Glarean Magazin

111 Chess Tacticals (1)

Posted in 111 Chess Tacticals, Schach, Schach-Rätsel by Walter Eigenmann on 30. November 2010

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Schwarz am Zuge gewinnt

Unsere Serie «111 Chess Tacticals» wendet sich an die Rätselfreunde unter den Schachspielern. Die faszinierende Welt der Schach-Taktik, wie sie sich in diesen 111 Miniaturen spiegelt, beinhaltet herrliche, meist frappante Kombinationen aus der Praxis des jüngsten Amateur- und Profischachs. Der Schwierigkeitsgrad variiert von Aufgabe zu Aufgabe, doch im allgemeinen können die Puzzles innerhalb von fünf Minuten von Vereinsamateuren gelöst werden.
Die Lösung erhalten Sie jeweils nach einem Mausklick auf das Diagramm, und die Varianten können dann online nachgespielt werden. Ausserdem lassen sich alle Varianten als PGN-Datei downloaden. -
Viel Vergnügen beim Knobeln unserer «111 Chess Tacticals»! ■

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Weitere «Tacticals».

Erik Satie: «L´œuvre pour piano» (Aldo Ciccolini)

Posted in Aldo Ciccolini, CD-Rezension, Erik Satie, Michael Magercord, Musik, Musik-Rezensionen, Rezensionen by Walter Eigenmann on 29. November 2010

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«Alle Jahre wieder» und nie langweilig – oder doch?

Michael Magercord

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Es ist wieder einmal soweit: Alle ungefähr drei Jahre wieder legt EMI-Classics die schon vor bald dreißig Jahre erstmals komplett eingespielten Werke für Klavier von Erik Satie vor, jedes Mal mit einem neuen Cover-Design. Bloß alter Wein in neuen Schläuchen also? Sicher nicht, denn diese Einspielung durch den Pianisten Aldo Ciccolini ist ein Schatz in der Truhe von EMI. Diese fünf CDs bringen sechs Stunden ununterbrochenen Hörgenuss – und ein Genuss ist es immer wieder, die Werke Saties zu hören. Es sind Kleinode der Klaviermusik, das längste dauert exakt sechs Minuten, das kürzeste gerade einmal 14 Sekunden, und insgesamt kommt die komplette Einspielung auf 212 Einzel-Takes.

Schon das erste Take «Allegro», das auch die erste bekannte Komposition von Satie ist, zeigt seine ganze Meisterschaft der Kürze und Konzentration. Neun Takte, die der Komponist nach zwanzig Sekunden als komplettes Stück beschließt. Das Stück – oder sollte man sagen: Werk – scheint mit seinem Fließen gar nicht zu enden und endet eben doch. Satie soll zur Aufrechterhaltung dieses Eindrucks noch eine Überbrückungspassage von ein paar Takten gestrichen haben, die ihm das Stück zu arg in die Länge gezogen hätte, ohne wirklich etwas hinzuzufügen. Eine musikalische Postkarte von der Atlantikküste oder poetischer: ein Haiku. Auch wenn Satie in der Folge seiner Kompositoinstätigkeit viele Phasen und Perioden durchgemacht hat, die vom Walzer bis zur strengen klassischen Form reichen, so blieb die Kürze und Konzentration seine Methode, und der Hörer dankt ihm für diesen kleinen aber feinen Genuss bis heute.

Erik Satie im Portrait-Gemälde von Suzanne Valadon

Es ist natürlich auch immer ein Genuß, sich über die Werke und die oft abstrusen Titelbezeichnungen den Komponisten als Menschen auszumalen. Wer seine Stücke etwa «Gurkenembryos», «träumender Fisch» oder «bürokratische Sonate» nennt, muss jemand gewesen sein, der sich als Mensch so ernst nahm, dass er sich nicht ernst nahm. Ein wahrlich schräger Vogel soll es auch gewesen sein, der dem jungen Erik Satie das Dasein als schräger Vogel schmackhaft gemacht hatte. Sein Onkel nämlich, der sich auch noch «Onkel Seevogel» nannte, aber eher als das schwarze Schaf der Familie galt, hatte sich kaum um die familiäre Reederei gekümmert als vielmehr um schlüpfrige Theater-Revues – und seinen Neffen in diese Welt eingeführt. Mit dieser Erfahrung aus den jungen Jahren hatte auch der noch jugendliche Pianist und Komponist Erik Satie später kein Problem, sich umgehend in die Szene um den Pariser Montmartre heimisch zu fühlen und doch genau zu verstehen, was eigentlich gespielt wird, heißt es in einer Biographie, denn sein Sinn für das Absurde des Lebens sei dank des Onkels schon früh geschärft gewesen. Der genussvoll diese seltsam betittelten Werke Hörende jedenfalls ist dem Onkel dafür noch immer dankbar…

«Genussvolle Langeweile»: Erik Saties Skizze für die Orchestrierung eines seiner «Gnossiennes»

Es ist weiter natürlich auch ein Genuss, sich auf die ganz unterschiedlichen Ausführung dieser Stücke zu konzentrieren, wobei die Einspielung von Aldo Ciccolini als eine der richtungsweisenden Interpretationen gelten darf. Satie wurde bis in den Beginn der 80er Jahre kaum gespielt, die großen Solisten mieden diese so ernstfrei daher kommende ernste Musik. Der französiche Pianist mit süditalienischen Wurzeln besass aber vielleicht genug neapolitianische Chupze, um sich gleich an eine Kompletteinspielung zu wagen. Erst in den letzten beiden Jahrzehnten wurden einige Stücke, allen voran die Gymnopedies und Gnossiennes, oft aufgenommen, und alles scheint nun möglich, von elegisch romantisch, wie etwa vom jungen englischen Pianisten Ronan O’Hara, oder steif und kalt. Schon der Vergleich der Längen ergeben interessante Aufschlüsse über die Interpretierbarkeit dieser Musik. Wo zum Beispiel John White, der spielt, als komme die Musik aus einem betonungslosen Automaten – was Satie sicher auch gefallen hätte –, die «Träumerei des Armen» in 2:43 Minuten absolviert, benötigt Aldo Ciccolini für dasselbe Stück in seiner, die jeweiligen Klangstimmungen aufnehmenden Art der Interpretation gerade einmal eine Minute.

Erik Saties «L´œuvre pour piano» mag eine bereits dreißig Jahre alte Einspielung von Aldo Ciccolini sein, die aber ihre ständige Wiederauflage immer wieder aufs Neue rechtfertigt: Melancholisch, wo es soll, spritzig, wo es muss – und langweilig, wie es besser nicht geht.

Diese CD-Box Einspielung ist also ein Genuss in vielerlei Hinsicht, und selbst nach sechs Stunden klingen die kurzen, oftmals im besten Sinne eintönigen Werke beim Hörer noch lange nach. Langeweile sollte ja eigentlich keine Kategorie der Kunstkritik sein, hier aber sei sie einmal erlaubt, denn es soll der Soziologe und Musiktheoretiker Theodor Adorno gewesen sein, der Saties Musik abschätzig mit der Begriff «Philosophische Langeweile» belegte. Der genusssüchtige und dankbare Hörer fasst diese Bezeichnung seiner geliebten Eintötigkeiten aus der Feder von Erik Satie in der Interpretation von Aldo Ciccolini allerdings als Lob auf – denn ist nicht diese Art der Langeweile die vielleicht menschenwürdigste aller menschlich-geistigen Regungen? ■

Erik Satie, L´œuvre pour piano, Aldo Ciccolini (Klavier), 5 CD-Box, EMI Classics 50999 648361 2 6

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Hörbeispiele

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Das Zitat der Woche

Posted in Franz Kafka, Literatur, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 28. November 2010

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Von den Engeln und den Teufeln

Franz Kafka

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Vor der Auslage von Casinelli drückten sich zwei Kinder herum, ein etwa sechs Jahre alter Junge, ein sieben Jahre altes Mädchen, reich angezogen, sprachen von Gott und von Sünden. Ich blieb hinter ihnen stehen. Das Mädchen, vielleicht katholisch, hielt nur das Belügen Gottes für eine eigentliche Sünde. Kindlich hartnäckig fragte der Junge, vielleicht ein Protestant, was das Belügen der Menschen oder das Stehlen sei.

»Auch eine sehr große Sünde«, sagte das Mädchen, »aber nicht die größte, nur die Sünden an Gott sind die größten, für die Sünden an Menschen haben wir die Beichte. Wenn ich beichte, steht gleich wieder der Engel hinter mir, wenn ich nämlich eine Sünde begehe, kommt der Teufel hinter mich, nur sieht man ihn nicht.« Und des halben Ernstes müde, drehte sie sich zum Spaße auf den Hacken um und sagte: »Siehst du, niemand ist hinter mir.« Ebenso drehte sich der Junge um und sah dort mich. »Siehst du«, sagte er ohne Rücksicht darauf, daß ich es hören müßte, oder auch ohne daran zu denken, »hinter mir steht der Teufel.«
»Den sehe ich auch«, sagte das Mädchen, »aber den meine ich nicht.« ■

Aus Franz Kafka: Er – Aufzeichnungen aus dem Jahre 1920

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Humor in der Musik (16)

Posted in Humor, Humor in der Musik, Musik, Sax-O-Matic, Video, YouTube by Walter Eigenmann on 27. November 2010

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Saxophon – Rush Hour (Sax-O-Matic)

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Michael Ehn / Ernst Strouhal: «en passant»

Posted in Buch-Rezension, Ernst Strouhal, Rezensionen, Schach, Schach-Rezension, Thomas Binder by Walter Eigenmann on 26. November 2010

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Eindrückliche Zeitdokumentation der jüngeren Schachgeschichte

Thomas Binder

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Das 20-Jahr-Jubiläum der wöchentlichen Schachkolumne in einer überregionalen Tageszeitung ist heutzutage sicher ein Grund für würdige Feiern. Michael Ehn und Ernst Strouhal (dem regelmäßigen Leser als «ruf & ehn» bekannt) können stolz auf genau diese zwei Jahrzehnte ihrer Arbeit für den Wiener «Standard» zurückblicken. Sie begehen dies mit einer Sammlung ihrer dort erschienenen Beiträge und werden das dabei entstandene Buch «en passant» am 10. Dezember im «project space» der Wiener Kunsthalle bei einer grandiosen Veranstaltung präsentieren.
Die beiden Autoren müssen dem Fachpublikum wohl nicht mehr vorgestellt werden. Michael Ehn gehört zu den renommiertesten Schachhistorikern der Gegenwart. Erst kürzlich konnten wir an dieser Stelle sein Buch «Alles über Schach» vorstellen. Ernst Strouhal doziert u.a. an der Universität für angewandte Kunst in der österreichischen Hauptstadt. Seine kulturwissenschaftlichen Studien haben vielfältige Bezüge zum Schachspiel.

Der Versuch, eine Zeitungskolumne in Buchform zu pressen, erscheint gewagt. Ehn und Strouhal haben einen ungewöhnlichen Ansatz gewählt, diese Vielfalt zu bewältigen. Ihrem Buch ist eine DVD beigegeben, die eine unveränderte Wiedergabe aller seit Juni 1990 erschienenen Beiträge – das sind mehr als 1’100 – enthält. Dabei gehen die Autoren betont puristisch vor: Die Artikel der Jahre 1990 bis 2008 werden als Scans im JPG-Format präsentiert, die der Jahre 2009 und 2010 (bis Juni) als PDF-Dokument. So hat man einen Weg gefunden, vergängliches Material aus Tageszeitungen vollständig für die Schachfreunde künftiger Generationen zu erhalten.

20 Jahre lang Schach-Feuilleton in Wien: Die Kult-Kolumne von «ruf & ehn» im «Standard»

Eine rückwirkende Rezension der Kolumnen aus heutiger Sicht verbietet sich von selbst. Um dem Leser einen kleinen Einblick zu gewähren, will ich willkürlich ein paar Monate aus dem riesigen Fundus herausgreifen und die Inhalte ganz kurz vorstellen. Die Auswahl wurde nach dem Zufallsprinzip getroffen, lässt aber den eigentlichen Reiz der Lektüre aufscheinen: Es ist höchst amüsant, frühere Beiträge aus heutiger Sicht noch einmal zu lesen, Parallelen zu ziehen, Wertungen zu hinterfragen.

April 1992: Am 5.4. kommentieren die Autoren die Querelen um die Brettbesetzung der österreichischen Olympiade-Mannschaft und teilen in Richtung Verbandsspitze aus. Aktuelle Parallelen kommen dem Rezensenten nicht ganz zufällig in den Sinn. Am 12.4. wird der Schachöffentlichkeit ein neues Wunderkind vorgestellt: Der 12jährige Peter Leko war damals gerade der jüngste IM der Schachwelt. Leko prophezeite übrigens seinerzeit Anand als künftigen Weltmeister – und sich selbst (für 2002) als dessen Nachfolger. Erwies sich Teil 1 der Vorhersage als Volltreffer, wird am zweiten Teil noch gearbeitet… Eine Woche später würdigen die Autoren Alex Wohl für den Gewinn der australischen Meisterschaft und zum Monatsende geht es in die «exzentrische Welt der Studien». Anlass ist das Erscheinen der Studien-Datenbank des Holländers Harold van der Heijden.

