111 Chess Tacticals (1)
.
Schwarz am Zuge gewinnt
Unsere Serie «111 Chess Tacticals» wendet sich an die Rätselfreunde unter den Schachspielern. Die faszinierende Welt der Schach-Taktik, wie sie sich in diesen 111 Miniaturen spiegelt, beinhaltet herrliche, meist frappante Kombinationen aus der Praxis des jüngsten Amateur- und Profischachs. Der Schwierigkeitsgrad variiert von Aufgabe zu Aufgabe, doch im allgemeinen können die Puzzles innerhalb von fünf Minuten von Vereinsamateuren gelöst werden.
Die Lösung erhalten Sie jeweils nach einem Mausklick auf das Diagramm, und die Varianten können dann online nachgespielt werden. Ausserdem lassen sich alle Varianten als PGN-Datei downloaden. -
Viel Vergnügen beim Knobeln unserer «111 Chess Tacticals»! ■
.
Erik Satie: «L´œuvre pour piano» (Aldo Ciccolini)
.
«Alle Jahre wieder» und nie langweilig – oder doch?
Michael Magercord
.
Es ist wieder einmal soweit: Alle ungefähr drei Jahre wieder legt EMI-Classics die schon vor bald dreißig Jahre erstmals komplett eingespielten Werke für Klavier von Erik Satie vor, jedes Mal mit einem neuen Cover-Design. Bloß alter Wein in neuen Schläuchen also? Sicher nicht, denn diese Einspielung durch den Pianisten Aldo Ciccolini ist ein Schatz in der Truhe von EMI. Diese fünf CDs bringen sechs Stunden ununterbrochenen Hörgenuss – und ein Genuss ist es immer wieder, die Werke Saties zu hören. Es sind Kleinode der Klaviermusik, das längste dauert exakt sechs Minuten, das kürzeste gerade einmal 14 Sekunden, und insgesamt kommt die komplette Einspielung auf 212 Einzel-Takes.
Schon das erste Take «Allegro», das auch die erste bekannte Komposition von Satie ist, zeigt seine ganze Meisterschaft der Kürze und Konzentration. Neun Takte, die der Komponist nach zwanzig Sekunden als komplettes Stück beschließt. Das Stück – oder sollte man sagen: Werk – scheint mit seinem Fließen gar nicht zu enden und endet eben doch. Satie soll zur Aufrechterhaltung dieses Eindrucks noch eine Überbrückungspassage von ein paar Takten gestrichen haben, die ihm das Stück zu arg in die Länge gezogen hätte, ohne wirklich etwas hinzuzufügen. Eine musikalische Postkarte von der Atlantikküste oder poetischer: ein Haiku. Auch wenn Satie in der Folge seiner Kompositoinstätigkeit viele Phasen und Perioden durchgemacht hat, die vom Walzer bis zur strengen klassischen Form reichen, so blieb die Kürze und Konzentration seine Methode, und der Hörer dankt ihm für diesen kleinen aber feinen Genuss bis heute.
