Glarean Magazin

Fabeln von Horst-Dieter Radke

Veröffentlicht in Horst-Dieter Radke, Literatur, Prosa by Walter Eigenmann am Juni 12th, 2008

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Drei Fabeln

Horst-Dieter Radke

 

Schlange und Flöte

«Du musst tanzen, wenn ich erklinge!» sprach die Flöte zur Schlange. «Du bist meine Sklavin.»
Die Schlange wiegte sich hin und her. «Was ist schlimm daran, wenn ich deine Musik in Bewegung verwandele und so nicht nur dem Ohr, sondern auch dem Auge etwas biete?»
«Du musst, wenn ich will» lästerte hämisch die Flöte.
Am Abend kroch die Schlange zur Flöte, die der Spieler achtlos auf die Decke gelegt hatte, und richtete sich auf.
«Siehst du?» sprach sie. «Ich kann auch tanzen ohne deine Musik. Wer will es mir verwehren?»
Die Flöte schaute die Schlange nur verächtlich an.
«Aber kannst du erklingen», zischte die Schlange, «wenn der Spieler dich nicht bläst?»
Hilflos und stumm schaute die Flöte der tanzenden Schlange zu.

 

Storch und Frosch

«Schau», sagte der Storch zum Frosch, «es ist ja nur etwas mehr als ein halbes Jahr, dass ich deinesgleichen belästige. Im Herbst gehen wir auf Reisen und im Winter sind wir in Ländern, die euch gar nicht gefallen würden.»
«Was haben wir davon?» jammerte der Frosch. «Im Winter liegen wir starr und steif im Schlamm, erwarten das Frühjahr und fürchten eure Rückkehr.»
«Dafür kann ich nichts!» sagte der Storch. «Außerdem seid ihr uns zahlenmäßig überlegen.» Er schnappte den Frosch mit dem Schnabel, schlang ihn herunter und stapfte auf seinen langen Beinen weiter durch die Wiese, auf der Suche nach einem neuen Gesprächspartner.

 

Mücke und Fliege

«Du ernährst dich nur von den Resten der Menschen.» lästert eine Mücke arrogant, als sie sich an der Wand neben der Fliege niederlässt. «Ich nehme das Beste was sie haben, ihr Blut, wann immer ich es will.»
Beleidigt summt die Fliege davon. Ein heftiger Klatsch verstreicht das frische Blut mit der Mücke über die Wand zu einem hässlichen Fleck.
«Siehst du wohl!» sagt die Fliege, als sie sich auf den gut nach Honig riechenden Klebestreifen setzt.

 

 

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Horst-Dieter Radke

Geb. 1953, aufgewachsen in Hamm/D, Ausbildung zum Industriekaufmann; Wirtschaftsinformatiker, Studium der Betriebspädagogik, fast zwei Jahrzehnte in der Geschäftsführung eines Betriebes der Naturkostbranche tätig; arbeitet heute als Autor, Lektor und Journalist.

Kurzprosa von Jutta Miller-Waldner

Veröffentlicht in Jutta Miller-Waldner, Literatur, Prosa by Walter Eigenmann am Mai 25th, 2008

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Und Kutte lachte

Jutta Miller-Waldner

 

Kutte plinkerte mit den Augen, klatschte mit der linken Hand eine Fliege fort, die sich auf sein rechtes Lid gesetzt hatte, verzog das Gesicht vor Schmerz, wälzte sich auf die andere Seite, fiel fast von der Parkbank, zuckte zusammen.
Kutte war wach.
Und Kutte hatte Hunger.
Er erhob sich ächzend, blieb eine Weile sitzen, den Rücken gebeugt, den Kopf tief zwischen den Schultern. Schließlich erhob er sich und faltete die FAZ-Sonntagsausgabe zusammen, die ihm als Unterlage und Kopfkissen und Zudecke gedient hatte, warf sie in den Abfallkorb.
«Heute muss ick mir wieda zwee Zeitungen orjanisiern. Muss ick wieda mit de S-Bahn fahren. Oder nee, besser is et mit die U-Bahn. Da lassen die Leute öfta mal ne TAZ liejen.»
Kutte las möglichst jeden Tag die TAZ. Das hatte er von früher beibehalten. Da war er eigen. Soviel Würde musste sein.
Er spritzte sich am Springbrunnen Wasser ins Gesicht, wischte den Schmutz von seinen Schuhen, seinen Jeans, zog den Kamm aus der linken Gesäßtasche, fuhr sich über die Haare, spuckte in die Hände und strich sie glatt, erblickte sein Gesicht im Wasser, guckte schnell wieder weg.
Sein Magen knurrte.
«Als erstet werd ick die Abfallkörbe abklappern. Am besten drüben beim Jymnasium. Wenn nich schon ein andrer dajewesen is. Aba die Jören schmeißen ja soville wech, da werd ick bestimmt noch wat finden. Filleicht ha ick ja Glück und find ne Stulle mit Katenrauchschinken.»
Kutte aß gerne Kartenrauchschinken. Am liebsten aß er Räucherlachs, aber welche Mutter gab seinem Kind schon ein Lachsbrot mit in die Schule.
Er schlurfte hinüber, wühlte. Nichts. «Mist», dachte er. «Det is nich mein Tach heute. Da steht man am besten jar nich erst uff. Aber denn kommen die Bullen un verjagen einen. Na jut, werd ick zur Realschule marschieren.»
Kuttes Magen knurrte lauter.
«Sei ruhich», befahl er. «Krichst ja jleich wat.»
Er wühlte. Fand zwei in Alufolie gewickelte Schrippen - «is doch meen Jlückstach heute» -, wühlte weiter, zog eine viertelvolle Einliterflasche Cola heraus, eine halbleere Dose Red Bull, ein Überraschungsei, eine Sonnenbrille, deren linkes Glas verschrammt war, drei Sammelbilder für das Fußball-EM-Album mit René Adler - «wieso denn der», schoss es ihm durch den Kopf -, Miroslav Klose und Bastian Schweinsteiger. «Na nu», wunderte er sich. «Wat schmeißen die denn sowat wech?!»
Kutte mochte Schweini.
Des Weiteren fand er eine Barbiepuppe mit nur einem Bein, warf sie angewidert zurück.
Fand eine Tarotkarte.
«Wat is ‘n det? So’n Quatsch», stellte er fest. Warf sie wieder in den Abfallkorb.
Er steckte das eine Brötchen in die Jackentasche - «Wer weeß, wenn ick wieda wat finde» -, wickelte das andere aus, knüllte die Alufolie zusammen, warf sie zur Tarotkarte. Klappte das Brötchen auf, begutachtete die Jagdwurstscheibe, roch daran. «Na ja, jeht ooch» -, klappte es zu, biss hinein, schlurfte weiter.
Schlurfte zurück, griff in den Abfallkorb, holte die Tarotkarte heraus. Starrte sie an, steckte sie in die Hosentasche, wanderte zu seiner Parkbank. Aß seine Schrippe auf, schlenderte zum Springbrunnen, wusch sich die Hände, setzte die Sonnenbrille mit dem zerkratzten linken Glas auf, marschierte zurück, setzte sich, schlug das rechte Bein über das linke, zog die Tarotkarte aus der Hosentasche, betrachtete sie, die blauen Kugeln, die geschweiften Linien, die Ketten, die Frau, die das Schwert mit beiden Händen hielt …
«Uff wat für Einfälle die Leute kommen», wunderte er sich. «Wer kooft denn sowat? Und wozu?»
Er las die Zahl, die da in römischen Ziffern geschrieben stand, las das Wort am unteren Rand: Ausgleichung.
«Ausgleichung. Kenn ick nich. Ha ick ja noch nie jehört. Det jibt Jleichungen, Jleichberechtigung haha, Anjleichung, Ausjleich, Jleichheit, na ja, Jleichjüligkeit. Die kenn wa zu jenüje.»
Kutte saß auf seiner Parkbank, er rutschte hin und her, starrte auf die Karte, stand auf, setzte sich wieder, starrte auf die Karte, schaute hinüber zum Springbrunnen, auf die Karte in seiner Hand. Sah die neunundneunzig Luftballons, die in der Fontäne tanzten - hellblaue, babyblaue, südseehimmelblaue, blau wie Vergissmeinnicht, Gletschereis, Saphire, gestreift, gepunktet, kariert -, ging hinüber, ergriff die Strippe eines weißblauen, hob ab und schwebte. Er schwebte über das ICC, den Funkturm, über Fürstenfeldbruck und New York, die Wüste Gobi und den Angelfall, über den Atlantischen Ozean, über Vulkane und Eis, und er schwebte, und der Mond war sein Kumpel und die Sonne seine Braut, und die Planeten spielten um ihn her Ringelreihen, er kickte einen Satelliten gegen die Venus und schrie «Toooor», und rief zur ISS ein «Nasdarowje» hinüber; er spazierte mittenmang auf der Milchstraße, die Strippe des Luftballons fest in seiner rechten Hand, und sah die Galaxien Walzer tanzen, die Quasare Rock ‘n Roll, er fuhr auf einem Kometen Achterbahn und rodelte mit einer Sternschnuppe zurück zu Erde. -
Kutte plinkerte mit den Augen, klatschte mit der linken Hand eine Fliege fort, die sich auf sein rechtes Lid gesetzt hatte, verzog das Gesicht vor Schmerz, wälzte sich auf die andere Seite, fiel fast von der Parkbank, zuckte zusammen, erhob sich ächzend und starrte auf seine rechte Hand.
Und Kutte lachte.

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Jutta Miller-WaldnerJutta Miller-Waldner
Geb. 1942 in Berlin, zahlreiche Lyrik- und Kurzprosa-Publikationen in Zeitschriften und Anthologien, Lesungen in Deutschland, Spanien, Österreich und Ungarn, verschiedene literarische Würdigungen, Vorsitzende der IGdA, lebt als Autorin, Lektorin und Chefredakteurin von «IGdA-aktuell: Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik» in Berlin

Satirisches von Herbert Friedmann

Veröffentlicht in Herbert Friedmann, Literatur, Prosa, Satire by Walter Eigenmann am Januar 23rd, 2008

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Im Literaturhaus

Herbert Friedmann

 

Der Abend dämmerte, als sich die Bewohner des Literaturhauses im Gemeinschaftsraum versammelten und ihr Schicksal beklagten.
«Mir wurde ganz übel mitgespielt», jammerte ein vierzeiliges Gedicht. »jeder Deutschlehrer maßte sich an, auf meinen zarten Versfüßen herumzutrampeln.
«Was soll ich erst sagen!» polterte ein zeitgenössischer Roman. Mit einem Schmerzgesicht deutete er auf die vielen Narben - kaum verheilte Wunden, die ihm scharfzüngige Kritiker zugefügt hatten. Das Vierzeilen-Gedicht grinste, denn es mochte die Prosa nicht.
«Lyriker», brummte der Roman daraufhin verächtlich.
«Schaut mich an», flötete die Idee, «seht nur, was mein Autor mit mir angestellt hat.» Alle blickten zu der winzigen Idee, die in der Tat Mitleid verdiente: Ein Drehbuchschreiber hatte sie rücksichtslos zu einem Vorabendfüller ausgewalzt.
«Ja, schrecklich», seufzte eine bleiche Erzählung. «Aber Dich hat die Öffentlichkeit wenigstens wahrgenommen, mich dagegen schweigen die Rezensenten schon ihm zehnten Jahr meines Erscheinens tot.»
«Und ich erst, und ich erst!» nölte ein sozialkritisches Jugendbuch. «Mich hat man in den Schulen als Aushilfspädagoge missbraucht…»
«Aus mir hätte ein Klassiker werden können», quakte ein Dramatischer Einakter dazwischen.
«Nicht schon wieder!» stöhnte das Vierzeilen-Gedicht. «Wir wissen, dass Du beinahe einen Preis bekommen hättest, wenn Dein Regisseur nicht..»
Es pochte zaghaft gegen die Tür. Der zeitgenössische Roman öffnete. Eine kleine Satire blieb verschüchtert in der Tür stehen.
«Darf ich bei Euch bleiben?» nuschelte sie. «Ein Fernsehredakteur hat mir gerade alle Zähne gezogen!» ♦

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Herbert Friedmann
Geb. 1951 in Groß-Gerau/D, Lehre als Einzelhandelskaufmann, zahlreiche Buch-Veröffentlichungen (Kinder- und Jugend-Bücher, Lyrik, Theaterstücke, Hörspiele), Träger verschiedener Literaturpreise und Stipendiate, lebt seit 1977 als freier Autor in Darmstadt/D

 

 

Kurzprosa von Franz Felix Züsli

Veröffentlicht in Franz Felix Züsli, Literatur, Prosa by Walter Eigenmann am Januar 16th, 2008

Taksi!

