Glarean Magazin

J. Klinger & G.Wolf (Hg.): «Gedächtnis und kultureller Wandel»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Gerhard Wolf, Jan Neidhardt, Kultur&Gesellschaft, Literatur, Literaturwissenschaft, Rezensionen von Walter Eigenmann am 30. April 2010

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Annäherung an den Zusammenhang
zwischen Erinnerung und Literatur

Jan Neidhardt

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Im Zuge stetig wachsender Erkenntnisse im Bereich der Neurophysiologie spielt der Erinnerungsdiskurs in den Kulturwissenschaften eine immer wichtigere Rolle. Im Herbst 2007 fand der Deutsche Germanistentag in Marburg unter dem Titel «Natur, Kultur. Universalität und Vielfalt in Sprache, Literatur und Bildung» statt. Darin ging es vor allem um die neuen Herausforderungen, die sich für die Germanistik aus den enormen Fortschritten im Bereich der Neurophysiologie, Kognitionspsychologie und in verwandten wissenschaftlichen Bereichen ergeben.
Dem Erinnerungs- bzw. dem Gedächtnisdiskurs kommt in diesem Zusammenhang wachsende Bedeutung zu. Die Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes, Judith Klinger und Gerhard Wolf, haben hier 18 Aufsätze zusammengetragen, die eine Auswahl aus den insgesamt etwa 40 eingereichten Beiträgen darstellen. Die Texte basieren auf Vorträgen, die auf dem Germanistentag gehalten wurden.
Sie beleuchten das Thema sowohl aus der diachronen Perspektive – durch die «Analyse der Entstehung von kollektiven Gedächtnissen und narrativen Ordnungen am Beginn der frühen Neuzeit und um 1800», als auch aus der synchronen – im Rahmen verschiedener Vergleiche von modernen Werken.

Anhand verschiedener Autoren (überwiegend des 20. Jahrhunderts) wird in den Beiträgen eine Annäherung an den Zusammenhang zwischen Erinnerung und literarischem Schaffen versucht.
Erörtert werden sowohl die Perspektiven als auch die Kontroversen der Erinnerungsforschung. Welche Rolle spielen beispielsweise methodische Ansatzpunkte aus der Sozialpsychologie? Und inwiefern ließen diese Annahmen sich kritisch hinterfragen? Erinnert der Mensch sich in der Moderne genau so wie der Mensch vor 200 Jahren? Und was bedeutet das für die Literaturwissenschaft? Man vergleiche nur mal Goethes «Wahlverwandtschaften» mit einem zeitgenössischen Werk.

Die Themen Werksetzung und Niveaulosigkeit schon in der Romantik diskutiert: Friedrich Schlegel («Gespräch über die Poesie»)

Wie wird Erinnerung literarisch verarbeitet? Wie beschreibt beispielsweise Dieter Bohlen in seiner Autobiographie «Nichts als die Wahrheit» sein Leben? Und werden Bekenntnisse a la Bohlen eigentlich erst seit der Moderne, dem «Zeitalter der Bücher», als niveaulose Publikationen empfunden? Gab es so etwas früher überhaupt schon? Ein Blick in die deutsche Kulturgeschichte zeigt, dass dieses Phänomen nichts Neues ist, denn bereits in der Romantik ging Friedrich Schlegel in seinem «Gespräch über die Poesie» auf die Themen Werksetzung und Niveaulosigkeit ein. In seinem Aufsatz «Mich kennen die Leute – Erinnerungsarbeit bei Rainald Goetz und Dieter Bohlen», geht der Autor Ulrich Breuer im Zuge eines Vergleichs der Werke «Nichts als die Wahrheit» (Bohlen) und «Abfall für alle» (Goetz) auf den Unterschied zwischen Autobiographie und autobiographischem Schreiben ein.

Doch nicht nur die jüngste und/oder triviale Literatur ist Thema. Klaus Schenk nähert sich dem Thema «Erinnerndes Schreiben – Zur Autobiographik der siebziger Jahre und ihren didaktischen Konsequenzen» an, indem er das Konzept der Autofiktionalität an Texten von Elias Canetti, Thomas Bernhard und Christa Wolf erläutert.
Weitere Themen sind «Erinnertes und sich erinnerndes Ich» (Jürgen Joachimsthaler), «Mythos und Ruhm – Zur Funktion zweier Konzepte des kulturellen Gedächtnisses in Gedichten um 1800» (Dirk Werle) u.v.m. Mehrere Beiträge sind dem wichtigen Thema «Bewältigung des Nicht-Bewältigbaren» gewidmet. Darin geht es u.a. um die «Erinnerungsliteratur von Tanja Dückers, Günter Grass und Uwe Timm» – ein interessanter Beitrag von Michael Braun, der sich auch den «Enkeln» widmet, die den Krieg nicht selbst erlebt haben und «jetzt […] anfangen zu fragen». Auch Günter Grass, dessen Geständnis, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, für erbitterte Debatten gesorgt hat, wird hier im Zusammenhang mit dem «Verschweigen» thematisiert.
Jan Süselbeck schreibt über «Das Nachzittern des Grauens. Metonymien und Erinnerungen der Shoah in Texten Arno Schmidts und Thomas Bernhards» und bezieht verschiedene interdisziplinäre Ansätze (v.a. aus dem Bereich der Neurobiologie) in seine Analysen mit ein.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass den Herausgebern und Autoren mit diesem Sammelband ein ausgesprochen interessanter und bereichernder Beitrag zur aktuellen kulturwissenschaftlichen Diskussion um Gedächtnis und Erinnerung gelungen ist. Die Aufsätze machen Lust auf die tiefergehende Lektüre der besprochenen Werke. ■

Judith Klinger / Gerhard Wolf (Hg.), Gedächtnis und kultureller Wandel – Erinnerndes Schreiben: Perspektiven und Kontroversen, De Gruyter Verlag, 280 Seiten, ISBN 978-3110230970

