Zitat der Woche
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Über Muße und Freizeit
Burrhus Frederic Skinner
Das Ausmaß, in welchem eine Kultur ihre eigene Zukunft fördert, lässt sich an ihrer Einstellung zur Freizeit ablesen. Manche Menschen besitzen genügend Macht, um andere zu veranlassen oder zu zwingen, für sie so viel zu arbeiten, dass sie selbst fast nichts zu tun haben. Sie sind <müßig>. Dasselbe gilt für Menschen, die in einem besonders milden Klima leben. Auch auf Kinder, auf geistig Zurückgebliebene oder Geisteskranke, auf alte Menschen und auf andere, die betreut werden, trifft das zu; endlich auch auf Mitglieder von Überflug- und Wohlfahrtsgesellschaften. Alle scheinen in der Lage zu sein, <das zu tun, was sie wollen>, und das ist ein natürliches Ziel des Indeterministen. Muße ist der Inbegriff von Freiheit.
Für kurze Perioden von Freizeit ist die Spezies gerüstet; wenn ein Mensch durch ein reichliches Mahl völlig gesättigt ist oder wenn er eine Gefahr erfolgreich vermieden hat, entspannt er sich oder schläft er; entsprechend verhält es sich bei anderen Spezies. Wenn diese Bedingungen länger wirken, kann der Mensch verschiedene Spiele spielen - er äußert ernstes Verhalten, das im Augenblick nicht ernste Folgen hat.
Doch völlig anders fällt das Ergebnis aus, wenn der Mensch lange Zeit nichts zu tun hat. Der Löwe im Zoo, wohlgenährt und in Sicherheit, verhält sich nicht wie der gesättigte Löwe auf freier Wildbahn. Wie der institutionalisierte Mensch ist auch er dem Freizeitproblem in seiner schlimmsten Form konfrontiert: Er hat nichts zu tun. Freizeit ist ein Zustand, auf den die menschliche Spezies unzulänglich vorbereitet ist; denn bis vor noch gar nicht langer Zeit waren es nur wenige, die in ihren Genuß kamen, und diese wenigen trugen kaum zu einer Erbanlage bei. Heute verfügen viele über reichliche Freizeit, doch Gelegenheit für die wirksame Auslese einer relevanten Erbanlage oder einer relevanten Kultur hat es nicht gegeben…
(Aus B.F. Skinner: Jenseits von Freiheit und Würde, Rowohlt/Hamburg 1973)
Das Zitat der Woche
Religion und Wissenschaft
Albert Einstein
Das Individuum fühlt die Nichtigkeit menschlicher Wünsche und Ziele und die Erhabenheit und wunderbare Ordnung, welche sich in der Natur sowie in der Welt des Gedankens offenbart. Es empfindet das individuelle Dasein als eine Art Gefängnis und will die Gesamtheit des Seienden als ein Einheitliches und Sinnvolles erleben. Ansätze zur kosmischen Religiosität finden sich bereits auf früher Entwicklungsstufe, z. B. in manchen Psalmen Davids sowie bei einigen Propheten. Viel stärker ist die Komponente kosmischer Religiosität im Buddhismus, was uns besonders Schopenhauers wunderbare Schriften gelehrt haben. — Die religiösen Genies aller Zeiten waren durch diese kosmische Religiosität ausgezeichnet, die keine Dogmen und keinen Gott kennt, der nach dem Bild des Menschen gedacht wäre. Es kann daher auch keine Kirche geben, deren hauptsächlicher Lehrinhalt sich auf die kosmische Religiosität gründet. So kommt es, daß wir gerade unter den Häretikern aller Zeiten Menschen finden, die von dieser höchsten Religiosität erfüllt waren und ihren Zeitgenossen oft als Atheisten erschienen, manchmal auch als Heilige. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, stehen Männer wie Demokrit, Franziskus von Assisi und Spinoza einander nahe.
Wie kann kosmische Religiosität von Mensch zu Mensch mitgeteilt werden, wenn sie doch zu keinem geformten Gottesbegriff und zu keiner Theologie führen kann? Es scheint mir, daß es die wichtigste Funktion der Kunst und der Wissenschaft ist, dies Gefühl unter den Empfänglichen zu erwecken und lebendig zu erhalten.
So kommen wir zu einer Auffassung von der Beziehung der Wissenschaft zur Religion, die recht verschieden ist von der üblichen. Man ist nämlich nach der historischen Betrachtung geneigt, Wissenschaft und Religion als unversöhnliche Antagonisten zu halten, und zwar aus einem leichtverständlichen Grund. Wer von der kausalen Gesetzmäßigkeit allen Geschehens durchdrungen ist, für den ist die Idee eines Wesens, welches in den Gang des Weltgeschehens eingreift, ganz unmöglich — vorausgesetzt allerdings, daß er es mit der Hypothese der Kausalität wirklich ernst nimmt. Die Furcht-Religion hat bei ihm keinen Platz, aber ebensowenig die soziale bzw. moralische Religion. Ein Gott, der belohnt und bestraft, ist für ihn schon darum undenkbar, weil der Mensch nach äußerer und innerer gesetzlicher Notwendigkeit handelt, vom Standpunkt Gottes aus also nicht verantwortlich wäre, sowenig wie ein lebloser Gegenstand für die von ihm ausgeführten Bewegungen. Man hat deshalb schon der Wissenschaft vorgeworfen, daß sie die Moral untergrabe, jedoch gewiß mit Unrecht. Das ethische Verhalten des Menschen ist wirksam auf Mitgefühl, Erziehung und soziale Bindung zu gründen und bedarf keiner religiösen Grundlage.
Aus: Albert Einstein, Religion und Wissenschaft, Berliner Tagblatt 1930
Das Zitat der Woche
Geschichten für Schriftsteller?
Friedrich Dürrenmatt
Gibt es noch mögliche Geschichten, Geschichten für Schriftsteller? Will einer nicht von sich erzählen, romantisch, lyrisch sein Ich verallgemeinern, fühlt er keinen Zwang, von seinen Hoffnungen und Niederlagen zu reden, durchaus wahrhaftig, und von seiner Weise, bei Frauen zu liegen, wie wenn Wahrhaftigkeit dies alles ins Allgemeine transponieren würde und nicht viel mehr ins Medizinische, Psychologische bestenfalls, will einer dies nicht tun, vielmehr diskret zurücktreten, das Private höflich wahren, den Stoff vor sich wie ein Bildhauer sein Material, an ihm arbeitend und an ihm sich entwickelnd und als eine Art Klassiker versuchen, nicht gleich zu verzweifeln, wenn auch der bare Unsinn kaum zu leugnen ist, der überall zum Vorschein kommt, dann wird Schreiben schwieriger und einsamer, auch sinnloser, eine gute Note in der Literaturgeschichte interessiert nicht - wer bekam nicht schon gute Noten, welche Stümpereien wurden nicht schon ausgezeichnet -, die Forderungen des Tags sind wichtiger. Doch auch hier ein Dilemma und ungünstige Marktlage. Bloße Unterhaltung bietet das Leben, am Abend das Kino, Poesie die Tageszeitung unter dem Strich, für mehr, doch sozialerweise schon von einem Franken an, wird Seele gefordert, Geständnisse, Wahrhaftigkeit eben, höhere Werte sollen geliefert werden, Moralien, brauchbare Sentenzen, irgend etwas soll überwunden oder bejaht werden, bald Christentum, bald gängige Verzweiflung, Literatur alles in allem.
Doch wenn dies zu produzieren der Autor sich weigert, immer mehr, immer hartnäckiger, weil er sich zwar im klaren ist, daß der Grund seines Schreibens bei ihm liegt, in seinem Bewußten und Unbewußten in je nach Fall dosiertem Verhältnis, in seinem Glauben und Zweifeln, jedoch auch meint, gerade dies gehe das Publikum nun wirklich nichts an, es genüge, was er schreibt, gestaltet, formt, man zeige appetitlicherweise die Oberfläche und nur diese, arbeite an ihr und nur dort, im übrigen sei der Mund zu halten, weder zu kommentieren noch zu schwatzen? Angelangt bei dieser Erkenntnis, wird er stocken, zögern, ratlos werden, dies wird kaum zu vermeiden sein. Die Ahnung steigt auf, es gebe nichts mehr zu erzählen, die Abdankung wird ernstlich in Erwägung gezogen, vielleicht sind einige Sätze noch möglich, sonst aber Schwenkung in die Biologie, um der Explosion der Menschheit, den vorrückenden Milliarden, den unablässig liefernden Gebärmüttern wenigstens gedanklich beizukommen, oder in die Physik, in die Astronomie, sich über das Gerüst ordnungshalber Rechenschaft abzulegen, in welchem wir pendeln. Der Rest für die Illustrierte, für Life, Match, Quick und für die Sie und Er: der Präsident unter dem Sauerstoffzelt, Onkel Bulganin in seinem Garten, die Prinzessin mit ihrem Tausendsassa von Flugkapitän, Filmgrößen und Dollargesichter, auswechselbar, schon aus der Mode, kaum wird von ihnen gesprochen. Daneben der Alltag eines jeden, westeuropäisch in meinem Fall, schweizerisch genauer, schlechtes Wetter und Konjunktur, Sorgen und Plagen, Erschütterungen durch private Ereignisse, doch ohne Zusammenhang mit dem Weltganzen, mit dem Ablauf der Dinge und Undinge, mit dem Abspulen der Notwendigkeiten. Das Schicksal hat die Bühne verlassen, auf der gespielt wird, um hinter den Kulissen zu lauern, außerhalb der gültigen Dramaturgie, im Vordergrund wird alles zum Unfall, die Krankheiten, die Krisen. Selbst der Krieg wird abhängig davon, ob die Elektronen-Hirne sein Rentieren voraussagen, doch wird dies nie der Fall sein, weiß man, gesetzt die Rechenmaschinen funktionieren, nur noch Niederlagen sind mathematisch denkbar; wehe nur, wenn Fälschungen stattfinden, verbotene Eingriffe in die künstlichen Hirne, doch auch dies weniger peinlich als die Möglichkeit, daß eine Schraube sich lockert, eine Spule in Unordnung gerät, ein Taster falsch reagiert, Weltuntergang aus technischem Kurzschluß, Fehlschaltung. So droht kein Gott mehr, keine Gerechtigkeit, kein Fatum wie in der fünften Symphonie, sondern Verkehrsunfälle, Deichbrüche infolge Fehlkonstruktion, Explosion einer Atombombenfabrik, hervorgerufen durch einen zerstreuten Laboranten, falsch eingestellte Brutmaschinen. In diese Welt der Pannen führt unser Weg, an dessen staubigem Rande nebst Reklamewänden für Ballyschuhe, Studebaker, Icecream und den Gedenksteinen der Verunfallten sich noch einige mögliche Geschichten ergeben, indem aus einem Dutzendgesicht die Menschheit blickt, Pech sich ohne Absicht ins Allgemeine weitet, Gericht und Gerechtigkeit sichtbar werden, vielleicht auch Gnade, zufällig aufgefangen, widergespiegelt vom Monokel eines Betrunkenen.
(Aus Friedrich Dürrenmatt, Einleitung zur «Panne», in: Theater-Schriften und Reden, ExLibris 1966)
Das Zitat der Woche
Das moderne «Selbst» und die «Welt»
Peter Sloterdijk
In der Moderne brechen die Klammern, die im klassischen Denken Reflexion und Leben zusammenhielten, auseinander. Es wird uns immer deutlicher, daß wir im Begriff sind, für Selbsterfahrung und Welterfahrung den gemeinsamen Nenner zu verlieren. Sogar das ehrwürdige Postulat der Selbsterkenntnis gerät heute in den Verdacht, naiv gewesen zu sein, und was einst als Gipfel der Reflektiertheit erschien, steht heute dem Argwohn gegenüber, es sei womöglich nur eine Luftspiegelung, entstanden aus dem Mißbrauch der Reflexions-Metapher. Tatsächlich hat sich der weitaus größte Teil heutiger Objektkenntnisse von jeder Beziehung auf ein Selbst abgekoppelt und steht unserem Bewußtsein in jener ausdifferenzierten Sachlichkeit gegenüber, von der kein Weg mehr «zurück»gebogen wird zu einer Subjektivität.
