Glarean Magazin

Gerd Arendt: «Instrumentalunterricht für alle?»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Christian Schütte, Musik, Musik-Rezensionen, Rezensionen von Walter Eigenmann am 2. Dezember 2009

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Effizienz und Perspektiven des Klassenmusizierens

Christian Schütte

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Instrumentalunterricht für alle? Dieser Frage widmet sich Gerd Arendt in seinem kürzlich erschienenen Buch, das als Band 91 im Forum Musikpädagogik in den Augsburger Schriften, herausgegeben von Rudolf-Dieter Kraemer, veröffentlicht ist.
«Zur langfristigen Relevanz des Klassenmusizierens und der Notwendigkeit einer Reform des Musikunterrichts» heißt es im ausführlichen Untertitel. Damit greift der Autor ein Thema auf, das in den vergangenen Jahren in Deutschland flächendeckende kulturpolitische Relevanz bekommen hat. Das Klassenmusizieren ist zu einer vielfältig eingesetzten Institution geworden, Schüler bekommen im Rahmen dieser Maßnahme die Möglichkeit, zwei Jahre lang begleitend zum sonstigen Unterricht mit ihrer Klasse musikalisch zu arbeiten. Das kann in Form von Blasinstrumenten passieren, die dann zu einem Ensemble geformt werden, aber auch in Form eines Chors. Allgemeinbildende Schulen arbeiten mit den örtlichen Musikschulen zusammen, gefördert wird das Projekt in der Regel durch die Kultus- und oder Wissenschaftsministerien.

Ansatz und zugleich Legitimation des Autors für seine Studie ist, dass der flächendeckenden Ausbreitung des Klassenmusizierens noch keine qualitativ und quantitativ entsprechende Studie über Erfolg, Effizienz und Perspektiven entgegengesetzt wurde. Qualitätskontrolle ist ein wichtiges Stichwort nicht nur in der freien Wirtschaft geworden, und die finanziellen Mittel, die in die Projekte fließen, drängen solche Erhebungen nachgerade auf.

Die Untersuchung ist klar und plausibel gegliedert: Teil A) legt die theoretische Grundlage dar, Teil B) widmet sich unter dem reichlich chicen Titel «Das Forschungsdesign» Darstellung und Methodik des Forschungsansatzes, Teil C) dokumentiert empirische Untersuchungen, und in einem ausführlichen Teil D) fasst der Autor seine Forschungsergebnisse zusammen.

«Wenn Kinder auf musikalische Entdeckungsreise gehen und spielend miteinander ans Ziel kommen»: Klassenmusizieren in der Schweiz

Teil A) ist eine gründliche Bestandsaufnahme. Geschichte und aktuelle Situation des Klassenmusizierens in Deutschland werden anhand verschiedener Beispiele aufgezeigt, einzelne Ländervorhaben wie das in Nordrhein-Westfalen gestartete «JEKI»–Projekt (Jedem Kind ein Instrument) dabei in Beziehung zu flächendeckenden Praktiken gesetzt. Dabei zeigt der Autor ein sensibles Gespür für Problematisierungen von Begrifflichkeiten, die bereits in sich Fragen aufwerfen, bevor es überhaupt zur Beschäftigung mit Inhalten kommt. Ein Beispiel: Die Kennzeichnung des Vorhabens mit dem Begriff «Projekt» stellt der Autor in folgender Passage zutreffend in Zweifel: «Aber diese ‘Projekte’, die als Teilnehmer in Frage kommen, sind – liest man etwa den Bericht von ‘Learnline’ (NRW-Schulministerium) – allesamt schon lange über ein ‘Projektstadium’ hinaus, manche Streicher- bzw. Bläserklassen bestehen sogar über zehn Jahre. Warum untergräbt man also durch die gewählte Diktion die Relevanz bereits bestehender Konzepte und suggeriert auf diese Weise, es bestünde trotz einer zugestandenen Etablierung [...] der Charakter einer gewissen Vorläufigkeit, gleichsam einem «Unterrichtsversuch»? (S.18)

Im Kapitel «Forschungsdesign» entwirft der Autor u.a. einen Thesenkatalog, mit dem er noch einmal grundsätzlich auf die bislang nahezu unerforschte Praxis, Wirkung und Effizienz des Klassenmusizierens hinweisen will: «Eine mutmaßliche ‘Langfristigkeit’ der Wirkung des Klassenmusizierens ist schon deswegen nicht auszuschließen, da sich bestimmte Bezugspunkte bei der Entwicklung der musikalischen Persönlichkeit bei fast jedem Menschen noch Jahre später nachvollziehen lassen.» (S.52) – und das ist sicher eine wertvolle Ausgangsbasis der weiteren Untersuchungen, die gleichwohl auch unter folgender Prämisse stehen: «Persönlichkeitsentwicklung ist ein Prozess langfristiger Dimension.» ( S.52).
Dies ist nur ein signifikantes Beispiel aus der Untersuchung, mit dem der Autor klar zu erkennen gibt, dass er mit seinem Buch unter anderem eines will: Gedankenanstöße geben, Fragen aufwerfen, die weiter und vor allem tiefer verfolgt werden können und müssen, um die Relevanz der immer flächendeckender werdenden Projekte zur musikalischen Breiten- und Nachwuchsförderung aufzuzeigen bzw. sie zu legitimieren. Hierzu hat Gerd Arendts Untersuchung hohen Wert.

Abgerundet wird die Darstellung u.a. durch Erfahrungsberichte ehemaliger Teilnehmer des Klassenmusizierens. Das ist einerseits plausibel insofern, als auf diese Weise etwa die Motivation dargelegt wird, später Schulmusik studiert und damit gleichsam die Perspektive gewechselt zu haben. Inwieweit andererseits das Gesamtvorhaben durch Äußerungen relativiert wird, die klar zum Ausdruck bringen, das Projekt habe aus der Sicht der Schüler in Einzelfällen mehr soziale Auswirkungen denn musikalische gehabt, sei dahingestellt. Wenn das jedenfalls als Wirkung und Funktion hängen bleibt, ließe sich das Projekt als solches einigermaßen beliebig gegen andere austauschen…

Gerd Arendt, Instrumentalunterricht für alle? – Zur langfristigen Relevanz des Klassenmusizierens und der Notwendigkeit einer Reform des Musikunterrichts – Forum Musikpädagogik, Band 91 Augsburger Schriften (Hrsg: Rudolf-Dieter Kraemer), Wissner-Verlag, 184 Seiten, ISBN 978-3-89639-710-2

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INHALTSVERZEICHNIS

A) Theoretischer Teil
1. Einleitung
1.1 Einführung in das Forschungsvorhaben
1.2 Zur Definition des Untersuchungsgegenstands
2. Die aktuelle Situation
2.1 Klassenmusizieren in der Bundesrepublik Deutschland
2.2 Exkurs: „JeKi“ – eine neue Perspektive?
2.3
Ziele und Motive des Klassenmusizierens
2.3.1 Lehrerinteressen/Schülerinteressen
2.3.1.1
Lehrerinteressen
2.3.1.2
Schülerinteressen
2.3.1.3
Das Problem der unbekannten Handlungsziele
2.3.2 Finanzielle Aspekte des Klassenmusizierens
2.3.3 Transfereffekte
2.4
Zum gegenwärtigen Stand der Forschung
3.
Exkurs: Erfordernisse bei der praktischen Umsetzung –
eine Problemskizze
3.1
Fragestellungen
3.2
Vorstudie
3.3
Zwischenfazit
3.4
Didaktische Konzepte
3.4.1 Der institutionelle Diskurs
3.4.2 „Praktikerliteratur“ und Unterricht
3.4.3 Zusammenfassung
3.5
Zur Notwendigkeit einer fundierten Instrumentaltechnik – ein Beispiel
B) Das Forschungsdesign
4.
Ausfaltung des Forschungsansatzes
4.1
Zwei Jahre Klassenmusizieren – was dann? Eine Bestandsaufnahme
4.2
Thesenkatalog
4.3
Konkretisierung des Untersuchungsgegenstands
4.4
Die Rolland-Methode im Kontext der Konzepte
4.4.1 Das Konzept Paul Rollands
4.4.2 Unterrichtsbeschreibung
4.4.3 Lehrmaterialien für den Streicherklassenunterricht
4.4.4 Klassenmusizieren – ein amerikanisches Modell für Deutschland?
5. Zur Methodik
5.1 Begründung der Vorgehensweise
5.2 Die Schule
5.3 Auswahl des Forschungsorts – das soziale Umfeld
C) Empirischer Teil
6. Schriftliche Befragung
6.1 Fragestellung
6.2 Der Fragebogen
7. Auswertung der schriftlichen Befragung
7.1 Häufigkeitsanalyse
7.1.1 Fragekomplex (A) – Musikinstrument
7.1.2 Fragekomplex (B) – Musiksoziologie
7.1.3 Fragekomplex (C ) – Musikunterricht
7.1.4 Fragekomplex (D) – Musiktheorie
7.2 Korrelationsstudie
7.2.1 Einflussgrößen
7.2.2 Zur Signifikanz der Klassenzugehörigkeit bei der Stichprobe
7.3 Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse
7.4 Folgerungen
8. Interviews
8.1 Exkurs: Repräsentativität und Validität
8.2 Auswahl der Probanden
8.3 Konzeptionelles
8.3.1 Fragetechnik
8.3.2 Interviewleitfaden
8.4 Zum Einzelfall-Approach
9. Auswertung der Interviews
9.1 Wissenschaftstheoretische Überlegungen zum Auswertungsverfahren
9.2 Zur Analysepraxis
D) Zusammenfassung der Ergebnisse
10.
Theoriebildung und Schlussthesen
10.1
Persönlichkeit
10.2
Vermittlung instrumentaler Fähigkeiten
10.3
Motivation
10.4
Vorspielstress
10.5
Kurzfristigkeit/Langfristigkeit
10.6
Theorie
10.7
Lebensalter/Instrument
10.8
Zur Modalpersönlichkeit/Schlusskommentar
11.
Zu den Folgen für die Fachdidaktik
11.1
Gegenüberstellung der Ergebnisse mit den didaktischen Ansätzen
für das Klassenmusizieren im Musikunterricht
11.1.1 Zu den Handlungszielen
11.1.2 Zu allgemeinen Lehrzielen in Bezug auf aktives Musizieren
im Unterricht
11.1.3 Zu didaktischen Zielsetzungen mit direktem Bezug
zum Klassenmusizieren
11.2
Exkurs: Zur Individualisierung von Lernprozessen
11.3
Anpassen der Unterrichtsliteratur
11.4
Lehrerfortbildung
12.
Resümee und Ausblick
E)
Anhang
13.
Daten
13.1
Fragebogen Streicherklassenunterricht
13.2
Interviews
13.2.1 „Die Zeit danach hängt davon ab, wie die Lehrkräfte mit der Zeit danach umgehen“ – Anne Gerbel
13.2.2 „An Pädagogik war das gut, womit ich klar kam“ – Florian Zeltmann
13.2.3 „Es war für mich schlimm, wenn ich es nicht so hingekriegt habe wie die anderen“ – Matthias Hohenhövel
13.2.4 „Es hat große Auswirkungen auf die Musikalität später gehabt“ – Katharina Dorfmann
13.2.5 „Als ich hinterher auf die Musikschule gegangen bin, musste ich sehr viel umlernen“ – Julian Wittbrodt
13.2.6 „Der Streicherklassenunterricht hat einen Riesenstellenwert, weil ich sonst nicht an das Cellospielen gekommen wäre – vielleicht sogar an die Musik an sich“ – Martin Terlinden
13.2.7 „Streicherklassenunterricht ist eine Zusatzqualifikation“ – Dajana Sattler
13.2.8 „Es hat auf jeden Fall dazu beigetragen, dass ich Musik studiert habe“ – Marion Twehle
13.3 Korrelationsmatrix
14. Literatur
14.1 Forschungsliteratur
14.1.1 Bücher
14.1.2 Aufsätze
14.1.3 Unterrichtspraktische Literatur/Noten
14.2 Methodik
14.3 Forschungsaffine Literatur (Auswahl)
14.4 DVDs und Videos
15. Abbildungsnachweis
15.1 Abbildungen
15.2 Tabellen

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William Duggan: «Geistesblitze»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Forschung, Literatur, Psychologie, Rezensionen, William Duggan von Walter Eigenmann am 27. November 2009

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«Strategische Intuition» als kreative Denkmethode

Walter Eigenmann

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William Duggan, Professor an der Columbia Business School, ist überzeugt, dass die Geniestreiche großer Persönlichkeiten der Weltgeschichte nicht als zufällige Eingebungen aus heiterem Himmel herniederstürzen, sondern dass allen herausragenden menschlichen Leistungen ein gemeinsamer Wirkmechanismus zugrundeliegt. Diesen Wirkmechanismus nennt Duggan «Strategische Intuition», und in seinem neuesten, jetzt ins Deutsche übersetzten Buch «Geistesblitze» spürt er anhand der Biographien bedeutender Köpfe von Kopernikus und Napoleon über Picasso bis hin zu J.F. Kennedy und Bill Gates einigen historisch einschneidenden Momenten als Resultate eben dieser «Strategischen Intuition» nach.

Der Denkansatz Duggans ist ein umfassender, auf Teilgebieten gar «revolutionärer», wie der Business-Professor schon eingangs seiner 270-seitigen Abhandlung unmissverständlich deklariert: «Die gängigen Affassungen in den einzelnen Bereichen – Strategieplanung, Wissenschaftsmethodik, Kreativität, Ideenfindung, rationale Entscheidungsfindung, Teamarbeit, Unternehmensführung und Innovation – entstanden allesamt zu einer Zeit, bevor die Neurowissenschaft imstande war zu zeigen, was beim Denken im Gehirn passiert. Kein Wunder also, dass all diese Theorien nur zwei Arten von geistiger Aktivität kennen: den rationalen Gedanken und die kreative Vorstellungskraft.» Doch gemäß Duggan sind diese beiden Pole aufzuheben in einer dritten, dann durchschlagenden Fähigkeit: im «Geistesblitz», im «Aha-Erlebnis» – Schlüsselelemente als Resultate eben «Strategischer Intuition». Duggan referiert damit auf entspr. neurologische Forschungen z.B. von Barry Gordon (2003), der den Begriff «Intelligentes Gedächtnis» in die wissenschaftliche Diskussion einführte: «Das intelligente Gedächtnis gleicht einer Malvorlage, bei der man einzelne Punkte miteinander verbindet, damit ein Bild entsteht. Die Punkte stehen für die Einzelteile oder Ideen, die Linien dazwischen sind die Verbindungen oder Assoziationen. Die Linien können ineinanderfließen, sich zu größeren Fragmenten verbinden und zu einem klaren Gedanken verschmelzen. Dieser klare Gedanke kann ein visuelles Bild sein, ein kleiner Erkenntnisgewinn, eine Idee oder sogar eine Lösung für ein Problem.» Darauf basierend führt Autor Duggan sein Denkmotiv der «Strategischen Intuition» weiter aus: «Das intelligente Gedächtnis vermag beide Denkweisen – das logisch-analytische und das kreativ-intuitive – in einem einzigen Denk-Modus zu vereinen.» Während frühere Hirnforschungen seit der Entdeckung der beiden Hirnhälften das intuitive Denken gleichwertig neben das logisch-analytische stellten, geht die Theorie vom «intelligenten Gedächtnis» noch einen Schritt weiter; gemäß Duggan macht sie die Intuition zum kreativen Bestandteil aller Gedanken, einschließlich der logisch-analytischen: «Strategische Intuition entwickelt mithilfe des intelligenten Gedächtnisses aus dem Vorwissen, das im Gedächtnis verankert ist, gangbare Handlungsschritte für die Zukunft».

William Duggan

In der Folge entwickelt nun der Autor anhand völlig heterogener Lebensläufe berühmter Persönlichkeiten bzw. deren bahnbrechenden Entdeckungen oder Erkenntnisse seine These, dass Eingebung nichts mit Genialität zu tun hat, dass vielmehr Kreativität quasi «planbar» und die «Strategische Intuition» auch keineswegs eine hochkomplexe Sache ist, sondern grundsätzlich nach einem überraschend einfachen Muster abläuft, mithin auch dem einfachen «Mann auf der Straße» erreichbar ist. Denn der «Genieblitz» wirkt zwar wie ein scheinbar völlig unvermittelter Ideen-Sprung des Hirns, ist aber tatsächlich das Resultat der kreativen Verquickung von Erfahrung und bewusst unorthodoxem Denken. Duggan zitiert hierzu den berühmten Apple-Gründer Jobs, einen der kreativsten Köpfe weltweit in der Computerbranche: «Kreativität bedeutet, Dinge einfach miteinander zu verbinden. Fragt man einen kreativen Menschen, wie er dies oder das gemacht hat, erntet man nur einen etwas verlegenen Blick, denn eigentlich hat nicht er es gemacht, es hat sich irgendwie von selbst gemacht, und er hat es nur entdeckt. Und das erschien ihm nach einer Weile ganz selbstverständlich. Das liegt daran, dass kreative Menschen über die Fähigkeit verfügen, Erfahrungen aus der Vergangenheit miteinander in Verbindung zu bringen und daraus neue Dinge zu bilden.»

Eine in der Realität wichtige Bedingung, dass «Geistesblitze» aufgrund von Erfahrung und mithilfe von «Strategischer Intuition» überhaupt «zünden» können, ist nach Duggan die «Geistesgegenwart»: «Der Geist muss von vorgefassten Meinungen über das Problem, die Lösung und die Zielsetzung frei sein. Und das passiert deshalb unter der Dusche, weil man geistig entspannt ist. Diesen Zustand bewusst herbeizuführen ist sehr schwierig». Doch auch dies führt noch nicht zum endgültigen Durchbruch, wenn nicht ein letztes Element hinzutritt, nämlich die Entscheidung, der Entschluss, «der Wille zur Handlung». Duggan: «Man sagt sich nicht: Ach, jetzt verstehe ich, jetzt weiß ich, was ich tun muss. Sondern man sagt: Ich weiß, was zu tun ist, und ich will es auch tun.»

William Duggan, Geistesblitze – Wie wir Intuition zur Strategie machen können, Gustav Lübbe Verlag (Übersetzung: Regina Schneider), 270 Seiten, ISBN 978-3785723821

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Leseproben

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Rolf Bauerdick: «Wie die Madonna auf den Mond kam»

Veröffentlicht in Bernd Giehl, Buch-Rezension, Literatur, Rezensionen, Rolf Bauerdick von Walter Eigenmann am 26. November 2009

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Interessante Bewältigung eines komplizierten Stoffes

Bernd Giehl

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Rolf Bauerdick, Jahrgang 1957, studierte Literaturwissenschaft und Theologie, bevor er sich dem Journalismus zuwandte. Er hat Reportagereisen in rund sechzig Länder unternommen – nun legt er mit «Wie die Madonna auf den Mond kam» seinen ersten Roman vor.

Von Mal zu Mal wird die Theorie atemberaubender, die die beiden Helden des Buches, Ilja Botev und sein Freund, der Zigeuner Dimitru Gabor da zusammenspinnen. Das Buch beginnt mit dem Flug des ersten, noch unbemannten Weltraumfahrzeugs, des «Sputnik 1» der großen heldenhaften Sowjetunion am 5. November 1957. Und schon an diesem Tag wird die Verschrobenheit der beiden Freunde deutlich, die mit einem Trichter in den Weltraum horchen, um die Signale des Sputniks aufzufangen. In was für einen Wahn sich diese beiden liebenswerten Männer allerdings noch hineinsteigern werden, ahnt der Leser zu Beginn des Buches noch nicht. Denn erst einmal geht es um einen anderen Erzählfaden, nämlich das Verschwinden der versoffenen und eigentlich gar nicht so beliebten Lehrerin an der einklassigen Volksschule in Baia Luna, Angela Barbulescu, von allen nur «die Barbu» genannt. Finstere Mächte scheinen ihre Finger im Spiel zu haben, denn der Ich-Erzähler, Pavel Botev, der Enkel Iljas, hat nicht nur ein Foto gesehen, auf dem die junge, hübsche Barbu in einer Orgie mit dem (späteren) Parteibonzen Dr. Stefan Stefanescu zu sehen ist, sondern er hat auch ihr Tagebuch gefunden, das sie vor ihrem Verschwinden im Pfarrhaus des Dorfes versteckt hat. Und dann wird auch noch dem im Dorf beliebten Priester Johannes Baptiste der Hals durchgeschnitten. Später, als die Barbu auf dem Mondberg tot an einem Baum hängend gefunden wird, glaubt das Dorf, die Lehrerin habe den Pfarrer ermordet. Nur Pavel ist davon überzeugt, dass die kommunistische Partei hinter den mysteriösen Todesfällen steckt, und er beschließt, den Auftrag, den ihm die Barbu kurz vor ihrem Verschwinden gegeben hat, nämlich Stefanescu zu vernichten, in die Tat umzusetzen.

Rolf Bauerdick

Das ist der eine Strang des Romans. Der andere ergibt sich aus der Theorie, die Dimitru in die Welt setzt, und der der Großvater Ilja mehr und mehr verfällt. Dimitru und Ilja glauben nämlich, dass die Sowjetunion mit ihrem Schritt in den Weltraum nicht nur beweisen wolle, dass sie den Amerikanern überlegen sind, sondern dass sie vielmehr Amerika und dessen Währung, den Dollar, vernichten wollen. Das würde den Sowjets dann gelingen, wenn sie beweisen könnten, dass Gott nicht existiert. Schließlich steht ja auf jedem Dollarschein «In God we trust.» Der Plan, den die Russen ausgeheckt haben, ist äußerst raffiniert. Die Russen wollen nämlich auf dem Mond landen und damit der Jungfrau Maria an den Kragen. Klar ist nämlich, dass die Jungfrau Maria sich – nach ihrer leiblichen Himmelfahrt – nur auf dem Mond befinden kann. Beweis: Die Madonnen-Statue, die viele Jahre in der Kirche von Baia Luna stand, und die nun verschwunden ist, stand auf einer Sichel. Und diese Sichel kann nur der Mond sein. Also tauschen die beiden, angestachelt von Pavel, den Fernseher, den Dimitru vor Jahren dem Großvater zu seinem 55. Geburtstag geschenkt hat, in einem Geschäft der Provinzhauptstadt gegen ein Himmelsfernrohr und die Ausrüstung eines Fotolabors. Dass Pavel, der vor allem an dem Fotolabor interessiert ist, dabei seine ganz eigenen Absichten hat, verrät der natürlich nicht. Das Fotolabor braucht Pavel für seine eigenen Pläne mit Stefanescu, den er mit einem alten Foto vernichten will, was ihm aber nicht gelingt. Stattdessen bringt er seine eigenen Leute in höchste Gefahr. Dann landen die Amerikaner 1969 auf dem Mond, aber leider im falschen Krater, im «Mare Tranquilitatis» statt im «Mare Serenitatis», wo Maria ihr letztes Domizil aufgeschlagen hat, wie Dimitru es bei seinen theologischen Studien herausgefunden hat. Kurzum: die ganze Welt hat sich gegen die beiden Freunde verschworen. Sogar der Papst ist Mitglied dieser weltweiten Verschwörung, weil er im Zweiten Vatikanischen Konzil verkündet hat, das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel sei nicht wörtlich zu nehmen. Wie das Unglück es will, wird in dieser Zeit ein neuer Pfarrer in Baia Luna eingeführt, und der erzählt den Leuten in seiner ersten Predigt davon, was Ilja Botev derart auf die Palme bringt, dass er einen Eklat in der Kirche veranstaltet. Es bleibt ihm nur noch die Möglichkeit, Präsident Richard Nixon, der gerade im Begriff ist, die Hauptstadt «Transmontaniens» («Hinter den Bergen») zu besuchen, mit einem persönlichen Brief vor den Folgen zu warnen…

Rolf Bauerdick ist ein sehr schöner und auch ziemlich schräger Roman gelungen. Natürlich soll hier nicht verraten werden, wie das Buch ausgeht. Nur so viel sei noch dazu gesagt: Es ist spannend und komisch; manchmal habe ich Tränen gelacht und andere Male das Buch nicht aus der Hand legen können, bis ich wusste, wie Pavel und die anderen sich aus der Gefahr retten konnten. Es hat auch seine Widersprüchlichkeiten – vor allem in der Person Dimitrus, der einerseits auf eine fast rührend naive Weise an die Religion glaubt und der andererseits, ohne mit der Wimper zu zucken, Reliquien wie die Muttermilch aus den Brüsten der Heiligen Jungfrau herstellen kann, die er dann gegen bares Geld an orthodoxe Klöster verkauft, um zum Beispiel seinem Freund Ilja einen Fernseher zum Geburtstag schenken zu können. Es ist ein Buch, das in einem fiktiven Land, nämlich «Transmontanien» spielt und das doch auf fast jeder Seite das reale Vorbild, Rumänien, durchscheinen lässt. Wer seine (westliche) Überlegenheit ausspielen will, der wird behaupten, dass die Menschen in diesem Buch ja wirklich «hinter den sieben Bergen wohnen», dass sie Hinterweltler sind. Aber offensichtlich hat Bauerdick begriffen, dass religiöse Menschen nicht per se Heuchler sein müssen. Hier zumindest ist es der christliche Glaube, der seine Helden formt, so biblizistisch und abergläubisch er im Übrigen auch ausgestaltet sein mag. Zumindest die wichtigsten Personen des Buchs, Pavel, sein Großvater Ilja und Dimitru, aber auch der Priester Johannes Baptiste sind Menschen mit einem großen, weiten Herzen; daran ändert alle Verschrobenheit nichts.
Mir gefällt, wie Bauerdick Leitmotive schafft, die sich durch das ganze Buch durchziehen. Die Madonna ist so ein Leitmotiv; die Freiheitsstatue in New York ein anderes. An der Sprache hätte, unter Mitwirkung eines umsichtigeren Lektorats, noch gefeilt werden können. Aber Bauerdick hat es geschafft, einen ziemlich komplizierten Stoff so darzubieten, dass das Buch nirgendwo angestrengt wirkt.

Rolf Bauerdick, Wie die Madonna auf den Mond kam, Roman, 516 Seiten, Deutsche Verlagsanstalt, ISBN 978-3-421-04446-4

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Leseproben


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Brunthaler: «Ihre Schachkombinationen für 2010»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Heinz Brunthaler, Malte Thodam, Rezensionen, Schach, Schach-Rezension von Walter Eigenmann am 25. November 2009

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Tägliches Minimaltraining mit Taktikaufgaben

Malte Thodam

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Heinz Brunthaler ist sicherlich vielen Schachfreunden als Autor von Aufgabenbüchern mit Kombinationen bereits ein Begriff. Mit der jüngsten Publikation «Ihre Schachkombinationen für 2010 – Verbessern Sie Ihre Kombinationsgabe!» legt er nun einen weiteren Band vor, der sich mit dem wohl wichtigsten Handwerkszeug des Schachspielers beschäftigt: Der guten alten Taktik. Was so selbstverständlich im Spiel der Meister erscheint, nämlich das sichere Manövrieren in gefährlichen Gewässern – sprich scharfen Stellungen – ist der Traum des durchschnittlich begabten Amateurs, der doch zu gerne noch in eine einfache Springergabel oder einen Abzugsangriff hinein läuft, obwohl er diese Motive in der Regel eigentlich recht gut kennt. Fehlende Routine im Lösen von Taktikaufgaben ist oft die Ursache für solche vermeidbaren Schnitzer. Die grundlegenden Motive sind bei vielen Amateuren zwar im Kopf gespeichert, aber für sie nicht unbedingt immer schnell genug abrufbar, bzw. auf die jeweilige Stellung anwendbar. Passend dazu schreibt Brunthaler zu Beginn des Buches auch gleich: «Wer möchte nicht seine Spielstärke und sein Schachwissen verbessern, stärker werden, mehr vom Schach verstehen? Sicher so gut wie jeder echte Schachfan! Doch das ist nicht einfach, denn auf dem Weg zur Verbesserung muss man sehr, sehr vieles lernen, viel Aufwand betreiben. Und das ist das Problem, denn den meisten von uns fehlt durch die Belastung in Schule, Studium und Beruf die Zeit und vor allem die Kraft, sich intensiv mit dem Schachspiel zu befassen oder sogar ein systematisches Training zu absolvieren.» Wie wahr, wie wahr! Kommt uns das Dilemma nicht bekannt vor? Haben wir vielleicht selbst unsere letzte Partie verloren, weil wir ein taktisches Motiv übersehen haben? Hätten wir zwecks Partievorbereitung nicht doch lieber ein paar Kombinationen lösen sollen, statt noch einmal die Eröffnungsvarianten unseres Vertrauens zu studieren?

Leseprobe 1

Brunthaler setzt beim Schachtraining auf Kontinuität statt auf Quantität. Anstatt nur sporadisch eine umfangreiche Trainings-Session zu absolvieren, empfiehlt er ein tägliches Minimaltraining in Form einer Taktikaufgabe. Brunthaler hat für jeden Tag des Jahres ein Schachdiagramm mit einer kritischen Stellung in sein Buch aufgenommen. Die Aufgabenstellungen entstammen durchwegs den Partien sehr starker Spieler: Topalov, Aronian, Kamsky, Anand, Gelfand, Ivanchuk und  Karpow, aber auch die altehrwürdigen Meister wie Tarrasch, Reti und Schlechter lassen sich in dieser Sammlung wiederentdecken. Es gibt, wie auch schon bei den bisher erschienenen Übungsbüchern des Autors, keine Lösungshinweise zu den Aufgaben. Lediglich ein kleines schwarzes Quadrat weist darauf hin, wenn Schwarz das Zugrecht besitzt; fehlt dieses, befindet sich der Weiße am Zug. Somit ist ein praxisnahes Training gewährleistet, denn hier sagt einem schließlich auch niemand vor, ob man nun einen forcierten Weg zum Matt hat, oder ob es möglich ist die Dame des Gegners zu fangen. Die eigene Stellungsbeurteilung und konkrete Berechnung ist gefragt!

