Gesina Stärz: «Die Verfolgerin» (Roman)
.
«Heute Nacht bin ich gestorben»
Günter Nawe
.
Was wäre, wenn… man einfach einen Menschen töten würde. Einfach so – auf der Straße? Traum oder Albtraum – oder gar Wirklichkeit? Ein solcher Gedanke jedenfalls wird für Jossi zu einer Art Obsession. Dabei ist Jossi, Anfang vierzig, eine eigentlich recht unauffällige Frau, die in sogenannten gutbürgerlichen Verhältnissen lebt. Ihr Mann ist Kardiologe, die beiden Söhne studieren, sie verdient sich ihr Geld als Texterin.
Wäre da nicht… Von ihrem Mann, der im Roman nur als «der Ehemann» oder «der Mann» bezeichnet wird, fühlt sie sich nach zwanzig Jahren Ehe nicht mehr genügend beachtet, ja verlassen – und wird es letztendlich auch. Ihre Liaison mit Till ist mehr oder minder oberflächlich. Bleibt nur der Schmerz, das Unausgefülltsein. Am Ende hat der Leser ein großartiges Psychogramm einer Frau gelesen.
«Heute Nacht bin ich gestorben», so heißt es zu Beginn des Romans. «Innerlich… Der Mann neben mir im Bett hat geschnarcht…« Ein Whiskey sour lässt «alle Zellen in mir in Schneekristalle verwandeln. Ich weiß nicht, ob ich das geträumt habe, aber ich fühlte mich besser, und etwas in mir wusste, dass dieser Zustand anhalten würde.»
Soweit also die «psychologischen» Voraussetzungen in dem Roman «Die Verfolgerin» von Gesina Stärz. Die Autorin, sie ist in Sachsen geboren, lebt in München und hat mit «kalkweiss» bereits 2011 einen beachtlichen und beachteten Roman veröffentlicht. In ihrem neuen Roman gelingt es ihr auf sehr subtile Weise, Fiktion und Wirklichkeit in Einklang zu bringen, ein spannendes Geflecht von Traum und realem Erleben herzustellen.
Jossi «erfindet» sich ein neues Leben außerhalb der bisherigen Lebenswirklichkeit. Sie verstrickt sich in die Gedankenwelten von Mörderinnen und Mördern, plant gedanklich den perfekten Mord. Motiv: Fehlanzeige. Ihre «Opfer»: Zufallsbegegnungen und Menschen, auf deren Gesichtern alle Empfindungen gelöscht sind. Sie wird zur «Verfolgerin» – auf der steten Suche nach ihren Opfern.
Hier bekommt der Roman einen interessanten kriminalistischen Touch. Jossi recherchiert bis ins kleinste Detail eine Tötungsmethode, die keine Spuren hinterlässt. Ein Gift, das nicht oder kaum nachweisbar ist, wird über eine komplizierte Konstruktion durch einen Stock für das Opfer kaum wahrnehmbar injiziert wird.

Gesina Stärz hat einen schönen und spannenden Roman geschrieben, der angesiedelt ist zwischen Psychologie und Kriminalistik, zwischen Traum und Wirklichkeit – und zugleich eine interessante psychologische Studie darstellt über Fiktion und Realität
Die «Planungen» der Morde, die Recherche nach einem seltenen Gift, die Konstruktion der «Waffe», die «Durchführung» (Jossi hat 17 Morde begangen, und niemand hat es bemerkt) – dies alles steht in direktem Zusammenhang mit dem realen Leben der Verfolgerin. Nach außen sieht es so aus, als gelte der ganze Aufwand einem Romanprojekt. Familie, Freundinnen, der Liebhaber – sie alle werden auf raffinierte Art und Weise getäuscht. Alles andere bleibt offen. Fiktion oder Realität? Am Ende bekennt die Verfolgerin: «Ich wollte nicht, das der Ehemann geht. Ich wollte, dass er mich sieht, dass er mich spürt, dass er mir die Hand reicht.». Gibt es hier doch das, was Psychologen und Kriminologen ein Motiv nennen?
Am Ende steht auch ein Satz, der diesen Roman in sprachlicher Hinsicht charakterisiert: «Ihr Ton ist sachlich und wirkt streng.» Das gilt auch für Gesina Stärz’ Sprache, die fast emotionslos ist und wie ein Dossier gelesen werden kann. Die Spannung bezieht das interessante Werk aus seiner gelungenen Mischung von Traum und Wirklichkeit – und tieferer Bedeutung. ■
Gesina Stärz: Die Verfolgerin, Roman, edition 8, 174 Seiten, ISBN 978-3-85990-183-4
.
.
.
.
Nico Bleutge: «Verdecktes Gelände» (Gedichte)
.
Moderne Lyrik – mit Voraussetzungen
Bernd Giehl
.
Wer schreibt heute eigentlich noch Naturgedichte? Ich muss gestehen: Ich bin nicht auf dem Laufenden. Jedes Jahr erscheinen so viele Lyrikbände, da kann man schon mal den Überblick verlieren – Sarah Kirsch fällt mir ein oder Wulf Kirsten, aber sonst? Gibt es auch noch jüngere Autoren, die die Natur zu ihrem Gegenstand wählen? Ich habe ein wenig im 25. Jahrbuch der Lyrik (S. Fischer 2007) geblättert. Ein paar habe ich im Teil von 1998 gefunden (Jürgen Becker, Friederike Mayröcker). Sonst: nicht viel. Naturlyrik scheint gerade nicht «in» zu sein. Dabei vereint dieser Band doch die Gedichte unterschiedlichster Autoren aus den Jahren 1979-2006.
Viele Gedichte Nico Bleutges handeln vom Erleben der Natur. Aber es ist keine idyllische Natur, sondern eine eher fremdartige, vom Menschen unter seine Herrschaft gezwungene, die Bleutge beschreibt:
«am ufer ankommen, wach/ unter dem schwelgeruch der flure, ruß-/ wasser, wandernder austritt, der sog/ lief langsam in sich zurück. keller / die nachhallten, gänge, einfach überwölbt, / von feuchte durchzogen, sie zeigte sich vorne, / bewegte sich im hintergrund, kaltluft drang nach, / infiltrierte die stufen, moos, die rohe verflechtung/ löste sich aus dem raum, löste sich auf im gehen/das schon innen war, wände verschwammen, zellen/ wuchsen in die gänge ein, porig, vertraut/ mit den fugen, ließen sie, ringsum verlängert / pflanzen austreiben, wuchernde blattformen/ führten tiefer ins ufer hinab.»
Bleutges Technik ist die der Überblendung. Bilder schieben sich ineinander. Da ist zum einen das Bild eines Bach- oder Seeufers und zum anderen das Bild eines alten bemoosten Kellergewölbes oder Kellergangs, und beide werden bis zur Ununterscheidbarkeit vermischt. An anderen Stellen beschreibt Bleutge nur Natur, aber er geht so nah heran, dass das Bild verschwimmt:
«wasser im sinn haben, steine, / das rundumlaufende licht/ auf den schichten des piers// meeresbeweglichkeit, kurzes/ sprühen, austausch von wärme/ und gewicht, denken an//
Witterung, kiemen, brüchiges/, holz, das sich ablöst, gleich/ wieder angesaugt wird//
von den pfosten am pier./ fischsilber, mölekulares/ glänzen, rohglas, zersplittert//
und doch aufgenommen, vermischt/ mit der entfernung zum hafen/ die masse durchdringt sich, wasser//
in wasser, ein drängen so eins/ in sich, so unterschieden/ wie die steine, die gleiten, leicht//
ihre schuppen verlieren, sinken/ versenken zinkweiße strömung/ aus spannung und klang//
die nicht nachläßt/ sich formt/ im gedanken an flutwechsel, / dämmerungsdichte am hafen.»
Natur wie fotografiert vom Makroobjektiv. Der Pointillismus fällt mir ein, eine Strömung, die sich Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Impressionismus entwickelte, und dessen Bilder man nur erkennen kann, wenn man Abstand nimmt.
Aber keine Regel ohne Ausnahme. Es gibt auch andere Gedichte, die fast schon verständlich sind beim ersten Lesen. Gedichte, von denen man den Eindruck hat, man könne ihren Inhalt in eigenen Worten wiedergeben.(«die augen meiner Mutter waren hinter glas», S.36, «und manchmal nachts da geht der atem leise, S.40) Das sind dann keine Gedichte über die Natur, sondern über das eigene Bewusstsein.

Die Gedichte Nico Bleutges handeln vom Erleben der Natur. Aber es ist keine idyllische Natur, sondern eine eher fremdartige, vom Menschen unter seine Herrschaft gezwungene, die Bleutge beschreibt. Komplexe Sprachgebilde, die gewisse Kenntnisse der modernen Literatur voraussetzen.
Gedichte, so habe ich es schon mehrfach behauptet, sagen nicht unmittelbar, was sie meinen, sondern sie sprechen in Bildern, und manchmal stellen sie ihre Leser auch vor Rätsel. So betrachtet sind diese Gedichte durchaus lesenswert. Allerdings sollte man schon eine Ahnung von moderner Lyrik haben, ehe man sich mit ihnen befasst… ▀
Nico Bleutge: Verdecktes Gelände, Lyrik, C.H. Beck Verlag, 68 Seiten, ISBN 978-3406646782
.
Interessante Buch-Novitäten – kurz vorgestellt
.
Ferdinand Wedler: «stARTistik» – Die Welt in Kunstkuchen
Der deutsche Philologe und technische Software-Redakteur Ferdinand Wedler (geb. 1979) ist als freiberuflicher Illustrator und Karikaturist vielseitig tätig. In seiner jüngst erschienen «stARTistik» knöpft er sich die oft verräterisch skurrile Welt der Zahlen, Statistiken, Umfragen vor. Als «erzählte Zählungen» will er seine «Welt in Kunstkuchen» verstanden wissen: Seine Kuchendiagramme – jeweils durch eine stilisierte Zeichnung illustriert – haben einen teils direkten, teils mehrdeutigen und auch erst zu enträtselnden Sprachwitz. Vor Wedlers humorvollem Zugriff ist dabei kein Alltagsbereich sicher; das Bändchen ist unterteilt in die Segmente: leben, wohnen und essen, lieben, denken, arbeiten, reisen, sehen-hören-lesen. Denn wie meint der Autor: «An allen Schauplätzen des Lebens lassen sich aus dem Erlebten Kuchenstücke bilden. Teile eines Kuchens, der Raum für das Gedachte öffnet». – Originell. ■
Ferdinand Wedler: stARTistik – Die Welt in Kunstkuchen, 72 Seiten, epubli Berlin, ISBN 978-3844216349
.
.
Carola Vahldiek: «Ein Tag wie ein Schmetterling»
«Das weiße Blatt / des Tages mit / Worten / beschreiben: / “Guten Morgen!” / Den Morgen gut sein lassen» – so eröffnet die Lyrikerin und bekannte norddeutsche Naturphotographin Carola Vahldiek ihr jüngstes kleines «Wohlfühl-Bändchen» namens «Ein Tag wie ein Schmetterling». Und ebenso leicht-luftig kommen alle anderen Sprüche und Illustrationen auf diesen schmuck gestalteten, betont positiv gehaltenen “Frühlingsblättern” daher. Innehalten, aber auch Wandlung sind dabei zwei zentrale inhaltliche Leitmotive des auch kalligraphisch hübsch konzipierten Büchleins. Problembewusstsein oder philosophische Schwere findet sich nirgends auf diesen paar farbhellen Seiten – dafür viel guter Zuspruch und die Aufforderung zum Wahrnehmen des Moments: «Am Ende / mit blauen Stiften / Nacht / einkehren lassen / und einen / Stern». – Wellness. ■
Carola Vahldiek: Ein Tag wie ein Schmetterling, 24 Seiten, Verlag am Eschbach, ISBN 978-3-86917-216-3
.
.
Johanna Adorjan: «Meine 500 besten Freunde»
Die bekannte FAZ-Feuilletonistin Johanna Adorján präsentiert mit ihrem Band «Meine 500 besten Freunde» nun bereits ihre dritte grössere Belletristik-Novität – nach dem Theaterstück «Die Lebenden und die Toten» (2004) und nach «Eine exklusive Liebe» (2009).
Der Band versammelt 13 eher lose miteinander verknüpfte Erzählungen aus und über Deutschlands Hauptstadt. Die 1971 in Stockholm geborene Autorin breitet dabei ein durchaus sensibel beobachtetes Kaleidoskop von Berliner Protagonisten aus, deren Leben sich extrem widersprüchlich zwischen Sein und Schein abspielt, gespiegelt in der oft scharf formulierten Ironie Adorjans. Die skurrile bis abstruse Welt der Berliner Schickeria und ihren Modemachern, Regisseuren, Schauspielern und Journalisten – hier wird sie literarisches Ereignis. – Lesevergnügen. ■
Johanna Adorján: Meine 500 besten Freunde, Erzählungen, 256 Seiten, Luchterhand Verlag, ISBN 978-3-630-87354-1
.
.
.
Weitere Rezensionen im Glarean Magazin
.
.
.
.
.
.
Gisela Elsner: «Zerreissproben» (Erzählungen)
.
Nichts für zarte Gemüter
Dr. Karin Afshar
.
Bestimmt haben Sie als Leser oder Leserin mehr als einmal darüber nachgedacht, zu welcher Gruppe Leser Sie wohl gehören würden, wenn es in Buchhandlungen nicht die üblichen Sparteneinteilungen in Sachbücher, Romane, Fantasy, Frauenromane etc. gäbe, sondern Einteilungen wie z.B. in Kundensparten: «Interessiert sich für die politische Richtung eines Autors», oder «Meint, kein Autor schreibe anders als autobiografisch», oder «Interessiert sich für in Widersprüche verstrickte Autoren», zu deren Regale Sie dergestalt orientiert Ihre Schritte lenken könnten, um sicherzustellen, dass Sie auch genau die Bücher, die Sie interessieren, in die Hände bekämen und nicht unnötigerweise – das Leben hält genug schlechte Überraschungen bereit – solche, die sie enttäuschen würden. Die Sparten in Kombination würden Ihnen jenes Buch auswerfen, um das es in den nächsten Absätzen gehen wird.
Wenn Sie den Eingangssatz durchdrungen haben, stehen Sie bereits mitten in einem Labyrinth; so ist es zumindest bei Gisela Elsner. Besagter Satz ist nur ein fader Abklatsch dessen, was sie zu Papier bringt. Die kafkaeske Art ist ihr Stil, ihr Markenzeichen: sie konstruiert Sätze, die erstaunen, zum Lachen bringen, ungeduldig, atemlos, ja, wütend machen. Sie wiederholt, insistiert, ist akribisch, sie zählt auf, spitzt zu, zerpflückt, zerteilt… Dieser Erzählstil unterstreicht natürlich Inhalte, und die sind nicht lustig. Ihre Texte handeln von der Künstlichkeit einer bürgerlichen Welt, die einerseits die Schrauben immer fester anzieht, andererseits verschroben daher kommt.
Elf Erzählungen Elsners hat die Herausgeberin Christine Künzel neu choreographiert, und die Abfolge ist gelungen. Christine Künzel betreut seit 2002 die Werkschau Gisela Elsners im Verbrecher Verlag Berlin: «Die Zähmung», Roman (2002), «Das Berührungsverbot», Roman (2006), «Heilig Blut», Roman (2007), «Otto der Großaktionär», Roman (2008) und «Fliegeralarm», Roman (2009) sind bereits erschienen. Gisela Elsner erhielt etliche internationale Auszeichnungen, darunter den Prix Formentor für ihren ersten Roman «Die Riesenzwerge» (1964), an dessen Erfolg sie nicht wieder anknüpfen konnte. Sie veröffentlichte Romane, Erzählungen, Aufsätze, Hörspiele und das Opernlibretto «Friedenssaison».
Elsner beschreibt in den vorliegenden Erzählungen vor allem Menschen, die sie aus dem Kollektiv herausarbeitet, wie man einen 3D-Abdruck aus einem Nagelbild herausarbeitet: hinten wird gedrückt und vorne entsteht das Bild. Sie beschreibt das Kollektiv, die Welt der Oberfläche, die sie sodann demaskiert, damit das Darunter – das Scheinheilige – zum Vorschein kommt. Die Geschichten verlangen starke Nerven, denn Elsner zerlegt und karikiert so gründlich, dass sie sich selbst und dem Leser den Boden unter den Füßen wegzuziehen vermag.
In «Die Zerreißprobe» (der ersten Erzählung im Band 2) geht es um eine Frau, die sich – als Terroristin verdächtigt – im Fadenkreuz des Verfassungsschutzes glaubt. Ihre Wohnung wird beobachtet. Wenn sie nicht zuhause ist, kommen «sie», schalten Tischlampen aus, verrücken Möbel und schneiden von Kleidungsstücken Stofffetzen ab. Von einem Nachbarn, dem Vormieter dieser Wohnung, in der sie nun lebt, erfährt sie, dass in der Wohnung in erst kürzlich zurückliegender Vor-Nach-Stammheimer Zeit Terroristen untergeschlüpft sein sollen. Der Verdacht – so vermutet die Erzählerin, die auch in der Erzählung Schriftstellerin ist – fällt jetzt auf sie, aber sie geht der Sache auf den Grund.
In «Der Maharadscha-Palast» mokiert sie sich über eine Reisegesellschaft, die am Ort ihrer Unterkunft mit einigen Überraschungen konfrontiert ist: keiner der Betroffenen wird sich – zurück in Deutschland – die Blöße geben und zugeben, sich angesichts des Vorgefundenen entlarvt zu haben.
«Der Selbstverwirklichungswahn» verhöhnt nicht nur die Selbstfindungswelle der frühen 80er Jahre, sondern nimmt die Auswüchse der «Grünlichen» aufs Korn, und dabei nicht weniges vorweg. Wie überhaupt die spitz gezeichneten Bilder sowohl allesamt Abbilder der 70er und 80er sind, als auch eine Vorwegnahme, die wir jetzt – 2013 – im Nachhinein in voller Tragweite bestätigen können. Elsners Geschichten sind meiner Meinung nach mehr als Satire. Unsere Zeit hat die Satire längst eingeholt, und bei manchen Erzählungen ereilt mich der Verdacht, Elsner habe geahnt, worauf es hinausläuft, und ist Opfer ihres persönlichen Minenfeldes geworden. Damit musste sie eine Herausgefallene werden!
In «Der Sterbenskünstler» geht es um die Friedensbewegung und ihre Abstrusitäten, in «Der Antwortbrief Hermann Kafkas auf Franz Kafkas Brief an seinen Vater» bricht sie mit ihrem «Gott» Franz, an dem sich orientieren zu können sie in jungen Jahren glaubte: «Du schreibst, Du wärest mir als das Ergebnis meiner Erziehung peinlich. [...] Viel peinlicher indes als das Ergebnis meiner Erziehung ist für mich die Tatsache, dass ich es durch Dich mehr und mehr verlerne, nicht allein die Welt zu begreifen, sondern auch mich. [...]» Kafka, ohne dies ergiebig zu vertiefen, lebte vor den Toren zur Gegenwart und trat nicht über die Schwelle ins Jetzt. Seine Hauptthemen waren durchweg voller Anklage an jene, von denen er glaubte, sie verhinderten ihn. Das wiederum übte eine gewisse Faszination – nicht nur auf Elsner – aus.

In ihrem zweiten Erzählband “Zerreissproben” legt Gisela Elsner ein Zeugnis ihrer selbst ab, und das so fundamental und radikal, dass es einem die Luft abdrehen kann. Wir blicken in Abgründe…
«Die Zwillinge» und «Vom Tick-Tack zum Tick» kommen im Vergleich zu «Die verwüstete Glückseligkeit» harmlos daher, zeugen aber gerade deshalb von Elsners – es Talent zu schreiben zu nennen, wäre eine Beleidigung – mal lauter, mal leiser Demontierungswut und Wortgewalt. Elsner geht auch mit sich selbst hart ins Gericht, demontiert sich selbst und erwartet anscheinend doch unendlich viel – oder gar nichts mehr? Was weiß man von dieser Frau? Muss man etwas über sie wissen? Ich finde ja: man muss! Sie ist gegen die Friedensbewegung, sie lehnt die Errungenschaften von 68 radikal ab, sie bekennt sich zum Kommunismus, ist aber doch wankelmütig (Eintreten, dann Austreten, dann Wiedereintreten in die DKP), sie will nicht Dichterin genannt werden, … Sie inszeniert sich selbst und später – als das nicht mehr reicht – ihre Selbstzerstörung. Sie hadert mit sich, ist unzufrieden, gehört nirgendwo dazu, und braucht das vielleicht doch sehr dringend? «Irgendwie» besteht die «reine Möglichkeit», dass das Ende der ganzen Kette von Missständen, dem Abstrusen, dem verhassten Kapitalismus, der Kleinbürgerlichkeit … ein anderes Leben bedeuten könnte – bis es jedoch soweit ist, fehlt ihr eine wirklich positive Perspektive. Gisela Elsner wird 1937 in Nürnberg geboren, und nimmt sich 1992 das Leben.
Im Buch enthalten sind Erklärungen zu Elsners erzählerischem Werk, editorische Notizen zur Historie der einzelnen Erzählungen sowie deren Verortung im Gesamtwerk. Niemand schreibt anders als autobiografisch – zu dieser Ansicht bin ich im Laufe meines Lebens gelangt. Das Herausstechendste an Elsners hier vorgelegten Erzählungen ist: sie legt ein Zeugnis ihrer selbst ab, und das so fundamental und radikal, dass es einem die Luft abdrehen kann. Wir blicken in Abgründe. Nicht viel Spaß wünsche ich nun beim Lesen, sondern viele Erkenntnisse! ●
Gisela Elsner: Zerreissproben, Erzählungen (Band 2), 224 Seiten, Verbrecher Verlag, ISBN 9783943167054
.
.
.
.
.
Hanns-Josef Ortheil: «Das Kind, das nicht fragte»
.
«Kennst du das Land / Wo die Zitronen blühn?»
Christian Busch
.
Milde, sanfte Zephirwinde, verzaubernder Duft, im Sonnenlicht gereifte Zitrusfrüchte, melodienschöne Klänge fremder Sprache, in Olivenöl getauchte, mediterrane Speisen, antike, sagenumwobene Kulissen, historische Schätze beherbergende Stätten, die zu den Wurzeln abendländischer Kultur führen: Das alles ist Italien, das Land der Sehnsucht und Objekt germanischen Fernwehs. Der nicht erst seit Goethes Mignon vielbeschworene literarische Topos figuriert in der Gestalt Siziliens auch in Hanns-Josef Ortheils neuem Roman «Das Kind, das nicht fragte» als magischer Ort, der den Lauf der Dinge und der Menschen verändert.
Seine autobiographische Züge tragende Hauptfigur ist ein Benjamin, der Ethnologe Benjamin Merz, das von klein auf unterdrückte, jüngste Kind einer siebenköpfigen bürgerlichen Familie. Von Köln bricht er im Frühjahr auf zu neuen Ufern – nach Mandlica, einer (fiktiven) sizilianischen Kleinstadt. «Gedankenleser» – so werden die Einwohner Mandlicas ihn auf Grund seiner Begabung, den Menschen zuzuhören, ihnen in ihren Erzählungen zu folgen und sie auf diesem Weg zu erforschen, in respektvoller Verehrung nennen, wenn sie sich ihm öffnen. Dass ihn sein wissenschaftliches Forschungsprojekt nicht nur weg von den eigenen morbiden Wurzeln seiner Familiengeschichte und der Enge der Heimat führen wird, sondern auch zu den eigenen tief in ihm vergrabenen Ursprüngen seiner ethnologischen Studien, ahnt man. «Wenn ich die Augen schließe und an Deutschland denke, sehe ich ein Land der Quiz- und Kochsendungen, der überdrehten, wichtigtuerisch vorgetragenen Wetterberichte und der sich täglich ins Kleinste verlaufenden politischen und ökonomischen Kommentare, die ein immerwährendes Unwohlsein verbreitet und dieses Unwohlsein kultivieren.»
So bezieht Benjamin sein Quartier in einer kleinen Pension und beginnt die Wege und Gespräche der Menschen zu suchen. In der Pension trifft er zunächst auf ausgewanderte Landsleute, die den Reizen Siziliens bereits erlegen und verbunden sind: die redselige Maria mit ihrer verschlossenen herb-schönen Schwester Paula, welche zugleich Übersetzerin und Hüterin des Hauses des sizilianischen Nobelpreisträger für Literatur. Schritt für Schritt findet er Zugang zu den bedeutenden und geheimnisvollen Gestalten des Ortes und zu ihren Geheimnissen. Da ist der Buchhändler Alberto, Lucio mit den feuchten und weit geöffneten Augen, Besitzer eines klassischen, traditionellen Ristorante, der für windige EU-Projekte eintretende Bürgermeister Enrico Bonni, seine außergewöhnliche Tochter Adriana und zuletzt die weise Signora Vulpi mit ihrem «gefühligen» Sohn Matteo.
Der zunächst eher karg und verhalten beginnende Roman gewinnt durch die beständige Ich-Perspektive und die stets Unmittelbarkeit des Geschehens evozierende Gegenwart zunehmend an atmosphärischer Dichte. Die dadurch erzeugte Sogkraft hilft dabei, den doch sehr glatt reüssierten Siegeszug der Hauptfigur zu übersehen und dem durchweg photogen und mit sinnlichem Gespür für sizilianische Wirklichkeit erzählten Geschehen treu zu bleiben, bis man ihm schließlich atemlos erlegen ist. Hier erweist sich Hanns-Josef Ortheil erneut als kunstvoller und bis ins Detail ausgefeilter, souveräner Erzähler einer sehr erzählenswerten, zuweilen auch märchenhaft anmutenden Geschichte.
Wendepunkt im Roman ist die nicht gänzlich überraschende Beziehung zu Paula, die als charakterstarke Deutsch-Sizilianerin das nicht gesuchte, aber benötigte Pendant zu «Beniamino» und eine neue Qualität menschlicher Beziehung darstellt: «Das Leben mit Paula ist also ein Erzählstrom eigener lebendiger und heftigerer Art, im Grunde ist es ein erotisches Sprechen, das unsere Vereinigungen vorbereitet oder sogar begleitet.»

