Interessante Buch- und CD-Neuheiten – kurz vorgestellt
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Hanns Eisler: «Keenen Sechser in der Tasche» – Songs und Balladen
Zur mittlerweile doch akzeptabel großen Verbreitung der Musik von Hanns Eisler trug und trägt der Musikverlag Breitkopf&Härtel wesentlich bei. Innerhalb seiner laufenden «Hans Eisler Gesamtausgabe» HEGA – herausgegeben von der Internationalen Hanns Eisler Gesellschaft – koppelt der Verlag immer wieder Spezial-Editionen aus – unlängst nun Eislers Songs und Balladen für Singstimme und Klavier unterm Titel «Keenen Sechser in der Tasche». In gewohnt sorgfältiger Noten-Typographie versammelt der neue, insgesamt 20 Lieder beinhaltende Auswahlband neben Eisler-Klassikern auch sieben Erstdrucke. (Ein Inhaltsverzeichnis findet sich hier). Alle Stücke entstammen den späteren 20er- und frühen 30er-Jahren vorigen Jahrhunderts und erweitern wertvoll das bislang verfügbare Lied-Notenmaterial dieses innovativen und politisch engagierten Schönberg-Schülers und Brecht-Gefährten. ■
Hanns Eisler: Keenen Sechser in der Tasche – Songs und Balladen für Singstimme und Klavier, Breitkopf&Härtel Musikverlag, 64 Seiten, ISMN 979-0-2004-9116-6
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Frank Brady: «Endspiel» – Bobby Fischer
Frank Brady begleitete das Jahrhundert-Schachgenie Bobby Fischer als engster Freund von Kindsbeinen an, und viele der in seiner eben erschienenen Fischer-Biografie «Endspiel» geschilderten Ereignisse habe der Autor «mit eigenen Augen» miterlebt. Brady sah bisher nicht ausgewertete Dokumente und Briefe durch, führte hunderte von Interviews mit Fischer-Bekannten, öffnete sein eigenes privates Familien- und Fotoarchiv, recherchierte gar in kürzlich freigegebenen FBI- und KGB-Akten.
Bradys eindrückliches Buch beleuchtet eine der facettenreichsten und widersprüchlichsten Persönlichkeiten der amerikanischen Kultur-Geschichte, und mit zahllosen Detailinformationen wird der Frage nachgegangen, warum aus diesem Genie mit einem geschätzten IQ von 180 zuerst der (im Westen) umjubelte Superstar wurde, aber dann, politisch in vielen Ländern gejagt, als paranoider Judenhasser endete und ganz zuletzt bitter vereinsamt und krank starb, um «fern seiner Heimat in der windgepeitschten Landschaft Islands beerdigt zu werden». ■
Frank Brady: Endspiel – Genie und Wahnsinn im Leben der Schachlegende Bobby Fischer, Biographie, 400 Seiten, Riva Verlag, ISBN 978-3-86883-199-3
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Satire und Komische Kunst im »Bananenblatt» 8
Das Wiener Sommer-»Bananenblatt» 2012 erscheint als bisher achte Nummer dieser Humor-Illustrierten für «Satire und Komische Kunst». Thematischer Schwerpunkt des Heftes ist (natürlich) die «Euro 2012» und deren Helden wie Stätten. Daneben liest der/die Freund/in gepflegten Unsinns und geistreichen Nonsens’ über mysteriöse «X-Factor-Drehbücher», den «Apotheken-Gourmet», «Köhlers Schwein», über den «Herr des Tanzes» oder über «Menschen wie Vogelkinder» und sehr viel weiteren «Unfug» und «Nonsens». Das Heft kommt graphisch-farbig aufgepeppt daher, garniert mit zahlreichen Cartoons und Karikaturen. Amüsant-witzige Sommerlektüre – auch für Regentage. ■
Komische Künste Verlagsgesellschaft Wien: Banananblatt – Satire und Komische Kunst, No. 8 / Sommer 2012, 32 Seiten, ISSN 2224-8749
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Weitere Rezensionen im Glarean Magazin
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Viktor Kortschnoi: «Meine besten Kämpfe» (Jubiläumsausgabe)
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Zum 80. Geburtstag eines charismatischen Schachspielers
Thomas Binder
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Man kann diese Rezension nicht ohne ein paar würdigende Worte zu Viktor Kortschnoi beginnen, der in diesen Tagen seinen 80. Geburtstag feiert. Mehr als ein halbes Jahrhundert hat der charismatische Meister die Schachwelt geprägt.
Schon 1956 Großmeister geworden – damals gab es weltweit gerade 50 Titelträger –, gehörte er mehr als 30 Jahre lang zur absoluten Weltspitze. Viermal gewann er die Meisterschaft der Sowjetunion; sechsmal siegte der Jubilar mit der Nationalmannschaft bei der Schach-Olympiade; ab den 1970er-Jahren nahm Viktor Kortschnoi mehrmals Anlauf auf die Weltmeisterschaft, 1978 und 1981 unterlag er erst im WM-Kampf gegen seinen ewigen Rivalen Anatoli Karpow. Auch das Duell der beiden 1974 war praktisch schon ein WM-Kampf, der Sieger würde Weltmeister werden, da Bobby Fischers Rückzug vom Turnierschach absehbar war. Noch 1983 drang Kortschnoi in das Kandidaten-Halbfinale vor, wo er Kasparow unterlag – eine neue Schachgeneration hatte das Zepter übernommen.
Ist seine Bedeutung für das Weltschach kaum hoch genug einzuschätzen, so scheint dem Rezensenten die politische Bedeutung seiner Kämpfe am Schachbrett und außerhalb des Turniersaals noch wichtiger. Die Umstände der WM-Kämpfe sind in vielen Büchern geschildert worden, zuletzt in «Der KGB setzt matt», wozu Kortschnoi selbst ein aufschlussreiches Nachwort verfasste.
Kortschnois Emigration aus der Sowjetunion machte die Repressalien offenbar, unter denen unangepasste Persönlichkeiten wie er in der Diktatur zu leiden hatten.
Für Insider stehen in diesem Zusammenhang viele Namen im Raum: Sosonko, Gulko, Lein, Spasski… Für die Schach-Öffentlichkeit ist die «lebende Legende» Viktor Kortschnoi eine Gallionsfigur für menschliche Stärke und Charakterfestigkeit.
Viktor Kortschnoi hat sich seine geistige Frische und enorme Spielstärke bis ins hohe Alter bewahrt. 2006 wurde er Senioren-Weltmeister, und sitzt bis zum heutigen Tage regelmäßig in den höchsten Ligen am Brett. Was er für das Schach in seiner Wahlheimat Schweiz getan und bewirkt hat, kann man wohl von «außen» nur schwer ermessen.
In der dortigen Nationalliga ereignete sich auch jene amüsante Geschichte, als er seinem Gegner mit den Worten «Ich bin Schachgroßmeister» (Video auf Youtube) die Aufgabe nahelegte. Jedem anderen Spieler hätte man dies als Unsportlichkeit vorgehalten. Einer Persönlichkeit vom Range Kortschnois wird es als nette Anekdote toleriert – auch ein Zeichen von Hochachtung der gesamten Schachwelt vor dem Achtzigährigen.
Wie würdigt man Kortschnoi zu diesem Jubiläum? Der Verlag «Edition Olms» hat sich für eine Neuauflage der Partiensammlung «Meine besten Kämpfe» entschieden. Gut zehn Jahre nach der Erstausgabe wurden die beiden Bände zu einem Gesamtwerk von 430 Seiten vereint. Diesem Ursprung ist übrigens die merkwürdige Aufteilung in «Partien mit Weiß» und «Partien mit Schwarz» geschuldet. Innerhalb der beiden Teile sind die je 55 Partien chronologisch sortiert. Das Cover verspricht eine «aktualisierte und erweiterte Jubiläumsausgabe». Die Erweiterung beschränkt sich allerdings auf zehn Partien und endet auch bereits 2003, nicht wirklich eine Aktualisierung also.
So werden uns nun 110 Partien präsentiert – ein kleiner Ausschnitt aus den fast 5’000 Kortschnoi-Partien in der marktbeherrschenden Datenbank, mit denen er laut «Wikipedia» den Rekord der meisten dokumentierten Schachpartien hält. Immerhin zwei Partien des Buches hat der Rezensent nicht in jener Datenbank gefunden: die Weißpartien von 1953 gegen Suetin und von 1955 gegen Tschechower.
Alle Partien sind vom Meister selbst kommentiert. Oft stellt er einige Bemerkungen zum Anlass des Spiels und Gedanken zum jeweiligen Gegner voran. Auch in den Kommentaren lässt er uns an seinem Denken Anteil nehmen, reflektiert seine Überlegungen und Berechnungen. Die rein schachlichen Kommentare konzentrieren sich auf das Wesentliche. Dort, wo Kortschnoi ausführlicher wird, hat er uns Wichtiges zu sagen, ergibt sich auch ein Lerneffekt, obwohl wir ja gewiss kein Lehrbuch vor uns haben. Der Leser wird ge- aber nicht überfordert. Angegebene Varianten haben immer das richtige Maß. Man spürt – bzw. erklärt es Kortschnoi an einer Stelle selbst –, dass die Varianten mit Computerhilfe geprüft sind. Dennoch kommt nie der Eindruck auf, der Autor habe sich vom Schachprogramm treiben lassen. Er setzt es souverän als Kontrollinstanz ein – nicht mehr und nicht weniger. Schmunzeln muss der Leser freilich über die Bemerkung zu einer Alternativ-Variante: «Mit einer solchen Stellung müsste man Deep Blue füttern, damit uns die Maschine sagt, wer besser steht.» – Selbstironie eines Genies und zugleich ein Zeitdokument; heute würde uns der Laptop die ersehnte Antwort geben.

Anlässlich des 80. Geburtstag von Viktor Kortschnoi legt die «Edition Olms» zu einem günstigen Preis eine Sammlung von 110 Gewinnpartien des Jubilars vor. Kortschnois Kommentare sind auch im Abstand von Jahrzehnten noch lesenswert und lehrreich. Text und Varianten finden genau das richtige Maß zum Verständnis der 110 Meisterwerke.
Das Buch ist – wie immer bei Olms – typographisch angenehm gelungen. Übersichtliches Schriftbild und sinnvoll eingesetzte Diagramme machen es sehr gut lesbar. Das Geleitwort von Kortschnois Freund und Weggefährten Gennadi Sosonko gehört zu den weiteren Stärken des Buches.
