Das klassische Glarean-Tangram (28)
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Legen Sie mit den Tangram-Elementen die folgende Figur
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Das Tangram-Puzzle
Das Tangram (auch Siebenschlau oder Weisheitsbrett genannt) ist ein altehrwürdiges chinesisches Geometrie-Spiel: Aus nur sieben Steinen eines Quadrates, nämlich fünf Dreiecken, einem Quadrat und einem Parallelogramm lassen sich die vielfältigsten Figuren (Pflanzen, Tiere, Menschen u.v.a.) legen, wobei immer alle sieben Steine verwendet werden müssen. Sie sollen sich berühren, dürfen sich aber nicht überlappen.
Schon in der uralten Kultur Chinas bedeutete das Quadrat die reinste Form einer Fläche, in sich vollkommen, und beim Tangram wird dieses in sich ruhende Quadrat nun aufgelöst in eine endlose Bewegung, wird es durch unablässige Veränderung zum Ausgangspunkt ungeahnter Gebilde, durch das Zusammenspiel seiner festen Elemente zum Quell des Neuen.
Die ersten Tangram-Bücher wurden zur Zeit des Ch’ing-Kaisers Chia Ch’ing (1796-1820) gedruckt, die früheste uns überlieferte Tangram-Publikation dort stammt aus dem Jahre 1813, doch das Grundprinzip des Spiels dürfte im asiatischen Raum schon lange vor Christi Geburt weit verbreitet gewesen sein. Eine frühe erste Veröffentlichung in Europa datiert aus dem Jahre 1805.
Inzwischen hat das Tangram einen wahren Siegeszug durch alle Kontinente angetreten, ist Gegenstand zahlreicher Bücher und Sammlungen geworden – und lädt unvermindert anregend und spannend ein zum Nachdenken, zum Knobeln, zum Sinnieren, ja vielleicht gar zum Philosophieren über die ewige Veränderung des ewig Gleichen…
Im «Glarean Magazin» finden sich regelmäßig interessante und berühmte Tangram-Aufgaben. Dabei wird das Lege-Puzzle erleichtert, wenn man sich aus Karton die sieben Grundelemente zurechtschneidet.
Sollten unter unseren Leserinnen und Lesern vielleicht sogar Tangram-«Erfinder» sein, so sind sie freundlich eingeladen, uns ihre neuen Figuren als Grafik-Datei zu senden! (we)
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Ein Beispiel
Legen Sie mit den Tangram-Elementen die folgende Figur
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Kultur-Ausschreibung der Zeitschrift «Sterz»
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Beiträge gesucht zum Thema «Herzblut»
«Sterz», die Wiener Zeitschrift «für Literatur, Kunst und Kulturpolitik», lädt unterm Motto «Herzblut» zur Einsendung von Lyrik-, Prosa-, Essay-, Wissenschafts-, Comic- oder Foto-/Grafik-Beiträgen und anderen abdruckbaren Techniken ein. Einsende-Schluss ist Mitte September 2011, weitere Einzelheiten finden sich hier. ▀
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Mariel Hemingway (Hg.): Ermest Hemingway in Bildern und Dokumenten
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«Aber das Leben ist nun einmal anderswo»
Ernest Hemingway zum 50. Todestag
Günter Nawe
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«Der alte Mann und das Meer» gehört wohl zu den schönsten Erzählungen, die uns Ernest Hemingway hinterlassen hat. Ansonsten assoziiert man mit dem Namen Hemingway häufig nur Frauen, Alkohol und ein abenteuerliches Leben, dem er am 2. Juli 1961 in Ketchum selbst ein Ende setzte.
Das also war vor 50 Jahren und damit Anlass genug, dieses außergewöhnlichen Autors zu gedenken. Sehr eindrucksvoll tut es die Enkelin Mariel Hemingway als Herausgeberin des fulminanten Bands »Ernest Hemingway in Bildern und Dokumenten».
Im Vorwort schreibt sie: «Ein richtiger Kerl, ein Jäger, ein Hochseeangler, ein Mann der klaren Worte und mein Großvater… Ich bin glücklich, Ernest Hemingways Enkelin zu sein… und ich fühle mich geehrt, ein Teil von ihm zu sein». Von diesem Stolz und von dieser Verehrung für «Papa Hemingway» ist viel in diesem Buch zu spüren. Allein die liebevolle und sehr geglückte Auswahl der Fotos, die den Menschen und Autor mit all seinen Facetten zeigen, belegt dies.
Es gab einmal eine Zeit, da war der Literatur-Nobelpreisträger von 1954 – den Preis hat er für den (man möchte sagen: unvergänglichen) Kurzroman «Dar alte Mann und das Meer» erhalten - regelrecht en vogue. Seine großartigen Reportagen als Kriegsberichterstatter vom Spanischen Bürgerkrieg und vom Stierkampf, seine Romane «Fiesta» (1926), «In einem anderen Land»(1929) und «Wem die Stunde schlägt» (1940) waren Bestseller. Wie auch das erst nach seinem Tod erschienene Buch «Paris – ein Fest fürs Leben», in dem Hemingway so brillant von seiner Zeit in Paris (1921-1928) erzählt, von seinen Begegnungen mit Gertrude Stein und anderen Persönlichkeiten aus Kunst und Literatur, von seiner Liebe zu seiner ersten Frau Hadley und von seiner Geliebten und zweiten Frau Pauline Pfeiffer. Insgesamt ist dieses Buch, das jetzt übrigens in einer sehr schönen neuen Übersetzung erschienen ist, auch eine wunderbare Erinnerung eine längst vergangene Zeit.
Seinen literarischen Ruhm hat Ernest Hemingway jedoch in erster Linie mit seinen Kurzgeschichten errungen, mit denen er fast eine eigene Stilrichtung begründet hat, einen Stil, revolutionär für die Literatur überhaupt, den der Autor von «Schnee auf dem Kilimandscharo», und «Das kurze glücklose Leben des Francis Macomber», um nur zwei Beispiele zu nennen, in Perfektion beherrschte.
Leben und Werk beschreibt in diesem Band Boris Vejdovsky, amerikanischer Literaturwissenschaftler und Mitglied der Hemingway Society. In acht programmatisch benannten Kapiteln – von «Eine amerikanische Kindheit» und «Die Kriege des Ernest Hemingway» über «Das Schreiben und der Tod» bis zu «Das verlorene Paradies der Männer ohne Frauen» – zeichnet er den Lebensweg dieses Autors nach. Mit Spannung folgt ihm der Leser von Hemingways Anfängen im amerikanischen Oak Park (1899) über die wunderbare Zeit in Paris, über die Reportagereisen nach Spanien und Italien, die Erkundung der afrikanischen Welt, seinen Kuba-Aufenthalt und so weiter – bis zum freiwilligen Ende in Ketchum am 2. Juli 1961.
Darüber geschrieben hat Hemingway immer «anderswo»: «Deshalb fährt er in sein Haus nach Key West, um dort über seine Erlebnisse in Afrika zu schreiben, so wie er, nach einem bereits bekannten Muster, in Paris über Michigan, auf Kuba über Paris, in Florida über Spanien schreiben wird – aber das Leben ist nun einmal anderswo.» (Vejdovsky)
Wer also war dieser Ernest Hemingway? Ein Frauenheld (er war viermal verheiratet und hatte unzählige Affären), ein Alkoholiker, ein Abenteurer, Großwildjäger, Stierkämpfer, ein Aufschneider, am Ende gar ein Psychopath? Vejdovsky gelingt es nicht nur, ein hervorragendes Psychogramm eines Machos mit einer sehr empfindsamen Seele zu zeichnen, er räumt vor allem mit vielen Legenden auf, für die Hemingway oft genug selbst verantwortlich war, weil er häufig Literatur und Leben miteinander verwechselt hat. Gerade das aber mag ihn zu einem so großartigen Schriftsteller gemacht haben.

