Glarean Magazin

Das Zitat der Woche

Posted in Günter Grass, Literatur, Literatur und Schule, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 22. August 2010

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Über die Literatur in der Schule

Günter Grass

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Literatur in deutschen Schulen ist eigentlich immer ein Alptraum gewesen. Früher war das alles von rechts gefüttert, dann kam die Phase von links, aber in den Grundverhaltensweisen hat sich leider nichts geändert: es herrscht vor die Interpretationssucht. Literarische Texte werden nicht an den Schüler herangebracht, um bei ihm die Lust am Lesen auszulösen, um ihm die Chance zu geben -und sei es mit den verschiedensten Gedanken – sich mit einem Text zu identifizieren, sich selbst zu erleben, sondern um ihn auf eine schlüssige Interpretation hinzuführen. Das tötet die Literatur ab. Literatur ist trotz der deutschen Schule lebensfähig geblieben, aber dies tötet in einem sehr frühen Alter die Lust am Lesen ab.

Günter Grass

Literatur hat mit Kunst zu tun, es ist eine Kunstform und in erster Linie ästhetischen Gesetzen verpflichtet. Dieses Produkt der Kunst lebt davon, daß es vieldeutig ist, doppelbödig ist und eine Menge von Interpretationen zulassen kann. Es muß erst einmal respektiert werden, daß der, der auf ein Bild, auf ein Buch reagiert, etwas für ihn Wichtiges erlebt. Dies ist erst einmal richtig, auch wenn es sich nicht mit der Interpretation des Lehrers deckt. Und nun kommt das in die Schulmühle hinein, es wird Interpretation gefordert – ob es sich um einen Gedichttext, um die »Braut von Messina« oder Wallraff oder was auch immer handelt: Es wird Interpretation abverlangt. Es ist im Grunde eine Aufforderung zum Opportunismus. ■

Aus Günter Grass, Von morgens bis abends mit dem deutschen pädagogischen Wahn konfrontiert – in: P.Kalb (Hg.), Einmischung – Schriftsteller über Schule, Gesellschaft, Literatur – Beltz Verlag 1983

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