Glarean Magazin

Internationaler Athmer Lyrik-Wettbewerb 2013

Posted in Ausschreibung, Literatur, Literatur-Ausschreibungen, Literaturwettbewerbe, Lyrik by Walter Eigenmann on 4. November 2012

.

Gedichte zum Thema «Hinter der Tür»

Der deutsche Hersteller von Dichtungssystemen Athmer will die technisch-kulturelle Doppeldeutigkeit des Begriffs «Dichtung» mit der Förderung literarischer Projekte unterstreichen und schreibt darum einen Lyrikwettbewerb aus. Teilnahmeberechtigt sind alle Autoren und Autorinnen, «denen zum Thema “Hinter der Tür” Ernstes oder Komisches, Leidenschaftliches oder Skurriles, Satirisches oder Handwerkliches in lyrischer Form einfällt». Der Preis ist mit insgesamt 1’750 Euro dotiert. Einsende-Schluss ist am 31. März 2013, die weiteren Details finden sich hier. ■

.

.

.

Weitere Literatur-Wettbewerbe im Glarean Magazin

.

.

.

.

.

.

.

Das Zitat der Woche

Posted in Literatur, Literaturwissenschaft, Sigmund Freud, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 14. Februar 2011

.

Über die Dichtung im Spiel und das Spiel in der Dichtung

Sigmund Freud

.

Uns Laien hat es immer mächtig gereizt zu wissen, woher diese merkwürdige Persönlichkeit, der Dichter, seine Stoffe nimmt, und wie er es zustande bringt, uns mit ihnen so zu ergreifen, Erregungen in uns hervorzurufen, deren wir uns vielleicht nicht einmal für fähig gehalten hätten. Unser Interesse hierfür wird nur gesteigert durch den Umstand, daß der Dichter selbst, wenn wir ihn befragen, uns keine oder keine befriedigende Auskunft gibt, und wird gar nicht gestört durch unser Wissen, daß die beste Einsicht in die Bedingungen der dichterischen Stoffwahl und in das Wesen der poetischen Gestaltungskunst nichts dazu beitragen würde, uns selbst zu Dichtern zu machen. Wenn wir wenigstens bei uns oder bei unsergleichen eine dem Dichten irgendwie verwandte Tätigkeit auffinden könnten! Die Untersuchung derselben ließe uns hoffen, eine erste Aufklärung über das Schaffen des Dichters zu gewinnen. Und wirklich, dafür ist Aussicht vorhanden; – die Dichter selbst lieben es ja, den Abstand zwischen ihrer Eigenart und allgemein menschlichem Wesen zu verringern; sie versichern uns so häufig, daß in jedem Menschen ein Dichter stecke; und daß der letzte Dichter erst mit dem letzten Menschen sterben werde.

Sigmund Freud (1856-1939)

