Glarean Magazin

Gerhard Josten: «Aljechins Gambit»

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Exquisiter Roman um ein unsterbliches Schach-Genie

Thomas Binder

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Wenn es mir gelingt, einen Roman an einem Tage komplett durchzulesen, ist damit eigentlich schon genug des Lobes gesagt: Gerhard Josten hat es geschafft, mich mit «Aljechins Gambit» für ein paar Stunden an den Balkonstuhl zu fesseln und alles ringsherum vergessen zu lassen. Ich wollte eintauchen in die Mysterien um den vierten Weltmeister der Schachgeschichte Alexander Aljechin – und seinen bis heute nicht völlig geklärten plötzlichen Tod in einem portugiesischen Hotel.
Der Kölner Gerhard Josten (geb. 1938) ist als profunder Schachhistoriker sowie als Autor von Schachproblemen bekannt und geschätzt. Zu beiden Bereichen legte er bereits mehrere Sachbücher vor. Nach «Ein bisschen unsterblich wie Schach» (Roman, 2005) wagt er nun erneut den Spagat zur Belletristik mit schachlichem Hintergrund. Da die Schachwelt auf diesem Gebiet nicht eben mit viel Literatur verwöhnt ist, nehmen wir solche Angebote gerne wahr und freuen uns – zumal wenn sie so gut gelungen sind wie in diesem Fall.

Schachgenie bei der Arbeit: Aljechin an einer Simultanvorstellung (Berlin 1930)

Der Rezensent ging nicht ganz ohne Vorwissen an die Lektüre, hatte sich vor allem bei Edward Winter und in der bei Schachthemen gewöhnlich recht zuverlässigen deutschsprachigen Wikipedia kundig gemacht. Es blieben mehr Fragen als Antworten – und das Erstaunen darüber, dass eine scheinbar so gut bekannte Persönlichkeit nach nicht einmal einem Jahrhundert so viele biographische Unklarheiten offen lässt. So weiß Wikipedia nur von drei Ehefrauen, während das englische Pendant und auch Gerhard Josten deren vier benennen. Auch Aljechins Verstrickung in die politischen Wirren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist rätselhaft und faszinierend zugleich: 1919 von den Bolschewiki zum Tode verurteilt, möglicherweise von Trotzki persönlich gerettet und danach sogar noch als Jurist in Moskau  tätig…  Später heiratet er eine Schweizer Sozialdemokratin und eine russische Generalswitwe, um gegen Ende seines Lebens sogar in den Verdacht der Nazi-Kollaboration zu geraten.

Legendäres Bild eines legendären Todes einer Legende: Der tote Aljechin (angeblich erstickt in einem Lissaboner Hotel an einem Stück Fleisch - März 1946)

Um dieses Lebensende ranken sich nun zahlreiche Spekulationen, die auch den Ausgangspunkt der Handlung in Jostens neuestem Buch bilden. Bekannt ist, dass Alexander Aljechin am 24. März 1946 mit nur 53 Jahren unerwartet in einem Hotel des portugiesischen Seebades Estoril bei Lissabon verstarb. Das Foto des tot in einem Sessel zusammengesunkenen Weltmeisters gehört zum Kanon der Schachgeschichte.
Die offizielle Erklärung spricht davon, er sei beim Essen an einem Stück Fleisch erstickt. Ausgerechnet das weit verbreitete Foto nährt die Zweifel an dieser Version: Das vor ihm platzierte Essgeschirr ist leer und sauber. Der Leichnam lässt keine Zeichen eines Todeskampfes erkennen und trägt zudem einen dicken Wintermantel. Da ist es naheliegend, andere Todesursachen anzunehmen – zumal sich mit etwas Phantasie auf allen Seiten des schachlichen wie weltpolitischen Spektrums Ansatzpunkte für Verschwörungstheorien finden lassen, ganz abgesehen von einer möglichen Depression angesichts der eigenen wirtschaftlichen Lage und des absehbaren Endes der Herrschaft als Schachweltmeister. Zu den Protagonisten der Mord-Thesen gehört der kanadische Großmeister Kevin Spraggett, der sich intensiv mit der Angelegenheit beschäftigte.

Roman-Autor, Problem-Komponist, Schach-Historiker: Gerhard Josten

Unser Buch kommt in den ersten acht Kapiteln als eine klassische Kriminalerzählung daher. Es begegnen uns u.a. ein ehrgeiziger Kriminalkommissar, den der Fall weit mehr interessiert als dienstlich nötig, sein etwas begriffsstutziger Mitarbeiter, ein undurchsichtiger Hotelportier und eine attraktive Inspektorin in der Lissaboner Polizeizentrale. Wenn Ihnen das alles irgendwie bekannt vorkommt, lesen Sie vermutlich nicht ihren ersten Kriminalroman und erkennen, dass wir es hier eben mit einfachem aber gut gemachtem Krimi-Schriftsteller-Handwerk zu tun haben. Das Ganze ist flüssig zu lesen und lässt niemals Langeweile aufkommen. Der Autor verzichtet darauf, komplizierte Seitenstränge in die Handlung einzuflechten, arbeitet sozusagen «geradeaus» die Geschichte ab. Ist das vielleicht ein «schachliches» Denkmuster? Sei´s drum – der an Schach(geschichte) interessierte Leser kommt auf jeden Fall auf seine Kosten und wird das Buch nicht aus der Hand legen, solange er auf eine Lösung des Aljechin-Mysteriums hofft.

Gerhard Josten nimmt den bis heute ungeklärten Tod des vierten Schachweltmeisters Alexander Aljechin als Ausgangspunkt für einen klassischen Krimi. Kein S(ch)achbuch also, sondern ein höchst spannender Roman, der geeignet ist, die Schachspieler für eines der geheimnisvollsten Themata der Schachgeschichte zu interessieren.

