Lyrik von Werner K. Bliß
.
Drei Textminiaturen zur
Ausstellung Christoph Meckel
Zeichnungen und Grafiken,
Georg Scholz Haus Waldkirch / BRD
.
.
.
am grashang
sagst du
mitten im winter
sagst du
kommt keine
flocke zu uns
denn das hornvieh
sagst du
am horizont
sehnt den sommer
während
der maulwurf
zimmertüren
in kindheiten
öffnet
eiszapfen wärmt
.
.
.
.
.
dein gesicht
clarisse
dein lächeln
clarisse
schaukelt durch
dein haar
öffnet
bilder
augenherzen
zähmen elefantenzähne
.
.
.
.
.
.
.
.
.
zurückschaukeln
in kindheitstage
ungefragt
halten
engel
hände
über sie
seitenblicke
handzarte
wärme
inmitten
verspäteter winter
.
.
.
.
__________________________
Geb. 1950, Pädagoge, zahlreiche Lyrik-Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Online-Portalen und Anthologien, lebt in Hausach/D
.
.
.
.
.
.
.
.
.
Kurzprosa von Oliver Gassner
.
Freudiana I & II
Oliver Gassner
.
.
FREUDIANA I
Er holt mit der machete aus und schlägt in die grünen pflanzenleiber.
So bahnt er sich seinen weg.
Mit leisem zischen gibt die luft ihm raum.
Das knacken des schlags das feuchte geräusch wenn die klinge sich
wieder vom stengelfleisch löst klingen wie gebete in seinen
gottesohren.
Als er die augen öffnet klebt an der machete blut.
.
.
.
FREUDIANA II
Das erste was man an ihm bemerkt ist die rechte hand im schwarzen
handschuh zur faust geballt. Im sessel sitzend hat er den ellenbogen
auf die lehne das kinn seitlich in die lederfaust gestützt. Scheinbar
teilnahmslos die lider halb geschlossen formen die lippen lautlos worte
einer vergessenen sprache, die ergrauten haare wollen nicht recht zur
jugendlich muskulösen Statur des fremden passen. Nur in den
hellgrauen augen des schmalen gesichts finden sich spuren von
schrecken schmerz leid. Er wird warten. Bis der junge mann zu ihm tritt
und ihn nach seinem leiden fragt. Und antworten. Unsterblichkeit.
.
.
.
.
_________________________________________
Geb. 1964 in Hegau/BRD, langjähriger Mitherausgeber der eingestellten Literaturzeitschrift ‘Wandler’, verschiedene Veröffentlichungen in deutschsprachigen Literaturzeitschriften, schreibt nach Ausflügen in Copy Art und experimentelle und digitale Literatur und nach einer Kreativpause wieder Gedichte.
.
.
.
.
.
.
Drei Poesien von Magdalena Jagelke
.
.
Zu lieben
Ich stand am Fenster ich warf Blumen. Traf eine Blume dort unten jemanden, ein Wunsch, ich flüsterte Herz antworte.
.
.
.
.
.
Mär
es ist stets dieselbe Mär das fromme wildgewordene Volk treibt ihn durch das Dorf und es greift ihn das Volk schubst ihn in ein Feuer er jedoch fleht das fromme Volk an: ich will leben! lasst mich leben! das fromme Volk ist unbarmherzig es antwortet nein Bestie stirb! an dieser Stelle der stets selben Mär wird er wach und er schreit
.
.
.
.
.
Herz
Das Herz ist umschlossen von Pöbeleien.
Es schimpft, lässt die Landschaft welken.
Es grölt schmerzt, ich spuck’s in die Aussicht.
Es folgt dem Zug. Ich bin auf der Flucht.
.
.
.
.
__________________________________
Geb. 1974 in Polen, 1986 Auswanderung nach Norddeutschland, Studium der Anglistik, Publikationen in Buch-Anthologien und Literaturzeitschriften, lebt seit 2002 in Köln
.
.
.
.
.
.
Lyrik von Johanna Klara Kuppe
.
.
.
