Glarean Magazin

Valeri Bronznik: «1.d4 – Ratgeber gegen Unorthodoxe Verteidigungen»

Posted in Buch-Rezension, Rezensionen, Schach, Schach-Rezension, Valeri Bronznik, Walter Eigenmann by Walter Eigenmann on 20. Oktober 2010

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Weiße Rezepte gegen die schwarze Giftküche

Walter Eigenmann

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Der gebürtige Ukrainer Valeri Bronznik, seines Zeichens Internationaler Meister und seit Jahren in Stuttgart ansäßig, genießt nicht nur als Spieler, sondern auch als Buchautor wie als Schachpädagoge einiges Ansehen. Das Credo, dem dabei der rührige IM als Schach-Coach wie als Theoretiker anhängt, erläutert er selber einschlägig z.B. hier:
«Viele meinen, dass es völlig ausreichend sei, eigene Partien mit dem Computer zu analysieren. “Fritz sagt, daß falls ich Lc1xh6 gespielt hätte, wäre es +2,7 für mich”; oder “Es war praktisch ausgeglichen, ich sollte nur Da1-h8 spielen”. Wozu braucht man noch einen Trainer, wenn ein Schachprogramm alles sofort sieht und zeigt?
Die Antwort ist eigentlich einfach. Kein Schachprogramm erklärt Ihnen, wie Sie den richtigen Zug finden. Es erklärt Ihnen auch nicht, warum Sie diesen, und nicht den anderen Plan verwirklichen sollen. In Ihren weiteren Partien werden Tausende neuer Positionen entstehen, aber kein Programm sagt Ihnen, mit welcher Vorgehensweise Sie die zukünftigen Probleme lösen können. Kein Programm kann erkennen, zu welchen Fehlern Sie neigen, aus welchem Grund, und Ihnen dann eine entsprechende Hilfe anbieten. Kein Programm zieht Psychologie in Betracht, welche im Schach eine enorm große Rolle spielt.
Das alles läßt sich aber mit Hilfe eines qualifizierten Trainers lösen. Und wenn Ihre Zusammenarbeit mit ihm gut läuft, dann sehen Sie nach einiger Zeit, daß Sie das Schachspiel viel besser verstehen, in Ihren verschiedenen Turniersituationen viel besser zurecht kommen und folglich einfach besser spielen und davon mehr Spaß haben.»

Valeri Bronznik

Nun könnte man solcherlei auf den ersten Blick als simpel-worthülsige Reklame fürs eigene Gewerbe abtun, hätte Bronznik den Tatbeweis seiner Qualitäten nicht längst auch in Form vielbeachteter Buchpublikationen angetreten. Nach spezifischen Eröffnungs-Monographien (z.B. über «Tschigorin» und «Colle») sowie einem Positionsspiel-Lehrbuch (gemeinsam mit Anatoli Terekhin) widmete er sich nun verschiedenen Nebenlinien gegen ungewöhnliche schwarze Reaktionen auf 1.d4; der Band nennt sich vielsagend: «1.d4 – Ratgeber gegen Unorthodoxe Verteidigungen / Ihr Gegner will Sie überraschen? Bleiben Sie cool!»