Sollten wir die ersten Spuren dichterischer Betätigung nicht schon beim Kinde suchen? Die liebste und intensivste Beschäftigung des Kindes ist das Spiel. Vielleicht dürfen wir sagen: jedes spielende Kind benimmt sich wie ein Dichter, indem es sich eine eigene Welt erschafft, oder, richtiger gesagt, die Dinge seiner Welt in eine neue, ihm gefällige Ordnung versetzt. Es wäre dann unrecht, zu meinen, es nähme diese Welt nicht ernst; im Gegenteile, es nimmt sein Spiel sehr ernst, es verwendet große Affektbeträge darauf.
Der Gegensatz zu Spiel ist nicht Ernst, sondern Wirklichkeit. Das Kind unterscheidet seine Spielwelt sehr wohl, trotz aller Affektbesetzung, von der Wirklichkeit und lehnt seine imaginierten Objekte und Verhältnisse gerne an greifbare und sichtbare Dinge der wirklichen Welt an. Nichts anderes als diese Anlehnung unterscheidet das »Spielen« des Kindes noch vom »Phantasieren«.
Der Dichter tut nun dasselbe wie das spielende Kind; er erschafft eine Phantasiewelt, die er sehr ernst nimmt, d.h. mit großen Affektbeträgen ausstattet, während er sie von der Wirklichkeit scharf sondert. Und die Sprache hat diese Verwandtschaft von Kinderspiel und poetischem Schaffen festgehalten, indem sie solche Veranstaltungen des Dichters, welche der Anlehnung an greifbare Objekte bedürfen, welche der Darstellung fähig sind, als ‘Spiele': ‘Lustspiel’, ‘Trauerspiel’, und die Person, welche sie darstellt, als ‘Schauspieler’ bezeichnet.
Aus der Unwirklichkeit der dichterischen Welt ergeben sich aber sehr wichtige Folgen für die künstlerische Technik, denn vieles, was als real nicht Genuß bereiten könnte, kann dies doch im Spiel der Phantasie, viele an sich eigentlich peinliche Erregungen können für den Hörer und Zuschauer des Dichters zur Quelle der Lust werden. Verweilen wir einer anderen Beziehung wegen noch einen Augenblick bei dem Gegensatz von Wirklichkeit und Spiel! Wenn das Kind herangewachsen ist und aufgehört hat zu spielen, wenn es sich durch Jahrzehnte seelisch bemüht hat, die Wirklichkeiten des Lebens mit dem erforderlichen Ernst zu erfassen, so kann es eines Tages in eine seelische Disposition geraten, welche den Gegensatz zwischen Spiel und Wirklichkeit wieder aufhebt. Der Erwachsene kann sich darauf besinnen, mit welchem hohen Ernst er einst seine Kinderspiele betrieb, und indem er nun seine vorgeblich ernsten Beschäftigungen jenen Kinderspielen gleichstellt, wirft er die allzu schwere Bedrückung durch das Leben ab und erringt sich den hohen Lustgewinn des ‘Humors’. Der Heranwachsende hört also auf zu spielen, er verzichtet scheinbar auf den Lustgewinn, den er aus dem Spiele bezog. Aber wer das Seelenleben des Menschen kennt, der weiß, daß ihm kaum etwas anderes so schwer wird wie der Verzicht auf einmal gekannte Lust. Eigentlich können wir auf nichts verzichten, wir vertauschen nur eines mit dem anderen; was ein Verzicht zu sein scheint, ist in Wirklichkeit eine Ersatz- oder Surrogatbildung. So gibt auch der Heranwachsende, wenn er aufhört zu spielen, nichts anderes auf als die Anlehnung an reale Effekte; anstatt zu ‘spielen’, ‘phantasiert’ er jetzt. Er baut sich Luftschlösser, schafft das, was man Tagträume nennt. Ich glaube, daß die meisten Menschen zuzeiten ihres Lebens Phantasien bilden. Es ist das eine Tatsache, die man lange Zeit übersehen und deren Bedeutung man darum nicht genug gewürdigt hat.
Das Phantasieren der Menschen ist weniger leicht zu beobachten als das Spielen der Kinder. Das Kind spielt zwar auch allein oder es bildet mit andern Kindern ein geschlossenes psychisches System zum Zwecke des Spieles, aber wenn es auch den Erwachsenen nichts vorspielt, so verbirgt es doch sein Spielen nicht vor ihnen. Der Erwachsene aber schämt sich seiner Phantasien und versteckt sie vor anderen, er hegt sie als seine eigensten Intimitäten, er würde in der Regel lieber seine Vergehungen eingestehen als seine Phantasien mitteilen. Es mag vorkommen, daß er sich darum für den einzigen hält, der solche Phantasien bildet, und von der allgemeinen Verbreitung ganz ähnlicher Schöpfungen bei anderen nichts ahnt. Dies verschiedene Verhalten des Spielenden und des Phantasierenden findet seine gute Begründung in den Motiven der beiden einander doch fortsetzenden Tätigkeiten. Das Spielen des Kindes wurde von Wünschen dirigiert, eigentlich von dem einen Wunsche, der das Kind erziehen hilft, vom Wunsche: groß und erwachsen zu sein. Es spielt immer »groß sein«, imitiert im Spiel, was ihm vom Leben der Großen bekannt geworden ist. Es hat nun keinen Grund, diesen Wunsch zu verbergen. Anders der Erwachsene: dieser weiß einerseits, daß man von ihm erwartet, nicht mehr zu spielen oder zu phantasieren, sondern in der wirklichen Welt zu handeln, und anderseits sind unter den seine Phantasien erzeugenden Wünschen manche, die es überhaupt zu verbergen not tut; darum schämt er sich seines Phantasierens als kindisch und als unerlaubt. ■

Aus Sigmund Freud, Der Dichter und das Phantasieren, Wien 1908

.

.

.

 

Das Zitat der Woche

Posted in Hugo von Hofmannsthal, Literatur, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 16. Januar 2011

.

Vom Zauber der Poesie

Hugo von Hofmannsthal

.

