Glarean Magazin

Internationaler Schachproblem-Wettbewerb

Veröffentlicht in Problemschach, Schach, Schach-Ausschreibungen, Udo Degener von Walter Eigenmann am 31. August 2010

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Geburtstags-Problemturnier für Udo Degener

Udo Degener: Selbstmatt in 5 Zügen (318.harmonie, 1996/97 1. Preis)

Anlässlich des 50. Geburtstages des bekannten deutschen Lyrikers und Schach-Kompositions-Großmeisters Udo Degener läuft zurzeit ein internationaler Problem-Wettbewerb. Eingesandt werden können Aufgaben mit typischer Zwei-Züger-Thematik. Einsende-Schluss ist am 23. November 2010, weitere Details finden sich hier. ■

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John Boyne: «Das Haus zur besonderen Verwendung»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Günter Nawe, John Boyne, Literatur, Rezensionen von Walter Eigenmann am 31. August 2010

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Bauernsohn und Zarentochter

Günter Nawe

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Es war sicher nicht die Absicht von John Boyne, den vielen Legenden um Tod und/oder Überleben der Großfürstin Zarewna Anastasia von Russland (Anastasia Nikolajewna Romanowa), der jüngsten Tochter des letzten russischen Zarenpaares, eine weitere hinzuzufügen. Der englische Schriftsteller, Autor des international gerühmten Romans «Der Junge im gestreiften Pyjama» hat allerdings die Zarentochter zu einer der Hauptfiguren seines neuen Buches gemacht. Er hat kein Sachbuch darüber geschrieben, sondern Literatur. Und das in Form, wenn man so will, eines Liebesromans?  Nein, auch das nicht, sondern eher die Biografie einer Liebe und einer Ehe in unruhigen Zeiten und unter schwierigen Bedingungen. Auf keinen Fall – und das freut -  keine neue Legende.

John Boyne

Die Geschichte  spielt vor dem Hintergrund der Geschehnisse in Russland in den Jahren 1915 bis 1918. Der sechzehnjährige Bauernsohn Georgi aus dem gottverlassenen Nest Kaschin verhindert ein Attentat auf ein Mitglied der Zarenfamilie. Dabei setzt er das Leben seines Freundes aufs Spiel. Das Gefühl der Schuld wird ihn für den Rest seines Lebens begleiten. Als Dank jedoch wird Georgi an den Zarenhof nach Sankt Petersburg gerufen und Leibwächter des Zarewitsch. Hier lernt er auch die Zarentochter Anastasia kennen und lieben. Eine Liebe auf den ersten Blick – von beiden Seiten.

Liebesgeschichte inmitten Kriegswirren: Eisensteins Film-Sequenz «Sturm auf das Winter-Palais des Zaren»

Ein Bauernsohn und die Zarentochter? Kann das etwas werden? Manchmal am Rande des Rührselig-Trivialen erzählt John Boyne souverän diese Geschichte einer unmöglichen Liebe. Fiktion und Realität ergänzen einander. So vermittelt der Autor interessante Einblicke in das Leben am Hofe. Die politischen Verhältnisse um den ersten Weltkrieg herum, um die Oktoberrevolution und die Absetzung des Zaren und die Ermordung der ganzen Familie durch die Bolschewiki werden allerdings nur angedeutet.
Sie aber sollen auch nicht im Mittelpunkt der Erzählung stehen. Geschickt konstruiert und aus wechselnden Zeitperspektiven wird ein anderes Geschehen erzählt. Mit der Absetzung des Zaren ist auch der Kontakt der beiden Liebenden unterbrochen. Die Zarenfamilie wird nach Jekaterinburg verschleppt – in das berühmte «Haus zur besonderen Verwendung», ins Ipatjew-Haus. Hier wird Georgi Zeuge der Ermordung der Zarenfamilie. Nur Anastasia wird in einer dramatischen Aktion gerettet – von Georgi.

John Boynes «Das Haus zur besonderen Verwendung» ist die Romanbiografie einer Liebe und Ehe in unruhigen Zeiten und unter schwierigen Bedingungen. Viel Fiktion und wenig historische Fakten – doch John Boyne ist es gelungen, einen spannenden und fantasievollen Roman zu schreiben. Einfach gute Unterhaltung.

Mit der Flucht von Georgi und Soja – so nennt sich die Zarentochter jetzt – über Paris nach London beginnt sozusagen ein neues Leben. Sie heiraten, müssen mit den Unzulänglichkeiten des Exils fertigwerden, bekommen Kinder. Krankheit und Verlust der Tochter müssen verarbeitet werden, berufliche und finanzielle Schwierigkeiten sind zu überwinden  Im Mittelpunkt und über allem aber steht die große Liebe, die durch nichts beeinträchtigt werden kann.  Bis Soja 1981 stirbt. Ihr Geheimnis nimmt sie mit ins Grab.

Mit der Benennung genauer Jahreszahlen, auch für den fiktiven Bereich der Erzählung, will John Boyne historische Authentizität vermitteln. Das jedoch ist ein wenig Etikettenschwindel. Den Leser aber wird dies letztlich nicht interessieren. Hat er doch einen routiniert geschriebenen, spannenden und sehr fantasievollen Roman, von Fritz Schneider bestens übersetzt, vor sich, der ihn mit Sicherheit von der ersten bis zur letzten Seite in Atem halten, ja am Ende sogar etwas rühren wird. Die Liebesgeschichte vom Bauersohn und der Zarentochter: ein Stoff, aus dem Träume entstehen. ■

John Boyne, Das Haus zur besonderen Verwendung, Roman, 560 Seiten, Arche Verlag, ISBN 978-3-71602-642-7

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Umsatzsteigerungen beim Musik-Download

Veröffentlicht in Musik, News & Events von Walter Eigenmann am 30. August 2010

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Digitaler Musikverkauf weiter im Trend

Immer beliebter: Digitaler Musik-Kauf via Internet-Download

Der deutsche Bundesverband Musikindustrie vermeldet bei den Internet-Musikdownloads allein im ersten Halbjahr 2010 einen Umsatzanstieg von 40 Prozent. Digitale Musikalben machen dabei den größten Anteil aus; in dieser Sparte stiegen die Umsätze um mehr als 50 Prozent auf 41,55 Millionen Euro, während sich im Bereich «Einzelne Stücke» die Einnahmen um rund 26 Prozent auf 30,42 Millionen erhöhten.
Insgesamt hat die Branche in den zurückliegenden sechs Monaten 2010 rund 4,7 Millionen Alben sowie fast 30 Millionen Single-Tracks an den Mann / die Frau gebracht. BVMI-Geschäftsführer Stefan Michalk rechnet fürs ganze Jahr «erneut mit einem stabilen Umsatzwachstum von rund 30 Prozent beim digitalen Musikverkauf». ■

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Das neue «Glarean»-Sudoku

Veröffentlicht in Denksport, Rätsel, Spielwiese, Sudoku von Walter Eigenmann am 30. August 2010

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Sudoku-Spaß im August 2010

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Das Zitat der Woche

Veröffentlicht in Gesellschaft, Immanuel Kant, Pädagogik, Philosophie, Zitat der Woche von Walter Eigenmann am 29. August 2010

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Über die rechte Erziehung

Immanuel Kant

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Unsern Schulen fehlet fast durchgängig etwas, was doch sehr die Bildung der Kinder zur Rechtschaffenheit befördern würde, nämlich ein Katechismus des Rechts. Er müßte Fälle enthalten, die populär wären, sich im gemeinen Leben zutragen, und bei denen immer die Frage ungesucht einträte: ob etwas recht sei oder nicht? Beispielsweise wenn jemand, der heute seinem Kreditor bezahlen soll, durch den Anblick eines Notleidenden gerührt wird, und ihm die Summe, die er schuldig ist, und nun bezahlen sollte, hingibt: ist das recht oder nicht? Nein! Es ist unrecht, denn ich muß frei sein, wenn ich Wohltaten tun will. Und, wenn ich das Geld dem Armen gebe, so tue ich ein verdienstliches Werk; bezahle ich aber meine Schuld, so tue ich ein schuldiges Werk. Ferner, ob wohl eine Notlüge erlaubt sei? Nein! es ist kein einziger Fall gedenkbar, in dem sie Entschuldigung verdiente, am wenigsten vor Kindern, die sonst jede Kleinigkeit für eine Not ansehen, und sich öfters Lügen erlauben würden.
Gäbe es nun ein solches Buch schon, so könnte man, mit vielem Nutzen, täglich eine Stunde dazu aussetzen, die Kinder das Recht der Menschen, diesen Augapfel Gottes auf Erden, kennen, und zu Herzen nehmen zu lehren. -