Seiltänzerin
die blüten im
korb blühen
nicht zartrosa das
kleid den kopf
gesenkt auf dem
seil schweben die
augen abschied angst
in den füßen
gestern sie weiß es
noch blühte das
all
.
.
.
vielleicht hans
hans im glück heißen
alles schwere ab
geben gehen laufen
tauschen alles gegen
luft wind wiesen
unbekümmert
viele augenblicke hans
hans im glück
.
.
.
Wien
blendet gold
weiß ratlos dein
herz schunkelt im
wiener wald
rote teppiche treppen
hinauf prickelt
sekt im rücken im
kino flimmert
weiter rosa blick
über die taiga
deine hand sucht
mein bein und höher
hinauf blaut der
himmel
stand by me winken
die statuen mit
fallenden blättern
stand by me
singst du ich lache
frost atmet im park
von schönbrunn
.
.
.
.
___________________________________
Geb. 1948 in Wuppertal/D, Erzieherin, Musikalienhändlerin, Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien, lebt in Waiblingen/D
.
.
.
Johanna Kuppe: Zwei Bild-Lyrismen
..
.
.
im schatten insel
hafen im meer felsen
burg bruchstein
mauern schlüssel das
offene tor unter schwarz
pappeln ankert der
kahn unter schwarz
himmel vom weißen
balkon der blick:
ohne begrenzung
weite sicht
(zu Arnold Böcklin: Toteninsel – 1883 / Bild rechts)
.
.
.
.
.
………………….sitzen auf der PIAZZA
………………….stehen im langen
………………….SCHATTEN wortlos die
………………….türme der kathedrale
………………….ansonsten
………………….LEERE die steine
………………….dösen am mittag faul im
………………….folgsamen rhythmus zeit
………………….loser ZEIT schwanken
………………….KOPFLOS die KÖPFE ab
………………….gelegt im bunt
………………….gelackten gedanken
………………….kasten vertrocknen
………………….die wörter
………………….(zu Giorgio de Chirico:
………… Die beunruhigenden Musen -
………………….1917 / Bild links)
.
.
.
.
___________________________________
Geb. 1948 in Wuppertal/D, Erzieherin, Musikalienhändlerin, Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien, lebt in Waiblingen/D
.
.
.
Lyrik von Martin Kirchhoff
.
.
Klaipeda. Rundgang
Stimmenvoll, die Klänge,
sagen, werden getragen
ins Gehör, die Fragen
Worte, Sprache, die Klänge
hier, fremd mir,
Sprache, kräftiger Stier
Tauche ein, die Klänge
schweben, Träume erleben,
Worte, tiefe Orte
Stimmenvoll, die Kultur
hören, Sprache kann betören,
Klänge, gleich Chören
Tauche ein, Sprache fremd,
bester Wein, den niemand kennt;
schöner Klang, heimisch hier
Gesänge, fremd und in mir
.
.
.
Bahnhof der Lufttrinker
Halb erblindet unter der Brücke
Bahnareal, Schienen, Gräser
S-Bahnen humpeln eisern dahin
Bettler, Mensch, Arbeitsloser
rattert der Zug, rattert die Zeit, rattert die Luft
es steigen Menschen in die Vergangenheit der Leere
es geht was kommt, alle wissen was keiner weiß
rattert das Leben, rattert der Traum, rattert das Sein
Halb sehend unter der Brücke
Ruinen, Flächen, Schotter
Gestalten stolpern glaubend umher
Lieder, Morgenrot, Hoffnung
vergeht was ist, vergeht was glaubt, vergeht was vergangen ist
es kommen die Toten in die Zukunft der Gegenwart
es kommt was geht, alle wissen was keiner sagt
vergeht der Tod, vergeht das Nichts, vergeht der Schein
Schräge Vögel im Bahnhof der Lufttrinker
.
.
.