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Inhalt

Vorwort
SEKTIONSSITZUNG A (PLENARVORTRAG):
GEDÄCHTNIS UND KULTURELLER WANDEL
Günter Oesterle: Kontroversen und Perspektiven
in der Erinnerungs- und Gedächtnisforschung
SEKTIONSSITZUNG B:
IDENTITÄT UND NARRATIVITÄT – SUBJEKTBILDUNG IM ERINNERN
Klaus Schenk: Erinnerndes Schreiben.
Zur Autobiographik der siebziger Jahre und ihren didaktischen
Konsequenzen
Jürgen Joachimsthaler: Die memoriale Differenz.
Erinnertes und sich erinnerndes Ich
IDENTITÄT UND NARRATIVITÄT – INDIVIDUELLE UND KOLLEKTIVE
GEDÄCHTNISPRODUKTION
Eva Kormann: Bruchstücke großer und kleiner Konfessionen.
Vom gelegentlichen Widerspruch zwischen individuellem, familiärem
und kulturellem Gedächtnis: Grass, Timm und Wilkomirski
Nils Plath: Zu Brechts kalifornischen Musterhäusern.
Betrachtungen zum Weiterlesen im Arbeitsjournal, 1942–1947
Ulrich Breuer: „Mich kennen die Leute“.
Erinnerungsarbeit bei Rainald Goetz und Dieter Bohlen
BEWÄLTIGUNG DES NICHT BEWÄLTIGBAREN
Michael Braun: Die Wahrheit der Geschichte(n).
Zur Erinnerungsliteratur von Tanja Dückers, Günter Grass,
Uwe Timm
Jan Süselbeck: Das Nachzittern des Grauens.
Metonymien und Erinnerung der Shoah in Texten Arno Schmidts
und Thomas Bernhards
VI Inhalt
Hannes Fricke: Wer darf sich wann, warum und woran erinnern – und wer darf
von seinen Erinnerungen erzählen?
Über Binjamin Wilkomirski, Günter Grass, die Macht der Moralisierung
und die Opfer-Täter-Dichotomie im Zusammenhang der Debatte um
neurobiologische Ansätze in den Geisteswissenschaften
SEKTIONSSITZUNG C: AUSLÖSCHUNG UND VERLEBENDIGUNG
Timo Günther: Den Toten eine Stimme geben?
Konzepte der Erinnerung bei Botho Strauß; mit einem Ausblick
auf Robert Harrison
Michael Ostheimer: „Monumentale Verhältnislosigkeit“.
Traumatische Aspekte im neuen deutschen Familienroman
ÄSTHETISIERUNG UND TRADITIONSBILDUNG –MEMORIA UND ERFAHRUNG
Ralf Schlechtweg-Jahn: Natur- und Kulturbilder
zwischen Epochenbruch und Umbesetzung
Benedikt Jeßing: Doppelte Buchführung und literarisches Erzählen
in der frühen Neuzeit
Dirk Werle: Mythos und Ruhm.
Zur Funktion zweier Konzepte des kulturellen Gedächtnisses in
Gedichten um 1800 (Hölderlin, Goethe, Schiller)
Axel Dunker: Das ‚Gedächtnis des Körpers‘ gebiert Ungeheuer.
Das Golem-Motiv als Gedächtnis-Metapher
SEKTIONSSITZUNG D: NATURALISIERUNG UND FIKTIONALISIERUNG
Daniel Weidner: Zweierlei Orte der Erinnerung.
Mnemonische Poetik in Uwe Johnsons Jahrestage
Uwe C. Steiner: Dinge als Gedächtnis und Dinge als zweite Natur
in der frühen kritischen Theorie
Jens Birkmeyer: Das Gedächtnis der Emotionen.
Alexander Kluges Chronik der Gefühle als verborgene
Erinnerungstheorie
Namenregister
Sachregister

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Leseproben

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Jan Neidhardt

Geb. 1979 in Wilhelmshaven/D, Biologie- und Politik-Studium in Oldenburg, zurzeit Studium der Vergleichenden Kulturwissenschaft, Theologie, Medienwissenschaften und Geschichte in Regensburg, Verfasser eines Sachbuches, Rezensent des ostbayerischen Online-Kulturmagazins Kultur-Ostbayern

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1. Internationaler Bruno-Maderna-Kompositionspreis

Veröffentlicht in Musik, Musik-Ausschreibungen von Walter Eigenmann am 30. April 2010

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Neue Musik für Jugendorchester

Die «Ecce-Gratum-Association» in Zusammenarbeit mit den Edizioni Sconfinarte und unter dem Patronat der Gemeinde Treviso schreiben ihren ersten Internationalen Bruno-Maderna-Kompositionspreis aus. Der Wettbewerb lädt Komponistinnen und Komponisten ein zur Einreichung von sieben bis 10 Minuten dauernden Werken für Jugendorchester mittleren Schwierigkeitesgrades. Der Preis ist mit 2’000 Euro dotiert. Einsende-Schluss ist am 15 Juni 2010, die weiteren Einzelheiten (engl.) finden sich hier.

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Rainer Wedler: «Die Leihfrist»

Veröffentlicht in Bernd Giehl, Buch-Rezension, Literatur, Rainer Wedler, Rezensionen von Walter Eigenmann am 29. April 2010

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Weder Fisch noch Fleisch

Bernd Giehl

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Ein merkwürdiges Buch, diese «Leihfrist» von Rainer Wedler. «Roman» nennt es sich, dabei hat es gerade mal 126 Seiten. Unter einem Roman stelle ich mir normalerweise ein Buch größeren Umfangs vor, das außerdem eine ausgeprägtere Handlung besitzt. Aber wahrscheinlich ist das auch gar nicht so wichtig. Interessanter ist schon die Frage, wovon dieses Buch nun eigentlich handelt. Die Antwort heißt: Es handelt von Büchern. Genauer gesagt von einem Mann, Karl Dietrich Wilhelm Montag, von seinen Freunden Kadewe genannt, der nicht nur ein leidenschaftlicher Büchersammler ist, sondern der allmählich in ein Alter kommt, wo man mehr Vergangenheit hat als Zukunft. Hinzu kommt: Montag ist ein Intellektueller; mehr noch: er ist ein Bibliophiler. Er hat mit einem Problem zu kämpfen, das wahrscheinlich die meisten Bücherliebhaber kennen: Er hat keinen Platz mehr: Die Bücher stehen in zwei Reihen im Bücherregal; und weil alle Bücherregale bis zur Decke gefüllt sind, stapeln sie sich auch auf dem Boden, sodass Kadewe kaum noch treten kann. Am Ende bleibt nur eine Lösung: Er muss sich von einem Teil seiner Schätze trennen.
Also setzt er eine Annonce in die Zeitung. Eine junge Frau kommt, die sich aber weniger für seine Bücher als für deren Besitzer interessiert, was dazu führt, dass seine Freundin Alja, die im falschen Moment die Wohnung betritt, Kadewe eine Szene macht und sich von ihm trennt. Später kommen dann andere junge Frauen, die Montag Bücher abkaufen wollen, aber jedes Mal, wenn sie eins finden, das sie kaufen wollen, kann Montag sich gerade von diesem Buch nicht trennen, weil zu viele Erinnerungen mit ihm verbunden sind.

