf.
Als sie gegen acht am Leuchtturm standen, wehte vom Meer eine feuchtwarme, fischige Brise herüber. Martin steckte die Hände in die Hosentasche und betrachtete das Meer. «Irgendwie riecht hier alles verdorben?», dachte er sich.
Jochen nahm ihn beiseite: «Sag mal, hat Thomas auch so etwas zu dir gesagt, dass keine Schwarzen zur Party kämen?» Martin nickte und Jochen zog die Augenbrauen nach oben. Der Strandnachbar vom Nachmittag erschien und kurz darauf kam auch Thomas aus dem Dunkel der Nacht. Er trug noch immer den Wickelrock vom Vormittag und hatte sich zusätzlich ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift «Liberty» übergestreift. «Ah, schön, ihr habt euch schon miteinander bekannt gemacht», meinte er in seinem schwerfälligen, österreichischen Akzent. «Mir nach!»
Thomas ging allein vorneweg, die anderen folgten ihm. Zuerst ließen sie auf einem Weg, der zwischen zwei Restaurants entlangführte, die Strandpromenade mit ihren Lichtern hinter sich. Danach liefen sie weiter auf Schotterstraßen zwischen einzelnen Hotels, Pensionen und Privatunterkünften einen Berg hinauf. Kein Mensch begegnete ihnen. Dieser Teil des Ortes war wie ausgestorben. Nach einer Weile hörten sie Dancefloormusik. «Das sind wir», bemerkte Thomas. «Wir sind gleich da.»
Sie bogen auf einen Pfad ein, der sie zu einer Art Motel brachte. Vor den Apartments standen ein weißer Plastiktisch und Stühle, auf denen ein Mann und eine Frau saßen. Zwei Jungen spielten auf dem Sandplatz davor zu den Klängen von Scooter.
Die Frau erhob sich und ging auf die Gäste zu. Sie hatte ihr blondes Haar zu einem Zopf zusammengebunden. «I bin die Uschi», sagte sie. «Un des is der Manfred.» Der Mann stand auf, so dass man sehen konnte, wie groß und dünn er war, und schüttelte jedem der Gäste die Hand. Als Kontrast zu seinen Jeans und dem T-Shirt hatte er sich eine bestickte indische Kappe auf den Kopf gesetzt.
«Raucht ihr?», fragte Manfred, griff in seine Hemdtasche und holte Tabak, Blättchen und ein braunes Tütchen hervor. «Falls ihr etwas braucht, dann könnt ihr es von uns bekommen. Wir verkaufen das Zeug – auch tagsüber am Strand.»
Während Manfred seinen Joint baute, erzählte er seinen Gästen, dass er und sein Freund vor vier Monaten ihre Stellen gekündigt hatten, nach Bombay geflogen waren und dort jedem, der ihnen über den Weg gelaufen war, ein Foto von Kovalam unter die Nase gehalten hatten. «Dort wollen wir hin! War nicht leicht, das Dorf zu finden. Aber jetzt sind wir tatsächlich hier!»
«Sagt mal», meinte Jochen, «ladet ihr häufiger Leute vom Strand ein?» Er biss sich auf die Unterlippe. «Nicht, dass ihr mich jetzt falsch versteht…»
«Schon gut!», fiel ihm Manfred ins Wort. «Weißt du, unser Geschäft lebt von unseren Kontakten. Je mehr Leute uns kennen – je mehr Leute wissen, dass sie bei uns `was kriegen können, desto besser. Da laden wir gern `mal jemanden zu uns nach Hause ein, wenn der dann vielleicht bei uns kauft.»
Manfred befeuchtete das Blättchen. «Im Augenblick läuft alles bestens!», fügte er hinzu. «Wir können machen, was wir wollen. Das Geschäft brummt. Uns geht es gut!» Dann blickte er zur Seite und spuckte auf den Boden. «Das einzige, was nervt, sind die Schwarzen! Zum Glück haben wir nur ab und zu geschäftlich mit denen zu tun.»
Niemand erwiderte etwas, während Manfred die Arbeit an seinem Joint beendete. Martin nutzte die Gesprächspause, um sich das Motel näher anzusehen. Die Wände der Häuser waren rot und die Fenster mit weißen Läden verschlossen, was der Anlage eher ein skandinavisches als ein indisches Flair gab. Uschi sagte: «Ich auch!» und Manfred gab den Tabak, die Blättchen und das Marihuana an sie weiter.
Die Leere des Schweigens wurde durch die Musik übertönt. Dann ergriff Manfred erneut das Wort: «Möchtet ihr vielleicht einen Tee?» Ohne eine Antwort seiner Gäste abzuwarten, rief er: «Mira, wir haben Gäste. Mach uns einen Tee!» in die Nacht hinaus. Aus dem Schatten eines Hauses löste sich eine Frauengestalt. Sie verschwand in einem der Apartments, und obwohl Martin sie nur für einen Augenblick gesehen hatte, konnte er erkennen, dass es sich um eine Einheimische handelte.
«Meine Frau», erklärte Manfred, als er Martins fragenden Blick bemerkte, «wir sind seit zweieinhalb Monaten verheiratet.» Er zündete sich den Joint an und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
«Aha! Schwarze kommen also nicht!», sagte Martin, bevor er von seinem Platz aufstand und in der indischen Nacht verschwand. ■

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Andreas Hutt

Geb. 1967 in Kassel/D, Lehramtsstudium (Mathematik und Deutsch), Lyrik- und Kurzprosa-Publikationen in Zeitschriften und Anthologien, verschiedene Theaterprojekte, Rezensionen für Literatur-Portale, lebt als Gymnasiallehrer in Marburg/D

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Erotik-Literatur-Wettbewerb «Erophil»

Posted in Erotik, Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 4. November 2010

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Gesucht: Erotische Prosa

Im Rahmen der Bestrebungen, «das Genre der Erotischen Literatur aus seiner Nische zu befreien und einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen», organisiert der deutsche Verein «Freunde der erotischen Literatur» Lesungen, Filmvorführungen und Diskussionsveranstaltungen sowie sein jährlich stattfindendes Festival «Erophil». Unter den Aktivitäten ist auch ein Literatur-Wettbewerb, zu dem unveröffentlichte erotische Prosa in deutscher Sprache eingereicht werden. Einsende-Schluss ist am 31. März 2011, die weiteren Details finden sich hier. ■

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Bernhard Strobel: «Nichts, nichts»

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Die karge Welt der Verlierer

Günter Nawe

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Schnörkellos, beinahe minimalistisch lesen sich die Geschichten des Bernhard Strobel. Und sind gerade deshalb sehr intensiv und nachhaltig. Der junge Skandinavist aus Wien, Jahrgang 1982, hat bereits mit seinem ersten Erzählband «Sackgasse» auf sich aufmerksam gemacht – und bestätigt das positive Urteil der Kritik mit dem jetzt vorliegenden Band «Nichts, nichts».

Strobel beherrscht die Kunst des Weglassens, sodass am Ende nur noch das Wesentliche bleibt. Schließlich geht es in seinen durchweg kurzen Erzählungen um Menschen, denen ohnehin nicht mehr viel geblieben ist als Obdachlosigkeit, Sprachlosigkeit und Lebenstristesse. Seine Figuren sind Außenseiter, die sich am Rande der Gesellschaft «eingerichtet» haben und auch daraus noch vertrieben werden – ins Nichts.
So in der Titelerzählung «Nichts, nichts». Es ist eine Momentaufnahme zweier Menschen, die sich nichts zu sagen haben, die Fragen haben und keine Antworten. Ein kleiner «Dialog» zwischen Markus und Lara mag das belegen:
«’Was war denn mit dir los?’ fragt sie. ‚Weiß nicht’, sagt er. Nach einer längeren Pause sagt sie: ‚Willst du darüber reden?’  ‚Es kommt ja sowieso nichts dabei raus.’»…
So geht es weiter bis zur ultimativen Aussage «Nichts, nichts». Der Leser weiß nicht, worüber sie überhaupt hätten reden sollen. Es ist alles gesagt, da es nichts zu sagen gibt.

Bernhard Strobel

Bernhard Strobels Figuren befinden sich – und das ist sarkastisch gemeint – durchweg «in guter Gesellschaft» – dies auch der Titel einer weiteren Erzählung. Es ist Weihnachten, als der Ich-Erzähler konstatiert: «Ich will nicht behaupten, dass ich es satt habe, zu leben; aber die Vorstellung, sozusagen meine letzte große Feierlichkeit zu begehen, erfüllte mich in den vergangenene Tagen  immer häufiger mit einem Gefühl großer Wärme und Zufriedenheit.» Einundachtzig ist er, drei Scheidung hat er hinter sich, einen Wohnungsbrand verursacht und zwei Töchter, bei denen er wechselweise Wehnachten verbracht hat. Dann aber bekommt die Geschichte einen ganz anderen Drive.
So also gibt es Erzählungen mit einem guten Ende und Geschichten mit einem bösen Ende. Und alle bleiben irgendwie unvollendet, sodass der Leser sie weiterdenken kann oder muss.

Der österreichische Autor Bernhard Strobel hat in seinem neuen Prosaband «Nichts, nichts» Erzählungen vorgelegt, die von außerordentlicher Kunstfertigkeit sind, wie wir sie heute in der Literatur nur noch ganz selten finden.

Strobel schildert lakonisch die karge Welt der Verlierer. Manchmal wütend und dann wieder voller grimmiger Komik. «Du machst es einem nicht gerade leicht», ist einer der Sätze, die Strobel nicht nur zu einer Figur sagt. Auch der Leser könnte diesen Satz sagen. Nein, leicht macht es Strobel, machen es seine Protagonisten dem Leser nicht. Das ist aber auch letztlich nicht Aufgabe von Literatur.
Dieser Erzählband nimmt den Leser mit  in eine Welt der Verzweifelten, der Verweigerer, in eine Welt derer, die in ihr keinen Sinn mehr sehen. Und meist «geschieht» dann bei der Lektüre auch mit dem Leser etwas. Etwas, was ihn berührt, was ihn lehrt zu verstehen. Strobels Erzählungen sind zudem von einer Kunstfertigkeit, wie wir sie heute kaum noch zu lesen bekommen – und deshalb außergewöhnlich.
Bernhard Strobel ist also ein großartiger Erzähler, der sich Zeit lässt mit dem, was er zu sagen, zu erzählen hat. Umso wertvoller ist das Ergebnis. Und umso höher sind die Erwartungen an das nächste Buch. Es soll ein Roman werden… ■

Bernhard Strobel: Nichts, nichts – Erzählungen, 116 Seiten, Literaturverlag Droschl, ISBN 978-3-85420-766-5

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Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendbücher

Posted in Ausschreibung, Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 27. Oktober 2010

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Kinder zur Toleranz und Gewaltfreiheit ermutigen

Die nordrhein-westfälische Landeszentrale für politische Bildung schreibt auch für 2011 ihren jährlichen Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendbücher aus. Damit sollen Bücher ausgezeichnet werden, «die Kinder und Jugendliche ermutigen, sich für Zivilcourage und Toleranz, für Menschenrechte und für gewaltfreie Formen der Konfliktlösung einzusetzen.» Der Preis ist mit 7’500 Euro dotiert und wird in den Literatur-Sparten Kinderbücher, Jugendbücher, Kindersachbücher, Jugendsachbücher und Bilderbücher vergeben. Zum Wettbewerb zugelassen sind Bücher, die in der Zeit vom 01. Januar 2010 bis zum 31. Dezember 2010 erstmalig in deutscher Sprache erschienen sind. Vorschlagsberechtigt sind Verlage, Autoren und Autorinnen sowie deren Verbände. Einsende-Schluss ist am 31. Dezember 2010, die weiteren Einzelheiten finden sich hier. ■

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Literatur-Wettbewerb «Nordost» 2010

Posted in Ausschreibung, Literatur, Literatur-Ausschreibungen, Literaturwettbewerbe by Walter Eigenmann on 21. Oktober 2010

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Texte aller Gattungen zum Thema «Zwischen den Stühlen»

Unter dem Motto «Zwischen den Stühlen» laden die «Freien Lektoren Obst&Ohlerich» sowie das Berliner Lektoratsbüro «Wortliebe» zu ihrem 4. Literatur-Wettbewerb «Nordost» ein. Gesucht werden unveröffentlichte Texte aller Gattungen mit einer maximalen Länge von 15’000 Zeichen. Die besten Arbeiten werden prämiert und online publik gemacht. Einsende-Schluss ist am 15. November 2010, die weiteren Details finden sich hier. ■

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Wiener Werkstattpreis für Literatur 2010

Posted in Literatur, Literatur-Ausschreibungen, Literaturwettbewerbe by Walter Eigenmann on 5. Oktober 2010

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Neue Lyrik und Prosa zum Thema «Über:Gänge»

Das Österreichische Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, das Kulturamt der Stadt Wien sowie der FZA Verlag schreiben einen Wiener Werkstattpreis für Literatur 2010 aus. Eingesandt werden können Kurzgeschichten und Gedichte zum «Über:Gänge». Hinsichtlich Alter und Nationalität bestehen keine Teilnahme-Einschränkungen, jedoch ist die deutsche Sprache Voraussetzung. Der Preis gliedert sich in einen Hauptpreis (fza werkstattpreis), der von einer dreiköpfigen Jury unter dem Vorsitz von Peter Schaden bestimmt wird, sowie einen Publikumspreis (Wordshop – Werkstattpreis); das Preisgeld beläuft sich auf insgesamt 1’900 Euro. Einsende-Schluss ist am 30. November 2010, die weiteren Einzelheiten finden sich hier. ■

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Kurzprosa von Paula Küng

Posted in Literatur, Neue Prosa, Paula Küng, Prosa, Schweizer Literatur by Walter Eigenmann on 24. September 2010

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Vier verlorene Tage – oder Paris pour toujours

Paula Küng

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Eigentlich war’s aus und fertig. Sie wusste es. Dennoch hatte sie sich entschlossen, nach Paris zu fahren. Jetzt war sie da. Aber er hatte keine Zeit für sie. Das alte Lied! Aber es war doch der drittletzte Tag des Jahres, und sie wollte unbedingt Sylvester in Paris verbringen! Von der Schule wusste sie: Champagner auf der Strasse, Umarmungen und Küsschen von Wildfremden. Alles viel lustiger als zu Hause in der braven Schweiz. Waren sie nicht letztes Jahr auf einem Acker zwischen Biel und Benken mit dem Auto stecken geblieben? Bitte, keine Wiederholung von Sylvester mit ihrem kleinen Bruder und seinen Studienkollegen!
In Paris konnte sie in der Wohnung von Freunden übernachten. Sie befand sich im Quartier Latin, an der Rue Monge mit der sinnigen Hausnummer 101; es war eine Parterrewohnung, kalt, dunkel, muffig. Der Kühlschrank lief nicht, aber das spielte jetzt im Winter keine Rolle. Sie brauchte nichts zu bezahlen, das war das Entscheidende. Vier Tage in Paris! Sie war mit dem Nachtzug in der Gare de l’Est angekommen, und sie würde auch wieder mit dem Nachtzug nach Basel über die Grenze zurückkehren, im neuen Jahr.
Endlich erreicht sie Finn am Telefon in der Botschaft, wo er als Laufbursche arbeitet, um sich sein Studium zu finanzieren. Sie treffen sich an der Métrostation Place Saint-Placide, in der Nähe seines Zimmers. Später trinken sie einen Espresso in der Bar eines Auvergnat. Die Wirtin ist nett. Anderntags geht sie in das gleiche russige Lokal, trinkt einen Espresso und denkt an ihren Freund. In der Küche nebenan hört sie die geile Lache der Wirtin, während sie sich mit dem Wirt und mit Gästen unterhält. Sicher machen sie Witze über sie und ihren Freund, wie sie auf der Bank geschmust haben. Es war ein Fehler gewesen zurückzukommen.
An Sylvester wird sie sich mit Finn zum gemeinsamen Mittagessen treffen. Der Bullier ist offen: Es ist das Restaurant universitaire an der Rue de l’Observatoire. Ganz in der Nähe, am Boul’ Mich’, befindet sich das Foyer international pour jeunes filles. Dort, in der Eingangshalle, wartet sie auf ihren Freund. Der Portier hat sie hereingelassen, fragt nach ihren Wünschen. Sie möchte hier warten. Sie setzt sich auf eine Bank, später legt sie die Beine hoch, legt sich hin. Es ist kalt. Plötzlich steht der Wächter vor ihr und fragt, ob es ihr schlecht sei. Nein, nein, sie sei nur müde. Sie entschuldigt sich, setzt sich kerzengerade auf das Bänklein. Endlich kommt Finn. Er trägt seinen grünen Mantel, den Kragen hochgeschlagen. Im Restau U gibt es eine weihnachtliche Bûche zum Dessert. Sie freut sich, Finn zu sehen, und ist ganz zufrieden. Aber mit dem Sylvesterabend ist nichts. Der Botschafter hat eingeladen, wie sollte er sie vorstellen? Die Angehörigen der Botschaft sind dort, es wird über Afrika und über Politik gesprochen. Sie ist eine Weiße.
Am Abend ging sie wieder zur Eglise Saint-Placide. Sie verbrachte den Abend in einem modernen Lokal mit verspiegelten Wänden und großen, breiten Bänken, die mit grünem Plastik über dicken Kunststoffpolstern bezogen waren. Der Plastik zeigte bereits Risse. Das Lokal war eines jener, die so sehr das typische Pariser Café verkörpern. Dazu die grünen Tassen in verschiedenen Grössen, mit oder ohne Zierrand. Um Mitternacht war es, wie sie es von der Schule her wusste: Champagner auf der Strasse, Umarmungen und Küsschen von Wildfremden. Prosit Neujahr. Ihren Freund würde sie am nächsten Abend an der Gare de l’Est wiedersehen. Ihr Zug fuhr um 22.22 Uhr. Es blieb noch Zeit, zusammen einen Grand crème zu trinken, sich zu umarmen, sich zu verabschieden, sich Treue zu schwören und einander das letzte Geld zuzustecken. Das neue Jahr würde zeigen, was es brachte. Ach, es lag noch so viel Zeit vor ihnen! Ach, es war noch nicht aus und fertig. Ihre erste Liebe ließ sich doch nicht an Sylvester begraben, vier Tage in Paris ließen die alte Leidenschaft aufleben, es waren vier gewonnene Tage.
Eine Liebe ließ sich sehr wohl an Sylvester begraben, wusste sie genau zehn Jahre später. Aber das ist eine andere Geschichte. ■