Und in der Tat hat wohl jeder ambitionierte d4-Spieler gegen den schwarzen Mainstream der Halboffenen Spiele – der da ist: alle bekannten «grossen» Indischen Verteidigungen inkl. Grünfeld und Benoni sowie natürlich der ganze Damengambit-Komplex – seine Lieblingspfeile im Eröffnungsköcher; wenn aber die Nachziehenden mit vielversprechendem Exotischem daherkommen – z.B. betont Taktik-Lastigem wie die Englund-, Schara-Hennig-, Albins-Gambite oder auch einer «gesunden» Keres- oder Englisch-Verteidigung zuzüglich Budapester Gambit -, dann kann das beim unvorbereiteten Weißen schon mal die Schweißtropfen der hochnotpeinlichen Überraschung auf die Stirn treiben (siehe auch untenstehendes Inhaltsverzeichnis).
Dagegen nun fährt Valeri Bronzniks Veröffentlichung kräftig Geschütze auf – wobei er dezidiert keine «Eröffnungsbibel» schrieb, sondern eher ein «Wegweiser», der teils zwar bei komplexen Systemen eine variantenreiche Binnengliederung nötig machte, teils bei klareren «Fällen» auch eine einfachere Strukturierung des Materials verwendete. Dementsprechend beanspruchen «seriösere» Systeme – z.B. Keres-Verteidigung, Verzögerter Stonewall, Budapester Gambit oder Englische Verteidigung – ausführlich Raum, während Waghalsig-Unkorrektes wie beispielsweise Soller- bwz. Englund-Gambit oder das Wusel mit ein paar wenigen Seiten bzw. dem Hinweis auf «natürliche Züge» für den Anziehenden abgefertigt werden konnten. Grundsätzlich reduziert Autor Bronznik aber eigentlich weitverzweigendes Variantengestrüpp in wohltuendem Pragmatismus einfach auf ein besonders vielversprechendes Abspiel mit dem Hinweis: «Die Variante, die ich Ihnen empfehle, ist darauf orientiert, einen vielleicht nicht sehr großen, dafür aber stabilen Vorteil zu erhalten.»
Im Zuge seiner Untersuchungen greift dabei Bronznik immer wieder dezidiert u.a. auf Arbeiten des Münsterer Schachautoren und Dortmunder Bundesligisten Stefan Bücker zurück, um dessen umfangreiche Recherchen in Sachen «Groteske Schacheröffnungen» konstruktiv aufzugreifen bzw. kritisch zu hinterfragen. Denn Kaissiber-Herausgeber Bücker hat sich gerade als Experte für Unorthodoxes einen Namen gemacht, so dass Valeri Bronznik in verschiedenen Details die Arbeit des Münsterer FIDE-Meisters zum willkommenen Ausgangspunkt seiner Aktualisierungen nehmen konnte.

Lesefreundliches Schriftbild, schönes Layout, inkl. «Fazit»: Auszug der «Geier»-Analyse von Valeri Bronznik

Stichwort Aktualität: diesbezüglich ist diese d4-Abhandlung Bronzniks über jeden Zweifel erhaben – sowohl hinsichtlich des Partien- wie bezüglich des Variantenmaterials. Sogar die Grundlagen- bzw. Beispiel-Partien, welche das zu behandelnde System je verallgemeinernd umreißen, sind – im Gegensatz zu vergleichbaren Publikationen – meist nicht älter als 10-15 Jahre, weiterführende exemplarische Games stammen manchmal gar aus dem Zeitraum der letzten zwei Jahre. Auch hinsichtlich taktische Akkuratesse – ein in älteren Monographien dieser Art immer wieder kritisches Element – befriedigt Bronzniks Arbeit: der Autor hat offensichtlich ausführlich Gebrauch gemacht von modernster Software, was die Gefahr von fehlerhaften taktischen Details minimiert, und an einzelnen Stellen werden gar dezidiert Analyseergebnisse von starken Schach-Programmen wie z.B. «Rybka» oder «Fritz» zitiert.

Mit seinem neuesten «Ratgeber» für d4-Spieler, die geeignete Waffen gegen unorthodoxe schwarze Eröffnungssysteme suchen, präsentiert der Stuttgarter IM Valeri Bronznik eine qualitätsvolle Monographie, die sehr originelle Rezepte vorlegt und dabei so manche schwarze Überfalls-Idee ad absurdum führt. Eine sehr interessante und empfehlenswerte Produktion aus dem Hause Kania.

Ein Knackpunkt bei variantenorientierter Schachliteratur ist selbstverständlich immer wieder die Ausgewogenheit von verbalem Beschrieb und konkreten Zugfolgen – und gerade hier auch überzeugt Bronzniks schachliterarischer Ansatz. Das teils durchaus enorm detailreiche Variantenmaterial in seinen oft starken Verästelungen wird vom Autor immer wieder strukturierend unterbrochen mit strategischen Hinweisen, positionellen Anmerkungen, allgemeinschachlichen Tipps – was in diesem Mix auch das Spektrum der Zielgruppen wünschenswert dehnt: Der Band dürfte auf allen Stärke-Levels vom erfahrenen Vereinsamateur bis zum ambitionierten Open-Spieler mit Gewinn konsultiert werden; erstere werden die grundsätzliche Einschätzung eines Gambits bzw. eines Eröffnungskomplexes zu schätzen wissen, die anderen die zahlreichen konkreten, zwar verästelten, aber nie ausufernden Abspiele als Grundlage für die eigene Eröffnungsarbeit nehmen. Über den grundsätzlichen Wert eines jedes vorgestellten Systems gibt dabei der Autor am Ende des jeweiligen Kapitels Auskunft in einem eigenen «Fazit», das die vorausgegangene Analyse mit einer Empfehlung für den Weißen (oder ggf. einer Warnung für Schwarz…) zusammenfasst.