Hanns-Josef Ortheils «Das Kind, das nicht fragte» ist ein geradezu klassischer Reiseroman mit Bildungs-, Entwicklungs- und Liebesgeschichte – ein wunderbares Buch für alle fernab des Konsum-Tourismus reisenden Menschen.
So ist Ortheils Roman ein geradezu klassischer Reiseroman mit Bildungs-, Entwicklungs- und Liebesgeschichte, ein wunderbares Buch für alle fernab des Konsum-Tourismus reisenden Menschen, die mit beiden Beinen fest auf dem Teppich stehen, ohne die Hoffnung zu verlieren, dass er fliegen lernt: «Letztlich waren es die Menschen, die ihre Zurückhaltung und Schüchternheit im Umgang mit der Fremde zunehmend verloren. Genau deshalb gingen sie ja in die Fremde: Um dort die störenden Eigenschaften ihrer früheren Identität gegen eine neue, von der Fremde begründete und geformte Identität einzutauschen. In der Fremde verwandelten sie sich, blühten auf und spürten die positiven Auswirkungen ihrer Forschungen am eigenen Leib und an der eigenen Seele.»
Am Ende des Romans färben die etwas altbacken wirkenden Reminiszenzen an Don Camillo und Cinema paradiso den Roman ein wenig rosa – kleine, sympathische Schönheitsflecke in einem nicht nur Sehnsucht nach Sizilien, dem Schmelztiegel zwischen römisch- und griechisch-antiker Kultur weckenden großen Roman über «Das Kind, das nicht fragte». ■
Hanns-Josef Ortheil: Das Kind, das nicht fragte, Roman 426 Seiten, Luchterhand Verlag, ISBN 978-3-630-87302-2
.
.
.
.
.
Interessante Buch- und Musik-Novitäten – kurz vorgestellt
.
«Hit-Session»: Weihnachtslieder für Keyboard
In Fortsetzung seiner neuen, bereits umfangreichen Serie «Hit-Session» veröffentlichte der Musik-Verlag Bosworth nun unter dem Titel «Keyboard – Weihnachtslieder» eine Sammlung der beliebtesten Christmas-Songs aus aller Welt. Neben zahlreichen traditionellen, vorwiegend europäischen Weisen – von «Adeste Fideles» bis «Zu Bethlehem geboren», von «Feliz Navidad» bis zu «Stille Nacht» - versammelte der Verlag auch eine Fülle englischsprachiger bzw. amerikanischer Christmas-Hits. Als Autor(inn)en fungieren hier so berühmte Song-Makers wie Mariah Carey, Boney M, John Lennon, Bryan Adams, Elvis Presley, Chris Rea oder Celine Dion, um nur wenige zu nennen, und Titel wie «Last Christmas», «Jingle Bell Rock», «Driving home for Christmas», «Happy X-mas (War is over)», «Sleigh ride», «Rudolph, the red-noised Reindeer», «Winter wonderland» oder «Let it snow» gehören auch hierzulande längst zum festen Weihnachtslieder-Kanon. Jeder Song beinhaltet neben den obligaten Akkord- und Tempo-Angaben auch die Strophentexte, er ist ausserdem in handlichem Format gedruckt und mit sehr praktikabler Spiralheftung versehen. Für Unterrichtszwecke hätte man sich noch die Fingersätze der einstimmigen Keyboard-Notationen gewünscht, aber insgesamt: Empfehlenswert. ■
Hit-Session: Keyboard Weihnachtslieder, 100 Weihnachtslieder, 140 Seiten, Bosworth Musikverlag, ISBN 978-3-86543-703-7
.
.
Hans Sahl: «Der Mann, der sich selbst besuchte» – Erzählungen
Mit dem vierten Sahl-Band «Der Mann, der sich selbst besuchte» schließt der Luchterhand-Verlag seine sehr verdienstvolle Werkausgabe Hans Sahls ab. Das Buch, basierend auf dem bereits vor 25 Jahren in deutscher Sprache publizierten Band «Umsteigen nach Babylon», enthält sämtliche Erzählungen des Autors, darunter auch eine Reihe von bislang unveröffentlichten Texten aus dem Nachlass, sowie seine bereits zu Sahls Lebzeiten bekanntgewordenen Glossen. Diese oft an entlegenen Stellen veröffentlichten Miniaturen in dieser Ausgabe wieder verfügbar zu machen ist ein besonderes Verdienst dieser jüngsten und letzten Sahl-Anthologie. Zurecht ist der Verlag stolz darauf, mit dieser Edition das erzählerische Werk Sahls in seiner Gesamtheit neu erschlossen zu haben – und damit das Werk «eines großen Autors», der in die Emigration getrieben wurde, und der «doch auch in der Ferne nichts von seinem Witz und seiner moralischen Feinfühligkeit verlor». Für literarisch besonders Interessierte und für jeden Freund hochstehender Kurzprosa unbedingt ein Favorit für das Buchgeschenk unterm Weihnachtsbaum! ■
Hans Sahl: Der Mann, der sich selbst besuchte, Erzählungen und Glossen, 416 Seiten, Luchterhand Verlag, ISBN 978-3-630-87293-3
.
.
Sarah Lark: «Die Insel der roten Mangroven» – Roman
Auf Jamaika schreibt man das Jahr 1753: Deirdre, die Tochter der Engländerin Nora Fortnam und des Sklaven Akwasi lebt behütet auf einer Plantage. Bis sie den jungen Arzt Victor Dufresne kennenlernt und heiratet. Gmeinsam schifft man sich ein nach Saint-Domingue auf der Insel Hispaniola – um sich dort plötzlich dramatischen Verwicklungen ausgesetzt zu sehen.
Sarah Lark – Pseudonym einer deutschen Bestseller-Autorin – legt hier den zweiten Band ihrer erfolgreichen Karibik-Saga vor – und bedient sich bei fast allen publikumswirksamen Ingredienzien des Genres: Historisch bewegter Hintergrund, exotischer Schauplatz, grandiose Heldenhaftigkeit, und selbstverständlich ein sattes Maß an Herz-Schmerz. Für Kenner und Geniesser des sog. Historischen Romanes sind die «Mangroven» kein Muss, doch für Lark-Fans sicher ein neuer Höhepunkt des Lesespaßes. ■
Sarah Lark: Die Insel der roten Mangroven, Roman, 668 Seiten, Lübbe Verlag, ISBN 978-3-7857-2460-6
.
.
.
Weitere Rezensionen im Glarean Magazin
.
.
.
.
.
.
.
Peter O. Chotjewitz: «Tief ausatmen» (Lyrik)
.
Über das tiefe Ausatmen von Gedanken
Dr. Karin Afshar
.
Peter O. Chotjewitz kenne ich nicht. Ich habe mir das Buch ausgesucht, weil mich der Titel angesprochen hat. Tief Ausatmen. Der Einband fühlt sich rauh an, es ist ein ganz einfach gestalteter dunkelorangeroter Leineneinband und im Innern finden sich gelbliche Werkdruck-Seiten, auf ein paar Seiten Illustrationen, Skizzen von Fritz Panzer, die Gedichte – dreizeilig alle, zuzüglich Überschriften. Das Buch ist frisch aus der Druckerei. Sein Geruch ist mir sympathisch.
Ein erster Hinweis aufs Ausatmen dies:
Ich ging
Nach langer schwerer
geduldig ertragener
Überflüssigkeit
Das mit der Überflüssigkeit macht ihn mir sympathisch. Das ist wohl so, wenn man älter wird, und vieles gesagt ist – man das Leben und die von ihm gebotenenen Dinge eingeatmet hat, um gegen Ende festzustellen, dass die eigene Person doch eigentlich ziemlich unbedeutend ist.
Lesen macht einsam
Mit den Jahren kam
Bücher bis zur Haustür
die Eigentorheit
Wieder hat er mich! Das Wortspiel mit der Torheit, die zum Eigentor wird, und dass man sich bei allem Lesen und Wissen am Ende von den anderen entfernt. Ich unterbreche meine Lektüre und will jetzt wissen, wer der Mann ist, und ob ich ihn richtig verstehe. Also lese ich über Chotjewitz nach, auch um die Ankündigung seines Verlages (er sei «eigensinnig, tiefsinnig, hintersinnig») verstehen, zumindest aber verorten zu können.
Chotjewitz ist 1934 geboren. Seinen ersten Werdegang möge man selbst nachlesen, auch die Geschichte über die Freundschaft mit dem «Oberterroristen» Andreas Baader, dessen Wahlverteidiger er war. Seit Mitte der 1960er Jahre schrieb Chotjewitz realistische Erzählungen und Romane, die er bei Verlagen wie Rowohlt oder Kiepenheuer & Witsch publizieren konnte. Er trat der Gruppe 47 bei, distanzierte sich aber später von deren Monopolstellung: sie hätten den Literaturbetrieb «vergiftet». Chotjewitz – einen ersten Lyrikband hatte er 1965 mit «Ulmer Brettspiele» veröffentlicht, danach keinen mehr – hatte sich als Schriftsteller etabliert, wurde jedoch immer mehr zum Außenseiter: die «neue Innerlichkeit» löste eine Polit-Literatur wie er sie schrieb ab, und der Linksradikalismus der 70er Jahre ging in der Friedensbewegung und den Grünen auf. Chotjewitz zog sich zurück und übersetzte fortan u.a. den Literaturnobelpreisträger Dario Fo aus dem Italienischen ins Deutsche, und gab gelegentlich ein neues Buch heraus, so z.B. den historischen Roman «Macchiavellis letzter Brief». «Fast schien es, als verschwände hier ein Veteran der Linken stellvertretend für seine ganze Generation in der kulturellen und politischen Bedeutungslosigkeit.»
Chotjewitz tauchte wieder auf, nämlich beim Verbrecher Verlag. «Tief Ausatmen» ist posthum in diesem Oktober erschienen. Seine Frau Cordula Güdemann und der Verleger Jörg Sundermaier haben das Material zusammengestellt.
Soweit die Hintergründe, lassen wir jetzt wieder Texte sprechen. Fünf wähle ich noch aus, nicht ganz so willkürlich wie – so schreibt es der Herausgeber – Zeichnungen und Texte im Büchlein miteinander verknüpft sind.
Die Texte muss man sich vorlesen, mehrmals – zeilenübergreifend ergeben sie Sätze, Sinnzusammenhänge. Sie setzen einiges an Vor-, Welt- und auch Geschichtswissen voraus, denn sonst entgehen einem die offenen und versteckten Verweise!
Damals im kalten Krieg
Sehnsucht heißt das alte
Lied der Taiga das schon
meine Mutter sang.
Es ist nicht damit getan, dass man die Zeilen wiedererkennt – man muss sie weiterdenken. Und im Weiterdenken erst erfüllen sie ihren Anstoß.
Bulletin 9/2010
Herr der Sommer war
sehr groß alles voll Knollen
Hals Lunge Leber
Die Gedichte sind Skizzen, die umreißen, ein Tiefergehen erlauben, es aber nicht plakativ einfordern. Sie sind Gedanken im Vorbeigehen, eine Form andeutend. (Die Zeichnungen von Fritz Panzer könnten nicht passender sein.) An anderer Stelle sind sie unstet, kaum zu fassen. Sie wollen nicht festgehalten werden; alles Festhalten scheint dem Schreibenden Zwang.
Die Themen? Vielfältig, aber nicht geordnet. Die Sprache? Es blitzen hin und wieder Bukowskieske Vibes in den Zeilen auf. Manches verstehe ich nicht, weil mir der Kontext fehlt – ich bin eben Chotjewitz-Anfängerin.
Alles spüren
Kühl die schlaflose
Nacht am besten nichts kein Bär
kein Schweif nur liegen
Stilles Feuer
Dich trifft ein Blitz aus
dem Sehschlitz unterm Tschador
wird wild gejodelt

Eigensinnig schreibt Chotjewitz unbedingt, die Vorgabe keiner Formvorgabe ist die Freiheit, die er sich erlaubt. Hintersinnig und tiefsinnig – auch das. Die Verse sind inspirierend in ihrer Kürze, lassen viel Raum. Ein Könner eben.
Es findet sich Selbstironie und Selbstbeobachtung, Spott über andere und Kommentare zu Vergangenem. Eigensinnig schreibt Chotjewitz unbedingt – Elfchen haben wir hier nicht gerade vorliegen, die Vorgabe keiner Formvorgabe ist die Freiheit, die er sich erlaubt. Hintersinnig und tiefsinnig – auch das. Die Verse sind inspirierend in ihrer Kürze, lassen viel Raum. Ein Könner eben. Man kann sich jeden Tag einen Dreizeiler herausgreifen und an ihm eine Weile herumdenken. Und wem etwas einfällt, der möge dies beherzigen:
In der Straßenbahn
Was dir so einfällt
Junge schreib’s auf es könnte
ein Gedanke sein
■
Peter O. Chotjewitz: Tief Ausatmen, Lyrik, Zeichnungen von Fritz Panzer, Herausgeber: C. Güdemann & J. Sundermeier, 140 Seiten, Verbrecher Verlag, ISBN 978-3943167023
.
.
.
.
.
.
.
Interessante Buch- und CD-Neuheiten – kurz vorgestellt
.
Cotton Reloaded: «Der Beginn» – E-Book-Roman
Mitte der 1950-er Jahre begann mit dem ersten Jerry-Cotton-Heft im Bastei-Verlag eine der kommerziell erfolgreichsten Krimi-Serien, deren weltweit verbreiteter Hype unter Mitwirkung von weit über 100 Autoren bis heute andauert. Nun legt der Lübbe-Verlag nach und transferiert den smarten amerikanischen FBI-Agenten mit einer Reloaded-Reihe ins moderne Zeitalter des digitalen E-Book-Lesens. Die erste Story des «neuen» Cotton titelt «Der Beginn» und startet im New York des Jahres 2012, wo der modernisierte G-Team-Mann mitsamt seinen Nebenfiguren Phil Decker, Zeerookah, Mr. High u.a. einen Serienkiller jagt – in einer Welt des Terrorismus’, des Cybercrime, der Drogen- und der Bankenkriminalität.
Der Verlag will Cotton monatlich «reloaden», und jeder Band erscheint ausschließlich als E-Book und als Hörbuch (in den Formaten ePub bzw. MP3), wobei die einzelnen Folgen in sich abgeschlossen sind. Den Start-Band «Der Beginn» hat Bestseller- und «Tatort»-Autor Mario Giordano («Apocalypsis») geschrieben, Verfasser der zweiten Folge «Countdown» (geplant für Mitte November 2012) wird Peter Mennigen sein. ■
Mario Giordano: Cotton Reloaded – Der Beginn, Kriminal-Roman, E-Book, Lübbe Verlag
.
.
Buch- und CD-Dokumentation: «Jazz unter Ulbricht und Honecker»
Der 1954 im sächsischen Zwickau geborene Jazz-Posaunist, Arrangeur, Komponist, Big-Band-Dirigent und Autor Frieder W. Bergner hat als Musiker und Kulturschaffender jahrzehntelang unterm DDR-Regime gelebt und gearbeitet. In seiner jüngsten, belletristisch-erzählerisch konzipierten Publikation «Jazz unter Ulbricht und Honecker» berichtet er autobiographisch über sein «musikalisches Leben in der DDR» und streift dabei mit grosser Detailfülle und sehr persönlich-authentischem Schreibstil die wichtigsten Stationen und Personen seiner Karriere. Der Band berichtet davon, «wie aus einem schüchternen, kleinen Jungen ein Mann wurde, der sich vor hundert Menschen auf eine Bühne stellt, um mit Musik und mit Worten seine Geschichten zu erzählen. Und davon, wie er sich über Jahrzehnte seines Lebens nicht von dieser Beschäftigung abbringen ließ. Nicht von den Eltern, nicht von den Obrigkeiten in Schule und Staat…» ■
Frieder W. Bergner: Jazz unter Ulbricht und Honecker – Mein musikalisches Leben in der DDR, Prosa-Band & Audio-CD, 212 Seiten, Selbstverlag 2012
.
.
Ueli Schenker: «Jagdgründe» – Gedichte
Seit langem gehört der im Luzernischen Meggen lebende Schriftsteller Ueli Schenker zu den profiliertesten Poeten der Innerschweizer Literaturszene. Einst auch als Theater-Autor aktiv, verlegt sich der promovierte Anglistiker und Germanist Schenker nunmehr seit über 20 Jahren fast ausschließlich auf die Lyrik. Sein jüngster Band «Jagdgründe» muss unbedingt zum Besten seines bisherigen Schaffens gezählt werden. Unterteilt in fünf Kapitel, sind über 90 Gedichte versammelt, denen eine thematisch enorme Vielfalt, metaphorische Dichte und auch große stilitische Varianz eignet. Schenker ist außerdem ein Meister des Bilderkontrasts und des Zusammendenkens heterogener Sinnkreise:
Im Freien
Schnorchelsommer Herbst
Laubhaufenkrieg Advent ver-
passte Schneeballschlachten
über den Heckenspass ver-
rauscht ein Schwanenpaar
Gedichte zum laut Vorlesen und still Nachdenken – empfehlenswert! ■
Ueli Schenker, Jagdgründe, Gedichte, Isele Verlag, 108 Seiten, ISBN 978-3-86142-559-5
.
.
.
.
.
Weitere Rezensionen im Glarean Magazin
.
.
.
.
.
.
.
Interessante Buch- und DVD-Neuheiten – kurz vorgestellt
.
Therese Bichsel: «Grossfürstin Anna» – Roman
Die Emmentaler Schriftstellerin und Journalistin Therese Bichsel (*1956) ist seit 1997 v.a. als gut recherchierende und literarisch gewandte Porträtistin historischer Frauengestalten im Bewusstsein der literarischen Öffentlichkeit. Nun legt sie – wiederum im Zytglogge Verlag – die Roman-Biographie der Prinzessin Juliane von Sachsen-Coburg vor – jener Anna Feodorowna (1781-1860), die später als russische Grossfürstin an die Seite eines Enkels von Katharina der Grossen verheiratet wird, dann aber aus St. Petersburg flieht und in der Schweiz heimliche Geliebte und Mutter zweier Kinder wird. Bichsel rollt das Schicksal der 14-Jährigen Prinzessin Juliane einfühlsam und historisch informativ auf bis hin zu den wenigen glücklichen Tagen der schließlich geschiedenen russischen Fürstin Anna auf ihrem prächtigen Gut «Elfenau» nahe der Berner Aare. Die Autorin selber zur Entstehungsgeschichte ihres Buches: «Vor einiger Zeit stiess ich auf Anna Feodorowna und war bald fasziniert von dieser Frau, ihren schwierigen Männerbeziehungen und ihrem Kampf um die unehelichen Kinder in einer Zeit des Umbruchs.» – Eine willkommene Bereicherung des an Interessantem momentan nicht so reichen Genres «Historischer Roman». ■
Therese Bichsel: Grossfürstin Anna – Flucht vom Zarenhof in die Elfenau, Roman, 304 Seiten, Zytglogge Verlag, ISBN 978-3-7296-0851-1
.
.
DVD-Dokumentation: «Glenn Gould – Genie und Leidenschaft»
Das kanadische Musik-Phänomen Glenn Gould steht im Mittelpunkt des Dokumentarfilms «Genie und Leidenschaft», unlängst in einer Doppel-DVD (inkl. eines «internationalen Director’s Cut») bei «Mindjazz Pictures» erschienen. Das Video präsentiert vielschichtig und über weite Strecken eindringlich präsentiert das Leben und Werk einer der faszinierendsten Persönlichkeiten der jüngeren Musikgeschichte. Pianist Gould – «Der Mann mit dem Mantel und dem Stuhl» – ist bis heute Gegenstand sowohl internationaler Verehrung als auch unablässiger klavierinterpretatorischer Forschung, und auch 30 Jahre nach seinem Tode scheint die Faszination für diesen Ausnahmekünstler noch nicht nachgelassen zu haben. Der Film beinhaltet unveröffentlichtes Archivmaterial, Interviews mit Gould-Freunden sowie Ausschnitte aus bisher noch nicht publizierten privaten Bild- und Tonaufnahmen. – Die beiden DVDs bringen die (so facettenreiche wie zerrissene) Pianisten-Ausnahmerscheinung Glenn Gould mit all ihrer Widersprüchlichkeit und musikalischen Obsession, aber auch mit ihrer intellektuellen Vielschichtigkeit und interpretatorischen Tiefe nahe. Empfehlenswert. ■
Glenn Gould – Genie und Leidenschaft, Dokumentarfilm von Michele Hozer und Peter Raymont, Mindjazz Pictures, Doppel-DVD, 84 Min. & Bonusmaterial 106 Min.
.
.
Ken Follett: «Winter der Welt» – Roman
Die Irrungen und Wirrungen des Zweiten Weltkrieges, seine globalen wie einzelmenschlichen Schicksale nimmt Englands wohl berühmtester Bestseller-Autor Ken Follett («Die Nadel») diesmal als historisches Panorama her für seinen jüngsten Wälzer «Winter der Welt». Der über 1000-seitige Roman – Übersetzung: Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher – ist als der zweite Teil einer «Jahrhundert-Saga» gedacht – nach «Sturz der Titanen» - und breitet episch vor zeitgeschichtlich dramatischem Hintergrund mannigfaltige Handlungsstränge mit zahllosen fiktiven wie realen historischen Persönlichkeiten aus. Für manche Leserschichten aspruchsvollerer Belletristik mag Ken Follett (*1949) teils etwas geschwätzig, teils etwas rührselig daherschreiben. Für die in die Millionen gehende Fan-Gemeinschaft des produktiven – und übrigens auch sozial sehr engagierten -, dabei äußerst detailreichen Schriftstellers ist selbstverständlich «Winter der Welt» das literarische Muss dieses Herbstes. ■
Ken Follett, Winter der Welt, Roman, Lübbe Verlag, 1020 Seiten, ISBN 978-3-7857-2465-1
.
.
.
.
Weitere Rezensionen im Glarean Magazin
.
.
.
Hydra (Hg): «Dieses Buch macht dich fertig»
.
Buch macht Wut – Von einem, der auszog, das Wüten zu erlernen
Christian Busch
.
So manch einer sucht in den sommerlichen Hitzeperioden – oder auch trüben Regentagen – nach Erbauung in satirischen Magazinen oder in den Rubriken der täglich von Neuem gegen das Einheitsgrau des Sommerlochs ankämpfenden Journale. In bewährter Manier halten hier die üblichen Verdächtigen den Kopf als Zielscheibe für des Volkes Zorn hin.
Im Holzbaum-Verlag Wien ist jetzt unter dem Titel «Dieses Buch macht dich fertig» eine ganze Sammlung erschienen, die sich als «Tatenbuch für angehende Wutbürgerinnen von Hydra» vorstellt, einem politisch unabhängigen Kulturverein, dessen Mitglieder ehrenamtlich arbeiten und sich der ‘Förderung von Humor, Ironie und Satire’ verschrieben haben. So weit, so gut. Doch kann diese Form der Satire ein ganzes Buch von 168 Seiten füllen?
Das 1. Kapitel widmet sich den Ungerechtigkeiten dieser Welt, die sich – die alte Leier – als konstruierte Objekte menschlichen Neids entpuppen: der Chef und die Großverdiener in Wirtschaft und Politik als Absahner und Sündenböcke auf der Spitze der Karriere- oder besser gesagt: Klischee-Leiter. Wenn man das auf einer Rubrikseite einer einschlägigen Tageszeitung liest, mag man sich kurz freuen. Doch als abendfüllendes Programm, das u.a. dazu auffordert, eine leere Seite anzuschreien, nervt das eher. Genau so gut könnte man zur Kompensierung eine große Schüssel Schlagsahne essen, denkt man.
Auch das 2. Kapitel sucht – mit deutlich erweitertem Spektrum – nach Gründen, sich zu ärgern. Jetzt trifft es unter den bösen Geistern des Alltags auch mal die Handwerker oder die Penis-Liebhaberinnen. So wird man aufgefordert, die 20 (!) Personen aufzuschreiben, an die man beim Sex mit dem Partner gedacht hat, seinen Facebook-Beliebtheit-Koeffizierten zu errechnen und sich aus einem ganzen Cocktail von Ausreden zu bedienen, bis die Autoren im 3. Kapitel – mal mehr, mal weniger einfallsreich – Vorschläge unterbreiten, wie man – Sigmund Freud lässt grüßen – seine Wut los werden kann. So kann man – wer das Buch käuflich erworben hat – Beweisfotos von Kratzern, die man an «sündteuren Autos» hinterlassen hat, einkleben.

Auch wenn einzelne Seiten durchaus Unterhaltungswert besitzen, dürfte die leider viel Banales enthaltende Sammlung «Dieses Buch macht dich fertig» aus dem Holzbaum Verlag den meisten Konsumenten höchstens ein müdes Lächeln abringen.
Auch wenn einzelne Seiten durchaus Unterhaltungswert besitzen, dürfte die leider viel Banales enthaltende Sammlung den meisten Konsumenten höchstens ein müdes Lächeln abringen. Stattdessen wird man sich fragen, ob die Hydra nur eine Schwester der Hybris ist. Wut jedenfalls könnte allenfalls der entwickeln, der für die knapp zehn Euro etwas Originelles, Geistreiches oder Witziges erwartet hat. Denn wenn man auf der letzten Seite aufgefordert wird, eine Bank anzuzünden, zucken die Finger mit Blick auf das Buch schon verdächtig. Hoher Brennwert? Zu gefährlich, deshalb lieber ein Verriss. ■
Hydra (Hg): «Dieses Buch macht dich fertig», Holzbaum Verlag, 168 Seiten, ISBN 978-3-9503097-5-1
.
.
.
.
.
.
.
Ulrich Kittstein (Hg.): «An Aphrodite» – Gedichte von Frauen
.
Weibliche Lyrik von der Antike bis ins 20. Jahrhundert
Sigrid Grün
.
1960 erschien im Verlag Lambert Schneider die Anthologie «Irdene Schale – Frauenlyrik seit der Antike», die damals von Mechthild Barthel-Kranzbühler herausgegeben wurde. «An Aphrodite» ist nun die Nachfolge-Anthologie. Die Auswahl der Gedichte wurde stark überarbeitet. Einerseits musste das Textkorpus reduziert werden, andererseits kamen Gedichte aus dem 20. Jahrhundert hinzu. Gegenwartslyrik wurde allerdings ausgespart, da hier noch kein abwägender Blick aus der Distanz möglich ist. Die nicaraguanische Erzählerin und Lyrikerin Gioconda Belli (* 1948) setzt mit ihren Gedichten also den Schlusspunkt.
Den Schwerpunkt bildet weibliche Lyrik aus dem europäischen und amerikanischen Kulturraum. Aber auch Gedichte von türkischen und arabischen Autorinnen finden sich in der facettenreichen Auswahl, die einen Bogen von der Antike bis ins 20. Jahrhundert schlägt. Dabei lässt sich auch sehr gut der Wandel der weiblichen Lebenswelt nachvollziehen. Hier ist eine erhebliche Ausweitung des Aktionsradius’ festzustellen: Etwa von der ausschließlich innerlichen Lyrik des Mittelalters hin zur oft auch stark politisch motivierten Dichtung im 20. Jahrhundert.
Den Auftakt macht die griechische Dichterin Sappho, die als erste bekannte Lyrikerin Europas gilt. In ihren Texten findet man häufig Anrufungen von weiblichen Vorgängerinnen oder Vorbildern, etwa der Göttin Aphrodite: «Auf buntem Thron, Unsterbliche, Aphrodite,/ Zeus’ Tochter, Listenspinnerin, ich flehe zu dir:/ Lähm’ mir mit Trübsinn nicht und Überdrüssen,/ Herrin den Mut».
In der Anrufung war es auch Frauen möglich, sich in eine (weibliche) Traditionslinie zu stellen und ihr Schreiben zu rechtfertigen. Bis ins 20. Jahrhundert setzt sich der Topos fort: Ingeborg Bachmann widmet ihr Gedicht «Wahrlich» zum Beispiel der russischen Dichterin Anna Achmatova. Hier wird ein intertextueller Bezug über eine Sprach- und Kulturgrenze hinweg geschaffen.
Jede Lyrikerin ist mit einer Handvoll Gedichten vertreten. Man findet zum Beispiel Texte von Sappho (um 600 v. Chr.), Sulpicia (um Christi Geburt), Al-Chansa (7. Jh.), Hildegard von Bingen (1098-1179), Theresia von Avila (1515 – 1582), Gaspara Stampa (1523 – 1554), Karoline von Günderode (1780 – 1806), Marianne Willemer (1784 – 1860), Marceline Desbordes-Valmore (1786 – 1859), Annette von Droste-Hülshoff (1797 – 1848), Emily Bronte (1818 – 1848), Emily Dickinson (1830 – 1886), Ricarda Huch (1864 – 1947), Else Lasker-Schüler (1869 – 1945), Anna Andrejewna Achmatowa (1889 – 1966), Gabriela Mistral (1889 – 1957), Nelly Sachs (1891 – 1970), Marina Zwetajewa (1892 – 1941), Maria Pawlikowska-Jasnorzewska (1894 – 1945), Marie Luise Kaschnitz (1901 – 1974), Hilde Domin (1909 – 2006), Margherita Guidacci (1921 – 1992), Blaga Dimitrowa (1922 – 2003), Nazik al-Mala’ika (1923 – 2007), Ingeborg Bachmann (1926 – 1973), Sylvia Plath (1932 – 1963), Gülten Akin (*1933), Sarah Kirsch (*1935), Gioconda Belli (*1948) u.v.m.
Die Gedichte sind mal poetisch und innerlich, mal gesellschaftskritisch und oft verzweifelt. Zu manchen Texten findet man nur schwer einen Zugang. Die Gründe dafür sind vielfältig und können beispielsweise durch die zeitliche Distanz bedingt sein, die zwischen der Entstehung der Texte und der Gegenwart liegt. Die neueren Gedichte, die der hermetischen Lyrik zuzuordnen sind, entziehen sich dem unmittelbaren Verständnis, weil Autorinnen wie etwa Ingeborg Bachmann versuchten ein neues Sprachverständnis zu entwickeln. Die Bilder sind auf der semantischen Ebene zunächst schwer greifbar, nach dem erfolgreichen Prozess der Dechiffrierung aber dafür sehr eingängig.

«An Aphrodite» ist eine umfangreiche und vielseitige Lyrik-Anthologie, die literarisch eindrucksvoll vor Augen führt, wie viel sich in puncto «Befreiung der Frau» im Laufe des vergangenen Jahrhunderts getan hat.
Besonders reizvoll an diesem Band ist die Möglichkeit, als Leser die Variationen der Rolle der Frau innerhalb der patriarchalischen Gesellschaft sehr gut nachzuvollziehen. Die Auswahl ist also als ausgesprochen gelungen zu betrachten, spiegelt sie doch sehr gut wider, wie die weibliche Lebenswelt und ihr Wandel in den verschiedenen Epochen und Kulturräumen erlebt wurde. Natürlich mag man anführen, dass wichtige Autorinnen wie etwa Rose Ausländer fehlen – aber eine vollständige Zusammenfassung weiblichen Schreibens ist nicht einmal für den deutschen Sprachraum wirklich zu bewältigen.
Sehr gelungen ist auch die Einführung durch den Herausgeber Ulrich Kittstein. Auf wenigen Seiten werden hier die Besonderheiten des weiblichen Schreibens und seine Entwicklung zusammengefasst. Eine umfangreiche und vielseitige Anthologie also, die eindrucksvoll vor Augen führt, wie viel sich in puncto «Befreiung der Frau» im Laufe des vergangenen Jahrhunderts getan hat. Es ist faszinierend, diesem Weg auf einer literarischen Spur zu folgen. ■
Ulrich Kittstein (Hg.): An Aphrodite – Gedichte von Frauen von Sappho bis Sarah Kirsch, 231 Seiten, Verlag Lambert Schneider, ISBN 978-3650250742
.
.
.
.
Jaume Cabré: «Das Schweigen des Sammlers» (Roman)
.
Von Dämonen besessen
Günter Nawe
.
Die Vial, eine wertvolle Geige aus der Werkstatt des Cremoneser Geigenbauers Storioni aus dem 18. Jahrhundert, übt eine seltsame Faszination auf den jungen Adrià Ardèvol aus. Dieser polyglotte, außerordentlich begabte Sohn eines Antiquitätenhändlers aus Barcelona und diese Geige mit ihrem bezaubernden Klang, an der allerdings Blut klebt, stehen im Mittelpunkt des neuen Romans des katalanischen Autors Jaume Cabré.
Die Geige, die Adrià bald perfekt zu spielen versteht, ist auch der Grund für ein Tötungsdelikt, für einen geheimnisvollen Mord, dem Adriàs Vater Felix Ardèvol i Bosch zum Opfer fällt. Für dieses Verbrechen macht sich der Junge selbst verantwortlich. Hat er doch die wertvolle Stoirioni, die sein Vater einem Interessenten zeigen will, gegen seine eigene und weniger wertvolle Geige ausgetauscht. Diese «Schuld», die er später auf andere Weise – die Geige gehörte eigentlich einem jüdischen Besitzer – abtragen will, muss Adrià leben.
Das ist die Konstellation, aus der heraus der Autor seinen Roman konstruiert. Dabei entwickelt er Handlungsstränge, die sich ständig überschneiden oder parallel zueinander verlaufen. Das vielstimmige Personal dieses umfangreichen Buches, die Schauplätze, ein schier unübersehbare Fülle von Ereignissen in Vergangenheit und Gegenwart – das alles ist auf höchst kunstvolle Weise mit- und ineinander verschränkt, so dass eine Nacherzählung fast unmöglich wird.
Dennoch: Gelehrter soll nach Vaters Willen Adrià werden, nach Mutters Willen Geigenvirtuose. Die Konflikte, die sich daraus für den Jungen ergeben, sind evident – und machen die psychische Situation aus, in der der sensible Adrià, eine höchst eindrucksvolle Figur, sich befindet. Adrià – wie schon sein Vater – ist nicht nur von der Musik besessen, sondern auch von dessen Sammelleidenschaft erfasst. Er verstand, «…dass ich von dem gleichen Dämon besessen war wie mein Vater. Das Kribbeln im Bauch, das Jucken in den Fingern, der trockene Mund…». Adrià versucht, sich in diesem Zwiespalt von Gefühlen und Ambitionen, was einem Fluch gleichkommt, zwischen musikalischem Virtuosentum und Gelehrsamkeit einzurichten.
Aus den Recherchen Adriàs über den Mord an seinem Vater und auf der Suche nach dem Täter erschließt sich die Familiengeschichte und die Geschichte der Geige und ihrer Entstehung in Cremona im 17./18. Jahrhundert. Eine dunkle Vergangenheit tut sich auf. Sie ist verbunden mit der Inquisition im 14. und 15. Jahrhundert, in der der Großinquisitor und sein Sekretär, ein Meuchelmörder, ein Mönch und ein jüdischer Arzt entscheidende Rollen spielen; Paris wird zum Schauplatz und 1914 bis 1918 auch Rom. Eine Geschichte, die Jaume Cabré in Auschwitz–Birkenau 1944 enden lassen wird, mit den schrecklichen Verbrechen von Sturmbannführern und KZ-Ärzten an jüdischen Häftlingen. Cabré schlägt damit einen historischen Bogen vom Mittelalter bis in die Neuzeit – und stellt oft erschreckende Übereinstimmungen, vor allem in ihren negativen Erscheinungsformen, fest.
Es ist eine Geschichte, es sind viele Geschichten in einer von Gier und Macht und Neid, von dunklen Mordfällen und finsteren Intrigen, vom Bösen schlechthin – aber auch über die Liebe. Eine Liebe, die Adrià und Sara erleben und erleiden. Der Roman ist eine Art Metapher über den Missbrauch von Macht und über die Macht der Kunst. Damit ist dieser wunderbare Roman auch ein Buch über die conditio humana, melancholisch dargestellt und sehr tragisch, der sich Adrià ausgesetzt sieht. Rettung erwächst ihm jedoch aus der Liebe und aus der Liebe zur Gelehrsamkeit und zur Musik.
Jaume Cabré wechselt oft unerwartet die Zeitebenen. Erzählzeit und erzählte Zeit gehen plötzlich ineinander über. Es ist ein faszinierendes Tableau der Gleichzeitigkeit von aktuellem Geschehen, von Erinnerung und historischen Fakten, das dieser geniale Autor geschaffen hat. Mitten im Satz wird aus dem Ich-Erzähler ein auktorialer Erzähler; ergibt sich eine Art «Wechselgesang» zwischen der ersten und dritten Person. Wir haben es mit einer sehr kühnen, jedoch sehr gelungene Romankonstruktion zu tun, die vom Leser ein hohes Maß an Aufmerksamkeit erfordert; ihn dafür aber auch wunderbar belohnt. Die kongeniale Übersetzung durch Kirsten Brandt und Petra Zickmann trägt dazu in hohem Maße bei.

