Rudolf Heinemann: «Die Uraufführung»
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Hechtsprung in die Musikgeschichte
Günter Nawe
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Die Reihe der Fachpublikationen, die Rudolf Heinemann vorzuweisen hat, ist beachtlich. Der studierte Musiker und Soziologe, promovierte Musikwissenschaftler und Redakteur (und, und…) ist bereits mehrfach für seine «Verdienste um die Deutsche Musik» ausgezeichnet worden. Jetzt hat er seinen vielen Berufen und Berufungen eine weitere angefügt und sich als veritabler Schriftsteller geoutet – mit der herrlich satirischen Erzählung «Die Uraufführung».
Seinem Metier, der Musik, ist er auch hier treu geblieben. Seine Insider-Kenntnisse des Musik- und Kulturbetriebes sind ihm dabei sehr zustatten gekommen. Und so ist ihm eine wunderbare Persiflage auf die manchmal recht eigenartigen Umtriebe, kuriosen Erscheinungen und fatalen Auswirkungen gelungen – verpackt in die spannende Geschichte um Anton Schriller und seinen außergewöhnlichen Eintritt in die Musikgeschichte.
Dieser Anton Schriller, geschieden, ist gelegentlicher Besucher in einem Etablissement, in dem ihm eine wunderschöne und geheimnisvolle Chinesin zu Diensten ist. Bei ihr findet er von Mal zu Mal die höchste Erfüllung seiner sexuellen Wünsche. Am Ende zieht er sich bei einem Superorgasmus einen Hinriss zu. Der wiederum führt zu entrückten Zuständen bis hin zum Gedächtnisverlust. Und das ist auf Dauer nicht unbedingt lustig.
Während Schriller also sein Leben so oder so vor sich hinlebt, seine Chinesin besucht, und sich musikalischen Genüssen hingibt, bereitet sich der Ort, in dem er lebt, auf ein kulturelles Ereignis der Sonderklasse vor: Die Uraufführung eines multimedialen Gesamtkunstwerks eines Großkomponisten, der Kontakt selbst mit Außerirdischen haben soll, steht bevor. Schon im Vorfeld wird darüber mehr oder minder klug diskutiert. Der aufmerksame Leser zeigt sich nicht nur höchlichst amüsiert, sondern vielfältig erinnert an reales Geschehen in Redaktionsstuben und kulturpolitischen Gremien.
Und dann das Ereignis! «…während der Uraufführung schlendert Anton Schriller … wie die meisten Besucher im Stadtpark herum…». Über dem Park liegt ein riesiges Tonfresko, das das Publikum teils amüsiert, teils fasziniert oder langweilt. Plötzlich setzt sich ein geparkter Jaguar ohne Motorstart in Bewegung. In diesem Augenblick bekommt Schriller seine «Zustände». Er hechtet auf den Jaguar, der nun quer durch die Uraufführung rollt und im Abenddunst verschwindet. Verschwunden ist auch Schriller, bis er schlafend in einem Blumenbeet gefunden wird. Er kann sich an nichts mehr erinnern. Wie also das Geschehen aber der Polizei und überhaupt erklären?
Oder war dieser Hechtsprung, der Schriller in die Musikgeschichte katapultiert hat, Teil der Inszenierung des Großkomponisten? Für die öffentliche und veröffentlichte Meinung Grund zu tiefschürfenden Auseinandersetzungen. Schriller aber ist das letztlich egal. «Sein Hechtsprung gehörte nun dazu. Sein Name war mit diesem Werk verbunden, ja, er würde bei dem Werk für immer mitgedacht werden. Das ist der Ruhm, dachte Anton Schriller.» Die Chinesin allerdings meidet er künftig.

Rudolf Heinemann hat mit «Die Uraufführung» eine amüsante Persiflage auf den Musik- und Kuturbetrieb geschrieben - eine sehr intelligente Erzählung voller Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung. Blendende Unterhaltung!
Alle bekommen in dieser brillanten Erzählung ihr Fett weg: die Medien und die selbstherrlichen Kritiker, die Kulturpolitiker, der Komponist dieses multimedialen Events, dem es nicht mehr allein um die Musik, sondern mehr um das Aufsehen geht. Und das Publikum, dem es häufig einfach nur darum geht, bei einem solchen Event dabei gewesen zu sein. Das Dèja-vu-Erlebnis des Lesers wird individuell verschieden sein – ist aber in jedem Fall gegeben.
Für diese Geschichte findet der Autor den richtigen Ton. Rudolf Heinemann hat ein wunderbares, kleines Buch geschrieben, ein – um in der Sprache der Musik zu bleiben – Scherzo: voller Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung. Blendende, intelligente Unterhaltung! ■
Rudolf Heinemann, Die Uraufführung, Eine satirische Erzählung, 110 Seiten, BUCH&media (Allitera), ISBN 978-3-86520-362-5
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Hélène Cixous: «Manhattan»
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Vom Scheitern einer Besprechung und vom
Herantasten an eine Vorgeschichte
Karin Afshar
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Als ich entschied, das Buch von Hélène Cixous zu besprechen, wusste ich nichts, aber auch gar nichts über die Autorin. Das ist nichts Neues, denn viele Autoren, deren Bücher ich bis jetzt besprochen habe, sind einer weiteren Leserschaft eher unbekannt. Dass ich diese Autorin aber hätte kennen können, wurde mir klar, als ich nachforschte – neugierig geworden, bevor ich das Buch in den Händen hielt: Cixous ist am 5. Juni 1937 in Oran (Algerien) geboren, sie ist Schriftstellerin, Philosophin, Universitätsprofessorin (Anglistik); lebt und arbeitet in Paris und Arcachon als Literaturwissenschaftlerin und Philosophin, vor allem aber als Roman- und Theaterautorin hat Hélène Cixous seit 1967 etwa 70 Bücher veröffentlicht.
«Schreiben aus der Vorgeschichte» heißt der Untertitel – was stelle ich mir darunter vor? Das Buch beginnt mich zu interessieren, denn seit geraumer Zeit sammle ich die Geschichte meiner Familie mütterlicher- wie auch väterlicherseits, und da kommt einiges zum Vorschein. Erzählungen aus der Zeit, bevor wir denken lernten, sind nicht zu unterschätzen. Sie können erklären, warum man selbst ist, wie man ist, mit allen Wunden und verqueren Mustern. Auf der Seite des Wiener Passagen Verlags, in dem die Übersetzung erschienen ist, lese ich dies:
«Die Ursache des Schreibens, wo liegt sie? Immer wieder warnt die Autorin ihre Leser (im Ankündigungstext des Verlages): «Ich werde dieses Buch nicht schreiben», und doch bahnt sich das Buch Wege ans Licht der Seiten und umschreibt in bebenden Rucken und heftigen Erschütterungen die zertrümmernde Begegnung mit G.»
Das Buch ist noch nicht da, von Wien nach Frankfurt dauert es mit der Post etwas länger, und ich werde jetzt doch sehr neugierig. Die Qual des Schreibens – oh ja, die kenne ich! Ob ich eine Seelenverwandte finde? Eine, mit der ich mich, ohne sie zu kennen, verstehe und die mir, ohne dass ich sie darum gebeten hätte, Impulse gibt? Währenddessen erlese ich über Cixous noch einiges mehr:
«Hélène Cixous’ immer an der Matrix der französischen Sprache ausgerichtetes literarisches Werk bringt originelle und zugleich traditionsgesättigte Sprachkunstwerke hervor, deren Bezugspole die gesamte abendländische Literaturtradition in sich aufnehmen: Ihr experimenteller Schreibstil ist subjektivistisch, zuweilen changiert ihre Prosa in lyrische Passagen. Schreiben ist für Hélène Cixous weibliche Selbsterkundung und Selbstschaffung, dieser feministische Ansatz wurde von ihr insbesondere während ihrer akademischen Tätigkeit programmatisch entwickelt. Hélène Cixous schreibt radikal antitotalitär und prägt als dekonstruktive Sprachdenkerin (zusammen mit ihrem verstorbenen Freund Jacques Derrida) seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts die poststrukturale Literatur und Philosophie.» (Erwin Rauner über Cixous)
Dekonstruktivismus – was war das noch gleich? Ich recherchiere auch dies und erinnere mich wieder: Es hat etwas mit der Auflösung der binären Opposition zu tun – also z.B. mit der Dualität von Mann und Frau oder dem dominanten Gesellschaftssystem und einem daneben existierenden, anders strukturierten System. Eine Frau, soll Cixous gesagt haben, schreibe deshalb nicht wie ein Mann, weil sie mit dem Körper spreche. Weil das Patriarchat immer geherrscht habe, habe die Frau keine eigene Sprache, und ihr Körper werde ihr einzig nutzbares Mittel. Schreibpraxis und Sinnenfreude fallen bei ihr zusammen – die weibliche Schreibpraxis ist irrational, nicht regelhaft und voller Zerstörung.
Das Buch ist endlich angekommen. Es hat einen schlichten grauen Einband, ist ein Paperback. Auch innen Schlichtheit, gedruckt auf gelblichem Papier, keine weiteren Angaben z.B. zu bereits im Verlag veröffentlichten anderen Büchern. Es erscheint völlig auf den Text konzentriert. Worum es geht?
«Die Liebe zu G. war nicht Liebe zu G., sondern in Wahrheit Liebe zur Literatur. Ja, dass es G. gar nicht gab, dass er Zitat, Abschrift, Imitation und Zusammenschnitt aus den berauschend berückendsten Werken der Weltliteratur war – hätte sie das ahnen können oder sollen, sie, die damals, 1965 in Amerika, glaubte, einen jungen Mann namens Gregor zu lieben? Und wer, wenn nicht die geheimen Andermächte der von ihr über alles geliebten Literatur hatte diesem G. die Schlüssel zu ihrem Wesen in die Hände gespielt: einen Namen zum Beispiel, der klanglich ihre geliebtesten Verstorbenen heraufbeschwor, oder einen leichten Husten und dann die Eingebung, ihr eine Lungenkrankheit vorzutäuschen mit einem Schreiben aus Kafkas Briefen an Milena?» (Verlagsinfo).

Die Verworrenheit, die die Protagonisten in Hélène Cixous' «Manhattan» durchleben, spiegelt sich in einer Verworrenheit des Schreibstils, basierend auf den vielen literarischen Bezügen, wider – das Lesen ist anstrengend...
Gut, gehen wir’s an. Ich setze mich mit dem Buch auf den Balkon, mitten zwischen meine Brennesseln, die die schönsten im ganzen Innenhof sind, beginne zu lesen. Aber ich komme nicht weit. Wir – das Buch und ich – bekommen keine Verbindung. Die Sätze, die mir entgegenfallen, sind mir zu konstruiert nichtstrukturiert. Die Art von Spiel mit der Sprache ist mir fremd, so fremd, dass es keinen Grund gibt, mich damit auseinanderzusetzen. Bevor ich an einen Punkt gelange, an dem die Geschichte vielleicht richtig anfängt, lege ich das Buch aus der Hand.
Dergleichen ist mir auch bei anderen Autoren passiert. Ich fand jene mit Abstand betrachtet allesamt zu subjektivistisch und zu sehr an Details orientiert, die einen wegführen von dem, was der Kern ist. Sie machen mich zu einer Voyeuristin: ich stehe staunend oder befremdet vor den Reflektionen der Protagonisten. Die Verworrenheit, die die Protagonisten durchleben, spiegelt sich in einer Verworrenheit des Schreibstils, basierend auf den vielen literarischen Bezügen, wider – das Lesen ist anstrengend. Natürlich habe ich mir meine Gedanken zu «Liebe» und Emanzipation oder Feminismus gemacht, und seichte Literatur ist auch nicht, was ich suche.
Im Dekonstruktivismus wird offensichtlich tatsächlich etwas «zerstört», was mich wiederum verstört. Ich bin ja nun auch schon durch einige Wirrungen und Irrungen des Lebens gegangen und wenn ich einen Protagonisten auf seinem Schmerzensweg begleite, dann will ich nicht gleichzeitig Kalkül einer Konstruktion sein, auf deren Rücken eine Theorie ausgelebt wird. Dieses Empfinden habe ich bei vielen Erzählungen der sogenannten Moderne…
Erwähnen will ich noch, dass mir eine Übersetzung vorliegt. Es ist immer eine große Aufgabe, ein Original in eine andere Sprache zu übersetzen. Im Falle von Cixous würde ich sagen: es ist ein Unterfangen, das nahezu unmöglich ist. Man muss sie vermutlich im Original lesen, dies ganz unabhängig vom Vorgesagten und meinen Schwierigkeiten mit der «Moderne».
Eins allerdings hat das Buch in mir geweckt: den Wunsch, nun doch die Geschichte zu schreiben, die von den Abgründen in einer Familie handelt. Mehr noch als Wunsch: ich bin herausgefordert. Aber keine Bange: ich werde mein Buch ebenso wenig schreiben, wie ich dieses vor mir liegende lesen werde. ■
Hélène Cixous, Manhattan, Schreiben aus der Vorgeschichte, Hg: Peter Engelmann, Ü: Claudia Simma, 212 Seiten, Passagen Verlag, ISBN 9783851659269
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Leseproben
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Karin Andert: «Monika Mann – Eine Biografie»
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Das ungeratene Kind
Günter Nawe
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Im September 1934 beschrieb Katia Mann ihrem Sohn Klaus die Rückkehr der Tochter und Schwester Monika aus dem Internat Salem: «Vom Mönle (Monika – die Red.), Deiner Lieblingsschwester in ihrer Art, muß ich Dir doch wohl auch kurz berichten, um so mehr, als ihre Ankunft geradezu sensationellen Charakter trug, so überaus verschönt, gertenschlank, mit herrlichen Fladeaus versehen und mit feurigen Samzungen modisch angetan und stolz gereckt entstieg sie dem Zuge, die eigenen Geschwister erkannten sie buchstäblich nicht, aber bei näherer Bekanntschaft erwies sich die Transformation doch nur als recht äußerlich, auch bekommt ihr ja leider das Elternhaus erfahrungsgemäß nicht, und sie ist, nach dreiwöchigem Aufenthalt hier, doch ganz das alte dumpf-wunderliche Mönle, völlig unbeschäftigt, die Speisekammer bemausend (was ihrer Schlankheit abträglich ist), teilnahmslos und unbekümmert, mit bisweilen aufblitzenden Hintergründen. So wird es wohl bleiben». Mutterliebe klingt anders.
Und so ist es geblieben – nicht das Mönle, aber das Verhältnis von Monika zu Vater und Mutter und zu den Geschwistern. Sie war eindeutig das «Stiefkind» in der Familie des Großschriftstellers Thomas Mann, der Monikas Geburt einfach ignorierte, weil mit ihr «die Grenze des Lächerlichen, fürchte ich, erreicht» ist. Auch in den Forschungen um und über die Familie Mann, in der Literaturwissenschaft und in der Biografistik ist dem «vierten der sechs ungeratenen Kinder» (so Monika über sich selbst), dem «ungeliebten» Mönle, bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden.

Monika Mann in den 1920-er Jahren: «Das alte dumpf-wunderliche Mönle, völlig unbeschäftigt, die Speisekammer bemausend»
Jetzt hat Karin Andert diesem «Stiefkind», dessen 100. Geburtstags wir in diesem Jahr gedenken, eine umfassende, sehr kluge und sensible Biografie gewidmet. Übrigens: die erste überhaupt. Die Autorin verfolgt weniger chronologisch denn auf Lebensereignisse und Lebensbeziehungen bezogen den Lebensweg von Monika Mann, geboren am 7. Juni 1910 in München und gestorben am 17. März 1992 in Leverkusen. Der Biografin ist so nicht nur eine eindringliche, brillante Biografie gelungen, sondern auch ein höchst sensibles Porträt einer Frau mit den «zwei Gesichtern» (Andert). Dass Monika Mann die Sympathie der Autorin gehört, kann der Leser teilnehmend nachvollziehen. Dennoch lässt die Literaturwissenschaftlerin Karin Andert zu keiner Zeit die wissenschaftlich-kritische Distanz vermissen.
Auch aus einem anderen Grund ist diese Biografie bemerkens- und lesenswert. Hat doch Karin Andert eine Fülle bisher unbekannten Materials gesichtet und berücksichtigt. So das bisher unveröffentlichte «New Yorker Tagebuch» aus dem Jahre 1945, das dieser Biografie sowohl in deutscher als auch englischer Sprache dieser Biografie angefügt ist.Das gilt auch für das «Monika-Büchlein» der Mutter Katia Mann aus den Jahren 1910-1914.
So sehen wir jetzt deutlicher, wer diese Frau war, die – es sei noch einmal gesagt – so recht nicht zur Familie gehörte. Sie hat ihren Vater geliebt und stets die Nähe zur Mutter gesucht; auch später in ihren Schriften. Nichts davon ist ihr zurückgegeben worden. Sicher, sie war kein einfaches Kind – aber wer von den Mann-Kindern war das schon. Und so ist Monika Mann ihren Lebensweg allein gegangen. Die begabte Musikerin hat ein Klavier-Karriere abgebrochen, die späteren Veröffentlichungen der sehr talentierten Schriftstellerin – Feuilletons, «Vergangenes und Gegenwärtiges», «Das fahrende Haus» sowie beachtete Texte in deutscher, englischer und italienischer Sprache – sind gegen den Widerstand der Familie, vor allem zum Missfallen der Schwester Erika, der Gralshüterin, erschienen.
Das traumatische Erlebnis ihres Lebens war der Tod ihre Mannes Jenö Lányi. Auf der Überfahrt nach Amerika 1940 wurde die «City of Benares» von einem deutschen U-Boot torpediert und sank. Monikas Mann ertrank vor ihren Augen. Auch in dieser Situation erschreckt die Kälte, die ihr von den Eltern entgegenschlug. Es dauerte, bis sie sich gefangen hatte und an «neues» Leben denken konnte. Nach vielen Reisen und immer neuen Wohnsitzen – ein Zusammenwohnen mit der Familie, ob mit Eltern oder Geschwistern, erwies sich als unmöglich -, nach der Emigration fand sie auf Capri nicht nur eine neue Liebe, die ihr Leben dreißig Jahr lang bestimmen sollte, sondern auch endlich so etwas wie Heimat – real und gefühlsmäßig. Hier ist Monika Mann zu einer selbstbewussten, höchst eigenständigen Persönlichkeit geworden. Hier hat sie aber auch die gewünschte Anonymität gefunden: «Mann suchte Landschaft, Ruhe und Menschenleere. Ihr Gang nach außen waren ihre Texte», so der Verleger Nikolaus Gelpke. Und Karin Andert: «Monika Mann hatte es als schweigsame Person schwer in einer Familie, in der das gesprochene Wort eine wichtige Rolle spielte». Monika Mann reagierte mit ihren Texten.

Karin Andert ist nicht nur eine eindringliche, brillante Biografie gelungen, sondern auch ein höchst sensibles Porträt einer Frau mit den «zwei Gesichtern» (Andert). Sie stellt das Persönlichkeitsbild der Monika Mann in den Kontext der Familien- und Zeitgeschichte. Sie hat bisher unbekanntes Material gesichtet und berücksichtigt. Und sie hat das Bild von Monika Mann, diesem ungeliebte Mitglied der Familie Mann, neue und sicher gerechtere Konturen verliehen. Aus diesen und vielen anderen Gründen: lesenswert.
Karin Anderts Biografie wirft auch ein vielleicht nicht unbedingt neues, aber bezeichnendes Licht auf die übrigen Familienmitglieder dieser in jeder Hinsischt außergewöhnlichen Familie Mann. Gleichzeitig ist diese Biografie eine Art Rehabilitation dieser komplexen, oft auch widersprüchlichen Persönlichkeit.
Frido Mann, der Neffe, der Nepomuk Schneidewein aus dem «Doktor Faustus» von Thomas Mann, schrieb in seiner Autobiografie «Achterbahn» über seine Tante: «Monika ist und bleibt die Verfemteste unter allen Geschwistern, über den Tod hinaus. Auch ihre Mutter verhält sich entsprechend. Sich über Monikas Schriftstellerei herablassend, ja angewidert zu äußern, gehört die ganzen Jahre und Jahrzehnte hindurch zum guten Familienton.»
Sein Fazit über die Biografie von Karin Andert lautet deshalb: «Eine überfällige, liebevoll und akkurat durchgeführte Rehabilitation dieser allseits verfemten Verwandten». ■
Karin Andert: Monika Mann – Eine Biografie, 326 Seiten, Mare-Verlag, ISBN 978-3-86648-125-1
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Ute Bales: «Peter Zirbes»
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Ein Roman wie ein Segen
Christian Busch
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November 1901, Niederkail/Südeifel. Gebeugt steht ein Mensch an seinem Lebensabend am zugigen Fenster seiner armseligen Hütte, von Kälte, Stille und Einsamkeit umgeben, in der gichtigen Hand ein Stück unfertigen Geschreibsels eines undenkbar gewordenen Gedichts, umschwirrt von den heiseren, leiser werdenden Schreien der Kraniche, «Haolegäns» im Volksmund der Eifel. Was war mit den Menschen? Konnte es sein, dass nichts und niemand mehr anklopfte?… So viele Wege lagen hinter ihm, immer weniger waren es geworden, zuletzt blieb nur noch einer. Mühevoll versucht er sich des Anfangs zu entsinnen. Der Anfang, wie war bloß der Anfang?
Mit dem bitteren, scheinbar trostlosen Ende einer langen Wanderschaft setzt Ute Bales‘ Roman «Peter Zirbes» ein. Betroffen denkt man an Nietzsche:
Nun stehst du starr / schaust rückwärts, ach, wie lange schon / … Die Welt ein Tor / Zu tausend Wüsten stumm und kalt / Wer das verlor,/ was du verlorst, macht nirgends Halt./ … Flieg, Vogel, schnarr / Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! – / Versteck, du Narr, / Dein blutend Herz in Eis und Hohn! / … Die Krähen schrein / Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: / Bald wird es schnein, – / Weh dem, der keine Heimat hat!
Und so erzählt der Roman dann rückblendend die Geschichte von dem 1825 in Niederkail geborenen, dichtenden Steinguthändler Peter Zirbes. Von der Geburt des kleinen Peters, der als Nachkomme einer Hausiererfamilie in äußerst bescheidenen Verhältnissen zur Welt kommt und aufwächst, bis zum Ende, der Suche nach dem Anfang.

«Eine aus der Liebe zur Landschaft und ihrem inneren Erleben schöpfende Dichtung»: Peter Zirbes (1825-1901)
Peter ist – auch infolge der Armut – ein elendes Geschöpf, klein, mager, von chronischen Hitzen geplagt, empfänglich für Infekte, blass und kraftlos, eine Schwäche, die ihn empfindsam für die Natur und die Sprache macht, die Quellen seines Dichtens. Und doch wird er mal von Kaiser Friedrich Wilhelm IV. und Kaiser Wilhelm II. Zuwendungen erhalten, wird – unfassbar – posthum zum «ersten Dichter der Eifel« gekrönt. Was folgt ist eine dicht in die lokalen und globalen zeitgeschichtlichen Ereignisse und Gegebenheiten des 19. Jahrhunderts (Revolutionen, Industrialisierung, Kriege, Auswanderzüge nach Amerika, deutsche Einheitsbestrebungen etc.) eingebettete und mit ihnen verknüpfte Schilderung seines von kaum einer Tragik verschonten und von nur wenig Glück gesegneten Lebensweges.
Da ist das unstete, von existenzieller Not, aber auch von vielfältigen Eindrücken geprägte Umherziehen auf dem Eselwagen, die für Peters Dichten unzugänglichen, engstirnigen Dorfbewohner, der immer gefährdete und schwierige, aber wichtige Schulbesuch, seine tiefe, anhaltende Liebe zu der schönen Loni, der harte Überlebenskampf um das tägliche Brot, die Anfänge literarischer Unterweisung durch seinen Freund Brandt und die kaum für möglich gehaltene Veröffentlichung zweier Gedichtbände mit Hilfe des ihm als Freund und Förderer treu verbundenen Hunsrücker Schriftstellers Oertel. Zuletzt folgt noch die unselige Fehde mit dem katholischen Dorfpfarrer und der Gemeinde, die Brandstiftung und die Konvertierung zum Protestantismus, aber vor allem die aus der Liebe zu seiner Landschaft und ihrem inneren Erleben schöpfende, in den Roman eingefügte Dichtung – letzte Zuflucht einer sich nach jedweder Resonanz sehnenden menschlichen Seele?
An diesen Höhen und Tiefen lässt Ute Bales den Leser teilhaben, erzählt mit wunderbar ruhiger, fesselnder, niemals aufdringlicher, wertender oder gar urteilender Stimme, welche stets die Balance von respektvoller Distanz und menschlicher Nähe bewahrt. Sie beweist einmal mehr ihr feines Gespür für die Menschen, ihre Sprache und ihre Landschaft, die häufig und gern als «preußisches Sibirien« beschworene Eifel.

