Gedicht des Tages
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Auf’s Papier!
Unnütz lyrisches Gesinge,
Unnütz lyrisches Geklinge,
Gehst Du mir nicht aus dem Sinn,
Schreib’ ich auf’s Papier Dich hin!
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Gedicht des Tages
Knarren eines geknickten Astes
Splittrig geknickter Ast,
Hangend schon Jahr um Jahr,
Trocken knarrt er im Wind sein Lied,
Ohne Laub, ohne Rinde,
Kahl, fahl, zu langen Lebens,
Zu langen Sterbens müd.
Hart klingt und zäh sein Gesang,
Klingt trotzig, klingt heimlich bang
Noch einen Sommer,
Noch einen Winter lang.
Hermann Hesse (1877-1962)
Gedicht des Tages
Sonett
Im Winter meines Lebens, wenn schon weiß
Von Reif und Schnee mein Haar ist, wenn die Tage,
Die leuchtenden, getrübt von grauer Plage
Mir fliehn im oft erneuten Jahreskreis:
Beredt wird immer noch mein Rühmen, heiß
Die Liebe bleiben, die zu dir ich trage,
Daß nie ein Frost den Brand zu tilgen wage,
Den ich im Herzen ewig lodern weiß.
Im Sumpf ein Kreischen – hörst du so mein Lied? …
An deines Flusses Ufern will ich stehen,
Ein Schwan, der singt, weil seine Stunde droht.
Und wie man Flammen, die zur Neige gehen,
Ein letztesmal noch höher flackern sieht,
So glüht mein Herz noch auf – dann kommt der Tod.
(Thun-Hohenstein)
Torquato Tasso (1544-1595)
Gedicht des Tages
Dezemberabend in Wien 1936
O winterliche Fünf-Uhr-Stunde!
Der Himmel überm Kahlenberg
Vertropft die blasse Seitenwunde
Ins aufgebauschte Wolkenwerg.
In Grinzing und in Heiligenstadt
Entspringt das Licht in langen Zeilen.
Mondhoch bewacht ein Ziffernblatt
Den Park, wo frierend Menschen eilen.
Mein Blick geht den Vermummten nach,
Die mühsam sich durchs Dunkel treiben.
Ein schweren Omen stäubt vom Dach
Drei Würfe Schnee an meine Scheiben.
Franz Werfel (1890-1945)
Gedicht des Tages
Sieh doch
sieh doch
der Mensch bricht aus
mitten auf dem Marktplatz
hörst du seine Pulse schlagen
und die große Stadt
gegürtet um seinen Leib
auf Gummirädern -
denn das Schicksal
hat das Rad der Zeit
vermummt -
hebt sich
an seinen Atemzügen.
Gläserne Auslagen
zerbrochene Rabenaugen
verfunkeln
schwarz flaggen die Schornsteine
das Grab der Luft.
Aber der Mensch
hat Ah gesagt
und steigt
eine grade Kerze
in die Nacht.
Nelly Sachs (1891-1970)
Gedicht des Tages
Land
Der Himmel ist Asche.
Die Bäume sind weiß,
Die branstigen Stoppeln
Sind tiefschwarze Kohlen.
Das Blut in der Wunde
Der Dämmrung vetrocknet,
Das Papier ohne Farbe
Des Berges zerknittert.
Der Staub auf dem Wege
Versteckt sich in Schluchten,
Die Quellen sind unklar,
Die Staue sind still.
Ins Graurote klingen
Die Glocken der Herden,
Das mütterlich Schöpfwerk
Beschließt Paternoster.
Der Himmel ist Asche.
Die Bäume sind weiß.
(Eich)
Federico Garcia Lorca (1898-1936)
Gedicht des Tages
Spleen
Die Rosen waren überrot,
Der Efeu ward zur Finsternis.
Liebste, dein kleinster Schritt bedroht
Mein Herz mit neuer Bitternis.
Des Äthers Strahl war allzu blau,
Des Meeres Bucht war allzu weit.
Ich hoffe noch. Ich weiß genau,
Ich hoffe nicht. Du gehst. O bleib!
Das blanke Blatt von Ilex und
Geleucht von Buchs ward ekel mir,
Und dieses Landes ganzes Rund,
Und alles, außer dir. Weh mir!
(VanDerVring)
Paul Verlaine (1844-1896)
Gedicht des Tages
Oradour
Sie bäumten sich: dass sie gezwungen sengten
und in den aufgebrachten Feuerbrand
die Läufe schießend unaufhörlich lenkten,
bis sich im Schutt nichts Lebendes befand.
Sie sperrten sich mit heiligem Verwahren:
dass sie nur taten, was die Weisung hieß -
weh’ dem, der in erschüttertem Gebaren
die Waffe wanken oder sinken ließ.
