Glarean Magazin

Verband deutscher Musikschulen

Posted in Buch-Rezension, Musik, Musik-Rezensionen, Musikpädagogik, Musikschule, Rezensionen by Walter Eigenmann on 21. Januar 2010

.

Thematisch erweiterter Lehrplan für Klavier

Walter Eigenmann

.

Der Verband deutscher Musikschulen hat seinen neuen «Lehrplan Klavier» herausgegeben. Die 80-seitige Broschüre will gemäß Herausgeber «alle wesentlichen Aspekte eines zeitgemäßen Klavierunterrichts» vermitteln. Der Plan soll eine Arbeits- und Orientierungshilfe für Beruf und Studium bilden. Wesentliche Themen sind dabei u.a: Klavierschulen und Unterrichtswerke – Klavierunterricht mit Erwachsenen – Liedspiel und Improvisation – Jazz, Rock, Pop – Üben – Unterrichtsplanung – Vorspiel- und Konzertgestaltung.
Der Lehrplan für Klavier eröffnet gemäß Verband eine «neue Generation» von Lehrplänen für alle Instrumente und wird exklusiv vom Bosse Verlag vertrieben. Neu sind die VdM-Lehrpläne in verschiedener Hinsicht: Hinzu kamen nun in einem ersten allgemeinen Teil umfangreiche pädagogische Grundlagen und Einführungen zur Unterrichtsmethodik des jeweiligen Instruments mit speziellen Hinweisen zum Üben, zu Vorspiel und Konzert und zur Leistungsförderung; neu ist der Unterrichtsplan auch in Form einer mehrseitigen Tabelle, die Spieltechnik, Musiklehre und Musizieren nach Inhalt und Methodik über die Unterrichtsstufen hinweg aufschlüsselt. Übersichtlicher ist schließlich auch das Literaturverzeichnis gestaltet, und erstmals werden neben den «üblichen» Musikepochen auch die Stilbereiche Jazz, Pop und Rock als selbstständige Kategorien behandelt. Verzeichnisse von Verlagen, elektronischen Medien, Zeitschriften und Verbänden runden das ganze Informationsangebot ab (siehe auch untenstehendes Inhaltsverzeichnis).
Der neue «Lehrplan Klavier» gibt dem interessierten Musikpädagogen eine breitgefächerte, stilistisch wie didaktisch ebenso progressiv wie systematisch konzipierte Orientierungshilfe an die Hand, die weniger ihrem Buchstaben denn ihrem Geiste nach ein Leitfaden für die tägliche Arbeit anbietet. Eine willkommene, angesichts der Vielfalt der heutigen Ansprüche an Schüler- und Lehrerschaft gar notwendige klavierpädagogische Stütze – ob nun im Einzel, Partner- und Gruppenunterricht angewandt. ■

Verband deutscher Musikschulen, Lehrplan Klavier, 80 Seiten, Bosse Verlag, ISBN 9783764937409

.

.

.

Probeseite

.

.

.

.

.

Gerd Arendt: «Instrumentalunterricht für alle?»

Posted in Buch-Rezension, Christian Schütte, Musik, Musik-Rezensionen, Rezensionen by Walter Eigenmann on 2. Dezember 2009

.

Effizienz und Perspektiven des Klassenmusizierens

Christian Schütte

.

Instrumentalunterricht für alle? Dieser Frage widmet sich Gerd Arendt in seinem kürzlich erschienenen Buch, das als Band 91 im Forum Musikpädagogik in den Augsburger Schriften, herausgegeben von Rudolf-Dieter Kraemer, veröffentlicht ist.
«Zur langfristigen Relevanz des Klassenmusizierens und der Notwendigkeit einer Reform des Musikunterrichts» heißt es im ausführlichen Untertitel. Damit greift der Autor ein Thema auf, das in den vergangenen Jahren in Deutschland flächendeckende kulturpolitische Relevanz bekommen hat. Das Klassenmusizieren ist zu einer vielfältig eingesetzten Institution geworden, Schüler bekommen im Rahmen dieser Maßnahme die Möglichkeit, zwei Jahre lang begleitend zum sonstigen Unterricht mit ihrer Klasse musikalisch zu arbeiten. Das kann in Form von Blasinstrumenten passieren, die dann zu einem Ensemble geformt werden, aber auch in Form eines Chors. Allgemeinbildende Schulen arbeiten mit den örtlichen Musikschulen zusammen, gefördert wird das Projekt in der Regel durch die Kultus- und oder Wissenschaftsministerien.