Ute Bales lässt den Leser an den Höhen und Tiefen der Eifeler Dichter-Existenz des Peter Zirbes teilhaben, erzählt mit wunderbar ruhiger, fesselnder, niemals aufdringlicher, wertender oder gar urteilender Stimme, die stets die Balance von respektvoller Distanz und menschlicher Nähe bewahrt. Sie beweist einmal mehr ihr feines Gespür für die Menschen, ihre Sprache und ihre Landschaft, die Eifel.
So schwebt der akribisch recherchierte, auf historischen Daten und biographischen Ereignissen fußende Roman irgendwo zwischen Bildungs- und Künstlerroman, zwischen Heimatroman und Sittengemälde und geht doch – der Autorin sei Dank – darüber hinaus. Sind die zu Platituden verkommenen Formeln von der «brotlosen Kunst« (Lessing), dem «armen Poeten« (Spitzweg) und dem «vom Menschlichen ausgeschlossenen und am Menschlichen nicht teilhabenden Künstler« (Thomas Mann) hier durch ihre anschauliche Darstellung obsolet geworden, bleibt von dem auch sozialgeschichtlich interessanten und ambitionierten Roman mehr als eine nur verdienstvolle Würdigung des von seiner bornierten Umwelt verschmähten und verkannten Künstlers.
Wie ein Segen liegt das Ende von Zirbes’ Geschichte über dem bis dato unfassbaren, erschütternden menschlichen Schicksal in dem heillosen Jammertal. Den Segen, der auch den Leser erfasst, hatte der Dichter noch geflüstert:
«Und sollten wir in dieser Nacht
Vielleicht vom Leben scheiden,
Wir jubeln auf: Es ist vollbracht,
Nun enden Kampf und Leiden.
Der Geist streift seine Fesseln ab,
Geht ein zu ew’gen Freuden.»
Ute Bales, Peter Zirbes, Roman, 456 Seiten, Rhein-Mosel-Verlag, ISBN 978-389801-048-1
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L. Sternes «A Sentimental Journey…» in neuer Übersetzung
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«Einen Lidschlag lang herschte Schweigen»
Günter Nawe
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Ein einfacher Reisender war er nicht, dieser Mr. Yorick, den uns Laurence Sterne in seiner wunderbaren Reisebeschreibung «Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien. Von Mr. Yorick» vorgestellt hat. Dennoch hat er sich als solcher empfunden und seine Reiseeindrücke der Nachwelt hinterlassen: «Empfindsame Reisende (worunter ich meine Wenigkeit verstehe) als welcher gereiset ist, worüber Rechenschaft abzulegen ich mich nunmehr niedersetze – ebenso sehr aus Notwendigkeit und Besoin de Voyager wie jeder andere dieser Klasse.»
Diese «Rechenschaft» also lesen wir jetzt in einer herrlichen Neuübersetzung von Michael Walter in dem ebenso herrlich aufgemachten Band aus dem Galiani Verlag mit höchstem Vergnügen. Geschrieben hat dieses Reisetagebuch Laurence Sterne 1768. Da war der Autor längst eine literarische Größe, der mit dem «Tristram Shandy» einen Welt-Bestseller veröffentlicht hatte. Und nun – kurz vor seinem Tod – also der zweite literarische Streich, ein Hauptwerk «A Sentimental Journey through France and Italy. By Mr. Yorick». Und was für einer!
Unser Ich-Erzähler Mr. Yorick reiste von England nach Frankreich; Hier, in Calais, beginnen die Abenteuer. Eine Dame, die ihm absichtlich oder versehentlich die Hand reichte (zweifellos für die damalige Zeit eine höchst erotische Geste), ist der Auslöser unendlich vieler, oft widerstreitender Gefühle. «Niedrige Leidenschaft! Sagte ich…. Gott behüte! Sagte sie und hob die Hand an die Stirne, denn ich hatte justament Fronte vor der Dame gemacht… Gott behüte, fürwahr, sagte ich, und bot ihre meine – Sie trug ein paar schwarze Seidenhandschuhe, offen nur an Daumen und zwei Vorderfingern, und so nahm sie meine Hand ohne Vorbehalt – und ich führte sie vor das Tor der Remise.»

Das Sentimental Journey von Laurence Sterne in einer englischen Ausgabe von 1803 (Zeichnung: William Craig)
Diese Szene wird brillant ironisierend fortgeführt, denn die «pochenden Pulse in meinen Fingern, die ihre drückten, vermittelten ihr, was in meinem Innern geschah; sie senkte den Blick – einen Lidschlag lang herrschte Schweigen….». Eine kleine Dose spielt auch hier mit erotischer Annotation eine entscheidene, zu vielen Weltbetrachtungen Anlass gebende Rolle. Alles und jedes ist ein weiterer Grund für den empfindsamen Reisenden – so auch die Begegnung mit einem Zwerg – zu moralischen und philosophischen Betrachtungen, an denen er uns teilhaben lässt: «In meinem Innern regen sich gewisse kleine Prinzipien, die mich bestimmen, mitleidvoll zu sein gegen diesen armen versehrten Teil meiner Mitmenschen… Ich ertrag’ es nicht mit anzusehen, wenn man einen wie mit Füßen tritt.»
Und weiter also nach Paris. Passangelegenheiten sind zu regeln. Eine Begegnung «mit der jungen fille de chambre» gibt zu Vermutungen Anlass. Und immer wieder Beobachtungen vielfältigster Art auch auf der weiteren Reise nach Italien. Hier wird’s noch einmal heftig, als er in einer überbelegten Herberge mit einer dreißigjährigen Dame in einem Zimmer, fast in einem Bette schlafen muss, nicht ohne dass man sich unfreiwilligerweise (?) nahe kommt. Im rechten Augenblick tritt eine Kammerjungfer «dazwischen» – und jetzt Yorick: «Wie ich also die Hand ausstreckte, erhaschte ich der Kammerjungfer – ». Was wohl – Sterne lässt uns alles und jedes vermuten.
Sterne hatte sich nicht nur den Ruf eines exzellenten Literaten erworben, er galt (zumindest nach dem «Tristram Shandy») als ausgemachter «obszöner Lüstling», – ein Ruf, der ihn störte, und den er mit der «Sentimentalen Reise» widerlegen wollte; nicht, weil er nicht unmoralisch sein wollte, weit gefehlt, er war es immer mit listigem Augenzwinkern; aber er wollte (so der Nachwort-Autor Wolfgang Hörner) nicht dafür gelten. Ganz ist es ihm kaum gelungen.
So vielfältig wie die Ansichten des Mr. Yorick sind auch die Aussichten, die der Leser auf der literarischen Reise mit Mr. Yorick genießt. Sterne ist auf diese Weise eine völlig neue Art der Reiseliteratur gelungen, die weit über die reine Deskription von Gesehenem und Erlebtem hinausgeht. Und so hatte sein Werk immense Auswirkungen auf eine ganze literarische Epoche, wie Hörner in seinem kenntnisreichen und sehr informativen Nachwort nachweist.
Uns, den Nachgeborenen, bleibt bis heute und darüber hinaus das uneingeschränkte Vergnügen an der Lektüre dieses Buches, die ihren besonderen Reiz durch die glänzende Übersetzung von Michael Walter bekommt. ■
Laurence Sterne, Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien – Von Mr. Yorick; Neu übersetzt von Michael Walter, Galiani Verlag Berlin, 357 Seiten, ISBN 978-3-86971-014-3
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Duden: «Wer hats gesagt?» – Zitate & Redewendungen
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«Jetzt geht mir ein Licht auf»
Walter Eigenmann
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Es gibt Zitate und Redensarten, die kennt einfach jeder (oder sollte jeder kennen): Beispielsweise ist «Errare humanum est» (Hieronymus: Briefe), «Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach» (Bibel: Matthäusevangelium), «Was mich nicht umbringt, macht mich stärker» (Nietzsche: Götzen-Dämmerung), «In vino veritas» (Alkaios: Fragmente) «Liebe macht blind» (Platon: Dialoge), «Wie sag ich’s meinem Kinde?» (Deutscher Aufklärungsfilm 1970) oder «Es geht mir ein Licht auf» (Hiob & Psalm 97) so häufig in aller Munde, dass buchstäblich vom «Volksmund» geredet werden kann.
Weniger geläufig im Leben neuzeitlicher Gesellschaften sind da schon Wendungen wie «Im Anfang war die Tat» (Bibel: Johannesevangelium), «Kritik des Herzens» (Wilhelm Busch: Gedichte), «Cogito ergo sum» (Descartes: Principia philosophiae), «Getretner Quark wird breit, nicht stark» (Goethe: Westöstlicher Diwan) oder «Non liquet» (Cicero: Reden). Und vollends unbekannt sind heutzutage solche einst sehr gebräuchlichen Zitate wie «Es war die Nachtigall und nicht die Lerche» (Shakespeare: Romeo und Julia), «Friede den Hütten! Krieg den Palästen!» (Rosa Luxemburg: Die Russische Revolution) oder «Hic Rhodus, hic salta!» (Äsop: Fabeln).
Eine Buch-Neuheit in der Reihe «Allgemeinbildung», die 500 solcher berühmten Zitate und Redewendungen von Religionsstifter Jesus («Ich bin das A und O») über Revolutionär Lenin («Die Wahrheit ist immer konkret») bis hin zu Trainer Trapattoni («Ich habe fertig!») versammelt, präsentiert nun die deutsche Duden-Redaktion. Unter dem Titel «Wer hats gesagt?» klärt sie dabei Herkunft bzw. Quellen der Wendungen auf, erläutert ihren tradierten Gebrauch, geht nötigenfalls auf ihre weiterführende Bedeutung im modernen Alltag ein, streift auch etwaige semantische Transformationen im Laufe der Jahrhunderte.
Über Details solcher Zusammenstellungen, zumal bei deren erklärtem Ziel, «Kluges und glaubwürdiges Zitieren» zu erleichtern, lässt sich immer streiten, und ob beispielsweise die Sprachprobleme eines Fußballtrainers (s.o.) – so witzig und bekannt das ist – tatsächlich in den Olymp der «500 berühmten Zitate und Redewendungen» eines renommierten Duden-Verlages gehievt werden sollen, ist Geschmacksache. Auch wünschte man dem immerhin 224-seitigen Band über seine simple alphabetische Reihung hinaus eine zumindest grobe thematische Gliederung. Und schließlich hätte der lexikalischen «Bleiwüste» dieses Buches die eine oder andere Illustration gut getan.
Aber das sind unterm Strich Marginalien, für die eine breite und abwechslungsreiche Zitaten-Palette, redaktionell sehr sorgfältig recherchierte sowie detailliert ausgearbeitete Definitionen, Quellenhinweise und semantische Verknüpfungen mehr als entschädigen. Wer also seine Allgemeinbildung in Sachen Zitate erweitern, die eine oder andere entfallene Wendung neu recherchieren oder einfach seinen bildungsbürgerlichen Wortschatz zwecks Angeberei etwas auf Vordermann bringen will, kommt mit dieser Duden-Novität voll auf seine Kosten. ■
Duden, Wer hats gesagt? – Berühmte Zitate und Redewendungen, 224 Seiten, ISBN 978-3-411-74131-1
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Leseproben
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O.Philipponnat/P.Lienhardt: «Irène Némirovsky – Die Biographie»
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Ein Leben wie ein Roman
Günter Nawe
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Neun Romane, eine Biographie und achtunddreißig Erzählungen – und das alles in etwa zehn Jahren: Irène Némirovsky gehörte sicher zu den produktivsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit. Sie war Russin, Französin und Jüdin. Sie hat den phänomenalen Roman «Suite Française» geschrieben, der erst nach ihrem Tod erschienen ist und sie auf einen Schlag bekannt gemacht hat. Und wie ein Roman liest sich auch ihr Leben – mit tragischem Ende. Wer aber war Irène Némirovsky wirklich?
2005 ist eine Biographie von Jonathan Weiss erschienen, etwa zu dieser Zeit auch die Biographie von Élisabeth Gille: «Le mirador». Beide ehrenwert, aber nicht unbedingt zuverlässig. Ab sofort ist das anders. Olivier Philipponnat und Patrick Lienhardt haben eine fulminante, vor allem aber ausführliche und äußerst gründliche Lebensbeschreibung dieser außergewöhnlichen Schriftstellerin verfasst. Dabei gelingen den beiden Biographen höchst sensible Momentaufnahmen ebenso wie prägnante Schilderungen von Zeit und Gesellschaft. An dieser Biographie, die ein komplexes Bild der Schriftstellerin zeichnet, wird man sich in Zukunft bei der Beschäftigung mit Irène Némirovsky orientieren müssen.
Irène Némirovsky wurde 1903 in Kiew geboren. Sie war aus einem reichen jüdischen Hause, musste aber 1917 aus den russischen Revolutionswirren nach Frankreich fliehen. Hier wurde sie zur Schriftstellerin, deren Bücher sich unter anderem aus ihrem (berechtigten) Hass auf die Mutter, der Verachtung für alles Jüdische und der Antipathie gegenüber den Russen speisten. Philipponnat und Lienhardt haben gerade diese Aspekte bei der Interpretation der Werke der Schriftstellerin besonders betrachtet. Denn sie haben etwas mit dem Seelenleben der Némirovsky zu tun. So hat sie in dem berühmt–berüchtigten Roman «David Golder» (1929) ein ziemliches Zerrbild der jüdischen Protagonisten gezeichnet. Der Roman wurde ein großer Erfolg, brachte ihr aber auch den vielleicht nicht ganz unberechtigten Vorwurf des Antisemitismus ein.
Irène Némirovsky war damals gerade mal Mitte Zwanzig und hatte ein aufwändiges Leben in den renommierten Badeorten Frankreichs geführt – vorwiegend in Ballsälen. Von da an – also nach «David Golder» – erschien ein Buch nach dem anderen, eine Erzählung nach der anderen. So «Die Herbstfliegen» (1931), «Der Fall Kurilow» (1933), «Le Vin de solitude» (1935) und 1936 «Die Beute». In den Jahren 1936 bis 1941/1942 entstanden dann so wichtige Bücher wie die schon genannte «Suite Française», «Die Hunde und die Wölfe», «Das Feuer im Herbst» und als letzter Roman «Leidenschaft».
Diese Romane und viele der Erzählungen erfahren durch die beiden Biographen exzellente und sehr fundierte Würdigungen und Interpretationen – immer im Kontext auch zur persönlichen Lebenssituation der Autorin und der Zeit. Vor allem wird die Ambivalenz der Beurteilung – namentlich des vermeintlichen Antisemitismus – in der Rezeption der Bücher im besetzten Frankreich ausführlich geschildert.
Ihr Judentum wurde der Némirovsky zum Verhängnis. Während der Besatzungszeit durch die Nazis versuchte sie, sich und ihre Familie dadurch zu retten, dass sie zum Katholizismus konvertierte; sie musste aus Paris fliehen, fühlte sich von ihrem geliebten Frankreich, dass ihr die Staatsbürgerschaft verwehrte, verraten und verlassen. Sie konnte den braunen Schergen, unterstützt von französischen Kollaborateuren, nicht entgehen. Am Ende ihres aufregenden Lebens stand Auschwitz. Am 17. August 1942 ist Irène Némirovsky im KZ umgekommen. Zurück blieb ein Koffer mit allen Manuskripten.
Dann war es lange Zeit still um die französische Schriftstellerin, als die sie sich immer betrachtet hat. Erst sechzig Jahr nach ihrem Tod erschien der Roman «Suite Française». Und erregte größte Aufmerksamkeit bei Kritik und Publikum – und Interesse an weiteren Büchern der Irène Némirovsky. Ein Interesse, das jetzt durch die vorzügliche Biographie von Olivier Philipponnat und Patrick Lienhardt sicher neue Nahrung finden wird.
Auch in Deutschland. Gerade ist beim Knaus Verlag, der sich rührend um das Werk der Némirovsky bemüht, «Leidenschaft» – von Eva Moldenhauer glänzend übersetzt – erschienen. Es war der letzte Roman, den die Autorin 1941/1942 fertiggestellt hat.
«Dieses Land, im Herzen Frankreichs, ist wild und reich zugleich. Jeder lebt für sich auf seinem Gut, misstraut dem Nachbarn, bringt seinen Weizen ein, zählt sein Geld und kümmert sich nicht um den Rest.» Hier wohnen sie: Colette und ihr älterer Ehemann – und zwar scheinbar im Glück. Doch hinter der Fassade spielt sich das Drama – basierend auf eine Lebenslüge – ab. Ehebruch, Liebe, Lüge und Leidenschaft und Tod, ja Mord erschüttern das kleine Dorf in der Provinz. Um eine Liebe geht es, die «alle Regeln bricht und die Moral verhöhnt, um einmal wirklich zu leben», heißt es an einer Stelle. Und um Schuld auf vielerlei Weise. Doch Irène Némirovsky wertet nicht, sie erzählt. Und zwar fast lakonisch-leidenschaftslos. Die Dramatik stellt sich durch psychologisch sehr einfühlsame Schilderung der verschiedenen Charaktere ein. Und der Leser erkennt «allmählich die im Dunkel des Berichts kauernden Tiere, die am Ende losspringen und dabei die hübsche ländliche Szenerie zerfetzen werden», so Philipponnat und Leinhardt im Nachwort.
Hier ist es noch einmal deutlich zu erkennen – das große Talent, ja die Meisterschaft der Autorin. Eigentlich sollte – so hatte die Némirovsky es wohl beabsichtigt – «Leidenschaft» eine Fortsetzung der «Suite Française» werden. Das wird sicher nicht mehr zu klären sein. Auch als selbständiges Werk ist «Leidenschaft» jedenfalls ein großartiger, ein sehr beeindruckender Roman. ■
Olivier Philipponnat & Patrick Lienhardt, Irène Némirovsky – Die Biographie, Knaus Verlag München, 576 Seiten, ISBN 978-3-8135-0341-8
Irène Némirovsky, Leidenschaft, Roman, Knaus Verlag München, 128 Seiten, ISBN 978-3-8135-0322-7
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J. Klinger & G.Wolf (Hg.): «Gedächtnis und kultureller Wandel»
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Annäherung an den Zusammenhang
zwischen Erinnerung und Literatur
Jan Neidhardt
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Im Zuge stetig wachsender Erkenntnisse im Bereich der Neurophysiologie spielt der Erinnerungsdiskurs in den Kulturwissenschaften eine immer wichtigere Rolle. Im Herbst 2007 fand der Deutsche Germanistentag in Marburg unter dem Titel «Natur, Kultur. Universalität und Vielfalt in Sprache, Literatur und Bildung» statt. Darin ging es vor allem um die neuen Herausforderungen, die sich für die Germanistik aus den enormen Fortschritten im Bereich der Neurophysiologie, Kognitionspsychologie und in verwandten wissenschaftlichen Bereichen ergeben.
Dem Erinnerungs- bzw. dem Gedächtnisdiskurs kommt in diesem Zusammenhang wachsende Bedeutung zu. Die Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes, Judith Klinger und Gerhard Wolf, haben hier 18 Aufsätze zusammengetragen, die eine Auswahl aus den insgesamt etwa 40 eingereichten Beiträgen darstellen. Die Texte basieren auf Vorträgen, die auf dem Germanistentag gehalten wurden.
Sie beleuchten das Thema sowohl aus der diachronen Perspektive – durch die «Analyse der Entstehung von kollektiven Gedächtnissen und narrativen Ordnungen am Beginn der frühen Neuzeit und um 1800», als auch aus der synchronen – im Rahmen verschiedener Vergleiche von modernen Werken.
Anhand verschiedener Autoren (überwiegend des 20. Jahrhunderts) wird in den Beiträgen eine Annäherung an den Zusammenhang zwischen Erinnerung und literarischem Schaffen versucht.
Erörtert werden sowohl die Perspektiven als auch die Kontroversen der Erinnerungsforschung. Welche Rolle spielen beispielsweise methodische Ansatzpunkte aus der Sozialpsychologie? Und inwiefern ließen diese Annahmen sich kritisch hinterfragen? Erinnert der Mensch sich in der Moderne genau so wie der Mensch vor 200 Jahren? Und was bedeutet das für die Literaturwissenschaft? Man vergleiche nur mal Goethes «Wahlverwandtschaften» mit einem zeitgenössischen Werk.

Die Themen Werksetzung und Niveaulosigkeit schon in der Romantik diskutiert: Friedrich Schlegel («Gespräch über die Poesie»)
Wie wird Erinnerung literarisch verarbeitet? Wie beschreibt beispielsweise Dieter Bohlen in seiner Autobiographie «Nichts als die Wahrheit» sein Leben? Und werden Bekenntnisse a la Bohlen eigentlich erst seit der Moderne, dem «Zeitalter der Bücher», als niveaulose Publikationen empfunden? Gab es so etwas früher überhaupt schon? Ein Blick in die deutsche Kulturgeschichte zeigt, dass dieses Phänomen nichts Neues ist, denn bereits in der Romantik ging Friedrich Schlegel in seinem «Gespräch über die Poesie» auf die Themen Werksetzung und Niveaulosigkeit ein. In seinem Aufsatz «Mich kennen die Leute – Erinnerungsarbeit bei Rainald Goetz und Dieter Bohlen», geht der Autor Ulrich Breuer im Zuge eines Vergleichs der Werke «Nichts als die Wahrheit» (Bohlen) und «Abfall für alle» (Goetz) auf den Unterschied zwischen Autobiographie und autobiographischem Schreiben ein.
Doch nicht nur die jüngste und/oder triviale Literatur ist Thema. Klaus Schenk nähert sich dem Thema «Erinnerndes Schreiben – Zur Autobiographik der siebziger Jahre und ihren didaktischen Konsequenzen» an, indem er das Konzept der Autofiktionalität an Texten von Elias Canetti, Thomas Bernhard und Christa Wolf erläutert.
Weitere Themen sind «Erinnertes und sich erinnerndes Ich» (Jürgen Joachimsthaler), «Mythos und Ruhm – Zur Funktion zweier Konzepte des kulturellen Gedächtnisses in Gedichten um 1800» (Dirk Werle) u.v.m. Mehrere Beiträge sind dem wichtigen Thema «Bewältigung des Nicht-Bewältigbaren» gewidmet. Darin geht es u.a. um die «Erinnerungsliteratur von Tanja Dückers, Günter Grass und Uwe Timm» – ein interessanter Beitrag von Michael Braun, der sich auch den «Enkeln» widmet, die den Krieg nicht selbst erlebt haben und «jetzt […] anfangen zu fragen». Auch Günter Grass, dessen Geständnis, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, für erbitterte Debatten gesorgt hat, wird hier im Zusammenhang mit dem «Verschweigen» thematisiert.
