Glarean Magazin

Literatur-Zitate

Posted in Dichter über Dichter, Essays & Aufsätze, Literatur, Walter Eigenmann by Walter Eigenmann on 23. September 2007

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Dichter über Dichter…

Walter Eigenmann


varnhagen.jpgDer bedeutende Düsseldorfer Romantik-Chronist, Romancier, Diplomat und Biograph Karl Varnhagen von Ense (1785-1858 / Bild) schrieb einmal: «In der Literatur geht es nicht wie in einer Teegesellschaft zu; die Literatur ist ein Schlachtfest und eine Schandbühne, es gibt Wunden und Stiche in Menge, neben wenigen Ehrenzeichen, die am Ende auch wenig gelten. Das Vergnügen an der Sache ist das Beste daran, wie bei der Jagd.»

Und in der Tat: Liest man quer durch die Jahrhunderte, was Dichter über Dichter geschrieben haben, in teils kaum verhohlener, neidischer Aggressivität, teils mit verschämtem Murmeln hinter vorgehaltenen Zeilen, dann wieder in Statements des Ekels bis Hasses oder auch in quasi-theoretischen Legierungen von ästhetischer Argumentation und moralinsaurem Zeigefinger – dann, spätestens dann klärt sich der ehemals unbedarft-verzückte Blick aufs hehre Dichtertum plötzlich zur realistischen Foto-Linse, die ungeschönt den Neidhammel hinterm Roman, den Missgünstigen hinterm Essay, den Futterneider hinterm Drama, den Flegel hinterm Gedicht, kurzum: den Menschen hinter dem Werk ans Licht zerrt.

goethe-schiller-denkmal-weimar.jpg

Das bildungsbürgerliche Ideal der friedlichen Koexistenz kreativen Schaffens kreativer Schaffender (Bild: Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar), die propagierte Sehnsucht nach der multikünstlerisch-kommunikativen Einheit in der thematischen und stilstischen Vielfalt: Nur Schall und Rauch und ad absurdum geführter Traum literarisch gescheiterter Deutsch-Lehrer?

Andererseits: Welcher Esprit, welch metaphorische Eleganz, welch sprachliche Eloquenz oft in diesen Echauffierungen von Dichtern gegen Dichter! Frappant auch der intellektuelle Aufwand, mit dem die Intellektualität des Kontrahenten negiert wird; und diese Leidenschaft in der Bosheit, mit welcher das Publikum von der Nichtigkeit des Gegners und seines Werkes überzeugt werden soll! Neben viel Grobem und gewollt Hässlichem also auch das Lesevergnügen des feinen Stichelns, des schelmischen Tritzens, des augenzwinkernden Neckens. Zuweilen auch wird der gröbste Holzhammer aus der Scheune geholt – doch das alles allemal interessanter als der Devotismus und die tränenerstickte Pietät, mit der die Patina des Historisierens aus jedem Zinnsoldaten ein Monument macht. Und dann nicht zu vergessen all das unbewusst Selbstbildnerische, das gespiegelt aus allen Zeilen der Attacke zu blinzeln pflegt, und das gesamthaft manchmal mehr verrät über den Schreiber als über den Beschriebenen.

der_abwesende_dichter_lehrer.jpgMan ergötze sich denn nachstehend an ein paar der hübschesten Gemeinheiten und brutalsten Nettigkeiten aus dem (wohl unerschöpflichen) Panoptikum der literaturkritischen Irrungen und Wirrungen – und jenes Menschlich-Allzumenschlichen, wie es die Biographie noch der genialsten Schöpfer von Weltdichtungen durchzieht. Als sei es unabdingbarer Widerpart jener ge- bzw. übersteigerten Selbstwertschätzung, die wohl jedes hochstehende künstlerische Schaffen als psychologische Grunddisposition voraussetzt. (Bild: Joachim Lehrer, «Der abwesende Dichter»)

Es sagte…

Schiller über Voss

Man sieht, dass Voss auch keine entfernte Ahndung von dem inneren Geist des Gedichts und folglich auch keine von dem Geist der Poesie überhaupt haben muss, kurz keine allgemeine und freie Fähigkeit, sondern lediglich seinen Kunsttrieb, wie der Vogel zu seinem Nest und der Biber zu seinen Häusern.