Ansatz und zugleich Legitimation des Autors für seine Studie ist, dass der flächendeckenden Ausbreitung des Klassenmusizierens noch keine qualitativ und quantitativ entsprechende Studie über Erfolg, Effizienz und Perspektiven entgegengesetzt wurde. Qualitätskontrolle ist ein wichtiges Stichwort nicht nur in der freien Wirtschaft geworden, und die finanziellen Mittel, die in die Projekte fließen, drängen solche Erhebungen nachgerade auf.

Die Untersuchung ist klar und plausibel gegliedert: Teil A) legt die theoretische Grundlage dar, Teil B) widmet sich unter dem reichlich chicen Titel «Das Forschungsdesign» Darstellung und Methodik des Forschungsansatzes, Teil C) dokumentiert empirische Untersuchungen, und in einem ausführlichen Teil D) fasst der Autor seine Forschungsergebnisse zusammen.

«Wenn Kinder auf musikalische Entdeckungsreise gehen und spielend miteinander ans Ziel kommen»: Klassenmusizieren in der Schweiz

Teil A) ist eine gründliche Bestandsaufnahme. Geschichte und aktuelle Situation des Klassenmusizierens in Deutschland werden anhand verschiedener Beispiele aufgezeigt, einzelne Ländervorhaben wie das in Nordrhein-Westfalen gestartete «JEKI»–Projekt (Jedem Kind ein Instrument) dabei in Beziehung zu flächendeckenden Praktiken gesetzt. Dabei zeigt der Autor ein sensibles Gespür für Problematisierungen von Begrifflichkeiten, die bereits in sich Fragen aufwerfen, bevor es überhaupt zur Beschäftigung mit Inhalten kommt. Ein Beispiel: Die Kennzeichnung des Vorhabens mit dem Begriff «Projekt» stellt der Autor in folgender Passage zutreffend in Zweifel: «Aber diese ‘Projekte’, die als Teilnehmer in Frage kommen, sind – liest man etwa den Bericht von ‘Learnline’ (NRW-Schulministerium) – allesamt schon lange über ein ‘Projektstadium’ hinaus, manche Streicher- bzw. Bläserklassen bestehen sogar über zehn Jahre. Warum untergräbt man also durch die gewählte Diktion die Relevanz bereits bestehender Konzepte und suggeriert auf diese Weise, es bestünde trotz einer zugestandenen Etablierung [...] der Charakter einer gewissen Vorläufigkeit, gleichsam einem «Unterrichtsversuch»? (S.18)

Im Kapitel «Forschungsdesign» entwirft der Autor u.a. einen Thesenkatalog, mit dem er noch einmal grundsätzlich auf die bislang nahezu unerforschte Praxis, Wirkung und Effizienz des Klassenmusizierens hinweisen will: «Eine mutmaßliche ‘Langfristigkeit’ der Wirkung des Klassenmusizierens ist schon deswegen nicht auszuschließen, da sich bestimmte Bezugspunkte bei der Entwicklung der musikalischen Persönlichkeit bei fast jedem Menschen noch Jahre später nachvollziehen lassen.» (S.52) – und das ist sicher eine wertvolle Ausgangsbasis der weiteren Untersuchungen, die gleichwohl auch unter folgender Prämisse stehen: «Persönlichkeitsentwicklung ist ein Prozess langfristiger Dimension.» ( S.52).
Dies ist nur ein signifikantes Beispiel aus der Untersuchung, mit dem der Autor klar zu erkennen gibt, dass er mit seinem Buch unter anderem eines will: Gedankenanstöße geben, Fragen aufwerfen, die weiter und vor allem tiefer verfolgt werden können und müssen, um die Relevanz der immer flächendeckender werdenden Projekte zur musikalischen Breiten- und Nachwuchsförderung aufzuzeigen bzw. sie zu legitimieren. Hierzu hat Gerd Arendts Untersuchung hohen Wert.

