Gedicht des Tages
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Auf’s Papier!
Unnütz lyrisches Gesinge,
Unnütz lyrisches Geklinge,
Gehst Du mir nicht aus dem Sinn,
Schreib’ ich auf’s Papier Dich hin!
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Gedicht des Tages
Michelangelo und seine Statuen
Du öffnest, Sklave, deinen Mund,
Doch stöhnst du nicht. Die Lippe schweigt.
Nicht drückt, Gedankenvoller, dich
Die Bürde der behelmten Stirn.
Du packst mit nervger Hand den Bart,
Doch springst du, Moses, nicht empor.
Maria mit dem toten Sohn,
Du weinst, doch rinnt die Träne nicht.
Ihr stellt des Leids Gebärde dar,
Ihr meine Kinder, ohne Leid!
So sieht der freigewordne Geist
Des Lebens überwundne Qual.
Was martert die lebendge Brust,
Beseligt und ergötzt im Stein.
Den Augenblick verewigt ihr,
Und sterbt ihr, sterbt ihr ohne Tod.
Im Schilfe wartet Charon mein,
Der pfeifend sich die Zeit vertreibt.
Conrad Ferdinand Meyer (1825-1896)
Gedicht des Tages
Der Narr des Grafen von Zimmern
Was rollt so zierlich, klingt so lieb
Treppauf und ab im Schloss?
Das ist des Grafen Zeitvertreib
Und stündlicher Genoss:
Sein Narr, annoch ein halbes Kind
Und rosiges Gesellchen,
So leicht und luftig wie der Wind,
Und trägt den Kopf voll Schellchen.
Noch ohne Arg, wie ohne Bart,
An Possen reich genug,
Ist doch der Fant von guter Art
Und in der Torheit klug;
Und was vergecken und verdrehn
Die zappeligen Hände,
Gerät ihm oft wie aus Versehn
Zuletzt zum guten Ende.
Der Graf mit seinem Hofgesind
Weilt in der Burgkapell’,
Da ist, wie schon das Amt beginnt,
Kein Ministrant zur Stell’.
Rasch nimmt der Pfaff den Narrn beim Ohr
Und zieht ihn zum Altare;
Der Knabe sieht sich fleissig vor,
Dass er nach Bräuchen fahre.
Und gut, als wär’ er’s längst gewohnt,
Bedient er den Kaplan;
Doch wann’s die Müh’ am besten lohnt,
Bricht oft der Unstern an;
Denn als die heil’ge Hostia
Vom Priester wird erhoben,
O Schreck! so ist kein Glöcklein da,
Den süssen Gott zu loben!
Ein Weilchen bleibt es totenstill,
Erbleichend lauscht der Graf,
Der gleich ein Unheil ahnen will,
Das ihn vom Himmel traf.
Doch schon hat sich der Narr bedacht
Den Handel zu versöhnen;
Die Kappe schüttelt er mit Macht,
Dass alle Glöcklein tönen!
Da strahlt von dem Ciborium
Ein goldnes Leuchten aus;
Es glänzt und duftet um und um
Im kleinen Gotteshaus,
Wie wenn des Himmels Majestät
In frischen Veilchen läge:
Der Herr, der durch die Wandlung geht, -
Er lächelt auf dem Wege!
Gottfried Keller (1819-1890)
Gedicht des Tages
Abendfeier
Ein Schein der ew’gen Jugend glänzt
Ins Erdenthal,
Die Höh’n mit Offenbarung kränzt
Der Abendstrahl.
Die Lerche singt der Sonne nach
Von hohem Ort,
Dann wird die Nachtviole wach
Und duftet fort.
Friedrich Rückert (1788-1866)
Gedicht des Tages
Knarren eines geknickten Astes
Splittrig geknickter Ast,
Hangend schon Jahr um Jahr,
Trocken knarrt er im Wind sein Lied,
Ohne Laub, ohne Rinde,
Kahl, fahl, zu langen Lebens,
Zu langen Sterbens müd.
Hart klingt und zäh sein Gesang,
Klingt trotzig, klingt heimlich bang
Noch einen Sommer,
Noch einen Winter lang.
Hermann Hesse (1877-1962)
Gedicht des Tages
Sonett
Im Winter meines Lebens, wenn schon weiß
Von Reif und Schnee mein Haar ist, wenn die Tage,
Die leuchtenden, getrübt von grauer Plage
Mir fliehn im oft erneuten Jahreskreis:
Beredt wird immer noch mein Rühmen, heiß
Die Liebe bleiben, die zu dir ich trage,
Daß nie ein Frost den Brand zu tilgen wage,
Den ich im Herzen ewig lodern weiß.
Im Sumpf ein Kreischen – hörst du so mein Lied? …
An deines Flusses Ufern will ich stehen,
Ein Schwan, der singt, weil seine Stunde droht.
Und wie man Flammen, die zur Neige gehen,
Ein letztesmal noch höher flackern sieht,
So glüht mein Herz noch auf – dann kommt der Tod.
(Thun-Hohenstein)
Torquato Tasso (1544-1595)
Gedicht des Tages
Dezemberabend in Wien 1936
O winterliche Fünf-Uhr-Stunde!
Der Himmel überm Kahlenberg
Vertropft die blasse Seitenwunde
Ins aufgebauschte Wolkenwerg.
In Grinzing und in Heiligenstadt
Entspringt das Licht in langen Zeilen.
Mondhoch bewacht ein Ziffernblatt
Den Park, wo frierend Menschen eilen.