Großer Pluspunkt: Die Lösungen am Ende des Buches sind versetzt, so dass man nicht mehr oder minder zufällig die Lösung der nächsten Aufgabe schon aus den Augenwinkeln erhascht. Dies finde ich sehr löblich, hatte ich mich doch öfters schon beim Lesen in anderen Taktikbüchern darüber geärgert, den Gewinnzug der nachfolgenden Aufgabe zu kennen, ohne diese überhaupt erst zu Gesicht bekommen zu haben. Zudem finden sich im Lösungsteil kurze Erläuterungen zur Stellung und den zum Gewinn führenden Zugfolgen und Motiven. Zuweilen gibt es hier mehrere Möglichkeiten, die zum Erfolg führen.

Leseprobe 2

Vom Schwierigkeitsgrad her richtet sich das Buch vornehmlich an den durchschnittlichen Vereinsspieler, es gibt leichtere und auch schwerere Aufgaben, sowohl lehrreiche Mattangriffe als auch nett anzusehende Materialgewinne. Für stärkere Amateure um 2′000 DWZ erweisen sich die Kombinationen gewiss immer noch als nützlich, um taktische Motive zu wiederholen und zu vertiefen. Das Layout des Buches ist schlicht, aber ansprechend, das Preis-Leistungsverhältnis scheint mir insgesamt absolut in Ordnung, schließlich wird einem hier genügend sinnvolles Material zur regelmäßigen Schulung der taktischen Fertigkeiten geboten. Und so eignet sich das Buch nicht zuletzt aufgrund seines handlichen Formats auch hervorragend für den Gebrauch im Alltag, sei es auf der Zugfahrt oder bei den kleinen Wartezeiten zwischendurch, die wohl jeder von uns kennt, sei es im Wartezimmer, bei lästigen Werbepausen während des abendlichen Fernsehprogramms oder auch beim Warten auf den notorisch zu spät erscheinenden Dozenten im Hörsaal. Fazit: Ein durchaus lohnendes Buch, will man seine taktischen Fertigkeiten durch wiederholtes Training schärfen – und seine Mundwinkel gen Ohren wandern spüren, wenn «Fritz» oder «Rybka» bei der Analyse einer gewonnenen Partie die Korrektheit des eigenen Gewinnweges bestätigen.

Heinz Brunthaler, Ihre Schachkombinationen für 2010 – Verbessern Sie Ihre Kombinationsgabe, Schachverlag Ullrich, 124 Seiten, ISBN 978-3940417046

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Malte Thodam

Geb. 1984 in Viersen/D,
Student der Geschichte,
Schach-Teamleiter,
lebt in Düsseldorf

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Marion Bönsch-Kauke: «Klüger durch Schach»

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Das Schachspiel als universelles Bildungs- und Entwicklungsgut

Walter Eigenmann

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Boensch_Klueger durch Schach_Leibniz Verlag_Cover«Während es einen nahezu unübersehbaren Schatz an kommentierten Partien, Turnierbulletins und technischen Schachbüchern gibt, die, interessiert an der Herausbildung von Theorie und Praxis des Schachspiels an sich, Erfahrungen über Eröffnungen, Mittel- und Endspiel enthalten sowie verhältnismäßig viele Werke, die Lehrweisen und Trainingsmethoden propagieren, fehlt es vollständig an einem profunden interdisziplinären Überblickwerk zu den wissenschaftlich gesicherten Fakten, was das Schach bewirkt; was es bedeutet, warum es über die Jahrhunderte hinweg Menschen aus aller Welt fasziniert und nicht zuletzt, welche Erziehungs- und Bildungswerte es birgt.»
Diese weiträumige spielkulturelle und soziopädagogische Fragestellung nimmt die deutsche Schach-Psychologin und Mentaltrainerin Dr. Marion Bönsch-Kauke zum Ausgangspunkt ihrer großangelegten Meta-Studie: «Klüger durch Schach» präsentiert thematisch breit und methodisch sehr differenziert eine Fülle von «Forschungen zu den Werten des Schachspiels»; der 400-seitige Band fasst den gesamten aktuellen wissenschaftlichen Diskurs zum weltweiten Kulturphänomen «Schach» zusammen.

Dass dem Schach in der riesigen Arena menschlicher Sport- bzw. Freizeit-Aktivitäten eine nur höchst marginale Bedeutung zukommt, darüber macht sich die Autorin Bönsch-Kauke keinerlei Illusionen, und dass schätzungweise 550 Millionen Menschen zumindest die Regeln des «Königlichen Spiels» kennen, abermillionen ihm organisiert frönen, könne nicht darüber hinwegtäuschen, «dass Schach zu den Randsportarten gehört und aus Mangel an visueller Show kein Publikumsmagnet» sei. Doch dieser Marginalität steht, wie Bönsch-Krauke detailliert anhand zahlreicher wissenschaftlicher, historischer wie experimentalpsychologischer Untersuchungen bzw. Studien nachweist, eine mittlerweile kaum mehr überblickbare Fülle an primär- wie sekundärwissenschaftlicher Literatur zu allen denkbaren kulturellen, pädagogischen, philosophischen, neurowissenschaftlichen, sportmedizinischen, kunstästhetischen und sozialpsychologischen Aspekten dieses Spiels gegenüber.

Mädchenschach

Interessantes Eröffnungssystem der 8-jährigen Melsa Demir... (von den «Schachfreunden Hannover»)

Die vom Deutschen Schachbund initiierte und herausgegebene Metaexpertise der Psychologin gründet sich auf mehr als 100 umfangreiche Pilotstudien, Großfeldversuche, Stammuntersuchungen, Quer- und Längsschnittprojekte und Originalexperimente, ihre Recherche bezog neben hunderten bekannter Publikationen auch aktuellste Dissertationen, wissenschaftliche Qualifikations-, Diplom-, Magister- und Seminararbeiten sowie zahlreiche eigene schachrelevante Untersuchungen ein. Bönsch-Kaukes fulminante Tour d’horizont durch die wissenschaftliche Schach-Literatur belässt es dabei nicht bei westeuropäischen und amerikanischen Publikationen, sondern repliziert besonders aufschlussreiche, bislang hierzulande kaum beachtete, teils auch schwer zugängliche Forschungsergebnisse aus der Sowjetunion und der ehemaligen DDR, aber auch aus Ungarn und Tschechien – aus Ländern also, die bekanntlich dem Schachspiel als Spitzen- und als Volkssport einen außerordentlichen Stellenwert einräumten, und in denen Schach – teils auch als staatlich verordneten propagandistischen Gründen – schon seit Jahrzehnten Gegenstand systematischer, auch interdisziplinärer Forschung war und ist.

Leseprobe 1

Boensch_Klueger durch Schach_Leseprobe1

Angesichts der Fülle des Materials – die nur schon ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis des Bandes dokumentiert – ist es hier natürlich unmöglich, in dem Maße auf auch nur einzelne der gewichtigsten Studien bzw. Ergebnisse in «Klüger durch Schach» einzugehen, das ihrer Bedeutung angemessen wäre. Stattdessen beschränke ich mich fokussierend im Folgenden auf die grundlegendsten, durch vielfache und weltweite Forschung verifizierten «Thesen», wie sie die Autorin im Schlusskapitel dieser ihrer beeindruckenden, auch mit zahlreichen Illustrationen erläuternden Meta-Studie formuliert, wobei Bönsch-Kauke von der Zielsetzung geleitet wurde, diese «Thesen» könnten ihrerseits «zum Kern einer Meta-Schachtheorie werden, falls ihre Inhalte geistreiche Forscher anregen, wissenschaftliche Beweise für die Tragkraft dieser Thesen beizusteuern.»

1. «Schach ist zutiefst lebensnah!»

Schachunterricht Glarean Magazin

Schach symbolisiere, so die Autorin, «was uns im Leben widerfährt»: Im Kern seien es Entwicklungsaufgaben von wiedersprüchlicher Art, und es sei zu eng, im Schach nur Problemlösen sehen zu wollen: «Wir sind vor die Wahl gestellt, unsere Ansprüche aufzugeben oder uns der Aufgabe zu stellen, zu kämpfen auch um selbstkritische Einsichten und nicht zu resignieren.»

2. «Das Schachspiel gleicht dem Lebenskampf!»

Für Marion Bönsch-Kauke fungiert das Schachspiel als Problemrepräsentant für Entwicklungsaufgaben, die kompromisslos zu lösen sind, und die uns vor Situationen stellten, die zwar «neu, ungewiss, kompliziert und problemträchtig» seien, sich aber nicht zu (unlösbaren) Problemen auswachsen müssten: «Gewissermaßen aus spieltheoretischer Sicht gilt das Schachspiel als ein Zwei-Personen-Nullsummenspiel. Es ist für jene Lebenslagen gültig, in denen eine Seite verliert, was die andere gewinnt.»

3. «Schachstrategeme dienen sinnvoller Lebensführung!»

Diese These habe, wie die Wissenschaftlerin ausführt, Fragen der «Lebensplanung» wie beispielsweise: «Was droht? Was tun? Wo soll es hingehen? Was ist der nächste Schritt?» zur Grundlage, und dabei bürge das Schachmodell für stichhaltigen Rat: «Schach kann zurückgreifen auf 2′500 Jahre Erfahrung, wie Ziele gegen Widerstände zu erreichen sind. [...] Aus schachlicher Symbolsprache ist zu erfahren, wie Menschen [...] dachten und wie sich das Wollen und Denken kulturgeschichtlich entfaltete zu immer wirksameren Strategemen.» Dabei wären die besten Strategien, nach Bönsch-Kauke, im Kampf der Charaktere in der Kulturgeschichte des Schachs ausgefiltert worden und würden nun als bewährte «Orientierungsgrundlagen für erfolgreiche differentielle Entwicklungen von sozialen Beziehungen, Charakteren und kulturellen Werken im Lebenslauf» zur Verfügung stehen.

4. «Schach macht klug!»

Der Autorin vierte, bereits im Buchtitel apodiktisch vorweggenommene These ist die schulpädagogisch bzw. -psychologisch brisanteste, wenngleich hier natürlich nicht zum ersten Mal gehörte Zusammenfassung zahlreicher diesbezüglicher Forschungen. Das Kernergebnis der von Bönsch-Kauke recherchierten, teils sehr umfangreichen internationalen Studien: «Für Schach muss man nicht mit überdurchschnittlicher Intelligenz starten, jedoch ist mit fortgesetzter Ausübung ein beträchtlicher Zuwachs im Rahmen des intellektuellen Potentials zu erwarten.» Wie die einschlägigen Experimente nachwiesen, sei für hohe und höchste Spitzenleistungen im Schachspiel eine große Bandbreite von kognitiven Erkenntnisprozessen gefragt: «Exaktes Wahrnehmen, Vorstellungsvermögen, Gedächtnis, Problemlösen, schlussfolgerndes, kritisches und kreatives Denken.» Und auch hier wieder schlägt die Sozialpsychologin eine Brücke von der Theorie zur Praxis: «Analoge Aktionen, die sich in Schachpositionen bewährten, können als Verhaltenspotentiale auf Bewährungssituationen im Leben mit ähnlichen Merkmalen übertragen werden und das Hinzulernen erleichternd stimulieren.»

5. «Schachspielen fördert schöpferisches Denken!»

Konzentrationsfähigkeit_Schach_GlareanEin in der Sekundärliteratur ebenfalls immer wieder gelesener bzw. vielfältig verifizierter Denkansatz ist Bönsch-Kaukes fünfte These, wonach das Schach die Konzentrationsausdauer und das schöpferisch-originelle Denken fordere und fördere. Hier seien drei «Basiskomponenten» im Blick zu behalten: «Organisation der Kräfte, Angriff und Verteidigung», wobei die Autorin auf das schachphilosophische Werk des Weltmeisters Emanuel Lasker und seine «überschachliche Lehre» referiert. «Einfälle, die stichhaltig sind, und Pläne, die aufgehen, sind rar in unserem modernen Leben der firmierenden Global Players und gefragten Schlüsselqualifikationen. Geistige Güter sind zu akkumulieren, um Innovatinsdefizite zu überwinden.»

6. «Schach mobilisiert Innovationen und Change-Management!»

Bönsch-Kauke: «Aus Biographien zahlreicher weltbekannter Gelehrter, Philosophen, Dichter, Schriftsteller, Manager, einflussreicher Politiker, Regisseure, Schauspieler, Entertainer, Journalisten, Trainer und Athleten erhellt, dass sie sich auf das Schachspiel verstanden und es schätzten.» Aber nicht nur einen «Kreis Auserwählter» vermöge das Spiel «von der Person zur Persönlichkeit zu profilieren»; Frühförderung und Anreicherung der geistigen Herausforderung für hochbegabte Kinder sei schachspielerisch möglich: «Ein Schachtest für Hochbegabte als Screening-Verfahren erscheint aussichtsreich. Mehr noch rücken die Möglichkeiten des Schachs für gegenwärtig erschreckend viele hyperaktive, im Lesen, Schreiben und Rechnen schwache oder schulverdrossene Kinder als spielerisches Faszinosum ins Blickfeld von Schulverantwortlichen.»

7. «Schach stärkt die Anstrengungsbereitschaft!»

Als Metasportart berge, führt die Verfasserin weiter aus, das schachliche Modell wertvolle Grundlagen «für eine allgemeine Kampftheorie»: «Schach stärkt den Kampf- und Siegeswillen», weil durch findiges strategisches und taktisches Denken «die schwersten Kämpfe des Lebens zu gewinnen» seien. Dabei erlangten theoretisch-geistige Konzepte im Trainingsprozess und Wettkampf angesichts der zunehmenden Intellektualisierung des Sports eine verstärkte Bedeutung. «Immer mehr spielen sich planbare Aktionen vorher modellartig im Kopf des Aktiven ab. In diesem Sinne bewährt sich Schach als strategisch-taktische Leitsportart.»

8. «Schachliches Können verschafft Wettbewerbsvorteile!»

Bönsch-Kaukes achtes Forschungsergebnis: «Wie es gelingt, Positionen nicht nur zu verbessern, sondern die anstrebenswerte Stellung wirklich zu erobern, lehrt das königliche Spiel diejenigen, die sich bemühen, meisterliches Können für Spitzenpositionen zu erwerben. Im welchselseitigen Herausfordern und intellektuellen Kräftemessen werden anspruchsvolle Lebensziele und Selbstbehauptungen wahr. Situationsgerechte Pläne bleiben keine visionäre Utopie.»

9. «Schach ist ein universelles Bildungs- und Entwicklungsgut!»

Schach im Kindergarten_Glarean MagazinEine weitere These der Wissenschaftlerin zielt auf den vielfach und breit nachgewiesenen pädagogischen Nutzen in der Schule einerseits und andererseits auf die moderne Schlüsselqualifikation «Medienkompetenz» ab. Während die Tatsache, dass methodisch gelehrtes Schach ein breites Spektrum von positiven Persönlichkeitskomponenten wie «Konzentriertheit, Geduld, Beharrlichkeit, emotionale Stabilität, Risikofreudigkeit, Objektivität, Leistungsmotivation» inzwischen in ein breiteres Bewusstsein der schulpädagogischen Entscheidungsträger gedrungen ist, dürfte die von Bönsch-Kauke angesprochene «Medienkompetenz» bisher ein weitgehend unberücksichtigter, aber wesentlicher Aspekt der Diskussion sein: «Ein bedeutsames gesellschaftliches- und bildungspolitisches Ziel ist die Befähigung, die Vorzüge neuer Informations- und Kommunikationstechniken gezielt nutzen zu können.»

10. «Schach trainiert psychische Stabilität!»

Auf ihrem ureigenen Gebiet, der Psychologie, kommt die Autorin zum Schluss: «Schach befriedigt grundlegende Bedürfnisse, sich im anderen Wesen zu spiegeln, ernst genommen und zuverlässig begleitet zu fühlen und sich wesenseigen im Spiel selbst zu fördern. [...] Schachspielen ermutigt, Angst in energiereiche Aktionen zu verwandeln, Verlustärger zielgerecht einzusetzen.» Wie dabei die Psychoanalyse zeige, entwickle Schach «eine Art realistischerer Abwehrmechanismen durch selbstkritische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, mit eigenen Fehlern und Stärken».

Leseprobe 2

Boensch_Klueger durch Schach_Leseprobe2

11. «Schach hält geistig beweglich!»

Ins Zentrum des elften Teil-Fazits gerückt wird das Schach als Denktraining, das bis ins hohe Alter fortgesetzt werden könne: «Keine andere Sportart ermöglicht eine solche fortdauernde Wettkampfzeit, lebenslanges Lernen und leistungssportliche Betätigung auf hohem Niveau.» Bönsch-Kauke zitiert in diesem Zusammenhang neuromedizinische Resultate, wonach sich durch «spielaktive Denkbeweglichkeit» bis zu 74% dem Risiko eines altersbedingten Abbaus des Hirns (Demenz) vorbeugen lässt: «Speziell gegen die Alzheimer-Erkrankung mit der klinischen Symptomatik: hochgradige Merkschwäche, zeitliche und räumliche Orientierungsstörungen, Sprachzerfall und Verwirrtheit lassen sich durch Schach sogar neue ‘graue Zellen’ bilden.»

12. «Schach im Internet fördert weltweite Kommunikation!»

Seniorenschach_Deutschland

«Neue graue Zellen durch Schach»: Seniorenschach in Deutschland

Die zwölfte und letzte These widmet sich dem aktuell modernsten Aspekt des Schachspiels: seiner inzwischen fulminanten und noch immer wachsenen Präsenz im Internet: «Nicht nur das hochentwickelte Computerschach, auch das Spielen im Internet brachte ungeahnte Dimensionen mit sich. So spielen nach Angaben von Chessbase 2007 auf ihrem Server täglich über 5′000 Aktive und Schachliebhber ca. 200′000 Partien. [...] Diese Zahlen demonstrieren einen völlig neuen Zugang des strategischen Brettspiels in die moderne kommunikative und technisierte Spielwelt.» Hervorzuheben sei dies nicht zuletzt deshalb, weil es unwichtig sei, ob der «auf der anderen Seite sitzende Gegner jung oder alt, gesund oder krank, versiert oder ungeübt» sei. Denn zwar sei Altern ein soziales Schicksal, aber: «Durch das Schach im Internet bieten sich immer interessante Spiel- und Geistesgefährten an, zu denen nach Wunsch auch direkter Kontakt mit allen Sinnen aufgenommen werden kann.»

Zwölf fruchtbringende Denkanstöße

Wie weiland Luther seine «ketzerischen» Thesen an die Kirchenpforten schlug, so ruft also die deutsche Schachpsychologin in ihrem aufregenden «Thesen-Papier» ein Dutzend durchaus irritierende bis provozierende Denkanstöße in den Schach-Alltag, die allerdings nichts mit Glauben, dafür sehr viel mit Wissen zu tun haben. Denn im Gegensatz zu einschlägigen populärwissenschaftlichen (um nicht zu sagen: populistischen), oft mit gutgemeint-rosaroter Brille verfassten Verlautbarungen in Sachen «Schach und Pädagogik» basieren die Thesen von Marion Bönsch-Kauke auf wissenschaftlich verifizierbarer Grundlagenforschung unabhängiger Wissenschaftler und Institute.
Gewiss, Bönsch-Kaukesche Denkmotive wie z.B. «Schach als Problemrepräsentant für Entwicklungsaufgaben»; «Schach als strategisch-taktische Leitsportart» oder «Schach als Demenz-Prävention» regen bei erstem Lesen zum Widerspruch an. Aber nur so lange, wie man der Autorin akribische Recherchen zur Thematik nicht en détail kennt. Denn der 400-seitige, ein umfangreiches Literaturverzeichnis zuzüglich Psychologie-Glossar sowie Personen- und Sachregister beinhaltende Band belegt eindrücklich, wie weit die moderne Schachforschung in allen Disziplinen bereits fortgeschritten ist. Jedenfalls dürfte «Klüger durch Schach» als der zurzeit umfassendste Überblick auf die gesamte einschlägige Forschung für die nächsten Jahre die Referenz-Publikation in Sachen Schach-Metastudien bilden und die wissenschaftliche Diskussion maßgeblich mitbestimmen bzw. befruchten. Eine äußerst verdienstvolle Veröffentlichung des Deutschen Schachbundes und der Deutschen Schachstiftung – sowie ein nicht nur für Schach-Enthusiasten faszinierendes Kompendium, dem weiteste Verbreitung in allen involvierten «Schach-Schichten», von den Verbänden bis hinein in die Volksschulstuben weit über Deutschland hinaus zu wünschen ist.

Marion Bönsch-Kauke, Klüger durch Schach – Wissenschaftliche Forschungen zu den Werten des Schachspiels, Leibniz Verlag (St. Goar), 408 Seiten, ISBN 978-3-931155-03-2

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Inhaltsübersicht

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«Weihnachtsgeschichten für jeden Adventstag»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Literatur, Rezensionen, Weihnachten von Walter Eigenmann am 5. November 2009

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24 Storys von Hans Christian Andersen bis Doris Dörrie

Diogenes_Kinder-AdventsbuchWeihnachten dürfe, wie der Diogenes Verlag sichtlich meint, für Kinder nicht nur das Fest der TV-Filme und der Playstations, der DVD-Games und der Internet-Animationen sein, und auch die Zeit vom 1. bis zum 24. Dezember könne zu mehr da sein als bloß fürs Warten auf die Bescherung. Also stellte er ein neues «Kinder-Adventsbuch» zusammen, das für jeden Adventstag eine Geschichte parat hat.
Das Autorenfeld des schmuck gestalteten Bandes ist dabei so vielfältig wie die Inhalte der 24 Storys. Man begegnet mal wieder «Frau Holle» (Gebrüder Grimm) und E.T.A. Hoffmanns «Mausekönig», Erich Kästners «Felix» holt den Senf, und auch Cechovs «Wanjka» ist mit von der weihnächtlichen Partie. Diesen Advents-Klassikern zugesellt werden dann kurzprosaische Nachdenklichkeiten oder auch froh-erwartungsvolle Heiterkeiten bis hin zu leicht Satirischem von Doris Dörrie, Cornelia Funke, Tim Krohn oder Bernhard Lassahn. Mit gleich zwei köstlichen Geschichten vertreten (und jeweils ganz aus Kinder-Blickwinkel erzählend) ist außerdem der berühmte «Asterix»- und «Lucky-Luke»-Texter René Goscinny.

Das neue «Kinder-Adventsbuch» fächert seine 24 Geschichten rund um Tannenbaum, Adventskalender, Winterschnee und Weihnachtsmann sehr kontrastreich auf, was mithin gut geeignet ist für eine tägliche – kürzere oder längere – «Vorlese-Stunde». Der «tiefere Sinn» einiger Storys dürfte sich wohl erst etwas älteren Kindern erschließen, die meisten Texte werden aber auch von jüngeren Schulkindern problemlos gelesen und genossen werden können. (we)

Diogenes Verlag (D.Kampa/Hrsg), Kinder-Adventsbuch, Weihnachtsgeschichten für jeden Adventstag (Div. Autoren), 176 Seiten, ISBN 978-3-257-01146-3

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Diogenes: «Weihnachten mit Ringelnatz»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Humor, Joachim Ringelnatz, Literatur, Rezensionen von Walter Eigenmann am 29. Oktober 2009

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Augenzwinkerndes Sentiment und melancholischer Schabernack

Walter Eigenmann

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Diogenes_Weihnachten mit Ringelnatz_CoverSpätestens zwei Monate vor Heilig Abend überschwemmen sie bekanntlich alljährlich en masse die Buchläden und Online-Shops, jene unzähligen «heiteren und besinnlichen Gedichte und Geschichten» unterm werbewirksamen Slogan «Weihnachten mit…». Aber nun auch «Weihnachten mit..» Joachim Ringelnatz? Diesem kreativ-spöttischen Rumtreiber und raffiniert-schöpferischen Nichtstuer? Diesem unnachahmlichen Veralberer von höchsten Kuttel Daddeldus Gnaden? Diesem grummelnden Seebär, philosophischen Pfannenflicker, höhnischen Gaukler, klarsichtigen Penner? Da wird man hellhörig, blättert neugierig rein – und «Weihnachten» bekommt nochmals eine Facette mehr: eben die Ringelnatzsche.
Erstaunlich überhaupt, dass sich ein ganzes Buch ausgerechnet zum Thema «Weihnachten» destillieren lässt aus dem (allerdings umfangreichen, mittlerweile 7-bändigen) Oeuvre eines Mannes, der solche Dinge schreibt wie: «Wenn man das zierlichste Näschen / Von seiner liebsten Braut / Durch ein Vergrößerungsgläschen / Näher beschaut / Dann zeigen sich haarige Berge / Dass einem graut.» Und überraschend auch, dass dieser virtuose Gassensuppen-Verehrer, dieses Genie der Infantilität in Wort und Bild, dieser durchaus auch mal mit Trivialem Langweilende, dieser gar nicht simple «Simplicissimus»-Schreiber hier keineswegs nur geistreich rumblödelt – gerade nicht zu Weihnachten. Bilderreiche und nachdenkliche Sentiment-Lyrik wie die folgenden Verse ist durchaus ebenfalls anzutreffen:

Weihnachten

Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle,
Mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit,
Und ein schlichtes Glück streut auf die Schwelle
Schöne Blumen der Vergangenheit.

Hand schmiegt sich an Hand im engen Kreise,
Und das alte Lied von Gott und Christ
Bebt durch Seelen und verkündet leise,
Dass die kleinste Welt die größte ist.

Ringelnatz_Selbstportrait

Selbstporträt Ringelnatz

Doch Hans Gustav Bötticher wäre nicht Ringelnatz, wenn er der kerzenseligen Rührung dieses «schlichten Glücks» nicht auch das Misstrauen seines ungeschminkten Realitätssinnes gegenüberstellte. Denn der zeitlebens unstete, weder geographisch noch biographisch noch literarisch noch malerisch wirklich Beheimatete, der Wanderer durch Räume und Zeiten reimt gleichzeitig so melancholisch wie wahr:

Einsiedlers Heiliger Abend

Ich hab’ in den Weihnachtstagen -
Ich weiß auch, warum -
Mir selbst einen Christbaum geschlagen,
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.

Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein
Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.

Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abends noch spät
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter
Und anderem blanken Gerät.

Ich kochte zur heiligen Stunde
Mir Erbsensuppe mit Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.

Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied.

Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat’s an die Türe gepocht,

Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang’s nicht wie Weihnachtslieder?
Ich aber rief nicht: «Herein!»

Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.

Der sentimentale, der (auto)satirische also – und noch ein dritter Ringelnatz tritt einem über die Winter-, Weihnachts- und Silvester-Wege in diesem Buch: der poetische. Zum Beispiel in seiner unnachahmlichen «Stillen Winterstraße»:

Es heben sich vernebelt braun
Die Berge aus dem klaren Weiß,
Und aus dem Weiß ragt braun ein Zaun,
Steht eine Stange wie ein Steiß.

Ein Rabe fliegt, so schwarz und scharf,
Wie ihn kein Maler malen darf,
Wenn er’s nicht etwa kann.
Ich stapfe einsam durch den Schnee.
Vielleicht steht links im Busch ein Reh
Und denkt: Dort geht ein Mann.

Ringelnatz beim Malen

Ringelnatz beim Malen

Herausgeber Daniel Kampa stellte zwischen Ringelnatz’ Weihnachts- und Silvester-Gedichten noch drei autobiographische Prosa-Texte – mit den bezeichnenden Titeln «Weihnachten in der Tropenhitze», «Hungerweihnacht in Hamburg», «Weihnachten in der Armee». Auch hier schimmert sie stets durch, die augenzwinkernde Traurigkeit, und auch der melancholische Schabernack, wie man ihn im ganzen Werk dieses völlig singulären Literaten als Grundzug ausmachen kann.

Hat Ringelnatz auch eine «Weihnachtsbotschaft»?
Vielleicht diese:

Liedchen

Die Zeit vergeht.
Das Gras verwelkt.
Die Milch entsteht.
Die Kuhmagd melkt.

Die Milch verdirbt.
Die Wahrheit schweigt.
Die Kuhmagd stirbt.
Ein Geiger geigt.

Daniel Kampa (Hrsg.), Weihnachten mit Ringelnatz, Lyrik und Prosa, 96 Seiten, Diogenes Verlag, ISBN 978-3-257-02114-1

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Neues DUDEN-«Wörterbuch der Szenesprachen»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Duden, Kultur&Gesellschaft, Lexika, Literatur, Rezensionen, Sprache von Walter Eigenmann am 25. Oktober 2009

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Sprache zwischen Mitteilung und Beziehung

Walter Eigenmann

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Duden_Szenesprachen_CoverDer allgemeine Sprachgebrauch reflektiert bekanntlich gesellschaftliche Veränderungen sehr nachhaltig, und am unmittelbarsten, für ein konventionelles Sprachverständnis möglicherweise am provokativsten dokumentiert sich dieser Wandel in den (zumal jugend-)sprachlichen Mainstreams des Internets. Typische Web-2.0-Ausprägungen wie «Twitter» oder «Facebook», als Social-Networks englisch-global und omnipräsent, schaffen hier nicht nur einen Zwang zur Verknappung des Ausdrucks, sondern auch zur Individualisierung, gleichzeitig Plakativierung von Sprache. Nicht mehr Reflexion bzw. Information im herkömmlichen Sinne stehen hier an erster Stelle, sondern Codierung, verbunden mit maximaler Subjektivität.
Doch noch immer, unabhängig von Stil und Grammatik, stiftet Sprache vor allem Identität, eigentlich auch Abgrenzung – bei Gruppen, bei überregionalen Zusammenschlüssen, bei ganzen Bevölkerungsschichten. In dieser Situation einer gewissen Hermetik der verschiedenen «Social Lifes» und einer die Kommunikation der Generationen behindernden, teils radikalen Heterogenität des Wortschatzes kommen «Übersetzungshilfen» wie das jüngst erschienene «DUDEN-Wörterbuch der Szenesprachen» gerade recht.