Es ist natürlich auch immer ein Genuß, sich über die Werke und die oft abstrusen Titelbezeichnungen den Komponisten als Menschen auszumalen. Wer seine Stücke etwa «Gurkenembryos», «träumender Fisch» oder «bürokratische Sonate» nennt, muss jemand gewesen sein, der sich als Mensch so ernst nahm, dass er sich nicht ernst nahm. Ein wahrlich schräger Vogel soll es auch gewesen sein, der dem jungen Erik Satie das Dasein als schräger Vogel schmackhaft gemacht hatte. Sein Onkel nämlich, der sich auch noch «Onkel Seevogel» nannte, aber eher als das schwarze Schaf der Familie galt, hatte sich kaum um die familiäre Reederei gekümmert als vielmehr um schlüpfrige Theater-Revues – und seinen Neffen in diese Welt eingeführt. Mit dieser Erfahrung aus den jungen Jahren hatte auch der noch jugendliche Pianist und Komponist Erik Satie später kein Problem, sich umgehend in die Szene um den Pariser Montmartre heimisch zu fühlen und doch genau zu verstehen, was eigentlich gespielt wird, heißt es in einer Biographie, denn sein Sinn für das Absurde des Lebens sei dank des Onkels schon früh geschärft gewesen. Der genussvoll diese seltsam betittelten Werke Hörende jedenfalls ist dem Onkel dafür noch immer dankbar…
Es ist weiter natürlich auch ein Genuss, sich auf die ganz unterschiedlichen Ausführung dieser Stücke zu konzentrieren, wobei die Einspielung von Aldo Ciccolini als eine der richtungsweisenden Interpretationen gelten darf. Satie wurde bis in den Beginn der 80er Jahre kaum gespielt, die großen Solisten mieden diese so ernstfrei daher kommende ernste Musik. Der französiche Pianist mit süditalienischen Wurzeln besass aber vielleicht genug neapolitianische Chupze, um sich gleich an eine Kompletteinspielung zu wagen. Erst in den letzten beiden Jahrzehnten wurden einige Stücke, allen voran die Gymnopedies und Gnossiennes, oft aufgenommen, und alles scheint nun möglich, von elegisch romantisch, wie etwa vom jungen englischen Pianisten Ronan O’Hara, oder steif und kalt. Schon der Vergleich der Längen ergeben interessante Aufschlüsse über die Interpretierbarkeit dieser Musik. Wo zum Beispiel John White, der spielt, als komme die Musik aus einem betonungslosen Automaten – was Satie sicher auch gefallen hätte –, die «Träumerei des Armen» in 2:43 Minuten absolviert, benötigt Aldo Ciccolini für dasselbe Stück in seiner, die jeweiligen Klangstimmungen aufnehmenden Art der Interpretation gerade einmal eine Minute.

Erik Saties «L´œuvre pour piano» mag eine bereits dreißig Jahre alte Einspielung von Aldo Ciccolini sein, die aber ihre ständige Wiederauflage immer wieder aufs Neue rechtfertigt: Melancholisch, wo es soll, spritzig, wo es muss – und langweilig, wie es besser nicht geht.
Diese CD-Box Einspielung ist also ein Genuss in vielerlei Hinsicht, und selbst nach sechs Stunden klingen die kurzen, oftmals im besten Sinne eintönigen Werke beim Hörer noch lange nach. Langeweile sollte ja eigentlich keine Kategorie der Kunstkritik sein, hier aber sei sie einmal erlaubt, denn es soll der Soziologe und Musiktheoretiker Theodor Adorno gewesen sein, der Saties Musik abschätzig mit der Begriff «Philosophische Langeweile» belegte. Der genusssüchtige und dankbare Hörer fasst diese Bezeichnung seiner geliebten Eintötigkeiten aus der Feder von Erik Satie in der Interpretation von Aldo Ciccolini allerdings als Lob auf – denn ist nicht diese Art der Langeweile die vielleicht menschenwürdigste aller menschlich-geistigen Regungen? ■
Erik Satie, L´œuvre pour piano, Aldo Ciccolini (Klavier), 5 CD-Box, EMI Classics 50999 648361 2 6
.
.
.
.
Das Zitat der Woche
.
Von den Engeln und den Teufeln
Franz Kafka
.
Vor der Auslage von Casinelli drückten sich zwei Kinder herum, ein etwa sechs Jahre alter Junge, ein sieben Jahre altes Mädchen, reich angezogen, sprachen von Gott und von Sünden. Ich blieb hinter ihnen stehen. Das Mädchen, vielleicht katholisch, hielt nur das Belügen Gottes für eine eigentliche Sünde. Kindlich hartnäckig fragte der Junge, vielleicht ein Protestant, was das Belügen der Menschen oder das Stehlen sei.
»Auch eine sehr große Sünde«, sagte das Mädchen, »aber nicht die größte, nur die Sünden an Gott sind die größten, für die Sünden an Menschen haben wir die Beichte. Wenn ich beichte, steht gleich wieder der Engel hinter mir, wenn ich nämlich eine Sünde begehe, kommt der Teufel hinter mich, nur sieht man ihn nicht.« Und des halben Ernstes müde, drehte sie sich zum Spaße auf den Hacken um und sagte: »Siehst du, niemand ist hinter mir.« Ebenso drehte sich der Junge um und sah dort mich. »Siehst du«, sagte er ohne Rücksicht darauf, daß ich es hören müßte, oder auch ohne daran zu denken, »hinter mir steht der Teufel.«
»Den sehe ich auch«, sagte das Mädchen, »aber den meine ich nicht.« ■Aus Franz Kafka: Er – Aufzeichnungen aus dem Jahre 1920
.