Im modernen wissenschaftlichen Wissen erfährt nirgendwo ein Ich sich «selbst», und wo dieses sich noch über sich selber beugt, läßt es mit seiner offenkundigen Tendenz zur weltlosen Innerlichkeit die Realien hinter sich. So sind für das heutige Denken Innerlichkeiten und Äußerlichkeiten, Subjektivitäten und Sachen zu «fremden Welten» auseinandergefallen. Damit entfällt zugleich die klassische Prämisse des Philosophierens. Den Satz Erkenne dich selbst! verstehen die Modernen längst als Einladung zum Egotrip einer weltflüchtigen Ignoranz. Die moderne Reflexion spricht sich ausdrücklich die Kompetenz ab, Subjektivitäten bruchlos in objektive Welten einzubetten; was sie aufdeckt, ist vielmehr der Abgrund zwischen beiden. Das «Selbst» weiß sich auf geheimnisvolle Weise an eine «Welt» angeschlossen, ohne daß es sich in ihr im Sinne griechischer Kosmologie selbst erkennen könnte; und keine «vermittelnden» Instanzen wie Sozialpsychologie oder Neurophysiologie vermögen daran etwas zu ändern.
Die moderne Selbstreflexion kommt daher bei all ihren «Rück-biegungen» nicht mehr «nach Hause». Die Subjekte wissen sich weder in «sich» noch in ihren Umwelten als «bei sich daheim». Dem radikalen Denken der Moderne enthüllt sich am Selbst-Pol die Leere und am Welt-Pol die Fremdheit, und wie sich ein Leeres in einem Fremden «selbst» erkennen sollte, kann sich unsere Vernunft beim besten Willen nicht vorstellen.
(Aus: Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft, Suhrkamp 1983)
Neues Test-Verfahren für Schach-Programme
Der «Barometer»-Engine-Test (B-E-T)
Walter Eigenmann
Schon seit Jahren besteht die Hauptbeschäftigung der weltweit zahlreichen PC-Schach-Anwender darin, auf ihren heimischen Rechnern die mittlerweile hunderte von Schach-Engines mehr oder weniger systematisch gegeneinander antreten zu lassen, um aufgrund der Partien-Ergebnisse Rankings zu generieren. Denn in der internationalen (Computer-)Schach-Szene galt und gilt es bis heute als ausgemacht, dass die Spielstärke eines Schach-Programmes allein mit Hilfe von entsprechenden Turnieren zuverläßig zu ermitteln sei. Andere Verfahren der Rangierung wurden/werden praktisch einhellig als «zufällig», als «partikulär» oder gar als «subjektiv» kritisiert.
In vielwöchiger Arbeit - verteilt auf zwei Jahre - hat der Autor nun einen Stellungstest für Schach-Programme entwickelt, welcher die Rangliste der Engines genau so zuverläßig generiert wie die beiden Referenz-Turnier-Rankings der aktuellen Computerschach-Szene (nämlich CEGT und CCRL).
Die neue Test-Suite heißt B-E-T («Barometer Engine Test») und umfasst exakt 400 Schach-Aufgaben, die je innerhalb einer Minute zu lösen sind. Der «Barometer» benötigt also nur knapp sieben Stunden, um die definitive Spielstärke eines neuen Programmes zu eruieren. Das u.U. wochen- und monatelange zeitaufwändige Austragen abertausender Turnier-Partien allein zwecks Ermittlung der Engine-Performances ist damit Vergangenheit.
Positiv formuliert: Der B-E-T setzt Rechner- wie Human-Time-Ressourcen frei, welche inskünftig sinnvolleren Computerschach-Beschäftigungen als der (statistisch relevanten, aber schachlich meist völlig ignorierten Blitz-) Partien-«Produktion auf Halde» zugute kommen (könnten).
Unnötig zu erwähnen, dass selbstverständlich die Generierung von Engine-Engine-Partien, sofern sie mit langen Bedenkzeiten (=mind. 30Min/Engine) auf schneller Hardware gespielt werden und damit qualitativ hochstehendes Schach produzieren, nach wie vor wichtig ist, ja immer wichtiger wird. Denn je länger die Software-Entwicklung des Computerschachs andauert, umso klarer wird der gesamten Schach-Welt, dass mittlerweile das ganz «hohe Schach» nicht mehr in den Säälen der Großmeister-Turniere, sondern in den Veranstaltungen des virtuellen «Freestyle-Chess» stattfindet - oder in absehbarer Zeit überhaupt nur noch auf den privaten 8-Cores-Maschinen.
Exkurs1: Die «Spielstärke»
Ein ewiger definitorischer Streitpunkt nicht in der weltweiten Schach-Community, aber in den Computerschach-Foren ist der Begriff der «Spielstärke». Die vorliegende Untersuchung verwendet diesen Terminus in einem pragmatischen Sinne - wie das in der gesamten Schach-Welt der Fall ist. Demnach nennt man beispielsweise Ex-Weltmeister-Kasparow (zurecht) deshalb den «stärksten Spieler» seiner Epoche, weil er mehr Turnier-Partien gegen seinesgleichen gewann als die anderen. Er war also nicht zwingend gleichzeitig der «stärkste Blitzer», der «stärkste Problemlöser», der «stärkste Kommentator», der «stärkste Eröffnungstheoretiker», etc. - aber er war der stärkste Turnier-Spieler, weltweit anerkannt als die Nummer Eins, und als solche mathematisch dokumentiert im internationalen Elo-System.
Die Dominanz Kasparows hat im aktuellen Computerschach ihr Analogon: Das Programm «Rybka» beherrscht zurzeit die Turnier-Szene unangefochten; es ist das also «spielstärkste» Programm. (Dabei ist es beispielsweise allenfalls Image-schädigend, aber ihre Performance nicht wirklich beeinflussend, dass diese «stärkste» Engine bis heute auch durchaus Peinlichkeiten produzieren kann, wie sie andere Spitzen-Programme nicht aufweisen (beispielsweise mangelhafte Unterverwandlung, oder spezifische Zugzwang-Probleme, oder ziemliche Defizite im Königsangriff, u.a.)
Eine wesentliche Komponente von «Spielstärke» ist zweitens - gerade, aber nicht nur im Zusammenhang mit Computerschach - die Schnelligkeit. Bereits Vidmar (in seinen legendären «Goldenen Schachzeiten») wies explizit darauf hin, dass «die Geschwindigkeit des Denkapparates» für den Erfolg in dem Zeit-Sport Schach entscheidend ist. Für den B-E-T heißt das, dass das schnellste Programm in einer bestimmten Stellung auch dann das «stärkste» heißt, wenn alle anderen (langsameren) Programme die Aufgabe genauso lösen. (Pointiert formuliert: Irgendwann findet auch die «dümmste» unter den Engines die Lösung…) Der «Barometer» relativiert allerdings diesbezüglich nicht weiter (im Gegensatz etwa zu differenzierteren, aber mit anderen Fehlern behafteten Auswertungsverfahren wie z.B. «EloStatTS» des Statistikers Frank Schubert), sondern addiert schlicht die richtigen Lösungen; Der B-E-T gibt ein Zeit-Fenster vor, und das vermag ein Programm einzuhalten - oder eben nicht einzuhalten.
Exkurs2: Der «beste Zug»
Für gehörige Begriffsverwirrung, und diesmal nicht nur in der Computerschach-Szene, sorgt eine zweite, ebenso häufig wie nebulös benützte Vokabel: jene des sog. besten Zuges. Der Grundsatz-Streit, ob - wie z.B. Tarrasch proklamierte - jede Schach-Stellung (auch die vordergründig völlig «ausgeglichene») einen objektiv «einzigen besten» Zug aufweise, den es zu finden gelte, ist alt. Nun kann für den menschlichen Turnier-Kämpfer die Maxime, nach diesem «Einzigen» zu fahnden, nur schon aus Zeit-Gründen nicht gelten. Vielmehr beziehen bekanntlich moderne Großmeister nicht nur ihr theoretisches, sondern konsequent ebenso ihr Wissen über die spezifischen (auch psychologischen) Stärken und Schwächen der Gegnerschaft mit in die Zug-Auswahl ein.
Anders beim computerisierten Schach - zumal im Zusammenhang mit einer Aufgaben-Sammlung: Hier ist die Forderung nach dem «Einzigen Besten» nicht nur legitim, sondern sogar zwingend. Denn es gilt (ohnehin jenseits aller Psychologie) die Zufälligkeiten der Engine-typischen Zug-Generierung, resultierend aus meist «vager» Bewertung nach Bauerneinheiten, dergestalt zu umgehen, dass sich der gesuchte von den Kandidaten-Zügen «deutlich» abhebt, damit die Test-Stellung aussagekräftig wird.
«Praktisch gleich gute Züge» können schachlich interessant oder amüsant sein (und z.B. im Fernschach durchaus zur Plan-Findung durch den Menschen beitragen), sind aber als Test-Grundlage für Schach-Programme völlig ungeeignet, weil sie die «Entscheidung», den «Willen», das «wahre» Rechen-Ergebnis einer Engine nicht unmissverständlich und definitiv dokumentieren, sondern der präferierte Zug zum Zufalls-Produkt auch außerschachlicher Prozesse (Hardware-technische «Unebenheiten», Hintergrund-Aktivitäten, Memory-Nutzung u.a.) werden kann.
Dieses Problem der Nichtreproduzierbarkeit von Test-Ergebnissen wird noch verschärft durch die modernen Multi-CPU-fähigen Engines; schon bald nach Erscheinen der ersten Dual- und Quad-Geräte wurde klar, dass manchmal Partie-Züge in gleichen Stellungen bei manchen Programmen unter sonst gleichen Bedingungen unterschiedlich ausfallen (Siehe dazu auch einen im technischen Kern richtigen, aber in seinen Schlussfolgerungen irrational übertriebenen Artikel von Lars Bremer: Chaos-System Deep Engine, CSS-Online 2007).
Das Phänomen kann jedenfalls (von einem Stellungstest-Autor) grundsätzlich ignoriert werden. Denn erstens sind die angesprochenen Verwerfungen sehr selten (sprich auf ein paar hundert Stellungen und hundert Engines schätzungsweise in 15-20 Fällen vorkommend, wie entspr. Meldungen in einschlägigen Foren sowie eigene Stichproben nahelegen), und zweitens kann es durch die (schon oben angesprochene) sorgfältige Selektion «deutlich bester» Züge praktisch eliminiert werden. Drittens fängt allein schon ein je großzügig bemessenes Zeitfenster - in unserem Falle: 60 Sek./Zug - solche Verwerfungen in der Zug-Suche auf. Denn auch MP-Schach-Engines sind mitnichten Chaoten mit zufälligen Produkten: Eine MP-Engine wird, wie jede praktische Erfahrung beweist, immer stärker Schach spielen als ihr Single-Pendant, sofern sie hardwareseits gut adaptiert wurde.
(Sobald die 400 Aufgaben-Stellungen allgemein verfügbar sind, wird es für interessierte Tester ein Leichtes sein, das Ausmaß dieser «Nicht-Reproduzierbarkeit» im Experiment nachzuprüfen, indem die fraglichen MP-Engines je drei Mal (besser 5-7 Mal) den B-E-T zu durchlaufen haben. Dabei dürfte es jedesmal zu leicht abweichenden Gesamt-Lösungszahlen kommen, aber unterm Strich (= im Durchschnitt) werden sich die Ergebnisse die Waage halten, wie der Autor überzeugt ist. Dass also schließlich eine ganz andere Rangliste als die untenstehende resultiert, ist zwar theoretisch nicht unmöglich - aber extrem unwahrscheinlich.)
Kurzum: Erfolgreiches Spielen heißt grundsätzlich, einerseits gute Züge zu finden und andererseits schlechte Züge zu vermeiden - in diesem Grundsatz unterscheiden sich Mensch und Maschine nicht; Das bessere Programm findet insgesamt mehr beste Züge, und das insgesamt schneller, als das schlechtere - und genau dies zu dokumentieren ist Aufgabe eines sorgfältig konzipierten Computerschach-Stellungstests.