Rainer Wedler (*1942)

Ich gebe zu: Ich bin nicht warm geworden mit dem Buch. Vielleicht liegt es daran, dass es genauso unentschieden ist wie sein Protagonist. Immer neue Geschichten von Frauen, die Montag einmal geliebt hat, werden erzählt, aber zumindest für mich sind sie alle blass geblieben, fast ununterscheidbar. Ein Mann blickt zurück; er spürt die Vergänglichkeit seines Lebens, er denkt an die Beziehungen, die er gehabt hat – und in der letzten Besucherin, die Bücher von ihm kaufen will, erkennt er sogar eine Frau, die er früher einmal geliebt hat. Die Besucherin selbst bestreitet das.
Mag ja sein, dass Wedler sagen will, das Leben finde vorwiegend in der Lektüre bzw. in der Phantasie statt und weniger in dem, was wir wirklich erleben, – eine These, über die man durchaus diskutieren könnte -, aber selbst diese Aussage bleibt blass und unentschieden.
Dabei ist das Buch keineswegs schlecht geschrieben. Nur wird mir persönlich darin zu viel angerissen und zu wenig ausgeführt; zu vieles versickert einfach. Womöglich wäre es ein besseres Buch geworden, wenn Wedler seinen Figuren mehr Raum gestattet hätte. Wenn er einen richtigen Roman geschrieben hätte, von, sagen wir, 250 Seiten Länge. Aber er hat dieses Buch nicht geschrieben,  und so kann ich auch nur meinen eigenen, sicher sehr subjektiven Eindruck wiedergeben: Mir scheint, das Buch ist nicht Fisch und nicht Fleisch. ■

Rainer Wedler,  «Die Leihfrist», Roman, 126 Seiten, Pop Verlag, ISBN 978-3937139814

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Das klassische Glarean-Tangram (7)

Veröffentlicht in Denksport, Rätsel, Spielwiese, Tangram von Walter Eigenmann am 28. April 2010

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Legen Sie mit den Tangram-Elementen die folgende Figur


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Lösung: —>(weiterlesen…)

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Das Tangram-Puzzle

Das Tangram (auch Siebenschlau oder Weisheitsbrett genannt) ist ein altehrwürdiges chinesisches Geometrie-Spiel: Aus nur sieben Steinen eines Quadrates, nämlich fünf Dreiecken, einem Quadrat und einem Parallelogramm lassen sich die vielfältigsten Figuren (Pflanzen, Tiere, Menschen u.v.a.) legen, wobei immer alle sieben Steine verwendet werden müssen. Sie sollen sich berühren, dürfen sich aber nicht überlappen.

Schon in der uralten Kultur Chinas bedeutete das Quadrat die reinste Form einer Fläche, in sich vollkommen, und beim Tangram wird dieses in sich ruhende Quadrat nun aufgelöst in eine endlose Bewegung, wird es durch unablässige Veränderung zum Ausgangspunkt ungeahnter Gebilde, durch das Zusammenspiel seiner festen Elemente zum Quell des Neuen.
Die ersten Tangram-Bücher wurden zur Zeit des Ch’ing-Kaisers Chia Ch’ing (1796-1820) gedruckt, die früheste uns überlieferte Tangram-Publikation dort stammt aus dem Jahre 1813, doch das Spiel dürfte im asiatischen Raum schon lange vorher weit verbreitet gewesen sein. Eine frühe europäische Veröffentlichung datiert aus dem Jahre 1805.

Inzwischen hat das Tangram einen wahren Siegeszug durch alle Kontinente angetreten, ist Gegenstand zahlreicher Bücher und Sammlungen geworden – und lädt unvermindert anregend und spannend ein zum Nachdenken, zum Knobeln, zum Sinnieren,  ja vielleicht gar zum Philosophieren über die ewige Veränderung des ewig Immergleichen…
Im «Glarean Magazin» werden inskünftig regelmäßig interessante und berühmte Tangram-Aufgaben zu finden sein.  Dabei wird das Lege-Puzzle erleichtert, wenn man sich aus Karton die sieben Grundelemente zurechtschneidet.

Sollten unter unseren Leserinnen und Lesern vielleicht sogar Tangram-«Erfinder» sein, so sind sie freundlich eingeladen, uns ihre neuen Figuren als Grafik-Datei zu senden!  (we)

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Ein Beispiel

Legen Sie mit den Tangram-Elementen die folgende Figur

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(weiterlesen…)

Fixpoetry: «Lesehefte» 1/2010

Veröffentlicht in André Schinke, Buch-Rezension, Hans-Jürgen Heise, Klaus Martens, Literatur, Lyrik, Rezensionen, Robert Monat von Walter Eigenmann am 27. April 2010

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Mutige und kenntnisreiche Poesie-Trias

Klaus Martens

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Drei Gedichthefte liegen auf meinem Tisch, die im März 2010 bei FixPoetry erschienen und mit Lust, Kenntnis und Mut geschrieben sind: Die neueste, sehr frische Sammlung des poetisch keineswegs alt gewordenen Hans-Jürgen Heise zu seinem 80. Geburtstag (in «Brieftauben im Internet»); die gekonnten und hoch polierten Variationen auf Stilbildner von  Stefan George bis Friederike Mayröcker, von Volker Braun bis Karl Krolow aus dem lyrischen Pantheon von Robert Monat (in «Himmel/Haut – Variationen»); die Formkunst, die bewusst eingesetzte Tradition, die erstaunliche Stimmenvielfalt von André Schinkel, dessen Blick auf die «Richtigkeit der Dinge» überrascht und überzeugt (in «Apfel und Szepter»).

André Schinkel weiß in «Apfel und Szepter» seinen neuen Gedichten Ferne und Nähe, ausländische Bezüge und einheimisches Detaillieren anregend zu verflechten. Wenige von uns sind ohne (etwa) Pink Floyd und andere Stimmung und Losung vorgebende Gruppen aufgewachsen. So finden sie auch ihren Weg in diese schöne, neueste deutschsprachige Lyrik. Dominierten früher solche Einflüsse, so sind sie heute eingearbeitet. Ganz selbstverständlich spricht Schinkel von der «Dreamline Sangerhausen-Sakkara», findet die ägyptische Nekropole Anschluss ans Thüringische, kehrt Orientalisches in Wortwahl und Duktus in die sich erneuernde mitteldeutsche Dichtungstradition zurück – lange war nicht mehr (liebevoll) vom «duftenden Leib» die Rede oder von der «Besteigung» des Brocken im Harz. André Schinkel riskiert Altes fürs Neue. Das gefällt und macht Appetit auf mehr.