Immanuel Kant (1724-1804)

Was die Verbindlichkeit zum Wohltun betrifft: so ist sie nur eine unvollkommene’ Verbindlichkeit. Man muß nicht sowohl das Herz der Kinder weich machen, daß es von dem Schicksale des andern affiziert werde, als vielmehr wacker. Es sei nicht voll Gefühl, sondern voll von der Idee der Pflicht. Viele Personen wurden in der Tat hartherzig, weil sie, da sie vorher mitleidig gewesen waren, sich oft betrogen sahen. Einem Kinde das Verdienstliche der Handlungen begreiflich machen zu wollen, ist umsonst. Geistliche fehlen sehr oft darin, daß sie die Werke des Wohltuns als etwas Verdienstliches vorstellen. Ohne daran zu denken, daß wir in Rücksicht auf Gott nie mehr, als unsere Schuldigkeit tun können, so ist es auch nur unsere Pflicht, dem Armen Gutes zu tun.
Denn die Ungleichheit des Wohlstandes der Menschen kommt doch nur von gelegentlichen Umständen her. Besitze ich also ein Vermögen, so habe ich es auch nur dem Ergreifen dieser Umstände, das entweder mir selbst oder meinem Vorgänger geglückt ist, zu danken, und die Rücksicht auf das Ganze bleibt doch immer dieselbe.
Der Neid wird erregt, wenn man ein Kind aufmerksam darauf macht, sich nach dem Werte anderer zu schätzen. Es soll sich vielmehr nach den Begriffen seiner Vernunft schätzen. Daher ist die Demut eigentlich nichts anders, als eine Vergleichung seines Wertes mit der moralischen Vollkommenheit. [...]
Ob aber der Mensch nun von Natur moralisch gut oder böse ist? Keines von beiden, denn er ist von Natur gar kein moralisches Wesen; er wird dieses nur, wenn seine Vernunft sich bis zu den Begriffen der Pflicht und des Gesetzes erhebt. Man kann indessen sagen, daß er ursprünglich Anreize zu allen Lastern in sich habe, denn er hat Neigungen und Instinkte, die ihn anregen, ob ihn gleich die Vernunft zum Gegenteile treibt. Er kann daher nur moralisch gut werden durch Tugend, also aus Selbstzwang, ob er gleich ohne Anreize unschuldig sein kann.
Laster entspringen meistens daraus, daß der gesittete Zustand der Natur Gewalt tut, und unsre Bestimmung als Menschen ist doch, aus dem rohen Naturstande als Tier herauszutreten. Vollkommne Kunst wird wieder zur Natur.
Es beruht alles bei der Erziehung darauf, daß man überall die richtigen Gründe aufstelle, und den Kindern begreiflich und annehmlich mache. Sie müssen lernen, die Verabscheuung des Ekels und der Ungereimtheit an die Stelle der des Hasses zu setzen; innern Abscheu, statt des äußern vor Menschen und der göttlichen Strafen, Selbstschätzung und innere Würde, statt der Meinung der Menschen, – innern Wert der Handlung und des Tun, statt der Worte, und Gemütsbewegung, – Verstand, statt des Gefühles, – und Fröhlichkeit und Frömmigkeit bei guter Laune, statt der grämischen, schüchternen und finstern Andacht eintreten zu lassen. ■

Aus Immanuel Kant, Über Pädagogik, in: Werke in 12 Bänden (W.Weischedel/Hg.), Suhrkamp Verlag 1968 (Bd. 12)

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Der brillante Schachzug (73)

Veröffentlicht in Der brillante Schachzug, Schach, Schach-Rätsel von Walter Eigenmann am 28. August 2010

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Schwarz am Zuge

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Weitere Brillanten.

 

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Satirische Fabel von Angela Mund

Veröffentlicht in Angela Mund, Literatur, Neue Prosa, Prosa von Walter Eigenmann am 27. August 2010

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Hundegespräche

Angela Mund

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«Ich glaube ja, es ist ein Fluss.» – «Nein, vielleicht eher ein Äther!» – «Es fließt auf jeden Fall.» – «Ja, fließt die ganze Zeit.» – «Ewig.» – «Und unsere Seelen schwimmen darin wie Kronkorken in der Pfütze.» – «Klingt irgendwie unlyrisch, versuch doch mal das: Schwimmen darin wie Fische im Strom.» – «Ja, und wenn man eine wichtige Erkenntnis hatte, dann ist man sozusagen eine Kurve weiter.» – «Und das hört nie auf?» – «Nein, niemals.» – «Ich find ja auch das Strom-Motiv ziemlich stark, daher auch solche Redewendungen wie Von-Eifersucht-geschüttelt, oder: Von-Freude-ergriffen» – «Oder: Vom-Zorn-gepackt.» – «Ja, das ist stark, das hat Aussage, da steckt ganz viel drin.» – «Man wird da einfach mit reingerissen.» – «Wichtig ist aber auch die Gerechtigkeit, der Ausgleich, die Harmonie der Dinge.» -«Ja, klar.» -«Ich meine, alles, was man anderen antut, wird einem selbst angetan.» – «Hm, aber letztlich widerfährt man nur sich selbst.» – «Das sagen doch auch die französischen Existenzialisten, glaub ich.»
So saßen die beiden alternden Hunde einander gegenüber und reflektierten ihr Dasein im Angesicht des ewigen Kosmos, während der Lastwagen über eine schlecht gebaute Straße fuhr und die Hunde im Innenraum durchgeschüttelt wurden, als wolle man sie mürbe würfeln. Joe, ein 15-jähriger Mischling, war in seinem Leben immer gut alleine durchgekommen, bis ihn die Arbeiter einer Chemiefabrik in Thessaloniki fanden, abgemagert, sein Fell zerzaust wie ein Weihnachtsbaum Ende Januar, eingelebt zwischen den Kartons auf dem Fabrikgelände. Ausgerechnet ein deutscher Arbeiter hatte Mitleid mit ihm gehabt und eine Tierschutzorganisation benachrichtigt. Diese Gutmenschen hatten dann auch nichts Besseres zu tun gehabt, als ihn seiner Wohnung zu berauben, ihm die Eier abzuschneiden und in einen wenig komfortablen Transporter nach Deutschland zu stecken. Aber ihn hatte man ja nicht gefragt, knurrte Joe.
Im Transporter herrschte eine lichtvergessene Dunkelheit, nur ab und zu funkelte ein glänzendes Augenpaar auf, misstrauisch wie Frühlingsknospen – die Enge war drückend, dutzende Hunde lagen dicht an dicht, jeder konnte das nervöse Zucken im Pelz des Nachbarn spüren, der Gestank ergoss sich in den Raum wie heißer Teer und ließ selbst die Alten würgen.
Jack, ein Boxer mit riesigen Lefzen, nickte bedächtig. Auch ihn hatte die Tierschutzorganisation gekidnappt, bloß weil er ziellos über die Strände von Korfu lief, zufrieden mit den Streicheleinheiten der Touristen und den paar Fischköpfen, die ihm die alten Fischer abends, wenn sie vom Fang zurückkamen, zugeworfen hatten. So dachte man wohl, er hätte kein Zuhause mehr und müsse sofort gerettet werden, damit er als ein Geburtstagsgeschenk von den Eltern an ein kleidtragendes Menschenkind weitergereicht werden kann, die ihm dann eine Puppe auf den Rücken setzt, Kartoffelbrei ins Fell schmiert und das für Liebe hält.
Jack hatte sich mit Buddhismus beschäftigt und war überhaupt im Allgemeinen sehr belesen – das hatte er von seinem ersten Herrchen gelernt, einem herumreisenden Hippie, der ihn nach anderthalb Jahren Straßenurlaub aus Versehen in Griechenland vergessen hatte. Zumindest kannte er von ihm das Prinzip der Wiedergeburt und hielt vor den anderen Hunden umfangreiche Vorträge darüber, um die lange Fahrt etwas angenehmer zu gestalten. Jack und Joe hatten während der Plenarsitzung am Rasthof Eichelborn den Vorschlag unterbreitet, noch eine schlechte Tat zu begehen. Damit, so Jack, würde die Wahrscheinlichkeit steigen, im nächsten Leben als Hund wiedergeboren zu werden. Die anderen Hunde nickten schweigend in tiefem Einverständnis, denn sie hätten sich in dem Moment nichts Besseres vorstellen können als ein Hundeleben im ewigen Äther.
Als der Transporter gerade wieder losfahren wollte, gab Joe ein Zeichen, und alle Hunde begannen gleichzeitig zu jaulen und zu bellen, was ihre müden Stimmbänder noch herzugeben vermochten. Aus den Hundekehlen dröhnte das Getöse in allen erdenklichen Lautstärken und Rhythmen, die sich harmonisch wie ein Choral über den Roggenfeldern wiederfanden und gemeinsam in den Himmel emporstiegen, um auch der höchsten Wolke die Töne ins Fleisch zu schlagen, auf dass sie das Gebet in die Schwärze des Alls begleiten möge. Manche Hunde zitterten schon vor Erschöpfung und röchelten mit letzter Kraft ihr Lied aus dem Leib, und je schwächer der eine wurde, desto lauter kläffte sein Nebenmann für ihn mit. Der Transporter hielt zögerlich auf dem Standstreifen an, die Tierschützer riefen sich aufgeregt ein paar Worte zu und öffneten die Hintertür des Wagens, um nach dem Wohlergehen ihrer Schützlinge zu schauen.
Da sprangen alle Hunde wild heulend aus der Dunkelheit des Verladeraums hinaus in das gleißende Licht einer untergehenden Abendsonne, die ihre letzten Strahlen dem hundgewordenen Himmelfahrtskommando widmen sollte. Wie die Reiter der Apokalypse sprangen sie den verwundert blickenden Tierschützern entgegen, und in ihren Augen spiegelte sich die Ignoranz derer, die außer ihrem Leben nichts zu verlieren haben. Noch im Sprung sahen ihre geöffneten Mäuler aus wie die düsteren Tore zur Unterwelt, und mit einer Wucht, die das Alter der Hunde vergessen ließ, stürzten sie auf die Tierschützer, bohrten scharfe Zähne in leicht teilbares Fleisch, um in wenigen Sekunden die Tierschützerkörper zu zerreißen, so dass ihre Eingeweide in Fetzen wie Schneeflocken rot durch den Himmel perlten und sachte auf das Fell der Hunde fielen. Arme und Beine wurden demokratisch untereinander verteilt. Selbst die Großen wurden satt davon.
Joe blinzelte zufrieden dem Roggenfeld entgegen: «Das sollte reichen. Wir werden wohl keine Menschen mehr.» Jack schmatzte: «Jaja, fast so gut wie die Fischköpfe früher.» ■