Juli 2002: Das Modewort hieß «Advanced Chess», wobei sich zwei menschliche Spieler mit Computer-Unterstützung duellieren. So berichtet die Kolumne vom 6.7.2002 über ein solches Match zwischen Anand und Kramnik – nicht ahnend, dass beide mehrere Jahre später ohne Rechner um die WM gegeneinander spielen werden. Wie es der Zufall will, wird eine Woche später ein weiterer WM-Kandidat ins Bild gesetzt: Ein Topalow-Porträt ziert den Beitrag über das Dortmunder Kandidatenturnier, am 20.07. werden dann Topalow und Leko als Finalisten von Dortmund präsentiert und zum Ende des Monats steht fest: «Es kann nur einen geben» – Leko ist der Herausforderer für Weltmeister Kramnik.

August 2008: In diesem Monat stehen zunächst drei Beiträge zu Geschichte und Gegenwart des Schachs auf der Karibik-Insel Kuba im Blickpunkt. Am 25. August wird dann mit weit ausholendem Blick auf den Ödipus-Komplex eine aktuelle Turnierpartie zwischen Vater und Sohn Carlsen kommentiert. Ohne «ruf & ehn» wäre sie längst in Vergessenheit geraten. -

Auf Buch und DVD namens «en passant» dokumentieren Ehn und Strouhal die 20-jährige Geschichte ihrer Schachkolumne im Wiener «Standard». Das großformatige Buch bietet als Orientierungshilfe die dazugehörigen Register. Wer sich auf die Arbeit mit den mehr als 1’000 Dateien einlässt, wird mit hochinteressanten Fundstücken zur jüngeren Schachgeschichte und darüber hinaus belohnt.

Die Kolumne wird meist mit einer aktuellen oder thematisch passenden und angemessen kommentierten Meisterpartie beschlossen. Hinzu kommen eine oder mehrere Schachaufgaben, seit Juli 2000 in den drei Kategorien «Ganz leicht», «Ganz schön» und «Ganz schön schwer» – Titel, die den spielerisch souveränen Umgang der Autoren mit dem königlichen Spiel ahnen lassen.

Das großformatige und aufwendig gestaltete Buch könnte man augenzwinkernd als «DVD-Booklet» bezeichnen. Es enthält die unentbehrlichen Orientierungshilfen zur DVD: eine kurze Chronologie der Beiträge; ein alphabetisches Namen- und Sachregister jeweils mit Verweis zum Datum des Beitrages; eine detailliert nach Eröffnungen sortierte Partieübersicht und chronologische Übersicht der Partiefragmente; eine Auswahl von ca. 270 der oben erwähnten Aufgaben mit Lösungen; und als Highlight: 20 Kolumnen als Faksimile-Abdruck.

Uns liegt also ein großartiges Zeitdokument vor, mit dem die verdienstvollen Autoren ihrer Schachspalte ein bleibendes Denkmal gesetzt haben. Wer es in voller Pracht genießen will, muss sich am Rechner durch das Gewirr von weit über 1’000 Dateien kämpfen – eine Geduldsarbeit, die wohl nur Enthusiasten (und Rezensenten) fertig bringen. Vielleicht ist ja dereinst das nächste Jubiläum (das Vierteljahrhundert?) Anlass für eine «echte» Buchausgabe ausgewählter Kolumnen mit rückblickendem Kommentar. Lesespaß und Entdeckerfreude wären garantiert. ■

Michael Ehn / Ernst Strouhal: «en passant», Mit DVD, Springer Verlag Wien / New York, 182 Seiten, ISBN 978-3-7091-0345-6

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Leseprobe (Buch-Scan)



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Erster Lüneburger Kurzdramen-Wettbewerb «Salz»

Posted in Literatur, Literatur-Ausschreibungen, Literaturwettbewerbe, Theater by Walter Eigenmann on 25. November 2010

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Neue deutschsprachige Theaterstücke gesucht

Im Rahmen seines Kurzdramen-Festivals im Frühsommer 2011 schreibt das Theater Lüneburg einen Wettbewerb für Kurzdramen aus. Eingereicht werden können unveröffentlichte, deutschsprachige Stücke mit einer Länge von maximal 3’000 Wörtern. Die zehn best-jurierten Werke werden im Theater Lüneberg aufgeführt, drei dieser zehn Dramen wird ein Hauptpreis zuerkannt. Einsende-Schluss ist am 31. Januar 2011, die weiteren Einzelheiten sind hier zu lesen.

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Wer bin ich?

Posted in Schach, Schach-Rätsel, Wer bin ich?, Women Power by Walter Eigenmann on 24. November 2010

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Women Power (VII)

Wer bin ich - Schach - November 2010Ob meine Heirat und meine letztjährigen Mutterfreuden vielleicht mein Spiel am Brett beeinflussen werden, kann ich nur schwer voraussehen. Fest steht aber, dass ich seit langem zu den 30 stärksten Spielerinnen der Welt zähle. Was kein Zufall ist: Das Schachspiel fasziniert mich, seit ich fünf Jahre alt war und es damals von meinem russischen Großvater erklärt bekommen habe. Inzwischen arbeitete ich schachlich mit verschiedenen Trainern zusammen, was schließlich zu großen internationalen Turniererfolgen – neben dreimaligem Europameisterin-Titel u.a. Memorial-Turnier-Siege in Wladimir und St. Petersburg – führte. Mit der Logik und mit der Präzision habe ich es auch als Berufsfrau: seit zwei Jahren bin ich studierte Juristin.
Mein Schachstil ist vielleicht nicht ganz so spektakulär wie z.B. jener meiner guten Freundin Alexandra Kosteniuk, aber ich spiele sehr solide und gewiss nicht ohne Mut zum Risiko, wie meine nachstehende Partie (mit Weiß) zeigt. – Also: wer bin ich?

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1.e4 e5 2.Sf3 d6 3.d4 exd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 Le7 6.Le2 0-0 7.0-0 Te8 8.f4 Lf8 9.Lf3 c6 10.Kh1 Sa6 11.Sde2 Sc5 12.Sg3 Dc7 13.b3 g6 14.Lb2 Lg7 15.Tb1 Ld7 16.b4 Sa6

17.e5!? dxe5 18.fxe5 Txe5 19.Sce4 Sd5 20.Lxe5 Lxe5 21.Tb3 Sdxb4 22.Db1 Da5 23.a3 Sd5 24.Txb7 Lc8 25.Tb3 h6 26.c4 Se7 27.Td1 Sf5 28.Sxf5 Lxf5 29.Dc1 Kg7 30.Sd6 Le6 31.Lxc6 Td8 32.Tb5 Dc7 33.Txe5 Txd6 34.Ld5  1-0

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Walter-Kempowski-Literaturpreis 2011

Posted in Ausschreibung, Literatur, Literatur-Ausschreibungen, Literaturwettbewerbe by Walter Eigenmann on 23. November 2010

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Kurzgeschichten zum Thema «Familie»

Erneut wird von der Hamburger Autorenvereinigung der Walter-Kempowski-Literaturpreis ausgeschrieben. Eingesandt werden können unveröffentlichte Kurzgeschichten in deutscher Sprache zum Thema «Familie». Der Umfang der Texte soll maximal fünf Normseiten (1’800 Zeichen inklusive Leerzeichen) betragen, wobei es sich um eine geschlossene literarische Erzählung handeln muss. Der Wettbewerb ist mit insgesamt 10’000 Euro dotiert. Einsende-Schluss ist am 28. Februar 2011, die weiteren Einzelheiten finden sich hier.

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B.C. Schweizer: «Julia und Der Schattenmann»

Posted in B. C. Schweizer, Buch-Rezension, Günter Nawe, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rezensionen by Walter Eigenmann on 22. November 2010

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«…aber das ist eine andere Geschichte»

Günter Nawe

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Es ist ein spätes Debüt, dass die Autorin B.C. Schweizer mit den Erzählungen «Julia und Der Schattenmann» vorlegt; Geschichten teilweise vor dem Hintergrund der Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts – von der Nachkriegszeit bis ins Heute.
Es sind Erzählungen, die sicher auch etwas mit der Autorin, mit ihrem eigenen Erleben zu tun haben. Der oft sehr persönliche Ton ihrer Texte belegt dies. Hinter dem Pseudonym B.C. Schweizer verbirgt sich Prof. Dr. Barbara Schaeffer-Hegel, von 1980 bis 2002 Professorin für Erziehungs-Wissenschaften an der TU Berlin. Studiert hat sie Politik-Wissenschaften, Geschichte, Philosophie und Romanistik. Außerdem hat sie feministische Grundlagenforschung betrieben.
Von all dem scheint etwas durch in diesen sehr sensiblen Erzählungen, in deren Mittelpunkt vorwiegend Frauen stehen. In der Ich-Erzählung «Margitta und der Schattenmann» geht es um die Begegnung einer jungen Frau mit einem jungen Mann, der erfahren musste, dass sein geliebter Onkel ein Naziverbrecher war. An diesem Wissen ging nicht nur die Beziehung zu Margitta kaputt; Henry selbst ging daran zugrunde.
Verletzliche Wesen allesamt, die Figuren der B.C. Schweizer. Und deshalb jederzeit gefährdet. Und trotzdem oft standhaft die Brüche ihrer Biografien aushaltend. Ihre Traumata führen zu zu traurigen und oft dramatischen Erlebnissen. Und es ist die Fähigkeit der Autorin, ihre Sensibilität und ihrer einfach und schnörkellose Sprache, die den Leser nicht nur faszinieren, sondern auch innerlich teilhaben lassen.

Barbara Schaeffer-Hegel

In der längsten Erzählung dieses Bandes «Julia und die Liebe oder Die Reise nach Ronchamp» wird die Protagonistin von einer Liebe befallen, die Julia zur Frau machte – «wenngleich nicht ganz in dem Sinne, den man gemeinhin mit diesem Ausdruck verbindet». Sie bekam ihre Periode nicht – bis..! «Der Hormonstoß kam mit Pele… Seit die Gefühle für Pele sich Julias bemächtigt hatten, blutete sie – wie es sich gehört – in regelmäßigen monatlichen Abständen. Jungfrau blieb sie dennoch. Denn – so Pele: «Es wäre unverantwortlich, Julia an seine fragwürdige Existenz zu binden.» Für Julia brach eine Welt zusammen. Pele war homosexuell.
Alle späteren Beziehungen Julias litten unter diesem Trauma der so vermeintlich grundlosen Trennung von Pele – sei es zu Bechmann mit den vielen Freundinnen, sei es zu Christof, der jüdischer Herkunft war und darunter zu leiden hatte. Und immer noch war Julia Jungfrau. Auch mit Kurt gab es Probleme – auch wenn sie durch ihn endlich zur Frau werden sollte.

«Julia und Der Schattenmann» ist eine handvoll wunderbarer Erzählungen, die ganz leise daherkommen. Die Autorin B. C. Schweizer schreibt schnörkellos und einfach von den seelischen Belastungen, von Traumata und ihrer Überwindung, von der Verletzbarkeit der menschlichen Psyche, auch ihrer Standhaftigkeit.Alle Protagonisten in diesem Buch sind Frauen - doch ist es kein Buch nur für Frauen...

Wunderbar hat Schweizer die seelischen Verletzungen, aber auch die immer wieder aufkommenden Sehnsüchte und Hoffnungen der jungen Frau und die scheinbare Unmöglichkeit der Liebe beschrieben. Am Ende aber…
«Die Liebe aber sollte Julia erst Jahre später kennen lernen. Als sie die Hoffnung schon längst aufgegeben hatte und schon verheiratet war. Die Liebe war über alle Maßen herrlicher, betörender – sie war unermesslich viel köstlicher als Julia je geahnt hätte. Sie war aber auch grausamer und vernichtender als Julia eigentlich ertragen konnte. Und hätte sie beinahe das Leben gekostet. Aber das ist eine andere Geschichte.»

«Andere Geschichten» also erzählt die Autorin noch. Von einer außergewöhnlichen Mutter-Tochter-Beziehung, von einem großen und einem kleinen Tod. Und mehr. «Geschichten, die das Leben schrieb», und die uns von B.C. Schweizer auf sehr schöne Weise «nacherzählt» worden sind. ■

B. C. Schweizer, Julia und Der Schattenmann, Erzählungen, 188 Seiten, Edition Cornelius/Projekte-Verlag, ISBN 978-3-86237-225-6.