Hilfreich beim Buchstudium ist dabei auch das differenzierende Schriftbild des Bandes: Die Partiefortsetzung kommt in größeren, die Variante in kleineren fetten, die weitere Untergliederung in normalen Buchstaben daher. Verbunden mit einer übersichtlichen Einzug- bzw. Absatz-Gestaltung sowie einer wohldosierten Diagramm-Verwendung unterstützt das Übersichtlichkeit und Lesefluss. Auch in Sachen Buchdruck überzeugt die neue Produktion aus dem Hause Kania vorbehaltlos: Stabiler Hardcover-Einband, schöne Fadenheftung, ästhetisches Layout mit tadellosem Diagramm-Druck auf qualitätsvollem Papier – wenngleich dies alles nicht anders erwartet aus einem Schach-Verlag, der schon seit Jahren anerkanntermaßen nicht auf Quantität, sondern auf Qualität setzt. Zum Preis von 20 Euro erhält der Schachfreund erneut also ein Schachbuch der mustergültigen Art, das in dieser Thematik und mit dieser Qualität willkommen eine Lücke schließt. ■

Valeri Bronznik: 1.d4 – Ratgeber gegen Unorthodoxe Verteidigungen, 236 Seiten, Kania Schachverlag, ISBN 3-978-3-931192-37-2

Leseproben (Scans)


Weitere Leseproben (pdf)

Inhalt

Einführung
TEIL I Verschiedene 1... Züge
Kapitel 01  Englund-Gambit und Verwandtes
Kapitel 02  Holländisches Benoni
Kapitel 03  Das Wusel
Kapitel 04  Die Polnische Verteidigung
Kapitel 05  Die Owen-Verteidigung
Kapitel 06  1...Sc6
Kapitel 07  Die Keres-Verteidigung
Kapitel 08  Die Englische Verteidigung
TEIL II Variationen im Damengambit
Kapitel 09  Die Marshall-Verteidigung
Kapitel 10  Die Österreichische Verteidigung
Kapitel 11  Die Baltische Verteidigung
Kpaitel 12  Albins Gegengambit
Kapitel 13  Das Schara-Hennig-Gambit
Kapitel 14  Der verzögerte Stonewall
TEIL III Indische Spezialitäten
Kapitel 15  Snake-Benoni
Kapitel 16  Der Geier
Kapitel 17  Das Fajarowicz-Gambit
Kapitel 18  Das Budapester Gambit
Kapitel 19  Black Knight's Tango
Literaturverzeichnis
Spielerverzeichnis
Index

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Roland Heer: «Fucking Friends»

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Auf ganzer Linie gescheitert

Günter Nawe

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Manches macht viel Mühe – und ist ihrer letztlich doch nicht wert. Das gilt hier und jetzt für das Buch des Bergsteigers und Deutschlehrers Roland Heer, der mit «Fucking Friends» seinen Debütroman abgeliefert hat – und damit auf der ganzen Linie gescheitert ist.

Der Anfang dieses Romans ist noch einigermaßen nachvollziehbar. Während der Extrembergsteiger Greg wieder einmal und gegen den Willen seiner jungen Familie auf dem Wege zum Gipfel eines Siebentausenders ist, kommen seine Frau und sein kleine Tochter bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Dies bedeutet für Greg den Absturz in eine tiefe Depression. Soweit, so gut! Und vielleicht hätte daraus eine richtig gute Geschichte werden können.