.
Michael Ehn / Ernst Strouhal: «en passant»
.
Eindrückliche Zeitdokumentation der jüngeren Schachgeschichte
Thomas Binder
.
Das 20-Jahr-Jubiläum der wöchentlichen Schachkolumne in einer überregionalen Tageszeitung ist heutzutage sicher ein Grund für würdige Feiern. Michael Ehn und Ernst Strouhal (dem regelmäßigen Leser als «ruf & ehn» bekannt) können stolz auf genau diese zwei Jahrzehnte ihrer Arbeit für den Wiener «Standard» zurückblicken. Sie begehen dies mit einer Sammlung ihrer dort erschienenen Beiträge und werden das dabei entstandene Buch «en passant» am 10. Dezember im «project space» der Wiener Kunsthalle bei einer grandiosen Veranstaltung präsentieren.
Die beiden Autoren müssen dem Fachpublikum wohl nicht mehr vorgestellt werden. Michael Ehn gehört zu den renommiertesten Schachhistorikern der Gegenwart. Erst kürzlich konnten wir an dieser Stelle sein Buch «Alles über Schach» vorstellen. Ernst Strouhal doziert u.a. an der Universität für angewandte Kunst in der österreichischen Hauptstadt. Seine kulturwissenschaftlichen Studien haben vielfältige Bezüge zum Schachspiel.
Der Versuch, eine Zeitungskolumne in Buchform zu pressen, erscheint gewagt. Ehn und Strouhal haben einen ungewöhnlichen Ansatz gewählt, diese Vielfalt zu bewältigen. Ihrem Buch ist eine DVD beigegeben, die eine unveränderte Wiedergabe aller seit Juni 1990 erschienenen Beiträge – das sind mehr als 1’100 – enthält. Dabei gehen die Autoren betont puristisch vor: Die Artikel der Jahre 1990 bis 2008 werden als Scans im JPG-Format präsentiert, die der Jahre 2009 und 2010 (bis Juni) als PDF-Dokument. So hat man einen Weg gefunden, vergängliches Material aus Tageszeitungen vollständig für die Schachfreunde künftiger Generationen zu erhalten.
Eine rückwirkende Rezension der Kolumnen aus heutiger Sicht verbietet sich von selbst. Um dem Leser einen kleinen Einblick zu gewähren, will ich willkürlich ein paar Monate aus dem riesigen Fundus herausgreifen und die Inhalte ganz kurz vorstellen. Die Auswahl wurde nach dem Zufallsprinzip getroffen, lässt aber den eigentlichen Reiz der Lektüre aufscheinen: Es ist höchst amüsant, frühere Beiträge aus heutiger Sicht noch einmal zu lesen, Parallelen zu ziehen, Wertungen zu hinterfragen.
April 1992: Am 5.4. kommentieren die Autoren die Querelen um die Brettbesetzung der österreichischen Olympiade-Mannschaft und teilen in Richtung Verbandsspitze aus. Aktuelle Parallelen kommen dem Rezensenten nicht ganz zufällig in den Sinn. Am 12.4. wird der Schachöffentlichkeit ein neues Wunderkind vorgestellt: Der 12jährige Peter Leko war damals gerade der jüngste IM der Schachwelt. Leko prophezeite übrigens seinerzeit Anand als künftigen Weltmeister – und sich selbst (für 2002) als dessen Nachfolger. Erwies sich Teil 1 der Vorhersage als Volltreffer, wird am zweiten Teil noch gearbeitet… Eine Woche später würdigen die Autoren Alex Wohl für den Gewinn der australischen Meisterschaft und zum Monatsende geht es in die «exzentrische Welt der Studien». Anlass ist das Erscheinen der Studien-Datenbank des Holländers Harold van der Heijden.