Genesis eines Stellungstests
Ausgangspunkt meiner Beschäftigung mit dem B-E-T war die Frage, welchen Grad an (computer-)schachlicher Repräsentanz ein paar hundert Aufgaben-Stellungen aufweisen müssen/können, damit die jeweilige Summe der von einem Programm erzielten Lösungen stark mit jenem Rang korreliert, den dieses Programm im durchschnittlichen Turnier-Betrieb innehat. Dieser «durchschnittliche» Rang wird ausgewiesen in den «Elo»-Ergebnissen, welche die beiden weltweit meistkonsultierten und zuverläßigsten, weil statistisch abgesicherten und dabei sowohl personell wie organisatorisch unabhängig voneinander agierenden Engine-Test-Organisationen CEGT und CCRL liefern. Die Zielsetzung war also, dass die Engine-Ergebnisse des B-E-T in keinem Falle einen höheren Abweichungsgrad aufweisen, als ihn eine Engine im direkten durchschnittlichen Vergleich dieser beiden Referenz-Ranglisten aufweist.
Nun war dem Problem mit mehr oder weniger wahllosem Engine-«Ausprobieren» von ein paar hundert Schachstellungen grundsätzlich nicht beizukommen. Angesichts so hochkomplexer Wirkungsketten, wie sie Schachpartien-Züge darstellen, würde einen Sterblichen das schiere Material erschlagen, und stünden ihm auch zwanzig Hochleistungs-Computer gleichzeitig zur Verfügung.
Die Lösung lag vielmehr da, wo sie auch jeder Großmeister sehr erfolgreich findet: in der Typisierung. Es galt, die insbesondere computer-schachlich relevanten Stellungs-Muster so systematisch wie möglich zu katalogisieren: Taktisch bereinigte, analoge Zug- bzw. Züge-Elemente wurden zu übergeordneten Motiven zusammengefasst; diese miteinander verwandten Motiv-Bündel wiederum ergaben ein neuerlich übergeordnetes Paradigma. Das heißt also, dass jede Aufgabe des B-E-T quasi als Paradigma fungiert, welches seinerseits eine Reihe von taktisch verschiedenen, aber «im Kern» analogen, also von ihrer schachlichen «Idee» her grundsätzlich austauschbaren Motive subsumiert. Dies Verfahren ist stark an das vielgerühmte «Muster-Denken» aller Meisterspieler angelehnt. Auf diese Weise lassen sich noch am ehesten die Miriaden von Schach-Zugmöglichkeiten bändigen bzw. durch ein paar hundert Stellungen repräsentieren.
Hierzu waren selbstverständlich eine Menge Recherchen vonnöten. Neben vielerlei moderner Schach-Lektüre war mir hier insbesondere der große Systematiker Max Euwe mit seinem 750-seitigen »Mittelspiel» hilfreich; die methodische Akribie in diesem Wälzer ist m.E. immer noch unerreicht. Rein vom Katalogisieren her konsultierte ich sodann ein zweites einschlägiges Kompendium, nämlich die Polgar-Enzyklopädie «ChessMiddleGames» (siehe deren Inhaltsverzeichnis unten) - obschon daraus kaum eine der rund 4′000 Positionen in meinem Test auftaucht, weil erstens eine Suite mit vorwiegend erstmals von mir veröffentlichten Aufgaben entstehen sollte, zweitens der grössere Teil der Test-Stellungen aus spezifischen Computerschach-Partien stammen musste, und drittens viele dieser Polgar-Aufgaben (gemäß zahlreichen Stichproben) nicht 100%ig korrekt sind.
Was wiederum das Computerschach-Material betrifft, nutzte ich sehr ausgedehnt die sog. COMP2007, deren (bei fast 700′000 Partien) umfassende Sammlung von ausschließlich Games mit längeren und langen Bedenkzeiten auf sehr langsamer bis sehr schneller Hardware ideal für meine Stellungs-Recherchearbeit war. Hinsichtlich des Endspiels durchforstete ich - neben zahlreichen Computer- und Fernschach-Partien - schließlich die große Studien-Datenbank von H. Van Der Heijden; deren Kompositionen präsentieren, wo sie auf technisch hohem Niveau daherkommen, die «Idee», den thematischen Kern eines Endspieles oft in besonders «reiner», unverschnörkelter Form, womit sie sehr geeignet sind für Computerschach-Tests. Dabei wurde allerdings auf größtmögliche Realitätsnähe geachtet; bis auf wenige Ausnahmen hätten die fraglichen Stellungen problemlos auch in tatsächlich gespielten Computer- oder Menschen-Partien entstanden sein können. Die «Ausnahmen» betreffen v.a. spezifisch Computerschach-Technisches wie beispielsweise «Zugzwang»-, «Horizont»- oder «Nullmove»-Probleme, welche gerade mit Studien hervorragend untersucht werden können.
Bedenkzeit: 60 Sekunden pro Stellung
Für eine Computerschach-Testsuite ist die Dauer der Bedenkzeit pro Aufgabe von wesentlicher Bedeutung - zumal dann, wenn mehrere hundert Stellungen von möglicherweise mehreren hundert Programmen getestet werden sollen… Hier verfolgte ich einen pragmatischen bzw. praktikablen Ansatz, denn zum einen soll der «Barometer» ein «Über-Nacht-Test» sein, der Resultate nach wenigen Stunden liefert; andererseits muss pro Aufgabe eine hohe Stabilität der Zug-Generierung gewährleistet sein; drittens soll die Bedenkzeit einigermaßen mit jener zu tun haben, die im durchschnittlichen Engine-Turnier-Betrieb der internationalen Computerschach-Community - namentlich der beiden erwähnten CEGT- und CCRL-Tester-Gruppierungen - favoritisiert wird; und schließlich war die aktuelle Hardware bzw. deren Entwicklung zu berücksichtigen.
Um allen diesen vier Punkten zu genügen, wurde der B-E-T - mittels recht ausgedehntem Stichproben-Experimentieren mit ein paar sehr starken wie sehr schwachen Engines auf einem (eher gemütlichen) «Athlon64/3000+» - auf eine Bedenkzeit von 60 Sekunden pro Stellung «geeicht». (Übrigens enthält der «Barometer» auch ca. zwei Dutzend extrem schwierige, vornehmlich strategische Aufgaben, die wahrscheinlich in absehbarer Zukunft von keinem Schachprogramm gelöst werden dürften).
Der Einfluss der Partie-Bedenkzeiten auf die Turnier-Ränge eines Schach-Programmes wird im übrigen immer wieder überschätzt. Hierzu sei eine eigene kleine Untersuchung zitiert (siehe hier ), welche das Fazit hat, dass sogar der Unterschied zwischen langer Turnier- und kurzer Blitz-Bedenkzeit nur in Ausnahmefällen relevant auf die Ranglisten durchschlägt. Mehr noch: Bei einer statistisch ausreichenden Anzahl Partien sind gar Match-Details wie Rechner-Typen, Programm-Parameter, Pondering-Einstellungen, Eröffnungsbücher, Endspiel-Datenbanken oder die Hash-Größen von sekundärer Bedeutung.
Der B-E-T in der Praxis
Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Artikels (anfangs Mai 2008) hat der B-E-T außer seinen 400 Aufgaben und einer klaren Zielsetzung noch nicht sehr viele Test-Ergebnisse vorzuweisen; sein voraussichtlicher Fahrplan in der Praxis sieht aber folgendermaßen aus:
1. Phase –> Willkürliches Testen einer Reihe «alter» und neuer Single-Engines
2. Phase –> Willkürliches Testen einer Reihe «alter» und neuer Single- und MP-Engines
3. Phase –> Regelmäßiges Testen von Engine-Neuheiten, wenn möglich innerhalb von 1-2 Tagen nach Erscheinen
4. Phase –> Erstellen von schachlichen Einzel-Profilen der Programme aufgrund ihrer Test-Ergebnisse
5. Phase –> Vollständige Dokumentation aller Stellungen und Lösungszeiten auf dieser Website
Dem Autor steht seit kurzem ein No-Name-Dual-Core6400-Gerät (mit Vista-Home/32bit, 128Mb Hash, 3-6 Nalimov-, Shredder- & EGBB-Bases, «Arena»-, «Fritz»- & «Shredder»-GUIs) zur Verfügung, und inzwischen hat er mit der Test-Arbeit bzw. der Generierung der entspr. Rangliste begonnen. (Ich behalte mir allerdings vor, nicht absolut jede kommerzielle Engine-Neuheit zu kaufen… :-)
Diese Rangliste wird über einen längeren Zeitraum hinweg ständig aktualisiert werden; für interessierte Computerschach-Freunde und Programmierer dürfte es sich also lohnen, hier regelmäßig reinzuschauen. -
Wie ist das nachstehende Ranking grundsätzlich zu interpretieren?
Der B-E-T kann (und will) seine Rangierungen nicht so differenzieren wie z.B. Listen, die nach Arpad Elos berühmter Formel berechnet wurden (siehe u.a. die oben erwähnten CEGT- und CCRL-Ranglisten). Der «Barometer»-Test erlaubt aber Aussagen wie: «Engine A ist ungefähr gleich stark wie Engine B», «Engine C ist deutlich schwächer als Engine C», «Engine D ist etwas stärker als Engine E». Dabei entsprechen ca. 0-5 BET-Punkte der Charakterisierung «ungefähr gleich stark», 6-10 BET-Punkte «etwas stärker/schwächer» und 11-n BET-Punkte «deutlich stärker/schwächer».
Der B-E-T zeigt also das relative Spielstärke-«Umfeld» eines Programmes an, ohne absolute Vergleiche anzustellen; dementsprechend sind auch die Abstände der Engines cum grano salis zu nehmen. Aber selbstverständlich kann dort von einem massiven Spielstärke-Unterschied ausgegangen werden, wo eine BET-Differenz mehr als 40 Punkte beträgt.