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Angela Mund

Geb. 1986 in Illmenau/D, Studentin der Psychologie, Kulturwissenschaften und Medienpädagogik, Arbeit im Theaterbetrieb als Regisseurin und Autorin, lebt in Leipzig

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Das klassische Glarean-Tangram (13)

Veröffentlicht in Denksport, Rätsel, Spielwiese, Tangram von Walter Eigenmann am 26. August 2010

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Legen Sie mit den Tangram-Elementen die folgende Figur

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Das Tangram-Puzzle

Das Tangram (auch Siebenschlau oder Weisheitsbrett genannt) ist ein altehrwürdiges chinesisches Geometrie-Spiel: Aus nur sieben Steinen eines Quadrates, nämlich fünf Dreiecken, einem Quadrat und einem Parallelogramm lassen sich die vielfältigsten Figuren (Pflanzen, Tiere, Menschen u.v.a.) legen, wobei immer alle sieben Steine verwendet werden müssen. Sie sollen sich berühren, dürfen sich aber nicht überlappen.

Schon in der uralten Kultur Chinas bedeutete das Quadrat die reinste Form einer Fläche, in sich vollkommen, und beim Tangram wird dieses in sich ruhende Quadrat nun aufgelöst in eine endlose Bewegung, wird es durch unablässige Veränderung zum Ausgangspunkt ungeahnter Gebilde, durch das Zusammenspiel seiner festen Elemente zum Quell des Neuen.
Die ersten Tangram-Bücher wurden zur Zeit des Ch’ing-Kaisers Chia Ch’ing (1796-1820) gedruckt, die früheste uns überlieferte Tangram-Publikation dort stammt aus dem Jahre 1813, doch das Grundprinzip des Spiels dürfte im asiatischen Raum schon lange vor  Christi Geburt weit verbreitet gewesen sein. Eine frühe erste Veröffentlichung in Europa datiert aus dem Jahre 1805.

Inzwischen hat das Tangram einen wahren Siegeszug durch alle Kontinente angetreten, ist Gegenstand zahlreicher Bücher und Sammlungen geworden – und lädt unvermindert anregend und spannend ein zum Nachdenken, zum Knobeln, zum Sinnieren,  ja vielleicht gar zum Philosophieren über die ewige Veränderung des ewig Immergleichen…

Im «Glarean Magazin» finden sich regelmäßig interessante und berühmte Tangram-Aufgaben.  Dabei wird das Lege-Puzzle erleichtert, wenn man sich aus Karton die sieben Grundelemente zurechtschneidet.
Sollten unter unseren Leserinnen und Lesern vielleicht sogar Tangram-«Erfinder» sein, so sind sie freundlich eingeladen, uns ihre neuen Figuren als Grafik-Datei zu senden!  (we)

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Ein Beispiel

Legen Sie mit den Tangram-Elementen die folgende Figur

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Humor in der Musik (12)

Veröffentlicht in Humor, Humor in der Musik, Musik, Video von Walter Eigenmann am 25. August 2010

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MozART GROUP: Der Ave-Maria-Zahnarzt

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Johann Sebastian Bach: «Markus-Passion»

Veröffentlicht in CD-Rezension, Jan Bechtel, Johann Sebastian Bach, Musik, Musik-Rezensionen, Rezensionen von Walter Eigenmann am 24. August 2010

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Großartige Einspielung eines unbekannten Bachs

Jan Bechtel

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Johann Sebastian Bachs Markus-Passion (BWV 247) zählt zu den eher unbekannteren Werken des großen Barock-Genies. Behandelt wird das Leiden und Sterben Christi, so wie es das Markus-Evangelium erzählt. Das Werk erklang erstmals am 23. März 1731, einem Karfreitag. Die Markus-Passion steht im Schatten der beiden großen Passionen nach Matthäus und Johannes, die zu den bekanntesten und auch meistgespielten Werken des Komponisten zählen.
Bachs originale Partitur des Werks ist verschollen. Der vorliegenden Aufnahme liegt eine Neufassung der Rekonstruktion Diethard Hellmanns durch Andreas Glöckner aus dem Jahr 2001 zugrunde, erschienen im Stuttgarter Carus-Verlag. Des weiteren wurde eine Sammlung 4-stimmiger Choräle herangezogen, die von dem Bach-Schüler Johann Ludwig Dietel stammt. Dieser hatte seine Sammlung wohl für Bach persönlich 1735 anfertigen lassen. Dietel verwendete dabei hauptsächlich Originalquellen aus Bachs Privatbibliothek, worunter sich auch das Partitur-Autograph der Markus-Passion befunden haben dürfte. Dietels Abschrift gilt somit als die einzige erhaltene Sekundärquelle des Werks. Die restlichen Choräle konnten aus Choralsammlungen wiedergewonnen werden, die der Bach-Sohn Carl Philip Emmanuel in den Jahren 1784-1787 edierte. Allerdings sind die Choräle in diesen Sammlungen in leicht veränderter Form abgedruckt (häufig transponiert und in anderer Leseart).

Der junge Bach (Gemälde von J. E. Rentsch, 1715)

Obwohl man in den letzten Jahren einige Erkenntnisse über diese Passionsmusik Johann Sebastian Bachs gewinnen konnte, so liegt doch auch noch einiges im Dunkel der Musikgeschichte. Auch der vorliegenden Einspielung kann es aufgrund des derzeitig immer noch lückenhaften Standes der entspr. Bach-Forschung nicht gelingen, ein wirkliches Abbild der von Bach erdachten Passionsmusik zu sein. Die Einspielung ist aber dennoch eine beeindruckende Darstellung einer mutmaßlichen «Originalfassung». In der Zusammenstellung der einzelnen Nummern wirkt sie schlüssig, und man kann die Leidensgeschichte nachvollziehen, so wie sie der Text des zugrunde liegenden Evangeliums schildert.
Die musikalische Grundhaltung dieser Passion ist – naturgemäß – eher schlicht gehalten, wobei aber durchaus immer wieder eine gewisse Bestimmtheit und Feierlichkeit mitschwingt. Bach zeigt sich hier nicht weniger inspiriert als in seinen anderen Passionsmusiken. Lediglich die Laufzeit der Markuspassion ist deutlich kürzer als die der berühmten Werke nach Johannes und Matthäus, die ja mehrere Stunden lang sind. Jedenfalls ist die Markus-Passion ein zu Unrecht bisher eher vernachlässigtes Werk Bachs, da sie viele große Momente hat und durchaus an die großen Werke aus Bachs Feder anknüpfen kann. Sie teilt ein wenig das Schicksal mit anderen Passionsmusiken, etwa der Brockes-Passion Händels, die – trotz ihrer großartigen Erhabenheit, längst nicht die Popularität genießt, die ihrer würdig wäre.