Juli 2002: Das Modewort hieß «Advanced Chess», wobei sich zwei menschliche Spieler mit Computer-Unterstützung duellieren. So berichtet die Kolumne vom 6.7.2002 über ein solches Match zwischen Anand und Kramnik – nicht ahnend, dass beide mehrere Jahre später ohne Rechner um die WM gegeneinander spielen werden. Wie es der Zufall will, wird eine Woche später ein weiterer WM-Kandidat ins Bild gesetzt: Ein Topalow-Porträt ziert den Beitrag über das Dortmunder Kandidatenturnier, am 20.07. werden dann Topalow und Leko als Finalisten von Dortmund präsentiert und zum Ende des Monats steht fest: «Es kann nur einen geben» – Leko ist der Herausforderer für Weltmeister Kramnik.
August 2008: In diesem Monat stehen zunächst drei Beiträge zu Geschichte und Gegenwart des Schachs auf der Karibik-Insel Kuba im Blickpunkt. Am 25. August wird dann mit weit ausholendem Blick auf den Ödipus-Komplex eine aktuelle Turnierpartie zwischen Vater und Sohn Carlsen kommentiert. Ohne «ruf & ehn» wäre sie längst in Vergessenheit geraten. -

Auf Buch und DVD namens «en passant» dokumentieren Ehn und Strouhal die 20-jährige Geschichte ihrer Schachkolumne im Wiener «Standard». Das großformatige Buch bietet als Orientierungshilfe die dazugehörigen Register. Wer sich auf die Arbeit mit den mehr als 1'000 Dateien einlässt, wird mit hochinteressanten Fundstücken zur jüngeren Schachgeschichte und darüber hinaus belohnt.
Die Kolumne wird meist mit einer aktuellen oder thematisch passenden und angemessen kommentierten Meisterpartie beschlossen. Hinzu kommen eine oder mehrere Schachaufgaben, seit Juli 2000 in den drei Kategorien «Ganz leicht», «Ganz schön» und «Ganz schön schwer» – Titel, die den spielerisch souveränen Umgang der Autoren mit dem königlichen Spiel ahnen lassen.
Das großformatige und aufwendig gestaltete Buch könnte man augenzwinkernd als «DVD-Booklet» bezeichnen. Es enthält die unentbehrlichen Orientierungshilfen zur DVD: eine kurze Chronologie der Beiträge; ein alphabetisches Namen- und Sachregister jeweils mit Verweis zum Datum des Beitrages; eine detailliert nach Eröffnungen sortierte Partieübersicht und chronologische Übersicht der Partiefragmente; eine Auswahl von ca. 270 der oben erwähnten Aufgaben mit Lösungen; und als Highlight: 20 Kolumnen als Faksimile-Abdruck.
Uns liegt also ein großartiges Zeitdokument vor, mit dem die verdienstvollen Autoren ihrer Schachspalte ein bleibendes Denkmal gesetzt haben. Wer es in voller Pracht genießen will, muss sich am Rechner durch das Gewirr von weit über 1’000 Dateien kämpfen – eine Geduldsarbeit, die wohl nur Enthusiasten (und Rezensenten) fertig bringen. Vielleicht ist ja dereinst das nächste Jubiläum (das Vierteljahrhundert?) Anlass für eine «echte» Buchausgabe ausgewählter Kolumnen mit rückblickendem Kommentar. Lesespaß und Entdeckerfreude wären garantiert. ■
Michael Ehn / Ernst Strouhal: «en passant», Mit DVD, Springer Verlag Wien / New York, 182 Seiten, ISBN 978-3-7091-0345-6
.
.
Leseprobe (Buch-Scan)
.
.
Erster Lüneburger Kurzdramen-Wettbewerb «Salz»
.
Neue deutschsprachige Theaterstücke gesucht
Im Rahmen seines Kurzdramen-Festivals im Frühsommer 2011 schreibt das Theater Lüneburg einen Wettbewerb für Kurzdramen aus. Eingereicht werden können unveröffentlichte, deutschsprachige Stücke mit einer Länge von maximal 3’000 Wörtern. Die zehn best-jurierten Werke werden im Theater Lüneberg aufgeführt, drei dieser zehn Dramen wird ein Hauptpreis zuerkannt. Einsende-Schluss ist am 31. Januar 2011, die weiteren Einzelheiten sind hier zu lesen.