Wer als über Vierzigjähriger und damit oft der «angesagten» Slangs völlig Unkundiger quasi den semantischen Anschluss sucht, kriegt damit nun ein Wörterbuch in die Hand, das ihn zwar auch nicht jünger, aber vielleicht aufgeschlossener macht… Basis dieses neuen Szene-Dictionaires aus dem Hause DUDEN bildet ein auf der deutschen Plattform Szenesprachenwiki.de interaktiv erstelltes und suksessive angehäuftes Online-Wörterbuch. In Zusammenarbeit mit dem «Trendbüro» hat man nun das Begriffsmaterial in ein handliches Taschenbuch gegossen und es dabei sechs gesellschaftlichen «Scenes» zugeordnet: «Social Life», «Techlife», «Nightlife», «Stylelife», «Serious Life» und «Medialife».

Overchicked

«OVERCHICKED: Wenn das it-Girl den Schmacko links liegen lässt und mit dem Hässlo ausgeht, ist Letzterer definitiv overchicked.»

Die beiden herausgebenden Organisationen schlugen dabei einen neuen, durchaus einleuchtenden Weg der redaktionellen Aufbereitung ein: Die Benutzerinnen und Benutzer (prägnant-moderner: «User»…) hatten die Möglichkeit, mit ihren persönlichen Wortfavoriten bzw. Kommentaren direkten Einfluss auf die Entstehung des Wörterbuches zu nehmen. Bei diesem Vorgehen garantiert der Band natürlich ein Höchstmaß an Authenzität und Vielfalt, wenngleich nicht zwangsläufig auch Verbindlichkeit und Repräsentanz. Sicher aber ist damit eine ganz spezielle Facette von «Wörterbuch» entstanden, deren Unterhaltungs- den Informationswert fast noch übersteigt: Das Buch dokumentiert eine sprachbildnerische Vielfalt, eine kreative Wort-Phantasie, eine Lebendigkeit der Sprachemotionalität und eine Assimiliationsfähigkeit v.a. des Anglikanischen, die den Unvorbereiteten erst befremden mag, dann aber zunehmend fasziniert (siehe die Leseproben im Anhang). Die Lektüre gerät so zum unterweisenden Nachschlagewerk, aber auch zur sprachlich lustvollen Horizonterweiterung. Sehr nützlich! Sehr amüsant! «Out-Of-The-Box», sozusagen… ■

DUDEN & Trendbüro, Das neue Wörterbuch der Szenesprachen, Dudenverlag Mannheim, 208 Seiten, ISBN 978-3411710928

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Leseproben

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Oruç Güvenç: «Heilende Musik aus dem Orient»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Musik, Musik-Forschung, Musik-Rezensionen, Musiktherapie, Oruç Güvenç von Walter Eigenmann am 14. Oktober 2009

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«Harmonisierung von Körper und Geist»

Walter Eigenmann

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Güvenç_AOM_Cover_Südwest VerlagAlternative therapeutische Verfahren wie beispielsweise die (bei uns kaum bekannte) sog. «Altorientalische Musiktherapie» subsumiert der westliche Rationalist oft, wenn er wohlwollend ist, unter «Ethno», vielleicht auch naserümpfend unter «Esoterik» – oder überhaupt gleich unter «Scharlatenerie». Wissenschaftlich gestützte Musiktherapie ja – aber Schamanen-Gesänge, Uighurische Tänze, Wassermurmeln und Trommelrhythmen?
Wenn da bloß nicht die unleugbaren Erfolge der alternativen Heilmethoden wären – und das Votum zahlreicher, sehr wohl ernst zu nehmender Wissenschaftler wie beispielsweise des Direktors des Instituts für Medizinische Psychologie am Klinikum der Universität Heidelberg. Er schreibt: «In der wissenschaftlich fundierten Heilkunde Mitteleuropas wollen sich die Menschen darauf verlassen können, dass das, was man Therpie nennt, nachweislich wirkt. Man will wissen, bei welchen gesundheitlichen Störungen welche Interventionen die Heilung fördern. Dazu werden eine differenzierte Diagnostik und Versuchspläne gefordert, die es ermöglichen, die spezifischen Wirkungen therapeutischer Interventionen im Vergleich zu unbehandelten Kontrollgruppen herauszufinden. [...] Meiner Meinung nach ist es bei den Bemühungen um medizinische Exaktheit sinnvoll, zwischen eher körperlichen und eher seelischen Wirkungen von Musik zu unterscheiden, auch wenn man das letztlich nicht voneinander trennen kan. Ich werde skeptisch, wenn mir Musik auf Tonträgern angeboten wird, die spezifisch auf Gelenke, Entzündungen, Eingeweide, Geschlechtsteile oder Kopf und Augen wirken soll. [...] Etwas anderes ist das Anliegen der Heilung im seelischen Bereich zu bewerten. Zuversicht, Lebensfreude, Entspannung, das Erleben von Demut oder innerem Frieden gehören in jedem Falle zur Heilung und zur Lebensqualität – und zwar unabhängig davon, was im Körper krank ist und vielleicht auch krank bleibt.»

Ehepaar_Güvenç

Oruç Güvenç mit dem schamanischen Kilkopuz, Andrea-Azize Güvenç mit der altorientalischen Kopuz

Diese Sätze von Rolf Verres leiten eine neue AOM-Publikation mit dem Titel «Heilende Musik aus dem Orient» ein. Autor ist der Istanbuler Psychologe, Musiktherapeut und Sufi-Meister Dr. Oruç Güvenç, der gemeinsam mit seiner Frau, der deutschen Ergotherapeutin Andrea Güvenç – sie amtiert im Buch als Autorin wie als Türkisch-Übersetzerin – einen üppig ausgestatteten Text- und Bildband (mit Compact-Disc) in Sachen Altorientalische Musiktherapie (AOM) präsentiert.

Die klang-, tanz- und farbbeseelte Wellness-Reise des Ehepaares Güvenç beginnt tief in der Vergangenheit, bei 14′000 Jahre alten Felszeichnungen im Aserbaidschanischen Gobustan, wo tanzende Figuren auf die uralte Tradition heilender Bewegungsrituale hinweisen. Ein anderer wichtiger «urzeitlicher», noch heute sprudelnder Quell uralter Heilsysteme sind – nach Autor Güvenç – die Schamanen Zentralasiens, die Baksi: «Bei ihren Ritualen imitieren die Baksi mit der eigenen Stimme oder Instrumenten Tierstimmen und andere Klänge aus der Natur. Zudem ahmen sie die Gebärden, Haltungen und Bewegungen der Tiere nach. Dabei verwenden sie Instrumente wie Trommeln, Kilkopuz, Dombra und andere, die sie aus Naturmaterialien herstellen.»

Kudüm_AOM_Musiktherapie

Eines der Hauptinstrumente der AOM: Die türkische Kudüm-Trommel

Ausgehend von solchen Ur-Heilritualen erarbeitete sich die AOM ihre eigenen, Rhythmus-, Ton- und Bewegungs-gestützten musiktherapeutischen Verfahren. Dabei basiert die Methode von Güvenç und anderen schamanisch orientierten «Heilern» auf einigen zentralen, meistenteils durchaus auch für westliche «Ohren» (mittlerweile) nachvollziehbaren Axiomen. Dazu Güvenç: «Die AOM versteht sich nicht als direkter schamanischer Heilweg, wenngleich Elemente und Ideen aus schamanischen Praktiken Zentralasiens angewendet werden. Beispielsweise: a) Der Glaube, dass sich frühe ‘Techniken’ wie Klänge, Melodien, Rhythmen und Improvisationen über Jahrtausende bewährt haben und auch heute noch ihre Wirkung entfalten; b) Die Bewertung des inneren Erlebens, der inneren Erfahrung, als Ergänzung zur äußeren Welt; c) Die Vorstellung, dass es neben den technologischen Fähigkeiten auch ein nicht-technologisches Wissen des menschlichen Geistes gibt; d) Die Annahme, dass der Mensch von den Pflanzen, Steinen und Tieren lernen kann». In solchen spirituellen Ansätzen trifft sich offensichtlich das orientalische Denken mit jenem aus dem fernöstlichen Kulturraum; Die «Reise nach innen» ist grundlegende Voraussetzung beider Konzepte.

AOM_Wasser_Ritual

Das Element Wasser: Emotionaler Träger von Spiritualität und Beruhigung, gleichzeitig Reinigungsritual

Ein paar Ingredienzien der AOM sind zentral in der musiktherapeutischen Arbeit Güvençs: Der physische und «musikalische» Einsatz des Wassers; der Einbezug der menschlichen Stimme; die uralte Sufi-Instrumentalkultur; der Ausdruckstanz. Der kombinierte Einsatz dieser vier individuell vermittelten und erfahrenen, gezielt unter Begleitung des AOM-Leiters eingesetzten Praktiken kann laut Ehepaar Güvenç durchaus zu Trance und Ekstase führen: «Diese Trancezustände waren den Menschen in der östlichen Kultur durchaus vertraut. Sie waren gelebter Bestandteil der Riten und Rituale im Schamanen- und Sufiturm. [...] Die heutige Wissenschaft sagt, dass Bewusstseinsveränderung und Trance zu den Grundfähigkeiten des Menschen gehören. Die Medizin des Orients kennt ihre heilige und heilende Wirkung schon seit langem. Erst nach und nach erkennt auch die moderne Medizin, wie sie sich diese Mechanismen zunutze machen kann, um Schmerzen zu lindern und Heilungsprozesse zu fördern.»

AOM_Tanz

Der Körper als Instrument: Aufnahme von einem Sema-Ritual im Jahre 2008. Das Ritual dauerte 40 Tage und Nächte.

Mit solchen Erkenntnissen aus der eigenen musiktherapeutischen Arbeit schlägt das Ehepaar Güvenç eine Brücke zur nach wie vor kognitiv dominierten (Apparate-)Medizin des Westens. Ihr Buch wird eingefleischte Rationalisten nicht überzeugen, sondern bestenfalls in der Schublade «Interessant, aber unbewiesen» kontaminiert werden, denn der «Glaubensfaktor» als individuell zu erbringende, betont «imaginitive» Leistung des «Kranken» spielt in der AOM wie in vielen anderen therapeutischen Ansätzen (ganz gleich welcher geographischen Couleur) bekanntlich eine zentrale Rolle. Andererseits ist nicht einzusehen, warum intelligentes Therapieren neben dem ganzen okzidentalen medizinischen «Arsenal» nicht auch (nachweislich erfolgreiche) alternative Praktiken integrieren soll; hier bekäme «Ganzheitlicheit» nochmals einen neuen interessanten Bedeutungsaspekt.

Jenseits aller Theorie bekommt der Leser mit «Heilende Musik aus dem Orient» jedenfalls auch gleich den praktischen Selbstversuch inklusive detaillierte Anleitung mitgeliefert: Der reichhaltig bebilderte, bibliographisch schön gestaltete Band enthält eine 60-minüte Audio-CD der türkischen Gruppe «Tümata» (Abk. = «Türkische Musik in wissenschaftlicher Erforschung und Präsentation») mit einer Auswahl orientalischer Musik, vom schamanischen Tanz bis zu Sufi-Gesängen. Damit gerät des Ehepaars Güvenç’ «Heilende Musik aus dem Orient» zu einer sinn-lichen, seine Thematik sehr attraktiv präsentierenden Reise durch «alle Zeiten und Räume» hin zum «paradiesischen Ursprung der Musik» (Güvenç). Literaturhinweise, Sach- und Namensregister sowie ein Anhang mit Kontaktadressen und Hinweisen zu Institutionen und Ausbildungsmöglichkeiten runden den Band ab. ■

Andrea und Oruç Güvenç: Heilende Musik aus dem Orient – Vom traditionellen Wissen der Schamanen und Sufis zur praktischen Anwendung altorientalischer Musiktherapie, mit Audio-CD, 148 Seiten, Südwest Verlag, ISBN 978-3-517-08535-7

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Leseproben

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Hans Sahl: «Die Gedichte»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Hans Sahl, Literatur, Lyrik, Walter Eigenmann von Walter Eigenmann am 13. Oktober 2009

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«…was sonst jeder Beschreibung spottet»

Walter Eigenmann

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Hans-Sahl_Die-Gedichte_LuchterhandEin Mann, den manche für weise
hielten, erklärte, nach Auschwitz
wäre kein Gedicht mehr möglich.
Der weise Mann scheint
keine hohe Meinung
von Gedichten gehabt zu haben -
als wären es Seelentröster
für empfindsame Buchhalter
oder bemalte Butzenscheiben,
durch die man die Welt sieht.
Wir glauben, dass Gedichte
überhaupt erst jetzt wieder möglich
geworden sind, insofern nämlich als
nur im Gedicht sich sagen lässt,
was sonst
jeder Beschreibung spottet.

Hans Sahl, der Autor dieses Gedichtes «Memo», schrieb so in seinem zweiten zu Lebzeiten eigenhändig redigierten Lyrik-Band «Wir sind die Letzten» (1933-1975). Und die Zeilen fokussieren programmatisch, was mit Sahl einer der fruchtbarsten und zugleich am wenigsten bekannten Exil- und Nachkriegs-Lyriker deutscher Sprache zu sagen hatte. Sein lyrisches Schaffen legt nun der Luchterhand Verlag in einer Gesamtausgabe «Die Gedichte» vor – und dokumentiert damit erstmals vollständig eine Lyriker-Stimme von hoher Intensität und Authentizität.
Es scheint, als wäre diesem Schriftsteller, Übersetzer, Theaterkritiker und Kulturkorrespondent einfach alles zu Lyrik geronnen, was an Biographischem zugestoßen ist – Poesie als lebenslängliche Konstante.
Schon 1926 schreibt der 24-Jährige:

Ich wäre gern in einer Zeit geboren
Mit Blumenmustern, bunt gestickten Decken
Gedämpftem Saitenspiel von Schlossemporen
Und Schäferspielen hinter Taxushecken.
[...]
Doch weil ich nun in diese Zeit verschlagen,
will ich sie auch mit Anstand für mich brauchen
und seine Meinung zu den Dingen sagen
und zu ihr stehn und meine Pfeife rauchen.

Dann Jahre später, 1943 in New York, als Geflüchteter:

Ja, ich bin allein, und ich weiß es
Viele sind wie ich, aber es kümmert sie nicht
und sie zeugen Kinder nach altem Brauch
sitzen in eisgekühlten Palästen
gehen umher und tragen bunte Krawatten
wie das Gesetz es befahl
Ich aber bin gefangen im Stein

Hans Sahl

Hans Sahl (1902-1993)

Schließlich 1973 der zurückgekehrte Mahnende:

Wir, die wir unsre Zeit vertrödelten
aus begreiflichen Gründen
sind zu Trödlern des Unbegreiflichen geworden
Unser Schicksal steht unter Denkmalschutz
Unser bester Kunde ist das
schlechte Gewissen der Nachwelt
Greift zu, bedient euch
Wir sind die Letzten
Fragt uns aus
Wir sind zuständig

Und endlich ganz zum Schluss, ungefähr ein Jahr vor seinem Tod:

Ich gehe langsam aus der Zeit heraus
in eine Zukunft jenseits aller Sterne
und was ich war und bin und immer bleiben werde
geht mit mir ohne Ungeduld und Eile
als wäre ich nie gewesen oder kaum.

Nein, Formalismus, Hermetik, abstrakte Ästhetik oder besondere Artistik ist dem Schaffen dieses zeitlebens moralisch wie politisch hochbeteiligten Bekenntnis-Lyrikers nicht zuzuordnen. Wohl aber bilderreichste, fast sinnlich greifbare Metaphorik – und immer seine Omnipräsenz der Aufrichtigkeit und der Unbestechlichkeit:

Gib dich zufrieden mit dem
was du noch hast
deinen Mund, deine Gebeine
freue dich darüber
weine.
Zähle nicht bis drei.
Eins genügt.
Vielleicht auch zwei
Bei drei wird’s schon wer
bei drei gibt’s dich nimmermehr.
Da fressen dich die Raben.
Amen.

(aus «Dann», 1985)

Schicksal, Liebe, Nacht, Gott, Ich, Zeit, Herz, Lust, Tod – solche Jahrtausende alt-mächtigen Wörter auch am Ende des katastrophalen 20. Jahrhunderts noch mitten in den Lauf der eigenen und aller Dinge zu stellen scheute sich Sahl nie; er wusste um ihre Wirkung aus dem Munde eines Dichters, der sie hautnaher als die meisten zu spüren bekommen hatte:

De Profundis

Ich bin der Zeit und ihrem Reim entfremdet,
Es hat die Zeit mir meinen Reim entwendet.

Wo Welten stürzen, Völker sich vernichten,
Kann sich das Wort zum Reim nicht mehr verdichten.

Wer wagt es noch, das Grauen zu besingen,
Dem Ungereimten Reime zu entringen,

Wer, der noch Worte hat, im Wort zu wildern,
Den Knochenfraß der Sprache zu bebildern

Und leichten Sinn’s, wo alle Worte fehlen,
Den Totentanz nach Silben abzuzählen?

Ich bin dem Reim in dieser Zeit entfremdet,
Es hat die Zeit mir meinen Reim entwendet.

Schwer ist mein Mund, und meine Lippen finden
Die Kraft nicht mehr, die Sätze zu verbinden.

Hier liege ich, verworfen von Epochen,
Es ist das letzte Wort noch nicht gesprochen,

Es ist der letzte Reim noch nicht gefunden
Auf diesen Jammer und auf diese Wunden.

Der tiefste Schrei, den je ein Mensch vernommen,
Er wird von uns, aus unserem Schweigen kommen.

Buecherverbrennung_Nazi-Deutschland_1933

Frühjahr 1933: In allen Städten verbrennt Deutschland die Werke seiner besten Dichter und Denker

Der 31-jährige Sahl muss, als Sohn eines jüdischen Industriellen in Dresden geboren, vor der Hitlerei fliehen – auf einem Fluchtweg, den so mancher Emigrant vor ihm schon gegangen war: Frankreich, Portugal, dann an die amerikanische Ostküste, nach New York. Hier entstehen – und werden gar gedruckt! – seine «Hellen Nächte», der Lyrik-Erstling. Er erscheint allerdings erst 1942, aufgrund des überzeugten Verlegers Barthold Fles – da ist Autor Sahl (bis anhin «nur» Kulturkorrespondent, Feuilletonist und Kurzprosaist) bereits ein 40-jähriger, doch nahezu unbekannter Literat. Ungeachtet der misslichen Situation der Publikationsmöglichkeit für Lyrik in Amerika schreibt und schreibt Sahl jedoch weiter, einfach für die Schublade, Gedicht an Gedicht, zum Beispiel:

Selbstportrait

Was bleiben wird von mir? Nur Dunkelheiten,
Und ein Gesicht, das manchmal schüchtern lachte
Und sich Gedanken über dies und jenes machte
Und in den Abend sah und zu gewissen Zeiten

Sich über fremde Züge liebend neigte
Und Worte sagte, die man ihm nicht glaubte,
Und nichts verstand und manchmal sich erlaubte
Ein Mensch zu sein und keine Reue zeigte.

Was bleiben wird? Nur dies. Ein Unterfangen,
Zu groß begonnen und dann abgebrochen,
Ein Wort, verwundert in die Nacht gesprochen
Und mit den andern in die Nacht gegangen.

New York_UnionSquare

New York in den 40er Jahren: Der Union Square

Gleichzeitig ist der Dichter Sahl ein bedeutender Übersetzer, widmet sich vielbeachtet insbesondere den Amerikanern Maxwell Anderson, Arthur Miller, Thornton Wilder und Tennessee Williams. Schließlich geht er 1953 nach Deutschland zurück – wo der Sozialist Sahl im rechtskonservativen Adenauer-Klima, aber auch wegen Zerwürfnissen mit linksideologisch Bornierten zu einer literarischen Unperson wird, von der das kulturelle Europa keinerlei Notiz nimmt. Sahl ist abermals Emigrant, diesmal im eigenen Land. Wie hatte er damals in «Marseille III» geklagt?

Warum bin ich nicht längst schon ausgezogen
Aus diesem Loch, wo mich die Würmer fressen
Und tote Seelen umgehn im Gemäuer?
Fern über dem Atlantik ziehn Gewitter,
Es kam schon lange nichts mehr mit dem Clipper,
Man gibt mich auf, bald bin dich ganz vergessen
Und will nichts mehr und streck’ mich nach der Decke
In dem Hottel, in dem ich hier verrecke.

Erneut flieht Sahl, diesmal nicht ums Leben bangend, sondern enttäuscht über die Ignoranz des Literaturbetriebes der frühen 50-er Jahre links wie rechts, geht 1953 zum zweiten Mal in die USA, wo Gedichte entstehen wie:

Schlaflos in New York

Hörst du
sehr fern in der Nacht
die apokalyptischen Rosse
den Schlaflosen wecken?
Kamen sie,
um ihn zu erschrecken
mit dem Gedröhn
ihrer Propeller?
Siehe,
es wird schon heller
hinter dem Fenster,
aber unter dem Bett
schläft noch immer
das Dunkel,
schläft die Nacht
mit offenen Augen.
Und wartet
auf dich.

1989 kehrt schließlich der in jeder Beziehung ewige Exilant endgültig in sein Geburtsland zurück, wo er inzwischen erkannt und bekannt wurde. Doch der Ton des nun 87-jährigen Dichters ist bitter und mischt sich mit Angriffslust. «Zu spät», antwortet der Zurückgekehrte auf die Bemerkung, dass mittlerweile doch eine Wiederentdeckung des Vergessenen stattgefunden habe – und in seinen Zeilen «Exil» heißt es:

Es ist so gar nichts mehr dazu zu sagen.
Der Staub verweht.
Ich habe meinen Kragen hochgeschlagen.
Es ist schon spät.

Die Winde kreischt. Sie haben ihn begraben.
Es ist so gar nichts mehr dazu zu sagen.
Zu spät.

Das kulturoffizielle Deutschland ehrt zu schlechter Letzt den Heimgekehrten mit verschiedenen Auszeichnungen, u.a. 1982 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz und in seinem Todesjahr mit dem Lessing-Preis des Freistaates Sachsen. Doch angekommen in einem allgemeinen literarischen Bewusstsein oder gar im Deutschunterricht ist er als einer der wichtigsten Lyriker der Nachkriegszeit noch immer nicht.

In dieser Situation leistet das nun vorliegende, umfassende lyrische Sahl-Kompendium wertvollste Mitarbeit. Der Band weist Hans Sahl aus als einen hochsensiblen Stenographen eines ganzen Jahrhunderts, als einen, der gezwungen war, künstlerisch mitzuschreiben bei all dem vielen, auch vielen Ungeheurlichen, das in seine Zeit fiel.  Bleibt zu hoffen, dass diese Edition der beiden Herausgeber Nils Kern und Klaus Siblewski eine – endlich – breite Sahl-Rehabilitation einläutet. ■

Hans Sahl, Die Gedichte, Luchterhand Verlag, 336 Seiten, ISBN 978-3-630-87288-9

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Christoph Drösser: «Hast du Töne?»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Christoph Drösser, Musik, Musik-Rezensionen, Walter Eigenmann von Walter Eigenmann am 7. Oktober 2009

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«Jeder ist musikalisch!»

Walter Eigenmann

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Droesser_Hast du Toene_Cover_RowohltGleich im frühesten Vorwort seiner neuen Veröffentlichung «Hast du Töne? – Warum wir alle musikalisch sind» steckt der Hamburger Wissenschaftsjournalist Christoph Drösser einen fulminanten Claim ab: «In diesem Buch schreibe ich selten über konkrete Musik, sondern vor allem über das, was man in den letzten Jahren über Musik herausgefunden hat. Die meisten Erkenntnisse, die ich zitiere, sind nach dem Jahr 2000 veröffentlicht worden, und das zeigt, dass hier ein Forschungsgebiet geradezu explodiert, und die Resultate insbesondere der Hirnforscher erschüttern so manche alte Überzeugungen. Vor allem die, dass die meisten Menschen unmusikalisch wären. Musikalität ist vielmehr eine Eigenschaft, die praktisch jeder von uns besitzt. Trotzdem hören wir zwar immer mehr Musik, aber wir musizieren immer weniger. Ich würde gern ein bisschen dazu beitragen, dass sich das ändert.» Provokativ und therapeutisch zugleich also geht der 51-jährige studierte Mathematiker und Amateur-Sänger Drössel ans Werk – und ums vorwegzunehmen: mit Erfolg bei wohl so ziemlich jeder Art von Leserschaft.

Christoph Drösser

Christoph Drösser (*1958)

Dass der Autor, als thematisch breit tätiger TV-Redakteur, -Journalist und Print-Kolumnist, vom populärwissenschaftlichen Feuilleton herkommt, merkt man seiner Monographie auf Schritt und Buchstabe an, und seine dezidiert journalistische, nonstop vergnügliche Aufbereitung kompliziertester Forschungsergebnisse – bereits bekannt u.a. aus seinen Büchern «Der Mathematikverführer» (2007) oder «Wenn die Röcke kürzer werden, wächst die Wirtschaft» (2008) – feiert auch in «Hast du Töne?» amüsante, aber eben gleichzeitig informative Urständ.
Dabei hat er’s nicht leicht mit einem Forschungsgebiet, welches in der Tat während der vergangenen Jahre dank vielfältiger technischer Hochrüstung enormen Erkenntniszuwachs präsentieren konnte (siehe hierzu u.a. im «Glarean Magazin»: «Macht Musik schlau?»). In zehn Kapiteln muss Drössel denn eine beeindruckende Menge und Vielfalt an musikwissenschaftlichen Zahlen, Fakten und Einsichten resümmieren, für die drei mal hundert Buchseiten eigentlich allenfalls bloß die Ouvertüre liefern können.

Droesser_Hast du Toene_BuchzitateDes Autors Tour d’horizont beginnt mit der Widerlegung alter Vorurteile wie dem bereits erwähnten, dass Musikalität eine Göttergabe sei, über die nur Ausnahmebegabungen verfügten, und in diesem Zusammenhang auch, dass Hans nimmermehr könne, was Hänschen nicht gelernt hat; dass also «in puncto Musik der größte Teil der Menschen zum Zuhören veruteilt» sei. (Bei dieser Gelegenheit kriegen übrigens solche TV-Quotenhämmer wie «Deutschland sucht den Superstar» von Drössel ihr kräftig Stück Fett weg, aber ebenso die Haydn-Mozart-Beethoven-Anbeter mit ihrem unreflektierten «Genie-Kult»).

Mit Fragen wie «Gibt es einen evolutionären Nutzen der Musik?» leitet Autor Drösser dann über zu grundlegenden Untersuchungen über die (prä)-historischen Ursprünge und Entwicklungen der menschlichen Musik, über ihre neurophysiologischen Determinanten, über den Anteil der Sozialisation am überdurchschnittlichen Musiziervermögen, oder auch über spezifisch Musikpsychologisches wie der «Grammatik der Musik» und der individuellen musikalischen Präferenzen. Weitere faszinierende, teils «klassische», teils moderne Gebiete streift Drösser mit Forschungsgegenständen wie: «Neue Musik», «Universeller Chill», «Amusie», «Ton-Farben», «Musik&Emotion», «Schulmusik», «Computermusik» oder «Musik&Autismus», um natürlich nur einige zu nennen.
Wer unter der musikinteressierten Leserschaft nach statistischem Zahlenmaterial, nach wissenschaftlichen Fall-Studien oder nach apparatemedizinischer Grafik sucht, wird in Drössers «Hast du Töne?» nur sehr unterschwellig fündig. Wer sich aber eine ebenso vergnügliche wie breitest dokumentierte, dabei sehr flüssig und gleichzeitig spannend zu lesende Auseinandersetzung mit ein paar der bahnbrechenden Entwicklungen innerhalb der modernen Musikforschung gönnen will, der kommt hier, ob nun Musik-Hörender oder Musik-Ausführender, mit einer höchst anregenden Lektüre auf seine Kosten. Mehr noch: Drösser, ganz Medien-Experte, begnügt sich nicht mit Wörtern, sondern bezieht, maximal am Gegenstand orientiert, auch das Ohr mit ein: Im Buch eingestreut finden sich immer wieder Hörhinweise, denen man auf einer zugeordneten textbezogenen Internet-Seite direkt nachgehen kann. Christoph Drösser evoziert damit ein ausgesprochen abgerundetes Lektüre-Vergnügen, das neben viel Abstraktem eine gehörige Portion «Sinnliches» zugesellt. Ganz abgesehen davon, dass der mit Eloquenz plaudernde Autor immer mal wieder autobiographische Subjektivitäten seines eigenen, offensichtlich amüsanten Musiklebens einstreut und damit doppelte wissenschaftliche Authenzität (quasi im Selbstversuch) herstellt.  Kurzum: Musikfreundinnen und -freunde aller Couleur und Bildung stellen diesen seinen Band ohne Zweifel mit Gewinn ins private Bücherregal. ■

Christoph Drösser: Hast du Töne? – Warum wir alle musikalisch sind, 320 Seiten, Rowohlt Verlag, ISBN 978-3498013288

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Inhalt und Leseproben

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Siggi Liersch: «Köttelbug, ich & andere», Kurzprosa

Veröffentlicht in Bernd Giehl, Buch-Rezension, Literatur, Rezensionen, Siggi Liersch von Walter Eigenmann am 30. September 2009

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Literarische Reanimation des Dadaismus

Bernd Giehl

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Siggi Liersch_Koettelbug_Book on demandEines muss man Siggi Liersch ja lassen: Mut hat er. Schon das Bild des Autors auf dem Cover wirkt eher abschreckend. (Womöglich ist es mit einem extremen Weitwinkelobjektiv aufgenommen worden, einem sogenannten „Fisheye», das den Abgebildeten dicker macht, als er wirklich ist…) Dass dieses Bild allerdings nicht zufällig ausgewählt, sondern Programm ist, merkt man bald, wenn man den einen oder anderen der «Kurzprosa» genannten Texte aufschlägt.
In den ersten beiden Teilen, «Köttelbug» und «ich», ist keiner länger als eine Seite. Die meisten Texte haben einen Umfang von einer drittel bis einer halben Seite. Es handelt sich um ins Groteske gesteigerte Beobachtungen aus dem Alltag, oder dann um Traumsequenzen. Ein Kartenspieler sitzt in einem Raum, in dem die Vorhänge zugezogen sind und gewinnt eine halbe Frau, vom Bauchnabel abwärts, die zudem aussätzig ist. Er möchte ins Freie, wo Geckos an Holzmasten sitzen und von denen einer gerade seine halbe Frau verspeist. («Spiel»). In einem anderen Text («Avantgarde») verwirklicht ein bisher unbekannter Komponist namens Molotow  («nicht zu verwechseln mit einem gleichnamigen, politisch orientierten Namensvetter») den Traum der Futuristen aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts und bringt in Bayreuth bei den Wagner-Festspielen ein Orchester auf die Bühne, das statt mit Violinen, Oboen und Blechblasinstrumenten mit Maschinengewehren, Panzerfäusten und Splitterbomben bewaffnet ist.