Jaume Cabrés Roman "Das Schweigen des Sammlers" ist eine Studie von einzigartigem, ja weltliterarischem Rang über die Macht und deren Missbrauch - und über die Macht der Kunst.
Jaume Cabré ist ein äußerst kluger, ein souveräner Autor. Das hat er bereits in seinen früheren Büchern («Die Stimmen des Flusses», «Senyoria») bewiesen. Mit diesem Roman toppt er jedoch seine bisher erschienenen Romane. Das hat nicht nur etwas mit dem Plot, den vielen Plots, sehr ambitioniert und virtuos miteinander verknüpft, zu tun, sondern auch mit der Musikalität der Sprache des katalanischen Autors. Jaume Cabré hat einmal darüber gesagt: «…denn mehr noch als Schriftsteller bin ich Musiker, jedenfalls, was die Leidenschaft angeht… Es gibt eine syntaktische Kadenz, an der ich dauernd arbeite…». Genau so auch liest sich der Roman, hoch musikalisch, von großer sprachlicher Dichte, artistisch, ohne artifiziell zu sein.
Es sicher nicht zu weit ausgeholt, diesem großartigen Roman weltliterarischen Rang zuzusprechen. ■
Jaume Cabré: Das Schweigen des Sammlers, 839 Seiten, Insel-Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3-458-17522-3
.
.
.
.
.
.
Interessante Buch- und CD-Neuheiten – kurz vorgestellt
.
Ulrich Suter: «Literarische Innerschweiz»
In jahrelanger, akribischer Recherche hat der Schongauer Kulturschaffende Ulrich Suter eine lexikalische Bestandesaufnahme der gesamten Innerschweizer Literatur-Szene erstellt. Der von der Luzerner Albert-Koechlin-Stiftung herausgegebene Band besticht durch eine großartige biographische Materialfülle, durch qualitative Sorgfalt der Auswahl, durch genaue und lückenlose Bestandesaufnahme, und durch ein sowohl ästhetisches wie praktikables Layout. Enthalten sind über 1’200 innerschweizerische Literaturschaffende aus allen 18 Regionen; auf 520 Seiten wird dabei eine Fülle an Stichworten, Porträts, Leseproben und Infos ausgebreitet. Ein 82-minütiger Dokumentarfilm der Filmemacherin Claudia Schmid über die spektakuläre Landschaft der gesamten Vierwaldstättersee-Region und deren Verankerung im Schaffen auch weltliterarisch bedeutsamer Dichter runden den sehr instruktiven Band ab.
Unser Fazit: Unverzichtbar für jegliche ernsthafte Beschäftigung mit einem ganz speziellen, überraschend originellen und thematisch reichhaltigen Segment der Schweizer Literatur. ■
Ulrich Suter: Literarische Innerschweiz – Regionen, Porträts, Leseproben, Literaturverzeichnis; Albert Koechlin Stiftung, 520 Seiten, mit gleichnamiger DVD-Beilage zum Buch, ISBN 3-905446-13-8
.
.
.
Beat Portmann: «Alles still»
Inhalt des Kriminalromans: «Eine junge Frau aus einem alten Luzerner Patriziergeschlecht möchte herausfinden, wer ihr Vater ist, nachdem ihre Mutter das Geheimnis mit ins Grab genommen hat. Gemeinsam mit einem vermeintlichen Privatdetektiv macht sie sich auf die Suche nach den Spuren, die das Liebespaar in den frühen Siebzigerjahren hinterlassen hat. Dabei dringen sie immer tiefer in die Psyche einer Stadt vor, die mit dem Namen der Patrizierin eng verbunden und bis heute über ihren Bedeutungsverlust nicht hinweggekommen ist. In wechselnden Begegnungen mit frommen Kindermädchen, wortkargen Marktfrauen und mysteriösen, kettenrauchenden Jesuiten kommen sie einem Verbrechen auf die Spur und schliesslich einer Liebesgeschichte, die sie auf verhängnisvolle Weise in ihren Bann zieht.» (Verlagsinfo) ■
Beat Portmann: Alles still, Kriminalroman (Reihe Tatortschweiz), 240 Seiten, Limmat Verlag, ISBN ISBN 978-3-85791-642-7
.
.
.
Schachklassiker: «Meilensteine der Schachliteratur»
Anfangs 2009 startete der Hamburger Kleinverleger Jens-Erik Rudolph ein ehrgeiziges Unternehmen: Erklärtes Ziel des rührigen Verlagschefs ist nämlich, der (deutschsprachigen) Schachwelt sämtliche «Klassiker» des Königlichen Spiels in zeitgemäßem Layout und fehlerlektoriert zur Verfügung zu stellen – von Aljechin bis Reti, von Steinitz bis Tarrasch, von Morphy bis Lasker, von Pillsbury bis Nimzowitsch.
Vor ziemlich genau drei Jahren erschien denn mit Siegbert Tarraschs legendärem Lehrbuch «Das Schachspiel» der Start-Band – und vor kurzem ist mit Ludwig Bachmanns «Schachmeister Pillsbury» bereits das erste Dutzend vollbracht worden. Rudolphs schön aufgemachte, bei BoD herausgebrachte Schach-Klassiker-Reihe dürfte sich schon jetzt bei so manchem Sammler zu einem besonderen Schmuckstück im privaten Schach-Regal gemausert haben, denn seine Nachdrucke überzeugen mit einheitlichem Outfit, mit typographischer Sorgfalt, und nicht zuletzt mit Bereinigungen längst bekannter Fehler der Originalausgaben sowie mit einer Fülle zusätzlicher Diagramm-Drucke. Eine beachtenswerte und verdienstvolle Initiative, die nicht nur dem historisch Interessierten. sondern jedem Schachfreund die ganz Großen der Chess History näher bringt. ■
Jens-Erik Rudolph (Hg): Schachklassiker – Meilensteine der Schachliteratur, BoD, bisher 12 Bände
.
.
.
Rainer Wedler: «Seegang»
In seiner Novelle «Seegang» kehrt der mehrfach ausgezeichnete Ketscher Essayist, Lyriker und Roman-Autor Rainer Wedler quasi zu seiner einstigen Liebe zurück: der Seefahrt – war doch der 1942 in Karlsruhe geborene Schriftsteller jahrelang Schiffsjunge bei der Handelsmarine, bevor er in Heidelberg studierte und 1969 über Burley promovierte. In Wedlers «Seegang» unternimmt ein älterer Mann alleine eine Schiffsreise – und trifft unversehens in seiner Kabine auf eine blinde Passagierin, eine junge Frau, gar ein Mädchen noch, sie könnte seine Tochter sein oder eine junge Geliebte… – Der Band wird thematisch effektvoll unterstützt durch Grafiken/Zeichnungen von Bruder Ferdinand Wedler. ■
Rainer Wedler: Seegang, Novelle, 116 Seiten, Pop Verlag, ISBN 978-3863560300
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
Silvia Stolzenburg: «Die Heilerin des Sultans»
.
Ein praller Historienschmöker
Marita Robker-Rahe
.
Silvia Stolzenburg studierte Germanistik und Anglistik, um 2006 über zeitgenössische Bestseller zu promovieren. Diese Voraussetzungen merkt man ihren Büchern an, die immer wieder eine akribische Recherche zeigen. Sie vermischt diese mit fiktiven Handlungen und merkt auch an, dass dabei die historischen Ereignisse manchmal zu Gunsten der Handlung verschoben wurden.
«Die Heilerin des Sultans» ist das dritte Buch einer Trilogie über die wegen ihres Münsters weltbekannte Stadt Ulm und die – fiktiven – Geschichten der dort lebenden Menschen. Ob sich dieses Buch an seinen Vorgängern messen kann, kann ich nicht beurteilen, da ich die Vorgängerbände «Die Launen des Teufels» und «Das Erbe der Gräfin» (noch) nicht kenne.
«Die Heilerin des Sultans» hat aber alle Qualitäten eines gut lesbaren Historienschmökers. Abenteuer, gut recherchierte historische Hintergründe, ein Hauch von Exotik und eine schöne Liebesgeschichte sind in eine temporeiche und spannende Handlung eingebaut. Jeder Band ist eine in sich abgeschlossene Geschichte, womit man auch keine Schwierigkeiten hat, in die einzelnen Storys einzusteigen. Für mich ist es nach dem Lesen dieses Buches allerdings ein Muss geworden, die Vorgängerbände zu lesen, da ich von der Autorin und ihrem spannenden und flüssigen Schreibstil begeistert bin.
Die Geschichte beginnt im Jahr 1400. Der fünfzehnjährige Falk von Katzenstein hat seine Eltern bei einem Brand verloren und die väterliche Pferdezucht übernommen. Sein Verwalter Lutz ist ihm zum väterlichen Freund geworden, dessen Meinung ihm sehr wichtig ist.
Als eines Tages ein Onkel von Lutz, Otto von Katzenstein auftaucht, hört Falk allerdings nicht auf seinen väterlichen Freund, der spürt, dass Otto nichts Gutes im Schilde führt, sondern Falk bricht mit seinem Onkel zu einer Handelsreise in den Orient auf, um Araberpferde für seine Zucht zu kaufen.
Die Reise endet für Falk damit, dass er von Piraten gefangen genommen wird und nach Bursa in den Palast des Sultans Bayezid I., einem der grausamsten Herrscher des Orients, verkauft wird. Dort soll er zum Soldaten ausgebildet werden, um dem Sultan zu dienen, der sein Reich zu allen Seiten vergrößern will und sogar den Kampf mit dem Nachfolger Dschingis Khans, Timur Lenk, aufnimmt. Im Palast lernt er Sapphira, die Heilerin des Sultans, kennen und lieben. Doch ihre Liebe darf nicht bekannt werden, denn darauf steht der Tod. Sapphira und Falk schmieden einen gefährlichen Plan…

Silvia Stolzenburgs «Die Heilerin des Sultans» garantiert ein pralles und spannendes Lesevergnügen, das Zeit und Lokalkolorit fantastisch einfängt!
Wie schon eingangs erwähnt, ist diese Geschichte ein pralles und spannendes Lesevergnügen, das Zeit und Lokalkolorit fantastisch einfängt. Sowohl die Beschreibung der Reise, als auch die Schilderungen des Haremlebens werden interessant, abenteuerlich und flüssig erzählt, so dass man das Gefühl hat mitten im Geschehen zu sein. Das uns ungewohnte Leben im Orient fasziniert und schreckt gleichzeitig ab, da man viel über die Macht des Sultans, seine Kämpfe und die Intrigen innerhalb des Harems erfährt, die durch die detailgetreuen Schilderungen der Autorin an Leben gewinnen. Ist man erst in die Geschichte eingetaucht, blättern sich die Seiten wie von selbst um, und man fiebert mit den Protagonisten mit. Fantastisch geschrieben! ■
Silvia Stolzenburg: Die Heilerin des Sultans, Historischer Roman, Bookspot Verlag, 528 Seiten, ISBN 978-3937357478
.
.
.
.
.
.
Andreas Maier: «Das Haus» (Roman)
.
«Ich im Haus und alle anderen draußen»
Günter Nawe
.
Es ist nicht das erste Mal, dass Andreas Maier literarisch im besten Sinne auffällig wird. Bereits mit «Wäldchestag» hat er auf sich aufmerksam gemacht. Und mit «Das Zimmer» (2010) den großartigen Beginn eines auf elf Bände angelegten Romanzyklus’ vorgelegt: eine Familiensaga, ein großangelegter Heimatroman. Und das ist in diesem Falle kein negativ besetzter Begriff, sondern für Andreas Maier schon fast ein Markenzeichen. Jetzt liegt der zweite Band – betitelt «Das Haus» – vor. Und wieder kann man nur staunen, mit welcher Sensibilität, mit wieviel Empfinden sich der Autor in die Welt eines Kindes hinein versetzen kann. Eines Kindes zudem, das soziophob, das beinahe autistisch ist. Dieses kinndliche Ich – und vielleicht liegt da der Grund – hat in dieser autobiografisch eingefärbten Geschichte zweifellos Bezüge zum Autor Andreas Maier selbst.
Und so erzählt er, besser: lässt er Andreas erzählen von den Jahren früher Kindheit wie von einem verlorenen Paradies. «Drinnen» ist das erste von zwei Kapiteln überschrieben. Fremd ist Andreas in einer Welt, der er sich zudem durch eine Art Sprachlosigkeit verweigert. Es gab in diesem Leben noch keine Zwänge, einzig die Urgroßmutter ist so etwas wie eine Bezugsperson. Alles spielt sich im Innern des Kindes ab, ist eine Form der Erinnerungsarbeit. Mit drei Jahren beginnt er sich zu erinnern. «Bis heute kommt es mir vor, als habe damals mein Kopf begonnen, eine Geschichte zu erzählen, die Geschichte meiner Welt oder der Welt schlechthin.» Oder: «Vielleicht war es einfach die Welt, die mir die Welt erzählte.» Und: «… so rekontruiere ich bis heute eigentlich auch immer wieder zwanghaft die Jahre, an die ich mich nicht erinnern kann…». Das also ist die Geschichte, die Andreas Maier erzählt.
«Nach der Verweigerung des Kindergartens hatte ich noch drei Jahre im wiedergefundenen Paradies gelebt.» Doch dann wird diese Welt sehr real. Mit dem Einzug in ein neues Haus beginnt für Andrreas auch das Leben, von dem im Kapitel «Draußen» erzählt wird. Maier porträtiert ein Kind, das sich bewusst als Außenseiter gibt, für den das neue Haus, das er allerdings nun immer wieder verlassen muss, zum Rückzugsraum wird aus der Welt draußen. Erstaunlich ist, dass es von der Außenwelt keine Repressionen ob dieser Verweigerungshaltung gibt. Eher erfährt das Kind Verständnis. «Faul ist er nicht, dumm auch nicht, aber er zieht sich immer so zurück», so die Eltern.
Er konnte sich den Gesetzen der Schule einfach nicht unterordnen. Freunde hatte er nicht, mitmachen wollte er nicht. Er war allein und wollte allein sein. Bei sich war er nur dann. Dieses Leben, diese Welt aber hat auch etwas Bedrohliches, generiert Angst. Sie liegt «…wie ein Gemälde von Breughel…vor mir». Aufregend aber war das «andere» Leben, das Leben im Haus jedoch nicht.besonders. Für das Kind galt es nur zu beobachten: die Eltern, die Geschwister, das Leben draußen – aus sicherer Entfernung.

Roman einer Kindheit, Familiensaga und Heimatroman – Andreas Maier ist mit «Das Haus» ein außergewöhnliches Buch gelungen, das durch die psychologische Tiefe, durch eine fast klinische Nüchternheit und seine lakonische Diktion überzeugt.
So unterscheidet sich dieser Roman von Andreas Maier, wunderbar lakonisch und schon fast schlicht erzählt, grundlegend von anderen Büchern dieser Art, seien sie Kindheitserinnerungen, Entwicklungsromane und ähnliches. Er hat eine ganz eigenen und unverwechselbare Handschrift. Und wenn Maier auch nicht das Kind ist: das Kind ist doch ein Stück weit der brillante und außergewöhnliche Autor Andreas Maier. Das Leben draußen also: Das ist für das Kind und für Andreas Maier die Straße, in der das Haus steht, die Stadt Bad Nauheim, die Wetterau. So wird dieser Roman zu einer Art Heimatroman. Hier ist der Autor Andreas Maier zu Hause – und von hier und darüber erzählt er. «Und die Musik vermischte sich mit meinem Zustand und dem Haus und allen Räumen und der Wetterau vor den Fenstern. Mit den Bäumen, mit der Usa, dem Himmel, und der Ferne, auch mit Herrn Rubin, der lautlos da draußen vor sich hinarbeitet», heißt es am Ende des Romans – dieser Familiensaga, auf deren Fortsetzung wir gespannt sein dürfen. ●
Andreas Maier: Das Haus, Roman, 164 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3-518-42266-3
.
.
.
.
.
Thomas Knubben: «Hölderlin – Eine Winterreise»
.
Hinüberzugehen und wiederzukehren
Christian Busch
.
Ende 1827 kündigt Franz Schubert seinen Freunden seine neuesten Kompositionen an, einen «Zyklus schauerlicher Lieder». Dass die unter dem Titel «Winterreise» berühmt gewordenen 24 Vertonungen der Gedichte von Wilhelm Müller in dessen Todesjahr nicht nur ihn selbst sehr «angegriffen» haben, sondern auch der Nachwelt «noch gefallen» sollten», hatte Schubert schon geahnt. So ist das lyrische Ich, der einsame, ziellose Wanderer zwischen den Welten längst zum Inbegriff des romantischen Individuums geworden, das von Liebesschmerz und Weltenflucht getrieben, seiner Sehnsucht beharrlich in die Unendlichkeit folgt. Der Leiermann, den er am Ende trifft, ist Weggeselle, Doppelgänger und Totengräber in einem.
Wer war dieser Wanderer? Hat es ihn gegeben? So könnte man fragen.
Am 22. Juni 1802 war Susette Gontard, Hölderlins seelenverwandte Freundin, Geliebte und Muse, in Frankfurt im Alter von 33 Jahren gestorben. Als Diotima und Priesterin der Hohen Liebe war sie in seinem Roman «Hyperion» bereits unsterblich geworden. Nur wenige Tage später kehrt der Dichter nach 17-monatigem Aufenthalt aus Bordeaux zu Fuß zurück. Sein Zustand ist katastrophal und lässt das Schlimmste befürchten («Und er lässt es gehen, alles wie es will, / Dreht und seine Leier bleibt ihm nimmer still»). Seine Reise per pedes nach Bordeaux im Winter 1801/1802 markiert einen fatalen Wendepunkt in seinem Leben.
Gründe genug für den Ludwigsburger Kulturwissenschaftler Thomas Knubben, sich runde 200 Jahre später – als quasi posthumer Begleiter auf dem Klavier – Hölderlins Spuren folgend auf den Weg von dessen Geburtsstadt Nürtingen in die französische Metropole zu machen: «Und verstehe die Freiheit / Aufzubrechen, wohin er will» (Hölderlin, Lebenslauf). Herausgekommen ist dabei nun ein Wanderer-Reise-Buch, das seine eigenen Reise-Impressionen ebenso wie die von Hölderlin in 24 (!) Kapiteln dokumentiert, Hölderlins Dichtung und Wesen Schritt für Schritt zugänglich macht und erhellt – seine Winterreise.
Natürlich steht zu Beginn eine Reflexion auf das Wandern, für Hölderlin ein Akt der Befreiung und Offenbarung («Komm! Ins Offene, Freund!»). So manches Mal wird Knubben auf seiner Wanderung über die Schwäbische Alb, den Schwarzwald, Straßburg, Lyon und die Auvergne bis zur «schönen Garonne» in Bordeaux irrtümlich als Jakobspilger gesehen. Bis zur Pointe de Grave, dem äußersten Punkt von Hölderlins exzentrischer Bahn, stößt er dabei vor, «dem Endpunkt der von ihm erlebten Welt. Finis terrae» – Hölderlin am Meer.
Hat Hölderlin hier – so kann Knubben jetzt fragen – im gleichmäßigen Kommen und Gehen der Wellen einen Moment der Erfüllung gefunden? Jenen, in dem «Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eins werden, Mensch und Natur ineinander übergehen, die eigene Liebe und die Liebe der anderen sich ununterscheidbar durchdringen»? («Es nehmet aber / Und gibt Gedächtnis die See, / Und die Lieb auch heftet fleißig die Augen, / Was bleibet aber, stiften die Dichter» – Andenken)

Der deutsche Kulturwissenschafter Thomas Knubben bleibt in seinem Lesebuch «Hölderlin - Eine Winterreise» dem genialen «Hyperion»-Dichter buchstäblich auf den F(V)ersen, schreibend und wandernd sein Dichten und Reisen nacherlebend. Ein schönes Buch, und jenseits aller «Jakobspilgerei».
Auf solche Höhen steigt Knubbens Wanderung, ohne Hölderlins Zeit als Hauslehrer in der Bourgeoisie von Bordeaux, seine tragische Beziehung zu Susette Gontard oder seine Rückkehr zu vernachlässigen. Respekt gebührt dem Autor dabei nicht nur für seine sichtlich beschwerliche 53-tägige Reise, sondern auch für seine stets beharrlich-respektvolle Spurensuche in verstaubten Archiven einer verschneiten Gegend mit mehr als einer unwirtlichen Herberge. Weiß sein treuer Wanderstab so manche interessante Anekdote zu berichten, bleibt er seinem Dichter und dessen auch heute noch kaum fassbarem Schicksal treu auf den Versen und kommt ihm dabei wohl näher als jede Habilitationsschrift. Dafür und für dieses gründliche, kenntnisreiche und äußerst verdienstvolle Hölderlin-Lesebuch gebührt ihm großer Dank. ■
Thomas Knubben, Hölderlin – Eine Winterreise, Klöpfer&Meyer-Verlag, ISBN 978-3-86351-012-1
.
.
.
.
.
Tomas Espedal: «Gehen – oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen»
.
«Warum nicht mit der Straße beginnen»
Günter Nawe
.
Während Thomas Bernhard in seiner Erzählung «Gehen» Denken und Gehen in einem schier unmöglichen Zusammenhang sieht, findet Karl Krolow in seiner Erzählung «Im Gehen»: «Späth wollte einiges im Gehen loswerden. Er wollte das, was anhänglich war, vergessen.» Beide Titel – und einige mehr – fallen dem Leser (vielleicht) ein bei der Lektüre des wunderbaren Buches des Norwegers Tomas Espedal: «Gehen – oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen».
Doch wie anders ist dieses Buch dieses Autors. Espedal sieht sehr wohl einen Zusammenhang zwischen Gehen und Denken, einen sehr fruchtbaren gar. Auch geht es ihm nicht darum, etwas loszuwerden, zu vergessen, sondern etwas zu gewinnen. Und dies geschieht durch waches Beobachten, durch ein Den-Dingen-«nachdenken», durch Reflexion – auf dem Weg zu sich selbst.
Dieser Tomas Espedal (geb. 1961), ein in Norwegen sehr geschätzter Autor, ist leider im deutschen Sprachraum bisher völlig unbekannt. «Gehen» ist das erste seiner Werke, das in deutscher Übersetzung (Paul Berf) vorliegt.
«Wir denken weniger, wenn wir weit gehen, wir gleiten in den Rhythmus des Gehens, und die Gedanken enden, werden zu einer konzentrierten Aufmerksamkeit, die darauf gerichtet ist, was wir sehen und hören, was wir riechen; diese Blume, der Wind, die Bäume, als würden die Gedanken umgeformt und zu einem Teil dessen werden, was ihnen begegnet; ein Fluss, ein Berg, ein Weg.» So formuliert Espedal seine «Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen» – und damit fast eine kleine Philosophie des Gehens.
«Warum nicht mit einer Straße beginnen» – mit diesem Satz beginnt dieses wunderbare Buch. «Hatte ich mir nicht schon seit langem gewünscht, mich auf den Weg zu machen, ohne Kurs und Ziel, und nur zu gehen, in eine einzige, beliebige Richtung… Der Philosoph ging täglich. Das schärfe sein Denken.» So gerüstet verlässt ein Mann Frau, Kind und Haus, um das Leben eines Landstreichers zu führen. Er macht sich auf den schon erwähnten Weg zu sich selbst. Es ist ein abenteuerlicher Weg – zum Beispiel durch sein Heimatland Norwegen. Und schnell stellt er fest: «Du bist glücklich, weil du gehst.» Dies Gehen ist aber nicht nur Glück. Es ist auch ein Scheitern, es ist Trinken, ist Not, ist manchmal ein hohes Maß an Verzweiflung. Sein «Gehen» durch Norwegen, später Frankreich und Deutschland, ist eine existenzielle Erfahrung. Im Gepäck hat Espedal, der Schriftsteller, eine Reihe von Kollegen. Vor allem sind es Jean-Jacques Rousseau und Arthur Rimbaud, die ihn «begleiten». Später wird er auf Alberto Giacometti treffen, einen Dialog mit Eric Satie führen, in Deutschland dann, in Todtnauberg, auf Martin Heidegger («Der Feldweg») stoßen. So ist diese Reise auch und vor allem – neben den körperlichen Anforderungen – ein Abenteuer des Denkens.
An einer Stelle zitiert Espedal Walt Whitman, auch er Tramp und Wandersmann:
«Zu Fuß und leichten Herzens schlag ich die offene Straße ein,
Gesund, frei, vor mir die Welt
…
Hinfort frage ich nicht nach Glück, ich bin das Glück
…
Stark und zufrieden zieh ich den offenen Weg.»

Tomas Espedal erzählt vom Abenteuer des Gehens und des Denkens in Reflexionen, Geschichten und wunderbaren Beschreibungen. Illustre Gefährten aus Literatur und Philosophie begleiten den «Landstreicher» auf seinen Wegen durch Norwegen, Frankreich, Deutschland, Griechenland und die Türkei - und die Landschaften des Denkens.
«Stark und zufrieden» zieht Espedal seinen Weg und lernt die Kunst zu reisen! Viele haben sich schon an ihr – teilweise sehr erfolgreich – versucht. W. G. Sebald fällt uns ein und Gottfried Seume. Und all die Flaneure und Spaziergänger der Literaturgeschichte. Tomas Espedal reiht sich mit seinen poetischen Texten ein. Und nimmt uns mit in ein «wildes» Leben, das im zweiten Teil des Buches nach Griechenland, über den Peloponnes und in die Türkei führt. Mit dem Autorenfreund Narve Skaar ist er unterwegs. Sie «gehen, um zu gehen, um zu sehen». Und sehen und erleben sehr viel. Daraus ergeben sich sehr schöne, kleine Erzählungen. Über Istanbul und Merih Günay, der an «Fernando Pessoa erinnert». Oder über den Oberst und seine Familie, denen sie, Espedal und Skaar, auf dem Wege nach Olympos begegnen.
Es ist das Abenteuerliche, das an diesem Buch fasziniert. Es sind aber auch auch die «Gespräche», die der Wanderer führt, die Reflexionen, die sich daraus ergeben. Der Leser «geht» gern mit, lässt sich führen und verführen.
Tomas Espedal, Gehen – oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen, 235 Seiten, Matthes & Seitz Berlin, ISBN 978-3-88221-551-9
.
.
.
.
.
.
Rebecca Gablé: «Der dunkle Thron»
.
Geschichte in Geschichten
Günter Nawe
.
Es waren in jeder Hinsicht aufregende Zeiten, die England zwischen 1529 und 1553 erlebte. Heinrich VIII. wird sich von der katholischen Kirche lossagen, eine Frau nach der anderen heiraten. Einige, wie Anne Boleyn, landen auf dem Schafott. Auf dem Schafott landet auch der papsttreue Thomas Beckett. Wie überhaupt Anhänger der katholischen Kirche vor Verfolgung nicht sicher sind. Andererseits gibt es reformatorische Tendenzen, die von Deutschland aus auf die Insel kommen.
Eine kritische Gemengelage also, die nicht nur die Gesellschaft in Unruhe versetzt, sondern auch die Monarchie. Während sich Heinrich VIII. bemüht, einen Thronfolger in die Welt zu setzen, gibt es immer noch Mary, seine Tochter und damit die legitime Thronfolgerin – und Papistin. Auf sie setzen die Engländer ihre Hoffnungen. Als spätere Königin wurde sie als «Bloody Mary» bekannt. Sie ist «die historische Hauptfigur» im neuen Roman von Rebecca Gablé. Aus ihrer Perspektive erzählt die Autorin – und gibt ihr so die Gelegenheit, etwas an ihrem Bild in der Geschichtsschreibung zu korrigieren. Um sie und die Kontrahenten herum hat Rebecca Gablé das gesamte historische Personal der Zeit hervorragend in Szene gesetzt.
Mary steht als fiktive Hauptfigur Nicholas of Waringham gegenüber. Und damit sind wir «im Roman». «Der dunkle Thron» ist der nun vierte Band der mittlerweile berühmten Waringham-Saga, mit der die Autorin nicht nur alle Bestsellerlisten erklommen, sondern auch eine millionenfache Fangemeinde gefunden hat. Das hat wiederum etwas mit der sehr gelungene Mischung aus Fakten und Fiktion, die diese schon fast beispielhaften und literarisch anspruchsvollen historischen Romane der Gablé auszeichnet.
Mary und Nick: Sie kennen sich von Kindheit an. Sie sind befreundet und irgendwie liebt er sie auch ein wenig. Auf jeden Fall ist er immer an ihrer Seite, wenn es gilt, sie von ihrem größten Feind, ihrem Vater, zu beschützen. Denn Mary ist nicht nur ein Stachel im Fleische Henry VIII., sie steht seiner Heiratspolitik ebenso entgegen wie seinen kirchenpolitischen Plänen. Und Nick? Als Erbe einer heruntergekommenen Baronie hat er nicht nur wirtschaftliche Probleme zu bewältigen. Als Earl steht er auch mitten im politischen Geschehen seiner Zeit. Auf einer Seite ist er dem König den Vasalleneid schuldig, auf der anderen Seite steht eben Mary. Eine Position, die zu Verwicklungen führt, Gefahren für Leib und Leben birgt. Gefährliche Abenteuer sind für ihn zu bestehen, politische Händel auszufechten, Familienprobleme zu lösen. Er kämpft, stürzt, steht wieder auf. Er liebt und leidet, zeigt Mut und Schwäche, glaubt und zweifelt.
Nicholas of Waringham ist eine starke Figur. Und bewährt sich glänzend. «Vielleicht sind Männer wie ich so überholt und überflüssig geworden wie alte Schlachtrösser, die meine Vorfahren einst gezüchtet haben. Aber kein Waringham hat sich je einem Tyrannen unterworfen. Und ich schwöre bei Gott, ich werde nicht der erste sein». Es gibt zwar kein historisches Vorbild für ihn, so Rebecca Gablé in einem Interview mit dem Glarean Magazin, aber «es hätte Nicholas of Waringham… geben können».