.
.
Wer bin ich?
.
Women Power (VII)
Ob meine Heirat und meine letztjährigen Mutterfreuden vielleicht mein Spiel am Brett beeinflussen werden, kann ich nur schwer voraussehen. Fest steht aber, dass ich seit langem zu den 30 stärksten Spielerinnen der Welt zähle. Was kein Zufall ist: Das Schachspiel fasziniert mich, seit ich fünf Jahre alt war und es damals von meinem russischen Großvater erklärt bekommen habe. Inzwischen arbeitete ich schachlich mit verschiedenen Trainern zusammen, was schließlich zu großen internationalen Turniererfolgen – neben dreimaligem Europameisterin-Titel u.a. Memorial-Turnier-Siege in Wladimir und St. Petersburg – führte. Mit der Logik und mit der Präzision habe ich es auch als Berufsfrau: seit zwei Jahren bin ich studierte Juristin.
Mein Schachstil ist vielleicht nicht ganz so spektakulär wie z.B. jener meiner guten Freundin Alexandra Kosteniuk, aber ich spiele sehr solide und gewiss nicht ohne Mut zum Risiko, wie meine nachstehende Partie (mit Weiß) zeigt. – Also: wer bin ich?
.
1.e4 e5 2.Sf3 d6 3.d4 exd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 Le7 6.Le2 0-0 7.0-0 Te8 8.f4 Lf8 9.Lf3 c6 10.Kh1 Sa6 11.Sde2 Sc5 12.Sg3 Dc7 13.b3 g6 14.Lb2 Lg7 15.Tb1 Ld7 16.b4 Sa6
17.e5!? dxe5 18.fxe5 Txe5 19.Sce4 Sd5 20.Lxe5 Lxe5 21.Tb3 Sdxb4 22.Db1 Da5 23.a3 Sd5 24.Txb7 Lc8 25.Tb3 h6 26.c4 Se7 27.Td1 Sf5 28.Sxf5 Lxf5 29.Dc1 Kg7 30.Sd6 Le6 31.Lxc6 Td8 32.Tb5 Dc7 33.Txe5 Txd6 34.Ld5 1-0
.
.
.
Walter-Kempowski-Literaturpreis 2011
.
Kurzgeschichten zum Thema «Familie»
Erneut wird von der Hamburger Autorenvereinigung der Walter-Kempowski-Literaturpreis ausgeschrieben. Eingesandt werden können unveröffentlichte Kurzgeschichten in deutscher Sprache zum Thema «Familie». Der Umfang der Texte soll maximal fünf Normseiten (1’800 Zeichen inklusive Leerzeichen) betragen, wobei es sich um eine geschlossene literarische Erzählung handeln muss. Der Wettbewerb ist mit insgesamt 10’000 Euro dotiert. Einsende-Schluss ist am 28. Februar 2011, die weiteren Einzelheiten finden sich hier.
.
.
Das Zitat der Woche
.
Von der Realität
Egon Friedell
.
Wer macht die Realität? Der »Wirklichkeitsmensch«? Dieser läuft hinter ihr her. Gewiß schafft auch der Genius nicht aus dem Nichts, aber er entdeckt eine neue Wirklichkeit, die vor ihm niemand sah, die also gewissermaßen vor ihm noch nicht da war. Die vorhandene Wirklichkeit, mit der der Realist rechnet, befindet sich immer schon in Agonie. Bismarck verwandelt das Antlitz Mitteleuropas durch Divination, Röntgenblick, Konjektur: durch Phantasie. Phantasie brauchen und gebrauchen Cäsar und Napoleon sogut wie Dante und Shakespeare. Die anderen: die Praktischen, Positiven, dem »Tatbestand« Zugewandten leben und wirken, näher betrachtet, gar nicht in der Realität. Sie bewegen sich in einer Welt, die nicht mehr wahr ist. Sie befinden sich in einer ähnlich seltsamen Lage wie etwa die Bewohner eines Sterns, der so weit von seiner Sonne entfernt wäre, daß deren Licht erst in ein oder zwei Tagen zu ihm gelangte: die Tagesbeleuchtung, die diese Geschöpfe erblickten, wäre sozusagen nachdatiert. In einer solchen falschen Beleuchtung, für die aber der Augenschein spricht, sehen die meisten Menschen den Tag. Was sie Gegenwart nennen, ist eine optische Täuschung, hervorgerufen durch die Unzulänglichkeit ihrer Sinne, die Langsamkeit ihrer Apperzeption. Die Welt ist immer von gestern.