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Paula Küng

Geb. 1944 in Budapest/H, Studium der Romanistik, Germanistik und Geschichte in Basel und Paris, Dr. phil., Prosa-Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, wissenschaftliche Buch-Publikationen, lebt in Reinach/CH

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Prosa-Wettbewerb zum Thema «Tor»

Posted in Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 22. September 2010

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Der Putlitzer Kurzprosa-Preis 2011

Putlitzer Literaturwettbewerb 2010Auch in diesem Jahr wird vom Literatur-Portal «42er Autoren» der internationale «Putlitzer Preis» ausgeschrieben. Das Thema des Wettbewerbs 2011 lautet «Tor». Teilnahmeberechtigt sind alle Autoren, Profis wie ambitionierte Nachwuchsschriftsteller, die in deutscher Sprache schreiben. Einzureichen sind Kurzprosa-Manuskripte mit maximal 1’000 Wörtern. Einsende-Schluss ist am 15. Oktober 2010, die weiteren Details finden sich hier.

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Schreibwettbewerb für Kurzprosa und Lyrik

Posted in Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 10. September 2010

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«Sei jemand, der du nicht bist»

Zum fünften Mal schreibt das deutsche Reise-Portal «Literarisch-Reisen» seinen Literatur-Wettbewerb aus. Diesmal lautet das Thema «Sei jemand, der du nicht bist». Eingereicht werden können eine Kurzgeschichte bzw. ein Gedicht pro AutorIn. Die zwei «literarisch interessantesten» Beiträge werden mit je 100 Euro prämiert. Einsende-Schluss ist am 31. Oktober 2010, die weiteren Details hier. ■

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Kurzprosa von Heidemarie Markhardt

Posted in Heidemarie Markhardt, Literatur, Neue Prosa by Walter Eigenmann on 10. August 2010

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Amerika ist weit weg

Heidemarie Markhardt

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Mit dem Zug wollte ich 1982 nach Italien und dort bleiben, für immer die Sehnsucht nach Süden stillen. Noch vor Villach wird meiner Freundin die Handtasche geraubt. Das ganze Geld ist weg, der Pass wird im Klo gefunden. Wir ahnen, wer der Räuber war. Lange stand er vor unserem Abteil, bevor wir einschliefen. In Udine steigen wir aus, und er mit uns. Er nähert sich uns freundlich auf dem Bahnsteig und lädt uns zum Essen in der Bahnhofstrattoria ein. Da wir ab jetzt nur mehr von meinem Geld zehren werden, nehmen wir dankend an. Er erzählt uns von seiner komplizierten Existenz in Jugoslawien. Auch eine Art der Entschuldigung.
In Venedig laufen wir in schmalen Gassen den Katzen hinterher und kaufen gestreifte T-Shirts mit der Aufschrift «Venezia». In einer verträumt-verschrobenen Buchhandlung auf einer namenlosen Piazza finde ich ein von einer venezianischen Contessa im Selbstverlag herausgegebenes Buch mit Texten und Aquarellen über in den Kanälen lebenden Nixen. Am Abend, als die Stadt sich in rosa Dunst hüllt, flüstert mir ein Mann zu, dass überall der Teufel lauert.
Wir nehmen den Nachtzug nach Rom. Irgendwo auf der Strecke bleiben wir mit einem Ruck stehen. Sciopero! Es wird immer heißer im Abteil, in das acht Personen und jede Menge Koffer und Bündel gepfercht wurden. Jemand beginnt, ein Lied von Lucio Dalla zu singen. Ein anderer Mitreisender schneidet uns mit dem Taschenmesser Scheiben vom mitgebrachten Brot. Mortadella und Käse. Wein und Wasser. Der Zug fährt wieder ein Stück, bleibt wieder stehen. Reden, essen, singen – und manche schlafen. Dazwischen regt man sich lautstark und wort- und gestenreich über den leidigen Streik auf.

Dann, endlich in Rom, werfe ich Münzen in den berühmten Brunnen und wünsche mir ein Appartement mit Dachgarten auf der Piazza Navona – der heißgeliebten Piazza Navona – oder dass zumindest das Geld bis Sizilien reicht. In unseren Venezia-T-Shirts schlendern wir die Via Condotti entlang und tun so, als wären wir reich. Schön sind wir sowieso. Cerrutti, Armani und Versace. Guarda le scarpe! Cappucino im Café Greco, eine gute Investition. Schöne dekadente Menschen, und einer, der uns fragt: Mögt Ihr Caravaggio? Eine unscheinbare Kirche in einem Gässchen wird eigens für uns aufgesperrt. Ein dunkles Bild in einer dunklen Kirche. Die Augen des Gekreuzigten sind offen und folgen uns, bis wir wieder draußen sind.

In Wien gab uns ein sardinischer Busfahrer eine Adresse einer römischen Jobvermittlungsagentur. Sie führt uns in einen noblen Stadtpalast. Nachdem wir die edle Messingklingel bei der angegebenen Nummer gedrückt haben, öffnet sich Tür für Tür. Türschilder gibt es keine. Gelackte Menschen empfangen uns, freuen sich, dass uns der Sarde schickt. Sie rufen ihn auch gleich an, ob er uns wirklich kennt. Er scheint das am Telefon zu bestätigen. Sie taxieren uns, wirken interessiert. Kein Lebenslauf, kein Zeugnis ist von Interesse. Es genüge ja, dass wir uns auf Italienisch unterhalten können. Wir sollen am nächsten Tag wiederkommen, man würde uns eine Adresse einer Pension in Amalfi geben, wo wir dann sofort anfangen können. Wir bedanken uns und kehren nie wieder – wohl wissend, dass auch in Italien Jobvermittlungsagenturen nicht in barock möblierten Palazzi residieren.

Nach ein paar Tagen treibt es uns schon wieder weiter südlich. Die Waggone sind alt, vergammelt und noch viel unbequemer als nördlich von Rom. Immerhin zieren vergilbte Italien-Ansichten in Blechrahmen die überquellenden Abteile. In Neapel empfangen uns die ambulanten Händler am Bahnhof mit lautem panini-giornali-panini-Geschrei. Der kleine Mann in der Touristeninformation am Bahnhof vermittelt uns ein Zimmer bei seinem Cousin Marco. Wir nehmen einen Bus, der sich durch das Verkehrsinferno an den Stadtrand quält. «Jesus beschütze uns» steht auf den Klebern an den Heckscheiben der Autos. Betonsilos, ein Barackenghetto hinter einem Zaun, wo man Erdbebenopfer untergebracht hat. Gleich daneben ein schriller Vergnügungspark. Wir fragen uns durch nach Marcos Unterkunft. Völlig übermüdet schleppen wir uns zu einem mitten im Niemandsland isoliert stehenden Häuschen. Der Mann hat eine Augenklappe, und verlangt das Geld im voraus. Vor unserem Fenster liegen vom Unkraut überwucherte Eisenbahnschienen. In der Nacht schieben wir den Kasten vor die Tür.

Am nächsten Tag stehen wir auf der Landstraße und warten, dass irgendwann der Bus ins Zentrum vorbeikommt. Wenn man Glück hat, ist er nicht voll und nimmt einem mit, sagte uns Marco. Die Altstadt Napolis gleicht einem abgewohnten Wohnzimmer. Essensgerüche, Fetzen familiärer Konversation, Babygeschrei und Opernarien, Kanarienvögel in Käfigen und Spitzendeckchen auf den Waschmaschinen. Fernseher gibt es überall. Wäsche, selbst die intimste, tropft von Balkon zu Balkon und über die Gassen. Da ist auch ein Transparent: Maradona il tuo arrivo é giá una vittoria!  Ballspielende Kinder, aufdringliche Männer, mit bunten Glühbirnen beleuchtete Madonnen in Mauernischen. An all dem ziehen wir fasziniert vorbei. Die Kirchen mit den in den Reiseführern angepriesenen Kunstschätzen sind geschlossen. Ein Japaner mit ängstlichem Blick hat sich verirrt. Wir können ihm nicht helfen. Wir wissen nur, das ist Neapel. Eine Hure sagt uns, dass wir hier lieber nicht spazieren gehen sollten. Mit einem autoritären Via di qua! verscheucht sie uns.

Ich probiere ein dünnes Kleidchen in einem Kaufhaus, als ich es wieder ausziehe, reisst der Verkäufer den Vorhang der Umkleidekabine auf und preist meinen Körper, als wäre ich ein Stück frisch gefangener Fisch auf einem Marktstand.

Das Meer lockt, und wir nehmen das Boot nach Capri, wo wir unter dramatischen Wolkenformationen und im warmen Regen spazieren gehen. Fischer laden uns zum Grappa ein. Eine neugierige Gruppe von Schülern nimmt uns ein Stück des Weges in einem blau-weißem Oldtimer mit. Ich denke, dass ich irgendwann auf dem Hauptplatz von Capri Silvester feiern will. Dann in Ischia beschließe ich, ein Bild mit einem bestimmten Meerblick zu malen.

Wieder in Neapel stolpere ich über ein mit Zeitungspapier zugedecktes Kind. In der Nacht schlafen hier viele in den Straßen, unter den Sternen. «Lenzuolo bianche per coprirci non he ho», heißt es in einem Lied. Die Armut im Mezzogiorno tut weh.

Wir wollen nach Sizilien. Als wir mit unseren Rucksäcken am Bahnhof stehen, nehmen uns zwei Männer mit den Augen in Besitz. Wir zwängen uns in den Waggon zweiter Klasse. Der Schaffner kommt und deutet uns, ihm zu folgen. Über in den Gängen sitzende und liegende Menschen steigend, geleitet er uns in den Postwaggon, wo Eisenbahner zwischen Säcken und Kartons Karten spielen. Ich habe Angst, denke, dass ich hier gefesselt und gekidnappt werde. Er führt uns weiter in den letzten Waggon des Zuges, wo plötzlich alle Abteile leer sind. Im Geisterwaggon sitzen nur die beiden Männer vom Bahnsteig. Der Schaffner verschwindet mit den Worten, dass wir es hier bequemer haben. Der alte schaut ernst und der junge flirtet. Meine Freundin spielt die Naive und beeindruckt die beiden mit ihrem Italienisch. Man darf die Männer nicht verärgern, sie scheinen gewohnt zu sein, dass man ihre Wünsche erfüllt. So zeigen wir uns freundlich, dümmlich und mit unerschöpflichem Interesse für Sizilien. Man wird uns bella Sicilia zeigen, wir werden dort leben wie Göttinnen. Wir zeigen uns erfreut, und stellen die nächste nervige Frage. Nur einschlafen dürfen wir nicht. Die Jugendstillämpchen brennen und beleuchten kitschige Landschaftsbilder über den Kopfstützen. Ohne es irgendwie abgesprochen zu haben, wissen wir was zu tun ist. In der Früh, als die Männer endlich dösen und der Zug in Cefalú hält, schnappen wir die Rucksäcke und springen hinaus. Die Männer öffnen das Fenster und schreien, dass wir zu früh ausgestiegen sind. Der Schaffner rennt uns nach und reicht uns die Adresse einer Villa in Catania.

Wir sind frei und wollen Pasta essen. Das Mädchen, das uns das Essen serviert ist schön und hat vor Drogen glänzende Augen. Wir fragen in der Touristeninformation nach einer Pension, und man vermittelt ein Appartement mit drei Zimmern in einem Haus aus Stein. Am Strand treffen wir zwei Elsässer, auf der Straße zum Hauptplatz einen arbeitslosen Maurer, den uns schon bekannten Leiter des örtlichen Tourismusamtes und einen gitarrespielenden Heimkehrer, der in Norwegen verheiratet ist. Am Abend kochen wir alle gemeinsam Nudeln mit Pilzen und unterhalten uns auf deutsch, französisch und sizilianisch. Wir entdecken, dass wir alle etwas suchen. Das Glück und Abenteuer in Sizilien und das Glück und Abenteuer in Amerika. Ma l’America è lontana.
Am nächsten Tag wollen wir nach Palermo und die mumifizierten Leichen im Kapuzinerkloster sehen. Aber in Palermo angekommen, laufen wir in unseren bequemen weißen Plastik-Badeschuhen zunächst zum Markt, wo wir die blutigen Riesenschwertfische bewundern. Ich spüre Blicke und sehe einen Mann mit Wasserkopf aus dem Fenster starren. Die Händler preisen ihre Waren im Singsang an, doch es klingt nach in die Welt geschrieenen Klagen. Den Stimmen, Augen, Händen und Gerüchen entkommen, stehe ich auf der Kreuzung vor dem großen Dom. Zu Boden fallend, begreife ich, dass mir die Handtasche gestohlen wurde. Ich springe auf und renne dem Motorrad mit zwei Jünglingen hinterher. Aber natürlich ist das sinnlos. Die Leute rundherum tun so als wäre gar nichts passiert. Niemand hält sie auf, hat etwas gesehen oder gar einen Räuber erkannt. Auf der Questura werde ich über die Umstände des Raubes und die Gründe meines Italienaufenthalts verhört. Ein ganz normaler strappo della borsa also. Ich erhalte ein «Bahnticket für Mittellose zur Rückführung in die Heimat». ■

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Heidemarie Markhardt

Geb. 1961 in Wien, Übersetzerstudium in den Sprachen Englisch und Spanisch, Sprachwissenschaftliches Studium, Promotion, seit 1994 freiberufliche Übersetzerin (Deutsch, Englisch, Spanisch) sowie Forschungs- und Vortragstätigkeit, daneben kontinuierliche Beschäftigung mit verschiedenen Formen künstlerischen Ausdrucks (literarische Texte, Malerei, Tonskulptur)

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Alexandra Lavizzari: «Flucht aus dem Irisgarten»

Posted in Alexandra Lavizzari, Buch-Rezension, Karin Afshar, Literatur, Rezensionen by Walter Eigenmann on 30. Juli 2010

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…und träumte sich die Seele wund

Karin Afshar

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Das Hardcoverbuch mit den elf Erzählungen ist in diesem Jahr erschienen, edel sieht es aus – die beiden grazilen Irisblüten am rechten Rand erwecken den Eindruck, als wollten sie sich aus dem Blickfeld stehlen, flüchtig und nicht von dieser Welt.
Alexandra Lavizzari (*1953 in Basel) ist eine Schweizer Schriftstellerin und Literaturkritikerin. Aus dem Klappentext erfährt man, dass sie in Rom lebt, verheiratet ist und drei Kinder hat; früher hat sie in Nepal, Pakistan und Thailand gelebt.
Die Erzählungen zwischen den Buchdeckeln spielen in der heutigen Zeit. Ihre Sprache ist leicht, was nicht heißt, dass die Sätze einfach aneinandergereihte Aussagesätze wären. Manche muss ich mehrmals lesen, um sie zu verstehen, denn sie sind lang, verschachtelt. Aber das tue ich gerne – sie schmecken beim zweiten Hinlesen noch besser, bekommen eine je eigene Melodie.