Ich möchte, daß wir für einen Augenblick daran denken, wie verschieden das Lesen unserer Zeit von dem ist, wie frühere Zeiten gelesen haben. Um so ruheloser, zielloser, unvernünftiger das Lesen unserer Zeit ist, um so merkwürdiger scheint es mir. Wir sind unendlich weit entfernt von dem ruhigen Liebhaber der schönen Literatur, von dem Amateur einer populären Wissenschaft, von dem Romanleser, dem Memoirenleser einer früheren, ruhigeren Zeit. Gerade durch sein Fieberhaftes, durch seine Wahllosigkeit, durch das rastlose Wieder-aus-der-Hand-Legen der Bücher, durch das Wühlende, Suchende scheint mir das Lesen in unserer Epoche eine Lebenshandlung, eine des Beachtens werte Haltung, eine Geste.
Ich sehe beinahe als die Geste unserer Zeit den Menschen mit dem Buch in der Hand, wie der kniende Mensch mit gefalteten Händen die Geste einer anderen Zeit war. Natürlich denke ich nicht an die, die aus bestimmten Büchern etwas Bestimmtes lernen wollen. Ich rede von denen, die je nach der verschiedenen Stufe ihrer Kenntnisse ganz verschiedene Bücher lesen, ohne bestimmten Plan, unaufhörlich wechselnd, selten in einem Buch lang ausruhend, getrieben von einer unausgesetzten, nie recht gestillten Sehnsucht. Aber die Sehnsucht dieser, möchte es scheinen, geht durchaus nicht auf den Dichter. Es ist der Mann der Wissenschaft, der diese Sehnsucht zu stillen vermag, oder für neunzig auf hundert unter ihnen der Journalist. Sie lesen noch lieber Zeitungen als Bücher, und obwohl sie nicht bestimmt wissen, was sie suchen, so ist es doch sicherlich keineswegs Poesie, sondern es sind seichte, für den Moment beruhigende Aufschlüsse, es sind die Zusammenstellungen realer Fakten, es sind faßliche und zum Schein neue »Wahrheiten«, es ist die rohe Materie des Daseins. Ich sage dies so, wie wir es geläufig sagen und leichthin glauben; aber ich glaube, nein ich weiß, daß dies nur der Schein ist.

Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)

Denn sie suchen mehr, sie suchen etwas anderes, diese Hunderttausende, in den Tausenden von Büchern, die sich von Hand zu Hand weitergeben, bis sie beschmutzt und zerlesen auseinanderfallen; sie suchen etwas anderes als die einzelnen Dinge, die in der Luft hängenden kurzatmigen Theorien, die ihnen ein Buch nach dem anderen darbietet: sie suchen, aber es ist ihnen keine Dialektik gegeben, subtil genug, um sich zu fragen und zu sagen, was sie suchen; keine Übersicht, keine Kraft der Zusammenfassung: das einzige, wodurch sie ausdrücken können, was in ihnen vorgeht, ist die stumme beredte Gebärde, mit der sie das aufgeschlagene Buch aus der Hand legen und ein neues aufschlagen. Und dies muß so weitergehen: denn sie suchen ja von Buch zu Buch, was der Inhalt keines ihrer tausend Bücher ihnen geben kann: sie suchen etwas, was zwischen den Inhalten aller einzelnen Bücher schwebt, was diese Inhalte in eins zu verknüpfen vermöchte. Sie schlingen die realste, die entseelteste aller Literaturen hinunter und suchen etwas höchst Seelenhaftes. Sie suchen immerfort etwas, was ihr Leben mit den Adern des großen Lebens verbände in einer zauberhaften Transfusion lebendigen Blutes. Sie suchen in den Büchern, was sie einst vor den rauchenden Altären suchten, einst in dämmernden von Sehnsucht nach oben gerissenen Kirchen. Sie suchen, was sie stärker als alles mit der Welt verknüpfe und zugleich den Druck der Welt mit eins von ihnen nehme. Sie suchen ein Ich, an dessen Brust gelehnt ihr Ich sich beruhige. Sie suchen, mit einem Wort, die ganze Bezauberung der Poesie. Aber es ist nicht ihre Sache, sich dessen Rechenschaft zu geben, noch auch ist es ihre Sache, zu wissen, daß es der Dichter ist, den sie hinter dem Tagesschriftsteller, hinter dem Journalisten suchen. Denn wo sie suchen, dort finden sie auch, und der Romanschreiber, der sie bezaubert, der Journalist, der ihnen das eigene Leben schmackhaft macht und die grellen Lichter des großen Lebens über den Weg wirft, den sie täglich früh und abends gehen – ich habe wirklich nicht den Mut und nicht den Wunsch, ihn von dem Dichter zu sondern. Ich weiß keinen Zeilenschreiber, den elendesten seines Metiers, auf dessen Produkte nicht, so unwürdig er dieses Lichtes sein mag, für ein völlig unverwöhntes Auge, für eine in der Trockenheit des harten Lebens erstickende Phantasie etwas vom Glanz der Dichterschaft fiele, einfach dadurch, daß er sich, und wäre es in der stümperhaftesten Weise, des wundervollsten Instrumentes bedient: einer lebendigen Sprache. Freilich, er erniedrigt sie wieder, er nimmt ihr soviel von ihrer Hoheit, ihrem Glanz, ihrem Leben, als er kann; aber er kann sie niemals so sehr erniedrigen, daß nicht die zerbrochenen Rhythmen, die Wortverbindungen, die seiner Feder, ihm zu Trotz, zur Verfügung stehen, die Bilder, die in seinem Geschreibe freilich das Prangerstehen lernen, noch da und dort in eine ganz junge, eine ganz rohe Seele wie Zauberstrahlen fallen könnten. ■

Aus Hugo von Hofmannsthal, Der Dichter und diese Zeit, Vortrag 1907

.

.

Sommer-Tanka (7)

Posted in Japanische Lyrik, Kaiser Meiji, Literatur, Lyrik, Tanka by Walter Eigenmann on 18. August 2010

.