Die Computerschach-Rangliste gemäß B-E-T
Programm Lösungen 001 Rybka 2.3.2a x32 2CPU 273 002 Rybka 2.3.2a x32 1CPU 263 003 Zappa Mexico II x32 2CPU 249 004 Naum 3 x32 2CPU 248 005 Zappa Mexico x32 2CPU 244 006 Deep Shredder 11 x32 2CPU 244 007 Toga II 1.4.2JD x32 2CPU 240 008 Fritz 11 CB x32 1CPU 237 009 Glaurung 2.1 x32 2CPU 237 010 Hiarcs 11.2 x32 1CPU 230 011 Deep Shredder 11 x32 1CPU 229 012 Fritz 10 CB x32 1CPU 229 013 Loop 13.6 x32 2CPU 228 014 Toga II 1.3.1 x32 1CPU 224 015 Fruit 05/11/03 x32 1CPU 224 016 Bright 0.3a x32 2CPU 224 017 Spike 1.2 Turin x32 2CPU 223 018 Zappa Mexico x32 1CPU 222 019 Shredder 10 x32 1CPU 222 020 Rybka WinFinder 2.2 x32 1CPU 221 021 Fritz 9 x32 1CPU 219 022 Deep Sjeng 2.7 x32 2CPU 218 023 Bright 0.2c x32 2CPU 218 024 Glaurung2 eps/5 x32 2CPU 217 025 Hiarcs 10.0 x32 1CPU 216 026 Spike 1.2 Turin x32 1CPU 201 027 Deep Sjeng 2.7 x32 1CPU 201 028 Chessmaster11000 x32 2CPU 201 029 Junior 10.1 CB x32 1CPU 196 030 Ktulu 8.0 x32 1CPU 194 031 Bright 0.2c x32 1CPU 194 032 Glaurung2 eps/5 x32 1CPU 192 033 Naum 2.0 x32 1CPU 191 034 Chess Tiger 2007.1 x32 1CPU 190 035 Frenzee Feb08 x32 1CPU 190 036 SmarThink 1.00 x32 1CPU 189 037 Junior 9 CB x32 1CPU 183 038 Alaric 707 x32 1CPU 181 039 Pharaon 3.5.1 x32 2CPU 181 040 Movei 0.08.438 x32 1CPU 179 041 Gandalf 6.0 x32 1CPU 178 042 Chessmaster10000 x32 1CPU 173 043 WildCat 8 x32 1CPU 171 044 Ruffian 2.1.0 x32 1CPU 164 045 SlowChessBlitzWV2.1 x32 1CPU 162 046 Pharaon 3.5.1 x32 1CPU 160 047 Pro Deo 1.2 x32 1CPU 153 048 WildCat 7 x32 1CPU 153 049 Aristarch 4.50 x32 1CPU 153 050 The Baron 1.8.1 x32 1CPU 153 051 Crafty 20.14 CB x32 2CPU 150 052 Anaconda 2.0.1 CB x32 1CPU 150 053 SOS 5.1 x32 1CPU 150 054 Colossus 2007a x32 1CPU 146 055 Alfil 8.11 x32 1CPU 140 056 Hermann 2.3 x32 2CPU 136 057 Crafty 20.14 CB x32 1CPU 136 058 Nimzo 8 CB x32 1CPU 134 059 Yace 0.99.87 x32 1CPU 130 060 Quark 2.35 x32 1CPU 129 061 Amyan 1.597 x32 1CPU 125 062 Gaia 3.5 x32 1CPU 125 063 AnMon 5.60 x32 1CPU 124 064 Delphil 1.9 x32 1CPU 117 065 Twisted Logic 20080404x/32/1 112 066 Cyrano 0.4 x32 1CPU 112 067 Comet B68 CB x32 1CPU 109 068 Djinn 0.925x x32 1CPU 105 069 NanoSzachy 3.3 x32 1CPU 104 070 Cheese 1.2 x32 1CPU 102 071 Homer 2.0 x32 1CPU 099 072 Caligula 0.3b x32 1CPU 093 073 Doctor? 3.0 CB x32 1CPU 090 074 ZCT 0.3.2447 x32 1CPU 082 075 Arion 1.7 x32 1CPU 081 076 Resp 0.19 x32 1CPU 081 077 FireFly 2.5 x32 1CPU 081 078 BikJump 1.7 x32 1CPU 081 079 Uralochka 1.1b x32 1CPU 079 080 GreKo 5.7 x32 1CPU 070 081 BSC 0.3 x32 1CPU 068 082 Bambam CB x32 1CPU 066 083 Wing 2.0a x32 1CPU 065 084 Mint 2.3 x32 1CPU 063 085 Ifrit B2.1 x32 1CPU 062 086 ECE 0.3 x32 1CPU 061
(Stand: 14.Juni 2008)
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.Zurzeit (20. Juni 2008) ist die Test-Arbeit mit dem «B-E-T» eingestellt;
wann sie fortgesetzt wird, ist noch unbestimmt.
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Inhaltsverzeichnis von: L. Polgar, Chess Middlegames, Könemann Verlag 1998
Heute vor … Jahren
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«Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde»
Über Joseph Haydns Oratorium «Die Schöpfung»
Walter Eigenmann
Am Abend des 30. April 1798 wohnt ein illustrer, allerdings nur privat geladender Kreis von Adeligen und Musik-Freunden, von «Gönnern und Kennern», quasi das gehobene Tout-Wien im fürstlichen Palais des Joseph Schwarzenberg der ersten Aufführung eines Werkes bei, das zum Inbegriff der Nach-Händelschen Oratorien-Komposition schlechthin wird, und das zum noch heute populärsten Stück seines Komponisten avanciert: «Die Schöpfung» von Joseph Haydn.
Hell begeistert reportiert der damalige Wiener Korrespondent des «Neuen teutschen Merkur» seine Eindrücke von diesem Konzert, bei dem Haydn dirigiert und Salieri am Flügel sitzt, nach Weimar: «Schon sind drei Tage seit dem glücklichen Abende verflossen, und noch klingt es in meinen Ohren, in meinem Herzen, noch engt der Empfindungen Menge selbst bey der Erinnerung die Brust mir. [...] Die Musik hat eine Kraft der Darstellung, welche alle Vorstellung übertrifft; man wird hingerissen, sieht der Elemente Sturm, sieht es Licht werden, die gefallenen Geister tief in den Abgrund sinken, zittert beym Rollen des Donners, stimmt mit in den Feyergesang der himmlischen Bewohner. Die Sonne steigt, der Vögel frohes Lob begrüsst die steigende; der Pflanzen Grün entkeimt dem Boden, es rieselt silbern der kühle Bach, und vom Meersgrund auf schäumender Woge wälzt sich Leviathan empor.»
Das OratoriumJoseph Haydns «Die Schöpfung» (im Verbund mit seinem zweiten Oratorium «Die Jahreszeiten» / 1801) leitet eine Wende ein in der europäischen Oratorien-Geschichte bis zur frühen Wiener Klassik. Haydns weltweiter Erfolg begünstigte die Pflege des Oratoriums nun auch außerhalb des sakralen Raums, und der «Schöpfung» aufgeklärter Optimismus, ihr insgesamt unpathetischer, zwar tief-, aber nie trübsinniger Duktus und ihre theologisch mehr den Freuden denn den Leiden des Irdischen zugewandte, das «Positive» der Genesis betonende Grundhaltung - beispielsweise negieren Haydn und der Freimaurer Van Swieten den «Sündenfall» völlig! - spannt eine Entwicklungslinie über Mendelssohns «Elias» (1846) und Schumanns märchenhaftem Erlösungs-Mythos in «Paradies und Peri» (1843) bis zu Liszts «Legende von der heiligen Elisabeth» (1862) und deren ideeller Stoffnähe zu Wagners «Tannhäuser». Das 20. Jahrhundert sieht weder in stilistischer noch in formaler oder besetzungstechnischer Hinsicht eine Neu-Orientierung der Oratorien-Komposition. (Die Bezeichnung «Oratorium» ist übrigens abgeleitet vom frühen «Oratorio», dem Bet-Saal, wo Bibel-Lesungen und sonstige andächtige Betrachtungen - mit geistlichen Liedern, sog. «Lauden» - veranstaltet wurden.) Als großartige, teils gar szenisch aufführbare oratorische Werke wären für diesen Zeitraum mindestens Honeggers «Le roi David», Strawinskys «Oedipus rex» oder Schönbergs «Die Jakobsleiter» anzumerken. (W.E.) |
Der «Empfindungen Menge» des emphatischen Schreibers bei dem neuesten Opus des inzwischen als Symphoniker und Kammermusik-Genie berühmten, vor kurzem von zwei England-Reisen endgültig nach Wien zurückgekehrten Komponisten wird von all jenen geteilt, die am 7. und 10. Mai 1798 die (erneut privaten) Wiederholungen des Konzertes hören. Knapp ein Jahr später, am 19. März 1799, löst die erste öffentliche Aufführung im Hof-Theater (mit einem Riesenapparat von über 180 Musikern, ganz nach Händels monumentalem Vorbild in der Westminster Abbey) genau dieselbe ungeheure Faszination aus - «Die Schöpfung» geht endgültig auf ihren Siegeszug durch alle Kirchen und Konzertsäle der Welt.
Wesentlichen Anteil nicht am Erfolg, aber am Entstehen des Oratoriums hat der niederländisch gebürtige Musik-Mäzen, einflussreiche Österreich-Diplomat, wohlhabende Konzert-Veranstalter, erfolglose Komponist und schließliche Präfekt der Kaiserlichen Hof-Bibliothek, Baron Gottfried van Swieten. Dieser umtriebige Aristokrat, dem alle drei Wiener Klassiker regelmäßig finanzielle Zuwendungen, Subskriptionen, Kompositions-Aufträge und Auftritts-Möglichkeiten verdanken, gründet Ende der 1780er Jahre mit einer Reihe von Adligen - darunter die Grafen bzw. Fürsten Esterhazy, Liechtenstein, Lobkowitz, Kinsky, Auersperg, Lichnowsky, Trauttmannsdorff, Sinzendorf und Schwarzenberg - seine musikalische (auch Freimaurer-)«Gesellschaft der Associierten», welche jährlich mehrere ihrer sog. «Akademien» veranstaltet und dabei Werk um Werk (von Bach bis Beethoven) aus der Taufe hebt. Für Haydn übersetzt Van Swieten - Librettist und musikalischer Idee-Lieferant zugleich - den ursprünglich englischen Oratorien-Libretto-Text eines (im übrigen nicht näher bekannten) Lidley - dessen Quellen seinerseits das Buch Genesis, die Psalmen sowie John Miltons Epos «Paradise Lost» bilden - ins Deutsche.
Das Libretto folgt in seinen beiden ersten Teilen dem biblischen Schöpfungsbericht über die Erschaffung von Himmel und Erde, Wasser und Land, Pflanzen und Gestirnen sowie der Erschaffung von Tier und Mensch, wobei die drei Erzengel die traditionelle Erzähler-Rolle des «Historicus» innehaben. Miltons Dichtung grundiert bei Haydn dann den dritten, «paradiesisch-idyllischen» Teil als Zitaten-Sammlung.
Während rein Rahmen-formal die schon bei Händel zu standardisierter Ausprägung geführte, bei Händel auch szenisch-dramaturgisch durchkomponierte gattungsspezifische Abfolge von Soli-, Chor- und Orchester-Passagen beibehalten wird, geraten Haydn die stilistischen, harmonischen, melodischen und satz- wie orchestertechnischen Aspekte dieses seines berühmtesten Alters-Werkes zur musikgeschichtlich bisher beispiellosen Höchstleistung. Haydns naiv-volkstümliche Frömmigkeit (in notabene vernunftbetonter «Aufklärungs-»Zeit) kontrastiert hier mit einer kompositorischen Raffinesse und einer Ausdrucksweite wie -tiefe, die weit über die «geordnete Klarheit» der Klassik hinaus in die tonmalerische «Programm-Musik» der Spätromantik weisen. Auf die zahllosen berühmtgewordenen Passagen dieser Partitur - vom «Chaos»-Urnebel der Ouvertüre bis zum grandios überhöhenden «Amen»-Schlusschor, vom C-Dur-«Licht» bis zum «Löwengebrüll» des tiefen Kontrafagotts, von den «Pastoral-»Oboen über das «Donnergrollen» im Blech bis hin zum Mücken-Schwirren in Streicher-Tremoli - sei hier nicht eingegangen, sondern die kompositorische Innovation nur anhand des Aspektes «Dynamik» gestreift, denn letztere erfährt in Haydns «Schöpfung» eine bedeutsame Entwicklung. Zwar hatte sich nämlich schon im Frühbarock (z.B. bei Locke) die dynamische Differenzierung des Einzeltones angebahnt, und in der Folge kennt Händel den Schwellmechanismus der Orgel, Rameau verwendet bereits graphische Zeichen fürs An- bzw. Abschwellen, und Stamitz’ «Mannheimer Schule» wurde u.a. bekannt durch ihr Orchester-Crescendo. Haydns «Schöpfungs»-Dynamik nun, jetzt bis in alle Einzelheiten ausgefeilt, führt einen Effekt in die Kirchenmusik ein, den ihm viele später nachmachen: Die überwältigende Wirkung des «Subito-piano» nach dem Forte oder Crescendieren. Beispielsweise im Chor (mit Terzett) «Der Herr ist groß» mit der zweimaligen dynamischen «Rückung» bei der Stelle «…und ewig bleibt sein Ruhm».
Notenbeispiel: Fugativer Chor-Satz (Engl. Fassung von «Die Himmel rühmen…»
Neben der höchst differenzierten Orchestertechnik, aber auch dem Haydn-typisch «eingänglichen», in der Stimmführung gleichwohl sehr emotionalen, fast «malenden» Arien-Melos der «Schöpfung» ist natürlich die spezielle Behandlung des mehrfach eingesetzten (Massen-)Chores in diesem Oratorium ein weiterer Grund für seine so erfolgreiche Rezeptions-Geschichte. Wiederum sei diesbezüglich nur ein Bereich sondiert, nämlich die Kontrapunktik - und abschließend der «frühromantische» Mendelssohn-Lehrer, Goethe-Vertoner, Orchester-Dirigent, «Liedertafel-»Gründer und Haydn-Zeitgenosse Carl F. Zelter (1756-1832) zitiert: «Die Arbeit an diesen Chören ist fast überall fugenartig. Die Themata sind faßlich, und die Kontrasubjekte und Reperkussionen treten frei und natürlich einher. Nirgends Dunkelheit oder Verwirrung, und selbst die Augmentationen sind klar und stark, obgleich nirgends streng. Der Ausdruck der Worte ist wahrer und kühner als in den Arien und Rezitativen, und die Instrumentalmusik über alle Beschreibung vortrefflich durch das Ganze gewirkt [...]