Es macht Freude, den Lebensweg Ernest Hemingways in diesem Buch mitzugehen, und es sind - neben dem Hemingway-Essay von Boris Veidovsky - nicht zuletzt die 300 von Papa Hemingways Enkelin Mariel zusammengetragenen, teilweise bisher unbekannten Bilder, die dem Leser das Genie Hemingways näherbringen.
Es macht Freude, den Lebensweg Ernest Hemingways in diesem Buch mitzugehen. Es sind die 300 von Hemingways Enkelin zusammengetragenen, teilweise bisher unbekannten Bilder, die dem Leser diesen Ernest Hemingway näherbringen. Wer selbst einmal im Geburtshaus in Oak Park war oder in Paris und in Spanien den Spuren von Hemingway nachgegangen ist, wird geradezu ein Déjà-vu-Erlebnis haben.
Es ist vor allem auch der großartige biografische Essay von Boris Vejdovsky, den diese Bilder illustrieren. Ein Text, mit dem der Autor nicht nur den Menschen und Schriftsteller Ernest Hemingway «lebendig» werden lässt. Dieser biografische Essay ist auch, wie das gesamte Buch, aus gegebenem Anlass eine wunderbare und würdige Hommage für Ernest Hemingway. ▀
Mariel Hemingway (Hg.), Ernest Hemingway in Bildern & Dokumenten, 208 Seiten, 350 Abbildungen, Edition Olms Zürich, ISBN 978-3-283-01178-9
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Der brillante Schachzug (95)
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Weiß gewinnt
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Das «Glarean»-Streichholzrätsel
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Legen Sie eines der Streichhölzer so um, dass die Gleichung stimmt
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Richard Strauss: «Arabella» (George Solti)
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Klassische Aufnahme eines missverstandenen Werkes
Wolfgang-Armin Rittmeier
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Richard Strauss’ Oper «Arabella» hatte es nie so richtig leicht. Man sah das Werk, das die letzte Zusammenarbeit des Komponisten mit Hugo von Hofmannsthal sein sollte, als lauen Aufguss des «Rosenkavaliers» und müden Versuch, an den Erfolg desselben anzuschließen. Schließlich fühlte sich Strauss 1927 nach der Komposition der ästhetizistischen und antikisierenden «Ägyptischen Helena» vollkommen «abgebrannt» und forderte seinen kongenialen Librettisten dazu auf, die Vorlage für eine heitere Spieloper zu liefern – und legte ihm nahe: «Es darf sogar ein zweiter Rosenkavalier sein…», schließlich habe er «in diesem Stimmungsgebiet noch nicht [sein] Letztes gesagt.» Hofmannsthal beginnt mit der Arbeit. Er verschmelzt den Stoff seiner bereits 1910 entstandenen Novelle «Lucidor – Figuren zu einer ungeschriebenen Komödie» mit dem 1924 wieder ins Schubfach gelegten Komödienentwurf «Der Fiaker als Marquis» zum Libretto der «Arabella», wobei er Strauss, der sich ganz auf einen zweiten «Rosenkavalier» einschießt, erläutert, dass er diesen nicht bekommen wird, denn «der Ton der ‚Arabella’ wieder unterscheidet sich sehr von dem des ‚Rosenkavalier’. Es ist beidemal Wien – aber welch ein Unterschied liegt dazwischen – ein volles Jahrhundert! Das Wien unter Maria Theresia – und das Wien von 1866. [...] Die Atmosphäre der ‚Arabella’ [...] ist gewöhnlicher. Dem ganzen zweifelhaften Milieu dieses kassierten Rittmeisters Waldner haftet etwas Ordinäres an, ein ganz ordinäres und gefährliches Wien umgibt diese Figuren [...].»
Das Werk also, dem man aufgrund der Strauss’schen Initialidee vom zweiten «Rosenkavalier» noch heute vorwirft, es sei ein Abklatsch, überziehe das humorige Metier, neige schon ein wenig zu sehr ins Land der ewig-lächelnden Operette und sei im Grunde zu seicht und substanzlos, dieses Werk war von Seiten Hofmannsthals vollkommen anders intendiert. Tatsächlich ist die Geschichte um die verarmte Grafentochter aus dem Wien der 1860er Jahre keine platte «Boy-meets-girl»-Story à la Courths-Mahler. Sicher, Hofmannsthals Libretto hat Schwächen. Der erste Akt ist zu lang, so dass auch Strauss Mühe hat, ihn durchgehend griffig und einfallreich zu gestalten. Die doppelte Liebesgeschichte überrascht nicht, schließlich hat dergleichen auch schon ein Shakespeare vorgelegt. Der Verlauf der Handlung ist furchtbar absehbar.
Und doch: Hofmannsthal gelingt eine abgründige Wiener Gesellschaftsstudie des ausgehenden 19. Jahrhunderts, auf deren Folie die Liebesgeschichte der Arbella und ihrer Schwester Zdenka nur scheinbar harmlos dahinschwebt. Tatsächlich werden durch die Liebesgeschichte jedoch ganz andere Themen offenbar: Es geht in «Arabella» letztlich um Macht, Geld, Käuflichkeit, Sexualität, Unterdrückung und Unterwerfung. Blickt man aus dieser Persepektive auf die «Arabella», so offenbart sich ein Werk, das nicht einfach auf der durch melodiöse «Walzerseligkeit» ausgelösten Erfolgswoge mitschwimmen, sondern die dunklen Geheimnisse thematisieren will, die nur ein ganz kleines Stück unter der glänzenden Wiener Welt jener Jahre lauerten. Nicht umsonst spielt Hofmannsthals Oper im Fasching – zu jener Zeit also, in der nichts das ist, was es scheint.
Eine der wahrlich großen Aufnahmen jenes oft missverstandenen Werkes entstand im Jahre 1957 unter der Leitung von George Solti, der für dieses Projekt erstmals mit den Wiener Philharmonikern zusammentraf. Groß ist diese Einspielung aufgrund einer ganzen Reihe von Umständen. Zum einen ist sie von historischer Bedeutung, weil sie der Auftakt zu einer Reihe von fulminanten Opern-Aufnahmen darstellt, die Solti und die Wiener in Folge gemeinsam produzierten. Zweitens ist die Besetzung mehr als luxuriös. Lisa Della Casa ist vielleicht die Arabella des 20. Jahrhunderterts; kein Wunder, dass man sie bald die «Arabellissima» nannte, hat man doch selten ein stimmigeres Rollenportrait gehört. Ihre Fähigkeit, dem mädchenhaften «in der Schwebe sein» Arabellas Plastizität zu verleihen, ist ebenso außergewöhnlich wie die Süßigkeit der Überzeugung, mit der sie sich dem «richtigen» Mann (Mandryka) unterwirft, der «auf Zeit und Ewigkeit» ihr «Gebieter» sein wird.
Ebenso schlüssig, wie Della Casa den Entwicklungsprozess der Arabella von der etwas flatterhaften Arabella zur bürgerlichen Ehefrau Schiller’scher Manier darstellt, legt Hilde Güden die Zdenka an. Das Changieren in den ersten beiden Akten zwischen der (aufgezwungenen) Hosenrolle des Zdenko und der sich stark in ihr regenden Weiblichkeit der Zdenka ist für jede Darstellerin ein Drahtseilakt, den die Gueden bestens bewältigt, um die Figur im letzten Akt zu einer Arabella in nichts nachstehenden Schönheit aufblühen zu lassen.

Georg Soltis Einspielung der «Arabella» von Richard Strauß aus dem Jahre 1957 ist ein Meilenstein der Diskographie und mit Lisa Della Casa, Hilde Güden und George London ideal besetzt. Sie zeigt die thematische Vielschichtigkeit des mit Voruteilen belasteten und eher vernachlässigten Werkes bestechend auf.
George London gibt einen virilen Mandryka, jeder Zoll ein «echter Mann», der nicht nur über finanzielle Potenz zu verfügen scheint. London liegt die emotionale Bandbreite dieser Rolle – bei deren Anlage Strauss sich weidlich an dem den Ungarn gern zugesprochene Klischee vom «Himmelhoch-jauchzend-zum-Tode-betrübt» bedient hat – ganz ausgesprochen, und es zeigt sich seine Meisterschaft in der Gestaltung komplexer Figuren. Anton Dermota (Matteo) ist der ideale verzweifele junge Held. Gekrönt wird das Ganze von Otto Edelmanns Grafen Waldner, dessen zweifelhafte Integrität als Familienoberhaupt und Hallodritum der Edelmannschen komödiantischen Ader bestens liegt.
