Glarean Magazin

O.Philipponnat/P.Lienhardt: «Irène Némirovsky – Die Biographie»

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Ein Leben wie ein Roman

Günter Nawe

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Neun Romane, eine Biographie und achtunddreißig Erzählungen – und das alles in etwa zehn Jahren: Irène Némirovsky gehörte sicher zu den produktivsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit. Sie war Russin, Französin und Jüdin. Sie hat den phänomenalen Roman «Suite Française» geschrieben, der erst nach ihrem Tod erschienen ist und sie auf einen Schlag bekannt gemacht hat. Und wie ein Roman liest sich auch ihr Leben – mit tragischem Ende. Wer aber war Irène Némirovsky wirklich?

2005 ist eine Biographie von Jonathan Weiss erschienen, etwa zu dieser Zeit auch die Biographie von Élisabeth Gille: «Le mirador». Beide ehrenwert, aber nicht unbedingt zuverlässig. Ab sofort ist das anders. Olivier Philipponnat und Patrick Lienhardt haben eine fulminante, vor allem aber ausführliche und äußerst gründliche Lebensbeschreibung dieser außergewöhnlichen Schriftstellerin verfasst. Dabei gelingen den beiden Biographen höchst sensible Momentaufnahmen ebenso wie prägnante Schilderungen von Zeit und Gesellschaft. An dieser Biographie, die ein komplexes Bild der Schriftstellerin zeichnet, wird man sich in Zukunft bei der Beschäftigung mit Irène Némirovsky orientieren müssen.

Irène Némirovsky wurde 1903 in Kiew geboren. Sie war aus einem reichen jüdischen Hause, musste aber 1917 aus den russischen Revolutionswirren nach Frankreich fliehen. Hier wurde sie zur Schriftstellerin, deren Bücher sich unter anderem aus ihrem (berechtigten) Hass auf die Mutter, der Verachtung für alles Jüdische und der Antipathie gegenüber den Russen speisten. Philipponnat und Lienhardt haben gerade diese Aspekte bei der Interpretation der Werke der Schriftstellerin besonders betrachtet. Denn sie haben etwas mit dem Seelenleben der Némirovsky zu tun. So hat sie in dem berühmt–berüchtigten Roman «David Golder» (1929) ein ziemliches Zerrbild der jüdischen Protagonisten gezeichnet. Der Roman wurde ein großer Erfolg, brachte ihr aber auch den vielleicht nicht ganz unberechtigten Vorwurf des Antisemitismus ein.

Irène Némirovsky mit ihrem Mann Michel Epstein und den beiden Töchtern Denise and Élisabeth

Irène Némirovsky war damals gerade mal Mitte Zwanzig und hatte ein aufwändiges Leben in den renommierten Badeorten Frankreichs geführt – vorwiegend in Ballsälen. Von da an – also nach «David Golder» – erschien ein Buch nach dem anderen, eine Erzählung nach der anderen. So «Die Herbstfliegen» (1931), «Der Fall Kurilow» (1933), «Le Vin de solitude» (1935) und 1936 «Die Beute». In den Jahren 1936 bis 1941/1942 entstanden dann so wichtige Bücher wie die schon genannte «Suite Française», «Die Hunde und die Wölfe», «Das Feuer im Herbst» und als letzter Roman «Leidenschaft».
Diese Romane und viele der Erzählungen erfahren durch die beiden Biographen exzellente und sehr fundierte Würdigungen und Interpretationen – immer im Kontext auch zur persönlichen Lebenssituation der Autorin und der Zeit. Vor allem wird die Ambivalenz der Beurteilung – namentlich des vermeintlichen Antisemitismus – in der Rezeption der Bücher im besetzten Frankreich ausführlich geschildert.

Ihr Judentum wurde der Némirovsky zum Verhängnis. Während der Besatzungszeit durch die Nazis versuchte sie, sich und ihre Familie dadurch zu retten, dass sie zum Katholizismus konvertierte; sie musste aus Paris fliehen, fühlte sich von ihrem geliebten Frankreich, dass ihr die Staatsbürgerschaft verwehrte, verraten und verlassen. Sie konnte den braunen Schergen, unterstützt von französischen Kollaborateuren, nicht entgehen. Am Ende ihres aufregenden Lebens stand Auschwitz. Am 17. August 1942 ist Irène Némirovsky im KZ umgekommen. Zurück blieb ein Koffer mit allen Manuskripten.