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Das Zitat der Woche

Posted in Egon Friedell, Kulturgeschichte, Literatur, Philosophie, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 21. November 2010

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Von der Realität

Egon Friedell

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Wer macht die Realität? Der »Wirklichkeitsmensch«? Dieser läuft hinter ihr her. Gewiß schafft auch der Genius nicht aus dem Nichts, aber er entdeckt eine neue Wirklichkeit, die vor ihm niemand sah, die also gewissermaßen vor ihm noch nicht da war. Die vorhandene Wirklichkeit, mit der der Realist rechnet, befindet sich immer schon in Agonie. Bismarck verwandelt das Antlitz Mitteleuropas durch Divination, Röntgenblick, Konjektur: durch Phantasie. Phantasie brauchen und gebrauchen Cäsar und Napoleon sogut wie Dante und Shakespeare. Die anderen: die Praktischen, Positiven, dem »Tatbestand« Zugewandten leben und wirken, näher betrachtet, gar nicht in der Realität. Sie bewegen sich in einer Welt, die nicht mehr wahr ist. Sie befinden sich in einer ähnlich seltsamen Lage wie etwa die Bewohner eines Sterns, der so weit von seiner Sonne entfernt wäre, daß deren Licht erst in ein oder zwei Tagen zu ihm gelangte: die Tagesbeleuchtung, die diese Geschöpfe erblickten, wäre sozusagen nachdatiert. In einer solchen falschen Beleuchtung, für die aber der Augenschein spricht, sehen die meisten Menschen den Tag. Was sie Gegenwart nennen, ist eine optische Täuschung, hervorgerufen durch die Unzulänglichkeit ihrer Sinne, die Langsamkeit ihrer Apperzeption. Die Welt ist immer von gestern.

Egon Friedell (1878-1938)

Abgeschieden von diesen Sinnestäuschungen lebt der Genius, weswegen er weltfremd genannt wird. Dieses Schicksal trifft in gleichem Maße die Genies des Betrachtens und die Genies des Handelns: nicht nur Goethe und Kant, auch Alexander der Große und Friedrich der Große, Mohammed und Luther, Cromwell und Bismarck wurden am Anfang ihrer Laufbahn für Phantasten angesehen. Und »weltfremd« ist nicht einmal eine schlechte Bezeichnung, denn die erkalkte Welt der Gegenwart war ihnen in der Tat fremd geworden. Man ist daher versucht zu sagen: alle Menschen leben prinzipiell in einer imaginären, schimärischen, illegitimen, erdichteten Welt; bis auf einen: den Dichter.
Die großen Männer sind eine Art Fällungsmittel, das dem Leben zugesetzt wird. Kaum treten sie mit dem Dasein in Berührung, so beginnt es sich zu setzen und zu teilen, zu läutern und zu lösen, zu entmischen und durchsichtig zu werden. Vor ihren klaren Ekstasen entschleiert sich das Leben, und alles Dunkle sinkt schwer zu Boden. ■

Aus Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, München 1931

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Der brillante Schachzug (82)

Posted in Der brillante Schachzug, German Castillo, Schach, Schach-Rätsel by Walter Eigenmann on 20. November 2010

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Weiß am Zuge


2r1kb1r/1nqb1p2/p2ppP2/1p5p/1P1NP3/P1N2Q2/2P1B2P/1K1R2R1 w

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Lösung: —->(weiterlesen…)

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Weitere «Brillanten».

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Göttinger Vorträge zur «Zukunft des Buches und der Note»

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«Belletristik ist nicht gefährdet»

Adrienne Lochte

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«Haptisches Vergnügen»: Buchpapier in der Hand

Die technische Entwicklung hat vor dem Buch nicht haltgemacht, E-Books sind auf dem Vormarsch. In den USA erzielen Publikumsverlage bereits fünf bis zehn Prozent ihres Umsatzes mit digitalen Büchern – ein Trend, der sich allerdings so noch nicht in in den deutschsprachigen Ländern durchgesetzt hat.
Der Verleger Klaus Gerhard Saur fasste die hierzulande vorerst zurückhaltende Entwicklung auf einem gemeinsamen Vortragsabend der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek (SUB) und der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen zum Thema «Die Zukunft des Buches – Die Zukunft der ,Note’» in Zahlen: Der Anteil von E-Books liege heute bei 1,2 Prozent, vor fünf Jahren sei es ein Prozent gewesen.
Dennoch wagt Saur, der bis zu seinem Ruhestand 2008 den international tätigen K.G. Saur Verlag geleitet hat, die Prognose, dass sich Nachschlagewerke wie Telefonbücher, Wörterbücher und Lexika in gedruckter Form auch weiterhin massiv reduzieren würden.

Kräftig auf dem Vormarsch: Die elektronischen «Book-Reader»

Die Belletristik, Kinderbücher, Lehrbücher und Kunstbände hält Saur hingegen für «nicht gefährdet». Texte auf dem Bildschirm flimmerten vorbei, «es bleibt nichts haften, das ist nichts für Lesetexte», meint Saur. Zudem baut er auf das «haptische Vergnügen», ein Buch in der Badewanne, am Bett oder auch am Strand genießen zu können. Zahlen stützen auch diese Annahme: Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland 92’000 Neuerscheinungen gedruckter Bücher, und die Zuwachsrate bei gedruckten Büchern in Entwicklungs- und Schwellenländern liegt bei über zehn Prozent.

Anders sieht die Entwicklung bei Notentexten aus. Andreas Waczkat, Professor am Musikwissenschaftlichen Seminar der Georg-August-Universität Göttingen, sprach zunächst von den Grenzen einer Verschriftlichung von Musik. Improvisation etwa könne gar nicht verschriftlicht werden, und auch in vielen nicht-westlichen Kulturen wird Musik nicht durch Notentexte repräsentiert. Das haptische Vergnügen spiele bei der Note auch keine besondere Rolle.

Vorteile der Online-Musiknotation und -Recherche: Screenshot der Neuen Mozart-Ausgabe (mit Kritischem Begleittext)

Die elektronischen Möglichkeiten in der Musik hingegen hätten einige Vorteile. Waczkat nennt als Beispiel u.a. die Homepage der Neuen Mozart-Ausgabe, auf der man neben den Noten gleichzeitig auch den kritischen Bericht sehen kann. Auch Notentexte, die anstatt auf einem Notenständer digital auf einem Bildschirm vor den Musikern erschienen, böten so manchen Vorzug: Einige Noten-Dateien ließen sich vergrößern, manche gar mit einem Knopfdruck in andere Tonarten transponieren. Und in der Luxusausgabe könnten die Seiten mit Hilfe eines Pedals virtuell umgeblättert werden… ■

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Adrienne Lochte ist Journalistin/Redakteurin und Pressereferentin der «Akademie der Wissenschaften zu Göttingen»

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Finnischer Kompositions-Wettbewerb für Kammermusik

Posted in Kammermusik, Kompositionswettbewerbe, Musik, Musik-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 18. November 2010

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Musikalische Inspiration: «Life sets a different trend»

Im Rahmen des dritten Kammermusik-Festivals im finnischen Seinäjoki wird ein internationaler Kompositionswettbewerb ausgeschrieben. Der Contest ist offen für Komponisten jeden Alters und jeder Nationalität. Eingereicht werden kann ein unveröffentlichtes Kammermusik-Werk, das zwischen 8 bis 18 Minuten dauern sollte. Als «Inspirationsquelle» wurde ein Lyrik-Text des Dichters Arto Melleri zugrunde gelegt: «Rhythm emerges when the end / turns around again to the beginning, / in writing. Life sets a different trend. // Melody has always been in compliance / with the hearing ear, /on the other side of silence.» Einsende-Schluss ist am 31. März 2011, die weiteren Details finden sich hier (engl.) ■

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Dritter DM-Autoren-Theater-Wettbewerb 2011

Posted in Literatur, Literatur-Ausschreibungen, Literaturwettbewerbe, Theater by Walter Eigenmann on 18. November 2010

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Neue Stücke für das Klassenzimmer gesucht

Neue Klassenzimmer-Stücke für Menschen ab zehn Jahren sucht die Badische Landesbühne in einem Wettbewerb. Das einzureichende Werk soll das Genre «Klassenzimmerstück» sowohl formal als auch inhaltlich bedienen. und ein Thema aus der Lebenswirklichkeit der Zielgruppe aufgreifen. Gespielt werden können sollte es von maximal drei Schauspielern/innen mit geringem technischen Aufwand in Klassenzimmern oder vergleichbaren kleinen Räumen. Einsende-Schluss ist am 31. Mai 2011, die weiteren Einzelheiten sind hier zu erfahren. ■

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Das «Glarean»-Literatur-Kreuzworträtsel

Posted in Denksport, Kreuzworträtsel, Literatur-Kreuzworträtsel, Rätsel by Walter Eigenmann on 17. November 2010

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Denksport-Herausforderung für Literaturkenner

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Rätsel zum Ausdrucken

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Das neue «Glarean»-Streichholz-Rätsel

Posted in Denksport, Rätsel, Spielwiese, Streichholz-Rätsel by Walter Eigenmann on 16. November 2010

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Legen Sie ein Streichholz so um, dass die Gleichung stimmt

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Literatur-Projekt «Edition Balkan» gestartet

Posted in Buch-Rezension, Günter Nawe, Literatur, Maria Stankowa, Rezensionen, Viktor Paskow by Walter Eigenmann on 15. November 2010

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Anspruchsvolle und unterhaltsame Texte aus Bulgarien

Günter Nawe

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«Fulminanter Künstler- und Liebesroman»: «Autopsie» von Viktor Paskow (Bulgarien)

Alle reden von Integration, vom Austausch der Kulturen und von EU-Erweiterung. Doch was wissen wir voneinander? Es gibt auf der literarischen Landkarte Europas – und nicht nur hier – eine Menge weißer Flecken und terrae incognitae. Dem will der Berliner Dittrich Verlag Abhilfe schaffen – mit seinem ehrgeizigen Projekt einer «editionBalkan»: Zeitgenössische Autoren aus Ländern wie Bulgarien, Rumänien, Serbien und Griechenland sollen über die Grenzen des Balkans hinaus Aufmerksamkeit finden. Unkenntnisse sollen abgebaut, Verständnis für diese Literaturen soll geweckt werden.
Denn sie hat es verdient. Haben wir es doch in den Balkanländern mit Autoren zu tun, die anspruchsvolle und unterhaltsame Texte geschrieben haben; Texte, die das gegenseitige Kennenlernen ermöglichen, das Miteinander von Kulturen fördern und das oft verzerrte Bild, das eine Gesellschaft sich von der anderen macht, der Wirklichkeit anpassen. So das Credo der Herausgeber dieser «editionBalkan» Nedielka und Roumen M. Evert (selbst ein renommierter Autor), Bernd Oeljeschläger, Volker Dittrich und Gerritt Schooff.
Es herrscht allgemein Optimismus hinsichtlich des Gelingens – und dies nicht ohne Grund. Nicht erst durch die rumänische Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller ist die rumänische Literatur ins Blickfeld von Medien und Leserschaft geraten. Und so wird Rumänien auch einer der Länderschwerpunkte sein, der die editionBalkan auszeichnen wird.

Bulgarien macht den Anfang. Hervorragende Autoren, die zur Elite der zeitgenössischen Literatur Bulgariens gehören, werden ihre Werke vorstellen; Autoren, die in ihrem Land längst Anerkennung gefunden und nationale und internationale Preise bekommen haben. Sie werden uns eine Kultur und Gesellschaft schildern, die bei uns weitestgehend unbekannt ist, werden auf literarisch anspruchsvolle Weise über die menschlichen Beziehungen, über die ökonomischen und sozialen Gegebenheiten und Konflikte berichten, die gerade die letzten zwei Jahrzehnte geprägt haben. Und sie werden von Menschen und ihren Schicksalen erzählen, die in Bulgarien oder außerhalb der Grenzen ihres Landes das Miteinander unter den jeweiligen Bedingungen leben müssen.

Grenzüberschreitend im wahrsten Sinne ist der erste jetzt erschienene Roman des bulgarischen Autors Viktor Paskow (geboren 1949 in Sofia, gestorben 2009 in Bern). Er galt als das kosmopolitische Enfant terrible der bulgarischen Literatur. Der studierte Musiker lebte in der DDR, in Westberlin und zuletzt als Kulturattaché Bulgariens in Bern. Mit «Autopsie» (im Original: «Autopsie einer Liebe») hat er, nach mehreren anderen Büchern,  einen fulminanten Künstler- und Liebesroman geschrieben. Der Leser kann Paskows Protagonisten durch die Bohème Berlins und die Kultur Sofias begleiten. Im Wechselspiel von musikalischer Kreativität und erotischer Obsession und einer Liebe «aus tiefem Schmerz und Demut» erleidet der Jazzsaxophonist und Klarinettenvirtuose Charlie eine fatala Blockade. Er begibt sich auf die Suche nach dem «absoluten Ton», der ihm allerdings nur mit dem richtigen «Instrument» gelingen kann. Dieses «Instrument» ist die schöne Bulgarin Ina, bei der er die Liebe und die sexuelle Erfüllung findet – aber zu welchem Preis?