«Wie würdigt man Kortschnoi zu diesem Jubiläum?» hatte ich weiter oben gefragt. Die Herausgabe seiner Partiensammlung war gewiss eine gute Idee – genau genommen wohl die zweitbeste… Noch besser wäre seiner charismatischen Persönlichkeit eine (erweiterte) Neuauflage der Autobiographie «Mein Leben für das Schach» gerecht geworden. Aber das ist eben der Wunsch des Rezensenten. Vielleicht kann man ihn ja schon mal für Viktors nächsten runden Geburtstag notieren… ■
Viktor Kortschnoi, Meine besten Kämpfe, Edition Olms Zürich, 430 Seiten, ISBN 978-3283010188
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Thematisch verwandte Links
Chess-international – Tipps-und-Tricks-mit-Ebooks – SCV.Schulschach-Bayern
DerWesten – Ich bin Schach-Grossmeister
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Martin Breutigam: «Todesküsse am Brett»
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Kurzweilige Geschichten rund um die Schach-Genies
Thomas Binder
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Martin Breutigam kann mit Recht als einer der umfassendsten Schachkenner deutscher Sprache gelten. Viele Jahre spielte der Internationale Meister in der Bundesliga; inzwischen wird er vorwiegend als freischaffender Schachjournalist wahrgenommen. Dabei ist es ihm gelungen, die Schachszene in zwei der großen überregionalen Tageszeitungen Deutschlands präsent zu halten: der Süddeutschen Zeitung und dem Berliner Tagesspiegel.
Seine neueste Veröffentlichung ist eine Sammlung von Nachdrucken seiner Kolumne im Tagesspiegel aus den Jahren 2006 bis 2010: «Todesküsse am Brett – 140 Rätsel und Geschichten der Schachgenies von heute».
Um es vorwegzunehmen: Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft liegt damit ein nettes kleines Buch vor, mit dem man jedem Schach-Interessierten – unabhängig von Alter oder Spielstärke – eine Freude machen kann. Der günstige Preis – knapp 10 Euro – trägt dazu bei, dass sich die Investition auf jeden Fall lohnt. Dieser Preis begründet sich wohl durch die einfache Gestaltung als Taschenbuch und sicher auch durch die «Zweitverwertung» bereits vorhandenen Materials. Sozusagen «Gebrauchsliteratur» im besten Sinne…
Den Hauptteil des Buches bilden «140 Rätsel und Geschichten der Schachgenies von heute», wie es im Untertitel heißt. Nach Art und Umfang sind sie eine ideale Lektüre zum Schmökern zwischendurch, für eine kurze U-Bahn-Fahrt, für eine Wartezeit oder vor dem Einschlafen. Knapp ein Drittel jeder Seite ist dabei einem optisch angenehm gedruckten großen Stellungsbild vorbehalten. Danach folgen ein kurzer Text über den jeweiligen Protagonisten bzw. den aktuellen Bezug und dann mehr beiläufig die Frage nach der Gewinnfortsetzung, die der genannte Spieler an dieser Stelle aufs Brett gezaubert hat.
Die Auflösung wird kopfstehend und in sehr kleiner Schrift am unteren Ende der Seite präsentiert – ein gelungener Kompromiss, wie ich finde: Man muss nicht weiterblättern, ist aber auch davor geschützt, die Lösung quasi «aus Versehen» wahrzunehmen. Die Antworten beschränken sich auf drei bis vier Zeilen, gehen aber in der Analyse zumindest so weit, dass auch ein Schachfreund auf mittlerem Klubspielerniveau die Zugfolge ohne Brett nachvollziehen und verstehen kann. Einige ganzseitige Porträt-Fotos (u.a. Aronjan, Short, Carlsen, Hou Yifan) runden das Werk ab.

Zocken auf http://www.schach.de nach der Polit-Demo: Putin-Gegner und Ex-Schach-WM Garry Kasparow («Todesküsse» Seite 10)
Die Auswahl der Partien ist – dem Ursprung der Beiträge geschuldet – auf die aktuelle Meistergeneration und die Turniere des letzten Jahrzehnts beschränkt. Auch die in diesem Zeitraum verstorbenen Top-Spieler (stellvertretend seien Fischer und Bronstein genannt) werden gewürdigt.
In einigen Fällen spannt Breutigam den Bogen mit einem Kunstgriff weit auf, z.B. wenn er Akiba Rubinstein vorstellt, um dann mit einer aktuellen Partie fortzusetzen, deren Motiv an dessen berühmte Opferpartie gegen Rotlevi erinnert. Ansonsten dokumentieren die Texte schlaglichtartig die Schachgeschichte seit 2006, freilich ohne ins Detail zu gehen.
Seiner Verantwortung als Journalist wird der Autor darin gerecht, dass er auch kontroverse Themen nicht ausspart, sei es Kasparows politisches Engagement, die Austragung der Frauen-WM 2008 in einem Krisengebiet oder die umstrittene Null-Toleranz-Regel der FIDE. So gewinnt auch der Außenstehende einen Eindruck von jenen Themen, die uns Schachspieler abseits des Brettes beschäftigen, und er wird angeregt, sich darüber näher zu informieren. Mehr kann man im Rahmen dieser Sammlung sicher nicht leisten. Letztlich ist gerade die Vielfalt der angesprochenen Aspekte eine Stärke des Buches.
Bei der Auswahl der Stellungen hat sich Martin Breutigam auf effektvolle Kombinationen konzentriert, die zum sofortigen Partieschluss führten. So ist für Unterhaltungswert und Lerneffekt gleichermaßen gesorgt.
Ob es dabei eines reißerischen Titels wie «Todesküsse am Brett» bedurft hätte, mögen Marketing-Experten bewerten. Den Titel verwendet Breutigam – leicht abgewandelt – für seinen Artikel über Kramniks Niederlage gegen Deep Fritz, als der Weltmeister ein einzügiges Matt zuließ. Ich halte dies für die am meisten überbewertete Episode der jüngeren Schachgeschichte, und leider macht Breutigam hier keine Ausnahme: Ausgerechnet diese Story wird auf mehreren Seiten ausgebreitet.

140 kurze Geschichten umrahmen jeweils eine knackige Kombinations-Pointe aus dem Schaffen der aktuellen Meistergeneration. In einem unschlagbar günstigen Preis-Leistungs-Verhältnis legt uns Martin Breutigam ein passendes Weihnachtsgeschenk für jeden Schachfreund auf den Gabentisch.
Wenn man das Buch liest – und gerade wenn man sich einzelne Geschichten zur genüsslichen Lektüre herauspickt – muss man immer im Hinterkopf behalten, dass es sich um Zeitungskolumnen handelt, deren Aktualität längst ihr Verfallsdatum überschritten hat. Im Seitenkopf ist jeweils relativ unauffällig die Jahreszahl der Veröffentlichung angegeben. Eine etwas genauere Datierung wäre hilfreich. Formulierungen wie «bei der laufenden WM» oder «am letzten Sonntag» erschließen sich dem Leser so immer erst nach einem kurzen Zweifeln, zumal der Reiz des Taschenbuches auch darin besteht, es nicht chronologisch durchzuarbeiten. Geradezu als Anachronismus wirkt es z.B. wenn Magnus Carlsen für das Erreichen von Platz 31 der Weltrangliste gefeiert wird… Die Texte aus heutiger Sicht nachträglich umzuformulieren oder zu ergänzen, wäre wohl ein schwieriger Spagat gewesen, bei dem die Authentizität auf der Strecke bleiben müsste.
Dieser zeitliche Versatz, an den sich der Leser erst gewöhnen muss, bleibt das einzige Unbehagen bei einer ansonsten absolut kurzweiligen und anregenden Lektüre. ■
Martin Breutigam: Todesküsse am Brett, Verlag Die Werkstatt, 160 Seiten, ISBN 978-3895337437.
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Weitere Leseproben
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Weitere Schach-Links
Magnus Carlsen for Fashion – Neustart im deutschen Schach – Schach als Therapie gegen Autismus – Schach in der Kaffeepause – Schachboxen – Chaoszone-Schach – DerWesten: Schach-Bundesliga – RP-Online: Schach-Bundesliga – Schachklubs im Osten – Pasch-Net: Schach-Geschenk – Deutscher Schulschach-Kongress – Schachplatz: Schach-Olympiade
G. Nesis & J. Alexejew: «Königsindische Verteidigung – richtig gespielt»
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Interessanter Ausflug zum «Königsinder»
Malte Thodam
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Seit langer Zeit schon hat die Königsindische Verteidigung alle Schachspieler fasziniert, die mit Schwarz sofort eine unbalancierte Stellung erreichen wollen, um so den ganzen Punkt zu erkämpfen. Unvergessen bleiben die Partien Fischers und Kasparovs, denen diese Eröffnung einen Großteil ihrer Popularität verdankt. In heutiger Zeit ist es hauptsächlich Radjabov, der immer wieder neue Ideen im «Königsinder» findet, und ihn somit immer noch auf höchstem Niveau spielbar hält.
Weiß hat seit der Erfindung dieser Verteidigung im 19. Jahrhundert alles versucht, um seinen Raumvorteil in etwas Zählbares umzuwandeln. Dies hat die aktuelle Theorie in ein wahres Dickicht von Varianten geführt, in dem man schnell den Überblick verlieren kann. Um das Studium dieser klassischen Kontereröffnung zu erleichtern, hat der Fernschach-Vizeweltmeister Gennadi Nesis im Joachim-Beyer-Schachverlag das Werk «Königsindische Verteidigung – richtig gespielt» verfasst, wofür er sich den starken russischen Großmeister Jewgeni Alexejew als Co-Autor ins Boot geholt hat.
Aufgebaut ist das Buch aus insgesamt fünf Kapiteln, von denen jedes ein Hauptsystem (Fianchetto-System, Sämisch, Klassisches System, Vierbauernvariante) behandelt. Jedem Kapitel wurde eine kurze Einführung vorangestellt, die neben allgemeinen Informationen auch einige historische Fakten zu den behandelten Systemen bereit hält. Das Schlusskapitel beschäftigt sich mit den selteneren Versuchen des Weißen, etwa dem Awerbach-System (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Le2 0-0 6.Lg5).
Interessant dabei ist, dass nicht einfach die verschiedenen Varianten nacheinander «abgespult» werden, wie es in klassischen Theoriebüchern oft der Fall ist; das Buch ist eher als eine Partiesammlung aufzufassen, nicht als gängiges Eröffnungsbuch. Dabei enthält «Königsindische Verteidigung – richtig gespielt» sowohl ältere Partien als auch aktuelles Material bis 2008. Den Autoren geht es eher darum, die Ideen der Eröffnung vorzustellen, statt eine Masse an Theorie aufzubereiten. Sie führen den Leser mit Kommentaren durch die zum großen Teil wirklich sehr schönen Partien, die nicht selten durch hübsche taktischen Pointen entschieden werden.
Ein Beispiel aus der Partie Wang Yue – Ivan Cheparinow, FIDE-Weltcup Chanty-Mansisk 2007, sei hier kurz vorgestellt: In dieser Stellung nach dem 40. Zug von Weiß wäre die Umwandlung des Bauern d2 in eine Dame ein grober Fehler, da hierdurch das Dauerschach durch die weiße Dame möglich würde (40… d1 D?? 41.De7+ Kh6 42. Dg5+ Kg7 43.De7+ usw.). Doch Cheparinow spielte an dieser Stelle das starke 40… d1 S+! – der Zug gewinnt ein entscheidendes Tempo und hält den schwarzen Materialvorteil fest, gegen den Weiß kein ausreichendes Gegenspiel als Kompensation verfügt.