Diese präsentiert Josten dann in den beiden letzten Abschnitten. Hier soll natürlich nicht verraten werden, wie die Geschichte ausgeht. Nur so viel: Der Autor und seine handelnden Personen gehören offenbar zu den Zweiflern an der offiziellen Todesursache. Letztlich schlägt sich Josten aber nicht auf die Seite einer der etablierten Theorien, sondern präsentiert eine eigene Lösung, bei der ein letztes Mal Aljechins Genialität auch außerhalb des Schachbretts aufzublitzen scheint. Der Titel des Buches «Aljechins Gambit» erhält plötzlich eine ganz unerwartete Bedeutung.
Jostens «Lösung» ist sicher kein ernsthafter Beitrag zur Diskussion um Aljechins frühen Tod und dessen ungeklärte Umstände. Sie erscheint dem Rezensenten nicht plausibler als andere Theorien, aber sie ist und bleibt eine erfrischende literarische Aufarbeitung des Themas und lenkt vielleicht das Interesse einer größeren Leserschaft auf das schachhistorische Mysterium und die in vieler Hinsicht faszinierende Persönlichkeit des vierten Schach-Weltmeisters. ■

Gerhard Josten, Aljechins Gambit – Roman, Verlag Helmut Ladwig, 150 Seiten, ISBN 9783941210349

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Göttinger Vorträge zur «Zukunft des Buches und der Note»

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«Belletristik ist nicht gefährdet»

Adrienne Lochte

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«Haptisches Vergnügen»: Buchpapier in der Hand

Die technische Entwicklung hat vor dem Buch nicht haltgemacht, E-Books sind auf dem Vormarsch. In den USA erzielen Publikumsverlage bereits fünf bis zehn Prozent ihres Umsatzes mit digitalen Büchern – ein Trend, der sich allerdings so noch nicht in in den deutschsprachigen Ländern durchgesetzt hat.
Der Verleger Klaus Gerhard Saur fasste die hierzulande vorerst zurückhaltende Entwicklung auf einem gemeinsamen Vortragsabend der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek (SUB) und der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen zum Thema «Die Zukunft des Buches – Die Zukunft der ,Note’» in Zahlen: Der Anteil von E-Books liege heute bei 1,2 Prozent, vor fünf Jahren sei es ein Prozent gewesen.
Dennoch wagt Saur, der bis zu seinem Ruhestand 2008 den international tätigen K.G. Saur Verlag geleitet hat, die Prognose, dass sich Nachschlagewerke wie Telefonbücher, Wörterbücher und Lexika in gedruckter Form auch weiterhin massiv reduzieren würden.

Kräftig auf dem Vormarsch: Die elektronischen «Book-Reader»

Die Belletristik, Kinderbücher, Lehrbücher und Kunstbände hält Saur hingegen für «nicht gefährdet». Texte auf dem Bildschirm flimmerten vorbei, «es bleibt nichts haften, das ist nichts für Lesetexte», meint Saur. Zudem baut er auf das «haptische Vergnügen», ein Buch in der Badewanne, am Bett oder auch am Strand genießen zu können. Zahlen stützen auch diese Annahme: Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland 92’000 Neuerscheinungen gedruckter Bücher, und die Zuwachsrate bei gedruckten Büchern in Entwicklungs- und Schwellenländern liegt bei über zehn Prozent.

Anders sieht die Entwicklung bei Notentexten aus. Andreas Waczkat, Professor am Musikwissenschaftlichen Seminar der Georg-August-Universität Göttingen, sprach zunächst von den Grenzen einer Verschriftlichung von Musik. Improvisation etwa könne gar nicht verschriftlicht werden, und auch in vielen nicht-westlichen Kulturen wird Musik nicht durch Notentexte repräsentiert. Das haptische Vergnügen spiele bei der Note auch keine besondere Rolle.

Vorteile der Online-Musiknotation und -Recherche: Screenshot der Neuen Mozart-Ausgabe (mit Kritischem Begleittext)

Die elektronischen Möglichkeiten in der Musik hingegen hätten einige Vorteile. Waczkat nennt als Beispiel u.a. die Homepage der Neuen Mozart-Ausgabe, auf der man neben den Noten gleichzeitig auch den kritischen Bericht sehen kann. Auch Notentexte, die anstatt auf einem Notenständer digital auf einem Bildschirm vor den Musikern erschienen, böten so manchen Vorzug: Einige Noten-Dateien ließen sich vergrößern, manche gar mit einem Knopfdruck in andere Tonarten transponieren. Und in der Luxusausgabe könnten die Seiten mit Hilfe eines Pedals virtuell umgeblättert werden… ■

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Adrienne Lochte ist Journalistin/Redakteurin und Pressereferentin der «Akademie der Wissenschaften zu Göttingen»

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Charlotte Thomas: «Der König der Komödianten»

Posted in Buch-Rezension, Charlotte Thomas, Günter Nawe, Literatur, Rezensionen by Walter Eigenmann on 19. Juli 2010

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Die Welt ist eine Bühne, und unser Stück ist das Leben

Günter Nawe

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Nach den spannenden und interessanten historischen Romanen – u.a. «Die Madonna von Murano» und «Die Lagune des Löwen» – erleben wir diesmal eine ganz andere Charlotte Thomas. «König der Komödianten» heißt ihr neuer Roman und ist auf seine Art in der Tat eine Komödie. Klassisch kommt er daher, wie die alte und herrliche Commedia dell’ Arte – und hat eine Menge mit ihr gemein.
Anders auch die Erzählform. Ein Ich-Erzähler diesmal. Die Autorin nimmt sich zurück, um auf diese Weise doch wieder ihrem Helden ganz nahe zu kommen, Marco, der sich schon mal täuschen lässt von «falschen Helden, falschen Schwertern und falschen Weibern» und ihre volle Sympathie hat. Und bald auch die Sympathie des Lesers.

Historien-Roman-Autorin Charlotte Thomas in Venedig

Worum geht es? Der junge Marco verlässt sein Kloster und schließt sich einer Gruppe von Komödianten an, fahrendem Volk, das durch das Veneto zieht, um die Leute mit ihrem Spiel zu erfreuen und zu unterhalten. In dieser Truppe, ein zusammengewürfelter Haufen herrlicher Typen, die alle mehr oder weniger den bekannten Figuren der Commedia gleichen oder sie spielen, findet Marco seine Erfüllung. Schnell steigt er, der irgendwann einmal seinen «leidenschaftlichen Hang zum Schreiben» entdeckt, vom Kulissenschieber zum Theaterdichter auf.
«Die Welt ist unsere Bühne, und unser Stück ist das Leben, und wenn es sich gerade fügt, geben wir unser Spiel vor anderen zum Besten», heißt es an einer Stelle. Nun ist das Leben auf dieser Bühne nicht immer lustig. Das Repertoire an Stücken der «Incomparabili» (der «Unvergleichlichen») ist begrenzt, und meist reichen die Einnahmen auf den Straßen und Plätzen von Padua und Venedig kaum zum Leben. So kommt Marco als «Theaterdichter» gerade recht. Mit ihm kommt aber auch das Abenteuer. Denn Marcos Herkunft birgt ein für ihn selbst und dann auch für die Theatergruppe gefährliches Geheimnis.