Wenn aber junge, arbeitslustige Harmonisten an allen fugierten Chören dieses Oratoriums eine gewisse Leichtigkeit, Schlüpfrigkeit oder übermütige Freiheit nicht verkennen mögen; wenn sie bemerken müssen, daß in diesem großen Werke keine einzige strikte Fuge vorhanden ist: so mögen sie sich des ungeachtet gesagt sein lassen, daß, so leicht und so voll und fließend zu arbeiten nur dem möglich ist, der eine strikte Fuge mit allen ihren Attributen aufzustellen weiß. Solche Beispiele großer Meister sind für junge Künstler so verführerisch, daß sie die Kunst, fugenartig arbeiten zu lernen, wozu, bei dem entschiedensten Talente, ein anhaltender, jahrelanger Fleiß erfordert wird, gar zu gerne für eine leidige Schulfuchserei halten mögen. Es bedarf keines außerordentlichen Grades von Talent und Kunst, ein Stück hervorzubringen, in welchem man in eine Partitur von vielen Notensystemen ein Ding hineinpaßt, das Ungeübte um so eher für eine Fuge halten, je weniger es ihnen natürlich und gefällig scheint. Allein die Kunst, mit einem musikalischen Gedanken umzugehen, solchen auf eine interessante Art zu evolvieren und jede Stimme sprechen zu lassen, daß sie ein bedeutender Teil des Ganzen bleibe und das Ganze etwas Schönes sei, dazu gehört eine Übung im Fugensatze, die viel zu lange ist vernachlässigt worden; und zu Haydns unvergeßlichen Verdiensten gehört demnach auch dieses, daß seine trefflichen Kompositionen, ihr Feuer, ihre Wahrheit und Würze, großenteils dem schönen Gebrauche der Kontrapunkte und seiner Art zu fugieren zu danken haben; und Er, der mit seinem Genie und seiner ewig frischen Gedankenfülle alle seine Zeitgenossen hinter sich läßt, schämt sich nicht, seine Werke mit kontrapunktischen Schönheiten auszuschmücken, wodurch sie allen Veränderungen und Schicksalen der Zeit und Mode zum Trotz unsterblich bleiben werden, so lange die Musik eine Kunst heißt.»

Heute vor … Jahren
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Ungeheure Träume träumender Ungeheuer
Über «Die Zofen» von Jean Genet
Walter Eigenmann
Am 17. April 1947 hat das Pariser Théatre de l’Athéne auf seinem Spielplan die Uraufführung eines Stückes, dessen Autor im Säuglingsalter von seiner Mutter, einer Prostituierten, der Fürsorge übergeben wird, und der schon in seiner Jugendzeit als Strichjunge, vagabundierender Dieb, Schwulen-Zuhälter und schließlich als mehrjähriger Sträfling jenes Verworfenen-Leben lebt, das später zur zentralen Staffage, ja zur zelebrierten Unter- und Gegen-Welt des totalen Werte-Negierens in fast allen seinen Romanen und Stücken erhoben wird. Die Rede ist von dem französischen Schriftsteller, Dramatiker und Poet Jean Genet (1910-1986) - und von seinem absurd-grotesken Prosa-Einakter «Die Zofen» (Les Bonnes).
Die Zofen, das sind die Schwestern Claire und Solange, welche dienend gleichsam zum lebenden Mobiliar in der reichen Salon-Welt einer «gnädigen Frau» erniedrigt sind, die aber, ist die Herrschaft aus dem Haus, zu eigenem Spiel und Traum umsiedeln, um dort ihren Herrschafts-Trieben, ihren Vergeltungs-Sehnsüchten, ihrer gegenseitigen Hass-Liebe und ihrem Vernichtungsrausch zu frönen.
Der Mord als Katharsis
Ihr Mord-Plan, die Herrin zu vergiften, nachdem sie deren Geliebten bereits anonym denunziert und (wie sie meinen) für immer ins Gefängnis gebracht haben, ist der erste Schritt zur eigenen Erlösung, die das soziale Gefüge neutralisieren und die beiden Zofen selber im phantastmagorischen Rollen-Spiel als Dienerin und als Herrin installieren soll. Claire (als neue Herrin) und Solange verstricken sich qualvoll leidend und lüstern genießend zugleich in ihre grausam-lustvolle Traum-Flucht hin zur selbstgewählten Knechtschaft, die sie befreien soll. Der Zofen genüsslich-morbide Spiel-Lust an der Unterwerfung wie der Unterdrückung macht sie zu «Ungeheuern - wie wir selber, wenn wir dieses oder jenes träumen» (Genet). Als die psychologisch konsequent vorangetriebene Apotheose dieser Liebe-Hass- und Herrschaft-Unterwerfung-Ambivalenz naht, kippt die erst gespielt-virtuelle Identitäts-Flucht der beiden Zofen in die tragische Realität: Herrin ist nun Claire, und diese trinkt das für die «Gnädige» bestimmt Gift, «während Solange unbeweglich mit dem Gesicht zum Publikum steht, die Hände überkreuzt, als ob sie Handschellen trüge».
Der «Komödiant und Märtyrer Saint Genet», wie Sartre in seinem gleichnamigen umfangreichen Essay diesen sowohl biographisch wie literarisch solitären Skandal-Autoren nennt, interpretiert selber «Die Zofen» weder als Sozialkritiker noch als Psychologe oder gar Moralist, sondern als Poet: «Ich versuchte, eine Distanzierung zu erreichen, die gleichzeitig einen deklamatorischen Ton zulassen und es ermöglichen sollte, das Theatralische ins Theater zu bringen. Ich hoffte, dadurch die Charaktere abzuschaffen… und sie durch Symbole ersetzen zu können, die so weit wie möglich von dem entfernt sein sollten, was sie eigentlich verkörperten, und doch wieder eng damit verknüpft, um als einziges Bindemittel zwischen Autor und Publikum dienen zu können. Kurz, ich wollte erreichen, dass die Figuren auf der Bühne nur noch Metaphern dessen waren, was sie darstellen sollten.» Die selbstimaginierte Hass- und Ekel-Eskalation der Zofen wird so zur Zelebrierung eines Rituals, welches das Verbrechen als reinigende Kult-Handlung zentriert: Der Mord als Katharsis.
Auf die (im biographischen Kontext durchaus naheliegende) Frage, warum er nie einen Mord verübt habe, entgegnete einmal der homosexuelle Kriminelle und ewige Flüchtling Genet entwaffnend: «Wahrscheinlich, weil ich meine Bücher geschrieben habe». Und die Kompromisslosigkeit, mit welcher dieser Autor - dessen Leben sich vor einem bürgerlichen Blick wie ein einziger tragischer Witz ausbreitet - die überhöhende wie krankhaft überhöhte Leidensfähigkeit seiner Protagonisten bis zur bitteren Neige auskostet, wird nur noch übertroffen durch die absurden, schier irrealen Trivialitäten, welche all diese Düsternis und dieses Scheitern in Genets teils perversen, teils ins Religiös-Heilige gesteigerten Welt(en) auszulösen vermögen. Dass sich der Existenzialist Sartre und der frühe Cocteau sowie in der Folge solche namhaften Underground- und Beat-Schriftsteller wie Allen Ginsberg, William Burroughs, Jack Kerouac oder Gregory Corso bis zu Charles Bukowski auf Jean Genet als einen ihrer literarischen Animateure berufen, ist also keineswegs zufällig.
Die zwei SchwesternDie Inspiration für seinen «Zofen»-Handlungsrahmen holte sich Genet bei einem wahren Mordfall im französischen Städtchen Mans, wo die beiden Geschwister Christine (28) und Léa Papin (21) schon lange in einem bürgerlichen, äußert streng geführten Haushalt in der Provinzstadt Mans als Dienst-Mädchen angestellt waren. Wie sich die Tragödie abspielte, schildert Edmund White in seinem Buch «Jean Genet» (München 1993): |
Pakt mit dem Teufel
Von «NotreDame-des-fleurs» (1944) und seiner ständigen Konfrontation mit der Problematik des Tötens über «Le balcon» (1957) mit der zentralen Intention «Die Welt ist ein Bordell» bis hin zu der gigantomanen, theatralisch nicht mehr zu bewältigenden Totentanz-Opulenz der «Paravents» (1961) - Genet nannte diese seine «Wände» maßlos verniedlichend ein «Märchenspiel», ein «Fest, gewidmet den Lebenden wie den Toten» - durchzieht dabei das gesamte umfangreiche Genet-Oeuvre eine omnipräsente Spur der gewaltsamsten Obszönität und der obsessivsten Missachtung aller gesellschaftlich determinierten Moralität. Anders als etwa Henry Miller, dessen übersteigerte «literarische Sexualität» (zumindest anfänglich) banalste monetäre Ursachen hatte, ist Genet der wahrhaft Besessene, der Bilder-Junkie, der Apotheotiker auch der phallischen (präziser: homo-erotischen) Virilität, dem aller Unterleib zu Kopf steigt. Jean Genet, das ist ein einziger permanenter Tabu-Bruch, und das an Leib und Seele.
Zurecht ist in der Genet-Forschung auf die nicht nur thematische, sondern auch stilistische Parallelität Genets zur ebenfalls barock-opulenten Monströsität eines seiner «Vorgänger», nämlich des Marquis de Sade hingewiesen worden. Gleich wie bei jenem - und wieder anders als bei Miller - kommt die Prosa, kommen auch die Dramen Genets, bei all ihrer pervers-kriminellen Narration, seltsam reflektorisch daher, Dialoge und Schilderungen sind seitenweise versetzt mit quasi-philosophischen Exkursen - irritierende Reflexionen, welche die Symbolik einzelner Handlungsstränge selten erklären, meist vielmehr vorantreiben. In zwanghafter Fatalität breitet so fast jedes Genet-Werk je eine eigene wahrliche Ästhetik des Bösen aus - Der «Querelle»-Verfilmer Rainer Werner Fassbinder nennt das 1982 den «Pakt mit dem Teufel» -, die desillusionierende Analyse menschlichen Zusammenlebens wird zur buchstäblichen Sprach-Gewalt. In einem Geschwister-Dialog der «Zofen» wird das exemplarisch im Hinblick auf menschliche Bindungen formuliert: «Ich möchte dir helfen. Ich möchte dich trösten, aber ich weiß, ich ekle dich an. Ich stoße dich ab. Ich weiß es, weil du mich anekelst. Liebe in Knechtschaft ist keine Liebe.»
Zwar sind die «Zofen» in ihrer psychopathischen Individualsphäre ein Drei-Personen-Binnenstück, aber deren unentrinnbar verstrickender Identitäts-Zwiespalt, eines der großen Leit-Motive Genets, hat Genet selber hochtransponiert in seine eigene, post-literarische Lebens-Phase, da er sich vornehmlich als politischer Aktivist betätigte: Als Vietnamkrieg-Gegner, aber auch als RAF-Sympathisant; als Arafat-Freund im palästinenischen Freiheitskampf, aber auch - weltweit kritisiert - als «einfühlsamer» Versteher des «Dichters» Hitler, über den er (nur ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg!) schreibt: «Dichter, der er war, verstand er, sich des Bösen zu bedienen. Er zerstörte um der Zerstörung willen, er tötete, um zu töten.» Und: «Der Führer schickte seine schönsten Männer in den Tod. Das war die einzige Möglichkeit, die er hatte, um sie alle zu besitzen.» Hier wird noch beim späten Genet ein zweites lebenslanges literarisches Motiv dieses Allegorien-Hymnikers auf den Punkt gebracht: Die Entindividualisierung der Protagonisten, die am Ende ihres Umwandlungsprozesses nur noch als existenzielle Nackheiten vorhanden sind - als «Inszenierung ihrer äußerlichen Form», wie es die Genet-Analytikerin Michaela Wünsch einmal formulierte.