Sie mühten sich mit immer neuem Schildern:
dass die ein Urteil treffe und sie keins -
nicht kann es ihnen sich vor jenen mildern
und Weiser und Gewiesene sind eins.
Georg Kaiser (1878-1945)
Gedicht des Tages
Sonett
In einigen wenigen mühevollen Jahren
Verlief mein Leben, das mich nur geschunden,
Mir ist sobald des Tages Licht geschwunden,
Kaum, dass die fünf mal fünf vollendet waren.
Ich habe fernes Land und Meer befahren,
Nach Mitteln suchend, irgend zu gesunden.
Allein, was sich dank Glückes nicht gefunden,
Gibt sich auch nicht durch Mühen und Gefahren.
Mich zeugte Portugal im grünen, lieben
Heimischen Alemquer; allein die arge
Art, die mich plagt, hat mich von meinem Strande
Auf dich als Fischfraß, böses Meer, getrieben,
Das Abessinien netzt, das wilde, karge,
So fern von meinem seligen Vaterlande!
(Taube)
Luis de Camões (1524-1580)
Gedicht des Tages
Intérieur
Das lange Aug voll weicher Ketten, eine
Sklavin, der Blumen Wasser wechselnd, meine
Spiegel durchwandelnd, und mit reiner Hand
Des Bettes Rätsel rührend; so befand
Sich eine Frau bei mir, und hat doch nicht
Gebrochen mein abwesendes Gesicht,
Ist wie ein Glas, das man durch Sonne schwang,
Und setzt das reine Denken nicht in Gang.
(Rilke)
Paul Valéry (1871-1945)
Gedicht des Tages
Nachtstück
Der Kröten pfiff, der feucht durchdringt,
Nächtlicher Barken Laut, Geräusch der Ruder…
Der Schlange Laut, die sich durchs Röhricht schlingt,
Des Lachens, das erstickt wird hinter Händen,
Laut schweren Körpers, der ins Wasser sinkt,
Der Menge Laut, das Zögern ihrer Schritte,
Von Bäumen her Seufzer Laut erklingt,
Der Lärm von Gauklern in der Ferne…
(Rygulla)
Max Jacob (1876-1944)
Gedicht des Tages
Natur-Gedicht
du bist 50 000 Lichtjahre
die durch mein Gehirn laufen in
Arbeitsanzügen
du bist wie jemand der in einer Bar sitzt
mit genügend Geld
mit einem guten Drink
und guckst durch das Fenster
auf den Schnee
du bist der tote übernatürliche Fisch
in Bewegung
du bist der Liebesgott der Eiscreme-
Phantasie
du hast das Schreien der Kinder gedämpft
wenn sie mein
Blut trinken
ich glaube du hast Hauswirte umgebracht
die Miete wollten
und auch gefährliche
Tiger
da lehnt sich eine weiße Blume gegen
meine Absicherung
wie eine Hure
wie eine Katze
wie eine weiße Blume
ich konnte nicht zur Arbeit gehen
heute abend denn ich konnte nicht
aufhören zu scheißen
und jetzt bin ich im Bett
und betrachte die weiße Blume.
(Rygulla)
Charles Bukowski (1920-1994)
Gedicht des Tages
Das Unauffindbare
Du suchst den Anfang, suchst zurück:
So schön, so schön war es, dass du nun glaubst,
Es sei der Sinn, den du aufs neue dir belaubst,
Und es ersteht dir Stück um Stück
Das Einst, das Glück.
Der Berg, die Landschaft, ein Hotel,
Die schöne Zeit! du liebtest eine Frau
Fast war es Sinn; ein Kindheitsgarten voller Tau -
Knietest du nicht? Oh, es entglitt, entglitt so schnell,
Ein Glücksmodell.
Nun kniest du wieder, alter Mann,
Und suchst das Schöne, dem du nicht mehr glaubst,
Da du vor Schönheit stets dich selbst beraubst,
Beraubst des Sinns, der durch die Finger rann,
Suchst deine Schuld im Einst, suchst sie im Wann,
Tastend zum Unergreiflichen, ergriffen deines Raubs:
Wann fing das Unglück an,
Wann fing es an?
Hermann Broch (1886-1951)
Gedicht des Tages
Gedicht des Tages
Die Ernt ist wie die Saat; drum, was ihr sät, seht!
Ein Tor, wer früh versäumt hat und zu spät späht.
Wie, wer den Braten wegwirft und das Brett brät!
Wer nie dem Rater folgt, der, was missrät, rät,
Und nie, was er bebaut, zerstört, der steht stet
Auf dieser ird’schen Welt, die selbst nicht stet steht.
(Rückert)
Al-Hariri (1054-1122)
Gedicht des Tages
Es war zur Nacht, da ich ins Meerhorn stieß.
Es war zur Nacht, da ich zum Aufbruch blies.
Es war zur Nacht, da ich den Strand verließ.