Pantomime, Satire, Musik und Tanz in der italienischen Commedia dell’Arte (Antoine Watteau, 1720)

Diese abenteuerliche Geschichte erzählt Charlotte Thomas routiniert und sehr intelligent, mit vielen spannenden Erlebnissen und vor allem mit viel komödiantischem Geschick. So jagt, um es etwas platt zu sagen, ein «Gag» den anderen – manchmal sogar etwas zu oft.

Der Leser aber glaubt sich wirklich «im Theater», in einer herrlichen Komödie vor einer wunderbaren Kulisse, der Charlotte Thomas auch noch einen anderen Aspekt gibt. Sie erzählt ein Stück Geschichte der Commedia dell’ Arte, also ein Stück Theatergeschichte, garniert mit Zitaten und Verweisen aus zeitgenössischen Stücken. Indirekt treten auch einige Autoren auf die «Bühne»: zum Beispiel Plautus und Terenz und der unvergleichliche Shakespeare mit seinen Komödien.

Ein spannender historischer Roman, der schon wegen des Sujets eine besondere Qualität hat. Charlotte Thomas, mittlerweile in der vorderen Reihe von Autoren dieses Genres, ist es wieder einmal gelungen, eine phantasievolle Story mit interessanten historischen Fakten zu verbinden und so einen unterhaltsamen Roman zu schreiben.

Und Marco? Der Junge lernt das Leben kennen, Gefahren zu bestehen; er lernt, natürlich, die Liebe kennen. Nicht nur die komödiantischen Verwicklungen, auch die biographischen Entwicklungen bestimmen ein Leben, das er nach und nach zu meistern weiß – mit dem klassischen «Ende gut, alles gut». Und das gilt auch für den Leser dieses Romans. ■

Charlotte Thomas, Der König der Komödianten, Roman 696 Seiten, Lübbe Verlag, ISBN 978-343-103-807-1

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Leseproben

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Rolf Bauerdick: «Wie die Madonna auf den Mond kam»

Posted in Bernd Giehl, Buch-Rezension, Literatur, Rezensionen, Rolf Bauerdick by Walter Eigenmann on 26. November 2009

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Interessante Bewältigung eines komplizierten Stoffes

Bernd Giehl

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Rolf Bauerdick, Jahrgang 1957, studierte Literaturwissenschaft und Theologie, bevor er sich dem Journalismus zuwandte. Er hat Reportagereisen in rund sechzig Länder unternommen – nun legt er mit «Wie die Madonna auf den Mond kam» seinen ersten Roman vor.
Von Mal zu Mal wird die Theorie atemberaubender, die die beiden Helden des Buches, Ilja Botev und sein Freund, der Zigeuner Dimitru Gabor da zusammenspinnen. Das Buch beginnt mit dem Flug des ersten, noch unbemannten Weltraumfahrzeugs, des «Sputnik 1» der großen heldenhaften Sowjetunion am 5. November 1957. Und schon an diesem Tag wird die Verschrobenheit der beiden Freunde deutlich, die mit einem Trichter in den Weltraum horchen, um die Signale des Sputniks aufzufangen. In was für einen Wahn sich diese beiden liebenswerten Männer allerdings noch hineinsteigern werden, ahnt der Leser zu Beginn des Buches noch nicht. Denn erst einmal geht es um einen anderen Erzählfaden, nämlich das Verschwinden der versoffenen und eigentlich gar nicht so beliebten Lehrerin an der einklassigen Volksschule in Baia Luna, Angela Barbulescu, von allen nur «die Barbu» genannt. Finstere Mächte scheinen ihre Finger im Spiel zu haben, denn der Ich-Erzähler, Pavel Botev, der Enkel Iljas, hat nicht nur ein Foto gesehen, auf dem die junge, hübsche Barbu in einer Orgie mit dem (späteren) Parteibonzen Dr. Stefan Stefanescu zu sehen ist, sondern er hat auch ihr Tagebuch gefunden, das sie vor ihrem Verschwinden im Pfarrhaus des Dorfes versteckt hat. Und dann wird auch noch dem im Dorf beliebten Priester Johannes Baptiste der Hals durchgeschnitten. Später, als die Barbu auf dem Mondberg tot an einem Baum hängend gefunden wird, glaubt das Dorf, die Lehrerin habe den Pfarrer ermordet. Nur Pavel ist davon überzeugt, dass die kommunistische Partei hinter den mysteriösen Todesfällen steckt, und er beschließt, den Auftrag, den ihm die Barbu kurz vor ihrem Verschwinden gegeben hat, nämlich Stefanescu zu vernichten, in die Tat umzusetzen.

Rolf Bauerdick

Das ist der eine Strang des Romans. Der andere ergibt sich aus der Theorie, die Dimitru in die Welt setzt, und der der Großvater Ilja mehr und mehr verfällt. Dimitru und Ilja glauben nämlich, dass die Sowjetunion mit ihrem Schritt in den Weltraum nicht nur beweisen wolle, dass sie den Amerikanern überlegen sind, sondern dass sie vielmehr Amerika und dessen Währung, den Dollar, vernichten wollen. Das würde den Sowjets dann gelingen, wenn sie beweisen könnten, dass Gott nicht existiert. Schließlich steht ja auf jedem Dollarschein «In God we trust.» Der Plan, den die Russen ausgeheckt haben, ist äußerst raffiniert. Die Russen wollen nämlich auf dem Mond landen und damit der Jungfrau Maria an den Kragen. Klar ist nämlich, dass die Jungfrau Maria sich – nach ihrer leiblichen Himmelfahrt – nur auf dem Mond befinden kann. Beweis: Die Madonnen-Statue, die viele Jahre in der Kirche von Baia Luna stand, und die nun verschwunden ist, stand auf einer Sichel. Und diese Sichel kann nur der Mond sein. Also tauschen die beiden, angestachelt von Pavel, den Fernseher, den Dimitru vor Jahren dem Großvater zu seinem 55. Geburtstag geschenkt hat, in einem Geschäft der Provinzhauptstadt gegen ein Himmelsfernrohr und die Ausrüstung eines Fotolabors. Dass Pavel, der vor allem an dem Fotolabor interessiert ist, dabei seine ganz eigenen Absichten hat, verrät der natürlich nicht. Das Fotolabor braucht Pavel für seine eigenen Pläne mit Stefanescu, den er mit einem alten Foto vernichten will, was ihm aber nicht gelingt. Stattdessen bringt er seine eigenen Leute in höchste Gefahr. Dann landen die Amerikaner 1969 auf dem Mond, aber leider im falschen Krater, im «Mare Tranquilitatis» statt im «Mare Serenitatis», wo Maria ihr letztes Domizil aufgeschlagen hat, wie Dimitru es bei seinen theologischen Studien herausgefunden hat. Kurzum: die ganze Welt hat sich gegen die beiden Freunde verschworen. Sogar der Papst ist Mitglied dieser weltweiten Verschwörung, weil er im Zweiten Vatikanischen Konzil verkündet hat, das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel sei nicht wörtlich zu nehmen. Wie das Unglück es will, wird in dieser Zeit ein neuer Pfarrer in Baia Luna eingeführt, und der erzählt den Leuten in seiner ersten Predigt davon, was Ilja Botev derart auf die Palme bringt, dass er einen Eklat in der Kirche veranstaltet. Es bleibt ihm nur noch die Möglichkeit, Präsident Richard Nixon, der gerade im Begriff ist, die Hauptstadt «Transmontaniens» («Hinter den Bergen») zu besuchen, mit einem persönlichen Brief vor den Folgen zu warnen…