Mit dem vierten Roman der Waringham-Saga legt Rebecca Gablé, die «Königin des historischen Romans», wieder einem spannenden und sehr unterhaltenden Roman vor. Mit profundem Wissen ausgestattet zeichnet sie sprachmächtig und fantasiereich ein farbenfreudiges Bild Englands an der Nahtstelle von Mittelalter und Renaissance.
Wie in allen ihren Romanen versteht es die Autorin auch in «Der dunkle Thron» hervorragend, Geschichte in Geschichten zu erzählen – kenntnisreich, farbenprächtig und sprachmächtig. Ihr «Herz gehöre dem englischen Mittelalter», hat Rebecca Gablé einmal gesagt. Mehr noch: Ausgestattet mit einem profunden Wissen um die Zeit verdienen die Romane der studierten Mediävistin und Germanistin im wahrsten Sinne des Wortes das Prädikat «historisch».Mit «Der dunkle Thron» hat Rebecca Gablé das Mittelalter verlassen und ist in der Renaissance angekommen. Aber es sind ja immer die Zusammenhänge und Übergänge, die Epochen der Geschichte so spannend machen. Ein Spannung, die auch durch die gesamte abenteuerliche Geschichte von Nicholas of Waringham hindurch zu spüren ist. Aber nicht nur daran ist es Rebecca Gablé gelegen. Sie möchte ihre Leser unterhalten. Und das ist ihr – wie schon mit den früheren Waringham-Romanen – hervorragend gelungen.
Rebecca Gablé, Der dunkle Thron, Historischer Roman, 956 Seiten, Lübbe-Ehrenwirth Verlag, ISBN 978-3-431-03840-8
.
.
.
.
.
.
Wells Tower: «Alles zerstört, alles verbrannt»
.
Wie schrecklich Liebe sein kann
Günter Nawe
.
Es ist schön, dass es immer wieder Bücher gibt, die sich auf die eine oder andere Weise aus der Flut von Neuerscheinungen herausheben, neugierig machen – und auch glücklich, weil sie dem Leser das Gefühl vermitteln, etwas Wunderbares entdeckt zu haben. Ein solches Buch ist «Alles zerstört, alles verbrannt», ein schmaler Band mit Stories des jungen Kanadiers Wells Tower, 1973 in Vancouver geboren. Ein erstaunliches Debüt.
Was eine gute Short Story zu sein hat – Ernest Hemingway und Raymond Carver haben es gezeigt. Sie zeichnet sich durch eine bestimmte Art von Minimalismus und einen lakonischen Stil aus. Sie berichtet in der Regel von einfachen Menschen, von Alltäglichem und oft Nebensächlichem – und wird dadurch zu etwas beispielhaft Besonderem.
Von dieser Art sind auch die Geschichten, die Wells Tower erzählt. So von dem Mann, der von seiner Frau rausgeworfen wird, nachdem sie an der Windschutzscheibe seine Wagens einen Fußabdruck entdeckt, der mit ihrem eigene nicht übereinstimmt. «Vicky erblickte über dem Handschuhfach den schemenhaften Fußabdruck einer Frau an der Windschutzscheibe. Sie zog ihre Schuhe aus, sah, dass der Abdruck nicht mit ihrem übereinstimmte, und sagte Bob, er sei in ihrem Haus nicht mehr willkommen.»
Von einem unglücklichen Vater ist die Rede und seinem missratenen Sohn. Und von einer Insel, in der titelgebenden Erzählung «Alles zerstört, alles verbrannt», auf der die Menschen versuchen, sich durch Brandschatzen und Blutvergießen aus ihrer Hoffnungslosigkeit und von ihren Depressionen zu befreien. Das betrifft auch die persönlichen Beziehungen. «Pia fehlte mir schon jetzt… Zu böse und zu traurig war sie nicht aufgestanden, um von mir Abschied zu nehmen.» Am Ende stellt der Ich-Erzähler fest, «wie schrecklich die Liebe sein kann».
Es sind fast durchweg verkrachte Existenzen in einem «Wild America» – so der Titel einer der Geschichten. Wie Derrick und Claire, die sich permanent mit billigem Fusel besaufen. Zerstörung allenthalben und Selbstzerstörung. «Feindschaft» herrscht auch zwischen den beiden Mädchen Jacey und Maya. Zwischenmenschliche Beziehungen werden jeweils auf den Prüfstand gestellt – mit allen negativen Ergebnissen. Und Illusionen zerschellen an den Klippen des Lebens.

Mit «Alles zerstört, alles verbrannt» haben wir ein erstaunliches literarisches Debüt vor uns. Diese Stories des Kanadiers Wells Tower stehen in der Tradition der klassischen amerikanischen Kurzgeschichte, und doch hat der junge Autor seinen eigenen Stil, einen unverwechselbaren Ton. Seine Geschichten von verkrachten Existenzen und an den an den Klippen des Lebens zerschellten Illusionen gehören zum Besten, was das Genre «Kurzgeschichte» zurzeit zu bieten hat.
In Amerika gilt Wells Tower als hervorragender und vor allem als einer der besten Nachwuchsautoren der amerikanischen Literatur. Die Erstveröffentlichung seiner «Stories», die jetzt auch hier in der hervorragenden Übersetzung von Malte Krutzsch und Britta Waldhof zu lesen sind, erfolgte in «The New Yorker» und in «The Paris Review» – und wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.
Tower ist allerdings kein Epigone von Hemingway oder Carver. Er hat schon seinen eigenen Stil, einen sehr eigenen Ton. Seine Geschichten sind von einer großartigen Eindringlichkeit. Atmosphärisch dicht, schnörkellos in der Diktion, kraftvoll und unsentimental und gerade deshalb von großer Tiefe. Meisterhaft.
Wells Tower ist ein großartiger Autor, von dem wir sicher noch viel erwarten dürfen. Deshalb dürfen wir auf das nächste Buch von ihm – er schreibt an einem Roman – sicher gespannt sein. ■
Wells Tower, Alles zerstört, alles verbrannt – Stories, 270 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 978-3-10-080031-2
.
.
.
.
.
Martin Walker: «Schwarze Diamanten»
.
Spannend und unterhaltsam, doch thematisch zu viel des Guten
Isabelle Klein
.
Im beschaulichen Saint Denis ist im Dezember jede Menge zu tun für Bruno, den Chef de police: Das lokale Sägewerk schließt, Menschen verlieren ihre Jobs, nicht zuletzt wegen des Sohnes des Besitzers Guillaume Pons, der sich an die Spitze der Écolos gestellt hat. Vater und Sohn sind zutiefst verfeindet. Guillaume ist kürzlich, nach vielen Jahren Auslandsaufenthalt in Asien, wo er scheinbar äußerst erfolgreich war, in seine Heimat zurückgekehrt. Er eröffnet die Auberge des Verts und will Bürgermeister werden – sehr zum Verdruss Brunos…
Doch nicht genug: Bruno, geschäftstüchtiger Trüffelzüchter, verkauft zu Saisonbeginn die «schwarzen Diamanten» auf dem Markt in Sainte Alvère, als ihn sein Freund Hercule auf Ungereimtheiten hinweist: die teuren Trüffeln wurden anscheinend mit minderwertigen Chinatrüffeln gestreckt und überteuert an Pariser Hotels verkauft. Bruno nimmt sich der Sache an…
Schließlich kommt es auf dem örtlichen Weihnachtsmarkt, den der Chef de police in seiner Funktion als Weihnachtsmann beehrt, auch noch zu einem Überfall auf den allseits geschätzten vietnamesischen Restaurant- und Weihnachtsmarktstand-Besitzer Nimh. Bruno ermittelt und sticht in ein Wespennest aus Intrigen. Und als Bruno und der Baron sich auf die Schnepfenjagd begeben, finden sie Hercule brutal ermordet…
Martin Walker nimmt sich in diesem seinem dritten «Bruno»-Fall einiges vor: Bandenkrieg der Vietnamesen und Chinesen, Organisiertes Verbrechen, verbunden mit dem Kolonialkrieg in Vietnam und dem Algerienkrieg, jede Menge Stoff also – meines Erachtens etwas zu viel, denn durch die Trüffelthematik, gewürzt mit oben genannten Bezügen, ist dieser Krimi thematisch überfrachtet. Dadurch, dass letztlich alle Ereignisse zusammenhängen, wirkt dieser Fall zu konstruiert, es geht zulasten der Stringenz und der Spannung: Der Mord an Hercule geschieht «so nebenbei» und geht angesichts aller anderen «Probleme» unter, wird am Ende auch mit wagen Vermutungen abgespeist.
Statt den Fall glaubhaft und durchdacht in den Mittelpunkt zu stellen, wird zu sehr auf anders abgezielt: auf das «Multitalent», den «Allrounder» Bruno. Alle seine unzähligen Vorzüge zu nennen ist unmöglich: Bruno ist nicht nur Polizist, Koch, Selbstversorger, Tennis- und Rugbylehrer, sondern auch ambitionierter Trüffelzüchter, Jäger, Kinderretter, Feuerwehr- und Weihnachtsmann. Und er ist immer und überall zur Stelle: Er besorgt Jobs, rettet mal so nebenbei ein Kind aus der Jauchegrube, wird mal schnell zum Feuerwehrmann, rettet dabei weitere Kinder. Bruno ist zum Gutmenschen hochstilisiert, ist positiv völlig überzeichnet, wirkt dadurch unglaubhaft. Überhaupt ist mir die Schwarz-Weiß-Malerei, die der Autor hier betreibt, zu flach: Böse sind nur böse und Gute nur gut. Wo bleiben Einblicke in das Seelenleben und die Entwicklung/Hintergründe/Motive, die die Bösen so böse werden lassen? Den Charakteren fehlt es insgesamt an Tiefe – sie bleiben alle sehr oberflächlich beschrieben. Dafür erhalten wir jede Menge Einblick in Brunos Seelen- bzw Liebesleben: Isabelle, Pamela, eine alleinerziehende Mutter…

Bei aller Kritik an Martin Walkers neuem Krimi «Schwarze Diamanten» mit seiner thematischen Überfrachtung und seiner psychologischen Schwarz-Weiss-Malerei: Das Buch unterhält durchaus bestens, ist prima geeignet beispielsweise als Strandlektüre - ein echter Wohlfühlkrimi!
Bei aller Kritik ist aber doch zu sagen: das Buch unterhält durchaus bestens, ist prima geeignet beispielsweise als Strandlektüre – ein echter Wohlfühlkrimi. Er enthält viel stimmige Darstellung der Atmosphäre mittels dichtem Beschreibungsstil; man bekommt regelrecht Lust, dem Departement Dordogne, dem Périgord einen Besuch abzustatten, dabei gut zu essen – natürlich mit Trüffeln und Wein… Und wenn der Folgeband die angesprochenen Fehler vermeidet: Konstruiert-gesuchte Handlung, überfrachtete Themata, Oberflächliche Figuren-Entwicklungen, teils psychologische Unglaubwürdigkeit, dann darf man sicher erwartungsvoll dem vierten «Fall» des Walkerschen Polizeichefs Bruno entgegensehen. Ich jedenfalls werde ihn bestimmt lesen. ■
Martin Walker, Schwarze Diamanten (Black Diamond), Kriminalroman, 348 Seiten, Diogenes Verlag, ISBN 978-3257067828
.
.
.
.
.
.
.
Guy Wagner: «Die Heimkehr» (Gustav Mahler)
.
Das Künstlerleben als Schlüssel zum Verständnis des Werkes
Christian Busch
.
Über dem Saal liegt eine atemlose Spannung. In die Stille hinein lauschen Menschen den verklingenden Streichertönen, hie und da schluchzen die Celli, seufzt ein Fagott, die Stille durchbrechend. Erschütterung macht sich breit. In düstersten Klangfarben voll Trauer und Resignation vollzieht sich im letzten Aufbäumen der schmerzvolle Todeskampf bis zum unausweichlichen Ende, der Auflösung im Adagissimo und Pianissimo. Wehmütiger Abschied von der Erde, der geliebten Natur. Am Schluss steigt Gnade auf: eine Vision himmlischen Lebens, der Blick ins Jenseits, die Erlösung? Das Ende von Gustav Mahlers Neunter, der letzten vollendeten Symphonie, erst nach seinem Tod 1912 von Bruno Walter («…der Schluss gleicht dem Verfließen der Wolke in das Blau des Himmelsraumes») uraufgeführt, lässt die Zuhörerschaft in höchster Betroffenheit zurück: ein magischer Moment der Wahrhaftigkeit und Entrückung. Das muss man erlebt haben.
100 Jahre nach seinem Tod haben die Werke von Gustav Mahler nichts von ihrer Aktualität und Wirkung auf den modernen Menschen eingebüßt, scheinen mehr als zuvor unsere innersten Ängste und Sehnsüchte zu berühren. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Warum ist das Leben so leidvoll? Wie schwer ist meine Krankheit? Wofür lebe ich? Wie gehe ich mit meiner Angst vor dem Tod um? Wo finde ich Trost, Gnade oder gar Erlösung? Gründe genug, den tönenden Kosmos des letzten großen Symphonikers in Worte zu fassen und sich mit seinem Leben und Werk auseinander zu setzen, wie dies Guy Wagner in seinem Roman «Die Heimkehr» getan hat.
Am 8. April 1911 bricht der schwerkranke Gustav Mahler zu seiner letzten großen Reise von New York über Paris/Neuilly nach Wien auf. Die – tagebuchartig protokollierten – letzten 40 Tage schildern (immer wieder unterbrochen durch Rückblenden, Briefe, Aussagen von Zeitzeugen und Verweise auf sein Werk) seine Heimkehr nach Wien, wo der Todkranke seine letzte Zufluchtstätte sucht. «Da ziehen die blassen Gestalten meines Lebens wie der Schatten längst vergangenen Glücks an mir vorüber, und in meinen Ohren erklingt das Lied der Sehnsucht wieder.» Wie ein Film zieht sein Leben noch einmal in seinen Höhen und Tiefen an ihm vorüber, bis er am 18. Mai im Alter von 50 Jahren an einer unheilbaren bakteriellen Herzerkrankung in Wien stirbt, Endstation eines von vielen Zweifeln, Anfeindungen, Schicksalsschlägen und einigen wenigen Triumphen und Stunden des Glücks geprägten Lebens.
Nicht erst die tiefenpsychologische Analyse von Siegmund Freud hatte die Frage aufgeworfen: War die problematische Verbindung mit Alma («Ach Almschili!») richtig? Jene fast 20 Jahre jüngere, höchst attraktive Tochter eines Wiener Malers, deren Lebensfreude ihn, den Hofoperndirektor auf dem Gipfel seiner Karriere, beseelte und der er mit dem Adagietto aus der Fünften eine Liebeserklärung machte; die er sich – in seiner körperlichen Defizienz und im Hinblick auf seine Kunst und Aufgaben – zu bändigen gezwungen sah. Sogar das Komponieren verbot er ihr. Darf es ihn da wundern und schmerzen, wenn sie sich – und nicht zum ersten Mal – zu einem jüngeren (Walter Gropius) hingezogen fühlt?
Erinnerungen werden wach an die Uraufführungen seiner Werke, in denen Mahler gelebt hat wie kein zweiter («Erfahrenes und Erlittenes… Wahrheit und Dichtung in Tönen»), besonders an die triumphale Aufführung der Achten Symphonie in München (1’000 Mitwirkende), wo er vor illustrem und zahlreichem Publikum einen strahlenden Erfolg erlebt – warum gab es von diesem Momenten so wenige? Was bleibt von der Liebe zur Erde und den Menschen in all diesen Machtkämpfen, politischen Intrigen und antisemitischen Hetzkampagnen – vor allem in der feinen Wiener Hofgesellschaft – übrig?
Was bedeuten die Hammerschläge in seiner Sechsten Symphonie, die Schicksalsschläge, die ihn ereilen? Seine Herzschwäche, das Fremdgehen von Alma, der grausame Tod seines Kindes Putzi (Kindertotenlieder), «warum?».
In Guy Wagners konsequent Krankheits- und Lebensgeschichte symmetrisch kontrastierender Darstellung gelingt weit mehr als nur ein biographischer Roman: eine sorgfältiger Spiegel der Jahrhundertwende. Der Stand der Medizin, Dualismus, Jugendstil, Neoromantik, Expressionismus, Psychoanalyse, absolute Musik und Antisemitismus finden ihren Niederschlag in der Sprache der zu Wort kommenden Personen, nicht zuletzt der Sprache der häufig zitierten Werke Mahlers. Parallel dazu werden die Frauenbeziehungen, die Stationen seiner Karriere bis zu den Wurzeln seiner familiären Herkunft (die leidende Mutter, der brutale Vater, die sterbenden Geschwister) sichtbar.

Mahlers Leben als Schlüssel zum Verständnis seines umfangreichen Oeuvres in seinen wesentlichen Etappen und Stationen, Erfolgen und Tragödien zum Leben zu erwecken, dies hat Guy Wagner in seinem jüngst erschienenen, 350 Seiten umfassenden Roman «Die Heimkehr» mit Dokumenten-Collage auf originelle, sehr dichte und umfassende Weise geschafft.
Mahlers Leben als Schlüssel zum Verständnis seines umfangreichen Oeuvres in seinen wesentlichen Etappen und Stationen, Erfolgen und Tragödien zum Leben zu erwecken, dies hat Guy Wagner in seinem jüngst erschienenen, 350 Seiten umfassenden Roman mit Dokumenten-Collage auf originelle, sehr dichte und umfassende Weise geschafft. Wagner zeichnet Mahler dabei nicht als den Prototyp einer dekadenten Künstlerexistenz, wie sie durch Thomas Manns berühmte Novelle «Der Tod in Venedig» (1911) und auch später durch Luchino Viscontis kongeniale Verfilmung derselben – untermalt durch Mahlers Dritte und Fünfte – genährt wurde, sondern als den eigenständigen, sich radikal zu seiner Individualität bekennenden Künstler. Es bleibt mehr als eine Ahnung von dem, «in welche Hände die geniale Veranlagung eines jungen Menschen gelegt war, und was im Laufe dieses Lebens das Genie noch werde erleiden müssen.» (Nathalie Bauer-Lechner) ■
Guy Wagner, Die Heimkehr – Vom Sterben und Leben des Gustav Mahler, Rombach Verlag, 350 Seiten, ISBN 978-3-7930-9665-8
.
.
.
Regine U. Schricker: «Ohnmachtsrausch und Liebeswahn»
.
Von der weiblichen Lust am Leiden in der Liebe
Sigrid Grün
.
Schon bevor der deutsche Psychiater und Rechtsmediziner Richard von Krafft-Ebing den Begriff des Masochismus, der sich auf den österreichischen Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch bezieht, in den wissenschaftlichen Diskurs einführte, beschrieben zahlreiche Autoren Frauen, die eine gewisse Lust an der Unterwerfung und am Leiden in der Liebe empfanden. Sowohl Goethe, als auch die Geschwister Bronte oder Nathaniel Hawthorne beschrieben solche Figuren. Besonders populär wurde die Darstellung der in Leid umgeschlagenen Leidenschaft im 20. und 21. Jahrhundert. Dies hat nicht zuletzt mit der «pornographication of the mainstream» zu tun, die Brian McNair und Susan Sontag Mitte der 1990er Jahre postulierten. In einer Zeit, in der Sexualität nicht «glücklich, sondern allenfalls süchtig» macht (Georg Seeßlen) und die mediale Darstellung nackter Körper nicht mehr ungewöhnlich, sondern ganz alltäglich ist, erscheint der Sadomasochismus als interessantes «Lusterlebnis».
Die Autorin Regine U. Schricker nähert sich in ihrer Dissertation «Ohnmachtsrausch und Liebeswahn» dem Thema «Weiblichkeit und Masochismus» an, wobei sie der Frage nachspürt, wie «weibliche Unterwerfung kulturell besetzt ist», und wie die mediale Inszenierung vonstatten geht. Dabei analysiert sie fiktionale literarische und filmische Texte des 20. und 21. Jahrhunderts (aus den Jahren 1954-2004). Vor allem nordamerikanische, französische und deutschsprachige Texte werden herangezogen. Den Textanalysen stellt die Autorin einen einleitenden Teil voran, in dem sie zunächst ein Theoriegebäude entwirft, in dem psychoanalytische, literarische, feministische und rezeptionstheoretisch ausgerichtete Diskurse berücksichtigt werden. Ausgehend von Ricahrd von Krafft-Ebings, Sigmund Freuds und Theodor Reiks psychonalytischen Arbeiten zeigt die Autorin auf, wie Masochismus und Weiblichkeit in Relation zueinander gestellt werden können.
Sehr interessant ist auch die Analyse von «Venus im Pelz», Leopold von Sacher-Masochs Novelle, in der ein männlicher Masochist im Zentrum der Darstellung steht. Schließlich geht Regine Schricker der Frage nach, ob der Masochismus eine spezifisch weibliche Angelegenheit sei, wie es etwa die Konzepte der Psychoanalytikerinnen Helene Deutsch, Marie Bonaparte und Jeanne Lampl-de Groot nahe legen. Welche Positionen sind im feministischen Diskurs vorherrschend? Und welche Rolle spielt der weibliche Masochismus in der feministischen Film- und Literaturtheorie?
Im Hauptteil der Arbeit widmet sich die Autorin dann ausführlich elf literarischen und filmischen Texten, die sie nach unterschiedlichen Kriterien zusammenfasst. Luis Bunuels Film «Belle de jour» aus dem Jahre 1967 und Rainer Werner Fassbinders Fernsehfilm «Martha» aus dem Jahr 1974 etwa setzen sich intensiv mit dem Bürgertum und seinen Abgründen auseinander. Der voyeuristische weibliche Blick wird anhand von David Lynchs Film «Blue Velvet» (1986) und Elfriede Jelineks Roman «Die Klavierspielerin» (1983) thematisiert. In den Analysen von Elizabeth McNeills Erzählung «Nine and a Half Weeks» von 1978 (später sehr erfolgreich von Adrian Lynes mit Kim Basinger in der Hauptrolle verfilmt) und von Ingeborg Bachmanns 1971 erschienenem Roman «Malina» wird schließlich der Zusammenhang von Sprachlosigkeit und Begehren in den Mittelpunkt gestellt. Wie weibliche (zerstörte) Körper inszeniert werden, kann man gut anhand von Pauline Reages Roman «Geschichte der O» (1954) und Marina de Vans Film «In My Skin» (2002) nachvollziehen. Religiöse Opfer stehen in Lars von Triers «Breaking the Waves» (1996) und in M. Night Shyamalans «The Village» (2004) im Mittelpunkt. Zuletzt geht es um den Coming-out-Film einer Masochistin, Steven Shainbergs «Secretary» von 2002.

Die neue Studie «Ohnmachtsrausch und Liebenswahn» von Regine Schricker bietet fundierte Analysen zahlreicher literarischer und filmischer Texte, die man nach der Lektüre dieses Buches neu lesen kann. Mit ihrer Arbeit sensibilisiert sie für ein Thema, das in den Medien eine immer wichtigere Rolle spielt. Sprachlich klar und inhaltlich gehaltvoll bietet die Autorin dem Leser eine sehr gute Möglichkeit, sich ausführlich mit einem spannenden Thema auseinander zu setzen.
Regine U. Schricker geht dem Phänomen des weiblichen Masochismus in der Literatur und im Film sehr eingehend nach und zeigt fundiert die verschiedenen Ansätze auf, die hinter der Deutung des Zusammenhanges von Weiblichkeit und Masochismus stecken. Welche Rolle spielt eine labile Persönlichkeitsstruktur? Was bedeutet die Darstellung des weiblichen Masochismus für die weibliche Identität? Regine Schrickers Buch ist sehr gut gegliedert, und ihren wissenschaftlichen Ausführungen lässt sich hervorragend folgen. ■
Regine U. Schricker, Ohnmachtsrausch und Liebeswahn – Weiblicher Masochismus in Literatur und Film des 20. und 21. Jahrhunderts, 236 Seiten, Königshausen&Neumann Verlag, ISBN 9783826045165
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
Helena Marten: «Die Kaffeemeisterin»
.
Eine unmögliche Liebe
Isabelle Klein
.
Ein ansprechend gestaltetes Cover und der verheißungsvolle Titel «Die Kaffeemeisterin» ließen mich beim Stöbern in der Buchhandlung aufmerksam werden. – Frankfurt 1732: Nach dem Tod ihres Mannes hat es die junge Johanna Berger nicht leicht das Kaffehaus «Coffeemühle» erfolgreich weiterzuführen, machen ihr doch allerlei Intrigen und Misstrauen gegenüber dem «teuflischen Getränk» Kaffee, das «süchtig macht», das Leben schwer. Doch die gewitzte Johanna lässt sich nicht unterkriegen, hat sie es doch Adam auf dem Totenbett versprochen. So mausert sie sich zu einer fähigen Geschäftsfrau, die Frankfurts ersten Damensalon aufmacht. Denn: warum soll der verführerische Genuss Frauen verwehrt bleiben?! Doch am Tag der Eröffnung schlägt Intimfeind Hoffmann erneut zu, es kommt zum Eklat. Die «Bergerin» steht unvermittelt vor dem Nichts. Es beginnt eine abenteuerliche Reise, die sie über Venedig schließlich bis ins exotische Istanbul, in den Harem des Sultans führt. Zurück lässt Johanna allerding ihre zwei Stiefkinder und auch ihre knospende Bekanntschaft mit dem jüdischen Musiker Gabriel Stern, der ihre große, aber unerfüllbare Liebe zu werden scheint …
Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich, nach der «Porzellanmalerin», um das zweite Werk des Autorenduos Helena Marten. Gemäß Verlagsangaben besteht dies aus Autorinnen, die beide in der Verlagsbranche arbeiten. Eines ist dieser Roman sicherlich: eine unterhaltsame Lektüre, gepaart mit einer problematischen Liebesgeschichte, vor historischer Kulisse mit exotischen Schauplätzen. Er liest sich leicht, die Sprache ist sehr eingängig und einfach, bildhaft, teils auch banal (mit sehr vielen Ausrufesätzen). Da wird beispielsweise geplumpst, geschmissen oder losgelegt. Oder schon mal der Schwester des Sultans das Wort «Hallo» in den Mund gelegt. Wer drückte sich zur damaligen Zeit wohl so aus?! Von vgaloppierenden Hunden» ganz zu schweigen…
Sollte ein historischer Roman nicht mehr aufweisen?! Nämlich einen gewissen «Mehrwert» – ich möchte Neues erfahren. Doch außer rudimentären Kenntnissen über die Kaffeezubereitung wird hier nichts geboten. Zudem möchte ich in die Geschichte hineingezogen, an Schauplätze versetzt werden, die dicht beschrieben sind. Stattdessen ist Lokalkolorit Mangelware: Johannas Venedig wird zwar bildhaft beschrieben, doch nicht atmosphärisch ausgearbeitet. Auch Istanbul bleibt bloßer Handlungshintergrund für einen kurzen Ausflug in den Harem. Diesbezüglich hat das Autorenduo jede Menge Potenzial verschenkt: Johanna hastet innerhalb nicht einmal eines Jahres (und 100 Seiten) von Frankfurt über Venedig nach Istanbul und via Neapel wieder zurück. Wie glaubhaft ist es solches anno 1733? Eine anstrengende Reise innerhalb dieser Zeitspanne zu bewältigen, nebenbei noch zur Kaffeemeisterin des Sultans aufzusteigen und zwei neue Sprachen zu erlernen?