Schießlich zeigt die Einspielung, dass es Solti eben nicht nur um den oberflächlichen Gehalt des Werkes geht, sondern auch um dessen psychologische und musikalische Tiefenstruktur. Solti und die ganz exquisit spielenden Wiener Philharmoniker genießen nicht nur die Süffigkeit der Partitur, sondern durchleuchten das enge Geflecht aus Leitmotiven und Selbstzitaten, machen Bezüge deutlich, leisten beste Charakterisierungsarbeit und sind bei aller Üppigkeit stets auf Transpanzenz bedacht. ▀
Richard Strauss, Arabella, Doppel-CD, Wiener Philharmoniker – George Solti, Documents (Music Alliance Membran) / ADD
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Das neue «Glarean»-Sudoku
Tobias Wolff: «Unsere Geschichte beginnt»
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«Alles wird gut…»
Bernd Giehl
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Keine Sorge, meine sehr verehrten Damen und Herren, die Atomkraft ist sicher. Vielleicht nicht in Japan, aber in Deutschland und ganz besonders in der Schweiz. Griechenland wird nicht bankrottgehen – und wenn doch, wird sich die Spekulation ganz bestimmt nicht gegen Irland oder Spanien richten, und wenn der Euro wider Erwarten doch die Flügel streckt, werden wir eben den Schweizer Franken als europäische Währung einführen. Ansonsten werden wir das Klima retten und die Wale natürlich auch. Sie sehen, es ist alles in bester Ordnung und nur noch eine Frage der Zeit, bis Libyen und Syrien Mitglieder der EU werden.
Nein, so schrill und wie Pfeifen im dunklen Wald klingen die Geschichten nicht, die Tobias Wolff erzählt. Auch ist die Lüge und der Selbstbetrug nicht so deutlich sichtbar wie in den Behauptungen, die ich eingangs aufgestellt habe. Aber in vielen Erzählungen von «Unsere Geschichte beginnt» geht es genau darum: Wie Menschen einer Gefahr ins Auge sehen und sie dann doch verdrängen. Wie sie in einem Moment der Hellsichtigkeit selbsterkennen und dann doch weiterleben, als wäre nichts geschehen. Sie machen sich etwas vor. Und darin gleichen sie uns.
Nur ist das alles sehr viel diskreter, als ich es gerade getan habe. Und wenn man sich von der ersten Geschichte dieses Bandes «Im Garten der nordamerikanischen Märtyrer» aufs Glatteis führen lässt, dann wird mancher sogar vehement bestreiten, dass es hier um Illusionen und Selbstbetrug geht. Denn Mary, die «Heldin» dieser Geschichte, eine abgehalfterte College Professorin, die auf der Suche nach einem neuen Job ist, verzichtet ja gerade auf die Lüge und erzählt dem Ausschuss, der sie einstellen soll, was dieser keinesfalls hören will. Aber sie weiß eben auch, dass sie sowieso keine Chance hat, sondern nur als Zählkandidatin fungiert.
In den allermeisten anderen Geschichten des Bandes verhält es sich jedoch anders. In «Nebenan» werden Eheleute Zeugen häuslicher Gewalt in der Nachbarwohnung, ohne etwas dagegen zu tun. Stattdessen flüchtet zumindest der Mann sich in Tagträume – alles besser als die Realität, in der er lebt. In der Geschichte «Im Zweifel für den Angeklagten» erlebt ein Amerikaner in Rom die extreme Armut im Auswanderer-Ghetto, wird ausgeraubt – und dennoch wird schon alles gut werden. Die Gesellschaft, für die er arbeitet und die er eigentlich verachtet, weil sie eigentlich nur schönen Schein produziert, wird ihm schon das Geld überweisen, das er braucht, um sein Hotel zu bezahlen. Es ist zwar alles nur Lüge und Illusion, aber es funktioniert, und das ist die Hauptsache. Ein Vater, der seinen verweichlichten Sohn zu einer Militärakademie bringt, damit endlich ein Mann aus ihm werde, spürt bei der Rückfahrt, dass es die falsche Entscheidung war, aber dann beruhigt er sich doch mit der Erkenntnis, dass das Leben ein Kampf sei und sein Sohn das eben lernen müsse («Nachtigall»).

Tobias Wolff ist in dem Erzählband «Unsere Geschichte beginnt» nicht nur ein guter Beobachter, sondern auch ein diskreter Erzähler. Jedenfalls erzählt er nicht mit erhobenem Zeigefinger. Seine Figuren sind nicht nur schwarz oder weiß. Und bei allem Selbstbetrug haben sie auch ihre guten Seiten...
Tobias Wolff ist nicht nur ein guter Beobachter, sondern auch ein diskreter Erzähler. Jedenfalls erzählt er nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Seine Figuren sind nicht nur schwarz oder weiß. Und bei allem Selbstbetrug haben sie auch ihre guten Seiten. Sie sind bestimmt gute Nachbarn und hilfsbereite Menschen. Sie passen sich an, haben Allerweltsgesichter, und sicher sind sie auch gute Staatsbürger, die pünktlich ihre Steuern zahlen. Und weil sie so sind, wie sie sind, geht eben alles seinen wohlgeordneten Gang. Sie sehen, meine Damen und Herren: Alles wird gut… ▀
Tobias Wolff, Unsere Geschichte beginnt, Erzählungen, 208 Seiten, Berlin Verlag, ISBN-13 9783827008527
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Rebecca Stott: «Die Korallendiebin»
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Zwischen Homologie und Transformation
Isabelle Klein
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Bereits auf den ersten Blick ist dieses Buch etwas Besonderes; das zeigt sich visuell zunächst an dem wunderschön gestalteten und sehr treffend gewählten Vorsatzblatt, dann an den Abbildungen, die immer wieder in den Text eingeschoben werden. Aber auch erzählerisch hält dieser Roman, was der Klappentext verspricht. Dies ist einer Autorin zu verdanken, deren wissenschaftlicher Hintergrund den ganzen Roman hindurch präsent ist. Rebecca Stott, Jahrgang 1964, ist Professorin für Englische Literatur sowie für Creative Writing an der University of East Anglia. Mit «Die Korallendiebin» liegt nun ihr zweiter Roman vor.
Er erstellt einen Katalog über das gesamte Tierreich, eine Beschreibung sämtlicher Arten der Welt. Kein Wunder, dass er überlastet ist. (…) Das muss man sich mal vorstellen – alle Arten dieser Erde werden dort vertreten sein.‘ Was für ein faszinierender Gedanke, meinen Namen unter anderen auf der Titelseite eines dieser Bände zu lesen! (S. 138)
Juli 1815: Napoleon ist auf dem Weg in die Verbannung, das Zeitalter der Restauration beginnt: der 21jährige Anatomiestudent Daniel Connor reist von Edinburgh nach Paris. Im Handgebäck hat er seltene Fossilien und ein Empfehlungsschreiben für den berühmten Baron Georges Cuvier. Er will Cuvier bei dem äußerst ehrgeizigen Projekt als Forschungsassistent zur Seite stehen.
Kurz vor dem Ziel wird eine faszinierende Unbekannte, samt ihrer kleinen Tochter, zu seiner Reisebegleitung. Mit fatalen Folgen, entpuppt sie sich doch als «die Korallendiebin», die sowohl die wertvollen Fossilien als auch Empfehlungsschreiben und private Notizbücher des aufstrebenden Akademikers entwendet. Zurück bleibt ein am Boden zerstörter Daniel, der Hilfe bei Surete-Chef Jagot (angelehnt an die historische Gestalt Vidocqs) sucht. Denn Lucienne Bernard ist Teil eines gesuchten Diebespaares, mit dem Jagot noch eine Rechnung offen hat.
