Glarean Magazin

Sabine Ludwigs: «Meine Seele weiß von dir» (Roman)

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Für ein paar sorgenfreie Stunden

Bernd Giehl

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Sabine-Ludwigs-Meine-Seele-weiss-von-dir-Glarean-Magazin«Und denken Sie daran: Alles wird gut.» An diesen Satz erinnere ich mich noch. Er scheint einem anderen Zeitalter entsprungen zu sein, und dennoch war er vor nicht allzu langer Zeit fast ein geflügeltes Wort: «Alles wird gut.» Ob der Satz am Ende des «heute-journals» stand? Oder ob der Moderator einer Talkshow mit ihm sein Publikum in die Nacht entließ? Ich weiß es nicht mehr.
«Meine Seele weiß von dir» von Sabine Ludwigs fängt mindestens so dramatisch an wie das «heute-journal». Er beginnt mit der Szene eines Ertrinkens: «Das Wasser war schwarz, kalt und schmeckte durchdringend nach Chlor. Ich versank darin. Ich versank und konnte nichts dagegen tun.»
Das klingt wirklich dramatisch. Aber man ahnt doch, dass das noch nicht das Letzte sein kann. Nicht, wenn der Roman mit «ich» anfängt. Würde dieses «Ich» jetzt tatsächlich sterben, dann hätte die Erzählung ihr Ende gefunden, ehe sie wirklich angefangen hat. Und außerdem: Wie könnte die Person jetzt weitererzählen, wenn sie doch tot ist?
Aber glücklicherweise ist es nur der Prolog. Obwohl es den strenggenommen gar nicht geben dürfte. Denn im nächsten Kapitel wird erzählt, dass dieses «Ich», das hier berichtet, eine Frau mit Namen Sina-Mareen, sich an nichts mehr erinnert. Auch nicht an den Badeunfall. Alles was sie weiß, weiß sie von anderen. Vor allem von einem Mann, der behauptet, er heiße Leander und sei mit ihr verheiratet – nur dass sie sich auch nicht an ihn erinnert. Und auch nicht daran, wie sie in die Wohnung geraten ist, in der sie sich jetzt beide aufhalten. Vor ihm hat sie sich in die Sicherheit eines begehbaren Kleiderschranks zurückgezogen, durch dessen geschlossene Tür sie mit dem Fremden spricht.

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Sabine Ludwigs bei einer Lesung

Auch wenn man von Psychotherapie nicht viel versteht, so ahnt man doch schnell, dass Sina-Mareen, die Ich-Erzählerin Angst hat. Ihre Welt ist zusammengeschrumpft auf die Größe eines Kleiderschranks. Dort wird sie zunächst einmal bleiben und sich anhören, was der Mann vor der Schiebetür ihr zu sagen hat. Zunächst ist unklar, ob sie sich vor diesem Mann fürchtet, vor der Welt, der sie nicht mehr anzugehören scheint oder vor der eigenen Vergangenheit, an die sie sich partout nicht erinnern kann. Das ist ja auch plausibel, denn zumindest kann man sich vorstellen, dass Menschen nach einem schweren Unfall das Gedächtnis verlieren.
In den ersten Kapiteln hört sie dem Mann vor dem Schrank zu, zunächst durch die geschlossene Tür. Später öffnet sie die Tür einen Spalt weit. Der Mann behauptet, mit ihr verheiratet zu sein. Die Ich-Erzählerin weiß davon nichts, aber schnell verliebt sie sich in den Klang seiner Stimme und später auch in sein gutes Aussehen. Da Sabine Ludwigs ihr Handwerk versteht, klärt sie den Leser so schnell nicht auf. So wie Sina-Mareen zunächst nur kleine Schritte in die Welt außerhalb ihres Schranks unternimmt, so wird sie auch nur Schritt für Schritt an die Wahrheit herangeführt. Sie erfährt, dass der Mann, der behauptet, mit ihr verheiratet zu sein, nicht mehr in der gemeinsamen Wohnung lebt, dass er eine Freundin hat, und dass das Zerwürfnis wohl seinen Anfang in einer Abtreibung genommen hat, von der er erst hinterher erfahren hat. Es ist der Anblick von ein paar Sektflaschen in einem Lebensmittelladen, bei dem die Erinnerung plötzlich einsetzt und dann setzt sich diese Erinnerung wie ein Puzzle zusammen.

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Themen, die die vielleicht Widerhaken in unser Denken schlagen, suchen wir in Sabine Ludwigs’ “Meine Seele weiss von dir” vergebens. Trotzdem, der Roman ist spannend, sehr unterhaltsam – ein Buch für sorgenfreie Stunden.