Wie fast alle seine Stücke wurde «Die Zofen» - der Dramen-Erstling Genets - vom schockierten zeitgenössischen Theater-Publikum nicht verstanden, sondern boykottiert, die Erstaufführung geriet zum Desaster, auch für den Regisseur Louis Jouvet. Noch war die Zeit 1947 nicht reif für einen Jean Genet - nicht für den Heiligen, und nicht für den Sünder. ♦
Das Zitat der Woche
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Von der Kontinuität der geistigen Leistungen
Leszek Kolakowski
[...] Weil die gesellschaftliche Funktion der Intellektuellen die Anerkennung allgemeingültiger Denkmuster als obligatorischer Normen wesentlich einschließt, sind die Intellektuellen außerstande, eine Gruppe zu bilden, die ihren Gliedern jenes Gefühl totalen Engagements oder jenes Zugehörigkeitsbewußtsein vermittelt, das viele religiöse oder politische Gruppen geben können. Was gewöhnlich «Entfremdung» der Intellektuellen genannt wird, ihr - oft beschriebenes - Gefühl, «entwurzelt», nicht dazugehörig zu sein, kann ideologische Bedürfnisse hervorbringen, die sich darin äußern, daß sie sich anti-intellektuellen Tendenzen in bestehenden Bewegungen anschließen und ihnen Ausdruck verleihen.
Dieses Gefühl des Nicht-Dazu-Gehörens kann außergewöhnlich stark sein und wird nicht nur durch die besondere Situation der Intellektuellen hervorgerufen, sondern durch alle Umstände, die das Leben in zeitgenössischen Gesellschaften mehr und mehr von rational organisierten technologischen und administrativen Systemen abhängig machen, die die letzten Reste des Sippenverbandes und jede Unmittelbarkeit der Kommunikation zerstören. Die Sehnsucht nach rückhaltlosem Engagement und der Wunsch, sich aus einer Gesellschaft zurückzuziehen, in der die Kommunikation mehr und mehr von jenen Systemen vermittelt wird, sind bestimmende Motive vieler philosophischer, religiöser, politischer und gesellschaftlicher Erscheinungsformen unserer Kultur.
Das Individuum kann versuchen, dieses Bedürfnis auf verschiedene Weise zu befriedigen: Durch politisches Engagement, durch Mystik, durch Drogen (ich will nicht behaupten, daß alle diese Formen des Engagements die gleiche gesellschaftliche Bedeutung oder den gleichen Wert haben, sondern nur, daß ähnliche individuelle Motivationen in ihnen wirksam sein können). Drogen können, auf der Ebene des Individuums, ein Mittel sein, aus der Einheit der Kultur auszubrechen, ein verzweifelter Versuch, in die verlorene Unmittelbarkeit zur Welt zurückzukehren - aber die Ideologie der Droge kann zugleich Bedingungen gesellschaftlicher Art für einen solchen Ausbruch geltend machen (man kann amerikanische Revolutionäre sagen hören, das amerikanische Establishment kämpfe aus politischen Gründen gegen die Droge, weil sie es den Menschen ermögliche, sich von den verinnerlichten, durch Erziehung eingeprägten Werten des Establishments zu befreien; die Werte und Vorstellungen sind so tief eingewurzelt und internalisiert, daß es scheinbar keine Möglichkeit gibt, sich von ihnen zu befreien, als die Droge).
Die Intellektuellen sind nicht gerufen, die Welt zu regieren. Ihre wichtigste Funktion ist es, den Bestand der menschlichen Geisteskultur zu bewahren und als gemeinschaftliches Gut weiterzugeben; mit anderen Worten, ihre Arbeit ist bedeutungsvoll nur unter der Voraussetzung, daß trotz aller Kämpfe und Konflikte alle Menschen an einer wesentlich gleichen Geistesstruktur teilhaben und daß alle Weltkonflikte nicht die Kontinuität und den Zusammenhang der Leistungen menschlichen Geistes zerstören können.
Diese Idee einer Universalität der Vernunft impliziert den Begriff von Wahrheit, der sich von dem Begriff der Gültigkeit unterscheidet, wie er auf Werte, Institutionen, Mythologien und Sittengesetze angewandt wird. Sie impliziert nicht, daß normative Kriterien, die für andere Bereiche gelten (zum Beispiel im Bereich der Mythologie), nicht auch angewandt werden dürften, aber sie verbietet, daß die Kriterien der Wahrheit durch Engagement ersetzt werden. Dieses Verbot zu mißachten bedeutet, was man treffend den Verrat der Intellektuellen nennen könnte. Die Idee, daß die Menschheit sich von ihrem geistigen Erbe «befreien» und eine «qualitativ andere» Wissenschaft oder Logik begründen solle, ist der Wegbereiter eines bildungsfeindlichen Despotismus.
(Aus Leszek Kolakowksi: «Intellektuelle kontra Intellekt», Essay in «Leben trotz Geschichte», Piper Verlag 1977)
Das Zitat der Woche
Über den Materialismus
Jean-Paul Sartre
Es scheint, dass der erste Schritt des Materialismus dahin geht, die Existenz Gottes und den Gedanken des transzendenten Zwecks zu verneinen; der zweite darauf, die Bewegungen des Geistes auf diejenigen der Materie zurückzuführen; der dritte darauf, das Subjektive auszuschalten, indem er die Welt, mitsamt dem Menschen darin, nur noch als ein Gefüge von Gegenständen sieht, die untereinander durch allumfassende Beziehungen verbunden sind. Ich schließe daraus in gutem Glauben, dass dies eine metaphysische Lehre ist und dass die Materialisten Metaphysiker sind.
Man wird mich sogleich unterbrechen und sagen, dass ich mich täusche; die Materialisten verabscheuen nichts so sehr wie die Metaphysik; es ist nicht einmal sicher, ob auch nur die Philosophie Gnade vor ihren Augen findet. Der dialektische Materialismus ist nach Naville «der Ausdruck einer fortschreitenden Entdeckung der gegenseitigen Auswirkungen im Weltall, einer Entdeckung, die keineswegs passiv ist, sondern die Tätigkeit des Entdeckers, des Suchers und des Kämpfers in sich schließt». Nach Garaudy geht jener erste Schritt des Materialismus dahin, zu verneinen, dass es zurecht ein Wissen außerhalb des wissenschaftlichen Wissens gebe. Und für Frau Angrand kann man nicht Materialist sein, wenn man nicht von vornherein jegliche A-priori-Spekulation verwirft.
Solche Ausbrüche gegen die Metaphysik sind altbekannt: man begegnete ihnen im letzten Jahrhundert in den Schriften der Positivisten. Diese waren jedoch folgerichtiger und lehnten es ab, über die Existenz Gottes etwas auszusagen, weil sie die Vermutungen, die man in dieser Hinsicht machen konnte, für unbeweisbar hielten; sie hatten ein für allemal darauf verzichtet, über die Beziehungen zwischen Geist und Körper Fragen zu stellen, weil sie dachten, wir könnten darüber nichts erkennen. Tatsächlich ist es klar, dass der Atheismus von Naville oder Frau Angrand nicht «der Ausdruck einer fortschreitenden Entdeckung» ist. Er ist eine klare and apriorische Stellungnahme zu einem Problem, das unsere Erfahrung unendlich übersteigt. Dieser Standpunkt ist auch der meine, aber ich dachte nicht weniger Metaphysiker zu sein, indem ich Gott die Existenz versagte, als Leibniz es war, indem er sie ihm zubilligte. Und der Materialist, der den Idealisten vorwirft, sie trieben Metaphysik, wenn sie die Materie auf den Geist zurückführen - durch welches Wunder würde er dann selbst davon befreit, Metaphysik zu treiben, wenn er den Geist auf die Materie zurückführt? Die Erfahrung spricht sich nicht zugunsten seiner Lehre aus - übrigens auch nicht für die entgegengesetzte Lehre: die Erfahrung beschränkt sich darauf, die enge Verknüpfung zwischen Physiologischem und Psychischem klar an den Tag zu legen, und diese Verknüpfung ist geeignet, auf tausend verschiedene Arten gedeutet zu werden. Wenn der Materialist behauptet, seiner Grundsätze sicher zu sein, so kann seine Sicherheit nur aus Intuitionen oder aus Überlegungen a priori stammen, das heißt eben aus jenen Spekulationen, die er verdammt. Und jetzt ist es mir klar, dass der Materialismus eigentlich eine unter einem Positivismus versteckte Metaphysik ist; aber es ist eine Metaphysik, die sich selber zerstört; denn weil sie grundsätzlich die Metaphysik untergräbt, hebt sie jede Grundlage für ihre eigenen Bejahungen auf.
Mit demselben Streich zerstört sie auch den Positivismus, mit dem sie sich tarnt. Aus Bescheidenheit führten die Schüler Comtes das menschliche Wissen einzig auf die wissenschaftlichen Kenntnisse zurück: sie hielten die Vernunft in den engen Grenzen unserer Erfahrung, weil sie sich nur in dieser wirksam zeigt. Der Erfolg der Wissenschaft war für sie eine Tatsache; aber es war eine menschliche Tatsache: vom Standpunkt des Menschen aus und für den Menschen ist es wahr, dass die Wissenschaft erfolgreich ist. Sie unterließen es, zu fragen, ob das Weltall in sich den wissenschaftlichen Rationalismus trägt oder verbürgt, aus dem guten Grunde, weil sie verpflichtet gewesen wären, aus sich selbst und der Menschlichkeit herauszutreten, um das All, so wie es ist, mit der Vorstellung zu vergleichen, die die Wissenschaft uns davon gibt, und in bezug auf den Menschen und die Welt den Standpunkt Gottes einzunehmen. Der Materialist seinerseits ist nicht so schüchtern: er tritt aus der Wissenschaft, der Subjektivität und dem Menschlichen heraus und setzt sich an die Stelle Gottes, den er verneint, um das Schauspiel des Weltalls zu betrachten. Er schreibt in aller Ruhe: «Die materialistische Auffassung der Welt bedeutet einfach die Auffassung der Natur, so wie sie ist, ohne irgendeine fremde Zutat» (Marx&Engels, Sämtliche Werke XIV der Feuerbach-Ausgabe). Es handelt sich wohl in diesem überraschenden Text darum, die menschliche Subjektivität zu unterdrücken, diese «der Natur fremde Zutat». Indem der Materialist seine Subjektivität verneint, denkt er, sie zum Verschwinden gebracht zu haben. Aber die List kann leicht entlarvt werden: um die Subjektivität zu unterdrücken, erklärt sich der Materialist als Gegenstand, d. h: als Stoff der Wissenschaft. Hat er nun aber einmal die Subjektivität zugunsten des Gegenstandes unterdrückt, so nimmt er für sich - anstatt sich als Ding unter den Dingen zu sehen, hin und her geworfen durch den Wellengang des Alls der Natur - eine objektive Sicht in Anspruch und behauptet, die Natur, so wie sie an sich ist, zu betrachten.
Es gibt einen Doppelsinn von «Objektivität» - welche bald die Passivität des betrachteten Objektes bedeutet und bald den absoluten Wert eines erkennenden Blicks, der aller Schwächen des Subjektiven ledig ist. So ergeht sich der Materialist, nachdem er alle Subjektivität hinter sich gelassen und sich der reinen objektiven Wahrheit angeglichen hat, in einer Welt von Objekten, die bewohnt ist von Menschen-Objekten. Kommt er von seiner Reise zurück, so lässt er uns an dem, was er gelernt hat, teilnehmen: «Alles was vernünftig ist, ist wirklich», sagt er uns, «alles was wirklich ist, ist vernünftig.»