Doch bei Roland Heer bekommt die Sache einen ganz anderen Drive. Zwar wird am Anfang noch ein wenig Psychologie bemüht. Doch Greg, Anfang 40 und Comic-Zeichner, versucht, seinem Schmerz beizukommen, indem er sich bald in ein exzessives Sexualleben stürzt. Und hier wird der Roman in höchstem Maße peinlich, unappetitlich und damit die Lektüre zum Ärgernis.
Greg, wie ein Spätpubertierender, verlegt sich auf Kopulationsakrobatik jeglicher Art. Frauen (von Liebe, selbst von Zuneigung kann keine Rede sein) sind nur noch Objekte seiner sexullen Begierde. Und für diese Begierde findet er seine «Objekte» in der digitalen Welt der Kontaktmöglichkeiten. Greg unterliegt ohne auch einen Hauch von Widerstand den Verheißungen der Cyberwelt. Auf Porno-Sites, in Online-Single-Börsen und in Darkrooms findet er willfährige Partner(innen), seine fucking friends, die es ihm erlauben, seine sexuellen Obessionen auszuleben. Um den ultimativen Kick geht es – und auf den muss immer noch einer draufgesetzt werden. Und so weiter. Virtuell – bei Online Datings – und ganz real in irgendwelchen Betten wird gefickt und gevögelt, gekifft und gesoffen. Zitate, die dies in allen Einzelheiten belegen könnten, verbieten sich ob der Obszönität, sie mögen deshalb dem Leser erspart bleiben. Irgendwann landet Greg dann bei einer Heike, die genau so abgefuckt ist wie er selbst. Und am Ende ist er HIV-infiziert – und der Leser von alledem völlig abgestoßen.

«Fucking Friends» von Roland Heer aus dem BilgerVerlag ist ein miserables Buch, das viel verspricht und nichts hält. Simpler Porno, und zwar von der schmuddeligsten Sorte, aber immer schön unterm Mäntelchen der Selbstfindung. Vergessen!

Hier verfängt auch die Verlagswerbung für dieses Buch nicht, die einen «schonungslos offenen Blick» auf die entsprechenden Internet-Formate ansagt und damit einen sozial-kritischen Ansatz suggeriert. Nichts davon; dieses Buch ist schlichter und simpler Porno – und zwar miserabler – , der unter dem Mäntelchen der Selbstfindung, der Trauerarbeit und einer bescheidenen Gesellschaftsrelevanz daherkommt. Keine Literatur, sondern auch sprachlich unterste Schublade – eine Ansammlung von schmuddeligen, unappetitlichen Sexgeschichten übelster Art.
Und so hat es Mühe gemacht, diesen Roman überhaupt zu Ende zu lesen. Eine Mühe, die sich in keiner Weise gelohnt hat. «Fucking Friends» ist ein miserables Buch, das viel verspricht und nichts hält. Da hilft auch der Zitatenverweis, der alle oder viele große Namen der Weltliteratur enthält, nichts. Diese Autoren dürften sich in diesem Zusammenhang absolut unwohl fühlen.

So bleibt nur, vor der Lektüre des Romans «Fucking Friends» zu warnen – weniger der Moral wegen, allein schon aus Gründen der Ästhetik. ■

Roland Heer, Fucking Friends, 376 Seiten, BilgerVerlag Zürich, ISBN978-3-03762-011-3

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Martin Breutigam: «Todesküsse am Brett»

Posted in Buch-Rezension, Martin Breutigam, Rezensionen, Schach, Schach-Rezension, Thomas Binder by Walter Eigenmann on 13. Oktober 2010

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Kurzweilige Geschichten rund um die Schach-Genies

Thomas Binder

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Martin Breutigam kann mit Recht als einer der umfassendsten Schachkenner deutscher Sprache gelten. Viele Jahre spielte der Internationale Meister in der Bundesliga; inzwischen wird er vorwiegend als freischaffender Schachjournalist wahrgenommen. Dabei ist es ihm gelungen, die Schachszene in zwei der großen überregionalen Tageszeitungen Deutschlands präsent zu halten: der Süddeutschen Zeitung und dem Berliner Tagesspiegel.
Seine neueste Veröffentlichung ist eine Sammlung von Nachdrucken seiner Kolumne im Tagesspiegel aus den Jahren 2006 bis 2010: «Todesküsse am Brett – 140 Rätsel und Geschichten der Schachgenies von heute».

Der Internationale Meister Martin Breutigam

Um es vorwegzunehmen: Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft liegt damit ein nettes kleines Buch vor, mit dem man jedem Schach-Interessierten – unabhängig von Alter oder Spielstärke – eine Freude machen kann. Der günstige Preis – knapp 10 Euro – trägt dazu bei, dass sich die Investition auf jeden Fall lohnt. Dieser Preis begründet sich wohl durch die einfache Gestaltung als Taschenbuch und sicher auch durch die «Zweitverwertung» bereits vorhandenen Materials. Sozusagen «Gebrauchsliteratur» im besten Sinne…