Rolf Bauerdick ist ein sehr schöner und auch ziemlich schräger Roman gelungen. Natürlich soll hier nicht verraten werden, wie das Buch ausgeht. Nur so viel sei noch dazu gesagt: Es ist spannend und komisch; manchmal habe ich Tränen gelacht und andere Male das Buch nicht aus der Hand legen können, bis ich wusste, wie Pavel und die anderen sich aus der Gefahr retten konnten. Es hat auch seine Widersprüchlichkeiten – vor allem in der Person Dimitrus, der einerseits auf eine fast rührend naive Weise an die Religion glaubt und der andererseits, ohne mit der Wimper zu zucken, Reliquien wie die Muttermilch aus den Brüsten der Heiligen Jungfrau herstellen kann, die er dann gegen bares Geld an orthodoxe Klöster verkauft, um zum Beispiel seinem Freund Ilja einen Fernseher zum Geburtstag schenken zu können. Es ist ein Buch, das in einem fiktiven Land, nämlich «Transmontanien» spielt und das doch auf fast jeder Seite das reale Vorbild, Rumänien, durchscheinen lässt. Wer seine (westliche) Überlegenheit ausspielen will, der wird behaupten, dass die Menschen in diesem Buch ja wirklich «hinter den sieben Bergen wohnen», dass sie Hinterweltler sind. Aber offensichtlich hat Bauerdick begriffen, dass religiöse Menschen nicht per se Heuchler sein müssen. Hier zumindest ist es der christliche Glaube, der seine Helden formt, so biblizistisch und abergläubisch er im Übrigen auch ausgestaltet sein mag. Zumindest die wichtigsten Personen des Buchs, Pavel, sein Großvater Ilja und Dimitru, aber auch der Priester Johannes Baptiste sind Menschen mit einem großen, weiten Herzen; daran ändert alle Verschrobenheit nichts.
Mir gefällt, wie Bauerdick Leitmotive schafft, die sich durch das ganze Buch durchziehen. Die Madonna ist so ein Leitmotiv; die Freiheitsstatue in New York ein anderes. An der Sprache hätte, unter Mitwirkung eines umsichtigeren Lektorats, noch gefeilt werden können. Aber Bauerdick hat es geschafft, einen ziemlich komplizierten Stoff so darzubieten, dass das Buch nirgendwo angestrengt wirkt. ■

Rolf Bauerdick, Wie die Madonna auf den Mond kam, Roman, 516 Seiten, Deutsche Verlagsanstalt, ISBN 978-3-421-04446-4

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Leseproben


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Mauricio Botero: «Don Ottos Klassikkabinett»

Posted in Buch-Rezension, Literatur, Mauricio Botero, Musik, Rezensionen by Walter Eigenmann on 15. August 2009

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Musikalische Poesie für feinsinnige Gourmets

Walter Eigenmann

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Botero_Don Ottos Klassikkabinett_CoverWas geschieht, wenn ein feinsinniger Dichter wie der Kolumbianer Mauricio Botero der Musik als seiner großen Liebe ein Poesie-Bändchen widmet? Es geschieht «Don Ottos Klassikkabinett». Das sind 31 Geschichten und Geschichtchen, vielmehr: 31 Albumblätter, die je ein bedeutsames bzw. berühmtes Stück der Musikgeschichte zum Anfangs- und Endpunkt von menschlichen und zugleich philosophischen bis witzigen Begegnungen nehmen. Auf eine wirklich so unnachahmliche Art, dass man meint, beim Lesen die Aura selbst des fraglichen Werkes ins Ohr zu kriegen.

Eigentlich ist «Don» Otto Roldán nur ein unscheinbarer CD-Verkäufer, der im «Chapinero», einem äußerst belebten Viertel im Nordosten von Kolumbiens Hauptstadt Bogotá, und zwar gleich gegenüber der gewaltigen «Nuestra Señora de Lourdes», gemeinsam mit seiner treuen Gehilfin Adela einen offenbar gutgehenden Musikladen betreibt. In diesem seinem Hort zur Musikalischen Einkehr, genannt «La Caja de Música» (Die Musikschachtel), empfängt Don Otto nun tagtäglich Fremde, Käufer, Leute, Menschen: «Schweigsame, harmonische, atonale oder misstönende Menschen kommen hier vorbei. Auf der Suche nach den großen Werken bevölkern sie die Partitur des Lebens.»
Und da trifft er sie denn alle, die schrillen Choleriker oder stillen Melancholiker, die diskutierfreudigen Intellektuellen oder maulfaulen Bauern, die kulturbeflissene Lehrerin oder die versnobte Direktorenfrau, den ausgeflippten Teenager oder den korrekten Buchhalter – und was der Stereotypen mehr sind.
Denn ums psychofiligrane Zeichnen von Figuren geht’s in diesem kunterbunten Botero-«Kabinett» der Personen und Stücke nicht so sehr als vielmehr darum, wie alle diese Gebildeten oder Doofen, Neugierigen oder Gelangweilten, Hoffnungsvollen oder Leidenden, Erfolgreichen oder Gestrandeten mit Musik agieren, auf Musik reagieren – und damit über sich und die Werke und das un-erhörte Dazwischen eine erstaunliche Menge preisgeben.
Da steht dann plötzlich eine Horde Punks in Don Ottos Laden, «mit Haaren in Farben, wie die Natur sie nicht nachzuahmen versucht», und verlangt «nach einem kleinen Juwel von Messiaen, Das Erwachen der Vögel», welches Don Otto ungern hergibt, weil einziges Exemplar, aber dann die CD doch an die erstaunlich wissensdurstigen Punks verkauft, weil sie ihn um «ein Vorurteil ärmer» machten; Dann wären da die zwei miniberockten jungen Wasserstoff-Blondinen, die just zum «Allegro vivace» aus Beethovens dreizehnter Klaviersonate hereingestöckelt kommen «wie die Leichte Kavallerie von Franz von Suppé» und nach was «schönem Klassischem» verlangen, wonach Vivaldis «Vier Jahreszeiten» ins Gespräch kommen, aber auch Fragen nach dem Zölibat des Prete rosso und seiner WG mit zwei Schwestern; Oder dann war da Elena, die Schwarz trug, Latein konnte, «sich in irgendeinem nächtlich Bezirk verlaufen hatte, so dass sie heute keine Sonne mehr finden kann» – und nervös nach «irgendeinem» Requiem suchte, bei dem «durchschimmernd hellen Werk» von Fauré fündig wurde, um damit schließlich «zur Ruhe zu kommen», sodann die Handtasche zu öffnen, eine Pistole hervorzuziehen und sich in die Schläfe zu schießen; Oder beispielsweise jener «weder alte noch junge» Mann, der einen körperlichen Tick nach dem anderen zeitigt, je länger er in Ottos Laden der «Schöpfung» Haydns zuhört, und sich zu schlechter Letzt, nach einem tiefen Gespräch über Musik und Gott, als «ein einziges zuckendes Nervenbündel» aufmacht «in die durchscheinende Einsamkeit Bogotas, die voller Licht ist, auch wenn die Sonne sich manchmal gar nicht zeigt.»