Robert Monate gibt in «Himmel/Haut – Variationen» einen Überblick über seine Vorlieben – Vorbilder? -  und spielt gekonnt auf dem (zumeist) kanonischen Klavier des vergangenen Jahrhunderts. Doch weiß er die Klaviatur zu verlängern und, jenseits von Parodie und Adaption, in der Manier der ausgewählten Autoren mit dem zeitgemäßen Wörterbuch zu arbeiten – elegant, stilsicher, selbst-bewusst: «Sie warten das Unaussprechbare ab / um noch einmal aufzustehn».

Hans-Jürgen Heises Gedichte bedürfen nicht besonderen Lobes. Sie sind erkennbar geblieben als unverwechselbar eigene. Ein Heise-Gedicht wird nicht selten von einer überraschenden Sentenz getragen (Gott kennt nur / Lebensabschnittsgefährten), Haiku- oder Tanka-hafte Bildverkürzungen (Der Scheibenwischer eine Wimper / die dem Regen / schöne Augen macht). Der Leser sieht danach klarer. Dazu verhelfen Umkehrungen des Erwarteten, unerwartete Verknüpfungen, oxymoronische Gespanne. Heise ist in «Brieftauben im Internet» ein Meister der Rhetorik im Gelegenheitsgedicht.

Zusammen genommen: die FixPoetry-Herausgeber Julietta Fix und Frank Milautzcki sind erneut zu beglückwünschen, wie die Autoren ihrer guten Wahl. ■

Drei Lesehefte 1/2010: Lyrik von Hans-Jürgen Heise, Robert Monat und André Schinkel, Lyrik-Portal Fixpoetry.com, ISBN 978-3-941296-15-2 / ISBN 978-3-941296-17-6 / ISBN 978-3-941296-16-9

Leseproben H.-J. HeiseLeseproben R. MonatLeseproben A. Schinkel

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Klaus Martens

Geb. 1944 in Kirchdorf/D, Studium der Anglistik und Germanistik in Göttingen, Promotion 1979, zwischen 1979 und 1989 Lehraufträge an den Universitäten Göttingen, Münster und Kassel, zahlreiche literaturwissenschatliche und übersetzerische Publikationen in Büchern und Zeitschriften, Mitglied des PEN Deutschland, diverse Lyrik-Veröffentlichungen, lebt als emer. Universitätsprofessor in Saarbrücken/D

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P.Müller und R.Wieland (Hg.): «Liebesbriefe berühmter Frauen»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Karin Afshar, Literatur, Petra Müller, Rezensionen von Walter Eigenmann am 26. April 2010

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«Benjamin, Sie haben mein Leben verzehrt!»

Karin Afshar

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Mein Lieber,

es trifft sich gut, dass du weit fort bist. Nein, versteh mich nicht falsch! – Ich vermisse dich und deine Gegenwart, deine brummigen Macken, unser Geschimpfe über die Politik, deine Fürsorglichkeit. Ich vermisse uns.

Aber es trifft sich gut, dass du fort bist, denn nach langer Zeit habe ich wieder ein Buch in die Hand genommen. Du hast dir immer gewünscht, ich möge mich in die Leseecke setzen, jetzt sitze ich hier. Wenn ich dir den Titel sage, wirst du aufstöhnen. Er lautet «Liebesbriefe berühmter Frauen». Es ist ein echtes Frauenbuch.
Es trifft sich gut, dass du fort bist, denn es hat mich nun dazu gebracht, dir nach langer Zeit wieder einen Brief zu schreiben. Weißt du noch, all die Briefe? Liegen sie noch unten im Schrank?
In diesem Buch hier sind 50 Liebesbriefe abgedruckt, Namen bekommst du weiter unten. Zu den Briefen haben die Herausgeber jeweils klare und menschliche Texte geschrieben, damit die Leserin ermessen kann, welchen Stellenwert der Brief und der Adressierte im weiteren Verlauf ihres Lebens hatte. Denn nicht alle Beziehungen, von denen hier geschrieben wird, blieben glücklich. Manche endeten sehr bald, andere beendete der Tod.

Berühmte Frauen - und ihre Liebe(n): Clara Wieck, Edith Piaf, Marie Curie, Marilyne Monroe

Aus nicht wenigen Briefen ist Verliebtheit und fast schon Besessenheit zu erlesen, in anderen die Vorahnung, dass die Liebe gefährdet ist, in noch anderen ist aus Verliebtheit die tiefe Gewissheit der Liebe geworden – und Marie Curie hat ihre Briefe an ihren tödlich verunglückten Mann geschrieben, um seinen Tod zu begreifen. Da können einem Schauer über den Rücken laufen.  – Lach nicht. Ich darf so schreiben, ich bin eine Frau.
Was mich auch gefesselt hat, war die Entdeckung, dass Frauen aus vorhergehenden Jahrhunderten ihre Empfindungen und Sehnsüchte ebenso gut, vielleicht sogar zu äußern wussten als manch eine der Emanzen heute. Clara Wieck findet mit 19 Jahren sehr bestimmende Worte; das hat mich beeindruckt. Christiane Vulpius, die an Goethe schreibt, schreibt so, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Ganz nebenbei entdecken die Briefe natürlich auch den Angesprochenen!
Im vergangenen Jahrhundert leide ich mit Edith Piaf und Camille Claudel. Du hast mich doch erst vor einigen Tagen auf den wohl berühmtesten Romananfang der Literatur verwiesen: «Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.» – So kann man es wohl auch für die Liebe sagen.
Ich werde der Frage, ob Frauen und Männer unterschiedlich lieben, noch einmal nachgehen müssen, und dann werden wir darüber streiten! Ich meine nämlich unbedingt ja!
Zu diesem Buch gab es bereits einen Vorgänger, die «Liebesbriefe großer Männer». Wie das ausfiel, weiß ich natürlich nicht, aber dieses Buch hier haben Petra Müller und Rainer Wieland sehr liebevoll aufgearbeitet. Ich bekomme Lust, mich einmal mehr mit Simone de Beauvoir und Carson McCullers zu beschäftigen. Frida Kahlo, die du nicht so magst, ist dabei und Paula Modersohn-Becker, deren Bilder dir wiederum sehr gefallen. Ich erzähle dir bei Gelegenheit von ihren Briefen. Von Marylin Monroe ist ein sehr kurzer Brief nur abgedruckt, aber der zeigt meiner Einschätzung nach sehr gut ihr Dilemma. Den Schluss macht die Liebesgeschichte des letzten Jahrhunderts, als ein König auf den Thron vezichtete. Wallis Simpson schreibt an Edward, ob es nicht besser sei, «sie mache sich aus dem Staub». Du weißt, mir gefällt dergleichen.