Abgerundet wird die Darstellung u.a. durch Erfahrungsberichte ehemaliger Teilnehmer des Klassenmusizierens. Das ist einerseits plausibel insofern, als auf diese Weise etwa die Motivation dargelegt wird, später Schulmusik studiert und damit gleichsam die Perspektive gewechselt zu haben. Inwieweit andererseits das Gesamtvorhaben durch Äußerungen relativiert wird, die klar zum Ausdruck bringen, das Projekt habe aus der Sicht der Schüler in Einzelfällen mehr soziale Auswirkungen denn musikalische gehabt, sei dahingestellt. Wenn das jedenfalls als Wirkung und Funktion hängen bleibt, ließe sich das Projekt als solches einigermaßen beliebig gegen andere austauschen… ■

Gerd Arendt, Instrumentalunterricht für alle? – Zur langfristigen Relevanz des Klassenmusizierens und der Notwendigkeit einer Reform des Musikunterrichts – Forum Musikpädagogik, Band 91 Augsburger Schriften (Hrsg: Rudolf-Dieter Kraemer), Wissner-Verlag, 184 Seiten, ISBN 978-3-89639-710-2

.

INHALTSVERZEICHNIS

A) Theoretischer Teil
1. Einleitung
1.1 Einführung in das Forschungsvorhaben
1.2 Zur Definition des Untersuchungsgegenstands
2. Die aktuelle Situation
2.1 Klassenmusizieren in der Bundesrepublik Deutschland
2.2 Exkurs: „JeKi“ – eine neue Perspektive?
2.3
Ziele und Motive des Klassenmusizierens
2.3.1 Lehrerinteressen/Schülerinteressen
2.3.1.1
Lehrerinteressen
2.3.1.2
Schülerinteressen
2.3.1.3
Das Problem der unbekannten Handlungsziele
2.3.2 Finanzielle Aspekte des Klassenmusizierens
2.3.3 Transfereffekte
2.4
Zum gegenwärtigen Stand der Forschung
3.
Exkurs: Erfordernisse bei der praktischen Umsetzung –
eine Problemskizze
3.1
Fragestellungen
3.2
Vorstudie
3.3
Zwischenfazit
3.4
Didaktische Konzepte
3.4.1 Der institutionelle Diskurs
3.4.2 „Praktikerliteratur“ und Unterricht
3.4.3 Zusammenfassung
3.5
Zur Notwendigkeit einer fundierten Instrumentaltechnik – ein Beispiel
B) Das Forschungsdesign
4.
Ausfaltung des Forschungsansatzes
4.1
Zwei Jahre Klassenmusizieren – was dann? Eine Bestandsaufnahme
4.2
Thesenkatalog
4.3
Konkretisierung des Untersuchungsgegenstands
4.4
Die Rolland-Methode im Kontext der Konzepte
4.4.1 Das Konzept Paul Rollands
4.4.2 Unterrichtsbeschreibung
4.4.3 Lehrmaterialien für den Streicherklassenunterricht
4.4.4 Klassenmusizieren – ein amerikanisches Modell für Deutschland?
5. Zur Methodik
5.1 Begründung der Vorgehensweise
5.2 Die Schule
5.3 Auswahl des Forschungsorts – das soziale Umfeld
C) Empirischer Teil
6. Schriftliche Befragung
6.1 Fragestellung
6.2 Der Fragebogen
7. Auswertung der schriftlichen Befragung
7.1 Häufigkeitsanalyse
7.1.1 Fragekomplex (A) – Musikinstrument
7.1.2 Fragekomplex (B) – Musiksoziologie