Mein Boot lag in der Mondquelle.
Ich stand in vollendeter Helle.
Ich stand schlafähnlich starr auf silbernem Kies.
Alfred Mombert (1872-1942)
Gedicht des Tages
Erde du bist weit
die Welt ist nicht gekommen
die Propheten
haben wir geschlachtet
und mit Vögeln gespickt
Anise Koltz (geb. 1928)
Gedicht des Tages
Ihr Wälder, seid gegrüßt, vom letzten Grün bekleidet,
Du gelblich Laub, zerstreut auf diese Wiesenflur,
Du letzter schöner Tag! – Dem Herzen, welches leidet,
Stellt sich so lieblich dar die Trauer der Natur.
Nachdenklich folgt mein Schritt dem unbesuchten Steige,
Und gerne mag ich schaun hinauf zum letztenmal
Ins blasse Sonnenlicht, das mählich durchs Gezweige
Die Nacht vor meinem Fuß durchdringt mit seinem Strahl.
Aus dem verhüllten Aug in diesen Herbstestagen,
Der sterbenden Natur ein größrer Reiz entflieht;
Das letzte Lächeln ists vom Freund, ein Abschiedsagen
Von Lippen, die der Tod nun bald auf ewig schließt.
Zu scheiden so bereit vom Horizont des Lebens,
Der Hoffnung langen Strom betrauernd, der verfloss,
Noch einmal umgekehrt, betracht ich, ach, vergebens
Die Güter, die es gab und die ich nicht genoss.
Natur, so hold und sanft; o Erd, o Sonn, o Tale,
Wie wurde nicht um euch mein Aug am Grabe feucht!
So durftig ist die Luft, das Licht so rein vom Strahle,
Dem Blick des Sterbenden so schön die Sonne deucht.
Ja, leeren möcht ich jetzt den Becher bis zur Hefe,
Aus dem ich Nektar oft, doch oft die Galle trank;
Vielleicht, dass ich zuletzt ein Tröpfchen Honig träfe,
Das in des Lebens Kelch etwa zu Grunde sank.
Vielleicht doch wollte mir die Zukunft aufbewahren
Die Wiederkehr zum Glück, dess Hoffnung mir entschwand;
Vielleicht noch hätt ein Geist aus diesen fremden Scharen
Erwidert meinen Gruß, den er zuletzt verstand.
Die Blume fällt und lässt dem Westen ihre Düfte,
Ans Leben und ans Licht ist dies ihr Lebewohl.
So sterb ich, und mein Geist verhaucht sich in die Lüfte,
Dem Tone gleich, der trüb und süß der Brust entquoll.
(Schwab)
Alphonse de Lamartine (1790-1869)
Gedicht des Tages
Sein und Schein
Wer das Wesen als Erscheinung
und Erscheinung sieht als Wesen,
Dringt nie bis zum Kern der Wahrheit,
hat die falsche Bahn erlesen.
Wer Erscheinung als Erscheinung
und das Wesen sieht als Wesen,
Der dringt bis zum Kern der Wahrheit,
hat die rechte Bahn erlesen.
(Much)
Dhammapada/Pali-Kanon (vor/nach Chr.)
Gedicht des Tages
Wolken
elamen elomen lefitalominai
wolminuscaio
baumbala bunga
acycam glastula feiroflim flinsi
elominuscula pluplubasch
rallalalaio
endremin saxassa flumen flobollala
feilobasch falljada follidi
flumbasch
cerobadadrada
gragluda gligloda glodasch
gluglamen gloglada gleroda glandridi
elomen elomen lefitalominai
wolminuscaio
baumbala bunga
acycam glastala feirofim blisti
elominuscula pluplusch
rallabataio
Hugo Ball (1886-1927)
Gedicht des Tages
Das Schachspiel
Warum schlagen wir noch Bücher und Blätter auf?
Alle Lehre Sokrats über die Nichtigkeit
Unsres Erdegedrängs lehret im Spiel uns hier
Ein mit Puppen besetztes Brett.
Siehst du, Freund, wie das Glück Würden und Ämter teilt?
Wie’s die Plätze bestimmt? Wie sie im Wechsel sind?
Freund, so spielen auch wir selber ein Spiel des Glücks,
Ungleich, aber im Ausgang gleich.
Mächtig steht ein Heer gegen das andere auf;
Hier Trojaner und hier tapferer Griechen Reih’n,
Stark mit Türmen verwacht. Mutige Ritter stehn
Bei den Türmen. Es schweigt das Heer.
Wartend schweiget das Feld: denn die Gebieter sind
Noch im Kampfe mit sich, sinnen Entwürfe. Furcht
Und die Ehre gebeut. Jetzo beginnt die Schlacht.
Arme Bauern, in euren Reih’n.