Die «Carry&Mr.Big-Gucker» als Leserzielgruppe? (Szene aus «Sex and the City»)

Man kann den Herausgebern gratulieren, ein gelungenes Buch. Wenn bloß  – und jetzt wirst du wieder sagen, ich hätte ja eh immer etwas zu meckern – der Einband nicht so kitschig wäre. Da haben sie doch aus Sex-and-the-City (die Serie, die ich mir übrigens nie angeschaut habe – ehrlich!) Carry und ihren Mr. Big abgedruckt und das auch noch mit pinkfarbener Rückseite. Also, das ist ein bißchen sehr dick aufgetragen und ein Wink mit dem Zaunpfahl an die Zielgruppe.
Dabei hätte es dem Buch gut gestanden, wenn die Frauen, die im Innern zu Wort kommen, auch gezeigt werden. Hilde Knef war eine schöne Frau, Ingrid Bergmann, Sarah Bernard und Virginia Woolf waren bekannt genug, um zum Hingucker zu werden.
Ich werde das Buch noch das eine oder andere Mal in die Hand nehmen, bis du wiederkommst. Und das ist hoffentlich bald, denn ich möchte keinen Tag ohne dich aufwachen und einschlafen. Schön, dass es dich gibt…

P.Müller und R.Wieland (Hg.), Liebesbriefe berühmter Frauen, Piper Verlag, 216 Seiten, ISBN 978-3492257961

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Das Zitat der Woche

Veröffentlicht in Klaus Mollenhauer, Kultur&Gesellschaft, Pädagogik, Zitat der Woche von Walter Eigenmann am 25. April 2010

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Über die schlechten Schüler

Klaus Mollenhauer

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Bis vor wenigen Jahren noch ist man in der deutschen Pädagogik der Meinung gewesen, daß eine Bildungstheorie möglich sei, die sich auf die allgemeine Bildung für alle beziehen könne und die nicht nur prinzipiell denkbar sei, sondern der Realität unserer Schulen entspreche. Ungleichmäßigkeiten im Begabungsniveau und in der Lernfähigkeit wurden als individuelle Faktoren interpretiert, denen indessen mit geeigneten unterrichtsmethodischen Praktiken beizukommen sei. Disfunktionen wurden auf den Begriff des »schlechten Schülers« gebracht, wobei man gerne zugab, daß die schwachen schulischen Leistungen ihre Ursache auch in sozialen Faktoren haben könnten, etwa in ungünstigen Familienverhältnissen, die dann ebenfalls in der Rolle disfunktionaler Störfaktoren erschienen.« Das heißt, das Bildungssystem im Ganzen wurde als funktionales Bezugssystem akzeptiert; die Entdeckung von Disfunktionen veranlaßte – des vorausgesetzten theoretischen Modells wegen – nicht dazu, das System in Frage zu stellen, es sei denn in der Form innerer Verbesserungen.

Nach neueren Untersuchungen nun werden die dort gemachten Voraussetzungen problematisch. Die beobachteten Disfunktionen lassen sich nämlich als Merkmale kollektiven Bildungsschicksals interpretieren. So hat sich z.B. bei Untersuchungen des kindlichen Sprachniveaus gezeigt, daß es schichtenspezifische Sprachformen gibt, die die schulische Leistungsfähigkeit, also auch das, was wir mit dem Ausdruck »Begabung« sinnvoll bezeichnen können, sehr weitgehend bedingen. Andererseits ist kein Zweifel daran, daß unsere Höhere Schule eine Sprachschule insofern ist, als sie ihre Aufgabe vorwiegend in den sprachlichen Fächern betreibt. Konsequenterweise scheitern die meisten Unterschichten-Kinder in eben diesen Fächern. Die Sprachform, deren sich die Lehrerschaft bedient, ist nämlich durchweg die der Mittelschicht.
Natürlich kann man auch diese Phänomene disfunktional nennen, müßte das aber in einem anderen Sinne tun, denn diese Phänomene sind nicht eigentlich störende Abweichungen, sondern resultieren aus dem sozialen System selbst. Betrachten wir nämlich die Schule als eine Stätte, an der sich der gegenwärtige Schichtenaufbau zu reproduzieren hätte, wären diese Phänomene funktional zu nennen. Mit anderen Worten: Sie indizieren eine durch soziale Ungleichheit bestimmte Konfliktsituation, die für unsere Gesellschaft strukturell ist. ■

Aus Klaus Mollenhauer, Disfunktionale Momente der Erziehungswirklichkeit, in: Erziehung und Emanzipation, Juventa Verlag 1968

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Evangelischer Literaturpreis 2010

Veröffentlicht in Literatur-Ausschreibungen, Literatur, Ausschreibung von Walter Eigenmann am 24. April 2010

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Gesucht: Kurzgeschichten zum Thema «Umkehren»

Das Forum Evangelischer Literaturpreis – ein Netzwerk der Evangelischen Kirchengemeinde Lokstedt in Hamburg, der Evangelischen Akademie der Nordelbischen Kirche und weiterer Partner – lädt zu einem Kurzgeschichten-Wettbewerb ein: «Umkehren: Vielleicht eine tiefe Erkenntnis, die zum Positionswechsel führt, ein neuer Blick oder ein biographischer Bruch mit dem Alten… Vielleicht eine Sinneswandlung, eine Verwandlung oder das Aufzeigen einer gesellschaftlichen Erneuerung…». Der Wettbewerb ist offen für alle deutschsprachigen Autorinnen und Autoren, die Dotierung liegt für den 1. Preis bei 3’000 Euro, für den 2. Preis bei 2’000 Euro. Einsende-Schluss ist am 30. Juni 2010, die weiteren Details finden sich hier. ■

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«Tactus»-Kompositionspreis 2010

Veröffentlicht in Ausschreibung, Musik, Musik-Ausschreibungen von Walter Eigenmann am 23. April 2010

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Symphonische Musik junger Komponisten

Das belgische «Forum für junge Komponisten» namens «Tactus» schreibt – in Zusammenarbeit mit der Kompositions-Software Sibelius – einen internationalen Kompositionswettbewerb für symphonisches Orchester aus. Die Dauer des Stückes sollte ungefähr zehn Minuten betragen. Teilnehmen können Komponistinnen und Komponisten aller Nationalitäten, wobei das Alter höchstens 35 Jahre betragen soll. Einsende-Schluss ist am 15. Oktober 2010, die weiteren Details (engl.) finden sich hier. ■

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Frühlings-Tanka (5)

Veröffentlicht in Japanische Lyrik, Literatur, Lyrik, Saigyō Hōshi, Tanka von Walter Eigenmann am 23. April 2010

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Dass sie an die Welt,

die so unbeständig ist,

nicht gefesselt sei’n,

bläst der güt’ge Frühlingswind

alle Kirschblüten fort!