Während Paris den unbedarften Jungen aus der Provinz langsam in seinen Bann zieht, wird die immer wieder auftauchende Lucienne, zu seiner Obsession. Ein undurchschaubares Verwirrspiel beginnt. Dadurch wird eine Entwicklung in Gang gesetzt, die der junge Forscher in seinen kühnsten Träumen nicht erwartet hätte und ihn auf vollkommen neue Pfade führt.
Es gibt einen Hunger, der sich nie stillen lässt. Je mehr man isst, desto mehr will man haben. 1814 in Paris konnte ich nie genug von ihr bekommen, der Diebin, der Korallensammlerin, der Frau, die wusste oder zu wissen meinte, wie die Zeit begann. Ich wurde nie satt von ihr. Ich hätte alles für sie riskiert. (S. 263)
«Die Korallendiebin» vermag von Beginn an eines meisterhaft: den ahnungslosen Leser mit einer unheimlichen Sogkraft in das Paris des beginnenden 19. Jahrhunderts hineinzuziehen. Stott lässt ein Seine-Stadt der Kontraste vor dem Auge des Lesers auferstehen, ein Paris, das noch durch den Geist und die Eroberungen Bonapartes geprägt ist, das vor dem Hintergrund der Revolution unsagbare Grausamkeiten erdulden musste und nun der Restauration, nach dem verloren Krieg mit England, entgegensieht. Die wunderbaren Kunstschätze, die Napoleon auf seinen diversen Feldzügen erbeutet hat, bilden den Ausgangspunkt der unvergleichlichen «Museenpracht» und lassen es zum kulturellen und wissenschaftlichen Zentrum Europas werden. Bis ins Kleinste hat die Autorin diese Stadt in all ihren Facetten und Widersprüchlichkeiten nachgezeichnet. Ein Roman, der mich vor allem durch seinen Lokalkolorit und die damit atmosphärische Dichte in seinen Bann gezogen hat.
‚Sind Sie eine Schülerin des Transformisten Lamarcks?‘
‚Ich war es. Lamarck hat in fast allem recht. Die Arten sind nichts Unveränderliches. Alles ist im Fluss. Die Tiere, die Menschen, die Berge – selbst Kleinigkeiten, Haut, Haare, alles erneuert sich unablässig. Bedenken Sie, woher wir kamen –aus dem Meer, primitive Geschöpfe ohne Augen oder Herz oder Hirn-, und bedenken Sie, was aus uns noch werden kann. Finden Sie das nicht aufregend?‘ (S. 14)
Hinzu kommt der äußerst spannende und kurzweilige wissenschaftliche Diskurs zwischen Transformisten und Homologisten. Wie entstanden die Arten? Was für heute durch Charles Darwins Werk «Über die Entstehung der Arten» Allgemeingut geworden ist, war damals ein höchst ketzerischer Gedankengang. Obwohl bereits Philosophen der Antike wie z.B. Aristoteles Gedanken über die Transformation in den Raum stellten, ist man im Abendland auch 1815 noch tief von religiösen Vorstellungen geprägt. Lamarck und seine Anhänger mit ihrer Entwicklungshypothese wurden als Avantgarde von führenden Wissenschaftlern wie Cuvier belächelt und diskreditiert.
Der große Pluspunkt, der dieses belletristische Werk von der Masse abhebt, ist seine wunderbare Sprache. Anspruchsvoll wird der Leser an diversen Stellen zum Mitdenken und vor allem Nachdenken angeregt. Sehr detaillierte Beschreibungen, ein ungeheure Bildhaftigkeit sowie Lebendigkeit und geistreiche Dialoge machen das Ganze zu einem Leseerlebnis der besonderen Art.

Rebecca Stotts «Die Korallendiebin» ist brillant und lehrreich geschrieben, Fakt und Fiktion sind gekonnt verwoben. Intelligente Unterhaltung auf hohem Niveau!
Neben diesen Vorzügen der Thematik und der atmosphärischen Dichte ist auch Kritik anzumelden: Dies «wunderbare Liebesgeschichte», die der Klappentext verspricht, ist für mich eine «zweischneidige» Sache. So wird für den jungen Daniel die rund 20 Jahre ältere Lucienne doch sehr schnell zu einer «Obsession», die sein Leben für kurze Zeit komplett umkrempelt. (Insofern wieder eine interessante Beziehung zweier grundlegend verschiedener Charaktere, die hauptsächlich auf Faszination durch die Andersartigkeit beruht.) Daniels Lucienne ist dabei zwar eine äußerst interessante Figur, eine «femme exceptionelle», doch auch im Frankreich der Libertinage, in einer Zeit der Freidenker und Avantgardisten erscheint vieles aus ihrer Biografie doch reichlich anachronistisch, vor allem durch die Häufung ihrer ungewöhnlichen Erlebnisse und Reisen. Außerdem erscheint Daniel über weite Passagen denn doch zu zaghaft gezeichnet, um zu überzeugen; Die Spannung leidet dadurch, v.a. im ersten Drittel. Dafür überschlagen sich dann einige Ereignisse gegen Ende hin – hier wäre ein konstanter Spannungsbogen von Vorteil gewesen. Doch alles in allem: Brillant geschrieben, zudem psychologisch durchdacht und ausgefeilt – intelligente Unterhaltung. ▀
Rebecca Stott, Die Korallendiebin (Originaltitel: The Coral Thief), Roman, 352 Seiten, Karl Blessing Verlag, ISBN 978-3896673398
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Jens Lapidus: «Mach sie fertig»
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Krimi-Roman als Milieu-Studie
Marita Robker-Rahe
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«Mach sie fertig» ist das zweite Buch des Schweden Jens Lapidus. Schon mit seinem ersten Werk «Spür die Angst» hat der Autor Erfolge erzielt; es stand wochenlang auf der schwedischen Bestsellerliste und war 2008 das in Schweden am meisten verkaufte Taschenbuch.
Bei seinem Nachfolger «Spür die Angst» hoffte man auf den gleichen Erfolg. Mir allerdings fiel die Bewertung dieses Buches ziemlich schwer. Im Klappentext des Buches steht «Thriller – brutal, spannend!». Die Attribute brutal und spannend sind durchaus zutreffend – aber als Thriller würde ich diesen Roman nicht bezeichnen, eher als Milieustudie des «neuen Schweden».

Im Zentrum der Krimi-Inszenierung: Sozialdemokrat Olaf Palme, zweimaliger schwedischer Ministerpräsident
Drei Personen bestimmen das Geschehen. Da ist einmal Mahmud, arabischer Herkunft, in den Außenbezirken Stockholms wohnend, in den sogenannten Asylgettos – Brutalität und Drogen bestimmen das Leben dort. Mahmud, der gerade aus dem «Bau» entlassen wurde, wird von Konkkurenten des Drogenhandels «in die Zange» genommen, da er ihnen noch Geld schuldet. Daraufhin läßt er sich von den «Jugos» anheuern, verkauft Drogen für sie, kümmert sich um deren Prostituierte.
Zweiter Protagonist ist Niklas, ehemaliger Söldner, der in den «Sandkästen» des Iraks gekämpft hat: zurück in Schweden findet er keine Aufgabe; mehrere Versuche, sich als Sicherheitsmann in verschiedenen Bereichen anzubieten, schlagen fehl. So sieht er sich als Beschützer und Rächer misshandelter Frauen, macht es sich zur Aufgabe, deren Männer «abzustrafen». Er selbst stammt aus einer Familie, in der Gewalt gegen seine Mutter an der Tagesordnung war. Als eines Tages der ehemalige Freund seiner Mutter im Kelleraufgang des Wohnhauses gefundet wird, wird Polizist Thomas zum Tatort gerufen, Lapidus’ dritte Hauptfigur.