Schau, sie fallen dahin. Siehe, mit ihrem Blut
Wird der Lorbeer erkauft. Ihre Gefilde mäht,
Ihre Hütte beraubt jeder der Streitenden:
Sie nur haben die Schuld verübt.
Doch wer springet hervor? Listiger Springer, du ?
Aus der Mitte des Heers, über die Köpfe der
Kämpfer? Willst du zurück, Parther! Es hüte sïch
Vor dir Schwarzem das ganze Feld.
Und doch wünschet sich auch keiner den Tod von dir,
Narr und Läufer! Du hast eine beträchtliche
Zunft in unserer Welt; Narren und Läufern stehn
Häuser offen und Hof und Zelt.
Sieh, die Königin regt als Amazone sich,
Geht, wie ihr es beliebt; Damen ist viel erlaubt.
Vor ihr weichet hinweg Ritter und Elephant,
Bauer, Porus und Hannibal.
Alles weichet der Macht weiblicher Krieger, die
Viel begehren und viel wagen; sie kennen nicht
Das Zuviele. Die jetzt ihren Gemahl beschützt
Ist’s, die jetzo den Herrn verrät.
Schach dem Könige! Tritt, höchster Gebieter, selbst
Von dem Platze der Ruh! Traue die Majestät
Nicht Beamten allein, nicht der Gemahlin an!
Aber leider, es ist zu spät.
Schach dem Könige, Schach! – Siehe, geendet sind
Unsre Züge; du siehst Ritter und Bauer jetzt,
König, Springer und Narr hier in der Büchse Grab
Durch- und übereinander ruhn.
Also gehet die Welt: Liktor und Konsul geht
In die Büchse, der Held und der Besiegte.
Du vollführe dein Amt; spiele des Lebens Spiel,
Das ein Höherer durch dich spielt.
(Herder)
Jakob Balde (1604-1668)
Gedicht des Tages
Die schlafende Venus
Die Sonne hatte kaum den Mittag heiß gemacht,
Als Venus ganz ermattet ihr eine Höhl erwählet,
Wo weder Schlaf noch Ruh noch kühler Schatten fehlet
Und wo ein Rebenblatt gab dunkelgrüne Nacht,
In die ein linder West mit sanftem Rauschen spielte
Und so der Göttin Herz und müde Seele kühlte.
Sie warf die Sternen-Pracht, die Glieder in das Gras;
Der Blumen höchster Wunsch war so gedrückt zu werden,
Die Nelke schien Feur, die Ros ein Stern der Erden,
Die Veilg ein blau Saphir, die Lilg ein Spiegelglat,
Und Venus goldnes Haupt entschlief nur auf Narzissen.
Jasminen legten sich zu Pfühl und Unterkissen:
So lag die Lust der Welt ohn alle Kleider bloß,
Indem die volle Brust die Trauben Nachbar nannte
Und der belebte Schnee von zwei Rubinen brannte.
Hold, Freude, Lieb und Gunst ruht in der Schönen Schoß,
Der süß geschwollne Mund war etwas aufgeschlossen…
(17.Jh.)
Claudianus (ca. 370-400)
Gedicht des Tages
Geistliches Lied
Indes der Schlaf, erneuend die Natur,
Geschrei und Werktag fesselt und bewacht,
O Reiner, Klarer! sprengen wir die Schnur,
Um Dich zu loben in der tiefen Nacht.
Die kaum erwachte Stimme segne Dich;
Bedrängtes Herz suche Dich und sinne
Erstes Gelübde; es beschließe sich
Der Tag in Dir, der fromm in Dir beginne.
Und das Gestirn, das dunkle Nacht vertreibt,
Kommt bald und wandelt wieder seine Bahn.
Ihr schwarzen Feinde, die ihr Schatten bleibt,
Vergeht, wenn sich die Tagesdämmer nahn.
Wir beten, Herr: Du Güte sei uns Wehr,
Befrei von Sünde uns vor Deinem Blick.
Wir singen zu Dir erdentränenschwer,
Lass singen uns zu Dir im Himmelsglück.
Erhöre, Vater, brennendes Gebet,
O Wort und Sohn und Geist, heiliges Band,
Gott, dessen Thron im Himmel ewig steht,
Das All beleuchtend aus dem eignen Brand.
(Neumann)
Jean B. Racine (1639-1699)
Gedicht des Tages
Der Mann, der den längsten Haiku
der Welt schrieb
Der Mann unter dem Baum
schrieb den längsten Haiku der
Welt.
Ich erzählte ihm
Haikus sind kurz,
ungefähr so:
Kraniche schlagen Flügel.
Der Wind weht.
Kein Zusammenhang.
Er sagte,
Mach den Arsch zu!
Ich erwiderte,
Guter Haiku!
und ging weg.
Aram Boyajian (geb. 1922)
Gedicht des Tages
Genesungsheim
Was schlug man diesen zum Krüppel?