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Saigyō Hōshi (1118-1190)

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Tania Schlie: «Frauen am Meer»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Literatur, Rezensionen, Sigrid Grün, Tania Schlie von Walter Eigenmann am 22. April 2010

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Sinnlich-fröhlich-nüchtern-düster-verträumte Impressionen

Sigrid Grün

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Das Umschlagsbild (Frank Weston Bensons «Sommer» von 1909) und der Entstehungszeitraum der meisten Bilder in Tania Schlies «Frauen am Meer» legen es nahe: Dieser schöne Bildband enthält vor allem Werke des Impressionismus. Die Farben sind das primäre Gestaltungsmittel, die Künstler malten <pleinair> – unter freiem Himmel –, das natürliche Licht spielte eine wichtige Rolle. Neben Werken von bekannten Impressionisten wie Auguste Renoir und natürlich auch Claude Monet findet man allerdings auch unbekanntere Künstler, wie z.B. Benson. Aber auch andere Stile und Epochen spielen eine Rolle. Picasso, Munch und Beckmann sind ebenso vertreten wie Salvador Dali, Frida Kahlo oder Henri Matisse. Unbekanntere Maler, wie z.B. der US-amerikanische Realist Winslow Homer oder William Henry Margetson werden entsprechend gewürdigt. Die Autorin Tania Schlie hat eine abwechslungsreiche und ausgesprochen gelungene Mischung zusammengestellt, die das Thema in sämtlichen Facetten ausleuchtet.

Die Bilder sind sinnlich, fröhlich, nüchtern, düster oder verträumt. Darin spiegeln sich auch die vielfältigen Betrachtungsweisen des Meeres. Im Mittelpunkt steht hier stets die besondere Beziehung zwischen Frauen und dem Meer. Dieses Verhältnis ist nämlich ein gänzlich anderes, als das zwischen Männern und dem Meer. Während das Meer bei Männern eher mit Macht und Kampf assoziiert wird, schätzen Frauen die Stille und die Weite. Sie halten sich gerne alleine oder gemeinsam mit anderen Frauen am Meeressaum auf, während Männer eher auf hoher See zu finden sind. Diese besondere Beziehung wird bereits im Vorwort von Elke Heidenreich aufgegriffen.

Franz Marc: «Frau im Wind am Meer»

«Frauen am Meer» ist auch ein sehr persönliches Buch. Die Autorin ist selbst eine große Liebhaberin des Meeres – und das spürt man als Leser und Betrachter auch. Elke Heidenreich erläutert im Vorwort ebenfalls ihre persönliche Beziehung zum Meer. Bei beiden Frauen, Schlie und Heidenreich, spielen Kindheitserinnerungen ans Meer eine entscheidende Rolle.

Die Autorin gliedert das Buch in verschiedene Kapitel, in denen die unterschiedlichen Facetten des Meeres zum Ausdruck kommen. So geht es zum Beispiel um den «Meeressaum als Ort der Besinnung» oder um die «Verheißungen des Meeres». Es geht um die «heilende Kraft des Meeres» und um die Wehmut, um das «Meer als Beruf» (auch für Frauen!) und um das Meer als «Ort der Mythologie. Bald wird klar, dass mit dem Meer die unterschiedlichsten Emotionen verknüpft sind. Dies wird auch durch die Texte betont. Tania Schlies Band enthält nämlich nicht nur Bildbeschreibungen, sondern auch zahlreiche Zitate. In Gedichten, Romanen, Briefen u.v.m. spielt das Thema «Frauen am Meer» eine wichtige Rolle.
Die sorgfältig ausgewählten Zitate und die herrlich unverkopften, eher intuitiven Bildbeschreibungen ergänzen die zahlreichen Abbildungen hervorragend. Auch die Druckqualität und Aufmachung des Buches lassen keine Wünsche offen.

Tania Schlie (*1961)

Das Buch richtet sich nicht an den vornehmlich kunsthistorisch Interessierten, sondern eher an den passionierten Laien, der in der Betrachtung inspirierender Bilder schwelgen und poetische Texte lesen möchte. Es ist ein klassischer Geschenkband, der die Sehnsucht nach dem Meer vorübergehend stillen oder auch erst recht entfachen kann. Auf alle Fälle vermag es dem/r lesenden Betrachter/in viele schöne Stunden zu schenken. ■

Tania Schlie, Frauen am Meer, Bildband (Mit einem Vorwort von Elke Heidenreich), Thiele Verlag, 160 Seiten, ISBN 978-3851790986

Leseproben

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Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des «Glarean Magazins»

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Ständige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des «Glarean Magazins»

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Thomas Binder (Schach)

Geb. 1961, Diplom-Ingenieur, aktiver Schach-Spieler und -Trainer, Co-Autor des Wikipedia-Schach-Portals, lebt als EDV-Berater in Berlin – - Thomas Binder im Glarean Magazin

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Christian Busch (Musik/Literatur)

Geb. 1968 in Düsseldorf/D, Studium der Germanistik, Romanistik und Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn, jahrelange Musik-Erfahrung in verschiedenen Chören, arbeitete als Lehrer in Frankreich, Südafrika und Deutschland, lebt als Lehrer in Teneriffa/SP – - Christian Busch im Glarean Magazin

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Dr. Markus Gärtner (Musik)

Geb. 1971 in Wilhelmshaven/D, Studium der Musikwissenschaft und Geschichte in Osnabrück, Promotion 2005, seit 2009 Lehrauftrag an der Universität Münster im Fach Musikwissenschaft, zahlreiche fachwissenschaftliche Publikationen – - Markus Gärtner im Glarean Magazin

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Bernd Giehl (Literatur)

Geb. 1953 in Marienberg/D, Studium der Theologie in Marburg, zahlreiche schriftstellerische und theologische Publikationen, lebt als evang. Pfarrer in Nauheim – - Bernd Giehl im Glarean Magazin

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Sigrid Grün (Literatur)

Geb. 1980 in Rumänien, Schauspielausbildung in Regensburg, Studium der Deutsche Philologie, Philosophie und Vergleichenden Kulturwissenschaft, derzeit Promovierung, Sachbuch-Autorin und Betreiberin eines oberbayerischen Kulturportals – - Sigrid Grün im Glarean Magazin

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Michael Magercord (Musik/Literatur)

Geb. 1962, früher als Journalist bei der Berliner Tageszeitung taz und als «Stern»-Korrespondent in Peking tätig, verschiedene Buchpublikationen, lebt als Feature-Autor und Reporter des Hörfunks in Prag/Tschechien – - Michael Magercord im Glarean Magazin

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Günter Nawe (Literatur)

Geb. 1940 in Oppeln/D, von 1962 bis zur Pensionierung 2005 Mitarbeiter eines Kölner Zeitungsverlags, danach freischaffend u.a. als Pressesprecher eines großen Kölner Chores und Buchrezensent für Print- & Online-Medien – - Günter Nawe im Glarean Magazin