Den Hauptteil des Buches bilden «140 Rätsel und Geschichten der Schachgenies von heute», wie es im Untertitel heißt. Nach Art und Umfang sind sie eine ideale Lektüre zum Schmökern zwischendurch, für eine kurze U-Bahn-Fahrt, für eine Wartezeit oder vor dem Einschlafen. Knapp ein Drittel jeder Seite ist dabei einem optisch angenehm gedruckten großen Stellungsbild vorbehalten. Danach folgen ein kurzer Text über den jeweiligen Protagonisten bzw. den aktuellen Bezug und dann mehr beiläufig die Frage nach der Gewinnfortsetzung, die der genannte Spieler an dieser Stelle aufs Brett gezaubert hat.

Die Auflösung wird kopfstehend und in sehr kleiner Schrift am unteren Ende der Seite präsentiert – ein gelungener Kompromiss, wie ich finde: Man muss nicht weiterblättern, ist aber auch davor geschützt, die Lösung quasi «aus Versehen» wahrzunehmen. Die Antworten beschränken sich auf drei bis vier Zeilen, gehen aber in der Analyse zumindest so weit, dass auch ein Schachfreund auf mittlerem Klubspielerniveau die Zugfolge ohne Brett nachvollziehen und verstehen kann. Einige ganzseitige Porträt-Fotos (u.a. Aronjan, Short, Carlsen, Hou Yifan) runden das Werk ab.

Zocken auf http://www.schach.de nach der Polit-Demo: Putin-Gegner und Ex-Schach-WM Garry Kasparow («Todesküsse» Seite 10)

Die Auswahl der Partien ist – dem Ursprung der Beiträge geschuldet – auf die aktuelle Meistergeneration und die Turniere des letzten Jahrzehnts beschränkt. Auch die in diesem Zeitraum verstorbenen Top-Spieler (stellvertretend seien Fischer und Bronstein genannt) werden gewürdigt.
In einigen Fällen spannt Breutigam den Bogen mit einem Kunstgriff weit auf, z.B. wenn er Akiba Rubinstein vorstellt, um dann mit einer aktuellen Partie fortzusetzen, deren Motiv an dessen berühmte Opferpartie gegen Rotlevi erinnert. Ansonsten dokumentieren die Texte schlaglichtartig die Schachgeschichte seit 2006, freilich ohne ins Detail zu gehen.

Seiner Verantwortung als Journalist wird der Autor darin gerecht, dass er auch kontroverse Themen nicht ausspart, sei es Kasparows politisches Engagement, die Austragung der Frauen-WM 2008 in einem Krisengebiet oder die umstrittene Null-Toleranz-Regel der FIDE. So gewinnt auch der Außenstehende einen Eindruck von jenen Themen, die uns Schachspieler abseits des Brettes beschäftigen, und er wird angeregt, sich darüber näher zu informieren. Mehr kann man im Rahmen dieser Sammlung sicher nicht leisten. Letztlich ist gerade die Vielfalt der angesprochenen Aspekte eine Stärke des Buches.
Bei der Auswahl der Stellungen hat sich Martin Breutigam auf effektvolle Kombinationen konzentriert, die zum sofortigen Partieschluss führten. So ist für Unterhaltungswert und Lerneffekt gleichermaßen gesorgt.
Ob es dabei eines reißerischen Titels wie «Todesküsse am Brett» bedurft hätte, mögen Marketing-Experten bewerten. Den Titel verwendet Breutigam – leicht abgewandelt – für seinen Artikel über Kramniks Niederlage gegen Deep Fritz, als der Weltmeister ein einzügiges Matt zuließ. Ich halte dies für die am meisten überbewertete Episode der jüngeren Schachgeschichte, und leider macht Breutigam hier keine Ausnahme: Ausgerechnet diese Story wird auf mehreren Seiten ausgebreitet.

140 kurze Geschichten umrahmen jeweils eine knackige Kombinations-Pointe aus dem Schaffen der aktuellen Meistergeneration. In einem unschlagbar günstigen Preis-Leistungs-Verhältnis legt uns Martin Breutigam ein passendes Weihnachtsgeschenk für jeden Schachfreund auf den Gabentisch.