Jan Süselbeck schreibt über «Das Nachzittern des Grauens. Metonymien und Erinnerungen der Shoah in Texten Arno Schmidts und Thomas Bernhards» und bezieht verschiedene interdisziplinäre Ansätze (v.a. aus dem Bereich der Neurobiologie) in seine Analysen mit ein.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass den Herausgebern und Autoren mit diesem Sammelband ein ausgesprochen interessanter und bereichernder Beitrag zur aktuellen kulturwissenschaftlichen Diskussion um Gedächtnis und Erinnerung gelungen ist. Die Aufsätze machen Lust auf die tiefergehende Lektüre der besprochenen Werke. ■
Judith Klinger / Gerhard Wolf (Hg.), Gedächtnis und kultureller Wandel – Erinnerndes Schreiben: Perspektiven und Kontroversen, De Gruyter Verlag, 280 Seiten, ISBN 978-3110230970
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Inhalt
Vorwort SEKTIONSSITZUNG A (PLENARVORTRAG): GEDÄCHTNIS UND KULTURELLER WANDEL Günter Oesterle: Kontroversen und Perspektiven in der Erinnerungs- und Gedächtnisforschung SEKTIONSSITZUNG B: IDENTITÄT UND NARRATIVITÄT – SUBJEKTBILDUNG IM ERINNERN Klaus Schenk: Erinnerndes Schreiben. Zur Autobiographik der siebziger Jahre und ihren didaktischen Konsequenzen Jürgen Joachimsthaler: Die memoriale Differenz. Erinnertes und sich erinnerndes Ich IDENTITÄT UND NARRATIVITÄT – INDIVIDUELLE UND KOLLEKTIVE GEDÄCHTNISPRODUKTION Eva Kormann: Bruchstücke großer und kleiner Konfessionen. Vom gelegentlichen Widerspruch zwischen individuellem, familiärem und kulturellem Gedächtnis: Grass, Timm und Wilkomirski Nils Plath: Zu Brechts kalifornischen Musterhäusern. Betrachtungen zum Weiterlesen im Arbeitsjournal, 1942–1947 Ulrich Breuer: „Mich kennen die Leute“. Erinnerungsarbeit bei Rainald Goetz und Dieter Bohlen BEWÄLTIGUNG DES NICHT BEWÄLTIGBAREN Michael Braun: Die Wahrheit der Geschichte(n). Zur Erinnerungsliteratur von Tanja Dückers, Günter Grass, Uwe Timm Jan Süselbeck: Das Nachzittern des Grauens. Metonymien und Erinnerung der Shoah in Texten Arno Schmidts und Thomas Bernhards VI Inhalt Hannes Fricke: Wer darf sich wann, warum und woran erinnern – und wer darf von seinen Erinnerungen erzählen? Über Binjamin Wilkomirski, Günter Grass, die Macht der Moralisierung und die Opfer-Täter-Dichotomie im Zusammenhang der Debatte um neurobiologische Ansätze in den Geisteswissenschaften SEKTIONSSITZUNG C: AUSLÖSCHUNG UND VERLEBENDIGUNG Timo Günther: Den Toten eine Stimme geben? Konzepte der Erinnerung bei Botho Strauß; mit einem Ausblick auf Robert Harrison Michael Ostheimer: „Monumentale Verhältnislosigkeit“. Traumatische Aspekte im neuen deutschen Familienroman ÄSTHETISIERUNG UND TRADITIONSBILDUNG –MEMORIA UND ERFAHRUNG Ralf Schlechtweg-Jahn: Natur- und Kulturbilder zwischen Epochenbruch und Umbesetzung Benedikt Jeßing: Doppelte Buchführung und literarisches Erzählen in der frühen Neuzeit Dirk Werle: Mythos und Ruhm. Zur Funktion zweier Konzepte des kulturellen Gedächtnisses in Gedichten um 1800 (Hölderlin, Goethe, Schiller) Axel Dunker: Das ‚Gedächtnis des Körpers‘ gebiert Ungeheuer. Das Golem-Motiv als Gedächtnis-Metapher SEKTIONSSITZUNG D: NATURALISIERUNG UND FIKTIONALISIERUNG Daniel Weidner: Zweierlei Orte der Erinnerung. Mnemonische Poetik in Uwe Johnsons Jahrestage Uwe C. Steiner: Dinge als Gedächtnis und Dinge als zweite Natur in der frühen kritischen Theorie Jens Birkmeyer: Das Gedächtnis der Emotionen. Alexander Kluges Chronik der Gefühle als verborgene Erinnerungstheorie Namenregister Sachregister
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Geb. 1979 in Wilhelmshaven/D, Biologie- und Politik-Studium in Oldenburg, zurzeit Studium der Vergleichenden Kulturwissenschaft, Theologie, Medienwissenschaften und Geschichte in Regensburg, Verfasser eines Sachbuches, Rezensent des ostbayerischen Online-Kulturmagazins Kultur-Ostbayern
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Rainer Wedler: «Die Leihfrist»
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Weder Fisch noch Fleisch
Bernd Giehl
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Ein merkwürdiges Buch, diese «Leihfrist» von Rainer Wedler. «Roman» nennt es sich, dabei hat es gerade mal 126 Seiten. Unter einem Roman stelle ich mir normalerweise ein Buch größeren Umfangs vor, das außerdem eine ausgeprägtere Handlung besitzt. Aber wahrscheinlich ist das auch gar nicht so wichtig. Interessanter ist schon die Frage, wovon dieses Buch nun eigentlich handelt. Die Antwort heißt: Es handelt von Büchern. Genauer gesagt von einem Mann, Karl Dietrich Wilhelm Montag, von seinen Freunden Kadewe genannt, der nicht nur ein leidenschaftlicher Büchersammler ist, sondern der allmählich in ein Alter kommt, wo man mehr Vergangenheit hat als Zukunft. Hinzu kommt: Montag ist ein Intellektueller; mehr noch: er ist ein Bibliophiler. Er hat mit einem Problem zu kämpfen, das wahrscheinlich die meisten Bücherliebhaber kennen: Er hat keinen Platz mehr: Die Bücher stehen in zwei Reihen im Bücherregal; und weil alle Bücherregale bis zur Decke gefüllt sind, stapeln sie sich auch auf dem Boden, sodass Kadewe kaum noch treten kann. Am Ende bleibt nur eine Lösung: Er muss sich von einem Teil seiner Schätze trennen.
Also setzt er eine Annonce in die Zeitung. Eine junge Frau kommt, die sich aber weniger für seine Bücher als für deren Besitzer interessiert, was dazu führt, dass seine Freundin Alja, die im falschen Moment die Wohnung betritt, Kadewe eine Szene macht und sich von ihm trennt. Später kommen dann andere junge Frauen, die Montag Bücher abkaufen wollen, aber jedes Mal, wenn sie eins finden, das sie kaufen wollen, kann Montag sich gerade von diesem Buch nicht trennen, weil zu viele Erinnerungen mit ihm verbunden sind.
Ich gebe zu: Ich bin nicht warm geworden mit dem Buch. Vielleicht liegt es daran, dass es genauso unentschieden ist wie sein Protagonist. Immer neue Geschichten von Frauen, die Montag einmal geliebt hat, werden erzählt, aber zumindest für mich sind sie alle blass geblieben, fast ununterscheidbar. Ein Mann blickt zurück; er spürt die Vergänglichkeit seines Lebens, er denkt an die Beziehungen, die er gehabt hat – und in der letzten Besucherin, die Bücher von ihm kaufen will, erkennt er sogar eine Frau, die er früher einmal geliebt hat. Die Besucherin selbst bestreitet das.
Mag ja sein, dass Wedler sagen will, das Leben finde vorwiegend in der Lektüre bzw. in der Phantasie statt und weniger in dem, was wir wirklich erleben, – eine These, über die man durchaus diskutieren könnte -, aber selbst diese Aussage bleibt blass und unentschieden.
Dabei ist das Buch keineswegs schlecht geschrieben. Nur wird mir persönlich darin zu viel angerissen und zu wenig ausgeführt; zu vieles versickert einfach. Womöglich wäre es ein besseres Buch geworden, wenn Wedler seinen Figuren mehr Raum gestattet hätte. Wenn er einen richtigen Roman geschrieben hätte, von, sagen wir, 250 Seiten Länge. Aber er hat dieses Buch nicht geschrieben, und so kann ich auch nur meinen eigenen, sicher sehr subjektiven Eindruck wiedergeben: Mir scheint, das Buch ist nicht Fisch und nicht Fleisch. ■
Rainer Wedler, «Die Leihfrist», Roman, 126 Seiten, Pop Verlag, ISBN 978-3937139814
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Fixpoetry: «Lesehefte» 1/2010
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Mutige und kenntnisreiche Poesie-Trias
Klaus Martens
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Drei Gedichthefte liegen auf meinem Tisch, die im März 2010 bei FixPoetry erschienen und mit Lust, Kenntnis und Mut geschrieben sind: Die neueste, sehr frische Sammlung des poetisch keineswegs alt gewordenen Hans-Jürgen Heise zu seinem 80. Geburtstag (in «Brieftauben im Internet»); die gekonnten und hoch polierten Variationen auf Stilbildner von Stefan George bis Friederike Mayröcker, von Volker Braun bis Karl Krolow aus dem lyrischen Pantheon von Robert Monat (in «Himmel/Haut – Variationen»); die Formkunst, die bewusst eingesetzte Tradition, die erstaunliche Stimmenvielfalt von André Schinkel, dessen Blick auf die «Richtigkeit der Dinge» überrascht und überzeugt (in «Apfel und Szepter»).
André Schinkel weiß in «Apfel und Szepter» seinen neuen Gedichten Ferne und Nähe, ausländische Bezüge und einheimisches Detaillieren anregend zu verflechten. Wenige von uns sind ohne (etwa) Pink Floyd und andere Stimmung und Losung vorgebende Gruppen aufgewachsen. So finden sie auch ihren Weg in diese schöne, neueste deutschsprachige Lyrik. Dominierten früher solche Einflüsse, so sind sie heute eingearbeitet. Ganz selbstverständlich spricht Schinkel von der «Dreamline Sangerhausen-Sakkara», findet die ägyptische Nekropole Anschluss ans Thüringische, kehrt Orientalisches in Wortwahl und Duktus in die sich erneuernde mitteldeutsche Dichtungstradition zurück – lange war nicht mehr (liebevoll) vom «duftenden Leib» die Rede oder von der «Besteigung» des Brocken im Harz. André Schinkel riskiert Altes fürs Neue. Das gefällt und macht Appetit auf mehr.
Robert Monate gibt in «Himmel/Haut – Variationen» einen Überblick über seine Vorlieben – Vorbilder? - und spielt gekonnt auf dem (zumeist) kanonischen Klavier des vergangenen Jahrhunderts. Doch weiß er die Klaviatur zu verlängern und, jenseits von Parodie und Adaption, in der Manier der ausgewählten Autoren mit dem zeitgemäßen Wörterbuch zu arbeiten – elegant, stilsicher, selbst-bewusst: «Sie warten das Unaussprechbare ab / um noch einmal aufzustehn».
Hans-Jürgen Heises Gedichte bedürfen nicht besonderen Lobes. Sie sind erkennbar geblieben als unverwechselbar eigene. Ein Heise-Gedicht wird nicht selten von einer überraschenden Sentenz getragen (Gott kennt nur / Lebensabschnittsgefährten), Haiku- oder Tanka-hafte Bildverkürzungen (Der Scheibenwischer eine Wimper / die dem Regen / schöne Augen macht). Der Leser sieht danach klarer. Dazu verhelfen Umkehrungen des Erwarteten, unerwartete Verknüpfungen, oxymoronische Gespanne. Heise ist in «Brieftauben im Internet» ein Meister der Rhetorik im Gelegenheitsgedicht.
Zusammen genommen: die FixPoetry-Herausgeber Julietta Fix und Frank Milautzcki sind erneut zu beglückwünschen, wie die Autoren ihrer guten Wahl. ■
Drei Lesehefte 1/2010: Lyrik von Hans-Jürgen Heise, Robert Monat und André Schinkel, Lyrik-Portal Fixpoetry.com, ISBN 978-3-941296-15-2 / ISBN 978-3-941296-17-6 / ISBN 978-3-941296-16-9
Leseproben H.-J. Heise – Leseproben R. Monat – Leseproben A. Schinkel
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Geb. 1944 in Kirchdorf/D, Studium der Anglistik und Germanistik in Göttingen, Promotion 1979, zwischen 1979 und 1989 Lehraufträge an den Universitäten Göttingen, Münster und Kassel, zahlreiche literaturwissenschatliche und übersetzerische Publikationen in Büchern und Zeitschriften, Mitglied des PEN Deutschland, diverse Lyrik-Veröffentlichungen, lebt als emer. Universitätsprofessor in Saarbrücken/D
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P.Müller und R.Wieland (Hg.): «Liebesbriefe berühmter Frauen»
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«Benjamin, Sie haben mein Leben verzehrt!»
Karin Afshar
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es trifft sich gut, dass du weit fort bist. Nein, versteh mich nicht falsch! – Ich vermisse dich und deine Gegenwart, deine brummigen Macken, unser Geschimpfe über die Politik, deine Fürsorglichkeit. Ich vermisse uns.
Aber es trifft sich gut, dass du fort bist, denn nach langer Zeit habe ich wieder ein Buch in die Hand genommen. Du hast dir immer gewünscht, ich möge mich in die Leseecke setzen, jetzt sitze ich hier. Wenn ich dir den Titel sage, wirst du aufstöhnen. Er lautet «Liebesbriefe berühmter Frauen». Es ist ein echtes Frauenbuch.
Es trifft sich gut, dass du fort bist, denn es hat mich nun dazu gebracht, dir nach langer Zeit wieder einen Brief zu schreiben. Weißt du noch, all die Briefe? Liegen sie noch unten im Schrank?
In diesem Buch hier sind 50 Liebesbriefe abgedruckt, Namen bekommst du weiter unten. Zu den Briefen haben die Herausgeber jeweils klare und menschliche Texte geschrieben, damit die Leserin ermessen kann, welchen Stellenwert der Brief und der Adressierte im weiteren Verlauf ihres Lebens hatte. Denn nicht alle Beziehungen, von denen hier geschrieben wird, blieben glücklich. Manche endeten sehr bald, andere beendete der Tod.
Aus nicht wenigen Briefen ist Verliebtheit und fast schon Besessenheit zu erlesen, in anderen die Vorahnung, dass die Liebe gefährdet ist, in noch anderen ist aus Verliebtheit die tiefe Gewissheit der Liebe geworden – und Marie Curie hat ihre Briefe an ihren tödlich verunglückten Mann geschrieben, um seinen Tod zu begreifen. Da können einem Schauer über den Rücken laufen. – Lach nicht. Ich darf so schreiben, ich bin eine Frau.
Was mich auch gefesselt hat, war die Entdeckung, dass Frauen aus vorhergehenden Jahrhunderten ihre Empfindungen und Sehnsüchte ebenso gut, vielleicht sogar zu äußern wussten als manch eine der Emanzen heute. Clara Wieck findet mit 19 Jahren sehr bestimmende Worte; das hat mich beeindruckt. Christiane Vulpius, die an Goethe schreibt, schreibt so, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Ganz nebenbei entdecken die Briefe natürlich auch den Angesprochenen!
Im vergangenen Jahrhundert leide ich mit Edith Piaf und Camille Claudel. Du hast mich doch erst vor einigen Tagen auf den wohl berühmtesten Romananfang der Literatur verwiesen: «Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.» – So kann man es wohl auch für die Liebe sagen.
Ich werde der Frage, ob Frauen und Männer unterschiedlich lieben, noch einmal nachgehen müssen, und dann werden wir darüber streiten! Ich meine nämlich unbedingt ja!
Zu diesem Buch gab es bereits einen Vorgänger, die «Liebesbriefe großer Männer». Wie das ausfiel, weiß ich natürlich nicht, aber dieses Buch hier haben Petra Müller und Rainer Wieland sehr liebevoll aufgearbeitet. Ich bekomme Lust, mich einmal mehr mit Simone de Beauvoir und Carson McCullers zu beschäftigen. Frida Kahlo, die du nicht so magst, ist dabei und Paula Modersohn-Becker, deren Bilder dir wiederum sehr gefallen. Ich erzähle dir bei Gelegenheit von ihren Briefen. Von Marylin Monroe ist ein sehr kurzer Brief nur abgedruckt, aber der zeigt meiner Einschätzung nach sehr gut ihr Dilemma. Den Schluss macht die Liebesgeschichte des letzten Jahrhunderts, als ein König auf den Thron vezichtete. Wallis Simpson schreibt an Edward, ob es nicht besser sei, «sie mache sich aus dem Staub». Du weißt, mir gefällt dergleichen.
Man kann den Herausgebern gratulieren, ein gelungenes Buch. Wenn bloß – und jetzt wirst du wieder sagen, ich hätte ja eh immer etwas zu meckern – der Einband nicht so kitschig wäre. Da haben sie doch aus Sex-and-the-City (die Serie, die ich mir übrigens nie angeschaut habe – ehrlich!) Carry und ihren Mr. Big abgedruckt und das auch noch mit pinkfarbener Rückseite. Also, das ist ein bißchen sehr dick aufgetragen und ein Wink mit dem Zaunpfahl an die Zielgruppe.
Dabei hätte es dem Buch gut gestanden, wenn die Frauen, die im Innern zu Wort kommen, auch gezeigt werden. Hilde Knef war eine schöne Frau, Ingrid Bergmann, Sarah Bernard und Virginia Woolf waren bekannt genug, um zum Hingucker zu werden.
Ich werde das Buch noch das eine oder andere Mal in die Hand nehmen, bis du wiederkommst. Und das ist hoffentlich bald, denn ich möchte keinen Tag ohne dich aufwachen und einschlafen. Schön, dass es dich gibt…
P.Müller und R.Wieland (Hg.), Liebesbriefe berühmter Frauen, Piper Verlag, 216 Seiten, ISBN 978-3492257961
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Tania Schlie: «Frauen am Meer»
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Sinnlich-fröhlich-nüchtern-düster-verträumte Impressionen
Sigrid Grün
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Das Umschlagsbild (Frank Weston Bensons «Sommer» von 1909) und der Entstehungszeitraum der meisten Bilder in Tania Schlies «Frauen am Meer» legen es nahe: Dieser schöne Bildband enthält vor allem Werke des Impressionismus. Die Farben sind das primäre Gestaltungsmittel, die Künstler malten <pleinair> – unter freiem Himmel –, das natürliche Licht spielte eine wichtige Rolle. Neben Werken von bekannten Impressionisten wie Auguste Renoir und natürlich auch Claude Monet findet man allerdings auch unbekanntere Künstler, wie z.B. Benson. Aber auch andere Stile und Epochen spielen eine Rolle. Picasso, Munch und Beckmann sind ebenso vertreten wie Salvador Dali, Frida Kahlo oder Henri Matisse. Unbekanntere Maler, wie z.B. der US-amerikanische Realist Winslow Homer oder William Henry Margetson werden entsprechend gewürdigt. Die Autorin Tania Schlie hat eine abwechslungsreiche und ausgesprochen gelungene Mischung zusammengestellt, die das Thema in sämtlichen Facetten ausleuchtet.
Die Bilder sind sinnlich, fröhlich, nüchtern, düster oder verträumt. Darin spiegeln sich auch die vielfältigen Betrachtungsweisen des Meeres. Im Mittelpunkt steht hier stets die besondere Beziehung zwischen Frauen und dem Meer. Dieses Verhältnis ist nämlich ein gänzlich anderes, als das zwischen Männern und dem Meer. Während das Meer bei Männern eher mit Macht und Kampf assoziiert wird, schätzen Frauen die Stille und die Weite. Sie halten sich gerne alleine oder gemeinsam mit anderen Frauen am Meeressaum auf, während Männer eher auf hoher See zu finden sind. Diese besondere Beziehung wird bereits im Vorwort von Elke Heidenreich aufgegriffen.
«Frauen am Meer» ist auch ein sehr persönliches Buch. Die Autorin ist selbst eine große Liebhaberin des Meeres – und das spürt man als Leser und Betrachter auch. Elke Heidenreich erläutert im Vorwort ebenfalls ihre persönliche Beziehung zum Meer. Bei beiden Frauen, Schlie und Heidenreich, spielen Kindheitserinnerungen ans Meer eine entscheidende Rolle.
Die Autorin gliedert das Buch in verschiedene Kapitel, in denen die unterschiedlichen Facetten des Meeres zum Ausdruck kommen. So geht es zum Beispiel um den «Meeressaum als Ort der Besinnung» oder um die «Verheißungen des Meeres». Es geht um die «heilende Kraft des Meeres» und um die Wehmut, um das «Meer als Beruf» (auch für Frauen!) und um das Meer als «Ort der Mythologie. Bald wird klar, dass mit dem Meer die unterschiedlichsten Emotionen verknüpft sind. Dies wird auch durch die Texte betont. Tania Schlies Band enthält nämlich nicht nur Bildbeschreibungen, sondern auch zahlreiche Zitate. In Gedichten, Romanen, Briefen u.v.m. spielt das Thema «Frauen am Meer» eine wichtige Rolle.
Die sorgfältig ausgewählten Zitate und die herrlich unverkopften, eher intuitiven Bildbeschreibungen ergänzen die zahlreichen Abbildungen hervorragend. Auch die Druckqualität und Aufmachung des Buches lassen keine Wünsche offen.
Das Buch richtet sich nicht an den vornehmlich kunsthistorisch Interessierten, sondern eher an den passionierten Laien, der in der Betrachtung inspirierender Bilder schwelgen und poetische Texte lesen möchte. Es ist ein klassischer Geschenkband, der die Sehnsucht nach dem Meer vorübergehend stillen oder auch erst recht entfachen kann. Auf alle Fälle vermag es dem/r lesenden Betrachter/in viele schöne Stunden zu schenken. ■
Tania Schlie, Frauen am Meer, Bildband (Mit einem Vorwort von Elke Heidenreich), Thiele Verlag, 160 Seiten, ISBN 978-3851790986
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Wendelin Schmidt-Dengler: «Bruchlinien»
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Spezifisches österreichischer Literatur-Texte
Sigrid Grün
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Die Frage nach Besonderheiten der österreichischen Literatur wird in der Germanistik gerne und oft diskutiert. Der Literaturwissenschaftler Wendelin Schmidt-Dengler spürt dieser Frage in seiner Untersuchung «Bruchlinien» ebenfalls nach, verzichtet aber auf den ohnehin vermessenen Anspruch, sie pauschal zu beantworten.
Eine österreichische Literatur schlechthin existiert nämlich nicht. Vielmehr geht es Autor Schmidt-Dengler darum, die Besonderheiten einzelner Texte herauszuarbeiten. Das Interessante an der Literatur sind nämlich nicht unbedingt die Gemeinsamkeiten, sondern die Differenzen, eben die «Bruchlinien».
Bereits 1995 wurde «Bruchlinien» erstmals veröffentlicht. Diese «Vorlesungen zur österreichischen Literatur 1945 bis 1990» sind nun in einer geringfügig ergänzten Neuausgabe erschienen. Und das Buch des 2008 verstorbenen österreichischen Literaturwissenschaftlers enthält genau das, was der Untertitel verspricht: Vortragsmanuskripte zu Vorlesungen, die der ehemalige Vorstand des Instituts für Germanistik der Universität Wien und Leiter des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek zwischen 1982 und 1994 an der Universität Wien gehalten hat. Die Texte zur zeitgenössischen österreichischen Literatur sind entsprechend lebendig und an der gesprochenen Sprache orientiert. Diese Besonderheit macht das Buch zu einem unvergleichlichen Vergnügen, denn immer wieder blitzen Schmidt-Denglers feiner Humor und seine Leidenschaft für Literatur hervor.
Zu Beginn führt der Autor in die Materie ein. Er begründet, warum er sich ausgerechnet dem Zeitraum zwischen 1945 und 1990 widmet. Der Beginn des Analysezeitraums liegt nahe. Der Krieg erforderte eine Neuorientierung. War das wirklich so? Und inwiefern? Was unterschied den Neuanfang von der Nachkriegsliteratur in Deutschland? Diese und viele weitere Fragen versucht der Autor zu beantworten.
In den «Bruchlinien» wird der gesamte Literaturbetrieb beleuchtet. Neben einzelnen Büchern, die Schmidt-Dengler besonders beachtenswert erschienen, geht er auch auf einzelne Verlage, Zeitschriften (z.B. «Der Plan», «Stimmen der Gegenwart» etc.) und natürlich auf geschichtliche und politische Entwicklungen ein. Denn die Literaten lebten in den seltensten Fällen in einem Elfenbeinturm und setzten sich gerade in Österreich mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander. Oft kritisch – Thomas Bernhard ist dafür wohl das prominenteste Beispiel. Und sein Tod im Jahre 1989 markiert schließlich auch den Schlusspunkt von Schmidt-Denglers Ausführungen. Denn mit Bernhard ging eine Ära zu Ende.
Neben Thomas Bernhard analysiert der prominente Literaturwissenschaftler in seinen Vorlesungen auch viele weitere bekannte Autoren, beispielsweise Elias Canetti (nicht «Die Blendung», sondern eine seiner autobiographischen Schriften, nämlich «Die gerettete Zunge»), H.C. Artmann, Ernst Jandl, Ingeborg Bachmann, Heimito von Doderer, Marlen Haushofer, Peter Handke, Josef Winkler u.v.m.
Doch auch unbekanntere Autoren, die in seinen Augen zu wenig Beachtung geschenkt bekommen haben (z.B. Werner Kofler) werden gewürdigt. Schmidt-Dengler geht dabei chronologisch vor. So lassen sich Entwicklungen auch sehr gut nachvollziehen. Innerhalb mancher Zeitabschnitte (1970-1980) widmet er sich einem Buch pro Jahr. Die lebendig gestalteten Textanalysen regen den Leser zur weiteren Beschäftigung mit der Materie an und bieten eine gute Diskussionsgrundlage. Ich persönlich habe auf alle Fälle richtig Lust auf die Primärliteratur bekommen.