Abweichungen von den Textzügen bzw. Hauptvarianten der Partien werden ebenfalls durch Varianten erklärt, wobei hier (wie bereits erwähnt) keine theoretische Vollständigkeit gegeben ist. Um das Buch ohne größere Anstrengungen lesen zu können, sollte man über gewisse taktische Kenntnisse verfügen, da nicht immer alles erklärt wird, wie es z.B. in der «Starting-Out»-Reihe im Verlag «Everyman» der Fall ist. Für den fortgeschrittenen Schachfreund, der sein Wissen über die Königsindische Verteidigung aufbessern will, findet sich allerdings eine reiche Palette an interessanten Kämpfen.

«Königsindische Verteidigung – richtig gespielt» stellt kein komplettes Repertoirebuch dar, sondern ist für Schachspieler gedacht, die einen interessanten Überblick über die wesentlichen Motive dieser wichtigen Schach-Eröffnung suchen.
Wer demgegenüber ein komplettes Repertoirebuch sucht, sollte sich vielleicht doch anderweitig umschauen, da dieser Band dem versierten Turnierspieler hierfür gewiss nicht mehr ausreichen wird. Diesen Anspruch erheben die beiden Autoren jedoch auch nicht, so dass ihr Werk einen interessanten Überblick über diese theoretisch und praktisch gleichermaßen bedeutsame Eröffnung darstellt und wichtige, in ihr stets wiederkehrende Motive begreiflich macht. ■
Gennadi Nesis / Jewgeni Alexejew, Königsindische Verteidigung – richtig gespielt, 204 Seiten, Joachim-Beyer-Schachverlag, ISBN 978-3888055003
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Leseproben
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Manuel Friedel: Schach und Politik in der DDR
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Zwischen sportlicher Höchstleistung und staatlicher Ideologie
Thomas Binder
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«Die Geschichte des Schachsports in der DDR ist nahezu komplett unerforscht», stellt Manuel Friedel in seiner unlängst erschienenen Untersuchung «Sport und Politik in der DDR am Beispiel des Schachsports» einleitend fest. In seiner Bachelor-Arbeit an der TU Chemnitz hat der junge Historiker – über dessen persönlichen Bezug zum Thema wir leider nichts erfahren – zumindest für einen wichtigen Teilbereich die Grundsteine gelegt.
Das schmale Buch (der substantielle Inhalt beschränkt sich auf gut 40 Seiten) ist Ergebnis einer umfangreichen Forschungsarbeit. Friedel standen dabei unveröffentlichte Archive sowie die Erinnerungen von Zeitzeugen (darunter Großmeister Wolfgang Uhlmann und Rainer Knaak) zur Verfügung.
Sein Text ist als wissenschaftliche Arbeit gestaltet. Jede Aussage wird akribisch mit Quellen belegt, allein das Literaturverzeichnis füllt 10 Seiten. Der Leser muss sich auf diesen Stil einlassen. Sensationelle Enthüllungsgeschichten oder rührende Einzelschicksale wird er nicht finden.
Dennoch ist das Werk angenehm zu lesen. Dafür sorgt der Autor mit einem flüssigen Schreibstil und einer logischen Gliederung. (Da stört es auch nicht, dass zuweilen die Kapitelnummerierung durcheinander gerät; solche kleinen handwerklichen Fehler sind wohl dem Vertriebsmodell «Print on Demand» geschuldet.)
Friedel beschreibt zunächst die frühen Jahre des DDR-Schachs bis zur Gründung des Deutschen Schachverbandes im Jahre 1958. Hier geht er genauer auf Zwistigkeiten und Verfehlungen unter den Funktionären ein – ein Aspekt, der auch manchem sachkundigen Leser neu sein dürfte. Daraus jedoch eine Geringschätzung des Schachs bis in die letzten Jahre der DDR abzuleiten (Seite 51), erscheint etwas gewagt.
Es folgen Erörterungen zur Rolle des Sports und besonders des Schachs im politischen System der DDR. Die Staatsführung hatte früh erkannt, dass sportliche Erfolge die Anerkennung des jungen Staates fördern können. Der Beitrag der Schachspieler hierzu war in den frühen Jahren gewiss bedeutsam, fanden sie doch als erste Sportorganisation Aufnahme in einem internationalen Fachverband.
Als unumstrittenen Höhepunkt in 40 Jahren DDR-Schach arbeitet der Autor die Schach-Olympiade in Leipzig 1960 heraus. Die folgenden Jahre brachten sportlich die größten Erfolge, worauf das Buch allerdings nur sehr summarisch eingeht.
Der Höhenflug des DDR-Schachs endete nach 1972 mit dem unseligen «Leistungssportbeschluss». Die Aktiven nichtolympischer Sportarten konnten fortan nicht mehr an internationalen Meisterschaften teilnehmen oder ins westliche Ausland reisen. Auch die optimalen Trainingsmöglichkeiten des DDR-Sports (Stichwort «Staatsamateure») blieben ihnen versagt.
Das genaue Zustandekommen dieses Beschlusses kann auch Manuel Friedel nicht erhellen. Andere Quellen sprechen hierzu von einem Beschluss des SED-Politbüros im April 1969. Der Autor berichtet aber in interessanten Details, dass alle Versuche, ihn für das Schach zu umgehen zum Scheitern verurteilt waren. Selbst der ungarische Parteichef Kadar gehörte zu den Fürsprechern der ostdeutschen Schachspieler. Ob man freilich eine von Ernst Bönsch organisierte wissenschaftliche Konferenz als Maßnahme gegen diesen Beschluss deuten kann, sei dahingestellt. Man hätte sich diesbezüglich vom Buchautor ein paar Hinweise darauf gewünscht, wie die DDR-Schachspieler (sowohl im Spitzen- wie im Breitensport) mit den Beschränkungen ihrer Turnierpraxis umgingen.
So bleibt im Dunkel, wie es 1988 zum überraschenden Start einer DDR-Mannschaft bei der Schacholympiade kam. Andere Quellen (Tischbierek) führen es auf eine Erkrankung von DTSB-Chef Manfred Ewald zurück, dem eine persönliche Abneigung gegen das Schach unterstellt wird. Bereits mit Beginn des Jahres 1988 gab es erste Anzeichen für ein Aufweichen des Leistungssportbeschlusses. Hatten erneut die Schachspieler (wie damals bei der Aufnahme in die FIDE) einen Damm gebrochen? Diese Frage bleibt leider unbeantwortet, denn sie wurde durch die geschichtliche Entwicklung ab 1989 obsolet.
Damit endet auch Friedels chronologischer Rückblick. Die Entwicklung des Deutschen Schachverbandes in der Wendezeit (z.B. die Ablösung des Präsidenten Werner Barthel 1990) kommt nicht mehr zur Sprache.
Im letzten größeren Kapitel bespricht der Autor die politisch-ideologische Überfrachtung der Zeitschrift «SCHACH». Seine Analyse ist auch hier korrekt und stichhaltig. Dennoch scheint er das Thema etwas überzubewerten, waren doch politische Ergebenheitserklärungen und ideologische Vereinnahmung typisch für alle Publikationen in der DDR.
In den Grenzen einer Bachelor-Arbeit müssen natürlich manche Wünsche des interessierten Publikums offen bleiben. Die strikte Beschränkung auf das Thema «Sport und Politik» blendet jede Darstellung sportlicher Ergebnisse aus. Auch episodische Schilderungen und Erfahrungsberichte sucht der Leser vergeblich. Die Interviews mit Zeitzeugen werden nur indirekt zitiert und Abbildungen, Tabellen oder Grafiken fehlen fast völlig.
Für die noch zu schreibende Geschichte des DDR-Schachs hat Manuel Friedel aber wesentliche Forschungsergebnisse zusammengetragen. Der Themenkomplex ist dabei so wichtig und inhaltsreich, dass er eine weitere Bearbeitung und repäsentative Darstellung verdient. ■
Manuel Friedel, Sport und Politik in der DDR am Beispiel des Schachsports, BoD Norderstedt, 68 Seiten, ISBN 978-3-8391-1709-5
(Lesen Sie hierzu auch unser Interview mit dem Autor Manuel Friedel)
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Inhalt
1. Einleitung
2. Der Schachverband der DDR
3. Sport und Politik in der DDR
4. Die Bedeutung des Schachs innerhalb des DDR-Sports
5. Die XIV. Schacholympiade 1960 in Leipzig
6. Der Leistungssportbeschluss von 1972 und seine Auswirkungen auf die Turnierpraxis des DDR-Schach
7. Schachsport und Propaganda in der Fachzeitschrift Schach
8. Schlussbetrachtung
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Leseproben
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Das neue Glarean-Schach-Kreuzworträtsel
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Schach-Kreuzworträtsel Juli 2009
Copyright 2009 by Walter Eigenmann / Glarean Magazin
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Em. Lasker: «Der internationale Schachkongress St. Petersburg 1909»
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Bedeutende Kommentierung eines bedeutenden Turniers
Walter Eigenmann
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Die Historie der Schach-Literatur hat, wie jede künstlerische oder zumindest kulturelle Ausprägung, ihre zahlreichen unverzichtbaren Glanzpunkte – Eckpfeiler einer jahrhundertelangen geistesgeschichtlichen Entwicklung. Dazu gehören u.v.a. die Schach-Monographien der ganz Großen, aber auch deren Tunier- bzw. Partien-Bücher – von Steinitz’ «The book of the Sixth American Chess Congress» (1891) bis zu Aljechins «New York 1924», von Botwinniks «Half a century of chess» (1984) bis zu Fischers «Meine 60 denkwürdigen Partien», und von Euwes «Amateur-Meister»-Bänden bis zu Kasparows «Meine großen Vorkämpfer». Ein weiterer (vieljähriger) Schach-Weltmeister mit produktiver Feder war der Deutsche Emanuel Lasker; sein berühmtes Turnierbuch «Der internationale Schachkongress zu St. Petersburg 1909» wird nun in der «Tschaturanga»-Reihe der Schweizer Edition Olms als Reprint der vor 100 Jahren in Berlin erschienen Originalausgabe neu aufgelegt.
Das «Petersburger» 1909 zählt in der weltweiten Turnier-Geschichte zu den bedeutendsten Schach-Anlässen überhaupt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Am Start war (bis auf Tarrasch und Marshall) praktisch die gesamte Crème de la Crème des damaligen Spitzenschachs: Neben Lasker kreuzten u.a. Akiba Rubinstein, Rudolf Spielmann, Oldrich Duras, Richard Teichmann, Ossip Bernstein, Carl Schlechter, Savielly Tartakower, Milan Vidmar, Amos Burn und Jacques Mieses ihre Klingen. (Der damals 16 Jahre junge Aljechin war noch nicht reif fürs internationale Meister-Podium, gewann aber sensationell das zeitgleiche «Allrussische Nationalturnier». Sein Antipode Capablanca hatte 1911 in San Sebastian seinen großen Durchbruch).