Besonders beeindruckend ist nicht nur der Plot, sondern die Sprache Viktor Paskows. Sie ist hochmusikalisch, sein Leitmotiv spielt der Autor immer wieder mit herrlichen Variationen und erstaunlichen Improvisationen durch. Das ganze Buch ist wie eine brillante Jam-Session, wie ein wunderbares Klarinettenkonzert voller Überraschungen. Und wie Musik und Sprache sich in diesem Buch auf erstaunliche Weise literarisch ergänzen, so spürt der Leser auch in sehr subtilen Passagen die Gemeinsamkeiten der Kulturen, die sich im Leben und in der Kunst darstellen.

«Sprachlich präziser Blick auf die Psyche»: «Langeweile» von Maria Stankowa (Bulgarien)

Von ähnlicher Sensibilität, vor allem aber literarischer Qualität sind die drei kleinen Romane der Maria Stankowa, die unter dem Titel «Langeweile» erschienen sind. Auch die Stankowa, geboren 1956, ist – wie ihr Kollege Paskow – studierte Musikerin, hat als Regieassistentin und Redakteurin gearbeitet, Drehbücher und Theaterstücke geschrieben und 1998 ihr erstes Prosawerk veröffentlicht.
In den drei kleinen Romanen «Die schwarze Frau und der Schütze», «Langeweile» und «Das Netz» geht es trotz unterschiedlicher Ansätze weitestgehend um Frauen in Lebenskrisen, um Frauen, die sich der Zweck- und Sinnlosigkeit des Lebens gegenüber sehen.
«Die Frau und der schwarze Schütze» ist eine Liebesgeschichte. Der Ausbruch aus der Hölle einer lieblosen Ehe, der Versuch, eine alte Liebe wieder aufleben zu lassen. Er ist zum Scheitern verurteilt, weil die Frau die Fähigkeit zu lieben verloren hat.
Verloren hat dagegen in der Titelgeschichte «Langeweile» eine Frau ihr Leben. Mord – das zumindest ist der Ermittlungsansatz der Kriminalkommissarin. Doch die Sache ist komplexer. Mit viel Reflexionsfähigkeit und großer psychologischer Sensibilität hat Maria Stankowa ihre Protagonistin ausgestattet. Und am Ende steht die Einsicht, dass nicht nur Mörder grausam sind. Und nicht nur sie haben ein gebrochenes Verhältnis zum Leben, stehen ihm mit Gleichgültigkeit und Kälte gegenüber. Erkenntnisse, die für alle gelten.
Überzeugend ist auch die Geschichte «Das Netz». In ihr erzählt Maria Stankowa von Frauen und Männern, die ihre Einsamkeit und ihre hoffnungslose Sehnsucht nach Liebe und Zuneigung der virtuellen Welt des Internet, den ChatRooms anvertrauen. Hier können sie geschützt ihre Alltagssorgen loswerden, sich anderen Menschen anvertrauen, Gefühle formulieren und Sehnsüchte thematisieren. So weit, so gut. In dem Augenblick aber, wo die virtuellen Erfahrungen auf die reale Welt stoßen, wo sich die Partner in der Wirklichkeit treffen, stellt sich heraus, dass die so geschlossenen Freundschaften und Beziehungen dieser Wirklichkeit nicht standhalten. Das Scheitern ist programmiert – und die Rückkehr in die virtuelle Welt der letzte Ausweg.
Es ist vor allem die sprachliche Präzision, die einen tiefen Blick auf den Menschen und in seine Psyche erlaubt. Maria Stankowa spielt virtuos auf der Klaviatur der literarischen Möglichkeiten. Ihr Stil ist überraschend vielfältig und doch unverwechselbar. Maria Stankowa ist – wenn man will – eine große Entdeckung, eine brillante bulgarische Autorin von internationaler Bedeutung.

Seine neue «editionBalkan» startet der Berliner Dittrich Verlag mit bedeutenden AutorInnen aus Bulgarien: Die Romane von Viktor Paskow und Maria Stankowa überzeugen sowohl inhaltlich als auch stilistisch und zeigen bereits exemplarisch auf, wie großartig der Literatur-Raum des Balkan besiedelt ist.

Zu erwähnen sind in allen Fällen die Übersetzer aus dem Bulgarischen: Alexander Sitzmann, der «Autopsie» ins Deutsche übertragen hat, und Barbara Beyer, die «Langeweile» übersetzt hat. Ihr großer Anteil an der Akzeptanz dieser Bücher im deutschen Sprachraum ist nicht zu übersehen.
Ein sehr gelungener Start der «editionBalkan», der viel verspricht für die weiteren Veröffentlichungen bulgarischer und später auch anderer Literaturen. ■

Viktor Paskow: Autopsie, 404 Seiten, editionBalkan im Dittrich Verlag, ISBN 978-3-937717-49-4; Maria Stankowa: Langeweile, Drei kleine Romane, 320 Seiten, editionBalkan im DittrichVerlag, ISBN 978-3-937717-53-1

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Musik-Roboter improvisiert mit Menschen

Posted in Musik, News & Events, Technik by Walter Eigenmann on 14. November 2010

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Marimba-Live-Jazz von «Shimon»

Ein neuer Meilenstein der musiktechnischen Forschung? Roboter «Shimon» improvisiert mit einem menschlichen Keyboard-Jazzer

Am amerikanischen Georgia Institute of Technology wurde ein Musik-Roboter entwickelt, der nicht nur auf dem Perkussions-Instrument Marimba improvisieren, sondern dabei auch noch mit menschlichen Mitspielern interaktiv musizieren kann. «Shimon», wie das US-Entwicklerteam seine interagierende Maschine taufte, wurde unlängst auf einem Wissenschafts-Festival von Ingenieuren vorgestellt.
Der Roboter ist in der Lage, menschliche Zeichen mit Hilfe einer eingebauten Kamera zu interpretieren, um dann musikalisch improvisierend darauf zu «antworten». Er wird also vom Menschen nicht «bedient», sondern agiert «selbstständig».
In einer Video-Dokumentation der «New-Scientist-Television» demonstrieren die Forscher den schon recht eindrücklichen Fähigkeitsgrad von «Shimon»; geplant ist, den Roboter inskünftig noch differenzierter auf perkussionsspezifische menschliche Gesten reagieren zu lassen.
Das Technik-Institut in Georgia (Atlanta) ist seit Jahren auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz in der Musiktechnologie tätig. Ein anderes spektakuläres Experiment stellten die Wissenschaftler seinerzeit hier vor – einen Robot-Drummer mit erstaunlichem Unterhaltungswert… (we)

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Das Zitat der Woche

Posted in Adolph Freyherr Knigge, Literatur, Politik&Gesellschaft, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 14. November 2010

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Über das Revolutionieren

Adolph Freyherr Knigge

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Die Anzahl Derer, die Ruhe und Gemächlichkeit lieben und ungern rasche Schritte thun, ist unendlich größer, als die der unruhigen Köpfe, voll rastloser Thätigkeit. Wenig Menschen sezzen gern das gewisse Gute aufs Spiel, gegen das Ungewisse, wonach man mit Gefahr ringen muß. Einzelne Aufwiegler machen wenig Eindruk auf Gemüther, in denen nicht schon der Saamen der Unzufriedenheit keimt; und also sind im Ganzen nur gemishandelte und gemisbrauchte Menschen zum Aufrühre geneigt, oder leicht dazu zu vermögen.
Jeder irgend verständige Mensch weiß, daß man in diesem Erdenleben eine gewisse Summe von Ungemächlichkeiten und Lasten tragen muß. Von Jugend auf wird er an Aufopferungen gewöhnt, und Gewohnheit hat größere Gewalt über ihn, wie alles Übrige; folglich muß zu dieser Last, seinem Gefühle nach, eine unerträgliche Zugabe kommen, wenn er bewogen werden soll, zu murren und das Gewöhnte unnatürlich zu finden.
Wer nicht gewahr wird, daß es andern Leuten unter denselben Umständen besser geht, als ihm, wird nicht leicht mit seinem Zustande unzufrieden werden.
Liebe und Zuneigung zu Wohlthätern, Dankbarkeit für Schuz und gewährte Sicherheit, Erkenntlichkeit gegen edle und redliche Behandlung, Verehrung hervorstechender Talente und eine Art von Furcht vor überwiegender Klugheit ist allen vernünftigen Wesen von Natur eingeprägt. Nur Menschen von äußerst stürmischen Leidenschaften (und Diese machen gewiß den geringem Theil des großen Haufens aus) verleugnen solche Gefühle.
Wer eine rasche, gefährliche That ausführen will und dazu die Mitwirkung Vieler bedarf, wird nicht leicht sich Andern eröfnen und ihnen seine Plane mittheilen, wenn er nicht gewiß überzeugt ist, daß Diese von eben den Empfindungen, wie er, durchdrungen sind, und das sezt entweder eine allgemein gegründete Unzufriedenheit oder eine allgemeine Corruption der sittlichen Gefühle voraus – An beyden ist die Regierung Schuld.

Adolph Freiherr Knigge (1752-1796)

Aus diesem Allen ziehen wir theoretisch folgende Schlüsse: daß Empörungen in keinem andern, als in einem äußerst verderbten, in einem äußerst unglüklichen, oder in einem äußerst inkonsequent regierten Staate zu Stande gebracht werden können. In dem erstern, weil da der größere Theil der Menschen geneigt ist, ungerecht zu handeln; in dem zweiten, weil da die Menschen, es komme, wie es wolle, nichts zu verlieren haben; und in dem dritten, weil da die Menschen weniger Gefahr fürchten, wenn auch der Anschlag mislingen sollte.
Aber auch aus der Erfahrung läßt sich beweisen, daß nur in solchen Staaten Revolutionen auszubrechen pflegen, in welchen die Regierungen entweder ohne feste Grundsäzze, oder nach grausamen, oder nach unmoralischen Grundsäzzen gehandelt, folglich sich entweder Verachtung, oder Abscheu zugezogen haben. ■

Aus Adolph Freyherr Knigge, Josephs von Wurmbrand politisches Glaubensbekenntnis, Frankfurt/Leipzig 1792

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Der brillante Schachzug (81)

Posted in Der brillante Schachzug, Schach, Schach-Rätsel by Walter Eigenmann on 13. November 2010

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Weiß am Zuge


4r1k1/1bq2r1p/p2p1np1/3Pppb1/P1P5/1N3P2/1R2B1PP/1Q1R2BK w

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Lösung: —->(weiterlesen…)

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Weitere «Brillanten».

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(more…)

Lyrik von Martin Kirchhoff

Posted in Literatur, Lyrik, Martin Kirchhoff, Neue Lyrik by Walter Eigenmann on 12. November 2010

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Klaipeda. Rundgang

Stimmenvoll, die Klänge,
sagen, werden getragen
ins Gehör, die Fragen

Worte, Sprache, die Klänge
hier, fremd mir,
Sprache, kräftiger Stier

Tauche ein, die Klänge
schweben, Träume erleben,
Worte, tiefe Orte

Stimmenvoll, die Kultur
hören, Sprache kann betören,
Klänge, gleich Chören

Tauche ein, Sprache fremd,
bester Wein, den niemand kennt;
schöner Klang, heimisch hier
Gesänge, fremd und in mir

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Bahnhof der Lufttrinker

Halb erblindet unter der Brücke
Bahnareal, Schienen, Gräser
S-Bahnen humpeln eisern dahin
Bettler, Mensch, Arbeitsloser

rattert der Zug, rattert die Zeit, rattert die Luft
es steigen Menschen in die Vergangenheit der Leere
es geht was kommt, alle wissen was keiner weiß
rattert das Leben, rattert der Traum, rattert das Sein

Halb sehend unter der Brücke
Ruinen, Flächen, Schotter
Gestalten stolpern glaubend umher
Lieder, Morgenrot, Hoffnung

vergeht was ist, vergeht was glaubt, vergeht was vergangen ist
es kommen die Toten in die Zukunft der Gegenwart
es kommt was geht, alle wissen was keiner sagt
vergeht der Tod, vergeht das Nichts, vergeht der Schein

Schräge Vögel im Bahnhof der Lufttrinker

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Ankunft

Wellen, die Boten,
sie becircen meine Seele,
die Möwen rufen
sie zaubern mir Flügel

Ein grünes Boot legt an
Wind, der Flüsterer,
er nimmt meine Seele,
die Gedanken schweben
sie zaubern mir Farben

Ein grünes Boot legt ab
Seele, der Sucher,
nimmt an die Wellen,
die Gedanken zaubern
sie rufen die Möwen

Eine Seele kommt an
Seele wird Welle
Welle wird Bote
Bote wird Möwe
Sie rufen mich

Angekommen im Meer

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Martin KirchhoffMartin Kirchhoff

Geb. 1954 in Leonberg/D, zahlreiche Lyrik- und Prosa-Publikationen in Büchern, Zeitschriften und Anthologien, verschiedene Literaturpreise, lebt als Zeitungskorrektor in Leonberg

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«Ad-libitum»-Kompositions-Wettbewerb 2011

Posted in Ausschreibung, Kompositionswettbewerbe, Musik, Musik-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 11. November 2010

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Gesucht: Zeitgenössische Musik für Amateure / Jugendliche