Schlecht ist Helena Martens neuer Roman «Die Kaffeemeisterin» keineswegs. Nur leider historisch sehr schwammig bis fragwürdig. Ein Historischer Roman sollte vor allem authentisch und korrekt sein. Ich bevorzuge pralle «Sittengemälde» a la Rebecca Gable, wo sich überzeugende und fein gezeichnete Gestalten glaubhaft verhalten und entsprechend handeln. Und wo ich quasi nebenbei jede Menge Neues aus alter Zeit erfahre. Dies alles fehlt bei Helena Marten - schade.
Dieser historische Roman ist also vor allem eines: Anachronistisch mit seiner Hauptfigur Johanna, die über Giovanna zu Yuhanissa mutiert. Sie wird als «stark und faszinierend» beschrieben, ist aber erstaunlich naiv. Sie reist alleine nach Venedig – wie das bitte zu einer Zeit, in welcher Frauen alleine nicht mal das Haus verließen?! Oder: Sie besucht einen jüdischen Musiker zu Hause und gibt zur Begrüßung die Hand.
Die Protagonistin, eigentlich eine sympathische Figur, ist leider schablonenhaft ausgearbeitet. Sie meistert jede Situation, aber überzeugt weder als historische Gestalt noch als Mensch wirklich, sie bleibt vorhersehbar und seltsam blutleer, außerdem naiv in ihren Gedankengängen wie in ihren Verhaltensweisen. Die Beziehung zu dem «faszinierenden, großäugigen und sensiblen» Musiker Gabriel bleibt weitestgehend «auf der Strecke». Dennoch erkennen beide vom ersten Augenblick an die gegenseitige Anziehung und können einander nicht vergessen…
Aber bei aller Kritik: Schlecht ist dieser Roman keineswegs. Nur leider historisch sehr schwammig bis fragwürdig. Zudem fehlt im dritten Teil, als Johanna wieder in Frankfurt/Main ankommt, der rote Faden; Hier reihen sich mehr oder weniger Ereignisse, und alles endet recht vorhersehbar.
Ein historischer Roman sollte vor allem authentisch und historisch korrekt sein. Ich bevorzuge pralle «Sittengemälde» a la Rebecca Gable, wo sich überzeugende und fein gezeichnete Gestalten glaubhaft verhalten und entsprechend handeln. Und wo ich außerdem, quasi nebenbei, jede Menge Neues aus alter Zeit erfahre. ■
Helena Marten, Die Kaffeemeisterin, 512 Seiten, Diana Verlag, ISBN 3453290607
.
.
.
.
.
Brigitte Fuchs: «salto wortale»
.
NIELÄUFTEINWURMSTURM
Günter Nawe
.
.
«Als sich das ROTWEINROT und das
WEISSWEINWEISS näher kamen,
sah die Welt plötzlich ganz rosé aus»
Von dieser und anderer, fantastisch vielfältiger Art sind die Sprachspiele der Brigitte Fuchs. Und so liegt – um es vorwegzunehmen – ein höchst amüsantes, ein sehr intelligentes und sehr schönes Buch vor mir, das jede Empfehlung wert ist. Was die Lyrikerin Brigitte Fuchs hier bietet, ist sprachliche Equilibristik der besonderen Art. Sie spielt mit den Wörtern, schüttelt sie sich zu recht, findet poetische Wortbilder, schlägt gewagte Salti und Kapriolen. Sie schreibt Sinn und vermeintlich Unsinn – doch lasse man sich nicht täuschen. Alles, was wir in diesem Buch sehen und lesen, ist begründet in der Lust an der Sprache und hat einen höchst poetischen Wert.
Ihre Lyrik ist – so hat Brigitte Fuchs es einmal selbst formuliert – «Arbeit an der Aussage, am Klang, am Rhythmus, an der Form». Ein hoher Anspruch, dem die Schweizer Lyrikerin in jeder Zeile, in jedem Bild gerecht wird. Für die Sprachartistin gehören «Genauigkeit des Denkens und das genaue Hinsehen wesentlich zum Handwerk des Schreibens». Und so ist das, was hier so leichtfüßig herkommt, harte Arbeit und pefektes Handwerk.
Geboren in Widnau im St. Galler Rheintal lebt die Lyrikerin heute im Kanton Aargau. Die gelernte Lehrerin ist nicht nur nur als Dichterin, sondern auch gestalterisch tätig. Ihren Arbeiten merkt man dies an. Dafür hat sie bereits zahlreiche Literaturpreise erhalten. Die Bücher der Brigitte Fuchs – zum Beispiel: «Herzschlagzeilen», «Das Blaue vom Himmel oder ich leben jetzt» und «Solange ihr Knie wippt» – sind längst über den Status eines Geheimtipps hinaus. Und das sollte auch für den Band «salto wortale» gelten.
Die Sprachkünstlerin Brigitte Fuchs konfrontiert den Leser mit oft sehr ungewohnten visuellen und verbalen Überraschungen. Seien es Wortcollagen, Sprachbilder, Gedichte oder Schüttelreime.
Da gibt es das Sprachbild «KONKRET», das mit der Zeile NIELÄUFTEINWURMSTURM endet.
Da sagt
«…der Seiltänzer zu seiner Frau: >Du müsstest wissen, dass für mich ein Seitensprung nicht in Frage kommt!<
Oder man lese das «Sonett» – wenn man so will: ein wunderbares Liebesgedicht, in dem der Liebste aufgefordert wird, ein Sonett zu schreiben. Worauf er dichtet:
«…Sonette sind was Bittersüsses, Feines, / für Mädchen, die längst Frauen sind, mein Kind! / Sonette sind die Länge deines Beines – / denkst du denn, dass ich dafür Worte find?»
Manchmal «jandelt» es richtig schön. So, wenn Brigitte Fuchs ihrem großen Kollegen Ernst Jandl folgendes Gedicht widmet:
Oh Schandl
Was für ein Wandl
seit Ernst Jandl
verschwandl
… .
kein Wortspielhandl
alles verläuft im Sandl
oh Schandl

In ihrem Lyrik-Band «salto wortale» versteht es Brigitte Fuchs souverän, auf der gesamten Klaviatur der Sprache zu spielen. Ihr Buch ist amüsant, hintergründig und vordersinnig, intelligent und wunderbar - voller Lust an der Sprache und von hohem poetischen Wert. Durch die kongenialen Wortbilder von Beat Hofer bekommt dieser Lyrikband zudem ein unverwechselbares Aussehen.
Nein, nichts verläuft in diesem herrlichen Buch, in diesen «vergnüglichen, anregenden und bekömmlichen Blätterbuch für Sprachfans» «im Sandl». Auch nicht die wunderbaren Farbbild-Seiten des Grafikers Beat Hofer. Er spielt ebenfalls gekonnt mit Bild und Wort und Farbe und hat so dem Lyrikband sein unverwechselbares Aussehen gegeben.
Übrigens: Müsste man der POESIE nicht endlich das DU anbieten? Brigitte Fuchs steht längst mit der Poesie auf Du und Du. Im «Vor- und Nachwort» schreibt sie: «Wir verlangen ja nicht viel vom Wort: Das und kein anderes soll es sein, anfänglich, wahr, gut, groß, geflügelt. Es soll uns auf die Sprünge helfen, wir wollen es ergreifen, halten, führen, erteilen, entziehen. Eines gibt das andere, wir werden jedes unterschreiben und das letzte, noch ehe es gesagt ist, behalten». Dem ist nichts hinzuzufügen. ▀
Brigitte Fuchs, salto wortale – Sprachliche Kapriolen (Zweite/erweiterte Auflage), mit Wortbildern von Beat Hofer, 192 Seiten, edition 8, ISBN 978-3-85990-110-0
.
.
.
.
Inge Grolle: «Die jüdische Kauffrau Glikl» (Biographie)
.
«Aus vielen Sorgen und Nöten und Herzeleid»
Günter Nawe
.
Sie war eine deutsch-jüdische Kauffrau, eine erfolgreiche Unternehmerin und Perlenhändlerin. Sie lebte von 1646 bis 1724, geboren in Hamburg und gestorben in Metz. Sie hieß eigentlich korrekt «Glikl bas Judah Leib» (Tochter des Judah Leib), wurde aber eher bekannt als «Glückl von Hameln», benannt nach dem Herkunftsort ihres Mannes Chajim: Hameln.
Glikl führte ein außergewöhnliches und exemplarisches Leben, über das sie in erster Linie ihren Kindern berichtete – und durch einen Glücksfall auch der Nachwelt. So liegen sowohl der Urtext ihrer Erinnerungen in westjiddischer Sprache (und hebräischen Schriftzeichen) – in «Weiberdeutsch», wie es etwas despektierlich hieß – vor als auch mehrere Übertragungen. Zuletzt kam dieses Verdienst 1913 Alfred Feilchenfeld zu. Eine Neuausgabe erfolgte 1994, der Fassung von Bertha Pappenheim, eine Nachfahrin der «unbekannten Jüdin» Glikl, durch Viola Roggenkamp.
Dieser außergewöhnlichen Frau hat jetzt Inge Grolle ein «Lebensbild» gewidmet. Die Autorin, sie studierte Geschichte, Germanistik und Romanistik, hat sich durch zahlreiche wissenschaftliche Publikationen einen Namen gemacht. Ihr besonderes Interesse gilt der hamburgischen Sozial- und Frauengeschichte. Ihre Arbeit über die Kauffrau Glikl hat sie entlang der bekannten biografischen Fakten gerschrieben, immer aber in den Konzext von Zeit und Zeitumständen gestellt.

Bertha Pappenheim im Kostüm der Glikl. Pappenheim, eine entfernte Verwandte Glikls, übersetzte und veröffentlichte 1910 deren Memoiren. (Nach einem Gemälde von L. Pilichowski)
So ist Grolles Buch für den Leser ein faszinierendes Porträt der Glikl von Hameln und gleichzeitig ein spannendes Zeitpanorama. Wie lebte Glikl von Hameln, und wie lebten Juden Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts in Deutschland? In den Erinnerungen der Glikl können wir es nachlesen. Sie hatten geschäftlichen Erfolg, genossen zum Beispiel als «Hofjuden» Anerkennung. Sie waren insgesamt und als Familie im Besonderen gefährdet als Juden und Kaufleute. Es gab Krankheiten wie die Pest. Und es gab religiöse Umbrüche und Irritationen (zum Beispiel das Auftreten dess Sabbatai Zwi), die sich auf das religiöse Leben der Juden auswirkten. Es gab staatliche Restriktionen und persönliche Verfolgungen.
Das alles hat Glikl nicht nur miterlebt, sondern auch aufgeschrieben. Sie, Mutter von 12 Kindern, dreißig Jahre mit Chajim verheiratet, später als selbständige Geschäftsfrau mit internationalen Verbindungen tätig, schildert sehr ausführlich die äußeren Umstände ihres Lebens. Sie gibt aber auch einen Blick in ihre Seelenlage – «Aus vielen Sorgen und Nöten und Herzeleid». Sie, die aufopferungsvolle Frau und Mutter, findet ihren Halt im Glauben an einen Gott, der sie hält, obwohl «sündig», und dem sie sich in jeder Siuation ihres Lebens anvertraut. Dass sie, nach einer zweiten und nicht sehr glücklichen Ehe, verarmt starb, macht ihre persönliche Tragik aus.

nge Grolle erinnert uns mit ihrem Lebensbild der Kauffrau Glikl von Hameln nicht nur an eine faszinierende Frau, sondern gibt auch ein sehr differenziertes Zeitbild. Die Lebenswelt der Glikl war geprägt von Zeitgeist und Zeitumständen und kann so als exemplarisch gelten. Inge Grolles sehr empfehlenswerte Arbeit ist es auch.
Dies alles ist bei Inge Grolle zu lesen. Und mehr. Die jüdischen Sitten und Gebräuche werden uns ebenso nahegebracht wie das Rollenverständnis von Mann und Frau in der jüdischen Lebenswelt – vor allem aber das Selbstverständnis einer jüdischen Frau in der damaligen Zeit.
So erzählt Inge Grolle von der Geschichte und den Geschichten.der Glikl, die uns mit ihren Aufzeichnungen auch ein höchst wichtiges literarisches Zeugnis hinterlassen hat. Und es ist sehr schön, dass die Autorin einige dieser von Glikl erzählten Geschichten an das Ende ihres Buches gestellt hat. Von einer «märchenhaften Atmosphäre altjiddischer Erzählkunst» ist die Rede (I.G.). Und weiter: «Inmitten von Glikls biografischem Bericht ist die sprachliche Suggestion der Geschichten manchmal so stark, dass die dramatischen Ereignisse ihres eigene Lebens fast selbst den Charakter eines alten Exempels annehmen.» Dem ist von Seiten des Lesers nichts hinzuzufügen. ▀
Inge Grolle: Die jüdische Kauffrau Glikl (1646-1724), 194 Seiten, Edition Temmen Hamburg, ISBN 978-3-8378-2017-1
.
.
.
.
H.Sarkowicz & A.Mentzer: «Schriftsteller im Nationalsozialismus»
.
Kompakte und präzise Darstellung eines heiklen Themas
Jan Neidhardt
.
Wer sich mit der deutschen Literatur zur Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt, wird wahrscheinlich zunächst an die Schriftsteller denken, die als Emigranten Deutschland verlassen haben – meist gezwungenermaßen, wie Bertolt Brecht oder die Mann-Brüder, um nur zwei bekannte Namen zu nennen. Andererseits gab es auch noch eine Menge Schriftsteller, die nicht unbedingt mit dem Naziregime konform gingen, trotzdem in Deutschland blieben und teilweise auch weiter veröffentlichten – Stichwort «Innere Emigration», landläufig zum Beispiel verbunden mit Namen wie Erich Kästner oder Ricarda Huch.
Um den weiten Bogen zum umschreiben, den das neue Lexikon «Schriftsteller im Nationalsozialismus» der beiden Autoren Hans Sarkowicz und Alf Metzner spannt, muss man zur Literatur jener Zeit die damals mengenmäßig weit überwiegenden systemkonformen Literaten mit hinzuzählen. Ein Bereich, dem sich die Literaturwissenschaft v.a. auch im populären Bereich eher ungern widmet. Schriftsteller wie Hans Grimm, Will Vesper oder Heinrich Anacker stehen in der Schmuddelecke jener Blut-und-Boden-Literatur, die heutzutage höchstens noch zeitgeschichtlich von Interesse sein kann.
Das Lexikon widmet sich in einer Gesamtschau einer Übersicht zu vielen der Autoren, die in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus erscheinen durften. Literaturgeschichtlich ist die Zeit sehr spannend und erstaunlich vielschichtig, das wird bei der Lektüre des Lexikons schnell klar. Es sei noch einmal betont: Nicht alles, was zwischen 1933 und 45 in Deutschland in Druck ging, war Nazi-Literatur. Teilweise durften selbst jüdische Autoren bis 1938 (natürlich unter erheblichen Schwierigkeiten) weiterhin veröffentlichen. Autoren der Nachkriegszeit haben damals ihre ersten Schreibversuche gemacht, zum Beispiel Marie Luise Kaschnitz, Wolfgang Koeppen, Max Frisch.
Sarkowcz und Mentzer, die sich in ihrem Band mit einem sehr breiten Spektrum an Literatur beschäftigen, fällen keine Pauschalurteile, sondern stellen in alphabetischer Reihenfolge Gegner des NS-Regimes und berüchtigte Nazi-Literaten nebeneinander. Über diese Art der Zusammenstellung von 155 so unterschiedlichen Biographien lässt sich sicher streiten. Aber ich finde die Idee gelungen, wenn man etwas über die Lebensumstände jener Zeit nicht nur unter schriftstellerischen Gesichtspunkten erfahren möchte.
Nebeneinandergestellt ohne Wertung zeigen sich oft Parallelen in den Entwicklungen, die geschichtlich bestimmt sind. Die Erfahrung des Ersten Weltkriegs und die darauf folgende Phase der Weimarer Republik spielen fast immer eine Rolle, andererseits die persönlich Suche nach einer Sinngebung, die sich im künstlerisch-literarischen Schaffen niederschlägt. Spannend ist es, anhand dieses Buches besonders die gefeierten Nazidichter einmal näher unter die Lupe zu nehmen. Viele von ihnen, so zeigt sich, waren Konjunkturritter, die literarisch sonst kaum eine Chance gehabt hätten, größere Aufmerksamkeit zu erzielen. An ihrem Beispiel wird aber auch das Kompetenzgerangel im kulturellen Sektor des sog. Dritten Reiches deutlich, ebenso die Tatsache, das ein gefeierter Schriftsteller schnell unter die Räder kommen konnte, wenn er es sich mit einer der verschiedenen Schaltstellen der Macht verscherzt hatte.

«Schriftsteller im Nationalsozialismus» von Sarkowicz & Mentzer ist ein interessantes Projekt, indem es die Schriftsteller aus der Zeit des Nationalsozialismus in einem biographisch orientierten Lexikon verzeichnet. Gut geeignet für alle, die sich eine Übersicht verschaffen möchten, und für alle, die auch nach weiterführenden Informationen zu bestimmten Personen suchen.
Einen weiteren Punkt zeigt das Lexikon sehr gut auf, nämlich dass die Wirkung der Literatur jener Zeit nicht Punkt 1945 schlagartig aufhörte, sondern dass die Denkweise, die hier angestoßen wurde, weiter wirkte. Mehr noch, nicht nur die vermittelten Denkweisen wirkten weiter, auch Schriftsteller dieser Zeit waren «danach» weiter im Geschäft, wie zum Beispiel Hans Baumann, der Erfinder des berüchtigten Liedes «Es klappern die morschen Knochen», der nach dem Krieg als «Geläuterter» zahlreiche (und teils bis heute beliebte) Kinderbücher schrieb. Und schließlich blieben auch viele Bücher, die in jener Zeit verfasst wurden, auch besonders die vermeintlich unpolitischen, weiterhin erfolgreich, wurden teils in entschärften Versionen noch Jahre lang neu aufgelegt. Ein Thema also, dem man sich in seiner Komplexität sehr lange widmen kann.
Den Autoren ist hier ein wirkliches Kunststück gelungen: die Literatur von 1933 bis 1945 kompakt und präzise darzustellen. Der lexikalische Hauptteil enthält 155 Biographien, durchaus auch erzählerisch ausgestaltet und nicht bloße Aneinanderreihung von Eckdaten. Es gibt ein Werkverzeichnis (meist in Auswahl) und Hinweise zur Sekundärliteratur. Das Lexikon ist natürlich als Nachschlagewerk gedacht und auch geeignet, andererseits passt es auch hervorragend zum Querlesen und Schmökern. Viele Namen mit unglaublich spannendem und dabei zeittypischem Lebenslauf sagen uns heute nichts mehr, sind aber wichtig für das literarische Gesamtbild jener Zeit. Gewiss, bei 155 Autoren bleibt letztlich die Auswahl eine subjektive, das stellen Sarkowicz und Metzner auch gar nicht in Abrede. – Herausgekommen ist ein Buch, das man sicher schon als Standardwerk bezeichnen kann, das sich aber auch für jeden Literatur- und zeitgeschichtlich Interessierten abseits des wissenschaftlichen Kontextes eignet. ▀
Hans Sarkowicz, Alf Metzner: Schriftsteller im Nationalsozialismus – Ein Lexikon, Erweiterte Neuauflage, Insel Verlag, 676 Seiten, ISBN 978-3-458-17504-9
.
.
Andrea Wölk: «Infinitas – Krieger des Glaubens»
…
Neue Vampir-Reihe im Oldigor Verlag
Sarah Fuhrmeister
.
Channing McArthur tauscht seine Pariser Wohnung für zwei Monate mit der jungen Sara aus den USA – ein Tausch mit fatalen Folgen. Denn bei seiner Ankunft wird er in einen tödlichen Autounfall verwickelt. Tage später erwacht er aus dem Koma und muss zu seiner Verwunderung feststellen, dass er kein richtiger Mensch mehr ist. Sara, ihre Freunde, ihre Familie: allesamt sind sie Vampire, und um sein Leben zu retten, wurde auch Channing verwandelt. Binnen weniger Tage ist er vom absoluten Langweiler zum Anführer einer ganzen Kriegerschaft guter Vampire, die ihren bösartigen Artgenossen den Kampf angesagt haben.
So beginnt das erste Abenteuer einer neuen Vampir-Reihe aus der Feder der Autorin Andrea Wölk: «Infinitas – Krieger des Glaubens», erschienen im Oldigor-Verlag, dem Selbstverlag der Autorin. Damit widmet A. Wölk ihr neuestes buch einer zur Zeit sehr angesagten Thematik, nämlich dem Vampirismus, der seit dem Erscheinen von «Bis(s)» gerade auch in Deutschland seine Kreise zieht. In einem lockeren Schreibstil versucht sie dabei junge Erwachsene in ihren Bann zu ziehen, und mit einfachen, kurzen Sätzen, gepaart mit «moderner» Wortwahl passt sich die Autorin diesem Literatur-Trend der Zeit an.
Leider ist ein angenehmer, flüssiger Stil für den Erfolg eines Fantasy-Romans noch längst keine Garantie: Spannung und/oder Humor, einprägsame Protagonisten, fantastische Wesen sollten in einer Geschichte schon vereint werden. Und genau dort sitzt das größte Problem von Andrea Wölk: Sie erschafft Protagonisten, deren emotionale Lage an vielen Stellen nicht nachvollziehbar bzw. realistisch erscheint.

Ein gelungener Vampir-Roman sollte den Leser entweder durch seine humorvollen Ansätze oder dann durch mitreißende Action-Szenen überzeugen; diesbezüglich hebt sich «Infinitas – Krieger des Glaubens» von Andrea Wölk leider durch nichts von der breiten Masse positiv ab.
Trotzdem erweckt sie ihre Figuren oft auf durchaus angenehme Art und Weise zum Leben. Dieses ist aber auch das Einzige, das hier inhaltlich ins Gewicht fällt. Denn Action und Kämpfe, die in der Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse vorkommen, werden in «Krieger des Glaubens» eher flach und unspektakulär beschrieben; Spannung kommt nur an der Oberfläche vor. Eine tiefergehende und anhaltende Spannung, die den Leser in ihren Bann zieht, ihn dem Ende entgegen fiebern lässt, fehlt gänzlich. Stattdessen widmet Andrea Wölk ihre Aufmerksamkeit vor allem dem ausschweifenden Sex-Leben ihrer Hauptfiguren; In fast jedem Kapitel kommt mindestens ein «Quickie» vor, wobei in teils eher vulgären Worten der Akt angedeutet wird – womit das Buch nicht zuletzt die Jugendlichen vergrault, die sich für diese Reihe interessieren könnten. Erotik gehört zwar in viele Romane, sollte aber in einem guten Verhältnis eingebunden werden.
Kenner der berühmten Vampir-Storys – beispielsweise «Bis(s) der Tod euch scheidet» von M. J. Davidson oder «Bis(s) zum Abendrot» von S. Meyer – werden den ersten Teil lesen und kaum Freude daran finden: ein gelungener Vampir-Roman sollte den Leser entweder durch seine humorvollen Ansätze oder dann durch mitreißende Action-Szenen überzeugen; diesbezüglich hebt sich «Infinitas – Krieger des Glaubens» durch nichts von der breiten Masse positiv ab. Ob sich also die neue Vampir-Reihe im Oldigor Verlag, dem Selbstverlag der Autorin, wirklich durchzusetzen vermag, ist sehr zu bezweifeln… ▀
Andrea Wölk, Infinitas – Krieger des Glaubens, Roman, 300 Seiten, Oldigor Verlag, ISBN 978-3981426700
.
______________________________
Geb. 1973 in Neumünster, literarisch vielseitig interessiert, berufliche Tätigkeit in der Gastronomie, Homepage
.
.
.
.
.
.
.
Gisa Pauly: «Die Hebamme von Sylt»
.
Interessantes Sujet – schlecht realisiert
Isabelle Klein
.
In einer stürmischen Sommernacht des Jahres 1872 werden im Haus der Sylter Hebamme Geesche zwei Kinder geboren, deren künftiges Leben nicht unterschiedlicher verlaufen könnte: Hanna und Elisa. Und 16 Jahre später hat sich so einiges im Leben der Protagonisten anders entwickelt als geplant: Geesches Verlobter hat sich das Leben genommen, und der Leser erfährt recht schnell, dass auf dem Gewissen der Hebamme ein furchtbares Geheimnis lastet, das mit der Geburt der beiden Mädchen verbunden ist. Der Bau der Inselbahn bringt den Tourismus nach Sylt, und sowohl Geesche als auch Hanna profitieren davon. Die Hebamme beherbergt den Hamburger Arzt Leonard Nissen, der ihr Avancen macht. Doch auch Marius Rodenberg, der uneheliche Sohn eines Grafen, kehrt beruflich auf die Insel zurück und umwirbt sie erneut. Pünktlich zur Sommerfrische treffen schließlich wieder Graf von Zederlitz samt Frau und Tochter Elisa zum jährlichen Aufenthalt auf der Insel ein. Sehr zur Freude Hannas, die sich als Elisas Mädchen für alles ein Zubrot verdient. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf durch Hannas intrigantes Wesen, durch Elisas unbekümmerte Verliebtheit in Hannas Stiefbruder Ebbo – und durch das 16 Jahre zurückliegende große Geheimnis. Doch damit nicht genug: Sogar die Königin Rumäniens stattet der aufstrebenden Insel einen Besuch ab, zu guter Letzt sorgt ein schwarz gekleideter, unheimlicher Fremder für Aufruhr und mysteriöse Verwicklungen; erst wird der Initiator des Inselbahnbaus, ein Dr. Pollacsek beraubt – und dann wird ein Mann ermordet…

Obschon Gisa Paulys Roman «Die Hebamme von Sylt» durchaus interessant den Schwerpunkt auf die Darstellung von Sylt während dessen touristischer Pionierzeit legt, ist von einer Lektüre abzuraten, denn wer Wert legt auf einen gut geschriebenen, flüssig erzählten, menschlich überzeugenden, spannungsreich konzipierten historischen Roman mit lebendigen Charakteren und unvorhersehbaren «Geheimnissen», der geht beim neuen «Pauly» leider leer aus.
Soweit der Inhalt von Gisa Paulys historischem Roman «Die Hebamme von Sylt» – doch noch selten ist mir derart schwer gefallen, den Inhalt eines Buches zusammenzufassen. Es gibt hier einfach zu viele unverbundene Handlungsstränge, selbst die erklärte Hauptfigur des Romans, die Hebamme Geesche bleibt nur eine Protagonistin unter vielen. Demgegenüber wird das angekündigte «Geheimnis» jedem Leser von Beginn an ersichtlich, ist lediglich plakative Werbung auf dem Cover. Wie gesagt: Die Handlung wird durch ständige überflüssige Details und viel zu ausführliche Beschreibungen permanent «unterbrochen». Lange Satzkonstrukte und gleichzeitig eine eher simple Sprache lassen das Lesen zu einer belletristischen Durstrecke geraden. Wenn ich ausführlichste Beschreibungen von Gebäuden und Handlungsschauplätzen möchte, lese ich einen Reiseführer, aber zuallerletzt einen historischen Roman. Durch exzessive Hintergrundinformierung und detaillierteste Beschreibung kleinster Handlungsabläufe wie sämtlicher mitwirkenden Personen kann sich die Geschichte Geesches nicht wirklich entfalten; hier wäre eine Fokussierung bzw. Straffung des fast 500-seitigen Textes wichtig gewesen.
Auch die anderen Protagonisten neben der Hebamme bleiben blass, noch schlimmer: eindimensional gezeichnet. Pauly betreibt hier eine extreme Schwarz-Weiß-Malerei. Hanna z.B. ist durchwegs unangenehm und verkommen; Geesche viel zu festgefahren. Das sind keine «echten» Menschen, sondern Schemata. Dazu trägt wesentlich bei, dass die Autorin weitestgehend auf ein «Innenleben» ihrer Figuren verzichtete; Der Leser erfährt praktisch nichts über deren Ängste, Sorgen, Gefühle. Besonders abstrus empfand ich aber das letzte Viertel des buches: Erst passiert hunderte von Seiten beinahe nichts, was das Geschehen hin auf das «tödliche Geheimnis» vorantriebe – und dann auf einmal verschiedenste Tote. Ein absolut hanebüchenes Buch-Ende, ein finaler, aber aufgesetzter Showdown – unglaubwürdig.
Obschon also Gisa Paulys Roman «Die Hebamme von Sylt» durchaus interessant den Schwerpunkt auf die Darstellung von Sylt während dessen touristischer Pionierzeit legt, ist von einer Lektüre abzuraten, denn wer Wert legt auf einen gut geschriebenen, flüssig erzählten, menschlich überzeugenden, spannungsreich konzipierten historischen Roman mit lebendigen Charakteren und unvorhersehbaren «Geheimnissen», der geht beim neuen «Pauly» leider leer aus. ▀
Gisa Pauly, Die Hebamme von Sylt, Roman, 495 Seiten, Rütten&Loening (Aufbau Verlag), ISBN 978-3352008023
.
.
.
.
Rainer Wedler: «Unter der Hitze des Ziegeldachs»
.
«Die Wörter befreien sich / und tanzen frech»
Christian Busch
.
In einer Tonne, einem Weinfass oder auch mit Tieren soll Diogenes im 4. Jahrhundert vor Christus gelebt haben. Um seiner Rolle als Bürgerschreck und Unterhalter gerecht zu werden. Im 21. Jahrhundert lässt sich «Unter der Hitze des Ziegeldachs» so mancherlei Erhellendes finden und denken, wie Rainer Wedlers gleichnamiger, beim Pop-Verlag erschienener Gedichtband beweist. In diesem erweist sich der bereits mit zahlreichen literarischen Preisen und Ehrungen ausgezeichnete Autor einmal mehr als virtuoser, mal verwirrender, Augen zwinkernder, mal schockierender, provozierender Sprachjongleur, dem es gelingt, den Leser in den Bann seiner Betrachtungen zu ziehen.
Die kurzen, schmucklos-lakonischen Texte, ebenso nüchtern und doch treffend von Ferdinand Wedler illustriert, beleuchten in vier Zyklen anhand von scheinbar beiläufig ausgewählten Realien und Motiven die ‚conditio humana’ aus überraschendem Blickwinkel. Zunächst vorsichtig: hinter vorgehaltener Maske, dann mutiger: Was man sich so alles wünscht, schließlich real: es gibt dies. Im letzten Kapitel «Eigenwillig» hat es sich konstituiert, das lyrische Ich, in immer klarer werdenden, respektive autobiographischen Konturen. Dabei weist jedes Gedicht über sich hinaus, indem es sich der Begrenztheit von Sprache bewusst ist und sich ihrer doch bedient. So wie jemand, der lebt, weiß, dass sein eigenes Leben nur begrenzt ist und die Möglichkeit unendlich vieler Leben ungenutzt in sich trägt.
Im ersten Zyklus sind es zunächst Todes-Visionen («nicht zu heilende Krankheit»; «der Tod hat sich bei mir eingehakt»), die als Auslöser für die Suche nach dem Sinn und einem Weg figurieren. Da helfen die verstaubten Bücher nur wenig. Unwillkürlich fällt einem da ein berühmtes Studierzimmer ein, in dem jemand verzweifelte. Beklagt werden die bei Tageslicht bis zur Unkenntlichkeit gebleichten Nachtgedanken und das Joch der Zivilisation («Nachgeborener»). Misantrophisch («zuweilen»; «Attrappen») schwingt er nicht nur mit Blick auf die Medienwelt die gesellschaftskritische Keule («…zappen wir mit dem nervösen Daumen /Und geben dieses Zucken für Leben aus») im Angesicht der existentiellen Einsamkeit des Menschen («Die große Einsamkeit»), die an der Weltordnung rüttelt. Von der Sehnsucht nach einem erfüllteren, wahrhaftigeren Leben, nach Selbsterkenntnis und Identität, nach einem festen Punkt im ewigen Fortschreiten der Zeit. Kurz: vom Menschen. Gekonnt spielt er mit der Schiffs-Metaphorik, in der er den Ausdruck für das rastlose und nimmermüde Herumirren und -treiben des Menschen findet («das Meer ist eine Frau»). Spricht hier noch der Schiffsjunge Wedler, der nach der Schule nach Afrika fuhr?

