Glarean Magazin

Rainer Wedler: «Die Leihfrist»

Posted in Bernd Giehl, Buch-Rezension, Literatur, Rainer Wedler, Rezensionen by Walter Eigenmann on 29. April 2010

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Weder Fisch noch Fleisch

Bernd Giehl

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Ein merkwürdiges Buch, diese «Leihfrist» von Rainer Wedler. «Roman» nennt es sich, dabei hat es gerade mal 126 Seiten. Unter einem Roman stelle ich mir normalerweise ein Buch größeren Umfangs vor, das außerdem eine ausgeprägtere Handlung besitzt. Aber wahrscheinlich ist das auch gar nicht so wichtig. Interessanter ist schon die Frage, wovon dieses Buch nun eigentlich handelt. Die Antwort heißt: Es handelt von Büchern. Genauer gesagt von einem Mann, Karl Dietrich Wilhelm Montag, von seinen Freunden Kadewe genannt, der nicht nur ein leidenschaftlicher Büchersammler ist, sondern der allmählich in ein Alter kommt, wo man mehr Vergangenheit hat als Zukunft. Hinzu kommt: Montag ist ein Intellektueller; mehr noch: er ist ein Bibliophiler. Er hat mit einem Problem zu kämpfen, das wahrscheinlich die meisten Bücherliebhaber kennen: Er hat keinen Platz mehr: Die Bücher stehen in zwei Reihen im Bücherregal; und weil alle Bücherregale bis zur Decke gefüllt sind, stapeln sie sich auch auf dem Boden, sodass Kadewe kaum noch treten kann. Am Ende bleibt nur eine Lösung: Er muss sich von einem Teil seiner Schätze trennen.
Also setzt er eine Annonce in die Zeitung. Eine junge Frau kommt, die sich aber weniger für seine Bücher als für deren Besitzer interessiert, was dazu führt, dass seine Freundin Alja, die im falschen Moment die Wohnung betritt, Kadewe eine Szene macht und sich von ihm trennt. Später kommen dann andere junge Frauen, die Montag Bücher abkaufen wollen, aber jedes Mal, wenn sie eins finden, das sie kaufen wollen, kann Montag sich gerade von diesem Buch nicht trennen, weil zu viele Erinnerungen mit ihm verbunden sind.

Rainer Wedler (*1942)

Ich gebe zu: Ich bin nicht warm geworden mit dem Buch. Vielleicht liegt es daran, dass es genauso unentschieden ist wie sein Protagonist. Immer neue Geschichten von Frauen, die Montag einmal geliebt hat, werden erzählt, aber zumindest für mich sind sie alle blass geblieben, fast ununterscheidbar. Ein Mann blickt zurück; er spürt die Vergänglichkeit seines Lebens, er denkt an die Beziehungen, die er gehabt hat – und in der letzten Besucherin, die Bücher von ihm kaufen will, erkennt er sogar eine Frau, die er früher einmal geliebt hat. Die Besucherin selbst bestreitet das.
Mag ja sein, dass Wedler sagen will, das Leben finde vorwiegend in der Lektüre bzw. in der Phantasie statt und weniger in dem, was wir wirklich erleben, – eine These, über die man durchaus diskutieren könnte -, aber selbst diese Aussage bleibt blass und unentschieden.
Dabei ist das Buch keineswegs schlecht geschrieben. Nur wird mir persönlich darin zu viel angerissen und zu wenig ausgeführt; zu vieles versickert einfach. Womöglich wäre es ein besseres Buch geworden, wenn Wedler seinen Figuren mehr Raum gestattet hätte. Wenn er einen richtigen Roman geschrieben hätte, von, sagen wir, 250 Seiten Länge. Aber er hat dieses Buch nicht geschrieben,  und so kann ich auch nur meinen eigenen, sicher sehr subjektiven Eindruck wiedergeben: Mir scheint, das Buch ist nicht Fisch und nicht Fleisch. ■

Rainer Wedler,  «Die Leihfrist», Roman, 126 Seiten, Pop Verlag, ISBN 978-3937139814

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