Offensichtlich hat da einer den Dadaismus, jene von Hugo Ball, Tristan Tzara, Hans Arp und anderen 1916 in Zürich erfundene Kunstrichtung, noch einmal für sich neu gefunden. Eine schöne Definition von «Dada» habe ich im «Funkkolleg Moderne Literatur» von 1993 gefunden. Laut Tristan Tzara und Richard Huelsenbeck  kam «Dada [...] aus dem Leib eines Pferdes als Blumenkorb.» (Studienbrief 4, 12/6) Oder anders gesagt: Dada verbindet möglichst disparate Elemente zu einem Ganzen. Dinge werden montiert, die in der Realität sonst nichts miteinander zu tun haben. In  den Texten des studierten Germanisten Siggi Liersch feiert dieses Prinzip Wiederauferstehung. Auch die über das Buch verstreuten Collagen sind im Stil des Dadaismus gehalten.
Ob man das alles ernst nehmen muss? Meiner Meinung nach sind es eher sinnfreie Texte, die mit der Realität nicht allzu viel zu tun haben. Aber über Dada und die Frage, ob es einen Sinn im Unsinn gibt,  lässt sich bekanntlich wunderbar streiten. Wobei man in einer Zeit, in der eine Partei Steuersenkungen fordert, obwohl sie weiß, dass der Staat so hoch verschuldet ist wie nie zuvor, schon einmal darüber nachdenken kann, ob das Groteske nicht langsam immer mehr zur Realität wird und man der Realität (allenfalls) noch mit Satire beikommen kann…

Siggi Liersch, Köttelbug, ich & andere, Kurzprosa und Collagen, 152 Seiten, BoD Norderstedt, ISBN 978-3-8391-2179-5

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Isaac Lipnitzky: «Fragen der modernen Schachtheorie»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Isaak Lipnitzky, Peter Martan, Schach, Schach-Rezension von Walter Eigenmann am 1. September 2009

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Ein Hauch von (Schach-)Geschichte

Peter Martan

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Lipnitzky_Schachtheorie_CoverEin Hauch von Geschichte weht uns an, wenn wir Isaak Lipnitzkys lange vergriffenes Buch «Fragen der modernen Schachtheorie» aufschlagen, das kürzlich in der Reihe «Schachklassiker» des Quality Chess Verlag (jetzt auch in deutscher Sprache) neu herausgebracht wurde. Der Untertitel «Ein Sowjet- Klassiker» passt genau: mehr als nur ein Standardwerk der Schachliteratur ist es ein Zeugnis der jüngsten Vergangenheit eines politischen Systems, das sich gerade erst zu überleben begonnen hat, und in dem der Schachsport eine auch politisch ganz wichtige Stellung einnahm. -

Isaak Oskarowitsch Lipnitzky kehrt als hochdekorierter Offizier im Majorsrang aus dem 2. Weltkrieg heim und lässt erstmals die Schachwelt aufhorchen, als er 1949 ukrainischer Meister wird und 1950 bei den UdSSR-Meisterschaften nach Paul Keres den geteilten 2.-4. Platz belegt, hinter ihm Giganten wie Smyslow, Boleslawski, Geller, Flohr, Bondarewski, Petrosjan und Awerbach. Damit erfüllt er seine erste Großmeisternorm erst 26-jährig. Seinem Buch-Erstling «Ausgewählte Partien von Schachspielern der Ukraine» 1952 folgt 1956 das vorliegende Hauptwerk «Fragen der modernen Schachtheorie». Die gesamte Ausgabe wird augenblicklich von Schachenthusiasten aufgekauft, im gleichen Jahr wird Lipnitzky zum zweiten Mal ukrainischer Meister. Dann aber erkrankt er an Leukämie und stirbt 1959, gerade mal 36 Jahre alt. -

In 16 Kapiteln geht Lipnitzky inhaltlich sehr klar gegliedert den grundlegenden Regeln der Eröffnungstheorie nach. Das Zentrum und die Flügel, Das Zentrum von den Flügeln erobern, sind zwei der ersten Überschriften. Die damals gerade erst von Nimzowitsch in Frage gestellten Dogmen werden von Lipnitzky nicht einfach geleugnet, sie werden relativiert.

Dazu Lipnitzky, der Nimzowitsch an dieser Stelle selbst zitiert:
«Wie lautet nun das entscheidende Argument im Einzelfall, wenn es um die Frage geht: ‘Besetzen oder nicht besetzen?’ Um diese Frage korrekt zu beantworten, müssen wir begreifen, dass die Besetzung des Zentrums kein Ziel an sich ist, sondern in der Hinsicht wichtig ist, dass es uns ermöglicht, die Initiative zu übernehmen und Druck auf die gegnerische Stellung auszuüben. Es geschieht häufig, dass ein Spieler sein Zentrum aufbaut, nur um dann festzustellen, dass es nicht mehr als eine Last ist, da es dem Gegner als vorzügliches Ziel für den Gegenangriff dient.»
Insbeonders der Kernfrage der Stellungsbewertung geht Lipnitzky im gleichnamigen Kapitel auch historisch gründlich nach. Um Stellungsmerkmale und zu berechnende Varianten miteinander in Einklang zu bringen, unterscheidet Lipnitzky zwischen dynamischen und statischen Stellungen und betrachtet die Aufgabe der Analyse darin, das eine bis zum anderen zu berechnen. «Das Ziel der Analyse besteht darin, an eine Stellung zu gelangen, deren Wesen nicht ‘dynamisch’, sondern ’statisch’ ist.»

Besonderes Augenmerk legt der Autor auf die Beispiele für den nebulosen Begriff der Initiative, zu deren Erlangen und Erhalt ja bekanntlich fast jedes Mittel recht ist; ihr widmet er ein eigenes Kapitel, das logisch im folgenden Abschnitt «Moderne Gambits»  der Initiative so richtig Gestalt verleiht, anhand der damals erst von der Meistern ihrer Zeit in die Turnierpraxis eingeführten Eröffnungsvarianten, wie z.B. des Blumenfeld-Gambits, das Aljechin nach dem Erfinder, dem sowjetischen Meister Blumenfeld, laut Lipnitzky in die internationale Turnierpraxis einführt. Aljechin schreibt der Autor auch zu, dass das angenommene Damengambit, in dem früher hauptsächlich auf Rückgewinn des Gambitbauern gespielt wurde, von einem Pseudo- zu einem echten Gambit wurde (z.B. Aljechin-Bogoljubow, Wiesbaden 1929.)

Das Evans-Gambit wird von Tschigorin in seinen beiden Kabelpartien gegen Steinitz rehabilitiert, Aljechin, Tarrasch, Boleslawski, Geller und Flohr machen sich um Opfervarianten von Caro-Kann besonders verdient und das Botwinnik- System im Damengambit wird ebenfalls in mehreren Partien zum Beispiel der damals modernen Gambitbehandlung, bei der das Opfer nicht wie in der romantischen Ära behandelt wird, in der ein Königsangriff um jeden Preis in der Regel das Ziel war, sondern ein langfristiges Positionsspiel zur Erlangung der Initiative angestrebt wird.
Ein weiteres Zitat von David Bronstein drückt für mich dabei besonders gut aus, was auch Lipnitzky an den Meistern seiner Zeit und ihren Partien bemerkens- und bewundernswert findet: «Das Eröffnungsspiel der führenden sowjetischen Schachspieler, allen voran Botwinnik und Smyslow, wird dadurch charakterisiert, dass sie den Verlust der Partie nicht scheuen, sondern nach komplizierten, zweischneidigen Stellungen streben. In Anbetracht des heutigen technischen Niveaus ist es nicht möglich, einen starken Kontrahenten zu schlagen, wenn man ihm nicht gewisse Gegenchancen einräumt.» Ein Satz, den man vielleicht gerade heute wieder, wo die Computergläubigkeit in Analyse, im praktischen Spiel und in der Abrufbarkeit von Eröffnungstheorie den kreativen und angriffslustigen Spieler entmutigt, scharfe taktische Varianten am Brett zu riskieren, den Technokraten ins Stammbuch schreiben sollte.

Schließlich geht der Autor der auch gerade heute kaum mehr beantwortbaren Frage nach, wo die Eröffnung aufhört und das Mittelspiel anfängt. Schon damals meinten manche, die Theorie sei so weit fortgeschritten, dass das Mittelspiel eigentlich zeitweise schon eine ausanalysierte Phase sei und man in manchen Eröffnungen direkt in die Analyse der resultierenden Endspiele käme. Lipnitzky widerspricht dem und sieht die eigentliche Eröffnung als auf die Figurenentwicklung beschränkte Phase, die Pläne, die davon ausgehen, als eigenständig, wenngleich die Übergänge natürlich fließend sind.

In Analogie zu der alten arabischen Vorform des Schachs, demSchatrandsch, in das aus vorgegebenen Eröffnungsstellungen eingestiegen wurde, den von damals noch bekannten 31 Tabiyas, bringt der Autor Beispiele von Tabiyas des zu seiner Zeit modernen Spiels mit dafür bekannten Plänen.
Aus denen ein ausgewähltes ist die Stellung nach

1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. e3 d5 5. Sf3 O-O 6. Ld3 c5 7. O-O Sc6 8. a3 Lxc3 9. bxc3 dxc4 10. Lxc4 Dc7

Lipnitzky_Tabiya nach Dc7

deshalb ein besonderes Beispiel, weil sie durch Zugumstellung die Ragosin-Verteidigung erreicht, die nach dem Verfasser des Vorwortes Jefim Lasarew eine Lieblingseröffnung von Lipnitzky war, mit der das Buch seinen Anfang nahm. Es war ursprünglich als Monographie der Ragosin-Verteidigung gedacht. (Ausdrücklich bitte ich nochmals zu entschuldigen, dass auf diese und andere «Übergangsstellungen» wie sie der Autor nennt, weil sie zwischen Eröffnung und Mittelspiel stehen, und die damit verbundenen Pläne nicht näher eingegangen werden kann, obwohl sie zusammen mit dem kommentierten Partienmaterial sowie den zwölf ausgewählten Lipnitzky-Partien im Anhang – 2 davon mit Schönheitspreisen belohnt – den eigentlichen Inhalt des Buches ausmachen.)

Schließlich widmen sich die letzten Kapitel der Frage, was ein Neuerung ist. Hier habe ich, um wenigstens eine der vielen kommentierten Partien wiederzugeben, aus historischem Interesse die Partie J.R.Capablanca-F.Marshall New York 1918 ausgewählt. Obwohl vielleicht hinlänglich bekannt, zeigt sie doch, wie spannend die Epoche schachlich war.

Die Vorgeschichte der Partie schildert Lipnitzky so: «Nach dem Capablanca-Marschall Match (New York 1909), in dem Letzerer mit einem Score von +1-8=14 unterging, vermied Großmeister Marshall den Spanier gegen Capablanca zehn Jahre lang. Nachdem er aber einen scharfen Angriffsplan basierend auf einem Bauernopfer ausgearbeitet hatte, wandte er ihn gegen seinen formidablen Gegner gleich in der ersten Runde des Manhattan Chess Club Meisterturnieres an.» (Die Kommentare sind mit Ausnahme der Stellen, an denen er selbst Capablanca zitiert, von Lipnitzky, kleine Randbemerkungen von mir sind eigens gekennzeichnet.)

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0–0 Le7 6.Te1 b5 7.Lb3 0–0 8.c3 d5!?

Der weiße Damenflügel ist noch unentwickelt, und so versucht Schwarz Linien zu öffnen, um einen raschen Angriff gegen den weißen König einzleiten.

9.exd5 Sxd5 10.Sxe5

In seinen Anmerkungen zu dieser Partie schrieb Capablanca: «Ich überlegte eine ganz Weile, bevor ich den Bauern nahm, da mir klar war, dass ich einem gewaltigen Angriff ausgesetzt sein würde, den mein Kontrahent sorgsam ausgearbeitet hatte. Doch gleichzeitig spürte ich die Kampfeslust in mir aufsteigen. Eine Herausforderung wurde mir entgegen geworfen von einem Spieler, der allen Grund hatte, mein Verständnis und mein Können zu fürchten (dies hatten unsere vorherigen Aufeinandertreffen gezeigt), und der nun eine Liste an Überraschungen vorbereitet hatte, um meine fehlende Vertrautheit mit Varianten auszunutzen, denen er viele Nächte harter, ausdauernder Arbeit gewidmet hatte. Ich überprüfte die Lage und entschied, dass mein Ruf mich sozusagen verpflichtete, den Bauern zu schlagen und die Herausforderung anzunehmen, denn mein Verständnis und meine Kenntnisse sagten mir, dass die weiße Stellung verteidigungsfähig sei.»
Zwar nicht unbedingt bemerkenswert ob seiner Bescheidenheit, zeigt doch diese Darstellung klar und eindeutig, wie der Verstand eines großen Meisters arbeitet, wenn er mit einem unerwarteten Problem konfrontiert wird.

10… Sxe5 11.Txe5 Sf6 12.Te1 Ld6 13.h3 Sg4! 14.Df3!

Den Springer zu nehmen würde wegen 14… Dh4 verlieren. Auf f3 besetzt die Dame einen sehr starken Posten, wo sie gleichzeitig deckt und angreift.

14… Dh4 15.d4!

Unter Beschuss beeilt sich Weiß sich zu entwickeln und vermeidet alle Fallen. Nach 15.Te8 Lb7! 16.Txf8+ Txf8 17.Dxg4 Te8! 18.Kf1 De7 19.Le6 Ld5! hätte Schwarz klaren Vorteil.

15…Sxf2

«Der Gräber ist selbst in die Grube gefallen- dieser Springer wird hier niemals wieder rauskommen. Doch Schwarz hatte nichts Besseres; das einzige, was ihm blieb, war ein Angriff um jeden Preis, zu siegen oder zu sterben.» (Capablanca)

Lipnitzky_Capablanca-Marshall_vor Te2

16.Te2!!

Capablanca findet in dieser komplizierten und für ihn unvertrauten Stellung den einzigen Zug, – Anmerkung der Redaktion: mittlerweile hat sich in der Literatur auch 16. Ld2 als spielbar erwiesen – um den Angriff abzuwehren, und demonstriert damit seine außergewöhnliche Verteidigungskunst, für die er so berühmt war. Er kann beispielsweise nicht 16.Dxf2 spielen wegen Lh2+!  (aber nicht 16…Lg3? 17.Dxf7+ nebst Matt)  17.Kf1 Lg3 18.De2  (Anm.d.Redaktion: 18.Dd2 hat laut jüngerer Theorie auch diese Variante wieder spielbar gemacht) 18…Lxh3! 19.gxh3 Tae8 und Schwarz gewinnt.

16…Lg4 17.hxg4 Lh2+ 18.Kf1 Lg3 19.Txf2 Dh1+ 20.Ke2 Lxf2 21.Ld2 Lh4 22.Dh3 Tae8+ 23.Kd3 Df1+ 24.Kc2

Nachdem er seinen König in Sicherheit gebracht hatte, gewann Capablanca im 36. Zug. Der fürchterliche schwarze Angriff, ausgeklügelt in der häuslichen Stille, prallte an einer machtvollen Verteidigung ab, die am Brett gefunden wurde. -

Diese Partie wurde von mir auch deshalb gewählt, weil sie den schachhistorischen Hintergrund beleuchtet, unter dem die Glanzzeit von Capablanca unmittelbar vor der Hochblüte der sowjetischen Schachschule gesehen werden muss. Lipnitzky erwähnt natürlich nicht, dass Aljechin (mit der Rückendeckung der sowjetischen Schachmaschinerie) Capablanca, nachdem er ihm den Weltmeistertitel abgenommen hatte, bis zum Tod des großen Rivalen einem Revanchekampf auswich. Ich erwähne das auch unter dem Eindruck eines anderen Buches zu dem Thema, das  erst kürzlich erschienen ist: Fabio Stassis «Die letzte Partie», das sich mit der Verknüpfung der Schicksale der beiden wahrscheinlich größten Schachgenies ihrer Zeit romanhaft auseinandersetzt. Ähnliches widerfuhr ja auch um einiges später Bobby Fischer, der lange um die Möglichkeit eines Titelkampfes ringen musste und seinerseits danach offenbar psychisch nicht mehr in der Lage war, gegen die geschlossene sowjetische Schachphalanx seinen Titel zu verteidigen.

Dessen ungeachtet dokumentiert Lipnitzky eine große Ära großer Schachspieler, zu denen er ganz sicher auch gehörte. Hat die Theorie diese und jene damals aktuelle Variante auch überholt, die Analysen und Bewertungen bleiben studierenswert und zeitlos ist die Kunst des Denkens, die schachliche Technik, Regeln im Einzelfall mehr oder weniger Gewicht beizumessen. Heute verbreiten sich Neuerungen übers Internet schneller als der Wind und der Computer fordert dazu heraus, sie ständig neu zu bewerten. Was bleibt, ist der Geist des Spieles oder wie Lipniztky sagt: «Wenn ein Spieler eine Variante widerlegt oder etwas Neues entdeckt, erfährt er echte kreative Befriedigung. Seine Fähigkeit, theoretische Einschätzungen kritisch anzugehen, ist der beste Beweis für seine kreative Reife.» Oder mit Tschigorin: „Schach ist, allgemein ausgedrückt, viel reichhaltiger, als man auf Grundlage der existierenden Theorie annehmen wollte, die es nur in bestimmte enge Formen zu pressen versucht.»

Ich schließe mit einem Zitat Emanuel Laskers, das auch Lipnitzky ans Ende seines Buches stellt:

«Jeder, der seine Fähigkeit zum unabhängigen Schachdenken pflegen will, muss im Schach alles vermeiden, was tot ist:

- künstliche Theorien, die auf sehr wenigen Beispielen und jeder Menge Erfindung beruhen;
- die Angewohnheit, mit schwächeren Gegnern zu spielen und Gefahren aus dem Weg zu gehen;
- die Angewohnheit, die Varianten und Regeln von anderen unkritisch zu kopieren und gedankenlos zu wiederholen;
- selbstzufriedene Eitelkeit, Unwilligkeit, die eigenen Fehler einzugestehen.» ♦

Isaak Lipnitzky, Fragen der modernen Schachtheorie, 236 Seiten, Quality Chess

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Inhalt

Vorwort Isaak Lipnitzky und sein Superbuch, von Jefirn Lasarew

Geleitwort von Anatoli Karpow

Vorwort vom britischen Herausgeber

Einleitung

Kapitel 1 Über die Eröffnung
Kapitel 2 Das Zentrum
Kapitel 3 Das Zentrum und die Flügel
Kapitel 4 Das Zentrum von den Flügeln erobern
Kapitel 5 Mobilisierung der Figuren
Kapitel 6 Stellungsbewertung
Kapitel 7 Der konkrete Ansatz
Kapitel 8 Dynamische und statische Stellungen
Kapitel 9 Positionelles Gespür
Kapitel 10 Pläne in der Eröffnung
Kapitel 11 Die Initiative
Kapitel 12 Moderne Gambits
Kapitel 13 Eröffnung und Mittelspiel
Kapitel 14 Neubewertung von Mustern
Kapirel l5 Wie lange ist eine Neuerung gültig?
Kapitel 16 Wie wird eine Neuerung geboren?

Partieverzeichnis

Anhang Ausgewählte Partien von Isaak Lipnitzky

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Probeseiten

Lipnitzky_Schachtheorie_Probeseite01

Lipnitzky_Schachtheorie_Probeseite02

Das Rezensions-Exemplar wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von EUROSCHACH DRESDEN

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Peter Klusen: «Augenzwinkernd»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Karin Afshar, Literatur, Lyrik, Peter Klusen, Rezensionen von Walter Eigenmann am 27. August 2009

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Im Humor macht man sich dümmer als man ist und
wird dadurch stärker als man scheint

Karin Afshar

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Peter_Klusen_augenzwinkernd_CoverIch kenne ihn nicht und ich kenne ihn doch – den Peter Klusen, geboren im Jahre 1951 in Mönchengladbach, denn ich habe Gedichte von ihm gelesen.
Friedrich Nietzsche (1844-1900) meinte irgendwann einmal, man könne aus drei Anekdoten das Bild eines Menschen ersehen. Drei oder vielleicht vier Gedichte tun es sicher auch, um das Pendeln eines Dichters zwischen Tragik und Komik zu umreißen und ihn kennenzulernen. Folgen Sie mir bei diesem Versuch.

Ein erstes (nein, es ist das zweite) Gedicht («niederrheinische ver-bindungen»), im «Präludium» des orangefarbenen Paperbackbüchleins, beginnt so:

mit dem
niederrhein
mein gott
verbindet mich doch nichts

Peter Klusen lebt am Niederrhein, in einer Kleinstadt ohne landschaftliche Attraktionen außer den Süchtelner Höhen, so steht es in der Vita hinten im Buch und auf seiner Webseite, ich hab nachgeschaut. Er – so liest man weiter über ihn – ist Germanist, Sozialwissenschaftler, Publizist, Lehrer, Schriftsteller, Cartoonist. Und mit dem Niederrhein verbindet ihn nichts?
Habe ich ihn soeben ertappt? Die letzte Strophe löst auf:

nein
mit dem niederrhein und seinen
zugenebelten wiesen voller kuhfladen
kapellen und fettecken
verbindet mich nichts
aber lieber gott
lass mich dereinst nicht
begraben werden wie der
heine
zum beispiel in paris

Im Reich zwischen den Gegensätzen liegen die Quellen des Humors, der u.a. «die wunderliche Traurigkeit [...] des Menschenlebens und das Staunen darüber, daß dies jämmerliche Leben trotzdem so schön sein kann» (Hermann Hesse) zum Thema hat. Für diese Art der Traurigkeit (über den Zustand der Welt, den Zustand der Menschen, ihre Würdelosigkeit, ihr Talent zur Zerstörung) finden sich etliche Beispiele im Buch, auf drei Sätze verteilt – drei Sätze wie eine Sinfonie sie hat, deren zweiter in der vorliegenden Komposition liebevoll lamento ostinato genannt, bald mein Lieblingssatz wird.
Humor ist nicht selten die unter Schmerzen errungene Freiheit und Souveränität, die einem tragischen Schicksal gegenüber stehen. Wir kennen das Wort «Galgenhumor» – und zum «Trotzdem» unten mehr. Traurigkeit klingt nun in den Zeilen Klusens an, aber sie übertönt nie das andere – und damit wir als Leser die Anklänge nicht gar so schwer, wohl aber zur Kenntnis nehmen, wird das Ganze ja auch «augenzwinkernd» gesagt.
Humor erkennt man an der Konstruktion eines offenbar unangemessenen, nebensächlichen Standpunkts oder an einer unzulänglichen Verhaltensweise in einer Situation der Gefahr, des Scheiterns oder am Eingeständnis einer Niederlage.

Der lauf der dinge

und wenn ich
eines tages
nicht mehr singe
ist das nichts
als der lauf der dinge

und wenn ich
eines tages
nicht mehr lache
ist das eher
eine nebensache

Ich verrate Ihnen an dieser Stelle nur, dass das letzte Wort der letzten Zeile «gut» lautet. Wie er dahin kommt, lesen Sie am besten selbst nach.
«Humor ist eine Flucht vor der Verzweiflung, ein knappes Entkommen in den Glauben.» (Christopher Fry). Damit wäre Peter Klusen wahrscheinlich nicht ganz einverstanden. Denken wir Glauben zusammen mit Himmel, dann hat es Klusen nicht mit demselben, oder doch? Im fine furioso findet sich dies:

lieber himmel

der himmel muss die hölle sein
vollgestopft mit moralisten
nächstenlieber mahner christen
weit und breit kein hund
kein schwein
der himmel muss die hölle sein

Peter_Klusen

Peter Klusen (*1951)

Er spielt mit uns. Wirft etwas aus, und lässt uns dann zappeln. Humor – auch Schadenfreude? –, Humor ist nicht gleich Humor. So sollen Briten einen anderen haben als Franzosen, und diese wiederum einen anderen als Deutsche. Im Allgemeinen versteht der Volksmund im Deutschen unter Humor, wenn man in einer bestimmten Situation «trotzdem lacht». Anders ausgedrückt: der, der sich selbst, die anderen und die Welt nur ernst sieht, wird es (das Leben) auf Dauer nicht aushalten. Die Formulierung mit dem «trotzdem lacht» soll übrigens auf Otto Julius Bierbaum (deutscher Schriftsteller, 1865-1910) zurückgehen. Der schrieb auch Gedichte, und zwar nicht wenige. Ein Hauch seiner Anakreontik klingt im ersten Satz der Klusen-Sinfonie, dem Allegro con amore, an, z.B. im Sommermorgen.
Auslöser humorvollen Lachens können die Fehler sein, die einem – trotz anderer, die man sich schon geleistet hat – noch nicht unterlaufen sind. Man fühlt sich natürlich stark, wenn man sie von anderen liest und hört. Diese künstliche Verdopplung der (eigenen) Schwäche überwindet symbolisch das Bedrohliche der Situation. In diesem Tiefstapeln des Widerstands steckt der optimistische Hinweis, dass man sich der Situation nicht ohne Widerstand ausliefert.
In einer solchen Lesart könnte man das Gedicht von der «nicht-gewalt» verstehen. Es prangert die Sprachlügen unserer Gesellschaft an und ist eigentlich überhaupt nicht lustig, auch wenn es lustig daher kommt.

Nicht gewalt

weil er am morgen den kleinen bruder
geschlagen hatte
schlug ihn der vater am abend
um ihn zu lehren
dass der stärkere den schwächeren
nicht schlagen darf

er sagte dazu
erziehung
nicht gewalt

Wortwitz, bisweilen Ironie, immer Freude an bunten und kräftigen Adjektiven und Themen, die alltäglich genug sind, dass jeder sie kennt und schmerzhaft genug, dass wir sie nur allzu gerne nicht ansprechen würden, begegnen uns im Buch. -

Vorliegender kurzer Gang durch die drei Sätze der lyrischen kammersinfonie reicht nicht, jedem der Gedanken gerecht zu werden. Indes soll diese Besprechung weder eine Interpretation noch der Versuch einer Einordnung werden, denn das würde schon wieder ernst und die Freude am Lesen und Entdecken nehmen. Sie werden mir aber vielleicht darin Recht geben, dass wir ihn ein wenig kennengelernt haben: der Mann hat Humor! (Karin Afshar)

Peter Klusen, augenzwinkernd – lyrische kammersinfonie in drei sätzen, Editions trèves Trier, 80 Seiten, ISBN 978-3-88081-505-6

Probeseiten

Peter_Klusen_augenzwinkernd_Probeseite01

Peter_Klusen_augenzwinkernd_Probeseite02.

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Der neue DUDEN als Jubiläums-Medienpaket

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Duden, Germanistik, Lexika, Literatur, Ratgeber, Rezensionen, Sprache von Walter Eigenmann am 19. August 2009

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«Wie schreibt man…» bereits in der 25. Auflage

Walter Eigenmann

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Duden_Rechtschreibung_Medienpaket 2009Den klassischen DUDEN mit seinen zwölf Bänden gibt’s (vorläufig) immer noch, aber längst haben die Mannheimer Verantwortlichen des nach wie vor prestigeträchtigsten deutschen Sprach-Regelwerks die Online-Zeichen der Zeit verstanden und offerieren nun ihre renommierte Sprachkunde in einem auch preislich sehr attraktiven kompakten Duett, genannt «Medienpaket», bestehend aus der gewohnten «Deutschen Rechtschreibung» sowie zusätzlich gratis der CD «Korrektor». Erstere ist der berühmte 1′200-seitige Nachschlage-Wälzer mit 135′000 Stichwörtern und einer halben Million Beispielen zu Bedeutung, Trennung, Aussprache, Grammatik, Stilebenen und Etymologie der Wörter, während der «Korrektor» die Software-Lösung für den Büro-Standard «Office» von Microsoft darstellt und das digitale On-the-fly-Korrigieren direkt in den Anwendungen erlaubt. (In einer weiteren Version ist die «Rechtschreibung» auch als reine Software-Lösung zum digitalen Nachschlagen erhältlich. Die ganze Palette der unterstützten PC-Programme und -Betriebssysteme findet sich hier).
Dieser «Korrektor» – mittlerweile in der 6. Version – mit seiner recht weit gediehenen Automatisierung des Korrigierens während des Schreibens dürfte in unseren Pisa-Zeiten der zunehmenden Sprach-Inkompetenz mehr denn je willkommen sein. Seine Installation klinkt sich in die Menü-Leisten z.B. von «Word» ein, steht dann in einstellbaren Graden und Parametern beim Tippen zur Verfügung und ersetzt damit die zumeist schlechtere interne Standard-Rechtschreibung der Programme.