Rainer Wedler erweist sich in seinem Lyrik-Band «Unter der Hitze des Ziegeldachs» einmal mehr als virtuoser, mal verwirrender, Augen zwinkernder, mal schockierender, provozierender Sprachjongleur, dem es gelingt, den Leser in den Bann seiner Betrachtungen zu ziehen. Seine Gedichte dokumentieren eine unbändige poetische Experimentierlust und die philosophische Lust auf das Leben.
So weit und noch weiter gehen diese heiter-spielerischen und doch meist von aufrichtiger Ernsthaftigkeit zeugenden Gedichte, Ergebnis unbändiger poetischer Experimentierlust und der philosophischen Lust auf das Leben. Egal, ob es die Ameise, der Liebesakt oder das Abendmahl ist: Immer spiegeln sie das Leben in seinen mannigfaltigen Wirklichkeiten wider, variieren verschiedene Identitäten, die des Schiffsjungen, des Begehrenden, Abschied nehmenden, des Ehepartners oder auch liebenden Vaters. Da erschrecken die Liebenden vor der «gefährlichen Schlucht in ihren Augen». Doch immer gilt: «die Wörter befreien sich / und tanzen frech / mit den Gedanken / die ausgebrochen sind / aus ihrem Zuchtgehäuse.»
Rainer Wedler erweist sich hier einmal mehr als virtuoser, mal verwirrender, Augen zwinkernder, mal schockierender, provozierender Sprachjongleur, dem es gelingt, den Leser in den Bann seiner Betrachtungen zu ziehen. Die spielerisch-heiteren und doch meist von aufrichtiger Ernsthaftigkeit zeugenden Gedichte dokumentieren eine unbändige poetische Experimentierlust und die philosophische Lust auf das Leben. ▀
Rainer Wedler, Unter der Hitze des Ziegeldachs – Lyrik, 136 Seiten, Pop-Verlag, ISBN 978-3-86356-010-2
.
.
.
Reece Hirsch: «Der Informant»
.
Spannung bis ins Unerträgliche
Marita Robker-Rahe
.
Will Connely, Angestellter der Firma Reynolds/Finch&McCom LLp, einer der großen Anwaltskanzleien San Franciscos, steht kurz vor einem großen Karrieresprung. Als Workaholic sitzt Will oft schon frühmorgens an seinem Arbeitsplatz, um eben diesen Karrieresprung voranzutreiben. Doch an jenem Morgen ist alles anders. Er sieht seinen Kollegen Ben Fischer aus der Etage über ihm aus dem Fenster springen und 38 Stockwerke in die Tiefe stürzen. Selbstmord oder Mord? Da Will sich zu diesem Zeitpunkt in der Kanzlei befand und seine Schlüsselkarte bei dem Getöteten gefunden wird, gehört er zum Kreis der Verdächtigen. Nach Bens Tod wird Will jener Fall übergeben, an dem sein Kollege gearbeitet hat, und Will wird den Gedanken nicht los, dass Fischers Tod mit diesem Fall zu tun hat, nämlich mit der Fusion zweier wichtiger Softwarefirmen, die für Datensicherung zuständig sind.
Als Wills großer Traum in Erfüllung geht und er Partner dieser Kanzlei wird, feiert er dieses Ereignis abends in einer Bar, wo er eine Frau kennenlernt, mit der er auch die Nacht verbringt. Als er am nächsten Morgen in Katyas Wohnung von zwei Mitgliedern der Russen-Mafia zusammengeschlagen wird, merkt er, dass er einem Lockvogel in die Falle gegangen war. Ab diesem Zeitpunkt ist nichts mehr, wie es war. Die Mafia fordert Information über die Fusion, um an der Börse Gewinn zu machen, aber auch andere Organisationen haben Interesse an Will. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, und Connely wird zum Spielball verbrecherischer Organisationen, aber auch staatlicher Geheimdienste. Er wird sowohl von der Polizei als auch von der Mafia gejagt und hat nur Chancen auf eine Zukunft, wenn er selbst seine Position in diesem Spiel verändert.
Mit einem filmreifen Plot beginnt Reece Hirschs Thriller, der Insiderhandel, Mafia, Terrorismus sowie illegales Datensammeln zum Thema hat. Die Spannung, die er zu Anfang seines Buches aufbaut, schafft es, den Leser bis zum Ende in Atem zu halten. Viele Wendungen im Geschehen, aber auch das Wissen, niemandem trauen zu können, steigert das Packende im «Informant» ins schier Unermessliche. Die Protagonisten werden gut beschrieben, und mehr als einmal kamen mir die ersten Bücher von John Grisham in den Sinn, die im Leser dieselbe Spannung hervorzurufen vermögen.
Genauso wie Will Connely, Hauptprotagonist dieses Thrillers, ist Autor Reece Hirsch Partner einer großen amerikanischen Rechtsanwalts-Kanzlei. Er lebt in der Nähe von San Francisco, wo auch dieses Thriller-Debüt angesiedelt ist.

«Der Informant» ist eines der Bücher, die mich in diesem Jahr begeistern konnten. Autor Reece Hirsch braucht Kollegen wie John Grisham oder John T. Lescroart nicht zu fürchten, sein Thriller-Debüt garantiert Spannung bis ins Unerträgliche! Man darf gespannt sein, wie es mit Reece Hirsch weitergeht...
«Der Informant» ist eines der Bücher, die mich in diesem Jahr begeistern konnten. Der Autor braucht Schriftstellerkollegen wie John Grisham oder John T. Lescroart nicht zu fürchten, denn sein Insiderwissen, gepaart mit der Fähigkeit eine fast unerträgliche Spannung aufzubauen, läßt die Fans dieses Genres das Buch in jeder Minute genießen. Man darf also gespannt sein, wie es mit Reece Hirsch weitergeht, ob er dieses Niveau halten kann. Es wäre allen Krimi-Freunden zu wünschen. ▀
Reece Hirsch, Der Informant, Thriller, 384 Seiten, Rowohlt Verlag, ISBN 978-3862520145
.
.
.
.
.
Mariel Hemingway (Hg.): Ermest Hemingway in Bildern und Dokumenten
.
«Aber das Leben ist nun einmal anderswo»
Ernest Hemingway zum 50. Todestag
Günter Nawe
.
«Der alte Mann und das Meer» gehört wohl zu den schönsten Erzählungen, die uns Ernest Hemingway hinterlassen hat. Ansonsten assoziiert man mit dem Namen Hemingway häufig nur Frauen, Alkohol und ein abenteuerliches Leben, dem er am 2. Juli 1961 in Ketchum selbst ein Ende setzte.
Das also war vor 50 Jahren und damit Anlass genug, dieses außergewöhnlichen Autors zu gedenken. Sehr eindrucksvoll tut es die Enkelin Mariel Hemingway als Herausgeberin des fulminanten Bands »Ernest Hemingway in Bildern und Dokumenten».
Im Vorwort schreibt sie: «Ein richtiger Kerl, ein Jäger, ein Hochseeangler, ein Mann der klaren Worte und mein Großvater… Ich bin glücklich, Ernest Hemingways Enkelin zu sein… und ich fühle mich geehrt, ein Teil von ihm zu sein». Von diesem Stolz und von dieser Verehrung für «Papa Hemingway» ist viel in diesem Buch zu spüren. Allein die liebevolle und sehr geglückte Auswahl der Fotos, die den Menschen und Autor mit all seinen Facetten zeigen, belegt dies.
Es gab einmal eine Zeit, da war der Literatur-Nobelpreisträger von 1954 – den Preis hat er für den (man möchte sagen: unvergänglichen) Kurzroman «Dar alte Mann und das Meer» erhalten - regelrecht en vogue. Seine großartigen Reportagen als Kriegsberichterstatter vom Spanischen Bürgerkrieg und vom Stierkampf, seine Romane «Fiesta» (1926), «In einem anderen Land»(1929) und «Wem die Stunde schlägt» (1940) waren Bestseller. Wie auch das erst nach seinem Tod erschienene Buch «Paris – ein Fest fürs Leben», in dem Hemingway so brillant von seiner Zeit in Paris (1921-1928) erzählt, von seinen Begegnungen mit Gertrude Stein und anderen Persönlichkeiten aus Kunst und Literatur, von seiner Liebe zu seiner ersten Frau Hadley und von seiner Geliebten und zweiten Frau Pauline Pfeiffer. Insgesamt ist dieses Buch, das jetzt übrigens in einer sehr schönen neuen Übersetzung erschienen ist, auch eine wunderbare Erinnerung eine längst vergangene Zeit.
Seinen literarischen Ruhm hat Ernest Hemingway jedoch in erster Linie mit seinen Kurzgeschichten errungen, mit denen er fast eine eigene Stilrichtung begründet hat, einen Stil, revolutionär für die Literatur überhaupt, den der Autor von «Schnee auf dem Kilimandscharo», und «Das kurze glücklose Leben des Francis Macomber», um nur zwei Beispiele zu nennen, in Perfektion beherrschte.
Leben und Werk beschreibt in diesem Band Boris Vejdovsky, amerikanischer Literaturwissenschaftler und Mitglied der Hemingway Society. In acht programmatisch benannten Kapiteln – von «Eine amerikanische Kindheit» und «Die Kriege des Ernest Hemingway» über «Das Schreiben und der Tod» bis zu «Das verlorene Paradies der Männer ohne Frauen» – zeichnet er den Lebensweg dieses Autors nach. Mit Spannung folgt ihm der Leser von Hemingways Anfängen im amerikanischen Oak Park (1899) über die wunderbare Zeit in Paris, über die Reportagereisen nach Spanien und Italien, die Erkundung der afrikanischen Welt, seinen Kuba-Aufenthalt und so weiter – bis zum freiwilligen Ende in Ketchum am 2. Juli 1961.
Darüber geschrieben hat Hemingway immer «anderswo»: «Deshalb fährt er in sein Haus nach Key West, um dort über seine Erlebnisse in Afrika zu schreiben, so wie er, nach einem bereits bekannten Muster, in Paris über Michigan, auf Kuba über Paris, in Florida über Spanien schreiben wird – aber das Leben ist nun einmal anderswo.» (Vejdovsky)
Wer also war dieser Ernest Hemingway? Ein Frauenheld (er war viermal verheiratet und hatte unzählige Affären), ein Alkoholiker, ein Abenteurer, Großwildjäger, Stierkämpfer, ein Aufschneider, am Ende gar ein Psychopath? Vejdovsky gelingt es nicht nur, ein hervorragendes Psychogramm eines Machos mit einer sehr empfindsamen Seele zu zeichnen, er räumt vor allem mit vielen Legenden auf, für die Hemingway oft genug selbst verantwortlich war, weil er häufig Literatur und Leben miteinander verwechselt hat. Gerade das aber mag ihn zu einem so großartigen Schriftsteller gemacht haben.

Es macht Freude, den Lebensweg Ernest Hemingways in diesem Buch mitzugehen, und es sind - neben dem Hemingway-Essay von Boris Veidovsky - nicht zuletzt die 300 von Papa Hemingways Enkelin Mariel zusammengetragenen, teilweise bisher unbekannten Bilder, die dem Leser das Genie Hemingways näherbringen.
Es macht Freude, den Lebensweg Ernest Hemingways in diesem Buch mitzugehen. Es sind die 300 von Hemingways Enkelin zusammengetragenen, teilweise bisher unbekannten Bilder, die dem Leser diesen Ernest Hemingway näherbringen. Wer selbst einmal im Geburtshaus in Oak Park war oder in Paris und in Spanien den Spuren von Hemingway nachgegangen ist, wird geradezu ein Déjà-vu-Erlebnis haben.
Es ist vor allem auch der großartige biografische Essay von Boris Vejdovsky, den diese Bilder illustrieren. Ein Text, mit dem der Autor nicht nur den Menschen und Schriftsteller Ernest Hemingway «lebendig» werden lässt. Dieser biografische Essay ist auch, wie das gesamte Buch, aus gegebenem Anlass eine wunderbare und würdige Hommage für Ernest Hemingway. ▀
Mariel Hemingway (Hg.), Ernest Hemingway in Bildern & Dokumenten, 208 Seiten, 350 Abbildungen, Edition Olms Zürich, ISBN 978-3-283-01178-9
.
.
Tobias Wolff: «Unsere Geschichte beginnt»
.
«Alles wird gut…»
Bernd Giehl
.
Keine Sorge, meine sehr verehrten Damen und Herren, die Atomkraft ist sicher. Vielleicht nicht in Japan, aber in Deutschland und ganz besonders in der Schweiz. Griechenland wird nicht bankrottgehen – und wenn doch, wird sich die Spekulation ganz bestimmt nicht gegen Irland oder Spanien richten, und wenn der Euro wider Erwarten doch die Flügel streckt, werden wir eben den Schweizer Franken als europäische Währung einführen. Ansonsten werden wir das Klima retten und die Wale natürlich auch. Sie sehen, es ist alles in bester Ordnung und nur noch eine Frage der Zeit, bis Libyen und Syrien Mitglieder der EU werden.
Nein, so schrill und wie Pfeifen im dunklen Wald klingen die Geschichten nicht, die Tobias Wolff erzählt. Auch ist die Lüge und der Selbstbetrug nicht so deutlich sichtbar wie in den Behauptungen, die ich eingangs aufgestellt habe. Aber in vielen Erzählungen von «Unsere Geschichte beginnt» geht es genau darum: Wie Menschen einer Gefahr ins Auge sehen und sie dann doch verdrängen. Wie sie in einem Moment der Hellsichtigkeit selbsterkennen und dann doch weiterleben, als wäre nichts geschehen. Sie machen sich etwas vor. Und darin gleichen sie uns.
Nur ist das alles sehr viel diskreter, als ich es gerade getan habe. Und wenn man sich von der ersten Geschichte dieses Bandes «Im Garten der nordamerikanischen Märtyrer» aufs Glatteis führen lässt, dann wird mancher sogar vehement bestreiten, dass es hier um Illusionen und Selbstbetrug geht. Denn Mary, die «Heldin» dieser Geschichte, eine abgehalfterte College Professorin, die auf der Suche nach einem neuen Job ist, verzichtet ja gerade auf die Lüge und erzählt dem Ausschuss, der sie einstellen soll, was dieser keinesfalls hören will. Aber sie weiß eben auch, dass sie sowieso keine Chance hat, sondern nur als Zählkandidatin fungiert.
In den allermeisten anderen Geschichten des Bandes verhält es sich jedoch anders. In «Nebenan» werden Eheleute Zeugen häuslicher Gewalt in der Nachbarwohnung, ohne etwas dagegen zu tun. Stattdessen flüchtet zumindest der Mann sich in Tagträume – alles besser als die Realität, in der er lebt. In der Geschichte «Im Zweifel für den Angeklagten» erlebt ein Amerikaner in Rom die extreme Armut im Auswanderer-Ghetto, wird ausgeraubt – und dennoch wird schon alles gut werden. Die Gesellschaft, für die er arbeitet und die er eigentlich verachtet, weil sie eigentlich nur schönen Schein produziert, wird ihm schon das Geld überweisen, das er braucht, um sein Hotel zu bezahlen. Es ist zwar alles nur Lüge und Illusion, aber es funktioniert, und das ist die Hauptsache. Ein Vater, der seinen verweichlichten Sohn zu einer Militärakademie bringt, damit endlich ein Mann aus ihm werde, spürt bei der Rückfahrt, dass es die falsche Entscheidung war, aber dann beruhigt er sich doch mit der Erkenntnis, dass das Leben ein Kampf sei und sein Sohn das eben lernen müsse («Nachtigall»).

Tobias Wolff ist in dem Erzählband «Unsere Geschichte beginnt» nicht nur ein guter Beobachter, sondern auch ein diskreter Erzähler. Jedenfalls erzählt er nicht mit erhobenem Zeigefinger. Seine Figuren sind nicht nur schwarz oder weiß. Und bei allem Selbstbetrug haben sie auch ihre guten Seiten...
Tobias Wolff ist nicht nur ein guter Beobachter, sondern auch ein diskreter Erzähler. Jedenfalls erzählt er nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Seine Figuren sind nicht nur schwarz oder weiß. Und bei allem Selbstbetrug haben sie auch ihre guten Seiten. Sie sind bestimmt gute Nachbarn und hilfsbereite Menschen. Sie passen sich an, haben Allerweltsgesichter, und sicher sind sie auch gute Staatsbürger, die pünktlich ihre Steuern zahlen. Und weil sie so sind, wie sie sind, geht eben alles seinen wohlgeordneten Gang. Sie sehen, meine Damen und Herren: Alles wird gut… ▀
Tobias Wolff, Unsere Geschichte beginnt, Erzählungen, 208 Seiten, Berlin Verlag, ISBN-13 9783827008527
.
.
.
.
.
Rebecca Stott: «Die Korallendiebin»
.
Zwischen Homologie und Transformation
Isabelle Klein
.
Bereits auf den ersten Blick ist dieses Buch etwas Besonderes; das zeigt sich visuell zunächst an dem wunderschön gestalteten und sehr treffend gewählten Vorsatzblatt, dann an den Abbildungen, die immer wieder in den Text eingeschoben werden. Aber auch erzählerisch hält dieser Roman, was der Klappentext verspricht. Dies ist einer Autorin zu verdanken, deren wissenschaftlicher Hintergrund den ganzen Roman hindurch präsent ist. Rebecca Stott, Jahrgang 1964, ist Professorin für Englische Literatur sowie für Creative Writing an der University of East Anglia. Mit «Die Korallendiebin» liegt nun ihr zweiter Roman vor.
Er erstellt einen Katalog über das gesamte Tierreich, eine Beschreibung sämtlicher Arten der Welt. Kein Wunder, dass er überlastet ist. (…) Das muss man sich mal vorstellen – alle Arten dieser Erde werden dort vertreten sein.‘ Was für ein faszinierender Gedanke, meinen Namen unter anderen auf der Titelseite eines dieser Bände zu lesen! (S. 138)
Juli 1815: Napoleon ist auf dem Weg in die Verbannung, das Zeitalter der Restauration beginnt: der 21jährige Anatomiestudent Daniel Connor reist von Edinburgh nach Paris. Im Handgebäck hat er seltene Fossilien und ein Empfehlungsschreiben für den berühmten Baron Georges Cuvier. Er will Cuvier bei dem äußerst ehrgeizigen Projekt als Forschungsassistent zur Seite stehen.
Kurz vor dem Ziel wird eine faszinierende Unbekannte, samt ihrer kleinen Tochter, zu seiner Reisebegleitung. Mit fatalen Folgen, entpuppt sie sich doch als «die Korallendiebin», die sowohl die wertvollen Fossilien als auch Empfehlungsschreiben und private Notizbücher des aufstrebenden Akademikers entwendet. Zurück bleibt ein am Boden zerstörter Daniel, der Hilfe bei Surete-Chef Jagot (angelehnt an die historische Gestalt Vidocqs) sucht. Denn Lucienne Bernard ist Teil eines gesuchten Diebespaares, mit dem Jagot noch eine Rechnung offen hat.
Während Paris den unbedarften Jungen aus der Provinz langsam in seinen Bann zieht, wird die immer wieder auftauchende Lucienne, zu seiner Obsession. Ein undurchschaubares Verwirrspiel beginnt. Dadurch wird eine Entwicklung in Gang gesetzt, die der junge Forscher in seinen kühnsten Träumen nicht erwartet hätte und ihn auf vollkommen neue Pfade führt.
Es gibt einen Hunger, der sich nie stillen lässt. Je mehr man isst, desto mehr will man haben. 1814 in Paris konnte ich nie genug von ihr bekommen, der Diebin, der Korallensammlerin, der Frau, die wusste oder zu wissen meinte, wie die Zeit begann. Ich wurde nie satt von ihr. Ich hätte alles für sie riskiert. (S. 263)
«Die Korallendiebin» vermag von Beginn an eines meisterhaft: den ahnungslosen Leser mit einer unheimlichen Sogkraft in das Paris des beginnenden 19. Jahrhunderts hineinzuziehen. Stott lässt ein Seine-Stadt der Kontraste vor dem Auge des Lesers auferstehen, ein Paris, das noch durch den Geist und die Eroberungen Bonapartes geprägt ist, das vor dem Hintergrund der Revolution unsagbare Grausamkeiten erdulden musste und nun der Restauration, nach dem verloren Krieg mit England, entgegensieht. Die wunderbaren Kunstschätze, die Napoleon auf seinen diversen Feldzügen erbeutet hat, bilden den Ausgangspunkt der unvergleichlichen «Museenpracht» und lassen es zum kulturellen und wissenschaftlichen Zentrum Europas werden. Bis ins Kleinste hat die Autorin diese Stadt in all ihren Facetten und Widersprüchlichkeiten nachgezeichnet. Ein Roman, der mich vor allem durch seinen Lokalkolorit und die damit atmosphärische Dichte in seinen Bann gezogen hat.
‚Sind Sie eine Schülerin des Transformisten Lamarcks?‘
‚Ich war es. Lamarck hat in fast allem recht. Die Arten sind nichts Unveränderliches. Alles ist im Fluss. Die Tiere, die Menschen, die Berge – selbst Kleinigkeiten, Haut, Haare, alles erneuert sich unablässig. Bedenken Sie, woher wir kamen –aus dem Meer, primitive Geschöpfe ohne Augen oder Herz oder Hirn-, und bedenken Sie, was aus uns noch werden kann. Finden Sie das nicht aufregend?‘ (S. 14)
Hinzu kommt der äußerst spannende und kurzweilige wissenschaftliche Diskurs zwischen Transformisten und Homologisten. Wie entstanden die Arten? Was für heute durch Charles Darwins Werk «Über die Entstehung der Arten» Allgemeingut geworden ist, war damals ein höchst ketzerischer Gedankengang. Obwohl bereits Philosophen der Antike wie z.B. Aristoteles Gedanken über die Transformation in den Raum stellten, ist man im Abendland auch 1815 noch tief von religiösen Vorstellungen geprägt. Lamarck und seine Anhänger mit ihrer Entwicklungshypothese wurden als Avantgarde von führenden Wissenschaftlern wie Cuvier belächelt und diskreditiert.
Der große Pluspunkt, der dieses belletristische Werk von der Masse abhebt, ist seine wunderbare Sprache. Anspruchsvoll wird der Leser an diversen Stellen zum Mitdenken und vor allem Nachdenken angeregt. Sehr detaillierte Beschreibungen, ein ungeheure Bildhaftigkeit sowie Lebendigkeit und geistreiche Dialoge machen das Ganze zu einem Leseerlebnis der besonderen Art.

Rebecca Stotts «Die Korallendiebin» ist brillant und lehrreich geschrieben, Fakt und Fiktion sind gekonnt verwoben. Intelligente Unterhaltung auf hohem Niveau!
Neben diesen Vorzügen der Thematik und der atmosphärischen Dichte ist auch Kritik anzumelden: Dies «wunderbare Liebesgeschichte», die der Klappentext verspricht, ist für mich eine «zweischneidige» Sache. So wird für den jungen Daniel die rund 20 Jahre ältere Lucienne doch sehr schnell zu einer «Obsession», die sein Leben für kurze Zeit komplett umkrempelt. (Insofern wieder eine interessante Beziehung zweier grundlegend verschiedener Charaktere, die hauptsächlich auf Faszination durch die Andersartigkeit beruht.) Daniels Lucienne ist dabei zwar eine äußerst interessante Figur, eine «femme exceptionelle», doch auch im Frankreich der Libertinage, in einer Zeit der Freidenker und Avantgardisten erscheint vieles aus ihrer Biografie doch reichlich anachronistisch, vor allem durch die Häufung ihrer ungewöhnlichen Erlebnisse und Reisen. Außerdem erscheint Daniel über weite Passagen denn doch zu zaghaft gezeichnet, um zu überzeugen; Die Spannung leidet dadurch, v.a. im ersten Drittel. Dafür überschlagen sich dann einige Ereignisse gegen Ende hin – hier wäre ein konstanter Spannungsbogen von Vorteil gewesen. Doch alles in allem: Brillant geschrieben, zudem psychologisch durchdacht und ausgefeilt – intelligente Unterhaltung. ▀
Rebecca Stott, Die Korallendiebin (Originaltitel: The Coral Thief), Roman, 352 Seiten, Karl Blessing Verlag, ISBN 978-3896673398
.
.
.
Jens Lapidus: «Mach sie fertig»
.
Krimi-Roman als Milieu-Studie
Marita Robker-Rahe
.
«Mach sie fertig» ist das zweite Buch des Schweden Jens Lapidus. Schon mit seinem ersten Werk «Spür die Angst» hat der Autor Erfolge erzielt; es stand wochenlang auf der schwedischen Bestsellerliste und war 2008 das in Schweden am meisten verkaufte Taschenbuch.
Bei seinem Nachfolger «Spür die Angst» hoffte man auf den gleichen Erfolg. Mir allerdings fiel die Bewertung dieses Buches ziemlich schwer. Im Klappentext des Buches steht «Thriller – brutal, spannend!». Die Attribute brutal und spannend sind durchaus zutreffend – aber als Thriller würde ich diesen Roman nicht bezeichnen, eher als Milieustudie des «neuen Schweden».

