Das Zitat der Woche
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Über die Philosophie
Rudolf Christoph Eucken
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Daß die Philosophie nicht nur voller Probleme, daß sie auch als Ganzes ein Problem ist und ein Problem bleibt, das zeigt schon die verschiedene Schätzung und die umstrittene Stellung, die ihr das menschliche Leben gibt. Einerseits heißt sie die Königin der Wissenschaften, und ein ihr geweihtes Leben dünkt die Höhe des menschlichen Daseins, Geister allerersten Ranges bemühten sich, ihr zu dienen, und in den Gesamtstand der Menschheit griff sie oft mit mächtiger Wirkung ein. Dabei zeigte dies Wirken mannigfachste Verzweigung. Bald entrang die Philosophie, wie bei Plato, dem trüben Gemenge des Alltags hohe Ideale und hielt sie dem Streben als feste Richtsterne vor, bald suchte sie, nach Aristoteles’ Art, allen Reichtum der Wirklichkeit in ein Ganzes zu fassen und das Leben gleichmäßig zu durchgliedern, bald auch war sie ein sicherer Halt und schließlich ein Trost gegen alle Sorgen und Nöte, so im späteren Altertum, dann wieder wirkte sie, wie in der Neuzeit, zur Befreiung der Geister und als eine Leuchte aufsteigender Kultur, zugleich vollzog sie eine gründliche Prüfung des überkommenen Lebensstandes und suchte sie die Menschheit über die Grenzen ihres Vermögens gewissenhaft aufzuklären. Alles Große bedurfte ihrer Hilfe und Mitarbeit; wo immer sie fehlte, da verlor das Leben an Ursprünglichkeit, an Freiheit, an Tiefe. In diesem Gedankengange erscheint die Philosophie als ein unentbehrliches Hauptstück des geistigen Besitzes der Menschheit.
Aber zugleich zeigt jeder Überblick der Erfahrung, daß ihr zu allen Zeiten zahlreiche Gegner erwuchsen, die sie für überflüssig erklärten, ja als schädlich verwarfen. So der Spezialforscher, der mit seiner Verteilung der Welt in einzelne Gebiete sein Werk abschließt, so der Praktiker, dem ihr Mühen und Grübeln eine Hemmung frischen und freudigen Handelns dünkt, so auch manche Anhänger der Religion, die von ihr eine Erschütterung des Glaubens und ein Übermaß menschlichen Selbstvertrauens befürchten. Gefährlicher aber als alle Bekämpfung von außenher ist die Unsicherheit der Philosophie bei sich selbst, das Auseinandergehen ihrer Arbeit, ihre Spaltung in verschiedene Sekten, deren jede, um sich selbst zu behaupten, alle übrigen glaubt vernichten zu müssen. Dieser Streit droht ohne Abschluß und ohne Ergebnis zu bleiben, er scheint im Laufe der Jahrhunderte eher zu wachsen als abzunehmen. Denn ob die Sophisten mit ihrem Subjektivismus oder Sokrates mit seiner Begriffslehre im Rechte waren, ob das höchste Gut auf dem Wege der Stoa oder auf dem Epikurs zu suchen sei, das steht noch immer in Frage. Wohl verließen die handelnden Personen selbst den Schauplatz, aber ihre Ideale blieben und setzten den Kampf mit unverminderter Leidenschaft fort, wie die Geister auf den katalaunischen Feldern. Von hier aus bleibt unverständlich, wie die Philosophie einen tiefen Einfluß auf das Denken und Leben zu gewinnen vermochte; liegt ein solcher Einfluß als eine unbestreitbare Tatsache vor, so stehen wir vor einem Rätsel, und es treibt mit Notwendigkeit dazu, uns über die Aufgabe wie die Stellung der Philosophie zu orientieren.