Nicht nur das Turnier – Lasker und Rubinstein teilten sich den Ersten Preis -, sondern auch Laskers Turnierbuch ist ein Edelstein der Schachgeschichte. Zurecht schreibt Isaak Linder in seiner amüsant und und detailreich geschriebenen «Einführung» über Laskers Kommentierstil, für Lasker sei das Bestreben charakteristisch, in seinen Kommentaren einen besonderen Akzent auf die taktischen und kombinatorischen Momente des Kampfes zu legen. Was nicht zufällig sei: «Diese Herangehensweise ergibt sich aus der gesamten Laskerschen Konzeption der gewaltigen Rolle der ästhetischen Wirkung des Schachs sowohl auf den Spielenden selbst als auch auf den Betrachter der Partie.» Linder weiter: «Die Anmerkungen Laskers zu den Partien dieser Veranstaltung tragen einen konkreten Charakter. Manchmal sind sie lakonisch, mitunter aber analytisch umfangreich. In einer Reihe von Fällen verweist er auf Fehler oder auf die Möglichkeit besserer Fortsetzungen. Obwohl Lasker dem Eröffnungsstadium größtenteils keine Aufmerksamkeit widmet, weil er um die Unbeständigkeit der Bewertung dieser oder jener Züge und Varianten weiß, zeigt er bisweisen dennoch seiner Meinung nach aussichtsreiche Wege auf.»
Die ideellen Grundsätze des genialen Weltmeisters und bedeutenden Philosophen Emanuel Lasker nicht nur für dieses Buch, sondern überhaupt im Leben und Stil schimmern sehr aufschlussreich auch in Laskers Buch-Vorwort selbst durch, wo er diese seine Sammlung aller 175 Petersburger Turnier-Partien aus dem Jahre 1909 folgendermaßen einleitet:
Wie die Meister des Jahres 1909 bei einer Zeitbeschränkung von 15 Zügen die Stunde Schach gespielt haben, und wie einer von ihnen in weniger als sechs Monaten die so entstandenen Partien mit Glossen versehen hat, berichtet dies Buch. Es ist eine Fundgrube für den, der Charakter und Denken erforschen will. Sodann ist es von Nutzen für den, der den verwickelten Kombinationen einer modernen Meisterpartie zu folgen gelernt und diesen ebenso leichten wie angenehmen und lehrhaften Zeitvertreib liebgewonnen hat.
Wer diese Partien aufmerksam daraufhin untersucht, wird die Charaktere der zwanzig Meister entdecken können, grundverschieden durch nationale Begabung und persönliche Eigenart, im Temperament, in der Art zu hoffen und zu fürchten, Angriff zu ertragen oder zu machen, genau oder unbestimmt zu denken und zu handeln, und in vielen kleineren Zügen. Welch eine reiche Ernte wird der Erforscher menschlicher Natur hier sammeln können!
Für die Schachfreunde, denen das Denken des Schachmeisters noch ein verschlossenes Buch ist, sind hier die Siegel erbrochen. Seine Methoden werden dargelegt, wo sie von Erfolg gekrönt sind und auch, wo sie versagen. Und es ist eine Tatsache, die uns für die Zukunft noch viel des Bedeutenden erhoffen läßt, daß trotz der zweifellosen Errungenschaften einer tausendjährigen Evolution noch manches Problem sich stellt und mancher Irrtum begangen wird.
Ich habe mich bemüht, der Zeit den Spiegel vorzuhalten. Was jetzt als wertvolle und gesicherte Wahrheit vorhanden ist, wird man in den Glossen finden. Was jetzt noch zweifelhaft erscheint, ist hier als Problem gekennzeichnet; die Lösung ist vorgeschlagen, doch nicht dogmatisch.
Den Nachspielenden, der zu seinem Vergnügen und zu leichter Unterhaltung Partie und Noten benutzen will, habe ich nach jeder Richtung hin unterstützen wollen; und wenn einem solchen irgendeine Partie schwer verständlich geblieben ist, so habe ich gegen meine Absicht gefehlt. Denn dies Buch ist geschrieben worden zur Belehrung und Erheiterung aller Schachfreunde! ■
Emanuel Lasker, Der internationale Schachkongress zu St. Petersburg 1909, Reprint der Originalausgabe 1909, 252 Seiten, Edition Olms/Tschaturanga, ISBN 9783283010102
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Probeseite

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Gerd W. Hörning: «Im Traumland der Schachstudie»
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Faszinierende Rätsel auf 64 Feldern
Günter Vollbrecht
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Nach «Schach zwischen Krieg und Kunst» (2004) und «Wege zu Schachstudien» (2006) legt Gerd Wilhelm Hörning nun sein «Traumland der Schachstudie» vor. Und erneut hat Hörning eine geschickte und abwechslungsreiche Auswahl nicht nur eigener Kompositionen vorgenommen, sondern Studien anderer Komponisten bzw. Co-Komponisten einbezogen. Dabei gelingt es dem Autor, der Leserschaft die eigene Obsession für die Schach-Studie zu vermitteln, er lässt sie teilhaben an einem regelrechten Fluge der Figuren zurück in die Geschichte des Schachs und wieder fort in die Zukunft des Computer-gesteuerten Komponierens.
Gleichzeitig stellt er aktiven Spielern in seinem Buch auch Übungen vor, die das visuelle Denken schulen und fördern, wobei sich seine schachlichen Kommentare nicht bloß auf die nackten Varianten beschränken, sondern auch schachhistorische Tiefsinnigkeiten und psychologische Erkenntnisse einfließen lassen. Kurzum, «Traumland der Schachstudie» kann nicht nur allen Studien-Freunden, sondern auch allen «praktischen» Schachspielenden wärmstens empfohlen werden.
Aus Gerd Hörnings reichhaltigem jüngstem Schaffen, welches der neue, mit zahlreichen Diagrammen, Illustrationen und theoretischen Abhandlungen garnierte Band dokumentiert, sei hier nur ein kleines, aber feines Beispiel angeführt:
8/7p/p4p2/1pp1p2P/1k2P2P/1Pq5/P2Q2P1/1K6 w
Gerd W. Hörning:
Weiß am Zuge gewinnt
(A.-Schneider-Internet-Turnier 2003)
1.a3+!! Kxb3 2.Da2+ Ka4 3.Dc2+ Dxc2+ [3...Db3+ 4.Dxb3+ Kxb3 5.g4 Kc3 6.Kc1 a5 7.g5+-]
4.Kxc2 Kxa3 [4...b4 5.axb4 cxb4 6.g4 Ka3 7.Kb1 Kb3 8.g5+-] 5.Kb1 Kb3 [5...b4 6.g4+-]
6.g4 Kc3 [6...h6 7.g5 fxg5 8.hxg5+-] 7.Kc1 a5 [7...b4 8.g5+-] 8.g5 fxg5
[8...a4 9.gxf6+-] 9.hxg5 a4 [9...Kd4 10.g6+-] 10.g6 a3 11.Kb1+-
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Gerd W. Hörning
Inhalt
Vorwort (Harold van der Heijden) – Einleitung – Vom Wesen der Schachstudie (Das unsichtbare Kraftfeld) – Meine Studien – Gedanken zur Schachstudie – Von der Partie zur Komposition – Gemeinsame Studien – Von der Vorlage und Idee zur Studie – Das Schachspiel ist tot, es lebe das Schachspiel (Random-Schach) – Schlussgedanken – Nachruf auf Robert James «Bobby» Fischer
Gerd W. Hörning, Im Traumland der Schachstudie, Faszination auf 64 Feldern, Edition Jung, 76 Seiten, ISBN 978-3-933648-34-1
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Probe-Seite
Bobby Fischer in Reykjavik gestorben
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Tod eines Schach-Genies
Wunderkind, Monomane, Antisemit, Querdenker, Psychokiller, Intelligenzbestie, Landesverräter, Genie – über die Person und das Leben des Ex-Schach-Weltmeisters Robert James «Bobby» Fischer existieren ebenso viele widersprüchliche Urteile, wie sich Legenden um ihn ranken. Der begnadete Schachspieler aus Chicago, der im Sommer 1972 im isländischen Reykjavik als Gegner von WM Boris Spassky die bis anhin unangefochtene, jahrzehntelange russische Hegemonie im Schach fast im Alleingang vernichtete (Bild rechts) und es dadurch mitten im Kalten Krieg als Schachspieler auf die Titel-Seiten sämtlicher großer Zeitungen der Welt schaffte, war Zeit seines Lebens für seine Mit- und Umwelt ein Rätsel. Nach seiner Besteigung des Schach-Thrones, die im Westen einen noch nie dagewesenen Boom des Schachspiels gerade auch unter Kindern und Jugendlichen auslöste, zog sich Fischer abrupt vom Profi-Schach zurück und lebte zwei Jahrzehnte lang wie ein Phantom (Bild unten).
Vorgestern starb der «König des Schachs» erst 64-jährig in Island an Nierenversagen. Die Schach-Welt hat eine ihrer skurrilsten Figuren verloren. Der bekannte New Yorker Schach-Biograph Harold Schonberg in seinem Buch «Die Großmeister des Schach» über Fischer: «Sein Leben strahlt eine Mischung von Erhabenheit und Lächerlichkeit aus, wie sie nicht nur im Schach, sondern in allen Bereichen menschlicher Betätigung einzigartig dasteht.»