…Voss über Arnim&Brentanos «Wunderhorn»

Ein zusammengeschaufelter Wust voll mutwilliger Verfälschungen, ein heilloser Mischmasch von allerlei butzigen, trutzigen, schmutzigen und nichtsnutzigen Gassenhauern, samt einigen abgestandenen Kirchenhauern.

heinrich-heine.jpgHeine über Goethe

Dass ich dem Aristokratenknecht Goethe missfalle, ist natürlich. Sein Tadel ist ehrend, seitdem er alles Schwächliche lobt. Er fürchtet die anwachsenden Titanen. Er ist ein schwacher abgelebter Gott, den es verdrießt, dass er nichts mehr erschaffen kann. (Karikatur: Titelseite der «Jugend» 1906 - «Heine mit spitzer Feder»).

…Goethe über Kotzebue&Co.

Merkel, Spazier und Kotzebue,
Das gibt doch mit Pasquillen keine Ruh!
Doch tue ich gern deren literärisches Wesen
Zu Abend auf dem Nachtstuhl lesen,
Grobe Worte, gelind Papier
Nach Würdigkeit bedienen hier;
Dann leg’ ich ruhig, nach wie vor,
In Gottes Namen mich aufs Ohr.

O’Casey über Beckett

Ich warte nicht auf Godot, dass er mir Leben bringt; ich bin selber auf Leben aus, sogar in meinem Alter. Was hat denn irgend jemand von euch mit Godot zu schaffen? Im Geringsten von uns steckt mehr Leben, als Godot geben kann.

…Beckett über Ringelnatz

Ich bezweifle nicht, dass Ringelnatz als Mensch von ganz außerordentlichem Interesse war. Als Dichter aber scheint er Goethes Meinung gewesen zu sein: Lieber NICHTS schreiben, als nicht zu schreiben.

tolstoj-in-leipzig.jpgWoolf über Tolstoj

Also, I will tell you about Anna Karenina, and the predominance of sexual love in 19th century fiction, and its growing unreality to us who have no real condemnation in our hearts any longer for adultery as such. But Tolstoj hoists all his book on that support. Take it away, say, no it doesn’t offend me that AK. should copulate with Vronsky, and what remains? (Karikatur: Tolstoj wird wegen seiner «Auferstehung» in Leipzig verhaftet; «Simplicissimus» 1902).

…Tolstoj über Shakespeare

Shakespeares «King Lear» ist unter aller ernstgemeinten Kritik. Das Stück ist ethisch abstoßend und technisch infantil.

Musil über Grillparzer

Man vergesse doch nicht, wenn man die Bedeutung Grillparzers bestimmt, dass zu jener Zeit schon Flaubert, Balzac, Dostojewskij schufen, und dass die deutsche Entwicklungs-linie bei Grillparzer um eine Phase hinter der Welt zurück war.

…Grillparzer über Balzac

Ich glaube, der Kerl ist wahnsinnig geworden.

…Hacks über Biermann

Biermanns Lieder waren bildhaft und wunderlich wie die, welche die Schäfer auf der Heide und die Dienstmädchen in den großen Städten singen. Erst als ein fehlerhafter Ehrgeiz ihn trieb, sich an Heines Philosophie und Villons Weltgefühl zu messen, als er sich von den Alltagssachen weg und den Weltsachen zuwandte, verstieß er gegen die seiner Begabung angemessene Gattung und sank vom Volksliedsänger zum Kabarettisten. Er wurde, was er ist: der Eduard Bernstein des Tingeltangel.

…Biermann über Brecht

Brecht lebte das kalte Prinzip der Zweckmäßigkeit, das brutale Primat seiner Produktivität über so wacklige Werte wie Freundschaft, Liebe und Solidarität.

Benn über Céline

Er ist ein primärer Spucker und Kotzer. Er hat ein interessantes elementares Bedürfnis, auf jeder Seite, die er verfasst, mindestens einmal je Scheiße, Pisse, Hure, Kotzen zu sagen. Worüber, ist nebensächlich.

Tucholsky über Kraus

Komplett meschugge.  ♦