Jenen Widerspruch hat man wohl durch eine Fassung der Philosophie zu heben versucht, die sie allen annehmbar machen sollte; die Frage ist nur, ob sie dabei eine Selbständigkeit und einen Wert bewahren kann. Früher sowie heute wird oft der Philosophie kein anderes Ziel gesteckt als das, die Arbeit der einzelnen Wissenschaften zusammenzufügen, ihre Leistungen in ein Gesamtbild zu fassen; je weiter die Forschung sich verzweige, so heißt es, desto nötiger sei eine besondere Disziplin, welche für den Zusammenhang der Zweige sorge; indem die Philosophie als eine solche sowohl die Voraussetzungen, als die Methoden, als die Hauptergebnisse der Einzelwissenschaften überschaue und vergleiche, gewinne sie eine wichtige und unverwerfliche Aufgabe. Eine Aufgabe ist hier unverkennbar, aber jeder Versuch einer genaueren Fassung erzeugt Verwicklungen und treibt die Geister auseinander.
Wie ist jene überschauende und verbindende Tätigkeit zu denken? Bleibt sie ganz an den übermittelten Stand des Wissens gebunden, hat sie keinerlei Recht, von sich aus zu prüfen und weiterzubilden, so ist sie freilich aller Gefahr entronnen, aber mit der Gefahr hat sie auch alle eigentümliche Bedeutung eingebüßt. Denn bei solcher Beschränkung ist sie nicht mehr als ein Registrieren der Ergebnisse der Fachwissenschaften, eine bloße Enzyklopädie, die ein liberaler Sprachgebrauch Wissenschaft nennen mag, die aber damit noch nicht eine selbständige Wissenschaft wird. Auch ist nicht zu verstehen, wie von einer solchen Enzyklopädie eine so tiefe Erschütterung und eine so fruchtbare Weiterbildung des Denkens und Lebens ausgehen konnte, wie sie doch, denken wir nur an Plato und an Kant, von der Philosophie tatsächlich ausgegangen sind. Und wie soll es gehalten werden, wenn die einzelnen Wissenschaften sich nicht ohne weiteres zusammenschließen, wenn schroffe Konflikte entstehen, wenn zum Beispiel das eine Gebiet ebenso entschieden eine mechanische Kausalität verficht, wie das andere auf einer Freiheit des Handelns besteht? Soll die Philosophie einen derartigen Widerspruch ruhig ertragen und willig hinnehmen? ■Aus Rudolf Christoph Eucken, Einführung in die Hauptfragen der Philosophie (1911)
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Das Zitat der Woche
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Die treffenden Aussprüche des Aristoteles
Diogenes Laertios
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Es werden folgende besonders treffende Aussprüche auf Aristoteles zurückgeführt.
Auf die Frage, was die Lügner für einen Gewinn von ihren Lügen haben, antwortete er: »Daß man ihnen nicht glaubt, auch wenn sie die Wahrheit sagen.« Als man ihm vorwarf, daß er einem Taugenichts ein Almosen gegeben, sagte er: »Mein Mitleid galt nicht seinem Verhalten, sondern dem Menschen.« Oft pflegte er zu seinen Freunden und Schülern, wo auch immer im Tageslicht er verweilte, zu sagen: »Das Gesicht empfängt sein Licht von der umgebenden Luft, die Seele aber das ihre von dem Unterricht.« Oft auch sagte er mit starker Betonung: »Die Athener hätten den Getreidebau und die Gesetze erfunden; allein das Getreide zwar wußten sie zu verwerten, nicht aber die Gesetze.« »Die Wurzeln der Bildung«, sagte er, »sind bitter, ihre Früchte aber sind süß.« Auf die Frage, was schnell veralte, sagte er: »Der Dank.« Gefragt, was die Hoffnung sei, sagte er: »Der Traum eines Wachenden.« Als ihm Diogenes eine getrocknete Feige reichte, sagte er sich, daß, wenn er sie nicht annähme, jener ein beißendes Wort gegen ihn in Bereitschaft hätte, er nahm sie also an mit den Worten, Diogenes sei nicht nur um seine Feige, sondern auch um sein Witzwort gekommen. Und als er ihm wieder eine reichte, nahm er sie, hob sie nach Knabenart hoch in die Luft und gab sie mit den Worten »O großer Himmelssohn« zurück.