Unter Fischers weltweiter Fan-Gemeinde gilt des genialen Exzentrikers sechste WM-Match-Partie gegen (seinen späteren Freund) Spassky als nur eine seiner zahllosen Glanz-Leistungen am Brett. Wir bringen sie nachfolgend in einer (vollständig automatisierten) Kommentierung durch das bekannte Schach-Programm «Fritz» – auch als reizvolle Gegenüberstellung von menschlicher Kultur-Leistung und reinem Computer-Produkt. (Walter Eigenmann)
Fischer – Spassky, Reykjavik 1972
6. WM-Match-Partie
(Kommentar: Fritz10-P4/3Ghz(120s)
D59: Damengambit (Tartakower-Variante)
1.c2-c4 e7-e6 2.Sg1-f3 d7-d5 3.d2-d4 Sg8-f6 4.Sb1-c3 Lf8-e7 5.Lc1-g5 0-0 6.e2-e3 h7-h6 7.Lg5-h4 b7-b6 8.c4xd5 Sf6xd5 9.Lh4xe7 Dd8xe7 10.Sc3xd5 e6xd5 11.Ta1-c1 Lc8-e6 12.Dd1-a4 c7-c5 13.Da4-a3 Tf8-c8 14.Lf1-b5 a7-a6 15.d4xc5 b6xc5 16.0-0 [ 16.Sf3-d4 De7-a7 17.Sd4xe6 a6xb5 18.Da3xa7 Ta8xa7 19.Se6xc5 Ta7-c7 20.b2-b4 Sb8-a6 21.a2-a3 Sa6xc5 22.Tc1xc5 Tc7xc5 23.b4xc5 Tc8xc5 24.Ke1-d2 Kg8-f8 25.Th1-c1 Tc5xc1 26.Kd2xc1 Kf8-e7 27.g2-g4 Ke7-d6 28.Kc1-d2 Kd6-e6 29.Kd2-d3 Ke6-e5 30.h2-h4 g7-g5 Castillo,G-Butterworth,J/IECG 2001/MegaCorr4/½-½ (47)] 16…Ta8-a7 [ 16...De7-a7 17.Lb5-a4 a6-a5 18.Da3-d3 Sb8-d7 19.Tf1-d1 Ta8-b8 20.La4xd7 Da7xd7 21.b2-b3 a5-a4 22.h2-h3 a4xb3 23.a2xb3 d5-d4 24.Sf3-e5 Dd7-e8 25.Se5-c4 Le6xc4 26.b3xc4 d4xe3 27.Dd3xe3 De8xe3 28.f2xe3 Tb8-b3 29.e3-e4 Tb3-e3 30.Td1-e1 Te3xe1+ 31.Tc1xe1 Makarichev,S (2500)-Sturua,Z (2395)/Moscow 1979/MCD/½-½ (42)] 17.Lb5-e2 Sb8-d7 Neuerung [ 17...a6-a5 18.Tc1-c3 c5-c4 ( 18...Sb8-d7 19.Tf1-c1 Tc8-e8 20.Le2-b5 Le6-g4 21.Sf3-d2 d5-d4 22.e3 d4 c5xd4 23.Da3xe7 Te8xe7 24.Tc3-c8+ Kg8-h7 25.Sd2-b3 Sd7-e5 26.Tc8-d8 Ta7-c7 27.Tc1xc7 Te7xc7 28.f2-f4 Lg4-d7 29.f4xe5 Ld7xb5 30.Sb3xd4 Tc7-c1+ 31.Kg1-f2 Tc1-d1 32.Td8-d6 1-0 Furman,S-Geller,E / Moskau 1970/MCD (32)) 19.Da3xe7 Ta7xe7 20.b2-b3 c4xb3 21.Tc3xc8+ Le6xc8 22.a2xb3 Te7-c7 23.Tf1-a1 Lc8-b7 24.Ta1xa5 Tc7-c1+ 25.Le2-f1 Lb7-a6 26.Sf3-d2 La6xf1 27.Sd2xf1 Tc1-b1 ½-½ Richard,A-Terry,B/IECC Email 2000/MegaCorr4] 18.Sf3-d4 [ 18.Le2xa6?? der Bauer ist nicht zu nehmen 18...Tc8-c6 19.Da3-d3 Tc6xa6-+] 18…De7-f8 [ 18...Sd7-f6 19.Sd4xe6 ( 19.Le2xa6? läuft nicht 19...Le6-d7-+) 19...f7xe6 20.Tf1-d1= ( 20.Le2xa6 ist und bleibt taktisch widerlegt 20...Tc8-c6-+) ] 19.Sd4xe6+/= [ 19.Le2xa6?? vergiftet... 19...Tc8-a8 20.Sd4xe6 f7xe6-+] 19…f7xe6
20.e3-e4 [ 20.Le2xa6?? Weiß schlägt einen vergifteten Bauern 20...Tc8-c6 21.Da3-d3 Ta7xa6-+] 20…d5-d4 Schwarz gewinnt Raum 21.f2-f4 [ 21.Le2xa6?? das Schlagen des Bauern ist schlecht 21...Tc8-c6 22.Da3-d3 Ta7xa6-+] 21…Df8-e7 22.e4-e5 Tc8-b8 [ 22...Sd7-b6 23.Da3-d3± ( 23.Le2xa6? ist falsch 23...Tc8-a8-+) ] 23.Le2-c4 Kg8-h8 24.Da3-h3 Sd7-f8 [ 24...Tb8xb2!? 25.Lc4xe6 Ta7-c7±] 25.b2-b3 a6-a5 26.f4-f5 e6xf5 [ 26...De7-g5 27.f5xe6 ( 27.Lc4xe6?! Sf8xe6 28.f5xe6 Ta7-c7+/=) 27...Sf8-g6 28.Tc1-c2±] 27.Tf1xf5+- Sf8-h7 28.Tc1-f1 De7-d8 [ 28...a5-a4 29.Dh3-g3 a4xb3 30.Lc4xb3+-] 29.Dh3-g3 Ta7-e7 [ 29...Tb8-c8 30.e5-e6 Tc8-a8 31.Tf5-f7 Ta7xf7 32.Tf1xf7+- ( 32.e6xf7?! Dd8-f8+-) ] 30.h2-h4 Tb8-b7 31.e5-e6 Tb7-c7 32.Dg3-e5 Dd8-e8 [ 32...d4-d3 33.Tf5-f3 d3-d2 34.Tf3-d3+-] 33.a2-a4 De8-d8 34.Tf1-f2 [ 34.Tf1-f3 und Weiß hätte es noch leichter 34...Dd8-e8+-] 34…Dd8-e8 [ 34...d4-d3 ändert den Lauf der Dinge nicht 35.Tf2-d2 Tc7-d7 36.De5xc5+-] 35.Tf2-f3 De8-d8 [ 35...d4-d3 ändert nichts am Ausgang der Partie 36.Tf3xd3 Tc7-c8 37.Td3-f3+-] 36.Lc4-d3 [ Besser: 36.Tf5-h5 erleichterte Weiß die Gewinnführung 36...d4-d3 37.Tf3xd3+-] 36…Dd8-e8 [ 36...Dd8-g8+- ist ein letzter Versuch] 37.De5-e4 Sh7-f6 [ 37...Te7xe6?? wird durch Matt widerlegt in 3 38.Tf5-f8+!! Mattangriff 38...Sh7xf8 39.Tf3xf8+ De8xf8 40.De4-h7#] 38.Tf5xf6 g7xf6 39.Tf3xf6 Kh8-g8 40.Ld3-c4 Kg8-h8 41.De4-f4 1-0
Links zum Thema
- Tribute to Bobby Fischer (You Tube)
- Bobby Fischer in Reykjavik 1972 (You Tube)
- «Searching for Bobby Fischer» (You Tube)
- Kommentare berühmter Großmeister
zum Tode Fischers (You Tube)
- Bobby Fischer und der «11. September» (You Tube)
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Schach-Anekdoten
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«1.d4 d5 2.Dd3 Dd6 3.Dh3 Dh6 4.Dc8 matt!»
Schach-Anekdoten
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Richard Reti
Der tschechische Großmeister Richard Reti gab im Jahr 1925 eine Rekordvorstellung im Blindsimultanspiel. Er kämpfte gleichzeitig an 29 Brettern. Als Reti nach Beendigung der Partien wegging, ließ er seine Aktentasche liegen. «Danke!», rief der Großmeister, als man ihm die Tasche zurückgab. «Was habe ich doch für ein schlechtes Gedächtnis!»
Efim Bogoljubow
Als Reti 1920 in Göteborg ein stark besetztes Turnier gewonnen hatte, klopfte ihm Bogoljubow kameradschaftlich auf die Schulter und meinte: «Trotzdem wirst du nie Weltmeister, du bist dafür viel zu dick!»
Der erstaunte Reti: «Aber du bist doch viel dicker als ich!»
«Ja, aber ich bin Bogoljubow!» kam es bescheiden zurück…
Robert Hübner
Bei der Schach-WM 1993 kam es zwischen dem deutschen GM Robert Hübner und seinem Gegner zu folgendem Dialog:
Gegner: «Remis?»
Hübner: «Zu früh!»
Ein paar Züge später:
Gegner: «Jetzt Remis?»
Hübner: «Zu spät!»
Ratmir Kholmov
Eine von Kholmov selbst überlieferte Anekdote ist, dass er sich als den «eigentlichen Weltmeister» 1954 betrachtete, denn vor Beginn des WM-Kampfes zwischen Michail Botwinnik und Wassili Smyslow hatten die beiden WM-Kämpfer jeweils geheime Trainingswettkämpfe mit Kholmov gespielt – und Kholmov gewann beide…
Bobby Fischer
Monaco organisierte 1967 ein gewaltiges Meisterturnier, bei dem die Veranstalter alles daran setzten, nur die besten Spieler zu bekommen. Sie telegraphierten folgendes an den USA-Verband: «Laden zwei Großmeister ein – einer davon Fischer!»
Was während des Turniers tatsächlich geschah, wurde der Öffentlichkeit verschwiegen.
Im Jahr darauf bekam der USA-Verband erneut ein Telegramm – diesmal lautete es: «Laden zwei Großmeister ein – keiner davon Fischer!»
Wilhelm Steinitz
Während eines Wettkampfes wurde Steinitz einmal gefragt, wie er denn seine Chance sehe, dieses Turnier zu gewinnen.
Gesagt haben soll er: «Ich habe die besten Aussichten, den ersten Preis zu gewinnen – denn jeder muss gegen Steinitz spielen, nur ich nicht!»
Samuel Loyd
Ein Kiebitz wettete einmal mit dem amerikanischen Problemkomponisten Samuel Loyd, dass nichts leichter sei, als remis gegen den Problemmeister zu machen, er brauche ja nur die Züge Loyds nachzuahmen.
Loyd gewann die Wette schon nach vier Zügen: 1.d4 d5 2.Dd3 Dd6 3.Dh3 Dh6 4.Dc8 matt!
Der Kiebitz
Ein bekannter Meisterspieler geriet in seiner Turnierpartie in immer größere Bedrängnis, und die Zuschauer ringsherum begannen aufgeregt zu tuscheln und zu flüstern.
Der Meister wurde immer ärgerlicher und wandte sich schließlich erbost an einen der Kiebitze neben ihm: «Wer spielt den eigentlich die Partie? Sie oder ich?»
Daraufhin der Kiebitz: «Gott sei Dank: Sie!»
Paul Krüger
Der Hamburger Meister Paul Krüger (1871-1939) nahm in den zwanziger Jahren gerne an kleinen Lokalturnieren teil.
Einmal wurde er während eines solchen Turniers von einem Reporter des Kreisblattes interviewt.
Nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass der Schreiber des Blattes keine Ahnung vom Schach hatte – diese Gelegenheit ließ Krüger sich nicht entgehen, ihn kräftig zu veräppeln.
Am nächsten Tag lasen die erstaunten Kreisblatt-Abonnenten: «Die spannendste Partie der gestrigen Runde wurde zwischen dem Hamburger Meister Krüger und unserem Spitzenspieler M. ausgetragen. M. eröffnete als Anziehender diesmal mit den schwarzen Steinen. Der Gast parierte mit der gefürchteten Königstigervariante des Damenspiels und es gelang ihm, den König frühzeitig ins Spiel zu bringen. In einer Serie kraftvoller Züge griff der weiße König die schwarze Dame an, jagte sie über das Schachbrett und lockte sie schließlich in eine tödliche Falle!»
Michael Tal
Bei der 24. UdSSR-Meisterschaft wollte Grossmeister A. Gipslis den für sein phänomenales Gedächtnis bekannten Ex-Weltmeister Michael Tal auf die Probe stellen und fragte:
«Mischa, kannst Du Dich zufällig erinnern, welche Variante Keres als Weißer in einem Damengambit gegen Boleslawski in der 3. Runde der 20. UdSSR-Meisterschaft gespielt hat?»
«Du willst mich wohl zum Narren halten!» antwortete Tal. «Die Partie Boleslawski-Keres war nicht in der 3., sondern in der 19. Runde; Keres spielte nicht mit den weißen, sondern mit den schwarzen Steinen; und außerdem war es kein Damengambit, sondern eine Spanische Partie!»
James Sherwin
Bei der US-Meisterschaft 1958 gewann James Sherwin in den ersten Runden alle Partien. Samuel Reshewsky, der es ihm gleich tat, sagte zu ihm: «Nun muss ich Sie wohl stoppen.»