7.1.3 Fragekomplex (C ) – Musikunterricht
7.1.4 Fragekomplex (D) – Musiktheorie
7.2 Korrelationsstudie
7.2.1 Einflussgrößen
7.2.2 Zur Signifikanz der Klassenzugehörigkeit bei der Stichprobe
7.3 Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse
7.4 Folgerungen
8. Interviews
8.1 Exkurs: Repräsentativität und Validität
8.2 Auswahl der Probanden
8.3 Konzeptionelles
8.3.1 Fragetechnik
8.3.2 Interviewleitfaden
8.4 Zum Einzelfall-Approach
9. Auswertung der Interviews
9.1 Wissenschaftstheoretische Überlegungen zum Auswertungsverfahren
9.2 Zur Analysepraxis
D) Zusammenfassung der Ergebnisse
10.
Theoriebildung und Schlussthesen
10.1
Persönlichkeit
10.2
Vermittlung instrumentaler Fähigkeiten
10.3
Motivation
10.4
Vorspielstress
10.5
Kurzfristigkeit/Langfristigkeit
10.6
Theorie
10.7
Lebensalter/Instrument
10.8
Zur Modalpersönlichkeit/Schlusskommentar
11.
Zu den Folgen für die Fachdidaktik
11.1
Gegenüberstellung der Ergebnisse mit den didaktischen Ansätzen
für das Klassenmusizieren im Musikunterricht
11.1.1 Zu den Handlungszielen
11.1.2 Zu allgemeinen Lehrzielen in Bezug auf aktives Musizieren
im Unterricht
11.1.3 Zu didaktischen Zielsetzungen mit direktem Bezug
zum Klassenmusizieren
11.2
Exkurs: Zur Individualisierung von Lernprozessen
11.3
Anpassen der Unterrichtsliteratur
11.4
Lehrerfortbildung
12.
Resümee und Ausblick
E)
Anhang
13.
Daten
13.1
Fragebogen Streicherklassenunterricht
13.2
Interviews
13.2.1 „Die Zeit danach hängt davon ab, wie die Lehrkräfte mit der Zeit danach umgehen“ – Anne Gerbel
13.2.2 „An Pädagogik war das gut, womit ich klar kam“ – Florian Zeltmann
13.2.3 „Es war für mich schlimm, wenn ich es nicht so hingekriegt habe wie die anderen“ – Matthias Hohenhövel
13.2.4 „Es hat große Auswirkungen auf die Musikalität später gehabt“ – Katharina Dorfmann
13.2.5 „Als ich hinterher auf die Musikschule gegangen bin, musste ich sehr viel umlernen“ – Julian Wittbrodt
13.2.6 „Der Streicherklassenunterricht hat einen Riesenstellenwert, weil ich sonst nicht an das Cellospielen gekommen wäre – vielleicht sogar an die Musik an sich“ – Martin Terlinden
13.2.7 „Streicherklassenunterricht ist eine Zusatzqualifikation“ – Dajana Sattler
13.2.8 „Es hat auf jeden Fall dazu beigetragen, dass ich Musik studiert habe“ – Marion Twehle
13.3 Korrelationsmatrix
14. Literatur
14.1 Forschungsliteratur
14.1.1 Bücher
14.1.2 Aufsätze
14.1.3 Unterrichtspraktische Literatur/Noten
14.2 Methodik
14.3 Forschungsaffine Literatur (Auswahl)
14.4 DVDs und Videos
15. Abbildungsnachweis
15.1 Abbildungen
15.2 Tabellen

.

.

.

.

Pop, Rock und Jazz im Streicherunterricht

.

String Thing: «Groove it!»

Walter Eigenmann

.