Abgeschieden von diesen Sinnestäuschungen lebt der Genius, weswegen er weltfremd genannt wird. Dieses Schicksal trifft in gleichem Maße die Genies des Betrachtens und die Genies des Handelns: nicht nur Goethe und Kant, auch Alexander der Große und Friedrich der Große, Mohammed und Luther, Cromwell und Bismarck wurden am Anfang ihrer Laufbahn für Phantasten angesehen. Und »weltfremd« ist nicht einmal eine schlechte Bezeichnung, denn die erkalkte Welt der Gegenwart war ihnen in der Tat fremd geworden. Man ist daher versucht zu sagen: alle Menschen leben prinzipiell in einer imaginären, schimärischen, illegitimen, erdichteten Welt; bis auf einen: den Dichter.
Die großen Männer sind eine Art Fällungsmittel, das dem Leben zugesetzt wird. Kaum treten sie mit dem Dasein in Berührung, so beginnt es sich zu setzen und zu teilen, zu läutern und zu lösen, zu entmischen und durchsichtig zu werden. Vor ihren klaren Ekstasen entschleiert sich das Leben, und alles Dunkle sinkt schwer zu Boden. ■Aus Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, München 1931
.
.
.
Der brillante Schachzug (82)
Göttinger Vorträge zur «Zukunft des Buches und der Note»
.
«Belletristik ist nicht gefährdet»
Adrienne Lochte
.
Die technische Entwicklung hat vor dem Buch nicht haltgemacht, E-Books sind auf dem Vormarsch. In den USA erzielen Publikumsverlage bereits fünf bis zehn Prozent ihres Umsatzes mit digitalen Büchern – ein Trend, der sich allerdings so noch nicht in in den deutschsprachigen Ländern durchgesetzt hat.
Der Verleger Klaus Gerhard Saur fasste die hierzulande vorerst zurückhaltende Entwicklung auf einem gemeinsamen Vortragsabend der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek (SUB) und der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen zum Thema «Die Zukunft des Buches – Die Zukunft der ,Note’» in Zahlen: Der Anteil von E-Books liege heute bei 1,2 Prozent, vor fünf Jahren sei es ein Prozent gewesen.
Dennoch wagt Saur, der bis zu seinem Ruhestand 2008 den international tätigen K.G. Saur Verlag geleitet hat, die Prognose, dass sich Nachschlagewerke wie Telefonbücher, Wörterbücher und Lexika in gedruckter Form auch weiterhin massiv reduzieren würden.
Die Belletristik, Kinderbücher, Lehrbücher und Kunstbände hält Saur hingegen für «nicht gefährdet». Texte auf dem Bildschirm flimmerten vorbei, «es bleibt nichts haften, das ist nichts für Lesetexte», meint Saur. Zudem baut er auf das «haptische Vergnügen», ein Buch in der Badewanne, am Bett oder auch am Strand genießen zu können. Zahlen stützen auch diese Annahme: Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland 92’000 Neuerscheinungen gedruckter Bücher, und die Zuwachsrate bei gedruckten Büchern in Entwicklungs- und Schwellenländern liegt bei über zehn Prozent.
Anders sieht die Entwicklung bei Notentexten aus. Andreas Waczkat, Professor am Musikwissenschaftlichen Seminar der Georg-August-Universität Göttingen, sprach zunächst von den Grenzen einer Verschriftlichung von Musik. Improvisation etwa könne gar nicht verschriftlicht werden, und auch in vielen nicht-westlichen Kulturen wird Musik nicht durch Notentexte repräsentiert. Das haptische Vergnügen spiele bei der Note auch keine besondere Rolle.