Franz Felix Züsli

 

Ha, ha -; nein: nicht vollgeladen wie ein überlaufendes Whiskyschiff… nein; so ein bisschen gefüllt - ein kleines Schmugglerboot, ja; angeheitert, das ist richtig: stark angeheitert ist heute Walter Zwyssig, ha… ich - Angestellter, kaufmännischer: Gorps. ‘tschuldigung, Miriam: prost - meinen Rest im Glas zu deinem Vergnügen. Miriam… nein - keinen Schluck Whisky mehr: ich wechsle  die Flagge; bitte einen Einer, ‘tschuldigung, einen Zweier, natürlich: Roten, ja, französischen, also: Beaujolais, Miriam… ein kleines Festchen für Walter Zwyssig heute -. Geburtstag? Du, Miriam? Nein, du… ich? Nein, überhaupt nicht Geburtstag. Miriam. du…!Prosit! Zum Wohl! Mmhmm, Rotwein auf Whisky. Freude am Freitagabend… danke, Miriam… das darf ich nur denken, Miriam, das kann ich dir nicht, nein, will ich dir, Gorps, ‘tschuldigung, Gesundheit! nicht sagen: wenn du dich bückst, diese Übersicht, bitte noch einmal -.
Miriam!
Walter Zwyssig stand an der «Falter»-Bar: sein Auge wanderte mit etwas erweiterter Pupille über die Flaschenpracht: Sandemamn mit schwarzem Mann Dow’s Port Fernet Branca die Bilder an der Wand Appenzeller sixty-nine nein: diese sonnenbraune Hand, Miriam. Tippen an der Kasse, klingeln, für die Garderobe wird nicht gehaftet, aber ich möchte den Kopf auf die Theke legen, dieses Drücken auf die Augenlider, Miriam trägt eine grüne Jacke… Wiese, um auszuruhen, und ihr Sternzeichen ist die Waage, wenigstens den Ellenbogen auf die Theke legen, diese antiken Messinggriffe an den Schubladen abschrauben, verkaufen, klingeln, die Kasse. Im Spiegel dein schlanker Hals, Miriam! Prosit! Miriam, ich: ja, Beaujolais… du…
So ein schmaler Freitagabend, ha, ha -. Zurückhaltendes Lachen, bereit zum Gelächter: Miriam lachte überrascht, erschrocken zurück - doch, Feuer habe ich! Bitte! deine Augenwimpern… da lehnt ja noch einer an der Bar: schüttet sich auch so ein bisschen mit Schnaps voll? Hallo, Kamerad - out! In, Miriam: mit deinem Lächeln allein sein… darf ich dir auch ein Glas anbieten: niesen — Gesundheit! -, anbieten? Also. dann nicht: Prost Walter!
Woher der gekommen ist? die Flügeltüre schwingt noch: ah, ein Hotelgast - «Guten Abend….» Im halbleeren Rotweinglas blitzt das Kronleuchtergefunkel: der Mensch neigt den Kopf in meine Richtung, abweisende Ahnung eines Lächelns, und Miriam nimmt den Whisky an, den er ihr angeboten hat:
Miriam!
Dieser hergelaufene Mensch; durch die Flügeltüre: «Rechnung auf Zimmer 32, bitte» -, Abendanzug mit Siegelring und silbernem Zigarettenetui: «Bitte!» und Miriam nimmt die Zigarette an: «Prosit!» - nein, die Gläser klirren beim Anstoßen nicht, sie… klingelnder Wohllaut: küssendes Glas; tatsächlich, was fällt dem Abendanzug denn ein: er küsst Miriam die Hand - ihr Lächeln flattert hin und her, und wie klug er sich in ihre Gefühle drängt: Gorps, ‘tschuldigung, noch einen Zweier, ja, Beaujolais, danke -.
Aus dem Abendanzug strömt mir Gleichgültigkeit entgegen - dafür trinkt ihm Miriam zu, diese Musik… zum Verrückt…
Ich, Walter Zwyssig! nur einen Whisky, einen Zweier, ja, zwei Zweier und abgefüllt wie eine gestopfte Gans? Mein Körper schwankt um mich selber - zwei Stück Rückenmark? Nein, das Hirn rutscht nach hinten, wenn ich an die Decke schaue: unmöglich; nur Wellen im Kopf. Muss der Föhn sein, ja: der Föhn.
Bitte Miriam: Feuer! Danke! Nicht bücken? Schade; vom Bücken lebt man - dem Abendanzug möchte ich eine gefüllte Fritteuse in den Kragen leeren. Linke Hand in der Hosentasche, hat er; zutrinken, leises Geflüster mit Miriam, lächeln, dreht sich, nicht bücken, nur für kleine Leute: strecken, deine Zunge:
Miriam! Du bist ein…
Bist du? bin ich? Einen Zweier, nein, Dreier - bin ich? Hinaus mit Walter Zwyssig, sage ich: zahlen bitte! Eins, zwei… viel. Miriam… Danke! Meine Zunge lispelt draußen haben sie die Schirme geöffnet hier hat es am Boden Zigarettenasche klingeln nicht die Kasse das Telefon am Kleiderständer hängt ein Regenmantel vergessen nicht abgeholt am der Bar Walter Zwyssig Trinkgeld inbegriffen. Weiß schon, Miriam. Ciaò.
Flügeltüre, auf: zu! Ich spüre die kühle regenschwere Nachtluft; fast wäre ich gestolpert, diese heiße Stirne: Walter hat einen sitzen, hat er wirklich? Föhn. Kurzweil an der Bar; Freitagabend. Der linke Fuß kribbelt: eingeschlafen, Miriam… und immer, wenn man nach Hause fahren will, stehen die Trams in den Depots. «Taxi!» Und dabei ist Mitternacht noch keine halbe Stunde vorbei.
«Taxi!»
Diese kühle Nachtluft; nein, wirklich: es regnet, meine Schuhe sind schon ganz nass; dies ist aber Schweiß, was mir in den Mundwinkel rinnt: salzig und regennass.. auch regnen lassen, wenn ich zuhause bin. Ha -: zuhause bin. Ruth schläft unruhig, wenn ich nicht zuhause bin. Ruth sagt: «Ich schlafe immer unruhig. wenn du nicht zuhause bist!»
Und heute?
Miriam, was… Schläft immer unruhig, wenn ich nicht… tatsächlich, schon Samstag; immer unruhig wenn
«Taksi!» ♦

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Dr. Franz Felix Züsli
Geb. 1932 in Zürich, Schriftsetzer-Lehre, dann Maturität und rechtshistorisches Studium an der Universität Zürich, zahlreiche Lyrik- und Prosa-Publikationen in Büchern, Zeitungen und Zeitschriften, lebt in Witikon/CH

Kurzprosa von Stephanie Bart

Veröffentlicht in Literatur, Prosa, Stephanie Bart by Walter Eigenmann am Januar 11th, 2008

Seemannsgarn

Stephanie Bart

 

Ich gehe spazieren in Hamburg auf St. Pauli. Nicht in St. Pauli, sondern auf St. Pauli, wie man in Hamburg sagt. Als ob St. Pauli eine Insel wäre. Es spinnt sich viel Seemannsgarn auf und um St. Pauli herum, obwohl die Seemänner schon lange nicht mehr an Land kommen dürfen, weil das den Reedereien zu teuer ist. Die Matrosen sollen was tun für die Heuer und fix den Kaffee verladen, damit das Schiff den ach so kostspieligen Hafen so schnell wie möglich wieder verlassen kann. Keine Seemänner mehr auf St. Pauli und doch immer noch langes, endloses Seemannsgarn, verflochten, verwoben, und alle, alle glauben daran.  Glitzerndes, schwitzendes Amüsiergewerbe, kontrolliertes Verbrechen, Randexistenzen und Künstlertum und gemeinsinnig bodenständige Nachbarschaft weben daran, flechten am Seemannsgarn.
An der Ecke Davidstraße Bernhard-Nocht-Straße spricht ein Passant einen anderen an:  «Entschuldigung, könnten Sie mir bitte sagen, was Heimat ist?» –  «Natürlich: Heimat ist, wo ich mich verändern kann.» –  «Verändern, ja, vielen Dank.» –  «Keine Ursache.»
Ich gehe runter zu den Landungsbrücken und setz mich da auf eine Bank. Dann nehme ich das Paket aus der Tasche, das vorhin mit der Post gekommen ist. Es enthält einen Stapel verschieden beschriebener Seiten und eine Postkarte vom Münchner Oktoberfest mit einer blonden, blauäugigen Serviererin vorne drauf und folgendem Text auf der Rückseite:  «Liebe S., wer außer dir könnte damit etwas anfangen, dachte ich und schicke dir also, was ich bei der Haushaltsauflösung deines verstorbenen Onkels für dich zur Seite gelegt habe: Tagebuchaufzeichnungen deines Onkels, der ja ein pedantischer Archivar war, bruchstückhaft die Skizzen für die philosophischen Versuche seines Onkels, also deines Großonkels und einen Reisebericht wiederum seines Onkels, also deines Urgroßonkels. Die drei Stapel lagen säuberlich auf dem Schreibtisch, aber dann  kam der Kater mit seiner wunderlichen Neigung zu Büchern und Manuskripten, und hinterher war alles durcheinander. Ich überlasse es dir so, wie es ist, herzliche Grüße, dein Onkel T.» Ich beginne zu lesen:
«Ich wohne in einer anständigen Straße. Die Häuser sind in den 50er und 60er Jahren erbaut worden, sind aber ihrer sorgfältigen Pflege wegen sehr gut erhalten und sehen nach wie vor wie neu aus. Die Leute wohnen alle schon sehr lange hier. Im Grunde genommen kennt man sich, aber man ist nicht etwa befreundet oder lädt sich zum Kaffee ein. Ich wohne seit jeher sehr gerne hier, denn es ist eine ruhige und, wie gesagt, anständige Gegend.
Eigentlich kann ich überhaupt nicht mehr wohnen. Die Wohnungen, in denen ich groß geworden bin, haben etwas Unerträgliches angenommen: Jeder Zug des Behagens darin ist mit Verrat an der Erkenntnis, jede Spur der Geborgenheit mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie bezahlt.
Ich kam mit dem Postdampfer von Sydney, und als ich den Hafen der Insel erreichte, lagen an der großen Kaimauer zwei bis drei Dampfer und ebensoviel große Segelschiffe. Auf dem Kai selbst winkten uns Taschentücher und Sonnenschirme entgegen. Da standen Zollbeamte mit Tropenhelm zwischen weißen Siedlern in Pyjamas, entlassene Sträflinge und desertierte Matrosen lungerten herum, und einige Eingeborene machten großen Lärm.»
Ich habe noch nie etwas von diesen Onkeln gehört. Ich schaue in die blaue Luft und atme den schwachen Salzgeruch ein, den das Meer von der Elbmündung bis hier her noch weht. Dann lese ich weiter:
«Ich habe in unserem Haus ein Arbeitszimmer. Es ist eine Dachkammer, die ich mir selbst ausgebaut habe, teilweise zumindest. Den Teppich habe ich von einem Fachmann verlegen lassen, aber es war mir, der ich einer geistigen Tätigkeit nachgehe, eine willkommene Abwechslung, mich einmal handwerklich zu betätigen, und so habe ich die hölzerne Deckenverkleidung eigenhändig eingezogen, an den Schrägen wie am Plafond, und ich darf in aller Bescheidenheit sagen, dass ich sie immer wieder mit Stolz betrachte.
Wenn ich mich mit Möbelentwürfen und Innendekoration beschäftige, gerate ich in die Nähe des kunstgewerblichen Feinsinns vom Schlag der Bibliophilen, wie entschlossen ich auch gegen das Kunstgewerbe im engeren Sinne angehen mag.
Mittlerweile haben die Kurven der reinen Zweckform gegen ihre Funktion sich verselbständigt und gehen ebenso ins Ornament über wie die kubistischen Grundgestalten.
Parallele Straßenzüge führten vom Hafen nach den Hügeln, die hinten die Stadt begrenzten. Ich trat auf einen leeren, unsauberen Platz mit einem Brunnen. Dort träumten auf morschen Droschken verkommene Kutscher. Irgendwo war ein weiß  gestrichenes Rathaus und irgendwo auch die Residenz des Gouverneurs. Auf der Straße sah ich Verwaltungsbeamte mit gewienerten Schnurrbärten und weiße Siedler, Händler nämlich, Gastwirte und kleine Pflanzer, die den Pyjama zum Straßenanzug gemacht hatten. Die tropische Sonne hatte ihnen einen Hauch von Vernunft eingebrannt, und die Ferne zu den europäischen Konventionen ein Übriges getan: Endlich wollten sie es bequem haben. Zuerst hatten sie den Schlafanzug nach dem Aufstehen ausgezogen, dann nach dem Frühstück, und dann gar nicht mehr.
Sie hatten schnell erkannt, dass er die ideale Bekleidung war. Perfekt für das Klima und komfortabel in jeder Richtung hob er sie sowohl von den Kolonialbeamten und Mitgliedern der staatlichen Handelsgesellschaften ab, wie er sie den Eingeborenen gegenüber als Europäer auswies. Die Be-amten und die Siedler waren Männer mittleren und gehobenen Alters, die sich nach der Arbeit im Cercle sammelten und Karten spielten, ausrangierte Artistinnen von Sydney in einem Tingeltangel beklatschten und Kinematographen bewunderten.»
Ich stecke das Paket in die Tasche und geh rüber zur Überseebrücke.
Unterwegs spricht mich ein Spaziergänger an:  «Entschuldigung, könnten Sie mir bitte sagen, was Heimat ist?» –  «Bitte schön, Heimat ist eine Entscheidung, die unter Umständen auch im Exil getroffen werden kann.» – «Entscheidung, Exil, alles klar, vielen Dank.» –  «Da nich für.»
Auf dem Ponton von der Überseebrücke stehen zwei Bänke und ich setz mich auf die linke davon. Die Cap San Diego liegt fest vertäut und rührt sich nicht. Ich lese weiter:
«In dieser Dachkammer kann ich ganz ungestört arbeiten, und ich ziehe mich auch dahin zurück, wenn ich zum Beispiel in Ruhe ein Kreuzworträtsel lösen möchte. Hier oben belästigt mich nicht einmal das Radio, das meine Frau in der Küche sehr laut eingestellt hat, damit es die Dunstabzugshaube und das Töpfeklappern übertönt.
Ich weiche der Verantwortung fürs Wohnen aus, indem ich ins Hotel oder ins möblierte Appartement ziehe, und mache damit gleichsam aus den aufgezwungenen Bedingungen der Emigration die lebenskluge Norm.»
Da fegt eine Brise die drei obersten Blätter meiner Lektüre in einem hastig hingerotzten Ballet bis zum Rand des Pontons, lässt sie einen halben Atemzug lang zögern, hebt sie elegant über die Kante, und dann segeln sie übers silbrig glitzernde Wasser, bis sie die Oberfläche berühren und mit der langsamen Strömung hinaus treiben.
«Ich fand», berichtet mein Urgroßonkel nach den drei weggewehten Blättern,  «dass die einzige Aufregung der Insel die monatliche Ankunft und Abfahrt des Postdampfers von und nach Sydney war. Alles, was etwas auf sich hielt, stand dann ein bis zwei Stunden auf dem Kai und winkte Unbekannten zu, mit Taschentuch, Sonnenschirm und viel Eifer.»
Von der Brücke kommt eine ältere Dame mit einem kleinen Hund und setzt sich auf die andere Bank, und dann kommt ein Penner und spricht die Dame an:
«Entschuldigung, könnten Sie mir bitte sagen, wo ich zu Hause bin?» Die Dame nickt und lächelt:  «Es gehört zur Moral, junger Mann, nicht bei sich selber zu Hause zu sein. Schon Nietzsche…» –  «Auch Nietzsche hatte ein Arbeitszimmer», mault der Penner und trollt sich, und da fällt mir ein, wer die Onkel sind.
«Diese einzige Aufregung war eine in ihrer Unschuld rührend wirkende Zerstreuung», schreibt mein Urgroßonkel und macht einen Gedankenstrich:  « – und sie war symptomatisch für die Langeweile, die in diesem tropischen Seldwyla gnadenlos herrschte.» ♦