Mauricio Botero

Mauricio Botero (*1948)

Mauricio Botero ist, offensichtlich von einer hervorragend nachdichtenden Übersetzung aus dem Spanischen durch Peter Kultzen unterstützt, in diesem «Klassikkabinett» ein Virtuose des szenischen Kontrasts und der frappanten Skurillität ebenso wie der (musik-)ästhetischen Reflexion und des entlarvenden Dialogs, ein Meister der buchstäblich leisen Töne, doch auch des schockierenden Paukenschlages. Keines seiner Kapitel ohne Humor, ja Sprachwitz, aber auch keines ohne feingewogenen Hintersinn – sei’s nun der «besprochenen» Musikstücke, sei’s der «behandelten» Menschen. Der kleine CD-Laden des Don Otto gerät so zum Abbild eines wahren kulturgeschichtlichen Kosmos’, auch wenn es sich bei den vielen zitierten Tonwerken von Händel bis Bartok um ausnahmslos sehr berühmte Stücke handelt, denen diese «Neuentdeckung» durch Don Ottos Klassik- bzw. Horrorkabinett höchst gut tut (und welche die Lektüre auch für musikalische Laien sehr zum Gewinn macht!).
Verführerisch ist es dabei, Boteros 31 Kleinode des ebenso informativen wie pointenreichen Reisens durch Musik- und Menschen- und Gedankenwelten in einem Aufguss zu verschlingen, so bescheiden, ja unscheinbar kommen diese Geschichtchen daher. Doch nichts dümmer als das; vielmehr sind sie wohldosiert zu genießen, um ihren je unverwechselbaren Gout zu spüren, nehme man unbedingt nur einen oder zwei Bissen aufs Mal zu sich, sonst verliert dies spezielle Gericht seine geschmacklichen Verknüpfungen. «Don Ottos Klassikkabinett» bedarf des langsamen Genusses eines jeden einzelnen Häppchens, damit sich das reiche Gesamt-Bouquet entfalten kann. Ein Gourmet-Mahl für «Kenner und Liebhaber» und für «stille Genießer» – ein intellektuelles Vergnügen. Jedenfalls war es höchste Zeit, dass ein europäischer Verlag sich dieses hierzulande völlig unbekannten Schriftstellers annahm (Boteros «Klassikkabinett» erschien im Orignal bereits 2001 in Kolumbien und wurde dort noch im gleichen Jahr mit dem Premio Nacional de Cuento ausgezeichnet), zumal in dieser schmucken Form eines sorgfältig gestalteten Geschenkbändchens. Eine sehr verdienstvolle Entdeckung des Zürcher Unionsverlages.

Mauricio Botero, Don Ottos Klassikkabinett, Unionsverlag, 188 Seiten, ISBN 978-3293004092

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Inhalt

Vorbemerkung – Das Erwachen der Vögel – Vivaldi – Borodin – Bela Bartok – Das wohltemperierte Klavier – Beethoven – Händel – Johann Sebastian Bach – Prokofiew – Mozart – Opus 70 Nr. 1 (Geistertrio) – Brahms – Adagio und Lumen – Schola Cantorum Romana – Ave verum corpus – Pange lingua (Modus tertius) – Die Klaviersonate Nr.31 – Requiem – Ouvertüre 1812 – Espana – Tantum ergo – Schumann – Schubert – Polonaisen – Strauss – Rigoletto – Telemann – Adagio molto delicato – Die Schöpfung – Symphonie mit dem Paukenschlag – Die siebte Symphonie in A-Dur

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Probeseiten

Botero_Don Ottos Klassikkabinett_Probeseite1

Botero_Don Ottos Klassikkabinett_Probeseite2

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Essay: «Wozu Literatur?»

Posted in Arnold Leifert, Essays & Aufsätze, Kultur&Gesellschaft, Literatur by Walter Eigenmann on 21. März 2008

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Der literarische Text als Geschehnis