Dann war es lange Zeit still um die französische Schriftstellerin, als die sie sich immer betrachtet hat. Erst sechzig Jahr nach ihrem Tod erschien der Roman «Suite Française». Und erregte größte Aufmerksamkeit bei Kritik und Publikum – und Interesse an weiteren Büchern der Irène Némirovsky. Ein Interesse, das jetzt durch die vorzügliche Biographie von Olivier Philipponnat und Patrick Lienhardt sicher neue Nahrung finden wird.

Der letzte Nemirovsky-Roman: «Leidenschaft»

Auch in Deutschland. Gerade ist beim Knaus Verlag, der sich rührend um das Werk der Némirovsky bemüht, «Leidenschaft» – von Eva Moldenhauer glänzend übersetzt – erschienen. Es war der letzte Roman, den die Autorin 1941/1942 fertiggestellt hat.
«Dieses Land, im Herzen Frankreichs, ist wild und reich zugleich. Jeder lebt für sich auf seinem Gut, misstraut dem Nachbarn, bringt seinen Weizen ein, zählt sein Geld und kümmert sich nicht um den Rest.» Hier wohnen sie: Colette und ihr älterer Ehemann – und zwar scheinbar im Glück. Doch hinter der Fassade spielt sich das Drama – basierend auf eine Lebenslüge – ab. Ehebruch, Liebe, Lüge und Leidenschaft und Tod, ja Mord erschüttern das kleine Dorf in der Provinz. Um eine Liebe geht es, die «alle Regeln bricht und die Moral verhöhnt, um einmal wirklich zu leben», heißt es an einer Stelle. Und um Schuld auf vielerlei Weise. Doch Irène Némirovsky wertet nicht, sie erzählt. Und zwar fast lakonisch-leidenschaftslos. Die Dramatik stellt sich durch psychologisch sehr einfühlsame Schilderung der verschiedenen Charaktere ein. Und der Leser erkennt «allmählich die im Dunkel des Berichts kauernden Tiere, die am Ende losspringen und dabei die hübsche ländliche Szenerie zerfetzen werden», so Philipponnat und Leinhardt im Nachwort.

Hier ist es noch einmal deutlich zu erkennen – das große Talent, ja die Meisterschaft der Autorin. Eigentlich sollte – so hatte die Némirovsky es wohl beabsichtigt – «Leidenschaft» eine Fortsetzung der «Suite Française» werden. Das wird sicher nicht mehr zu klären sein. Auch als selbständiges Werk ist «Leidenschaft» jedenfalls ein großartiger, ein sehr beeindruckender Roman. ■

Olivier Philipponnat & Patrick Lienhardt, Irène Némirovsky – Die Biographie, Knaus Verlag München, 576 Seiten, ISBN 978-3-8135-0341-8

Irène Némirovsky, Leidenschaft, Roman, Knaus Verlag München, 128 Seiten, ISBN 978-3-8135-0322-7

Leseproben

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Tragikomödien von Roland Topor

Posted in Buch-Rezension, Literatur, Rezensionen, Roland Topor, Walter Eigenmann by Walter Eigenmann on 19. Juli 2008

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Vom Aberwitz des Wirklichen

Walter Eigenmann

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Nein, für Puristen, Romantiker, Kinder und Herzkranke ist sie nicht gedacht, die soeben erschienene Kurzprosa-Anthologie «Tragikomödien» des Pariser Kultur-Allrounders Roland Topor (1938-1997). Denn der Diogenes Verlag legt mit diesen «Erzählungen» und «Manifesten» einen Schriftsteller auf, dessen maliziöse Raffinesse nur noch von seiner grinsenden Bösartigkeit, allenfalls noch von seinem bizarren Zynismus übertroffen wird. Sensible (Sprach-)Ästheten dürften also den 350 Seiten schweren Prosa-Brocken aus der Feder eines der berühmtesten französischen Zeichner, Literaten, Graphiker und Schauspieler bereits nach wenigen Zeilen aus der Hand legen. Nicht so aber all jene, welche die giftspritzende Satire, die heimtückische Anti-Moral-Attacke, die ätzende Normalitäten-Häme, den schamlosen Griff zwischen die Beine aller «Netten und Guten» zu schätzen wissen. Und natürlich alle jene, welche der Surrealität der zwischenmenschlichen Realität einen (zugegebenermaßen: gehörigen) Schuss makabre Degoutanz abgewinnen können.
Und wie liest sich das genau?
So, zum Beispiel (Zitat):