Thomas findet den Ermordeten brutal zugerichtet vor, seine Zähne und Fingerkuppen sind für eine Identifikation nicht mehr zu gebrauchen. Thomas selbst ist ein Gesetzeshüter, der sich seine eigene Moral gestrickt hat: Mit kleinen Deals und beschlagnahmter Ware, die er bei Drogendealern konfiziert hat, bessert er sein Polizistengehalt auf. Als er jetzt das brutal zugerichtete Mordopfer noch einmal in der Gerichtsmedizin aufsucht, stellt er fest, dass das Gutachten des Pathologen nicht ganz vollständig ist. Zusammen mit einem Kollegen der Mordkommission macht er sich daran, die Ungereimtheiten des Mordfalles zu ermitteln. Doch während seiner Recherchen wird ihm immer wieder unmissverständlich klargemacht, dass er seine Finger von diesem Fall lassen soll, doch Drohungen und gar tätliche Angriffe halten ihn nicht davon ab. Als er schließlich abgestraft und zur Verkehrspolizei versetzt wird, übernimmt er einen Zweitjob in einer Stripperbar der «Jugos». Denn seine Recherche gibt er nicht auf – und entdeckt dabei Dinge, die weit in die Vergangenheit Schwedens zurückreichen. Diese drei Hauptfiguren in «Mach sie fertig» treffen schließlich im Showdown aufeinander, jeder mit einer anderen Intension…

Einige der Schilderungen in Lapidus' «Mach sie fertig» widerstreben der landläufigen Auffassung von gutem Geschmack... Allerdings muss dem Autor zugute gehalten werden, dass sein brutaler Erzählstil der Milieu-Sprache genau angepasst ist.
Ich habe mich, zugegeben, teilweise etwas schwer getan mit diesem Buch. Einige seiner Schilderungen widerstrebten schon sehr meiner Auffassung von gutem Geschmack… Allerdings muss dem Autor zugute gehalten werden, dass sein brutaler Erzählstil der Milieu-Sprache genau angepasst ist. Lapidus ist Strafverteidiger, Gewalt, Drogenhandel und Prostitution bilden seine Arbeitswelt – er weiß, worüber er schreibt. Positiv wiederum empfinde ich seine Schilderungen der Probleme von Menschen mit Migrations-Hintergrund; Lapidus schildert sie als Leute, die sich nicht zugehörig fühlen, sondern die schwedische Gesellschaft als Gegner wahrnehmen, der ihr Schicksal mitverschuldet hat. Auch die Orientierungslosigkeit des Exsöldners Niklas und sein Umgang mit Gewalt zeigen, was nicht verarbeitete Traumata ausrichten können.
Ich kann nicht behaupten, dass ich das Buch uninteressant fand, und auch die fiktive Idee, eine Geschichte um Schwedens ehemaligen Ministerpräsidenten Olaf Palme herum zu inzenieren, fand ich nicht schlecht. Allerdings erschien mir «Mach sie fertig» von seiner Grundstimmung her einfach zu destruktiv – und vom Sprachlichen her eher abstoßend. Denn obwohl die Sprache perfekt passt zum beschriebenen Milieu, war mir das über 600 Buchseiten hinweg denn doch zu viel… ▀
Jens Lapidus, Mach sie fertig, Roman, 592 Seiten, Scherz Verlag, ISBN 978-3502101949
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Das neue «Glarean»-Schach-Rätsel
Walter Janka – Ein ungewöhnlicher Lebenslauf
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«Tapferer Mensch und Kommunist durch und durch»
Dem ehemaligen Verleger im Ostberliner Aufbau-Verlag
und Freund Walter Janka gewidmet
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Wolfgang Windhausen
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Walter Janka – ein tapferer Mensch und Kommunist durch und durch, der sich von Jugend an für seine Überzeugungen und Ideale engagierte und viele Nachteile in Kauf genommen hat. Er war einer der prominentesten reformkommunistischen Intellektuellen, die nach dem XX. Parteitag in Moskau 1956 eine Demokratisierung der DDR verlangten.

Berlin, Juli 1955: Aufbau-Verlags-Leiter Janka (r.) an einer Pressekonferenz mit DDR-Kulturminister Johannes R. Becher (Mitte) und dessen persönlichem Referenten K. Tümmler
Vielen in der DDR wurde der Name Walter Janka erst ein Begriff, als im Ost-Berliner Deutschen Theater der Schauspieler Ulrich Mühe am 28. Oktober 1989 aus den Erinnerungen Walter Jankas «Schwierigkeiten mit der Wahrheit» gelesen hatte. Über Freunde vom Fernsehen hatte ich noch eine Karte für die schnell ausverkaufte Lesung bekommen. Die total überfüllte Veranstaltung am Abend wurde auch mit Lautsprechern auf den Vorplatz übertragen. Diese Lesung Jankas zählte zu jenen Tropfen, die das Fass zum Überlaufen gebracht haben in der vom Verfall ergriffenen Deutschen Demokratischen Republik. Mich bewegte das alles derart, dass ich Kontakt mit Walter Janka aufnahm, der mich dann zu einem Kaffee in sein Haus nach Kleinmachnow bei Berlin einlud. Aus dieser ersten Begegnung, der noch viele folgten, entwickelte sich eine von Achtung und Herzlichkeit geprägte Freundschaft, die bis zu Jankas Tod währte.

Walter Janka (r.) im Gespräch mit dem Autor (Oktober 1990 in Jankas Wohnung - Foto: Charlotte Janka)
In den Gesprächen berichtete der 1914 geborene Walter Janka aus seinem ereignisreichen Leben: Von seiner Lehre und dem Beruf als Schriftsetzer, von seinem Eintritt in die KPD und von seiner Verhaftung nach der Machtergreifung der Nazis 1933 als Mitglied der Kommunistischen Partei. Er wurde zuerst in das Zuchthaus Bautzen und anschließend in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Sein ältester Bruder Albert war KPD–Reichstags-Abgeordneter und wurde 1933 im KZ Reichenbach ermordet.
Walter Janka wurde nach der Haft aus Deutschland ausgewiesen und erlebte drei Jahre lang eine teils schlimme Zeit in den Internationalen Brigaden des Spanischen Bürgerkrieges. Wie er weiter erzählte, war er dort an allen großen Schlachten beteiligt und wurde dreimal schwer verwundet, darunter mit zwei Lungensteckschüssen, die ihm auch später noch zu schaffen machten. Er erzählte von der Internierung in Frankreich und der Flucht 1941 nach Mexiko.
In Marseille lernte er seine spätere Frau Charlotte Scholz kennen, die mit ihm zusammen nach Mexiko ging. Dort traf er mit Genossen zusammen, die Mitbegründer der Bewegung sowie der Zeitschrift «Freies Deutschland» waren. Janka war auch Mitbegründer des Verlages El Libro Libre, dessen Leiter er später wurde. Dieser Verlag war der berühmteste und erfolgreichste Exilverlag auf dem Amerikanischen Kontinent in dem, neben 30 anderen Büchern, auch Anna Seghers bedeutendes «Siebte Kreuz» und Egon Erich Kischs «Entdeckungen in Mexiko» veröffentlicht wurden.
Er kehrte im Januar 1947 mit seiner Lebensgefährtin, die er dann heiratete, zusammen mit Ludwig Renn nach Berlin zurück und wurde Generaldirektor der DEFA. Anfang 1952 übernahm er mit dem Aufbau-Verlag den bedeutendsten belletristischen Verlag der DDR. U. a. schrieb er für Blochs «Wissen und Hoffen» das Vorwort, und unter seiner Ägide erschienen Werkausgaben von Heinrich und Thomas Mann, Arnold Zweig, Leonard Frank, Georg Lukacs und Ernst Bloch.
Walter Janka berichtete mir von Begegnungen mit Halldor Laxness in Berlin, der bei seinen Besuchen dort nie die Vorstellungen des «Berliner Ensembles» versäumte, und der Janka auch zur Nobelpreisverleihung nach Stockholm einlud. Ich erfuhr auch von seinen Beziehungen zu Thomas Mann in Kilchberg; weil Thomas Mann die Honorare für seine in der DDR gedruckten Bücher nicht ausführen konnte, ließ er sich dafür einen Nerzmantel in Ost-Berlin fertigen, den Janka ihm in die Schweiz brachte.( Neben bei bemerkt: Erika Mann leistete sich aus diesem Guthaben, anlässlich eines Berlinbesuches, einen Persianermantel).