Vorteile der Online-Musiknotation und -Recherche: Screenshot der Neuen Mozart-Ausgabe (mit Kritischem Begleittext)
Die elektronischen Möglichkeiten in der Musik hingegen hätten einige Vorteile. Waczkat nennt als Beispiel u.a. die Homepage der Neuen Mozart-Ausgabe, auf der man neben den Noten gleichzeitig auch den kritischen Bericht sehen kann. Auch Notentexte, die anstatt auf einem Notenständer digital auf einem Bildschirm vor den Musikern erschienen, böten so manchen Vorzug: Einige Noten-Dateien ließen sich vergrößern, manche gar mit einem Knopfdruck in andere Tonarten transponieren. Und in der Luxusausgabe könnten die Seiten mit Hilfe eines Pedals virtuell umgeblättert werden… ■
.
___________________________
Adrienne Lochte ist Journalistin/Redakteurin und Pressereferentin der «Akademie der Wissenschaften zu Göttingen»
.
.
.
.
Finnischer Kompositions-Wettbewerb für Kammermusik
.
Musikalische Inspiration: «Life sets a different trend»
Im Rahmen des dritten Kammermusik-Festivals im finnischen Seinäjoki wird ein internationaler Kompositionswettbewerb ausgeschrieben. Der Contest ist offen für Komponisten jeden Alters und jeder Nationalität. Eingereicht werden kann ein unveröffentlichtes Kammermusik-Werk, das zwischen 8 bis 18 Minuten dauern sollte. Als «Inspirationsquelle» wurde ein Lyrik-Text des Dichters Arto Melleri zugrunde gelegt: «Rhythm emerges when the end / turns around again to the beginning, / in writing. Life sets a different trend. // Melody has always been in compliance / with the hearing ear, /on the other side of silence.» Einsende-Schluss ist am 31. März 2011, die weiteren Details finden sich hier (engl.) ■
.
.
.
Dritter DM-Autoren-Theater-Wettbewerb 2011
.
Neue Stücke für das Klassenzimmer gesucht
Neue Klassenzimmer-Stücke für Menschen ab zehn Jahren sucht die Badische Landesbühne in einem Wettbewerb. Das einzureichende Werk soll das Genre «Klassenzimmerstück» sowohl formal als auch inhaltlich bedienen. und ein Thema aus der Lebenswirklichkeit der Zielgruppe aufgreifen. Gespielt werden können sollte es von maximal drei Schauspielern/innen mit geringem technischen Aufwand in Klassenzimmern oder vergleichbaren kleinen Räumen. Einsende-Schluss ist am 31. Mai 2011, die weiteren Einzelheiten sind hier zu erfahren. ■
.
.
Das «Glarean»-Literatur-Kreuzworträtsel
.
Denksport-Herausforderung für Literaturkenner
.
.
Lösung: —>(weiterlesen…)
.
.
.
.
.
Das neue «Glarean»-Streichholz-Rätsel
.
.
Legen Sie ein Streichholz so um, dass die Gleichung stimmt
.
.
.
Lösung: —>(weiterlesen…)
.
.
.
Musik-Roboter improvisiert mit Menschen
.
Marimba-Live-Jazz von «Shimon»

Ein neuer Meilenstein der musiktechnischen Forschung? Roboter «Shimon» improvisiert mit einem menschlichen Keyboard-Jazzer
Am amerikanischen Georgia Institute of Technology wurde ein Musik-Roboter entwickelt, der nicht nur auf dem Perkussions-Instrument Marimba improvisieren, sondern dabei auch noch mit menschlichen Mitspielern interaktiv musizieren kann. «Shimon», wie das US-Entwicklerteam seine interagierende Maschine taufte, wurde unlängst auf einem Wissenschafts-Festival von Ingenieuren vorgestellt.
Der Roboter ist in der Lage, menschliche Zeichen mit Hilfe einer eingebauten Kamera zu interpretieren, um dann musikalisch improvisierend darauf zu «antworten». Er wird also vom Menschen nicht «bedient», sondern agiert «selbstständig».