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Stephanie Bart
Geb. 1965 in Esslingen/D, Studium der Ethnologie und der Politischen Wissenschaften an der Universität Hamburg, verschiedene Broterwerbstätigkeiten, lebt als Rikscha-Fahrerin und Stadtführerin in Berlin

Kurzprosa von Wendel Schäfer

Veröffentlicht in Literatur, Prosa, Wendel Schäfer by Walter Eigenmann am Januar 9th, 2008

Über den Kopf

Wendel Schäfer

 

Es war schon dunkel, als Tobias die Haustür öffnete - und auch schon von einem Mann mit vorgehaltener Pistole zurück ins Haus gedrängt wurde. Rückwärts bis in sein Arbeits-zimmer.
«Hinsetzen und schön die Hände auf den Tisch!» herrschte ihn der Eindringling an. Fischte einen Stuhl aus der Ecke und platzierte sich gegenüber. Tobias konzentrierte seine Augen ins Gesicht des Fremden, dann runter auf den Revolver und wieder hoch zum Gesicht und wieder zur Waffe. Ein seltsames Ding. Eine Mischung aus Wasser- und phantastischer Raumpistole mit Flügelchen an den Seiten. Sah aus wie eine kampfbereite Kragenechse. Tobias kannte sich aus. Beim Militär hatte er es mit allerlei Waffen zu tun gehabt. Auch mit der schweren Pistole, die ihm bei jedem Schuss den Arm hoch warf. Hier war er sich nicht sicher. Das Rohr jedenfalls war aus Metall, und in der halb geöffneten Spiegelschranktür glänzte das Messing der Patronenmäntel in der Trommel.
«Hier, lies», fuhr ihn der Fremde an, «Seite 44», und schob ihm eine Zeitschrift hin. «Da, das Gedicht. Das mit der Krähe.»
Tobias war die Zeitschrift vertraut. Hatte dort hin und wieder kleinere Texte veröffentlicht.
«Das Gedicht kenne ich, gefällt mir.» Und drückte das Heft zurück.
«Schön die Hände zusammen auf der Platte lassen! ‘Gefällt mir’. Fein! Gefällt mir auch. Na klar, gefällt es dir! Mir aber noch mehr. Das ist mein Gedicht, verstehst du, mein Gedicht. Meine Idee.» Zog ein vergilbtes Blatt aus der Zeitschrift und schubste es Tobias hin.
«Vor zwei Jahren geschrieben. Und schon geklaut. Alles hat man mir geklaut. Meine besten Ideen haben sie mir gestohlen. Ich hab nämlich einen sehr erfinderischen Kopf. Alles mache ich über meinen Kopf. Die verrücktesten Dinge. Wenn es sein muss. Ich war schon nahe daran, Fische ohne Gräten zu züchten. Da hat man mir die Idee gestohlen. Ich sage nur Fischstäbchen. Kapierst du, was ich damit meine?»
Tobias verstand und wusste, dass seine Lage viel prekärer war als anfangs angenommen. Auch war ihm klar, dass er den Fremden reden lassen musste.
«Da haben Sie bestimmt noch andere tollen Sachen ausgedacht», ermunterte Tobias sein Gegenüber.
«Aber ja doch, das mit den Bäumen.»
«Was ist mit den Bäumen?»
«Es ist wegen der Überbevölkerung. Die Menschen werden sich noch tottreten auf dem Planeten. Wenn nur jeder zweite Baum gefällt wird, hätten alle für ein paar 100 Jahre Platz genug. Ich hab sogar schon ausgetüftelt, wie viel Quadratmeter angefallen wären. Eine ganz schön knifflige Rechnerei.»
«Genial», witzelte Tobias mit todernster Miene.
«Und dann haben sie die Regenwälder abgeholzt. Am Äquator, wo sowieso keiner bleiben will wegen der unheimlichen Schwüle. So war mein Plan futsch. Meine Idee geklaut.»
«Weiter», drängte Tobias und ließ das Revolverding nicht aus den Augen.
«In jeder Ecke der Erde ist Zank und Streit und Krieg. So kam ich auf die Idee, ganz spezielle Brieftauben zu ziehen.»
«Brieftauben gegen den Krieg, einfach genial», pflichtete Tobias eifrig bei.
«Keine gewöhnlichen Brieftauben. Friedenstauben mit Palmwedeln als Flügel. Ich ließ sie mit Friedensideen in alle Krisenherde aufsteigen. Keine kam zurück.
Haben sie mir alle eingefangen und umdressiert. Fliegen nun als Drohnen und spionieren herum. Und meine Idee ist wieder gestohlen. Man kriegt die Diebe nie zu fassen. Leben alle im Verborgenen. Bilden geheime Gesellschaften. Jetzt bin ich endlich am Ziel. Ich hab dich festgesetzt. Nun wird abgerechnet.»
Der Eindringling wurde forscher und verschärfte den Ton. Die Waffe fester gegriffen.
«So ein geniales Gedicht lasse ich mir nicht stehlen. Die Krähe war aus Stein, verstehst du. Genial. Kann natürlich nicht sprechen. Und wollte so viel sagen. Krähen wissen viel. Kommen weit herum und werden alt. Sie hat auf mich gewartet. Und dann kann sie nicht sprechen. Die Krähe war aus Stein. Genial, einfach genial…»
«Das Gedicht ist so alt wie deine Krähe», gab Tobias trotzig zurück. Ich habe es schon vor 20 Jahren geschrieben. Hier neben mir im Regal, das Lyrikbändchen, Herbstspuren.»
Tobias wollte sich zu den Büchern wenden, als der Fremde ihn anfuhr: «Mit einer Hand. Die andere bleibt auf dem Tisch!»
Endlich gelang es Tobias, das dünne Bändchen zu greifen.
«Ganz vorne das Erscheinungsjahr und hinten das letzte Gedicht. Das mit der Krähe aus Stein. Du wirst staunen.» Und schob es ihm hin.
Der schlug es auf, stützte den Ellenbogen drauf, in der Faust den Revolver. Mit der anderen blätterte er unbeholfen um. «1984. In der Tat schon etwas länger her. Und noch mühevoller gelangte er endlich zum letzten Gedicht. Dabei ließ er Tobias nie aus den Augen. Und begann zu lesen:
‘Steinzeit. In einer Feldfurche…eine Krähe…ich fragte sie…keine Antwort…aus Stein.’
Die letzten Worte verebbten in Gemurmel. Eine verlöschende Stimme ganz am Schluss. Das Gesicht hatte ein Grau angenommen. Die Wangen blutleer, die Augen dunkle Höhlen. Der Oberkörper fiel in sich zusammen. Die Waffe war mit zittriger Hand auf die Tischplatte abgelegt. Das Rohr aber nach vorne gerichtet.
«Dann muss ich das mit der Krähe irgendwo aufgeschnappt haben. Mir kommt im Leben so vieles über den Kopf. Man könnte irr davon werden. Verstehen Sie. Und dann die anderen. Alle wollen was von mir. Verfolgen mich Tag und Nacht. Bestehlen mich. Bestimmen einfach über den Kopf. Sie benutzen mich wie ein Spielzeug.»
«Spielzeug, wie das komische Schießding hier», wagte sich Tobias vor.
«Spielzeug. Wir alle sind Spielzeug. — Entschuldigen Sie.»
Der Fremde hielt sich den Revolver an die Schläfe – und drückte ab. Sofort kippte er zur Seite und schlug auf dem Boden auf.
Tobias wählte die Nummer der Polizei. Ein Auto draußen und drängelndes Klingeln löste die Starre.
Er stand auf, um den Polizisten zu öffnen. Und machte einen großen Schritt über den Kopf eines toten Dichters und genialen Denkers. ♦

wendel-schaefer.jpgWendel Schäfer
Geb. 1940 in Bundenbach/D, Studium der Grund-, Haupt- und Sonderschul-Pädagogik in Koblenz und Mainz, langjährige Unterrichtstätigkeit in der Lehrerbildung, zahlreiche Buch- und Zeitschriften-Publikationen, umfangreiche Verbands- und herausgeberische Aktivitäten, lebt als Schriftsteller in Boppard/D

Satirisches von Ernst-Edmund Keil

Veröffentlicht in Ernst-Edmund Keil, Literatur, Prosa, Satire by Walter Eigenmann am Januar 6th, 2008

Milch und Blut

Ernst-Edmund Keil

 

Stadtrandsiedlung der Bayerisch-Königlichen Metropole. Im Postamt auf der Rückseite des Balkan-Grills, wo er sich an den Schalter stellt, in eine Schlange, nachdem er zu Hause, hoch im Norden und also für ihn unerreichbar, sein Telefonbüchlein hatte liegen lassen, vergesslicherweise, die begehrte Nummer auch hier, am Ständer, nirgendwo entdecken konnte, denn der war vielfach freistaatlich besetzt und hatte keinen Raum mehr für den Rest der Republik.
Also schlängelt er sich geduldig, hoffnungsvoll an den Schalter heran. Vor ihm ein Mann in einer «Lederhosen» mit Gamsbart und bajuwarischem Äußeren. Wer sagt’s denn! Gestern war er noch in der Innenstadt gewesen, hin mit S und retour mit U, und hatte den Eindruck gewonnen, die Römer seien als Sieger an den Limes zurückgekehrt und hätten die Bajuwaren endgültig zu einem museal-archäologischen Thema deklariert. Dem, denkt er, ist also nicht ganz so oder so ganz. Im Gegenteil. Nachdem der Lederbehoste postalisch bedient war, erscheint jetzt vor ihm im offenen Schalteroval, nicht anders als in einer frühromanischen Mandorla, ein Gesichtchen, ein weibliches, aus Milch und Blut, das ihn an altbayerische Frömmigkeit erinnert - auch sie, denkt er, gibt es also noch -, und das richtet nun mit Madonnenblick und autochthonem Zungenschlag die frühchristlichen Augen auf bzw. gegen ihn, dass er geradezu ins Stottern gerät.
Auf dem Ständer, versucht er ihr missverständlich klarzumachen, habe er eine Nummer begehrt leider völlig vergeblich, worauf sie mit verschämter Unschuld (oder Neugier?) ihre mandelbraunen Madonnenaugen niederschlägt. Ja, und ob sie ihm vielleicht, hinter dem Schalter, seine Nummer geben könne - nein? - oder doch sein Buch, und nennt schließlich die Stadt, die er sucht und die hoch im Norden seines Vaterlandes liegt. Worauf sie, durchatmend, aufsieht, mit dem Engelsköpfchen nickt und, nachdem sie ihn versöhnlich um Geduld gebeten, aus seinem Gesichtskreis verschwindet, oder sollte er besser sagen: entschwebt? Wohin wohl und hoffentlich nicht für immer?
Doch kehrt sie nach einem Weilchen, leis’ und mit leerer Hand, zurück, das holde Haupt diesmal in der Horizontalen bewegend, mit christlichem Bedauern. Sie habe nur bayerische Bücher, und die Stadt, die er suche, liege augenscheinlich nicht im Freistaat, sondern außerhalb. Das Ausland aber, bittschön, würd’ er nur finden auf der Hauptpost, in Mosach, wissen s, da herunten bei der U-Bahn. Und bescheidet ihn, hold lächelnd wie der Isarhimmel, mit einem seligen «Grüß Gott!» Er verspricht, als Glaubensbruder, ihn zu grüßen, obwohl er, wegen der Nummer, diese Bayernpost im Herzen tief zum Teufel wünscht.
Draußen ist es, obgleich erst Anfang Juni, heiß wie in Afrika. An der Ecke steht ein Araber mit einem Obststand unter freiem Sommerhimmel und preist singend seine Früchte an. Er kauft ein Schälchen, das kostet so viel oder so wenig wie in seiner 600 Kilometer entfernten Heimatstadt am Rhein. Auf dem Preisschildchen ist - nicht bajuwarisch, nicht semitisch. sondern lutherisch-national - zu lesen: «Deutsche Erdbeeren». Na, wer sagt’s denn! Das reißt die Grenzen, die diese bayerische Madonna ihm lieblich-streng gezogen, hernieder bis auf den mütterlichen Grund und lässt ihn, als Staats- und Bundesbürger, wieder freier atmen. Oh einig-süßes Vaterland, denkt er, wie lieb ich dich, und schiebt mit diesen Worten sich eine dicke, deutsche Erdbeere ungewaschen in den Mund. ♦