Bei der Aufnahme-Arbeit in der Frauenkirche Dresden

Zu den Interpreten, beginnend beim Erzähler: Dieser wird von Dominique Horwitz gegeben, der sich einen Namen als Schauspieler gemacht hat und den Text mit einer derartigen Hingabe und Bestimmtheit deutet, dass eine geradezu unheimliche Präsenz erzeugt wird. Es wird deutlich, schön akzentuiert gelesen, der Text wirkt bei ihm spannend, und seine die flexible Art Horwitz’, auf den Text einzugehen, und wie er während des Lesens verschiedene Stimmschattierungen für den Vortag des Textes einsetzt, ist schlichtweg beeindruckend.
Das Orchester der vorliegenden Einspielung ist die Kölner Akademie, die unter der Leitung von Michael Alexander Willens musiziert. Dabei bieten Dirigent und Musiker eine Interpretation voller Herzblut an. Die Tempi sind durchdacht gewählt, Monotonie kann zu keinem Zeitpunkt aufkommen. Mit viel Liebe zum Detail werden die einzelnen Stimmen sauber heraus gearbeitet, unbesehen ob Tuttipassagen oder solistische Momente. Die Kölner Akademie, eines der zahlreichen Originalklangensembles, die sich nach Aufkommen dieses Interpretationsansatzes gegründet haben, realisiert den Willen des Dirigenten souverän, ihr Klang ist sehr angenehm, ja vermittelt Wärme und verleiht dieser Passionsmusik die Würde, die ihr gebührt.

Der Chor der vorliegenden Einspielung ist das mittlerweile weltberühmte Ensemble «Amarcord», das aus ehemaligen Mitgliedern des Leipziger Thomanerchores besteht und 1992 gegründet wurde. Das zum Einsatz kommende Vokalquartett setzt sich aus Wolfram und Martin Lattke (Tenor) sowie Daniel Knauft und Holger Krause (Bass). Diese rein männliche Besetzung wird durch Sängerinnen ergänzt, die für diese Einspielung einen Gastauftritt bestritten; namentlich sind dies die Sopranistinnen Anja Zügner und Dorothea Wagner sowie die Altistinnen Clare Watkinson und Silvia Janak.
Allesamt haben sie bereits Erfahrung im Bereich der «Alten Musik» sammeln können. Die sängerische Leistung bei den Chorälen ebenso wie bei den Arien ist durchweg als hervorragend zu bezeichnen; Die Choräle werden wundervoll ausgesungen und durchgestaltet und wirken dabei sehr frisch und lebendig. Die Tempi sind eher gemäßigt, was den Chorälen eine ebenso nachdenkliche wie feierliche Note verleiht. Auch die Arien der Passion werden sehr eindringlich und ausdrucksstark gestaltet, wobei die Verständlichkeit des Gesanges ein großes Plus dieser Aufnahme ist.

Der Carus-Verlag realisiert hier eine großartige Einspielung der Bachschen Markus-Passion durch die Kölner Akademie und das berühmte Amarcord-Vokalensemble. Hervorzuheben sind ein feierliches, würdevolles Musizieren mit eher mäßigen Tempi sowie eine außerordentlich hohe Textverständlichkeit.

Unter dem Strich resultierte hier wirklich eine großartige Einspielung der Markus-Passion, die als Co-Produktion des Carus-Verlags mit der Stiftung Frauenkirche Dresden realisiert wurde, und die ich persönlich für die zurzeit beste Einspielung des Werks aus jüngerer Zeit halte. Ein instruktives CD-Booklet, das zahlreiche Erläuterungen zum Rekonstruktionsversuch wie zu den einzelnen Interpreten enthält, rundet den hervorragenden Gesamteindruck ab. ■

Johann Sebastian Bach, Markus-Passion BWV 247, Kölner Akademie (Michael Alexander Willens), Ensemble Amarcord, Anja Zügner / Dorothea Wagner (Sopran), Clare Watkinson / Silvia Janak (Alt), Dominique Horwitz, CD Carus-Verlag (Aufnahme in der Dresdner Frauenkirche)

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Hörproben

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Das neue «Glarean»-Streichholzrätsel

Veröffentlicht in Denksport, Rätsel, Spielwiese, Streichholz-Rätsel von Walter Eigenmann am 23. August 2010

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Legen Sie zwei Streichhölzer so um, dass fünf gleiche Quadrate entstehen

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Das Zitat der Woche

Veröffentlicht in Günter Grass, Literatur, Literatur und Schule, Zitat der Woche von Walter Eigenmann am 22. August 2010

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Über die Literatur in der Schule

Günter Grass

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Literatur in deutschen Schulen ist eigentlich immer ein Alptraum gewesen. Früher war das alles von rechts gefüttert, dann kam die Phase von links, aber in den Grundverhaltensweisen hat sich leider nichts geändert: es herrscht vor die Interpretationssucht. Literarische Texte werden nicht an den Schüler herangebracht, um bei ihm die Lust am Lesen auszulösen, um ihm die Chance zu geben -und sei es mit den verschiedensten Gedanken – sich mit einem Text zu identifizieren, sich selbst zu erleben, sondern um ihn auf eine schlüssige Interpretation hinzuführen. Das tötet die Literatur ab. Literatur ist trotz der deutschen Schule lebensfähig geblieben, aber dies tötet in einem sehr frühen Alter die Lust am Lesen ab.

Günter Grass

Literatur hat mit Kunst zu tun, es ist eine Kunstform und in erster Linie ästhetischen Gesetzen verpflichtet. Dieses Produkt der Kunst lebt davon, daß es vieldeutig ist, doppelbödig ist und eine Menge von Interpretationen zulassen kann. Es muß erst einmal respektiert werden, daß der, der auf ein Bild, auf ein Buch reagiert, etwas für ihn Wichtiges erlebt. Dies ist erst einmal richtig, auch wenn es sich nicht mit der Interpretation des Lehrers deckt. Und nun kommt das in die Schulmühle hinein, es wird Interpretation gefordert – ob es sich um einen Gedichttext, um die »Braut von Messina« oder Wallraff oder was auch immer handelt: Es wird Interpretation abverlangt. Es ist im Grunde eine Aufforderung zum Opportunismus. ■

Aus Günter Grass, Von morgens bis abends mit dem deutschen pädagogischen Wahn konfrontiert – in: P.Kalb (Hg.), Einmischung – Schriftsteller über Schule, Gesellschaft, Literatur – Beltz Verlag 1983

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Andrew Soltis: «Studying Chess Made Easy»

Veröffentlicht in Andrew Soltis, Buch-Rezension, Malte Thodam, Rezensionen, Schach, Schach-Rezension von Walter Eigenmann am 21. August 2010

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Nützliche Anregungen für das persönliche Schachtraining

Malte Thodam

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Wenn Schachspieler ihr Können verbessern möchten, bedeutet das in der Regel harte Arbeit. Gerade älteren Spielern mit Verpflichtungen wie Arbeit und Familie fällt es nicht leicht, ein lohnendes Training in regelmäßigen Abständen zu absolvieren. Kindern und Jugendlichen fallen dagegen viele Dinge auf spielerische Art zu, die Erwachsene sich hart erarbeiten müssen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Fülle an Informationen im Schach ganz besonders erdrückend ist. Man kauft irgendein beliebiges Buch über seine Lieblingseröffnung, und versucht mit Mühe ein paar Varianten zu behalten. Irgendwann legt man das Buch müde und frustriert aus der Hand, verbessert hat man sich dabei kaum. Sicher haben viele Schachspieler ähnliche Erfahrungen gesammelt.