«Vielleicht stoppe ich Sie ja», bekam er zur Antwort.
Reshewsky: «Nicht in einer Million Jahren!»
Sherwin gewann die Partie – und murmelte beiläufig:
«Wie doch die Zeit vergeht…»
Simon Winawer
In Kaffeehaus-Partien gegen schwächere Spieler praktizierte der polnische Meister Simon Winawer eine besondere Art von Vorgabe. Er ließ seine «Opfer» von der Grundstellung aus fünf Minuten lang beliebige Züge machen und stellte nur die Bedingung, dass kein Stein die Bretthälfte überschritt.
Eines Tages trat ein junger Mann gegen ihn an und zog folgendermaßen:
1.a4 — 2.Sa3 — 3.h4 — 4.Sf3 — 5.d4 — 6.Sd2 — 7.Th3 — 8.Sac4 — 9.Taa3 — 10.Se4 — 11.Dd2 — 12.Thf3 — 13.g3 — 14.Lh3 — 15.Df4 — 16.Tae3 – den Rest der fünf Minuten füllte er mit Königszügen aus.
Winawers Gesicht wurde immer länger. Als ihn der Gegner aufforderte, nun doch zu ziehen, erhob sich der Meister indigniert. «Was wollen Sie denn?», sagte er, «ich bin doch in zwei Zügen matt!»
Fritz Sämisch
Bei einem Turnier spielte Tröger gegen Sämisch, Sämisch überschritt die Zeit, merkte es nicht und brütete weiter über der Stellung. Tröger bat den Schiedsrichter «aus journalistischem Interesse», Sämisch nicht zu stören. Er wollte herausfinden, wie lange es dauern würde, bis er seine Zeitüberschreitung bemerkte. Es dauerte. Endlich, nach nicht weniger als 40 Minuten blickte Sämisch hoch, schaute auf die Uhr und reichte die Hand zur Gratulation…
Stefano Tatai
Der italienische Meister Stefano Tatai brachte gewöhnlich zu seinen Turnierpartien einen Hund mit, an dem er sehr hing, und der sich während der ganzen Partie zu Füßen seines Herrn niederzulegen pflegte.
Am Ende einer Runde in einem römischen Café war Tatai am Tisch sitzengeblieben, um eine Stellung zu analysieren, und sein Hund hatte sich auf dem Stuhl vor ihm niedergelassen.
Ein Gast näherte sich und erlaubte sich die geistreiche Bemerkung: «Sie wollen doch nicht behaupten, dass Ihr Hund schachspielen kann?»
Darauf Tatai gleichmütig: «Nein, nicht wirklich, die letzten drei Partien hat er verloren!»
Savielly Tartakower
Nach einer Simultanvorstellung fragte Tartakower einen seiner Gegner, warum er nur immer Bauern gezogen und nicht ein einziges Mal einen Offizier bemüht habe. Die Antwort war: «Ja wissen Sie, ich bewundere Sie sehr und wollte unbedingt mal gegen Sie spielen. Aber eigentlich kann ich kein Schach, und so habe ich mir von einem Freund wenigstens mal erklären lassen, wie die Bauern ziehen…»
Simultanschach
Bogoljubow («Bogo») spielte einmal in einem kleinen Schweizer Ort simultan, und wie bei solchen Anlässen üblich wurde der Photograph des Ortes geholt, um eine schöne Aufnahme zu machen. Vorn der Meister – und dann in langer Reihe die Simultanisten.
Wie erstaunt waren aber unsere Schachfreunde, als sie das Photo zur Erinnerung an den denkwürdigen Klubabend ausgehändigt bekamen: Von Bogoljubow war nichts zu sehen! Der Photograph, zur Rede gestellt, verteidigte sich: «Och, den Dicken da vorn, den habe ich wegretuschiert, der hatte ja damit gar nichts zu tun!»
Francois Philidor
Philidor, der größte Schachmeister des 18. Jahrhunderts, gab König Ludwig XVI. Schach-Unterricht. Nach einigen Monaten wollte der königliche Schüler wissen, wie er denn nun bereits spiele. Philidor gab diplomatisch zur Antwort: «Sire, es gibt drei Klassen von Schachspielern: Solche, die gar nicht, solche, die schlecht, und solche, die gut spielen. Ew. Majestät haben sich bereits zur zweiten Klasse emporgeschwungen.»
Reuben Fine
Fine geriet eines Tages in eine spiritistische Sitzung und wurde gefragt, ob er mit irgend einem Geist Verbindung aufnehmen möchte. Fine bat darum, den Geist von Morphy erscheinen zu lassen. Und tatsächlich, nach kurzer Zeit wurde gemeldet, der Geist von Morphy sei sprechbereit. Fine wurde also aufgefordert, durch das Medium eine Frage an ihn zu richten. Darauf Fine: «Bitte fragen Sie ihn, ob im Evans-Gambit Schwarz im 6. Zuge LxBauer oder lieber Lb6 spielen soll!» -
Dem Vernehmen nach soll Fine froh gewesen sein, ohne größere Verletzungen den Raum verlassen zu dürfen…
Gösta Stoltz
Der schwedische Turnierspieler Stoltz war den geistigen Getränken recht zugetan. Nun, er war nie Weltmeister, aber er wurde durch eine Glanzpartie, die er 1952 in Stockholm spielte, dennoch ziemlich berühmt. Als ihm dabei der Unterlegene die Hand zur Gratulation reichte, griff seine Hand freilich ins Leere. Trotz erheblicher Anstrengung gelang es Stoltz nicht, die Rechte in die gewünschte Richtung zu bringen. Die Zuschauer mögen es für Siegestaumel gehalten haben…
Siegbert Tarrasch
Mit einem polemischen Artikel in einer Hamburger Tageszeitung gegen die Nominierung des Engländers F.D. Yates für das internationale Turnier in Hamburg 1910 hatte der berühmte «Praecaeptor Germaniae» Siegbert Tarrasch nicht ganz unrecht. Yates erwies sich in der Tat als zu schwach für das Turnier. Er wurde Letzter und gewann von den 16 Partien nur eine einzige – die aber ausgerechnet gegen Tarrasch!
Alexander Aljechin
Beim traditionellen Turnier in Hastings gewann der junge Engländer Parker durch eine Reihe brillanter Kombinationen und gewagter Figurenopfer eine Partie, die man allgemein bereits verloren geglaubt hatte.
Nach seinem Sieg wurde Parker von allen Seiten beglückwünscht. Nur Weltmeister Aljechin runzelte missbilligend die Stirn. «Eines muss ich Ihnen sagen, mein junger Freund», meinte er in vorwurfsvollem Ton, «wenn Sie richtig gespielt hätten, dann hätten Sie diese Partie niemals gewonnen!»
Tigran Petrosjan
Nachdem Tigran Petrosjan seinen WM-Titel 1966 gegen Spasski verteidigt hatte, trank er bei der Siegesfeier einen Cognac.
Als man ihm das leere Glas nachfüllen wollte, winkte er ab und ließ sich einen Obstsaft bringen.
«Ich muss einen klaren Kopf behalten…» erklärte er, «…für den nächsten Titelkampf.»
Dieser fand 1969 statt…
Miguel Najdorf
Argentiniens Altmeister Miguel Najdorf erhob sich bei der Schach-Olympiade 1974 in Nizza vom Brett, um eine Tasse Tee zu holen. Bei seiner Rückkehr setzte er sich gedankenverloren an einen falschen Tisch. Als er sich einem ihm unbekannten Spieler gegenübersah, meinte er in väterlichem Ton: «Ich glaube, Sie haben sich in Ihrem Platz geirrt!»
Der Schachfreund
- «Meine Frau hat gesagt, sie lässt sich scheiden, wenn ich nicht endgültig das Schachspielen aufgebe!»
- «Das ist ja schrecklich!»
- «Ja, freilich, ich werde sie sehr vermissen!»
Schach-Gedicht
Ein Mensch sitzt da, ein schläfrig trüber,
ein andrer döst ihm gegenüber.
Sie reden nichts, sie stieren stumm.
Mein Gott – denkst Du – sind die zwei dumm!
Der eine brummt, wie nebenbei,
ganz langsam: Turm c6 – c2.
Der andre wird allmählich wach
und knurrt: Dame a3 – g3 Schach!
Der erste, weiter nicht erregt,
starrt vor sich hin und überlegt.
Dann plötzlich, vor Erstaunen platt,
seufzt er ein einzig Wörtlein: Matt!
Und die Du hieltst für niedre Geister,
erkennst Du jetzt als hohe Meister!
Eugen Roth
«Man hat vom Schach gesagt, dass das Leben
nicht lang genug dazu ist – aber das ist ein Fehler
des Lebens, nicht des Schachs!»
Christian Morgenstern
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Das Fischer-Random-Schach
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«Chess960» und die Schach-Programme
Walter Eigenmann
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Mehr und mehr sorgt in der Schach-Szene eine neue Spiel-Art für Gesprächsstoff: das sog. Chess960 (auch «Fischer-Random-Chess / FRC» oder «FullChess»). Und es war nur eine Frage der Zeit, bis in den einschlägigen Computerschach-Foren die Anregung auftauchte, diese «Schach-Variante» auch in die Entwicklung kommender Software einfließen zu lassen. Ist Chess960 im Zusammenhang mit Computerschach tatsächlich nicht bloß modisches «Modern Talking», sondern ein ernstzunehmender neuer Sound?
Die nachfolgende kleine Untersuchung – geschrieben im Januar 2003 – resultierte aus dem sehr interessanten Ansatz des deutschen Programmierers und FullChess-Experten Reinhard Scharnagl FRC&Smirf, welcher im ehemaligen Fach-Forum «Computerschach Extra» anregte, das Fischer-Random-Chess inskünftig verstärkt bei neuer Schachsoftware zu integrieren. Dabei wurde auch kontrovers die Frage diskutiert, ob mit einer programm-spieltechnischen Berücksichtigung dieses Chess960 nicht überhaupt eine spürbare Spielstärke-Steigerung herkömmlicher Engines zu erreichen wäre.
I. Praeludium
Im Laufe einer fast 450-jährigen, öffentlich zugänglichen Spiel-Praxis (Rom 1560, R.Lopez-G.Leonardo: 1.e4 e5 2.f4 d6 3.Lc4 c6 4.Sf3 Lg4 5.fxe5 dxe5 6.Lxf7 Kxf7 7.Sxe5 Ke8 8.Dxg4 Sf6 9.De6 De7 10.Dc8 Dd8 11.Dxd8 Kxd8 12.Sf7 1-0) sowie aufgrund der seit über 500 Jahren andauernden theoretisch-systematischen Forschung (Spanien 1497: Lucena-Lehrbuch) hat die abendländische Schachgeschichte so einiges zu Tage gefördert über die folgende, nicht ganz unbekannte Position:

Beispielsweise meint die klassische Eröffnungslehre zu dieser Stellung u.a:
1. Die Figuren sind baldmöglichst in die Schlacht zu werfen; Zeit-Nachteile pflegen sich in positionelle Nachteile, diese wiederum sich in materielle Nachteile zu verwandeln.