Im Zentrum der Krimi-Inszenierung: Sozialdemokrat Olaf Palme, zweimaliger schwedischer Ministerpräsident
Drei Personen bestimmen das Geschehen. Da ist einmal Mahmud, arabischer Herkunft, in den Außenbezirken Stockholms wohnend, in den sogenannten Asylgettos – Brutalität und Drogen bestimmen das Leben dort. Mahmud, der gerade aus dem «Bau» entlassen wurde, wird von Konkkurenten des Drogenhandels «in die Zange» genommen, da er ihnen noch Geld schuldet. Daraufhin läßt er sich von den «Jugos» anheuern, verkauft Drogen für sie, kümmert sich um deren Prostituierte.
Zweiter Protagonist ist Niklas, ehemaliger Söldner, der in den «Sandkästen» des Iraks gekämpft hat: zurück in Schweden findet er keine Aufgabe; mehrere Versuche, sich als Sicherheitsmann in verschiedenen Bereichen anzubieten, schlagen fehl. So sieht er sich als Beschützer und Rächer misshandelter Frauen, macht es sich zur Aufgabe, deren Männer «abzustrafen». Er selbst stammt aus einer Familie, in der Gewalt gegen seine Mutter an der Tagesordnung war. Als eines Tages der ehemalige Freund seiner Mutter im Kelleraufgang des Wohnhauses gefundet wird, wird Polizist Thomas zum Tatort gerufen, Lapidus’ dritte Hauptfigur.
Thomas findet den Ermordeten brutal zugerichtet vor, seine Zähne und Fingerkuppen sind für eine Identifikation nicht mehr zu gebrauchen. Thomas selbst ist ein Gesetzeshüter, der sich seine eigene Moral gestrickt hat: Mit kleinen Deals und beschlagnahmter Ware, die er bei Drogendealern konfiziert hat, bessert er sein Polizistengehalt auf. Als er jetzt das brutal zugerichtete Mordopfer noch einmal in der Gerichtsmedizin aufsucht, stellt er fest, dass das Gutachten des Pathologen nicht ganz vollständig ist. Zusammen mit einem Kollegen der Mordkommission macht er sich daran, die Ungereimtheiten des Mordfalles zu ermitteln. Doch während seiner Recherchen wird ihm immer wieder unmissverständlich klargemacht, dass er seine Finger von diesem Fall lassen soll, doch Drohungen und gar tätliche Angriffe halten ihn nicht davon ab. Als er schließlich abgestraft und zur Verkehrspolizei versetzt wird, übernimmt er einen Zweitjob in einer Stripperbar der «Jugos». Denn seine Recherche gibt er nicht auf – und entdeckt dabei Dinge, die weit in die Vergangenheit Schwedens zurückreichen. Diese drei Hauptfiguren in «Mach sie fertig» treffen schließlich im Showdown aufeinander, jeder mit einer anderen Intension…

Einige der Schilderungen in Lapidus' «Mach sie fertig» widerstreben der landläufigen Auffassung von gutem Geschmack... Allerdings muss dem Autor zugute gehalten werden, dass sein brutaler Erzählstil der Milieu-Sprache genau angepasst ist.
Ich habe mich, zugegeben, teilweise etwas schwer getan mit diesem Buch. Einige seiner Schilderungen widerstrebten schon sehr meiner Auffassung von gutem Geschmack… Allerdings muss dem Autor zugute gehalten werden, dass sein brutaler Erzählstil der Milieu-Sprache genau angepasst ist. Lapidus ist Strafverteidiger, Gewalt, Drogenhandel und Prostitution bilden seine Arbeitswelt – er weiß, worüber er schreibt. Positiv wiederum empfinde ich seine Schilderungen der Probleme von Menschen mit Migrations-Hintergrund; Lapidus schildert sie als Leute, die sich nicht zugehörig fühlen, sondern die schwedische Gesellschaft als Gegner wahrnehmen, der ihr Schicksal mitverschuldet hat. Auch die Orientierungslosigkeit des Exsöldners Niklas und sein Umgang mit Gewalt zeigen, was nicht verarbeitete Traumata ausrichten können.
Ich kann nicht behaupten, dass ich das Buch uninteressant fand, und auch die fiktive Idee, eine Geschichte um Schwedens ehemaligen Ministerpräsidenten Olaf Palme herum zu inzenieren, fand ich nicht schlecht. Allerdings erschien mir «Mach sie fertig» von seiner Grundstimmung her einfach zu destruktiv – und vom Sprachlichen her eher abstoßend. Denn obwohl die Sprache perfekt passt zum beschriebenen Milieu, war mir das über 600 Buchseiten hinweg denn doch zu viel… ▀
Jens Lapidus, Mach sie fertig, Roman, 592 Seiten, Scherz Verlag, ISBN 978-3502101949
.
.
.
.
.
Gerhard Josten: «Aljechins Gambit»
.
Exquisiter Roman um ein unsterbliches Schach-Genie
Thomas Binder
.
Wenn es mir gelingt, einen Roman an einem Tage komplett durchzulesen, ist damit eigentlich schon genug des Lobes gesagt: Gerhard Josten hat es geschafft, mich mit «Aljechins Gambit» für ein paar Stunden an den Balkonstuhl zu fesseln und alles ringsherum vergessen zu lassen. Ich wollte eintauchen in die Mysterien um den vierten Weltmeister der Schachgeschichte Alexander Aljechin – und seinen bis heute nicht völlig geklärten plötzlichen Tod in einem portugiesischen Hotel.
Der Kölner Gerhard Josten (geb. 1938) ist als profunder Schachhistoriker sowie als Autor von Schachproblemen bekannt und geschätzt. Zu beiden Bereichen legte er bereits mehrere Sachbücher vor. Nach «Ein bisschen unsterblich wie Schach» (Roman, 2005) wagt er nun erneut den Spagat zur Belletristik mit schachlichem Hintergrund. Da die Schachwelt auf diesem Gebiet nicht eben mit viel Literatur verwöhnt ist, nehmen wir solche Angebote gerne wahr und freuen uns – zumal wenn sie so gut gelungen sind wie in diesem Fall.
Der Rezensent ging nicht ganz ohne Vorwissen an die Lektüre, hatte sich vor allem bei Edward Winter und in der bei Schachthemen gewöhnlich recht zuverlässigen deutschsprachigen Wikipedia kundig gemacht. Es blieben mehr Fragen als Antworten – und das Erstaunen darüber, dass eine scheinbar so gut bekannte Persönlichkeit nach nicht einmal einem Jahrhundert so viele biographische Unklarheiten offen lässt. So weiß Wikipedia nur von drei Ehefrauen, während das englische Pendant und auch Gerhard Josten deren vier benennen. Auch Aljechins Verstrickung in die politischen Wirren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist rätselhaft und faszinierend zugleich: 1919 von den Bolschewiki zum Tode verurteilt, möglicherweise von Trotzki persönlich gerettet und danach sogar noch als Jurist in Moskau tätig… Später heiratet er eine Schweizer Sozialdemokratin und eine russische Generalswitwe, um gegen Ende seines Lebens sogar in den Verdacht der Nazi-Kollaboration zu geraten.

Legendäres Bild eines legendären Todes einer Legende: Der tote Aljechin (angeblich erstickt in einem Lissaboner Hotel an einem Stück Fleisch - März 1946)
Um dieses Lebensende ranken sich nun zahlreiche Spekulationen, die auch den Ausgangspunkt der Handlung in Jostens neuestem Buch bilden. Bekannt ist, dass Alexander Aljechin am 24. März 1946 mit nur 53 Jahren unerwartet in einem Hotel des portugiesischen Seebades Estoril bei Lissabon verstarb. Das Foto des tot in einem Sessel zusammengesunkenen Weltmeisters gehört zum Kanon der Schachgeschichte.
Die offizielle Erklärung spricht davon, er sei beim Essen an einem Stück Fleisch erstickt. Ausgerechnet das weit verbreitete Foto nährt die Zweifel an dieser Version: Das vor ihm platzierte Essgeschirr ist leer und sauber. Der Leichnam lässt keine Zeichen eines Todeskampfes erkennen und trägt zudem einen dicken Wintermantel. Da ist es naheliegend, andere Todesursachen anzunehmen – zumal sich mit etwas Phantasie auf allen Seiten des schachlichen wie weltpolitischen Spektrums Ansatzpunkte für Verschwörungstheorien finden lassen, ganz abgesehen von einer möglichen Depression angesichts der eigenen wirtschaftlichen Lage und des absehbaren Endes der Herrschaft als Schachweltmeister. Zu den Protagonisten der Mord-Thesen gehört der kanadische Großmeister Kevin Spraggett, der sich intensiv mit der Angelegenheit beschäftigte.
Unser Buch kommt in den ersten acht Kapiteln als eine klassische Kriminalerzählung daher. Es begegnen uns u.a. ein ehrgeiziger Kriminalkommissar, den der Fall weit mehr interessiert als dienstlich nötig, sein etwas begriffsstutziger Mitarbeiter, ein undurchsichtiger Hotelportier und eine attraktive Inspektorin in der Lissaboner Polizeizentrale. Wenn Ihnen das alles irgendwie bekannt vorkommt, lesen Sie vermutlich nicht ihren ersten Kriminalroman und erkennen, dass wir es hier eben mit einfachem aber gut gemachtem Krimi-Schriftsteller-Handwerk zu tun haben. Das Ganze ist flüssig zu lesen und lässt niemals Langeweile aufkommen. Der Autor verzichtet darauf, komplizierte Seitenstränge in die Handlung einzuflechten, arbeitet sozusagen «geradeaus» die Geschichte ab. Ist das vielleicht ein «schachliches» Denkmuster? Sei´s drum – der an Schach(geschichte) interessierte Leser kommt auf jeden Fall auf seine Kosten und wird das Buch nicht aus der Hand legen, solange er auf eine Lösung des Aljechin-Mysteriums hofft.

Gerhard Josten nimmt den bis heute ungeklärten Tod des vierten Schachweltmeisters Alexander Aljechin als Ausgangspunkt für einen klassischen Krimi. Kein S(ch)achbuch also, sondern ein höchst spannender Roman, der geeignet ist, die Schachspieler für eines der geheimnisvollsten Themata der Schachgeschichte zu interessieren.
Diese präsentiert Josten dann in den beiden letzten Abschnitten. Hier soll natürlich nicht verraten werden, wie die Geschichte ausgeht. Nur so viel: Der Autor und seine handelnden Personen gehören offenbar zu den Zweiflern an der offiziellen Todesursache. Letztlich schlägt sich Josten aber nicht auf die Seite einer der etablierten Theorien, sondern präsentiert eine eigene Lösung, bei der ein letztes Mal Aljechins Genialität auch außerhalb des Schachbretts aufzublitzen scheint. Der Titel des Buches «Aljechins Gambit» erhält plötzlich eine ganz unerwartete Bedeutung.
Jostens «Lösung» ist sicher kein ernsthafter Beitrag zur Diskussion um Aljechins frühen Tod und dessen ungeklärte Umstände. Sie erscheint dem Rezensenten nicht plausibler als andere Theorien, aber sie ist und bleibt eine erfrischende literarische Aufarbeitung des Themas und lenkt vielleicht das Interesse einer größeren Leserschaft auf das schachhistorische Mysterium und die in vieler Hinsicht faszinierende Persönlichkeit des vierten Schach-Weltmeisters. ■
Gerhard Josten, Aljechins Gambit – Roman, Verlag Helmut Ladwig, 150 Seiten, ISBN 9783941210349
.
.
.
.
.
Annelen Kranefuss: «Matthias Claudius – Biographie»
.
«Originell und unverwechselbar»
Günter Nawe
.
«Denn dieses scheint die Hauptaufgabe der Biographie zu sein, den Menschen in seinen Zeitverhältnissen darzustellen, und zu zeigen, inwiefern ihm das Ganze widerstrebt, inwiefern es ihn begünstigt, wie er sich eine Welt- und Menschenansicht daraus gebildet…», so Goethe. Nichts anderes hat Annelen Kranefuss mit der jetzt vorliegende Biografie über Matthias Claudius getan. Eine Biografie, die das Zeug hat, zum Standardwerk zu werden. Es ist übrigens die erste umfassende Biografie seit über siebzig Jahren, die sich dieses Mannes annimmt, der als Journalist, als Dichter, als homme de lettres und als Redakteur des «Wandsbecker Bothen» Literaturgeschichte geschrieben hat.
Matthias Claudius hat nur ein schmales Werk hinterlassen, aus dem das berühmte «Abendlied» («Der Mond ist aufgegangen…») im Bewusstsein der Nachwelt besonders herausragt. Dass dieser Claudius mehr war – Annelen Kranefuss zeigt es uns mit einer sehr geglückten Gesamtschau von Person, Werk und Zeit. Die Autorin, langjährige Kulturredakteurin beim Westdeutschen Rundfunk in Köln, hat Germanistik, Anglistik und Theologie studiert. Aus ihrer Dissertation über Matthias Claudius ist die großartige Biografie über den «bekannten Unbekannten» entstanden. Sachlich, aber auch leidenschaftlich und mit viel Sympathie für Claudius ist Annelen Kranefuss akribisch seinen Lebensspuren gefolgt. Sie macht überzeugend deutlich, wie Claudius «seine Rolle im Laufe seines Lebens ausfüllt, wie er mit ihr spielt, sie in Literatur und Publizistik verwandelt, auch das macht seine Gestalt in der Geschichte der Literatur und Kulturgeschichte aus».
Dabei räumt Annelen Kranefuss mit einigen Legenden auf. So, dass Claudius sein Studium in Jena abgebrochen habe. «Claudius verlässt die Universität….mit dem ‚guten Titel étudiant en droit’», weiß die Autorin. Sie weiß aber auch, dass es immer noch weiße Flecken in der Biografie des Dichters gibt. Zum Beispiel die drei Jahre im Reinfelder Elternhaus (1765-1768).
In Reinfeld wird Matthias Claudius am 15. August 1740 geboren. Danach Lateinschule und Studium in Jena. 1763 erscheint sein Erstlingswerk «Tändeleyen und Erzählungen».
1768 beginnt seine journalistische Tätigkeit als Redakteur der «Hamburgischen-Addreß-Comtoir-Nachrichten». !772 heiratet Claudius Rebecca Behn. Zwölf Kinder sollte sie ihm gebären – und seine große Liebe sein, der der Familienmensch und Kinderfreund einige seiner schönsten Gedichte gewidmet hat.
Claudius kommt mit den Aufklärern Herder und Lessing und anderen Berühmtheiten der Zeit zusammen. 1771 dann Umzug nach Wandsbek, das zu seinem Lebensmittelpunkt werden sollte. Von 1771 bis 1775 arbeitet Claudius als Redakteur beim «Wandsbecker Bothen». 1775 erscheint »ASMUS omnia sua SECUM portans oder Sämmtliche Werke Werke des Wandsbecker Bothen». Es sollte das Werk werden, das Claudius beliebt und berühmt macht. Das politische Geschehen wird ebenso kommentiert, wie «gelehrte Sachen» notiert und religiöse Themen behandelt wurden. Gedichte werden veröffentlicht und ein fiktiver Briefwechsel mit Freund Andres. Durch Claudius wurde der «Wandsbecker Bothe» zu einem Vorläufer des späteren Feuilletons.
1776/177 eine kurze Episode in Darmstadt und wieder Rückkehr nach Wandsbek. Es folgen Übersetzungsarbeiten und die Fortsetzung des ASMUS. 1784 reist Claudius nach Schlesien und Weimar. 1813 muss nach Schleswig-Holstein und Lübeck fliehen. 1814 ist er wieder in Wandsbek, wo er am 21. Januar 1815 stirbt.

Mit ihrer Claudius-Biografie ist Annelen Kranefuss eine geglückte, lebhaft geschriebene und hervorragend zu lesende Gesamtschau von Person, Werk und Zeit gelungen.
Claudius hat gegen Klischees angeschrieben, einen eigenen Stil kreiert – «originell und unverwechselbar». Er stand an der Schwelle zwischen Tradition und Moderne. Hinter der bewusst zur Schau getragenen Naivität verbarg sich eine komplexe Persönlichkeit. Er war im Kleinen groß – und verkörperte wie kaum ein anderer die Einheit von Schriftsteller und Person. Annelen Kranefuss hat ihn und sein Werk in den historischen Kontext gestellt. Sie ist damit Goethes Anforderung an eine Biografie im besten Sinne gerecht geworden.
Und sie hat Matthias Claudius den Platz zugewiesen, der ihm gebührt. Gleichzeitig hat sie mit ihrer lebhaften, hervorragend zu lesenden Biografie Matthias Claudius einer literarisch interessierten Öffentlichkeit wieder näher gebracht. ■
Annelen Kranefuss: Matthias Claudius – Eine Biographie, 320 Seiten, Hoffmann und Campe, ISBN 978-3-455-50190-2
.
Lesen Sie auch unser Interview mit der Biographin Annelen Kranefuss
.
.
.
Stefan Frank: «Du musst immer gleich wieder schreiben…»
.
Ein Plädoyer fürs Briefeschreiben
Christian Busch
.
«Dir zu gefallen liegt mir mehr am Herzen als Gott zu gefallen. […] Ist mein Selbst nicht bei Dir, so ist es nirgendwo.» So erwiderte Heloise 1121 aus dem Kloster Argenteuil die erotisch-leidenschaftlichen Briefe ihres früheren Lehrers Abaelard, der nach seiner Entmannung durch Heloises Vormund Fulbert in die Abtei Saint-Denis eingetreten war. 1761 inspirierten diese Briefe den französischen Philosoph-Literaten Jean-Jacques Rousseau zu seinem Briefroman «Julie ou La nouvelle Héloise», welcher wiederum die Blütezeit des Briefromans im 18. Jahrhundert einleitete. Innerer Reichtum, gesteigerte Empfindsamkeit, das hohe Lied der Liebe in intimen Geständnissen und von gesellschaftlichen Schranken und Konventionen ungetrübte, freie und bar jeder Vernunft ihren Ausdruck findende seelische Kraft zeichnen diese Gattung bis heute aus: «Ach, könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papier das einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt, dass es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist der Spiegel des unendlichen Gottes», klagt Goethes Werther (1772), bevor seine Briefe den Untergang seiner in ihrer bedingungsloser Liebe zu Lotten gefangenen Seele dokumentieren.
Da der Zeitlosigkeit des Schicksals der Liebenden jedoch auch die Bindung an ihre Zeit entspricht, durfte man neugierig auf Stefan Franks (*1972) literarisches Debüt «Du musst gleich wieder schreiben… – Eine Liebe in Briefen» sein. Hier lernt das Ich, ein scheinbar Gefühlen und der Liebe unbedarft gegenüberstehender Single, auf einer Vernissage eine faszinierende Frau kennen, die er nicht mehr loslassen möchte. Sie verbringen vier Stunden miteinander, in denen sie ihn bei der Erklärung ihrer Kunstwerke in ihren Bann zieht. Wie betäubt ist er noch, als Juliane ihn auf seine Bitte hin sie wiederzusehen, «Warum?» fragt und von ihm fordert, sich ihr zu öffnen. Schreiben solle er ihr. Briefe. Keine SMS, keine Mail. Briefe.
Soviel zum vielversprechenden Prolog. Doch anstatt sich hinzusetzen, stöbert er in alten Kisten die Liebeskorrespondenz von Karin (21) aus Wusterhausen und Robert (22) aus Leipzig von August 1971 bis Juni 1972 auf. Sie soll ihm helfen seine Schreib- und Gefühlsbarrieren zu überwinden. Dieser Briefwechsel – nur von wenigen dazwischen geschobenen Briefen des Ichs unterbrochen – bildet nun den eigentlichen Briefroman, der neben einer wachsenden, innig-herzlichen liebevollen Verbundenheit auch viel Alltägliches (Zugfahrten, Wartezeiten, Prüfungsvorbereitungen, Stimmungsschwankungen, Hochzeitsvorbereitungen etc.) – leider in oft banaler Weise (und Sprache) – behandelt. Dabei entsteht auch ansatzweise ein Bild, das oberflächig den Alltag und die Gesellschaft der DDR in den 1970er Jahren widerspiegelt.

Leider reicht Stefan Franks Erstling «Du musst immer gleich wieder schreiben…» für ein gelungenes literarisches Debüt nicht aus: Zu flach, zu banal-belanglos plätschert der Text oft dahin. Immerhin: Streckenweise durchaus ein überzeugendes Plädoyer fürs Briefeschreiben, gegen SMS und E-Mail...
Im Zentrum jedoch steht die – leider so gar nicht ungewöhnliche – Liebe der räumlich getrennten Liebenden, das herzliche Einverständnis, das niemals poetische, intime oder erotische Blüten trägt (Angst vor Postüberwachung durch die Stasi?), nur immer das Bemühen um harmonische Verbundenheit, schließlich die gemeinsame Freude von «Sternling» und «Liebstling» über den kommenden Nachwuchs, den «Kleinstling». Literarisch wesentlich interessanter sind da schon die unter dem Einfluss der Lektüre stehenden Briefe des Ichs an Juliane, in denen er sich dem Phänomen Liebe nähert: «Es zerrt die Schleier vom Ich – es klärt das Spiegelbild. […] Es steht vor den Wällen, den Blick fest auf den kirschkerngroßen Hort der Wärme gerichtet. Die Zeit allein wird zeigen, ob die Wälle brechen oder sich öffnen. […] Und ich? Ich in das Kampfgebiet, das Universum, das allumfassende Toben, grad erzittert. Außen ein Fels, innen eine Spinnwebe.» Denn da ist die Angst, die Angst vor der Leere: «…gibt es eine größere Leere als die, die Menschen in Deinem Herzen hinterlassen, die dort einen Platz hatten, den sie nicht mehr wollten?» Ist es die Angst, die ihn über Treue, Routine und den unseligen Moment, das Ende des Verliebtseins sinnieren lässt, bis er über das Schreiben zur behutsamsten Annäherung («Mein Leben – mein geliebtes Ruinenfeld») an sich selbst gelangt? Jetzt ist die Kontaktaufnahme möglich: «Aber das bin ich. Und wenn du magst, schreib mir jetzt zurück.» Hier ist der Roman ein überzeugendes Plädoyer für Briefe und gegen SMS und E-Mail, doch leider nur in diesen Passagen.
Davon hätte sich der Leser mehr gewünscht. Denn insgesamt reichen die vielversprechenden Ansätze leider für ein gelungenes literarisches Debüt (noch) nicht aus. Zu flach, zu banal-belanglos, eintönig und einfältig plätschern die Briefe von Robbi und Sternli über 200 Seiten dahin und untergraben die innere Spannung, die durch die Rahmengeschichte und durch die eingeschobenen Briefe des Ichs durchaus geschickt aufgebaut wird. Schade! Aber vielleicht gibt es ja eine Fortsetzung? Hoffen wir, dass Juliane antworten wird… ■
Stefan Frank, Du mußt immer gleich wieder schreiben – Eine Liebe in Briefen, 240 Seiten, Mitteldeutscher Verlag, ISBN 978-3-89812-786-8
.
.
.
Bösel/Pudill/Schäfer (Hg): «Denken im Affekt»
.
Denken ohne Effekt
Michael Magercord
.
Denken und Affekt wollen im Abendland nicht mehr zusammenkommen. Doch sollten diese beiden grundlegenden menschliche Regungen nicht letztlich immer zusammen betrachtet werden? Gehören sie nicht sogar zusammen?
Dies jedenfalls meinen die jungen Wiener Philosophen, die sich als Autoren des Bandes «Denken im Affekt» zusammengefunden haben. Ihre Abhandlungen sind recht unterschiedlich gestaltet: von der theoretischen Herleitung der eigenen Überzeugung über die Aussagen früherer Philosophen bis zum Versuch, sich schreibend dem gedanklichen Affekt auszusetzen, reicht die textliche Herangehensweise an das Titelthema.
Die Erkenntnis, dass Gefühle in unserer rationalen abendländischen, ja kartensischen Welt eher – wie es im Buch heißt – «infantilisiert» werden, ist nicht neu, sie begleitet die Aufklärungskritik schon seit ihrem Beginn. Doch unbeirrt schreibt Mitherausgeber Bernd Bösel im Vorwort: «Wir brauchen eine Philosophie, die es wagt, im Affekt zu denken.»
Aber wozu? Philosophische Texte sollten nach Möglichkeit mehr sein, als eine bloße Wiedergabe schon erkannten. Und tatsächlich soll das neuentdeckte Denken im Affekt nach der Vorstellung der Autoren zu etwas führen, nämlich zu einer neuen Subjektsouveränität im Umgang mit dem Affekt – und demnach eben auch mit dem Denken. Auch ein Philosoph will von seinen eigene Ideen überfallen werden, heißt es weiter im Buch.
Einige der Autoren – wagemutig sind sie, sich darauf einzulassen, das immerhin sollte man ihnen zugestehen – lassen sich von ihren vermeintlich affektösen Gedanken leiten und schreiben im Selbstversuch munter drauf los. Doch den hohen Anspruch kann der Affekt nicht einlösen. Die textlichen Versuche in diesem Buch scheitern kläglich daran beides, Affekt und Denken, schreibend zu etwas Weiterführendem zu verbinden. Mehr als ein paar nette Sätze kommen dabei nicht hinaus. Und dem leidigen Leib-Seele-Problem dadurch beizukommen, dass man das ganze dann als «Textkörper» bezeichnet, erscheint doch eher als semantischer Schnickschnack. Oder ist hier die Philosophie als Therapie gemeint? Dann ist die Frage erlaubt, wie diese Schreibereien nun die Souveränität über sein Selbst fördern sollen.
Vielleicht hätten die Autoren ihren Blick eher auf außereuropäische Denktraditionen lenken und vor allem den oralen Kulturen Gehör schenken sollen. Es gibt dazu bereits hoffnungsvolle Versuche, sich über philososophische Betrachtungen diese unverschrifteten Denkweisen für die Aufklärungskritik nutzbar zu machen. Zu erinnern gilt es hier an die Werke von Mamoussé Diagne sowie die Untersuchungen von Cheikh Moctar Ba, die beide am Lehrstuhl für afrikanische Philosophie an der Universität Dakar im Senegal lehren.
Und doch: Die Autoren und ihr Buch berührt immerhin einen tatsächlichen Mangel im abendländischen Umgang mit dem Gefühl oder dem Denken, dass darin verhaftet ist. Es ist nur der falsche Hebel, an dem sich die Texte abmühen. Denn es wurde ja vermutlich noch nie soviel über Gefühle im öffentlichen Raum dahergelabert, wie heute im medialen Raum, worin man dann allerdings von «Emotionen» spricht. Und doch lässt sich ein eklatantes Fehlen einer wirklichen Diskursfähigkeit über Gefühle im politischen und gesellschaftlichen Raum konstatieren, wie in Deutschland die Auseinandersetzung um das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 gezeigt hat:

Das Buch «Denken im Affekt» spricht ein wichtiges Thema an, schreibt aber an ihm vorbei. Es bleibt zu hoffen, dass dieses nur ein Anfang ist, eine Schreibübung vielleicht, woraus sich in Zukunft mehr entwickelt – denn die Behandlung des Themas vor allem im politischen und gesellschaftlichen Raum ist dringender denn je. So aber wie bislang in diesem Buch kommt man in dem Bemühen nicht weiter.
Zur Schlichtung der Gemüter über umstrittenen Bahnhofsneubau wurde etliche Gesprächsrunden mit Experten aller Art und von allen Seiten veranstaltet, die als «Schlichtung» bekannt geworden sind. Alle Aspekte wurden darin debattiert, von den Taktzeiten der S-Bahn bei unterschiedlichen Gleislängen und Gleiszahlen bis hin zur Dichte und Grundwasserführung des Gipskeupers bei Tunnelbohrungen. Aber es fiel darin kein Wort über den vielleicht wichtigsten Anlass, aus dem heraus sich soviele Menschen gegen den Bau des Megaprojektes gewandt hatten: Denn es ist wohl die komplette Veränderung des Lebensumfeldes, die mit dem Bau einhergeht, die das Unbehagen auslöst. Die affektierte Verbundenheit mit dem alten Bahnhof oder die Unlust, in Zukunft nur noch unterirdisch in einem Shopping-Centre anzukommen anstatt in der gewohnten Umgebung sind zwei Dinge, die bei der Schlichtung nicht angesprochen worden sind, weil es vermutlch dafür keine Sprache gibt in einer ach so sachlichen Entscheidung über Infrastrukturprojekte. Oder anders ausgedrückt: Aus dem Volk der Dichter und Denker wurden die Schlichter und Rechner.
Doch gerade diese Auseinandersetzung, die nun sogar den Ausgang der Landtagswahlen im deutschen Bundesland Baden-Württemberg bestimmt hat, zeigt dass Gefühle im politischen Raum nicht notgedrungen mit irrationalen Ängsten gleichbedeutend sind, etwa vor Fremdartigen und Andersgläubigen, wie immer gegen jede Rücksichtnahme auf derartige Affekte ins Feld geführt wird. Doch dabei ist es erst diese Negation der berechtigten Gefühle in den politischen und gesellschaftlichen Prozessen, die diese Ängste sogar meist zu erzeugen.
Nein, nicht am Ausdrücken von Gefühlen und dem Denken in – nennen wir es also nochmals neudeutsch: Emotionen fehlt es. Aber es hakt beim Diskurs über sie, sowie an der Rücksichtnahme im politischen Raum auf sie und ihrer Einbeziehung in die entsprechenden Entscheidungen. Das zu beheben, bedürfte es aber gerade einer analytischen Betrachtung auf Gefühltes und Gedachtes, doch dazu leisten die in diesem Sammelband erschienenen theoretischen Texte und Textversuche leider keinen Beitrag. Sie sind nur eine Wiederholung der Aufklärungskritik, die so alt ist wie das aufklärerische Denken selbst. Das Glücksgefühl der weiterführenden Erkenntnis vermittelt dieser Band jedenfalls nicht. ●
Bernd Bösel / Eva Pudill / Elisabeth Schäfer (Hg): Denken im Affekt, Passagen Verlag Wien, 188 Seiten, ISBN 9783851659566
.
.
.
Peter Höner: «Gynt»
.
Alle spielen Rollen – im Theater und im Leben
Günter Nawe
.
Peer Gynt – wer kennt es nicht, das großartige dramatische Gedicht des Henrik Ibsen. Diese Geschichte von der Möglichkeit unterschiedlicher Lebensentwürfe, vom Spiel mit dem Schein und der Flucht in die Lüge. «Ibsens Höllenparabel» – wie Peter Höner schreibt.
Peer Gynt also, wie er einmal beschrieben wurde: als «ein Kerl für sich. Das war ein Abenteurer und Lügenschmied, wie er im Buche steht». Dieses dramatische Gedicht hat sich Peter Höner zum «Vorbild» genommen für seinen neuen Roman, der bezeichnenderweise im Theatermilieu spielt und den Titel «Gynt» trägt.
Peter Höner (Jahrgang 1947) kommt aus der Szene. Er hat als Schauspieler in Hamburg, Bremen, Berlin und Basel gearbeitet. Weitere berufliche Stationen: freischaffenden Schriftsteller und Regisseur. Lesenswert seine Kriminalromane «Seifengold», «Das Elefantengrab» und «Wiener Walzer» – sowie der zuletzt erschienene Roman «Am Abend, als es kühler wurde». Und jetzt «Gynt» – die Geschichte um die die berühmte Frage: «Wer bin ich?». Die Schauspielerin Johanna Hatt in Wien grübelt darüber, wie sie ihre Rolle als Geliebte Solveig anlegen soll. Und ihr Freund Daniel Tauber inszeniert in der Schweiz das gleiche Stück mit Jugendlichen.
Beide «Inszenierungen» wachsen sich zu einer Auseinandersetzung mit dem Theater und über das Theater aus, in dessen Welt Höner den Leser auf sehr authentische Art entführt. Er gerät – wie auch die Personen des Romans – zunehmend in den Sog des Theaters, unterliegt seiner Faszination.
Alle Beteiligten – Johanna und Daniel, Anita und Jakob, Luka und Alisa, Felix und Sarina, Miriam und Severin – nehmen ihre eigene Wirklichkeit mit in das Theater und in das Stück: ihre Hoffnungen und ihr Scheitern, Utopien und Gewissheiten, jugendliches Schwärmen und die Rebellionen des Alters. Und alle spielen Rollen – auf dem Theater und im Leben, Konflikte zwischen beidem inbegriffen. Oder anders: Die Welt ist ein Theater und das Theater die Welt!
Auf jeden Fall verändert sich bei bei der Arbeit an dem Stück, schon fast zwangsläufig, das Stück selbst – und es verändern sich die Schauspieler. Diesen psychologischen Prozess lässt Höner den Leser miterleben, indem er in den einzelnen Kapiteln die verschiedene Sichtweisen nicht nur verdeutlicht, sondern ihnen – wie im Peer Gynts Beispiel von der Zwiebel – Schicht für Schicht auf den Grund geht. Höner gelingt dies auf sehr subtile Weise: durch den Perspektivenwechsel, aus denen heraus erzählt wird, mit sprachlichen Mitteln, die dem Autor in allen Facetten zur Verfügung stehen, durch eine spannende Inszenierung.
Konnte das also gut gehen, was Tauber sich vorgenommen hatte? Heißt es doch, dass sich «die Welt der Pubertierenden nicht auf ein Theaterstück aus dem vorletzen Jahrhundert beschränkte», sondern andere Ausdrucksformen hat. Er, der Regisseur Tauber, musste daran scheitern. «Er brandmarkte einen flunkernden Schelm als üblen Lügner, aber der eigenen Lebenslüge stellte er sich nicht». Und so verändern sich die Jugendlichen wie auch die Alten, deren vermeintliche Gewissheiten auf den Prüfstand kommen.
«Vom Erfolg war kaum die Rede, dafür vom Scheitern.» – Scheitern an sich, an den anderen, am Stück. So gibt es Selbstmord, es gibt Hass auf sich selbst und untereinander. Es gibt Verzweiflungen an der Rolle und an sich selbst. Es gibt Gleichgültigkeit. Und es gibt die Liebe. Allerdings wird Gynts Frage «Wer bin ich?» am Ende immer noch nicht beantwortet. Oder doch? Ist die Liebe ein Bleibendes und gewiß?