Ankunft
Wellen, die Boten,
sie becircen meine Seele,
die Möwen rufen
sie zaubern mir Flügel
Ein grünes Boot legt an
Wind, der Flüsterer,
er nimmt meine Seele,
die Gedanken schweben
sie zaubern mir Farben
Ein grünes Boot legt ab
Seele, der Sucher,
nimmt an die Wellen,
die Gedanken zaubern
sie rufen die Möwen
Eine Seele kommt an
Seele wird Welle
Welle wird Bote
Bote wird Möwe
Sie rufen mich
Angekommen im Meer
.
.
.
.
__________________________
Geb. 1954 in Leonberg/D, zahlreiche Lyrik- und Prosa-Publikationen in Büchern, Zeitschriften und Anthologien, verschiedene Literaturpreise, lebt als Zeitungskorrektor in Leonberg
.
.
Lyrik von Klaus Martens
.
.
.
Was Herbst heißt
Herbst heißt Enden vor dem Schluss,
Wandlung der Farben zum Ende hin,
zum Saftrückfluss, zum Fall, zum Abfall,
zunächst dekorativ auf Stein geweht
oder ausharrendem Gras,
das nicht mehr wächst, doch irgendwie grün ist,
totgrün, nicht lebendgrün,
totrotes Laub, schwarz umrandet,
schlechte Nachrichten an die Hockenden
im Boden, in Hecken und Verstecken,
die nicht entfliehen können –
die Ausharrer übers Enden hinaus,
Gewinner, Verlierer in der Wetterlotterie,
oder wie abgeschlagene Tannen im
Januar, gefühlsbekränzte Tote
vom Leben allzubald verbrannt.
.
.
.
.
Der Himmel ist blau
Es weht kalt vom Garten herein.
Sonne und Himmelsblau täuschen.
Das Kreuzbein sitzt fest –
Herbstschmerz. Masseure
haben Hochbetrieb.
Im Takt von zwanzig Minuten
wird das Bein gestreckt, gehoben,
werden Wirbel geknetet,
dann der nächste arme Kerl.
Dabei ist es nur Herbst. Es wird
kälter, die Natur (der Körper)
zieht sich zusammen, die Sehnen,
die Gelenke schleifen,
und es schmerzt im Herbst,
ein weiterer Abschied von Wärme
und Jugend und Gelenkigkeit,
doch der Himmel bleibt sonnig
und blau. Kälte weht herein
aus dem schon verlorenen Garten.
.
.
.
_________________________
Geb. 1944 in Kirchdorf/D, Studium der Anglistik und Germanistik in Göttingen, Promotion 1979, zwischen 1979 und 1989 Lehraufträge an den Universitäten Göttingen, Münster und Kassel, zahlreiche literaturwissenschatliche und übersetzerische Publikationen in Büchern und Zeitschriften, Mitglied des PEN Deutschland, diverse Lyrik-Veröffentlichungen, lebt als emer. Universitätsprofessor in Saarbrücken/D
.
.
Lyrik von Julietta Fix
.
.
Ein Fest
Da steht einer den du kennst
am Rand, an den Zaun gelehnt,
die Hände in den Taschen
Da streift ein leichter Wind
über den Platz und wirbelt Sand
auf bis unter die Achseln
Da duftet es nach Früchten
gebackenem Brot und Humus
auf den Bänken sitzen Fremde
Da geht dir ein Lied durch den
Kopf von irgendwoher nach irgend
wohin rutscht es weg
Da stehst du auf und lehnst dich
an den Zaun, vergräbst die Hände
in den Taschen
.
.
.
.
Die innere Behörde
Das Sprechen ist ein Tier
und das Ofenrohr der Bote
Gestern aß ich die Krümel
vom Tisch und morgen
fange ich mit den Stuhlbeinen
an.
Als die Tage noch 24 Stunden
bargen, schliefen die dicken
Käfer in den Kacheln.
Heute sprengt die Sonne
die Panzer, lässt Luft an die
Haut.
Schwach ist das Licht, sehnig
der Bogen über den Augen. Innen
weht eine Fahne, Zeichen aus
Zeiten in denen das Wichtigste
nicht geschah. Ein Tausendfüßler
erinnert sich.