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Wolfgang-Armin Rittmeier (Musik)

Geb. 1974 in Hildesheim/D, Studium der Germanistik und Anglistik, bis 2007 Lehrauftrag an der TU Braunschweig, langjährige Erfahrung als freier Rezensent verschiedener niedersächsischer Tageszeitungen sowie als Solist und Chorist, derzeit Angestellter in der Erwachsenenbildung – - Wolfgang-Armin Rittmeier im Glarean Magazin

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Dr. Mario Ziegler (Schach)

Geb. 1974 in Neunkirchen/Saarland, Studium der Geschichte und Klassischen Philologie, 2002 Promotion in Alter Geschichte, seither als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im universitären Lehrbetrieb tätig. Langjähriger Schachtrainer sowie Autor und Herausgeber verschiedener Bücher zum Thema Schach. Mario Ziegler im Glarean Magazin

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Das «Glarean»-Tangram (06)

Veröffentlicht in Denksport, Rätsel, Spielwiese, Tangram von Walter Eigenmann am 21. April 2010

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Legen Sie mit den Tangram-Elementen die folgende Figur

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Lösung: —>(weiterlesen…)

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Das Tangram-Puzzle

Das Tangram (auch Siebenschlau oder Weisheitsbrett genannt) ist ein altehrwürdiges chinesisches Geometrie-Spiel: Aus nur sieben Steinen eines Quadrates, nämlich fünf Dreiecken, einem Quadrat und einem Parallelogramm lassen sich die vielfältigsten Figuren (Pflanzen, Tiere, Menschen u.v.a.) legen, wobei immer alle sieben Steine verwendet werden müssen. Sie sollen sich berühren, dürfen sich aber nicht überlappen.

Schon in der uralten Kultur Chinas bedeutete das Quadrat die reinste Form einer Fläche, in sich vollkommen, und beim Tangram wird dieses in sich ruhende Quadrat nun aufgelöst in eine endlose Bewegung, wird es durch unablässige Veränderung zum Ausgangspunkt ungeahnter Gebilde, durch das Zusammenspiel seiner festen Elemente zum Quell des Neuen.
Die ersten Tangram-Bücher wurden zur Zeit des Ch’ing-Kaisers Chia Ch’ing (1796-1820) gedruckt, die früheste uns überlieferte Tangram-Publikation dort stammt aus dem Jahre 1813, doch das Spiel dürfte im asiatischen Raum schon lange vorher weit verbreitet gewesen sein. Eine frühe europäische Veröffentlichung datiert aus dem Jahre 1805.

Inzwischen hat das Tangram einen wahren Siegeszug durch alle Kontinente angetreten, ist Gegenstand zahlreicher Bücher und Sammlungen geworden – und lädt unvermindert anregend und spannend ein zum Nachdenken, zum Knobeln, zum Sinnieren,  ja vielleicht gar zum Philosophieren über die ewige Veränderung des ewig Immergleichen…
Im «Glarean Magazin» werden inskünftig regelmäßig interessante und berühmte Tangram-Aufgaben zu finden sein.  Dabei wird das Lege-Puzzle erleichtert, wenn man sich aus Karton die sieben Grundelemente zurechtschneidet.

Sollten unter unseren Leserinnen und Lesern vielleicht sogar Tangram-«Erfinder» sein, so sind sie freundlich eingeladen, uns ihre neuen Figuren als Grafik-Datei zu senden!  (we)

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Ein Beispiel

Legen Sie mit den Tangram-Elementen die folgende Figur

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Fernando Pessoa: «Genie und Wahnsinn»

Veröffentlicht in Biographie, Buch-Rezension, Egon Ammann, Fernando Pessoa, Günter Nawe, Interviews, Literatur, Rezensionen von Walter Eigenmann am 20. April 2010

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«Sei vielfältig wie das Universum»

Günter Nawe

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Der Band «Genie und Wahnsinn – Schriften zu einer intellektuellen Biographie» bildet den Abschluss der grandiosen Werkausgabe von Fernando Pessoa (1888 bis 1935) im Zürcher Ammann Verlag. Er fasst annähernd alle Nachlassfragmente zusammen, die von der großen Schlüsselfigur des portugiesischen Modernismus zu Themen wie Genie, Wahnsinn, Degeneration oder Psychopathologie niedergeschrieben worden sind.
Der junge Pessoa erweist sich darin als ein beachtlicher Kenner der geistigen Strömungen, die in Europa vor dem Ersten Weltkrieg im Umlauf waren und in der damaligen Zeit die intellektuelle Aufmerksamkeit beherrschten. Genannt seien stellvertretend Siegmund Freud, Max Nordau und Cesare Lombroso. Dabei ist zu berücksichtigen, dass alle so entstandenen Texte Frühschriften sind – aus der Zeit nach der Rückkehr Pessoas aus Afrika.

«Sei vielfältig wie das Universum» galt als Lebensdevise des Fernando Pessoa. Wie sehr er sich daran gehalten hat, zeigt sein Werk, das mit dem «Buch der Unruhe» des kurzsichtigen Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, mit den Büchern seiner Heteronyme Alberto Caeiro, Ricardo Reis, Álvaro de Campos und António Mora nicht nur diese Vielfalt dokumentiert, sondern zu den ganz großen Werken der Weltliteratur gehört.
Mit dem Band «Genie und Wahnsinn – Schriften zu einer intellektuellen Biographie» liegt also die «definitive, erweiterte Ausgabe der Werke Fernando Pessoas in neuer und überarbeiteter Übersetzung» vor, wie der Verlag zurecht feststellt. Und damit ein sehr schöner Abschluss einer hervorragenden Werkedition, für die der Ammann Verlag nicht genug zu loben ist.

Pessoa im Lissabon der Zwanzigerjahre

«Verrücktwerden bedeutet, dass man zu leben beginnt». So befasst sich Pessoa im ersten Teil dieses Bandes mit den Gegebenheiten und Varianten von Wahnsinn und Genie, die sich nach seiner Auffassung gegenseitig bedingen. Es sind allerdings keine in sich geschlossenen Abhandlungen, sondern eher fragmentarische Texte. Es ist, wie der Herausgeber und Übersetzer Steffen Dix in seinem vorzüglichen Nachwort ausführt, eine Art der Selbstvergewisserung und der Selbstanalyse, der sich der Autor denkend und schreibend unterzieht. Diese Abhandlungen tragen aber wie auch die anderen Kapitel dieses Buchs dazu bei, das nachfolgende Werk des großen Schriftstellers etwas besser zu verstehen.