Lavizzari entwirft zunächst einen realistischen Hintergrund, vor dem sie dann die Geschehnisse entrollt. Es geht um Frauen, Männer, Kinder, die sich in der eigenen Haut nicht wohl fühlen, die nirgends, vor allem nicht im Familienkreis, heimisch sind. Es sind Entwurzelte in Basel oder im Tessin, in Schweden oder Süditalien: der jeweilige Ort – ganz bestimmt nicht zufällig gewählt – ist die Bühne, auf der sich die unbehagliche Entfremdung im Alltag der Figuren abspielt. Flucht ist ihr Motiv, einmal als blinde, unbewusste Sehnsucht nach dem Anderswo, ein andermal aus Angst, in einer Identität, die nicht als die eigene anerkannt wird, erstarren zu müssen. Es geht um das Loslassen alter Verletzungen, um die Weigerung, zu vergessen (weil z.B. Vergessen Verrat sein könnte), es geht um das Einfrieren in Gewesenem, weil man dem Leben nicht traut, um das Nachgeben einer Begierde gegenüber und den Preis, den man dafür bezahlen muss.
Jenseits der Schleusen ins Unterbewusste greifen die Worte und Bilder der Hier-Welt nicht mehr. Dafür braucht es «andere» Bilder – eben übernatürliche. Es gelingt Alexandra Lavizzari in jeder Geschichte, im Leser die Verbindung zu archetypischen menschlichen Geschichten herzustellen, ohne die profanen Bezeichnungen der Welt zu benutzen. Sie tut es detailreich, aber nie aufdringlich.

In der ersten Geschichte – «Schwimmen» – ist es ein Buch, in das sich die von ihrem Mann ‘Forelle’ genannte Else in ihrer Sehnsucht nach dem Meer versenkt. Der erste Satz in diesem Buch, den wir am Ende der Geschichte erfahren, setzt auch schon gleich eine erste Wegemarke durch das vorliegende Buch: Wasser.

Alexandra Lavizzari

Wasser ist das Ursymbol des Lebens und lebensspendendes Elixier. Es steht für Schöpfung, Geborgenheit, Reinheit, Heilung und stellt die Verbindung zu etwas Göttlichem dar. Ohne Wasser ist Leben auf dieser Erde nicht vorstellbar. Wasser, Meer, Schnee, Wasserfall, See – diese Bilder ziehen sich durch mehrere der Geschichten – und sie führen allesamt in die Vergangenheit der Protagonisten, in der etwas begraben und versunken liegt. Das ist schlüssig, hat Wasser doch auch mit dem Unbewussten, dem vor der Zeit und dem nicht in der Zeit Liegenden zu tun.

Die Geschichte «Flucht aus dem Irisgarten», der das Buch den Titel verdankt, hat vordergründig nichts mit «Wasser» zu tun, dafür mit einer weiteren Allegorie:  Der Garten ist die Wohnung der Seelen, der Gärtner selbst ist der Schöpfer des Lebens und in einem Garten bilden Menschen das Paradies nach. Doch lesen Sie selbst, was Alexandra Lavizzari mit den Bildern zaubert.
Sie zeigt auf diesen fünf knappen Seiten das Können einer Schriftstellerin, die mit Sprache malt und umsichtig und klug genau das ungesagt lässt, was der Leser in sich selbst finden muss. Diese Erzählung ist m.E. die bildhafteste von allen.

In der Erzählung «In ihren Armen» ist es ein Umschlag mit Samen, der der Erzählerin überreicht wird. Nun werden wir in eine Geschichte geführt, an deren Ende eine aus eben diesem Samen hervorgegangene Zimmerpflanze in rasend schnellem Wachstum ein alterndes Ehepaar umschlingt und erwürgt. Auch hier  das Bild des zur Pflanze werdenden Menschen, des von der Pflanze verschlungenen Menschen. Die Figuren der Geschichte sind auf schicksalhafte und unlösbare Art miteinander verbunden. Die Geschichte liest sich nicht ganz so flüssig, aber das mag daran liegen, dass – obwohl die gleiche Sprache – das Schweizerische Ausdrücke kennt, die dem Deutschland-Deutschen fremd sind.

Die schaurig-spannenden Erzählungen in Alexandra Lavizzaris «Flucht aus dem Irisgarten» haben mich nicht losgelassen, bis ich das Buch ausgelesen hatte. Der Versuch, es aus der Hand zu legen, scheiterte, aber als ich schließlich doch die letzte Zeile gelesen hatte, war mir, als stünde da: «Ich bin das Meer». (Dr. Karin Afshar)

In «Spiegelspiel» geht es um einen Schlüssel, von dem der Leser bald ahnt, dass er zum Zimmer des jüngeren Sohnes gehört, der acht Jahre zuvor Selbstmord begangen hat. Schlüssel wie auch Spiegel – Allegorien.
In den Metaphern und Allegorien schimmert Lavizzaris «persische Geschichte» durch. Sie hat Übersetzungen aus dem Persischen (Warqa und Gulschah von Ayyuqi, literarische Übersetzung aus dem Persischen, 1992 ) veröffentlicht und sich als Ethnologin und Islamwissenschaftlerin ganz gewiss mit den Metaphern sowohl des Koran, als auch der persischen Lyrik und Mystik auseinandergesetzt.

Beim Lesen legt sich bald eine melancholische Stimmung aufs Gemüt, denn fast alle Schicksale münden in Tragödien, oder bleiben zumindest offen, was nicht unbedingt Raum für Hoffnung lässt. «Cristallina» – letzte Erzählung des Bandes – lässt hingegen nichts offen. Ein Mann, der über eine vor 28 Jahren verschwundene Dichterin seine Dissertation geschrieben hat, kommt in das Bergdorf, in dem man die Verstorbene zuletzt gesehen hat. Er recherchiert vorsichtig, unaufdringlich, aber doch deutlich. Und die behinderte Tochter des Herbergspaares, das nicht unverdächtig ist, hilft ihm, ohne zunächst zu ahnen, dass beide dengleichen Menschen meinen. In seinem Ehrgeiz, mehr Informationen zu bekommen, legt der Fremde einen Köder aus, mit dem nun endgültig die die Beteiligten überfordernde Vergangenheit ans Licht kommt. Enden kann dies nur auf eine einzige Weise. Der Kristall ist ein periodisch geordnetes System mit Gitterstruktur – und: Leben heißt Strukturen wandeln, Sterben heißt, sich nicht mehr zu verändern.

Die schaurig-spannenden Erzählungen haben mich nicht losgelassen, bis ich das Buch ausgelesen hatte. Der Versuch, es aus der Hand zu legen, scheiterte, aber als ich schließlich doch die letzte Zeile gelesen hatte, war mir, als stünde da: «Ich bin das Meer». ■

Alexandra Lavizzari, Flucht aus dem Irisgarten, Erzählungen, 180 Seiten, Zytglogge-Verlag, ISBN 978-3-7296-0802-3

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Lauter LesenswertesCultura fara cenzura

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Leseproben

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Mini-Groteske von Horst-Dieter Radke

Posted in Horst-Dieter Radke, Literatur, Neue Prosa, Prosa by Walter Eigenmann on 29. Juni 2010

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Das Allerletzte

Horst-Dieter Radke

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«Wenn mir sonst nichts mehr einfällt, dann gibt es immer noch das Allerletzte!» sagte Markus.
«Das Allerletzte?» fragte Petra erschrocken und sah ihn mit großen, ängstlichen Augen an. Es war Nacht und dunkel, und sie standen neben ihrem Auto, das keinen Ton mehr von sich gab. Selbst die Zündung klickte nur noch beim Drehen des Schlüssels. Und auch die Batterie war leer und lieferte kein Licht. Laternen gab es hier draußen nicht. Außerdem war Neumond und die Wolken verdeckten die meisten Sterne.
«Ja, das Allerletzte», sagte Markus und nahm ihre Hand.
«Was ist das Allerletzte?» sagte Petra und zog ängstlich ihre Hand zurück.
Markus lachte, und das erschreckte sie mehr, als wenn er sie geschlagen oder zu Boden geworfen hätte.
«Einfach losgehen. Nicht überlegen, wohin und warum. Immer der Straße nach.»
Petra lachte erleichtert, nahm wieder seine Hand und ging glücklich mit ihm in die dunkle, unbekannte Nacht. ■

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Horst-Dieter Radke

Geb. 1953, aufgewachsen in Hamm/D, lebt heute in Lauda-Königshofen im Taubertal, arbeitet freiberuflich als Autor, Lektor und Journalist, zahlreiche Veröffentlichungen im Sachbuch-Bereich

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Kurzprosa von Stefanie Schaefer

Posted in Bild-Meditation, Literatur, Neue Prosa, Stefanie Schaefer by Walter Eigenmann on 27. Juni 2010

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Die Briefleserin

Meditation über ein Bild von Gabriel Metsu

Stefanie Schaefer

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Das schäumende Blau der Wellen leckte an dem Schiff. Anfangs beinahe zärtlich wie ein Hund über die zum Streicheln ansetzenden Hände seines Herrchens, doch dann immer gieriger und gieriger. Sie stand reglos da, entblößte mit der rechten Hand das Bild von dem schweren, seiden schimmernden Vorhang, im linken Arm noch den Wassereimer haltend. Stand und betrachtete die Szenerie. Stand so lange, bis sich der türkisfarbene Himmel unter ihren ahnungsvollen Blicken verdüsterte und die immer größer werdenden Wellen mit dem immer kleiner werdenden Schiff ihr höhnisches Spiel trieben.

`Wie kommt es nur, dass ich die Entfernung, die zwischen uns liegt, nicht spüre? Ich spüre sie nicht, aber ich wünschte, ich würde es tun. Ich wünschte, ich würde dich nicht in Allem, was mich umgibt, erkennen! Zum Beispiel in der Art, wie das Licht in einem bestimmten Moment  in diesen Raum fällt und ihn mit deiner Fröhlichkeit und Güte erwärmt. In diesen Raum, der sonst durch die Gegenwart deiner Frau kleiner und enger wird, als er sich anfühlt. Der gleichermaßen erdrückt wird von ihren neidischen Blicken, die sich erbarmungslos auf jeden meiner Schritte, auf jede der hunderttausend Bewegungen heften, die ich tagtäglich beim Putzen, Waschen, Bügeln und Bettenmachen verrichte. (Mit einer Anmut, die einer Dienstmagd fern ist und die ihresgleichen sucht, wie du mir einmal zugeflüstert hast.) Nur jetzt ruhen ihre schweren Augen nicht auf mir, jetzt sitzt sie keine zwei Schritte entfernt auf einem Stuhl und liest deinen Brief. Ich kann ihre Kälte auf meinem Gesicht spüren. – Was schreibst du ihr? Worte der Liebe, des Vermissens, der großen Versprechungen, die sich nie erfüllen, weil der, der verspricht, vergisst, dass die Dinge sich ständig ändern; dass nichts Bestand hat. Wie gern würde ich  sicher sein können, dass es anders ist, dass das, was ich als wirklich empfinde, auch von dir als wirklich empfunden wird!`

Ihr Blick richtete sich unversehens wieder auf das Bild: Was würde er in ihm sehen? Die leicht bewegte See, auf dessen schäumend blauen Wellenkronen ein Schiffchen tanzt oder einen durch ein schreckliches Unwetter in Not geratenen Dampfer?

Ein plötzliches Rascheln riss sie aus ihren Gedankengängen. Die Hausherrin faltete den Brief ihres sich auf einer seiner Geschäftsreisen befindenden Mannes zusammen und steckte ihn in den Umschlag zurück. Die Dienstmagd begriff dies auch sogleich als Anlass, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Behutsam ließ sie den schweren, seiden schimmernden Vorhang wieder über das Bild gleiten. Da spürte sie plötzlich eine Berührung am rechten Bein. Es schien ihr, als ob der Hund des Hausherrn über ihre Wade gestrichen wäre. Doch die Berührung erwies sich als so flüchtig, dass man sich fragen könnte, ob sie nicht  nur eingebildet war. ■

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Stefanie Schaefer

Geb. 1984 in Bühl/D, Studium der Neueren deutschen Literatur und der Romanistik (Italienisch und Französisch) in Tübingen, Promotion 2010

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Sechs «Brachys» von Otto Taufkirch

Posted in Grafik, Literatur, Neue Prosa, Otto Taufkirch by Walter Eigenmann on 5. Mai 2010

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Paare

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Sicherheit

Die Brandung. Laut. Hoch. Es ist früher Nachmittag. Neumondzeit.
Sie steigen die Felsen hinunter. Das Licht ist grell. Weiß. Es kommt keine Welle wirklich ans Land. Hans und Ute glauben das. Immer, wenn sie ans Meer gehen. Das ist die letzte Sicherheit. Bevor sie ertrinken.
Irgendwann.

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Sorgen

Sie stehen im Schnee. Es ist dunkel. Ein Zug ist ausgefallen. Der nächste hat Verspätung. Es schneit stärker. Zwei Frauen lachen. Dann kommt die Durchsage.
Verschoben auf unbestimmte Zeit. Witterungsbedingt. Es ist der Jahrestag der Bombennacht. Oder sonst einer Nacht. Sinnlos. Es ist sinnlos, sich Sorgen zu machen.

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Tausend Schirme

Eine Burg. Bernd und Ilse auf dem Weg. Steil. Felsig. Kurven. Ein  von Bodenweiler wohnte da. Eng. Kalt. Oben  ein Turm. Verfallen. Ohne Halt. Ohne Zinnen. Ohne Geländer. Bernd steigt auf die Brüstung. Es ist Sonntag.
Im April. Sonnig. Bernd weiß es. Auch dass es steil ist. Es ist wie beim Löwenzahn. Wenn er stirbt, fliegen tausend Schirme.

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Otto Taufkirch, Gouache (2010)

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Windstill

Es wird hell. Windstill.  Wir gehen ins Tal. Die Nacht hat keine Stimme.  Es ist Samstag morgen.
Martina hat Halsschmerzen. Auf dem Weg liegt eine  Ratte. Tot.
Ein toter Baum. Vorne schimmert das Wasser. Als Fläche. Hinten geht Max. Alleine. Später wird man sagen, er hat sich verlaufen. Ein Singular ist lange teilbar. So lange, bis Max gefunden wird.

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Hilfe

Die Arkaden. Ein Mann. Eine weiße Bank. Ein Arm. Der Mann mit einem Arm. Ein Arm mit einem Mann. Ein Stock. Karl und Ute stehen davor.
Vor dem Stock. Vor dem Arm. Vor dem Mann. Es ist Montag. Die Kurpromenade ist leer. Der Mann glaubt nicht an Gott. Er hat seinen Stock. Seine Arkaden. Seinen Arm. Karl und Ute flüchten. In die Liebfrauenkirche.
Was immer das ist. Seit sie ein Licht angezündet haben, sind sie ruhiger.
Für jeden gibt es eine Hilfe.

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Sei ohne Tun…

Es ist  Erntezeit, sagt Franz, wir müssen auf alles gefaßt sein.
Er hat es beim Frühstück gesagt, beiläufig, ohne Pathos.
Sie erinnert sich daran, viel später.
Dann kam alles auf einmal, zuerst der Seenebel, dann stürzte die Gartenmauer ein. Der Wind frischte auf.
Die Erntezeit nahm Franz mit. Auf die Reise. Er hatte das Marcumar abgesetzt. Er wollte es nicht mehr.
Der Fluß wurde gestoppt. Nichts was dann ungetan bliebe, sagt Lao Tse.

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Otto Taufkirch

Geb. 1942; Maler, Zeichner und Lyriker; zahlreiche Ausstellungen in Deutschland, Italien, Frankreich und Portugal; diverse Lyrik-Publikationen; lebt in Lauf/D

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Florence Hervé (Hg.): «Durch den Sand»

Posted in Buch-Rezension, Florence Herve, Karin Afshar, Literatur, Prosa, Rezensionen by Walter Eigenmann on 10. April 2010

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Leben, träumen, reisen in der Wüste

Karin Afshar

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Das Buch liegt weich und doch fest in der Hand, fast hätte ich etwas Rauheres erwartet, aber nein, der Einband ist glatt. Auf dem Coverfoto sehen wir im Vordergrund Fußspuren im Sand; sie führen erst hin zu einer rot gekleideten, einen langen Strich-Schatten auf ihre rechte Seite werfende Frau genau in der Mitte, und dann wieder von ihr weg, über Sanddünen ihr vorauseilend auf ein fernes Gebirge zu. Bilder von Weite und Leere sind es, die das Wort Wüste in uns aufsteigen lässt, ganz unabhängig davon, ob wir selbst einmal eine reale erlebt haben oder sie aus je eigener innerer Erfahrung kennen. «Wüste» ist auch ein Seelenzustand.