In einer Video-Dokumentation der «New-Scientist-Television» demonstrieren die Forscher den schon recht eindrücklichen Fähigkeitsgrad von «Shimon»; geplant ist, den Roboter inskünftig noch differenzierter auf perkussionsspezifische menschliche Gesten reagieren zu lassen.
Das Technik-Institut in Georgia (Atlanta) ist seit Jahren auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz in der Musiktechnologie tätig. Ein anderes spektakuläres Experiment stellten die Wissenschaftler seinerzeit hier vor – einen Robot-Drummer mit erstaunlichem Unterhaltungswert… (we) ■
.
.
.
Das Zitat der Woche
.
Über das Revolutionieren
Adolph Freyherr Knigge
.
Die Anzahl Derer, die Ruhe und Gemächlichkeit lieben und ungern rasche Schritte thun, ist unendlich größer, als die der unruhigen Köpfe, voll rastloser Thätigkeit. Wenig Menschen sezzen gern das gewisse Gute aufs Spiel, gegen das Ungewisse, wonach man mit Gefahr ringen muß. Einzelne Aufwiegler machen wenig Eindruk auf Gemüther, in denen nicht schon der Saamen der Unzufriedenheit keimt; und also sind im Ganzen nur gemishandelte und gemisbrauchte Menschen zum Aufrühre geneigt, oder leicht dazu zu vermögen.
Jeder irgend verständige Mensch weiß, daß man in diesem Erdenleben eine gewisse Summe von Ungemächlichkeiten und Lasten tragen muß. Von Jugend auf wird er an Aufopferungen gewöhnt, und Gewohnheit hat größere Gewalt über ihn, wie alles Übrige; folglich muß zu dieser Last, seinem Gefühle nach, eine unerträgliche Zugabe kommen, wenn er bewogen werden soll, zu murren und das Gewöhnte unnatürlich zu finden.
Wer nicht gewahr wird, daß es andern Leuten unter denselben Umständen besser geht, als ihm, wird nicht leicht mit seinem Zustande unzufrieden werden.
Liebe und Zuneigung zu Wohlthätern, Dankbarkeit für Schuz und gewährte Sicherheit, Erkenntlichkeit gegen edle und redliche Behandlung, Verehrung hervorstechender Talente und eine Art von Furcht vor überwiegender Klugheit ist allen vernünftigen Wesen von Natur eingeprägt. Nur Menschen von äußerst stürmischen Leidenschaften (und Diese machen gewiß den geringem Theil des großen Haufens aus) verleugnen solche Gefühle.
Wer eine rasche, gefährliche That ausführen will und dazu die Mitwirkung Vieler bedarf, wird nicht leicht sich Andern eröfnen und ihnen seine Plane mittheilen, wenn er nicht gewiß überzeugt ist, daß Diese von eben den Empfindungen, wie er, durchdrungen sind, und das sezt entweder eine allgemein gegründete Unzufriedenheit oder eine allgemeine Corruption der sittlichen Gefühle voraus – An beyden ist die Regierung Schuld.Aus diesem Allen ziehen wir theoretisch folgende Schlüsse: daß Empörungen in keinem andern, als in einem äußerst verderbten, in einem äußerst unglüklichen, oder in einem äußerst inkonsequent regierten Staate zu Stande gebracht werden können. In dem erstern, weil da der größere Theil der Menschen geneigt ist, ungerecht zu handeln; in dem zweiten, weil da die Menschen, es komme, wie es wolle, nichts zu verlieren haben; und in dem dritten, weil da die Menschen weniger Gefahr fürchten, wenn auch der Anschlag mislingen sollte.
Aber auch aus der Erfahrung läßt sich beweisen, daß nur in solchen Staaten Revolutionen auszubrechen pflegen, in welchen die Regierungen entweder ohne feste Grundsäzze, oder nach grausamen, oder nach unmoralischen Grundsäzzen gehandelt, folglich sich entweder Verachtung, oder Abscheu zugezogen haben. ■Aus Adolph Freyherr Knigge, Josephs von Wurmbrand politisches Glaubensbekenntnis, Frankfurt/Leipzig 1792
.
.
.

























Einen Kommentar schreiben