2. Die entscheidenden Konfrontationen gehen erfahrungsgemäß in der Brett-Mitte vonstatten; dies bei der anfänglichen Figuren-Postierung zu berücksichtigen ist von größter Wichtigkeit.
3. Einer schnellen bwz. vollständigen Figuren-Entwicklung, aber auch einer Zentrum-besetzenden und gleichzeitig Raum-greifenden Wirkung des Aufmarsches leisten die Bauernzüge 1.e2-e4 e7-e5 (allenfalls noch 1.d4-d4 d7-d5) den besten Dienst.
Dass die sog. hypermodernde Schule teils entgegengesetzte Prinzipien vertrat, bleibe hier unerörtert. Sicher ist jedenfalls: nach diesen drei Eröffnungs-Forderungen funktionierte (und funktioniert noch) der Partie-Anfang auf hohem und höchstem Niveau – seit Greco (Greco-N.N., Rom 1619: 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 etc. 1-0) bis in unsere Tage hinein (Movsesian-Morozevich, WCT 2002: 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 etc. 0-1).
Nun liegt es «in Sachen Computerschach» nahe, mal die neueste Schach-Software im Hinblick auf ihre Partie-Anfänge zu befragen. (In etwas anderem Zusammenhang hat das der Autor bereits früher in einem Artikel des Fachmagazins «Computer-Schach & -Spiele» getan; vergl. Nr.5/2002, oder hier: Strategie 2.)
Wir lassen also (mit einer Bedenkzeit von 60Min/Engine auf einem P3/866Mhz/128Mb-Hash/PB off) einige der aktuell stärksten Programme die ersten paar Züge ab Grundstellung (selbstverständlich ohne Opening-Books) spielen, um herauszufinden, ob die besten Programmierer das vom Menschen erarbeitete Eröffnungs-Knowhow tradieren.
Das Ergebnis mag den einen oder anderen überraschen…
CM9000/Kleinert – Hiarcs 8
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6
Chess Tiger 14.0 – Junior 7
1.e4 e5 2.Lc4 Sf6 3.d3 c6 4.Sf3 d5
Aristarch 4.4 – Pharaon 2.62
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6 4.d4 exd4 5.Sxd4 Lb4
SOS.3 f.A. – Pepito 1.55
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6
List 5.04 – Ruffian 1.0.1
1.e4 e6 2.d4 d5 3.exd5 exd5 4.Ld3 Sc6
Comet B54 – Yace 0.99.56
1.Sf3 d5 2.d4 e6 3.e3 Sf6
Crafty 19.01 – Gandalf 4.32h
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Sf6
LambChop 10.88 – Nimzo 8
1.e4 d6 2.d4 Sf6 3.Sc3 Sbd7 4.Sf3 e5
…aber es besteht kein Zweifel: im Jahre 2003 vermögen Maschinen die «humanoid» entwickelten Grundsätze des als erfolgreich bestätigten Partie-Beginnens selbstständig zu reproduzieren. (In wie weit dann die Software auch im Mittelspiel den «Geist» eines gewählten Eröffnungssystems realisieren kann, ist wieder eine ganz andere Frage…)
Quasi in Reinkultur wird die Klassik «kopiert» von zwei erst seit kurzem auf dem Markt befindlichen (und von vielen Testern inzwischen als die beiden stärksten Engines gehandelten) Programmen:
Fritz 8 – Shredder 7
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.Sc3 Sf6 5.d3 d6
Ob von Menschen oder von Maschinen: Besser lässt sich eine Partie Schach nicht eröffnen. Wohl origineller, sicher innovativer, bestimmt auch attraktiver – aber nicht besser!
II. Punctus contra punctum
Szenenwechsel. Mainz, im Sommer 2002: Neben zahlreichen Amateuren treffen sich über 50 internationale Titelträger, darunter 14 sog. Super-Großmeister (= >2600 ELO) zu einem ganz besonderen Rapidschach-Spektakel: dem «Chess960-Open». (Sieger: GM Peter Svidler mit fulminanten 9 aus 11).
Hochkarätig besetzte Open gibt’s inzwischen wie Sand am Meer, doch dieses im Rahmen der «Chess Classic Mainz» organisierte «Chess960» zeichnete eine exquisite Spezialität aus: gespielt wurde nach den Regeln des sog. «Full Chess» (auch bekannt als «Fischer Random Chess»/FRC oder eben «Chess960»).
Zum Regelwerk (siehe auch hier:) dieses «Vollschachs» darf ich hier den Programmierer und FRC-Spezialisten Reinhard Scharnagl zitieren, der ein eifriger Verfechter dieser «Schach-Variante» ist und auf seiner instruktiven Homepage erläutert:
«Das FullChess unterscheidet sich nur unwesentlich vom traditionellen Schach:
a) die Anfangsstellung der Offiziere wird nach bestimmten Regeln ausgelost: der König steht immer irgendwo zwischen zwei Türmen, es gibt sowohl einen schwarzfeldrigen wie auch einen weissfeldrigen Läufer;
b) man hat spezielle Regeln für eine allgemeiner gefasste Rochade.»
Jedenfalls hatten sich in Mainz die Herren Großmeister (darunter so illustre Namen wie Jussupov, Vaganjan, Hort, Portisch, Lobron, Epishin oder Gallagher) also mit Anfangsstellungen wie z.B. der folgenden herumzuschlagen:
Eine der 960 FRC-Positionen
Bevor wir auf diese Anfangsposition im Zusammenhang mit Computerschach näher eingehen, mögen einige Zitate von Spitzenspielern die Verwirrung umschreiben, mit der auf diese (von Bobby Fischer 1996 in Buenos Aires proklamierte) Schach-Novität quer über alle Leistungsklassen hinweg reagiert wird:
- Alexandra Kostenjuk: «Für mich ist das nichts. Das ist zu kompliziert»
- Anand Viswanathan: «Chess960 ist wie eine Stadt ohne Stadtplan zu durchstreifen»
- Vadim Milov: «Nur Improvisation und Phantasie spielen eine Rolle»
- Dimitri Komarow: «Zu anstrengend. Man muss vom ersten Zug an kämpfen»
- Kiril Georgiew: «Ich habe Probleme mit der Eröffnung»
- Michael Adams: «Es ist sehr schwierig, eine schlechte Fischer-Random-Stellung zu verteidigen»
- Peter Svidler: «Schwarz sollte vielleicht häufiger symmetrische Stellungen anstreben»
- Krishnan Sasikiran: «Manchmal mache ich Züge, die ich im normalen Schach nie ausführen würde»
- Arthur Jussupow: «Probier’s einfach mal!»
Solche Äußerungen treffen genau die ungeheure Herausforderung, welche diese Erfindung des Jahrhundert-Genies Fischer an eine historisch gewachsene bzw. geschulte Schach-Denkweise stellt: Das prinzipielle Wirkungsgefüge der Figuren, auch die grundlegenden Strategeme des herkömmlichen Schach (dessen Grundstellung übrigens auch eine «Variante» des FRC ist!) bleiben erhalten, aber sie sind in total unkonventionellen, ja bizarren Konstellationen zu realisieren, und die «klassischen» Verhaltensweisen aller «Richtungen» und «Schulen» (inkl. die so erfolgreich-vielgerühmte Mustererkennung des traditionellen Großmeister-Schachs) werden völlig außer Kraft gesetzt. Definitiv ausgehebelt ist jegliches Memorieren von «Datenbank-Wissen», und sei es noch so enzyklopädisch. Die altehrwürdig-historische (und allzuoft historisierende) «Theorie» hat ausgespielt, auf schachliche Erfahrungswerte kann nur noch sehr rudimentär zurückgegriffen werden.
III. Fuga
Kehren wir nun wieder zu unserer obigen «VollSchach»-Grundstellung zurück, um zu überlegen, welche Anforderungen sie an die «Eröffnungsstrategie» stellt. Anschließend werde dieses zu absolutem Anti-Schablonen-Denken zwingende Figuren-Arrangement sechs der besten aktuellen Engines als Turnier-Grundlage vorgesetzt.
Zuvor ist allerdings noch ein kleiner Rochade-Exkurs vonnöten – denn leider ist ausgerechnet dieser interessante, das Spielgeschehen oft blitzartig verändernde Zug des Fischer-Random-Chess in gegenwärtiger Schach-Software meines Wissens noch nirgends implentiert. Wohl beginnen die ersten GUI’s die Option «Fischer-Schach» bereitzustellen – das dem FullChess vorausgegangene Shuffle-Chess ist schon seit längerem Menue-Punkt verschiedener Oberflächen -, doch mit dem spezifischen «Fischer-Rochieren» können die Programme (noch) nicht umgehen.
Die Chess960-Rochade funktioniert nach den folgenden Regeln (ich zitiere nochmals die oben erwähnte Homepage von Reinhard Scharnagl):
1. Rochieren ist nur zwischen jeweils noch unbewegtem König und Turm auf deren Grundreihe möglich.
2. Nach einer Rochade mit dem rechten Turm steht der König auf der g-Linie und der rochierte Turm auf der f-Linie, nach einer Rochade mit dem linken Turm steht der König auf der c-Linie und der rochierte Turm auf der d-Linie (es ist bei einigen Varianten sogar möglich, dass nur eine der Figuren ihre Position ändert).
3. Eine Rochade ist nur statthaft, falls zwischen dem König und seinem Zielfeld höchstens der beteiligte Turm steht, und wenn zwischen dem Turm und dessen Zielfeld höchstens der beteiligte König steht (daraus folgt insbesondere, dass die Felder zwischen beiden Figuren frei sein müssen).
4. Keines der Felder vom König bis zu seinem Zielfeld (beide inklusive) darf von Schach bedroht sein (speziell nach Schachgebot bleibt ein Rochieren also untersagt).
Berücksichtigend, dass für ein herkömmliches Programm ab obiger FRC-Stellung keine Rochaden mehr möglich sind, könnte sich eine erste oberflächliche Stellungseinschätzung folgendermaßen präsentieren:
1. Die Position ist – für FRC-Verhältnisse – relativ «einfach»: Die Damen können recht schnell entwickelt werden; die h-Läufer sind bereits aggressiv «fianchettiert»; die Springer werden schnell zentralisiert;
2. Ein Problem ist die Entwicklung der a-Türme, die nur umständlich durch die beiden Manöver a4/a5 & Ta3/Ta6 (schneller, aber schwächend) oder a3/a6 & Kh2/Kh6 (langsamer, aber sicher) in Position zu bringen sind;
3. Gute Bauernzüge könnten sein: 1.d3/d6 (d4/d5!?), g3/g6, f4/f5;
4. Ein extrem kombinatives Spiel (wie in zahlreichen anderen FRC-Startstellungen) ist nicht zu erwarten;
5. Die Eröffnungswahl ist entschieden eine Frage des Temperaments…
Um einen kleinen Vergleich Mensch-Maschine anstellen zu können, entnahm ich die fragliche Position dem Mainzer Turnier. Zur Illustration also einige «großmeisterlichen» Partie-Anfänge:
Teske-Dautov:
1.f4 g6 2.g4 d6 3.e4 c5 4.d3 Sc6 5.Lc3 Sd4 etc. ½-½
Svidler-Bologan:
1.f4 g6 2.e4 c5 3.Lf2 d6 4.d3 Lc6 5.Sde3 f5 6.g3 etc. 1-0
Lobron-Motylev:
1.g3 c5 2.c4 Sc6 3.d3 g5 4.Lc3 Lxc3 5.Sxc3 d6 etc. 0-1
Milov/V-Bischoff:
1.d4 g6 2.d5 e6 3.e4 exd5 4.exd5 d6 5.Lc3 Lxc3 etc. ½-½
Wie wir oben gesehen haben, sind Schachprogramme eindeutig im Hinblick auf das klassische Schach optimiert. Für die Bewertungsfunktionen einer Engine muss das FRC-Spiel also eine ebenso große Desorientierung sein, wie es Irritation ist für die Mustererkennung des Menschen.