Hoch oben auf der Straße die
den roten Staub aufwirbelt zieht
eine Karawane. Esel sind stoisch.
Die Tage werden kürzer. Der Panzer
strickt sich ein neues Kleid. Außen
nichts.
.
.
.
.
Platz
Im Vorhaus brennt die Zugluft. Kahle
Wände die Röhren unter Putz. Das Licht
scheint unerbittlich.
Silberfische in den Fugen amüsieren sich
in kalkigem Wasser. Feste feiern wie sie fallen.
Das Tempo zeigt Geduld. In den dunklen
Treppenhäusern segeln bunte Kissen
von oben nach unten.
Platz bedeutet nicht unbedingt Platz.
.
.
.
.
__________________________________
Geb. 1957 in Würzburg/D, Prosa- und Lyrik-Veröffentlichungen in Buch-Anthologien und Zeitschriften, lebt als freie Autorin und Herausgeberin von FixPoetry in Hamburg
.
.
.
.
Drei Worte-Gedichte von Wolfgang Luley
.
Zufall
gedichte
schreiben ein zufall
ein zu fall bringen
von ballast
ein sich ballen ein sich aus
balancieren und ein
stimmen mit worten
ein brückenschlagen beiderseits
ohne beschwörungen und schwurbezeugungen
einander begegnen
.
.
.
.
Am Puls der Wörter
Ich lebe
über Moden gehend
abseits
aber ich höre stets
den Puls der Wörter
und werde verstimmt
vom Rauschen der Laute
Ich: richtend gerichtet
von den bleibenden
den wahren Worten
wie eine
verstimmte Laute
.
.
.
.
Sprache
Die Sprache ist mein Feld
und das Wort mein Pflug.
Die Sprache ist mein Gefälle
und das Wort mein Seil.
Die Sprache ist meine Fülle
und das Wort mein Plan.
Die Sprache ist mein Feld
und das Wort mein Stein.
.
.
.
.
________________________________
Geb. 1975 in Mannheim; Japanische Lyrik; Ernste und heitere Kurzprosa; Mitglied des Bundesverbandes junger Autorinnen und Autoren
.
.
.
Lyrik von Klaus Martens
.
Mondgedicht
Ein wenig eingedellt, unten links,
Altersschatten über den Backen,
unter den Augen, auf jeden Fall:
Bald prall, voll, Cortison-Mond –
Mondgesicht, wie man sich’s vorstellt,
alterslos-alt, ausgefüllt, eingefüllt
wie ein Formular, Antrag auf Ope –
ration, einmal im Mond, Botox –
Mondverzicht bei tiefer Wolke,
doch Mond ist Pflicht, ich liebe dich,
wenn Mondlicht ist, so hell und rund,
ich: blind und dumm, mondsüchtig.
.
.
.
Treibholz
Dieses fast enthäutete Stück Holz von einem vergessenen Strand
kann nicht mit einer in Bewegung erstarrten Schlange
verwechselt werden, die kieferartige Spreizung an einem Ende ist
kein zahnlos aufgerissenes Maul.
Hier und da sind braun gefleckte Fetzen Rinde fest geblieben
über dem hell und glatt gespülten Leib des gewundenen Holzes.
In den Gabelungen der zwei abgesplitterten Äste nisten –
ja, was? – ein fast versenktes, flaches, graues Steinchen
und, am Kopfende des leicht gewordenen Körpers, ein wohl runder
Stein, die auf dem Holzweg mitgenommen worden sind
und nun, nachdem sie beinah Teil geworden waren,
Kugellager fehlender Gelenke, Ruhe haben.
Ich hab verstohlen an dem Fund geschnuppert, ob nach Jahren noch
Geruch von Meer und Tang und Salz als feiner Hauch
vorhanden wären, ausgelöst aus brauner Haut durch meinen warmen Atem,
doch war da nichts zu spüren; der Rest blieb Ansichtssache.
.
.
.
Fernweh
Alles drängt sich
in Bella Coola,
in Ashtabula
in Ganz-weit-weg.