Als ich mich erhob,

Staatsgeschäfte zu versehn,

weil die Pflicht mich rief,

spürte ich des Tages Glut

und des Sommers Schwüle kaum.

.

Kaiser Meiji

.

.

.

Sommer-Tanka (6)

Posted in Japanische Lyrik, Literatur, Lyrik, Otomo no Fumimochi, Sommer-Tanka, Tanka by Walter Eigenmann on 25. Juli 2010

.

Sieh, mein Garten ist

ganz in Mondenglanz getaucht -

Kuckuck, komm herbei,

wenn ein fühlend Herz du hast,

komm und singe mir ein Lied!

.

Otomo no Fumimochi (8. Jh.)

.

.

.

Sommer-Tanka (5)

Posted in Japanische Lyrik, Literatur, Lyrik, Maeda Yugure, Sommer-Tanka, Tanka by Walter Eigenmann on 8. Juli 2010

.

In den Bäumen weht

kühl der Wind; der Sonne Licht

durch die Bäume blinkt;

plötzlich fühl’ ich selbst den Wunsch,

auch ein grüner Baum zu sein!

.

Maeda Yugure (1883-1951)

.

Sommer-Tanka (4)

Posted in Japanische Lyrik, Kagawa Kageki, Literatur, Lyrik, Sommer-Tanka, Tanka by Walter Eigenmann on 20. Juni 2010

.

Dass ich immer noch

läse bei der Lampe Schein,

hatte ich gemeint,

als das fahle Morgenlicht

schon mein Buch erbleichen ließ.

.

Kagawa Kageki (1768-1843)

.

.

 

.

Themen-Links

Gedichte über den SommerSommer, SonneJuni-GedichtJapanische LyrikMorgenlicht und SternenwächterHildegard von BingenSalon LitteraireMelancholie im SommerSommer in JapanAn Li-Tai-Bo

.

.

.

Sommer-Tanka (3)

Posted in Japanische Lyrik, Literatur, Lyrik, Okuma Kotomichi, Sommer-Tanka, Tanka by Walter Eigenmann on 11. Juni 2010

.

Als ich von dem Berg

heimging, da geleitet’ mich

heim der volle Mond;

als ich dann, mein Tor im Zaun

öffnend, in den Garten trat,

trat der Mond mit mir herein!

.

Okuma Kotomichi (1798-1848)

.

.

.

.

.

.

Sommer-Tanka (2)

Posted in Japanische Lyrik, Literatur, Lyrik, Ota Mizuho, Sommer-Tanka, Tanka by Walter Eigenmann on 8. Juni 2010

.

Tiefes Dunkel liegt

auf dem abendlichen Teich.

Nur an einem Fleck,

wo ein Karpfen sich bewegt,

glänzt das Wasser silberhell.

.

Ota Mizuho (1876-1955)

.

 

.

.

.

Frühlings-Tanka (04)

Posted in Japanische Lyrik, Literatur, Lyrik, Motoori Norinaga, Tanka by Walter Eigenmann on 15. April 2010

.

Auch in diesem Jahr

hab’ ich’s wiederum erlebt,

wie die Kirschen blühn -

Es ist doch ein rechtes Glück,

lebend auf der Welt zu sein!

.

Motoori Norinaga (1730-1801)

.

.

Steffen M. Diebold: 4 Jahreszeiten-Gedichte

Posted in Literatur, Lyrik, Neue Lyrik, Steffen M. Diebold by Walter Eigenmann on 20. Januar 2010

.

Pflegeheim

Was bleibt vom Tage
Stopfei und Nadel,
ein Fingerhut?
Aus dem Nähkästchen
geplaudert ein Leben
lang viel Lärm
um nichts.

Die Stehlampe der Zimmerecke,
ein paar vergilbter Fotos Alben
ein Stein, ein Epitaph -
ist es denn rechtens,
dass die Kinder vor den Eltern gehen?

Radio, Sessel, Stuhl und Bett
das Zimmer ist geräumt
noch vor die Asche
sich im Wind zerstreut.

Das Türschild abmontiert,
entsorgt die angebrochenen
«Korega-Tabs» unter den Briefen
das Grußwort der Stadt.

Was bleibt -
ein Leibfell aus Katzenhaar, das Brillenetui,
und an der Wand
«Jesus als Hirte».

Was bleibt -
an jenem Märzmorgen, der
Eiswind in den Haaren
der Kondolenten im Gegenwert
von Sperlingstränen.

.

.

Terrassensommer

An langen Spießen spreizen
oleanderrote Kelche
instruieren zur Landung
ansetzende Paarflügler.

Lauer Wind
schüttelt die Falter
vom Flieder, und im Teich
schlendert ein toter
Fisch unter den Stein.

Am gallischen Tontopf
schwillt dekorativ
der Holzhahn, überhaupt viel
Terracotta und mediterranes
Art Deco, stilvoll drapiert,

die weniger geistvolle Amsel
stillt ihren Durst am
«Baseng» während ein dreister
Spatz über die Steingutkübel
scheißt, was für ein blendender
Sommer!