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Ernst-Edmund Keil

Geb. 1938 in Duisburg-Huckingen/D, Studium der Germanistik und Anglistik in Bonn, Studienassessor in Oberhausen&Mülheim, anschließend Professur für Deutsche Literatur a. d. Universität Valencia/ESP; zahlreiche belletristische, lyrische, theatralische und essayistische Buch-Publikationen sowie herausgeberische Tätigkeit, Träger verschiedener Literaturpreise, lebt in Sinzig-BadBodendorf/D

Blog-Links zum Autor

- IGDA: Ehrung für «Friede»

Satirisches von Helmut Haberkamm

Veröffentlicht in Helmut Haberkamm, Literatur, Prosa, Satire by Walter Eigenmann am Januar 3rd, 2008

Anschaffungen

Helmut Haberkamm

 

Eigentlich wollten wir schon vor drei Jahren uns ein Baby anschaffen. Doch dann hab ich meine Frau aber noch einmal rumgekriegt und wir haben uns einen schönen neuen aus der Dreierreihe von BMW zugelegt. Hat sich rentiert, kann ich Ihnen sagen. Laufkultur, sparsam, wenn man aufs Gas geht, zieht er ab, des glaubens net! Und vor allem halt: umweltfreundlich! Steuerbegünstigt! Das genaue Gegenteil von einem Baby halt, könnte man sagen.
Das erinnert mich an den Ausspruch eines alten Schulfreundes. Der hat immer gesagt: Kinder sind laut, stinken und kosten Geld. Das hat der oft gesagt. Sonst wüßt ichs ja auch nimmer. Naja. jetzt wird ers wohl auch nimmer sagen. Oder erst recht wieder, wer weiß. Obwohl es natürlich schon stimmt irgendwie, oder etwa nicht? Genau.
Also der BMW hat sich rentiert, glaums mer des! Der Motor astrein, wie ein Rasierer! Bremsen wie Watte, der Abzug wie beim Starfighter. Spitze!
Naja, meine Frau gibt keine Ruhe net. Will sich jetzt halt partout so ein Baby anschaffen. Ich mein, ich hab eigentlich nix dagegen. Leisten können wir uns des spielend! Und wie! Es ist ja heutzutage auch steuerlich interessant geworden, muss ich schon sagen. Doch, doch. Na, und meine Frau ist beim Staat, verstenners, da bleibts daheim und kann später getrost wieder zurück auf ihren Posten. So Frauen brauchen halt immer irgendwas, das sie ablenken tut und ihnen Freude macht und so. Naja, und im Grunde geht mir ja auch gar net so viel drunter ab, sagt meine Frau. Und des muss ich schon auch sagen. Irgendeinmal muss es halt doch sein. Was solls? Irgendwann kommt jeder einmal dran. Und jetzert sind halt wir an der Reihe. Ich mein ja auch, wir sind alt genug, meine Frau weiß schon, was wir wollen. Und ich sag Ihnen ganz ehrlich, auch wenn das Fernsehprogramm besser geworden ist, ja, wir ham eine Schüssel droben, prima Sache, rund um die Uhr, jaja, auch an Video, klar, da such ich mir immer aus, was mir gefällt, das Beste ist ja gerade gut genug, sag ich immer. Warum denn auch nicht, Menschenskind?
Urlaub ist ja auch nix mehr! Alle fahrn ja in Urlaub heutzutage, also, wo wolln Sie denn noch hin? Und wenn Sie ständig Deutsche treffen, da vergeht Ihnen der schönste Urlaub, das sag ich Ihnen. Und das Meiste haben die ja eh verschandelt und verdreckt. Das Ursprüngliche könnens doch längst vergessen.
Also jetzt probiern wir halt mal was anderes. So ein Dingsbums, ein Baby. Steuerlich nicht zu verachten, wirklich, hätt ich nicht gedacht, auch muttermäßig und rentenhalber. Kann ich Ihnen nur empfehlen. Sonst schenkt man ja alles dem Staat, und der den ganzen Ostbrüdern, den rübergelaufenen!
Obwohl, ich hab bald TÜV und da macht mer sich so seine Gedanken, und ich sags Ihnen ganz ehrlich, also, der neue BMW, der große, der Fünfer, der tät mir schon raushängen. Vielleicht nimmt meine Frau den alten fürs Baby zum Einkaufen und fürn Doktor, und ich nehm einen neuen. Ja, so könnten wirs machen. Das tät mir schmecken. So ham wir alle was davon, stimmts? ♦

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Dr. Helmut Haberkamm
Geb. 1961 in Dachsbach/D, Studium der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik in Erlangen und Swansea/Wales; zahlreiche Mundart-Prosa-Publikationen in Büchern und Zeitschriften, Träger verschiedener Literaturpreise, lebt als Gymnasiallehrer in Spardorf/D

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Blog-Links zum Autor

- Lautwein.de: «Frank lichd…»

- Oberfranken: «Tag der Franken»

Satirisches von Georg Schwikart

Veröffentlicht in Georg Schwikart, Literatur, Prosa, Satire by Walter Eigenmann am Dezember 28th, 2007

Dichtersorgen

Georg Schwikart

 

Es ist doch immer das Gleiche. Wenn ich in der Badewanne sitze, kommen mir die besten Gedanken für einen Roman. In der U-Bahn liegen mir die zartesten Gedichte auf der Zunge. Hundemüde im Bett ruhend, schreibt mein Geist spritzige Kurzgeschichten. Ich könnte die Reihe beliebig fortsetzen. So fällt mir beim Spülen ein, dass man zu bestimmten Sachverhalten unbedingt Untersuchungen anstellen müsste, oder in ein interessantes Gespräch vertieft, überfällt mich die lang gesuchte, treffende Formulierung für einen Essay.
Auf den Punkt gebracht lautet also die Grundregel: Immer genau dann, wenn weder Papier noch Schreibgerät zur Hand sind, immer genau dann küsst mich die Muse.
Habe ich aber voller Tatendrang an meinem Schreibtisch Platz genommen, um die Welt mit meinen geistigen Ergüssen zu beglücken, dann ist mir, als beherrschte ich nicht einmal das Schreiben. Mit den nun reichlich vorhandenen Füllern, Bleistiften und Kugelschreibern traktiere ich abwechselnd stapelweise Papier. Ich kritzle und male, schreibe das eine oder andere Wort, streiche es wieder durch - leer, das Papier bleibt leer. Weil der Kopf leer ist. Nichts, gar nichts will mir gelingen.
Nun, ich will mich inspirieren, schaue zum Fenster raus. Es ist schmutzig. Schnell blicke ich wieder aufs Papier. Es ist leer.
Ich gieße die Blumen, die Ärmsten waren schon ganz vertrocknet. Ich begebe mich zurück zum Schreibtisch, dieser Folterstätte. Ich male einen Kreis auf das Blatt. Einen Punkt in die Mitte. Ich zerknülle das Blatt und werfe es weg.
Einen Kaffee trinke ich, esse ein paar Plätzchen. Mir geht es schon viel besser. Meinen Schreibtisch mag ich nicht mehr ansehen. Ich setze mich zwar hin, doch eigentlich ignoriere ich dieses Möbel. Auch den Stift in meiner Hand verachte ich, ebenso die eigenartige Wortkonstellation, die er gerade zu Papier gebracht hat. Ich bin dafür verantwortlich.
Ich lese. Erst eine Zeitung, dann in einem Buch. Durst habe ich, ach nein, Kaffee habe ich gerade erst getrunken. Die Blumen sind auch schon gegossen, schade.
Ich betrachte meinen Schreibtisch und tue so, als ginge ich zum ersten Male zu ihm. Hallo, alter Junge, begrüße ich ihn. Doch er mag mich nicht.  Er bleibt stumm, wie mein Stift und das Papier. Ich hasse Papier.
Ich gehe zu Bett, gestresst, müde, depressiv, zerfallen mit Gott und der Welt. Meine geschwächten Glieder genießen das ruhige Liegen auf der Matratze.
Da, als ich gerade froh bin, dass dieser grausame Tag ein Ende gefunden hat - mir fallen die Augen zu, ich weiß nicht mehr, in welcher Lage ich mich befinde -, da kommen sie: Einfälle über Einfälle.
Ich bin über mich selbst begeistert. Phantastisch! Gelungen! Ich schlafe ein.
Aus mir hätte ein großer Schriftsteller werden können. Sei’s drum.

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georg-schwikart.jpgDr. Georg Schwikart
Geb. 1964 in Düsseldorf, Studium der Religionswissenschaft, Theologie und Volkskunde; zahlreiche belletristische und essayistische Veröffentlichungen für Erwachsene und Kinder in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien, verschiedene Beiträge für Radio und Fernsehen, Leiter von Literarischen Werkstätten, lebt als freier Schriftsteller und Publizist in St. Augustin/BRD

Kurzprosa von Rainer Wedler

Veröffentlicht in Literatur, Prosa, Rainer Wedler by Walter Eigenmann am Dezember 10th, 2007

mein Kopf ist schwer 

Rainer Wedler 

 

schwer ist schwer ich muß mich lösen wasserlöslich warum nicht im Meer der Wörter Wörtermeer salzig tränenreich die Sonne scheint das Meer trocken Trockenmeer Meersalz Salz und Pfeffer Pfeffersäcke Sackpfeifen was solls der Vater hat es geliebt das Pfeffer und Salz englische Stoffe hat verarbeitet dann ist er arbeitslos geworden ist sie einfach losgeworden die Arbeit ist alles losgeworden die Eltern die Freunde mein Kopf ist schwer der Stift kratzt dabei ist er weich versteh ich nicht er soll fließend fließend schreibenim Schreibfluß der Hand in Hand handüber gibts das kopfüber ja mein Kopf ist schwer der Magen leer ich bin zu schnell schnell wozu der Tisch kommt meinem Kopf entgegen wie schwer er ist ohne Mut Schwermut Wermut Vermouth Absintsäufer haben einen schweren Kopf ich muß mir ein paar Tabletten reinschieben Max du hast den Schieber raus Schieber raus heißt das nicht schiebn raus er heißt Max du hast das Schieben raus schiebn raus bloß nicht kleinschreiben sonst ist alles zu spät oral geht das in Ordnung da bleibt die Zweideutigkeit aber auf dem Papier ist alles zu spät die Unwiderruflichkeit geschrieben ist geschrieben ein Stück trotzdem flüchtiges Papier Papiersterben Waldsterben ist Papiersterben es ist gerade umgekehrt mein Arm tut weh mein Kopf ist schwer mein Herz ich kann sie finden nimmermehr und nimmermehr was oder wen Faust nachschlagen schlag nach bei Shakespeare denn da ist alles drin drin ist nicht dran sagte die Jungfrau und entzog sich dem drängenden Jüngling im lockigen Haar mein Haar ist licht mein Hirn ist hin Lichtung sich ausweitend alternd Amen Amero Amaretti Espresso tutto negro negroide Lippen damit kann ich leben oder sterben das ist nicht die Frage lebenslängliche lang lang ists her mit den kleinen Engländerinnen Engelland ist abgebrannt Maikäfer flieg Quatsch Pommer(y)land ist abgebrannt Vor- und Hinterpommern (auch Meck Po ?) Vorder- und Hinterpo-Schinken ist vom Schwein schweinisch Engelland ist BSELand noch nicht abgebrannt Anderland Müsliland an die Hand wau an die Hand hat Ihr Hund aber einen schönen Namen so ja an die Hand Idiot Vorsicht Idioten sind gefährlich wo aber Gefahr ist wächst das Rettende auch oder so ähnlich Hölderlin war ja auch verrückt ♦

 

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Dr. Rainer Wedler
Geb. 1942, nach dem Abitur als Schiffsjunge in die Türkei, nach Algerien und Westafrika; Studium der Germanistik, Geschichte, Politik, Philosophie, Promotion über Burleys «Liber de vita», zahlreiche Lyrik-, Kurzprosa- und Roman-Veröffentlichungen

Zum 100. Geburtsjahr von Astrid Lindgren

Veröffentlicht in Astrid Lindgren, Christian Futscher, Humoreske, Literatur, Prosa by Walter Eigenmann am Dezember 9th, 2007

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Drei Gedichte für Astrid

Humoreske

Christian Futscher 

 

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Astrid Lindgren mit der Pippi-Langstrumpf-Darstellerin Inger Nilsson