Die folgende Partie zeigt das (60Min/Engine, P3/866Mhz, 128Mb Hash, PB off, 3-&4-Nalimov’s):
Fritz 8 – Hiarcs 8
1.d4?! Fritz war neben Shredder das zweite Programm, welches diesen zweischneidigen, wenn auch raumgreifenden Bauernvorstoß spielte. Denn nach 1…g5 ist der Bauer praktisch nur mit dem verpflichtenden 2.d5 vernünftig zu halten: c3 nähme dem d-Springer sein bestes Entwicklungsfeld, und e3 beengte unnötig die Dame. 2…g4? Völlige Orientierungslosigkeit! Der Zug schränkt weder die gegnerische Entwicklung ein, noch fördert er die eigene; und er ist weder drohend noch verteidigend. Ein Rückfall in die Zeiten der ersten Kaufhaus-Schachdinger vor über 20 Jahren… 3.Lc3 Lxc3 4.Sxc3 d6 Dass es gut ist, einen unentwickelten gegen einen bereits bedrohlich postierten Läufer abzutauschen, hat ein Fritz zwar intus, aber in frühestem Stadium seine Dame mit 5.Dh6? motivlos im Trüben fischen zu lassen straft die oben erwähnte, bewiesene Fähigkeit zum schnellen Entwickeln Lügen. 5…f5 6.h3 Sf7 7.Dh4 e5 8.hxg4 Txg4 9.Dh2 Tg6 10.g3 Th6 11.Dg2 FRC-Stellungen demonstrieren deprimierend, wie «un-menschlich» Schachprogramme spielen (können)… 11…Sg6 12.Sd2 Ld7 13.Df1 a6 14.Lg2 Ta7 Vielleicht der «interessanteste» Zug der ganzen Partie… Die «Haltlosigkeit» der Engines ist offensichtlich. Es scheint, als lasse Bobby Fischer jeglichen Programm-Code einfach ins Leere laufen. (Eher zufällig kam es in der Folge zu einem weißen gedeckten f-Freibauern, der Fritz schließlich im 54. Zug einen Endspiel-Sieg «bescherte»). 1-0
In obiger Partie kommt der Betrachter keinen Augenblick auf die Idee, dass das Ziel jeder Schachpartie das Mattsetzen des gegnerischen Königs ist. Ganz anders im nächsten Game: hier sucht der Weiße schon bald die Konfrontation am «Königsflügel». Auffallend ist, welch hohe Priorität Shredder der schnellen Entwicklung seines eingesperrten Turmes einräumt.
Es scheint überhaupt ein nützliches Strategem im FRC- bzw. Shuffle-Chess zu sein, sich grundsätzlich sofort der Entfaltung der problematischsten Figur/en zu widmen, da später, bedingt durch die unvermeidlichen kombinativen Scharmützel, dazu oft nicht mehr die Zeit bleibt. Denn viele Chess960-Start-Konfigurationen neigen entweder dazu, taktisch sehr schnell zu explodieren, oder dann wird per Abtausch-Serien das Mittelspiel gleich ganz umgangen. In beiden Fällen ist natürlich fatal, wenn eine oder mehrere Figur/en deutlich «lahmen».
Shredder 7 – CM9000/Kleinert
1.d4 e6 2.g4 g5 3.e3 d6 4.Dd2 Lc6 5.Lxc6 Sxc6 6.a4 f5 7.gxf5 exf5 8.Ta3 Se6 9.Tb3 g4 10.Sg3 Sg5 11.Dd3 Sf3 12.Th1 Tf8 13.Lc3 a6 14.h3 f4 15.Se2 fxe3 16.hxg4 exf2 17.Sxf2 Sg5 18.d5 Se5 19.De3 Tf3 20.Dxg5 Txf2 21.Sd4 De8 22.Tb4 Tf7 23.Te1 Df8 24.Sc6 Sxc6 25.dxc6 Lxc3 26.Txb7 Kc8 27.bxc3 Tf1 28.Txf1 Dxf1 29.Kb2 Df7 30.Tb4 h6 31.De3 1-0
Wieder völlig anders präsentiert sich das «Naturell» der Programme in dem folgenden Blitzkrieg. Er demonstriert das Aufeinandertreffen zweier total heterogener Engines: der Chessmaster als aggressiver «Bilderstürmer» (seine Königssicherheit tendiert oft gegen Null) zertrümmert den mit traditionellem Schachwissen hervorragend bestückten Fritz in nur 26 Zügen:
CM9000/Kleinert – Fritz 8
1.g4 g6 2.Sc3 c6 3.e3 Dc7 4.d4 d5 5.f4 Man beachte nun das folgende, an sich positionell höchst bemerkenswerte Fritz’sche Springer-Manöver: Über d7, b6 und c8 wird der c-Hüpfer auf das aussichtsreiche Feld d6 entwickelt. Solches Schach kann dazu führen, dass Programme wie Fritz inzwischen GM-Turniere gewinnen – im unerschlossenen Dschungel einer FRC-Stellung ist es einfach doof. 5…Sd7 6.Sd2 Sb6 7.a4 Sc8 8.Se2 Sd6 9.c4 dxc4 10.Sxc4 Ld7 11.e4 Rohe Gewalt gegen abwartendes Lavieren – und ein Stellungsbild für die Götter… 11…Lc8 12.Se3 f6 13.e5 Se8 14.Ta3 g5 15.Dc2 h6 16.Lg3 fxe5 17.fxe5 Während die aktuelle Number One der Schweden-Liste ihre Figuren auf der Grundreihe versammelt hat, stehen fast alle weißen Kämpfer zum finalen Punch bereit. Die Situation verdient ein Foto:
Der Rest ist Schweigen: 17…e6 18.Tc1 Dg7 19.d5 Sc7 20.dxc6 b6 21.a5 b5 22.Sc3 La6 23.Se4 Dg6 24.Sc5 Dxc2 25.Sxc2 Lc8 26.Sb4 1-0
IV. Postludium
Die Antwort auf die Frage, wie es möglich ist, dass eines der stärksten und erfolgreichsten Programme der Computerschach-Geschichte – erinnert sei nur an das unlängst beeindruckende 4:4 zwischen Fritz und BGN-Weltmeister Vladimir Kramnik in Bahrein – einen derart suizidalen Masochismus an den Tag legt, kann nur lauten: Je genauer bzw. erfolgreicher eine Software auf die Gesetze des traditionellen Schach abgestimmt ist, desto größere Schwierigkeiten hat sie in derart unorthodoxen Figurenkonstellationen.
Diese Feststellung ist bloß auf den ersten Blick trivial. Denn dem widerspricht die offensichtliche Performance; die beiden (wahrscheinlich) besten Programme im «Klassik»-Schach gewannen auch mein kleines Shuffle-Turnier.(Übrigens blieb die Hierarchie mehrheitlich auch im Mainzer «Chess960» gewahrt: die GM vor den IM, die IM vor den FM, Sieger wurde mit Svidler der gleichzeitig ELO-Stärkste).
Turnier «Chess960»
Programm 1 2 3 4 5 6
1 Shredder 7 ** ½1 10 1½ 1½ 01 6.5/10
2 Fritz 8 ½0 ** 1½ 00 11 11 6.0/10
3 Chess Tiger 14 01 0½ ** 11 ½½ 01 5.5/10
4 CM9000 Klein. 0½ 11 00 ** ½½ 10 4.5/10 22.75
5 Hiarcs 8 0½ 00 ½½ ½½ ** 11 4.5/10 19.25
6 Junior 7 10 00 10 01 00 ** 3.0/10
(60Min/Engine – P3/866Mhz 2003)
Natürlich ist dieses 30-Partien-Ranking statistisch irrelevant und obendrein mit dem erwähnten Rochade-Schönheitsfehler behaftet – zufällig aber, glaube ich, ist es nicht; das Ergebnis sähe ziemlich sicher auch nach 300 Partien sehr ähnlich aus. Denn da jede Engine hinsichtlich des Fischer-Schach vergleichbare Schwierigkeiten hat, sind insgesamt (wie im «richtigen Leben») halt doch wieder die am wenigsten schlechten die besten…
Mein vorläufiges Fazit:
Spielen Menschen «Fischer» oder «Shuffle», steht v.a. die allgemeine Spiel-Intelligenz auf dem Prüfstand. «Intelligentes Spiel» in diesem Falle meint zuvorderst einfach mal, die je bunt zusammengewürfelte Grundreihen-Schar in ein einigermaßen vernünftig koordiniertes Figurenspiel zu zwingen. Denn dieses ist die vielleicht größte Schwierigkeit beim Fischer-Random-Chess: die Organisation eines zielgerichteten Zusammenspiels des eigenen Heeres, dessen Kräfte in je total anderem Kontext als bisher agieren müssen.
Dieser letzten Forderung kann das dynamische Denken des Menschen weit eher entsprechen als das statische Evaluieren der Schach-Software. Ich kann jedenfalls nicht sehen, inwiefern bei Programmen das Studium des FRC-Verhaltens zu einer Verbesserung eben dieser Programme führen könnte. Es sei denn, man schriebe sie kräftig um, was aber wiederum mindestens eine der 960 möglichen Positionen ausklammerte – abgesehen davon, dass hier die Grenze zwischen «ändern» und «neu» sehr fließend wäre… Anders gesagt: «Chess960» ist für die momentanen Schachprogramme einfach 959 Mal ein völlig anderes Spiel. ■
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Wenn Schachspieler ihr Können verbessern möchten, bedeutet das in der Regel harte Arbeit. Gerade älteren Spielern mit Verpflichtungen wie Arbeit und Familie fällt es nicht leicht, ein lohnendes Training in regelmäßigen Abständen zu absolvieren. Kindern und Jugendlichen fallen dagegen viele Dinge auf spielerische Art zu, die Erwachsene sich hart erarbeiten müssen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Fülle an Informationen im Schach ganz besonders erdrückend ist. Man kauft irgendein beliebiges Buch über seine Lieblingseröffnung, und versucht mit Mühe ein paar Varianten zu behalten. Irgendwann legt man das Buch müde und frustriert aus der Hand, verbessert hat man sich dabei kaum. Sicher haben viele Schachspieler ähnliche Erfahrungen gesammelt.































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