String-Thing_Groovy-Strings_CoverPop auf der Geige, Rock mit der Bratsche, Folk im Cello, oder Latin für den Bass – geht das?? Das geht. Und wie!
Den Beweis angetreten haben (längstens auf der Konzert-/Studiobühne und nun auch in Buchform) die vier deutschen StreicherInnen Jens Peizunka (Kontrabass), Mike Rutledge (Violine), Nicola Kruse (Violine) und Susanne Paul (Violoncello) – genannt «String Thing». Das (durchwegs auf Hochschulen klassisch ausgebildete) Streicherensemble String Thing «groovt» nunmehr schon seit zwanzig Jahren durch volle Konzertsääle und hat sich jetzt mit dem Wiesbadener Musikverlag Breitkopf&Härtel zusammengetan, um dem ganz besonderen Musik-Phänomen «Groove» auch auf den theoretischen bzw. instrumentaldidaktischen Grund zu gehen. Entstanden ist die 140-seitige Grundlagen-Untersuchung «Groovy Strings – Rhythmus&Groove im Streicherunterricht».
Doch was ist eigentlich Groove? Mit «Groove» verbinden die vier BuchautorInnen keinen fixierten musikwissenschaftlichen Terminus, sondern als erstes mal ein «stiltypisches Rhythmusmodell», eine «stilistisch eindeutige rhythmische Ausprägung eines Musikstückes»; Groove umfasst «Tempo, Art der rhytmischen Phrasierung bis hin zur Verwendung typischer harmonischer, melodischer und rhythmischer Strukturen und Figuren» (Christoph Hempel). Sodann betonen die AutorInnen den körperlichen, den spontan mitreißenden Aspekt dieses Begriffes: «Groove kann entstehen, wenn bei einem Musiker die Vorstellung des Rhythmus und seine Körperbewegung genau übereinstimmen. Dazu müssen ihm beide Ebenen mit einer Selbstverständlichkeit, einer ‘Von-alleine-Qualität’ verfügbar sein wie etwa der Herzschlag, das Atmen oder das Gehen».

String-Thing_Groovy-Strings_Phrasierungssilben

Groove-Beispiele von im Heft durchgängig benutzten Phrasierungssilben, basierend auf der gängigen Praxis in Bigbands

Diese Selbstverständlichkeit ist allerdings erst das Resultat, nicht die Voraussetzung der Jazz-/Pop-Ausbildung, denn wie die AutorInnen grundsätzlich die gängige Unterrichtspraxis an den Musik-Schulinstitutionen kritisieren: «Die Meinung unter Jazz-Pädagogen ist immer noch verbreitet, ein Schüler könne von selbst gut phrasieren oder eben nicht. Entgegen dieser Einschätzung sind wir der festen Überzeugung, dass man lehren und lernen kann, Musik aus den Bereichen Jazz, Rock und Pop stilgerecht und ‘akzentfrei’ zu spielen. Was bisher fehlte, ist eine Methodik, die es ermöglicht, die notwendigen Grundlagen dazu systematisch zu vermitteln.» Und weiter: «Es erscheint uns gerechtfertigt, so unterschiedliche Stile groovender Musik wie Swing, Heavy Metal, Reggae, Bossa Nova und Blues unter einem aufführungspraktischen Dach zusammenzufassen und von einer übergeordneten Aufführungspraxis zu sprechen, denn bei allen beträchtlichen Unterschieden haben diese Stile eines gemeinsam: ihre afroamerikanischen Wurzeln. Daraus erklären sich die keineswegs zufälligen, beliebigen oder austauschbaren Gesetzmäßigkeiten, von denen das Rhythmusempfinden (Groove), die Artikulation, die Phrasierung und damit die spieltechnischen Besonderheiten groovender Musik geprägt sind.»

String-Thing_Groove

Eine Referenz-Formation in Sachen Streicher-Groove: String-Thing

Dass ihre «groovige», theoretisch-methodisch sehr durchdachte, didaktisch leicht realisierbare und dabei betont am praktischen, ja «emotionalen», weil v.a. rhythmischen Musizieren ausgerichtete Unterweisung in ziemliches musikpädagogisches Neuland vorstößt, ist den vier Buch-AutorInnen durchaus bewusst. Zu sehr verbreitet ist im herkömmlichen Streicherunterricht noch immer das «klassische», zuweilen mit fast versnobtem Rokokko-Perücken-Puder überzuckerte Image des brav vor seinem Notenständer aufgestellten Geigenschülers, welcher lustlos, aber pflichtbewusst sein Boccherini-Menuettchen rauf- und runterfiedelt, mehr ahnend als wissend, dass seine Violine einen der Hauptpfeiler altehrwürdiger abendländischer Instrumentalkultur symbolisiert. Und das Autoren-Quartett bedauert: «Für Bläser, Pianisten und Gitarristen ist die Beschäftigung mit Jazz, Rock und Pop längst selbstverständlich. Nur bei den Streichern ist dies nach wie vor eher ungewöhnlich, und entsprechende Literatur ist kaum zu finden.»