Konrad Duden

Konrad Duden (1829-1911)

Ungeachtet aller Unkenrufe, dem DUDEN-Konzept gehe es in unseren Internet-Zeiten schon bald an den Kragen – der Untergang des anderen berühmten Klassikers Brockhaus ist ja noch in jüngster Erinnerung -, und außerdem sei er von seinen diversen Konkurrenz-Produkten ohnehin mindestens eingeholt worden, dürfte der DUDEN seine in praktisch allen Bildungsinstitutionen omnipräsente Verbreitung noch eine ganze Weile behalten, mindestens in Form seiner zahlreichen elektronischen Derivate.
Allerdings müssten gerade deren entsprechenden Redaktionen und technischen Realisateure – sprich das deutsche Bibliographische Institut – ein paar immer lauter geäußerten Kritik-Punkten, angemeldet aus breitester Anwenderschaft (endlich mal) Gehör schenken. Denn der elektronische DUDEN (gleich welcher Form) verlangsamt (nach wie vor) empfindlich das System, vor allem aber unterstützt er die div. Freeware-OpenOffice-Anwendungen – längst bei einem riesigen Segment der User in Betrieb – nur sehr mangelhaft bzw. offeriert hier empfindlich schlechtere Lieferkonditionen.
Stellt man diese Defizite in der nächsten Ausgabe endlich ab, dürfte Konrad Dudens Lebenswerk auch in den kommenden Jahren allgegenwärtiger Ratgeber in Schule, Lehre und Forschung bleiben. Denn der Frage «Wie schreibt man…» wird zukünftig noch größere Bedeutung zukommen als jetzt schon in diesen Zeiten der Reformen und ständigen Sprach-Evolutionen – hier sind schnelle und professionelle Referenz-Ratgeber unverzichtbar.

DUDEN-Medienpaket, Rechtschreibung + Korrektor (Buch + CD), ISBN 978-3-411-70425-5

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Mauricio Botero: «Don Ottos Klassikkabinett»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Literatur, Mauricio Botero, Musik, Rezensionen von Walter Eigenmann am 15. August 2009

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Musikalische Poesie für feinsinnige Gourmets

Walter Eigenmann

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Botero_Don Ottos Klassikkabinett_CoverWas geschieht, wenn ein feinsinniger Dichter wie der Kolumbianer Mauricio Botero der Musik als seiner großen Liebe ein Poesie-Bändchen widmet? Es geschieht «Don Ottos Klassikkabinett». Das sind 31 Geschichten und Geschichtchen, vielmehr: 31 Albumblätter, die je ein bedeutsames bzw. berühmtes Stück der Musikgeschichte zum Anfangs- und Endpunkt von menschlichen und zugleich philosophischen bis witzigen Begegnungen nehmen. Auf eine wirklich so unnachahmliche Art, dass man meint, beim Lesen die Aura selbst des fraglichen Werkes ins Ohr zu kriegen.

Eigentlich ist «Don» Otto Roldán nur ein unscheinbarer CD-Verkäufer, der im «Chapinero», einem äußerst belebten Viertel im Nordosten von Kolumbiens Hauptstadt Bogotá, und zwar gleich gegenüber der gewaltigen «Nuestra Señora de Lourdes», gemeinsam mit seiner treuen Gehilfin Adela einen offenbar gutgehenden Musikladen betreibt. In diesem seinem Hort zur Musikalischen Einkehr, genannt «La Caja de Música» (Die Musikschachtel), empfängt Don Otto nun tagtäglich Fremde, Käufer, Leute, Menschen: «Schweigsame, harmonische, atonale oder misstönende Menschen kommen hier vorbei. Auf der Suche nach den großen Werken bevölkern sie die Partitur des Lebens.»
Und da trifft er sie denn alle, die schrillen Choleriker oder stillen Melancholiker, die diskutierfreudigen Intellektuellen oder maulfaulen Bauern, die kulturbeflissene Lehrerin oder die versnobte Direktorenfrau, den ausgeflippten Teenager oder den korrekten Buchhalter – und was der Stereotypen mehr sind.
Denn ums psychofiligrane Zeichnen von Figuren geht’s in diesem kunterbunten Botero-«Kabinett» der Personen und Stücke nicht so sehr als vielmehr darum, wie alle diese Gebildeten oder Doofen, Neugierigen oder Gelangweilten, Hoffnungsvollen oder Leidenden, Erfolgreichen oder Gestrandeten mit Musik agieren, auf Musik reagieren – und damit über sich und die Werke und das un-erhörte Dazwischen eine erstaunliche Menge preisgeben.
Da steht dann plötzlich eine Horde Punks in Don Ottos Laden, «mit Haaren in Farben, wie die Natur sie nicht nachzuahmen versucht», und verlangt «nach einem kleinen Juwel von Messiaen, Das Erwachen der Vögel», welches Don Otto ungern hergibt, weil einziges Exemplar, aber dann die CD doch an die erstaunlich wissensdurstigen Punks verkauft, weil sie ihn um «ein Vorurteil ärmer» machten; Dann wären da die zwei miniberockten jungen Wasserstoff-Blondinen, die just zum «Allegro vivace» aus Beethovens dreizehnter Klaviersonate hereingestöckelt kommen «wie die Leichte Kavallerie von Franz von Suppé» und nach was «schönem Klassischem» verlangen, wonach Vivaldis «Vier Jahreszeiten» ins Gespräch kommen, aber auch Fragen nach dem Zölibat des Prete rosso und seiner WG mit zwei Schwestern; Oder dann war da Elena, die Schwarz trug, Latein konnte, «sich in irgendeinem nächtlich Bezirk verlaufen hatte, so dass sie heute keine Sonne mehr finden kann» – und nervös nach «irgendeinem» Requiem suchte, bei dem «durchschimmernd hellen Werk» von Fauré fündig wurde, um damit schließlich «zur Ruhe zu kommen», sodann die Handtasche zu öffnen, eine Pistole hervorzuziehen und sich in die Schläfe zu schießen; Oder beispielsweise jener «weder alte noch junge» Mann, der einen körperlichen Tick nach dem anderen zeitigt, je länger er in Ottos Laden der «Schöpfung» Haydns zuhört, und sich zu schlechter Letzt, nach einem tiefen Gespräch über Musik und Gott, als «ein einziges zuckendes Nervenbündel» aufmacht «in die durchscheinende Einsamkeit Bogotas, die voller Licht ist, auch wenn die Sonne sich manchmal gar nicht zeigt.»

Mauricio Botero

Mauricio Botero (*1948)

Mauricio Botero ist, offensichtlich von einer hervorragend nachdichtenden Übersetzung aus dem Spanischen durch Peter Kultzen unterstützt, in diesem «Klassikkabinett» ein Virtuose des szenischen Kontrasts und der frappanten Skurillität ebenso wie der (musik-)ästhetischen Reflexion und des entlarvenden Dialogs, ein Meister der buchstäblich leisen Töne, doch auch des schockierenden Paukenschlages. Keines seiner Kapitel ohne Humor, ja Sprachwitz, aber auch keines ohne feingewogenen Hintersinn – sei’s nun der «besprochenen» Musikstücke, sei’s der «behandelten» Menschen. Der kleine CD-Laden des Don Otto gerät so zum Abbild eines wahren kulturgeschichtlichen Kosmos’, auch wenn es sich bei den vielen zitierten Tonwerken von Händel bis Bartok um ausnahmslos sehr berühmte Stücke handelt, denen diese «Neuentdeckung» durch Don Ottos Klassik- bzw. Horrorkabinett höchst gut tut (und welche die Lektüre auch für musikalische Laien sehr zum Gewinn macht!).
Verführerisch ist es dabei, Boteros 31 Kleinode des ebenso informativen wie pointenreichen Reisens durch Musik- und Menschen- und Gedankenwelten in einem Aufguss zu verschlingen, so bescheiden, ja unscheinbar kommen diese Geschichtchen daher. Doch nichts dümmer als das; vielmehr sind sie wohldosiert zu genießen, um ihren je unverwechselbaren Gout zu spüren, nehme man unbedingt nur einen oder zwei Bissen aufs Mal zu sich, sonst verliert dies spezielle Gericht seine geschmacklichen Verknüpfungen. «Don Ottos Klassikkabinett» bedarf des langsamen Genusses eines jeden einzelnen Häppchens, damit sich das reiche Gesamt-Bouquet entfalten kann. Ein Gourmet-Mahl für «Kenner und Liebhaber» und für «stille Genießer» – ein intellektuelles Vergnügen. Jedenfalls war es höchste Zeit, dass ein europäischer Verlag sich dieses hierzulande völlig unbekannten Schriftstellers annahm (Boteros «Klassikkabinett» erschien im Orignal bereits 2001 in Kolumbien und wurde dort noch im gleichen Jahr mit dem Premio Nacional de Cuento ausgezeichnet), zumal in dieser schmucken Form eines sorgfältig gestalteten Geschenkbändchens. Eine sehr verdienstvolle Entdeckung des Zürcher Unionsverlages.

Mauricio Botero, Don Ottos Klassikkabinett, Unionsverlag, 188 Seiten, ISBN 978-3293004092

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Inhalt

Vorbemerkung – Das Erwachen der Vögel – Vivaldi – Borodin – Bela Bartok – Das wohltemperierte Klavier – Beethoven – Händel – Johann Sebastian Bach – Prokofiew – Mozart – Opus 70 Nr. 1 (Geistertrio) – Brahms – Adagio und Lumen – Schola Cantorum Romana – Ave verum corpus – Pange lingua (Modus tertius) – Die Klaviersonate Nr.31 – Requiem – Ouvertüre 1812 – Espana – Tantum ergo – Schumann – Schubert – Polonaisen – Strauss – Rigoletto – Telemann – Adagio molto delicato – Die Schöpfung – Symphonie mit dem Paukenschlag – Die siebte Symphonie in A-Dur

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Probeseiten

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Botero_Don Ottos Klassikkabinett_Probeseite2

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Daniel Badraun: «Rheinfall»

Veröffentlicht in Bernd Giehl, Buch-Rezension, Daniel Badraun, Literatur, Rezensionen von Walter Eigenmann am 29. Juli 2009

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Krimi mit eindimensionalen Figuren

Bernd Giehl

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Baldraun_Rheinfall_Limmat Verlag_TatortschweizMarguerite Duval ist Schriftstellerin. Oder müsste man nicht vielmehr sagen: Sie ist Enthüllungsjournalistin? Normalerweise würden die Themen, über die sie schreibt, wohl eher in Form von Artikeln in größeren Zeitungen erscheinen. Aber Daniel Badraun braucht den großen Auftritt für Marguerite Duval, und deshalb schreibt sie nicht nur Bücher, hat einen Agenten, der zugleich ihr Liebhaber ist, und verdient eine Menge Geld, sondern ihr Verlag veranstaltet auch Lesungen für seine wichtigste Autorin. Leider hat die Schriftstellerin ein Problem: sie kann nur noch schreiben, wenn sie Tabletten nimmt und Alkohol trinkt. Und weil das immer noch nicht genügt, gibt es auch noch eine Morddrohung für den Fall, dass sie ihre Ankündigung wahr macht und tatsächlich aus ihrem neuen Buch, das die Machenschaften der Telefon- und Fernsehgesellschaft Multitel aus Schaffhausen aufs Korn nimmt, liest. Also sucht ihr Agent Jean Pierre Murat eine Doppelgängerin für Marguerite Duval, die an ihrer Stelle im Stadttheater in Schaffhausen liest, und er findet sie in der arbeitslosen Schauspielerin Margrittli Durrer, die Madame Duval tatsächlich sehr ähnlich sieht. «Rheinfall» verfolgt nun die Wege von Marguerite und Margrittli, die die Rollen getauscht haben, durch Schaffhausen und die umliegenden Ortschaften, beschreibt die Verfolgungsjagden und Hindernisse, die sich den Hauptpersonen, ihren Begleitern und Verfolgern in den Weg stellen. Immer neue Intrigen werden zwischen Jean Pierre Murat, Marguerites Verlegerin Helena Brauer, Pietro Soldini, der Journalistin Linda, die über Marguerite schreiben soll, Freddy, dem Leibwächter Marguerites und vielen anderen gesponnen, und fast bis zum Schluss ist nicht klar, wer hier auf welcher Seite steht: Die Verlegerin versorgt ihre Autorin mit Medikamenten, die sie abhängig machen; Murat, der Agent, der zugleich Marguerites Geliebter ist, will sie von der Sucht wegbringen, schläft aber mit der Verlegerin; Freddy, der Leibwächter, lässt sich auf ein lukratives Angebot der anderen Seite ein, will aber zugleich Marguerite schützen; und Soldini, der kurze Zeit als der (von wem auch immer) angeheuerte Killer erscheint, ist in Wahrheit Chef der Kriminalpolizei, während Linda, die Journalistin… – kurz und gut, der Leser wird ständig auf falsche Fährten gesetzt.

Daniel Baldraun

Daniel Badraun

Eine Zeitlang mag man das ja ganz lustig finden, aber irgendwann geht es auf den Geist. Vor allem deshalb, weil die Figuren ziemlich flach bleiben. Und warum es ein Skandal sein soll, wenn eine Telefongesellschaft Funkmasten aufstellt, um Mobiltelefone vertreiben zu können, und eine Sachbuchautorin diesen Skandal öffentlich machen kann, wird wohl auch das Geheimnis von Daniel Badraun bleiben. Für Mobiltelefone braucht man eben Funkmasten, und dass ihre Strahlung schädigt, ist – momentan jedenfalls – kein Thema, selbst wenn der Autor es gerne hätte. Ein Skandal, der keiner ist; ein Mordanschlag, dessen Motivation im Grunde nicht plausibel ist; Figuren, die so eindimensional sind, dass sie wie aus der Schießbude gestohlen scheinen – daraus entsteht kein Krimi. Und um das Happy-End glaubwürdig zu finden, muss man schon ziemlich hartgesotten sein. Kurzum, ich habe schon bessere Krimis gelesen – ein Buch, welches das Geld nicht wert ist, das man dafür hinblättern muss. (Bernd Giehl)

Daniel Badraun, Rheinfall, Krimi (Reihe Tatortschweiz), Limmat Verlag Zürich, 195 Seiten, ISBN 978-3-85791-575-8

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Cees Nooteboom: «Nachts kommen die Füchse»

Veröffentlicht in Bernd Giehl, Buch-Rezension, Cees Nooteboom, Literatur, Rezensionen von Walter Eigenmann am 26. Juli 2009

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Liebe – ohne große Worte

Bernd Giehl

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«Es sind die Toten, die uns lieben.
Nicht die Lebenden. Die vergessen uns.
Aber die Toten erinnern sich an uns.
Würden sie sonst Nacht für Nacht kommen
und uns heimsuchen?»
(Quelle und Autor unbekannt)

Noteboom_Nachts wenn die Fuechse kommenMan kennt das ja aus eigener Anschauung. Irgendwann kehrt man an einen Ort zurück, an dem man schon einmal war. Es muss nicht unbedingt ein Ort gewesen sein, an dem man sich gern aufhielt. Aber gleichwohl kommen die Erinnerungen: Hier hat man vor Jahren den kleinen Hund begraben, der einem so sehr ans Herz gewachsen war; Und hier ist man vor langer Zeit jener Frau begegnet, die so eine unheilvolle Rolle im eigenen Leben gespielt hat.
Es sind unwillkürliche Erinnerungen, die Nooteboom in seinem «Nachts kommen die Füchse» beschwört. Und oft kommen sie eher beiläufig. Ein Foto taucht plötzlich auf, und ob man will oder nicht: man erinnert sich. Ob die Erinnerung angenehm ist oder nicht, was spielt das für eine Rolle? Wichtig ist nur die Erinnerung selbst.
Einem Mann fällt ein Foto in die Hände. Er beschreibt die Menschen, die darauf zu sehen sind. Vor allem eine Frau hat es ihm angetan. «Paula» heißt sie. Sie ist vor Jahren bei einem Hotelbrand ums Leben gekommen.

Cees Nooteboom

Cees Nooteboom

Paula war nicht nur eine schöne Frau, sondern sie war auch eigenwillig. Der Kreis, in dem sie auftaucht, ist ein lockerer Verband von Glücksspielern, die alle dasselbe wollen: möglichst viel Geld zu gewinnen. Paula schläft mit allen. Auch mit dem Erzähler. Aber dann brennt sie mit einem anderen Mann durch. Jahre später erfährt der Mann, dass Paula bei einem Hotelbrand ums Leben gekommen ist. Jetzt sitzt er auf dem einzigen Stuhl, der ihm noch geblieben ist, in einem leeren Zimmer und erinnert sich an Paula. An ihre Schönheit und an ihre Risikobereitschaft. Er hat Paula geliebt, noch lange nachdem sie endgültig aus seinem Leben gegangen ist.
Alle Erzählungen in dem Band «Nachts kommen die Füchse» handeln von den Toten und den Erinnerungen, die die Zurückbleibenden an sie haben. Und alle handeln von der Liebe. Es sind Geschichten, die nicht mit großen Worten daherkommen, und die deshalb um so mehr unter die Haut gehen. Es sind die Erinnerungen, die uns bleiben und die das Leben lebenswert machen. Ich glaube, Nooteboom hat recht. (Bernd Giehl)

Cees Nooteboom, Nachts kommen die Füchse, Erzählungen, Suhrkamp Verlag Frankfurt, 152 Seiten, ISBN 978-3518420669

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Jon Speelman: «Buch der Schachaufgaben»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Jon Speelman, Rezensionen, Schach, Schach-Rezension von Walter Eigenmann am 17. Juni 2009

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Praktische Schule der Taktik

Walter Eigenmann

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Speelman_Schachaufgaben_CoverAls der englische GM Jonathan Speelman vor einem Jahr seinen «Gambit-Book»-Erstling «Jon Speelman’s Chess Puzzle Book» präsentierte, waren Presse und Leser des Lobes voll über diese Aufgaben-Sammlung in Sachen Schach-Taktik. Denn nicht nur, dass der große Endspiel-Techniker und am Brett äußerst kreative Taktiker Speelman gemeinsam mit John Nunn und Tony Miles jahrelang das berühmte britische Schach-«Triumvirat» bildete. Auch als Autor hatte sich der studierte Mathematiker und WM-Halbfinalist längst einen hervorragenden Namen geschaffen. Umso erfreulicher ist nun, dass er mit seinen Taktik-Puzzles auch die große deutschsprachige Leserschaft bedient.
Gemäß seiner Grundbotschaft, dass Taktik «eine Kombination von Sehvermögen und Berechnung» bilde, betont Autor Speelman im eben erschienen «Buch der Schachaufgaben», dass die Verbesserung der taktischen Fähigkeiten «keineswegs dunkle Magie», sondern durch Übung erreichbar sei. Und wie andere Untersuchungen geht auch Speelmans Exerzitium von der großen Bedeutung der «Mustererkennung» aus: «Das Sehvermögen ergibt such aus der Mustererkennung, aus der man dann Kandidatenzüge ableiten kann. Diesem im Unterbewusstsein ablaufenden Prozess liegt zweifellos eine tiefgründige wissenschaftliche Theorie zugrunde, aber der praktische Effekt für Schachspieler besteht darin, dass man durch Übung eher Züge sieht, die funktionieren könnten, wobei die Betonung auf ‘könnten’ liegt. – Im Berechnungsteil prüft man dann, ob diese Züge auch wirklich klappen.»
Didaktisch setzt Speelman dieses sein zweiteiliges Unterrichtskonzept in bekannter Manier um, indem es vom Elementaren zum Komplizierten geht: «In meiner Jugend habe ich hunderte von kleinen Taktikaufgaben aus Büchern und Zeitschriften gelöst und bin immer der Meinung gewesen, dass der beste Weg zur Erzielung von Fortschritten darin besteht, blindlings gegen eine Mauer anzurennen, sondern eine Reihe niedrigerer Hindernisse zu überwinden und sich dadurch kleine, aber angenehme Erfolgserlebnisse zu verschaffen.»

Jon Speelman

Jonathan Speelman

Dementsprechend beginnt der 53-jährige Londoner Großmeister sein Buch mit den taktisch (ein-)gängigsten Manövern wie «Springergabel» oder «Fesselung», um sodann die höheren Weihen des Kombinierens mittels komplexerer Bereiche wie «Überlastung» oder «Bauernumwandlung» zu spenden. Jede Aufgabe, die eine Art Paradigma ihres Themas darstellt, geht dabei von einem Diagramm aus, dem ein kurzer Umschrieb des Puzzles folgt. Im «Lösungen»-Abteil werden dann die detaillierten Varianten besprochen. Das «Sehvermögen» nochmals eingehender trainiert wird dann im Abschnitt «Taktik in der Praxis», aber nun nicht mehr systematisch, sondern bunt gewürfelt – wie das im Partien-Turnieralltag ja auch der Fall ist. «Fingerübungen» nennt Speelman diese 48 Stellungen, welche die vorausgegangenen Kapitel resümieren.
«Jon Speelmans Buch der Schachaufgaben» ist eine Taktik-Unterweisung, die für jeden aufstrebenden Caissa-Jünger mit Gewinn studiert werden dürfte. Denn die Kombinatorik-Puzzles sind so geschickt, will heißen so beispielhaft gewählt, dass sie als eigentliche Lerninhalte bei jedem Amateur in die Partien-Praxis durchschlagen sollten. Wobei bei solchen Büchern ja grundsätzlich nicht nur systematisch mit dem Brett vor dem Kopf gebüffelt, sondern alternativ durchaus auch «Just-for-Fun» genossen werden kann: Man liest ein paar Seiten im Zug, die nächsten in der Kaffeepause, weitere vor dem Einschlafen – wann und wo halt man Lust auf ein bisschen Schachtaktik hat. Hauptsache: Nicht schummeln…

Jonathan Speelman, Jon Speelmans Buch der Schachaufgaben, Gambit Books Verlag, 160 Seiten, ISBN 978-1-906454-02-9

Inhalt

Einführung                             5
Teil 1: Die Elemente
Springergabeln                         7
Ungedeckte Figuren                    12
Linienöffnung und -schließung         17
Fesselungen                           22
Spieße                                27
Überlastete Figuren und Ablenkungen   31
Mattangriffe                          36
Die Grundreihe                        44
Patt                                  48
Bauernumwandlung                      52
Teil 2: Taktik in der Praxis
Fingerübungen                         57
Bunter Strauß                         70
Schwierigere Beispiele                83
Lösungen                              94

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Probeseiten

Speelman_Schachaufgaben_Probeseite1

Speelman_Schachaufgaben_Probeseite2

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Volker Klöpsch: «Chinesische Liebesgedichte»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Literatur, Rezensionen, Volker Klöpsch von Walter Eigenmann am 16. Juni 2009

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Ostasiatische Poesie aus drei Jahrtausenden

Walter Eigenmann

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Volker Kloepsch_Chinesische Liebesgedichte_CoverAnders als die japanische Lyrik, welche in den letzten Jahren mit ihren populärsten beiden Formen Haiku und Tanka auch im Westen einen regelrechten «Boom» erlebte, genießt das «klassische» chinesische Gedicht keine sonderliche Aufmerksamkeit bei der Lyrik-Leserschaft unserer kulturellen Breitengrade – trotz Übersetzungen der Werke so berühmter Dichter wie Tao Yuanming (Jin-Dynastie), Li Bai, Du Fu, Bai Juyi, Du Mu, Li Shangyin (alle Tang) oder Li Qingzhao (Song). Umso größer das Verdienst des deutschen Sinologen Volker Klöpsch – u.a. auch seines «Lexikons der chinesischen Literatur» (2004) wegen einer der führenden Experten für ostasiatische Literatur -, der nun im Insel/Suhrkamp-Verlag eine repräsentative, über weite teile referentielle Sammlung «Chinesischer Liebesgedichte» herausgab. Der Band erstreckt sich zeitlich vom bekannten anonymen «Buch der Lieder», das noch Konfuzius persönlich zusammengetragen haben soll, über die literarisch besonders fruchtbare Tang-Zeit (7.-10. Jh.) sowie die Dynastien Yuan (13./14. Jh.) und Ming (14.-16. Jh.) bis hin zur chinesischen Literatur-Moderne eines Wen Yiduo oder Gu Cheng.
In der «klassischen» chinesischen Dichtung spielte die Liebe, wie der Herausgeber in seinem instruktiven Nachwort ausführt, nicht die dominierende Rolle, die sie in der westlichen Literatur einnimmt: «Der Dichter war im alten China in der Regel Beamter im Dienste des Staates, und die Dichtung diente vorrangig als Medium des gesellschaftlichen Umgangs. Sie fand im öffentlichen Raum statt und genoss große Beachtung. So war die Abfassung von Gedichten über Jahrhunderte auch Bestandteil der landesweiten Beamtenprüfungen, ohne die kein Aufstieg möglich war. Nach einem Ausspruch des Konfuzius verfügt über keine Sprache, wer die Lieder nicht kennt.»
Im Schatten der übermächtigen Tradition dieser «Beamtendichtung» konnten sich die vielen Formen einer eigenen Volksdichtung zwar durchaus reich entfalten, mussten sich aber auf die mündliche Überlieferung stützen. Denn das breite Volk verfügte zwar natürlich über dichterische Stimmen, doch wie Übersetzer Klöpsch darlegt: «Die Beherrschung der Schrift auf Grund ihrer Schwierigkeiten war ein noch viel größeres Privileg der ‘gebildeten Stände’ als im europäischen Mittelalter. Das Erlernen von vielen tausend chinesischen Schriftzeichen erforderte eine langjährige Ausbildung, der sich nur die wenigsten unterziehen konnten.»

Exkurs: Übersetzen aus dem Chinesischen

Li-Bai_Nachtgedanken_Original

Original des Gedichtes «Nachtgedanken» des bedeutenden Lyrikers Li Bai (701-762)

Zur Problematik des Übersetzens aus einer so komplexen Hochsprache wie dem Chinesischen führt der deutsche Sinologe aus: «Die sprachlichen Strukturen – es gibt im modernen Chinesisch nur etwa 400 unterschiedliche Silben – bedingen eine große Zahl von gleichklingenden Wörtern und entsprechenden gedanklichen Anspielungen und Zweideutigkeiten. Nehmen wir ein kleines Beispiel: Ein schlichtes, mit ‘Betriebsamkeit’ überschriebenes Lied beschreibt auf der Oberfläche nichts als einfache (und unschuldige) Tätigkeiten im ländlichen Haushalt:

Der Junge soll Lotos pflanzen -
sie sieht in den Blüten ein Band.
Das Mädchen züchtet die Raupen -
er sieht in der Seide ein Pfand.

Sie will aus dem Brunnen schöpfen,
doch fehlt ihr das rechte Gerät.
Zu gerne schlüpfte er einmal hinein
in das Hemd, das sie gerade näht.

Vier Schlüsselwörter vermitteln jedoch für den geübten Hörer oder Leser eine tiefere Dimension: Der Lotus (lian) lässt die vom Mädchen ersehnte ‘Verbindung’ anklingen, die Seide (mian) deutet das Begehren des Jungen an, mit dem Mädchen zu ’schlafen’; das Schöpfgerät (tong) für den Brunnen, welches das Mädchen vermisst, heißt auch ‘miteinander verkehren’, und der Wunsch des Jungen, in das Hemd ‘hineinzuschlüpfen’, ist ebenfalls eindeutig sexueller Natur.» – -

Volker Kloepsch

Volker Klöpsch

Dem interessierten Leser, geschult an thematisch vergleichbarer Lyrik okzidentalen Ursprungs, erschließt die Sammlung eine ganz eigene dichterische Welt der unverfälschten Sensibilität und einer seltsam naiv anmutenden Seins-Sicht, aber auch der rätselhaften Gefühls-Chiffren und der betont natur- bzw. tierverbundenen, gleichzeitig sehr bedeutungsträchtigen Bildmotive. Diese besondere poetische Qualität der ostasiatischen Liebes-Lyrik zu vermitteln ist ein verdienstvoller Aspekt dieser Tour d’horizont durch drei Jahrtausende Poesie aus China, und mit der Herausgabe dieser Gedichte, welche trotz aller faszinierenden Exotik in Inhalt und Form doch auch die menschlichen Konstanten Liebe und Lust literarisch bewältigen und damit wesentliche Berührungspunkte mit der entsprechenden abendländischen Hochpoesie aufweisen, verbindet Herausgeber Klöpsch neben dem dichterischen auch ein interkulturelles Anliegen. Er hofft nämlich, dass es gelänge, «uns die fernen Menschen näher zu bringen und verständlicher zu machen, so dass das Fremde uns nicht mehr verwirrt, sondern bereichert und beglückt, weil es als ein Teil des Eigenen begriffen wird.» Nicht das schlechteste der Motive, fremdländische Literatur herauszugeben… Eine hochwillkommene Edition, der man etwas breitere Leserschaft als den üblichen Lyrik-Nischenmarkt erhofft!