Wenn man das Buch liest – und gerade wenn man sich einzelne Geschichten zur genüsslichen Lektüre herauspickt – muss man immer im Hinterkopf behalten, dass es sich um Zeitungskolumnen handelt, deren Aktualität längst ihr Verfallsdatum überschritten hat. Im Seitenkopf ist jeweils relativ unauffällig die Jahreszahl der Veröffentlichung angegeben. Eine etwas genauere Datierung wäre hilfreich. Formulierungen wie «bei der laufenden WM» oder «am letzten Sonntag» erschließen sich dem Leser so immer erst nach einem kurzen Zweifeln, zumal der Reiz des Taschenbuches auch darin besteht, es nicht chronologisch durchzuarbeiten. Geradezu als Anachronismus wirkt es z.B. wenn Magnus Carlsen für das Erreichen von Platz 31 der Weltrangliste gefeiert wird… Die Texte aus heutiger Sicht nachträglich umzuformulieren oder zu ergänzen, wäre wohl ein schwieriger Spagat gewesen, bei dem die Authentizität auf der Strecke bleiben müsste.

Dieser zeitliche Versatz, an den sich der Leser erst gewöhnen muss, bleibt das einzige Unbehagen bei einer ansonsten absolut kurzweiligen und anregenden Lektüre. ■

Martin Breutigam: Todesküsse am Brett, Verlag Die Werkstatt, 160 Seiten, ISBN 978-3895337437.

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Weitere Leseproben

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Und immer droht der Weihnachtsmann

Posted in Buch-Rezension, Ilse Gräfin von Bredow, Literatur, Rezensionen by Walter Eigenmann on 23. November 2007

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Neue Weihnachtsgeschichten von Ilse Gräfin von Bredow

bredow-weihnachtsmann.jpgStets rechtzeitig zum Advent legt «alle Jahre wieder» die 85-jährige, aber offenbar ungebrochen rüstig schreibende Erfolgsautorin Ilse Gräfin von Bredow ihre Adventgeschichten und Weihnachtsstorys unter den Christbaum. Nach «Ich und meine Oma und die Liebe» (2005) und «Benjamin, ich hab nichts anzuziehn» (2006) ist es heuer «Und immer droht der Weihnachtsmann».
Die erfrischend unsentimental fabulierende, das (gerade an «hohen Festtagen» unausweichliche) Menschlich-Allzumenschliche mit maliziösem Stift aufspießende Hamburger Schriftstellerin bleibt sich auch dieses Jahr treu. Bis jeweils «Friede auf Erden» einkehrt, haben all die Väter und Mütter, Opas und Omas, Onkel und Tanten, Jungs und Mädels ne Menge an gar nicht gnadenbringenden Streitereien, Schrulligkeiten und garstigen Unpässlichkeiten zu überleben.
Natürlich singt’s mit verständnisvollem Augenzwinkern doch immer wieder «O du fröhliche…» am Ende der Geschichte(n) von Ilse Gräfin von Bredow, denn zu Weihnachten ist schließlich «Versöhnung» angesagt. Aber wer mal ein weihnächtliches Geschenk-Buch der sympathisch sperrigen, die Brüche in den glitzernden Weihnachtskugeln aufdeckenden, trotzdem mit feinem Humor-Lametta garnierten Art sucht, greife zu diesem «drohenden Weihnachtsmann». Schmunzeln erlaubt. (gm/07) ■

Ilse Gräfin von Bredow, Und immer droht der Weihnachtsmann, Neue Weihnachtsgeschichten, Scherz Verlag, 224 Seiten, ISBN 978-3-502-11053-8

Reise ins eigene Innere

Posted in Christa Degen, Literatur, Neuheiten by Walter Eigenmann on 10. Juli 2007

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Christa Degen: «Mondschatten»

christa-degen-mondschatten-glarean-magazin.jpgAufgrund einer gescheiterten Liebe treiben Verzweiflung und Hoffen den Ich-Erzähler Jano Loewe um wie Licht und Dunkel. Erst die Reise in sein Inneres, das Vereinen beider Seiten führt ihn zu sich selbst. Der Text verfolgt seine Entwicklung anhand von Tagebuch-Einträgen und im Spiegel seiner Träume. (Verlagsinfo)
«Lesern, die nicht nur ausgetretene literarische Pfade begehen wollen oder sich gerne zu weiterführenden Gedanken anregen lassen möchten, sei dieser Roman wärmstens empfohlen.» (Kunden-Rezension bei Amazon) ■

Christa Degen, Mondschatten, Roman, Salon LiteraturVerlag, 200 Seiten, ISBN 978-3-939321-12-5