Vanessa Mae - Geigen-Musik - Violin-Virtuosin

Umstritten, aber wirkungsvoll: Die Pop-Geigerin Vanessa Mae

Sehr richtig auch die Feststellung im Vorwort des Bandes, dass «groovende» Musikstile aller Richtungen den jungen Musikinteressierten möglicherweise überhaupt erst den Zugang zu Geige, Bratsche oder Cello eröffnet: «Die Beschäftigung mit populärer Musik in der mitunter schwierigen Phase der Pubertät kann eine neue Perspektive aufzeigen, wenn z.B. das Spielen von klassischer Musik als ‘uncool’ gilt und deshalb die Möglichkeit erwogen wird, den Instrmentalunterricht entweder ganz aufzugeben oder von einem Streichinstrument zu einem Pop-tauglicheren, ‘cooleren’ Instrument zu wechseln.» Allein dies schon eine schlagende Argumentierung für den Einbezug von Pop-Musik in den «klassischen» Geigenunterricht, dessen Musikauswahl nicht nur mit vergangenen Jahrhunderten, sondern auch mit der persönlich-alltäglichen, massiv Medien-gesteuerten Erlebniswelt der Jugendlichen zu tun haben sollte. (Andernfalls dürften in der Tat, wie allenthalben befürchtet, die Jahre der Geige als «Breiteninstrument» gezählt sein.)

Mozart_Hendrix

«String Thing»: Mozart oder Hendrix? Mozart UND Hendrix!

Allerdings erfordern Jazz- und Popularmusik eine von Klassik deutlich unterschiedene Musikpädagogik. Deren Methodik- und Repertoire-Ansätze für den modernen Streicherunterricht jetzt auf gleichermaßen umfassende wie anregende Weise systematisiert und in ein effizientes Unterrichtskonzept gebracht zu haben ist eine echte Pionierarbeit der als Musiker und Lehrer mehrfach international ausgezeichneten «String-Thing»-Autoren. Zusätzlich aufgewertet wird der großformatige, auch layouterisch und notentypographisch sehr ästhetisch gestaltete Band durch die mitgelieferte Extra-CD, deren Audio-Tracks (Geige, Bratsche & Cello) sowohl zur Einstimmung am Unterrichtsbeginn als auch für den Playback-Hintergrund eingesetzt werden können.
Alles in allem ist «Groovy Strings» (Hörbeispiele) nicht nur eine bis jetzt sehr vermisste Materialsammlung, sondern auch ein methodisch progressiv anwendbarer Leitfaden, der zwar nur bedingt bei Anfängern, aber ab spätestens drittem Unterrichtsjahr systematisch eingesetzt werden kann, und dessen hoher Spaßfaktor die vor lauter ehrwürdiger Geigentradition muffige Luft in so mancher Musikschulstube schlagartig verbessern könnte. «Groovy Strings» ist nicht die Alternative, aber eine wertvolle Ergänzung zum «Klassik»-Unterricht. Das Werk gehört definitiv in die Notenmappe eines jeden Streicher-Pädagogen – direkt neben Mozart&Co.

String Thing: Groovy Strings, Rhythmus&Groove im Streicherunterricht, 140 Seiten & CD, Breitkopf-Härtel Verlag, ISBN 978-3-7651-0387-2

.