Das Buch ist spannend, keine Frage. Und dennoch weiß man von Anfang an: Es wird gut ausgehen. Menschen, die bei allen Fehlern, die sie machen, so sympathisch sind, so begabt, so erfolgreich und gut aussehend (zumindest über den männlichen Helden wird das dem Leser pausenlos eingehämmert) – also kurz und gut: da muss es einfach ein Happy End geben. Obwohl die Autorin ihren Figuren ja wirklich reichlich Hindernisse in den Weg stellt. Aber das, sowie das Nichtwissen, das der Leser mit Sina-Mareen teilt, erhöht ja nur die Spannung.
So ist das eben in Unterhaltungsromanen: Im Unterschied zum wahren Leben können wir uns darauf verlassen, dass sie gut ausgehen. Und uns dabei ein paar vergnügliche Stunden bereiten. Die Themen, die uns länger beschäftigen, die vielleicht Widerhaken in unser Denken einschlagen, die müssen wir uns eben in anderen Romanen suchen. ▀

Sabine Ludwigs: Meine Seele weiß von dir, Roman, 376 Seiten, Hansanord  Verlag, ISBN 978-3940873439

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Weitere Literatur-Rezensionen im Glarean Magazin

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Das Zitat der Woche

Posted in Literatur, Patricia Highsmith, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 5. April 2010

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Vom Schreiben für die Schublade

Patricia Highsmith

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Gespräch mit meinen Agenten. Es ist August, drei Uhr nachmittags, und New York ist heiß und scheint im Halbschlaf zu liegen. Der eine ist in Hemdsärmeln, sein Kragen steht offen, die Haut glänzt von Schweiß, und er ist auf eine träge Weise nervös und aufmerksam, wie nach einem Kater. Der andere ist nur insofern nicht ganz korrekt gekleidet, als er das Jackett abgelegt hat. Beide haben schlanke, glänzende, gepflegte Hände, und wenn sie die Finger krümmen, zeichnen sich die winzigen Knöchel ab.

»Wenn Sie der Geschichte ein Happy-End geben würden, Miss Highsmith, könnten wir sie wohl verkaufen.«
Er erzählt mir die Geschichte von George Sovenich, der ein Angebot über 2’000 Dollar von >Good Housekeeping< abgelehnt hat. Sie wollten eine 24’000-Wörter-Geschichte auf 12’000 Wörter gekürzt haben und sie dann in zwei Teilen drucken. »Er war dumm«, sagt mein Agent. »Er ist Journalist und verdient nur 4’000 Dollar pro Jahr.«
Später: »Denken Sie darüber nach, Miss Highsmith. Nur die Andeutung eines Happy-Ends. Dieses kleine Zugeständnis an die Verwertbarkeit kann doch keinen Schaden anrichten. Nur ein Hauch von Happy-End.«
»So als wäre man ein kleines bißchen schwanger«, sagt der andere.
Höfliches Lachen. Was soll man dazu schon sagen?
»Schade, daß Sie so schreiben, Miss Highsmith. Es ist schade, wenn man etwas schreibt, das nicht veröffentlicht wird.« Es ist überhaupt nicht schade, etwas zu schreiben, das nicht veröffentlicht wird, aber wie soll ich ihnen das begreiflich machen? Ich versuche es nicht einmal. Ich sitze nur da und versuche abwechselnd zu lächeln und die Worte, die sich in mir überschlagen, für mich zu behalten. Wir sprechen nicht dieselbe Sprache, denke ich, als ich hinaustrete in den Sonnenschein. (21. August 1945) ■

Aus Patricia Highsmith, Notebooks, in: Tintenfass – Das Magazin für den überforderten Intellektuellen Nr. 26, Diogenes Verlag 2002

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Viktorija Tokarjewa: «Liebesterror»

Posted in Buch-Rezension, Literatur, Rezensionen, Viktorija Tokarjewa, Walter Eigenmann by Walter Eigenmann on 1. April 2008

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Von der Liebe und anderen Dummheiten