.

.

Dienstfahrt ins Wochenende

Durch die Schatten der Frühe
fällt der Schweif des Septembers,
die Nebel lichten über
Ostrach und Upflamör.

Vom Weißdorn bewacht
steht ein Feldkreuz,
und Schneemarbeln lauschen
dem Lachen der Vögel.

Gegen weitläufige Himmel
ziehen die Wiesen,
dort schimmert rotäugig
das Obst im Gebälk.

Lichtfäden zittern
am Fachwerk.

Aus den Augen keil
mir den glimmenden Span,
wärmende Heimat
halt Hof
wieder.

.

.

Hotelpool im Winter

Tauwassergesättigt, ihre
Bobbies an den Pool geräkelt,
sie zwitschern einen,
den andern legen sie
flach mann
und Sekt, schmeckt
frau herrlich.

Whirlperlen im Delta,
während draußen Frau Holle
die Flauschhemdchen schüttelt,
dralle Mädchen, alle
in zu engen
Eisbärkostümchen, Zuckerrüben
mit weißen
Kapuzen.

.

.

______________________________

Steffen M. Diebold

Geb. 1967, Studium der Rechtswissenschaften, der historischen Hilfswissenschaften und der Pharmazie in Tübingen, Frankfurt und Göteborg, verheiratet, zwei Töchter; Kompositionen von Klavierliedern und für gemischten Chor (a capella), zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, verschiedene Auszeichnungen, lebt, arbeitet und dichtet am Fuß der Schwäbischen Alb.

.

.

.

.

.

Literatur-Anekdoten

Posted in Anekdoten, Humor, Literatur, Literatur-Anekdoten by Walter Eigenmann on 1. Oktober 2007

.

Im Notfall Schlaftabletten

Ein bunter Strauß von Literatur-Anekdoten

.

mark-twain-jkeppler.jpgMark Twain

Mark Twain war auf Europa-Reise und betrat in Deutschland ein Hotel. Während er die Feder ergriff, um sich ins Fremdenbuch einzutragen, las er an letzter Stelle: «Graf von Hohenlohe mit Kammerdiener.»
Twain schrieb darunter: «Mark Twain mit Schweinslederkoffer.»

Erich Mühsam

Erich Mühsam war in der Schule keineswegs fleißig. Eines Tages hatte der Lehrer einen Preis ausgesetzt für den besten Klassenaufsatz über das Thema: «Was ist Faulheit?»
Mühsam lieferte stolz den längsten Aufsatz ab: drei Seiten!
Auf der ersten Seite stand «Das».
Auf der zweiten Seite stand «ist».
Auf der dritten Seite stand «Faulheit.»

Alphons Allais

Der französische Humorist Alphonse Allais war auch privat ein Kauz. Eines Morgens kam er aufs Postamt und sagte: «Ich möchte Marken zu fünfzig Centimes.»
Der Beamte holte den Bogen mit den Marken hervor und fragte: «Wieviel?»
Allais zeigte auf einzelne Stücke: «Geben Sie mir die … und die … und die … und die … und die da …»

Peter Hille

Peter Hille erschien im «Café des Westens», dem als «Café Größenwahn» bekannten Treffpunkt der Berliner Bohème, und erzählte, dass an seinem Geburtstag in Neukölln ein Schild angebracht worden sei. Erstaunt und neidisch fragte Otto E. Hartleben: «So? Was steht denn drauf?»
«Vorsicht Bauarbeiten!» sagte Peter Hille schlicht.

oscar-wilde-mbeerbohm.jpgOscar Wilde

Als Oscar Wilde (Karikatur:M.Beerbohm) einmal durch eine öde Gegend fuhr, kam er mit einem Mitreisenden ins Gespräch. Es war ein herrlicher Frühlingtag. Der Mitreisende sagte: «Was für eine öde Landschaft.»
«Ja», pflichtete Oscar Wilde bei, «schade um das schöne Wetter.»

Nach dem Besuch einer Wagner-Oper zeigte sich Wilde äußerst unzufrieden und schwor, nie wieder eine zu besuchen. «Wagners Musik ist unerträglich», sagte er. «Sie ist so laut, dass man die ganze Zeit reden kann, ohne dass die anderen hören, was man sagt.»

Hugo Ball

Der Dadaist Hugo Ball betrat ein Postamt, verlangte ein Telegrammformular und füllte es aus: «BUMBALO – BUMBALO – BUMBALO – BUMBALO – BUMBALO – BUMBALO – BUMBALO – BUMBALO – BUMBALO»
Der Beamte las es und sagte: «Sie haben das Recht, noch drei Wörter zum gleichen Preis zu schreiben. Soll ich noch dreimal BUMBALO hinzufügen?»
«Unsinn!» rief Hugo Ball. «Da gibt es nichts hinzuzufügen!»