Astrid Lindgren hat schöne Bücher geschrieben. Unvergessen ist zum Beispiel «Pippi Langstrumpf», das auch verfilmt worden ist. Auch andere Bücher von Astrid Lindgren sind verfilmt worden, ich denke nur an die «Kinder von Bullerbü» und andere. Um auf Pippi Langstrumpf zurückzukommen: Ich glaube, es gibt wenige Mädchen in der gesamten Literatur, die so stark und gewitzt sind wie sie. Unvergessen auch ihr Pferd, ihr Affe und ihr Haus, die Villa Kunterbunt, von ihren Rechenkünsten ganz zu schweigen. Ich mache mir die Welt, wie es mir gefällt… oder heißt es: wie sie mir gefällt? Jedenfalls ist das wohl einer der schönsten Sätze der  Weltliteratur, da fährt die Eisenbahn drüber!
Astrid Lindgren ist sehr alt geworden, das hat sie sich auch verdient. Ich glaube, man kann sogar sagen, sie ist unsterblich geworden durch das, was sie geschrieben hat. Hätte sie nicht geschrieben, sondern nur erzählt, ich meine, hätte sie ihre Phantasie und ihre Erfindungsgabe nur mündlich in den Dienst der Unterhaltung ihrer Kinder, Enkelinnen, Enkel oder Nichten und Neffen gestellt, wäre sie nicht unsterblich geworden. Aber was ist das schon, Unsterblichkeit? Wer kann denn wirklich garantieren, dass in sagen wir 500 Jahren noch ein Hahn nach Astrid Lindgren krähen wird? Ich muss jedoch sagen, ich bin fest davon überzeugt, dass in 500 Jahren noch ein Hahn nach ihr krähen wird! Ja, ich bin sogar zuversichtlich, dass auch in 1000 Jahren noch etliche Hähne nach ihr krähen werden! Dank solcher Ausnahmetalente oder soll ich sagen: überragender Schriftstellerinnen wie ihr ist der Fortbestand der Literatur gesichert. Ich habe keine Angst vor einer Vernichtung der Erzählkunst, weil die Erzählkunst gehört zum Menschen wie der Busen zur Frau und das Glied zum Mann, um es drastisch und deutlich zu formulieren.

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Michel aus Lönneberga alias Jan Ohlsson 

Astrid Lindgren war eine Schwedin, sie wäre am 14. November 2007 hundert Jahre alt geworden. Ich bin noch nicht einmal 50, aber das tut nichts zur Sache. Wer jemals etwas von Astrid Lindgren gelesen hat, der weiß, dass sie eine große Schriftstellerin war und ist. Ihre Literatur lebt nach wie vor, sie erfreut sich bester Gesundheit.
Schon sehr viel Mist ist über Astrid Lindgren geschrieben worden, ich will ihr heute ein Gedicht widmen – ein sehr einfaches, wie es ihrer persönlichen   Bescheidenheit entsprochen hätte, denn sie hat sich zeitlebens nie aufgeplustert wie so viele zweit- und drittklassige Autoren, die glauben,   sie seien weiß Gott was und dabei sind sie nichts weiter als ein Fliegenschiss auf einem Kuhfladen oder Rossapfel. Es ist unglaublich, wie viele aufgeblasene Wichtigtuer, die keine Ahnung von nichts haben, sich Schriftsteller schimpfen! Astrid Lindgren war da anders, ganz anders, nicht zu vergleichen mit diesen Hohlköpfen, die glauben, sie seien was besseres als ein Furz im Wind oder ein geschmackloser Witz.
Hier jetzt aber das Gedicht für Astrid Lindgren, ein einfaches Gedicht ihr zu Ehren, und das geht so:

Astrid Lindgren
Astrid Lindgren
Astrid Lindgren
Astrid Lindgren

Der Titel des Gedichtes wäre nachzutragen, er lautet ganz einfach: «Astrid Lindgren».
Und ich will ihr noch ein zweites Gedicht schreiben, wieder ihr zu Ehren, eine kleine Spielerei, denn auch sie war verspielt, das sieht man an ihren   verspielten Texten, wo Sprachspiele eine große Rolle spielen:

Astrid Lindkren
Arschtritt Lindcreme
Ast im Lindbrenn
Ast im Lindgrün
Ich schreibe ihren Namen
Wie es mir gefällt

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Szenenfoto aus der Fernseh-Serie
«Die Kinder von Bullerbü»

Ich hoffe, die Gedichte hätten ihr gefallen! Die zweite Zeile in dem Gedicht ohne Titel ist übrigens in keiner Weise despektierlich gemeint, sondern übermütig, lebensfroh und pippifrech, um es so zu sagen! Und weil aller guten Dinge drei sind, hier noch ein drittes Gedicht für Astrid Lindgren, diesmal ein etwas anders gestricktes als die vorherigen, auch einfach gehalten, aber mit eindeutig mehr Tiefgang. Es drückt sich darin, mehr als in den vorigen beiden, das lyrische Ich aus, das empfindende, möchte ich hinzufügen, ja, ich möchte sogar in aller Bescheidenheit ergänzen: das tief empfindende! Der normale Prosafluss der normalen Alltagssprache ist verabschiedet worden, es heißt jetzt: Grüß Gott, Sprache des Gedichts, zur Lyrik gehörend, ergieße dich über uns armselige Stammler, Stotterer, Stümper…
Ich will Sie aber nicht länger auf die Folter spannen. Das dritte Gedicht für die von mir hoch geschätzte und verehrte Astrid Lindgren hat den Titel «Wie das Leben so spielt» und geht so:

Astrid Lingren wurde sehr alt

Sie starb mit 96
Ihr Bruder hieß Gunnar
Ihre Schwestern Stina und Ingegerd
Auch alle schon tot
Gunnar wurde 68 Jahre alt
Stina 91 und Ingegerd 81
(Wenn ich mich nicht verrechnet habe)
Ob die Schauspielerin
Die Pippi Langstrumpf gespielt hat
Noch lebt?

Schon möglich

Bzw. keine Ahnung
Astrid Lindgren hatte einen Sohn
Der hieß Lars, genannt Lasse
Der wurde nur 60
Sie hat ihn deutlich überlebt
Ach, ach, ach!

Ich hätte Astrid Lindgren gern kennen gelernt, aber das hat nicht sollen sein. Na ja.
Ich hoffe, mit diesem Essay und den drei Gedichten den einen oder anderen aufgerüttelt zu haben. So wie Astrid Lindgren immer alle  aufgerüttelt hat, vor allem die Kinder. Mögen die Bücher von Astrid Lindgren noch in 10′000 Jahren die Herzen und Köpfe der Leserinnen und Leser erfreuen.
Danke für die Aufmerksamkeit. 

christian-futscher.jpgChristian Futscher

Geb. 1960 in Feldkirch/A, Studium der Germanistik und Romanistik in Salzburg, Prosa- und Lyrik-Publikationen in Büchern und Zeitschriften, Träger verschiedener Literatur-Preise und -Stipendiate, lebt in Wien

 

 

Kurzprosa von Barbara A. Lehner

Veröffentlicht in Barbara Lehner, Literatur, Prosa by Walter Eigenmann am November 8th, 2007

Besetzt

Barbara A. Lehner

 

Mein Körper ist besetzt.
In meinem Nacken hockt der Schalk und duelliert sich mit der Angst, bis mir der Kragen platzt. Wieder einmal bleibt die Angst Sieger und schnürt mir mit ihren rostigen Ketten die Kehle zu. Der Frosch im Hals wird grausam erwürgt, das Lachen bleibt im Aufzug stecken und die Stimme erbricht. Ich schreie, aber meine Schreie finden kein offenes Ohr.
Dabei will ich weder Gesicht noch den Kopf verlieren.
Auf meiner Schulter lastet die Verantwortung. Für mich, meine Familie, meine Klienten, mein Land. Für die ganze Welt. Ich kann sie nicht auf die leichte Schulter nehmen, die Kälte und die Intoleranz gehen mir Hand in Hand an die Nieren. Mein Zorn spuckt Gift und Galle.
Die Laus trainiert ausgerechnet auf meiner Leber für den New York Marathon und meine Selbstzweifel fallen mir immer wieder in den Rücken.
Alles in mir ist aus den Fugen geraten, das Herz auf der eisigen Glätte aus- und in die Hose gerutscht. Im Bauch wütet die Wut, im Hintern Hummeln. Ich wünsche mir ein dickeres Fell auf meiner Gänsehaut, in der ich nicht stecken will.
Der Misserfolg ist mit dem Paternoster in meinen Kopf gerast.
Ich will mich wehren.
Aber ich beherrsche die Technik immer noch nicht.
Die der Ellbogen.
Was soll dieses Bauchgrummeln?
Trotz des Chaos in mir spaziert die Liebe ganz gerührt mitten durch den Magen und macht sich in mir breit. Bringt mein Blut zum Brodeln und verdreht mir den Kopf. Meine Knie werden butterweich, und es zieht mir den Boden unter den kalten Füßen weg. Der schwere Stein fällt vom erfrischten Herzen, verwandelt sich im Fallen in tausendschöne Schmetterlinge und lässt mich fliegen.
Auf und davon zu mir. ♦

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barbara-lehner.jpgBarbara A. Lehner
Geb. 1962, Studium an der Sozialakademie Wien, Preisträgerin verschiedener Literatur-Wettbewerbe,  lebt als Sachwalterin psychisch kranker und geistig behinderter Menschen in Niederösterreich

Leiden eines Schach-Neurotikers

Veröffentlicht in Karl Gross, Prosa, Satire, Schach by Walter Eigenmann am November 7th, 2007

Das Drama des
unbegabten Schachlehrers

Karl Gross

 

Seit einigen Wochen schlich ich um die Einlösung eines vermaledeiten Versprechens herum: Meine Schwägerin hatte mir im Rahmen einer Großfamilienzusammenführung (Mutters 79. Geburtstag) stolz berichtet, daß ihr Jüngster (7) angefangen habe, Schach  zu spielen und auch die Schach AG der hiesigen Grundschule fleißig besuche. wwwschachbe_benjamin.jpgSie bat mich, doch mal in Kürze gegen den Kleinen eine Partie zu spielen. Er würde sich sehr darauf freuen, und sie habe ihm auch fest versprochen., dass ich dies gerne machen würde…
Ich hatte vage - verlegen lächelnd - zugestimmt, da ich dies als meine Onkelpflicht erachtete. «Ja, ja, wenn ich mal Zeit habe, gerne, na klar, das freut mich sehr, dass der Kleine tatsächlich Schach lernen will, da kann ich ihm vielleicht ein wenig helfen» usw. Und ich fügte mit kräftiger Betonung hinzu: «Das Wichtigste beim Schach ist, dass man das Verlieren lernt!»  - Damit hatte ich - eher unbewusst - einen Kontrapunkt zu der immens verwöhnenden Erziehungspraxis des Neffenhaushalts markiert.
Nach einigen Wochen des Hinhaltens, Ausweichens, Ignorierens, erfolgreichen Verdrängens fuhr ich  unbeschwert zu meiner Mutter, die gerade aus dem Urlaub heimgekehrt war. Ich lauschte eben ihren sonnendurchtränkten Erinnerungen, als plötzlich die Haus-Sirene schrillte. Ein Kind stand vor der Tür, das aus der Nachbarwohnung  geeilt war, um den Onkel zu begrüßen. Der Kleine trug ein zusammengeklapptes Holzschachbrett in Schulterhöhe triumphierend vor sich.
«Heute spielen wir Schach!» tönte entschlossen das helle Stimmchen, und schon knallte das Brett auf den Kaffeetisch.
«Wir spielen nebenan am großen Tisch», sagte ich kapitulierend und packte die Utensilien unter den Arm. Schon öffnete sich erneut die Tür, und die Mutter des Eleven und auch  mein Bruder eskortierten das Schachkind in den Spielsaal.  Ich nahm im butterweichen Sessel Platz, so dass mein Gegner  mir tatsächlich in Augenhöhe gegenüber saß.
Das gescheit(elt)e  kleine Köpfchen mit den braunen Rehaugen hatte die Figuren regelgerecht aufgestellt - ich bekam ungefragt die schwarzen Steine - und eröffnete mit 1. e4. «Das spielen die meisten», schob er nach, bevor ich mein weiteres Vorgehen strukturieren konnte. Nachdem ich artig 1. - e5 entgegnete, folgte spontan 2. a4.
Stolz äugten die Eltern auf weitere Armbewegungen  des Schachschülers, die ich in bester Onkel-Manier mit netten Lobesworten begleitete. Er hatte alle Bauern hintereinander gezogen, und ich war gespannt, ob er auch die Offiziere ins Feld führen könne. Tatsächlich, mit leichter Hilfe des Vaters, der das Pferdchen aus dem Stall führte, und weiteren Hilfsaktionen  standen irgendwann die Figuren auf dem Schachbrett herum.
gm-magnus-carlsen_geb-1990.jpgIch bewegte meine Figuren nur bis zur Mittellinie, um keinen Schaden anzurichten. Die beiden Heere standen sich irgendwann gefahrlos gegenüber, und ich wußte plötzlich nicht mehr, wie ich die Harmonie auf dem Brett beibehalten konnte. Mein Bruder schaute mich etwas verwundert an, da ich eine Springer-Gabel mit Damengewinn «übersehen» hatte.
Rehauge hüpfte vor Freude, die Zug-begleitenden Lobesworte der Eltern zeigten ihre Wirkung, und auch ich kratzte mir sorgenvoll die Stirn, staunte und frohlockte ob der «tollen» Züge des Eleven.
‹Das Wichtigste beim Schach ist das Verlieren-Können›, schoss es mir plötzlich durch den Kopf, und schon entlud sich in mir ungeschützt der gesamte Hass auf die verwöhnten Kinder, auf die Eltern, die sich zum Personal ihrer kleinen Herrscher degradieren lassen, auf die gesamte Kindergarten-und Grundschul-Pädagogik, die jahrelang schon für das bloße Ein-und Ausatmen der Kinder Bestnoten verteilte…
Ich spielte auf einmal rücksichtlos auf Gewinn, kommentarlos. Die Eltern fingerten unbeholfen  im weißen Lager herum. Der Kleine konnte keinen einzigen Zug mehr ausführen, ohne dass ihm der Arm, dann die Hand geführt wurden. Diese Eltern würden ihr Leben geben, wenn sie dem Kind eine Niederlage ersparen könnten.