Fazit: Wendelin-Schmidt Denglers Vorlesungen sind eine wunderbare Einführung in die österreichische Nachkriegsliteratur. Sie machen Lust auf Literatur, da in jedem Satz die lebendige Leidenschaft des Autors für die Materie aufscheint. Ein Buch, das sich auf wohltuende Weise vom verschnarchten Akademikergefasel abhebt, das die Literaturwissenschaft leider immer noch im Griff hat. ■
Wendelin Schmidt-Dengler, Bruchlinien, Vorlesungen zur österreichischen Literatur 1945 bis 1990, 560 Seiten, Residenz Verlag, ISBN 9783701731794
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Geb. 1980 in Rumänien, Schauspielausbildung in Regensburg, Studium der Deutsche Philologie, Philosophie und Vergleichenden Kulturwissenschaft in Regensburg und Oldenburg, derzeit Promovierung in Vergleichender Kulturwissenschaft, Sachbuch-Autorin und Betreiberin eines oberbayerischen Kulturportals
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Leseproben
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Benjamin Stein: «Die Leinwand»
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Auf der Suche nach der Identität
Günter Nawe
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Wer bin ich? - fragen sich die beiden Hauptpersonen in Benjamin Steins raffiniert konstruiertem Roman «Die Leinwand». Und wie lese ich? – fragt sich der Leser. Wie man es auch dreht und wendet: das Buch ist von hinten und von vorn, von vorn und von hinten zu lesen. Und ganz Mutige können auch irgendwo in der Mitte anfangen.
Bei der Buchmesse in Leipzig verkaufte Benjamin Stein sein ungewöhnliches Buch als einen «Akt des Widerstands gegen die Digitalisierung». Das Verwirrspiel um die beiden Hauptfiguren, den Analytiker Amnon Zichroni und den Journalisten Jan Wechsler, hat aber sicher noch einen anderen, einen tieferen Sinn. Ihre gemeinsame deutsch-jüdische Geschichte beginnt, nachdem die Biographien von verschiedenen Seiten aufeinander zulaufen, mit Minsky, einem genialen Hochstapler. Plötzlich leben sie ein anderes Leben – unsicher in ihrem Selbstverständnis, über ihrer Identität. Es geht um die Verlässlichkeit der Erinnerung.
Für Amnon Zichroni heißt das: «Ich glaubte lange Zeit, ich hätte so etwas wie einen sechsten Sinn…» Hat er doch die Fähigkeit, die Erinnerungen anderer Menschen nachzuempfinden, sich in sie hinein zu leben. Beste Voraussetzungen als Psychoanalytiker mit einer Praxis in Zürich. Ganz anders erlebt es Jan Wechsler. Er verliert in seinen Erinnerungen die Orientierung und damit einen großen Teil seiner Lebensgeschichte.
«Aneinander geraten» Zichroni und Wechsler über ein Buch des alten Geigenbauers Minsky, der als Kind Auschwitz überlebt hat. Von Zichroni veranlasst schreibt Minsky seine Erinnerungen; schreckliche Erinnerungen – wie Zichroni sie dank seiner seltenen Gabe miterlebt. Der Journalist Jan Wechsler mit einer DDR-Biographie begibt sich auf Spurensuche und entlarvt das Buch von Minsky als geniale Fälschung. Dafür bedient sich Benjamin Stein einer Geschichte, der Geschichte von Benjamin Wilmorski.
Benjamin Stein ist ein brillant und aufregend «konstruierter» Roman gelungen, sprachlich brillant, mit großem psychologischem Einfühlungsvermögen für seine Figuren, die durchweg als erstaunliche Charaktere auftreten.
Aber damit nicht genug und weiter in der Geschichte. Plötzlich taucht ein ominöser Koffer bei Wechsler auf. Eindeutig sein Koffer, glaubt man den Schriftzügen und dem Namensschild. Allerdings fehlt Wechsler jegliche Erinnerung daran. Auch seine Herkunft, ja seine ganze Biographie stellt sich plötzlich anders dar.
Und weiter treibt der orthodoxe Jude und Schriftsteller Benjamin Stein sein herrlich intelligentes Verwirrspiel – bis hin zu einer alten Mikwe mit ihrem «lebendigen Wasser» in Israel. Auch hier bewegen sich die beiden Protagonisten noch einmal aufeinander zu, bleiben aber «biographisch» immer noch auf unsicherem Grund.
Ein Buch über die existentielle Frage «Wer bin ich?». Zudem eine literarische Glanzleistung. Und: Ein Buch für Leser, die sich gern verwirren lassen und dann umso mehr Freude an der Entwirrung haben. ■
Benjamin Stein, Die Leinwand, Roman, C.H. Beck München, 416 Seiten, ISBN-13 978-3406598418
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Florence Hervé (Hg.): «Durch den Sand»
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Leben, träumen, reisen in der Wüste
Karin Afshar
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Das Buch liegt weich und doch fest in der Hand, fast hätte ich etwas Rauheres erwartet, aber nein, der Einband ist glatt. Auf dem Coverfoto sehen wir im Vordergrund Fußspuren im Sand; sie führen erst hin zu einer rot gekleideten, einen langen Strich-Schatten auf ihre rechte Seite werfende Frau genau in der Mitte, und dann wieder von ihr weg, über Sanddünen ihr vorauseilend auf ein fernes Gebirge zu. Bilder von Weite und Leere sind es, die das Wort Wüste in uns aufsteigen lässt, ganz unabhängig davon, ob wir selbst einmal eine reale erlebt haben oder sie aus je eigener innerer Erfahrung kennen. «Wüste» ist auch ein Seelenzustand.
«Durch den Sand» ist der Titel der Anthologie, die im Aviva Verlag frisch in diesem Jahr erschienen ist. Florence Hervé ist die Herausgeberin, und sie hat 29 Autorinnen einschließlich sich selber in die Wüste geschickt. Was erwartet den Leser dort? Und wer ist der Leser, an den sich das Buch wendet?
Was sich die Herausgeberin mit diesem Buch vorgenommen hat, erfahren wir im Vorwort. Es kündigt die Autorinnen an und ordnet sie unterschiedlichen Beweggründen, Hintergründen und Absichten zu. Zeitgenössische Schriftstellerinnen kommen zu Wort, aber auch «klassische» aus Vor-Jahrhunderten und -Denkzeiten, bekannte und weniger bekannte, solche, die in Wüstengebieten leben und solche, die sie bereisen.
Beim ersten Durchblättern, das ich mir nicht verkneifen kann, entdecke ich nach fast jedem Beitrag ein Schwarz-Weiß-Foto mit Wüstenmotiven. Zurückhaltung spricht aus dem Layout, Zurückgenommenheit – Farbe hätte hier gestört.
Im hinteren Teil erfahren wir auf 15 Seiten etwas über die Autorinnen, deren Kurzbiographien individuell sind, weil jede ihre eigenen Lebens- und Erlebnis-Schwerpunkte hat. Ich blättere ein wenig, aber die Frauen sprechen noch nicht mit mir.
Die erste Geschichte «Äpfel aus der Wüste» ist genau von der Art, die ich persönlich sehr gerne lese. Jetzt bin ich neugierig auf die nächste. «Die Wüste wirft Buckel» kommt mir im Erzählduktus bekannt vor… Nach der vierten Geschichte muss ich das Buch allerdings zur Seite legen, denn ich kann nicht mehr. Bei «Töchter der Agar» und «An beiden Enden» muss man sehr genau hinlesen, wirken lassen, aufs Verstehen, vielleicht auch auf das inwendige Schaudern, lauschen.
Am nächsten Tag, bevor ich wieder zu lesen beginne, schaue ich mir die Einteilung an. Drei große Blöcke finden sich: ‘Leben in der Wüste’, ‘Träume in der Wüste’ und ‘Reisen in der Wüste’. Der zweite Abschnitt scheint mehr Gedichte als Geschichten zu enthalten, ich habe das nicht ausgezählt. Aber auch die kann man nicht schnell lesen; weit gefehlt haben die, die das denken. Jedes Einzelne fordert Nachlesen ein, lässt die Zeit langsam werden, entschleunigt.
Für wen nun dieses Buch? Leser, die Zerstreuung erwarten, werden das Buch schnell weglegen. Formulierte ich es negativ, würde ich sagen, dass es keine leichte Sommerlektüre für den Liegestuhl am Strand ist, die man aufschlägt und dann verschlingt. Es ist eine schwere Lektüre, die dem Leser, oder der Leserin, etwas abverlangt.
Die Herausgeberin hat sich natürlich Gedanken über die Abfolge der Beiträge gemacht, und die ist gelungen. Sie schließt die Anthologie mit dem «Wüstenalphabet» von Lisette Buchholz und damit einen Kreis – eine beschwerliche Reise haben wir gemacht, sind hinabgestiegen und ganz unten angekommen. Wir verlassen die Wüste geläutert. Den heiteren Ton dieses letzten Beitrags haben wir uns verdient, die Leichtigkeit entlässt uns – in die nächste Wüste? ■
Florence Hervé (Hrsg.), Durch den Sand, Schriftstellerinnen in der Wüste, Anthologie, Aviva Verlag, 220 Seiten, ISBN 978-3-932338-41-0
Probeseite (Vorwort)
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Vorwort
Sand und Steine. Stille und Sterne. Wind und Weite.
Raum und Zeit. Die Wüste war und ist Quelle der Inspiration
für viele Schriftstellerinnen, Dichterinnen
und Reporterinnen.
Die Wüste ist Ort der Träume und Alpträume, des
Glücks und des Schmerzes, des Lebens und des Todes.
Mythen umgeben sie. Sie ist nicht tot. Sie ist
nicht nur Dürre, Einöde oder Abenteuerland. Sie kann
blühen. Sie ist Symbol für Unendlichkeit, Ewigkeit
und Freiheit, aber auch für Menschenfeindlichkeit
und Einsamkeit. Faszination und Gefahr stehen nebeneinander.
Die ausgewählten 29 Autorinnen aus Australien, Lateinamerika,
Afrika, dem Maghreb, dem Nahen und
Mittleren Osten sowie aus Europa nehmen die Wüste
auf unterschiedliche Weise wahr. Mit ihnen durchwandern
wir die australische, die Mojave- und die Gobi-
Wüsten, die Sahara und den Negev und erleben die
Vielfältigkeit einer Landschaft, die in der europäischen
Sicht meist auf orangefarbene wellige Sanddünen
reduziert wird. Ob sie in der Wüste leben und arbeiten,
ob sie von der Wüste träumen und diese
mystisch erfahren oder ob sie in die Wüste reisen:
Der Blick der Schriftstellerinnen und deren Schreibweise
unterscheidet und verändert sich.
Unter den ersten, die über die Wüste schrieben, ist
im 7. Jahrhundert Maisûn, die Gattin eines Kalifen, die
das schlichte glückliche Wüstenleben besingt. Im
Mittelalter beschreibt die Begine und Mystikerin
Mechthild von Magdeburg den Weg zur Vollkommenheit
als Weg zur »wahren Wüstenei«. In ihrer Meditation
Das fließende Licht der Gottheit wird die
Wüste zum Symbol für das Bescheidene, das Mündige,
das Unabhängige und Spirituelle.
Das 19. Jahrhundert ist von einer literarischen Orient-
Mode erfasst, wobei die Wüste für das Fremde,
das Andere, für Grauen und Faszination, für Aufbruch
und Sehnsucht nach Ursprünglichkeit steht. Der Ort
des Schreckens erfährt eine Umdeutung als Ort des
Erhabenen. Unter den Schriftstellerinnen, die sich
vom Wüstenwind und von den Klängen des Orients
beflügeln lassen, sind die Dichterinnen Karoline von
Günderrode und Annette von Droste-Hülshoff.
Im 20. Jahrhundert wird die reelle Wüste entdeckt.
Abenteuerinnen und reisende Reporterinnen brechen
mit Kamel und Zelt auf, vornehmlich in die Sahara.
Isabelle Eberhardt, sozusagen das weibliche Pendant
zum Poeten Arthur Rimbaud, fordert für sich das
Recht auf ein »unstetes Herumirren«, das Recht auf
Vagabondage: »Welch glückseliges Gefühl, eines Tages
mutig alle Fesseln abzuschütteln, welche das moderne
Leben und die Schwäche unseres Herzens uns
unter dem Vorwand der Freiheit angelegt haben;
sich symbolisch mit Stab und Bettelsack zu rüsten
und fortzugehen!« Die Vagabondage ist für sie Befreiung,
das wandernde Leben Freiheit, die Wüste eine
Stätte der Ruhe, der Schlichtheit und der Schönheit,
eine Oase des Friedens. »Ich liebe meine Sahara, ich
liebe sie mit einer dunklen, geheimnisvollen, tiefen,
unerklärlichen, aber durchaus wirklichen und unzerstörbaren
Liebe.«
Zu dieser Zeit durchstreifte die englische lebensund
reiselustige Adlige Gertrude Bell die Wüsten Arabiens,
unternahm Forschungsreisen nach Palästina
und Transjordanien. Ihr Bericht darüber ist der einer
Orientalistin, Archäologin, Historikerin und Diplomatin.
Für die Schweizer Reisenden Ella Maillart und Annemarie
Schwarzenbach waren das Abenteuerleben und
das Schreiben untrennbar miteinander verbunden.
Zusammen durchquerten sie den Iran, Afghanistan
und die Türkei.
Die bretonische Ethnologin Odette du Puigaudeau,
auch Pionierin der Sahara genannt, reizten Abenteuer,
Herausforderung und Risiko ebenso wie das entbehrungsreiche,
einfache Leben und die Begegnungen,
»die Ankunft an einem Brunnen, das Suchen
nach Weideland, eine Nachtwache am Feuer«. Die
Grenzenlosigkeit berauschte sie.
Die Australierin Robyn Davidson reiste 2.800 km allein
mit vier Kamelen durch Busch, Felsen und Sand.
In Spuren berichtet sie von den Strapazen und Freuden
ihrer Wüstenreise und stellt fest: »Die Fähigkeit
zu überleben ist vielleicht die Fähigkeit, sich von der
Umgebung verändern zu lassen.«
Die »magische Vision« und das »Farbspektakel«
der kalifornischen Wüste beeindrucken Christa Wolf,
die in ihrer Wüstenfahrt von witzigen und nachdenklichen
Begegnungen in den USA erzählt.
Andere Schriftstellerinnen sahen und sehen die Wüste
als einen Ort der Mystik, der Spiritualität, der Religion,
der Selbstfindung, der Zauberei oder gar der
Utopie.
In ihrer utopischen Erzählung Drei Träume in der
Wüste unter einem Mimosenbaum, vor dem Hintergrund der
»unendlichen« und »ewigen« Wüste, zeichnet
die südafrikanische Feministin Olive Schreiner die
Unterdrückung der Vergangenheit und den Kampf
um die Befreiung nach, weist auf die Zukunft eines
gleichberechtigten Lebens hin.
Für die Dichterinnen Else Lasker-Schüler und Nelly
Sachs ist die Wüste verbunden mit dem Heiligen
Land. Die Lyrikerin Mascha Kaléko, die 1945 nach Israel
emigrierte, wurde dort nicht heimisch. Die Wüstenei
ist für sie das Nirgendland, bedeutet Einsamkeit
und Heimatlosigkeit, auch Sehnsucht. Sie fühlt
sich »einsam wie der Wüstenwind« und »heimatlos
wie Sand«.
Für Ingeborg Bachmann ist die Wüste dagegen
eine Reise in das innere Ich, dort kann man sich nicht
entgehen. Die österreichische Schriftstellerin reiste im
Frühjahr 1964 zwei Monate nach Ägypten und in den
Sudan, schrieb an ihrem Wüstenbuch-Projekt: »Ich
nenne es vorläufig ›das Wüstenbuch‹, da eine reale
Wüstendurchquerung den Inhalt ausmacht. Die Wüste
ist der Held.« Sie ist »die unendliche Langeweile für
den einen, die immerwährende Erregung für den,
dessen Augen von ihrem Sand ausgezeichnet werden
«. Der leere und reine Wüstensand steht als Gegenbild
»zur verwüsteten Welt«, von ihm wird Erlösung
erwartet.
In Tanja Dückers Roman Der längste Tag des Jahres
erscheint die Wüste als Rückzugsstätte, als Ort der
Suche nach dem verborgenen Sinn des Lebens und
der Selbstfindung.
Für die Schriftstellerinnen aus dem Maghreb und
aus dem Nahen und Mittleren Osten ist die Wüste
von Ambivalenz geprägt. Manche haben dort Furchtbares
erlebt, Bürgerkriege und Kriege, Gewalt und
Vergewaltigung, aber auch Trost und Freiheit.
Die libanesisch-amerikanische Schriftstellerin und
Malerin Etel Adnan, die zwischen Kulturen, Sprachen
und Orten reist, beschreibt die ostsyrische Wüste von
Lawrence von Arabien als »das offene Nichts« und
die »endlose Wildnis«, die Wüstenaraber werden
»Geschöpfe des Windes« genannt. Ihr Fazit: Die »Eroberung
der Wüste ist eine erotisch befriedigende Erfahrung,
doch sie weist in die Illusion«.
In Fern von Medina besinnt sich die Algerierin
Assia Djebar auf die historischen Quellen des Islams
und zeichnet Porträts von Rebellinnen, darunter Agar,
»die der Sonne Ausgesetzte«. Abraham verließ Agar
und ihren Sohn Ismael in der Wüste.
Malika Mokeddems Darstellung der Wüste ist von
den dort erfahrenen Widersprüchen geprägt. Die algerische
Wüste, in der sie aufwuchs, ist Zelle der Traditionen,
zugleich Gefängnis für Frauen wie Ort des
Trostes, der Klarheit und der Freiheit. Sie schreibt von
der »erhebenden Trostlosigkeit«, vom »unbarmherzigen
Brennglas des Himmels« in der Wüste, aber
auch von der Sandwüste als »ein Meer der Träume«,
als »Raum der Freiheit«. Sie spürt in der Wüste
Angst und Faszination »an der Grenze des Erträglichen«.
Bei ihrem zehn Jahre langen Aufenthalt in Algerien
hat Sabine Kebir ebenfalls Veränderungen und Hoffnungen
erlebt, den Kampf um Frauenbefreiung, aber
auch Rückschläge, Frauenunterdrückung und Gewalt.
Dies beschreibt sie kenntnisreich, schildert die Sahara-
Landschaft und das Alltagsleben.
Die Wüste kann schließlich Synonym für kulturelle
Identität sein. Für die Ägypterin Miral al-Tahawi, die
in einer Beduinenfamilie aufwuchs, ist die Wüste
»lediglich eine Stammeskultur, die unseren Standort
im Dasein bestimmt«. Sie erfährt Unterdrückung und
zugleich Wärme in der Beduinenwelt, in der Frauen
für das Zelt zuständig sind, während Männer jenseits
des Tors die Freiheit erreichen.
Erstaunlich groß ist die Anzahl von Autorinnen, die
die Reise zu den kargen Landschaften und zu den Nomaden
wagen. Auch wenn unsere literarische Reise
lediglich einen kleinen Teil dieser Wüstenreisenden
versammelt, vermag sie doch unseren eigenen Blick
auf die Wüste zu verändern und lädt dazu ein, diese
neu zu erleben und zu erträumen.
Florence Hervé, Januar 2010
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Ralph Ludwig: «Der Erzähler – Johann Peter Hebel»
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«Regelrechte Leidenschaft zum Schreiben»
Günter Nawe
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Rechtzeitig zum 250. Geburtstag des deutschen Dichters alemannischer Sprache Johann Peter Hebel hat sich der Theologe Ralph Ludwig, ein Landsmann von Johann Peter Hebel, des Jubilars angenommen.
Ludwig, der aus seiner Sympathie für den Dichter keinen Hehl macht, hat einen sehr persönlich gefärbten Abriss einer Biographie verfasst. Dem Dichter Hebel ist er – wie er schreibt – auf zweifache Weise begegnet. Einmal als «Erzähler», zum anderen als «weiser Mann», der ihm vom Philosophen Ernst Bloch nahe gebracht worden ist. Kommt hinzu: der Dichter und sein Biograph verbindet die «lebenslange Sehnsucht nach dem heimatlichen Markgräfler Land».
Dies alles bestimmt die Diktion dieser Biographie, die der Autor vor allem am «Erzähler» festmacht. Nicht von ungefähr deshalb auch der Untertitel «Wie Johann Peter Hebel ein literarisches Schätzkästlein schuf». In kurzen Kapiteln betrachtet Ludwig das Werk des Dichters der «Alemannischen Gedichte – Für Freunde ländlicher Natur und Sitten» (1803), der Kalendergeschichten «Der Rheinländische Hausfreund» (1803-1811), des «Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes» (1811) und der «Biblischen Geschichten – Für die Jugend bearbeitet» (1824).
In allen diesen Werken zeigen sich, wie Ludwig schön nachweist, der Dichter natürlich, aber auch der Theologe (in seinem Verhältnis zu Religion und Christentum) und der Pädagoge. «Ihn trieb eine regelrechte Leidenschaft fürs Schreiben an, gemischt mit einem unbestechlichen Scharfblick für die Kunst der Sprache» – so der Biograph.
Über der Betrachtung des Werks verliert Ludwig nicht den Blick auf das Leben – beides, das wissen wir, bedingen sich in Persönlichkeiten wie Johann Peter Hebel. Kindheit und Jugend sowie schulische Ausbildung in Hausen, Basel und Karlsruhe; Theologiestudium in Erlangen, Lehrer in Lörrach, später Karlsruhe; 1798 Ernennung zum außerordentlichen Professor, verschiedene öffentliche und halböffentliche Funktionen, am Ende Prälat der evangelischen Landeskirche und Mitglied der ersten Kammer des Badischen Landtags.
Theodor Heuss über Hebel: «Hebel aber blieb lebendig… – nicht bloß deshalb, weil die Dankbarkeit des alemannischen Volkstums den Mann trägt, die Dankbarkeit dafür, dass er die Heimatsprache sozusagen druckreif gemacht hat, sondern weil in diesem bewussten und begrenzten Provinzialismus der Gedichte ein Weltgefühl umfasst ist, und weil in diesen mit sehr viel Zeitluft und mit aktuellem Zeitgeschehen angefüllten Anekdoten der Unterton des Bleibenden, Gültigen, des Ewigen, Ewig-Menschlichen mitklingt…»
So kann man auch Ludwigs Würdigung Johann Peter Hebels lesen. Seine Lebensbeschreibung ersetzt zwar nicht eine umfassendere, eine kritische Biographie – aber sie ist ein schöne Hinführung zum Dichter und seinem Werk. ■
Ralph Ludwig, Der Erzähler – Wie Johann Peter Hebel ein literarisches Schatzkästlein schuf, Wichern-Verlag, 120 Seiten, ISBN 978-3-88981-286-5
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Duden – Band 10: «Das Bedeutungswörterbuch»
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Kanonisierung von Wortschatz und Wortbildung
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Bereits in vierter Auflage präsentiert die Mannheimer Duden-Redaktion ihr Bedeutungswörterbuch – eine fast 1’200-seitige Kanonisierung der deutschen Sprache in Sachen Wortschatz und Wortbildung. Erschienen als Band 10 der berühmten, mittlerweile in insgesamt zwölf Bänden vorliegenden Duden-Reihe, bildet diese stark überarbeitete und um 700 Neuaufnahmen erweiterte Ausgabe den Grundwortschatz der deutschen Sprache ab; insgesamt behandelt sie 20’000 Stichwörter und Wendungen.
Weiters enthält das neue Bedeutungswörterbuch rund 450 Artikel zu Wortbildungselementen, die anhand von Beispielen die Systematik der deutschen Wortbildung veranschaulichen sollen. Als hilfreich werden sowohl Mutter- wie Fremdsprachler dabei die rund 75 Infokästen einschätzen, welche leicht verwechselbare Wörter (beispielsweise anscheinend/scheinbar, effektiv/effizient, ideal/ideell, nutzen/benutzen u.ä.) näher erläutern. Darüber hinaus gibt das Wörterbuch zu allen Stichwörtern Aussprache- und Grammatikangaben, zu vielen Begriffen führt der Band zudem besondere Zusammensetzungen auf.
Die Duden-Redaktion selber zu ihrem jüngsten Band: «Die Produktivität der Sprache liegt in der Wortbildung. Daher gehören die Wortbildungsmittel auch in ein Bedeutungswörterbuch; aber nicht nur, um Gegenwartstexte verstehbar zu machen, sondern auch, um sprachliche Kreativität zu fördern und anzuregen. Mit der ausführlichen Berücksichtigung der Wortbildung einerseits und mit der Einarbeitung des Ergänzungswortschatzes, der Synonyme und Zusammensetzungen, andererseits wurde in diesem Buch der Versuch unternommen, dem traditionellen Bedeutungswörterbuch eine neue Qualität zu geben und durch unmittelbare, lebendige Einblicke in die Vielfalt und Produktivität der Sprache die Lust an der Sprache und an eigener sprachlicher Gestaltung zu wecken». (we) ■
Duden, Band 10: Bedeutungwörterbuch, Bibliographisches Institut Mannheim, 1’152 Seiten, ISBN 978-3-411-04104-6
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Probeseiten
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Hans Garbaden: «Paulas Töchter»
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Die Schuld der kleinen Tochter der großen Paula
Günter Nawe
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«Seit dem siebten Juni sind jetzt vier Mädchen zwischen neun und elf Jahren mit dem Vornamen Paula aus den Stadtvierteln Findorff und Utbremen spurlos verschwunden.»