Fjodor Dostojewski

Dostojewski war oft geistesabwesend. Er bemerkte dann nicht, wenn jemand mit ihm sprach, und antwortete ganz mechanisch. Eines Tages sprach ihn auf der Straße eine Bettlerin an und erzählte von ihrem kranken Mann und ihren zwei Kindern zu Hause. Gedankenlos gab Dostojewski ihr dreißig Kopeken. Da schimpfte die Bettlerin los: «Schämst du dich nicht, mich so in aller Öffentlichkeit zu blamieren?!» Es war des Dichters eigene Frau, die ihren Mann einmal nasführen wollte.

ernest-hemingway-pkirchmair.jpgErnest Hemingway

Hemingway (Karikatur:P. Kirchmair) rühmte sich, mindestens zehn Whiskys am Tag zu trinken. Als ein Arzt Wasser in seinen Beinen feststellte, soll er gesagt haben, das läge an «den verdammten Eisstücken im Whisky».

Peter Bichsel

Bichsel war dreizehn Jahre lang Lehrer in einem Schweizer Dorf. Einmal wollte er Sprichwörter erklären, zum Beispiel: Man soll den Teufel nicht an die Wand malen. Er zeichnete einen großen Teufel an die Tafel und fragte: «Nun, welches Sprichwort ist mit dieser Zeichnung gemeint?»
Begeistert rief ein Kind: «Narrenhände beschmieren Tisch und Wände!»

Joachim Ringelnatz

Ringelnatz betrat ein elegantes Weinlokal. Als er Platz nehmen wollte, bemerkte der Ober herablassend: «Dieser Tisch ist reserviert, mein Herr.»
Ringelnatz sah herablassend zurück und sagte: «Gut, stellen Sie ihn weg und bringen Sie einen anderen.»

Ringelnatz (alias Hans Bötticher) arbeitete einmal als Buchhalter. Eines Tages kam der Chef ins Kontor und sah, wie Ringelnatz’ Kollege sanft und fest schlief. «Ich werde den Mann wohl entlassen müssen», sagte der Prinzipal: «Herr Bötticher, glauben Sie, dass Sie seine Tätigkeit mitübernehmen können?»
«Aber sicher, Herr Direktor», erwiderte Ringelnatz trocken. «Im Notfall könnte ich Schlaftabletten nehmen.»

Anton Kuh

Anton Kuh saß als einziger Gast morgens im Café «Herrenhof», als ein bekannter General des österreichischen Heeres hereinkam. Kuh sah kurz auf, erhob sich und …
«Danke, danke», sagte der an Ehrenbezeugungen Gewöhnte leutselig. «Behalten Sie Platz!»
Erstaunt sah ihn Anton Kuh an: «Bitte, ich werde mir doch die Zeitung holen dürfen?»

bernard-shaw-mbeerbohm.jpgGeorg B. Shaw

Der Dirigent eines ziemlich mittelmäßigen Orchesters, das in einem Londoner Restaurant aufspielte, erkannte Shaw (Karikatur:M.Beerbohm), der damals auch als Musikkritiker arbeitete, und sandte ein Billet an seinen Tisch mit der Frage, was er als nächstes spielen lassen solle. «Domino», antwortete Shaw.

Gottfried Benn

Man fragte Gottfried Benn, warum er ausgerechnet Hautarzt geworden sei. «Das hat drei Gründe», antwortete Benn: «Die Patienten rufen mich nicht in der Nacht, sie sterben nicht, und sie werden auch nicht gesund.»

Wilhelm Raabe

Ein Stuttgarter Verleger lud Raabe zur Mitarbeit an seiner Zeitschrift ein. Um die Ansprüche des Dichters gering zu halten, schloss er seinen Brief mit einem Wortspiel: «Zahle Honorar rar.»
Raabe antwortete umgehend: «Liefere Beiträge träge!»

Edgar Wallace

Eine freundliche alte Dame, die bei einem Dinner neben P.G. Wodehause saß, schwärmte ihm von seinen Werken vor. Ihre Söhne, sagte sie, hätten alle seine Bücher und würden nicht versäumen, jedes neue Buch von ihm zu kaufen. «Und wenn ich denen jetzt erzähle», fuhr sie fort, «dass ich tatsächlich neben Edgar Wallace gesessen habe, platzen sie vor Neid!»

Günter Grass

Grass ging durch den Speisewagen. Da hörte er, wie eine Dame ihrem Mann zuflüsterte: «Hast du den gesehen? Sieht er nicht Günter Grass frappant ähnlich?» Grass drehte sich um und lächelte. Da meinte die Dame: «Er hat sich sichtlich geschmeichelt gefühlt.»

Moritz Saphir

Der jüdische Satiriker Saphir wurde auf der Straße angepöbelt. Er redete den Flegel freundlich an:
«Entschuldigen Sie, sind Sie nicht der Sohn meines Freundes Rott?»
«Nein.»
«Aber das ist ja erstaunlich! Diese Ähnlichkeit! Ganz Rotts Stirn, ganz Rotts Augen, ganz Rotts Nase!»