Volker Klöpsch (Hrsg.), Chinesische Liebesgedichte, Insel/Suhrkamp Verlag, 144 Seiten, ISBN 978-3458351177

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Inhaltsverzeichnis

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Bernhard Steiner: «Nachtsicht»

Veröffentlicht in Bernhard Steiner, Buch-Rezension, Literatur, Rezensionen von Walter Eigenmann am 14. Juni 2009

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«Schwarzmaler sehen klarer»

Walter Eigenmann

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Steiner_Nachtsicht_Cover«Nachtsicht» nennt Autor Bernhard Steiner seine Sammlung von «provokativen Behauptungen» und «persönlichen Rechtfertigungen». In 20 kleinen, thematisch ordnenden «Kapiteln» präsentiert dabei der 36-jährige Frutiger seine in hunderte von Einzelsätzen geschmiedete Sicht auf «Gott und die Welt».
Manchem in dem 124-seitigen Bändchen hätte man ein etwas (selbst-)kritischeres Lektorat gewünscht, so dass langweilige Trivialitäten – «Wir werden alle irgendwann mit der Wahrheit konfrontiert»; «Das Leben kann sehr schnell ganz tragisch werden»; «Wir greifen nach den grossen Aufgaben und Herausforderung, und stolpern dabei über die kleinen alltäglichen Probleme» -, aber auch unreflektierte Schiefheiten – «Moderne Verbrecher sind nicht mehr Sünder, sondern Patienten»; «Das Recht ruft: ‘Tod dem Menschen!’»; «Sozialisten sind Menschen, die allen ein Zuhause bieten möchten, ausser ihren Kindern» – hätten vermieden werden können. Zudem krankt «Nachtsicht» an einer unverhohlenen Gottgefälligkeit, die sich äußert in solch peinlichen Devotionalitäten wie: «Gott lebt in allem, was aufrichtig ist»; oder: «Dunkelheit erkennt man am fehlenden Licht».
Andererseits wieder sprüht Steiners Sammlung zuweilen vor aphoristischer Eloquenz, vor wortwitziger Frappanz, und auch wenn stilistisch und formal das ganze Büchlein allzu eindeutig an die großen Aphoristik-Vorbilder von Georg Lichtenberg bis Stanislaw Lec anknüpft, blitzt immer wieder sprachliche wie inhaltliche Originalität auf.
Alles in allem ist «Nachtsicht» eine etwas «durchzogene» Reihung von «Weisheiten», welche die vom Autor angestrebte «Provokation» oft allein aufgrund ihrer Banalität, manchmal aber auch aufgrund echten Quer- und Tiefdenkens in Kombination mit geschliffenem Sprachwitz erreicht. «Nachtsicht» umspannt thematisch «ein weites Feld» (Grass) des modernen Lebens, ist insgesamt durchaus des nach-denklichen Lesens wert. Und wenn vielleicht der Autor mal eine «abgespeckte» Version seiner Sammlung herausgäbe, dabei ein weiteres Sprichwort, nämlich «Weniger ist oft mehr» befolgend, so dürfte «Nachtsicht» rundweg empfehlenswert werden.

Bernhard Steiner, Nachtsicht, Ansichten und Behauptungen, Books on Demand, 124 Seiten, ISBN 978-3837038088

Probeseite

Steiner_Nachtsicht_Probeseite

Alexandra Türk-Espitalier: «Musiker in Bewegung»

Veröffentlicht in Alexandra Türk, Buch-Rezension, Musik, Musik für den Unterricht, Musik-Rezensionen, Musikpädagogik, Rezensionen von Walter Eigenmann am 11. Juni 2009

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100 Bewegungs-Übungen für Profis und Amateure

Walter Eigenmann

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Tuerk_Musiker in Bewegung_CoverZahlreiche musikmedizinische Studien bzw. statistische Erhebungen legen nahe: Bei (zumal professionellen) Musikern werden die gesundheitlichen Berufsrisiken je länger desto mehr zu einem ernsthaften Problem. Die Gründe hierzu sind von Instrumentalist zu Instrumentalist (bzw. Fach) verschieden und reichen vom Musizieren unter erhöhtem Zeitdruck und Termin-Überlastung über exorbitante schulfachliche Prüfungs-Anforderungen bis hin zu den bekannten Aufführungs-Stressoren wie «Lampenfieber» oder «Versagensangst» oder den langjährigen individuellen Haltungsfehlern auf dem täglichen Übungsstuhl.
Dementsprechend ist die Zahl fachwissenschaftlicher Untersuchungen zum Problemkreis «Musiker-Erkrankung» mittlerweile (und erfreulicherweise) in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Darunter sind allerdings die «theorielastigen», im musikalischen Alltag wenig praktikablen Publikationen in der Überzahl, und noch seltener finden sich fundierte Anleitungen, die instrumentalspezifisch präventiv wirken können.

Alexandra Tuerk_Physiotherapie

Physiotherapeutin Alexandra Türk: «Körperliche Gesundheit hat großen Einfluss auf die Karriere eines Musikers»

Umso willkommener sind denn solche Bücher, wie nun die Frankfurter Physioprophylaktikerin und Diplom-Flötistin Alexandra Türk-Espitalier mit «Musiker in Bewegung – 100 Übungen» eines vorlegt. «Aus der Praxis für die Praxis» war offensichtlich das Motto der Autorin, denn zwar grundiert sie ihre zahlreichen Bewegungs-Exerzitien mit einer guten theoretischen Einführung in die «Ursachen» von Musiker-Erkrankungen und die (falschen) «Gewohnheiten» am Arbeitsplatz, doch im Zentrum des Bandes stehen ihre 100 gezielten «Bewegungsübungen», die sehr präzise und effizient die Problemzonen des/der Musiker/in angehen.

Das thematische Spektrum ist dabei groß: Vom Grob- bis zum Feinmotorischen, von der Atmung bis zum Fingergelenk, vom Auf- bis zum Abwärmen, von der Motivation bis zur Mobilisation und vom Hals- bis zum Lendenwirbel reichen die Stichwörter des Trainingsvokabulars. (Wussten Sie übrigens, dass man «bei Augenbewegungen eine dezente Muskelbewegung in der Tiefe des oberen Nackens wahrnehmen» kann? Ich nicht. Man schaut einfach, nicht wahr… )

Tuerk_Chromatische Wahrnehmung

«Musiker in Bewegung» richtet sich an aktiv Musizierende aller Instrumentalfraktionen, und nicht nur Berufs-, sondern auch (wohl sogar gerade) Amateurmusiker dürften von diesem (layouterisch sehr geschmackvoll präsentierten) Band profitieren. Denn eines der Hauptziele muss das allgemeine Wohlbefinden am Instrument sein, und dies kann nur durch körperliche Unversehrtheit erreicht werden. Hierzu ist der weite Begriff von «Prävention», wie er als tägliche Praxis von der Autorin propagiert wird, ein Schlüsselbegriff. Eine sehr nützliche Broschüre!

Alexandra Türk-Espitalier, Musiker in Bewegung, 100 Übungen mit und ohne Instrument, 144 Seiten, Zimmermann Musikverlag Frankfurt/Main, ISBN 978-3-940105-13-4

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Inhalt

Kapitel 1 Einführung
Einführung
Zielgruppe
Aufbau des Buches
Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte…

Kapitel 2 Ursachen und Gewohnheiten
Ursachen und Gewohnheiten
Häufigste Haltungsgewohnheiten
Anforderungen beim Musizieren
Belastungen minimieren
Allgemeine Überichtlinien
Ausgleichsprogramm

Kapitel 3 Training
Erstellen eines Trainingsplan
Durchführung
Motivation

Kapitel 4 Übungen
Aufwärmen
Abwärme
Lendenwirbelsäule
Brustwirbelsäule
Halswirbelsäule und Schulter-Nacken-Bereich
Schulter und Arm
Unterarm, Handgelenk, Hand und Finger
Atmung
Stand und Sitz
Trainingspläne

Kapitel 5 Koordination mit dem Instrument
Koordination mit dem Instrument
Körpersprache und Körperwahrnehmung
Integration in das tägliche Üben
Welche Übung ist für welches Instrument geeignet?
Irritation durch Veränderung
Wahrnehmung der Klangveränderung
Umkehr: Das Instrument als therapeutisches Mittel
Praktische Übungen mit dem Instrument

Kapitel 6 Prävention
Prävention
Verhaltens- und Verhältnisprävention
Gestaltung des Umfelds
Koordinierte Bewegung am Instrument und im Alltag
Differenziertes Hören
Die Rolle des Instrumentallehrers in der Prävention
Beanspruchte Körperregionen
Prävention für einzelne Instrumente

Anhang
Informationen zu spezialisierten Ärzten und Therapeuten
Informationen zu den im Buch verwendetenTrainingsgeräten
Danksagung

Probeseiten

Tuerk_Musiker in Bewegung_Probeseite1

Tuerk_Musiker in Bewegung_Probeseite2

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Polit-Krimi von Thomas Brändle: «Das Geheimnis von Montreux»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Innerschweizer Literatur, Interviews, Literatur, Politik&Gesellschaft, Rezensionen, Thomas Brändle von Walter Eigenmann am 10. Juni 2009

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Tödliche Schweizer Politik

Walter Eigenmann

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Braendle_Montreux_CoverWas wäre, wenn damals auf den Schweizer Bundesrat Christoph Blocher, also auf einen der seit Menschengedenken einflussreichsten Politiker Helvetiens, ein tödlicher Mordanschlag verübt worden wäre? -
Hoppla! Darf man sowas wirklich fragen? Ja, überhaupt nur denken? In der Schweiz? In der Innerschweiz??
Doch genau dies tut der Zuger Schriftsteller Thomas Brändle. In seinem Kriminalroman «Das Geheimnis von Montreux».

Die Geschichte des Brändle-Roman-Erstlings entspinnt sich um ein skandalöses Verbrechen: Im SwimmingPool seiner Villa wird der Schweiz prominentester Volksvertreter ermordet aufgefunden. Natürlich heißt im Roman das Opfer nicht Blocher (sondern Landolt) und nicht Christoph (sondern Christian) mit Vornamen. Doch im dritten Kapitel liest’s sich völlig unzweideutig (Zitat):
«Landolt war damals noch der Inhaber eines global agierenden Konzerns in der Kunststoffbranche und bereits wichtiges Mitglied des Nationalrates, der grossen neben der kleinen Kammer, dem Ständerat. Landolt führte in der öffentlichen Wahrnehmung quasi im Alleingang einen politischen Feldzug gegen das gesellschaftliche, mediale und wirtschaftliche, auch das politische Establishment der Schweiz, das sich im Vorfeld geschlossen für den Beitritt ausgesprochen hatte. Und das Volk liebte ihn dafür, denn noch einige Monate vor der entscheidenden Abstimmung wurden die Gegner in den Medien flächendeckend als nationalistische Ewiggestrige der Lächerlichkeit preisgegeben. Die Gegnerschaft, das war schon damals ein grosser Teil der Schweizer Bevölkerung. Sie hatte aber kaum bedeutende Exponenten auf ihrer Seite, sondern machte nur die sprichwörtliche Faust im Sack. Landolt avancierte in dieser Situation zum Volkstribun. Der schwerreiche Grossindustrielle glänzte durch seine scharfzüngige Rhetorik, einen entwaffnenden Schalk und sein für einen Politiker ungewohnt bodenständiges Auftreten. Er liess kein Schwingfest, keine Parteiversammlung, keinen Auftritt in einer Gemeindeturnhalle, keine Möglichkeit aus, um sich unter das Volk zu mischen, mit deftigen Sprüchen auf die ‘Classe politique’ zu schimpfen und mit einer einfachen, direkten Sprache zu zeigen: Ich bin einer von euch. Er war Mitglied der SVP, einer kleinen Partei, die bis anhin kaum 5% Wähleranteil auf sich vereinen konnte, der Partei der Landwirte und kleinen Gewerbeunternehmer, die erst während des Zweiten Weltkriegs, also fast hundert Jahre nach der Staatsgründung, eines der sieben Regierungsmitglieder stellen konnte. Die Parteigänger waren stolz auf ihren Multimillionär, der immer offener ihre Bewegung, wie sich die Partei selber bezeichnet, finanzierte, die ebenso immer offensichtlicher in vielen Themen auch Landolts ganz persönliche Meinung als ihre eigene übernahm. Landolt erweckte die verschlafene Partei zu einer politischen Kraft, die sich bei fast jeder Abstimmung gegen alle anderen Parteien des Landes stellte. Mit jeder gewonnenen Abstimmung legte sie ein bis zwei Prozente Wähleranteil zu…»

Morgarten-Denkmal

Bankier-Leiche an helvetisch historischer Stätte: Rettet der Geist von Morgarten die Schweizer vor dem neoliberalen Sozial-Darwinismus?

Das Landolt-Attentat wird in der Folge der Story zum Ausgangs- und Angelpunkt zugleich von nicht nur schweizerischen, sondern internationalen, ja global vernetzten Machenschaften, Illegalitäten und Korruptionen, von mysteriösen Polit-Szenarien mit schier monströser Tragweite, welche zuweilen, konsequent zuende gedacht, den Leser beängstigen müssten. Denn selbstverständlich bleibt der hohe Magistrat nicht das einzige Mordopfer in diesem Krimi: Wenig später findet man die Leiche einer weiteren Schweizer Symbolfigur, nämlich des Präsidenten der Nationalbank – ausgerechnet an für Eidgenossen heiliger Stätte: dem Morgarten-Denkmal am Ägerisee. Dem armen Teufel hatte man flüssiges Gold in den Rachen geleert… Und es geht weiter, das Meucheln – das Geheimnis von Montreux aus uralter Zeit fordert plötzlich neuzeitlichen Tribut.
Mitten in all diese mörderischen Troubles um viel «Geld und Macht», aber auch viel «Gut und Geist» hineingestellt findet sich die attraktive Journalistin Franziska Fischer, deren Recherchen sie tief in die helvetische Vergangenheit (bis zur «Helvetischen Republik» nach der französischen Invasion durch Napoleons Truppen im Jahre 1798) und weit in die Zukunft (bis zum Crash des Währungssystems im Jahre 2011 aufgrund skrupelloser Mafia-Banken-Attacken…) führen. Ihr zur Seite steht der «frei-sinnige» Nationalrat Marco Keller, ein direkter Nachfahre des berühmten freiheitlich-«liberal»-vaterländischen Polit-Dichters Gottfried Keller, der u.a. Mitte des vorletzten Jahrhunderts die Gründung der Zürcher Kantonalbank als Staatsbank anregte mit den Worten: «Wir brauchen diese Staatsbank, um den Wucher zu bekämpfen, den Privatbanken heilsame Konkurrenz entgegenzustellen und den mittleren und kleineren Gewerbestand vor der Ausbeutung durch die in erster Linie auf eigenen Nutzen bedachten Privatbanken zu schützen.»

Thomas Braendle

Politiker, Bäcker, Schriftsteller: Thomas Brändle

Der 1969 in Liestal geborene, seit langem im innerschweizerischen Zug als selbstständiger Konditorei-Inhaber lebende, im kantonalen Parlament als FDP-Mitglied politisierende und  bislang v.a. als humoristischer Belletristiker hervorgetretene Autor Thomas Brändle hat mit «Das Geheimnis von Montreux» nicht nur über den «Sonderfall Schweiz» einen Roman geschrieben, sondern selber einen «Roman-Sonderfall» geschaffen. Denn Buenos Aires, Rom, Montreux, Washington, Moskau: das sind nicht Schauplätze, wie man sie von Innerschweizer Schriftstellern gewohnt ist; ebensowenig geläufig sind einem bei zentral-helvetischen Autoren Themata wie Polit-Morde, Finanz-Verschwörungen oder Regierungs-Korruption. Vollends «unmöglich» für einen Zuger Schriftsteller, notabene einen dezidiert «bürgerlichen» Regionalpolitiker schließlich scheint derart Unerhörtes wie Kritik am «Finanzplatz Schweiz», an der zivilen Verfilzung von Parlament und Großindustrie, an grundsätzlich Kapitalistischem wie der «Freien Marktwirtschaft» oder an institutionalen Grundfesten wie der Börsenkotierung zu sein. Denn Autor Brändle lässt so ziemlich nichts aus, was Herrn und Frau Schweizer eigentlich (und eigentlich brennend) interessieren müsste an den (durchaus momentanen) Geschicken des Landes. Nur dass es hier als globale Verflechtung daherkommt, deren Schicksalshaftigkeit man so gerade eben und gottseidank noch die hehren Staatstugenden eines Gottfried Keller entgegenzuhalten vermag – denn sonst…

Gottfried Keller

Geistiger Wegbereiter eines volkssouveränen Liberalismus' und eines progressiven Schweizer Grundgesetzes: «Martin-Salander»-Dichter Gottfried Keller (1819-1890)

Brändle breitet auf 240 Buchseiten eine ganze Menge historischer «Aufklärung», aber auch politischer Aufklärung aus, zahllose (schweizer-)geschichtliche Exkurse garnieren den Krimi, bis hin zur Philosophie- und Sozialhistorik, und ein zumeist geistesgeschichtliches Prominenten-Zitat über jedem Kapitel untermauert quasi die jeweilige «Moral der G’schicht». Dies alles kommt dabei in einer erstaunlich rasanten Sprache daher, Brändle schreibt kurz, knackig, routiniert. Die teils üppigen Theorie-Einschübe werden geschickt durch schnelle Wechsel von Zeit und Ort gesplittet, was die literarischen Handlungsstränge zwar simultanisiert und dadurch verkompliziert, aber die Spannung durchaus raffiniert hält. Wer also über den viel- (und im eigenen Land gern-)zitierten politischen «Sonderfall Schweiz» mehr erfahren will, als er im üblichen eidgenössischen Blätterwald – gerade zu Zeiten und inmitten eines krisengeschüttelten Europa – je vorgesetzt erhält, der kann nun auch einfach einen Innerschweizer Krimi lesen…

Thomas Brändle, Das Geheimnis von Montreux, Ein Kriminalroman zum Sonderfall Schweiz, Wolfbach Verlag, 240 Seiten, ISBN 978-3-9523334-1-9

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Interview mit Thomas Brändle

Glarean Magazin: Bis jetzt kannte man den Schriftsteller Thomas Brändle vornehmlich als erfolgreichen Humoristen, beispielsweise in «Noch ein Stück, bitte!» und «Einen Augenblick bitte!». Warum nun dieser unverhoffte Schwenk ins dramatische, ja buchstäblich todernste «Fach» des Polit-Thrillers?

Thomas Brändle: Tatsächlich bevorzuge ich das Humoristisch-Hintergründige. Dass ich nun einen Politkrimi geschrieben habe (der im wahrsten Sinne des Wortes auch seine komischen «Seiten» hat), hat natürlich mit meinem politischen Mandat zu tun. Nach einigen Jahren Recherche habe ich ihn 2007 geschrieben und im September 2008 veröffentlicht. Am 15. September 2008 crashte die Bank Lehman Brothers – der Anfang der aktuellen Weltwirtschaftskrise. Ich bin selber verblüfft, wie schnell schon vieles eingetroffen ist, was ich im Buch vorweggenommen habe. Sogar die Schweizer Boulevardzeitung «Blick» schrieb darüber. So wie’s aussieht, könnte noch einiges mehr aus dem Politthriller Realität werden.

GM: Ihren Protagonisten Marco Keller charakterisieren Sie im Buch u.a. so: «Er hält es in den vorgegebenen Leitplanken kaum aus und kann nicht verstehen, wie seine Partei, die FDP, zunehmend das eigene Staatsgebilde demontiert, sich immer auf Sachzwänge, die Globalisierung und eine vermeintlich ökonomische Logik berufend.» Spricht hier auch der real politisierende Autor, dem die eigene Fraktion bei einer Parlamentsrede gar mal das Mikrofon abstellen ließ?

TB: 2002 wurde ich ins Parlament des Kantons Zug gewählt. Ende 2004 erschien mein erster kritischer Leserbrief zu unserer Wirtschafts- und Finanzordnung. Damals begann meine Odyssee durch die Schweizer Geschichte und auch das Zweifeln an der Seriosität der Wirtschaftswissenschaften. Da ist viel Ideologie dabei. Inzwischen darf ich im Parlament auch wieder ausreden. Meine «Aktien» sind durch die Krise gestiegen… Und ja, die FDP ist leider von einer staatstragenden, visionären Volkspartei zur Klientelpartei mutiert. Das kritisiert mein Protagonist Marco Keller.

GM: Über jedem Ihrer Buch-Kapitel prangt ein Aphorismus eines zumeist großen Dichters oder Denkers, und der wirtschaftsethische Standpunkt des Autors bleibt zu keinem Zeitpunkt verborgen. Der Krimi auch als moralischer Appell? Haben Schriftsteller eine soziale Aufgabe?

TB: Persönlich lese ich am liebsten Autoren, die mich aufregen, anregen und unterhalten – und natürlich zum Lachen bringen. Ich möchte mir mit Lesen nicht nur die Zeit vertreiben, sondern davon eben auch bereichert werden. Ich finde schon, dass Schriftsteller eine sehr wichtige Aufgabe hätten. Wie es Dürrenmatt gesagt hat, haben Schriftsteller die Position der Rebellion zu beziehen, in jeder Gesellschaft, die denkbar ist. Wir schnell werden bloße Behauptungen zu Wahrheiten, die sich in unseren «gesunden» Menschenverstand einschleichen und dort alles lahm legen! Dann wehren wir uns natürlich, wenn plötzlich einer fragt, ob denn die Erde auch wirklich flach ist. Wir dürfen (trotzdem) «nie damit aufhören, Fragen zu stellen» (Albert Einstein).

GM: Wie einflussreich sind wirtschaftliche «Geheimbünde» wie die von Ihnen geschilderte, in Montreux gegründete «Mont Pèlerin Society» oder «Denkfabriken» wie «Avenir Swiss» wirklich?

TB: Offenbar sind sie sehr einflussreich. Deren Interessen und Ansichten sind eben nicht geheim. Sie werden durch Bildungsinstitute, Medien und Politik gelehrt und verbreitet. Die von ihnen propagierte Wirtschaftsdoktrin hat, wenn auch selten in der reinen Lehre, innert 30 Jahren den Status eines global akzeptierten «Naturgesetzes» erreicht. Im Anhang meines Romans findet die interessierte Leserschaft «andere» wissenschaftliche Literatur. Es gibt wenig Geheimes, nur der Fokus ist oft etwas beschränkt…

GM: Nach H. Ch. Binswangers Arbeit «Die Wachstumsspirale», welche Sie im Buch zitieren, zerstört unser neoliberales Kreditsystem wichtige ökologische, soziale, wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Strukturen. Wie sähe die kurze Skizzierung eines besseren politischen Gegenentwurfs aus?

TB: Binswanger plädiert unbedingt dafür, dass wir unser 500 Jahre altes Finanzsystem reformieren, wie es in der Schweiz nach 1848 schon einmal getan wurde. Und zwar recht erfolgreich. Nur die Notenbank darf Geld herstellen und die Kantonal- und Genossenschaftsbanken haben die gesellschaftliche Verantwortung, dass es für sozial nützliche Projekte zur Verfügung steht: für die Infrastruktur, die wertschöpfenden Menschen, die Familien und jene Unternehmungen, die sinnvolles Produzieren und damit Nutzen stiften. Geld darf sich nur durch reale Wertschöpfung vermehren, nicht durch sich selber. Einen konkreten Vorschlag habe ich aktuell bei der «Fachkommission Wirtschaftspolitik» der FDP Schweiz eingereicht. Wirtschaftswissenschaftler wie Hans Christoph Binswanger, Heinrich Bortis und andere haben mir dabei geholfen.

GM: Gottfried Keller ist in Ihrem Krimi eine Art imaginärer Rufer aus der Vergangenheit. Was, glauben Sie, würde er seinen Schweizern zurufen angesichts der heutigen Misere in Staat und Gesellschaft?

TB: Der IT-Unternehmer Ivo Muri hat in seinem Buch «Kleptokratisches Manifest» ein fiktives Interview zwischen Gottfried Keller und einer heutigen Wirtschaftsstudentin veröffentlicht. Herrlich genial!
In der Realität würde Keller sich heute wohl sehr wundern, dass wir im Gegensatz zu Bereichen wie Technik, Bildung und Wissenschaft geistig, politisch und moralisch so klägliche Fortschritte gemacht haben. Bestimmt würde er sich auch ärgern, dass ausgerechnet die Schweizer so geldhörig geworden sind. Die Schweiz hätte der Welt gerade heute aufgrund ihrer staatspolitischen Erfahrungen so viel zu geben.

GM: Glauben Sie, dass Bücher die Welt verändern?

TB: Ja, manche haben das ja auch getan. Das geschriebene Wort hat schon seine Kraft – wenn es gelesen wird. Wenn die Menschen es endlich überdrüssig sind, nur als Konsumenten, Arbeitnehmer, Steuerzahler und einfältige Unterhaltungssuchende gesehen zu werden, möchten sie vielleicht auch wieder geistig etwas herausgefordert werden; lustbetont, humorvoll, spannungsgeladen. ■

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Probeseiten

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Rudolf Teschner: «Schach in 40 Stunden»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Rudolf Teschner, Schach, Schach-Rezension von Walter Eigenmann am 2. Juni 2009

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Der Lehrkurs für Anfänger und Aufsteiger

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Teschner_Schach in 40 StundenJedem einigermaßen seriösen, nicht ohne Theoriekenntnisse durch die Turnier-Sääle wandelnden Schachadepten ist der Name des Berliner Meisters Rudolf Teschner ein Begriff. Dutzende von Theoriebüchern aus seiner Feder, von der Eröffnungslehre bis zur Spieler-Biographie, von der Partien-Sammlung bis zur Kombinationsschule füllen die Regale der Schach-Bibliotheken; Teschner dürfte der meistgelesene Schachautor deutscher Sprache sein.
Einer der gar in mehrere Sprachen übersetzten Klassiker des vor drei Jahren verstorbenen «FIDE-Großmeisters ehrenhalber» ist auch im Jahre 2009 sein «Schach in 40 Stunden». 1993 erstmals erschienen, legt jetzt Raymund Stolze in der Schweizer Edition Olms eine neue, mithin bereits die 6. aktualisierte Ausgabe des Bestsellers vor.
Die Zielsetzung dieser auch im Schul- bzw. Schülerschach der Vereine gern benutzten 40 Lektionen legte Teschner zuletzt im Vorwort seiner vorausgegangenen Auflage aus dem Jahre 2004 dar: «Dieses Lehrbuch will den Leser nicht nur mit den Grundregeln des ‘Königlichen Spiels’ vertraut machen, sondern ihm auch den ganzen Ideenreichtum nahebringen, dem es seine Anziehungskraft verdankt. [...] Das Buch ist zum Selbststudium geeignet und hat sich auch in Lehrkursen vielfach bewährt.»

Rudolf Teschner

Rudolf Teschner

Der Internationale Meister Teschner – seine beste historische Elo-Zahl betrug 2633 – geht dabei didaktisch sehr geschickt vor (siehe auch das untenstehende Inhaltsverzeichnis) und deckt dem Schach-Novizen wie dem -Aufsteiger alle unverzichtbaren Ingredienzien eines erfolgreichen Turnierspiels (bis schätzungsweise 2000 Elo / natürlich inklusive regelmäßige Spielpraxis) auf. Teschners «Schach in 40 Stunden» gehört auch Jahre nach seiner Erstauflage zu den schachpädagogisch wirkungsvollsten Publikationen im deutschsprachigen Schach-Blätterwald. Der Olms Verlag darf es sich als besonderen Verdienst anrechnen, gerade dieses Kompendium des fruchtbaren Berliner Schachschriftstellers in der gewohnt professionell-schönen Aufmachung seiner Buch-Reihe «PraxisSchach» in kontinuierlicher Aktualisierung zu begleiten. (gm)

Rudolf Teschner, Schach in 40 Stunden (6. aktualisierte Auflage), Edition Olms, 160 Seiten, ISBN 978-3-283-01011-9

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Manfred Herbold: «Der Schachtherapeut»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Frank Stiefel, Humor, Manfred Herbold, Rezensionen, Schach, Schach-Rezension von Walter Eigenmann am 30. Mai 2009

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Die Schachspieler auf der Psycho-Couch

Walter Eigenmann

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Der Schachtherapeut_CoverSpinnen die Schachspieler? Manfred Herbold, 42-jähriger Realschullehrer im deutschen Stauf und mit einer internationalen FIDE-Ratingzahl von 2157 Elo selber ein spielstarker Turnier-Kämpfer, ist davon – augenzwinkernd – überzeugt. Und so setzte er sich schon vor Jahren an den Computer und kreierte die (meines Wissens erste und einzige) deutschsprachige Web-Site für «Schachtherapie» – der in der Online-Szene inszwischen berühmte «Schachtherapeut» war geboren.
In den  virtuellen «Praxisräumen» des Schach-Docs tummeln sich seitdem die besonders schwierigen Fälle unter der seltenen, im Volksmund als besonders intelligent, um nicht zu sagen: besonders verrückt bekannten Spezies «Schachspieler». Des «Schachtherapeuten» Sprechzimmer sind denn auch überfüllt mit skurrilen Typen, die Niederlagen partout nicht hinnehmen können, oder mit Spielern, die sich auch im Leben das Schachbrett vor den Kopf schnallen, und des «Therapeuten» Behandlungsprotokolle strotzen von unerklärlichen Läufer- oder Springer-«Opfern», von mysteriösen Vorfällen auf oder neben dem Schachbrett, von absurden menschlichen Moströsitäten aus der Schach-Geschichte und -Gegenwart – kurzum: von alledem, was das Königliche Spiel so faszinierend für Schachspieler, so abscheulich für normale Menschen macht.
Nun ist der fabulierfreudige, seinerseits schachbesessene, dabei mit viel Sinn für Humor, Sprachwitz und Selbstironie ausgestattete Schach-Psychiater dazu übergegangen, seine «Praxisräume» zu erweitern: Unlängst publizierte er (im Selbstverlag) den ersten Teil einer geplanten Buch-Trilogie: «Der Schachtherapeut». Auf 172 Seiten mit 40 Klein- oder Großkapiteln werden dabei schier sämtliche Bereiche des Brettes, das für manche die Welt bedeutet, durchschritten, durchleuchtet, durchlitten.