Das war 1921 die Ausgangslage für die Polizei – und heute für den Autor eines «historischen Kriminalromans aus Bremen und Worpswede». Hans Garbaden ist aus vielen Rollen in Film und Fernsehen einem breiten Publikum bekannt. Mit «Paulas Töchter» «outet» er sich jetzt auch als respektabler Schriftsteller.
Zwischen Bremen und Worpswede verkehrt täglich der Moor-Express. Auf dieser Strecke sind im Frühsommer 1921 die jungen Mädchen verschwunden. Ein Fall, der die Polizei vor ein Rätsel stellt. Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Entführung der Mädchen und ihrem Namen Paula? Und warum gerade in Worpswede, diesem beschaulichen Künstlerort?
Geschickt versteht es Hans Garbaden, die Fäden zu ziehen zwischen der reinen Ermittlungsarbeit braver Kommissare und dem Hintergrund der Taten. Denn sehr bald erfährt der Leser, dass es in der Tat «Verbindungen» gibt zwischen dem Täter und der Künstlerin Paula Modersohn-Becker sowie ihrer kleinen, früh verstorbenen Tochter Paula. Für den Autor eine willkommene Gelegenheit, dass Dorf Worpswede und seine Künstler in die Recherche-Arbeit «einzubeziehen»: Neben der Modersohn-Becker auch Otto Modersohn, Clara Westhoff, Heinrich Vogeler, Fritz Mackensen Rainer Maria Rilke, dessen «Requiem für Paula Modersohn-Becker» ausführlich zitiert wird. Garbaden schafft so einen schönen kulturhistorischen Bezug zum Fall.
Und der Täter? «Die Stimme, die er immer hörte, wenn er allein in seiner Wohnung war, hatte ihm befohlen, für den Tod von Paula, dieser großartigen, begnadeten Malerin, die vor vierzehn Jahren im Kindbett nach der Geburt ihres Mädchens gestorben war, vierzehn Mädchen zu töten. Für jedes Jahr nach dem Tod der Malerin sollte es ein Mädchen mit dem Namen Paula sein.»
Es versteht sich, dass die Polizei dem Täter auf die Schliche kommt und seiner habhaft wird. Das aber ist für den Leser nicht das Entscheidende. Der Rahmen der Erzählung ist es und der historische Kontext. Denn Garbaden verknüpft seinen Plot mit Artikeln aus der Lokalpresse über das Geschehen in und um Worpswede und schafft so ein hohes Maß an Authentizität. Auf eine kleine Liebesgeschichte zwischen dem Kommissar Dirk Murken und der Journalistin Geffken wollte der Hans Garbaden auch nicht verzichten.
Erzählt wird das alles etwas bieder und brav – so brav die Ermittlungen in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wohl auch gewesen sein mögen –, also im Stile der Zeit. Da gibts keine rasanten Verbrecherjagden, keine omnipotenten Kommissare und keine modernen kriminaltechnischen Fahndungsmöglichkeiten. Aber genau das macht den Reiz dieses kleinen Kriminalromans aus. ■
Hans Garbaden, Paulas Töchter, Historischer Kriminalroman aus Bremen und Worpswede, 96 Seiten, Schardt Verlag, ISBN 978-3898415095
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Leseprobe (pdf)
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Herta Müller: «Niederungen»
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Skizzen aus einem Banater Dorf
Günter Nawe
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Es ist ein Milieu der Trostlosigkeit, der Hoffnungslosigkeit und der existentiellen Heimatlosigkeit, von dem Herta Müller, Literatur-Nobelpreisträgerin 2009, in dem Band «Niederungen» erzählt. Und es handelt vom Leben in einem unbenannten Ort im deutschsprachigen Banatschwaben – im kommunistischen Rumänien.
In eindringlichen Prosaskizzen und Erzählungen schildert ein Mädchen – Alter ego der Autorin? – ein Dorfleben jenseits der herkömmlichen Idylle. Armut und fast archaische Traditionen herrschen bei den Daheimgebliebenen vor, während andere längst das Weite gesucht haben. Es sind immer dieselben Menschen, denen der Leser in den Skizzen begegnet: Mutter, Vater, das Kind, Großmutter, Tante, andere Verwandte. Das Geschehen im Dorf, in den Familien ist geprägt von den Alltäglichkeiten, den sozialen und individuellen Problemen, von Angst und dem stoisch ertragenen Gefühl der Ausweglosigkeit. Und so sitzen die Frauen «an den Winternachmittagen…am Fenster und stricken sich selber hinein in ihre Strümpfe aus kratziger Wolle, die immer länger werden und so lang sind wie der Winter selbst, die Fersen haben Zehen, als könnten sie von alleine gehen». Mit Auswirkungen bis in den privaten Bereich, in das Geschehen um Liebe und Hass, Geburt und Tod.
Es ist eine fast suggestive, auch assoziative Prosa, die den Leser in Bann zieht, mitnimmt in die Wirklichkeit und in Traumwelten von irritierender Art. Ob es «Die Grabrede» ist, während der eine Vergewaltigung imaginiert wird, ob es die «Dorfchronik» ist, in der die sozialistisch-gesellschaftlichen Bedingungen dargestellt werden. Immer sind es faszinierende Bilder einer fast unwirklichen Wirklichkeit, mit denen uns die Autorin konfrontiert.
An dieser Stelle spiegelt Literatur auf grausame Art und Weise das Leben. Auch Herta Müllers Leben. Denn in diesen Schilderungen riefen die kommunistischen Machthaber Rumäniens den Geheimdienst auf den Plan. Diese Texte waren und wollten so gelesen werden: Kritik am Sozialismus, an der Zwangskollektivierung, an der Entindividualisierung des Menschen. Das war subversiv – und musste geahndet werden. Die Autorin sollte dies hinfort am eigenen Leibe zu spüren bekommen.
«Niederungen» war das Debüt – und was für eines! Die Erzählungen enthielten schon die ganze Poetologie der Autorin. Und es hat in diesen Texten literarisch etwas begonnen, was als «Fortschreibung» in allen späteren Büchern der Herta Müller bis hin zu «Atemschaukel» zu lesen ist: Der Widerstand gegen Unfreiheit und Verfolgung, die schonungslose, akribische Notation des Bösen als Mahnung an die Nachwelt. Dies gelingt Herta Müller – und das macht sie über die Chronistin hinaus zur Dichterin – in einer großartigen poetischen, bilderreichen, wunderbaren Sprache; in einer Sprache, die neue Wahrheiten findet. -
Das Buch «Niederungen», das sei zum Schluss angemerkt, ist 1982 erstmals erschienen – in Bukarest. 1984 dann in einer gekürzten Fassung in Deutschland. Die jetzt vorliegende Ausgabe ist von der Autorin um die fehlenden Texte ergänzt und überarbeitet worden und bringt Müllers Debüt zum ersten Mal in der originalen Fassung. ■
Herta Müller, Niederungen, Prosa, Hanser Verlag, 144 Seiten, ISBN 978-3446235243
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Leseproben
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Geb. 1940 in Oppeln/D, von 1962 bis zur Pensionierung 2005 Mitarbeiter eines Kölner Zeitungsverlags, danach freischaffend u.a. als Pressesprecher eines großen Kölner Chores und Buchrezensent für Print- & Online-Medien
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Christian Linder: Heinrich-Böll-Biographie
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Vom «Schwirren des heranfliegenden Pfeils»
Wilma Ruth Albrecht
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Christian Linders kürzlich veröffentlichte 617-Seiten-Biografie ist in Anlehnung an eine Metapher von Jean Paul «Das Schwirren des heranfliegenden Pfeiles» betitelt. Neuigkeiten über Heinrich Böll (1917-1985, 1972 Literaturnobelpreis) gibt es nicht. Neu ist allein der Blick, den Biograf Linder auf seinen Biografenden Böll wirft, und apart ist die Form wie sich der Biograf mit seinem Biografenden in Beziehung setzt – versucht Linder doch, wie in der Nachbemerkung ausgeführt, «ein Leben und ein Werk aus sich selbst heraus zu erklären und zu erkunden, wie ich diese Methode mit meinem eigenen Leben verbinden könnte.»
Diese mit geckenhafter Attitüde verbundene Doppelimmanenz ist deshalb ein problematischer Ansatz, weil ein Leben nicht «aus sich selbst heraus» erklärt werden kann, dieses sich vielmehr im hermeneutischen Zirkel windet; auch kann ein Werk nicht allein über die Biografie eines Künstlers bzw. Schriftstellers erschlossen werden.
Linder unterlegt seiner Biografie diese existentielle Fragestellung: «Zu fragen ist [...] ob sein Werk aufgrund dieser durch die individuelle Besonderheit seiner Person und seiner Herkunft zu erklärenden Erkenntnischancen und Irrtümern unserem Blick aufs Leben und auf den Tod neue Sehweisen hinzufügen konnte; was Böll zum Beispiel unter ´Heimat´ verstand und ob das in seinen Büchern aufscheinende, meistens funzlig, sentimental-heimelig wirkende Dämmerlicht auf den alten Bildern, mit denen im Kopf er durch das Leben gereist ist und die er schreibend aufgestellt hat auf der Suche nach der verlorenen Heimat, für uns wirklich begehbare ´Heimwege´ bedeuten (wohin auch immer); aus welchen Erinnerungen nicht nur seines Gedächtnisses, sondern auch seines Körpers sein Werk überhaupt zusammengebaut ist…»
Diese Leitfragen will der Biograf in drei breit angelegten Kapiteln: «Der Reisende», «Der Staub der Trümmer» und «Das Imperium» beantworten.
Im ersten Kapitel wertet Linder vor allem Bölls «Briefe aus dem Krieg» aus und findet Bekanntes heraus: Böll wurde von Léon Bloys konservativ-mystischem Denken, das sich mit eigenen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg verband, erheblich beeinflußt:
«Seine Kritik an der katholischen Amtskirche wegen ihrer Nähe zu den Reichen und der ´inhumanen Ellenbogenmentalität der Wohlstands-Katholiken´ hat Böll später in seinem Werk weitergeschrieben, in der direkt inspirierten und manchmal wörtlichen Nachfolge Bloys – dieser Einfluss findet sich von den frühen Nachkriegstexten über den Roman Ansichten eines Clowns von 1963 bis zu den letzten Romanen ‘Fürsorgliche Belagerung’ von 1979 und ‘Frauen vor Flusslandschaften’ von 1985.»
Von Bloy übernommen sind auch zentrale Motive und Themen wie Armut, Liebe, Religion und das Verhältnis zur modernen, kapitalistisch bestimmten Zeit.
Im zweiten Kapitel sucht Linder nach Bölls Hauptidentität als Schriftsteller. Er spürt sie vor allem in der eignen Familie, in den Trümmern und im Staub des Jahres 1945 auf. Sie erlaubten es Böll, Gerichtstag über Verursacher dieser Trümmerlandschaft, großes Kapital, Militär, konservative Politiker und autokratische Kirche, zu halten «und dem Verlauf der politischen Geschichte Widerstand» entgegenzusetzen, «indem er sein Leben und das seiner Familie und ihrer Privatmythologien erzählt…»
Nach Wiederaufbau, politischer, sozialer und wirtschaftlichen Restauration und der angeblich vor allem konsumgeprägten ´nivellierten Mittelstandsgesellschaft´ (Helmut Schelsky) des ´rheinischen Kapitalismus´ (Jürgen Becker) der alten Bundesrepublik Deutschland verflüchtigte sich freilich der Anklagegegenstand zunehmend. Das Sujet von Bölls Literatur und das kleinbürgerlich, heimatliche, von Kindheitsmustern geprägte Lebensideal illusionierte sich. Die Erkenntnis der Vergeblichkeit des Tuns führte auch Böll in zunehmende Depression, förderte seine Hinwendung zu kirchlicher Mystik und ließ ihn Trost in deren Sakramenten suchen.
Das dritte Kapitel kreist um die Bedeutung Bölls als «politischer Schriftsteller» und um dessen politisches Engagement. Böll war auch als um interessensbezogen-praktische «Einigkeit der Einzelgänger« (Dieter Lattmann) bemühter Autor kein exponierter politisch-realistischer Schriftsteller, verstand vielmehr sein «Schreiben als Verteidigung und Konservierung von Kindheit und der Stunde der Einfachheit.« Bölls Art des Schreibens rieb sich jedoch an der (bundes-) deutschen gesellschaftlichen Wirklichkeit und wirkte dadurch ebenso politisch wie seine moralischen, im humanen Christentum verankerten Forderungen (in) seiner politischen Publizistik aggressiv erschienen.

Der Schriftsteller als moralische Instanz: Manuskript-Auszug der «Verlorenen Ehre der Katharina Blum»
Linder führt seine assoziativen Gedankengänge so breit wie möglich aus. Er stützt sich auf lange Zitate aus Bölls Briefen und Artikeln, Ausführungen von Theoretikern und Kritikern sowie eitel-gefälligen Bölleinschätzungen durch Leute, mit denen Böll zeitweilig zu tun hatte, etwa dem Münstereifler Deutschlehrer und Autor Heinz Küpper, oder dem Biografen Linder selbst. Den Text überfrachten zu viele Wiederholungen und zu unkritische Einschätzungen; dies besonders am Schluss, wenn sich Linder als Böllspurensucher an Zeitzeugen der verfemten Juden von Drove (Kreuzau) heranmacht.
Im Gegensatz zu Linder kann ich nicht erkennen, dass Bölls Werk fremd daherkommt, sondern sehe eher, dass Böll als Schriftsteller «Grundsatzthemen der Nachkriegszeit» (um eine Biografenformel zu zitieren) aufgegriffen und gestaltet hat. Diese Grundsatzthemen wirken auch heute historisch nach und sind teilweise so aktuell wie etwa (nun freilich ganzdeutsche) Kriegsbeteiligung, Finanz- und Wirtschaftskrise, Arm-Reich-Gegensatz, amtskirchliche und religiöse Gegenaufklärung unterschiedlicher Schattierungen, politische Korruption und moralische Korrumpierung. Insofern könnte es dem nun erweiterten Sozialgebilde Deutschland gut anstehen, gegen die Zeit und ihren Geist schreibende Autoren wie Heinrich Böll – auch als ´moralische´ Instanz – zu haben.
Diese Böll-Biografie ist grottenschlecht geschrieben. Sie ist kaum lesbar. Sie muß auch nicht gelesen werden. ■
Christian Linder: Das Schwirren des heranfliegenden Pfeils – Heinrich Böll – Eine Biographie, Matthes&Seitz Verlag, 616 Seiten, ISBN 978-3-88221-656-1
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Geb. 1947 in Ludwigshafen/D, Promotion in Sozialwissenschaften, seit 1972 beruflich als Wissenschaftlerin, Stadt- & Regionalplanerin und Lehrerin tätig, 1989-1999 ehrenamtliche Stadtverordnete sowie Fraktions- und Ausschussvorsitzende im Rat der Stadt Bad Münstereifel, zahlreiche fachwissenschaftliche, essayistische und politische Publikationen und Online-Beiträge, lebt in Bad Münstereifel/D
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Anke Gebert: «Die Summe der Stunden»
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Zuviel Stoff im Schnelldurchlauf
Charlotte Ueckert
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Anke Gebert kann Geschichten schreiben. Spannende Geschichten, Krimis, deren Handlungen gut konstruiert sind. Man sieht diese vor sich, bildreich und detailliert. Das gilt auch für «Die Summe der Stunden», ein Roman-Titel, den Gebert zum Abschluss durch ein Zitat von Wilhelm Busch erklärt: «Die Summe unseres Lebens sind die Stunden, in denen wir liebten.»
Auch in diesem Buch kann sich der Leser die Handlung filmisch vorstellen, sie erinnert auch an bereits Verfilmtes. Gesehenes. Die Medienvermarktung scheint beim Schreiben einbezogen.
Die Autorin hat noch zu DDR-Zeiten am damaligen Johannes-R.-Becher-Institut in Leipzig studiert. Später in Hamburg Drehbuchschreiben bei Hark Bohm. Sie versteht etwas von Plots, davon, wie das Leben spielt, spielen kann.
Der literaturinteressierte Leser aber fragt sich nach der Lektüre, ob er nicht besser hätte warten sollen, bis er die Story im Fernsehen gesehen hat. Wozu Bücher, wenn die bildliche Gestaltung gleich mitgeliefert wird? Schreiben ist doch sehr viel mehr als sehen und Handlungen verfolgen…
Anke Gebert führt uns ins Hotel «Adlon» in Berlin und damit in die Welt von «Gala» und «Bunte», nur sind es die 20ger Jahre, die dieses Flair bieten. Die heutige, ebenfalls geschilderte Wirklichkeit ist etwas nüchterner: Touristen in der Lobby und «Papierhandtücher in der Toilette» statt gebügeltes Leinen.
Ursula, die Protagonistin des Romans, deren an deutscher Geschichte leidende Liebesgeschichte erzählt wird, ist die Tochter einer Operndiva, die in Hotels aufwächst und sich im Hotel «Adlon» in den Pagen Karl verliebt. Die Erzählung folgt gerade im ersten Teil verschiedenen Mustern, von Irmgard Keuns «Kind aller Länder» bis zu Kästners «Pünktchen und Anton». Und natürlich Vicky Baums «Menschen im Hotel».
Später, Ende des zweiten Weltkrieges begegnen sich die beiden wieder und zwar im Luftschutzkeller des Hotels, kurz vor Karls Einberufung.
Anfang der 60er Jahre treffen beide sich erneut, Karl inzwischen Hotelbesitzer im Westen Berlins, Ursula Verkäuferin in einem Konsum im Ostteil. Eine leidenschaftliche Liebesbeziehung folgt, aber – der Leser ahnt es schon – die Errichtung der Mauer trennt die beiden Liebenden wieder, diesmal 28 Jahre. Dann folgt ein Klischee nach dem anderen. Eine Frau, die ihr Leben der alkoholsüchtigen Mutter widmet, bis diese stirbt. Die verspätete Entdeckung einer Schublade mit verzweifelten Briefen des Liebhabers, von der Mutter vor der Tochter versteckt. Einen Tag nach dem Mauerfall steht dann der Liebhaber, praktischerweise schon verwitwet, vor Ursulas Tür. Wie gut, dass sie nicht umgezogen ist!
Auf 188 Seiten will Gebert einfach zuviel: Pubertätsgeschichte, Altersliebe und deutsche Geschichte im Schnelldurchlauf.
Stoff von Fernsehfilmen. Das Buch zum Hotel. Vielleicht liegt es in den Zimmern des «Adlon» oder an der Rezeption, zur richtigen Zeit für den richtigen Ort geschrieben?
In Geberts Sprache verbleibt trotz emotionaler Handlung eine Nüchternheit, mit der auch der Leser das Buch aus der Hand legt. ■
Anke Gebert, Die Summe der Stunden, Roman, Fischer Taschenbuch Verlag, 188 Seiten, ISBN 978-3596166404
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Ulf Schiewe: «Der Bastard von Tolosa»
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Ohne Widerhaken im Denken
Bernd Giehl
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Alles ist vorhanden in Ulf Schiewes Erstling «Bastard von Tolosa»: Die Taliban – nur dass sie in diesem Roman «Sarrasin» heißen, oder auch mal «Seldschuken»; Al Quaida, deren Kämpfer hier «Haschaschin» genannt werden, Assassinen (das Wort gibt es heute noch im Französischen für Selbstmörder); Die internationalen Truppen der ISAF, nur dass sie nicht Amerikaner, Briten, Kanadier oder Deutsche sind, sondern Provenzalen oder Normannen.
Es geht auch nicht um die Befreiung Afghanistans, sondern um die Eroberung des Heiligen Landes durch ein Kreuzritter-Heer im 11. Jahrhundert. Und der, der den Feldzug befohlen hat, heißt nicht George Bush, sondern Papst Urban. Genauso scheinheilig wie im «Krieg gegen den Terror» sind auch hier die Gründe. Nur dass sie nicht «Demokratie» oder «Rechte der Frauen» heißen, sondern «Befreiung des Heiligen Grabs» oder «Rückeroberung Jerusalems». Auch die Durchhalteparolen werden gegeben, genau so, wie das sinnlose Morden von den sensibleren Naturen beklagt wird.
Alles ist vorhanden: Das Personal und die Gründe fürs Krieg führen («Das Heilige Land muss aus den Händen der Ungläubigen befreit und der Christenheit zurückgegeben werden»); Die Erkenntnis der Sinnlosigkeit, die nicht nur den Helden, Jaufre Montalban, mehr und mehr befällt, weil er erkennen muss, dass nicht nur die anderen morden, plündern und vergewaltigen, was das Zeug hält, sondern auch die eigenen Leute; Auch die Erkenntnis, dass die Gründe für den Krieg seiner Wirklichkeit nicht standhalten, dass man ein Land nicht auf Dauer gegen den Willen seiner Bevölkerung erobern und halten kann, wächst immer stärker.
Alles ist vorhanden, und womöglich wiederholt sich ja auch alles, wie es Nietzsche schon wusste, nur dass Ulf Schiewe die Möglichkeit der «Ewigen Wiederkehr» seinen Lesern nicht zumuten möchte. Wahrscheinlich wäre es ein spannendes Unternehmen, die Kreuzzüge und den «Krieg gegen den Terror» in Afghanistan einmal gegeneinander zu schneiden und miteinander zu verschränken, aber das hieße ja, den Leser zum Denken zu zwingen. Und Bücher, bei denen man denken muss, werden nicht in hunderttausender Stückzahlen gekauft. Womöglich werden sie nicht einmal gedruckt.
Aber genau darauf – auf den Beifall bei den Hunderttausenden – zielt dieses Buch. Es ist ein Buch mit deftigen Kriegs- und Sexszenen, ein Roman, bei dem man schon einmal hundert Seiten am Stück lesen kann, ohne dass einem hinterher der Kopf raucht. Es ist weich und gefällig, das Messer geht hindurch wie durch Butter; nichts was irgendwie Anstoß erregen könnte. Schiewe beherrscht das Erzählen; er weiß, wie man Spannungspunkte setzt, und dass man hinterher den Griff um den Leser auch wieder lockern muss. Er kennt offensichtlich die Zeit, über die er schreibt, er beherrscht sogar das Altfranzösische gut genug, um es an bestimmten Stellen zu zitieren.
Aber das Buch hinterlässt keine Widerhaken im Denken. Der «Bastard von Tolosa» ist Ulf Schiewes erstes Buch. Im wirklichen Leben ist Schiewe IT-Berater, habe ich in einem Interview gelesen. Dass er schreiben kann, ist ganz offensichtlich. Und doch fehlt mir in diesem Buch der doppelte Boden, der Verweis auf das Heute – oder was immer es auch ist, was ein Buch zum Kunstwerk macht. Wie Umberto Eco vor vielen Jahren mit seinem «Namen der Rose» bewiesen hat, kann man auch einen historischen Roman als Kunstwerk anlegen. «Der Name der Rose» ist ebenso eine Parodie auf den Detektivroman, wie es eine Auseinandersetzung mit dem Universalienstreit ist (also der Frage, ob zuerst die Begriffe waren und die Wirklichkeit ihnen folgt, oder ob zuerst die Wirklichkeit ist und dann erst die Begriffe kommen. Und womöglich sind auch noch ganz andere Ebenen in diesem Buch angelegt).
Im «Bastard von Tolosa» findet man das alles nicht. Manchmal war ich, nachdem ich längere Zeit darin gelesen hatte, richtig froh, dass neben ihm Thomas Pynchons grandioses Werk «Gegen den Tag» auf meinem Glastisch lag, ein Buch, bei dem man auf jeder zweiten Seite ins Grübeln kommt, wie der Autor das nun wieder gemeint haben könnte… Kurzum: Schiewe kann erzählen, keine Frage – doch das genügt nicht. ■
Ulf Schiewe, Der Bastard von Tolosa, Roman, Droemer-Knaur Verlag, 928 Seiten, ISBN 978-3-426-19841-4
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Abraham Verghese: «Rückkehr nach Missing»
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Über allem die Liebe zu den Menschen
Alexander Remde
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«Rückkehr nach Missing» ist auch ein Roman. Nur reicht dieses Wort nicht aus, um zu beschreiben, was in den 770 Seiten des neuesten Werkes von Abraham Verghese steckt. Es ist auch Saga, medizinisches Lehrbuch, Plädoyer – und eine Liebeserklärung an einen Beruf und einen Kontinent.