Such den Nachbarn
in Owajema,
in Iwo Jima –
schon vor dir da.
Ach, bleib Zuhause
in Posemuckel,
in Huckelriede,
wenn du dich traust.
Erzähl von Bären
in deinem Zimmer
oder auch immer,
wohin du schaust.
Alles drängt sich
in deinem Kopfe,
unter dem Schopfe,
es ist ganz nah.
.
.
.
_______________________________________
Geb. 1944 in Kirchdorf/D, Studium der Anglistik und Germanistik in Göttingen, Promotion 1979, zwischen 1979 und 1989 Lehraufträge an den Universitäten Göttingen, Münster und Kassel, zahlreiche literaturwissenschatliche und übersetzerische Publikationen in Büchern und Zeitschriften, Mitglied des PEN Deutschland, diverse Lyrik-Veröffentlichungen, lebt als emer. Universitätsprofessor in Saarbrücken/D
.
.
Steffen M. Diebold: 4 Jahreszeiten-Gedichte
.
Pflegeheim
Was bleibt vom Tage
Stopfei und Nadel,
ein Fingerhut?
Aus dem Nähkästchen
geplaudert ein Leben
lang viel Lärm
um nichts.
Die Stehlampe der Zimmerecke,
ein paar vergilbter Fotos Alben
ein Stein, ein Epitaph -
ist es denn rechtens,
dass die Kinder vor den Eltern gehen?
Radio, Sessel, Stuhl und Bett
das Zimmer ist geräumt
noch vor die Asche
sich im Wind zerstreut.
Das Türschild abmontiert,
entsorgt die angebrochenen
«Korega-Tabs» unter den Briefen
das Grußwort der Stadt.
Was bleibt -
ein Leibfell aus Katzenhaar, das Brillenetui,
und an der Wand
«Jesus als Hirte».
Was bleibt -
an jenem Märzmorgen, der
Eiswind in den Haaren
der Kondolenten im Gegenwert
von Sperlingstränen.
.
.
Terrassensommer
An langen Spießen spreizen
oleanderrote Kelche
instruieren zur Landung
ansetzende Paarflügler.
Lauer Wind
schüttelt die Falter
vom Flieder, und im Teich
schlendert ein toter
Fisch unter den Stein.
Am gallischen Tontopf
schwillt dekorativ
der Holzhahn, überhaupt viel
Terracotta und mediterranes
Art Deco, stilvoll drapiert,
die weniger geistvolle Amsel
stillt ihren Durst am
«Baseng» während ein dreister
Spatz über die Steingutkübel
scheißt, was für ein blendender
Sommer!
.
.
Dienstfahrt ins Wochenende
Durch die Schatten der Frühe
fällt der Schweif des Septembers,
die Nebel lichten über
Ostrach und Upflamör.
Vom Weißdorn bewacht
steht ein Feldkreuz,
und Schneemarbeln lauschen
dem Lachen der Vögel.
Gegen weitläufige Himmel
ziehen die Wiesen,
dort schimmert rotäugig
das Obst im Gebälk.
Lichtfäden zittern
am Fachwerk.
Aus den Augen keil
mir den glimmenden Span,
wärmende Heimat
halt Hof
wieder.
.
.
Hotelpool im Winter
Tauwassergesättigt, ihre
Bobbies an den Pool geräkelt,
sie zwitschern einen,
den andern legen sie
flach mann
und Sekt, schmeckt
frau herrlich.
Whirlperlen im Delta,
während draußen Frau Holle
die Flauschhemdchen schüttelt,
dralle Mädchen, alle
in zu engen
Eisbärkostümchen, Zuckerrüben
mit weißen
Kapuzen.
.
.
______________________________
Geb. 1967, Studium der Rechtswissenschaften, der historischen Hilfswissenschaften und der Pharmazie in Tübingen, Frankfurt und Göteborg, verheiratet, zwei Töchter; Kompositionen von Klavierliedern und für gemischten Chor (a capella), zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, verschiedene Auszeichnungen, lebt, arbeitet und dichtet am Fuß der Schwäbischen Alb.