Ezra Pound

Ezra Pound und William C. Williams gingen spazieren, und Pound tat wie üblich sehr eingebildet. Williams versuchte, ihn abzulenken: «Schau, Ez, der Winterweizen steht schon vier Zoll hoch und kommt hervor, dich zu begrüßen!»
«Das ist der erste intelligente Weizen, den ich je gesehen habe», antwortete Pound.

frank-wedekind-thheine.jpgFrank Wedekind

Uraufführung eines Dramas von Max Halbe. Frank Wedekind (Karikatur:Th.Heine) flüsterte dem Autor zu: «Sieh mal, der Herr in der zweiten Reihe da vorn ist bereits eingeschlafen.»
Zwei Tage sptäer stand ein Stück von Wedekind auf dem Spielplan. Halbe war überglücklich, nun seinerseits Wedekind auf einen Schläfer aufmerksam machen zu können.
«Tatsächlich», sagte Wedekind, «er ist noch immer nicht aufgewacht.»

Heinrich Heine

Der Spötter Heine war bei vielen verhasst. «Dabei habe ich selbst die friedlichste Gesinnung», schrieb er. «Meine Wünsche sind die allerbescheidensten: Eine Hütte, Strohdach, aber gutes Bett, vor dem Fenster Blumen, vor der Tür einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott mich ganz glücklich machen will, lässt er mich die Freude erleben, dass an diesen Bäumen sechs oder sieben meiner Feinde aufgehängt werden.»

Egon Friedell

Nur wenige von Friedells Freunden vermochten die Bedeutung seiner «Kulturgeschichte der Neuzeit» richtig einzuschätzen, und die wenigsten waren bereit, sie zu lesen. «Darin steht doch bloß alles, was mich nicht interessiert», maulte einer. Darauf Friedell: «So dick ist das Buch nun auch wieder nicht.»

Martin Walser

Jemand fragte Martin Walser, der eben den Roman «Tod eines Kritikers» veröffentlicht hatte, ob er Marcel Reich-Ranicki überhaupt kenne. «Ob ich ihn kenne?» fragte Walser zurück. «Ich kenne ihn so gut, dass ich mit ihm seit dreißig Jahren kein Wort gewechselt habe.»

Johann W. v. Goethe

Wenn Goethe mit seinem Freund, dem Schweizer Maler und Kunsthistoriker Johann H. Meyer, spazierenfuhr, soll sich ihr Gedankenaustausch folgendermaßen abgespielt haben: Goethe sagte von Zeit zu Zeit: «Hm, hm.» Worauf Meyer erwiderte: «So ischt’s!» ♦

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

Lyrik-Ratgeber

Posted in Das gute Gedicht, Essays & Aufsätze, Literatur, Ratgeber, Vera Simon by Walter Eigenmann on 14. September 2007

.

Das gute Gedicht

Vera Simon

.

Jeder kann Gedichte schreiben. Die Frage ist nur, was ein Gedicht braucht, um ausgezeichnet zu werden. Oder anders: Was macht ein gutes Gedicht aus? Was ist bei Gedichten zu beachten? Sensibilität, Sprachgefühl, bestimmte Versformen oder Reimarten mögen hilfreich sein, ein Gedicht zu schreiben. Was aber führt zu einem Gedicht, das sogar auszeichnungswürdig ist?

Gedichte sind Texte, die in Versen aufgebaut sind. Oder einfacher gesagt: Zeilenumbrüche sind typisch für Gedichte. Die Verse bilden Sinneinheiten, wobei nicht der Satzbau bestimmt, wo ein Vers beginnt oder endet. Von einem Gedicht erwartet man andere Inhalte als von Prosatexten. Das Gedicht zählt zur Lyrik. Lyrik überzeugt durch die Unmittelbarkeit des Ausdrucks.  Im Gedicht drückt sich das Lyrische Ich aus, das erlebende und empfindende Ich. Insofern zeigt das Gedicht eine besondere Sprache, die so genannte poetische Sprache, eine Sprache, die deutlich von der Alltagssprache abweicht. So gesehen ist das Gedicht ein Laboratorium der Sprache.

Im Gedicht empfindet der Dichter und drückt seine Empfindung aus. Wenn nur Wissen, Denken oder Glauben zum Ausdruck kommen, kann man also noch nicht von einem Gedicht sprechen. Im Empfinden ist der Mensch einzigartig und durch den Ausdruck des Einzigartigen bekommt ein Gedicht seine eigene Note. Beim Ausdruck ihres Empfindens aber machen viele Menschen Fehler. Auch Dichter: Viele verwenden abgegriffene Worte, die einen Sachverhalt nur ungenügend treffen, werden sentimental, schreiben geborgte Bilder oder schwülstige und unpassende Vergleiche nieder. Um das zu verhindern würde es manchmal schon helfen, wenn so genannte Dichter ihre spontanen Einfälle erst einmal verräumen und nach Tagen kritisch beurteilen würden. Meist misslingen Gedichte auch dann, wenn man sich nicht auf den eigenen Einfall verlässt, sondern mit fremden Einfällen arbeitet. Besser die Finger davon lassen, als andere Dichter zu paraphrasieren.