«Durch den Sand» ist der Titel der Anthologie, die im Aviva Verlag frisch in diesem Jahr erschienen ist. Florence Hervé ist die Herausgeberin, und sie hat 29 Autorinnen einschließlich sich selber in die Wüste geschickt. Was erwartet den Leser dort? Und wer ist der Leser, an den sich das Buch wendet?

Was sich die Herausgeberin mit diesem Buch vorgenommen hat, erfahren wir im Vorwort. Es kündigt die Autorinnen an und ordnet sie unterschiedlichen Beweggründen, Hintergründen und Absichten zu. Zeitgenössische Schriftstellerinnen kommen zu Wort, aber auch «klassische» aus Vor-Jahrhunderten und -Denkzeiten, bekannte und weniger bekannte, solche, die in Wüstengebieten leben und solche, die sie bereisen.
Beim ersten Durchblättern, das ich mir nicht verkneifen kann, entdecke ich nach fast jedem Beitrag ein Schwarz-Weiß-Foto mit Wüstenmotiven. Zurückhaltung spricht aus dem Layout, Zurückgenommenheit – Farbe hätte hier gestört.
Im hinteren Teil erfahren wir auf 15 Seiten etwas über die Autorinnen, deren Kurzbiographien individuell sind, weil jede ihre eigenen Lebens- und Erlebnis-Schwerpunkte hat. Ich blättere ein wenig, aber die Frauen sprechen noch nicht mit mir.

Florence Hervé

Die erste Geschichte «Äpfel aus der Wüste» ist genau von der Art, die ich persönlich sehr gerne lese. Jetzt bin ich neugierig auf die nächste. «Die Wüste wirft Buckel» kommt mir im Erzählduktus bekannt vor… Nach der vierten Geschichte muss ich das Buch allerdings zur Seite legen, denn ich kann nicht mehr. Bei «Töchter der Agar» und «An beiden Enden» muss man sehr genau hinlesen, wirken lassen, aufs Verstehen, vielleicht auch auf das inwendige Schaudern, lauschen.

Am nächsten Tag, bevor ich wieder zu lesen beginne, schaue ich mir die Einteilung an. Drei große Blöcke finden sich: ‘Leben in der Wüste’, ‘Träume in der Wüste’ und ‘Reisen in der Wüste’. Der zweite Abschnitt scheint mehr Gedichte als Geschichten zu enthalten, ich habe das nicht ausgezählt. Aber auch die kann man nicht schnell lesen; weit gefehlt haben die, die das denken. Jedes Einzelne fordert Nachlesen ein, lässt die Zeit langsam werden, entschleunigt.

Für wen nun dieses Buch? Leser, die Zerstreuung erwarten, werden das Buch schnell weglegen. Formulierte ich es negativ, würde ich sagen, dass es keine leichte Sommerlektüre für den Liegestuhl am Strand ist, die man aufschlägt und dann verschlingt. Es ist eine schwere Lektüre, die dem Leser, oder der Leserin, etwas abverlangt.

Die Herausgeberin hat sich natürlich Gedanken über die Abfolge der Beiträge gemacht, und die ist gelungen. Sie schließt die Anthologie mit dem «Wüstenalphabet» von Lisette Buchholz und damit einen Kreis  – eine beschwerliche Reise haben wir gemacht, sind hinabgestiegen und ganz unten angekommen. Wir verlassen die Wüste geläutert. Den heiteren Ton dieses letzten Beitrags haben wir uns verdient, die Leichtigkeit entlässt uns – in die nächste Wüste? ■

Florence Hervé (Hrsg.), Durch den Sand, Schriftstellerinnen in der Wüste, Anthologie, Aviva Verlag, 220 Seiten, ISBN 978-3-932338-41-0

Probeseite (Vorwort)

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Vorwort

Sand und Steine. Stille und Sterne. Wind und Weite.
Raum und Zeit. Die Wüste war und ist Quelle der Inspiration
für viele Schriftstellerinnen, Dichterinnen
und Reporterinnen.

Die Wüste ist Ort der Träume und Alpträume, des
Glücks und des Schmerzes, des Lebens und des Todes.
Mythen umgeben sie. Sie ist nicht tot. Sie ist
nicht nur Dürre, Einöde oder Abenteuerland. Sie kann
blühen. Sie ist Symbol für Unendlichkeit, Ewigkeit
und Freiheit, aber auch für Menschenfeindlichkeit
und Einsamkeit. Faszination und Gefahr stehen nebeneinander.

Die ausgewählten 29 Autorinnen aus Australien, Lateinamerika,
Afrika, dem Maghreb, dem Nahen und
Mittleren Osten sowie aus Europa nehmen die Wüste
auf unterschiedliche Weise wahr. Mit ihnen durchwandern
wir die australische, die Mojave- und die Gobi-
Wüsten, die Sahara und den Negev und erleben die
Vielfältigkeit einer Landschaft, die in der europäischen
Sicht meist auf orangefarbene wellige Sanddünen
reduziert wird. Ob sie in der Wüste leben und arbeiten,
ob sie von der Wüste träumen und diese
mystisch erfahren oder ob sie in die Wüste reisen:
Der Blick der Schriftstellerinnen und deren Schreibweise
unterscheidet und verändert sich.

Unter den ersten, die über die Wüste schrieben, ist
im 7. Jahrhundert Maisûn, die Gattin eines Kalifen, die
das schlichte glückliche Wüstenleben besingt. Im
Mittelalter beschreibt die Begine und Mystikerin
Mechthild von Magdeburg den Weg zur Vollkommenheit
als Weg zur »wahren Wüstenei«. In ihrer Meditation
Das fließende Licht der Gottheit wird die
Wüste zum Symbol für das Bescheidene, das Mündige,
das Unabhängige und Spirituelle.

Das 19. Jahrhundert ist von einer literarischen Orient-
Mode erfasst, wobei die Wüste für das Fremde,
das Andere, für Grauen und Faszination, für Aufbruch
und Sehnsucht nach Ursprünglichkeit steht. Der Ort
des Schreckens erfährt eine Umdeutung als Ort des
Erhabenen. Unter den Schriftstellerinnen, die sich
vom Wüstenwind und von den Klängen des Orients
beflügeln lassen, sind die Dichterinnen Karoline von
Günderrode und Annette von Droste-Hülshoff.

Im 20. Jahrhundert wird die reelle Wüste entdeckt.
Abenteuerinnen und reisende Reporterinnen brechen
mit Kamel und Zelt auf, vornehmlich in die Sahara.

Isabelle Eberhardt, sozusagen das weibliche Pendant
zum Poeten Arthur Rimbaud, fordert für sich das
Recht auf ein »unstetes Herumirren«, das Recht auf
Vagabondage: »Welch glückseliges Gefühl, eines Tages
mutig alle Fesseln abzuschütteln, welche das moderne
Leben und die Schwäche unseres Herzens uns
unter dem Vorwand der Freiheit angelegt haben;
sich symbolisch mit Stab und Bettelsack zu rüsten
und fortzugehen!« Die Vagabondage ist für sie Befreiung,
das wandernde Leben Freiheit, die Wüste eine
Stätte der Ruhe, der Schlichtheit und der Schönheit,
eine Oase des Friedens. »Ich liebe meine Sahara, ich
liebe sie mit einer dunklen, geheimnisvollen, tiefen,
unerklärlichen, aber durchaus wirklichen und unzerstörbaren
Liebe.«

Zu dieser Zeit durchstreifte die englische lebensund
reiselustige Adlige Gertrude Bell die Wüsten Arabiens,
unternahm Forschungsreisen nach Palästina
und Transjordanien. Ihr Bericht darüber ist der einer
Orientalistin, Archäologin, Historikerin und Diplomatin.

Für die Schweizer Reisenden Ella Maillart und Annemarie
Schwarzenbach waren das Abenteuerleben und
das Schreiben untrennbar miteinander verbunden.
Zusammen durchquerten sie den Iran, Afghanistan
und die Türkei.

Die bretonische Ethnologin Odette du Puigaudeau,
auch Pionierin der Sahara genannt, reizten Abenteuer,
Herausforderung und Risiko ebenso wie das entbehrungsreiche,
einfache Leben und die Begegnungen,
»die Ankunft an einem Brunnen, das Suchen
nach Weideland, eine Nachtwache am Feuer«. Die
Grenzenlosigkeit berauschte sie.

Die Australierin Robyn Davidson reiste 2.800 km allein
mit vier Kamelen durch Busch, Felsen und Sand.
In Spuren berichtet sie von den Strapazen und Freuden
ihrer Wüstenreise und stellt fest: »Die Fähigkeit
zu überleben ist vielleicht die Fähigkeit, sich von der
Umgebung verändern zu lassen.«

Die »magische Vision« und das »Farbspektakel«
der kalifornischen Wüste beeindrucken Christa Wolf,
die in ihrer Wüstenfahrt von witzigen und nachdenklichen
Begegnungen in den USA erzählt.

Andere Schriftstellerinnen sahen und sehen die Wüste
als einen Ort der Mystik, der Spiritualität, der Religion,
der Selbstfindung, der Zauberei oder gar der
Utopie.

In ihrer utopischen Erzählung Drei Träume in der
Wüste unter einem Mimosenbaum, vor dem Hintergrund der
»unendlichen« und »ewigen« Wüste, zeichnet
die südafrikanische Feministin Olive Schreiner die
Unterdrückung der Vergangenheit und den Kampf
um die Befreiung nach, weist auf die Zukunft eines
gleichberechtigten Lebens hin.

Für die Dichterinnen Else Lasker-Schüler und Nelly
Sachs ist die Wüste verbunden mit dem Heiligen
Land. Die Lyrikerin Mascha Kaléko, die 1945 nach Israel
emigrierte, wurde dort nicht heimisch. Die Wüstenei
ist für sie das Nirgendland, bedeutet Einsamkeit
und Heimatlosigkeit, auch Sehnsucht. Sie fühlt
sich »einsam wie der Wüstenwind« und »heimatlos
wie Sand«.

Für Ingeborg Bachmann ist die Wüste dagegen
eine Reise in das innere Ich, dort kann man sich nicht
entgehen. Die österreichische Schriftstellerin reiste im
Frühjahr 1964 zwei Monate nach Ägypten und in den
Sudan, schrieb an ihrem Wüstenbuch-Projekt: »Ich
nenne es vorläufig ›das Wüstenbuch‹, da eine reale
Wüstendurchquerung den Inhalt ausmacht. Die Wüste
ist der Held.« Sie ist »die unendliche Langeweile für
den einen, die immerwährende Erregung für den,
dessen Augen von ihrem Sand ausgezeichnet werden
«. Der leere und reine Wüstensand steht als Gegenbild
»zur verwüsteten Welt«, von ihm wird Erlösung
erwartet.

In Tanja Dückers Roman Der längste Tag des Jahres
erscheint die Wüste als Rückzugsstätte, als Ort der
Suche nach dem verborgenen Sinn des Lebens und
der Selbstfindung.

Für die Schriftstellerinnen aus dem Maghreb und
aus dem Nahen und Mittleren Osten ist die Wüste
von Ambivalenz geprägt. Manche haben dort Furchtbares
erlebt, Bürgerkriege und Kriege, Gewalt und
Vergewaltigung, aber auch Trost und Freiheit.

Die libanesisch-amerikanische Schriftstellerin und
Malerin Etel Adnan, die zwischen Kulturen, Sprachen
und Orten reist, beschreibt die ostsyrische Wüste von
Lawrence von Arabien als »das offene Nichts« und
die »endlose Wildnis«, die Wüstenaraber werden
»Geschöpfe des Windes« genannt. Ihr Fazit: Die »Eroberung
der Wüste ist eine erotisch befriedigende Erfahrung,
doch sie weist in die Illusion«.

In Fern von Medina besinnt sich die Algerierin
Assia Djebar auf die historischen Quellen des Islams
und zeichnet Porträts von Rebellinnen, darunter Agar,
»die der Sonne Ausgesetzte«. Abraham verließ Agar
und ihren Sohn Ismael in der Wüste.

Malika Mokeddems Darstellung der Wüste ist von
den dort erfahrenen Widersprüchen geprägt. Die algerische
Wüste, in der sie aufwuchs, ist Zelle der Traditionen,
zugleich Gefängnis für Frauen wie Ort des
Trostes, der Klarheit und der Freiheit. Sie schreibt von
der »erhebenden Trostlosigkeit«, vom »unbarmherzigen
Brennglas des Himmels« in der Wüste, aber
auch von der Sandwüste als »ein Meer der Träume«,
als »Raum der Freiheit«. Sie spürt in der Wüste
Angst und Faszination »an der Grenze des Erträglichen«.

Bei ihrem zehn Jahre langen Aufenthalt in Algerien
hat Sabine Kebir ebenfalls Veränderungen und Hoffnungen
erlebt, den Kampf um Frauenbefreiung, aber
auch Rückschläge, Frauenunterdrückung und Gewalt.
Dies beschreibt sie kenntnisreich, schildert die Sahara-
Landschaft und das Alltagsleben.

Die Wüste kann schließlich Synonym für kulturelle
Identität sein. Für die Ägypterin Miral al-Tahawi, die
in einer Beduinenfamilie aufwuchs, ist die Wüste
»lediglich eine Stammeskultur, die unseren Standort
im Dasein bestimmt«. Sie erfährt Unterdrückung und
zugleich Wärme in der Beduinenwelt, in der Frauen
für das Zelt zuständig sind, während Männer jenseits
des Tors die Freiheit erreichen.

Erstaunlich groß ist die Anzahl von Autorinnen, die
die Reise zu den kargen Landschaften und zu den Nomaden
wagen. Auch wenn unsere literarische Reise
lediglich einen kleinen Teil dieser Wüstenreisenden
versammelt, vermag sie doch unseren eigenen Blick
auf die Wüste zu verändern und lädt dazu ein, diese
neu zu erleben und zu erträumen.

