Glarean Magazin

Boris Kálnoky: «Ahnenland»

Posted in Boris Kálnoky, Buch-Rezension, Günter Nawe, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rezensionen by Walter Eigenmann on 22. März 2011

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«Wir stehen auf den Schultern unserer Ahnen»

Günter Nawe

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«Vielleicht ist es meine Aufgabe, Hugós Geschichte zu erzählen… Hugó, ich verspreche Dir, mein Bestes zu geben… Es müsste, wenn es Dir recht ist, zugleich die Geschichte des Paradieses auf Erden sein… und die Geschichte Deiner Familie, auch jener, die vor Dir waren und nach Dir kamen.»
Wer dies sagt und schreibt, ist der Autor eines großartigen Epos’ über eine 800-jährige Familiengeschichte; eine europäische Geschichte, die sich im Gebiet des früheren Österreich-Ungarn-Siebenbürgen abgespielt hat und noch abspielt. Boris Kálnoky ist Nachfahre des legendären Urahn Bencenc, der 1252 vom ungarischen König, als Belohnung für den Kampf gegen die Tartaren, ein Stück Land geschenkt bekam. Und damit gehörten die Kálnokys zu den Széklern, den ungarischen Grenzwächtern. Sie spielten – oft auf verschiedenen Seiten – wichtige Rollen in den großen Glaubenskämpfen des Mittelalters, in den politischen Verwicklungen der Zeit. Sie werden irgendwann einmal Grafen. Einer von ihnen wird später, am Ende des 19.Jahrhunderts, k.u.k.-Außenminister der österreich-ungarischen Doppelmonarchie. Eine höchst bewegte Geschichte in immer wieder sehr bewegten Zeiten.

Boris Kálnoky (*1961)

Davon also erzählt Boris Kálnoky, der 1961 in München geboren wurde. Aufgewachsen ist er in Deutschland, in den Niederlanden, in Frankreich. Er lebte in Ungarn und lebt heute in der Türkei, wo er als  Nahost-Korrespondent für die «Welt» arbeitet. Weltläufig geschult und mit journalistischem Spürsinn ausgestattet hat er sich nicht nur auf die Suche seiner «Heimat», seiner Familie gemacht, sondern auch nach deren Seele. «Früher war Heimat dort, wo man lebte. Heute in einer globalisierten Welt, in der man nur noch wohnt, aber nicht mehr zu Hause ist, da ist sie vielleicht eher ein innerer Ort: Nicht nur wohin man gehören, sondern wer man sein will. Wem es gegeben ist, an einen Gott zu glauben, der wird die Heimat der Seele finden – eine Heimat, die man auch dann nicht verlässt, wen man durch die Welt zieht wie einst die alten Székler durch die Steppe.» So der etwas pathetische Schluss des Buches.
Bis zu dieser Kálnoky-Erkenntnis ist es ein weiter Weg durch dieses abenteuerliche Geschichts- und Geschichtenbuch über Familienereignisse und Weltgeschehen, durch Kriege und Kämpfe und Verluste. Der Leser findet witzige bis aberwitzige Ereignisse, trifft auf Hasadeure und Rebellen, begegnet Literaten und Richtern. Und fühlt sich wohl in diesem Panaroma aufregender Erzählungen. Denn der Autor versteht es auf ausgezeichnete Weise, historische Fakten, private Ereignisse, belegt durch eine Vielzahl sehr interessanter Briefe, essayistische Passagen und persönliche Einschätzungen und Wertungen miteinander zu verbinden. Daraus ergibt sich ein geschlossenes Bild einer bestimmten Epoche in einem definierten geografischen Raum, in der und in dem europäische Geschichte geschrieben wurde – mit Nachwirkungen bis in unsere Zeit.

Der Journalist Boris Kálnoky hat sich in «Ahnenland» auf die «Suche nach der Seele» seiner Familie begeben. Die Spurensuche ist ihm zu einem faszinierenden Geschichts- und Geschichtenbuch geraten.