Auch der Rhythmus ist wichtig und macht ein Gedicht aus. Er entspricht nicht dem normalen Prosafluss, was man auch dann merkt, wenn ein Gedicht ohne Zeilenfall wie ein Prosatext gesetzt ist. Dieser Rhythmus hat dem Inhalt des Gedichtes zu entsprechen. Der Einsatz von Metapher und Vergleich ist ein weiteres Kennzeichen von dichterischer Sprache. Allerdings sollte man beim Vergleich das Wort «wie» vermeiden, denn es führt in die Region des Erzählerischen und löst die dichterische oder lyrische Atmosphäre auf.

Nicht erst den Begriff bilden, der ausgesagt werden soll und dann das Bild dazu suchen! Dies ist ein typischer Anfängerfehler, den Sie sicher vermeiden. Theoretische Erkenntnisse lassen sich selten in lyrische Bilder fassen, weshalb die meisten Umweltschutz- oder Antikriegsgedichte nichts werden. In einem Gedicht lässt sich nur selten das große Ganze zum Ausdruck bringen. Das Gedicht formuliert das kleinste Ganze. Nur im Bildhaften entsteht das Dichterische. Abstrakta können leicht und schnell ein ganzes Gedicht zerstören. Aber Vorsicht: Beim Bildhaften darf auch nicht der Sinn für das Angemessene verloren gehen!

Kein Vers ohne Rhythmus! Der Rhythmus stellt zwischen Versstruktur und Versinhalt eine Beziehung her. Werden bestimmte Versformen wie Knittelvers, Blankvers, Alexandriner (jambische Verse), fallende Viertakter, fallende Fünftakter, fallende Sechstakter (trochäische Verse) oder viertaktige Reihen, Hexameter oder Pentameter (daktylische Verse) verwendet, so sollten diese Versformen auch durchgehalten werden und nicht irgendwo auf der Strecke wie ein lahmendes Pferd eingehen.

Denken wir an ein Gedicht, denken wir zuerst wohl an Reime. Werden Reime in einem Gedicht verwendet, sollten unreine Reime vermieden werden. Der Klang beim Vorlesen entscheidet darüber, ob ein unreiner Reim noch verwendet werden kann. Verwendet werden dürfen alle Reimfolgen wie Haufenreim, Kreuzreim, Paarreim, Schweifreim, umarmender Reim, verschränkter Reim und so weiter und so fort. Allerdings sollten diese Reimfolgen sorgfältig verwendet werden und nur dann gegen die Reimregeln verstoßen, wenn das die Aussage des Gedichtes unterstreicht.

Auch bei der Anwendung von Strophenformen sollte Sorgfalt herrschen. Manche Strophenform passt besser als eine andere zum Gedichtinhalt. Klassische deutsche Strophenformen sind z.b. die Nibelungenstrophe, die Hildebrandstrophe, die Chevy-Chase-Strophe, die Vagantenstrophe, die Schweifreimstrophe, die Fünfzeilerstrophe, die Lutherstrophe. Dazu kommen noch romanische Strophenformen wie das Sonett, der Sonettkranz, die Stanze, die Terzine, das Triolett und Nachbildungen antiker Strophenformen wie Distichon, erste asklepiadeische und zweite asklepiadeische Odenstrophe sowie alkäische und sapphische Odenstrophe. Wurde eine Strophenform ausgewählt, wäre es schön, wenn sie auch durchgehalten würde.

Viele heutige Dichter versuchen alle Regeln des Dichtens dadurch zu umgehen, dass sie frei dichten. Freies Dichten ist aber nicht so leicht, wie es scheint. Man muss auch beim freien Dichten sprachlich äußerst präzis sein. Darüber hinaus muss auch beim freien Dichten noch ein Rest an Versstruktur erhalten bleiben, damit ein Text nicht in Prosa übergeht.

Auch Sonderformen des Dichtens wie Haiku, komische Gedichte, Limericks, Klapphornverse, Gedichtparodien, Lautgedichte oder visuelle Gedichte haben ihre Schönheit und sind auszeichnungswürdig. Aber auch hier gilt natürlich: Gedichte sollen einfach und genau sein und damit Aufgeblasenheit, Verschwommenheit, Schwulst und Manieriertheit ausschließen.

Der Weg zu einem guten Gedicht muss nicht, kann aber lang sein. Niemals sollte sich der Dichter entmutigen lassen. Gedichte schreiben ist immer eine Annäherung an das zu Beschreibende. Mal gelingt diese Annäherung mehr, mal weniger. Wir sind nie am Ende, wenn es um gute Gedichte geht. ♦

_________________

vera-simon-glarean-magazin.jpgVera Simon
Geb. 1973 in Grönland, seit 1977 in der BRD, Veröffentlichung verschiedener Lyrik- und Geschenkbuch-Bestseller

.

.

.

.

.

.

.