Er dachte hinter der Stirn:
Da öffnete ihm der Knüppel
Den Schädel, und Hirn war nur Hirn.
Warum haben Jauche-Humpen
Dort jenen die Augen verbrannt?
Sie haben einen Lumpen
Einen Lumpen genannt.
Warum schweigt dieser im Knebel?
Weil sein Gewissen schrie!
Wes Kopf sprang zum Reiche der Nebel?
Dessen Gurgel vor Ekel spie!
Oskar Loerke (1884-1941)
Gedicht des Tages
Allmählich
Langsam sinken Tropfen nieder,
Langsam füllt sich so der Krug.
Dies Gesetz gilt immer wieder,
Ob man nun zusammentrug
Wissen oder gute Werke
Oder Gold- und Silberberge.
(Weller)
Indien (n.Chr.)
Gedicht des Tages
Antwort
Die Wolkenkratzer, der Motoren Sausen,
Der Werke Rauch hängt über jedem Wald,
Indes im Raum der Fluggeschwader Brausen
Widerhallt.
Und doch – in altererbten, überkommnen
Begierden blüht das Fleisch, verstummt der Geist,
Wenn durch das Herz der Schwall des lustbenommnen
Blutes kreist.
Wie einst versinkt der Dido Blick in Tränen,
Ihr Klagen wird von Eros sanft verklärt,
Und stürzt Anton, verstrickt in Liebenswähnen,
Sich ins Schwert.
So flucht uns nicht, dass immer noch zum Preise
Des Eros der Gedichte Schwarm versprüht,
Dass noch in unserm Lied Catullus’ Weise
Widerglüht.
Im dunklen Blick von Degas Ballerinen,
Wenn Bogenlampen durch den Abend spähn,
Glimmt Widerschein vom Liebeskampf mit ihnen
Und Vergehn.
Und Küsse… Küsse… – die Gedanken sterben,
Wenn schicksalhaft Umarmung uns umschlingt -
Oh, Cypria kann ihren Knecht verderben,
Die alles Fleisch bezwingt.
(Stammler)
Valerij Brjussow (1873-1923)
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Gedicht des Tages
Der Wanderer der Welt
Sag mir, Stern, des helle Pracht
Sich im Feuerflug entfacht,
Welche Höhle du der Nacht
Wählst zur Ruhestelle?
Sag mir, Mond, der bleich und grau
Pilgert durch das ewge Blau,
Wo ist in der Himmelsau
Deine Heimatzelle?
Müder Wind, der ohne Rast
Flieht, der Welt verstoßner Gast:
Ob du wohl ein Nestchen hast
Noch auf Baum und Welle?
(Strodtmann)
Percy R. Shelley (1792-1822)
Gedicht des Tages
Der Mond
Ein abgebrochenes Stück,
Dem goldnen gleich vom Pol
Herabgedrückt zum Hohl
Der bangen Mitternacht,
Bleibt ihm mit scharfem Rand zurück,
Wem? Diesem, der da blickt,
Und weil er Atem holt,
Nicht dies Gesicht von Gold
Bewacht, und weil er wacht
Und bangt, die finstre Bucht
Mit Atem zu sich selber schickt.
Schon ist der Donner dort,
O wache nicht, du musst
Sonst sammeln in der Brust
Mit trümmerhafter Sucht.
Was, kalt dies Gold der Nacht,
Das Monde wechselnd hängt am Ort.
Nun wird er Blut und Ruß,
Nun steht er auf dem Bord
Des Rachens und verdorrt
Beflammt, und von der Nacht
Verschlungen, bebst du bis zum Fuß.
Konrad Weiß (1880-1940)
Gedicht des Tages
Die Kentaurin
Einst schweifte durch die Wälder und Geklüfte,
Uns Blonderen gesellt, die stolze Herde
Der schwärzlichen Kentauren, flog die Erde,
Vom Huf gelockert, Hüfte neben Hüfte.
Nun wehn umsonst die Wiesenlüfte:
Wir traben einsam durchs Gefild. Ich werde
Oft wach des Nachts beim fernen Ruf der Pferde
Und atme bebend schwüle Sommerdüfte.
Uns hat das herrliche Geschlecht verlassen,
Ixions königlicher Stamm erstirbt:
Ihr heißes Trachten geht nach Menschenfrauen.
Sie müssen uns ob unsrer Liebe hassen:
Wir wiehern, wenn uns ihre Brunst umwirbt,
Und ihre Gier verwandelt sich in Grauen.
(Schaukal)
José Maria de Hérédia (1842-1905)
Gedicht des Tages
Herbstbild
Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah.
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur.
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.
Friedrich Hebbel (1813-1863)
Gedicht des Tages
Ballade des äußeren Lebens
Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen,
die von nichts wissen, wachsen auf und sterben,
und alle Menschen gehen ihre Wege.