Dreierlei, pflegte er zu sagen, ist nötig für die Erziehung und Geistesbildung: Naturanlage, Belehrung, Übung. Als er von einem Verleumder hörte, der ihn verunglimpfte, sagte er: »Wenn ich abwesend bin, mag er mir auch Geißelhiebe verabreichen.« Die Schönheit, pflegte er zu sagen, sei eine bessere Empfehlung als jeder Brief. Andere schreiben das Wort in dieser Fassung dem Diogenes zu, während er selbst die Wohlgestalt für ein Geschenk Gottes erklärt hätte. Sokrates erklärte sie angeblich für eine Gewaltherrschaft (Tyrannis) von kurzer Dauer, Piaton für ein Vorrecht der Natur, Theophrast für einen schweigenden Betrug, Theokrit für einen elfenbeinernen Schaden, Karneades für ein Königtum ohne Leibwächter.Auf die Frage nach dem Unterschied zwischen Gebildeten und Ungebildeten antwortete er: »Er ist so groß wie der zwischen Lebenden und Toten.« Die Bildung, sagte er, sei in glücklichen Zeiten eine Zierde, im Unglück eine Zuflucht. Diejenigen Eltern, die ihren Kindern eine gute Bildung gegeben hätten, seien weit achtungswerter als die, welche sie bloß zeugten: denn die letzteren schenkten ihnen nur das Leben, die ersteren aber den Vorzug, tadellos zu leben.
Zu einem, der sich seiner Abkunft aus einer großen Stadt rühmte, sagte er: »Nicht darauf kommt es an, sondern darauf, daß man eines großen Vaterlandes auch würdig sei.« Die Frage, was ist ein Freund?, beantwortete er mit der Erklärung: »Eine Seele, die in zwei Leibern wohnt.« Die Menschen, sagte er, seien teils so karg, als ob sie ewig leben, teils so verschwenderisch, als ob sie im nächsten Augenblick sterben würden. Als einer ihm die Frage vorlegte: »Wie kommt es, daß wir mit schönen Leuten uns gern recht lange unterhalten?«, entgegnete er: »So kann nur ein Blinder fragen.«
Als ihm einer mit der Frage kam, welcher Gewinn ihm aus der Philosophie erwachsen wäre, sagte er: »Daß ich ohne Befehl tue, was andere nur aus Furcht vor den Gesetzen tun.« Auf die Frage, wie die Schüler sich am besten in ihrem Fortschreiten förderten, antwortete er: »Wenn sie denen, die einen Vorsprung hätten, nacheilten, ohne auf die Rückständigen zu warten.« Einen Schwätzer, der ihn mit seinem Gewäsch überschüttet hatte und fragte: »Ich bin dir doch nicht zur Last gefallen?«, fertigte er mit den Worten ab: »Nicht im mindesten, denn ich habe gar nicht auf dich geachtet.« Auf den Vorwurf, den man ihm machte, daß er einem Unwürdigen eine Unterstützung habe zuteil werden lassen – denn auch in dieser Form tritt die Sache auf -, antwortete er: »Nicht dem Menschen galt meine Gabe, sondern der Menschlichkeit.« Auf die Frage, wie wir uns gegen unsere Freunde zu verhalten haben, erwiderte er: »Gerade so, wie wir wünschen, daß sie sich gegen uns verhalten.« Die Gerechtigkeit erklärte er für diejenige Seelentugend, die einem jeden zuweist, was ihm gebührt.
Als schönste Mitgabe für das Alter erklärte er die Bildung. Favorin berichtet im zweiten Buch seiner Denkwürdigkeiten, er habe immer wieder gesagt: »Viele Freunde, kein Freund«, ein Ausspruch, der sich auch im siebenten Buche der Ethik findet.