.
.
.
.
.
Lyrik von René Oberholzer
.
Punta Scario
Die Gedichte pfeifen ums Haus
Peitschen an die Fensterscheiben
Ich lasse sie hinein
Sie rasen durch mich hindurch
Wenn sie verschwunden sind
Schreibe ich sie an die Wände
Dann ist es fast unendlich ruhig
Ich schaue mich lange im Spiegel an
.
.
Dämmerung
Die Mittagsgedichte sitzen tief im Sofa
Sind breit und schwer
Würden sich gerne mitteilen
Doch die Sonne steht hoch
Erst wenn sie untergeht
Gehen die Gedichte nach draussen
Beginnen zu schreien
Und immer schneller zu laufen
.
.
Einseitig
Der Himmel hängt
Voller Gedichte
Ich habe sie
Für dich aufgehängt
Du wartest nur
Auf den nächsten Regen
.
.
______________________
René Oberholzer
Geb. 1963 in St. Gallen/Schweiz, schreibt seit 1986 Lyrik, seit 1991 auch Prosa, lebt und arbeitet als Sekundarlehrer, Autor und Performer in Wil/Schweiz
.
.
.
Lyrik von Charlotte Ueckert
.
Beim Hindernislauf
Ist die Liebe ganz vorn
In die Weite geworfen
Die Beine und immer kurz
Vor einem Sturz
Sie will siegen
Und zieht mich
.
.
.
Ein Spruch
Nach all dem Hunger
Auf unverschämtes Glück
Gewöhnt
An die Wiederholungen
Der Jahreszeiten
.
.
.
Die Ratten sind weg
es gab eine Zeit
da nagten sie unter den Bohlen
im Haus
da liefen sie
über Terrasse und Gras
und tanzten in der Garage
Die Ratten sind weg
seit einiger Zeit singen
wieder die Vögel
und der Apfelbaum
blüht auch noch einmal
und für alle sieben mageren
Jahre siebenmal üppig
Die Ratten sind weg
ich werde auf den Kompost
Kartoffelschalen werfen
und die Tür kann ich öffnen
Scherenschleifern und Zeugen Jehovas
und die Bäume wiegen
das Gewicht heruntergefallener Träume
.
.
.
Wie Sprache funktioniert
Abends kommen die Bienenfresser
Mit spitzen Schreien
Segeln sie scharf unter Wolkengeball
Bis in die Gassen fast
In die Fenster und mir um die Ohren
So klein flattrig
In liebenswürdigem Schnitt
Spielende Kinder die ein Lächeln wollen
Und mich aus dem Verstummen
In Worte zwingen
.
.
______________________________
Geb. 1944 in Oldenburg/D, Studium der Literaturwissenschaft, Psychologie und Kunstgeschichte, wissenschaftliche Mitarbeit an der Universität Hamburg in den Bereichen Exilliteratur und Nachkriegsliteratur, verschiedene Buchpublikationen, Herausgeberin von Anthologien, Mitglied des PEN, lebt als freie Autorin in Hamburg
.
.
.
Drei Zeit-Gedichte von Matthias Berger
.
.
Wochenbett
Ich sah
wie sich
ein Härchen
vom Lid
des Säuglings
löste
Alles
eine Frage
der
Zeit
.
.
.
noch nicht
in der wehmut
des
noch nicht
fällt
jeder
kiesel
dir
zu
auch der
stundenschlag
wirft
gegenwart
in die
stille
in ihr
werden
deine augen
kelche
für farben
noch
verkrustet
dein blick
nicht
.
.
.
ekstase – gravitation
heraustreten
aus dem brachland -
einen lerchenjubel lang
im himmel
aber
finden
lungenflügel
keinen
halt
pflugversuche wagen
erdling -
trittsicher
werden
und wieder
heraustreten -
nur
einen lerchenjubel lang
.
.
_________________________________
Geb. 1961, aufgewachsen bei Bern, Studium der evang.-ref. Theologie in Bern und Nairobi, acht Jahre Gemeinde-Pfarramt, 4 Jahre Psychiatrieseelsorge, seit 2002 Gefängnis- und Spitalseelsorger im Kanton Zürich, lebt in Zürich
.