Ich kapitulierte innerlich: Mit Inbrunst führten die Eltern die kindliche Zug-Hand, um mir nachaneinder alle verbliebenen Leicht-, dann Schwerfiguren abzuluchsen. Beide Elternteile durften dann gemeinsam das Mattnetz, das wir alle zusammen für mich geknüpft hatten, zuziehen:
«Und, was ist der Onkel jetzt?» krähte der Vater.
«Matt!!» schrie das Kind. ♦

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karl-gross.jpgKarl Gross
Geb. 1951 am Niederrhein, Magisterstudium in Düsseldorf (Anglistik,Germanistik), einige Jahre als freier Übersetzer und Turnier-Schachspieler unterwegs, seit 14 Jahren selbständiger Buchhändler in Grefrath/BRD

Kurzprosa von Martin Stauder

Veröffentlicht in Literatur, Martin Stauder, Prosa by Walter Eigenmann am September 15th, 2007

Mordverdacht

Martin Stauder

 

Es soll ja Leute geben, die lachen sich zu Tode, und dann kommt die Polizei und verhaftet den Ehemann wegen Mordverdacht. Dabei war doch alles ganz anders. Die Sache mit Herrn Bleidewin z.B, der ließ beim Frühstück mit seiner Vroni sein Abenteuer mit der Nachbarin Rosmarie los. Seine Zunge zappelte nervös. So schilderte er freimütig, wie er der Frau durchs Schlafzimmerfenster gestiegen ist, und wie er, als er sich übers Fensterbrett beugte, mit seiner Rechten in einen Kaktus gegrabscht hat. Natürlich hat er seinem Weibe nicht erzählt, wie laut er aufgeschrieen und sein Gleichgewicht verloren hat, aber korrekt angemerkt, wie die Rosmarie sich damals über ihn totgelacht hat. «Deswegen ist es ja nicht zum Verkehr gekommen», sagte Herr Bleidewin zur Vroni, und unerwartet heulte sie drauflos, und der Bleidewin sah verwundert, dass ihr offensichtlich irgendwas im Halse steckengeblieben war. Schließlich schwieg sie. ♦

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Martin Stauder
geb.1958 in Göttingen/D, zunächst Musikalienhändler, seit 1990 in der Krankenpflege tätig, schreibt Kurzprosa und  Lyrik,  veröffentlicht Buchrezensionen im Internet,  lebt in Regensburg

Kurz-Prosa von Beatrice Nunold

Veröffentlicht in Beatrice Nunold, Literatur, Prosa by Walter Eigenmann am September 1st, 2007

Deep-Darkness 6 

Beatrice Nunold

 

Dunkelheit, nichts als zähe, undurchdringliche Dunkelheit. Oft, vielleicht zu oft habe ich die leeren Weiten des Universums durchschifft. Mir war klar, dass die Dunkelheit nicht zäh war, und undurchdringlich bloß für die Blicke. Doch stets, wenn ich diesen Gott verlassenen Sektor des bekannten Universums durchkreuzte, überkam mich das Gefühl, dass sich die Finsternis wie eine klebrige kosmische Riesenqualle um meinen alten, soliden Frachter stülpte. Nicht die Gute Hoffnung schiffte durch die dunklen Ecken des Universums, sondern die Finsternis verschlang sie. Mit dem Verlust des Blicks in lichtere kosmische Gefilde, verdunkelte sich mein Gemüt. Ich werde mich nie an die interstellare Nacht gewöhnen, aber ich hatte meine Methoden mit der Tiefenraumdepression umzugehen. Andere nahmen Space-Drugs.
Ich fluchte vor mich hin. «Finsternis», dachte ich, «ein biblischer Begriff. Und das Licht fiel in die Finsternis und die Finsternis hat es nicht begriffen. — Oder ergriffen? Verdammt, jedes Mal werde ich zur trübsinnigen Philosophin oder zur düsteren Mystikerin. Wie war das doch gleich? Fürchte den Tag des Herrn, denn des Herrn Tag ist Finsternis und nicht Licht, oder so ähnlich. Amos, irgendwas. Zum Teufel! Die Düsternis gebiert düstere Gedanken. Denk an etwas anderes. Wie war das doch gleich in der letzten Raumstation. In der Kantine hat ein recht ansehnlicher Handelsvertreter für Schönheitsprodukte aus Meeresalgen und -mineralien von Thetis tüchtig gebaggert. Ob er seine Pflegepräparate selbst verwendet. Hübsches Kerlchen, ein Vendianer mit Knackarsch. Er hatte eine echte Chance. Dann hat er dir dieses sicher gut gemeinte Kompliment gemacht. Er schwärmte von deinen Sternenaugen. Das brachte dich wieder ins Grübeln. Hättest du doch geschwiegen, ich hatte dich zwar nicht für einen Weisen gehalten, aber doch für Wert befunden, mit mir ein paar nette Stunden in meiner Kabine zu verbringen. Sternenaugen, — haben sie wirklich den kalten, abweisenden Glanz, der verlorenen Sonnen, die nur mit ihrer Kälte drohen, damit niemand ihren Höllengluten zu nahe kommt? Was gäbe ich darum, ein paar dieser verlorenen Sterne in diesem nicht enden wollenden Dunkel zu sehen.»
Ich schloss die Augen. «Dunkelheit auch hinter meinen Lidern. Wie undifferenziert die Weite doch ist, wie homogen. Als wären die Augenlieder weg geschnitten. So gab Kleist bei der Betrachtung des Gemäldes Mönch am Meer seiner Verzweiflung Ausdruck, angesichts der differenzlosen düsteren Weite auf dem Bild Caspar David Friedrichs. Der Mönch war die einzige Senkrechte in dieser Unendlichkeit. Ich, Esther Morgenglanz, die einsame Eremitin in ihrem kleinen Frachter mitten in der Unendlichkeit des Universums. Bin ich nicht auch die einzige Senkrechte, meine einzige Senkrechte, mein einziger Bezugspunkt und einzige Orientierungsmarke, von dem aus ich mein Koordinatennetz auswerfe wie eine Spinne? Im Netz der Spinne verfangen sich kleine Insekten, die ihr als Nahrung dienen. In meinem geistigen Netz verfangen sich Bilder, Töne, Gerüche, Tastsensationen, mir zur geistigen Nahrung. Aus ihr webt sich mir Welt und Sinn. Aber hier und jetzt, ist mir als wären mir die Augenlider weg geschnitten. — Diese zähe undurchdringliche Düsternis. Hier gibt es keine Bilder, keine Welt, keinen Sinn. Was macht es für einen Unterschied, ob die Augenlider fehlen oder die Dunkelheit, dir die Augen mit Finsternis verklebt? Dunkelheit von Augenblick zu Augenblick. Oder gibt es keine Augenblicke mehr, die sich aneinander reihen und ein aktuelles Hier und Jetzt verschenken? Verdammt noch mal! Aktualität ist das unsinnlich winzige, gequantelte, Intervall von 10-43 Sekunden, das unbemerkt die Zeit gebiert, selbst die Dunkelheit zwischen den Blitzen der Leuchtbojen im Tiefenraum, den Bruch zwischen Vergangenheit und Zukunft, die Leere zwischen den Ereignissen. Was, wenn diese Leere sich ewig dehnt? Wenn nie mehr ein Augenblitz auf den andern folgt? Wenn kein diskretes Intervall mehr aus dem Quantennirwana springt und im Nu eines Augenblicks Ewigkeit aufblitzt? Wenn die Leere zum Tag des Herrn expandiert, zu Dunkelheit, zu verfluchter niemals endender Dunkelheit?» — Lost in the dark emptyness! — Oh, Verflucht!
Mit weit aufgerissenen Augen ich in die Finsternis. Ein jäher Lichtblitz verursachte ein ebenso plötzliches Blinzeln. Von einem Augenblick auf den anderen heiterte sich das Universum auf, formte sich zum wohlgeordneten Kosmos, spannte sich Welt aus mit einem dichten Netz von Koordinaten. Wieder blitzte es.
«Ja!!! — Ich bin bald da! Raumstation Deep Darkness 6 ich komme. Mädels haltet Eure Männer fest! Denn diesmal lass ich mir durch kein wohlmeinendes Kompliment die Laune verderben.»
Einem Gedanken wuchsen hinter meiner Stirn Worte zu: «Hoffnung keimt nicht einfach auf. Hoffnung überkommt uns wie Angst und Traurigkeit.»
Und ich war guter Hoffnung, sehr guter. Jetzt hatte ich es gar nicht mehr eilig.
«Die Vorfreude» schoss es mir durch den Kopf, «will ausgekostet sein. Bis zum Andockmanöver bleibt noch etwas Zeit, wie wunderbar.»
Ich klappte einen Spiegel vor der Panoramascheibe herunter, ähnlich denen in den Sonnenblenden auf der Beifahrerseite in den Autos auf der guten alten Erde der Vergangenheit. Unter der Konsole zog ich ein Kosmetiktäschchen hervor. Ausgiebig betrachtete ich mein halblanges schwarzes Haar, das blasse, viel zu scharf geschnittene Gesicht und die hellen blauen Augen.
«Sternenaugen», dachte ich und lachte, zog den Lidstrich nach und das Rot der Lippen.
«Deep Darkness 6, ich bin im Anflug! Nur noch wenige Augenblicke und ich bin bei Euch!» ♦

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Dr. Beatrice Nunold
Geb. 1957 in Hannover, Studium der Philosophie, Kunstgeschichte, Volkskunde und Sprache und Kultur Vietnams an der Universität Hamburg, diverse journalistische und wissenschaftliche Veröffentlichungen sowie Lyrik in Anthologien, lebt als Philosophin und freie Autorin in Goslar/BRD

Kurzprosa von Rainer Wedler

Veröffentlicht in Literatur, Prosa, Rainer Wedler by Walter Eigenmann am August 27th, 2007

Ein Mann muss
einen Bart haben 

Rainer Wedler

 