Mein Blick geht den Vermummten nach,
Die mühsam sich durchs Dunkel treiben.
Ein schweren Omen stäubt vom Dach
Drei Würfe Schnee an meine Scheiben.
Franz Werfel (1890-1945)
Gedicht des Tages
Der Hase
Zwischen den Türmen, an Läufen,
Erstarrten, hängt der Hase am Fensterbrett.
Der Schneewind pfeift, der Dachwind weht,
Und von den Dachziegeln träufen
Dicke, schwarze Wassertropfen,
Die zerknallend auf dem Blech
Wie rasche Flintenschüsse klopfen.
Rührt es nicht, halb scheu, halb frech,
Das Wiesentier, die Ohren?
Hier ist kein Feld, kein Dämmerwald,
Nur der dicke Tropfen knallt
Feucht und unverfroren.
Von der Straße, schrill und wüst,
Viele Pfiffe stürmen.
Mit geknicktem Knochengerüst
Schwankt der Hase zwischen Türmen.
Georg Britting (1891-1964)
Gedicht des Tages
vom Deutschen und der Polizei
zwei Freunde schwatzten die sich herkannten
von den Kinderschuhen saßen bei Beern und Sahne
gossen da Spott auf Polizei Gericht und Staat
ernst und grinsend verhöhnten sie die Knebel
riefen die Polizei: Schmerbacken Kinderträumespuk
Industriellenbüttel die haussuchen bei Dichtern
Telefon abhören Denunzianten und Spitzel liebkosen
flüchtigen Zech-Brüdern und Nazis Blumen streuen
auch sagten die Freunde: die Gehirnfaltlosen
blühen bei Befehl zum Knüppeln Knuten wetzen Gelenke knicken
Nachjagen Wehrdienstfeinden Atomwaffengegnern Roten
mit Gas und Wasserstrahlen Menschenknoten lichten
am nächsten Tag sieht der eine die Polizei den andern
grob in die grüne Minna stoßen und sagt deutlich:
irgend etwas wird der schon verbrochen haben umsonst
holen die keinen verschließe Fensterläden und Flügel
Helga M. Novak (geb. 1935)
Gedicht des Tages
Sieh doch
sieh doch
der Mensch bricht aus
mitten auf dem Marktplatz
hörst du seine Pulse schlagen
und die große Stadt
gegürtet um seinen Leib
auf Gummirädern -
denn das Schicksal
hat das Rad der Zeit
vermummt -
hebt sich
an seinen Atemzügen.
Gläserne Auslagen
zerbrochene Rabenaugen
verfunkeln
schwarz flaggen die Schornsteine
das Grab der Luft.
Aber der Mensch
hat Ah gesagt
und steigt
eine grade Kerze
in die Nacht.
Nelly Sachs (1891-1970)
Gedicht des Tages
Weiße Levkojen erfreuen mich nicht, noch reizet die Myrrhe
Syriens mich und Gesang oder der chiische Wein,
Auch nicht Zechergelag und durstiger Mädchen Umarmung
Fordr ich. Wahnsinn, ja, scheint mir so teurer Genuss.
Kränzet mir nur mit Narzissen das Haupt, lasst gellende Pfeifen
Tönen, mit Krokus nur salbt nun die Glieder mir ein:
Netzet die Zunge mir nur mit mytilenäischem Weine:
Führet ein Mädchen mir auch zu aus der Hefe des Volkes.
(Jacobs)
Philodemos (1. Jhr.v.Chr.)
Gedicht des Tages
Land
Der Himmel ist Asche.
Die Bäume sind weiß,
Die branstigen Stoppeln
Sind tiefschwarze Kohlen.
Das Blut in der Wunde
Der Dämmrung vetrocknet,
Das Papier ohne Farbe
Des Berges zerknittert.
Der Staub auf dem Wege
Versteckt sich in Schluchten,
Die Quellen sind unklar,
Die Staue sind still.
Ins Graurote klingen
Die Glocken der Herden,
Das mütterlich Schöpfwerk
Beschließt Paternoster.
Der Himmel ist Asche.
Die Bäume sind weiß.
(Eich)
Federico Garcia Lorca (1898-1936)
Gedicht des Tages
Ein fußgekitzelter am Schopf gezogener
fußkitzelnder schopfziehender
Läufer,
verfolgt von einem
am Schopf gezogenen am Fuß gekitzelten
schopfziehenden fußkitzelnden
Läufer,
verfolgt einen
am Fuß gekitzelten am Schopf gezogenen
fußkitzelnden schopfziehenden
Läufer.
Drei kitzelnd gekitzelte ziehend gezogene
gekitzelt ziehende gezogen kitzelnde
verfolgend verfolgte
Läufer:
ein Kreislauf
Kurt Leonhard (1910-2005)
Gedicht des Tages
Nänie
Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.
Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich,
Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.
Friedrich Schiller (1759-1805)
Gedicht des Tages
Spleen
Die Rosen waren überrot,
Der Efeu ward zur Finsternis.
Liebste, dein kleinster Schritt bedroht
Mein Herz mit neuer Bitternis.
Des Äthers Strahl war allzu blau,
Des Meeres Bucht war allzu weit.
Ich hoffe noch. Ich weiß genau,
Ich hoffe nicht. Du gehst. O bleib!
Das blanke Blatt von Ilex und
Geleucht von Buchs ward ekel mir,
Und dieses Landes ganzes Rund,
Und alles, außer dir. Weh mir!
(VanDerVring)
Paul Verlaine (1844-1896)




















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