Arnold Leifert

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arnold-leifert2.jpg«Wozu Literatur?»- Was denn versteht der Fragende unter «Literatur»?1) Und selbst wenn mit dem Stichwort «Belletristik» geantwortet wird – dies ist beruhigend, denn für alle andere, primär und nur unterhaltende, vielleicht auch triviale Literatur beantwortet sich die Frage selbst, – «Belletristik» also, poetische und prosaische Literatur: Der Roman, die Novelle, die kurzen Formen der modernen Prosa, das Drama, das Hörspiel, das Gedicht…
Auf den ersten Blick könnte man versucht sein, für die verschiedenen Gattungen auch verschiedene Antworten finden zu wollen. Allein: in der deutschen Literatur von 1945 bis heute verweigern sich alle Gattungen dieser Frage, und bekennen sich zugleich ebenso alle zu dieser Frage: «Wozu?»
Wonach aber fragt sie? Nach dem Selbstverständnis des Autors, im Sinne einer ihn treibenden Zielsetzung, Intention, gar Absicht der (Welt-)Veränderung? Oder ist sie gestellt aus der Überschau-Sicht des Historikers und Literatur-Theoretikers, der die Wirkungsgeschichte einzelner Werke oder Epochen im nachhinein und de facto versucht aufzuspüren?
Wozu Literatur? – Grammatikalisch suggeriert dies eine Auskunft über den «Zweck» dieses etwas «verdächtig nutzlosen Unterfangens» namens Literatur. Und heute diese Frage zu stellen, in einer Zeit pervers auf die Spitze getriebenen, technokratischen wie materialistischen Zweckansinnens an alles menschliche Tun, scheint tatsächlich provokant notwendig. astrid-lindgren-arbeitszimmer.jpgDie Zyniker unter den «Realisten» und Machern in unserer heutigen literarischen Welt haben die Frage längst in ihrem merkantilen Sinne beantwortet: Der Literaturbetrieb, die großen Verlage leben von der «großen Auflage»; ein Buch, das sich eignet, wird «gemacht», die Kasse stimmt, der «Zweck» ist erfüllt. Eine nicht zu unterschätzende Entwicklung; denn schon heute beginnt dieser marktorientierte Umgang mit Literatur das eigentliche Bild unserer literarischen Jahre nachhaltig zu verzerren und zu verschleiern.
Immer wieder kann man in Interviews, Gesprächen, poetologischen Exkursen usw. erleben, dass – und es sind wahrscheinlich die meisten von ihnen – die Autoren aller Gattungen, wenn sie gefragt werden: «Zu welchem Zweck schreiben Sie? Glauben Sie, mit Literatur gesellschaftlich etwas verändern zu können?», diese Frage verneinen: «Zunächst schreibe ich für mich selbst! Über die Wirkungslosigkeit von Literatur mache ich mir keine Illusionen!»
Dass bei diesen Antworten dennoch auch heutigen Autoren diese Frage immer wieder gestellt wird, erklärt sich wahrscheinlich aus der Entwicklung der deutschen Nachkriegsliteratur selbst. Sah es in ihr – und einige kurze Jahre sogar ganz entschieden – doch eigentlich so aus, als gingen eine ganze Reihe von Literaten durchaus von so etwas wie einer politischen Intention beim Schreiben aus.
akzente_1954.jpgSicherlich ist es nicht zufällig, dass ausgerechnet im Jahr 1968 der von da an alleinige Herausgeber der wichtigsten deutschen Literaturzeitschrift, Hans Bender, den «Akzenten» einen neuen Untertitel gab. Hatte sie von ihrer Gründung 1954 bis 6/67 «Zeitschrift für Dichtung» geheißen, hieß sie nun «Zeitschrift für Literatur». Bender formulierte als Begründung u.a.: «Literatur ist […] der weitere Begriff […] Weiter, weil Literatur die Tendenz, in die Zeit wirken zu wollen, nicht verneint, sondern bejaht» (Hans Bender: An die Leser, Akzente 1/68).
Fünf Jahre später sieht Bender sich in der Einschätzung dieser Tendenz bestätigt und schreibt im ersten Heft des 20. Jahrgangs: «Heute gibt es kaum noch einen Widerspruch, wenn nachgewiesen wird, wodurch die westdeutsche Literatur in den letzten Jahren mehr Beachtung und Wirksamkeit erzielt hat. Vor allem doch durch die Mitsprache in der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung» (H. Bender: Von der Dichtung zur Literatur, Akzente 1-2/73).
Gemeint waren damit sicherlich nicht allein, aber vor allem die Autoren der ersten Generation der «Gruppe 47». Themen und Stoffe der Auseinandersetzung mit erlebtem Faschismus und Krieg, dann aber zunehmend Kritik an der gesellschaftlichen Entwicklung der neuen Republik. Wichtig in unserm Zusammenhang: Die neuen deutschen Autoren hatten ihren Weg gefunden von der apolitischen, zurückgezogenen Dichtungstradition hin zur Literatur der politischen Einmischung.
gruppe-47_berlin-1965.jpgEin deutlich erkennbares, gesellschafts-politisch orientiertes «Wozu?» war Bekenntnis für literarisches Arbeiten. Heinz Ludwig Arnold pointiert: «So war die Gruppe 47 auch eine moralische Institution, nicht nur eine literarische Clique» (H. L. Arnold: Die drei Sprünge der westdeutschen Literatur, Akzente 1-2/1993). Breite Übereinstimmung im Selbst-Verständnis und in der Formu-lierung neuer Aufgaben zeiteingebundener Literatur. Hans Magnus Enzensberger 1962: «Deshalb halte ich dafür, dass die kritische Position unteilbar ist. Sie hat nicht Bewältigung oder Aggression im Sinn; Kritik, wie sie hier versucht wird, will ihre Gegenstände nicht abfertigen oder liquidieren, sondern dem zweiten Blick aussetzen: Revision, nicht Revolution ist ihre Absicht» (H. M. Enzensberger: Einzelheiten, Frankfurt/Main 1962).
Die radikalste Zuspitzung allerdings erfuhr dieses Wozu?-Bekenntnis schon weitere fünf Jahre später, als der gleiche H. M. Enzensberger mit Beginn der Studentenproteste gerade diesen revisionistischen Ansatz geisselt und als Gebot der Stunde 1967 formuliert: «Tatsächlich sind wir heute nicht dem Kommunismus konfrontiert, sondern der Revolution. Das politische System in der Bundesrepublik lässt sich nicht mehr reparieren. Wir können ihm zustimmen, oder wir müssen es durch ein neues System ersetzen. Tertium non dabitur. Nicht die Schriftsteller haben die Alternative auf dieses Extrem begrenzt; im Gegenteil, seit 20 Jahren bemühen sie sich, das zu vermeiden. Die Macht des Staates selbst sorgt dafür, dass die Revolution nicht nur notwendig wird (sie wäre 1945 notwendig gewesen), sondern auch denkbar» (H. M. Enzensberger: Schriftsteller und Politik, Times Literary Supplement, 1967).
erich-fried.jpgEine ganze Generation damals beginnender junger Autoren – nicht zuletzt im Kreis auch um Erich Fried – nahm diesen Aufruf zum eigenen Programm: Literatur musste vor allem politisch relevant sein! Eine fast unübersehbare Menge – auch kleiner und kleinster – Literaturzeitschriften aus dieser Zeit zeugt davon. Und es entstand eine Tradition politischer Literatur, die – bei allen noch so unterschiedlichen formalen und inhaltlichen Ausformungen – bis heute angehalten hat. Von der «Gruppe 61» über Werkkreis-Literatur, Reportage-Literatur, die politische Lyrik mit ihrem breiten Spektrum, das politische Lied, das Drama, bis zur Auseinandersetzung mit der deutsch-deutschen Problematik bei DDR- und BRD-Autoren und hin zu den jüngsten Jahren literarischer Arbeiten über die beiden deutschen Gesellschaften und ihre Wiedervereinigung. Dass daneben gerade auch seit «68» eine zweite literarische Strömung – apolitischer, formalistischer, bis hin zu konkreter Poesie und Wiener Schule – entsteht und an Bedeutung gewinnt, sei hier nur angemerkt.
Das anfangs gefragte «Wozu?», somit von seiten der «Autorenintention» beantwortet, – in der gleichen geschichtlichen Entwicklung beginnt auch die Antwort auf die Frage nach dem «Wozu?» im Sinne einer tatsächlichen «Wirkung» von Literatur, findet sich hier doch – zumindest für die deutsche Nachkriegsgeschichte – ein kaum widersprochenes Beispiel für die gesellschaftliche Wirkung (auch) von Literatur.
unter-den-talaren.jpgNoch einmal sei H. M. Enzensberger zitiert. Denn wenn er auch 1995 im Gespräch mit André Müller seine eigenen Aufrufe von 1968 als «gedroschene Phrasen» entlarvt, ein historisches Ergebnis der damaligen emanzipato-rischen Bewegung bleibt ihm: «Die Studentenrevolte war zivilisatorisch eine Notwendigkeit […] Sie können doch nicht wegdiskutieren, dass die Menschen in diesem Lande heute ein ganz anderes Selbstbewusstsein als damals haben. […] Die fünfziger Jahre […] muffig, reaktionär. Nichts hat sich bewegt […] 1968 ging es darum, eine autoritätsfixierte Gesellschaft in eine mehr demokratische zu verwandeln. […] Die Bundesrepublik, wie wir sie heute kennen, ist doch damals überhaupt erst entstanden […] Der Obrigkeitsstaat existiert nicht mehr. Den hatten wir aber.» (H. M. Enzensberger / A. Müller, Die Zeit Nr. 4/20, 1995).
Man mag Enzensberger in dieser Wertung zustimmen oder nicht, die Veränderung – insbesondere im Umgang mit Autorität – ist nicht zu leugnen. Und so, wie die studentische Revolte nicht zu trennen ist von der sie begleitenden, mit vorwärts treibenden, ihr kulturelles Fundament gebenden und sie fortführenden verschiedenartigsten Literatur, so ist ebenso kaum zu erforschen, welchen Anteil an diesem Emanzipationsschub (in Kopf und Herzen der Menschen) nun Demonstrationen und Aktionen und welchen die Literatur hatte und hat, mit ihren mannigfaltigen Erscheinungs- und Veranstaltungsformen. Dass Literatur mit-verändert hat, wird nicht zu widerlegen sein.