Florence Hervé, Januar 2010

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Kurzprosa von Nora B. Hagen

Posted in Literatur, Neue Prosa, Nora Hagen by Walter Eigenmann on 2. April 2010

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Das Fenster

Nora B . Hagen

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Ich muss dir erzählen, weißt du – ich muss dir das verständlich machen. Du kennst das ja gar nicht. Nehm ich zumindest an. Du kennst die Nacht nicht wie ich. Ruhelos ist die Stadt, in der Nacht. Du kriegst das nicht so mit, du hast zu wenig Zeit. Du beginnst deinen Tag und machst dies und das und bist den ganzen Tag eigentlich nur mit dir selbst beschäftigt. Und dann kommst du heim, machst die Glotze an, machst die Glotze aus, und dann gehst du schlafen.
Ich fahr’ Taxi. Ich hab ganz oft die Nachtschicht. Die meisten Menschen verhalten sich nachts anders. Is’ schon richtig so. Nachts ist es dunkler. Viel dunkler. Nachts trinken sie. Sie trinken wie die Blöden, du hörst sie doch, selbst wenn du in deinem Bett liegst, Straße rauf, Straße runter, grölen irgendein Zeug. Und glauben sie sind so toll, weißt du, verstehst du das, sie denken sie sind toll, dabei sind sie einfach nur laut. Und wollen damit irgendein dummes, junges Mädchen beeindrucken, das so viel gesoffen hat, dass sie’s halt auch lustig findet. Ekelhaft ist das. Keine Manieren. Wirklich. Die Nacht stinkt nach Fusel, in diesem Viertel. Und solche kommen dann an und wollen gefahren werden, und wenn sie ein Mädchen dabei haben, dann küssen sie sie, wenn sie wissen, dass ich in den Rückspiegel schaue. Ich fahre sie. Muss ja. Geld ist Geld. Ich tu so, als ob mich das nicht beeindruckt. Manchmal schreit einer, irgendwo, weit weg, du weißt nicht, warum. Oder er fängt an zu singen. Mitten auf der Straße, du weißt nicht mal, wer es ist. Oder ein Auto hält neben dir an, du denkst der hat da ne Dampfmaschine drin oder Mikrofone an seine Kolben gelegt, das scheppert und kracht durchs ganze Gehäuse. Nachts flimmert’s in den Zimmern, meistens gucken sie Pornos. Was ja eigentlich keiner wissen soll, dass man das so macht. Und dann lassen sie die Fenster auf, die Idioten. Sperrangelweit. Nee echt, ich kann dir sagen. Ich bin da ja sonst nich so, aber dieser Schund! Dass das alles so öffentlich sein muss. Is’ wie ne Beleidigung, verstehst du, konstante Beleidigung. Ja, ich weiß, ich hab keine Freundin, keine Puppe, kein Bunny, nichts, nichts, nichts hab ich, ich hab nur die Nacht. Die Straßen, die ich mittlerweile auswendig weiß. Die alten Zeitungen, die sie tagsüber weggeworfen haben. Ganz oft auch verbrauchte Gesichter, verbrauchte Menschen, wie ein Rest Leben noch in ihren Augen funkelt, das ist schon unheimlich, aber man gewöhnt sich dran. Die steigen in mein Taxi ein und steigen wieder aus, und ich sehe sie nie wieder.
Und dann ist da so ein Fenster. Ein einziges, das gut ist. Manchmal geh ich nach der Schicht hin und schaue, ob Licht ist. Ob sie zu Hause ist. Ich will wissen, wie sie lebt. Wer sie ist. Wie sie denkt, was sie zum Frühstück isst, was sie liest, wie viele Sprachen sie spricht oder ob sie eher auf Klamotten steht. Sie ist so wundervoll, weißt du. Ich hab sie irgendwann zufällig getroffen, sie ist in mein Taxi gestiegen, wollte spät abends nach Hause, hatte ihr Portemonnaie dabei, aber nicht genug Geld, da hat sie’s geholt und ich hab unten gewartet, ich Idiot, hätt’ ich’s ihr geschenkt, vielleicht hätte sie sich ja bedankt. Ich kann mich jetzt noch an ihre Hand erinnern. An ihre lackierten Fingernägel. Das war nur ganz kurz, als sie mir das Geld gegeben hat, da hat sie mich berührt. Ganz zufällig. Und jetzt – kann ich sie nicht mehr vergessen. Ich lebe von ihr. Sie sieht richtig gut aus, verstehst du, was ich meine, richtig gut. Und sie lebt alleine. Versteh ich nicht, wie so ne Frau alleine leben kann. Ich wär so gerne ihr Nachbar. Oder der Postbote. Ich bin nur so’n lumpiger Taxifahrer. Auf mich kommt’s nicht an, mich braucht sie nicht, verstehst du. Aber sie sieht richtig gut aus. Auch ohne Schminke.
Morgens, da geht sie aus dem Haus, ich hab sie mal getroffen, als ich die ganze Nacht gewartet hab, da war sie ganz ungeschminkt, du hast alle Müdigkeit gesehen, die Augen, die Schultern, wie müde das alles war, aber sie ist so schön, weißt du, das macht ihr gar nichts. Echt gar nichts. Sie hat mich nicht erkannt. Ich hab sie doch nach Hause gebracht, aber sie weiß nichts mehr von mir. Nachts, wenn ich dann frei hab, da steh ich manchmal vor ihrem Fenster. Einfach so. Gehst du zu ihr, gehst sie besuchen, denk ich mir. Und dann steh ich vor ihrem Fenster. Um zu sehen, ob sie zu Hause ist. Ich kann ja nicht wirklich was sehen, sie wohnt ja im zweiten Stock. Manchmal hat sie den Fernseher an. Ich seh, wie das flimmert. Wie das Licht wechselt. Ich will dann immer wissen, was läuft. Was sie interessiert. Ich bin ja nichts, ich bin ja nichts für sie, nichts Richtiges, nur so’n Taxifahrer. Einmal, nur einmal hab ich ihr Blumen geschickt. Von einem stillen Verehrer, drauf geschrieben auf so ‘ne Karte. Ich hab’s eigentlich sofort bereut. Weil, wenn ich nur vor ihrem Fenster steh, dann passiert ja nichts, denk ich mir. Dann weiß sie nicht, dass ich da bin, dann stör ich sie nicht. Aber so Blumen – das geht eigentlich gar nicht. Da kriegt sie Angst. Und ich bin doch kein Verbrecher, weißt du. Das bin ich nicht, das will ich auch nicht sein. Ich geh ja nicht in ihr Haus. Kein Schritt über die Türschwelle, wenn ich nicht eingeladen werde, das ist doch kein Verbrechen? Oder? Nur da zu stehen?

Na gut. Ich geb’s ja zu. Ich hab ihre Nummer rausgefunden, sie steht im Telefonbuch. Ich kenn ihren Nachnamen. Kranich heißt sie. Wie der Vogel. Ich mag Kraniche. Kennst du dieses Gedicht, die Kraniche des Ibykus? Ist toll. Weiß nicht mehr, Schiller hat das glaub ich geschrieben, hab ich in der Schule gelernt. Lange her. Sie heißt Kranich. Ich denk mir manchmal aus, wie sie wohl mit Vornamen heißt, ob Anna oder Katharina oder Elvira. Und jetzt hab ich ihre Telefonnummer. Stimmt schon. Einmal hab ich angerufen. Da ging’s mir echt nicht so gut, und ich wollt einfach nur ganz normal reden, mit irgendwem, ich war voll weg, verstehst du? Zum Glück hat sie nicht abgenommen. Was hätt’ ich ihr denn sagen sollen? Tschuldigung, ich hab mich verwählt? Ich krieg doch keinen Ton raus, wenn sie – weißt du, wie das ist, ständig an sie zu denken, jeden Tag, wenn du aufwachst, wenn du einkaufen gehst, wenn du arbeitest,  wenn du schlafen gehst, und du kriegst nicht einen verdammten Ton raus, wenn sie vor dir steht? Echt schlimm. Das schaff ich einfach nicht. Bin ich nicht der Typ für. Manchmal stell ich mich vor ihre Tür und stell mir so vor, wie ich auf sie aufpasse. Als Leibwächter sozusagen. Sie brauch’ nur ein Wort zu sagen, schon dreh ich dem nächsten, der was von ihr will, den Arm auf den Rücken. Oder ihr persönlicher Chauffeur sein, in ner richtigen Nobelkarosse, und sie fragen: „Wo darf es hingehn, Mylady?“, und ihr die Tür aufhalten, das würde mir schon reichen. Dann würd ich sie jede Woche sehen. Direkt vor meinen Augen. Nur ihr die Hand reichen zum Aussteigen, das, weißt du, das wär so das, womit man genug bezahlt wär. Ich bin so, mir würd das reichen. Echt. Und sie ist so eine, da würd ich das machen. So ist das mit ihr, verstehst du? Sie ist wunderbar. Ein Engel. Und ganz alleine. Eigentlich kein Zustand ist das. Da muss eigentlich ein Prinz kommen, der sie heiratet. So wie im Märchen. Mit Rosen und so. In den sie sich auf den ersten Blick verknallt. So richtig, zack! Und fertig ist die Laube. Und ich, ich müsste ihn fahren, in meinem Chauffeur-Wagen müsst ich ihn zu ihr fahren, und ihnen zuhören, wenn sie sich lieben – wenn du weißt, sie verdient es -. Ich würde an ihrer Tür stehen und zuhören. Mehr nicht. Ich würde nichts tun. Nie im Leben. Davon würde sie auch nie etwas erfahren. Bestimmt nicht. Ich kann einfach nicht weg von ihr. Ich schaff’s nicht. Ich denk mir, das ist so, als wenn man einen Wagen fährt und gibt Gas und fährt durch alle Kurven, ohne anzuhalten, man kriegt die Bremse einfach nicht, sie geht nicht mehr, und man hat Angst vor dem nächsten Baum, der falsch steht, der im Weg ist, aber man fährt und fährt und fährt so lange, bis man sich schon fast diesen Baum wünscht, damit es vorbei ist – verstehst du das? Verstehst du?! ■

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Nora B. Hagen

Geb. 1982, verschiedene musikalische und literarische Aktivitäten, lebt als Studentin an der Musik-Hochschule in Münster/D

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Literaturwettbewerb des Tauland-Verlages

Posted in Ausschreibung, Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 21. Februar 2010

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Kurzprosa gesucht zum Thema «Grenz-Überschreitungen»

Zum Thema «Grenz-Überschreitungen» schreibt der Tauland-Verlag einen literarischen Wettbewerb aus. Eingesandt werden können deutschsprachige Prosa-Texte von 10 bis 25 Normseiten, eine Jury wählt sieben Texte aus, die gemeinsam in einem Buch veröffentlicht werden. Ein Beitrag wird mit 250 EUR besonders prämiert. Einsende-Schluss ist am 1. August 2010, die weiteren Einzelheiten finden sich hier. ■

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DeLiA-Kurzprosa-Wettbewerb 2010

Posted in Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 20. Februar 2010

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«Knackige Geschichten über die Liebe»

Anlässlich der Linzer Liebesroman-Tage im Mai diesen Jahres schreibt «DeLiA» (Vereinigung deutschsprachiger Liebesroman-Autorinnen-und-Autoren) einen internationalen Kurzprosa-Wettbewerb aus: «Schreiben Sie über die Liebe. Kurze, knackige Geschichten. Berührend, dramatisch oder amüsant. Historisch, zeitgenössisch oder futuristisch – die Auswahl liegt ganz bei Ihnen.» Einsende-Schluss ist am 15. April 2010, die weiteren Details finden sich hier. ■

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Kurzprosa von Beatrice Nunold

Posted in Beatrice Nunold, Literatur, Neue Prosa, Prosa by Walter Eigenmann on 16. Februar 2010

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…und die Welt ist eine Scheibe

Beatrice Nunold

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«Verdammt, wo hatte ich so etwas schon gesehen?» Ich starrte auf das hoch komplizierte Kachelmosaik. Unter meinen Füßen wanden sich verschlungene Knoten und Schlingen. «Quasikristalle1 , das sind Quasikristalle.» Die Penroseparkettierung, auch mittelalterliche arabische Knotenornamente wiesen 5-, 8- oder 10-, sogar 12-zählige Rotationssymmetrien auf. Aber dies war das verwirrenste Muster, das mir je unter die Augen gekommen war. Mir schwindelte bei seinem Anblick und dem Versuch eine Ordnung zu erkennen. Von dem Mosaik ging ein diffuses Leuchten aus, als würden die wenigen Photonen, die sich bis hier her durchgeschlagen hatten, reflektiert. Undurchdringliche Finsternis überspannte das nicht enden wollende Plateau. Feiner Nieselregen streichelte mein Gesicht, durchfeuchtete Haar und Kleidung und verlieh den Mosaiken einen geheimnisvollen Schimmer. Da war Musik. Sie füllte meinen Kopf. Leise sphärische Klänge schwollen zu einer gewaltigen Symphonie an. Das kannte ich doch, wenn auch anders, einfacher, rockiger, – die Pea-Brains2, – mein Lieblingslied. Doch kein Dampfhammer-Havey-Metal-Sound dröhnte in meinem Schädel. Vielstimmige Obertöne weiteten mein Bewusstsein, dehnten es bis an die Grenze zur Auflösung, bis an die Schwelle zur Finsternis, die in meinem Hirn heraufzudämmern drohte:

Strings swingen im Quantenschaum, im Quantenschaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.

«Morgenglanz …»

… im Quantenschaum …

«Esther!! Sieh dir das an …»

Ein Gott träumt…

«Ich glaube nicht, was ich da sehe!»

…den 3-Bran-Raum…

«Esther! Wach endlich auf!»
Tabahs Stimme wurde deutlicher. Der Obertonchor verstummte. Der Himmel lichtete sich. Das Fußbodenmosaik begann aus den Fugen zu geraten. Opaker Goldglanz brach zwischen den Rissen hervor. Ich glaubte zu stürzen. Der eigene Schrei gellte mir in den Ohren.
«Morgenglanz?! Wo bleibst du. Mallion! Schmeiß Esther aus dem Bett!»
Ein Rütteln ließ mein Bewusstsein wieder zum Zentrum meiner selbst zusammenzurren. Jemand schüttelte Goldstaub aus Kleidern und Haaren. Die Luft flirrte und während der Flitter zu nichts verging, erwuchs aus diesem Nichts eine Welt.
«Creatio ex nihilo», hörte ich mich kommentieren.
«Esther, hey! Alles wieder senkrecht?»
Die Welt war lila. Nein, die Welt waren Merrylls Augen, seine lieben lila Augen, die mich besorgt anblickten. Die Corona seines wirren weißen Haares brachte die Sonne in meine Welt zurück.
«Du hast geträumt.»
«Ja, einen Traum aus Quantenschaum.» Ich war immer noch benommen.

«Esther, komm endlich durch. Die Kapitänin wird auf der Brücke verlangt. Tabah flippt aus.»

«Was ist los, Tabah? Fragte ich als wir die Brücke betraten. Der Kamarianer sah mich mit seinen schwarz schimmernden Augen fragend an. Er brauchte nichts zu sagen. Mein Blick klebte am Panoramaschirm. Einen Moment lang glaubte ich, mein Traum spuke noch in meinem Hirn.
Die Besatzung des kleinen Raumschiffs war versammelt. Ich spürte ihre Ratlosigkeit.
«Woher soll ich wissen, was das ist, – irgendeine Quasikristall-Gigantomanie, – keine Ahnung. Was meint unsere Astro-Archäologin?»
«So etwas habe ich schon mal gesehen, nur viel einfacher. Auf Terra, glaub ich, hat die Islamisch-arabische Kultur eine ähnliche Ornamentik hervorgebracht. Vergleichbares gibt es bei uns auf Kama oder auf Kathara, die Mosaiken der Tubanischa und bei vielen anderen Planetenkulturen. Quasikristalle sind quasiperiodisch. Ihre Periodizität wird erst in einem höherdimensionalen Raum verständlich. Mathematik ist universal. Ich nehme an, diverse Kulturen sind auf vergleichbare Lösungen gekommen. Aber so etwas Kompliziertes …. Und wer um alles im Multiversum parkettiert die schwarzen Tiefen des Kosmos? «Fenet schüttelte den Kopf.
Das Schiff schwebte über eine nicht enden wollende Plattform blau-goldener Mosaiken auf weißem Grund. Sie schimmerten fahl in der Weltraumnacht.
Ich starrte unverwandt auf den Schirm: «Computer, Pea-Brains, Neuwelt.»
«Morgenglanz, bist du komplett durchgeknallt?»
«Halt die Klappe, Tabah.»
Aus einer anfänglichen Geräuschekakophonie entspannen sich Töne zu Melodiefäden und woben einen komplexen Klangteppich, darüber konnte der Schwermetallrhythmus nicht hinwegdröhnen. Er hämmerte die verschlungene Melodie auf unsere eindimensionalen Hörgewohnheiten herunter.
«Komplexitätsreduktion.»
«Was? Morgenglanz, ich mach mir ernsthaft Sorgen …»
«Ruhe, Tabah!»

Eternity, die Frontfrau der Band erhob ihre Rockröhre:

Der Tag trägt Trauer,
Die Farben der Nacht,
Ein sanfter Schauer
Streichelt ihn sacht.
Sacht, sacht in den Farben der Nacht, in den Farben der Nacht.

Zum Refrain unterstützten die Jungs grölend ihre Sängerin.