Die Kultur-Stiftung Winfried Böhler richtet – in Zusammenarbeit mit «Musik der Jahrhunderte» – zum zweiten Mal ihren «Ad-libitum»-Kompositionswettbewerb aus. Eingesandt werden können zeitgenössische Kompositionen, die von Laien- oder semiprofessionellen Orchestern, ggf. auch von Kinder-Ensembles realisiert werden können: «Die Herausforderung an die Kompositionen besteht in der Vereinbarkeit von qualitativ hohem musikalischem Anspruch, Flexibilität in der Besetzung und technischer Umsetzbarkeit durch Amateure oder Semiprofis.» Die Dauer des frei besetzbaren Werkes sollte 15 Minuten nicht überschreiten. Der Preis ist mit insgesamt 12’000 Euro dotiert. Einsende-Schluss ist am 15. Dezember 2010, die weiteren Details finden sich hier. ■

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Innerschweizer Literatur-Wettbewerb 2011

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Gesucht: Kurze Berggeschichten

Einen Literaturwettbewerb für Kurzprosa schreibt der Innerschweizer Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverein ISSV aus. Gesucht werden Berggeschichten, die eines der beiden folgenden Zitate im Zentrum haben: A) «An einem nebelgrauen, herbstlich kühlen Oktobertag sassen in einem abgelegenen Walde, wo kaum mehr ein Wanderer anzutreffen war, stattlich gewachsene, wohlhabende und angesehene Männer um ein Feuer herum.» (aus Meinrad Inglin: Das Riedauer Paradies); B) «Der graue, alte Berg spielt die Hauptrolle in seinem Leben. Er war sein Freund und Feind…» (aus Heinrich Federer: Pilatus). Einsende-Schluss ist am 28. Februar 2011, die weiteren Einzelheiten finden sich hier. ■

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Ameneh Bahrami: «Auge um Auge»

Posted in Ameneh Bahrami, Karin Afshar, Kultur&Gesellschaft, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rezensionen by Walter Eigenmann on 10. November 2010

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Tragisches Schicksal als literarische Chimäre

Dr. Karin Afshar

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Der MVG-Verlag, in dem das Buch «Auge um Auge» von Ameneh Bahrami erschienen ist, hat eine Philosophie: Man will Mut machen und kompetente Hilfe in allen Lebenslagen bieten. Die Bücher, die im Verlag erscheinen, sollen für ein unbeschwertes, glückliches und bewusstes Leben stehen. Der MVG-Verlag versteht sich als zukunftsorientierter Ratgeberverlag mit den thematischen Schwerpunkten Persönlichkeitsbildung und Motivation. Sein Programm umfasst rund 700 lieferbare Titel. Im Bereich Lifestyle erscheinen Hardcover und Taschenbücher zu verschiedenen Themen. Und so kündigt er das Buch, um das es hier geht, an: «Das Buch gibt allen Frauen Kraft, für ihr Leben und ihre Freiheit einzustehen. Es ist die Geschichte einer unglaublich starken Frau.»
«Auge um Auge» hat 256 Seiten und ist ein Hardcover-Band. Bevor ich auf den Inhalt eingehe, erlauben Sie mir einen Blick auf den Einband. Vorne direkt unter dem Titel steht: «Ein Verehrer schüttete mir Säure ins Gesicht. Jetzt liegt sein Schicksal in meiner Hand.» Zwei Augen in einem ansonsten mit einem Schleier verborgenen Gesicht springen dem Leser – bzw. der Leserin, denn Frauen sind die Zielgruppe –  entgegen. Derlei Bucheinbände gibt es mittlerweile vielfach – ja, ist denn dem Verlag nichts Eigenes eingefallen?

Verkaufsträchtiges Buchcover-Motiv: Augenpaar unterm verschleiernden Muslima-Tschador

Aber sehen wir uns den Titel näher an: «Auge um Auge». Wer kennt das Zitat nicht? Soweit so gut: der Verlag setzt auf zwei bekannte und in vielen Menschen umhergeisternde Vorstellungen, um sein Buch zu vermarkten und neu im Unterbewusstsein zu verankern. Die Leute sollen kaufen! Das ist legitim, denn damit verdient ein Verlag sein Geld. Und er hat Recht: vermutlich geht für eine kurze Zeit – denn länger reicht das Gedächtnis und die Geduld der Leser nicht mehr – genau mit dieser Kombination die Rechnung auf. Daran verdient hoffentlich auch die Autorin.

Auge für Auge (hebräisch עין תּחת עין ajin tachat ajin) ist Teil eines Rechtssatzes aus dem Sefer ha-Berit (hebr. Bundesbuch) in der Tora für das Volk Israel (Ex 21,23–25 EU). In der heutigen Umgangssprache wird Auge für Auge überwiegend unreflektiert als Ausdruck für gnadenlose Vergeltung verwendet. Übersetzt als Auge um Auge (und zusammen mit Zahn um Zahn) wird das Teilzitat zur Anweisung an das Opfer oder seine Vertreter, dem Täter Gleiches mit Gleichem «heimzuzahlen» bzw. sein Vergehen zu sühnen. Dass es ursprünglich auch im Alten Testament (2. Moses 21, 24) darum ging, Rache abzuwehren und Gewalt zu begrenzen, ist nur wenigen präsent.
Im Iran, dem Heimatland der Erzählerin, ist aufgrund der rund 1300 Jahre alten Scharia-Gesetze, die bei vorsätzlicher Tötung und vorsätzlicher Körperverletzung das Vergeltungsprinzip («Qisas») darstellen, sogar vorgesehen, dass der Täter das erleiden soll, was er seinem Opfer angetan hat.
Der Erzählerin wird nach einer Gerichtsverhandlung eben dieser Urteilsspruch zuteil, dergleichen vornehmen zu dürfen.  Zwar darf sie für zwei ihrer Augen zunächst nur ein Auge des Täters blenden, aber sie kann ja das zweite hinzukaufen. Eine Frau ist eben nur halb so viel wert wie ein Mann. Sie bekommt schließlich doch seine beiden Augen…

Ein Bild, das um die Welt ging: Ameneh Bahrami nach dem Säure-Anschlag, in der Hand ihre Bilder als Gesunde

Ameneh ist eine junge Frau, die an der Freien Universität in Teheran Elektrotechnik studiert. Vom Tschador hält sie nicht viel: sie trägt lieber einen knielangen weißen Mantel und ein Kopftuch. Damit macht sie sich natürlich nicht nur Freunde, und setzt sich den Männerblicken und auch so mancher Anmache aus. Im Jahre 2003 ist eine Frau im Iran alles andere als hamsar und auf Augenhöhe eines Mannes, und scheint am besten in einer (wie auch immer arrangierten) Ehe aufgehoben. Die Nach-Khomeini-Zeit – aber nicht nur diese – hat seltsame männliche Exemplare und verquer-menschenverachtende Ansichten hervorgebracht. Nun ist es nicht ungewöhnlich und überraschend, dass in einer reglementierten Gesellschaft das Dunkle ungleich böser zum Ausbruch drängt.
Nicht alle sind «infiziert», aber eben viel zu viele. Ameneh kann sich damit nicht abfinden und glaubt an die Möglichkeit eines selbstbestimmten Lebens. Sie hat für ihr Studium gekämpft und sich mehrfach beworben, dann hat sie Jobs angenommen, um sich dieses Studium zu finanzieren – etwas, das Frauen im Westen ebenfalls kennen, denn auch uns wird nichts geschenkt. Sie hat einen jungen Mann, in den sie wirklich verliebt war, nicht geheiratet, weil er sich als eifersüchtig und kontrollierend entpuppte und sie am liebsten gleich in die Küche verbannt hätte. Sie hat sich für ein Leben allein entschieden – für solange, bis der «Richtige» käme. Da beginnt ein um drei Jahre jüngerer Mann, sie zu bedrängen – und das Ganze endet in der inzwischen weltweit bekannten Katastrophe: als sie ihn abweist, schüttet er ihr Säure ins Gesicht, sie erblindet.

Was Ameneh durchgemacht hat, ist erschütternd, da gibt es keine Diskussion. Doch dann sind da die gewollten Belehrungen und die ideologischen Knöpfe, die gedrückt werden. Die Emotionalität der Schilderungen ist vielfach kaum zu ertragen. Der Leser wird missbraucht und in eine Meinung gezwungen, anderes als hier geschrieben darf man nicht fühlen. Eine solch künstliche, amateurhafte Erzeugung von Spannung hätte die Geschichte nicht nötig gehabt…

Was Ameneh Bahrami durchgemacht hat, ist erschütternd, da gibt es keine Diskussion. Was nur können Menschen Menschen antun! Und wieso lässt Gott das zu, warum lässt er zu, dass ein heranwachsendes Leben zerstört wird und ein Mensch tiefer und tiefer fällt, bis auf den Grund seiner Menschenwürde? Soll er daran zugrundegehen oder soll er wachsen? Ist das die Lektion des Lebens?
Ameneh bemerkt in ihrer Hilflosigkeit bald, wer Freund und wer Feind ist, sie lernt zu unterscheiden, wer sie versteht, und wer schadenfroh ist. Sie ist bewusst und sich ihrer eigenen Empfindungen gewahr. Der Gedanke an Rache kommt dann auf, wenn man seelisch überfordert ist und von der anderen Seite, die man selbst noch vor sich in Schutz zu nehmen beginnt, keinerlei Reue kommt.
Das hätte ein gutes, ein großartiges Buch über grundsätzliche Fragen werden können. Nicht jedoch jetzt, zu diesem Zeitpunkt, sondern erst viel später. Amenehs Geschichte ist noch nicht zuende – die Medien haben sie ihr aber vorschnell aus der Hand gerissen. Dieses Buch ist eine Chimäre. Ein Verlag publiziert es mit der Herausstellung des Leidensweges einer Frau und liefert eine nur halbwegs durchgearbeitete Geschichte.
Es gibt durchaus Passagen, in denen Ameneh Bahrami anschaulich und erfrischend vom Alltagsleben in Hamadan oder Teheran erzählt. Ich bekomme ein Bild von diesem Mädchen, das sich seinen Platz in der Welt erobern möchte. Es ist ein menschliches Bild, das sich in jedem Land der Welt einstellen könnte. Überall suchen junge Menschen nach Selbstbestimmung und Eigenständigkeit, Anerkennung und Liebe ohne Bedingungen.

Doch dann sind da die gewollten Belehrungen und die ideologischen Knöpfe, die gedrückt werden. Natürlich geht es um Literatur – und das ist hier trotz guter Ansätze eben Betroffenheitsliteratur. Das zeigt sich im Erzählmodus ganz bestimmter Zeitungen, die ein bestimmtes Klientel bedienen. Die Emotionalität der Schilderungen ist vielfach kaum zu ertragen. Der Leser wird missbraucht und in eine Meinung gezwungen, anderes als hier geschrieben darf man nicht fühlen. An der Verwendung des Wortes «plötzlich» übrigens erkennt man die Anfänger, und dieses Wörtchen taucht mir zu häufig auf. Eine solch künstliche, amateurhafte Erzeugung von Spannung hat die Geschichte nicht nötig.

Ameneh Bahrami wünsche ich, dass sie die nahende Zeit, in der das Interesse der Medien nachlassen wird, für sich nutzen kann, um ihren Frieden zu finden. Ihren Großvater habe ich übrigens ins Herz geschlossen. Ob sie auf ihn hört? -
«Was dir die Zukunft bringt, das frage nicht / Und die vergangne Zeit beklage nicht. / Allein das Bargeld Gegenwart hat Wert, / Nach dem, was war und sein wird, frage nicht.» (Omar Khayyam)

Ameneh Bahrami: Auge um Auge, MVG-Verlag, 256 Seiten, ISBN 978-3-86882-155-0

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Leseproben


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Weitere Leseproben

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Cartoon der Woche

Posted in Cartoons, Gustav Mahler, Humor, Musik, Otto Boehler by Walter Eigenmann on 9. November 2010

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Otto Boehler: «Dirigent Mahler»

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Das klassische Glarean-Tangram (16)

Posted in Denksport, Rätsel, Spielwiese, Tangram by Walter Eigenmann on 9. November 2010

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Legen Sie mit den Tangram-Elementen die folgende Figur

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Lösung: —>(weiterlesen…)

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Das Tangram-Puzzle

Das Tangram (auch Siebenschlau oder Weisheitsbrett genannt) ist ein altehrwürdiges chinesisches Geometrie-Spiel: Aus nur sieben Steinen eines Quadrates, nämlich fünf Dreiecken, einem Quadrat und einem Parallelogramm lassen sich die vielfältigsten Figuren (Pflanzen, Tiere, Menschen u.v.a.) legen, wobei immer alle sieben Steine verwendet werden müssen. Sie sollen sich berühren, dürfen sich aber nicht überlappen.