Walter Eigenmann

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tokarjewa_liebesterror.jpg«Zickzack der Liebe», «Happy End», «Eine Liebe fürs ganze Leben», «Mara», «Liebesterror» – kein Zweifel: Jenes, das man/frau gemeinhin mit der allesumarmenden Worthülse «Liebe» zu umreißen pflegt, ist eine thematische Konstante im Werk der heute 70-jährigen Moskauer Schriftstellerin Viktorija Tokarjewa. Und noch ein roter Faden – womöglich (oder: ziemlich sicher) resultierend aus dem ersten – zieht sich zentral bis total dominant durch beinahe jeden ihrer literarischen Texte, nämlich die Frau: z.B. die Nutten-Frau («Mara»), die Caritas-Frau («Happy Ende»), die Reife-Frau (»Sag ich’s…»), die Vamp-Frau («Der Pianist»), die Hoffnungs-Frau («Eine Liebe…»), oder auch die Sieges-Frau («Glücksvogel»). Und nun also, in ihrer neuesten Kurzprosa «Liebesterror», der Kopf-Erzählung dieser im Diogenes Verlag aufgelegten vierteiligen Sammlung, noch die Mutter-Frau.
Diese Mutter-Frau, das ist Tante Tossja, wie sie in überschwenglicher «Mutter-Liebe» ihre Tochter Nonna und ihren Schwiegersohn Zarenkow hegt und pflegt und – terrorisiert. Denn «Liebesterror» ist eine Dreiecks-Geschichte der dritten, ganz besonders komplizierten Art: «Tante Tossja arbeitete wirklich mit enormen Fleiß und brummte und summte ebenso wie eine Biene. Sie erschuf jeden Tat etwas. Und sie wollte eine Belohnung für ihre Arbeit, wenn auch nur mit Worten. Aber Nonna war ganz mit ihrem Mann beschäftigt. Und Zarenkow war nur mit sich selbst beschäftigt. Und die arme Tante Tossja konnte nur auf dem Treppenvorplatz heulen und um Mitgefühl schluchzen.» Verschärfend kommt hinzu: «Anderer Leute Elend wirkte auf Tante Tossja immer wohltuend. Das söhnte sie mit der Wirklichkeit aus.» Solche psychischen Dispositionen pflegen zu eskalieren – schon gar in der Schönen Literatur, und unausweichlich zwangsläufig bei der auf zwischenmenschliche Tragikomödien geradezu chirurgisch spezialisierten Autorin Tokarjewa. Ein Plot von «Liebesterror» sei darum verraten: Der Schwiergersohn, Tante Tossja buchstäblich bis aufs Blut und bis aufs Beißen in die Hand im Wege, erliegt nach 95 lakonischen, teils auch zärtlichen, oft fein zeichnenden, teils wieder diffusen Seiten einem Herzinfarkt. (Dessen Beschrieb übrigens – Zarenkow stirbt, vom Meer und von seiner Nonna träumend, an einem Herzinfarkt im Bett – wie ein Sportlight den stilistischen, sarkastisch gebrochenen, aber auch melancholisch-sensiblen Zugriff der Erzählerin Tokarjewa in wenigen Sätzen fokussiert: «Und plötzlich versank er. Das Wasser schwappte über seinen Kopf. Zarenkow bewegte Arme und Beine, er wollte auftauchen, aber es gelang nicht. Das Wasser erstickte ihn. Sein Herz bewegte sich fort und flog irgendwohin. Zarenkow flog seinem Herzen hinterher – und starb.»
Man hat der gebürtigen Leningraderin, die zuerst eine künstlerische Laufbahn als Musikerin, dann als Drehbuch-Schreiberin einschlug, aber seit 1964 ausschließlich als Prosa-Autorin arbeitet, zuweilen handlungstechnische Klischees und – als Schilderin sowjetrussischer Milieus – gesellschaftspolitische Simplifizierung vorgeworfen. In der Tat eignet zumal ihren langen Texten («Glücksvogel», «Der Pianist», «Happy End») eine teils fast zufällig anmutende Sprunghaftigkeit der äußeren Abläufe, der personalen Bezüge, der Handlungsfelder. Das Prinzip der «Bilder-Reihung», im Film effektvoll als dem Medium immanent, aber in psychologisierender Prosa unvermittelt wirkend, strapaziert die Autorin zu oft auch dort, wo «im Bilde zu bleiben» die Glaubwürdigkeit der Geschichte(n) heben könnte.