Strings swingen im Quantenschaum, im Quantenschaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Im Quantenschaum…

«Computer, stopp. Ich habe das schon einmal gesehen, – in meinem Traum und diese Musik gehört, nur sagen wir symphonischer, wie Sphärenklänge, – vielleicht eine Superstring-Sphärensymphonie.»
Das Bild auf dem Schirm änderte sich. In den Boden waren schmale, sehr lange Spitzbogenfenster eingelassen. Als wäre das nicht seltsam genug, zeigten diese in alle Richtungen. Hinter den Fensteröffnungen lauerte undurchdringliche Finsternis, manchmal gold-opak changierend.
«Entweder waren diese Baumeister total meschugge oder unfassbare Genies, oder beides,» murmelte ich vor mich hin.
Am Horizont kam so etwas wie eine Barriere ins Bild. Vor uns wuchs eine gewaltige, das ganze Blickfeld ausfüllende Quasikristallmosaikmauer und verlor sich in der Schwärze des Alls. Gemauerte Lanzettfenster zeigten scheinbar willkürlich nach oben, unten, seitwärts als hätte das Bauwerk keine Ausrichtung. Wie bei Vexierbildern kippte hinter den Fenstern samtenes Dunkel in aufglänzendes Gold.
«Transzendenz ohne Transparenz wie der Goldgrund mittelalterlicher Bilder. Die Lichtundurchlässigkeit des Goldes bringt das düsterste Leuchten des Universums hervor. ‚Fürchtet den Tag des Herrn, denn des Herrn Tag ist Finsternis und nicht Licht’, Amos ich weiß nicht was.»
Die anderen Schwiegen.
«Der barbarische Glanz des Goldes ist bloß der Widerschein seiner immanenten Dunkelheit oder doch der Vorschein des Herrn Tag. Auf Terra gibt es das alte lateinische Wort sacer. Es bedeutet sowohl heilig als auch verflucht.»
«Ich bin keine Sprachwissenschaftlerin», meldete sich Fenet, aber zabrach auf Kama oder empur auf Sumfar hat eine vergleichbare Bedeutung.»
Unter uns sahen wir gewaltige Portale. Aus komplizierten Knotenmustern wuchsen groteske Dämonen oder lösten sich in diese auf. Höllenfratzen mit weit aufgerissenen Augen und Mäulern glotzten eher verzweifelt als böse. Wie die Fenster so hatten die Tore keine bestimmte Ausrichtung. Die Horizont und Firmament ausfüllende Mauer, auf die wir zuhielten, zeigte das gleiche Bild.
Tabah erholte sich als erster von dem Anblick: «Wir sollten landen, Morgenglanz, und uns dieses absurde Bauwerk näher ansehen.»
«Noch nicht.»
Ich setzte mich auf meinen Kapitänssessel und steuerte das Schiff senkrecht die Mauer empor. Doch das schien nur so. Die Mauer wandelte sich zum Plateau. Ich drehte das Schiff um 180 Grad. Neben uns ragte das einstige Fußbodenmosaik als Mauer in die schwarze Höhe. Das Schiff setzte auf. Unsere Sensoren zeigten ausreichend Sauerstoff und Schwerkraft.
Fenet, Tabah, Mallion und ich standen auf dem Fußbodenmosaik, das wir zunächst als Mauer identifiziert hatten. Es nieselte und der Tag trug Trauer. Von den Mosaiken ging ein hoffnungsloses Leuchten aus, und doch war der fahle Schimmer wie ein Geschenk.
«Endzeitlicht, Abglanz der Vergänglichkeit.» Meine Stimme klang rau und erstickt.
«Esther, mahnte mich Merryll, «hör auf zu orakeln.»
Vor unseren Füßen dehnte sich ein von unserer Position aus nicht zu überblickendes Fenster und gähnte goldschlierige Dunkelheit. Unwillkürlich wichen wir zurück und lenkten unsere Schritte auf ein Portal in der Mauer.
«Wenn es nicht so kunstvoll gearbeitet und so kompliziert gestaltet wäre, würde ich es als barbarisch bezeichnen.»
Während die Astro-Archäologin sprach, berührte sie mit ihre Hand das Tor. Geräuschlos sprang es nach innen auf und gab den Blick frei in einen riesigen Rundbau, umstanden von einem Säulenwald. Strebepfeiler schossen in die Höhe. Ich konnte nur ahnen, dass sie sich gleich der Euklidschen Parallelen irgendwo im Unendlichen treffen. Zusagen der Raum sei kathedralenhaft wäre eine Verniedlichung. Wir verharrten auf der Schwelle, winzige Wesen, schaudernd vor der bedrängenden Nähe des Unermesslichen. Buntes Licht brach durch den steinernen Forst, glimmte im Dunkel und wogte als farbiger Photonenschleier auf der Rotundenlichtung.
«Und das Licht fiel in die Finsternis und die Finsternis hat es nicht ergriffen», ich hauchte die Worte. Abt Suger muss ähnlich überwältigt gewesen sein als er den Kirchenraum von St. Denis betrat. ‚Lux mirabilis et Continua’ …»
«Morgenglanz», unterbrach mich Tabah, «Niemand außerhalb deines Provinzplaneten versteht den Provinzdialekt dieses Himmelkomikers oder kennt diesen Provinztempel.»
«Das ist nicht nötig,» wandte Fenet ein. «In den meisten Planetenkulturen wird Licht als Epiphanie des göttlichen empfunden, als etwas Heiliges.»
«Ja,» bestätigte Merryll, «denk an den Provinztempel der Warinda meines kleinen Provinzplaneten Kathara.»
Ich wollte die Rotunde betreten, zog meinen Fuß aber wieder zurück. Die Strebepfeiler spiegelten sich im Boden und schienen in der Tiefe zu loten, umflossen von einem wunderbar ununterbrochenen Glanz farbig gebrochenen Lichts.
«Esther, seit wann bist du so ängstlich oder wirst du plötzlich religiös. Ziehet eure Schuhe aus, ihr betretet heiligen Boden,» lästerte Tabah, der mal wieder versuchte seine Ergriffenheit mit Coolness zu überspielen. Ich ignorierte ihn. Im Augenwinkel gewahrte ich, wie Fenet sich anschickte über die Schwelle zu treten.
«Nicht!» Ich packte Thyra gerade noch am Arm.
«Trantasch kabir shun!» ‚heilige Scheiße!’ fluchte sie in ihrer Muttersprache, und wich entsetzt mehrere Schritte zurück.
Da war kein spiegelnder Boden, sondern ein gähnender Abgrund. Die Säulen ragten in die Untiefe ebenso wie in die Höhe. Aber gab es überhaupt ein Unten und Oben. Die Tiefe des Abgrundes und die Tiefe des Alls sind ein- und dasselbe und nur für uns nicht das gleiche. Hier musste wahrlich niemand auf den Kopf gehen, um in den Abgrund des Himmels zu blicken.
«Dort», sagte Merryll leise.
Eine Art Floß schwebte durch ein Spalier aus farbig gebrochenem Licht auf uns zu. Das Floß hielt an der Schwelle. Wir sahen uns an. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und verwehrte den Ängsten, die aus dem Untiefen meines Selbst empor krochen, besitzt von mir zu ergreifen. Vorsichtig betrat ich die schwebende Plattform. Sie trug mich, schwankte nicht einmal. Merryll und Tabah taten es mir gleich. Nur Fenet zögerte zunächst. Ich konnte sie gut verstehen. Keine Angst zu haben ist ein Zeichen von Phantasielosigkeit. Auch wenn dies hier unser Vorstellungsvermögen überforderte, die Einbildungskraft belebt selbst das Unvorstellbare mit Phantomen. Kein Bildverbot hat das je zu unterbinden vermocht. Tabah reichte Fenet die Hand und zog sie zu sich hinüber.

Das Floß schwebte durch das Photonenspalier.
«Don’t pay the ferrymen…,» schoss es mir durch den Kopf und «Wer hier eintritt, lasse alle Hoffnung fahren …».
Hinter uns schlugen die Türflügen ins Schloss. Oh, Shit! Was hätte ich für einen Vergil gegeben. Sogar Charon, der die toten Seelen über den abgründigen Styx in den Hades schifft, wäre mir willkommen gewesen.
Musik stieg aus der Tiefe des Raumes empor, dieselbe die ich in meinem Traum vernommen hatte und deren Rockversion mir durch die P(ea)-Bra(i)ns vertraut war. Der Obertonchor hob an:

Der Tag trägt Trauer,
Die Farben der Nacht,

Nur mit Mühe gelang es mir mein Bewusstsein daran zu hindern in die Unendlichkeit auseinander zu driften.

Ein sanfter Schauer
Streichelt ihn sacht.

«Ohren zuhalten!» schrie ich.

Strings swingen im Quantenschaum Schaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.

Der Sirenengesang klang jetzt etwas gedämpfter, aber er zerrte immer noch an den Neuronen.

Die Sonne hinkt auf ihrer Bahn.
Der Mond erbleicht.
Pan phantasiert im Fieberwahn.
Vergessen ist leicht.
Strings swingen im Quantenschaum Schaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.

Ich war jetzt in der Lage den Gesang zu orten.

Am Abgrund schlummert ein Stein.
Die Tiefe träumt Welten.
Quarks tanzten Ringelreihen
Als Dimensionen zerschellten.

Das Lichtspalier sang. Ich kann nicht sagen, dass dies zu meiner Beruhigung beitrug.

Strings swingen im Quantenschaum Schaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.

Manchmal glaubte ich schwache Formen zu erkennen.

Das Meer verdampft zu Silberschein.
Die Ferne geht verloren.
Schweigend rollt der Horizont sich ein.
Neuwelt wird geboren.

Was war das nur für eine Sprache. Seltsamerweise verstand ich sie.

Strings swingen im Quantenschaum Schaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Strings swingen im Quantenschaum Schaum,
ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Im Quantenschaum, im Quantenschaum…

«Protoglossa,» dachte ich. «Protoglossa…»
Der Gesang verstummte.
«Ihre Gehirne sind für unsere Musik nicht ausgelegt,» erklang ein melodisches Unisono.
Wir lösten die Hände von unseren Ohren.
«Ihre Hirne sind für unser Wissen nicht ausgelegt.»
Ich wollte protestieren, da sah ich, worauf wir zusteuerten. Auf einem schwebenden Mosaik ruhte ein Felsbrocken, ein Findling, – bizarr geformt als hätte ein wüster Äonensturm die rohe Materie erodiert.
«Protomaterie,» schoss es mir durch den Kopf. «Nein, damit assoziierte ich bisher die Strings oder deren angeregte Schwingungszustände die Elementarteilchen. Dieser Fels schien so etwas wie ein heiliges Objekt zu sein, wie die Kaaba in Mekka. Das Floß legte an. Wir betraten die Mosaik-Plattform. Ich hörte Fenet neben mir zitieren: «Am Abgrund schlummert ein Stein, / die Tiefe träumt Welten …»
Da begann ich zu begreifen, oder nein, so etwas wie ein Begreifen ergriff mich und erschütterte mich bis ins Mark. Unsere Welt die Schaumgeborene. Ich fiel auf die Knie und starrte über den Rand in den Abgrund.
«Esther!» Merrylls Stimme überschlug sich fast.
Ich hob mein Haupt und blickte in den Abgrund über mir. Finsternis und opakes Gold durchschienen von farbig gebrochenem Licht. «Das Xaos, Platons Chora3», stammelte ich, «die Amme des Werdens», das Bulk4, – dass ich das Erlebe!
Ich sah mich um. Schlanke Lichtgestalten umstanden uns. Merryll half mir auf.
«Die Prototopologie der Spin-Netze des Quantenschaums5 ist nicht diaphan.» sprach es staunend aus mir.
«Nur der Weltraum ist durchscheinend.»
«Wer seid ihr?!» hörte ich Merrylls verwunderte Frage.
«Wir sind das Licht der Welt. Wir sind das Unbegriffene der Finsternis. Wir sind die Hirten des Seins. Wir sind die Hüter der Endlichkeit. Wir sind die Wächter der Welt, die Engel, die Angeloi, die Karamir, die Marusch. Wir sind das Funkeln der Sterne und des Feuers Schein, das Leuchten in den Augen und das Licht der Vernunft. Wir sind die Grenzposten zur Unendlichkeit.»
Fenet bückte sich und zeichnete mit einem Finger das komplizierte Muster nach. Ein Penroseparkett war nur eine extrem einfache Variante dieses verschlungenen Quasikristallmosaiks.
«Eine dreidimensionale Projektion der unendlichen Tiefe, der All-Dimension aller Branenwelten, aller Zeit-Spiel-Räume der Multiversen, ein abstraktes Bild, stark vereinfacht, von dem, wovon niemand ein Bild sich machen kann, nicht einmal wir. Auch wir sind Gefangene der 3-dimensionalen flachen Scheibe, unserer 3-Branwelt, die unser Universum ist, so wie ihr und alle hadronische Materie.6 Unsere Welt, sie endet hier.»
Bei diesen Worten begannen die Lichtgestalten sich wieder in farbige Photonenschleier aufzulösen.
«Geht jetzt! Dies ist kein guter Ort für hadronische Wesen. Manchmal brechen die Dämme. Ein Multidimensionsstrudel, wir spüren ihn.»

Der Panik nahe sprangen wir auf das Floß. Ich betete zu allen mir bekannten Göttern und Götzen des Multiversums, das Floß möge schnell genug und das Tor wieder offen sein. Schon tauchte es vor uns auf. Es war geschlossen. Hinter uns ein Dröhnen, das unsere Trommelfelle zu zerreißen drohte. Wir wagten nicht uns umzudrehen. Ich ahnte das Aufreißen der sich um uns herum verdunkelnden Welt. Statt der Pforte dräute vor uns Finstergold. Wir schrieen wie aus einer Kehle als wir in die massiv wirkende Goldnacht rasten. Eine Melange von Gold und Schwärze stob an uns vorbei. Das Tor sprang auf. Das Floß rammte die Schwelle. Wir flogen in hohen Bogen auf den Mosaikboden. Hinter uns schlug krachend die Pforte zu. Ich rappelte mich hoch.
«Merryll!»
Er war in eines dieser Lanzettfenster gestürzt und versuchte sich herauszuziehen. Ich flog zu ihm, packte ihn unter den Axeln. Die anderen kamen zur Hilfe. Kaum hatte er festen Boden unter den Füßen, erschütterte ein Beben die Mosaikebene. Es fehlte nicht viel und wir wären gemeinsam in den Abgrund gestürzt, aus dem wir gerade meinen Liebsten befreit hatten. Ohrenbetäubendes Brüllen erfüllte die Luft.
«Zum Schiff!» Schrie ich.
Wir rannten um unser Leben.

Ich startete durch. Die Besatzung presste es in die Sitze. Aus dem Lautsprecher dröhnten die Pea-Brains. Vor uns öffnete sich ein Wurmloch. Wir tunnelten uns in heimeligere Gefilde unseres Provinzuniversums.
Ich drehte mich um. Merryll war grün im Gesicht, ein hübscher Kontrast zu seinen Lila Augen. Tamir Tabah grinste breit, umklammerte aber immer noch Fenets Hand.
«Puh, das war knapp! Dann doch lieber zerstrahlt im Quantennirwana als Verschollen oder Schlimmeres im Outback der Multiversen.» Ich lachte und das Lachen befreite. «Und wo geht’s als nächstes hin? Wie wär’s mit immer der Nase nach von einem Rand unserer 3-Bran-Scheibenwelt zum anderen, – Ptolemäus revistet.»
«Waas?» kam es wie aus einem Munde.
«Vergesst es, – Provinzgeschichte.»

Strings swingen im Quantenschaum, im Quantenschaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Im Quantenschaum…


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1 Quasikristalle sind scheinbar aperiodisch. Ihre Periodizität ist erst in einem höherdimensionalen Raum zu erkennen.

2 Wortspiel der Physiker: p-Brane ist lautgleich mit Pea-Brain, Erbsenhirn. Brane: von Membran. p-Brane: Lösung der Einsteinschen Gleichung E=mc². P-Branen expandieren in einige Richtungen unendlich. In einer Dimension wirkt eine p-Brane wie ein schwarzes Loch und fängt Objekte ein. P steht für die Anzahl der räumlichen Dimensionen.

3 Platon, Timaios, 49 a, vgl. 52 d.

4 Als Bulk (engl. Groß, Großsteil, Gros) wird der umfassende höherdimensionale Raum bezeichnet, in dem alle Branenwelten versammelt sind. Er ist die «Ortschaft aller Orte und Zeitspielräume», von der Heidegger spricht, das griechische Xaos, der gähnende Abgrund und Platons Chora, die Tiefe, die Spalte oder Kluft.

5 Hätten wir die Möglichkeit, so geht die Theorie einiger Physiker, die Natur soweit zu vergrößern, dass selbst winzigste Strukturen mit Plank-Länge (10-35 m) sichtbar würden, löse sich die Kontinuität von Raum und Zeit auf und ein diskretes, gequanteltes Spin-Netzwerk eindimensionaler Fäden würde sichtbar, bzw. auf Grund der Unschärferelation, die quantenphysikalische Überlagerung aller möglichen Zustände. Der Spin ist der Eigendrehimpuls eines Elementarteilchens. Seine mathematischen Eigenschaften sind mit Netzwerkverknüpfungen vergleichbar, wie ein Gewebe aus eindimensionalen Fäden. Ist das Bulk eine Art Prägeometrie, so das Spin-Netz oder der Quantenschaum eine Art Protogeometrie oder –Prototopologie, aus der eine konkrete Raumzeit erst emergiert.

6 Normale aus Quarks zusammengesetzte und der Starkenwechselwirkung (Hadron) unterliegende Materie. Während einige Teilchen sich frei in allen Branenwelten und im Bulk bewegen können, solche die Anregungszustände geschlossener Strings sind wie das Graviton, können andere, Anregungszustande offener Strings, sich nur entlang der Raumdimensionen bestimmter Branenwelten bewegen, sind also Gefangene der Branenwelt. Was für die Elementarteilchen gilt, trifft auch auf Objekte und Wesen zu, die aus diesen Teilchen bestehen. Wir leben, so die Theorie einiger Physiker, in einer 3-Branwelt.