Woher kommt ihm dieser rationalistische Optimismus? Wir begreifen, dass es ein Kantianer war, der uns diese Erklärungen über die Natur abgab, weil nach ihm die Vernunft es ist, welche die Erfahrung aufbaut. Aber der Materialist gibt nicht zu, dass die Welt das Erzeugnis unseres konstituierenden Handelns sei: ganz im Gegenteil sind wir in seinen Augen das Erzeugnis des Alls. Warum also sollten wir wissen, dass die Wirklichkeit rational ist, da wir sie ja nicht geschaffen haben und wir von ihr, von Stunde zu Stunde, nur einen winzigen Teil widerspiegeln? Der Erfolg der Wissenschaft kann, strenggenommen, uns zu dem Gedanken anregen, jene Rationalität sei wahrscheinlich, aber es kann sich um eine örtliche, statistische Rationalität handeln; sie kann für eine gewisse Größenordnung gelten und über oder unterhalb dieser Grenze zusammenbrechen. Was uns als eine kühne Induktion oder, wenn man will, als Postulat erscheint, daraus macht der Materialist eine Gewissheit. Für ihn gibt es durchaus keinen Zweifel: die Vernunft ist im Menschen und außerhalb des Menschen. Allein durch eine dialektische Rückwendung, die man voraussehen konnte, «geht» der materialistische Rationalismus in den Irrationalismus «über» und zerstört sich selber: Ist die psychische Tatsache unerbittlich streng durch das Biologische, und die biologische Tatsache ihrerseits durch den physischen Zustand der Welt bedingt, so sehe ich wohl ein, dass das menschliche Bewusstsein das All auf die Art ausdrücken kann, wie eine Wirkung ihre Ursache, aber nicht so, wie ein Gedanke seinen Gegenstand ausdrückt.
Eine geknechtete Vernunft, von außen her regiert, vermittels Ketten blinder Ursachen gelenkt - wie sollte das noch eine Vernunft sein? Wie sollte ich an die Prinzipien meiner Schlussfolgerungen glauben, wenn doch bloß das äußere Geschehen es war, das sie in mir niedergelegt hat und so, wie Hegel sagt, «die Vernunft ein Knochen» ist? Durch welchen Zufall wären die Rohprodukte der Umstände zu gleicher Zeit die Schlüssel der Natur? Man beachte übrigens, wie Lenin von unserm Bewusstsein spricht: «Es ist», sagt er, «nur der Widerschein des Seins, im besten Fall ein annähernd genauer Widerschein.» Wer aber soll entscheiden, ob der vorliegende Fall, hier der Materialismus, der «beste Fall» sei? Man müsste zugleich draußen und drinnen sein, um vergleichen zu können. Und da davon unter den angenommenen Voraussetzungen nicht die Rede sein kann, haben wir kein Kriterium über die Gültigkeit des Widerscheins, es seien denn innerliche und subjektive Kriterien: seine Übereinstimmung mit anderen Widerscheinen, seine Klarheit, seine Unterschiedenheit, seine Dauer. Kurzum idealistische Kriterien. Überdies bestimmen sie bis jetzt nur eine Wahrheit für den Menschen, und diese Wahrheit, die nicht wie die von den Kantianern vorgeschlagene konstruiert ist, sondern eine solche, der man sich unterworfen hat, wird niemals mehr als ein Glaube ohne Grundlage und eine Gewohnheit sein. Dogmatisch geht der Materialismus, wenn er behauptet, das All bringe den Gedanken hervor, alsbald in idealistischen Skeptizismus über. Mit der einen Hand stellt er die unwandelbaren Rechte der Vernunft auf, mit der anderen nimmt er sie wieder weg. Er zerstört den Positivismus durch einen dogmatischen Rationalismus, er zerstört beide durch die metaphysische Behauptung, dass der Mensch ein materieller Gegenstand sei, und er zerstört diese Behauptung durch die radikale Verneinung jeder Metaphysik. Er stellt die Wissenschaft gegen die Metaphysik und, ohne sein Wissen, eine Metaphysik gegen die Wissenschaft. So bleiben nur Trümmer zurück. ♦
Jean-Paul Sartre (Bild) war der bedeutendste französische Existentialist des 20. Jahrhunderts. Das vorliegende Zitat entstammt dem Eröffnungs-Teil seines Essays «Ist der Existentialismus ein Humanismus?» (Ullstein Verlag 1973)
Das Zitat der Woche
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Der (lange?) Abschied vom Kulturauftrag
Wolfgang Böhler
Es gibt im Diskurs zur Kultur Wörter, die viel Schaden anrichten. Eines davon ist «Kulturauftrag». Es suggeriert, dass Kultur im Grunde genommen so etwas wie der Blinddarm im ökonomischen System eines Staates ist, eine Pflichtübung zur Beruhigung der Bürger, die sich nach Höherem sehnen als das, was vermeintlicherweise wirklich zählt, nämlich Geld verdienen, genug Kohle haben, um Krankheiten zu bekämpfen und die Sicherheit des Staates garantieren. Im besten Falle wird Kultur als «weicher Standortfaktor» für die Wirtschaft verstanden. Der «Kulturauftrag» wird von Wirtschafts- und Finanzpolitikern dann als Kröte geschluckt, weil Unternehmen Spitzenkräfte anziehen wollen und dies eher tun können, wenn sie ihnen ein angenehmes Umfeld bieten.
Von der Idee des Kulturauftrags sollte man sich endlich verabschieden, genauso wie von ihren Vettern Kultur als Ausgleichstätigkeit, als musische Gegenwelt, Lifestyle, Savoir-vivre und so weiter. Mit solchen Kategorien − einer seltsamen Mischung aus Romantik als Gegenentwurf zur Industrialisierung und Kultiviertheit als vorzeigbarem Luxusgut − muss aufgeräumt werden. Kultur ist kein Feierabend-Ausgleichsprogramm, kein «weicher Standortfaktor» und genausowenig Teil der Unterhaltungs- und Luxusgüterindustrie wie die Zuliefererindustrie für Maschinenteile, aus denen Roboter gebaut werden, die Schoggistängeli ausspucken.
Die Sprachregelung wird hier entlarvt: Schoggistängeli sind zwar ein der Volksgesundheit abträgliches und auch sonst eher entbehrliches Genussmittel und schaffen keine Folgewerte. Die Industrie rundherum, von der industriellen Fertigung über die Verpackung bis zur Zuliefererkette, wird aber automatisch als «harte» wirtschaftliche Branche betrachtet, deren Förderung und Unterstützung politisch und volkswirtschaftlich unabdingbar ist.
Wie unterschiedlich auf der einen Seite etwa Industrie und Finanzbranche, auf der andern die Kreativwirtschaft wahrgenommen werden, zeigt sich auch im Klang von Berufsbezeichnungen: «Ingenieur», «Anlageberater», «Logistiker», das tönt alles nach soliden Beiträgen zur Erhöhung des Bruttoinlandproduktes und damit wirtschaftlicher Unentbehrlichkeit, auch wenn nur Schoggistängeli produziert oder Investements in den Sand gesetzt werden. «Schauspieler», «Musiklehrperson» oder «Performancekünstler» tönt hingegen wie die Fortsetzung des Müssigganges in dörflichen Vereinstheatern mit anderen Mitteln.
Die unterschiedlichen Sprachregelungen ziehen sich durch fast alle Bereiche: Schoggistängeli-Produzenten, Finanzberater und Turnschuh-Hersteller schaffen Arbeitsplätze und leisten damit einen bedeutenden Beitrag zur Volkswirtschaft, auch wenn das resultierende Produkt volkswirtschaftlich bedenklich ist. Noch nie hat hingegen ein Theaterintendant an einer Bilanzpressekonferenz verkündet, er habe im Bereich Schauspiel oder im Orchester so und so viele Arbeitsplätze geschaffen. Arbeitsplätze heissen in der Kreativindustrie nämlich nicht so. Dort heissen sie «Kostenfaktor».
Diese eingefahrene Art des Sprechens über Kulturarbeit muss als erstes durchbrochen werden, wenn es darum geht, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass ästhetische Arbeit im internationalen Wettbewerb echte harte Wettbewerbsvorteile schafft. Solidere und nachhaltigere als Schoggistängeli oder strukturierte Produkte. ♦
Der Musik-Philosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft, er ist Chefredaktor des Online-Klassik-Magazins «Codex flores», aus dessen Editorial vom 14.3.08 dieser Beitrag stammt; Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors
Essay: «Wozu Literatur?»
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Der literarische Text als Geschehnis
Arnold Leifert
«Wozu Literatur?» - Was denn versteht der Fragende unter «Literatur»?1) Und selbst wenn mit dem Stichwort «Belletristik» geantwortet wird – dies ist beruhigend, denn für alle andere, primär und nur unterhaltende, vielleicht auch triviale Literatur beantwortet sich die Frage selbst, – «Belletristik» also, poetische und prosaische Literatur: Der Roman, die Novelle, die kurzen Formen der modernen Prosa, das Drama, das Hörspiel, das Gedicht…
Auf den ersten Blick könnte man versucht sein, für die verschiedenen Gattungen auch verschiedene Antworten finden zu wollen. Allein: in der deutschen Literatur von 1945 bis heute verweigern sich alle Gattungen dieser Frage, und bekennen sich zugleich ebenso alle zu dieser Frage: «Wozu?»
Wonach aber fragt sie? Nach dem Selbstverständnis des Autors, im Sinne einer ihn treibenden Zielsetzung, Intention, gar Absicht der (Welt-)Veränderung? Oder ist sie gestellt aus der Überschau-Sicht des Historikers und Literatur-Theoretikers, der die Wirkungsgeschichte einzelner Werke oder Epochen im nachhinein und de facto versucht aufzuspüren?
Wozu Literatur? – Grammatikalisch suggeriert dies eine Auskunft über den «Zweck» dieses etwas «verdächtig nutzlosen Unterfangens» namens Literatur. Und heute diese Frage zu stellen, in einer Zeit pervers auf die Spitze getriebenen, technokratischen wie materialistischen Zweckansinnens an alles menschliche Tun, scheint tatsächlich provokant notwendig.
Die Zyniker unter den «Realisten» und Machern in unserer heutigen literarischen Welt haben die Frage längst in ihrem merkantilen Sinne beantwortet: Der Literaturbetrieb, die großen Verlage leben von der «großen Auflage»; ein Buch, das sich eignet, wird «gemacht», die Kasse stimmt, der «Zweck» ist erfüllt. Eine nicht zu unterschätzende Entwicklung; denn schon heute beginnt dieser marktorientierte Umgang mit Literatur das eigentliche Bild unserer literarischen Jahre nachhaltig zu verzerren und zu verschleiern.
Immer wieder kann man in Interviews, Gesprächen, poetologischen Exkursen usw. erleben, dass – und es sind wahrscheinlich die meisten von ihnen – die Autoren aller Gattungen, wenn sie gefragt werden: «Zu welchem Zweck schreiben Sie? Glauben Sie, mit Literatur gesellschaftlich etwas verändern zu können?», diese Frage verneinen: «Zunächst schreibe ich für mich selbst! Über die Wirkungslosigkeit von Literatur mache ich mir keine Illusionen!»
Dass bei diesen Antworten dennoch auch heutigen Autoren diese Frage immer wieder gestellt wird, erklärt sich wahrscheinlich aus der Entwicklung der deutschen Nachkriegsliteratur selbst. Sah es in ihr – und einige kurze Jahre sogar ganz entschieden – doch eigentlich so aus, als gingen eine ganze Reihe von Literaten durchaus von so etwas wie einer politischen Intention beim Schreiben aus.
Sicherlich ist es nicht zufällig, dass ausgerechnet im Jahr 1968 der von da an alleinige Herausgeber der wichtigsten deutschen Literaturzeitschrift, Hans Bender, den «Akzenten» einen neuen Untertitel gab. Hatte sie von ihrer Gründung 1954 bis 6/67 «Zeitschrift für Dichtung» geheißen, hieß sie nun «Zeitschrift für Literatur». Bender formulierte als Begründung u.a.: «Literatur ist […] der weitere Begriff […] Weiter, weil Literatur die Tendenz, in die Zeit wirken zu wollen, nicht verneint, sondern bejaht» (Hans Bender: An die Leser, Akzente 1/68).
Fünf Jahre später sieht Bender sich in der Einschätzung dieser Tendenz bestätigt und schreibt im ersten Heft des 20. Jahrgangs: «Heute gibt es kaum noch einen Widerspruch, wenn nachgewiesen wird, wodurch die westdeutsche Literatur in den letzten Jahren mehr Beachtung und Wirksamkeit erzielt hat. Vor allem doch durch die Mitsprache in der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung» (H. Bender: Von der Dichtung zur Literatur, Akzente 1-2/73).