Vom Umgang mit solchen Problemen und dem Weg zum richtigen Schachstudium handelt ein beim englischen Verlag Batsford erschienenes Buch. Der internationale Meister und Journalist Andrew Soltis berichtet in «Studying Chess made easy» stellvertretend für viele andere Spieler über Jacques Rosseaus bittere Erfahrungen mit dem Studium des Schachspiels. Der Staatstheoretiker habe, so Soltis, nach seinen ersten Partien gegen einen Amateur voller Elan ein Schachbrett, Figuren und das damals beste auf dem Markt erhältliche Schachbuch gekauft. Stunde um Stunde soll Rosseau die Varianten studiert haben. Doch als er zurück ans Schachbrett kam, war das Ergebnis seines ambitionierten Trainings völlig ernüchternd: Ein ums andere Mal verlor Rosseau gegen den selben Amateur, der ihm einige Monate zuvor das Schachspielen beigebracht hatte. Offenbar war Rosseaus Vorhaben, die Theorie genauestens zu studieren und zu behalten, zum Scheitern verurteilt, es hatte ihn eher verwirrt als sein Spiel verbessert.

Falsches Training: Aufklärer Rousseau (r.) beim Schachspielen gegen den Prinzen Conti (Cousin von Louis XV)

Mit dem Überfluss an Informationen im Schach umzugehen ist also eines der Themen, die Soltis behandelt. Er beschreibt nach welchen Kriterien man Bücher für das eigene Training auswählen kann, welche Trainingsmethoden nutzbringend sind, und welche zuletzt eher wenig praktikabel. So beschreibt er seine eigenen früheren Trainingserfahrungen als Beispiel für den falschen Weg des Schachstudiums. Soltis versuchte Eröffnungsbücher akribisch durchzuarbeiten, was für ihn jedoch wenig erhellend war, da es in ihnen oft keine Antworten auf seine Fragen gab. Wir alle kennen diese Fragen, die dann auftauchen, wenn eine Variante ohne jegliche Erkärung im Text mit einem «Informator»-Symbol – sagen wir: «+=» – endet, und wir schlichtweg nicht wissen, warum eigentlich. Diese Art zu lernen, die Soltis mit dem Lernen für die Schule vergleicht (er spricht von Pauken), habe ihn womöglich um Jahre zurückgeworfen.

Stattdessen setzt der Großmeister auf eine Auswahl von Trainingsmethoden, die er nach den genannten Erfahrungen als die sinnvollsten Methoden zur Verbesserung der Spielstärke erachtet. Dabei nennt er das wohl Wichtigste gleich zu Beginn: «Learning chess should be fun». Eben dies wird kaum der Fall sein, wenn man unrealistische Ziele wie das Durcharbeiten einer Eröffnungsenzyklopädie verfolgt. Soltis warnt davor, dass man auf diese Art eher noch weniger trainiert als zuvor. Zuletzt droht der Spaß am Schach auf diesem Wege völlig verloren zu gehen.

Hartes Training: Youngster Andrew Soltis (r.) in New York gegen die Schach-Legende Bobby Fischer

Welche Vorschläge hat Soltis nun anzubieten, um ein effektives Selbststudium zu ermöglichen? Zum einen empfiehlt er das Ausspielen von technisch gewonnenen Stellungen gegen den Computer. Das klingt plausibel, denn der Rechner zwingt zu genauen Zügen unter Wettkampfbedingungen – die Uhr läuft schließlich.
Andrew Soltis macht den Leser außerdem auf die große Bedeutung der Mustererkennung aufmerksam, weist aber auch darauf hin, dass es unnötig ist, sehr seltene Muster zeitraubend und mühselig im Gedächtnis zu speichern. Als Beispiel gibt er etwa das Endspiel Turm gegen Turm und Läufer an, das in der Praxis nicht nur sehr selten ist, sondern auch nach genauem Studium keine Gewinngarantie für die stärkere Partei bietet.

Andrew Soltis neue Schach-Trainings-Anleitung lockt den Leser nicht mit simplen Versprechen, sondern zeigt verschiedene interessante Methoden zur Verbesserung der eigenen Spielstärke auf. Sein Buch liest sich flüssig und dürfte jedem Schachspieler neue Anregungen für das eigene Training geben.

Der Autor lockt den Leser nicht mit simplen Versprechen, zeigt aber in voneinander unabhängigen Kapiteln verschiedene interessante Methoden zur Verbesserung der eigenen Spielstärke auf. Sein Buch liest sich flüssig und dürfte jedem Schachspieler einige neue Anregungen für das eigene Training geben. Erfreulich ist dabei, dass Soltis nicht nur verschiedene Methoden empfiehlt, sondern auch detailiert die einzelnen Vorgehensweisen beschreibt. So wird sein Rat greif- und für den Leser in der Praxis anwendbar. Wer also das eigene Schachtraining umgestalten möchte (und des Englischen leidlich mächtig ist), der kann bei der Wahl dieses Buches kaum einen Fehler machen. ■

Andrew Soltis, Studying Chess Made Easy (engl.), 256 Seiten, Batsford / Anova Books, ISBN 978-1906388676

Leseproben

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Leseproben

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Lyrik-Essay von Bernd Giehl

Veröffentlicht in Bernd Giehl, Essays & Aufsätze, Literatur, Literaturkritik, Lyrik, Sprache von Walter Eigenmann am 20. August 2010

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Nachdenken über Luxus

Einige Anmerkungen zum Schreiben von Gedichten

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Bernd Giehl

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Das kleine Gesicht im Wintermantel:
Trauermund, Warteaugen, Schrittklein
in den Hof, den Stall, die Viehspuren
im Straßenschmutz schon lang verwischt.
Waldmeisteressenz und Brunnenwasser
gegen den großen Durst.
Neben der Wasserbank eine Schöpfkelle.

Sigfrid Gauch: «Morgentod»

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I

32 Worte. So viel wie wir Normalsterblichen sonst für drei Sätze benötigen. 32 Worte nur, aber ein Text, an dem das Auge hängenbleibt, den man wieder und wieder liest, fast wie eine Offenbarung, den man wahrscheinlich nie mehr vergisst.
32 Worte. Gefunden in einer Spalte namens «ZEITmosaik» in der «ZEIT» vom 28. Juni 97. Eine Spalte, über die ich sonst schnell hinweglese; den Namen des Verfassers, Sigfrid Gauch, habe ich vorher noch nie gehört. Aber dieses Gedicht rührt mich an, wie nur weniges sonst. Fast möchte ich behaupten: es ist «vollkommen». Vollkommen wie eine Arie aus der «Matthäuspassion» von Bach. Oder wie ein Bild von Manet.

Und jetzt höre ich auch schon wieder das Wetzen der Messer. Darf man das, über «Schönheit» nachdenken, wenn doch allgemein eher «Hässlichkeit» angesagt ist? Seit Baudelaire seine «Fleurs du mal» schrieb, seit Rimbaud eine «Zeit in der Hölle» verbrachte, seit dem Beginn der «Moderne» also in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, lebt die Kunst – Malerei, Literatur, Musik – doch eher von der Dissonanz, der Beschreibung des Hässlichen und Abstoßenden. Die Kunst reagierte damals auf die zunehmende Hässlichkeit, hervorgerufen vor allem durch die Industrialisierung. Dass es seither aufwärts gegangen wäre mit der Welt, kann man eigentlich nicht behaupten.
Wäre also nicht statt des Nachdenkens über Gedichte ein flammender Protest gegen den Afghanistan-Krieg oder die ewigen Streitereien der schwarzgelben Regierung angesagt? Das alles sind sicher wichtige Themen. Und doch will ich hier nur eins tun: über Gedichte nachdenken. Über das, was mich und sicher auch andere an ihnen fasziniert.
Vermutlich sind Gedichte unnötig. Wahrscheinlich brauchen wir viel eher Arbeitsplätze als Gedichte. Aber wer Brot hat, möchte womöglich irgendwann auch Butter dazu. Das ist unverschämt; ich weiß. Gut möglich, dass eines Tages der Genuss verboten wird, weil er unmoralisch ist; in Amerika sind sie ja schon so weit. Solange der Genuss jedoch noch nicht verboten ist, (solang man sogar noch in der Öffentlichkeit rauchen darf), solange kann man einstweilen noch über Gedichte nachdenken. Und was es eigentlich ist, das sie (oder jedenfalls manche von ihnen) über die Banalität all dessen erhebt, was täglich geredet und geschrieben wird.