Was diese äußerst produktive, zu Beginn nur im Heimatland bekannte, längst nun auch im Westen erfolgreiche Schriftstellerin jedoch vom schön-unverbindlichen Plaudern über leichte oder schwere Gefühls-Unpässlichkeiten schwacher oder starker (Frauen-)Figuren hinaushebt, ist diese unnachahmliche Lakonie, die Knappheit des Schilderns, die präzise Beobachtung, das beinahe kühle Sezieren, dann auch wieder der zuweilen resignative Ton, das manchmal fatalistische Laisser-faire der im Alltag tragikomisch untergehenden, zuweilen doch wieder triumphierenden Protagonistinnen. Vor allem aber ist Tokarjewa eine Meisterin der Situations-Ironie und der Typisierung. Ihre wichtigste Waffe allerdings, um die Leserschaft bei Lektüre und Laune zu halten, ist die Rasanz und die Schnörkellosigkeit ihrer Sprache – woran allerdings ihre «Leib- und Magen-Übersetzerin Angelika Schneider wesentlichen Anteil haben muss. Da finden sich nirgends Füllungen noch grammatikalische oder semantische Redundanzen, die Verknappung der sprachlichen Mittel (aber nicht des Wortschatzes) bewirkt eine eigentümlich faszinierende Coolness der Distanz – und doch auch wieder der identifizierenden Sympathie ob soviel unbeschönigter Realität, die gleichsam jeder/m zustoßen könnte. Ein großer Teil des Publikum-Erfolges dieser Autorin geht aufs Konto solcher manchmal unbarmherzigen, mit viel Wortwitz und frappanten Psycho-Drehs auffahrenden, wohltuend unsentimentalen Sachlichkeit und Einfachheit; das Lese-Resultat ist atemlose Neugier. Kein Zweifel, Viktorija Tokarjewa ist eine Meisterin der Erzählkunst, ihre frühere unüberlesbare Holzschnittigkeit in den ersten Veröffentlichungen ist inzwischen der routiniertesten Eloquenz gewichen, ihre Kunst der Prototypisierung hat an Differenziertheit gewonnen.
Eine der vier Erzählungen in «Liebesterror» heißt – durchaus programmatisch für die Tokarjewa – «Salto mortale», und als quasi zusammenfassende Kost-Probe ihrer stilistischen Hexenküche sei aus diesem 21-Seiten-Stück kurz zitiert:

[...] Wie schwer es war, allein zu leben, wenn man mit keinem Menschen ein Wort wechseln konnte.
Der einzige Seelentröster war der Fernseher. Schura hing am Fernseher wie ein Süchtiger an der Nadel. Aber auch im Fernsehen gab es nur leben und leiden. [...]
Schura liebte die sowjetischen Filme der siebziger Jahre. Und sie sehnte sich nach dieser Zeit zurück. Da war sie noch jung gewesen, ihre Mutter war noch gesund und munter, und Pawel war damals Oberleutnant gewesen. Er machte ihr den Hof und kam zu ihnen nach Hause. Und ihre Mutter kochte eine Pilzsuppe aus getrockneten Champignons. Noch jetzt konnte sie das Aroma riechen. Ihre Mutter hatte goldene Hände. In ihnen steckte kulinarisches und menschliches Talent. [...]
Schura stieg langsam in den fünften Stock hoch. Neben dem Heizkörper hatte es sich ein grauhaariger Mann bequem gemacht. Er sah aus wie ein Ingenieur aus den siebziger Jahren und trug einen webpelzgefütterten Kunstledermantel.
Allgemeiner Eindruck: ein Ingenieur – kein Unhold, nur ein ganz gewöhnlicher Mensch, und ein Ingenieur hatte eben keinerlei besondere Kennzeichen. Dafür aber um so mehr Bescheidenheit und Schicksalsergebenheit, das Wissen um die Unmöglichkeit, etwas zu verändern. All das konnte man in den Augen dieses da sitzenden Menschen ablesen.
«Was machen Sie hier?» fragte Schura.
«Ich wärme mich auf», sagte der Ingenieur bloß.
«Und wieso hier?»
«Weil es der oberste Stock ist», erklärte der Ingenieur.
«Ja und?» fragte Schura verständnislos.
«Kommen weniger Leute vorbei. Schmeißt einem niemand raus.«
«Sind Sie etwa obdachlos?»
«In gewissem Sinne«, antwortete der Ingenieur und fügte dann hinzu: «Bitte, schicken Sie mich nicht weg.»
»Nein, nein, dann bleiben Sie eben sitzen«, sagte Schura beschämt.
Und sie dachte bei sich: Was es nicht alles gibt, ein anständiger Mann, und sitzt da wie ein Vagabund… Vielleicht hat man ihn aus seiner Wohnung geworfen? Möglicherweise war er ein Opfer von Wohnungs-Spekulanten geworden…
Schura schloß ihre Wohnung auf. [...]

Mag sein, dass einige Titel aus der Feder dieser Schriftstellerin früher oder später als den Massen-Geschmack allzu willfährig bedienende «Trivialitäten» auf den tonnenschweren ungelesen-vergessenen Halden der Literatur-Musealität landen. «Liebesterror» dürfte nicht dazu gehört.

Viktorija Tokarjewa, Liebesterror und andere Erzählungen, Diogenes Verlag, 217 Seiten, ISBN 978-3-257-06643-2