Im Laufe der Gespräche streute Walter Janka mitunter auch Anekdoten von Begegnungen mit bedeutenden Persönlichkeiten in Ost und West ein, so u. a. von dem Besuch Thomas Manns in Weimar 1955, von Leonard Frank, Johannes von Guenther und Erich Kästner. Besonders fasziniert war Janka von einem Besuch bei Charlie Chaplin am Genfer See, welchen Thomas Mann vermittelt hatte.

DDR-Justiz-Ministerin und Schauprozess-Vorsitzende im Ulbricht-Staat: Hilde Benjamin, genannt «Die blutige Hilde»
Nach dem Ungarn-Aufstand wird Janka am 6. Dezember 1956 verhaftet. Ihm wird «konterrevolutionäre Verschwörung» gegen die Regierung Ulbricht vorgeworfen. Im anschließenden Schauprozess beschuldigt man ihn, er habe «das Haupt der Konterrevolution Georg Lukacs» von Budapest nach Ost-Berlin schmuggeln wollen. Janka erzählte mir, wie betroffen er gewesen sei, dass niemand seiner Kollegen und Freunde gegen die unwahren Behauptungen im Prozess protestierte; Anna Seghers, Willi Bredel, Bodo Uhse, Helene Weigel und andere, die von Ulbricht «verdonnert» waren am Prozess teilzunehmen, blieben stumm. Janka berichtete ebenfalls von dem Prozess, in dem er sich trotz brutaler Verhöre und übelster Haftbedingungen kein Geständnis abpressen ließ. Das große Interesse der Regierung an diesem Prozess wurde dadurch dokumentiert, dass die gefürchtete Hilde Benjamin, die damalige DDR Justizministerin, häufig persönlich an ihm teilnahm. (Hilde Benjamin wurde im DDR-Volksmund auch die «Rote Guillotine», «Rote Hilde» oder «Blutige Hilde» genannt, weil sie für eine Reihe von Schauprozessen gegen Oppositionelle, Sozialdemokraten und willkürlich angeklagte Personen sowie für zahlreiche Todesurteile mitverantwortlich war). Sehr ausführlich schildert Walter Janka den Schauprozess in seinem Buch «Schwierigkeiten mit der Wahrheit» (Rowohlt Taschenbuch 1989). Obwohl Jankas Anwälte mutig für Freispruch plädierten, wurde er zu fünf Jahren Zuchthaus mit verschärfter Einzelhaft verurteilt, die er im Staatssicherheitsgefängnis Bautzen verbrachte. In Bautzen erkrankte er so schwer, dass seine Frau ihre eigene lebensgefährliche Erkrankung verschwieg.

Widmungsfoto an den Autor: «Herrn Wolfgang Windhausen in Freundschaft und mit grossem Respekt gewidmet - Walter Janka / Charlotte Janka»
Nach seiner Entlassung war der einst einflussreiche Walter Janka arbeitslos. Demütigende Angebote lehnte er ab, genauso wie attraktive Angebote aus dem Westen. Frühere Autoren verhalfen ihm zu einer Stelle als Dramaturg bei der DEFA, und Marta Feuchtwanger ebenso wie Katia Mann machten Vergaben von Roman-Filmrechten an die DEFA davon abhängig, dass Janka an der Realisierung mitwirkte. Insgesamt zwölf Spielfilme entstanden unter seiner Beteiligung, u.a. «Lotte in Weimar» und «Die Toten bleiben jung».
1972 wurde Janka pensioniert. In seinen letzten Jahren konnte er sich wieder zu Wort melden, auch in Publikationen der DDR zu Themen, die den Spanischen Bürgerkrieg berührten. Zum 1. Mai 1989, kurz vor seinem 75. Geburtstag, wurde ihm der «Vaterländische Verdienstorden» verliehen. Eine Rehabilitierung für das an ihm verübte Unrecht war das nicht; diese wurde erst 1990 vom Obersten Gericht der DDR ausgesprochen.
1990/91 kommt es zwischen Wolfgang Harig und Walter Janka zu einem Prozess wegen Verleumdung. Janka hatte in seinen Erinnerungen Harig wegen dessen Verhalten während seiner Verfolgung durch das Ulbricht-Regime kritisiert. Diese Kritik wurde von Harig zurückgewiesen bzw. zu relativieren versucht; 1993 endet das Gerichtsverfahren mit einem Vergleich.
Zuletzt sah und sprach ich Janka anlässlich einer meiner Lesungen in Berlin, einige Monate vor seinem Tod im März 1994. – Über zwei Jahrzehnte hin wurde Walter Janka vergessen, aber ich hoffe sehr, dass dieser integere, sich selbst und seinen Idealen treu gebliebene Mensch auch von den Nachgeborenen wieder entdeckt und gewürdigt wird. ▀
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Geb. 1949, Schriftsteller, Lyriker, Menschenrechtler; zahlreiche Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften des In- und Auslandes, über 20-jähriges Engagement bei Amnesty International, Mitglied des Internationalen P.E.N. – Träger des «Niedersachsen-Preises für Bürgerengagement»; Mitarbeiter des Deutschen P.E.N.-Komitees «Writers in Prison»; Lebt in Duderstadt/BRD und Berlin (Foto: H. Hauswald)
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Franz Liszt: «Dante Sinfonie» (Martin Haselböck)
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Spannender interpretatorischer Zugriff
Wolfgang-Armin Rittmeier
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«Unmusik» sei das, meinte Johannes Brahms zu Franz Liszts «Symphonie nach Dantes Divina Commedia», meist kurz «Dante-Sinfonie» genannt. Gerecht war dieses Urteil sicher nicht, da es wahrscheinlich seiner Abneigung gegenüber des Protagonisten der «Neudeutschen» ebenso entsprang wie seiner grundsätzlichen Einschätzung der kompositorischen Fähigkeiten seines Kollegen: «Das Wunderkind, der reisende Virtuose und der Salonmensch haben den Komponisten ruiniert, ehe er recht begonnen hatte.» Es ist indes eine Tatsache, dass die «Dante Symphonie» bei weitem nicht den Bekanntheitsgrad erreicht hat wie ihre kurz zuvor entstandene Schwester die «Faust-Symphonie», wobei die Gründe hierfür dem Verfasser nicht wirklich klar sind, zeigt das Werk doch mindestens so tiefe Inspiration, brillante Orchestrierungskunst und dramaturgisches Geschick wie das Werk über den «Faust».
Liszt hatte sich bereits in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts intensiv mit Dantes «Göttlicher Komödie» beschäftigt. Kurz bevor er 1848 endgültig nach Weimar ging, hatte er bereits erste Ideen zu einer Sinfonie nach Dante notiert. 1849 liegt dann die «Dante-Sonate» vor, die allerdings erst 1861 publiziert wird. 1855 geht Liszt direkt nach Abschluss der «Faust-Symphonie» an die Komposition der «Dante-Symphonie» und schließt diese wohl ein Jahr später ab. Die Uraufführung findet am 7. Oktober 1857 unter Leitung des Komponisten in Dresden statt und fällt durch. Liszt ist sich bewusst, dass er das Werk nicht intensiv genug geprobt hatte und sieht das Positive im Negativen: «Die Dresdner Aufführung war mir notwendig, um darüber zur Objektivität zu gelangen. Solange man nur mit dem toten Papier zu tun hat, verschreibt man sich leicht. Musik verlangt nach Klang und Wiederklang!»