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II

Die Schönheit von Gedichten also. Und zwar nicht von Goethe- oder Eichendorff-Gedichten, sondern von moderner Lyrik. Auch ein Gedicht wie Goethes «Über allen Wipfeln ist Ruh» ist «schön», aber wer heute noch so schreiben würde, wäre ein hoffnungsloser Fall. Bilder von erhabenen Gipfeln, von rauschenden Bächen, das geht nicht mehr; an ihre Stelle muss anderes treten. Auch die Formen sind andere geworden; Hexameter und Jambus, das war einmal, obwohl es mittlerweile auch wieder Gedichte mit Endreim gibt. Überhaupt ist es schwieriger geworden, von «Form» zu sprechen, wo so viele Formen sich aufgelöst haben und neue Formen zwar entstanden, jedoch nur schwer abzugrenzen sind. Zwischen einem Rilke-Gedicht und einem Gedicht von Erich Fried stehen Welten, und wer das nicht glaubt, lege einmal Frieds «Maßnahmen» neben die «Duineser Elegien».
Und dennoch gibt es etwas, was Lyrik abgrenzt von Prosa, was sie erkennbar macht. Wo eine Geschichte oder ein Roman Zeit braucht, um sich zu entwickeln, Spannung zu erzeugen oder was immer auch den Leser daran hindert, zur Fernbedienung zu greifen, da muss das Gedicht in wenigen Zeilen das Gleiche leisten. Und das kann es nur durch seine besondere Sprache, die so schwer zu benennen ist: «leuchtend» vielleicht, oder «verdichtet». Dabei spielt der Rhythmus immer noch eine große Rolle, und auch die Bilder, die ein Gedicht verwendet, sind wichtig. Oft sind es ungewohnte, vielfach nur angedeutete Bilder, wie man an Gauchs Gedicht sehen kann. Dieses Gedicht besticht mit seiner Sprache. Ungeheuer konzentriert ist sie, fast möchte ich sagen: «sinnlich». Verkürzt gesagt: ein Roman kann notfalls auch mit einer schwächeren Form auskommen; für ein Gedicht ist das tödlich.

Fragen wir also ruhig einmal nach der Besonderheit der lyrischen Sprache. Und nehmen wir – pars pro toto – Gauchs Gedicht «Morgentod» dazu. Was wahrscheinlich als erstes bei diesem Gedicht ins Auge springt, sind die ungewöhnlichen Substantive in der zweiten Zeile: «Trauermund» – doch ja, das könnte man schon einmal gelesen haben; «Warteaugen» – schon schwieriger; aber «Schrittklein» – das sieht nun doch schon sehr nach Neuschöpfung der Sprache aus;. Was ja in der Lyrik nichts Ungewöhnliches ist, auch wenn das Überraschungsmoment sonst eher in der Zusammenstellung der Bilder liegt (unübertrefflich, auch hier, Paul Celan, z.B. in «Spät und Tief»: «Boshaft wie goldene Rede beginnt diese Nacht/ wir essen die Äpfel der Stummen …»)
Nun bringt der Vergleich mit Celan nicht allzu viel ein, denn dieses Gedicht ist eigentlich nicht «dunkel», auch wenn es sich gewiss nicht dem ersten flüchtigen Lesen erschließt. Wenn man genauer hinsieht, erkennt man, dass hier die Verben fehlen. Ein paar Adjektive und Präpositionen; ansonsten nur Substantive. Die Person, die hier «handelt» ist absichtlich im Unklaren gelassen. Beschrieben wird eigentlich nur ihr Gesicht: «Das kleine Gesicht im Wintermantel:/ Trauermund, Warteaugen, Schrittklein»; möglich dass es sich um ein Kind handelt, aber vielleicht ist es auch ein Erwachsener, der an einen Ort seiner Kindheit zurückkehrt. Dieser Ort ist ein Bauernhof. Der Brunnen, der hier (wiederum indirekt) erwähnt wird, läßt Vergangenes erahnen; möglich, dass dieser Hof schon lange nicht mehr bewirtschaftet wird. Allenfalls als Wohnung dient er noch, und doch ist er ein wichtiger Ort für den Sprecher, das «lyrische Ich». Durch das Gedicht bekommt dieser Ort eine Bedeutung, die der reale Hof nie gehabt hat. Die gewollte Unschärfe der Beschreibung – alles wird nur angedeutet – setzt die Phantasie des Lesers in Gang. Er ist es, der den Zwischenraum zwischen den Worten füllen muss mit eigenen Assoziationen. Seine Erinnerung wird gebraucht. Und das ist es wahrscheinlich, was den Leser schließlich in seinen Bann zieht.

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III

Die Sprache ist es also, die ein Gedicht ausmacht. Eine Sprache, die eher andeutet als benennt, die Zwischenräume schafft, die es nötig macht, dass man zwischen den Zeilen liest. Sie kann feierlich sein, ungewohnt, sie kann mit ungewöhnlich zusammengesetzten Bildern arbeiten, aber sie muss es nicht. Es gibt auch (scheinbar) lakonische Gedichte; dafür ein Beispiel aus dem «Jahrbuch der Lyrik 97/98», (in dem ich später auch Gauchs Gedicht gefunden habe):

Seit ich hier bin

Seit ich hier bin trage ich Taschen
voller Papiere, fahre ich Fahrstuhl
telefoniere, trinke Kaffee wie ein Mann
mit Terminen , liege ich schlaflos,
interpretiere, huste und reime, traurige
Tiere, spende dem Geiger in der Passage
einen Gedanken, was ist das Leben,
wenn nicht ein Geigen in den Passagen,
was kann er tun und was soll ich sagen:
Pflege Kontakte und streue Asche auf
deine Akte. So ist das hier.

Hans Ulrich Treischel

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Auch hier werden, wie in «Morgentod», Orte benannt. Aber im Gegensatz zu dem eingangs besprochenen Gedicht sind es Orte, die nicht viel bedeuten: ein Büro, der Fahrstuhl, eine Passage. Der Tonfall ist locker, ironisch. So ganz ernst scheint das «Ich» in diesem Gedicht sich nicht zu nehmen. Der, der hier spricht, ein Angestellter offensichtlich, schaut sich selbst über die Schulter. Natürlich muss er so tun, als ob er arbeite, aber er nimmt das alles nicht so eng; womöglich schreibt er sogar Gedichte in seiner Arbeitszeit.
Doch wenn man genauer hinschaut, ist die Lakonie, die einem förmlich entgegenspringt, nichts als eine Maske. Eine schwer greifbare Trauer spricht aus diesem Gedicht, eine Trauer über das mit Akten und Terminen vertane Leben. Das Leben ist ein «Geigen in den Passagen»; offensichtlich wird der Straßenmusikant zu einem Bild für das geschäftige Leben, das den armen Straßenmusikanten dort stehenlässt, wo er steht. Es gibt wohl kaum einen ungeeigneteren Ort für einen Musiker als die Straße. Leute bleiben kurz stehen und hören zu, aber sie haben keine Zeit, das ganze Stück anzuhören, also werfen sie eine Mark in den Geigenkasten und gehen weiter. Lieber als hier zu stehen würde man an der Met spielen oder bei den Wiener Philharmonikern, aber was will man machen, es gibt einfach zu viele Musiker, Künstler, Dichter, Menschen…
Es ist die Kunst dieses Gedichts, diese – doch eher schweren – Gedanken hinter der (scheinbaren) Leichtigkeit des Tons zu verbergen. Kunstvoll ist auch der Reim, der sich durchzieht, aber nicht als Endreim, sondern an den Zeilenanfängen, wo man ihn nicht beim ersten Lesen bemerkt. Überhaupt muss man auch dieses Gedicht mehrmals lesen, bis es sich einem erschließt. Aber davon sprachen wir schon.

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IV

Und da kommt mir nun ein Begriff in den Sinn, der für mein Verständnis von Literatur eine große Rolle spielt, den man aber auch auf Lyrik im Besonderen anwenden kann. Es ist der Begriff des Spiels. Gedichte – so denke ich – «spielen» mit ihrem Gegenstand. Woraus auch immer sie entstehen – und das ursprüngliche Material kann so banal sein wie es will -, sie verwandeln dieses Material.
Gedichte spielen mit Bildern, Rhythmen, Reimen, mit Assoziationen, Klängen, Bedeutungen, mit allem, was ihnen zwischen die Buchstaben gerät. Es ist ein Spiel, dessen Regeln sich nicht von vornherein festlegen lassen; aber natürlich gibt es Regeln, weil sonst das Spiel aufhörte, Spiel zu sein. Gedichte schreiben ist ein hoch artifizielles Spiel; man kann es erlernen, wie man das Jonglieren erlernen kann; man braucht dazu Begabung und einiges an Übung.
Vor vielen Jahren hat der Literaturwissenschaftler Mario Andreotti in der Schweizer Literaturzeitschrift «Scriptum» die assoziative Verknüpfung ansonsten disparater Wortgruppen, das Weglassen von Verben und die Verknappung als Zeichen eines guten Gedichts genannt.  («Was ist heute ein gutes Gedicht? Über einige Kriterien zeitgenössischer Lyrik», in: «Scriptum» 21/95) Dies können Kriterien für ein gutes Gedicht sein; sie haben aber keinen Ausschließlichkeitscharakter, wie man an dem Gedicht von Treischel, aber auch an vielen Gedichten von Brecht z.B. deutlich erkennen kann.