Exkurs: Das Lyrische Ich

Aber vielleicht sollten wir von sogenannter «politischer Literatur» einmal ganz absehen:

DU

am Morgen danach
hüpfe ich
von Pflasterstein
zu Pflasterstein
und keiner sieht es

Die Frage «Wozu Literatur?» wurde an das vorstehende, über jede politische Absicht erhabene, kleine Gedicht niemals gestellt. Wohl aber sehr viele andere, verschiedenste Fragen wurden seinetwegen an den Autor gerichtet, bei den unterschiedlichsten Anlässen. Fragen, die, indem sie von Zuhörern und Lesern gestellt wurden, auch dem Autor dieses auffällig kleingeratene Kind seiner selbst von Mal zu Mal näherbrachten.
Ursprünglich wegen Zwergwuchses und vielleicht doch zu auffälligen Untergewichts gar nicht erst ins Manuskript eines neuen Lyrikbandes aufgenommen, tauchte es ganz plötzlich aus der Sendung an den Literaturredakteur einer Zeitschrift wieder auf, wurde brieflich gestreichelt und fand so Eingang in die neue Sammlung. Dann schließlich, von dem Literaturwissenschaftler Thomas Bleicher in einem öffentlichen Vortrag als «eines der wenigen positiven Liebesgedichte der 80er Jahre» bezeichnet, behauptete es sich schnell im Kanon des Bandes wie bei Lesungen. «Sie sollten’s als Postkarte drucken, damit man’s schnell bei der Hand hat, schnell verschicken kann, wenn die Nacht so war und der Morgen so ist!», schlug man dem Autor vor.
«Aber sagen Sie mal: Ich habe das gestern abend noch mal gelesen, habe mir heut die Pflastersteine auf der Straße angesehen, die liegen doch recht eng beieinander!» Auf die etwas hilflose Gegenfrage des Autors: «Hätte ich ’von Platte zu Platte’ sagen sollen?», hilft ein Zuhörer: «Na also, dann überspringt er eben mehrere Pflastersteine dazwischen; wie viele, das hängt dann davon ab, was in der Nacht geschah! In jedem Fall ist etwas Schönes passiert. Das Gedicht strahlt Freude aus!»
«Heimliche Freude!? Es ist so etwas heimlich Verschmitztes darin. Ich kann mir beides vorstellen: Also der (oder eigentlich auch die) auf dem Heimweg am Morgen ist allein auf seinem Weg und hüpft wirklich, wie ein Tanzen aus Freude, oder er/sie geht zwischen vielen Menschen zum Bahnhof z.B. und hüpft innerlich, ‘und keiner sieht es’.»
«Ist Ihnen das so passiert? Es hat so etwas ungeheuer Vitales, fast ein Platzen vor Freude!»
«Das geht mir zu weit. Ihr scheint alle nur von dem einen auszugehen: eine schöne erotische Nacht, zwischen einem Mann (er hat’s ja geschrieben) und einer Frau oder auch umgekehrt (doch, ich kann’s mir auch vorstellen als Liebesbrief an meinen Freund, sagt das junge Mädchen), nein nein, meinetwegen zwei Frauen nach einer Liebesnacht, zwei Männer, aber muss es denn die Erotik sein, sexuell, könnte es nicht einfach nur ein schönes Gespräch gewesen sein, zwischen wem auch immer; ein Gespräch, so nah, so alles, dass man am Morgen die ganze Welt umarmen könnte?!»
«Es ist einfach nur ein Du! Und du kannst dir dein Du einsetzen! Das Erlebte auch!»
«Aber es ist auch ein kleines bisschen Trauer darin. Es ist eine Ansprache, ein Brief fast an ein Du. Aber schon in der ersten Zeile: ‘am Morgen danach’…, es ist eben schon ‘danach’; der schöne Augenblick ist schon vorbei; ein Rückblick, schon fast Erinnerung! Eine bestimmte Art von Glück hält zwar noch an, er hüpft ja noch, aber das, was dieses Glück ausgelöst hat, das eigentliche Geschehen ist längst vorbei; das Glück der Nähe z.B. ist längst wieder, zumindest räumlich, Ferne. Da ist auch etwas Trauriges in dem Gedicht!»
«Aber ist das nicht gerade typisch für uns Menschen? Ist es nicht oft so, oder vielleicht immer, dass wir das Besondere eines erlebten Augenblicks oder einer erlebten Zeit, die ganze Bedeutung, Intensität und Wucht erst im nachhinein, erst in der Erinnerung so richtig spüren!?» – «Das scheint mir einfach zum Menschen zu gehören. Das macht doch auch seine spezifisch menschliche Tragik immer wieder aus, das hängt mit der Fähigkeit des Bewusstseins zusammen, dass Liebe und Schmerz, Freude und Trauer, Leben und Tod nicht voneinander zu trennen sind. Das macht ihn geradezu erst zum Menschen, dass er dazu verdammt ist, bei jedem schönen gelebten Augenblick sofort auch immer dessen Endlichkeit im Bewusstsein mitleben zu müssen.»
«Bei allem, was jetzt über mitschwingende Trauer gesagt worden ist, und ich finde es schön, dass das auch drin ist in diesem kleinen Gedicht: das dominierende Gefühl bleibt für mich die Freude, und durch den Titel wird doch demjenigen, der das Glück ausgelöst oder gegeben hat, genau dieses Glück wieder zurückgegeben.»
Wir wollen hier abbrechen; es ließe sich noch mehr aus den Gesprächen berichten.