Der ursprüngliche Gedanke Liszts war es, eine dreiteilige Symphonie zu schreiben, wobei jeder Teil einen Abschnitt der «Göttlichen Komödie» Dantes reflektieren sollte. Im Juni 1855 schrieb er an Anton Rubinstein, dass die beiden ersten Sätze «L’Enfer» und «La Purgatoire» rein instrumental gestaltet werden würden, dass im Schlussteil «Le Paradis» dann allerdings noch ein Chor hinzutritt. Ebenso würde eine Windmaschine zum Einsatz kommen. Darüber hinaus sollten unter Zuhilfenahme der gerade von Daguerre entwickelten Diorama-Technik während der Aufführung Dante-Illustrationen von Bonaventura Genelli in den Aufführungsraum projiziert werden. Doch weder die Windmaschine noch die Projektionen waren in Dresden zu hören bzw. zu sehen. Aber auch die Struktur des Werkes änderte Liszt vor der Uraufführung. Er korrespondiert zur Enstehungszeit auch mit Richard Wagner, dem späteren Widmungsträger des Werkes, über dessen Aufbau. Doch während Wagner keinen Zweifel daran hat, dass Liszt die ersten beiden Teile trefflich gelingen würden, so wies er ihn darauf hin, dass in seinen Augen eine musikalische Schilderung des Paradieses nicht möglich wäre, ja dass schon Dantes Dichtung eben im «Paradies» am schwächsten sei. Als Konsequenz dieser Kritik ließ Liszt die Dreiteiligkeit des Werkes zwar fallen, fügte allerdings in diesem Zuge an das «Purgatorio» noch ein von einem Frauenchor gesungenes «Magnificat» an, dessen ätherischer Gestus zwar auf das Paradies verweist, dieses aber nicht en détail schildert.
Rechtzeitig zum Lisztjahr erscheint nun mit Martin Haselböcks Einspielung der «Dante-Symphonie» eine neue Darstellung dieses Werkes, ein Umstand, der schon einmal zu begrüßen ist, weil überhaupt nur sehr wenige gut Einspielungen vorliegen, wobei hier Giuseppe Sinopolis ausgesprochen individuelle und kompromisslose Interpretation herausragt. Daneben ist hervorzuheben, dass Martin Haselböck und das Orchester Wiener Akademie nicht nur eine weitere Aufnahme zur schmalen Diskographie beisteuern, sondern dass diese Aufnahme auch noch etwas besonderes ist, spielt das Orchester doch ausschließlich auf Originalinstrumenten des 19. Jahrhunderts. Bereits im vergangenen Jahr hat diese Vorgehensweise bei der Neueinspielung der Berlioz’schen «Symphonie fantastique» durch Jos van Immerseel und die Anima Eterna für einiges an Aufsehen gesorgt, weil hier besonders die beiden letzten Sätze durch in bisher nie so gehörte Klänge beeindruckten (wobei der Rest eher ein flaues Gefühl hinterließ). Haselböck und seinem Orchester indes wäre zu wünschen, dass die Aufnahme einen ähnlich Ruck durch die Musikwelt senden könnte, denn von dem insgesamt ganz außergewöhnlich hohen interpretatorischen Niveau der Aufnahme abgesehen, so ist allein der hier dargebotene Liszt-Klang ein wahrlich epiphanisches Erlebnis. Tendiert das moderne Orchester durch die Dominanz der hohen Streicher zu einem geschmeidig-hellen Klang, zu schon fast unumgänglicher Brillanz, so treten diese hier deutlich in den Hintergrund. Es offenbart sich ein eher herb-dunkler Ton und eine – bei Liszts Orchesterwerken nicht immer leicht herzustellende – Durchsichtigkeit der Faktur, die auch den kritischen Liszt-Hörer zu begeistern vermag.
Schon die mottohaften ersten Posaunenrufe des «Inferno», die nach den Worten skandiert werden, die auf Dantes Höllentor eingegraben und entsprechend in der Partitur notiert sind («Per me si va nella ciattà dolente…. – Durch mich hindurch gelangt man zu der Stadt der Schmerzen…»), lassen aufhorchen. Das klingt hart, rauh, düster und ohne jeden Glanz. Ebenso unerbittlich antworten die Hörner mit dem Leitmotiv, dem Liszt den Vers «Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate! – Lasst alle Hoffnungen fahren, ihr, die ihr eintretet!») zuordnet. Dazwischen die trockenen Schläge der Pauken, das Grummeln der Grancassa und des Tamtams, das kratzend von den tiefen Streichern vorgestellte Tritonus-Thema des Satzes – all das macht in dieser Aufnahme schon gruseln und zeigt auf, wie viel Liszt der Instrumentierungskunst eines Berlioz verdankt. Haselböck und seine Mannen stürzen sich mit hörbarer Begeisterung in die dankbare Aufgabe, die Höllenqualen plastisch erfahrbar zu machen, wobei der Liszt-Spezialist Haselböck bei seinem Dirigat stets darauf achtet, dem Lisztschen Diktum zur Kunst des Dirigierens: «Wir sind Steuermänner, keine Ruderknechte» gerecht zu werden. Und so ist die Einspielung durch intensive Nutzung des Rubato gekennzeichnet, von einem organischen Atmen mit der Musik und von einem untrüglichen Gespür für die Umsetzung der dramatisch-bildhaften Dimension des Werkes. Haselböck und sein Orchester Wiener Akademie sind allerdings keine einfallslosen Haudraufs. Auch der lamentohafte Mittelteil des ersten Satzes, der musikalisch von sanften Klängen der Violinen, der Flöten und der Harfen gekennzeichnet ist – er schildert die Begegnung mit den berühmten und zu Höllenqualen verdammten Liebenden Paolo Malatesta und Francesca da Rimini -, gelingt ganz vorzüglich.

Martin Haselböck und das Orchester Wiener Akademie präsentieren einen klanglich und interpretatorisch spannenden Zugriff auf die zu unrecht selten gespielte «Dante-Symphonie», die sich hier als eine der bedeutendsten und interessantesten Orchester-Kompositionen Liszts offenbart.
Im «Purgatorio» dann das Kontrastprogramm zum infernalischen Eingangssatz. Es ist kein Fegefeuer, das uns Liszt hier präsentiert, sondern eher ein kühler, aber hoffnungsvoller Zustand, in dem sich die Seele befindet. Sanft blasende Hörner, Flöten, das Englischhorn und die Harfe geleiten den Hörer über im Piano wogenden Violinen in einen eigentümlich zeitlosen Klangraum, der erst in der Lamento-Fuge des Mittelteils Fahrt aufnimmt und Struktur gewinnt. Das Orchester Wiener Akademie zeigt auch hier, was für ein versiert gestaltender Klangkörper es ist. Von der Brutalität des Vorangegangenen ist nichts mehr spürbar, stattdessen warmer Ton, delikate Gestaltung und eine in jedem Moment luzide Darstellung der Fuge, wobei Haselböck deutlich aufzeigt, wo sich beispielsweise ein Bruckner kompositorisch an Liszt anlehnt (z.B. Ziffer K ff).
Das dem Purgatorium folgende «Magnificat» weist ebenso in die Zukunft. Sicher, wenn die herrlich intonierenden Frauenstimmen des «Chorus Sine Nomine» einsetzen, dann meint man sich zunächst in die Gralswelt eines Richard Wagner versetzt. Beim zweiten Hören indes zeigen sich auch Bezüge zur späteren Sakralmusik Frankreichs. Viel sphärischer kann man das – ohne die Schwelle zum Kitsch zu überschreiten – nicht machen. Haselböcks Entscheidung für den ersten der zwei komponierten Schlüsse ist mehr nachvollziehbar, ist dies sanft entschwebende Ende dramaturgisch doch um ein Vielfaches schlüssiger als der plötzliche Jubelton des zweiten Finales.