Gemeint waren damit sicherlich nicht allein, aber vor allem die Autoren der ersten Generation der «Gruppe 47». Themen und Stoffe der Auseinandersetzung mit erlebtem Faschismus und Krieg, dann aber zunehmend Kritik an der gesellschaftlichen Entwicklung der neuen Republik. Wichtig in unserm Zusammenhang: Die neuen deutschen Autoren hatten ihren Weg gefunden von der apolitischen, zurückgezogenen Dichtungstradition hin zur Literatur der politischen Einmischung.
Ein deutlich erkennbares, gesellschafts-politisch orientiertes «Wozu?» war Bekenntnis für literarisches Arbeiten. Heinz Ludwig Arnold pointiert: «So war die Gruppe 47 auch eine moralische Institution, nicht nur eine literarische Clique» (H. L. Arnold: Die drei Sprünge der westdeutschen Literatur, Akzente 1-2/1993). Breite Übereinstimmung im Selbst-Verständnis und in der Formu-lierung neuer Aufgaben zeiteingebundener Literatur. Hans Magnus Enzensberger 1962: «Deshalb halte ich dafür, dass die kritische Position unteilbar ist. Sie hat nicht Bewältigung oder Aggression im Sinn; Kritik, wie sie hier versucht wird, will ihre Gegenstände nicht abfertigen oder liquidieren, sondern dem zweiten Blick aussetzen: Revision, nicht Revolution ist ihre Absicht» (H. M. Enzensberger: Einzelheiten, Frankfurt/Main 1962).
Die radikalste Zuspitzung allerdings erfuhr dieses Wozu?-Bekenntnis schon weitere fünf Jahre später, als der gleiche H. M. Enzensberger mit Beginn der Studentenproteste gerade diesen revisionistischen Ansatz geisselt und als Gebot der Stunde 1967 formuliert: «Tatsächlich sind wir heute nicht dem Kommunismus konfrontiert, sondern der Revolution. Das politische System in der Bundesrepublik lässt sich nicht mehr reparieren. Wir können ihm zustimmen, oder wir müssen es durch ein neues System ersetzen. Tertium non dabitur. Nicht die Schriftsteller haben die Alternative auf dieses Extrem begrenzt; im Gegenteil, seit 20 Jahren bemühen sie sich, das zu vermeiden. Die Macht des Staates selbst sorgt dafür, dass die Revolution nicht nur notwendig wird (sie wäre 1945 notwendig gewesen), sondern auch denkbar» (H. M. Enzensberger: Schriftsteller und Politik, Times Literary Supplement, 1967).
Eine ganze Generation damals beginnender junger Autoren – nicht zuletzt im Kreis auch um Erich Fried – nahm diesen Aufruf zum eigenen Programm: Literatur musste vor allem politisch relevant sein! Eine fast unübersehbare Menge – auch kleiner und kleinster – Literaturzeitschriften aus dieser Zeit zeugt davon. Und es entstand eine Tradition politischer Literatur, die – bei allen noch so unterschiedlichen formalen und inhaltlichen Ausformungen – bis heute angehalten hat. Von der «Gruppe 61» über Werkkreis-Literatur, Reportage-Literatur, die politische Lyrik mit ihrem breiten Spektrum, das politische Lied, das Drama, bis zur Auseinandersetzung mit der deutsch-deutschen Problematik bei DDR- und BRD-Autoren und hin zu den jüngsten Jahren literarischer Arbeiten über die beiden deutschen Gesellschaften und ihre Wiedervereinigung. Dass daneben gerade auch seit «68» eine zweite literarische Strömung – apolitischer, formalistischer, bis hin zu konkreter Poesie und Wiener Schule – entsteht und an Bedeutung gewinnt, sei hier nur angemerkt.
Das anfangs gefragte «Wozu?», somit von seiten der «Autorenintention» beantwortet, – in der gleichen geschichtlichen Entwicklung beginnt auch die Antwort auf die Frage nach dem «Wozu?» im Sinne einer tatsächlichen «Wirkung» von Literatur, findet sich hier doch – zumindest für die deutsche Nachkriegsgeschichte – ein kaum widersprochenes Beispiel für die gesellschaftliche Wirkung (auch) von Literatur.
Noch einmal sei H. M. Enzensberger zitiert. Denn wenn er auch 1995 im Gespräch mit André Müller seine eigenen Aufrufe von 1968 als «gedroschene Phrasen» entlarvt, ein historisches Ergebnis der damaligen emanzipato-rischen Bewegung bleibt ihm: «Die Studentenrevolte war zivilisatorisch eine Notwendigkeit […] Sie können doch nicht wegdiskutieren, dass die Menschen in diesem Lande heute ein ganz anderes Selbstbewusstsein als damals haben. […] Die fünfziger Jahre […] muffig, reaktionär. Nichts hat sich bewegt […] 1968 ging es darum, eine autoritätsfixierte Gesellschaft in eine mehr demokratische zu verwandeln. […] Die Bundesrepublik, wie wir sie heute kennen, ist doch damals überhaupt erst entstanden […] Der Obrigkeitsstaat existiert nicht mehr. Den hatten wir aber.» (H. M. Enzensberger / A. Müller, Die Zeit Nr. 4/20, 1995).
Man mag Enzensberger in dieser Wertung zustimmen oder nicht, die Veränderung – insbesondere im Umgang mit Autorität – ist nicht zu leugnen. Und so, wie die studentische Revolte nicht zu trennen ist von der sie begleitenden, mit vorwärts treibenden, ihr kulturelles Fundament gebenden und sie fortführenden verschiedenartigsten Literatur, so ist ebenso kaum zu erforschen, welchen Anteil an diesem Emanzipationsschub (in Kopf und Herzen der Menschen) nun Demonstrationen und Aktionen und welchen die Literatur hatte und hat, mit ihren mannigfaltigen Erscheinungs- und Veranstaltungsformen. Dass Literatur mit-verändert hat, wird nicht zu widerlegen sein.
Exkurs: Das Lyrische Ich
Aber vielleicht sollten wir von sogenannter «politischer Literatur» einmal ganz absehen:
DU
am Morgen danach
hüpfe ich
von Pflasterstein
zu Pflasterstein
und keiner sieht es
Die Frage «Wozu Literatur?» wurde an das vorstehende, über jede politische Absicht erhabene, kleine Gedicht niemals gestellt. Wohl aber sehr viele andere, verschiedenste Fragen wurden seinetwegen an den Autor gerichtet, bei den unterschiedlichsten Anlässen. Fragen, die, indem sie von Zuhörern und Lesern gestellt wurden, auch dem Autor dieses auffällig kleingeratene Kind seiner selbst von Mal zu Mal näherbrachten.
Ursprünglich wegen Zwergwuchses und vielleicht doch zu auffälligen Untergewichts gar nicht erst ins Manuskript eines neuen Lyrikbandes aufgenommen, tauchte es ganz plötzlich aus der Sendung an den Literaturredakteur einer Zeitschrift wieder auf, wurde brieflich gestreichelt und fand so Eingang in die neue Sammlung. Dann schließlich, von dem Literaturwissenschaftler Thomas Bleicher in einem öffentlichen Vortrag als «eines der wenigen positiven Liebesgedichte der 80er Jahre» bezeichnet, behauptete es sich schnell im Kanon des Bandes wie bei Lesungen. «Sie sollten’s als Postkarte drucken, damit man’s schnell bei der Hand hat, schnell verschicken kann, wenn die Nacht so war und der Morgen so ist!», schlug man dem Autor vor.
«Aber sagen Sie mal: Ich habe das gestern abend noch mal gelesen, habe mir heut die Pflastersteine auf der Straße angesehen, die liegen doch recht eng beieinander!» Auf die etwas hilflose Gegenfrage des Autors: «Hätte ich ’von Platte zu Platte’ sagen sollen?», hilft ein Zuhörer: «Na also, dann überspringt er eben mehrere Pflastersteine dazwischen; wie viele, das hängt dann davon ab, was in der Nacht geschah! In jedem Fall ist etwas Schönes passiert. Das Gedicht strahlt Freude aus!»
«Heimliche Freude!? Es ist so etwas heimlich Verschmitztes darin. Ich kann mir beides vorstellen: Also der (oder eigentlich auch die) auf dem Heimweg am Morgen ist allein auf seinem Weg und hüpft wirklich, wie ein Tanzen aus Freude, oder er/sie geht zwischen vielen Menschen zum Bahnhof z.B. und hüpft innerlich, ‘und keiner sieht es’.»
«Ist Ihnen das so passiert? Es hat so etwas ungeheuer Vitales, fast ein Platzen vor Freude!»
«Das geht mir zu weit. Ihr scheint alle nur von dem einen auszugehen: eine schöne erotische Nacht, zwischen einem Mann (er hat’s ja geschrieben) und einer Frau oder auch umgekehrt (doch, ich kann’s mir auch vorstellen als Liebesbrief an meinen Freund, sagt das junge Mädchen), nein nein, meinetwegen zwei Frauen nach einer Liebesnacht, zwei Männer, aber muss es denn die Erotik sein, sexuell, könnte es nicht einfach nur ein schönes Gespräch gewesen sein, zwischen wem auch immer; ein Gespräch, so nah, so alles, dass man am Morgen die ganze Welt umarmen könnte?!»
«Es ist einfach nur ein Du! Und du kannst dir dein Du einsetzen! Das Erlebte auch!»
«Aber es ist auch ein kleines bisschen Trauer darin. Es ist eine Ansprache, ein Brief fast an ein Du. Aber schon in der ersten Zeile: ‘am Morgen danach’…, es ist eben schon ‘danach’; der schöne Augenblick ist schon vorbei; ein Rückblick, schon fast Erinnerung! Eine bestimmte Art von Glück hält zwar noch an, er hüpft ja noch, aber das, was dieses Glück ausgelöst hat, das eigentliche Geschehen ist längst vorbei; das Glück der Nähe z.B. ist längst wieder, zumindest räumlich, Ferne. Da ist auch etwas Trauriges in dem Gedicht!»
«Aber ist das nicht gerade typisch für uns Menschen? Ist es nicht oft so, oder vielleicht immer, dass wir das Besondere eines erlebten Augenblicks oder einer erlebten Zeit, die ganze Bedeutung, Intensität und Wucht erst im nachhinein, erst in der Erinnerung so richtig spüren!?» – «Das scheint mir einfach zum Menschen zu gehören. Das macht doch auch seine spezifisch menschliche Tragik immer wieder aus, das hängt mit der Fähigkeit des Bewusstseins zusammen, dass Liebe und Schmerz, Freude und Trauer, Leben und Tod nicht voneinander zu trennen sind. Das macht ihn geradezu erst zum Menschen, dass er dazu verdammt ist, bei jedem schönen gelebten Augenblick sofort auch immer dessen Endlichkeit im Bewusstsein mitleben zu müssen.»
«Bei allem, was jetzt über mitschwingende Trauer gesagt worden ist, und ich finde es schön, dass das auch drin ist in diesem kleinen Gedicht: das dominierende Gefühl bleibt für mich die Freude, und durch den Titel wird doch demjenigen, der das Glück ausgelöst oder gegeben hat, genau dieses Glück wieder zurückgegeben.»
Wir wollen hier abbrechen; es ließe sich noch mehr aus den Gesprächen berichten.
Das moderne Gedicht als Selbstverständigung
zwischen Sprache und Realität
Immer wieder aufregend an ihnen ist zu erleben, wie sich das Ich des Autors und das Ich des Lesers begegnen im lyrischen Ich des Gedichts. «Die Poesie ist eine Möglichkeit, über Dinge zu sprechen, über die man eigentlich nicht sprechen kann.» (ebd.) Dies ist doppeldeutig: Entweder der Autor mag über Bestimmtes, z.B. sich selbst, nicht sprechen, höchstens im Gedicht (und Enzensberger meint genau dies im zitierten Gespräch) oder: er kann es nicht; der gewohnte Umg