..
.
.
.
Lyrik von Bruno Schlatter
.
Höhenwegkoller
angesichts des Schweißes
keine Überraschung
Schritt um Schritt
den Beizen zu
Hummeln ficken Rotklee
Erdgrillen schnurren
im Gebüsch klapperts
wie Schlangen
Meckernde Ziegen
abseits der Gemsställe
plötzlich riecht es nach Walderdbeeren
Kurze Halte
hoch über dem Tal
Blick auf Alpen
und Bahn
Donnernde Bäche
stieben über Felsen
aus verkarsteten Höhen
Baumlosigkeit
öffnet die Erde schutzlos
der Erosion
Trampelpfade
bieten Anrissstellen
Sommervogelballett
umschwirrt kalkweiße Beine
setzt sich wieder zu gemeinsamem Tratsch
bereit zu neuen Aufführungen
für nächste Wanderer
Glühende Sonne
brennt die Köpfe leer
hochrote Glatzen
leuchten im Schweißmeer
Da und dort
rutscht der Berg
centimeterweise pro Tag
bis der letzte Geduldsfaden
in einem Gewitter reißt
und alles gleitet
Haus und Schober
Wald und Weide
ineinanderkeilt
sich überschlägt am steilen Hang
purzelt über die Klippe
und fällt in die Schlucht
Die Berggeister
tanzen ihren Siegestaumel
gegen übermütige Zivilisation
.
.
.
___________________________________
Geb. 1964 in Schöftland/CH, Pädagogik-Studium zum Sekundarlehrer, umfangreiche Tätigkeit als Musiker, bildender Künstler und Literat, lebt in Rombach/CH
.
.
.
.
Erich Schirhuber: Zwei Lyrismen
.
.
Glück hinter Sonnenbrillen
an der Wand vor
dem Wind
geschützt die langsam sinkende
Sonne im Gesicht
hinter den Sonnenbrillen sie
wärmt durch das Hemd sie
macht die Straßenlaternen zu
Schattenrissen
Tauben picken die Reste der
Kekse und der Chips von
den Tischen
vor ein paar Stunden noch
gab es einen Wolkenbruch und
was für einen die paar Lachen
sind noch zu sehen
und man denkt
das Leben könnte doch schön sein
.
.
Hafenrundgang
hier legten früher die Galeeren
an die Galeeren aus
Leptis Magna aus Appolonia
aus Paphos und Caesarea
der Kanal ist voll mir grünem
Schlamm sodass man das Wasser
kaum vermutet
an den Pinien wachsen
Pflanzen empor
parasitäre Gewächse die
üppig gedeihen und hinter
dem Zaun beginnt
das Nachmittagstrainung
von Aquileia Calcio
auf dem grünen Rasen wie man
sagt
.
________________________
Erich Schirhuber
Geb.1955 in Vöslau/A, Studium der Germanistik, Dr. phil, Lyrik- und Prosa-Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften und in ORF und RAI, etliche Preise, lebt als Bibliothekar und Autor in Wien
.
.
.
Lyrik von Martin Kirchhoff
.
Die Veranda war überflüssig
Holzhaus im Hügeltal
Qualm manchmal
Weißrauch vom Kamin
wie schnell, dann schwarz
Käutzchenrufe einer Nacht
sonnenblumenhell
schon und verflogen
Dann ging die Veranda
Bei den Sternen
sah ich sie nicht
.
.
Halbleergetrunken der Wein
rote Pfütze auf dem Parkett
Scherben zerborstener Römer
wie Diamanten im Lichtschein
Tinte geschrieben auf der Wand
Linien, Silben zum Wort
Atemluft, die dünngeworden
auf dem Boden liegt und stirbt
.
.
Engel
von der Grauwand
springe nicht gen Himmel
Rosen blühen zum Westen
am Portal
in jeder Wüste
ein rotes Blatt
für dich
Engel der Mauer
Rosenöl und Regentropfen
benetzen dein Gesicht
fürchte dich nicht
springe
in die Herzen
Engel der Zeit!