Das sind die Denksprüche, die ihm beigelegt werden. ■Aus Diogenes Laertios: Über Aristoteles; in: Ein Panorama europäischen Denkens – Texte aus drei Jahrtausenden (Hrg. L. Marcuse), Diogenes Verlag 1977
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Das Zitat der Woche
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Über den Menschen als staatliches Wesen
Johann J. Bachofen
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Aristoteles hat es schon gesagt: «Der Mensch ist ein staatliches Wesen», und es werden wohl noch zweitausend Jahre vergehen, ehe man dieselbe Idee kürzer und besser ausdrückt. Der Staat ist der innersten Natur des Menschen selbst entnommen. Er ist nicht Erfindung eines verdorbenen Geschlechts, nicht der Deckmantel unserer Schadhaftigkeit; er ist vielmehr die Verkörperung der besseren Menschennatur; nicht ein Damm gegen größeren Verfall, sondern die Verbrüderung zur Erreichung der höchsten Zwecke, eine Vereinigung aller besseren Kräfte in jeder Wissenschaft, jeder Kunst, jeder Tugend, jeder Vollendung.
Da aber das Ziel einer solchen Verbrüderung nicht in einer Generation, nicht in vielen erreicht werden kann, so ist der Staat nicht bloß die Verbrüderung der lebenden Menschen, sondern der Lebenden und der Toten und derer, die noch geboren werden!
Jeder einzelne Staat ist ferner bloß eine teilweise Verbrüderung in der großen und allgemeinen Verbrüderung der ganzen Menschheit, ein Glied zur Bildung der großen Kette, welche die niederen mit den höheren Naturen, die sichtbare mit der unsichtbaren Welt verbindet. Das ist der Zweck, das die Bestimmung des Staates; fürwahr eine Bestimmung, die in sich selbst die höchste Seite der menschlichen Natur offenbart!
Beneiden wir also die Anhänger jenes naturrechtlichen Systems nicht um die zerstörte Vollkommenheit ihres ersten Zustandes, noch um ihr verlorenes Paradies. Denn für uns besteht nun die Geschichte, zumal die des Rechts, nicht in der traurigen Entfaltung eines immer tieferen Verfalls, sondern in dem steten Fortgang der Entwicklung zu größerer Vollkommenheit. ■Aus Johann Jakob Bachofen, Basler Antrittsrede zur Rechts-Professur 1841
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Julia Kristeva über das weibliche Genie
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Hannah Arendt und die Krise der Kultur
«Julia Kristeva ist auch im deutschsprachigen Raum durch eine Vielzahl von Publikationen als Literaturtheoretikerin und Psychoanalytikerin bekannt. Wenn sie sich der jüdischen, politischen Philosophin Hannah Arendt widmet, dann birgt schon diese Konstellation von Autorin und Sujet eine gewisse Spannung in sich, die dadurch zusätzlichen Reiz gewinnt, daß sie Leben und Denken der Philosophin unter die Maßgabe dessen stellt, was sie als weibliches Genie, ‘le génie féminin’, zu erfassen sucht.
Das Buch setzt mit einer biographischen Skizze ein, die die geistige Entwicklung Hannah Arendts in einer Weise nachzeichnet, die – etwa im Blick auf ihre Beziehung zu Martin Heidegger – Denken und Biographie nicht einfach trennt: Julia Kristeva kennt Hannah Arendts Lehrmeister Platon, Aristoteles, Augustinus und Kant gut genug, um ihren Lesern auseinandersetzen zu können, worin Hannah Arendt ihre eigenständige Lesart klassischer Philosophie entwickelt hat.
Wonach Hannah Arendt suchte und woran sie bis zu ihrem Tod 1975 arbeitete, sei ‘eine nicht-subjektive Fundierung der Politik’ als Antwort auf die Erfahrung des Grauens totalitärer Systeme im 20. Jahrhundert. Aber nicht die Reflexion über Macht und Gewalt stehe bei der Autorin der ‘Vita Activa‘ im Zentrum ihres Denkens, sondern das Eingedenken der ‘Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens’. Arendts Genie wäre in eben dieser Bewegung zwischen Denken und existentieller Erfahrung zu verorten, die uns die Bilder einer komplexen und standardisierten modernen Welt vor Augen führt und gleichzeitig an das humane Versprechen erinnert, das in jeder einzelmenschlichen Existenz liegt.» (Verlagsinfo)
Julia Kristeva: Das weibliche Genie – Hannah Arendt, Europäische Verlagsanstalt, 388 Seiten, ISBN 978-3434461739
Inhalt
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