Manfred HerboldOb Schachblindheit oder Kaffeehausschach, ob Großmeister- oder Frauenschach, ob Computer- oder Patzerpartien, ob Schach-Elo oder Schach-Ego, ob Schach-Aleatorisches (alias «Chess960») oder «Handy-Betrugsschach», ob Psychopathisches aus den längst versunkenen Zeiten der Aljechins&Nimzowitschs oder Spinnertes aus unseren Turnier-Tagen, ob Geniales auf oder Wahnsinniges neben den 64 Feldern: «Der Schachtherapeut» kredenzt ein gleichermaßen breites wie amüsantes Sammelsurium. Vorwort-Schreiber Georgios Souleidis, seines Zeichens Internationaler Meister, bringt es auf den süffisanten Punkt: «Nach vielen Jahren in den Tiefen des Netzes und unzähligen Therapiesitzungen, insbesondere mit seinem Dauerpatienten Lobrehd, hat er [Der Schachtherapeut] seine Protokolle über die verwirrten Schachkrieger endlich geordnet und präsentiert sie in gedruckter Form. Mit dieser bahnbrechenden Ausrüstung gewappnet ist jeder Schachkämpfer, egal ob Rekrut oder Frontsau, psychologisch lückenlos gerüstet, um auf jedem Sch(l)ach(t)feld dieses Erdballs zu bestehen.»

Frank Stiefel_Cartoon-Probe_Der-Schachtherapeut

Des Schach-Cartoonisten Frank Stiefels unnachahmliche Handschrift

Doch der Band wäre nur halb so köstlich, hätte der Oberarzt nicht noch einen besonderen Assistenten in seine Praxis geholt, nämlich den bekannten Schach-Cartoonisten Frank Stiefel. Dessen virtuoser Zeichenstift kam unnachahmlich auch in praktisch jedem Kapitel des «Schachtherapeuten» zum Einsatz, so dass Text und Bild einen gebündelten Angriff auf beiden Flügeln der menschlichen Schmunzelmuskulatur entfachen können. Gemeinsam brennen die beiden Docs ein wahres Kuriositäten-Feuerwerk ab, dem man – inmitten des alljährlichen Heeres von eher trockenen, Theorie-lastigen Schachbuch-Novitäten – einen möglichst großen, mit dem nötigen Quantum an Sinn für Schachwitz und -Entertainment ausgestatteten Leserkreis wünscht.
Zwei Wermutstropfen betr. dieses gepflegte Hardcover-Buch seien hier nicht verschwiegen, nämlich die fehlende ISBN-Nummer sowie der recht hohe Verkaufspreis von 15 Euro (immerhin inkl. Versand). Beide Probleme – als Resultate der bekannten Tatsache, dass Schachbücher stets für nur ein relativ winziges, wenngleich «emsig-treues» Leser-Segment produziert werden – ließen sich möglicherweise bei den zwei nächsten, bereits konzipierten Folgeprojekten (Der Schachtherapeut Band 2 – «Reloaded» und Der Schachtherapeut Band 3 – «Revolutions») umgehen, indem man über eine modernere Vertriebsform, z.B. das «Book-on-Demand»-Verfahren nachdenkt?

Alles in allem: «Der Schachtherapeut» ist ein buch- wie drucktechnisch sehr schön, ja liebevoll gestaltetes, mit  Schach-Kabinettstückchen jeder Couleur vollgespicktes Psycho-Schmunzel-Opus für alle Schach- und Couch-Lagen – abseits staubtrockener Eröffnungs- oder Endspieltheorie, und gleichwohl mit einer Unmenge an Schach-Tipps und -Tricks versehen. Schach-Entertainment erster Sahne – unbedingt ins private Schachregal stellen!

Manfred Herbold, Der Schachtherapeut, 172 Seiten, Selbstverlag 2009; erhältlich bei Schach-Händlern oder direkt beim Autor: Glockenstraße 1, D-67304 Eisenberg-Stauf

Inhalt

Vorwörter
Teil 1: Der Schachtherapeut
 1) Die psychopathische Plaudertasche
 2) Keine Angst vor Großmeistern!
 3) Berlin 1920
 4) Frauenschach
 5) Der Exote
 6) Zeitnot
 7) Musterpatient Dr. M
 8) Remis unter Freunden
 9) Schachblindheit
10) Kombinationssucht
11) Die genialsten Schachaufgaben
12) Regelverletzung
13) Betrügerschach
14) Silvesterschach
15) Chess960
16) Hall-of-Fame
17) Hall-of-Shame
18) Hall-of-Luck
19) Patientenbucheinträge
20) Der Dawsonsche Revolverschuss
Teil 2: Gastbeiträge
21) Schachimedes (Dr. Martin Stichlberger)
22) Schachnotizen (Walter Eigenmann)
23) Der Schachneurotiker (Karl Gross)
24) Hömma (Franz Jittenmeier)
25) Vorsicht! (Gerhard Wetzel)
26) ziemlich kraus (Hans-Peter Kraus)
27) Dr. Bullmover's (Christoph Klamp)
28) Der Schachflüsterer (Günter Groß-Winter)
29) Wenn man die "Theorie" nicht kennt (Rainer Schlenker)
30) Das lustige Schachlexikon von Att bis Matt (Hartmut Metz)
Teil 3: Extras
31) Ey Alder (Steffen Walther)
32) Iwantschuk - Kasparow
33) Kasparow - Radschabov
34) Sämisch - Capablanca
35) Paulsen - Dr. Tarrasch
36) Tschigorin - Steinitz
37) Partienverzeichnis
38) Literarurverzeichnis
39) Webseitenverzeichnis
40) Lösungen

Leseproben

Schachtherapeut_Manfred Herbold_Probeseite1

Frauen-Schach (Bild-Klick)

Leseprobe_Frauenschach

Lutz Jäncke: «Macht Musik schlau?»

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Das Gehirn und die Musik

Walter Eigenmann

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Lutz Jaencke_CoverIm Anfang war Mozart. Genauer: Der sog. «Mozart-Effekt». Denn im Jahre 1993 sorgte ein Artikel in der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift «Nature» für weltweite Furore, wonach durch das passive Hören klassischer Musik, insbesondere der Werke des berühmten Salzburger Genies, sich das räumliche Vorstellungsvermögen signifikant verbessern soll. Ausgangspunkt der entsprechenden Studien war ein Experiment des US-amerikanischen Physikers Gordon Shaw und der Psychologin Frances Rauscher, welches mit 36 Probanden durchgeführt wurde, die nach dem Anhören verschiedener Musikstücke Aufgaben aus IQ-Tests lösen mussten. Dabei erzielte die Gruppe, die Mozarts Klaviersonate in D-Dur / KV 448 (Video) gehört hatte, ein signifikant besseres Ergebnis. In der Folge erhitzte sich die Pro-Kontra-Diskussion ob diesem berühmt-berüchtigten «Mozart-Effekt» (Video) weit über die Natur- und Geisteswissenschaften hinaus bis tief in die Schulpädagogik, ja gar Bildungspolitik hinein  – ein Mythos war geboren.
Doch was ist wirklich dran an der (wohlfeilen, eigentlich revolutionären) Hoffnung, Musik verhelfe dem Menschen zu mehr intellektueller Kompetenz? Welche Auswirkungen  haben überhaupt Musikmachen und Musikhören auf den Menschen, seine Kognition, seine Psyche? Und: Lernt man schneller/besser mit Musik-Unterstützung? Oder: Wie wirken Töne therapeutisch auf Demenzerkrankte? Grundsätzlich: Wie geht das menschliche Gehirn mit dem komplexen Phänomen «Musik» eigentlich um?

Lutz Jaencke

Prof. Dr. Lutz Jäncke

Diesen und einer Reihe weiterer Fragen geht nun umfangreich die jüngste Publikation eines der renommiertesten deutschsprachigen Neurophysiologen nach, des Zürcher Gehirnforschers Prof. Dr. Lutz Jäncke. In seinem Buch «Macht Musik schlau? – Neue Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der kognitiven Psychologie» breitet er in 13 Kapiteln den aktuellen Stand der neuropsychologischen und -physiologischen Diskussion aus. Dabei fördert der gebürtige Bochumer Ordinarius an der Universität Zürich eine ganze Reihe von interessanten, ja spektakulären Befunden und Erkenntnissen aus seinem Fach zutage – aufsehenerregend keineswegs nur für den Laien: Jänckes Forschungsergebnisse gerade auf dem Gebiete der Musik-Neurowissenschaften stoßen mittlerweile in den angesehendsten Peer-Reviewed-Zeitschriften auf großes Interesse und beeinflussen damit prägend die aktuelle Diskussion.
Hierzu trägt sicher nicht nur die wissenschaftliche bzw. methodische Kompetenz des Autors bei, sondern auch seine Fähigkeit, komplexe Forschungsinhalte mit geradezu «leichter» Sprachstilistik, zuweilen gar mit unverhohlen-humorvoller Fabulierlust zu servieren. Sein «Macht Musik schlau?» liest sich, wiewohl mit naturwissenschaftlichen, statistischen, methodischen und analytischen Details geradezu vollgestopft, überraschend unkompliziert, ja erfrischend spannend – Populärwissenschaft im allerbesten Sinne. Sein Vorwort-Verfasser, der Hannoveraner Berufskollege Eckart Altenmüller attestiert ihm denn auch zurecht, er erziehe «den Leser zur kritischen Analyse der Fakten, ohne als Oberlehrer aufzutreten».

Nachfolgend seien die wesentlichsten wissenschaftlichen Erkenntnisse von «Macht Musik schlau?» repliziert – teils zitierend, teils zusammenfassend, Jänckes eigenem Aufbau der Buch-Abschnitte folgend. Selbstverständlich kann es sich dabei allenfalls um eine sträfliche Verknappung der umfangreichen und vielfältigen Inhalte handeln, um einen groben Überblick auf eine Veröffentlichung, welche mit Sicherheit den wissenschaftlichen Diskurs auf diesem Gebiet für eine längere nächste Zeit wesentlich mitbestimmen dürfte. (Copyright aller wissenschaftlichen Abbildungen&Tabellen: L.Jäncke & Huber-Verlag Bern).

1. Der Mozart-Effekt

Zwar schließt Jäncke nicht aus, dass sich bei Versuchspersonen nach dem Hören von Mozart-Musik «ein Hirnaktivierungsmuster einstellt», welches eine «optimale Grundlage für die später zu bearbeitenden räumlichen Aufgaben bietet». Ein spezifischer Effekt des kurzzeitigen Hörens von Mozart-Musik auf räumliche Fertigkeiten könne hingegen «nicht zweifelsfrei nachgewiesen» werden: «Sofern Effekte vorliegen, treten sie immer in Bezug zu Ruhe- und Entspannungsbedingungen auf».

2. Einfluss des Musikunterrichts auf schulische Leistungen

Wolfgang Amadeus Mozart

Wunderkind Mozart: «War Mozart ein Genie? Wie sind seine musikalischen Leistungen wirklich entstanden? Gibt es überhaupt Genies?» (Lutz Jäncke)

Jäncke hat zahlreiche sog. «Längsschnitt-Untersuchungen» internationaler Forschergruppen herangezogen und analysiert bzw. kritisch gewürdigt – besonders populär hierzulande: die deutschsprachige «Bastian-Studie», die laut Jäncke allerdings aus methodischen Gründen «unbrauchbar» sei -, wobei grundsätzlich alle diese Forschungen thematisierten, «dass zusätzlicher Musikunterricht einen günstigen Einfluss auf schulische Leistungen, verschiedene kognitive Funktionen (insbesondere das sprachliche Gedächtnis) oder auf verschiedene Intelligenzmaße» haben könne.
Trotzdem bleibt der Buch-Autor skeptisch: Die meisten dieser Studien wiesen «methodische Mängel auf, die es nicht erlauben, die spezifische Wirkung des Musikunterrichts zu belegen». Gleichzeitig blendet aber Jäncke nicht aus, dass chinesische Untersuchungen überzeugend zeigten: Kinder mit Musikunterricht erbringen bereits nach einem Jahr «bessere verbale Gedächtnisleistungen». Jänckes Theorie hierzu: «Der Grund ist, dass die chinesische Sprache als tonale Sprache im Hinblick auf die auditorischen Verarbeitungsgrundlagen viele Ähnlichkeiten mit der auditorischen Verarbeitung der Musik aufweist.»
Insgesamt bedauert der Autor, dass «kaum eine Studie derzeit die Dauerhaftigkeit möglicher günstiger Effekte des Musikunterrichts» thematisiere. Und kritisch fragt er schließlich, welchen Zweck Musiktraining oder Musikerziehung eigentlich haben sollen: «Ist es eher zur Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit geeignet, oder ist es vielmehr eine wunderschöne Kulturtätigkeit, die Freude und Befriedigung unabhängig von schulischen Leistungsaspekten schenken kann?»

3. Musiker kontra Nicht-Musiker

Aufgrund «gut kontrollierter Querschnitt-Untersuchungen» zeigen sich gemäß Autor «konsistent bessere verbale Gedächtnisleistungen bei Musikern» gegenüber Nicht-Musikern. Außerdem gebe es Hinweise, dass bei Musikern auch das visuelle Gedächtnis besser sei.

Gedaechtnisleistung_Musiker-NichtmusikerBelegt sei weiters, dass Musiker bzw. Personen mit Musikerfahrung bessere Leistungen in visuell-räumlichen Tests aufweisen. Dies hänge wahrscheinlich damit zusammen, dass «verschiedene Aspekte der Musik in unserem Gehirn räumlich repräsentiert sind. Durch das Musizieren werden diese visuell-räumlichen Funktionen offenbar häufig traniert.» Insofern sei es durchaus plausibel, dass diese Funktionen auch für andere, nichtmusikalische Leistungen genutzt werden können.
Da das Rechnen, der Umgang mit Zahlen stark von diesen angesprochenen «visuell-räumlichen Fertigkeiten abhängt, bestehe außerdem ein deutlicher Zusammenhang zwischen dem Musizieren und verschiedenen Rechenleistungen. Jäncke: »Einige Untersuchungen unterstützen die Hypothese, dass Musizieren und Musikbegabung die Rechenleistung fördern«.

4. Musikhören und Lernen

Die Frage, ob (und wenn ja: welche) Musik beim Lernen hilfreich sei, wurde und wird stets umstritten diskutiert. Diesbezüglich analysiert Jäncke einige mehr oder weniger anerkannte Thesen bzw. Verfahren wie z.B. die Suggestopädie und verwandte Richtungen, welche eine positive Wirkung des passiven Hintergrundmusik-Hörens propagieren. Wiederum schließt Forscher Jäncke eine «Evozierung bestimmter Hirnaktivierungsmuster», die für das Lernen besonders günstig sind, auch hier nicht aus. Die arbeitspsychologischen Untersuchungen bzw. Experimente haben indes sowohl «positive wie negative Einflüsse von HIntergrundmusik auf verschiedene Leistungsmaße» belegt, so dass auf diesem Gebiet weitere Forschungen notwendig seien.

5. Musik und Emotionen

Die Erfahrung ist alltäglich: Wenn man angenehme Musik hört, wird die psychische Leistungsfähigkeit gesteigert. Mehr noch: «Wir lernen, bestimmte Musikstücke zu mögen oder nicht zu mögen. Insofern sind auch an der Entwicklung von Musikpräferenzen Lernprozesse beteiligt» (Jäncke). Der Autor geht hier Problemfeldern nach wie: Was sind die Ursachen dafür, dass wir bestimmte Musik zu mögen scheinen und andere Musik ablehnen? Gibt es so etwas wie eine universell bevorzugte Musik? Wann hören wir welche Musik? Wie hören wir diese Musik, und vor allem: Wer hört welche Musik?

Musik & EmotionBei solchen Fragestellungen werden die Befunde Jänckes besonders interessant, reichen sie doch womöglich an das musikkulturelle Selbstverständnis ganzer Gesellschaften heran, bzw. müssen musiksoziologische und musikästhetische Revisionen vorgenommen werden im Zusammenhang mit der hörpsychologischen Konsonanz-Dissonanz-Problematik. So hinterfragt Neurophysiologe Jäncke einerseits, ob die «Konsonanz-Dissonanz-Unterscheidung wirklich mit angeborenen emotionalen Präferenzen verbunden» ist, oder ob nicht jene Musikwissenschaftler recht haben, welche argumentieren, dass «die Präferenz für konsonante Musik, Klänge und Intervalle eher durch häufiges Hören dieser Art von Musik und Klängen bestimmt wird.»
Fest steht gemäß verschiedenen Studien, dass schon bei vier Monate alten Babys Präferenzen für konsonante Klänge und Intervalle vorliegen – gemäß Lutz Jäncke aber nicht das schlagende Argument dafür, dass dabei «ausschließlich genetisch bestimmte Mechanismen» zum Tragen kommen: «Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass die Babys schon häufig konsonante Musik gehört und bereits unbewusst eine Vorliebe für diese Art der Musik entwickelt haben». Denn grundsätzlich, so die Erkenntnis des Neurophysiologen: «Wir mögen, was wir häufig hören». Und weiter: «Obwohl insbesondere in der westlichen Kultur konsonante Musikelemente eher angenehme Reaktionen hervorrufen, darf nicht außer Acht gelassen werden, dass gerade die menschliche Lernfähigkeit es ermöglicht, auch Dissonanz als angenehm zu erleben.» Schließlich: «Emotionale Musik stimuliert das limbische System. Angenehme Musik kann ein ‘Gäsenhautgefühl’ hervorrufen, dem ein Aktivierungsmuster des Gehirns zugrunde liegt, das auch bei Verstärkungen, bei der Befriedigung von Süchten und beim Lernen zu messen ist. [...] Insbesondere die Entwicklung von musikalischen Vorlieben wird wahrscheinlich über das Belohnungssystem vermittelt.»

6. Wie verarbeitet das Gehirn Musik?

Wichtige Erkenntnisse gewann Jäncke durch die rasante apparatetechnische bzw. computergesteuerte Entwicklung z.B. auf den Gebieten der Elektro- und der Magnetenzephalographie, welche neuropsychologisch eine «präzise zeitliche Charakterisierung» auch der menschlichen Ton- bzw. Musikwahrnehmung erlaubt. Hier verweist der Wissenschaftler zusammenfassend auf den wichtigen Befund, dass während des Musikhörens «weite Teile des Gehirns im Sinne eines Netzwerkes aktiviert werden. Es besteht also die Möglichkeit, dass man mit musikalischen Reizen eine räumlich ausgedehnte Hirnaktivierung erreichen kann.» Insofern ist im Gehirn – ganz im Gegensatz zu Spekulationen in früheren Jahrhunderten – kein typisches «Musikwahrnehmungsareal» zu identifizieren – einfach deswegen, weil bei Musik schlicht besonders zahlreiche Hirnregionen involviert sind, woraus diverse positive «Transfer-Effekte» resultieren.

7. Die Musik und die zwei Hirnhemisphären

Gehirn-HemissphärenJäncke: «Bei Musikern kann häufig festgestellt werden, dass sie Musik auch in jenen Hirngebieten verarbeiten, die eigentlich mit der Sprachverarbeitung betraut sind». Dementsprechend können bei Musikern sog. Amusien – hier ‘Motorische Amusie’: Störungen in der Produktion von Musikstücken; oder ‘Sensorische Aumusie’: Störungen in der Wahrnehmung von Musikstücken – auch auftreten, wenn Hirngebiete geschädigt sind, die bei Nichtmusikern nicht an der Kontrolle von Musikverarbeitungen beteiligt sind.

8. Wie produziert das Gehirn Musik?

Wenn man Musikstücke spielt, sind gemäß Jänckes Untersuchungen vielfältige Gedächtnisinformationen nötig: «Diese Informationen reichen von Tönen, Rhythmen und Melodien bis hin zu Erinnerungen an Episoden, Personen und Emotionen, die mit dem zu spielenden Musikstück assoziiert sind.» In diesem Zusammenhang geht der Autor auch auf die Tatsache ein, dass zahlreiche Musiker unter «erheblichen Ängsten und Sorgen hinsichtlich ihrer Spielleistung» leiden: «Sie sind teilweise derart gehemmt, dass sie nicht oder nur selten frei und locker ihren Spielfluss finden.» Kernspintomographische oder EEG-Messungen solcher Personen im Labor hätten ergeben, dass bei derartigen Blockaden insbesondere eine starke Aktivierung «frontaler Hirnstrukturen» feststellbar sei, was darauf hinweise, dass diese Hirngebiete «viel zu starke hemmende Einflüsse auf die anderen für die Musikproduktion ebenfalls wichtigen Hirngebiete ausüben». Aufgrund dieser Erkenntnis arbeite nun die Wissenschaft weiter an spezifischen Hirntrainingsmethoden für verbesserte Musikleistungen (Stichworte: «Neurofeedback», «Brain-Computer-Interface-Technik» u.a.)

9. Verändert Musizieren das Gehirn?

Gehirn_VeränderungenDieser Frage widmet Lutz Jäncke einen besonders interessanten Abschnitt seines Buches. Er dokumentiert die überraschende Fähigkeit des menschlichen Gehirns zur anatomischen Anpassung bzw. zu einer Zunahme der «Dichte der grauen Substanz» (= u.a. Sitz der wichtigen «Synapsen»). Jäncke: «Intensives musikalisches Training ist mit erheblichen makroskopischen Veränderungen in Hirnbereichen gekoppelt, die besonders stark an der Kontrolle des Musizierens beteiligt sind. Diese anatomischen Veränderungen hängen offenbar von der Intensität und Häufigkeit des Musizierens ab. Je häufiger trainiert wird, desto ausgeprägter sind die Veränderungen».

10. Musik und Sprache

Die neuere Erforschung des komplexen Beziehungsfeldes «Musik-Sprache» hat nach Jäncke bisherige Auffassungen stark revidiert. So könne z.B. die strikte funktionale und anatomische Trennung zwischen Sprache und Musik nicht mehr aufrecht erhalten werden: «Die Wahrnehmung der Sprache und Musik wird von stark überlappenden Nervenzellnetzwerken bewerkstelligt. Wichtig dabei ist auch, dass an der Analyse von Sprache und Musik beide Hirnhälften beteiligt sind.» Weiter: «Musik ist nach einem bestimmten Regelsystem aufgebaut. Dieses Regelsystem hat bemerkenswerte Ähnlichkeiten mit dem Regelsystem der Sprache. Teilweise werden für die Analyse des Musikregelsystem gleiche Hirnstrukturen eingesetzt.» Eine der Konsequenzen solcher Forschungsergebnisse sind medizinische Ansätze: «Musikalische Interventionen werden erfolgreich für die Therapie von Sprachstörungen eingesetzt».

11. Musik und Alter

Hirn-UnterschiedeZum Abschluss seines «Parforcerittes durch die Welt der Musik, des Lernens und des Gehirns» (Jäncke) kommt der Zürcher Wissenschaftler auf das je länger, desto intensiver thematisierte Problemfeld «Musik&Alter» zu sprechen (siehe auch unseren «Glarean»-Beitrag «Musik im Alter») Und auch Jänckes Forschungen brechen hier eine Lanze fürs Musizieren, gemäß dem bekannten Apodiktum «Use it or lose it», indem er die große Bedeutung von besonders drei Hirn-intensiven Betätigungen konstatiert: «Längsschnitt-Studien haben ergeben, dass ältere Menschen, die bis ins hohe Alter Musizieren, Tanzen und Brettspiele spielen, selten im fortgeschrittenen Alter an Demenzen leiden. Hierbei zeigte sich, dass ein Betätigungsumfang in diesen drei Freizeitaktivitäten von ca. einmal pro Woche das Risiko, später eine Demenz zu entwickeln, um ca. 7 % senkte. Die intensive Ausübung dieser Freizeitaktivitäten scheint die ‘kognitive Reserve’ im Alter zu steigern.» Zusammengefasst: «Menschen, die bis ins hohe Alter musizieren, verfügen über einen geringeren oder keinen Abbau des Hirngewebes im Stirnhirn im Vergleich zu Personen, die nicht Musizieren.» – -

Lutz Jäncke, Macht Musik schlau? – Neue Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der kognitiven Psychologie, 452 Seiten, Verlag Hans Huber, ISBN 978-3456845753

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Leseproben

Lutz Jaencke_Leseprobe

Lutz Jaencke_Leseprobe2

Inhalt

Vorwort (Eckart Altenmüller)                                     9
1. Einleitung                                                   11
Von Kognitionen, psychischen Funktionen und Genen               13
Transfer                                                        14
Wunderwelt der Neuroanatomie und Bildgebung                     16
Von Zeitschriften und Büchern                                   18
Die Geschichte dieses Buches                                    20
Abschließende Bemerkungen                                       21
2. Der Mozart-Effekt - Beginn eines Mythos                      23
2.1  Der Beginn                                                 24
2.2  Die Folgen                                                 33
2.3  Replikationsversuche                                       35
2.4  Weiterführende Experimente                                 45
2.5  Der Einfluss der Stimmung und der Musikpräferenz           50
2.6  Zusammenfassung und kritische Würdigung                    57
3. Längsschnittstudien                                          59
3.1  Allgemeines                                                59
3.2  Internationale Längsschnittuntersuchungen                  61
3.3  Deutschsprachige Längsschnittstudien                       74
3.4  Zusammenfassung und kritische Würdigung                    90
4. Querschnittuntersuchungen                                    95
4.1  Musik und Gedächtnis                                       96
4.2  Musikgedächtnis                                           105
4.3  Visuell-räumliche Leistungen                              113
4.4  Rechenleistungen                                          138
4.5  Spielen vom Notenblatt                                    147
4.6  Motorische Leistungen                                     150 
4.7  Musikwahrnehmung                                          157
4.8  Musiker und Nichtmusiker                                  192
4.9  Zusammenfassung und kritische Würdigung                   194
5. Lernen und passives Musikhören                              197
5.1  Suggestopädie                                             201
5.2  Ergebnisse aus dem Journal of the Society
     for Accelerative Learning and Teaching                    207
5.3  Ergebnisse aus Zeitschriften, die von Fachleuten
     begutachtet werden                                        210
5.4  Zusammenfassung und kritische Würdigung                   233
6. Musik und Emotionen                                         237
6.1  Preparedness                                              240
6.2  Wir mögen, was wir häufig hören                           246
6.3  Heute «hü» morgen «hott» -
     wechselnde emotionale Musikwirkungen                      249
6.4  Hirnaktivität und emotionale Musik                        258
6.5  Emotionen bei Profimusikern                               271
6.6  Zusammenfassung und kritische Würdigung                   274
7. Wie verarbeitet das Gehirn Musik?                           277
7.1  Zusammenfassung                                           292
8. Musik und Hemisphärenspezialisierung                        295
8.1  Amusie                                                    300
8.2  Amusien bei Musikern                                      302
8.3  Zusammenfassung                                           304
9. Wie produziert das Gehirn Musik?                            307
9.1  Motorische Kontrolle                                      308
9.2  Sequenzierung                                             311
9.3  Gedächtnis                                                314
9.4  Aufmerksamkeit                                            315
9.5  Musizieren - Kreativität                                  317
9.6  Zusammenfassung und kritische Würdigung                   325
10. Verändert Musizieren das Gehirn?                           327
10.1 Wiederholen ist die Mutter des Lernens                    329
10.2 Expertise - Üben, Üben, Üben                              334
10.3 Gehirne wie Knetmasse                                     335
10.4 Reifung und Hirnplastizität                               347
10.5 Plastizität nicht nur bei Musikern                        349
10.6 Zusammenfassung                                           355
11. Musik und Sprache                                          357
11.1 Funktionen und Module                                     359
11.2 Von Tönen und Sprache                                     361
11.3 Fremdsprachen und Musik                                   365
11.4 Syntax und Semantik                                       367
11.5 Klingt Musik französisch, deutsch oder englisch?          375
11.6 Musik und Lesen                                           376
11.7 Musik und Sprachstörungen                                 381
11.8 Zusammenfassung                                           387
12. Musik und Alter                                            391
12.1 Zusammenfassung                                           399
13. Schlussfolgerungen                                         401
Macht das Hören von Mozart-Musik schlau?                       402
Hat Musikunterricht einen günstigen Einfluss
auf Schulleistungen und kognitive Funktionen?                  403
Worin unterscheiden sich Musiker von Nichtmusikern?            404
Lernt man besser, wenn man gleichzeitig Musik hört?            405
Beeinflusst Musik die Emotionen?                               407
Wird Musik in bestimmten Hirngebieten verarbeitet?             408
Wie produziert das Gehirn Musik?                               409
Verändert Musizieren das Gehirn?                               410
Besteht ein Zusammenhang zwischen Musik und Sprache?           411
Ist es gut, wenn man im fortgeschrittenen Alter musiziert?     412
Soll man in der Schule musizieren?                             413
14. Dank                                                       415
15. Literatur                                                  417
Sachwortregister                                               433
Personenregister                                               451

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Helmut Pflegers neue ZEIT-Schachspalten

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Helmut Pfleger, Rezensionen, Schach, Schach-Rezension von Walter Eigenmann am 18. Mai 2009

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Vergnüglicher Schach-Tratsch-Klatsch

Walter Eigenmann

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Pfleger_Zeit-Schachspalten_CoverDer deutschsprachigen Schachwelt den Münchner Großmeister Helmut Pfleger vorstellen zu wollen hieße Bauern in die Grundstellung setzen: Seit Jahrzehnten ist der Name dieses bayrischen Internisten ein Synonym für hemdsärmelige Schachanalyse und schachpsychologisches Infotainment. Während er in den 80er&90er Jahren als witzig plaudernder «Talkmaster» vieler TV-Schach-Sendungen (oft gemeinsam mit dem tschechischen Spitzen-GM Vlastimil Hort) einer weiten Schachamateur-Gemeinde die komplizierten Geheimnisse des Königlichen Spiels «übersetzte», verlegte er sich in den folgenden Jahren vermehrt auf das Schreiben von Schach-Kolumnen, deren amüsanter Ton, verbunden mit dem Flair fürs Vereinfachen schwieriger Zusammenhänge und mit gleichzeitig weitem thematischem Spektrum, sich schon bald eine riesige Anhängerschaft schufen. Inzwischen ist der typische «Pfleger-Stil» ein internationales Markenzeichen in der Welt der Schachkommentierung geworden – und eine Lektüre, deren Charme, wortreiche Eloquenz und muntere Leichtigkeit vergessen lässt, dass Schach doch recht eigentlich eine todernste Sache ist, die außerdem durchaus extremsportlich psychische und körperliche Kräfte zehren kann. (Letzteren Befund hat übrigens derselbe Arzt Dr. Pfleger in diversen Berichten dokumentiert…)
«ZEIT-Schachspalten» nennt sich nun eine neueste (insgesamt bereits die fünfte bei der Edition Olms erschienene) Sammlung von Kolumnen aus der quirligen Feder des nimmermüden Schach-Enthusiasten Helmut Pfleger, dem wohl so mancher vom Schach (noch) unbeleckter Zeitungsleser seine erste Begegnung mit dem Spiel der Könige verdankt. Und erneut beeindrucken in diesen 120 ein-seitigen Glossen neben der Vielfalt des ganzen bunten Schach-«Drumherums» die vergnügliche Eleganz, mit der Pfleger den menschlich-allzumenschlichen Klatsch&Tratsch übers Schach als jeweiligen Aufhänger für die schachtechnischen Analysen seiner zahllosen Großmeister-Partien nimmt.