Schließlich nur noch Stereotypien. Der Bart ein sichtbarer Punkt am Ende eines langatmigen, vielfach verschränkten Satzes.
Australischen Kängurus wurde nicht auf die Sprünge geholfen. Die Schafe auf Neuseeland blieben ungeschoren. Die Siamkatzen – ein besonderer Markt in Frankreich - ungezüchtet. Die Dissertation über die Fortschreibung des Arbeitsrechts ein Zettelgrab. Der Entwicklungshelfer flog nicht nach Tansania.
Zum Bart hatte er geheiratet. Höherer Dienst beim Finanzamt. Formulare, Stempel, Unterschriften, Mitarbeitermotivation, Kaffeepausen, Unzufriedenheit. Alle zwei Jahre eine Gehaltserhöhung, Audi, Fünfzimmerküchebad. Dazwischen Österreich, Spanien, auch Frankreich.
Die Wohnung eine Inszenierung. Das meiste vom Trödel, der Rest von Romer.
Bevor sie zu Bett gingen, nahmen sie gleichsam alle Räume noch einmal ab. Hie und da wurde ein Nippes nach vorne gerückt, ein Kleinod nach hinten, die alte Bibel in den richtigen Winkel zum Samowar. Dabei beteuerten sie sich gegenseitig, wie schön sie es doch hätten.
An besonderen Abenden machte er eine Flasche Riesling auf. Sie tranken ihn aus den Jugendstilgläsern mit dem dünnen grünen Fuß. Das Glas in der Hand, schritten sie durch die Räume. Sie öffnete die vollen Schränke.
Sind wir nicht glücklich?
Sie hat es tatsächlich ausgesprochen. Er hat aufgehört, sich darüber aufzuregen. Vielleicht wollte er aber auch ein Gran Ironie heraushören.
Seit sie in Kunst machte, war er oft allein. 
Das Kaktus war seine erste Pflanze. Er hatte ihn aus einer Laune heraus gekauft. Bald stand daneben ein zweiter auf seinem Schreibtisch. 
In seinem Testament hat er festgelegt und sich dabei von einer alten Inka-Weisheit inspirieren lassen, man solle ihn mit dem Gesicht nach unten beerdigen, damit er bei einem Versuch, sich freizugraben, nur immer tiefer kommen würde. Außerdem soll seine Todesanzeige nur Vor- und Nachnamen nennen und nur das Datum seines Todes, nicht: In tiefer Trauer Marianne Wittlich, geb. Forster. 
Sie hatten viele Jahre miteinander gelebt. Er konnte nicht einmal sagen, daß es schlecht gewesen war. Emotionen waren ihm fremd. 
Warum läuft Herr K Amok? Ein Freund hatte ihn auf diese Lösung hingewiesen. Er konnte ihn nicht verstehen. Sicherlich, es kränkte ihn ein wenig, daß sie zweimal die Woche siebdruckte, linolschnitt, töpferte, daß sie fast ebenso oft zu den Redaktionssitzungen eines kleinen Emanzenblättchens – blauer Klatschmohn oder so ähnlich - fuhr. Am Anfang war er eher zufrieden. Er hoffte, den runden Couchtisch nach und nach leeren zu können, da er es sich zum Prinzip gemacht hatte, Bücher erst dann ins Regal zu stellen, wenn er sie zumindest kursiv gelesen hatte. Alles andere wäre ihm als Verrat erschienen. Da er aber ständig neue Bücher kaufte, kamen auf ein gelesenes schnell mehrere neue. 
Er fühlte sich so sehr eingeengt, daß er einmal daran dachte, alle Bücher auf der Straße zu einem Scheiterhaufen aufzuschlichten und sich an ihrem Feuer zu wärmen. Er würde viele Benzin darüber schütten. Die Seiten würden verkleben, verkohlen. Endlich frei sein. 
Wittlich dachte auch an den Wannsee. 
Zu den Kakteen waren im Laufe der Zeit gekommen: Questenkraut, Männertreu (vermeeret den Mannlichen Saamen), Natterwurz (ist gut für gifftige Biß), Meerrettisch (macht Haar wachsen), Huflattich (löschet eigentlich alle innere Hitze) …
Der Efeu hat inzwischen das Fenster vor seinem Schreibtisch zugewuchert. Der Verlust an Licht störte ihn nicht, da er ohnehin nur nachts zum Lesen kam. Das Kästchen mit dem geschnitzten Drachenboot, das der Großvater aus dem Generalgouvernement mitgebracht hatte, musste als erstes weichen. Der Efeu schlang sich längst um die Beine des Schreibtischs. Wittlich wollte die Pflanzen nicht stutzen. Wenn er doch einmal schnitt, dann nur, um Setzlinge zu gewinnen. 
Wir wollen keine Kinder, sagten sie, und sie sagten es immer öfter. Sie aber wußte, daß er log. Hatte er nicht erst letzte Woche einem kleinen Buben Schneewittchen vorgelesen und hatte nicht bemerkt, daß er schon tot war? Er wusste nur noch nicht, wie er sterben würde.
Wittlich ließ seinen Bart ungehemmt wuchern, was die Nahrungsaufnahme schließlich so erschwerte, daß er sie immer mehr einschränkte. Hin und wieder klemmte er versehentlich den Bart in die Schublade des Schreibtischs. Es schmerzte, wenn er aufstehen wollte.
Die gleichen Interessen seien es gewesen, die sie zusammengeführt hätten. Ein verspäteter Bus hatte seinen Puls nie schneller gehen lassen. Wenn du älter wirst, spielt das, was sie Liebe nennen, keine Rolle mehr, wenn es denn je eine Rolle gespielt hat, pflegte er zu sagen.
Trotzdem ab und zu das Bedürfnis, mit einer Frau zu schlafen. Die wenigen Male zwischen den immer ausgedehnteren Perioden, wo es ihr Zeitplan erlaubt hätte, entzog sie sich der ehelichen Pflicht, wie sie den Vorgang ganz unironisch nannte, indem sie Kopfschmerzen, in wachsendem Maße aber ideologische Gründe vorschob, die ihr die Szene reichlich lieferte. Endlich konnte sie argumentativ, wie sie wohl glaubte, überdecken, daß sie nie gerne mit ihm geschlafen hatte.
Wenn ihn die Augen schmerzten, setzte er die Brille ab und verbarg sein Gesicht in beiden Händen, wie wenn er weinen würde. Wenn er wieder aufsah, verschwamm sein Gesicht im Gewirr der Pflanzen. Er war Teil des grünen Szenarios geworden. Um sich wieder daraus zu lösen, setzte er schnell die Brille wieder auf.
Der Schreibtisch war inzwischen grün überwuchert. Jedes Mal, wenn er lesen wollte, musste er vorsichtig die empfindlichen Triebe von der Lampe pflücken. Je länger er sein Gesicht im Spiegel des nächtlichen Fensters betrachtete, desto mehr verwirrte sich der Bart mit den Stengeln und Blättern. Einmal war sein Bild ganz verschwunden. Die Pleoptik hätte ihm dieses Phänomen vielleicht erklären können, ihm aber lag nicht an einer Erklärung. Es faszinierte ihn, wie sich selbst ins Nichts auflösen konnte, wie er in der Dunkelheit verschwand.
Nach dieser Entdeckung las er kein Buch mehr. Er beherrschte jetzt die Technik, seine Augen so zu stellen, daß er sich draußen immer mehr verflüchtigte. Schließlich gelang es ihm, die Dauer, bis er wieder auftauchte , ständig zu verlängern.
Ob er es geplant hatte, weiß niemand.
Jedenfalls ließ ihn seine Frau nach Ablauf der gesetzlichen Frist für tot erklären. ♦

 

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Dr. Rainer Wedler
Geb. 1942, nach dem Abitur als Schiffsjunge in die Türkei, nach Algerien und Westafrika; Studium der Germanistik, Geschichte, Politik, Philosophie, Promotion über Burleys «Liber de vita», zahlreiche Lyrik-, Kurzprosa- und Roman-Veröffentlichungen

Prosa von Christa Degen

Veröffentlicht in Christa Degen, Literatur, Prosa by Walter Eigenmann am August 23rd, 2007

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Isla de Los Lobos 

Christa Degen 

Ein bleigrauer Morgen. Ich suche einen Parkplatz auf dem riesigen Bürogelände, stelle meinen Firmenwagen ab, eile an all den Menschen vorbei, die pflichtbewußt zur Arbeit schreiten, grüße aus der Ferne bekannte Gesichter und verliere für Sekundenbruchteile das Bewußtsein.
Wo bin ich? Ach so, ja. Auf dem Weg zum Flughafen, in den Urlaub. Und das hier ist meine Firma. Nein, Ex-Firma - und das meine Ex-Kollegen, die ich gerade gegrüßt habe. Alles wirkt so unwirklich wie ein Film, den ich nur noch aus den Augenwinkeln wahrnehme, während ich mich schon etwas anderem zuwende. Die Verbindung zu diesen Bürogebäuden, der Firma, den Menschen, mit denen ich fünf Jahre zusammengearbeitet habe, ist nicht mehr. Auf einen Schlag, mit meiner Unterschrift unter die Kündigung, sind alle Fäden durchgeschnitten. Schwerelos und ohne Verankerung eile ich zur U-Bahn.

Am Flughafen Tegel herrscht morgens um halb zehn Hochbetrieb. In der Mitte der langen Schlange vor Schalter 12 wartet Eva schon, begrüßt mich mit ihrem warmen Lächeln. Sie sieht müde aus. Ihr linkes Auge hinter der Brille ist entzündet, ihre Haare erscheinen mir grauer als sonst. Wahrscheinlich sehe ich so ähnlich aus.
Sie lächelt tapfer in mein sorgenvolles Gesicht: «Das wird schon wieder. Einfach mal zwei Tage durchschlafen, dann bin ich wieder fit».
«Nur Sonne und Nichtstun. Das wird uns gut tun», kalauere ich.
Der Rest der Schlange ist schnell abgefertigt. Wir geben unser Gepäck ab, bekommen unsere Bordkarten und laufen durch den langen, kreisförmigen Gang. Rauchend und Kaffee trinkend sitzen wir an einem der Bistro-Tischchen in der Vorhalle. Ich erzähle, daß ich seit einer Woche arbeitslos bin.
«Ja, das kam überraschend. Ich habe die Kündigung akzeptiert, weil ich die Zusage für einen neuen Job hatte. Aber dann wurde sie plötzlich zurückgenommen… Mal sehen, was jetzt kommt. Vielleicht habe ich es so gewollt. Ein Sabbatjahr, eine Auszeit, die Karten neu mischen.»
Eva sieht mich mitleidig an, nicht überzeugt von meinem Optimismus. Das wird mir jetzt noch öfter so gehen. Ich werde mir Worte, glaubhafte Sätze für meine Situation zurechtlegen müssen, damit ich Fragen wie: «Was treibst du so? Was machen Sie beruflich?» schnell und problemlos beantworten kann.

Im Flugzeug überlässt mir Eva großzügig den Fensterplatz. Wir bekommen zu essen, trinken Sekt und stoßen auf unseren Urlaub an, während der Flugkapitän die Route auf Sächsisch erläutert: «Zürich - Lyon - die Pyrenäen - Gibraltar - Cassablanca - Agadir…» Ich lehne mich zurück. Endlich alles hinter mir lassen. Das ganze letzte Jahr, den Terror in der Firma, das «Stahlbad kollektiven Männermobbings», wie es eine «Spiegel»-Redakteurin nennt, die rigiden Verhaltensregeln im Vertrieb. Von Ferne höre ich die Sicherheitserläuterungen der Stewardess: «Sauerstoffmaske über Ihnen, Schwimmweste unter Ihrem Sitz.»
Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich durch die Fensterluke die Meerenge von Gibraltar. Tiefblaues Meer, steif wie ein Brett, Schiffchen, die im Zeitlupentempo ihre zarten Spuren ziehen. Dann die riesigen, khakibraunen Gebirgsketten des Hohen Atlas, und wieder Meer, endloses Meer…

Plötzlich redet jemand aufgeregt auf mich ein: «Sauerstoffmaske, Schwimmweste!» Eva zieht heftig an den Schnüren ihrer orangeroten Plastikweste.
«Was ist denn los?»
«Keine Ahnung. Sie sagen, nur eine Vorsichtsmaßnahme.»
Ein Knall betäubt mein Trommelfell, ein ungeheurer Druck schleudert mich gegen etwas Hartes, ich sehe Flammen, und falle in ein schwarzes Loch. Dann ist es kalt, eiskalt. -
 
Als ich wieder zu mir komme, treibe ich allein in einer blauen Weite. Ich sehe mich um. Das Meer. Ich scheine zu leben. Meine Glieder hängen wie leblos im Wasser. Ich hebe den rechten Arm. Er lässt sich trotz des schweren, naßen Kostümstoffes bewegen. Auch der andere Arm rührt sich. Meine Zähne klappern. Die aufgeblasene Schwimmweste ist fest um meine Brust gezurrt. Ich muss die schweren Kleiderfetzen loswerden, sonst kann ich nicht schwimmen. Der linke, zerissene Ärmel hängt nur noch an ein paar Fäden und lässt sich leicht lösen. Oh, mein Gott! Was mache ich eigentlich? Wohin will ich denn schwimmen? Weit und breit ist nichts zu sehen. Ich treibe wie ein winziger Kork im Ozean.
Werde ich je irgendwo landen, bevor ich vor Kälte, Durst, Hunger…? Ich schließe die Augen. Es hat keinen Zweck. Ich kann auch gleich auf das Ende warten. Meine Tochter fällt mir ein, mein Ex-Mann, den ich immer noch liebe.

Da bewegt sich ein braunes Etwas am Rand meiner Netzhaut. Eine Fata Morgana? Ein großer Fisch? Es wird größer, scheint auf mich zuzusteuern. Ein Boot? Mein Herz hämmert in meinem erstarrten Körper. Ich erkenne Ruder. Rettung? Kann man mich denn sehen?
Ich reiße den anderen Ärmelfetzen ab und versuche das triefende Ding in die Höhe zu halten. Aber mein Arm sinkt kraftlos ins Wasser zurück. Ich will rufen. Aber aus meiner Kehle kommt nur ein Keuchen, meine Stimme gehorcht mir nicht mehr. Ich kann nur abwarten. Noch nie bin ich dem Schicksalsengel so direkt gegenübergestanden. Was hat er oder sie mit mir vor? Ich spüre nur noch einen Wunsch: Dieser unendlichen Verlassenheit, diesem vernichtenden Gefühl von Winzigkeit zu entkommen.

Das Boot wird größer. Jetzt erkenne ich eine Gestalt, die mit kräftigen Schlägen in meine Richtung rudert.
«Hola?»
Eine Männerstimme schallt über das Meer. Wo bin ich? Ist das Spanisch oder Arabisch?
«Hola, hola!» Meine Stimme funktioniert wieder. Ich schreie vor Freude, kann gar nicht mehr aufhören:
«Hola, Ola, Ola…»
Ein Lachen quillt aus meiner vereisten Brust. Habe ich den Verstand verloren? Das Boot ist jetzt fast in Reichweite. Ich paddle darauf zu.

«Venga, venga!»
Ein dunkelhäutiger Mann beugt sich über den Bootsrand und streckt mir die Hand entgegen. Als ich sie ergreifen will, fühle ich mich schwer wie ein Mühlstein.
«Dé me una mano!»
Er deutet mit dem Kinn auf meine andere Hand und zerrt mich aller Kraft über den Bootsrand. Ich plumpse auf den Holzboden und bleibe liegen wie ein Fisch, der aus seinem Element gezogen wurde und in seinen letzten Zuckungen liegt. Der Mann legt eine Art Burnus um mich, kramt eine Flasche hervor und hält sie mir an den Mund.
«Beba!»
Mein Gehirn gibt mir den Befehl zuzugreifen. Aber mein Arm bewegt sich nicht. Hilflos blicke ihn an. In seinen dunklen Augen blitzt es auf. Er schiebt einen Arm unter meinen Nacken, richtet mich auf und hält mir die Flasche an die Lippen. Frisches, klares, salzloses Wasser rinnt in meine Kehle. Als die Flasche leer ist, schenke ich ihm mit meinen rissigen Lippen ein mühsames Lächeln und sinke zurück auf den Boden. Beim Wegdämmern spüre ich, wie er mir die naßkalten Kleiderreste vom Leib schält. Die Berührung seiner Hände verwandelt meine körnige Fischhaut wieder in glattes Fleisch. Ich atme, lebe, habe überlebt. Eingehüllt in seinen Umhang aus Ziegenhaar schlafe ich ein.