Sind Gedichte also Luxus? Für die Verleger ganz bestimmt; an einem Gedichtband verdienen sie nur in den wenigsten Fällen. Für die Leser wahrscheinlich auch: sie informieren weder über den Börsenkurs noch geben sie Hinweise, wie die politische Situation zu verändern sei. Womöglich sind sie nicht einmal unterhaltsam oder belehrend, wie ein Roman das sein kann.
Mag sein, dass sie einfach nur spielen: mit dem Klang, den Worten, den Bedeutungen, mit der Sprache. Dem «l’art pour l’art» stehen sie meist näher als ein Roman oder eine Geschichte. Romane müssen, Gedichte können Inhalte transportieren. Womöglich ist so manches Gedicht mehr dem schönen Klang geschuldet, als dass es wichtige Gedanken zu transportieren gehabt hätte, auch wenn ich natürlich nicht verrate, an welche Gedichte oder welchen Dichter ich denke. Auf die Klanggedichte z.B. eines Franz Mon, die allen Wert auf «Form» legen, denen die Worte nur Material sind und keine Botschaften transportieren, sei hier nur am Rande hingewiesen.

Aber warum soll ein Gedicht nicht einfach nur «Schönheit» vermitteln? Oder das Spiel mit der Sprache ins Extreme treiben, wie es die schon erwähnten Poeten tun? Sprache ist eben Bedeutung und Klang, und genau das ist es, was Gedichte sich zunutze machen. Oder andersherum: ohne diese Tatsache würden Gedichte gar nicht geschrieben werden können.
Doch ja, Gedichte sind Luxus. Und der Forderung nach Hässlichkeit kommen sie auch eher in seltenen Fällen nach. Man muss Luxus nicht mögen. Man kann durchaus auch auf ihn verzichten. Manchmal sprechen Gedichte – wie das eingangs zitierte von Gauch – von Dingen und Orten, die es (so) nicht mehr gibt.
Wer will, kann das für «reaktionär» halten. Ich für meinen Fall würde auf manches andere lieber verzichten wollen als auf Gedichte. ■

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Bernd Giehl

Geb. 1951 in Marienberg/D, Studium der Theologie in Marburg, verschiedene literarische und theologische Publikationen, lebt als evang. Pfarrer in Nauheim

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Veröffentlicht in Literatur-Ausschreibungen, Literatur, Ausschreibung, Literaturwettbewerbe von Walter Eigenmann am 19. August 2010

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Liebesgeschichten für Anthologie gesucht

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Für eine neue Buch-Anthologie mit «Liebeskurzgeschichten» sucht der neugegründete «Seschat Verlag» unveröffentlichte Prosa-Beiträge. Es werden «gefühlvolle, kriminelle, lustige, listige bis gemeine» Storys von max. 12 Seiten gesucht. Der Einsende-Schluss ist noch offen, weitere Einzelheiten finden sich hier. ■

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Henry Purcell: «Love Songs»

Veröffentlicht in CD-Rezension, Dorothee Mields, Henry Purcell, Jan Bechtel, Musik, Rezensionen, Wolfgang Katschner von Walter Eigenmann am 19. August 2010

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Barock-Interpretationen mit besonderer Note

Jan Bechtel

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Wenn man sich im Bereich der klassischen Musik einmal fragt, welche bedeutenden Komponisten England hervorgebracht hat, dann dauert die Suche nach wirklich großen, auch in Kontinentaleuropa bekannten Musikern etwas länger. Einer der ersten Komponisten, wenn er nicht gar der erste in der englischen Musikgeschichte war, auf den «kontinental» zutrifft, war; Purcell gilt heute als größter englischer Komponist des Barock und sollte auch bis hin zu Edward Elgar (1857-1934) der berühmteste Musiker des Inselstaates bleiben. Trotz dieser Bekanntheit zu Lebzeiten wurde Purcell nach seinem Tod scheinbar vergessen, und so erleben wir erst langsam wieder so eine Art Wiederentdeckung seines Schaffens, das einige wunderbare Musik enthält, die man kennen sollte.

Henry Purcell (1659-95)

Die CD-Aufnahme, die hier näher behandelt werden soll, enthält «Arien» aus Purcells Semi-Opern «Timon of Athens», «The History of Dioclesian», «The Fairy Queen» und «King Arthur». Sie trägt den Titel «Love Songs» und ist kürzlich im Carus Verlag erschienen. Interpreten sind die Sopranistin Dorothee Mields und die Lautten Companey Berlin unter der Leitung von Wolfgang Katschner.
Mit diesem Inhalt versammelt die Aufnahme also einige der schönsten Stücke Purcells, die einen Eindruck von der musikalischen Vielseitigkeit ihres Schöpfers geben. Einmal tollt die Musik ausgelassen umher, ein anderes Mal sinniert sie über das «Wunder der Liebe», und ein drittes Mal ist sie so sanft wie ein Abendhauch an einem lauen Sommerabend. Manchmal wünschte man sich, man läge grade mit seiner «Herzdame» auf einer grünen Wiese unter blauem Himmel und hörte diese Musik, ließe sich in eine andere Welt entführen.

Wolfgang Katschner und seine Lautten Companey bei einer Aufführung von Händels «Teseo»

Wolfgang Katschner, selbst ein Lautenist von Weltformat, spornt die Lautten Companey Berlin zu Höchstleistungen an. Das Ensemble und ihr Leiter musizieren äußerst lebendig und verstehen es, jedem der Stücke seine individuelle Note, einen quasi ganz eigenen Charakter zu geben. Es wird sehr transparent und durchhörbar musiziert, nichts gerät zur Nebensache. Die gewählten Tempi sind allesamt sehr passend, wirken weder gehetzt noch zu langsam. Alles ist wie in einem Guss musiziert, mit großer Flexibilität.
Dorothee Mields wiederum hat, trotz ihrer bereits schon längereren Sängerkarriere, einen frischen, jugendlichen, facettenreichen Sopran. Schrille Spitzentöne oder auch Unsauberkeiten sucht man in ihrer Interpretation dieser Werke vergebens; eher wirkt ihre Stimme wohlig warm, auf eine ganz besondere Art «strahlend».

Dorothee Mields' Aufnahmen von Purcell-Liebesliedern mit Wolfgang Katschners Berliner Lautten Compagney vermittelt einen schönen Überblick auf Purcells weltliches Schaffen im Bereich der Bühnenmusik. Eine Einspielung, die jeden Platz im persönlichen CD-Regal wert ist.

Dabei harmoniert sie wunderbar mit der Lautten Companey, liefert sich keinen Wettstreit mit dem Ensemble, sondern musiziert mit ihm auf gleicher Ohrenhöhe als gleichberechtigter Partner. Sie verleiht jedem Stück ihre unverwechselbare Note, es geht nicht um Bravourgesang (der im Fall Purcells ohnehin fehl am Platz wäre), sondern darum jede Deutung der Werke zu personalisieren. Dorothee Mields ihre Sicht der Werke um und realisiert dabei weitgespannte Bereiche: Sie ist mal geheimnisvoll, mal schwärmerisch, mal völlig dem «Liebesrausch verfallen», mal ganz in Betrachtungen über die Liebe «versunken».
In summa eine grandiose sängerische Leistung. Und die ganze Aufnahme eignet sich sowohl für Einsteiger als auch für Experten, vermittelt einen guten Überblick auf Purcells weltliches Schaffen im Bereich der Bühnenmusik. Eine sehr schöne Einspielung des Carus’ Verlages, jeden Platz im persönlichen CD-Regal wert. ■

Henry Purcell, Love Songs, Dorothee Mields (Sopran), Lautten Compagney Berlin (Wolfgang Katschner), Carus Verlag

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Hörproben

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Sommer-Tanka (7)

Veröffentlicht in Japanische Lyrik, Kaiser Meiji, Literatur, Lyrik, Tanka von Walter Eigenmann am 18. August 2010

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Als ich mich erhob,

Staatsgeschäfte zu versehn,

weil die Pflicht mich rief,

spürte ich des Tages Glut

und des Sommers Schwüle kaum.