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Dr. Beatrice Nunold

Geb. 1957 in Hannover, Studium der Philosophie, Kunstgeschichte, Volkskunde, Sprache und Kultur Vietnams in Hamburg, Promotion; verschiedene wissenschaftliche und literarische Publikationen, lebt als freie Autorin und Philosophin in Goslar/D

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[1] Quasikristalle sind scheinbar aperiodisch. Ihre Periodizität ist erst in einem höherdimensionalen Raum zu erkennen.

Kurzprosa von Rainer Wedler

Posted in Literatur, Neue Prosa, Prosa, Rainer Wedler by Walter Eigenmann on 12. Februar 2010

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Keiner hat Gottfried Wilhelm gefragt

Rainer Wedler

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Keiner hat Gottfried Wilhelm gefragt, wie auch, der war schließlich tot, ziemlich lange schon. Hermann Bahlsen ficht das nicht an. Leibniz hat noch Glück gehabt, weil Bismarck schon für den Hering vergeben war. Nicht auszudenken, ein saurer Leibnizhering mit weichen Gräten! Immerhin kriegt der Leibniz postum als Cakes eine Goldmedaille auf der Weltausstellung in Chicago, wenn schon die Welfen ihren Philosophen nicht zu schätzen wussten. Leibniz – Hannover – Bahlsen – Keks. Natürlich hat der hinterlistige Herr Bahlsen die Konnotation gewollt: Bahlsenkeks – dem Leib nizt! Und was haben wir heute? Den couch cake. Der Gerechtigkeit halber sei allerdings hinzugefügt, dass viele dem Hannoveraner gefolgt sind, die Beukelaers und die Griessons, die Lambertzs und die Coppenraths usw. usf.

Ich kekse, wenn du kekstest.
Ich kaks bereits, sagst du, mein Keksweib, meine Kebse.
Wie schade, wo wir doch stets zusammen keksend auf dem Laken lagen.
Und Krümel piekten.
Nicht wenn ich die Kekse im Apfelkorb versteckte.
Und doch, sagt sie, die Kekse haben Zähne.
Ich weiß, ich weiß, bei Leibniz sind´s gar 48. Wenn ich genau sein will, sind an den vier Ecken noch furchteinflößend große Reißzähne, macht nach Adam Riese 52.
Und du, sagt sie, hast nicht mal 32 mehr.
Du gehst mir auf den Keks, sag ich, ich kekse jetzt allein, du Keifweib von einer Kekse.

Leibniz sei´s geklagt, der Keks ist alt und wabbelig, heraus kriecht die Monade. Die Keksverkäuferin hat mich betrogen, die graugraue Kellerassel, die nachts nackte Egelschnecke. Zu hoch gegriffen, Freund, es fehlt das on, genau schau hin, es ist nur eine Made, eine ganz gemeine Made nur, just made in Moder. Da hat sich´s ausgekekst.

Kegelkekse sollen rollen für den Sieg. Siech heil! Was sollen Prinzenrollen sollen? Nichts und abermals nichts. Kackkekse sind´s, dreh fleißig die beiden runden Deckel gegenläufig in deinen warmen Händen, bis sie sich lösen. Was siehst du dann? Kackbraunen Keksekleber, den Kinder mit viel zu großen Schneidezähnen herunterkratzen, bis sie Keksbrei kotzen (pardon!) und das Verhältnis der Anzahl ihrer Zähne sich bald verschlechtert zur Leibnizzahl von 52.

Der Keksfortschritt in Gestalt des Fortschrittskekses ist unaufhaltsam. Panta rhei. Heraklit soll´s gesagt haben, sagt Simplikios aus Kilikien, sagt die Zunft der Philosophen. Aber auch das Volksgut weiß davon zu berichten: Und wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein (neues) Kekslein her. Und das heißt: Soft Cake Orange. Kein Agent Orange zwar, doch reicht´s, die Geschmacksknospen zum Verdorren zu bringen. For ever! Einen Big Mac in seinen Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. Zur Not kommt er eben als Cake Orange. Basis = ein fluffy Keks, Zwischenlage = Pampe mit chemorange Geschmack, obendrauf ein Schokoladenhut, tut immer gut.

Wer nun glaubt, der Panzerkeks schützte ihn gegen alle Arten von aufdringlichen, aber auch heimtückisch getarnten Keksen, der irrt. Er ist ein großer Irrer vor dem Herrn, aber er möge sich trösten, er ist nicht allein. Hier gilt die altüberlieferte Weisheit: errare humanum est (nach Hieronymus, Brief 57). Der Panzerkeks, auch Panzerplatte, ist zwie- und dri-, gar viegebacken, furztrocken ist er dann und diente einst als Proviant für Krieger und Seeleute. Letztere tunkten ihn ins Brackwasser ihrer Trinkgefäße, dann schoben sie die amorphe Masse zwischen ihre skorbutösen Zähne und würgten sie hinunter. Als Heldenspeise hat das panis militaris bis heute überlebt und soll so manchem zum Überleben verholfen haben. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die Schnupftabaksdose des Alten Fritzen. Das schussfeste Stück, nicht Friedrich, die Dose natürlich, kann heute noch im Museum bewundert werden. Und was, bittschön, ist der Unterschied zwischen einem kleinen Holzkästchen und einer Panzerkeks 4x5x0,5 cm?

Alleine keksen ist wie einsam koksen, ergo mach ich kehrt und kriech auf krebsesweise zurück zu meiner Kebse. Genug des Stabens, wo laben wir denn? Im Labsaal, dem dämmerig erleuchteten, da find ich sie, ausgebreitet in ihrer ganzen Pracht, aufbereitet, ja zubereitet und wunderbar drapiert. Für mich? Für mich! Fürcht ich mich? Ich Johann Fürchtegott und sonst nichts auf der Welt.
Mein süßer kleiner Knabberkeks, so fang ich an.
Nichts, nur ihre Kügelchen gehen langsam auf und ab und auf und ab.
Rate mal, was ich dir mitgebracht?
Nichts, nur ihre Kügelchen…
Einen Glückskeks.
Nichts, nur…
Knusper, knusper Knäuschen, welch Sprüchlein ruht in meim Kabäuschen?
Sie stellt die Beine auf, sie lebt!
Ich singe: Wie freu ich mich, wie freu ich mich, wie treibt mich das Verlangen.
Die Quietschkautsch fällt ein in meinen Lustgesang.
Lass den Qietsch, sagt sie unwirsch. Und räkelt sich und röchelt was, ruckeldiezuckel, fällt hinter sich. Aufs Kanapee. Zurück
Bleib liegen, Wittchen weiß wie Schnee! Mein Zweiunddreißigzähnigs.
Wer knappert an meim Kekschen? fragt sie.
Ich bin´s der Wolf und fress dich auf mit Haut und Härchen.
Ich ruf den Jägersmann und dann! Und dann.
Dass ich nicht lach, der weide Mann hat sich verkekst im finstern Tann, wo ihm der Fuchs geklaut sein Navy-Navi. Warum auch hat er nicht sein Waldi-Navi mitgenommen.
Du kecke quecke Schnecke, steh auf und wandle, dich, und mich zum Zwecke, weißt schon was.
Warum schon wieder das!
Why not! Und dies und das, zum Spaks, mein Knabberkeks. Vastekst?

Notwendiger Ekskurs: Prof. Dr. Käk S. Deause will in seiner über erkleksliche Jahre sich erstreckenden Forschungsarbeit herausgefunden haben, dass ein direkter Zusammenhang bestehe zwischen dem Keks als solchem und der Libido als solcher, nicht hingegen zwischen der Libido an und für sich und dem Keks für sich an. Alles Keksolores, meint hingegen sein schärfster Widersacher in rebus panificiorum Prof. Dr. mult. Butt R. Cakes von der Oxford University, Department Cooking & Baking,  Deause habe als Franzose die Interessen der Biscuit- und Gâteaulobby der Grande Nation vertreten, man solle sich doch nur einmal seinen Namen genau ansehen. Damit stehe er, Deause, in der verkorksten Tradition des unseligen Marquis de la Galette, der im Fin de Siècle eine Professur an der Sorbet in Paris innehatte, dem man den Schlund beizeiten mit Brei von Keks hätte zustopfen müssen. Der Wissenschaftsgesellschaft wäre viel Ungemach erspart geblieben.

Ich, Schüler des kritischen Empirismus, neige nach zahlreichen Experimenten und deren exakter Auswertung den Ergebnissen der Deauseksen Forschung zu, ja, ich würde sie, wenn es denn sein müsste, jederzeit in einem Streitgespräch verteidigen. Und, dies würde allerdings die Grenzen der Sittlichkeit für manchen überschreiten, und ich würde sogar einen kleinen Kreis von Exzellenzforschern zu einem Feldexperiment einladen.

Zurück in der guten Stube.
Der Boden voller Brösel. Der Bröselhund ist tot, der Putzfrau hat gekündigt, was tun? Tschto delat? (Lenin 1912) Das haben wir´s: Schoko lad. Der dunkle Schokokeks, die Haare wirr, liegt immer noch auf weicher Lade, schade, und weiß nicht, tschto delat.
Der tiefe Brunnen weiß es wohl; In den gebückt, begriffs ein Mann, Begriff es und verlor es dann.
Hartkeks, der ich bin, partiell, doch immerhin, lass ich mich von dir erweichen, deiner weichen Weisheit.
Dann komm, mein Prinz, zum Doppelkeks.

Pan di stelle meldet sich zum Dienst, tiefbraungebrannt, hochdekoriert mit elf Zuckersternen, leuchtend weiß wie Kristall, fürs Nahkampfkeksen ohne Kettenhemd und Helm. Reiß mir die Sterne ab, Kiksilitzchen sind´s sonst nichts, und degradier mich zum Gemeinen! Ganz unten will ich wieder anfangen und mich hochkeksen in der Kekserkarriere, mir Stern für Stern aufs neu im ketzerischen Kebsendienst erwerben.

Nun aber, in Zeiten fortschreitender Profanierung des Heiligen, so auch des allerheiligsten Kekses, duplo und dreieinig, soll´s Kekse geben in Form und Größe von Visa Card und Visitenkarten. Darf ich Ihnen meinen Visitenkeks überreichen? Oder:tut mir leid, aber wir akzeptieren keine Visakekse. Nicht bewährt hat sich der Postkartenkeks. Nicht einer soll den Empfänger nach der Stempelung unverkrümelt erreicht haben, die Deutsche Post weigert sich daher, weiterhin Kartenkekse zu befördern. Natürlich ist es jedem unbenommen, seinen Nachrichtenkeks höchstpersönlich zu überbringen, es sind allerdings nur wenige derartige Fälle bekannt geworden und diese sollen sich auf innerörtliche Bereiche erstreckt haben. Kinder, so geht die Fama, haben sich als nicht zuverlässig erwiesen, weil sie – man hätte es sich denken können – die Nachrichtenkekse kurzermund gegessen haben.

Eine längere Karriere war dem Kassiberkeks beschieden. Lesen und essen ist eins. Da konnten die Ärzte noch so oft röntgen oder lange auf den Stuhlgang warten, nichts zu sehen, nichts zu finden, viel zu riechen. Mancher Kokserchef hat seine Geschäfte aus dem Knast problemlos weitergeführt. Auf welch krummen Wegen nun irgendein Kriminaler, dem das Ganze gewaltig auf den Krimikeks gegangen war, hinter das Geheimnis gekommen ist, weiß die interessierte Öffentlichkeit bis heute nicht. Die Behörden mauern. Den Journalisten zeigen sie die Monsterkekseszähne.

«Back dir deinen Feind» war der Slogan für den Psychokeks aus der Esoterik-Dunkelkammer. Mitgedacht war natürlich „Und friss ihn!“ Menschenschützer haben dem Spuk ein Ende gesetzt. Allerdings mussten sie einen weiten Weg gehen über alle Instanzen bis nach Karlsruhe. Ob der Geschäftsfrachter heute unter fremder Flagge fährt, weiß ich nicht, denkbar ist es alle Mal.

Mir jedenfalls hat der Mörderkeks als solcher sehr gut getan, und keiner kann mich daran hindern, hin und wieder mir einen Feind zu backen und zu fressen und letztendlich der cloaca maxima zuzuführen. In schönster Bastarda für den älteren Feind oder in Verdana für jüngeren steht auf dem keksekleinen Platz, um nur zwei Beispiele zu nennen: Möge es dir übel ergehen im Lande (Bastarda) oder To hell with you, motherfucker! (Verdana). Ich kann mir Zeit lassen, die Rache kalt genießen, erst die Zähne am Rand abbeißen, dann Wort für Wort zerbeißen und zerspeicheln. Genuss ist langsam oder er ist nicht (deutsches Volksgut).

Oh du mein Rehkikslein auf dem Canapee. Schokoladentaler hast du statt Augen! Ohnegleichen locken deine Brüste!! Oh mandelförmiger Cantuccio sempre umido!!! An dir möcht ich mich totfressen, Komet werden am vollbekeksten Firmament, als neuer Keks dort leuchten in Ewigkeit Amen. ■

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Rainer Wedler

Geb. 1942, nach dem Abitur als Schiffsjunge in die Türkei, nach Algerien und Westafrika; Studium der Germanistik, Geschichte, Politik, Philosophie, Promotion über Burleys «Liber de vita»; zahlreiche Lyrik-, Kurzprosa- und Roman-Veröffentlichungen

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Menantes-Förderpreis für erotische Dichtung 2010

Posted in Erotik, Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 22. Dezember 2009

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Gesucht: Galante Gedichte und Erzählungen

Die Evangelische Kirchgemeinde Wandersleben schreibt in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift «Palmbaum» zum dritten Mal ihren Menantes-Förderpreis für erotische Dichtung aus. (Der Preis ist benannt nach einem der «galantesten», sprich frivolsten Dichter des Barock, dem Wanderslebener Literaten, Satiriker und Librettisten Christian F. Hunold, alias Menantes / 1680-1721). Eingesandt werden können je bis zu drei unveröffentlichte Gedichte oder eine unveröffentliche Kurzgeschichte mit max. fünf Manuskriptseiten. Einsende-Schluss ist am 30. April 2010, die weiteren Details finden sich hier. ■

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Humoreske von Franz Trachsel

Posted in Franz Trachsel, Humor, Humoreske, Literatur, Neue Prosa by Walter Eigenmann on 4. Dezember 2009

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Hab Sonne im Rücken!