Helmut Pfleger

Helmut Pfleger

Das enorme schach-psychologische, -historische, -biographische und theoretische, ja gar -politische Wissen des Autors schlägt sich dabei in jeder seiner Glossen nieder, so dass man ob all den vielen Details zu Person und Leben und Umfeld des jeweiligen Protagonisten fast vergisst, dass da noch seitenweise knifflige, immer aber tatsächlich höchst «amüsante» Schach-Aufgaben zu lösen bzw. überraschende Gewinnzüge zu finden sind. Bezeichnend für das Spektrum des Pflegerschen Schach-Kosmos sind etwa Kapitel-Überschriften wie: «Wenn Blondinen kombinieren»; «Blechbüchsen-Schach»; «Als Einstein die Fäden zog»; «Mehr Stellungen als beim Sex»; «Lockruf der Smarties»; «Vishy mit Krone und Zepter» oder «Ernst Jüngers Bombenzug». Und so erfährt der Leser z.B., was Max Frisch beim Schach am meisten zusagte, nämlich dass man dabei nicht reden muss; dass Ludwig Thoma als schwacher Spieler um 10 Pfennige pro Partie spielte; dass Ephraim Kishon seinen Schachcomputer zu bescheißen pflegte; dass Bobby Fischer den vieljährigen WM Lasker als Kaffeehausspieler beschimpfte; dass Jean Paul einst befand, Schach zusammen mit Kaffee seien ein «gutes Treibmittel des Gehirns»; dass Kramnik seinen Weltmeister-Titel als «tonnenschwere Last» empfand – oder dass die Frau des Surrealisten Duchamp schon auf der Hochzeitsreise genug von ihrem Mann hatte, weil der sich mehr dem Schach als ihr zuwandte.
Das eigentliche Salz des Pflegerschen Sammelsuriums – es wurde von Raymund Stolze lektoriert und zusammengestellt – sind aber natürlich seine 120 Kniffeleien, mit denen er seine Geschichten und Geschichtchen garniert. Vorwiegend kombinatorisch kommen die meisten Schachaufgaben daher: ein taktischer Überraschungscoup ist jeweils die Lösung. Und auch hier ist das thematische Feld ein weites: Vom Eröffnungsreinfall bis zum Endspiel-Filigran, von der Fesselung bis zur Sperrung, vom Abzugsschach bis zum Qualitätsopfer reicht die Spannweite, wobei jedesmal ein Diagramm der Ausgangspunkt der Detektivarbeit ist. Die Beiträge stammen aus den Jahren 2005 bis 2008.
Alles in allem also ein neuer «Pfleger», wie ihn die große Fan-Gemeinde kennt: Witzig, frappant, informativ. Zurecht schreibt der deutsche Bundespräsident A.D. Weizsäcker in seinem «Geleitwort», dass Großmeister Pfleger ein ebenso hervorragender Schachspieler wie Pädagoge sei. Ungetrübtes Schach-Lesevergnügen.

Helmut Pfleger, ZEIT-Schachspalten, 120 amüsante Aufgaben und überraschende Lösungen aus DIE ZEIT, 136 Seiten, Edition Olms, ISBN 9783283010126

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Ursula Petrik: «Die Leiden der Neuen Musik»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Musik, Musik-Forschung, Musik-Rezensionen, Rezensionen, Ursula Petrik, Walter Eigenmann von Walter Eigenmann am 9. Mai 2009

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Unheilvolle Apotheose des Fortschritts

Walter Eigenmann

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Petrik_Die Leiden der neuen Musik_CoverIn wahrscheinlich noch keiner Epoche der mehrtausendjährigen Musikgeschichte war eine solche Diskrepanz von Kunstmusik und Hörerschaft zu konstatieren, wie sie spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg breit bemerkbar und auch allmählich intensiver soziologisch, ästhetisch und musikhistorisch thematisiert wurde, und wie sie sich inzwischen – auch gerade in unserem Zeitalter der «postmodernen Beliebigkeit» – zu einem regelrechten «Zerwürfnis» zwischen originärem Komponieren und allgemeingesellschaftlichen Hörkonventionen ausgewachsen hat. Die verhehrende Konsequenz dieses Driftings ist bekannt: Die sog. Neue Musik (=Avantgarde) existiert, aber sie ist nicht existent… Denn ihre Kompositionen, Komponisten und/oder Protagonisten fristen im «Kulturbewusstsein» der Allgemeinheit – sofern diese überhaupt Kenntnis nimmt von mehr als «Unterhaltungsmusik» – ein allenfalls akademisch gepflegtes Nischen-Dasein, ihre Aufführungen finden meist – trotz der üblichen «Sandwich»-Programmpraxis «Klassisches-Modernes-Klassisches» – vor leeren Säälen statt, und kaum, dass ihre Schöpfer und Ausführenden überhaupt Verlage bzw. Notenmaterial für Ihre Produktionen finden und nicht vielmehr selbstausbeuterisch in völliger «eigenverantwortlicher» Isolation arbeiten müssen…
Welche musikalischen Strömungen, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und individualkompositorischen Motive sind dafür verantwortlich, dass der «Neuen Musik» seitens des Publikums kaum Beachtung, geschweige denn Zustimmung zuteil wird? Welche «Personalstile» führen zu der Kluft zwischen aktueller «abendländischer Tonsprache» und den Erwartungen bzw. Wünschen fast aller Hörerschichten der modernen Gesellschaften? Ist die konsequente Aufgabe aller Tonalität – wie sie z.B. in der Zwölfton-Musik Schönberg’scher Provenienz erstmals stil- und schulbildend und bis in unsere Tage quasi der «Minimalkonsens» (fast) allen arrivierten Komponierens wurde – eine widernatürliche Ignoranz gegenüber hörphysiologischen bzw. -anthropologischen Gesetzmäßigkeiten?
Die Wiener Musikwissenschaftlerin Ursula Petrik geht diesen Fragen in ihrer jüngsten Publikation «Die Leiden der Neuen Musik» nach, indem sie die maßgeblichen Entwicklungszüge in den Mittelpunkt hebt, welche mit der sog. «Zweiten Wiener Schule» sowie den berühmten bzw. bedeutsamen «Internationalen Ferienkursen für Neue Musik» assoziiert werden.
Die Autorin selber über die Intentionen ihrer Arbeit: «Es wird davon ausgegangen, dass sich bereits im frühen 20. Jahrhundert eine Kluft zwischen den ästhetischen Vorstellungen der Komponisten und den Erwartungen und Wünschen der Hörer aufgetan hat, die bislang nicht überbrückt werden konnte.» [...] Als zweiter und wohl schwerwiegendster Faktor in diesem Prozess wird die Preisgabe der Tonalität geltend gemacht. Da das Phänomen «Tonalität» innerhalb der Musikforschung ein bislang ungelöstes Problem darstellt, werden zunächst Tonalitätsbetrachtungen des 19., 20. und frühen 21. Jahrhunderts angeführt und diskutiert. Das Kapitel beinhaltet auch eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Atonalität Schönbergs, Weberns und Bergs, namentlich mit den verschiedentlichen Versuchen ihrer theoretischen Rechtfertigung, mit ihren musikalischen Konsequenzen sowie mit den dokumentierten Reaktionen seitens Musikkritik und Publikum auf ihre kompositorischen Ausformungen. Ferner werden die nicht atonalen Zwölftontheorien Josef Matthias Hauers und Othmar Steinbauers vorgestellt und in Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit Schönbergs Zwölftonmethode verglichen. Abschließend wird ein Überblick über die Rezeption der Zwölftonmusik gegeben.
Das Folgekapitel nennt als weitere Ursache für die Entfremdung zwischen Komponist und Hörer die rasante Progression auf Basis des musikalischen Materials. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei auf den Entwicklungen, die sich nach 1950 im Kontext mit den Darmstädter Ferienkursen ereigneten. In diesem Kontext wird auch der Einfluss von Theodor W. Adornos «Philosophie der neuen Musik» auf das Musikdenken der Nachkriegs-Avantgarde näher beleuchtet.
Im letzten Kapitel wird die Absage der Komponisten des 20. Jahrhunderts an das Publikum als ursächlicher Faktor für die beiderseitigen Kontaktschwierigkeiten erörtert. Es wird hinterfragt, inwiefern das musikästhetische und -philosophische Schrifttum die soziale Isolation der Neuen Musik beeinflusste und welche Rolle die Massenmedien als deren Förderer dabei spielten.»

Ursula Petrik

Ursula Petrik (Wien)

Ursula Petriks «Die Leiden der Neuen Musik» ist – in ihrer detailreichen Dokumentiertheit und gleichzeitig in ihrer durchdachten Fokussierung auf die sowohl musiktheoretisch wie -soziologisch prägenden «Mainstreams» des extrem komplexen Phänomens «Neue Musik» – eine ebenso willkommene wie eloquente Abhandlung, und zugleich eine durchaus praxisorientierte Bestandesaufnahme, welche sich nicht beim historisierenden Befund bescheidet, sondern  die gesamte Vielfalt des Kontextes, also auch die ökonomischen, ideologischen bzw. kulturpolitischen Immanenzen berücksichtigt.
Schade nur, dass dieser hohen inhaltlichen Qualität des Bandes das drucktechnische Erscheinungsbild zuwiderläuft (was durch den angenehm tiefen Preis nicht wettgemacht wird): Teils lieblose Typographie und v.a. miserable Buchbindung sollten in einer (hoffentlich nötigen) zweiten Auflage unbedingt verbessert werden.
Davon aber abgesehen: Wer sich an der Diskussion über die sog. «Neue Musik» beteiligen will (oder z.B. aus schulischen Gründen beteiligen muss), kommt an diesem hervorragenden, analytisch präzisen und kenntnisreich präsentierten Traktat Petriks nicht vorbei. Durchaus empfehlenswert auch für «Laien und Amateure», welche sich eine minimale Offenheit gegenüber neuen musikkulturellen Entwicklungen bewahrt haben – und vielleicht mal den obligaten «Abend mit Mozart und Beethoven» austauschen zugunsten der Neugier auf eine (erste?) Begegnung mit Schönberg&Co…

Ursula Petrik, Die Leiden der Neuen Musik, Die problematische Rezeption der Musik seit etwa 1900, Edition Monochrom Wien, 164 Seiten, ISBN 978-3950237245

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Inhalt
       Vorwort                                                                  7
       Danksagung                                                               9
I.     Die Entwicklung der bürgerlichen Musikkultur                            11
       und der Musikanschauung bis 1900
LI.    Zur gesellschaftlichen Situation der Musikschaffenden um 1800           11
1.2.   Rückwendung zur musikalischen Vergangenheit                             14
1.3.   Tradition wider Innovation                                              17
1.4.   Widerläufige ästhetische Konzepte                                       21
1.5.   Eskalationen im Zuschauerraum                                           26
1.6.   Auseinandertreten von Kunst- und Trivialmusik                           28
1.7.   Konsequenzen                                                            44
2.     Die Entfremdung zwischen Komponist und Hörer                            48
2.1.   Voraussetzungen: Das Ende der verbindlichen Tonsprache                  49
2.2.   Die Preisgabe der Tonalität                                             56
2.2.1. Die Rolle der Musiktheorie bei der „Auflösung der Tonalität"            58
2.2.2. Tonalitätsbetrachtungen des späteren 20. und frühen 21. Jahrhunderts    61
2.2.3. Schönbergs Konsonanz-Dissonanz-Betrachtung                              64
2.2.4. Musikalische Konsequenzen der Preisgabe der Tonalität                   66
2.2.5. Hypothesen zu einem „atonalen Tonsatz"                                  69
2.2.6. Reaktionen auf die frühe atonale Musik                                  70
2.2.7. Formprobleme der frei atonalen Musik                                    88
2.2.8. Restitution der Fasslichkeit durch Schönbergs Zwölftonmethode?          90
2.2.9. Andere Zwölftonschulen: Gemeinsamkeiten und Unterschiede               107
2.2.1. Zur Rezeption der Zwölftonmusik 114 2.2.11. Schlussbetrachtung         119
2.3.   Die Apotheose des Fortschritts                                         121
2.4.   Absage an das Publikum                                                 142
       Schlussbetrachtung und Ausblick                                        152
       Literatur - eine Auswahl                                               155
       Personen- und Sachregister                                             157

Leseprobe

Petrik_Die Leiden der neuen Musik_Leseprobe
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Der internationale Schachkongress St. Petersburg 1909

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Emanuel Lasker, Rezensionen, Schach, Schach-Rezension von Walter Eigenmann am 28. April 2009

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Bedeutende Kommentierung eines bedeutenden Turniers

Walter Eigenmann

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lasker-schach-stpetersburg_coverDie Historie der Schach-Literatur hat, wie jede künstlerische oder zumindest kulturelle Ausprägung, ihre zahlreichen unverzichtbaren Glanzpunkte – Eckpfeiler einer jahrhundertelangen geistesgeschichtlichen Entwicklung. Dazu gehören u.v.a. die Schach-Monographien der ganz Großen, aber auch deren Tunier- bzw. Partien-Bücher – von Steinitz’ «The book of the Sixth American Chess Congress» (1891) bis zu Aljechins «New York 1924», von Botwinniks «Half a century of chess» (1984) bis zu Fischers «Meine 60 denkwürdigen Partien», und von Euwes «Amateur-Meister»-Bänden bis zu Kasparows «Meine großen Vorkämpfer». Ein weiterer (vieljähriger) Schach-Weltmeister mit produktiver Feder war der Deutsche Emanuel Lasker; sein berühmtes Turnierbuch «Der internationale Schachkongress zu St. Petersburg 1909» wird nun in der «Tschaturanga»-Reihe der Schweizer Edition Olms als Reprint der vor 100 Jahren in Berlin erschienen Originalausgabe neu aufgelegt.
Das «Petersburger» 1909 zählt in der weltweiten Turnier-Geschichte zu den bedeutendsten Schach-Anlässen überhaupt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Am Start war (bis auf Tarrasch und Marshall) praktisch die gesamte Crème de la Crème des damaligen Spitzenschachs: Neben Lasker kreuzten u.a. Akiba Rubinstein, Rudolf Spielmann, Oldrich Duras, Richard Teichmann, Ossip Bernstein, Carl Schlechter, Savielly Tartakower, Milan Vidmar, Amos Burn und Jacques Mieses ihre Klingen. (Der damals 16 Jahre junge Aljechin war noch nicht reif fürs internationale Meister-Podium, gewann aber sensationell das zeitgleiche «Allrussische Nationalturnier». Sein Antipode Capablanca hatte 1911 in San Sebastian seinen großen Durchbruch).

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Nicht nur das Turnier – Lasker und Rubinstein teilten sich den Ersten Preis -, sondern auch Laskers Turnierbuch ist ein Edelstein der Schachgeschichte. Zurecht schreibt Isaak Linder in seiner amüsant und und detailreich geschriebenen «Einführung» über Laskers Kommentierstil, für Lasker sei das Bestreben charakteristisch, in seinen Kommentaren einen besonderen Akzent auf die taktischen und kombinatorischen Momente des Kampfes zu legen. Was nicht zufällig sei: «Diese Herangehensweise ergibt sich aus der gesamten Laskerschen Konzeption der gewaltigen Rolle der ästhetischen Wirkung des Schachs sowohl auf den Spielenden selbst als auch auf den Betrachter der Partie.» Linder weiter: «Die Anmerkungen Laskers zu den Partien dieser Veranstaltung tragen einen konkreten Charakter. Manchmal sind sie lakonisch, mitunter aber analytisch umfangreich. In einer Reihe von Fällen verweist er auf Fehler oder auf die Möglichkeit besserer Fortsetzungen. Obwohl Lasker dem Eröffnungsstadium größtenteils keine Aufmerksamkeit widmet, weil er um die Unbeständigkeit der Bewertung dieser oder jener Züge und Varianten weiß, zeigt er bisweisen dennoch seiner Meinung nach aussichtsreiche Wege auf.»

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Emanuel Lasker (1868-1941)

Die ideellen Grundsätze des genialen Weltmeisters und bedeutenden Philosophen Emanuel Lasker nicht nur für dieses Buch, sondern überhaupt im Leben und Stil schimmern sehr aufschlussreich auch in Laskers Buch-Vorwort selbst durch, wo er diese seine Sammlung aller 175 Petersburger Turnier-Partien aus dem Jahre 1909 folgendermaßen einleitet:

Wie die Meister des Jahres 1909 bei einer Zeitbeschränkung von 15 Zügen die Stunde Schach gespielt haben, und wie einer von ihnen in weniger als sechs Monaten die so entstandenen Partien mit Glossen versehen hat, berichtet dies Buch. Es ist eine Fundgrube für den, der Charakter und Denken erforschen will. Sodann ist es von Nutzen für den, der den verwickelten Kombinationen einer modernen Meisterpartie zu folgen gelernt und diesen ebenso leichten wie angenehmen und lehrhaften Zeitvertreib liebgewonnen hat.
Wer diese Partien aufmerksam daraufhin untersucht, wird die Charaktere der zwanzig Meister entdecken können, grundverschieden durch nationale Begabung und persönliche Eigenart, im Temperament, in der Art zu hoffen und zu fürchten, Angriff zu ertragen oder zu machen, genau oder unbestimmt zu denken und zu handeln, und in vielen kleineren Zügen. Welch eine reiche Ernte wird der Erforscher menschlicher Natur hier sammeln können!
Für die Schachfreunde, denen das Denken des Schachmeisters noch ein verschlossenes Buch ist, sind hier die Siegel erbrochen. Seine Methoden werden dargelegt, wo sie von Erfolg gekrönt sind und auch, wo sie versagen. Und es ist eine Tatsache, die uns für die Zukunft noch viel des Bedeutenden erhoffen läßt, daß trotz der zweifellosen Errungenschaften einer tausendjährigen Evolution noch manches Problem sich stellt und mancher Irrtum begangen wird.

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Ich habe mich bemüht, der Zeit den Spiegel vorzuhalten. Was jetzt als wertvolle und gesicherte Wahrheit vorhanden ist, wird man in den Glossen finden. Was jetzt noch zweifelhaft erscheint, ist hier als Problem gekennzeichnet; die Lösung ist vorgeschlagen, doch nicht dogmatisch.
Den Nachspielenden, der zu seinem Vergnügen und zu leichter Unterhaltung Partie und Noten benutzen will, habe ich nach jeder Richtung hin unterstützen wollen; und wenn einem solchen irgendeine Partie schwer verständlich geblieben ist, so habe ich gegen meine Absicht gefehlt. Denn dies Buch ist geschrieben worden zur Belehrung und Erheiterung aller Schachfreunde!

Emanuel Lasker, Der internationale Schachkongress zu St. Petersburg 1909, Reprint der Originalausgabe 1909, 252 Seiten, Edition Olms/Tschaturanga, ISBN 9783283010102

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Probeseite

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Diagnose: Bösartiger Hirntumor

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Eric Baumann, Literatur, Psychologie, Rezensionen, Walter Eigenmann von Walter Eigenmann am 22. Januar 2009

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Eric Baumann: «Einen Sommer noch»

Walter Eigenmann

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eric-baumann_einen-sommer-noch_coverBücher mit einem ähnlichen Klappentext wie dem folgenden wurden und werden immer wieder publiziert, und liest man in der Buchhandlung solche Sätze wie auf der Rückseite von Eric Baumanns Buch «Einen Sommer noch», denkt man «Armer Kerl!» und stellt es mitfühlend-seufzend wieder ins Regal zurück:
«Er ist jung, erfolgreich, frisch verliebt – und auf dem Karrieresprung. Dem Journalisten Eric Baumann steht die Welt offen. Doch sein Körper spricht eine andere Sprache, schickt Kopfschmerzen, Sprachaussetzer, Sehstörungen. An seinem 34. Geburtstag erfährt Eric Baumann, dass er einen bösartigen Gehirntumor hat, der sofort operiert werden muss. Seine Überlebenschancen sind auch nach der Operation gleich null. Ab diesem Zeitpunkt steht über jedem schönen Augenblick die Frage: Werde ich das je wieder erleben? Dennoch gibt Eric Baumann auch in Momenten tiefster Verzweiflung nicht auf. Mit offenen Augen schaut er in die Welt und wehrt sich mit Lebensfreude und Mut nun schon mehr als drei Jahre gegen den sicheren Tod.»
Nun, diesen Band des Luzerner Wirtschaftsjournalisten Eric Baumann sollte man nicht wieder ins Regal zurückstellen. Sondern miterleben.
Gewiss, Baumann ist weder Poet, noch Literat, noch Wissenschaftler, noch Philosoph, noch Pfarrer, noch Märtyrer. Seine Sprache: Knapp, realistisch, voller Verben und Substantive, ohne alle Larmoyanz, streckenweise schier ohne Sentiment, doch wider Erwarten keineswegs humorlos – wie das alles gute Wirtschaftsredakteure durchaus können. Und überhaupt: «Um mich zu besinnen, muss ich nicht die Hände falten. Ich brauche auch keine Institution, die mir zu erklären versucht, was nach dem Tod passiert.» Denn dieses «Einen Sommer noch» impliziert zwar Hoffnung, es bilanziert gar irgendwie, obwohl es nur nach vorne blickt – aber vor allem sind diese knapp 260 Seiten ein in seiner detaillierten Intensität ungeheuer beeindruckendes, so noch nie gelesenes Stenogramm einer Heimsuchung.
eric-baumann_lubbe-verlagUnd deren menschlicher wie medizinischer Bewältigung. Baumann hat einen wahren Kosmos der inneren Monologe und und der äußeren (medizinischen) Dialoge, auch der sozialen Netze, der widersprüchlichen Therapie-Diskussionen, des Selbstbeobachtens und des Fremdbestimmtseins, bis hin zur Resignation und zur Resurrektion zwischen zwei Buchdeckel gelegt, seine Sätze voller «Ich» und «ich» und voller Namen von Menschen und Leuten und Sachen und Techniken vermitteln zwischen Chemotherapie und Anthroposophie, zwischen Glioblastom und Qigong, zwischen Misteln und Tomographen. Kein Zweifel, nachdenken und reden über eine Krankheit wie Krebs ist ihrer Bekämpfung enorm förderlich. Wiewohl Baumann differenziert: «Den Begriff ‘Kampf’ für den Umgang mit dem Krebs streiche ich aus meinem Vokabular. Ich interpretiere meinen Weg eher als Prozess. [...] Klar ist er ein Biest, dieser Tumor. Nach der Lektüre einiger Bücher wie dem von Simonton verstehe ich ihn aber immer mehr als einen Teil von mir, denn seine Zellen gehören zu meinem Zellenvolk. Wenn ich visualisiere, mag ich mir jedenfalls nicht einen Krieg von gegeneinander antretenden Zellen vorstellen, selbst wenn das der Realität entspricht. Das Putzteam ist mir sympathischer.»
«Einen Sommer noch» ist das anrührend ehrliche, sensibel, doch ungeschönt notierende, in seiner intelligent sezierenden Präzision fast beängstigende, zwar subjektivst erlebte und erlittene, aber auch in große menschliche und medizinische Vorgänge eingebettete Protokollieren des Überlebens - von der ersten dringenden Hirnoperation bis zur jüngsten Nevada-Reise mit Partnerin Alice. Dazwischen liegen hoffnungsvolle Monate und Jahre – geschenkte Lebenszeit, gemäß Statistik. Doch wie schreibt der inzwischen 38-jährige, noch immer an einem der schlimmsten, weil bösartigsten Hirntumore (= Grad IV der WHO) leidende Autor – alles Gute ihm auch von hier aus! – in seinem Buch-«Epilog»:
«Es ist Frühling, es ist warm. Wie vor einem Jahr sitze ich im Parkcafé, nippe an einer Apfelschorle. Vor mir liegt ein Manuskript, meine Geschichte. – Ich habe wieder einen Befund aus dem Spital erhalten. Es sieht gut aus. Die Chemomedizin muss ich aber weiterhin schlucken, es wäre fahrlässig, sie abzusetzen. – Ein Sonnenstrahl dringt durch eine Allee von Pappeln. Der Sommer steht vor der Tür. Noch einer. Was für ein schönes Leben! – Ich packe zusammen. Fertig für heute. Es gibt ein Morgen.»

Eric Baumann, Einen Sommer noch, Mein Leben mit der Diagnose Hirntumor, 268 Seiten, Lübbe Verlag, ISBN 978-3-7857-2355-5

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Leseprobe (Eric Baumann: «Einen Sommer noch»)

Ein Assistenzarzt zeigt mir die Bilder. Er wirkt desinteressiert,
sein Blick ist frustriert und müde. Was ich zu sehen bekomme,
schnürt mir die Kehle zu: Der Schatten ist viel deutlicher
zu sehen als auf der Computertomografie von gestern
Abend. Er dominiert den linken Schläfenlappen des Gehirns.
Um ihn herum hat sich eine enorme Schwellung gebildet. Sie
will mein Gehirn vor dem Eindringling schützen. Der Platz im
Kopf ist aber begrenzt, die Hirnmasse wird zur Seite gedrängt,
eingequetscht.
In der Mitte des Gehirns verläuft eine Linie. Normalerweise
ist sie gerade, meine aber hat derzeit eine Delle. »Midline-Shift
nach rechts«, heißt es im Spitalbericht. »Eindeutig Hirntumor«,
meint der Assistenzarzt. Also doch! Bestimmt wussten die Mediziner
in der Notfallstation gestern Abend bereits, dass es sich
nicht um eine Entzündung handelt. Vermutlich wollten sie
mir die Diagnose »Bösartiger Hirntumor« noch nicht als einzig
mögliche Erklärung zumuten.
»Der Tumor«, so der Arzt, »hat einen Durchmesser von etwa
vier Zentimetern und zerfranst in verschiedene Richtungen.«
Vier Zentimeter? Das ist etwa die Größe eines Pingpongballs!
Und zerfranst klingt nicht gut. »Harmlos ist er definitiv nicht«,
bestätigt der Assistenzarzt teilnahmslos. »Er muss weg. Wir
haben bereits einen Termin für Sie gefunden, die Operation findet
nächsten Montagmorgen statt, am dritten Januar.« In vier
Tagen komme ich unters Messer!
Hirntumore werden von der Weltgesundheitsorganisation
(WHO) in Kategorien eingeteilt, wie ich jetzt erfahre. I und II
sind gutartig, III und IV bösartig. Wucherungen aller Grade
beanspruchen Platz im Kopf. »Gutartig« ist also ein verharmlosendes
Wort, denn selbst in so einem Fall kann ein Tumor
zum Tod führen, wenn er zu groß wird.
Tumore höheren Grades wachsen sogar ins Gehirn hinein,
verästeln sich, zerstören Zellen und setzen damit früher oder
später lebenswichtige Funktionen außer Gefecht. In diesem
Fall gelten Hirntumore auch als Krebserkrankung. Gradmäßig
geht es nur nach oben. Ein maligner Tumor – Mediziner-Slang
für »bösartig« – kann sich nicht zu einem gutartigen zurückentwickeln.
»Genau wissen wir es erst nach der Operation. Vermutlich
handelt es sich um Grad III«, ergänzt der Assistenzarzt. Bestimmt
schlimm genug. Ich kann also nur noch hoffen, dass es
keine Nummer Vier ist. Sagt der Arzt die Wahrheit, oder ist die
Art, wie er seine Einschätzung formuliert, selbst bei ihm ein Akt
der Barmherzigkeit?
»Wie lange habe ich denn noch zu leben?«
»Das kann ich Ihnen nicht sagen. Wir wissen noch nicht
genug.«
»Bin ich dem Tod geweiht?«
»Nun, Sie müssen davon ausgehen, dass wir Sie nicht heilen
können. aber wir werden Ihnen eine zusätzliche beschwerdefreie
Zeit ermöglichen.«
Noch so ein Faustschlag. Das kann doch nicht sein. Ich,
sterben? Heute ist mein Geburtstag! Mir geht das alles viel
zu schnell. Wie soll ich als Vierunddreißigjähriger von einer
Stunde auf die nächste einen Plan für den Umgang mit der eigenen
Vergänglichkeit bereithalten? Dass mir in meinem Alter
schon der Tod blühen könnte, damit habe ich mich noch nie
auseinandergesetzt.[...]

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