Und süße Früchte werden aus den herben
und fallen nachts wie tote Vögel nieder
und liegen wenig Tage und verderben.
Und immer weht der Wind, und immer wieder
vernehmen wir und reden viele Worte
und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder.
Und Straßen laufen durch das Gras, und Orte
sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen,
und drohende, und totenhaft verdorrte…
Wozu sind diese aufgebaut? Und gleichen
einander nie? Und sind unzählig viele?
Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?
Was frommt das alles uns und diese Spiele,
die wir doch groß und ewig einsam sind
und wandernd nimmer suchen irgend Ziele?
Was frommt’s, dergleichen viel gesehen haben?
Und dennoch sagt der viel, der «Abend» sagt,
ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt
wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.
Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)
Gedicht des Tages
Sehnsucht
Herbstliche Felder.
Die Ähren des Reises hüllt
Morgennebeldunst.
Irgendwohin vergeht er -
wohin meine Sehnsucht?
(Gundert)
Japan (6.Jahrhundert)
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Gedicht des Tages
Wanderer!
Wanderer, wohin geht dein Weg?
«Baden geh ich im Meer beim Morgenrot,
Entlang den baumbesäumten Weg.»
Wanderer, wo ist das Meer?
«Wo der Lauf des Flusses endet,
Dämmerung sich in Morgen wendet,
Wo der Tag ins Dunkel rollt.»
Wanderer, ziehen viele mit dir?
«Weiβ nicht, wie ich zählen sollt.
Sie wandern alle Nächte,
Mit Lampen in der Hand,
Sie singen alle Tage
Auf den Wassern und über Land.»
(Zimmer)
Rabindranath Tagore (1861-1914)
Gedicht des Tages
Haiku
Du kleines Fröschlein,
hab doch keine Angst vor mir,
ich bins ja: Issa!
Kobayashi Issa (1763 – 1827)
(Ü: Hammitzsch)
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Gedicht des Tages
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Zoo
A Fisch in an Woid wird net recht oid.
A Vogerl im Wossa hot nix zun locha.
A Nülpferd beim Billa habert se sche on.
A Muckn im Marmalad is jetzt endlich stad,
im Ketchup a Fliagn kunnt ma daviagn,
im Soft vun am Schweinsbrodn kunnt mas daschschlogn.
Wos brauch i de Vicha, des gfickerte Zeig?
Wos schern mi de Offn, de Hudt und de Kotzn?
De Hamster von mir aus, de Meis und de Rotzn,
da Ohrschliafa, Mottn, olles ausrottn.
Alles nur Vicha, wos gengan se mi on?
Nur de Micky Maus, in Goofy und in Doand Duck
loaß i ma eiredn. In Rest haun ma zruck.
Franzobel (geb. 1967)
Gedicht des Tages
Als einer im Schlaff verschwenderisch gewesen
Mein Mädgen laß hinfort mich nicht verschwendrisch seyn /
Und nimm die Perlen-Milch in deine Muschel ein;
Groß Schade / daß sie wird so liederlich versprützet /
Da wo sie keiner Schooß / auch nicht den Tüchern nützet.
Dein hart-seyn gegen mich verschwendet meinen Schatz /
Vergönne mir hinfort in deinem Schoosse Platz /
Und laß den Liebes-Thau daselbsten sich ergiessen /
Wo er mit größrer Lust wird als im Schlaffe fliessen.
Dein dürrer Acker wird alsdenn von Wollust feist /
Die Brüste härten sich / die Lust entzückt den Geist;
Die Anmuth / die durchdringt des gantzen Leibes-Glieder /
In Lachen steigt man ein / mit Kitzeln kommt man wieder /
Nichts denn Ergötzung bringt er deiner Marmor-Schooß /
Die Venus spannt dir denn / den Jungfern-Gürtel loß /
Und läßt dir alle Lust / die sie besitzet / schmecken /
Der Hymen wird nach Schmertz den süßten Schertz erwecken.
Ach stelle doch mein Kind die Sprödigkeit nur ein!
Laß deine Muschel mir nicht mehr verschlossen seyn /
Eröffne ihren Helm die Nahrung zu empfangen /
Wo in dem Liebes-Thau / die Anmuths-Perlen prangen.
Sperrt nun dein Muschel-Schloß die Thore willig auf /
Und hemmt kein Widrig-seyn mir meinen Liebes-Lauff /
So soll das Liebes-Safft mit süssen Quellen fliessen.
Und sich mit vollem Strohm in deine Muschel giessen.
(Celander/Pseudonym, 17. Jahrhundert)
Gedicht des Tages
Die Wolke
Sie kam gezogen, wie ein Rabe schwebend,
Mit schwarzem Haupt, und schwer die Flügel hebend;
Dann ihre Güsse -: tosend, laut erbebend,
Dem durstverbrannten Staube Heilung gebend,
Mit langem Regen totes Land belebend!