Mit Sicherheit keine leichte Literatur, aber ein Werk, das berührt und das mit tiefen Emotionen den geduldigen Leser belohnt, geschrieben in einem Stil, den ich schon verloren glaubte, und an dem Thomas Mann seine helle Freude gehabt hätte. Wer es altmodisch nennt, trifft den Kern, denn Präzision und Emotion werden hier wieder vereint und geben eine Nähe zum Geschehen, die den Leser, falls er dazu bereit ist, in einen zeitlosen Raum entführt. Und ist es nicht genau das, wonach wir uns sehnen? Wer nah am Wasser gebaut ist, wird bei der Lektüre die eine oder andere Träne vergießen, ohne es zu bereuen. Es verbietet sich hier, auch angesichts der Vielfältigkeit und Bodenlosigkeit der Handlung, ein Protokoll anzufertigen und weiterzugeben. Viele Geschichten spinnen sich um den Kern und vereinen sich letztendlich zu dem, was man wohl Sinn nennt.
Im Mittelpunkt steht die Geschichte der Zwillingsbrüder Marion und Shiva, die als Waisen in Äthiopien ihren Weg suchen. Die Mutter, eine indische Nonne, stirbt bei der Geburt; der Vater, ein britischer Chirurg, verschwindet spurlos. Die Brüder erlernen beide des Vaters Beruf, werden sich auf tragische Weise trennen, und einer wird sich in die Hände des anderen und zwangsläufig auch in die Hände des verlorenen Vaters begeben müssen. Beide Brüder wird die Liebe zu einer Frau quälen, beide leben im Addis Abeba der sechziger Jahre, einer von politischen Unruhen erschütterten Hauptstadt. New York wird eine Rolle spielen, ebenso die Gesundheitssysteme der Reichen und der Dritten Welt.
Sicherlich klingt hier einiges nach Pathos, wird doch mit Nachdruck jeder Zwang in Frage gestellt, der sich ergibt, werden ökonomische Möglichkeiten mit medizinischen Notwendigkeiten auf einer Ebene notiert. Doch hier setzt der Hebel an, den uns Abraham Verghese als Botschaft zwischen die Zeilen schreibt. Eine Ausbildung, die Überflüssiges lehrt und Notwendiges nicht nachhaltig genug vermittelt, eine Heimat, die keine mehr ist, und ein Vertrauensverhältnis zwischen Abhängigen (hier Arzt und Patient), welches auf dünnstem Eis wandelt.
Über allem steht die Liebe zu den Menschen und damit ja auch die Liebe zu sich selbst. Vielleicht ist «Rückkehr nach Missing» eine Geschichte über das Vertrauen, das schnell verloren geht und schwer wiedergewonnen wird. Oder es ist eine Erzählung vom Glauben an die Unendlichkeit der Mutterliebe, die alles in jeder Zukunft zusammenfügen wird, gleich welcher Wirklichkeit, Region und Gesellschaft wir angehören. Dass ein Buch Farben in uns malt, Stimmen schafft und Figuren entstehen lässt, nehmen wir als selbstverständlich an. Wie Abraham Verghese diesen Anforderungen genügt, wird uns zuvorderst etwas fremd erscheinen, dann erstaunen und letztendlich erlösen. «Rückkehr nach Missing» ist ein Buch, das nie zu schwer wiegt und doch kein leichtes Lesen verspricht. Wer bereit ist, sich auf ein tragisches Abenteuer einzulassen, der wird genießen können.
Abraham Verghese, als Sohn indischer Eltern geboren in Äthiopien, spendet wohl einiges an eigenem Leben dem Roman; das macht ihn echt. Wie viel der Leser davon annehmen und verstehen will, bleibt ihm selbst überlassen. Die schöne Kunst des Erzählens dürfen wir hier genießen und zahlen als Preis dafür nur Aufmerksamkeit und Auffassungsgabe, sofern wir geneigt sind, uns in eine fremde Welt fallen zu lassen. ■
Abraham Verghese, Rückkehr nach Missing, Roman, Insel Verlag, 770 Seiten, ISBN 978-3-458-17450-9
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Gerd Arendt: «Instrumentalunterricht für alle?»
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Effizienz und Perspektiven des Klassenmusizierens
Christian Schütte
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Instrumentalunterricht für alle? Dieser Frage widmet sich Gerd Arendt in seinem kürzlich erschienenen Buch, das als Band 91 im Forum Musikpädagogik in den Augsburger Schriften, herausgegeben von Rudolf-Dieter Kraemer, veröffentlicht ist.
«Zur langfristigen Relevanz des Klassenmusizierens und der Notwendigkeit einer Reform des Musikunterrichts» heißt es im ausführlichen Untertitel. Damit greift der Autor ein Thema auf, das in den vergangenen Jahren in Deutschland flächendeckende kulturpolitische Relevanz bekommen hat. Das Klassenmusizieren ist zu einer vielfältig eingesetzten Institution geworden, Schüler bekommen im Rahmen dieser Maßnahme die Möglichkeit, zwei Jahre lang begleitend zum sonstigen Unterricht mit ihrer Klasse musikalisch zu arbeiten. Das kann in Form von Blasinstrumenten passieren, die dann zu einem Ensemble geformt werden, aber auch in Form eines Chors. Allgemeinbildende Schulen arbeiten mit den örtlichen Musikschulen zusammen, gefördert wird das Projekt in der Regel durch die Kultus- und oder Wissenschaftsministerien.
Ansatz und zugleich Legitimation des Autors für seine Studie ist, dass der flächendeckenden Ausbreitung des Klassenmusizierens noch keine qualitativ und quantitativ entsprechende Studie über Erfolg, Effizienz und Perspektiven entgegengesetzt wurde. Qualitätskontrolle ist ein wichtiges Stichwort nicht nur in der freien Wirtschaft geworden, und die finanziellen Mittel, die in die Projekte fließen, drängen solche Erhebungen nachgerade auf.
Die Untersuchung ist klar und plausibel gegliedert: Teil A) legt die theoretische Grundlage dar, Teil B) widmet sich unter dem reichlich chicen Titel «Das Forschungsdesign» Darstellung und Methodik des Forschungsansatzes, Teil C) dokumentiert empirische Untersuchungen, und in einem ausführlichen Teil D) fasst der Autor seine Forschungsergebnisse zusammen.

«Wenn Kinder auf musikalische Entdeckungsreise gehen und spielend miteinander ans Ziel kommen»: Klassenmusizieren in der Schweiz
Teil A) ist eine gründliche Bestandsaufnahme. Geschichte und aktuelle Situation des Klassenmusizierens in Deutschland werden anhand verschiedener Beispiele aufgezeigt, einzelne Ländervorhaben wie das in Nordrhein-Westfalen gestartete «JEKI»–Projekt (Jedem Kind ein Instrument) dabei in Beziehung zu flächendeckenden Praktiken gesetzt. Dabei zeigt der Autor ein sensibles Gespür für Problematisierungen von Begrifflichkeiten, die bereits in sich Fragen aufwerfen, bevor es überhaupt zur Beschäftigung mit Inhalten kommt. Ein Beispiel: Die Kennzeichnung des Vorhabens mit dem Begriff «Projekt» stellt der Autor in folgender Passage zutreffend in Zweifel: «Aber diese ‘Projekte’, die als Teilnehmer in Frage kommen, sind – liest man etwa den Bericht von ‘Learnline’ (NRW-Schulministerium) – allesamt schon lange über ein ‘Projektstadium’ hinaus, manche Streicher- bzw. Bläserklassen bestehen sogar über zehn Jahre. Warum untergräbt man also durch die gewählte Diktion die Relevanz bereits bestehender Konzepte und suggeriert auf diese Weise, es bestünde trotz einer zugestandenen Etablierung [...] der Charakter einer gewissen Vorläufigkeit, gleichsam einem «Unterrichtsversuch»? (S.18)
Im Kapitel «Forschungsdesign» entwirft der Autor u.a. einen Thesenkatalog, mit dem er noch einmal grundsätzlich auf die bislang nahezu unerforschte Praxis, Wirkung und Effizienz des Klassenmusizierens hinweisen will: «Eine mutmaßliche ‘Langfristigkeit’ der Wirkung des Klassenmusizierens ist schon deswegen nicht auszuschließen, da sich bestimmte Bezugspunkte bei der Entwicklung der musikalischen Persönlichkeit bei fast jedem Menschen noch Jahre später nachvollziehen lassen.» (S.52) – und das ist sicher eine wertvolle Ausgangsbasis der weiteren Untersuchungen, die gleichwohl auch unter folgender Prämisse stehen: «Persönlichkeitsentwicklung ist ein Prozess langfristiger Dimension.» ( S.52).
Dies ist nur ein signifikantes Beispiel aus der Untersuchung, mit dem der Autor klar zu erkennen gibt, dass er mit seinem Buch unter anderem eines will: Gedankenanstöße geben, Fragen aufwerfen, die weiter und vor allem tiefer verfolgt werden können und müssen, um die Relevanz der immer flächendeckender werdenden Projekte zur musikalischen Breiten- und Nachwuchsförderung aufzuzeigen bzw. sie zu legitimieren. Hierzu hat Gerd Arendts Untersuchung hohen Wert.
Abgerundet wird die Darstellung u.a. durch Erfahrungsberichte ehemaliger Teilnehmer des Klassenmusizierens. Das ist einerseits plausibel insofern, als auf diese Weise etwa die Motivation dargelegt wird, später Schulmusik studiert und damit gleichsam die Perspektive gewechselt zu haben. Inwieweit andererseits das Gesamtvorhaben durch Äußerungen relativiert wird, die klar zum Ausdruck bringen, das Projekt habe aus der Sicht der Schüler in Einzelfällen mehr soziale Auswirkungen denn musikalische gehabt, sei dahingestellt. Wenn das jedenfalls als Wirkung und Funktion hängen bleibt, ließe sich das Projekt als solches einigermaßen beliebig gegen andere austauschen… ■
Gerd Arendt, Instrumentalunterricht für alle? – Zur langfristigen Relevanz des Klassenmusizierens und der Notwendigkeit einer Reform des Musikunterrichts – Forum Musikpädagogik, Band 91 Augsburger Schriften (Hrsg: Rudolf-Dieter Kraemer), Wissner-Verlag, 184 Seiten, ISBN 978-3-89639-710-2
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INHALTSVERZEICHNIS
A) Theoretischer Teil
1. Einleitung
1.1 Einführung in das Forschungsvorhaben
1.2 Zur Definition des Untersuchungsgegenstands
2. Die aktuelle Situation
2.1 Klassenmusizieren in der Bundesrepublik Deutschland
2.2 Exkurs: „JeKi“ – eine neue Perspektive?
2.3
Ziele und Motive des Klassenmusizierens
2.3.1 Lehrerinteressen/Schülerinteressen
2.3.1.1
Lehrerinteressen
2.3.1.2
Schülerinteressen
2.3.1.3
Das Problem der unbekannten Handlungsziele
2.3.2 Finanzielle Aspekte des Klassenmusizierens
2.3.3 Transfereffekte
2.4
Zum gegenwärtigen Stand der Forschung
3.
Exkurs: Erfordernisse bei der praktischen Umsetzung –
eine Problemskizze
3.1
Fragestellungen
3.2
Vorstudie
3.3
Zwischenfazit
3.4
Didaktische Konzepte
3.4.1 Der institutionelle Diskurs
3.4.2 „Praktikerliteratur“ und Unterricht
3.4.3 Zusammenfassung
3.5
Zur Notwendigkeit einer fundierten Instrumentaltechnik – ein Beispiel
B) Das Forschungsdesign
4.
Ausfaltung des Forschungsansatzes
4.1
Zwei Jahre Klassenmusizieren – was dann? Eine Bestandsaufnahme
4.2
Thesenkatalog
4.3
Konkretisierung des Untersuchungsgegenstands
4.4
Die Rolland-Methode im Kontext der Konzepte
4.4.1 Das Konzept Paul Rollands
4.4.2 Unterrichtsbeschreibung
4.4.3 Lehrmaterialien für den Streicherklassenunterricht
4.4.4 Klassenmusizieren – ein amerikanisches Modell für Deutschland?
5. Zur Methodik
5.1 Begründung der Vorgehensweise
5.2 Die Schule
5.3 Auswahl des Forschungsorts – das soziale Umfeld
C) Empirischer Teil
6. Schriftliche Befragung
6.1 Fragestellung
6.2 Der Fragebogen
7. Auswertung der schriftlichen Befragung
7.1 Häufigkeitsanalyse
7.1.1 Fragekomplex (A) – Musikinstrument
7.1.2 Fragekomplex (B) – Musiksoziologie
7.1.3 Fragekomplex (C ) – Musikunterricht
7.1.4 Fragekomplex (D) – Musiktheorie
7.2 Korrelationsstudie
7.2.1 Einflussgrößen
7.2.2 Zur Signifikanz der Klassenzugehörigkeit bei der Stichprobe
7.3 Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse
7.4 Folgerungen
8. Interviews
8.1 Exkurs: Repräsentativität und Validität
8.2 Auswahl der Probanden
8.3 Konzeptionelles
8.3.1 Fragetechnik
8.3.2 Interviewleitfaden
8.4 Zum Einzelfall-Approach
9. Auswertung der Interviews
9.1 Wissenschaftstheoretische Überlegungen zum Auswertungsverfahren
9.2 Zur Analysepraxis
D) Zusammenfassung der Ergebnisse
10.
Theoriebildung und Schlussthesen
10.1
Persönlichkeit
10.2
Vermittlung instrumentaler Fähigkeiten
10.3
Motivation
10.4
Vorspielstress
10.5
Kurzfristigkeit/Langfristigkeit
10.6
Theorie
10.7
Lebensalter/Instrument
10.8
Zur Modalpersönlichkeit/Schlusskommentar
11.
Zu den Folgen für die Fachdidaktik
11.1
Gegenüberstellung der Ergebnisse mit den didaktischen Ansätzen
für das Klassenmusizieren im Musikunterricht
11.1.1 Zu den Handlungszielen
11.1.2 Zu allgemeinen Lehrzielen in Bezug auf aktives Musizieren
im Unterricht
11.1.3 Zu didaktischen Zielsetzungen mit direktem Bezug
zum Klassenmusizieren
11.2
Exkurs: Zur Individualisierung von Lernprozessen
11.3
Anpassen der Unterrichtsliteratur
11.4
Lehrerfortbildung
12.
Resümee und Ausblick
E)
Anhang
13.
Daten
13.1
Fragebogen Streicherklassenunterricht
13.2
Interviews
13.2.1 „Die Zeit danach hängt davon ab, wie die Lehrkräfte mit der Zeit danach umgehen“ – Anne Gerbel
13.2.2 „An Pädagogik war das gut, womit ich klar kam“ – Florian Zeltmann
13.2.3 „Es war für mich schlimm, wenn ich es nicht so hingekriegt habe wie die anderen“ – Matthias Hohenhövel
13.2.4 „Es hat große Auswirkungen auf die Musikalität später gehabt“ – Katharina Dorfmann
13.2.5 „Als ich hinterher auf die Musikschule gegangen bin, musste ich sehr viel umlernen“ – Julian Wittbrodt
13.2.6 „Der Streicherklassenunterricht hat einen Riesenstellenwert, weil ich sonst nicht an das Cellospielen gekommen wäre – vielleicht sogar an die Musik an sich“ – Martin Terlinden
13.2.7 „Streicherklassenunterricht ist eine Zusatzqualifikation“ – Dajana Sattler
13.2.8 „Es hat auf jeden Fall dazu beigetragen, dass ich Musik studiert habe“ – Marion Twehle
13.3 Korrelationsmatrix
14. Literatur
14.1 Forschungsliteratur
14.1.1 Bücher
14.1.2 Aufsätze
14.1.3 Unterrichtspraktische Literatur/Noten
14.2 Methodik
14.3 Forschungsaffine Literatur (Auswahl)
14.4 DVDs und Videos
15. Abbildungsnachweis
15.1 Abbildungen
15.2 Tabellen
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William Duggan: «Geistesblitze»
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«Strategische Intuition» als kreative Denkmethode
Walter Eigenmann
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William Duggan, Professor an der Columbia Business School, ist überzeugt, dass die Geniestreiche großer Persönlichkeiten der Weltgeschichte nicht als zufällige Eingebungen aus heiterem Himmel herniederstürzen, sondern dass allen herausragenden menschlichen Leistungen ein gemeinsamer Wirkmechanismus zugrundeliegt. Diesen Wirkmechanismus nennt Duggan «Strategische Intuition», und in seinem neuesten, jetzt ins Deutsche übersetzten Buch «Geistesblitze» spürt er anhand der Biographien bedeutender Köpfe von Kopernikus und Napoleon über Picasso bis hin zu J.F. Kennedy und Bill Gates einigen historisch einschneidenden Momenten als Resultate eben dieser «Strategischen Intuition» nach.
Der Denkansatz Duggans ist ein umfassender, auf Teilgebieten gar «revolutionärer», wie der Business-Professor schon eingangs seiner 270-seitigen Abhandlung unmissverständlich deklariert: «Die gängigen Affassungen in den einzelnen Bereichen – Strategieplanung, Wissenschaftsmethodik, Kreativität, Ideenfindung, rationale Entscheidungsfindung, Teamarbeit, Unternehmensführung und Innovation – entstanden allesamt zu einer Zeit, bevor die Neurowissenschaft imstande war zu zeigen, was beim Denken im Gehirn passiert. Kein Wunder also, dass all diese Theorien nur zwei Arten von geistiger Aktivität kennen: den rationalen Gedanken und die kreative Vorstellungskraft.» Doch gemäß Duggan sind diese beiden Pole aufzuheben in einer dritten, dann durchschlagenden Fähigkeit: im «Geistesblitz», im «Aha-Erlebnis» – Schlüsselelemente als Resultate eben «Strategischer Intuition». Duggan referiert damit auf entspr. neurologische Forschungen z.B. von Barry Gordon (2003), der den Begriff «Intelligentes Gedächtnis» in die wissenschaftliche Diskussion einführte: «Das intelligente Gedächtnis gleicht einer Malvorlage, bei der man einzelne Punkte miteinander verbindet, damit ein Bild entsteht. Die Punkte stehen für die Einzelteile oder Ideen, die Linien dazwischen sind die Verbindungen oder Assoziationen. Die Linien können ineinanderfließen, sich zu größeren Fragmenten verbinden und zu einem klaren Gedanken verschmelzen. Dieser klare Gedanke kann ein visuelles Bild sein, ein kleiner Erkenntnisgewinn, eine Idee oder sogar eine Lösung für ein Problem.» Darauf basierend führt Autor Duggan sein Denkmotiv der «Strategischen Intuition» weiter aus: «Das intelligente Gedächtnis vermag beide Denkweisen – das logisch-analytische und das kreativ-intuitive – in einem einzigen Denk-Modus zu vereinen.» Während frühere Hirnforschungen seit der Entdeckung der beiden Hirnhälften das intuitive Denken gleichwertig neben das logisch-analytische stellten, geht die Theorie vom «intelligenten Gedächtnis» noch einen Schritt weiter; gemäß Duggan macht sie die Intuition zum kreativen Bestandteil aller Gedanken, einschließlich der logisch-analytischen: «Strategische Intuition entwickelt mithilfe des intelligenten Gedächtnisses aus dem Vorwissen, das im Gedächtnis verankert ist, gangbare Handlungsschritte für die Zukunft».
In der Folge entwickelt nun der Autor anhand völlig heterogener Lebensläufe berühmter Persönlichkeiten bzw. deren bahnbrechenden Entdeckungen oder Erkenntnisse seine These, dass Eingebung nichts mit Genialität zu tun hat, dass vielmehr Kreativität quasi «planbar» und die «Strategische Intuition» auch keineswegs eine hochkomplexe Sache ist, sondern grundsätzlich nach einem überraschend einfachen Muster abläuft, mithin auch dem einfachen «Mann auf der Straße» erreichbar ist. Denn der «Genieblitz» wirkt zwar wie ein scheinbar völlig unvermittelter Ideen-Sprung des Hirns, ist aber tatsächlich das Resultat der kreativen Verquickung von Erfahrung und bewusst unorthodoxem Denken. Duggan zitiert hierzu den berühmten Apple-Gründer Jobs, einen der kreativsten Köpfe weltweit in der Computerbranche: «Kreativität bedeutet, Dinge einfach miteinander zu verbinden. Fragt man einen kreativen Menschen, wie er dies oder das gemacht hat, erntet man nur einen etwas verlegenen Blick, denn eigentlich hat nicht er es gemacht, es hat sich irgendwie von selbst gemacht, und er hat es nur entdeckt. Und das erschien ihm nach einer Weile ganz selbstverständlich. Das liegt daran, dass kreative Menschen über die Fähigkeit verfügen, Erfahrungen aus der Vergangenheit miteinander in Verbindung zu bringen und daraus neue Dinge zu bilden.»
Eine in der Realität wichtige Bedingung, dass «Geistesblitze» aufgrund von Erfahrung und mithilfe von «Strategischer Intuition» überhaupt «zünden» können, ist nach Duggan die «Geistesgegenwart»: «Der Geist muss von vorgefassten Meinungen über das Problem, die Lösung und die Zielsetzung frei sein. Und das passiert deshalb unter der Dusche, weil man geistig entspannt ist. Diesen Zustand bewusst herbeizuführen ist sehr schwierig». Doch auch dies führt noch nicht zum endgültigen Durchbruch, wenn nicht ein letztes Element hinzutritt, nämlich die Entscheidung, der Entschluss, «der Wille zur Handlung». Duggan: «Man sagt sich nicht: Ach, jetzt verstehe ich, jetzt weiß ich, was ich tun muss. Sondern man sagt: Ich weiß, was zu tun ist, und ich will es auch tun.»
William Duggan, Geistesblitze – Wie wir Intuition zur Strategie machen können, Gustav Lübbe Verlag (Übersetzung: Regina Schneider), 270 Seiten, ISBN 978-3785723821
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Leseproben
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Rolf Bauerdick: «Wie die Madonna auf den Mond kam»
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Interessante Bewältigung eines komplizierten Stoffes
Bernd Giehl
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Rolf Bauerdick, Jahrgang 1957, studierte Literaturwissenschaft und Theologie, bevor er sich dem Journalismus zuwandte. Er hat Reportagereisen in rund sechzig Länder unternommen – nun legt er mit «Wie die Madonna auf den Mond kam» seinen ersten Roman vor.
Von Mal zu Mal wird die Theorie atemberaubender, die die beiden Helden des Buches, Ilja Botev und sein Freund, der Zigeuner Dimitru Gabor da zusammenspinnen. Das Buch beginnt mit dem Flug des ersten, noch unbemannten Weltraumfahrzeugs, des «Sputnik 1» der großen heldenhaften Sowjetunion am 5. November 1957. Und schon an diesem Tag wird die Verschrobenheit der beiden Freunde deutlich, die mit einem Trichter in den Weltraum horchen, um die Signale des Sputniks aufzufangen. In was für einen Wahn sich diese beiden liebenswerten Männer allerdings noch hineinsteigern werden, ahnt der Leser zu Beginn des Buches noch nicht. Denn erst einmal geht es um einen anderen Erzählfaden, nämlich das Verschwinden der versoffenen und eigentlich gar nicht so beliebten Lehrerin an der einklassigen Volksschule in Baia Luna, Angela Barbulescu, von allen nur «die Barbu» genannt. Finstere Mächte scheinen ihre Finger im Spiel zu haben, denn der Ich-Erzähler, Pavel Botev, der Enkel Iljas, hat nicht nur ein Foto gesehen, auf dem die junge, hübsche Barbu in einer Orgie mit dem (späteren) Parteibonzen Dr. Stefan Stefanescu zu sehen ist, sondern er hat auch ihr Tagebuch gefunden, das sie vor ihrem Verschwinden im Pfarrhaus des Dorfes versteckt hat. Und dann wird auch noch dem im Dorf beliebten Priester Johannes Baptiste der Hals durchgeschnitten. Später, als die Barbu auf dem Mondberg tot an einem Baum hängend gefunden wird, glaubt das Dorf, die Lehrerin habe den Pfarrer ermordet. Nur Pavel ist davon überzeugt, dass die kommunistische Partei hinter den mysteriösen Todesfällen steckt, und er beschließt, den Auftrag, den ihm die Barbu kurz vor ihrem Verschwinden gegeben hat, nämlich Stefanescu zu vernichten, in die Tat umzusetzen.