Das «Salz in der Suppe» dieser historischen Erzählung ist natürlich die Familiengeschichte. Aus ihr resultiert überhaupt erst das Interesse des Autors, der eigentlich eine Biografie seines Großvaters Húgo Kálnoky schreiben wollte. Denn «wir stehen auf den Schultern unserer Ahnen». Dieser Großvater, Journalist wie der Enkel, der ebenfalls auf der Suche nach der Heimat war, war sozusagen ein Seelenverwandter. Ihm folgte Enkel Boris durch das Land seiner Vorfahren. Genius loci und literarischer Topos ist das Dorf Köröspatak am Fuße der Karpaten, wo einst auch Graf Dracula residierte. Dieser Húgo ist eine wahrhaft faszinierende Figur: ein Weltsucher, der bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit einem Flugzeug unterwegs sein wollte. Einer, der eine Romanze erlebte. Dessen Artikel für den Poster Lloyd ihn bei den Nazis in Ungnade fallen ließ. Und so weiter – man lese selbst. Vor allem die wunderbaren Briefe, die Enkel Boris hier veröffentlicht, sind nicht nur Zeitzeugenschaft, sondern geben Zeugnis von persönlichem und familiärem Erleben.
Boris Kálnoky hat seine Heimat gesucht und die Seele seiner Familie gefunden. An der persönlichen Freude darüber lässt er den Leser teilhaben,  in dem er von acht Jahrhunderten europäischer Geschichte erzählt, spannend, kompetent und sehr unterhaltsam. «Húgo, ich verspeche Dir, mein Bestes zu geben…». Er hat es getan. ■

Boris Kálnoky: Ahnenland oder die Suche nach der Seele meiner Familie, 490 Seiten, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-27465-1

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Leseproben

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4 Antworten

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  1. Boris Kálnoky said, on 9. Juni 2011 at 08:29

    Lieber Herr Hatos,

    Vielen Dank für den trefflichen Hinweis. Es war natürlich Stefan I. der den Titel erhielt, aber Sie haben völlig recht, dass Klemens XIII. ihn für Maria Theresia erneuerte. Leider rutschte trotz dutzendfachen Lesens und Gegenlesens auch von hilfreichen Historikern diese Ungenauigkeit doch noch durch. Zur Korrektur vorgemerkt! Und Danke Schön für ihr ermunterndes Lob!

    Beste Grüße, Ihr
    Boris Kálnoky

  2. Peter J. Hatos said, on 1. Mai 2011 at 19:03

    Lieber Graf kàlnoky,
    Mit viel Vergnügen und Interesse lese ich Ihr Buch Ahnenland. Ich bin gebürtiger Ungar (Transdanubien) und zwei Jahre Jünger als Ihr Vater. Bei der Lektüre denke auch ich viel an meine Ahnen und an meine Vergangenheit, die nicht so vornehme doch ebenso schicksalhaft war wie die von ” Graf Hugo”.
    Erlauben sie mir eine kleine Korrektur. Auf Seite 185 schreiben Sie, dass Ferdinand von Habsburg sich zum apostolischen König von Ungarn krönen liess. Dies ist leider nicht korrekt. Den Titel “apostolischer König” (apostoli Kiràly) erhielt erst Königin Maria Terézia am 19. Aug. 1758 von Papst Klemens XIII. Doch sowas merken wohl wenige, historisch interessierte Personen. – Sonst geniesse ich Ihr Werk, auch wenn ich Ihre Einschätzung von Horthy nicht ganz teilen kann. Ich wünsche den liebevoll geschiriebenen Buch viel Erfolg!
    Mit freundlichen Grüssen aus der Schweiz,
    Peter J. Hatos

  3. Jörg Simon said, on 29. März 2011 at 19:09

    Diese Rezension macht Lust auf das Buch. Ich bin zwar durchaus ein historisch interessierter Mensch, die Familie Kálnoky ist mir bisher allerdings unbekannt.

  4. Boris Kálnoky said, on 26. März 2011 at 08:06

    Danke für diese schöne Rezension!


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