Glarean Magazin

Ulf Schiewe: «Der Bastard von Tolosa»

Posted in Bernd Giehl, Buch-Rezension, Literatur, Rezensionen, Ulf Schiewe by Walter Eigenmann on 10. Dezember 2009

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Ohne Widerhaken im Denken

Bernd Giehl

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Alles ist vorhanden in Ulf Schiewes Erstling «Bastard von Tolosa»: Die Taliban – nur dass sie in diesem Roman «Sarrasin» heißen, oder auch mal «Seldschuken»; Al Quaida, deren Kämpfer hier «Haschaschin» genannt werden, Assassinen (das Wort gibt es heute noch im Französischen für Selbstmörder); Die internationalen Truppen der ISAF, nur dass sie nicht Amerikaner, Briten, Kanadier oder Deutsche sind, sondern Provenzalen oder Normannen.
Es geht auch nicht um die Befreiung Afghanistans, sondern um die Eroberung des Heiligen Landes durch ein Kreuzritter-Heer im 11. Jahrhundert. Und der, der den Feldzug befohlen hat, heißt nicht George Bush, sondern Papst Urban. Genauso scheinheilig wie im «Krieg gegen den Terror» sind auch hier die Gründe. Nur dass sie nicht «Demokratie» oder «Rechte der Frauen» heißen, sondern «Befreiung des Heiligen Grabs» oder «Rückeroberung Jerusalems». Auch die Durchhalteparolen werden gegeben, genau so, wie das sinnlose Morden von den sensibleren Naturen beklagt wird.

Alles ist vorhanden: Das Personal und die Gründe fürs Krieg führen («Das Heilige Land muss aus den Händen der Ungläubigen befreit und der Christenheit zurückgegeben werden»); Die Erkenntnis der Sinnlosigkeit, die nicht nur den Helden, Jaufre Montalban, mehr und mehr befällt, weil er erkennen muss, dass nicht nur die anderen morden, plündern und vergewaltigen, was das Zeug hält, sondern auch die eigenen Leute; Auch die Erkenntnis, dass die Gründe für den Krieg seiner Wirklichkeit nicht standhalten, dass man ein Land nicht auf Dauer gegen den Willen seiner Bevölkerung erobern und halten kann, wächst immer stärker.

Alles ist vorhanden, und womöglich wiederholt sich ja auch alles, wie es Nietzsche schon wusste, nur dass Ulf Schiewe die Möglichkeit der «Ewigen Wiederkehr» seinen Lesern nicht zumuten möchte. Wahrscheinlich wäre es ein spannendes Unternehmen, die Kreuzzüge und den «Krieg gegen den Terror» in Afghanistan einmal gegeneinander zu schneiden und miteinander zu verschränken, aber das hieße ja, den Leser zum Denken zu zwingen. Und Bücher, bei denen man denken muss, werden nicht in hunderttausender Stückzahlen gekauft. Womöglich werden sie nicht einmal gedruckt.

Ulf Schiewe

Aber genau darauf – auf den Beifall bei den Hunderttausenden – zielt dieses Buch. Es ist ein Buch mit deftigen Kriegs- und Sexszenen, ein Roman, bei dem man schon einmal hundert Seiten am Stück lesen kann, ohne dass einem hinterher der Kopf raucht. Es ist weich und gefällig, das Messer geht hindurch wie durch Butter; nichts was irgendwie Anstoß erregen könnte. Schiewe beherrscht das Erzählen; er weiß, wie man Spannungspunkte setzt, und dass man hinterher den Griff um den Leser auch wieder lockern muss. Er kennt offensichtlich die Zeit, über die  er schreibt, er beherrscht sogar das Altfranzösische gut genug, um es an bestimmten Stellen zu zitieren.
Aber das Buch hinterlässt keine Widerhaken im Denken. Der «Bastard von Tolosa» ist Ulf Schiewes erstes Buch. Im wirklichen Leben ist Schiewe IT-Berater, habe ich in einem Interview gelesen. Dass er schreiben kann, ist ganz offensichtlich. Und doch fehlt mir in diesem Buch der doppelte Boden, der Verweis auf das Heute – oder was immer es auch ist, was ein Buch zum Kunstwerk macht. Wie Umberto Eco vor vielen Jahren mit seinem «Namen der Rose» bewiesen hat, kann man auch einen historischen Roman als Kunstwerk anlegen. «Der Name der Rose» ist ebenso eine Parodie auf den Detektivroman, wie es eine Auseinandersetzung mit dem Universalienstreit ist (also der Frage, ob zuerst die Begriffe waren und die Wirklichkeit ihnen folgt, oder ob zuerst die Wirklichkeit ist und dann erst die Begriffe kommen. Und womöglich sind auch noch ganz andere Ebenen in diesem Buch angelegt).

Im «Bastard von Tolosa» findet man das alles nicht. Manchmal war ich, nachdem ich längere Zeit darin gelesen hatte, richtig froh, dass neben ihm Thomas Pynchons grandioses Werk «Gegen den Tag» auf meinem Glastisch lag, ein Buch, bei dem man auf jeder zweiten Seite ins Grübeln kommt, wie der Autor das nun wieder gemeint haben könnte… Kurzum: Schiewe kann erzählen, keine Frage – doch das genügt nicht. ■

Ulf Schiewe, Der Bastard von Tolosa, Roman, Droemer-Knaur Verlag, 928 Seiten, ISBN 978-3-426-19841-4

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Leseproben

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