Ius primae noctis

Dieses Jahr findet die Wahl der Miss World in Mexiko statt.
Bewerberinnen aus 32 Nationen landen am Flughafen und drängen sich in dem Bus, der sie zum >Palace Excelsior< bringen soll, dem Ort der Veranstaltung. Unglücklicherweise kommt der Bus unterwegs von der kurvigen Bergstraße ab und stürzt in eine Schlucht. Zwölf Konkurrentinnen sind solort tot, fünfzehn mehr oder weniger schwer verletzt.
Allgemeine Ratlosigkeit.
Soll man ein so bedeutendes Ereignis absagen, wo doch Fernsehsender aus aller Welt vor Ort schon ihre Kameras aufgebaut haben?
Die Veranstalter beschließen, so zu tun, als ob nichts wäre, und beschränken sich darauf, die Modalitäten der Zeremonie zu verändern: Das Defilé soll horizontal erfolgen, die Bewerberinnen, ob tot oder lebendig, werden – sorgfältig geschminkt und eine Banderole mit dem Namen ihres Herkunftslandes schräg über den entzückenden Badeanzug drapiert – von Herren im Abendanzug auf einer Liege getragen.
Und alles geht sehr gut, von den Gewissensproblemen der Jurymitglieder einmal abgesehen: Gibt es einen Punktabzug für ein fehlendes Bein? Kann man auf ein Gesicht verzichten? Müssen es unbedingt zwei Brüste sein?
Um nicht die einen auf Kosten der anderen zu bevorzugen, wurden die Lebenden vorsichtshalber betäubt und so den Toten gleichgestellt, außerdem konnte man auf diese Weise den zweifellos unerfreulichen Eindruck vermeiden, den Röcheln und Stöhnen hervorgerufen hätten.
Die Entscheidung ist allerdings durch den Umstand erschwert, dass die liegende Stellung, in der die prächtigen Anatomien der Jury präsentiert werden, die Begutachtung nicht gerade begünstigt. Auf Bitten der Herren wird also manchmal ein Kopf gedreht, ein Bein angehoben oder eine Wunde geschlossen. Zudem erscheint es unumgänglich, die Körper umzudrehen, um nach der Vorder- auch die Rückseite in Augenschein zu nehmen.
Schließlich wird die Leiche einer 19-jährigen Blondine mit den Maßen 90-90-0, früher Wirtschaftsstudentin an der Universität von Princeton mit den Hobbys Yoga und Reiten, zur Miss Tod gekrönt.
Ein atemberaubendes Finale voller Spannung und unerwarteter Wendungen.
Einziger Makel: Böse Zungen behaupten, der Juryvorsitzende habe vor der Ausscheidung ihre Gunst genossen.

Kein Zweifel also: Topor schrieb, wie er zeichnete – tabulos bis zur tabula rasa, und immer der Absurdität noch ein unmoralisches Augenzwinkern entwindend. Vollends offen-sichtlich wird das in seinen Zeichnungen – beispielsweise in «Le Fourmilier»:

Roland Topor: Le Fourmilier

Geschmack? Tabu? Anstand? Norm? Gewiss keine von Topor erfundenen Begriffe – auch wenn sie für den «Reiz» gerade eines «Rasenden» wie Topor unverzichtbar sind.
Den «Tragikomödien» ist ein aufschlussreiches Interview mit dem Autor beigefügt, worin der «Possenreisser» (Topor über Topor) zu seinen Zeichnungen u.a. meint: «Ich will nicht schockieren, ich zeichne und male. Die Psychologie spielt in dem Moment überhaupt keine Rolle.» Dieselbe Psychologie-Abstinenz schlägt einem bei Topors Erzählungen entgegen: Der Schreibstil ist knapp, raffend, nichts reflektierend, völlig auf den aberwitzigen Plot der Story fokussiert, unbarmherzig gradlinig in den lustigen Abgrund führend. Zurecht verwahrte sich Topor stets dagegen, als Humorist oder gar Komiker gehandelt zu werden – allenfalls «schwarzen Humor» ließ er sich attestieren. Dementsprechend kommt auch seine Definition von Humor daher:

«Der typische Humor ist für mich die Geschichte von dem zum Tode Verurteilten, der die letzte Zigarette mit den Worten ablehnt: ‘Nein danke, ich will doch aufhören!’»

«Tragikomödien» bringt einen unverwechselbaren, den vielgerühmten französischen Esprit absurd brechenden, die Realität ins köstlich Bodenlose zerbröselnden «Sound of Dead» aufs Papier. Die Welt des Roland Topor, sie ist weder tragisch noch komödiantisch, aber «tragikomisch» durchaus. Nicht am Strand in der Sonne zu lesen – aber vielleicht bei Whisky und Kerzenschein?

Roland Topor, Tragikomödien, Erzählungen, Diogenes Verlag, 348 Seiten, ISBN 978-3257065992

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