.
.
.
____________________
Geb. 1954 in Leonberg/D, 1984 erste Text-Veröffentlichungen, seither zahlreiche Lyrik- und Prosa-Publikationen in Büchern und Anthologien, verschiedene Literaturpreise, lebt als Zeitungskorrektor in Leonberg
.
.
.
.
Lyrik von Ueli Schenker
..
Besuchszeit
Sie schweigen so freundlich
spielen Karten vergessen was
sie hätten werden können
ruf dich her wie einen Hund
auf knappe Zeichen reagierst du
prompt ich spende eine Runde
da du mit strammen Schritten
schon das Weite suchst erst auf
der Brücke wartest Blätter fallen
lässt in den Kanal wir kehren
am anderen Ufer zurück weil
der Nebel durch die Köpfe zieht
.
.
..
Cafè Santé
Eine weitere Behandlung erübrigt sich
sagt der Spezialist vor lauter Freude
gönne ich mir ein Stück Torte Zeit genug
mich von Osteuropäerinnen entspannt
bedienen zu lassen nachzudenken
über Treppensteigen Probealarm
eine Operation wäre das grössere Übel
morgen hole ich Stöcke fange von vorn an
man hat nie ausgelernt überhaupt haben
Sirenen die längeren Beine als Lügen
.
.
.
.
Falschmünzer
Bitte einen Franken für zwei
wärest du mir schon früher
begegnet hätte ich dich
nicht beim Beutel genommen
danke für die Aufmerksamkeit
bin in Eile mein Zug fährt
gleich denk ruhig weiter sag
keinem was ich werde er-
wischt bevor dir ein Licht auf-
geht lies morgen die Zeitung
.
.
.
.
Galerie
Leihgaben fallen aus
dem Rahmen Lust auf
gemeinsame Sache mit
weiblicher Aufsicht Flucht-
gedanken kein Durchgang
zur Toilette wegen Umbaus
wir danken für Ihr Verständnis
kommen Sie gut nach Hause
.
.
.
.
______________________________
Geb. 1937 in Zürich, war Gymnasiallehrer für Englisch und Deutsch, zahlreiche Lyrik- und Theater-Publikationen, verschiedene Literaturauszeichnungen, lebt in Meggen/CH
.
.
.
.
.
Drei «Schweizer Texte» von Hans Gysi
.
.
Direkte Demokratie
die ehrenrettung
flankierender
maßnahmen wird
ins auge gefasst
die zustimmung
zur brechung von
höchstwerten wird
beschlossen und
zur ausführung
empfohlen
dem leitenden
ausschuss des
in kraft gesetzten
souveräns respektive
der vom volk
gewählten
vertreter des
selben
provisorisch
weitergegeben
bis die experten-
kommission
zuhanden des
leitenden ausschusses
verbindliche
empfehlungen
weitergibt.
.
700 Jahre Schweiz
tage der konsolen und
schirmständer
tage der raumfahrt:
auch astronauten
mit ch-pass
können jetzt
in den weltraum
einfach hinten
anstehen bitte
die krawatte brauchen
sie nicht mehr
wenn sie erst einmal
in der rakete sitzen
.
Aktion Fichen, CH 1990
mann auf straße
verteilt coupons
von closett-papier
sagt:
sie sind ein unbeschriebenes
blatt
&
spülen bitte
&
fichez-moi la paix
.
.
_________________________________
Geb. 1953 in Arosa/CH, Studium phil I zum Sekundarlehrer, Ausbildung zum Theaterpädagogen an der Schauspielakademie Zürich, Lyrik- und Prosa-Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften; lebt als Regisseur, Schauspieler, Schriftsteller und Theaterpädagoge in Märstetten/CH
.
.
.









Martin Kirchhoff



Steffen M. Diebold
Matthias Berger
Martin Kirchhoff






Einen Kommentar schreiben