Schon in der uralten Kultur Chinas bedeutete das Quadrat die reinste Form einer Fläche, in sich vollkommen, und beim Tangram wird dieses in sich ruhende Quadrat nun aufgelöst in eine endlose Bewegung, wird es durch unablässige Veränderung zum Ausgangspunkt ungeahnter Gebilde, durch das Zusammenspiel seiner festen Elemente zum Quell des Neuen.
Die ersten Tangram-Bücher wurden zur Zeit des Ch’ing-Kaisers Chia Ch’ing (1796-1820) gedruckt, die früheste uns überlieferte Tangram-Publikation dort stammt aus dem Jahre 1813, doch das Grundprinzip des Spiels dürfte im asiatischen Raum schon lange vor  Christi Geburt weit verbreitet gewesen sein. Eine frühe erste Veröffentlichung in Europa datiert aus dem Jahre 1805.

Inzwischen hat das Tangram einen wahren Siegeszug durch alle Kontinente angetreten, ist Gegenstand zahlreicher Bücher und Sammlungen geworden – und lädt unvermindert anregend und spannend ein zum Nachdenken, zum Knobeln, zum Sinnieren,  ja vielleicht gar zum Philosophieren über die ewige Veränderung des ewig Gleichen…

Im «Glarean Magazin» finden sich regelmäßig interessante und berühmte Tangram-Aufgaben.  Dabei wird das Lege-Puzzle erleichtert, wenn man sich aus Karton die sieben Grundelemente zurechtschneidet.
Sollten unter unseren Leserinnen und Lesern vielleicht sogar Tangram-«Erfinder» sein, so sind sie freundlich eingeladen, uns ihre neuen Figuren als Grafik-Datei zu senden!  (we)

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Ein Beispiel

Legen Sie mit den Tangram-Elementen die folgende Figur

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Kurzprosa von Andreas Hutt

Posted in Andreas Hutt, Literatur, Neue Prosa by Walter Eigenmann on 8. November 2010

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Schwarze kommen nicht

Andreas Hutt

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Martin blickte nach draußen. Von den schweren Wolken des indischen Monsuns, die am Tag zuvor den Himmel verdunkelt hatten, war fast nichts mehr zu sehen. Nur eine einzelne schwarze Wolke stand noch wie eine Mahnung am Himmel, dass es mit der Idylle jederzeit vorbei sein könne. Schnell packte Martin ein Badetuch, Sonnenöl und einen Krimi in seine Jutetasche. Dann verließ er die Unterkunft und ging einen mit Steinplatten gepflasterten Weg entlang, an Palmen und eingeschossigen Häusern vorbei in Richtung Strand.
Nachdem er auf die Strandpromenade eingebogen war, sah Martin einen Touristen mit schulterlangem Haar, der einen blau gemusterten Wickelrock wie die Einheimischen trug. Der Mann schaute seltsam verklärt auf den Boden, blickte aber zu Martin auf, als der an ihm vorüberging. Martin musste wegen des Wickelrockes lachen und sagte «Hallo!» zu dem Unbekannten, der zuerst verwirrt, dann aber belustigt wirkte und den Gruß erwiderte. Dabei blitzten die Augen des Mannes auf.
Nach dem Frühstück legte sich Martin an den Strand. Der Fremde kam vorbei, erkannte ihn und hockte sich zu ihm hin. «Sieht so aus, als hättest du ’was für Genuss übrig», sagte er mit österreichischem Akzent.
«Klar, solange das Wetter noch so ist wie jetzt.»
«Ich bin übrigens Thomas.»
«Martin. Auch als Tourist hier?»
«Tourist?» Der Österreicher schüttelte den Kopf. «Das kann man so nicht sagen. Wir – also meine Frau, mein bester Freund und ich – wollen länger bleiben. Wir haben weiter oben am Hang ein Haus gemietet – für ein halbes Jahr und dann sehen wir weiter.» Während er redete, schweiften seine Augen immer wieder zum Strand ab und verweilten dort, als suche er etwas.
«Ihr seid also sozusagen Aussteiger!», meinte Martin.
«Na ja, Aussteiger ist zuviel gesagt», erwiderte Thomas. «Weißt du, wir kommen aus einer Kleinstadt in Kärnten. Wenn du da ein bisschen anders bist als die anderen, dann zerreißen sich die Leute das Maul über dich. Vor vier Monaten haben wir die Schnauze voll gehabt und sind abgehauen – mal sehen, wie lange es uns hier gefällt.»
«Wovon lebt ihr hier? Von euren Ersparnissen?»
Thomas verzog die Lippen zu einem maliziösen Lächeln. «Ich muss jetzt weiter. Ach ja, falls du Lust hast: Mein Kumpel und ich geben heute Abend eine Party. Du bist auch eingeladen! Wir können dich an der Strandpromenade abholen. Um acht Uhr am Leuchtturm?»
«O.k.», sagte Martin. Thomas erhob sich und setzte sich wieder in Bewegung. Als er schon einige Schritte gegangen war, wandte er sich noch einmal um: «Übrigens: Du brauchst keine Befürchtungen zu haben. Schwarze kommen nicht!» Er grinste. «Bis heute Abend!»
Martin starrte Thomas nach, bis dieser in der Ferne verschwunden war. Dann holte er seinen Krimi aus der Tasche, las den Klappentext, schlug das Buch aber nicht auf. Seine Gedanken kreisten noch immer um Thomas und seinen Satz: Schwarze kommen nicht.
Auch am Nachmittag zogen nur einige wenige Wolken über einen ansonsten lichtblauen Himmel. Martin ging nach einer Siesta erneut zum Meer, kramte seinen Krimi hervor und las. Als er von seiner Lektüre aufblickte, sah er, dass sich ein braungebrannter Mann mit schwarzem Haar neben ihn gelegt hatte.
Martin wollte schon zu lesen fortfahren, doch er schaute noch einmal zu seinem Nachbarn hinüber. «Heute Morgen ist mir was passiert», meinte er. «Ich bin einfach so von einem Wildfremden zu einer Party eingeladen worden.»
«Du auch?», lachte der Mann los. «Lass mich raten: Von Thomas und seinem Freund?»
Martin lächelte. «Sie scheinen halb Kovalam von ihrer Party erzählt zu haben.» Während er seinen Blick über den Strand wandern ließ, sah Martin in einiger Entfernung Thomas. Der Österreicher unterhielt sich gerade mit einem Pärchen, nickte, als er Martin erkannte, und setzte dann sein Gespräch fort – ohne später noch einmal bei ihm und seinem Nachbarn vorbeizuschauen.
Nachdem die Sonne untergegangen war, hatte fast jedes Lokal an der Strandpromenade seine Veranda mit einer Lichterkette beleuchtet. Die bunten Lampen vertrieben die Dunkelheit auf eine Art und Weise, die etwas Beruhigendes hatte. Martin genoss den Anblick auf einem Felsen, bevor er in einem Restaurant Platz nahm und eine Masala Dosa bestellte. Zufällig betrat auch Jochen das Lokal, den er vor einigen Tagen im Bus kennengelernt hatte. Jochen entdeckte Martin, winkte und setzte sich zu ihm an den Tisch.
Während des Essens bemerkte Jochen, dass er sich beeilen müsse, da er ja noch auf die Party wolle.
Martin war perplex: «Du bist auch eingeladen?»
«Du etwa auch?», fragte Jochen und kratzte sich am Kopf.
Als sie gegen acht am Leuchtturm standen, wehte vom Meer eine feuchtwarme, fischige Brise herüber. Martin steckte die Hände in die Hosentasche und betrachtete das Meer. «Irgendwie riecht hier alles verdorben?», dachte er sich.
Jochen nahm ihn beiseite: «Sag mal, hat Thomas auch so etwas zu dir gesagt, dass keine Schwarzen zur Party kämen?» Martin nickte und Jochen zog die Augenbrauen nach oben. Der Strandnachbar vom Nachmittag erschien und kurz darauf kam auch Thomas aus dem Dunkel der Nacht. Er trug noch immer den Wickelrock vom Vormittag und hatte sich zusätzlich ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift «Liberty» übergestreift. «Ah, schön, ihr habt euch schon miteinander bekannt gemacht», meinte er in seinem schwerfälligen, österreichischen Akzent. «Mir nach!»
Thomas ging allein vorneweg, die anderen folgten ihm. Zuerst ließen sie auf einem Weg, der zwischen zwei Restaurants entlangführte, die Strandpromenade mit ihren Lichtern hinter sich. Danach liefen sie weiter auf Schotterstraßen zwischen einzelnen Hotels, Pensionen und Privatunterkünften einen Berg hinauf. Kein Mensch begegnete ihnen. Dieser Teil des Ortes war wie ausgestorben. Nach einer Weile hörten sie Dancefloormusik. «Das sind wir», bemerkte Thomas. «Wir sind gleich da.»
Sie bogen auf einen Pfad ein, der sie zu einer Art Motel brachte. Vor den Apartments standen ein weißer Plastiktisch und Stühle, auf denen ein Mann und eine Frau saßen. Zwei Jungen spielten auf dem Sandplatz davor zu den Klängen von Scooter.
Die Frau erhob sich und ging auf die Gäste zu. Sie hatte ihr blondes Haar zu einem Zopf zusammengebunden. «I bin die Uschi», sagte sie. «Un des is der Manfred.» Der Mann stand auf, so dass man sehen konnte, wie groß und dünn er war, und schüttelte jedem der Gäste die Hand. Als Kontrast zu seinen Jeans und dem T-Shirt hatte er sich eine bestickte indische Kappe auf den Kopf gesetzt.
«Raucht ihr?», fragte Manfred, griff in seine Hemdtasche und holte Tabak, Blättchen und ein braunes Tütchen hervor. «Falls ihr etwas braucht, dann könnt ihr es von uns bekommen. Wir verkaufen das Zeug – auch tagsüber am Strand.»
Während Manfred seinen Joint baute, erzählte er seinen Gästen, dass er und sein Freund vor vier Monaten ihre Stellen gekündigt hatten, nach Bombay geflogen waren und dort jedem, der ihnen über den Weg gelaufen war, ein Foto von Kovalam unter die Nase gehalten hatten. «Dort wollen wir hin! War nicht leicht, das Dorf zu finden. Aber jetzt sind wir tatsächlich hier!»
«Sagt mal», meinte Jochen, «ladet ihr häufiger Leute vom Strand ein?» Er biss sich auf die Unterlippe. «Nicht, dass ihr mich jetzt falsch versteht…»
«Schon gut!», fiel ihm Manfred ins Wort. «Weißt du, unser Geschäft lebt von unseren Kontakten. Je mehr Leute uns kennen – je mehr Leute wissen, dass sie bei uns `was kriegen können, desto besser. Da laden wir gern `mal jemanden zu uns nach Hause ein, wenn der dann vielleicht bei uns kauft.»
Manfred befeuchtete das Blättchen. «Im Augenblick läuft alles bestens!», fügte er hinzu. «Wir können machen, was wir wollen. Das Geschäft brummt. Uns geht es gut!» Dann blickte er zur Seite und spuckte auf den Boden. «Das einzige, was nervt, sind die Schwarzen! Zum Glück haben wir nur ab und zu geschäftlich mit denen zu tun.»
Niemand erwiderte etwas, während Manfred die Arbeit an seinem Joint beendete. Martin nutzte die Gesprächspause, um sich das Motel näher anzusehen. Die Wände der Häuser waren rot und die Fenster mit weißen Läden verschlossen, was der Anlage eher ein skandinavisches als ein indisches Flair gab. Uschi sagte: «Ich auch!» und Manfred gab den Tabak, die Blättchen und das Marihuana an sie weiter.
Die Leere des Schweigens wurde durch die Musik übertönt. Dann ergriff Manfred erneut das Wort: «Möchtet ihr vielleicht einen Tee?» Ohne eine Antwort seiner Gäste abzuwarten, rief er: «Mira, wir haben Gäste. Mach uns einen Tee!» in die Nacht hinaus. Aus dem Schatten eines Hauses löste sich eine Frauengestalt. Sie verschwand in einem der Apartments, und obwohl Martin sie nur für einen Augenblick gesehen hatte, konnte er erkennen, dass es sich um eine Einheimische handelte.
«Meine Frau», erklärte Manfred, als er Martins fragenden Blick bemerkte, «wir sind seit zweieinhalb Monaten verheiratet.» Er zündete sich den Joint an und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
«Aha! Schwarze kommen also nicht!», sagte Martin, bevor er von seinem Platz aufstand und in der indischen Nacht verschwand. ■

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Andreas Hutt

Geb. 1967 in Kassel/D, Lehramtsstudium (Mathematik und Deutsch), Lyrik- und Kurzprosa-Publikationen in Zeitschriften und Anthologien, verschiedene Theaterprojekte, Rezensionen für Literatur-Portale, lebt als Gymnasiallehrer in Marburg/D

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Das Zitat der Woche

Posted in Henry Slesar, Literatur, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 7. November 2010

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Über die Bücherliebe

Henry Slesar

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Sie hatte eben ihren Kaffee ausgetrunken, als sie merkte, daß sich ein Mann zu ihr an den Tisch gesetzt hatte. Ihre Finger umklammerten das Buch. Sie machte sich klar, daß er sie schon eine Weile angestarrt hatte und sie womöglich jede Sekunde anreden würde. Entschlossen, ihn zu ignorieren, wendete sie die Seite um und tat, als ob sie läse.
»Mein Lieblingsbuch«, sagte er schließlich.
Sie hob hastig den Kopf, und ihre Augen erblickten ein junges, schmales Gesicht mit ernsten braunen Augen und einem etwas spöttisch verzogenen Mund.
»Sie schreibt wunderbar, nicht wahr?« fragte er. »Ich meine Mary Webb.«
Helens Herz begann zu pochen, doch nicht von Mary Webbs Prosa. Die einzigen jungen Männer ihrer Bekanntschaft waren Helden, die blondschöpfig und mutig über Romanseiten wanderten. Die echten jungen Männer, die Jünglinge, die vielsagend hinter Frauen hergrinsten und auf der Straße laut lachten – diese Männer waren ihr fremd.
»Ich will mich nicht aufdrängen oder so«, sagte er. »Aber Sie wissen sicher, wie das ist, wenn man jemanden ein Buch lesen sieht, das einem gefällt. Ich meine, wenn Sie überhaupt Bücher mögen. Tun Sie das?«
»Bücher mögen? Ja«, sagte Helen.
»Ich auch. Ich finde, es gibt auf der Welt nichts Schöneres. Obwohl das irgendwie seltsam klingt.«
»Ganz und gar nicht.« Sie räusperte sich. »Jedenfalls finde ich es nicht seltsam. Ich lese ständig. Ich bin überzeugt, die Welt läßt sich in Büchern wiederfinden, alles, was Menschen je widerfahren ist…«
»Richtig! Sie wissen ja wirklich Bescheid! Das ist nämlich auch meine Meinung, nur ist es schwer, sie anderen begreiflich zu machen.«
Er sprach mit einer solchen jungenhaften Begeisterung, daß Helen gar nicht anders konnte, als lebhaft darauf zu reagieren.