Sieh, wie der Tag in Wolken blieb,
Der Blitz drin lachend Spiele trieb;
Des Himmels Träne rinnt, als weint
Ein Liebender nach seinem Lieb!
(Schimmel)
Arabien (9. Jahrhundert)
Gedicht des Tages
Hymne
Wenige wissen
Das Geheimnis der Liebe,
Fühlen Unersättlichkeit
Und ewigen Durst.
Des Abendmahls
Göttliche Bedeutung
Ist den Irdischen Sinnen Rätsel;
Aber wer jemals
Von heißen, geliebten Lippen
Atem des Lebens sog,
Wem heilige Glut
In zitternde Wellen das Herz schmolz,
Wem das Auge aufging,
Daß er des Himmels
Unergründliche Tiefe maß,
Wird essen von seinem Leibe
Und trinken von seinem Blute
Ewiglich.
Wer hat des irdischen Leibes
Hohen Sinn erraten?
Wer kann sagen,
Daß er das Blut versteht?
Einst ist alles Leib,
Ein Leib,
In himmlischem Blute
Schwimmt das selige Paar. –
O! daß das Weltmeer
Schon errötete,
Und in duftiges Fleisch
Aufquölle der Fels!
Nie endet das süße Mahl,
Nie sättigt die Liebe sich.
Nicht innig, nicht eigen genug
Kann sie haben den Geliebten.
Von immer zärteren Lippen
Verwandelt wird das Genossene
Inniglicher und näher.
Heißere Wollust
Durchbebt die Seele,
Durstiger und hungriger
Wird das Herz:
Und so währet der Liebe Genuß
Von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Hätten die Nüchternen
Einmal gekostet,
Alles verließen sie,
Und setzten sich zu uns
An den Tisch der Sehnsucht,
Der nie leer wird.
Sie erkannten der Liebe
Unendliche Fülle,
Und priesen die Nahrung
Von Leib und Blut.
Novalis (1772-1801)
Gedicht des Tages
Sonett
Schon angelangt ist meines Lebens Fahrt
Im schlechten Schiff durch Stürme übers Meer
Am Hafen Aller, wo die Wiederkehr
Nicht Einem harte Rechenschaft erspart.
Da seh ich nun die Phantasie, die oft
Als Abgott thronte durch der Künste Gnaden,
Wie falsch sie war, von Irrtum überladen,
Und was ein jeder, sich zum Nachteil, hofft.
Verliebtes Denken, einstens froh und leer,
Was ist mir‘s jetzt vor zweien Toden wert?
Des einen bin ich sicher, einer droht.
Malen und Bilden stillt jetzt längst nicht mehr
Die Seele, jener Liebe zugekehrt,
Die offen uns am Kreuz die Arme bot.
(Rilke)
Michelangelo (1475-1564)
Gedicht des Tages
Beingrenzen
Grenzen
Grenzen
Grenzen
Ein Bein
Ein
Bein
Graben
Graben
Ein Bein
Kurt Schwitters (1887-1948)
Gedicht des Tages
Wir alle säumen
Saumselig zieht der Mond dahin.
Wir alle säumen.
Schnell naht die letzte Stunde,
und das letzte Wort erstirbt,
und Mond- und Blumenglanz erlischt.
Hans Arp (1886-1966)
Gedicht des Tages
warnung
kleiner mann hab acht
was man mit dir macht
lass dein hirn nicht rosten
denn du kennst den schlich
geht es um die kosten
braucht man sicher dich
darum sei nicht dümmer
als man grad noch muss
zahlen muss man immer
meist zahlst du zum schluss
sei es mit dem leben
sei es nur mit geld
zahlen muss man eben
denn so ist die welt
kleiner mann hab acht
was man mit dir macht
Kurt Marti (geb. 1921)
Gedicht des Tages
Der Philosoph
Ein Philosoph von ernster Art,
Der sprach und strich sich seinen Bart:
Ich lache nie. Ich lieb es nicht,
Mein ehrenwertes Angesicht
Durch Zähnefletschen zu entstellen
Und närrisch wie ein Hund zu bellen;
Ich lieb es nicht durch ein Gemecker
Zu zeigen, daß ich Witzentdecker.
Ich brauche nicht durch Wertvergleichen
Mit andern mich herauszustreichen,
Um zu ermessen, was ich bin,
Denn dieses weiß ich ohnehin.
Das Lachen will ich überlassen
Den minder hochbegabten Klassen.
Ist einer ohne Selbstvertraun
In Gegenwart von schönen Fraun,
So daß sie ihn als faden Gecken
Abfahren lassen oder necken,
Und fühlt er drob geheimen Groll
Und weiß nicht, was er sagen soll,
Dann schwebt mit Recht auf seinen Zügen
Ein unaussprechliches Vergnügen.