Franz Trachsel

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Auf Rad- und Fußwegen als Stuntman aufzutreten ist nicht der spektakulärste Ort dafür und daher von anderer «Persönlichkeitsstruktur» als im angestammten Film. Anderer Natur daher auch der hier abgehandelte Auftritt, nämlich teils außerirdischer, teils aber vor Ort in Szene gesetzter. Eine Stuntrealität jedoch insofern, als der gewöhnliche Erdenbürger, vorausgesetzt er ist ein Radfahrer, als solcher gemeinsam mit keiner Geringeren als mit Frau Sonne am Himmel Regie führt und zwar in Gestalt eines aktivierten Schattens seiner selbst.
Schatten haben sowohl als Begriff wie auch real ein physikalisch misshelliges Dasein. Sie sind sozusagen Licht und Schatten zugleich. Das vor allem mit einem immens belebten Adria-, einem Balearen- oder Atlantic-City-Strand oder wo auch immer rund um den Erdball, mit schattenspendenden Palmen auf einer Wüstenoase, vor Augen. Selbst dem Radfahrer müssen Licht und Schatten, soweit in Stuntgestalt, nicht bloß als nichtsnutzige Begleiterscheinungen vorkommen. Zur richtigen Tageszeit – Schönwetter vorausgesetzt – am richtigen Ort in der einschlägigen Richtung unterwegs, erlebt er sie einer pfiffigen Himmelslaune, ja -gunst gleich. Und zwar mit Frau Sonne im Rücken. Sollte sich angesichts dessen in ihrem nach Milliarden von Jahren zählenden, höchst warmen Antlitz auch nur ein Hauch von Herzlichkeit regen, dann gewiss aus Freude darüber, aus knapp 150 Millionen Kilometern Entfernung an solch einem präzisen Erdbewohner-Phänomen maßgeblich beteiligt zu sein. Das umso mehr, als fast alles dafür spricht, dass wir die einzigen Lebewesen der Primatenspezies sind, die sich so in ihrem Licht-, Wärme- und Blickfeld tummeln.
Erstmals muss sich solcherlei Einvernehmen auf Mutter Erde – Strassen, ob von den Radfahrern gleich als solche wahrgenommen oder nicht – zur Zeit der meisten Fahrräder vor 200 Jahren eingestellt haben. Dies noch 150 Jahre bevor selbst im Fahrrad-Akkumulator mitgeführte Solar-, also von Frau Sonne gespiesene Energie den Fahrer bei Bedarf beim Pedalen zu unterstützen begann.
Schöne Tage zeichnen sich bekanntlich vielfach auch durch geradezu romantische Abende aus. Herbstabende zum Beispiel können eigentlichen Günstlingen gleich daherkommen. So die Stunden erfüllter irdischer Ansprüche Mr. Stunts: Ein vor allem fülliger Lichteinfall aus spiegelklarem Himmel. Fallen dessen abendlich milde Strahlen flachst denkbar und makellos linear zum West-Ost-Weg ein, sieht er die entscheidend wichtigen Voraussetzungen für seine stolzen Auftritte erfüllt.Etwas Musisches bis schattenhaft Strenges ist nun einmal dran und eine Prise Satire dazu. Musisch der Schattenwurf in Stunts-Gestalt selber, satirisch aber das Wie! Wem sonst nämlich wäre es beschieden, seinen Auftritt grundsätzlich nur bodenflach kopfvoran zu erbringen! Und welcher zum Zeitpunkt seiner Auftritte auf dem demselben Weg unterwegs befindliche Fußgänger nähme nicht Rücksicht auf solcherlei reichlich anders gelagerte Verkehrsteilnehmer! Als solche zeichnet sie nun einmal eine ureigene Signalwirkung aus, die ihresgleichen sucht. Je .länger die Schattengestalt, bei idealem Sonnenlicht-Einfall zwölf und mehr Meter, desto ansehnlicher der Abstand des in Wirklichkeit hinterher Pedalenden und zum Beispiel von Spaziergängern als umso schicklicher empfunden, ihm auf eine freie Fahrt auszuweichen. Wenn sich da nicht selbst Frau Sonne, ihrem abendlichen Untergang nahe, angesichts dessen nicht bisweilen aus ihrer schier universalen Ferne im Sinne eines «Hab Sonne im Herzen» ein diskretes Schmunzeln leisten würde! Aber wie sie sich rund um den Erdball und rund um die Uhr pausenlos irgenwo von neuem auf eine gute Nacht verabschiedet, so meldet sie sich unaufhaltsam stets auch irgendwo auf einen neuen Tag.
Ob dann durch unfreundliche Wolkenhüllen am Bestellen jeweiliger neuer Stunts gehindert, das ist hier Frage. Desgleichen auch ob solche irgendwo auf dem Erdball sich auch durch ihre gute mitteleuropäische Schlankheit auszeichnen. Und das unabhängig von ihrer bisweilen ansehnlich bodeneben dahinhuschenden Länge. So oder so, es lohnt sich als Radfahrer solche gleich am Morgen gemeinsam mit Frau Sonne wieder kreiieren zu gehen. Ihr Auftritt lässt sich zu früher Stunde nach ihrem Aufgang, ob gleich nun aus Osten dem Westen entgegen, diesmal erst recht sehen und erleben. Was, wenn die Frühe, der Einfallswinkel und dessen Linearität stimmen, den jungen Morgen an auffälliger Frische auszeichnet, zeichnet nämlich desgleichen auch seine Stunts aus. Und der mitverantwortliche Regisseur,  der Radfahrer hätte (ob mit oder ohne vor ihm unterwegs befindliche Fußgänger) Grund, das bekannte Lied «Hab Sonne im Herzen» auf «Hab Sonne im Rücken» abgewandelt zu singen! Denkbar, dass er damit sogar ans Herz des Stuntmans zu rühren vermöchte! ■

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Franz Trachsel
Geb. 1933, langjähriger Lokal- und Kulturjournalist bei verschiedenen Printmedien, Kurzprosa in Zeitungen und Zeitschriften, lebt in Emmenbrücke/CH

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Joseph-Heinrich-Colbin-Literaturpreis 2010

Posted in Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 18. November 2009

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Gesucht: Texte zum Thema «Die nackte Angst»

Zum Thema «Die nackte Angst» schreibt das dt. Onlinemagazin Einseitig.info seinen zweiten Joseph-Heinrich-Colbin-Literaturpreis aus. Teilnehmen können Autorinnen und Autoren mit kurzbelletristischen oder essaystischen Texten mit einer max. Länge von 20’000 Zeichen. Einsende-Schluss ist am 1. März 2010, weitere Details sind hier zu finden.

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Der MDR schreibt Kurzprosa-Wettbewerb aus

Posted in Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 3. November 2009

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Gesucht: Short-Storys und Kurzgeschichten

MDR_Literaturpreis 2010Der Mitteldeutsche Rundfunk MDR schreibt einen Kurzgeschichten-Wettbewerb aus, der offen ist für deutschsprachige Autorinnen und Autoren, die bereits literarische Texte veröffentlicht haben. Er ist eine Einladung, sich mit einem bisher unveröffentlichten Prosa-Text (Kurzgeschichte, Short Story) zu beteiligen. Der Wettbewerb gilt ausschließlich für erzählende Texte (Kurzgeschichte, Short Story). Die Länge des Manuskripts ist auf 15-Vorlese-Minuten (ca. 6 Manuskriptseiten mit je 30 Zeilen à 60 Anschläge pro Seite oder rund 11.000 Zeichen mit Leerzeichen) begrenzt. Der Hauptpreis ist mit 5’000 Euro, der zweite mit 2’000 Euro und der dritte mit 1’500 Euro dotiert. Einsende-Schluss ist am 31. Januar 2010, die weiteren Details finden sich hier. ■

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Schreibwettbewerb des Krauss Verlages

Posted in Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 16. Oktober 2009

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Heiteres oder Nachdenkliches über Brieftauben

BrieftaubenKurzgeschichten und Gedichte über den Kulturvorgel Brieftaube sucht ab 1. Januar 2010 der deutsche Krauss-Verlag. Eingesandt werden können «unvergessliche Erlebnisse» (tatsächliche oder erfundene) rund um diese Tiere. Die eingesandte Prosa sollte maximal drei Normseiten betragen, die Lyrik maximal eine A4-Seite umfassen. Einsende-Schluss ist am 30. April 2010, die Einzelheiten sind hier nachzulesen. ■

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Kurzprosa von Andreas Wieland

Posted in Andreas Wieland, Literatur, Neue Prosa, Prosa, Schweizer Literatur by Walter Eigenmann on 3. Oktober 2009

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Mohrenwäsche

Andreas Wieland

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I, fuge. Sed poteras tutior esse domi.
(Geh, flieh! Aber du könntest
zu Hause sicherer sein.)

Martial, röm. Dichter

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Ich bin eine Implosion in einer unansehnlichen und gedrungenen Hülle, ich bin Sonnenschein und Schatten zugleich, ich bin Heil und Unheil, ich bin das Zittern und der Schrecken. Äußerlich ein unansehnlicher Zwerg und bereits hierfür tausendmal für schuldig befunden, schuldig gesprochen von vielerlei Herkunft, geächtet, sei dies wegen verschlampter Unterhaltspflicht oder der Entlassung meiner diebischen Sekretärin, jedenfalls bin ich ausnahmslos Teil von dem was passiert, ob in göttlicher Lauterkeit oder Wust und Moderleben. Einem ungeahnt hart zuschlagenden Schicksal erlegen, beraubt jeglichen Verstandes vom dröhnenden Gerede der Leute, fällt jeder noch so abgefeimte Versuch einer Mohrenwäsche ins Wasser, entrüstend und schändlich, selbst die blutrünstige Schicksalsgöttin antiquarischer Herkunft verabschiedete sich von mir mit einem schon fast liebevollen Schmunzeln, als ich zu Tränen gerührt, mich vor ihr und meinem Hausaltar verneigte und darauf vom Leben verschmäht und mit einer kleinen Sporttasche in der Hand meine Wohnung verließ. Einem fremden Willen in die Hände gespielt schaue ich konsterniert und eingeschüchtert einem unaufhaltsamen Schaudern entgegen, einem sich in den Eingeweiden festgebissenen eisigen Hauch, herausgerissen aus prallem Leben. Wohl bin ich nicht mehr der Koryphäe, welchen ich jahrzehntelang mit zartesten Gefühlen in mir wähnte, meine Verdienste und Ehrungen interessieren keinen mehr, sollte mich jetzt jemand mit Doktor ansprechen, wäre dies der unerhörteste Affront seit Gedenken, schlimmer als alle jemals gehörten unanständigen Worte, einschüchternd und verschwörerisch. Auf die Zehenspitzen emporgereckt klatsche ich meine tremolierenden Handflächen auf den Bahntresen und warte, bis sich die Schalterbedienung mir zuwendet, eruptiv vom Stuhl hochspringt und sich meiner annimmt, abtaucht in meine seelisch verstimmte Klandestinität. Doch lässt sich der Jüngling beinahe schamlos viel Zeit, nichtsahnend, dass in mir Gefühle heftigen Zorns aufsteigen und meine Hände sich längst zu gefährlichen Fäusten geballt haben. «Linie 350!», bricht es aus mir heraus und ich fühle mich versucht, den Jungen Herrn über meine Identität aufzuklären und ihm für ein und allemal klar zu machen, wie man sich als Arbeitnehmer in einem Dienstleistungsbetrieb zu verhalten hat. Doch spucke ich ihm außer mir vor Wut, aber auch aus erzieherischen Gründen, ins Gesicht. Dies geschah am 25. Juni 2008.
Nur langsam spüre ich die sanften Sonnenkringel auf meinen geschlossenen Augen und höre den Wind in Büsche und Baumkronen fahren. Den Träumen entnommen liege ich mit Petra auf weichem Gras, eingehüllt in eine karierte Wolldecke, nebenan unser Picknickkorb und die Fahrräder, wild verstreut die Kleider. Doch trete ich schon kurz darauf mit dem einen Fuß gegen zwei Weinflaschen, rau wie ein Reibeisen fühlen sich meine Wangen an und der feuchte Boden zwingt mich aus meiner Kauerhaltung. „Ob es gut geht, ist uns“, knattere ich in reichlicher Enttäuschung vor mich hin und taste mit den Händen nach klagenden Körperstellen. Natürlich hätte ich mir ein Zimmer leisten können, meinetwegen in einem Vier- oder Fünfsternehotel, im DIEHL’s oder im Contel beispielsweise, doch will ich mir meinen Abschied nicht nehmen lassen, aller Verderbnis zum Trotz, soll dieser Wille stärker sein als jeglicher Verstand. Von dieser Tatsache gebeutelt fliehe ich weiter auf das unbekannte Waldstück vor mir zu, zusammenzuckend bei jedem vorbeifahrenden Auto und bereits das leiseste Rascheln im Gras lässt mich Schlimmstes erahnen und an den Fingern zähle ich aufgelöst die Jahre bis zu meiner letzten Starrkrampfimpfung zurück. Von schmerzenden Hungergefühlen geplagt peitsche ich mich weiter durch unwegsames Gelände, unweit von mir höre ich aufheulende Motorsägen und das Krachen von Fichten und Buchen, gefasst werde ich mich als Vogelkundler in eigenem Auftrag ausgeben, sollten mich die bärtigen Holzfäller zu Gesicht bekommen und im Stillen hoffe ich auf deren Bekanntschaft, sei es auch nur um ihnen ihr Pausenbrot streitig zu machen. Die kleine Sporttasche vor mich herschiebend pirsche ich mich auf Ellenbogen an sie heran, auch ihr Geländewagen konnte ich ausmachen, und von diesem aus berechne ich jetzt verschiedenste Radien zu den zwei Holzfällern und ziehe unterschiedlichste lebensrettende Faktoren bei, um mich im Notfall schnellstens aus dem Staub machen zu können.
Mit stolzer Diebesbeute stürze ich mich weiter in die Wildnis und deren unaufhaltsamen Abenteuer, immer geläufiger wird mir Wald und Gelände, kartographiert im genialen Geiste eines Geächteten. So mangelt es mir nur selten noch an Brot und Käse und Wurst und auch in der Zuordnung von Vogelstimmen habe ich beträchtlichen Fortschritt gemacht.
Am 13. August 2008 stahl ich in Berresheim aus einem Schuppen ein Brecheisen, dies vorwiegend aus präventiven Beweggründen denn aus bösartiger krimineller Energie. So sind die Nächte bereits kühl und in keinem Fall darf mich solch läppische Naturgewalt zurück in die Arme der Gesellschaft treiben können, in festem Griff halte ich also dieses seltsame und verrostete Instrument. Von den nächtlichen Lauten wie von Nadeln gestochen erhebe ich mich fröstelnd von meinem Lager und lege das Brecheisen zwischen die in die Sporttasche gestopfte Wäsche. Ausgehungert und mit trockenem Gaumen schreite ich ziellos in Richtung Bernardshof, in Mayen Ost könnte ich dem 312er zusteigen, natürlich kann ich das tun, ob Segen oder Fluch, einmal werde ich mich der Zivilisation wieder annähern wollen, ob heute oder morgen, Lapis iacta est.
Mit noch klammen Fingern umfasse ich zweihändig meine Sporttasche, drücke diese gegen meine Brust wie ein Schutzschild und mit gesprungenen Lippen und schmerzverzogenem Gesicht frage ich mich in Mayen nach einer billigen Pension durch, eine Bruchbude wäre mir am liebsten, sage ich mühsam lächelnd zu einem jungen Herrn und laufe unter seinem richtungsweisenden Arm hindurch wie unter einer Bahnschranke, aufgeregt nach links und nach rechts blickend, die Siegfriedstraße überquerend. Seine angsterfüllte Stimme und den nervösen Fingerzeig memorisiert und strikte befolgt, finde ich die Unterkunft schneller als erhofft und heruntergekommener als erdacht vor, und allmählich spüre ich wie Kopf und Körper von einer beinahe zu unerträglichen Leichtigkeit durchflutet werden. Doch aus dem Schatten des Backoffice heraus bemerke ich den feindlich gesinnten Blick der Besitzerin dieser seltenen und nirgendswo vermerkten Unterkunft, gut beraten ist hier derjenige, der keine Fragen stellt, der weder Zimmerservice noch Frühstück erwartet.
Schwere Regenwolken bedeckten am 28. November 2008 das Gebiet der Osteifel. Wie totes Tuffgestein stechen meine Augäpfel aus tiefliegenden Höhlen und durch meine Pfundnase atme ich den immer dichter werdenden Nebel, die feierabendlichen Abgase und den mir verhassten Gestank von aus Hinterhöfen herüber gewehten Frittierölschwaden ein. Zum ersten Mal seit meinem Ausbruch denke ich an mein leerstehendes Zuhause, an die Plastikblumen auf dem Altar und an meine Schicksalsgöttin. Mit Argusaugen wird sie mich wohl überprüfen und stillschweigend wieder von mir Opfer fordern, diese meist unter Ausschluss meines Bewusstseins oder zumindest so, dass es mir schwer fällt, ihre eigentümliche Sprache zu verstehen. Doch weiß sie haargenau was zu einem gelungenen Leben gehört und somit will ich demütig ihren ausgeklügelten Plänen dienen. Hiervon scheint meine ganze Gestalt durchdrungen zu sein, auf Ablehnung aufgebaut, doch darin behütet und gepflegt wie ein kostbares Juwel. Im Schutze der eingebrochenen Nacht und ihrer wohligen Dunkelheit schleiche ich Mauern entlang und durchquere Hausgärten, stampfe über brachliegende Blumenrabatte und breche alles ab, was den Anschein einer glücklich erlebten Blüte hinterlässt. Und sollte man mich in meinem Tun aufhalten wollen, würde die Kraft göttlichen Schicksals die Erde erneut spalten und Funken speien, implodierend ein weiteres Genie gefährlicher Abtrünnigkeit, in Asche gehalten und verfolgt von der Uneinsichtigkeit und Unvernunft tyrannischer Triebe, unerbittlich und böse würden geheime Bindungen fortgesetzt werden auf dem von mir geebneten Weg. ■

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Andreas WielandAndreas Wieland

Geb. 1969 in Chur/CH, Studium an der Höheren Fachschule für Hotel- und Tourismusmanagement, anschließend als diplomierter Hotelier in den Kantonen Graubünden, Zürich und Luzern tätig, Kurzprosa- und Roman-Publikationen, lebt als freischaffender Schriftsteller in Walenstadt/CH

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