Henry Slesar (1927-2002)

Sie setzten das Gespräch fort. Sie sprachen von Mary Webb und Charles Dickens. Sie unterhielten sich über Hemingway und Milton und Shakespeare und Faulkner. Sie entdeckten einen Autor nach dem anderen, den beide bewunderten. Nach fast zwei Stunden Unterhaltung und Kaffeetrinken sagte er: »Ich heiße Bill. Bill Mallory.«
»Helen«, antwortete sie und senkte die Augen.
»Einer meiner Lieblingsnamen. Sie kennen doch den Vers: >Dies ist das Gesicht, das tausend Schiffe in den Kampf geschickt und das die breiten Türme Iliums in Brand gesteckt! Süße Helena, mach mich unsterblich mit…«<
Helens rotes Gesicht brachte ihn zur Besinnung. Sie war es nicht gewöhnt, daß junge Männer so zu ihr sprachen. Der Gedanke, daß er sich vielleicht über sie lustig machte, überfiel sie wie eine kalte Dusche. Sie stand auf und griff nach Buch und Tasche.
»Moment«, sagte Bill und legte ihr die Hand auf den Arm. »Hören Sie, wenn Sie nichts weiter vorhaben…«
»Das habe ich aber…«
»Können Sie das nicht absagen?«
»Tut mit leid.«
»Bitte.« Seine Hand drückte ihren Arm; die Berührung erfüllte sie mit einem ganz eigenartigen Gefühl und ließ sie erschaudern. »Sie dürfen hier nicht einfach verschwinden! Wir könnten uns einen Film ansehen. Oder spazierengehen…«
Sie sah ihn offen an. Sein Blick war noch immer ernst, doch um seinen hübschen Mund lag ein seltsamer Zug, der sich nicht deuten ließ.
»Na schön«, sagte Helen Samish mit einer Stimme, die ihr selbst fremd war.
Eine Stunde lang wanderten sie durch die Straßen der Stadt, während Helen mit der erregenden Mischung aus Mißtrauen und Freude rang, die der junge Mann in ihr auslöste. Schließlich gingen sie in ihre Wohnung, wo er zu ihrer Erleichterung von ihr abließ und seine Aufmerksamkeit sofort den gefüllten Bücherregalen zuwandte.
»Großartig!« begeisterte er sich, und seine Hände verschwanden aufgeregt zwischen den Bänden. »Müssen ja an die tausend Bücher sein…!«
»Über tausend. Gerade neulich habe ich bei einer Auktion gut sechshundert dazugekauft. Deshalb ist alles so durcheinander.«
Grinsend sah er sich im Zimmer um. Überall Bücher, an der Wand gehäuft, mit Schnur gebündelt, Kisten voller Bücher, über- und nebeneinander, jeder Zentimeter Regal mit Bänden gefüllt. Eifrig ging er sie durch, öffnete Buchdeckel, blätterte Seiten um.
»Hier Ordnung zu schaffen wird sehr mühsam sein. Vielleicht kann ich Ihnen helfen.«
»Es ist schon spät…«
»Wie war’s morgen abend? Es sei denn, Sie haben etwas anderes…«
»O nein«, sagte Helen hastig.
»Dann also abgemacht«, sagte er grinsend.
Als Bill Mallory ging, lehnte Helen flach atmend an der Wohnungstür; sie konnte das Wunder, das in ihr Leben getreten war, noch gar nicht fassen. ■

Aus Henry Slesar, Bücherliebe, in: Lesen Sie auch nie? – Diogenes-Tintenfass Nr. 26, Diogenes Verlag 2002

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Der brillante Schachzug (80)

Posted in Cohn, Der brillante Schachzug, Schach, Schach-Rätsel, Schach-Studien by Walter Eigenmann on 6. November 2010

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Matt in 12 Zügen

8/5nnp/6k1/3N4/p3N1Pp/P2p1p2/P1bP1P1P/2K5 w

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Weitere «Brillanten».

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Susanne Czuba-Konrad u.a. (Hg): «Wortwandlerinnen»

Posted in Buch-Rezension, Literatur, Literatur-Rezensionen, Rezensionen, Sigrid Grün, Susanne Czuba-Konrad by Walter Eigenmann on 5. November 2010

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«In jeder Sprache sitzen andere Augen»

Sigrid Grün

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24 Texte von 14 Autorinnen enthält der Band «Wortwandlerinnen». Es sind Texte von Frauen, die im Laufe ihres Lebens in Kontakt mit einer fremden – meistens der deutschen – Sprache gekommen sind. Lyrik, Essays und (autobiografische) Erzählungen legen Zeugnis ab vom Eintritt in eine neue Welt. Grenzen werden überschritten, Sprachbarrieren überwunden, um dahinter Neuland zu betreten, das oft abenteuerlich, manchmal beängstigend, aber stets bereichernd ist.
«Wie viele Zungen du sprichst, so viel mal bist du ein Mensch», sagt ein tschechisches Sprichwort, das die Autorin Radvana Kraslová in ihrem biografischen Text «Sprachkaleidoskop» zitiert. Sie berichtet von ihren Erfahrungen mit der deutschen Sprache, die sie erst relativ spät für sich entdeckte, denn ihre Mutter war Deutschlehrerin und Italienisch hat sie zunächst ohnehin sehr viel mehr interessiert. Doch sie setzt sich mit den Eigenheiten des Deutschen auseinander, vergleicht es mit dem Tschechischen und anderen Sprachen und entdeckt das Potenzial, das im Neuland steckt.

Co-Herausgeberin Susanne Czuba-Konrad

Die vorliegende Anthologie ist das Ergebnis der Zusammenarbeit von Mitgliedern des «Literaturclubs der Frauen aus aller Welt». Die Autorinnen kommen aus verschiedenen Ländern und Kulturkreisen. Deutsch ist nicht immer eine Fremdsprache für sie, denn viele sind in Deutschland geboren und sammeln ihre Erfahrungen mit der Sprache zum Beispiel im Rahmen einer binationalen Ehe (z.B. Barbara Höhfeld). Aber stets ist eine «wandelnde» Bewegung auf der einen und eine «Verwandlung» der Figuren auf der anderen Seite zu erkennen, denn wer das Terrain einer neuen Sprache betritt, wird ein anderer.
In den Texten stehen deshalb auch häufig Identitätsfragen im Mittelpunkt: Wer bin ich, wenn ich in Deutschland geboren bin, meine Eltern aber aus dem Kongo stammen? Was bedeutet es, wenn ich in einem «feierlichen Akt» die deutsche Staatsbürgerschaft verliehen bekomme? Bin ich dann eine andere? Welche Rolle spielt meine Herkunft? In welcher Beziehung stehe ich zu meiner Muttersprache?
Diese und viele weitere Fragen versuchen die Figuren in den Texten zu beantworten – entsprechend dem Diktum der Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller: «In jeder Sprache sitzen andere Augen».

Die Anthologie «Wortwandlerinnen», entstanden in Zusammenarbeit mit dem «Literaturclub der Frauen aus aller Welt», ist eine wunderbare Möglichkeit, sich den Alltag in Deutschland «vor Augen» zu führen - mit fremden Augen gesehen wirkt dann Alltägliches plötzlich nicht mehr so ganz «normal», wie man es eben kennt...

Das Buch ist in der Tat eine wunderbare Möglichkeit, sich den Alltag in Deutschland «vor Augen» zu führen – mit fremden Augen gesehen wirkt dann Alltägliches plötzlich nicht mehr so ganz «normal», wie man es eben kennt. Als Leser beginnt man damit, Dinge zu hinterfragen, mit denen man sich bislang nicht auseinandergesetzt hat – warum auch? Welche Fallstricke zum Beispiel in der deutschen Sprache lauern, wird einem erst bewusst, wenn man sie aus der Sicht eines anderen sieht.
Besonders schön an diesem Buch ist sein Facettenreichtum. Die Texte stimmen mal nachdenklich, manchmal muss man lachen – um dann aber doch noch nachdenklich zu werden. So wenn es z.B. bei Ayla Bonacker, die als junge Frau aus der Türkei nach Deutschland kam, um als Kartographin zu arbeiten, heißt: «Ein Sänger namens Heino mit einer kräftigen Stimme gefiel uns sehr gut. Ein Lied, das wiederholt gespielt wurde, handelte von einem Ozean oder Ezian oder sowas.» Daran sieht man wunderbar, wie sich auch dem Erwachsenen eine neue Welt über den Spracherwerb erschließt. Unbekanntes wird mit Vertrautem in Verbindung gebracht – es entstehen völlig neue Assoziationen, bis man eben lernt, dass der «Enzian» eine Alpenblume und kein großes weites Meer ist.
Diese Momente, in dem das uns Vertraute uns dadurch kurz entfremdet wird, dass wir es mit anderen Augen sehen, machen die Anthologie so spannend. So wird das gewohnte Umfeld zum Neuland, das man mit den Augen der Autorinnen sieht… ■

Susanne Czuba-Konrad, Tamara Labas-Primorac, Venera Tirreno-Schneider (Hg.): Wortwandlerinnen – Autorinnen von vier Kontinenten erzählen, broschiert, 172 Seiten, Brandes & Apsel Verlag, ISBN ISBN 978-3-86099-676-8

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Erotik-Literatur-Wettbewerb «Erophil»

Posted in Erotik, Literatur, Literatur-Ausschreibungen by Walter Eigenmann on 4. November 2010

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Gesucht: Erotische Prosa

Im Rahmen der Bestrebungen, «das Genre der Erotischen Literatur aus seiner Nische zu befreien und einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen», organisiert der deutsche Verein «Freunde der erotischen Literatur» Lesungen, Filmvorführungen und Diskussionsveranstaltungen sowie sein jährlich stattfindendes Festival «Erophil». Unter den Aktivitäten ist auch ein Literatur-Wettbewerb, zu dem unveröffentlichte erotische Prosa in deutscher Sprache eingereicht werden. Einsende-Schluss ist am 31. März 2011, die weiteren Details finden sich hier. ■

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Das neue Glarean-Sudoku

Posted in Denksport, Rätsel, Spielwiese, Sudoku by Walter Eigenmann on 4. November 2010

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Der Sudoku-Spaß im November 2010

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Michael Ehn / Hugo Kastner: «Alles über Schach»

Posted in Buch-Rezension, Hugo Kastner, Michael Ehn, Rezensionen, Schach, Schach-Rezension, Thomas Binder by Walter Eigenmann on 3. November 2010

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Mythen und Kuriositäten rund ums Königliche Spiel

Thomas Binder

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Der Humboldt-Verlag hat sich in letzter Zeit verstärkt des königlichen Spiels angenommen. Mittlerweile ist dort eine kleine Schachbibliothek entstanden, die alle wesentlichen Bereiche von der Eröffnung bis zum Endspiel abdeckt. Nach «Legendäre Schachpartien» liegt nun mit «Alles über Schach – Mythen, Kuriositäten, Superlative» das zweite auf mosaikartige Information ausgerichtete Buch vor. Als Autoren lassen der bekannte Schachhistoriker und -journalist Michael Ehn sowie der Spiele-Experte Hugo Kastner höchste Ansprüche erwarten.