Das ist der eine Strang des Romans. Der andere ergibt sich aus der Theorie, die Dimitru in die Welt setzt, und der der Großvater Ilja mehr und mehr verfällt. Dimitru und Ilja glauben nämlich, dass die Sowjetunion mit ihrem Schritt in den Weltraum nicht nur beweisen wolle, dass sie den Amerikanern überlegen sind, sondern dass sie vielmehr Amerika und dessen Währung, den Dollar, vernichten wollen. Das würde den Sowjets dann gelingen, wenn sie beweisen könnten, dass Gott nicht existiert. Schließlich steht ja auf jedem Dollarschein «In God we trust.» Der Plan, den die Russen ausgeheckt haben, ist äußerst raffiniert. Die Russen wollen nämlich auf dem Mond landen und damit der Jungfrau Maria an den Kragen. Klar ist nämlich, dass die Jungfrau Maria sich – nach ihrer leiblichen Himmelfahrt – nur auf dem Mond befinden kann. Beweis: Die Madonnen-Statue, die viele Jahre in der Kirche von Baia Luna stand, und die nun verschwunden ist, stand auf einer Sichel. Und diese Sichel kann nur der Mond sein. Also tauschen die beiden, angestachelt von Pavel, den Fernseher, den Dimitru vor Jahren dem Großvater zu seinem 55. Geburtstag geschenkt hat, in einem Geschäft der Provinzhauptstadt gegen ein Himmelsfernrohr und die Ausrüstung eines Fotolabors. Dass Pavel, der vor allem an dem Fotolabor interessiert ist, dabei seine ganz eigenen Absichten hat, verrät der natürlich nicht. Das Fotolabor braucht Pavel für seine eigenen Pläne mit Stefanescu, den er mit einem alten Foto vernichten will, was ihm aber nicht gelingt. Stattdessen bringt er seine eigenen Leute in höchste Gefahr. Dann landen die Amerikaner 1969 auf dem Mond, aber leider im falschen Krater, im «Mare Tranquilitatis» statt im «Mare Serenitatis», wo Maria ihr letztes Domizil aufgeschlagen hat, wie Dimitru es bei seinen theologischen Studien herausgefunden hat. Kurzum: die ganze Welt hat sich gegen die beiden Freunde verschworen. Sogar der Papst ist Mitglied dieser weltweiten Verschwörung, weil er im Zweiten Vatikanischen Konzil verkündet hat, das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel sei nicht wörtlich zu nehmen. Wie das Unglück es will, wird in dieser Zeit ein neuer Pfarrer in Baia Luna eingeführt, und der erzählt den Leuten in seiner ersten Predigt davon, was Ilja Botev derart auf die Palme bringt, dass er einen Eklat in der Kirche veranstaltet. Es bleibt ihm nur noch die Möglichkeit, Präsident Richard Nixon, der gerade im Begriff ist, die Hauptstadt «Transmontaniens» («Hinter den Bergen») zu besuchen, mit einem persönlichen Brief vor den Folgen zu warnen…
Rolf Bauerdick ist ein sehr schöner und auch ziemlich schräger Roman gelungen. Natürlich soll hier nicht verraten werden, wie das Buch ausgeht. Nur so viel sei noch dazu gesagt: Es ist spannend und komisch; manchmal habe ich Tränen gelacht und andere Male das Buch nicht aus der Hand legen können, bis ich wusste, wie Pavel und die anderen sich aus der Gefahr retten konnten. Es hat auch seine Widersprüchlichkeiten – vor allem in der Person Dimitrus, der einerseits auf eine fast rührend naive Weise an die Religion glaubt und der andererseits, ohne mit der Wimper zu zucken, Reliquien wie die Muttermilch aus den Brüsten der Heiligen Jungfrau herstellen kann, die er dann gegen bares Geld an orthodoxe Klöster verkauft, um zum Beispiel seinem Freund Ilja einen Fernseher zum Geburtstag schenken zu können. Es ist ein Buch, das in einem fiktiven Land, nämlich «Transmontanien» spielt und das doch auf fast jeder Seite das reale Vorbild, Rumänien, durchscheinen lässt. Wer seine (westliche) Überlegenheit ausspielen will, der wird behaupten, dass die Menschen in diesem Buch ja wirklich «hinter den sieben Bergen wohnen», dass sie Hinterweltler sind. Aber offensichtlich hat Bauerdick begriffen, dass religiöse Menschen nicht per se Heuchler sein müssen. Hier zumindest ist es der christliche Glaube, der seine Helden formt, so biblizistisch und abergläubisch er im Übrigen auch ausgestaltet sein mag. Zumindest die wichtigsten Personen des Buchs, Pavel, sein Großvater Ilja und Dimitru, aber auch der Priester Johannes Baptiste sind Menschen mit einem großen, weiten Herzen; daran ändert alle Verschrobenheit nichts.
Mir gefällt, wie Bauerdick Leitmotive schafft, die sich durch das ganze Buch durchziehen. Die Madonna ist so ein Leitmotiv; die Freiheitsstatue in New York ein anderes. An der Sprache hätte, unter Mitwirkung eines umsichtigeren Lektorats, noch gefeilt werden können. Aber Bauerdick hat es geschafft, einen ziemlich komplizierten Stoff so darzubieten, dass das Buch nirgendwo angestrengt wirkt. ■
Rolf Bauerdick, Wie die Madonna auf den Mond kam, Roman, 516 Seiten, Deutsche Verlagsanstalt, ISBN 978-3-421-04446-4
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Leseproben
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Themenverwandte Links
Der Westen: Rolf Bauerdick – Thrill&Chill: Bauerdick
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«Weihnachtsgeschichten für jeden Adventstag»
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24 Storys von Hans Christian Andersen bis Doris Dörrie
Weihnachten dürfe, wie der Diogenes Verlag sichtlich meint, für Kinder nicht nur das Fest der TV-Filme und der Playstations, der DVD-Games und der Internet-Animationen sein, und auch die Zeit vom 1. bis zum 24. Dezember könne zu mehr da sein als bloß fürs Warten auf die Bescherung. Also stellte er ein neues «Kinder-Adventsbuch» zusammen, das für jeden Adventstag eine Geschichte parat hat.
Das Autorenfeld des schmuck gestalteten Bandes ist dabei so vielfältig wie die Inhalte der 24 Storys. Man begegnet mal wieder «Frau Holle» (Gebrüder Grimm) und E.T.A. Hoffmanns «Mausekönig», Erich Kästners «Felix» holt den Senf, und auch Cechovs «Wanjka» ist mit von der weihnächtlichen Partie. Diesen Advents-Klassikern zugesellt werden dann kurzprosaische Nachdenklichkeiten oder auch froh-erwartungsvolle Heiterkeiten bis hin zu leicht Satirischem von Doris Dörrie, Cornelia Funke, Tim Krohn oder Bernhard Lassahn. Mit gleich zwei köstlichen Geschichten vertreten (und jeweils ganz aus Kinder-Blickwinkel erzählend) ist außerdem der berühmte «Asterix»- und «Lucky-Luke»-Texter René Goscinny.
Das neue «Kinder-Adventsbuch» fächert seine 24 Geschichten rund um Tannenbaum, Adventskalender, Winterschnee und Weihnachtsmann sehr kontrastreich auf, was mithin gut geeignet ist für eine tägliche – kürzere oder längere – «Vorlese-Stunde». Der «tiefere Sinn» einiger Storys dürfte sich wohl erst etwas älteren Kindern erschließen, die meisten Texte werden aber auch von jüngeren Schulkindern problemlos gelesen und genossen werden können. (we) ■
Diogenes Verlag (D.Kampa/Hrsg), Kinder-Adventsbuch, Weihnachtsgeschichten für jeden Adventstag (Div. Autoren), 176 Seiten, ISBN 978-3-257-01146-3
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Hans Sahl: «Die Gedichte»
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«…was sonst jeder Beschreibung spottet»
Walter Eigenmann
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Ein Mann, den manche für weise
hielten, erklärte, nach Auschwitz
wäre kein Gedicht mehr möglich.
Der weise Mann scheint
keine hohe Meinung
von Gedichten gehabt zu haben -
als wären es Seelentröster
für empfindsame Buchhalter
oder bemalte Butzenscheiben,
durch die man die Welt sieht.
Wir glauben, dass Gedichte
überhaupt erst jetzt wieder möglich
geworden sind, insofern nämlich als
nur im Gedicht sich sagen lässt,
was sonst
jeder Beschreibung spottet.
Hans Sahl, der Autor dieses Gedichtes «Memo», schrieb so in seinem zweiten zu Lebzeiten eigenhändig redigierten Lyrik-Band «Wir sind die Letzten» (1933-1975). Und die Zeilen fokussieren programmatisch, was mit Sahl einer der fruchtbarsten und zugleich am wenigsten bekannten Exil- und Nachkriegs-Lyriker deutscher Sprache zu sagen hatte. Sein lyrisches Schaffen legt nun der Luchterhand Verlag in einer Gesamtausgabe «Die Gedichte» vor – und dokumentiert damit erstmals vollständig eine Lyriker-Stimme von hoher Intensität und Authentizität.
Es scheint, als wäre diesem Schriftsteller, Übersetzer, Theaterkritiker und Kulturkorrespondent einfach alles zu Lyrik geronnen, was an Biographischem zugestoßen ist – Poesie als lebenslängliche Konstante.
Schon 1926 schreibt der 24-Jährige:
Ich wäre gern in einer Zeit geboren
Mit Blumenmustern, bunt gestickten Decken
Gedämpftem Saitenspiel von Schlossemporen
Und Schäferspielen hinter Taxushecken.
[...]
Doch weil ich nun in diese Zeit verschlagen,
will ich sie auch mit Anstand für mich brauchen
und seine Meinung zu den Dingen sagen
und zu ihr stehn und meine Pfeife rauchen.
Dann Jahre später, 1943 in New York, als Geflüchteter:
Ja, ich bin allein, und ich weiß es
Viele sind wie ich, aber es kümmert sie nicht
und sie zeugen Kinder nach altem Brauch
sitzen in eisgekühlten Palästen
gehen umher und tragen bunte Krawatten
wie das Gesetz es befahl
Ich aber bin gefangen im Stein
Schließlich 1973 der zurückgekehrte Mahnende:
Wir, die wir unsre Zeit vertrödelten
aus begreiflichen Gründen
sind zu Trödlern des Unbegreiflichen geworden
Unser Schicksal steht unter Denkmalschutz
Unser bester Kunde ist das
schlechte Gewissen der Nachwelt
Greift zu, bedient euch
Wir sind die Letzten
Fragt uns aus
Wir sind zuständig
Und endlich ganz zum Schluss, ungefähr ein Jahr vor seinem Tod:
Ich gehe langsam aus der Zeit heraus
in eine Zukunft jenseits aller Sterne
und was ich war und bin und immer bleiben werde
geht mit mir ohne Ungeduld und Eile
als wäre ich nie gewesen oder kaum.
Nein, Formalismus, Hermetik, abstrakte Ästhetik oder besondere Artistik ist dem Schaffen dieses zeitlebens moralisch wie politisch hochbeteiligten Bekenntnis-Lyrikers nicht zuzuordnen. Wohl aber bilderreichste, fast sinnlich greifbare Metaphorik – und immer seine Omnipräsenz der Aufrichtigkeit und der Unbestechlichkeit:
Gib dich zufrieden mit dem
was du noch hast
deinen Mund, deine Gebeine
freue dich darüber
weine.
Zähle nicht bis drei.
Eins genügt.
Vielleicht auch zwei
Bei drei wird’s schon wer
bei drei gibt’s dich nimmermehr.
Da fressen dich die Raben.
Amen.(aus «Dann», 1985)
Schicksal, Liebe, Nacht, Gott, Ich, Zeit, Herz, Lust, Tod – solche Jahrtausende alt-mächtigen Wörter auch am Ende des katastrophalen 20. Jahrhunderts noch mitten in den Lauf der eigenen und aller Dinge zu stellen scheute sich Sahl nie; er wusste um ihre Wirkung aus dem Munde eines Dichters, der sie hautnaher als die meisten zu spüren bekommen hatte:
De Profundis
Ich bin der Zeit und ihrem Reim entfremdet,
Es hat die Zeit mir meinen Reim entwendet.Wo Welten stürzen, Völker sich vernichten,
Kann sich das Wort zum Reim nicht mehr verdichten.Wer wagt es noch, das Grauen zu besingen,
Dem Ungereimten Reime zu entringen,Wer, der noch Worte hat, im Wort zu wildern,
Den Knochenfraß der Sprache zu bebildernUnd leichten Sinn’s, wo alle Worte fehlen,
Den Totentanz nach Silben abzuzählen?Ich bin dem Reim in dieser Zeit entfremdet,
Es hat die Zeit mir meinen Reim entwendet.Schwer ist mein Mund, und meine Lippen finden
Die Kraft nicht mehr, die Sätze zu verbinden.Hier liege ich, verworfen von Epochen,
Es ist das letzte Wort noch nicht gesprochen,Es ist der letzte Reim noch nicht gefunden
Auf diesen Jammer und auf diese Wunden.Der tiefste Schrei, den je ein Mensch vernommen,
Er wird von uns, aus unserem Schweigen kommen.
Der 31-jährige Sahl muss, als Sohn eines jüdischen Industriellen in Dresden geboren, vor der Hitlerei fliehen – auf einem Fluchtweg, den so mancher Emigrant vor ihm schon gegangen war: Frankreich, Portugal, dann an die amerikanische Ostküste, nach New York. Hier entstehen – und werden gar gedruckt! – seine «Hellen Nächte», der Lyrik-Erstling. Er erscheint allerdings erst 1942, aufgrund des überzeugten Verlegers Barthold Fles – da ist Autor Sahl (bis anhin «nur» Kulturkorrespondent, Feuilletonist und Kurzprosaist) bereits ein 40-jähriger, doch nahezu unbekannter Literat. Ungeachtet der misslichen Situation der Publikationsmöglichkeit für Lyrik in Amerika schreibt und schreibt Sahl jedoch weiter, einfach für die Schublade, Gedicht an Gedicht, zum Beispiel:
Selbstportrait
Was bleiben wird von mir? Nur Dunkelheiten,
Und ein Gesicht, das manchmal schüchtern lachte
Und sich Gedanken über dies und jenes machte
Und in den Abend sah und zu gewissen ZeitenSich über fremde Züge liebend neigte
Und Worte sagte, die man ihm nicht glaubte,
Und nichts verstand und manchmal sich erlaubte
Ein Mensch zu sein und keine Reue zeigte.Was bleiben wird? Nur dies. Ein Unterfangen,
Zu groß begonnen und dann abgebrochen,
Ein Wort, verwundert in die Nacht gesprochen
Und mit den andern in die Nacht gegangen.
Gleichzeitig ist der Dichter Sahl ein bedeutender Übersetzer, widmet sich vielbeachtet insbesondere den Amerikanern Maxwell Anderson, Arthur Miller, Thornton Wilder und Tennessee Williams. Schließlich geht er 1953 nach Deutschland zurück – wo der Sozialist Sahl im rechtskonservativen Adenauer-Klima, aber auch wegen Zerwürfnissen mit linksideologisch Bornierten zu einer literarischen Unperson wird, von der das kulturelle Europa keinerlei Notiz nimmt. Sahl ist abermals Emigrant, diesmal im eigenen Land. Wie hatte er damals in «Marseille III» geklagt?
Warum bin ich nicht längst schon ausgezogen
Aus diesem Loch, wo mich die Würmer fressen
Und tote Seelen umgehn im Gemäuer?
Fern über dem Atlantik ziehn Gewitter,
Es kam schon lange nichts mehr mit dem Clipper,
Man gibt mich auf, bald bin dich ganz vergessen
Und will nichts mehr und streck’ mich nach der Decke
In dem Hottel, in dem ich hier verrecke.
Erneut flieht Sahl, diesmal nicht ums Leben bangend, sondern enttäuscht über die Ignoranz des Literaturbetriebes der frühen 50-er Jahre links wie rechts, geht 1953 zum zweiten Mal in die USA, wo Gedichte entstehen wie:
Schlaflos in New York
Hörst du
sehr fern in der Nacht
die apokalyptischen Rosse
den Schlaflosen wecken?
Kamen sie,
um ihn zu erschrecken
mit dem Gedröhn
ihrer Propeller?
Siehe,
es wird schon heller
hinter dem Fenster,
aber unter dem Bett
schläft noch immer
das Dunkel,
schläft die Nacht
mit offenen Augen.
Und wartet
auf dich.
1989 kehrt schließlich der in jeder Beziehung ewige Exilant endgültig in sein Geburtsland zurück, wo er inzwischen erkannt und bekannt wurde. Doch der Ton des nun 87-jährigen Dichters ist bitter und mischt sich mit Angriffslust. «Zu spät», antwortet der Zurückgekehrte auf die Bemerkung, dass mittlerweile doch eine Wiederentdeckung des Vergessenen stattgefunden habe – und in seinen Zeilen «Exil» heißt es:
Es ist so gar nichts mehr dazu zu sagen.
Der Staub verweht.
Ich habe meinen Kragen hochgeschlagen.
Es ist schon spät.Die Winde kreischt. Sie haben ihn begraben.
Es ist so gar nichts mehr dazu zu sagen.
Zu spät.
Das kulturoffizielle Deutschland ehrt zu schlechter Letzt den Heimgekehrten mit verschiedenen Auszeichnungen, u.a. 1982 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz und in seinem Todesjahr mit dem Lessing-Preis des Freistaates Sachsen. Doch angekommen in einem allgemeinen literarischen Bewusstsein oder gar im Deutschunterricht ist er als einer der wichtigsten Lyriker der Nachkriegszeit noch immer nicht.
In dieser Situation leistet das nun vorliegende, umfassende lyrische Sahl-Kompendium wertvollste Mitarbeit. Der Band weist Hans Sahl aus als einen hochsensiblen Stenographen eines ganzen Jahrhunderts, als einen, der gezwungen war, künstlerisch mitzuschreiben bei all dem vielen, auch vielen Ungeheuerlichen, das in seine Zeit fiel. Bleibt zu hoffen, dass diese Edition der beiden Herausgeber Nils Kern und Klaus Siblewski eine – endlich – breite Sahl-Rehabilitation einläutet. ■
Hans Sahl, Die Gedichte, Luchterhand Verlag, 336 Seiten, ISBN 978-3-630-87288-9
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Siggi Liersch: «Köttelbug, ich & andere», Kurzprosa
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Literarische Reanimation des Dadaismus
Bernd Giehl
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Eines muss man Siggi Liersch ja lassen: Mut hat er. Schon das Bild des Autors auf dem Cover wirkt eher abschreckend. (Womöglich ist es mit einem extremen Weitwinkelobjektiv aufgenommen worden, einem sogenannten „Fisheye», das den Abgebildeten dicker macht, als er wirklich ist…) Dass dieses Bild allerdings nicht zufällig ausgewählt, sondern Programm ist, merkt man bald, wenn man den einen oder anderen der «Kurzprosa» genannten Texte aufschlägt.
In den ersten beiden Teilen, «Köttelbug» und «ich», ist keiner länger als eine Seite. Die meisten Texte haben einen Umfang von einer drittel bis einer halben Seite. Es handelt sich um ins Groteske gesteigerte Beobachtungen aus dem Alltag, oder dann um Traumsequenzen. Ein Kartenspieler sitzt in einem Raum, in dem die Vorhänge zugezogen sind und gewinnt eine halbe Frau, vom Bauchnabel abwärts, die zudem aussätzig ist. Er möchte ins Freie, wo Geckos an Holzmasten sitzen und von denen einer gerade seine halbe Frau verspeist. («Spiel»). In einem anderen Text («Avantgarde») verwirklicht ein bisher unbekannter Komponist namens Molotow («nicht zu verwechseln mit einem gleichnamigen, politisch orientierten Namensvetter») den Traum der Futuristen aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts und bringt in Bayreuth bei den Wagner-Festspielen ein Orchester auf die Bühne, das statt mit Violinen, Oboen und Blechblasinstrumenten mit Maschinengewehren, Panzerfäusten und Splitterbomben bewaffnet ist.
Offensichtlich hat da einer den Dadaismus, jene von Hugo Ball, Tristan Tzara, Hans Arp und anderen 1916 in Zürich erfundene Kunstrichtung, noch einmal für sich neu gefunden. Eine schöne Definition von «Dada» habe ich im «Funkkolleg Moderne Literatur» von 1993 gefunden. Laut Tristan Tzara und Richard Huelsenbeck kam «Dada [...] aus dem Leib eines Pferdes als Blumenkorb.» (Studienbrief 4, 12/6) Oder anders gesagt: Dada verbindet möglichst disparate Elemente zu einem Ganzen. Dinge werden montiert, die in der Realität sonst nichts miteinander zu tun haben. In den Texten des studierten Germanisten Siggi Liersch feiert dieses Prinzip Wiederauferstehung. Auch die über das Buch verstreuten Collagen sind im Stil des Dadaismus gehalten.
Ob man das alles ernst nehmen muss? Meiner Meinung nach sind es eher sinnfreie Texte, die mit der Realität nicht allzu viel zu tun haben. Aber über Dada und die Frage, ob es einen Sinn im Unsinn gibt, lässt sich bekanntlich wunderbar streiten. Wobei man in einer Zeit, in der eine Partei Steuersenkungen fordert, obwohl sie weiß, dass der Staat so hoch verschuldet ist wie nie zuvor, schon einmal darüber nachdenken kann, ob das Groteske nicht langsam immer mehr zur Realität wird und man der Realität (allenfalls) noch mit Satire beikommen kann…
Siggi Liersch, Köttelbug, ich & andere, Kurzprosa und Collagen, 152 Seiten, BoD Norderstedt, ISBN 978-3-8391-2179-5
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Volker Klöpsch: «Chinesische Liebesgedichte»
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Ostasiatische Poesie aus drei Jahrtausenden
Walter Eigenmann
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Anders als die japanische Lyrik, die in den letzten Jahren mit ihren populärsten beiden Formen Haiku und Tanka auch im Westen einen regelrechten «Boom» erlebte, genießt das «klassische» chinesische Gedicht keine sonderliche Aufmerksamkeit bei der Lyrik-Leserschaft unserer kulturellen Breitengrade – trotz Übersetzungen der Werke so berühmter Dichter wie Tao Yuanming (Jin-Dynastie), Li Bai, Du Fu, Bai Juyi, Du Mu, Li Shangyin (alle Tang) oder Li Qingzhao (Song). Umso größer das Verdienst des deutschen Sinologen Volker Klöpsch – u.a. auch seines «Lexikons der chinesischen Literatur» (2004) wegen einer der führenden Experten für ostasiatische Literatur -, der nun im Insel/Suhrkamp-Verlag eine repräsentative, über weite teile referentielle Sammlung «Chinesischer Liebesgedichte» herausgab. Der Band erstreckt sich zeitlich vom bekannten anonymen «Buch der Lieder», das noch Konfuzius persönlich zusammengetragen haben soll, über die literarisch besonders fruchtbare Tang-Zeit (7.-10. Jh.) sowie die Dynastien Yuan (13./14. Jh.) und Ming (14.-16. Jh.) bis hin zur chinesischen Literatur-Moderne eines Wen Yiduo oder Gu Cheng.
In der «klassischen» chinesischen Dichtung spielte die Liebe, wie der Herausgeber in seinem instruktiven Nachwort ausführt, nicht die dominierende Rolle, die sie in der westlichen Literatur einnimmt: «Der Dichter war im alten China in der Regel Beamter im Dienste des Staates, und die Dichtung diente vorrangig als Medium des gesellschaftlichen Umgangs. Sie fand im öffentlichen Raum statt und genoss große Beachtung. So war die Abfassung von Gedichten über Jahrhunderte auch Bestandteil der landesweiten Beamtenprüfungen, ohne die kein Aufstieg möglich war. Nach einem Ausspruch des Konfuzius verfügt über keine Sprache, wer die Lieder nicht kennt.»
Im Schatten der übermächtigen Tradition dieser «Beamtendichtung» konnten sich die vielen Formen einer eigenen Volksdichtung zwar durchaus reich entfalten, mussten sich aber auf die mündliche Überlieferung stützen. Denn das breite Volk verfügte zwar natürlich über dichterische Stimmen, doch wie Übersetzer Klöpsch darlegt: «Die Beherrschung der Schrift auf Grund ihrer Schwierigkeiten war ein noch viel größeres Privileg der ‘gebildeten Stände’ als im europäischen Mittelalter. Das Erlernen von vielen tausend chinesischen Schriftzeichen erforderte eine langjährige Ausbildung, der sich nur die wenigsten unterziehen konnten.»
Exkurs: Übersetzen aus dem Chinesischen
Zur Problematik des Übersetzens aus einer so komplexen Hochsprache wie dem Chinesischen führt der deutsche Sinologe aus: «Die sprachlichen Strukturen – es gibt im modernen Chinesisch nur etwa 400 unterschiedliche Silben – bedingen eine große Zahl von gleichklingenden Wörtern und entsprechenden gedanklichen Anspielungen und Zweideutigkeiten. Nehmen wir ein kleines Beispiel: Ein schlichtes, mit ‘Betriebsamkeit’ überschriebenes Lied beschreibt auf der Oberfläche nichts als einfache (und unschuldige) Tätigkeiten im ländlichen Haushalt:
Der Junge soll Lotos pflanzen -
sie sieht in den Blüten ein Band.