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Kaiser Meiji

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Roman-Wettbewerb des «el!es»-Verlages

Veröffentlicht in Literatur-Ausschreibungen, Literatur, Ausschreibung, Literaturwettbewerbe von Walter Eigenmann am 18. August 2010

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Lesbische Romane mit Happy End gesucht

Zum wiederholten Male schreibt der el!es-Verlag seinen «Lesbischen LiteraturPreis» aus. Eigereicht werden können lesbische Liebesromane oder Romane, die das lesbische Leben zum Thema haben, wobei ausschließlich Frauen teilnehmen dürfen. Zwingend erforderlich ist dabei ein Happy End für den Roman. Einsende-Schluss ist am 31. März 2011, die weiteren Einzelheiten sind hier zu finden. ■

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Roland Stark: «Tod in zwei Tonarten»

Veröffentlicht in Bernd Giehl, Buch-Rezension, Literatur, Musik, Rezensionen von Walter Eigenmann am 17. August 2010

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«Kreisleriana-Mord» im Rheingau

Bernd Giehl

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Besser, ich geb’s gleich zu: Jawohl, Freunde, ich bin befangen. Seit ich vor fast dreißig Jahren mein Vikariat – also die praktische Ausbildung zum Pfarrer – in rheingauischen Walluf gemacht habe, bin ich ein Fan dieser Gegend. Und selbst auf die Gefahr hin, als Snob zu gelten, behaupte ich: Es gibt keine schönere Landschaft. Jedenfalls nicht in Deutschland. Es soll Leute geben, die die Toskana für noch schöner halten, aber von denen reden wir jetzt nicht.
Mich selbst hat das Leben mittlerweile ins hessische Ried verschlagen, aber an vielen Sonntagen pilgere ich immer noch durch die Weinberge zwischen Walluf und Rüdesheim. So, das war’s jetzt aber auch mit den Bekenntnissen. Ob ich trotzdem…? Ich denke schon. Dass ich diese Landschaft liebe, heißt ja nicht, dass ich all meine kritischen Fähigkeiten in der Schublade lasse, wenn ich einen Rheingau Krimi bespreche.

Der Anfang ist eher konventionell. Während eines Konzerts des Rheingauer Musikfestivals taucht ein Toter auf. Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Plötzlich treibt die Leiche eines Jugendlichen, Patrick Schönhell, im Teich vor dem Wasserturm des Schlosses. Genau neben der Seebühne, auf der eben noch die «Last and Lost Blues Survivors» gesungen haben. Die Leiche ist schnell identifiziert: Es handelt sich um einen Jugendlichen aus dem Weinort Walluf. Kommissar Mayfeld von der Wiesbadener Kriminalpolizei, der im Nachbarort Eltville und dadurch mit den Örtlichkeiten bestens vertraut ist, leitet die Ermittlungen. Schnell findet er heraus, dass Patrick Schönhell, zusammen mit anderen Jugendlichen aus dem Rheingau im normalerweise für die Öffentlichkeit unzugänglichen Wasserturm von Schloss Vollrads eine Fete gefeiert hat. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf die Teilnehmer dieser Fete und besonders auf Johannes Flieder, der sich aber so gut wie gar nicht an die Nacht erinnern kann, in der Schönhell ums Leben kam, weil er an diesem Tag dem Alkohol zu sehr zugesprochen hatte.

Arzt und Krimi-Autor: Roland Stark

So weit, so einfach. Aber dann kommt Bewegung in die Sache, als Clara Flieder, die Mutter des Hauptverdächtigen, ihren Mann, einen reichen Unternehmensberater als vermisst meldet. Und auch formal gewinnt der Roman, indem Passagen in die Handlung eingefügt werden, in denen Clara Flieder, sowie ihre Halbschwester, Manuela, genannt Ele, zu Wort kommen. Clara ist eine eher konventionelle Frau, die alles dafür tun möchte, dass ihre heile Welt mit Ehemann, Sohn, Villa und Porsche Cayenne vor den Widrigkeiten des Lebens bewahrt bleiben. Ele dagegen hat ein Verhältnis mit ihrem Schwager, Claras Mann, ebenso wie mit ihrem Halbbruder Eduard. Sowohl Eduard als auch Manuela wohnen auf dem Grundstück der Flieders, und so ist natürlich zumindest Manuela verdächtig, mit dem Mord an Patrick Schönhell und dem Verschwinden von Phillip Flieder etwas zu tun zu haben.

Indizien-Lieferantin in Rheingau-Mordfall: Robert Schumanns Klavier-Phantasie op. 16 «Kreisleriana» (1. Takt)

Überhaupt drängt sich, je weiter man liest, desto stärker der Verdacht auf, dass mit dieser Familie etwas ganz und gar nicht stimmt, und dass der Mörder ganz bestimmt nicht der Gärtner war, den es hier allerdings auch nicht gibt. Nur nach außen ist Phillip Flieder der korrekte Unternehmensberater und verlässliche Familienmensch, der seine Radiergummis in Reih und Glied legt und seine Hüte katalogisiert. Bei näherem Einblick, den wir über Kommissar Mayfeld bekommen, stellt sich heraus, dass Phillip Flieder ein Freund sadomasochistischer Spiele ist und ganz nebenbei auch noch einen Winzer durch falsche Beratung in den Ruin getrieben hat. Genug Gründe also, den Mann mit den zwei Gesichtern verschwinden zu lassen.
Aber was hat das wiederum mit dem Tod von Patrick Schönhell zu tun? Der Kommissar verfolgt eine Menge Spuren, die sich aber am Ende allesamt als falsch erweisen. Die Lösung ist überraschend und ziemlich unkonventionell.

Roland Stark ist ein schöner und interessanter Kriminalroman gelungen, in dem viele Themen gekonnt miteinander verknüpft werden. Man muss nicht unbedingt ein Fan des Rheingaus sein, um dieses Buch mit Genuss zu lesen.

Roland Stark arbeitet in seinem «richtigen Leben» als Psychotherapeut im Rheingau und versteht somit eine Menge von der menschlichen (oder vielleicht sage ich besser: von der bürgerlichen) Psyche, die natürlich im wohlhabenden Rheingau, wo es immer noch eine Menge alten Adels und neuen Reichtums gibt, eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Auch die Landschaft mit ihren Orten kann er gut beschreiben, und als Liebhaber des Rheingaus ertappt man sich immer wieder bei der Frage, welches Vorbild er zum Beispiel für die Villa Gruber, das Wohnhaus der Familie Flieder, wohl genommen haben könnte. (Für Insider: entweder das Hotel «Zum Schwanen» oder eine der einzelnen Villen zwischen Walluf und Eltville).

Aber Stark versteht auch etwas von Musik, und die spielt eine wichtige Rolle in diesem Roman. Vor allem die «Kreisleriana» von Robert Schumann, ein schwieriges Klavierstück, das man – laut Stark – nur als exzellenter Pianist spielen kann, taucht im Roman immer wieder auf und spielt am Ende auch eine überraschende Rolle bei der Lösung des verzwickten Falls. Nun höre ich zwar selbst gern klassische Musik, (auch Robert Schumann), aber dieses Stück habe ich erst durch den Autor kennengelernt.
Roland Stark ist ein schöner und interessanter Kriminalroman gelungen, in dem viele Themen gekonnt miteinander verknüpft werden. Man muss nicht unbedingt ein Fan des Rheingaus sein, um dieses Buch mit Genuss zu lesen. ■

Roland Stark: Tod in zwei Tonarten, Rheingau Krimi, 300 Seiten, Emons Verlag, ISBN 978-3897057272

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«Choir&Organ»-Kompositionspreis 2011

Veröffentlicht in Musik, Musik-Ausschreibungen von Walter Eigenmann am 16. August 2010

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Gesucht: Neue Musik für Trompete und Orgel

Das englische Musikmagazin «Choir&Organ» schreibt in Zusammenarbeit mit dem Orgel-Festival St Albans einen internationalen Kompositionswettbewerb aus für neue Musik mit Trompete und Orgel. Teilnahmeberechtigt sind KomponistInnen, die im Juni 2011 nicht älter als 35 Jahre alt sind. Eingereicht werden soll ein unveröffentlichtes Originalwerk mit einer Dauer von max. vier Minuten. Einsende-Schluss ist am 31. Januar 2011, die weiteren Details finden sich hier.

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