Das moderne Gedicht als Selbstverständigung
zwischen Sprache und Realität

Immer wieder aufregend an ihnen ist zu erleben, wie sich das Ich des Autors und das Ich des Lesers begegnen im lyrischen Ich des Gedichts. «Die Poesie ist eine Möglichkeit, über Dinge zu sprechen, über die man eigentlich nicht sprechen kann.» (ebd.) Dies ist doppeldeutig: Entweder der Autor mag über Bestimmtes, z.B. sich selbst, nicht sprechen, höchstens im Gedicht (und Enzensberger meint genau dies im zitierten Gespräch) oder: er kann es nicht; der gewohnte Umgang mit Sprache reicht nicht aus.
guenter-kunert.jpgHeinrich Vormweg beschreibt 1990 das heutige Gedicht «als die pure menschliche Selbstverständigung zwischen Sprache und Realität» (H. Vormweg: Verteidigung des Gedichts, Göttinger Sudelblätter, 1990). So, im Prozess des Schreibens selbst ein Suchender, entlässt der Autor sein Gedicht an den Leser, und ein wechselseitiger Austausch beginnt; dazu Günter Kunert (Bild links): «Der Zweck des Gedichts, glaube ich, ist sein Leser, der, indem er sich mit dem Gedicht befasst, sich mit sich selber zu befassen genötigt wird: in einem dialektischen Vorgang, im gleichen, den ihm das Gedicht vorschreibt und vorexerziert. Das spannungsträchtige lyrische Ich und das Leser-Ich werden während des Lesens identisch und gleichzeitig nicht identisch; das eine verfremdet das andere und deckt es doch gleichzeitig. Das Gedicht färbt die Psyche des Lesers, er wiederum färbt nach seinem Ebenbild das Gedicht» (G. Kunert: Warum schreiben, München 1976).
danilo_kis.jpgNehmen wir nun noch, um von der scheinbaren Eingrenzung unserer Betrachtung auf die Lyrik wegzukommen, ein kurzes poetologisches Credo des jugoslawischen Romanciers und Essayisten Danilo Kis (Bild rechts). Auf die Frage: «Was ist der schwerste Fehler, den ein Schriftsteller begehen kann?», antwortet er: «Über etwas zu schreiben, was ihn nicht im Innersten berührt. […] Ein echter Text ist ein solcher, der geschrieben wurde, weil er geschrieben werden musste. Das ist aus dem Text zu spüren. Ist es die Wahrheit deines Wesens, die sich im Text ausdrückt, oder stammt dieser Text von einem gewandten und belesenen Vielschreiber? Darin liegt der Unterschied zwischen guten und schlechten Autoren […] Ein echter Text entsteht nicht aus handwerklicher Fertigkeit, sondern aus Zwängen und Empfindungen, die den Autor zum Schreiben getrieben haben» (D. Kis: Homo poeticus, München 1994).
Wenn im vorigen die Begegnung zwischen dem Ich des Autors, dem lyrischen und dem lesenden Ich auch bewusst an einem möglichst kleinen, überschaubaren, unpolitischen Liebesgedicht dargestellt wurde, so lässt sich nach dieser Prosapoetologie von D. Kis die Frage «Wozu Literatur?» abschließend vielleicht doch etwas allgemeiner beantworten:
Ein «echter Text» (Kis) – und zwar in allen Gattungen – wird nicht geschrieben unter dem Postulat eines klar umrissenen Zwecks («Wozu?»), sondern er geschieht, als existentielle Antwort und Frage des Autors an die Welt und die Scheinbarkeit ihrer Realität. Literatur geschieht – und das zweimal: Einmal durch den Autor, der schreibend sich selbst begegnet, und ein zweites Mal durch den Leser, der lesend sich selbst (und möglicherweise auch dem Autor) begegnet.
Sehen wir einmal ab von anderen nonverbalen Formen der Kommunikation, die wir – viel zuverläßiger und effizienter als die Sprache – bei allen höherentwickelten Lebewesen heute erst langsam zu akzeptieren und zu sehen bereit sind: Literatur – mit ihrem Sitz genau zwischen Denken und Fühlen – geschieht als vielleicht höchste Form der sprachlichen Kommunikation, und zwar mit sich selbst und dem anderen. Und ein solcher Text verändert beide, Autor wie Leser; keiner von beiden ist nach dem «Geschehen» des Textes – ob nun Schreiben oder Lesen – noch ganz der gleiche, der er vor diesem «Geschehen» war. ■

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arnold-leifert.jpgArnold Leifert
Geb. 1940 in Soest/D, Studium der Germanistik, Philosophie und Evangelischen Theologie, ab 1970 Religionslehrer, seit 2000 pensioniert; zahlreiche Publikationen in Büchern und Zeitschriften, in Rundfunk und TV, Träger verschiedener Literatur-Preise, seit 1994 Organisation und Moderation der Lesereihe „Siegburger Literaturforum“; lebt auf einem Bauernhof im Bergischen Land in Much-Hohn

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1) Der Autor beantwortet in diesem Essay eine Frage, die der «Glarean»-Herausgeber vor einigen Jahren im Zuge einer geplanten Buch-Anthologie an verschiedene deutschsprachige SchriftstellerInnen richtete.

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