Als ich wieder aufwache, sehe ich einen Oberschenkel. Meine Augen folgen seinen muskulösen Linien, den in der Sonne schimmernden Härchen auf der braunen Haut. Der Mann spürt meinen Blick, dreht sich um, sieht meine vergrößerten Pupillen und lächelt. Ich lasse den Umhang von meinen Schultern gleiten. Er legt die Ruder auf die Bootsplanken und streckt mir die Arme entgegen. Boot und Meer schaukeln in einem gleichmäßigem Rhythmus. Wind über unseren Körpern. Wir sind Teil der Elemente, Sonne, Wasser und… Ist Liebe ein Element?

Wieder eingehüllt in den Ziegenumhang sehe ich Guancho (ich habe ihm einen Namen gegeben) zu, der jetzt ein Ziel ansteuert.
«Isla de Los Lobos.»
Er zeigt nach vorn.

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Die Insel sieht aus wie eine Mondlandschaft. Schwarzbraune Berge, deren gezackte Hänge nur aus Steinen bestehen. Das Licht auf dem Geröll wirkt überklar wie unter Wasser. Davor goldgelbe Dünen, die in hellgrüne Wellen übergehen. Im Innern der Insel Palmen und ein paar weiße Würfel, deren Mauern vor dem tiefblauen Himmel vibrieren, als schwebten sie im milchigen Licht.
Guancho steuert das Boot an den Strand. Wir waten durch kniehohes Wasser in Richtung Oase. Ich ziehe den Umhang fester um mich, als wir das kühle Dunkel eines Hauses betreten, erkenne Holztische, Männer, die herumsitzen. Guancho schiebt mich in den hinteren Teil des Raumes und bedeutet mir, Platz zu nehmen. Er streift flüchtig mit der Hand meine Wange und verschwindet hinter einer Tür. Die Männer starren mich an.

Nach einer Weile kommt eine Frau mit einem Teller und einem Glas Wasser.
«Sopa de Marisco. Coma!»
Gierig löffle ich die dampfende Fischsuppe, schlürfe das Muschelfleisch, nage an den Krabbenbeinen. Meine letzte Mahlzeit war in einem andern Zeitalter.
Als ich das Glas Wasser hinunterkippe, setzt sie sich zu mir:
«El barco a Fuerteventura viene dentro de poco.»
Ich verstehe. Das Schiff nach Fuerteventura. Ich sehe mich um. Der niedrige Raum ist leer geworden. Guancho ist verschwunden und die Männer sind zur Arbeit gegangen. Die Frau nickt mir aufmunternd zu und geht hinter einem bunten Tuch ins Freie. Ich folge ihr. Blind von dem strahlenden Licht lehne ich mich an die Hauswand, schließe die Augen.

Als ich sie wieder öffne, ist kein Mensch mehr zu sehen. Ich laufe in Richtung Strand. Zu meiner Rechten und Linken die Wüste, vor mir das grüne Meer, das am Horizont mit dem Blau des Himmel verschmilzt. Durchsichtige Wellen umspielen meine nackten Füße.
Nein, nein, nein. Ich will nicht mit dem Schiff zurück in die Zivilisation! Das Meer hat mich geschluckt und wieder ausgespuckt, Wind und Liebe mich gewärmt und getrocknet. Meine Fußspuren verlieren sich im Sand.

«Puerto del Rosario!»
Eva lächelt mich an: «Wir sind da.» ♦

 

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Christa Degen
Geb. 1951 in Karlsruhe, Studium der Germanistik und des Creative Writing; langjährige Tätigkeit als Lehrerin und im EDV-Vertrieb, Kurzprosa in Zeitungen und Anthologien, arbeitet heute als freie Autorin und Anleiterin literarischer Schreibwerkstätten in Tübingen, Berlin und Italien

 

Satire

Veröffentlicht in Joschi Anzinger, Literatur, Prosa, Satire by Walter Eigenmann am August 16th, 2007

Die Königin von Zasta

Eine Elegie

 Joschi Anzinger

 

Es ist in dieser Geschichte von einem wunderschönen Land namens Autrischia die Rede, welches, am Rande des großen Sumpfes Konkursien gelegen, vom allmächtigen Geldfluss Euroinoco durchflossen wird. Dieser Fluss entzieht dem Kontinent Teuropa viele viele kleine Geldquellen und fließt schließlich nach wuchernden Zinsenkraftwerken und Börsenstromschnellen zu den Anlegerklippen. Zuletzt mündet der Eurinoco hinter den Aktienbergen und den Abkeschteichen in den Kapitalistischen Ozean.
In Autrischia leben viele fleißige Bürger und Handwerker, Bauern und Geschäftsleute, und alle kommen sie miteinander ganz gut zurecht. Nun trug es sich zu, dass durch geschickte Täuschung der Einwohner über Nacht das Land jäh von der hartherzigen Königin von Zasta eingenommen wurde. Sie ist gnadenlos berechnend in ihrem Handeln, sie ist äußerst korrupt, käuflich und bestechlich, und es eilt ihr der Ruf voraus, überall wo sie herrsche, rolle der Jubel.
Sie kam in ihrem goldenen Schiff über den Eurinoco nach Autrischia, um bis in die entlegensten Winkel des Landes zu walten. Kein Geschäft floriert nun mehr ohne ihr, kein Mensch tut einen Handgriff ohne Aussicht auf ihre Gunst, und jeder Mensch, der einmal ihre Nähe gespürt hat, will nicht nur für immer in ihrer Umgebung bleiben, sondern er möchte immer mehr von ihrer Zuneigung haben.
Die Königin von Zasta befehligt aber nicht alleine, sondern ihrem Tross folgen jede Menge Ritterfräuleins im Nadelstreif, und ein ganzes Heer von Spesenrittern reiten auf ihren Amtschimmeln einher, und unzählige Gaukler, Quacksalber und Zauberer, welche alle von Ihrer Majestät versorgt sein wollten, bilden ihr Gefolge. Gezüchtet werden die Amtsschimmel im Flippizanergestüt Schöntrum, wo sie auch zu Amtsschimmeln zugeritten und ausgebildet werden.
Jeder Bürger begehrt die Königin von Zasta und wünscht sich, auf Gedeih und Verderben, sie zur Gänze für sich zu beanspruchen. Besonders ergeben sind ihr die Zauberin Krampfadria und die hartherzige Prinzessin Hammaned. Eine Getreue ist auch Lady Von Nuttingham, die Gauklerin Promilla und die manchmal etwas indisponierte Frau von Huscher. Schier Tag und Nacht gepriesen wird die unwiderstehliche Königin von Zasta von der Spesenritterin Fräulein Po-Vor und der nach außen ehrwürdigen, aber zu den Untertanen geizigen Baronin von Trug und Lug.
Eines Tages befiehlt die Königin von Zasta ihrem Gefolge, die zwei großen Speicherseen Schillingsweiher und Groschenlora anzuzapfen und auszupumpen, um damit den Geldfluss Eurinoco zu speisen, damit der Kontinent Teuropa nicht austrockne.
Und siehe da, die Bewohner von Autrischia taten was ihnen befohlen, da sie befürchteten, die Königin von Zasta könnte es sich wieder anders überlegen und ihre unerschöpflichen Quellen erneut versiegen lassen. Sie schenkten ihre Speicherseen Schillingsweiher und Groschenlora der Königin von Zasta und bekamen ihr Wasser fortan aus dem Geldfluss Eurinoco.
Doch sein Wasser schmeckte vielen Menschen nicht wirklich und sie fanden plötzlich mit der ihnen zugewiesenen Ration nicht mehr das Auslangen. Dafür sicherten sich die zahlreichen Spesenritter die schönsten Uferzonen des Eurinoco und verbauten diese mit ihren monströsen Ministerienburgen. Da sind allen voran Spesenritter Von der Ädsch Bädsch mit seinem mächtigen Firlefanzministerium, nebst Spesenritter Von Klamm und Heimlich in seiner Burg, dem Veräußerungsministerium. Bei diesen beiden Spesenrittern laufen alle Fäden zusammen, und sie sind der Königin von Zasta in Treue ergeben. Unweit davon befindet sich die Burg Flausenstein des Spesenritters Van den Andern, zuständig für kulturelle Belange. Das Spesenritterfräulein Van Soll und Haben regiert von der Flaxenburg aus das Ungesundheitsministerium, und die Spesenritterin Van Palawa dirigiert das Einbildungsministerium. Die Spesenritterin Van der Bausch und Bogen herrscht in der Burg Justizewitz über alles was Recht ist, und in der Veteranenburg, von schwarzen Krähen beschützt und verteidigt, streichelt Spesenritter Van der Vorn und Hinten, Tag und Nacht seinen Zapfen.
Alle Bewohner sind von der Schönheit und Grazie der Königin von Zasta angetan, und es gilt als Zeichen von Macht, Stärke und Intelligenz, zu ihren Auserwählten zu gehören. Aber besonders dreist treiben es ihre Spesenritter. Wöchentlich treffen sie sich in der Burg Wahnsiedel im Penedrant zu ihren theatralischen Sitzungen und Zusammenkünften, um nebenbei ihre Taschen im burgeigenen Selbstbedienungsladen nach Herzenslust zu füllen.
In der Burg Wahnsiedel ist das Wort Sparen im Penedrant verpönt, und die Spesenritter reden mit gespaltener Zunge und schufen sich eine Eurokratie, in der es für Privilegierte eine Schande ist, mit den vorhandenen Reserven des Eurinoco sorgsam umzugehen. Jeder Spesenritter lebt auf großem Fuß und Sparen wird nur von den minder privilegierten Untertanen gefordert.
Viele Privilegierte, Angehörige des so genannten Geldadels, wurden auf Grund ihrer Abstammung in den Dunstkreis der Königin von Zasta hineingeboren. Für sie ist es nicht weiter schwierig, an den Rocksaum Ihrer Majestät, an das Goldene Kesch, heran zu kommen, welcher ewige Jugend, Klugheit und Schönheit verleiht, denn es hat sich über die Jahrhunderte der unsinnige Aberglaube zum Mythos gefestigt, dass Kesch zugleich fesch macht. Aber die meisten Untertanen müssen ohne üppige Gönnerschaft Ihrer Majestät ihr Leben meistern. Ihnen bleibt nur das Wissen, dass es die Königin von Zasta irgendwo gibt und dass sie zwar wunderschön sei, und jedem dem sie ihr Wohlwollen schenkt, ist er auch noch so einfältig und hässlich, Macht und Geltung, Ansehen und Ehre verleiht.
Doch sie ist auch gefährlich und berechnend, denn sie macht das Herz der Menschen steinhart, und wer mit ihr einmal ins Bett durfte, der ist zu jeder Tat bereit, selbst wenn es gilt, für Ihre Majestät über Leichen zu gehen. Sie ist mächtig und begehrt, weil sie Türen öffnet, die sonst niemand zu öffnen vermag, und sie macht aus Bettlern Regenten, welche in ihrem Namen herrschen.
Die Königin von Zasta macht aus Narren Führer und aus Herrschern Narren. Sie macht aus Damen Huren und sie macht aus Vätern Mörder, sie macht aus Menschen Tiere und aus Sehenden Blinde. Sie macht die Reichen im Grunde arm und sie macht die Guten schlecht, sie macht die Hässlichen schön und sie lässt die Unwissenden klug erscheinen. Sie macht die Ehrlichen falsch, die Aufrechten beugt sie, die Schwachen kauft sie und die Habgierigen verhungern neben ihrer gefüllten Schüssel.
Lang ist ihr Register und ungebrochen ist ihre Macht. Die Königin von Zasta beherrscht unsere Welt bis ans Ende aller Zeit. ♦

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joschi-anzinger-glareanmagazin.jpgJoschi Anzinger
Geb. 1958 in Altlichtenberg/A, zahlreiche Publikationen von Dialekt-Lyrik und Kurzprosa in Anthologien, verschiedene Beiträge in Rundfunk und Fernsehen, Mitglied der Grazer AutorInnen Versammlung und der Österreichischen Dialekt-AutorInnen, lebt in Linz/A

Kurzprosa von Göri Klainguti

Veröffentlicht in Göri Klainguti, Literatur, Prosa by Walter Eigenmann am Juli 8th, 2007

Komm, alte Kiste 

Göri Klainguti

…ich hab die Entsorgungstaxe für dich bezahlt. - Schade, dass du nicht sprichst… Vielleicht würdest du mir von den berühmten Pianisten erzählen, deren Finger mit Leichtigkeit über deine Tasten flogen, wobei sie aus deinem Resonanzkasten brillante Sonaten von Clementi und Kuhlau klingen ließen… Oder von den Zeiten danach, als die liebliche Tochter des Bankdirektors «An Elise» spielte und aufwühlende Stücke von Schumann, auch die Préludes von Chopin, versteht sich, und sogar den ultramodernen Debussy und Satie… bi