Und hat er Kursverlust erlitten,
Ist er moralisch ausgeglitten,
So gibt es Leute, die doch immer
Noch dümmer sind als er und schlimmer,
Und hat er etwa krumme Beine,
So gibt’s noch krümmere als seine.
Er tröstet sich und lacht darüber
Und denkt: Da bin ich mir doch lieber.
Den Teufel laß ich aus dem Spiele.
Auch sonst noch lachen ihrer viele,
Besonders jene ewig Heitern,
Die unbewußt den Mund erweitern,
Die, sozusagen, auserkoren
Zum Lachen bis an beide Ohren.
Sie freuen sich mit Weib und Kind,
Schon bloß, weil sie vorhanden sind.
Ich dahingegen, der ich sitze
Auf der Betrachtung höchster Spitze,
Weit über allem Was und Wie,
Ich bin für mich und lache nie.
Wilhelm Busch (1832-1908
Gedicht des Tages
Wie Gott die Seele lobt
Es sprach der minnigliche Mund,
Der meine Seele hat verwundt,
In seinen hohen Worten,
Die ich Unwürdige hörte:
Du bist meine Sehnsucht, ein Minne-Fühlen,
Du bist meiner Brust ein süßes Kühlen,
Du bist ein starker Kuss meinem Mund,
Du machst mich fröhlich: Freude-Fund.
Ich bin in Dir und Du bist in mir.
Wir können einander nicht näher sein,
Denn wir zwei sind in Eins geflossen
Und sind in eine Form gegossen
Und bleiben ewig unverdrossen.
Mechthild von Magdeburg (1207-1282)
Gedicht des Tages
Ich war mit dem Abschiedsbrief fertig
Da erblickte ich die schwarzen Flecken auf meinen Händen
Ich wusch meine Hände
Sofort in Seifenschaum
Ich bekam einige Grautöne ins Schwarz
Gabriele Wohmann (geb. 1932)
Gedicht des Tages
.
.
Am Dung-ting-See
Der Sommer geht. Des Sees gehobne Fläche
Wässert die Lüfte, trübt den reinen Raum.
Schon steigen Dünste über Yün-mëngs Marschen,
Und Wellen wiegen Yo-yangs Burg in Traum.
Zur Fahrt hinüber fehlt mir Boot und Ruder.
Es blüht das Reich. Ich gehe leer, beschämt.
Ich sitze, seh den Mann die Angel senken,
Von kindischem Neid um seinen Fisch vergrämt.
(W.Gundert)
Meng Hau-Jan (Tang-Dynastie / 7.Jhr.)
Gedicht des Tages
Der Liebende
Ich möchte dir etwas sagen, doch Scham
Hält mich zurück.
Die Geliebte
Stünde nach Edlem und Schönem dein Sinn,
Suchte dein Mund nicht kränkende Worte,
So senkte sich Scham nicht auf dein Auge,
Sondern du fändest das rechte Wort.
Sappho (ca. 600 v. Chr.)
Gedicht des Tages
Ein Wiegenlied, bei Mondenschein zu singen
So schlafe nun, du Kleine
Was weinest du?
Sanft ist im Mondenscheine
Und süß die Ruh.
Auch kommt der Schlaf geschwinder,
Und sonder Müh;
Der Mond freut sich der Kinder,
Und liebet sie.
Er liebt zwar auch die Knaben,
Doch Mädchen mehr,
Gießt freundlich schöne Gaben
Von oben her
Auf sie aus, wenn sie saugen,
Recht wunderbar;
Schenkt ihnen blaue Augen
Und blondes Haar.
Alt ist er wie ein Rabe,
Sieht manches Land,
Mein Vater hat als Knabe
Ihn schon gekannt.
Und bald nach ihren Wochen
Hat Mutter mal
Mit ihm von mir gesprochen:
Sie saß im Tal
In einer Abendstunde,
Den Busen bloß,
Ich lag mit offnem Munde
In ihrem Schoß.
Sie sah mich an, für Freude
Ein Tränchen lief,
Der Mond beschien uns beide,
Ich lag und schlief.
Da sprach sie: Mond, o scheine,
Ich hab sie lieb,
Schein Glück für meine Kleine. -
Ihr Auge blieb
Noch lang am Monde kleben
Und flehte mehr,
Der Mond fing an zu beben,
Als hörte er.
Und denkt nun immer wieder
An diesen Blick,
Und scheint von hoch hernieder
Mir lauter Glück.
Es schien mir unterm Kranze
Ins Brautgesicht
Und bei dem Ehrentanze;
Du warst noch nicht.
Matthias Claudius (1740-1815)













































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