Das Genre, dem sie sich verschrieben haben, ist nicht neu. Zu allen Zeiten wurden Bücher geschrieben, die in unterhaltsamer Weise möglichst vielseitige Fakten aus der Geschichte des Schachspiels sammeln und sie mit besonders spektakulären Zügen würzen. Ein Blick nur in den eigenen Bücherschrank des Rezensenten fördert u.a. Werke von Krabbé («Schach-Besonderheiten»), Damsky («Chess records»), Fox / James («The complete chess addict»), Linder («Faszinierendes Schach») oder die schachhistorischen Werke von Edward Winter zu Tage. Der letzte größere Beitrag auf diesem Gebiet, Christian Hesses «Expeditionen in die Schachwelt», setzte in mancher Hinsicht neue Maßstäbe und wird von Ehn/Kastner in einer Rangliste der wichtigsten Schachbücher zu Recht ganz weit vorn eingeordnet. Die vorgenannten Titel umreißen etwa das Spektrum, das wir auch hier zu erwarten haben, setzen aber Schwerpunkte auf jeweils eigenem Gebiet. So ist Hesse in seinen Analysen deutlich tiefgründiger, Krabbé konzentriert sich auf wenige Einzelthemen, Winter betreibt eigenständige schachhistorische Forschung.

Spiele-Experte und Schach-Autor: Hugo Kastner

Ehn und Kastner lösen mit Leichtigkeit die Aufgabe, sich in dieser Vielfalt zu behaupten und legen ein Buch vor, das sich – auch bei sehr günstigem Preis-Leistungsverhältnis – als unterhaltsame und lehrreiche Lektüre für jeden Schachfreund empfehlen kann. Seine Stärke ist die Vielfalt der angesprochenen Themenkomplexe bei ansprechender Gestaltung. Naturgemäß findet man vieles wieder, was man aus ähnlichen Sammlungen bereits kennt. Aber selbst der versierte Leser wird neue Fakten, Informationen und vor allem Partien entdecken. Gegenüber anderen Werken dieser Art hebt sich «Alles über Schach» zudem mit einer ansehnlichen Reihe von Fotoseiten ab.
Wo immer es geht, führen die Autoren eine Art Rangliste ein, folgen darin wohl dem Zeitgeist der Fernseh-Ranking-Shows. Mein Geschmack ist diese Pseudo-Objektivität nicht, aber es stört auch nicht wirklich. Vielleicht macht ja ein Internet-Portal daraus sogar eine tragfähige Idee für Abstimmungen nach den «Best-Of»s der Schachgeschichte.

«Informatives und vielseitiges Lese-Buch»: Uralt-Matt-Beispiel aus «Alles über Schach»

Blicken wir kurz auf den Inhalt – nur so kann man wohl den vielseitigen Charakter des Buches erfassen. Es gliedert sich in sechs große Abschnitte mit jeweils zwei Schlagworten als Titel:
«Geschichte & Mythos» (ca. 65 Seiten): Kurze Abrisse zur Schachgeschichte von der unvermeidlichen Weizenkornlegende über Mittelalter und 20. Jahrhundert bis zum Computer-Zeitalter.
«Meister & Amateur» (ca. 100 Seiten): Es beginnt mit Statistiken und Superlativen, wie man sie in vielen derartigen Büchern findet und Seitenblicken auf schachspielende Politiker, Sportler und Künstler. Dann folgt «endlich» die erste Rangliste: Die 10 wichtigsten Schachspielerinnen der Geschichte. Weitere Listen folgen für die Top-Spieler, die niemals Weltmeister wurden (Philidor vor Morphy und Keres) sowie die Titelträger (Waren wirklich Euwe und Spassky die «schwächsten» Weltmeister?).
«Partie & Turnier» (ca. 60 Seiten): Neben einigen Rekorden und Superlativen der Turniergeschichte und zu Partien (a la «Schnellstes Patt» und «langlebigste Vierfachbauern») stehen nun die Ranglisten ganz im Mittelpunkt. Ehn und Kastner servieren – nach ihrer Einschätzung, aber weitgehend plausibel – die schönsten Einzelzüge aus praktischen Partien: Marshalls «Goldener Zug» landet auf Platz 4, Sie dürfen also gespannt sein, wer sich vor ihm platziert. Es folgen die zehn besten Kurzpartien, wobei mir die Grenze bei maximal 22 Zügen etwas hoch gegriffen erscheint, sowie 2×10 «Partien für die Ewigkeit». In dieser letzten Kategorie helfen sich die Autoren mit dem Kunstgriff einer zeitlichen Zweiteilung. Zunächst werden uns die Klassiker präsentiert, dann die Partien der letzten 60 Jahre. Mit Blick auf das Gesamtwerk hätte ich mir diesen Abschnitt etwas umfangreicher gewünscht.

«Vielseitige Kuriositäten»: Marathon-Beispiele aus «Alles über Schach»

«Kunst & Literatur» (ca. 55 Seiten): Hier geht es vor allem um Schach in Literatur und Film sowie um Schachhistoriker und -sammler. Neben einigen episodischen Artikeln sind auch hier Ranglisten präsent. Bemerkenswerterweise belegt sowohl bei den Schachbüchern wie bei den Schachfilmen der gleiche Stoff den ersten Platz. Welcher es ist, soll hier nicht verraten werden.
«Problem & Studie» (ca. 90 Seiten): Für meinen Geschmack ist dieser Bereich, der den meisten Lesern weniger vertraut sein wird, etwas überrepräsentiert. Gleich 11 Ranglisten gibt es zu verschiedenen Bereichen des Kunstschachs von Retro- über Märchenschach bis zu Problemen und Studien und ihren jeweiligen Protagonisten. Da verliert man schnell die Übersicht, zumal gerade diese Bereiche oft mehr Erläuterung gebraucht hätten. Eine Lösung von «Dawson’s Weihnachtsbaum» auf wenigen Zeilen dürfte jedenfalls beim Retro-unerfahrenen Leser mehr Fragen als Antworten hinterlassen. Dessen ungeachtet, hält auch dieser Abschnitt eine Reihe netter Entdeckungen bereit, die dem Rezensenten bisher entgangen waren.
«Rösselsprünge & Rochaden» (ca. 50 Seiten): Das letzte Kapitel vereint in kurzen Splittern vielfältige Kuriositäten aus der Geschichte des Schachs. Vergessene Namen und Fakten werden ans Licht gezogen. Vieles davon liest man gern. Wussten Sie zum Beispiel, dass man sich früher bei manchen Turnieren Bedenkzeit regelrecht «einkaufen» konnte oder dass es einen einzigen Schach-Weltmeister gab, zu dessen Hobbies das Kanufahren gehörte? Auf die Nachricht über einen – mir bislang unbekannten – Schachmeister, der nach seinem Tode ausgestopft und zur Schau gestellt wurde, hätte ich hingegen gerne verzichtet. Ganz zum Schluss folgt auch in diesem Kapitel eine Rangliste: Unter «10 Schach-Varianten» führt Fischer-Random vor Tandem- und Räuberschach. Das ist dann eine Spitzengruppe, der auch der praktizierende Jugendtrainer aus eigener Erfahrung zustimmen kann.

Mit «Alles über Schach» komplettiert der Humboldt-Verlag seine Schachreihe mit einem informativen und vielseitigen Lese-Buch. Die Autoren Ehn und Kastner ergänzen das bereits gut versorgte Genre mit einem Werk, das interessante eigene Schwerpunkte setzt.

464 Seiten ungetrübter Lesefreude liegen hinter uns. Einige wenige handwerkliche Fehler sind dem Rezensenten aufgefallen; sie lassen sich bei einer Neuauflage sicher beheben.
So wird dem jungen deutschen Fußballstar Özil, der leidenschaftlich gern Schach spielt, ein falscher Vorname beigegeben.
Beim Kommentar zu Kortschnoi–Karpow (5. WM-Partie 1978) zitiert der Autor zwar widersprüchliche Einschätzungen von Rauser und Tal, verzichtet aber auf die heute mögliche Objektivierung durch Tablebases.
Die schachlichen Analysen sind notwendigerweise durchweg recht kurz. Dennoch sollten oberflächliche Formulierungen (wie «… und matt im nächsten Zug», wenn doch tatsächlich noch verzögernde Verteidigungen möglich sind, die u.U. sogar zu einem anderen Mattbild führen) noch ausgebessert werden.
Schließlich wünscht sich der Rezensent noch ein Namens- bzw. Partieverzeichnis im Anhang und würde dafür auch gerne auf die nach Sternzeichen sortierte Geburtstagsliste verzichten. ■

Michael Ehn/Hugo Kastner: Alles über Schach, Humboldt Verlag Hannover, 464 Seiten, ISBN 978-3-86910-171-2

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Leseproben

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Das neue Musik-Kreuzworträtsel

Posted in Kreuzworträtsel, Musik, Musik-Rätsel, Rätsel by Walter Eigenmann on 2. November 2010

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Glarean-Rätsel-Spaß im November 2010

Copyright Nov./2010 by W. Eigenmann / Glarean Magazin

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Rätsel zum Ausdrucken (pdf)

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V. Gebhardt:«Lese und höre – Orte der Dichtung und Musik»

Posted in Buch-Rezension, Günter Nawe, Kulturgeschichte, Literatur, Musik, Rezensionen, Volker Gebhardt by Walter Eigenmann on 1. November 2010

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Auf den Spuren des genius loci

Günter Nawe

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Genius loci ist einer der Begriffe, die immer dann verwendet werden, wenn man den Einfluss von Orten, Häusern und Landschaften unter anderem auf Schriftsteller, Musiker und Philosophen und ihre Werke beschreiben will. Und in der Tat, vielfach hat man eigene Erfahrungen damit gemacht, was das Goethe-Wort bedeutet: «Wer den Dichter will verstehen, muss in Dichters Lande gehen».

Nicht immer aber kann man reisen. So ist es oft ein Buch, das dem neugierigen, dem interessierten Leser hilft «zu verstehen». Ein solches Buch ist der opulente Band «Lese und höre» aus der «Deutschland-Bibliothek» des Knesebeck-Verlages. In ihm werden Orte der Dichtung und Musik in Text und Bild vorgestellt. Orte, die zu den schönsten und bedeutendsten unserer Kultur und Kulturlandschaft gehören.

Im Kontext zu den biografischen Daten finden wir einfühlsame Chrakteristika der Häuser und Räume, in denen zum Beispiel Theodor Storm gelebt und gearbeitet hat, in der «grauen Stadt am grauen Meer», in Husum also. Wir lernen das Lessing-Haus in Wolfenbüttel ebenso kennen wie die pompöse Villa Wahnfried, Richard Wagners langjährige Wirkungsstätte. Wir sind sozusagen bei Bert Brecht und Helene Weigel im Sommerhaus am Scharmützelsee «zu Gast», wandern mit Theodor Fontane durch das Ruppiner Land, treffen den Weltbürger Georg Friedrich Händel in Halle/Saale und den großen Johann Sebastian Bach – natürlich in Leipzig. Selbstverständlich  auch Goethe und Schiller und…

Genius loci der «Götter-Dämmerung» und des «Parsifal»: Die Villa «Wahnfried» des Dichters und Musikers Richard Wagner

Ihren eigenen genius loci haben nicht nur Wohnhäuser und Arbeitszimmer, sondern auch zum Beispiel Bibliotheken und Konzerthäuser. Das gilt für die Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel und den Philosophenweg in Heidelberg, diese herrliche Promenade mit Schlossblick, ebenso wie für das Gewandhaus in Leipzig, die Semperoper in Dresden, die Berliner Phiharmonie, das Opernhaus in Bayreuth und das Beethoven-Haus in Bonn – um nur einige zu nennen. Hier mag sich der Leser selbst auf Entdeckungsreise begeben.

«Lese und höre – Orte der Dichtung und Musik» ist ein opulenter Text- und Bildband, der den Leser zu bedeutenden Orten der Dichtung und Musik in Deutschland begleitet und mit eindrucksvollen Fotos zum «Lies und höre» verführt.

«Dieser Band geht den Spuren der Dichtung und Musik in Deutschland nach», so Volker Gebhardt, der die kluge und gelungene Auswahl vorgenommen und die informativen Porträts geschrieben hat, in seiner Einleitung. Die bestechend schönen Fotos sind von Horst und Daniel Zielske. Sie bestehen sowohl für sich allein als auch als illustrative Ergänzung zum Text.
Schönheit und Vielfalt des Landes in seiner dichterischen und musikalischen Ausprägung sind also in diesem Band zu finden. Augenlust und Leselust werden auf das beste bedient. Und Anregungen, sich mit dem dichterischen und musikalischen Erbe zu beschäftigen, finden sich in Hülle und Fülle. Das Buch entführt – und verführt. ■

Volker Gebhardt / Horst & Daniel Zielske: Lies und höre – Orte der Dichtung und Musik, 190 Seiten, zahlreiche Abb., Knesebeck Verlag, ISBN 978-3-86873-268-9

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