Inhalt

Vorwort
Kapitel 1
Zur Arbeit mit diesem Buch
1.1 Übersicht
1.2 Zur Methodik des Rhythmuslernens
Kapitel 2
Was ist Groove?
Kapitel 3
Groovende Musik und Klassische Musik –
Merkmale und Unterschiede
3.1 Rhythmus
3.2 Tanz
3.3 Gesang
3.4 Dirigieren
3.5 Spielbewegungen am Streichinstrument
3.6 Musik
3.7 Zusammenfassung
Kapitel 4
Basisübungen
4.1 Die Groove-Bewegung
4.2 Bodypercussion und Vocalpercussion
(Subdivisions – Der innere Schlagzeuger)
4.3 Klatschen
4.4 Rhythmuswörter, Klatschen und Groove-Bewegung
4.5 Swing
Kapitel 5
Groovende Musik auf Streichinstrumenten – Grundlagen
5.1 Besonderheiten der Aufführungspraxis
5.2 Bogentechnik
5.3 Die linke Hand
Kapitel 6
Spezielle Spieltechniken
6.1 Bigband-Schweller
6.2 Bossa-Strich
6.3 Chicharra-Strich
6.4 Choppen
6.5 Deadnotes
6.6 Feedback
6.7 Gliss-down
6.8 Percussion auf dem Instrument
6.9 Rockiger Klang
6.10 Shake
6.11 Smear
6.12 Walkingbass-Pizz
6.13 Walkingbass-Strich
Kapitel 7
Übungen am Instrument
7.1 Binäre Rhythmen
7.2 Ternäre Rhythmen (Swing)
Kapitel 8
Einführung in die Spielstücke und Übungen
8.1 Die Spielstücke
8.2 Phrasierungssilben
8.3 Zu den Akkordsymbolen
Kapitel 9
14 Spielstücke in binären Rhythmen
9.1 Hans Stampf (M. Rutledge) Viertel und Achtel
9.2 Take It Easy (J. Piezunka) Bossa-Strich
9.3 Claudias Rock (N. Kruse) Achtelketten ohne folgenden Downbeat
9.4 Rockin´ Blue (S. Paul) Übergebundene Noten
9.5 Rock-Works (M. Rutledge) Vorgezogene lange Töne
9.6 Latino (S. Paul) 3+3+2-Pattern, Bossa-Strich
9.7 Regen in Pinar del Rio (J. Piezunka) 3-2-Clave, Bossa-Strich
9.8 Milonga espejial (M. Rutledge) Clave-Rhythmen
9.9 Simple Ballad (N. Kruse) Pop-Ballade mit Vierteltriolen
9.10 Offroad (N. Kruse) Ketten von Off-Achteln
9.11 Tango terrible (S. Paul) Tango-typische Spieltechniken
9.12 Rumpel-Reggae (S. Paul) Percussion auf dem Instrument
9.13 Die Heavy-Nummer (S. Paul) Rockige Spielweise
9.14 Funky Train (J. Piezunka) Funk-Rhythmen
     Kapitel 10 12 Spielstücke in ternären Rhythmen
10.1 Stompin´ Beginning (N. Kruse) Ternäre Achtel
10.2 Bindungs-Blues (S. Paul) Achtelketten mit Offbeat-Bindungen
10.3 Schuffel-Muffel (J. Piezunka) Achtelketten mit Abstoppen
     des letzten Tons („du-batt“)
10.4 Mixed Up (J. Piezunka) Themen der Stücke 10.1–10.3
10.5 On Top Of the Drop (M. Rutledge) Kicks (allein stehende Off-Achtel)
10.6 Jack´s Strings (N. Kruse) Vorgezogene Töne
10.7 Happy End (J. Piezunka) Abstoppen vor vorgezogenen Tönen
10.8 Webspinne (M. Rutledge) Lang und kurz artikulierte Töne, Off-Achtel
10.9 Cool Cat (S. Paul) Ketten von Off-Achteln
10.10 Tante Tarantel (S. Paul) Triolen
10.11 Strollin´ Together (M. Rutledge) Themen der Stücke 10.5–10.10
10.12 Happy Waltz (N. Kruse) 3/4-Takt
Anhang
1 Verzeichnis der Übungen
2 Verzeichnis der Videotracks
3 Verzeichnis der Audiotracks –
4 Glossar wichtiger Fachbegriffe

.

Leseproben

String-Thing_Groovy-Strings_Leseprobe2

String-Thing_Groovy-Strings_Leseprobe

.

.

.