Was hat Peter Höner mit «Gynt» geschrieben? Einen Theaterroman. Einen Liebesroman und eine faszinierende psychologische Studie. Einen Generationenroman - und ein sehr lesenswertes Buch.
Der Schluss des Romans gibt vielleicht ein wenig Aufschluss. «Johanna hat ihre Hand auf den Arm Julias gelegt. ‚Sie spielen die Solveig?’, fragte das Mädchen. ‚Ich auch. Allerdings nur die blinde. Eine schwierige, aber auch eine schöne Rolle…’. Sie lächelte und drehte sich nach Julia um.»
Und dann geht es um einen Satz von Ibsen, den Solveig verstanden hatte, Julia erst einmal nicht und dann doch: «Die ungesungenen Lieder sind stets die schönsten.»
Was hat Peter Höner geschrieben? Einen Theaterroman. Einen Liebesroman und eine faszinierende psychologische Studie. Einen Generationenroman – und ein sehr lesenswertes Buch. ●
Peter Höner: Gynt, Roman, 284 Seiten, Limmat Verlag, ISBN 978-3-85791-623-6
.
.
.
.
Hilde Kernmayer (Hg.): «Schreibweisen Poetologien» (Bd.2)
.
Literarische Selbstreflexion österreichischer Autorinnen
Sigrid Grün
.
Der zweite Band aus der Reihe «Schreibweisen Poetologien» widmet sich dem Schreiben von 15 zeitgenössischen österreichischen Schriftstellerinnen. Jede Autorin reflektiert zunächst selbst über den persönlichen Schreibprozess, die bevorzugten Themen und eigene Verfahrensweisen. Dieses Nachdenken über das Schreiben vollzieht sich in Form von Essays, Reden, Interviews oder poetisch verdichteter Lyrik, wie etwa bei Gertrude Maria Grossegger, die das Schreiben mit dem «in den keller gehen» vergleicht: «ein muss und ein unbehagen zuerst / und dann ein tiefes eintauchen und ein nicht anders können / und ein nichts anderes können als das und ein nachschauen / und ein immerwährendes nachschauen was alles im keller ist und was alles / nicht mehr ist». Die Autorin beschreibt hier das Schreiben und liefert damit eine «Beschreibung der Beschreibung», wie sie an anderer Stelle formuliert: «kreiselsprache/ das schreiben kreist um die beschreibung der beschreibung.»
Die Germanistin Alice Boltenauer wiederum fügt dieser Beschreibungsschnecke noch eine weitere Windung hinzu, wenn sie in ihrem Kommentar zu Grosseggers poetologischem Gedicht die Beschreibung der Beschreibung der Beschreibung liefert.
So kompliziert kann es klingen, wenn sich Schriftstellerinnen Gedanken über die eigene Arbeit machen. Dabei ist es so kompliziert eigentlich nicht – man muss den Ausführungen der Autorinnen nur aufmerksam folgen und die jeweils nachfolgenden Kommentare und Analysen lesen, die verschiedene Literaturwissenschaftler verfasst haben, um den Zugang zum Werk der 15 zeitgenössischen Schriftstellerinnen zu erleichtern.
Neben weit über die österreichischen Landesgrenzen hinaus bekannten Autorinnen wie etwa Ilse Aichinger (*1921), Elfriede Jelinek (*1946) oder Kathrin Röggla (*1971) findet man auch Texte von Autorinnen, die nicht ganz so bekannt, aber im Hinblick auf ihre poetologischen Konzepte mindestens genau so interessant sind – und auf alle Fälle den Wunsch beim Leser wecken, sich vertieft mit ihrem Werk zu beschäftigen. Neben der bereits zitierten Gertrude Maria Grossegger (*1957), sind dies auch Elfriede Kern (*1950), Erika Kronabitter (*1959), Christa Nebenführ (*1960), Birgit Pölzl (*1959), Marianne Fritz (*1948), Lisa Spalt (*1970), Sissi Tax (*1954), Olga Flor (*1968), Marianne Gruber (*1944), Sabine Gruber (*1963) sowie Evelyn Schlag (*1951).
In ihrem Essay «Poetologien» setzt sich Elfriede Kern etwa mit der Schaffung einer Vielfalt von Identitäten im Internet auseinander. Wer ist man als Autor, wenn man alles und jeder sein kann? Mann oder Frau, oder keines von beiden?

Das Buch bietet einen faszinierenden Einblick in die Vielfalt der zeitgenössischen österreichischen (weiblichen) Literatur. Die den poetologischen (und poetischen) Texten nachgeordneten literaturwissenschaftlichen Analysen ergänzen und vertiefen dabei hervorragend. Für literaturwissenschaftlich Interessierte ein inspirierendes Buch, das sicher auch zur Beschäftigung mit außerhalb von Österreich eher unbekannten Autorinnen anregt.
Die Autorinnen reflektieren häufig normierte Sprachmustern und hinterfragen diese tradierten Sprach- und Denksysteme. Als Leser streift man durch die Textuniversen der Schriftstellerinnen und freut sich über das ungeheure sprachliche Potenzial, das hier – ganz abseits von leicht konsumierbarer Massenware – freigesetzt wird. Das Buch bietet einen faszinierenden Einblick in die Vielfalt der zeitgenössischen österreichischen (weiblichen) Literatur. Die den poetologischen (und poetischen) Texten nachgeordneten literaturwissenschaftlichen Analysen ergänzen und vertiefen dabei hervorragend. Für literaturwissenschaftlich Interessierte ein inspirierendes Buch, das sicher auch zur Beschäftigung mit außerhalb von Österreich eher unbekannten Autorinnen anregt. ●
Hilde Kernmayer (Hg.): Schreibweise Poetologien 2 – Zeitgenössische Literatur von Frauen, 472 Seiten, Milena Verlag, ISBN 978-3852861920
.
.
.
Arne Dahl: «Opferzahl»
.
Ein Krimi, so komplex wie spannend
Marita Robker-Rahe
.
Jan Arnald, dem Krimileser besser unter dem Pseudonym Arne Dahl bekannt, ist nicht nur Autor einer Reihe herausragender schwedischer Krimis, sondern auch Redakteur zweier Literaturzeitschriften und Literaturkritiker. Die Freunde dieses Autors kennen seinen unverwechselbaren Schreibstil, der sich durch sprachliche Vielschichtigkeit auszeichnet, so auch in seinem neuen Werk «Opferzahl».
Nach Amerika und Europa hält der Terrorismus auch in Schweden Einzug. Ein Bombenattentat auf einen Einsatzwagen der grünen U-Bahnlinie fordert zehn Opfer. Der erste Gedanke läßt sofort einen Angriff von islamistischen Terroristen vor den Augen der Leser entstehen. Als sich dann eine islamistische Vereinigung namens «Siffins heilige Ritter» zu diesem Anschlag bekennt, scheint der Gedanke sich in Realität zu verwandeln. Die (dem regelmäßigen Dahl-Leser schon bekannte) «A-Gruppe» versucht, in mühevoller Kleinarbeit die einzelnen Mitglieder dieser Vereinigung aufzuspüren, um dann festzustellen, dass letztere nach und nach liquidiert wird. Wer also steckt hinter dem Anschlag?
Der neue Krimi von Arne Dahl beginnt recht undurchsichtig. Viele Personen werden vorgestellt, Kompetenzrangeleien bestimmen neben der Beschreibung des blutigen Attentats die ersten Seiten. Wer sich davon aber nicht abschrecken läßt, wird mit einer ausgeklügelten Geschichte und einer enorm spannenden Ermittlung belohnt, die mit einem überraschenden Finale endet. Bei Arne Dahl hat man immer das Gefühl, dass er aus einer unerschöpflichen Anzahl an Töpfen, die bereitstehen, seine Ideen schöpft und sie wie ein Bilderpuzzle Teil für Teil zu einem Ganzen zusammenlegt. Die Spannung, die dabei entsteht, hält den Leser bei der Stange.

Arne Dahls Krimi-Protagonisten werden von Buch zu Buch reifer, vielschichtiger. Außerdem erhält der Leser Einblick in die Kleinarbeit der Ermittlungen, darf teilhaben an den manchmal sogar philosophischen Gedankengängen der einzelnen Ermittler. - Einer der besten Dahl-Romane bisher, und einer, den man Seite für Seite genießen sollte.
Dabei legt Dahl bei seinen Romanen stets sehr großen Wert auf die Beschreibung seiner Ermittler, ihrer Probleme, persönlichen Befindlichkeiten und ihrer Entwicklungen. So erscheinen seine Protagonisten nicht eindimensional, sondern werden von Buch zu Buch reifer, vielschichtiger, bleiben aber mit ihren kleinen Macken doch immer menschlich. Außerdem erhält der Leser Einblick in die anstrengende Kleinarbeit der Ermittlungen, darf teilhaben an den manchmal sogar philosophischen Gedankengängen der einzelnen Ermittler.
Einer der besten Dahl-Romane bisher – und einer, den man Seite für Seite genießen sollte. ●
Arne Dahl, Opferzahl, Kriminalroman, 448 Seiten, Piper Verlag, ISBN 978-3492049689
.
.
___________________________________
Geb. 1958 in Osnabrück/D, im medizinischen Bereich berufstätig, Stadtführerin in Osnabrück, zahlreiche Belletristik-Rezensionen auf Online-Portalen, lebt in Belm/D
.
.
Boris Kálnoky: «Ahnenland»
.
«Wir stehen auf den Schultern unserer Ahnen»
Günter Nawe
.
«Vielleicht ist es meine Aufgabe, Hugós Geschichte zu erzählen… Hugó, ich verspreche Dir, mein Bestes zu geben… Es müsste, wenn es Dir recht ist, zugleich die Geschichte des Paradieses auf Erden sein… und die Geschichte Deiner Familie, auch jener, die vor Dir waren und nach Dir kamen.»
Wer dies sagt und schreibt, ist der Autor eines großartigen Epos’ über eine 800-jährige Familiengeschichte; eine europäische Geschichte, die sich im Gebiet des früheren Österreich-Ungarn-Siebenbürgen abgespielt hat und noch abspielt. Boris Kálnoky ist Nachfahre des legendären Urahn Bencenc, der 1252 vom ungarischen König, als Belohnung für den Kampf gegen die Tartaren, ein Stück Land geschenkt bekam. Und damit gehörten die Kálnokys zu den Széklern, den ungarischen Grenzwächtern. Sie spielten – oft auf verschiedenen Seiten – wichtige Rollen in den großen Glaubenskämpfen des Mittelalters, in den politischen Verwicklungen der Zeit. Sie werden irgendwann einmal Grafen. Einer von ihnen wird später, am Ende des 19.Jahrhunderts, k.u.k.-Außenminister der österreich-ungarischen Doppelmonarchie. Eine höchst bewegte Geschichte in immer wieder sehr bewegten Zeiten.
Davon also erzählt Boris Kálnoky, der 1961 in München geboren wurde. Aufgewachsen ist er in Deutschland, in den Niederlanden, in Frankreich. Er lebte in Ungarn und lebt heute in der Türkei, wo er als Nahost-Korrespondent für die «Welt» arbeitet. Weltläufig geschult und mit journalistischem Spürsinn ausgestattet hat er sich nicht nur auf die Suche seiner «Heimat», seiner Familie gemacht, sondern auch nach deren Seele. «Früher war Heimat dort, wo man lebte. Heute in einer globalisierten Welt, in der man nur noch wohnt, aber nicht mehr zu Hause ist, da ist sie vielleicht eher ein innerer Ort: Nicht nur wohin man gehören, sondern wer man sein will. Wem es gegeben ist, an einen Gott zu glauben, der wird die Heimat der Seele finden – eine Heimat, die man auch dann nicht verlässt, wen man durch die Welt zieht wie einst die alten Székler durch die Steppe.» So der etwas pathetische Schluss des Buches.
Bis zu dieser Kálnoky-Erkenntnis ist es ein weiter Weg durch dieses abenteuerliche Geschichts- und Geschichtenbuch über Familienereignisse und Weltgeschehen, durch Kriege und Kämpfe und Verluste. Der Leser findet witzige bis aberwitzige Ereignisse, trifft auf Hasadeure und Rebellen, begegnet Literaten und Richtern. Und fühlt sich wohl in diesem Panaroma aufregender Erzählungen. Denn der Autor versteht es auf ausgezeichnete Weise, historische Fakten, private Ereignisse, belegt durch eine Vielzahl sehr interessanter Briefe, essayistische Passagen und persönliche Einschätzungen und Wertungen miteinander zu verbinden. Daraus ergibt sich ein geschlossenes Bild einer bestimmten Epoche in einem definierten geografischen Raum, in der und in dem europäische Geschichte geschrieben wurde – mit Nachwirkungen bis in unsere Zeit.

Der Journalist Boris Kálnoky hat sich in «Ahnenland» auf die «Suche nach der Seele» seiner Familie begeben. Die Spurensuche ist ihm zu einem faszinierenden Geschichts- und Geschichtenbuch geraten.
Das «Salz in der Suppe» dieser historischen Erzählung ist natürlich die Familiengeschichte. Aus ihr resultiert überhaupt erst das Interesse des Autors, der eigentlich eine Biografie seines Großvaters Húgo Kálnoky schreiben wollte. Denn «wir stehen auf den Schultern unserer Ahnen». Dieser Großvater, Journalist wie der Enkel, der ebenfalls auf der Suche nach der Heimat war, war sozusagen ein Seelenverwandter. Ihm folgte Enkel Boris durch das Land seiner Vorfahren. Genius loci und literarischer Topos ist das Dorf Köröspatak am Fuße der Karpaten, wo einst auch Graf Dracula residierte. Dieser Húgo ist eine wahrhaft faszinierende Figur: ein Weltsucher, der bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit einem Flugzeug unterwegs sein wollte. Einer, der eine Romanze erlebte. Dessen Artikel für den Poster Lloyd ihn bei den Nazis in Ungnade fallen ließ. Und so weiter – man lese selbst. Vor allem die wunderbaren Briefe, die Enkel Boris hier veröffentlicht, sind nicht nur Zeitzeugenschaft, sondern geben Zeugnis von persönlichem und familiärem Erleben.
Boris Kálnoky hat seine Heimat gesucht und die Seele seiner Familie gefunden. An der persönlichen Freude darüber lässt er den Leser teilhaben, in dem er von acht Jahrhunderten europäischer Geschichte erzählt, spannend, kompetent und sehr unterhaltsam. «Húgo, ich verspeche Dir, mein Bestes zu geben…». Er hat es getan. ■
Boris Kálnoky: Ahnenland oder die Suche nach der Seele meiner Familie, 490 Seiten, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-27465-1
.
.
.
.
Jürg Amann: «Der Kommandant»
.
«Angesichts der Wirklichkeit ist alles Erfinden obszön»
Günter Nawe
.
Die Erinnerungen – oder besser: das Selbstzeugnis des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß aus dem Jahre 1958 – sie sind im Gedächtnis geblieben als grausames Dokument. Nicht zuletzt war es die unglaubliche Kälte und die fast perverse Naivität und Selbstgerechtigkeit des Textes und seines Autors, die den Leser auf das Äußerste erschüttert haben.
«Das hat mich geradezu über den Haufen geworfen, dass einer sich hinstellt, einer der Haupttäter des Nazi-Regimes, und schreibt freiwillig Faktum für Faktum, wie das zustande gekommen ist, wie er den Auftrag erhalten hat, wie er den umgesetzt hat, wie er den pflichtdienstlich zur höchsten Effektivität gesteigert hat, als ob er Buchhaltung führen würde über sich selber.»

Braver Katholiken-Sohn, korrekter Verwaltungs-Beamter - und gewissenloser Gas-Massenmörder: Auschwitz' berüchtigster Kommandant Ruolf Höss (Geb. 1900, 1947 als Kriegsverbrecher hingerichtet)
So der Schweizer Autor Jürg Amann in einem Interview über die Höß’schen Aufzeichnungen und sein literarisches Projekt. Und so hat er sich – anders als seiner Zeit Jonathan Littell in «Die Wohlgesinnten» – den Originaltext vorgenommen und ihn verdichtet. Amann wollte nichts erfinden, die Fakten waren schlimm genug. «Angesichts der Wirklichkeit ist alles Erfinden obszön», so Jürg Amann.
Herausgekommen ist bei dem dramaturgischen Prozess der Verdichtung und Neustrukturierung der Erinerungen von Rudolf Höß ein Text, der noch dramatischer, noch schrecklicher ist als das Original, obwohl kein Wort hinzugefügt und kaum ein Satz verändert worden ist. Jürg Amann ist ein als «Monolog» bezeichnetes Monodram in sechzehn Stationen gelungen, in dem das gelebte Leben des Rudolf Höß noch einmal eine eigentlich kaum möglich geglaubte Zuspitzung erhält.
Es fällt schwer zu lesen, wie der spätere Lagerkommandant zuerst Priester werden wollte, dann als Soldat «eine Heimat, ein Geborgensein, in der Kameradschaft der Kameraden» gefunden hat; wie aus dem einfachen, aber fast fanatischen Soldaten der SS-Mann und später der Lagerkommandant geworden ist. Von den kalten Schilderungen des Lagerlebens und der Grausamkeiten nicht zu reden. Sätze wie: «So gab es viele erschütternde Einzelszenen, die allen Anwesenden nahegingen», oder: «Das Leben und das Sterben der Juden gab mir wahrhaft Rätsel genug auf, die ich nicht zu lösen imstande war» machen den Leser wütend, traurig – und ratlos.
Am Ende der Orignalaufzeichnungen schrieb Rudolf Höß bzw. zitiert Jürg Amann: «Mag die Öffentlichkeit ruhig weiter in mir die blutrünstige Bestie, den grausamen Sadisten, den Millionenmörder sehen – denn anders kann sich die breite Masse den Kommandanten nicht vorstellen. Sie würde doch nie verstehen, dass der auch ein Herz hat, das nicht schlecht war.»

Jürg Amann hat in seinem «Kommandanten» ein beeindruckendes Stück Literatur geliefert - Literatur, die dem ungeheuerlichen Stoff gerecht wird. Durch die Verdichtung, den dramaturgischen Prozess der Verschlankung eines Textes gelingt es ihm, ohne persönlich gefärbte Zusätze die nackte Wirklichkeit herauszustellen - und die ist grausam genug.
Jürg Amann hat versucht – und es ist ihm hervorragend gelungen -, mit der literarischen Verdichtung des Höß-Textes, mit dem distanzierten Blick des Autors eine Annäherung an das Böse zu finden, das Unfassbare begreiflich zu machen, zu erkennen, was wohl im Kopf eines Massenmörder vor sich geht. Dabei ließ er sich nicht von Emotionen, von eigenen Vorstellungen und Phantasien, von möglichen Einflüssen auf Denken und Fühlen leiten. Er läßt auf seine Weise nur das Original sprechen – und das ist schrecklich genug. Einmal mehr aber erkennt der Leser gerade dadurch, was es mit der Formulierung Hannah Arendts von der «Banalität des Bösen» auf sich hat. ■
Jürg Amann, Der Kommandant – Monolog, 108 Seiten, Arche Verlag. ISBN 978-3-7160-2639-7
.
.
.
.
Armin Mueller-Stahl: «Die Jahre werden schneller»
.
Vom Nonsens bis zur Altersweisheit
Bernd Giehl
.
Da könnte man ja richtig neidisch werden. Ja natürlich; Neid ist etwas für kleine Geister zu denen man sich selbstverständlich nicht zählt, bei all den Begabungen die man hat und bei all dem, was man schon geleistet hat, Bücher in Miniauflagen veröffentlicht und Rezensionen geschrieben für «Glarean» und andere berühmte Magazine, ganz abgesehen davon, dass man ja auch schon so viele Jahre im Beruf seinen Mann gestanden hat, aber dann bekommt man das neue Buch von Armin Mueller-Stahl in die Hand, das man erst einmal nicht so ganz ernst nimmt, weil man ja schließlich weiß, der Mann ist Schauspieler und jeder Schauspieler, der etwas auf sich hält, schreibt ab und an auch ein Buch – muss man ja, weil schließlich nur der bleibt, der schreibt, und schließlich ist der Mann ja gerade achtzig geworden, da muss man ja was tun für den Nachruhm und die Nachrufe, aber dann blättert man in diesem Buch, liest sich fest und denkt, nanu, der kann ja noch mehr als nur den Kommissar Brockmöller in alten «Tatort»-Filmen spielen oder meinetwegen den alten Konsul in den «Buddenbrooks» – der kann ja tatsächlich Gedichte schreiben.
Doch ja, das kann er. Wobei die Gedichte manchmal ein bisschen altmodisch wirken mit ihrer (sicherlich gekonnten) Reimstruktur. Nun könnte man ja sagen, seit ein paar Jahren ist Reimen wieder in, aber wie man an den Jahreszahlen sieht, die unter den Gedichten stehen, reimt Mueller-Stahl schon seit mehr als vierzig Jahren. Womöglich tut er das, weil er auch noch Musiker ist und vermutlich viele dieser Gedichte auch noch vertont hat.
Aber gut; Was an Tiefsinn fehlt, macht Mueller-Stahl mit Frechheit und Humor wett. Wunderschön, wie er die paffende Franziska entsorgt, indem er sie nachts, als sie schläft, in einen Umschlag steckt und in den Briefkasten wirft. Und wenn ihn doch einmal der Weltschmerz überfällt, weil eine Geliebte ihn verlassen hat, dann fällt ihm garantiert irgendetwas Ironisches ein.
Und die Themen? «Herzenssachen» heißen sie, und «Auf und ab», «Krieg» auch, und schließlich noch – wie könnte es anders sein bei einem Mann, der gerade die Achtzig vollendet hat – «Letzte Dinge». Am ehesten wird man Mueller-Stahl wohl einen Moralisten nennen können. Was – bitte mich nicht misszuverstehen – zuallerletzt «Moralapostel bedeuten soll. Das ist er nicht.
Seine Gedichte haben, so scheint mir, weniger den Anspruch, vollendete Sprachkunstwerke zu sein, sondern sie wollen die Welt verbessern. Vielleicht nur ein klein wenig. Durch Einsicht in die Begrenztheit der Welt, der Menschen und nicht zuletzt des eigenen Ich. Oder manchmal – so wie im Kapitel «Letzte Dinge» – wollen sie auch nur helfen, die Welt ein bisschen besser zu ertragen. Was ihm, wie er mit einem Augenzwinkern zugibt, nicht immer gelingt. Viele Gedichte stehen in der Tradition von La Fontaines, lesen sich wie Fabeln, nur dass La Fontaine seine Fabeln nicht gereimt hat. Diesen Anspruch mag man naiv nennen oder weise; ich vermute, dass das den Autor nicht kümmert. Er will auf seine Weise zu sagen versuchen, was nicht gelungen ist.

Der große deutsche Weltstar (Schauspieler, Musiker, Maler, Schriftsteller...) Armin Mueller-Stahl legt mit seinem neuen Band ein weites Lyrik-Panorama vom Nonsens bis zur Altersweisheit vor. Eindrücklich.
Und so schreibt er über den Krieg, die Liebe, die ja auch nicht immer gelingt, und auch seine Erfahrungen mit Freunden, die ihn, den gelernten DDR-Bürger an die Stasi verraten haben, spart er nicht aus. Da gelingt ihm dann nicht mehr, was er sonst so meisterhaft beherrscht: im leichten Ton das Schwere sagen, vermutlich weil das eine der schlimmsten Enttäuschungen eines langen Lebens ist. Aber als weiser alter Mann, der er ja ist, hat er das selbst gewusst und die Gedichte trotzdem in diesen Band aufgenommen. Ich persönlich finde, dass ihn das ehrt. Auch Nonsens-Gedichte wie das von der blauen Kuh, die ihre eigene Milch trinkt, oder jenes vom Apfelbaum, der ganz oben auf der Spitze eine Pflaume trägt, oder eben dies von Franziska, die per Eilbrief «entsorgt» wird, sind dabei.
Aber was mir persönlich am besten an diesem Buch gefällt, sind die Collagen. Manchmal ist die Grundlage ein eigener oder fremder Text, den er dann mit Farben und Formen übermalt. Manchmal nehmen sie das Thema eines Gedichts noch einmal auf; ein anders Mal sind es abstrakte Gemälde.
Armin Mueller-Stahl: Schauspieler, Musiker, Maler, Schriftsteller, Multitalent. Ob das wohl alles auf eine Visitenkarte passt? Bei so vielen Begabungen könnte man schon einmal neidisch werden… ■
Armin Müller-Stahl, Die Jahre werden schneller – Lieder und Gedichte, 220 Seiten, Aufbau-Verlag, ISBN-13 978-3351033163
.
Thomas Bernhard: «Der Wahrheit auf der Spur»
.
«Ich bin kein Skandalautor»
Günter Nawe
.
Gibt es einen Unterschied zwischen dem «öffentlichen» Thomas Bernhard und den fiktiven Figuren in seinen Romanen und Theaterstücken? Wer war dieser monomanische Schriftsteller, der am 9. Februar 1931 – also vor 80 Jahren – erst auf die Welt und dann in die Literatur gekommen und am 12. Februar 1989 als Autor von Weltrang gestorben ist? Das dürfte ein nie ganz zu lösendes Rätsel bleiben. Es fällt allerdings oft eine eigentümliche Übereinstimmung zwischen den öffentlichen Äußerungen Thomas Bernhards und vielen seiner Romanfiguren auf. Vielleicht sind die Bücher dieser «misanthropische Wortmühle» (Sigrid Löffler) nichts anderes als Selbstbeschreibungen?
Eine Antwort kann eventuell der jetzt erschienene Band «Der Wahrheit auf der Spur» geben. In chronologische Reihenfolge sind Zeitungsartikel, Leserbriefe, Interviews und öffentliche Erklärungen gesammelt. Nicht alles ist neu, vieles konnte bereits in «Meine Preise» gelesen werden. Dennoch: Alle Beiträge in diesen Band sind interessant, werfen Schlaglichter auf den Autor, vor allem weil sie durchweg «Selbstauskünfte» sind. Beginnend mit einem Vortrag, den der jungen Thomas Bernhard 1954 zu Ehren von Arthur Rimbaud gehalten hat, und einem Artikel in der Gmundener Lokalzeitung, in dem er sich für den Erhalt der Straßenbahn in Gmunden einsetzte.
Viele dieser öffentlichen Äußerungen waren einserseits Selbststilisierungen, ironische Spielchen mit seinem Publikum oder dem Interviewpartner. Andererseits erzeugte Bernhard damit Skandale und Skandälchen, die er mal lustvoll, mal bitterböse kommentierte. Er war ein Meister des Eklats, der wunderbar austeilen, aber selten einstecken konnte. Eberhard Falcke hat ihn einmal einen «Verzweiflungsvirtuosen und Mißmutsmanieristen» genannt. Und so geben viele Beiträge Anlass zu glauben, dass dieser außergewöhnliche Autor am Leben litt. Aber «sich umzubringen hat genausowenig Sinn wie weiterzuleben.»
Immer wieder seine Haßliebe zu Österreich, die ihn umgetrieben hat. Es gab für ihn kein schöneres Land als Österreich, in dem er nicht leben konnte, und in dem er doch bis zu seinem Tode blieb. Wut, Zorn und Häme galten dem Land und seinen Menschen. Vor allem die Politiker hatten es ihm angetan. Berühmt der Skandal bei der Verleihung des Österreichischen Staatspreises an Thomas Bernhard am 4. März 1968. Unter dem Titel «Verehrter Herr Minister…» ist die Rede hier noch einmal zu lesen. Es waren wohl die Sätze: «Der Staat ist ein Gebilde, das fortwährend zum Scheitern, das Volk ein solches, das ununterbrochen zur Infamie und Geistesschwäche verurteilt ist…. Wir sind Österreicher, wir sind apathisch…». Polemisch und ein wenig verzweifelt klingt das auch heute noch. Der österreichische Unterrichtsminister verließ jedenfalls unter Protest den Saal. Der Skandal war perfekt. Aber nein: «Ich bin kein Skandalautor», so Thomas Bernhard…

Wer war Thomas Bernhard? Er schrieb Weltliteratur, war einer der berühmtesten Stückeschreiber seiner Zeit. Der «Alles-und alle-Beschimpfer» provozierte Skandale und wollte dennoch kein «Skandalautor» sein. Der Wahrheit auf der Spur also? Zumindest kann man sich ihr mit diesem Buch nähern.
Jeder dieser Texte in diesem Band steht für sich. Mancher könnte als pure Literatur gelesen werden. Denn Literat, Schriftsteller – das war der «Alles-und alle-Beschimpfer» letztendlich. Und als solcher äußert er sich über Politik und Kultur, über Kollegen und das Leben im Allgemeinen und über sein eigenes(?) im Besonderen. Das gilt auch für die Interviews. Sehr eindrucksvoll – vielleicht das ehrlichste und persönlichste – ist das Gespräch, das die Kollegin Asta Scheib am 17. Januar 1987 mit ihm führte («Von einer Katastrophe ind die andere»). Da heißt es doch wahrlich: «Das Leben ist schön… Doch, jetzt hänge ich am Leben…» – Worte, die man dem «staatlich geprüften Misanthropen» (Marcel Reich-Ranicki) nicht zugetraut hätte.
Wer war Thomas Bernhard? Mit diesem Buch kann sich der Leser auf die Spur der Wahrheit begeben. Ob er darin die ganze Wahrheit über ihn finden wird, bleibt dahingestellt. ■
Thomas Bernhard, Der Wahrheit auf der Spur, 344 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3-518-42214-4
.
.
.
.
.































































leave a comment