Das Mädchen züchtet die Raupen -
er sieht in der Seide ein Pfand.
Sie will aus dem Brunnen schöpfen,
doch fehlt ihr das rechte Gerät.
Zu gerne schlüpfte er einmal hinein
in das Hemd, das sie gerade näht.
Vier Schlüsselwörter vermitteln jedoch für den geübten Hörer oder Leser eine tiefere Dimension: Der Lotus (lian) lässt die vom Mädchen ersehnte ‘Verbindung’ anklingen, die Seide (mian) deutet das Begehren des Jungen an, mit dem Mädchen zu ‘schlafen’; das Schöpfgerät (tong) für den Brunnen, welches das Mädchen vermisst, heißt auch ‘miteinander verkehren’, und der Wunsch des Jungen, in das Hemd ‘hineinzuschlüpfen’, ist ebenfalls eindeutig sexueller Natur.» – -
Dem interessierten Leser, geschult an thematisch vergleichbarer Lyrik okzidentalen Ursprungs, erschließt die Sammlung eine ganz eigene dichterische Welt der unverfälschten Sensibilität und einer seltsam naiv anmutenden Seins-Sicht, aber auch der rätselhaften Gefühls-Chiffren und der betont natur- bzw. tierverbundenen, gleichzeitig sehr bedeutungsträchtigen Bildmotive. Diese besondere poetische Qualität der ostasiatischen Liebes-Lyrik zu vermitteln ist ein verdienstvoller Aspekt dieser Tour d’horizont durch drei Jahrtausende Poesie aus China, und mit der Herausgabe dieser Gedichte, welche trotz aller faszinierenden Exotik in Inhalt und Form doch auch die menschlichen Konstanten Liebe und Lust literarisch bewältigen und damit wesentliche Berührungspunkte mit der entsprechenden abendländischen Hochpoesie aufweisen, verbindet Herausgeber Klöpsch neben dem dichterischen auch ein interkulturelles Anliegen. Er hofft nämlich, dass es gelänge, «uns die fernen Menschen näher zu bringen und verständlicher zu machen, so dass das Fremde uns nicht mehr verwirrt, sondern bereichert und beglückt, weil es als ein Teil des Eigenen begriffen wird.» Nicht das schlechteste der Motive, fremdländische Literatur herauszugeben… Eine hochwillkommene Edition, der man etwas breitere Leserschaft als den üblichen Lyrik-Nischenmarkt erhofft! ■
Volker Klöpsch (Hrsg.), Chinesische Liebesgedichte, Insel/Suhrkamp Verlag, 144 Seiten, ISBN 978-3458351177
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Inhaltsverzeichnis
Probeseiten
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Duftender Doppelpunkt – Die Neue Lyrik Chinas – Östliche Weisheiten – Tee-Gedichte – Principien - Deutsch-Chinesische Werkstatt – Spreeblick – Eliterator – Queer in Taiwan – Chinesisches Tagebuch – Chinesische Lieder - Chinas Lieder (ZEIT) – Chinesische Kultur – Ich liebe China
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Beat Ringger: «Die Zukunft der Demokratie»
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Wege aus dem Kapitalismus
Walter Eigenmann
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In seinem Vorwort zur eben im Zürcher Rotpunkt-Verlag erschienenen Essay-Sammlung«Zukunft der Demokratie – Das postkapitalistische Projekt» steckt Urs Marti, Professor für Politische Philosophie in Zürich, den Denk-Rahmen des Bandes betont breit aus. Denn, so Marti: «Dass die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer, ist ein Befund, dem zu widersprechen mittlerweile auch überzeugten Anhängern des Kapitalismus schwerfällt. In dem Maß, wie er sich bestätigt, wird klar, dass der Kapitalismus unfähig ist, die von ihm gegebenen Versprechen zu halten. Die ungleiche Verteilung des Wohlstands – und damit auch der Chancen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen – gehört zu den großen Problemen der Gegenwart; ein weiteres ist die Unfähigkeit des Kapitalismus, der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen Einhalt zu gebieten. Der Kapitalismus als private Aneignung der Welt steht im Widerspruch zu den großen Prinzipien der Moderne: Der demokratischen Mitbestimmung einerseits, die notwendigerweise auch die kollektive Nutzung der Ressourcen einschließt, der individuellen Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung andererseits, die heute im Namen der unerbittlichen Gesetze des Marktes für die überwiegende Mehrheit der Weltbevölkerung faktisch negiert werden.»
Demgegenüber aber auch: «Viele werden dem Urteil zustimmen, der Kapitalismus sei unökonomisch im Gebrauch von Ressourcen und ungerecht in deren Verteilung. Dennoch werden sie die Frage, ob die Überwindung des Kapitalismus eine realistische Perspektive sei, verneinen. Tatsächlich sind die Erfahrungen des zo. Jahrhunderts ernüchternd. Das sozialdemokratische Projekt einer Zähmung des Kapitalismus ist nicht zuletzt deshalb gescheitert, weil kaum ernsthaft versucht worden ist, demokratische Kontrolle auf den Bereich der Wirtschaft auszudehnen. Sozialistische Projekte, den Kapitalismus durch ein anderes System zu ersetzen, haben statt mehr Freiheit neue Formen totaler Herrschaft geschaffen.»
Zwischen diesen beiden realpolitischen Befunden verlaufen nun die thematischen Stränge der sieben umfangreichen Aufsätze dieses Bandes, wobei die Autorinnen&Autoren Urs Marti (geb. 1948, Politologe an der Universität Zürich), Katrin Meyer (geb. 1962, Philosophin an der Universität Basel), Patricia Purtschert (geb. 1973, Kulturwissenschaftlerin in Basel), Willi Eberle (geb. 1948, Gewerkschafter in Zürich), Hans Schäppi (geb. 1942, Vorstandsmitglied von «Sans Papier» in Basel), Beat Ringger (geb.1955, Zentralsekretär der Schweizer Gewerkschaft VPOD) und Sarah Schilliger (geb. 1979, Soziologin an der Universität Basel) sich einig sind in ihrem aufklärerischen Bestreben, welches der Vorwort-Verfasser programmatisch (und dezidiert an Marx&Engels anknüpfend) umreißt: «So groß die Unzufriedenheit der Menschen mit den bestehenden Zuständen in den Gesellschaften der Gegenwart auch sein mag, so setzt sie doch so lange keine revolutionären Energien frei, wie die Mechanismen kapitalistischer Fremdbestimmung nicht durchschaut werden und das Wissen um die Veränderbarkeit der Verhältnisse fehlt. Mit dem vorliegenden Buch wollen die Autorinnen und Autoren beitragen zur Überwindung jenes Irrationalismus, der den Kapitalismus zum Schicksal erklärt, die Frage nach vernünftigen Alternativen tabuisiert und dem Projekt revolutionärer Veränderung die Legitimität abspricht.»
Diese Anthologie ist eine provokante Bestandesaufnahme und zugleich ein ideologisches Granulat jener modernen antikapitalistischen Denk-Strömungen, die – von aller Patina eines spätmarxistischen Revoluzzertums befreit – durchaus den humanistischen Utopie-Entwurf mit realpolitischer Praktikabilität verschmilzt, wobei der «Projekt»-Charakter eben dieses alternativen Entwurfes von völlig unterschiedlichen Blickwinkeln aus angegangen wird (siehe dazu auch das nachstehende Inhaltsverzeichnis). Eine sehr notwendige Sammlung, die – eigentlich gewidmet auch der differenzierteren Identitätsfindung der aktuellen linken Bewegungen – genau richtig kommt in unseren Zeiten des omnipräsenten, dabei schamlosest monetär grundierten Rechtspopulismus’ und einer global unverbrämt-ruinösen Bankenwirtschaft. ■
Beat Ringger (Hrsg): Zukunft der Demokratie – Das postkapitalistische Projekt, Rotpunkt Verlag, 260 Seiten, ISBN 3-85869-366-9
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Viktorija Tokarjewa: «Liebesterror»
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Von der Liebe und anderen Dummheiten
Walter Eigenmann
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«Zickzack der Liebe», «Happy End», «Eine Liebe fürs ganze Leben», «Mara», «Liebesterror» – kein Zweifel: Jenes, das man/frau gemeinhin mit der allesumarmenden Worthülse «Liebe» zu umreißen pflegt, ist eine thematische Konstante im Werk der heute 70-jährigen Moskauer Schriftstellerin Viktorija Tokarjewa. Und noch ein roter Faden – womöglich (oder: ziemlich sicher) resultierend aus dem ersten – zieht sich zentral bis total dominant durch beinahe jeden ihrer literarischen Texte, nämlich die Frau: z.B. die Nutten-Frau («Mara»), die Caritas-Frau («Happy Ende»), die Reife-Frau (»Sag ich’s…»), die Vamp-Frau («Der Pianist»), die Hoffnungs-Frau («Eine Liebe…»), oder auch die Sieges-Frau («Glücksvogel»). Und nun also, in ihrer neuesten Kurzprosa «Liebesterror», der Kopf-Erzählung dieser im Diogenes Verlag aufgelegten vierteiligen Sammlung, noch die Mutter-Frau.
Diese Mutter-Frau, das ist Tante Tossja, wie sie in überschwenglicher «Mutter-Liebe» ihre Tochter Nonna und ihren Schwiegersohn Zarenkow hegt und pflegt und – terrorisiert. Denn «Liebesterror» ist eine Dreiecks-Geschichte der dritten, ganz besonders komplizierten Art: «Tante Tossja arbeitete wirklich mit enormen Fleiß und brummte und summte ebenso wie eine Biene. Sie erschuf jeden Tat etwas. Und sie wollte eine Belohnung für ihre Arbeit, wenn auch nur mit Worten. Aber Nonna war ganz mit ihrem Mann beschäftigt. Und Zarenkow war nur mit sich selbst beschäftigt. Und die arme Tante Tossja konnte nur auf dem Treppenvorplatz heulen und um Mitgefühl schluchzen.» Verschärfend kommt hinzu: «Anderer Leute Elend wirkte auf Tante Tossja immer wohltuend. Das söhnte sie mit der Wirklichkeit aus.» Solche psychischen Dispositionen pflegen zu eskalieren – schon gar in der Schönen Literatur, und unausweichlich zwangsläufig bei der auf zwischenmenschliche Tragikomödien geradezu chirurgisch spezialisierten Autorin Tokarjewa. Ein Plot von «Liebesterror» sei darum verraten: Der Schwiergersohn, Tante Tossja buchstäblich bis aufs Blut und bis aufs Beißen in die Hand im Wege, erliegt nach 95 lakonischen, teils auch zärtlichen, oft fein zeichnenden, teils wieder diffusen Seiten einem Herzinfarkt. (Dessen Beschrieb übrigens – Zarenkow stirbt, vom Meer und von seiner Nonna träumend, an einem Herzinfarkt im Bett – wie ein Sportlight den stilistischen, sarkastisch gebrochenen, aber auch melancholisch-sensiblen Zugriff der Erzählerin Tokarjewa in wenigen Sätzen fokussiert: «Und plötzlich versank er. Das Wasser schwappte über seinen Kopf. Zarenkow bewegte Arme und Beine, er wollte auftauchen, aber es gelang nicht. Das Wasser erstickte ihn. Sein Herz bewegte sich fort und flog irgendwohin. Zarenkow flog seinem Herzen hinterher – und starb.»
Man hat der gebürtigen Leningraderin, die zuerst eine künstlerische Laufbahn als Musikerin, dann als Drehbuch-Schreiberin einschlug, aber seit 1964 ausschließlich als Prosa-Autorin arbeitet, zuweilen handlungstechnische Klischees und – als Schilderin sowjetrussischer Milieus – gesellschaftspolitische Simplifizierung vorgeworfen. In der Tat eignet zumal ihren langen Texten («Glücksvogel», «Der Pianist», «Happy End») eine teils fast zufällig anmutende Sprunghaftigkeit der äußeren Abläufe, der personalen Bezüge, der Handlungsfelder. Das Prinzip der «Bilder-Reihung», im Film effektvoll als dem Medium immanent, aber in psychologisierender Prosa unvermittelt wirkend, strapaziert die Autorin zu oft auch dort, wo «im Bilde zu bleiben» die Glaubwürdigkeit der Geschichte(n) heben könnte.
Was diese äußerst produktive, zu Beginn nur im Heimatland bekannte, längst nun auch im Westen erfolgreiche Schriftstellerin jedoch vom schön-unver-bindlichen Plaudern über leichte oder schwere Gefühls-Unpässlichkeiten schwacher oder starker (Frauen-)Figuren hinaushebt, ist diese unnachahmliche Lakonie, die Knappheit des Schilderns, die präzise Beobachtung, das beinahe kühle Sezieren, dann auch wieder der zuweilen resignative Ton, das manchmal fatalistische Laisser-faire der im Alltag tragikomisch untergehenden, zuweilen doch wieder triumphierenden Protagonistinnen. Vor allem aber ist Tokarjewa eine Meisterin der Situations-Ironie und der Typisierung. Ihre wichtigste Waffe allerdings, um die Leserschaft bei Lektüre und Laune zu halten, ist die Rasanz und die Schnörkellosigkeit ihrer Sprache – woran allerdings ihre «Leib- und Magen-Übersetzerin Angelika Schneider wesentlichen Anteil haben muss. Da finden sich nirgends Füllungen noch grammatikalische oder semantische Redundanzen, die Verknappung der sprachlichen Mittel (aber nicht des Wortschatzes) bewirkt eine eigentümlich faszinierende Coolness der Distanz – und doch auch wieder der identifizierenden Sympathie ob soviel unbeschönigter Realität, die gleichsam jeder/m zustoßen könnte. Ein großer Teil des Publikum-Erfolges dieser Autorin geht aufs Konto solcher manchmal unbarmherzigen, mit viel Wortwitz und frappanten Psycho-Drehs auffahrenden, wohltuend unsentimentalen Sachlichkeit und Einfachheit; das Lese-Resultat ist atemlose Neugier. Kein Zweifel, Viktorija Tokarjewa ist eine Meisterin der Erzählkunst, ihre frühere unüberlesbare Holzschnittigkeit in den ersten Veröffentlichungen ist inzwischen der routiniertesten Eloquenz gewichen, ihre Kunst der Prototypisierung hat an Differenziertheit gewonnen.
Eine der vier Erzählungen in «Liebesterror» heißt – durchaus programmatisch für die Tokarjewa – «Salto mortale», und als quasi zusammenfassende Kost-Probe ihrer stilistischen Hexenküche sei aus diesem 21-Seiten-Stück kurz zitiert:
[...] Wie schwer es war, allein zu leben, wenn man mit keinem Menschen ein Wort wechseln konnte.
Der einzige Seelentröster war der Fernseher. Schura hing am Fernseher wie ein Süchtiger an der Nadel. Aber auch im Fernsehen gab es nur leben und leiden. [...]
Schura liebte die sowjetischen Filme der siebziger Jahre. Und sie sehnte sich nach dieser Zeit zurück. Da war sie noch jung gewesen, ihre Mutter war noch gesund und munter, und Pawel war damals Oberleutnant gewesen. Er machte ihr den Hof und kam zu ihnen nach Hause. Und ihre Mutter kochte eine Pilzsuppe aus getrockneten Champignons. Noch jetzt konnte sie das Aroma riechen. Ihre Mutter hatte goldene Hände. In ihnen steckte kulinarisches und menschliches Talent. [...]
Schura stieg langsam in den fünften Stock hoch. Neben dem Heizkörper hatte es sich ein grauhaariger Mann bequem gemacht. Er sah aus wie ein Ingenieur aus den siebziger Jahren und trug einen webpelzgefütterten Kunstledermantel.
Allgemeiner Eindruck: ein Ingenieur – kein Unhold, nur ein ganz gewöhnlicher Mensch, und ein Ingenieur hatte eben keinerlei besondere Kennzeichen. Dafür aber um so mehr Bescheidenheit und Schicksalsergebenheit, das Wissen um die Unmöglichkeit, etwas zu verändern. All das konnte man in den Augen dieses da sitzenden Menschen ablesen.
«Was machen Sie hier?» fragte Schura.
«Ich wärme mich auf», sagte der Ingenieur bloß.
«Und wieso hier?»
«Weil es der oberste Stock ist», erklärte der Ingenieur.
«Ja und?» fragte Schura verständnislos.
«Kommen weniger Leute vorbei. Schmeißt einem niemand raus.«
«Sind Sie etwa obdachlos?»
«In gewissem Sinne«, antwortete der Ingenieur und fügte dann hinzu: «Bitte, schicken Sie mich nicht weg.»
»Nein, nein, dann bleiben Sie eben sitzen«, sagte Schura beschämt.
Und sie dachte bei sich: Was es nicht alles gibt, ein anständiger Mann, und sitzt da wie ein Vagabund… Vielleicht hat man ihn aus seiner Wohnung geworfen? Möglicherweise war er ein Opfer von Wohnungs-Spekulanten geworden…
Schura schloß ihre Wohnung auf. [...]
Mag sein, dass einige Titel aus der Feder dieser Schriftstellerin früher oder später als den Massen-Geschmack allzu willfährig bedienende «Trivialitäten» auf den tonnenschweren ungelesen-vergessenen Halden der Literatur-Musealität landen. «Liebesterror» dürfte nicht dazu gehört.
Viktorija Tokarjewa, Liebesterror und andere Erzählungen, Diogenes Verlag, 217 Seiten, ISBN 978-3-257-06643-2
Roberto Saviano: «Gomorrha»
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Blutige Reise ins Reich der Camorra
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Die neue Reportage von Roberto Saviano über die Camorra, Neapels Mafia-Variante, ist sowohl dokumentarisch wie literarisch ein Schlüsselwerk zum organisierten Verbrechen. Der junge (und mutige…) italienische Journalist recherchierte (teils «undercover») lange, präzise und hartnäckig.
Roberto Savianos Bericht ist einfach erschreckend: Schier unfasslich, welche logistischen, politischen und gesellschaftspsychologischen Strukturen sich die Camorra-Verbrecher und -Massenmörder mitten in einem modernen demokratischen EU-Staat wie Italien aufgebaut haben. Kein Wunder, dass der Realismus, die Genauigkeit und die Authentizität von Savianos Buch inzwischen dazu führte, dass der Autor rund um die Uhr bewacht werden muss. Zurecht urteilte die Süddeutsche Zeitung: «Eine gleichzeitig kühle wirtschaftliche Analyse und eine packende Reportage eines Autors, der die Sprache derjenigen spricht, die er beschreibt.»
Und er sucht das wohl einzig Richtige in seiner Lage: Die totale Öffentlichkeit. Man wünscht sich diesem Report jene Politiker-Kreise, die so selten wie überlebenswichtig sind – nämlich solche, die gutgespielte Entrüstung auch in die Tat umsetzen… (gm/07)
Roberto Saviano: Gomorrha, Reise in das Reich der Camorra, Hanser Verlag, 268 Seiten, ISBN 978-3446209497
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Die neue Karl-May-Biographie
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.«Karl May und seine Zeit» -
Bilder Dokumente, Texte
Walter Eigenmann
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Der Bamberger Karl-May-Verlag, seit Jahrzehnten führendes Haus in Sachen May, legt mit seiner just erschienenen Bild-Biographie «Karl May und seine Zeit» einen beispiellos üppig ausstaffierten, fast 600-seitigen, im berühmten «Gold-auf-Grün»-Look aller seiner May-Bände daherkommenden Bild- und Text-Konvolut vor. Der beeindruckende, mit über weite Strecken noch unveröffentlichtem Material bestückte Prachtband ist das Ergebnis mehrjähriger Recherchen der beiden May-Forscher Gerhard Kluβmeier und Hainer Plaul.
Was diese neueste Biographie über einen der meistgelesenen (und meistumstrittenen) Schriftsteller der gesamten deutschsprachigen Literaturgeschichte heraushebt, ist – neben der erschlagenden Fülle von über 1’500 Fotos, Dokumenten, Illustrationen und Presseartikeln – vor allem der inhaltliche Ansatz der Autoren. Denn obschon man der beiden Editoren glühende Hingabe an ihre Arbeit und ihre Verehrung für den Millionen-Seller Karl May auf jeder Seite spürt, so war man doch bemüht, den unsterblichen «Winnetou»-Schöpfer nicht einfach der kritik- und distanzlosen Pietät (angesichts seines einzigartigen weltumspannenden Erfolges) auszuliefern, sondern seine Persönlichkeit und sein Schreiben in den sozialen und medienpsychologischen Kontext seiner Zeit zu stellen. Zurecht dokumentieren (und «beweisen» damit) Kluβmeier und Plaul in ihrem Buch einen deutschen Romancier, der einbezogen, ja verstrickt war in sehr belastende private, aber auch gesellschaftliche Zwänge inmitten der sog. Gründerjahre und deren widersprüchlichem, teils bigottem Pressewesen. Die faire Rede ist also nicht nur vom «kriminellen Delinquenten» (der bekanntlich Jahre seines unsteten Lebens als verurteilter Dieb und «Shatterhand»-Hochstapler nicht unter Geiern, sondern hinter Gittern verbrachte), sondern auch vom Kulturkämpfer, v.a. aber vom bedingungslosen Pazifisten Karl May – und dessen lebenslangem Einstehen für Humanität, ethnische Toleranz und dichterische Freiheit.
Karl May
Im März 2007 jährte sich der Todestag Karl Mays zum 95. Mal. Auch ein knappes Jahrhundert nach seinem Tod gehört er nach wie vor zu den beliebtesten Autoren Deutschlands und setzt immer neue Superlative. Um nur einige zu nennen: Karl May ist mit über 100 Millionen verkauften Büchern der meistgelesene Schriftsteller in deutscher Sprache. Seine Werke wurden zudem in über 40 Sprachen übersetzt. Bei den am häufigsten im Internet und auf Bestsellerlisten genannten deutschen Autoren belegt Karl May Rang 3. (Quelle: Karl-May-Verlag Bamberg)
Jenseits aller ideologisch gefärbten, teils auch auf schiere Unkenntnis beruhenden Fokussierung auf die menschlichen Defizite des Karl May schaufelt diese Biographie aus Bamberg, auch als ein opulent bebildertes Sittengemälde einer ganzen Epoche, den Blick frei auf eine singuläre Erscheinung in der mehrhundertjährigen Geschichte deutschsprachiger Abenteuer-Dichtung. Nicht nur der trivialliterarische, sondern auch der dokumentierend-wissenschaftliche Diskurs über diesen Schriftsteller hat mit der Biographie «Karl May und seine Zeit» eine neue Referenz. ■
G.Klußmeier/H.Plaul: Karl May und seine Zeit, Bildbiografie, Karl-May-Verlag Bamberg, 592 Seiten, ISBN 978-3-7802-0181-2
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Peter Dempf: «Die Sterndeuterin»
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Bilderreicher und wortgewaltiger Schreibstil
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Historische Romane sind schon seit langem im Trend bei breitesten Leserschichten. Dementsprechend kaum ein groβes Verlagshaus, das dieses Genre nicht halbjährlich mehr oder weniger umfangreich (und glücklich…) verlegt. Bei der Edition Lübbe ist es heuer u.a. der «neue Dempf»: «Die Sterndeuterin». Der 1959 geborene Augsburger Peter Dempf ist als studierter Germanist und Historiker gewissermaβen prädestiniert zu diesem Genre, und seine Romane, Rundfunkbeiträge, Drehbücher, aber auch die Lyrik und Kurzprosa aus seiner Feder «historisieren» durchs Band.
Seine «Sterndeuterin» erzählt das Schicksal Katrins, Tochter eines Instrumentenbau-Meisters, und deren mysteriöser Maschine, mit der man angeblich aus den Sternen lesen kann. Auf geheimnisvolle Weise ist Katrins Schicksal verwoben mit dem irrtümlich als Mörder versklavten, aber hochbegabten Florint. Geographischer Kulminationspunkt ist Venedig – einmal mehr, und wie immer effektvoll…
Dempfs bilderreicher, sehr wortgewaltiger Schreibstil, die psychologisch glaubhaften Szenarien, aber nicht zuletzt auch die frappante historische Detailtreu des Autors heben diese «Sterndeuterin» vom Durchschnitt der vielen üblichen Historien-Schinken ab. (gm)
Peter Dempf, Die Sterndeuterin, Historischer Roman, Edition Lübbe, 479 Seiten, ISBN 978-3785715918
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Die ausgewählten Werke stehen jeweils repräsentativ für eine Epoche, ein Land und einen Anlass. Dabei hat der Autor alle wichtigen Musik-Gattungen berücksichtigt, von der Oper über die Symphonik bis zur Kammermusik und zum Solo-Lied. Auch geographisch wurde dezidiert ein breites Länder-Spektrum einbezogen, die behandelten Komponisten stammen aus drei Kontinenten.





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