Als Dreingabe gibt es noch die «Evocation á la Chapelle Sixtine» aus den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Liszt war mittlerweile nach Rom übergesiedelt und hörte dort in der Sixtinischen Kapelle regelmäßig die Werke Palestrinas. Aus dieser Beschäftigung mit den Alten erwuchs zunächst ein Klavierwerk mit dem Titel «À la Chapelle Sixtine Miserere de Allegri et Ave verum corpus de Mozart», das eine Kombination der beiden genannten Werke darstellt, und das er später für Orchester bearbeitete. Die Koppelung der beiden Werke wirkt einigermaßen überflüssig, doch auch dieses eine Viertelstunde währende Werk präsentieren Haselböck und das Orchester Wiener Akademie ebenso stilsicher wie die «Dante-Symphonie». ▀
Franz Liszt: Dante Sinfonie & Evocation á la Chapelle Sixtine / Martin Haselböck – Orchester Wiener Akademie / New Classical Adventure NCA 2011
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111 Chess Tacticals (14)
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Schwarz am Zuge gewinnt
Unsere Serie «111 Chess Tacticals» wendet sich an die Rätselfreunde unter den Schachspielern. Die faszinierende Welt der Schach-Taktik, wie sie sich in diesen 111 Miniaturen spiegelt, beinhaltet herrliche, meist frappante Kombinationen aus der Praxis des jüngsten Amateur- und Profischachs. Der Schwierigkeitsgrad variiert von Aufgabe zu Aufgabe, doch im allgemeinen kann ein Puzzle innerhalb von fünf Minuten von durchschnittlichen Vereinsamateuren gelöst werden. – Die Lösung erhalten Sie jeweils nach einem Mausklick auf das Diagramm, und die Varianten können dann online nachgespielt werden. Ausserdem lässt sich das ganze Puzzle als PGN-Datei downloaden. -
Viel Vergnügen beim Knobeln unserer «111 Chess Tacticals»! ■
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Internationaler Wiener Literatur-Wettbewerb 2012
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Werkstattpreis zum Thema «Innenwelt-Außenwelt»
Der traditionelle «Wiener Werkstattpreis» um Peter Schaden in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur richtet auch für 2012 einen internationalen Wettbewerb für Lyrik und Kurzprosa aus. Das diesjährige Thema lautet «Innenwelt-Außenwelt», eingesandt werden können max. zehn Gedichte, die Kurzgeschichten sollen max. 10’000 Zeichen umfassen. Die Texte müssen noch unveröffentlicht sein. Einsende-Schluss ist am 30. November 2011, die weiteren Einzelheiten finden sich hier. ▀
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Weitere Literaturausschreibungen im Glarean Magazin
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Das neue «Glarean»-Sudoku
Der brillante Schachzug (94)
Die historische Aufnahme: Rostropowitsch – Cello-Suiten von J.S. Bach
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Verliebt in Musik
Michael Magercord
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«Prager Frühling» ist alle Jahre, und verliebt sind im Mai an der Moldau so manche, aber nicht in jedem Jahr hinterlässt das größte mitteleuropäische Festival der klassischen Musik derart schöne musikalische Spuren des Frühlingsgefühls wie diese Einspielung aller sechs Cello-Suiten von Bach durch den damals frisch verliebten Musiker Mstislaw L. Rostropowitsch.
Tief ins Archiv des Tschechischen Rundfunks musste gegriffen werden, um die Aufnahmen der beiden Aufführungen vom 26. und 27. Mai des Jahres 1955 herauszufischen, die sich nun auf dieser Doppel-CD befinden. Der damals 24-jährige russische Cellist hatte sich zuvor bereits auf dem Konservatorium in Moskau nicht zuletzt durch seine Interpretation dieser Cello-Suiten einen Namen gemacht. Viele Cellisten trauen sich eigentlich erst auf der Höhe ihrer Spielkunst an Bachs Meisterwerke. Lange Zeit galten sie gar als unspielbar, erst als Robert Schumann eine Klavierbegleitung hinzufügte und die Cellosätze dafür etwas vereinfachte, wurden sie wieder öfter gespielt. Der Cellist Pablo Casal war es, der sie schließlich Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts als erster komplett und solo aufführte.

Einst als unspielbar eingestuft: Bach-Autograph der 6. Cello-Suite
Heute wiederum hat eigentlich jeder Cellist von Rang die Suiten aufgeführt oder gar eingespielt, Mstislaw Rostropowitsch sogar mehrfach. Legendär ist sein spontanes Konzert im November 1989 vor der politisch zwar schon gefallenen, aber noch bestehenden Berliner Mauer nahe des Checkpoint Charlie, und ebenso jene als DVD erhältliche Einspielung in der Basilika Sankt Madeleine der burgundischen Abtei Vézelay 1991. Und immer wieder hat der 2007 verstorbene Musiker dabei seine zuvor gemachte Einspielung als fehlerhaft kritisiert.
Davon wird auch diese nun vorliegende Aufnahme aus den jungen Jahren wohl nicht ausgespart geblieben sein, wenngleich nicht überliefert ist, was genau ihm daran nicht gefallen hat. Da lässt sich also wunderbar spekulieren, denn vielleicht könnte es die jugendliche Art des Herangehens an die Stücke gewesen sein, die sein Missfallen in den reifen Jahren gefunden haben mag. Und vielleicht war ja die etwas ungestüme Ausführung eben seiner Verliebtheit geschuldet, die ihn in den Tagen in Prag überkam. Dort hatte er nämlich die russische Sängerin Galina Wischnewskaja, die ebenfalls auf dem «Prager Frühling» konzertierte, kennengelernt. Es muss heftig gefunkt haben, denn nur vier Tage nach der Rückkehr nach Moskau verehelichten sich beide miteinander. Es heißt, Rostropowitsch hätte nicht einmal die Gelegenheit gehabt, seine zukünftige Frau vor der Ehe singen gehört zu haben.

Diese bereits über 55 Jahre zurückliegende Aufführung der Cello-Suiten von Johann Sebastian Bach durch Mstislaw Rostropowitsch taugen ihrer ungewöhnlich gestümen, aber nie ungestümen Ausführung wegen sowohl als Referenzaufnahme als auch zum Hörgenuss für den Liebhaber einzigartiger Musik.
Soll man also sagen, in dieser Ausführung der Bachschen Meisterwerke steckt noch nicht die tiefe reife Liebe, dafür aber eine umso stürmische Verliebtheit? Es handelt sich jedenfalls um eine der kürzesten also auch schnellsten Einspielungen der Cello-Suiten, die dabei trotzdem nichts an Präzision zu wünschen übrig lassen. Einzig der schwersten, nämlich der fünften Suite meint man anzumerken, dass der später so souveräne Cellist noch nicht ganz auf der Höhe seines Könnens angelangt war. Diese Suite erfordert eine besondere Spieltechnik auf den heutigen 4-saitigen Instrumenten, waren doch zu Bachs Zeiten Cellos noch meist 5-saitig. Es mag die Hemmnis vor den technischen Schwierigkeiten sein, die dazu führt, dass diese Suite in dieser Aufnahme um etliches länger dauert, als in den Aufnahmen des reiferen Instrumentalisten oder auch jenen anderer Cellisten. Doch schon in der anschließenden, lange Zeit als völlig unspielbar geltenden sechsten Suite kann man wieder dieselbe Spielfreude der vier vorherigen vernehmen.
Diese Aufnahmen können wohl getrost in die Reihe der Referenzaufnahmen der Cello-Suiten von Bach aufgenommen werden, und zugleich sind sie ein Hörgenuss für Liebhaber großartiger Musik. Und dass hier alles noch Mono abgespielt wird, dürfte bei einem Einzelinstrument wahrlich kein sonderlichen Nachteil darstellen. Nicht einmal der miteingespielte Applaus am Ende der jeweiligen Suiten stört das Hören, denn er zeigt noch eine weitere angenehme Seite jener Zeit: Damals schien das Publikum erwachsen und von reifer Liebe zur Musik beseelt, jedenfalls applaudiert es reichlich, aber nicht mit dem unreifen Überschwang, wie man ihn in den Konzertsälen heutzutage allzu oft ertragen muss, und der am Schluss eines Werkes kaum mehr Raum lässt für eine kurze nachdrückliche innere Rückschau auf das zuvor Gehörte und die würde vielleicht eine wirklich gereifte Liebe zur Musik erst ermöglichen… ▀
Johann Sebastian Bach: Cello Suites BWV 1007-1012, Mstislaw Rostropowitsch (Live-Aufnahme 1955, Rudolfinum Prag), Doppel-CD, Supraphon 2011
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