Das gilt auch für die literaturwissenschaftlich interessante «Fragestellung Shakespeare-Bacon», sowie die «Abhandlungen» zum Thema «Literatur und Psychiatrie» und «Über Kunst und Künstler». Spannend zu lesen auch die «Auszüge aus einigen Erzählfragmenten».
Damit also sind «wieder neue Masken Pessoas (…) ans Tageslicht befördert» worden. Werden es wirklich die letzten sein? Und was gibt die berühmte «Fundgrube», von der immer wieder einmal gesprochen wird, eventuell noch her? Wir dürfen gespannt sein. ■

Fernando Pessoa, Genie und Wahnsinn – Schriften zu einer intellektuelle Biographie, aus dem Portugiesischen und Englischen von Steffen Dix, Ammann Verlag Zürich, 442 Seiten, ISBN 978–3–250–10456-8

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«Ich werde Verleger bleiben bis an die Bahre»

Interview mit Egon Ammann

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Verleger Egon Ammann (1993)

Günter Nawe: Herr Ammann, mit dem Band «Genie und Wahnsinn» liegt jetzt – so die Verlagsmitteilung – «die definitive, erweiterte Ausgabe der Werke Fernando Pessoas» vor?

Egon Ammann: «Genie und Wahnsinn» ist ein weiterer Band in der Reihe von Ammanns Ausgabe der Werke von Fernando Pessoa. Die Texte, die in diesem Band versammelt sind, sind tatsächlich auf dem neuesten Stand der portugiesischen Quellentext-Forschung.

GN: Wirklich – oder ist in der berühmten «Truhe» noch etwas zu finden?

EA: Noch ist die Ausgabe nicht abgeschlossen, es fehlen wichtige Pfeiler von Pessoas Werk: Einmal die Gedichte, die er unter seinem Namen Fernando Pessoa geschrieben hat, also Texte, die er keinem seiner Heteronyme zugeordnet hat; eine Auswahl aus diesem orthonymen Pessoa wird in der Übersetzung von Inés Koebel 2013 bei S. Fischer erscheinen. Ein weiterer Band mit eher theoretischen Texten zum Modernismus, inspiriert von Marinetti, wird 2012, übersetzt von Steffen Dix unter den Titel «Sensationismus», der portugiesischen Variante des Modernismus, ebenfalls bei S. Fischer erscheinen.

GN: Diese «Schriften zu einer intellektuellen Biographie» sind so etwas wie «Fingerübungen» des damals noch jungen Pessoa. Welchen Stellenwert haben sie nach Ihrer Meinung innerhalb des Gesamtwerks?

EA: Die Schriften zu einer, wie wir das Buch im Untertitel genannt haben, «Intellektuellen Biographie» Fernando Pessoas sind wichtig, da er sich mit beiden Themata Genie und Wahnsinn, mit Degeneration und Psychopathologie bis zu seinem Lebensende befasst hat, auch wenn die meisten der in diesem Band versammelten Texte aus seiner frühen Schaffenszeit stammen, also um 1907 bis zum Beginn des ersten Weltkriegs. Sie bieten so tatsächlich Einblick in die Seelenstruktur des bedeutenden Portugiesen.

GN: Die Edition der Werke Fernando Pessoas ist so etwas wie ein «Schlusspunkt» in einer großen und erfolgreichen Reihe bedeutender Werkausgaben: Ossip Mandelstam, Antonio Machado, Fjodor Dostojewski und Ismail Kadare. Und damit auch ein «Schlusspunkt» für den Verleger Egon Ammann. Warum?

EA: Sie haben nicht unrecht, dass wir mit Fernando Pessoa so etwas wie einen Schlusspunkt unserer editorischen Arbeit setzen, doch, wie gesagt, es werden noch zwei, drei Bände folgen, nicht mehr mit dem Impressum des Ammann Verlags, aber bei S. Fischer. – Und ein endgültiger Schlusspunkt wird die Ausgabe Pessoas nicht sein. Wir hatten vor zwei, drei Jahren mit zwei wichtigen Werken begonnen, einer Neuübersetzung von Dantes «Göttlicher Komödie» durch Kurt Flasch. Dieses Werk wird 2011 im Herbst bei S. Fischer erscheinen, ich darf es als Verleger begleiten. Und dann ein großer Roman, von seiner literarischen Bedeutung her wie von seinem Umfang, ein Italiener mit Namen Stefano d’Arrigo, hierzulande eher unbekannt, der Titel seines großen Romans «Horcynus Orca», eine moderne Odyssee, wenn Sie so wollen, die während der Landung de Alliierten auf Sizilien spielt. Ein großartiger Meerroman, der zu den großen Romanwerken des vorigen Jahrhunderts zählt. Dieses Werk wird voraussichtlich 2013 ebenfalls bei S. Fischer erscheinen. Und danach dürfte, mit Seiner Hilfe, Schluss sein.

«Ein hervorragendes literarisches Programm» (Zurlauben-Preisverleihung 1993): Über 800 Bücher im mehrfach prämierten Ammann-Verlagsprogramm

GN: Sie haben einmal gesagt: «Ich bin mit Leib und Seele Verleger». Und Sie waren es schließlich dreißig Jahre lang – und sehr erfolgreich. Gilt diese Aussage heute nicht mehr?

EA: Doch, ich bin Verleger und werde Verleger bleiben bis an die Bahre – oder Grube. Das ist und war mein Beruf.

GN: Hat Ihr Rückzug als Verleger etwas mit den Entwicklungen in der Branche zu tun, mit den neuen technischen Gegebenheiten oder auch mit den Veränderungen innerhalb der Literatur?

EA: Der Rückzug, das heißt die Schließung von «Ammann», hat verschiedene Gründe, auf die wir reagiert haben. Einer davon ist die Tatsache, dass wir mit unserer Branche auf der Schwelle einer Revolution stehen. Gutenberg wird nicht abdanken, davon bin ich überzeugt, aber das Geschäft wird andere Wege gehen, sowohl im herstellenden wie im vertreibenden Buchhandel. Das digitale Zeitalter steht ante portas, und dem wollte ich mich nicht mehr stellen. Das sollen die Nachfolgenden, die Jungen bewältigen.

GN: In Ihrem herausragenden Verlagsprogramm gibt es – parallel zu den genannten großen Übersetzungen von Autoren der zeitgenössischen Moderne – eine Vielzahl prominenter Gegenwartsautoren. Ich nenne nur Julia Franck, Thomas Hürlimann, Navid Kermani, Katja Oskamp. Was geschieht mit diesen Autoren und ihren Büchern – und allen anderen rund 800 Titeln – in Zukunft?

EA: Diese Autorinnen und Autoren, die zum Teil bei Ammann debütiert oder bis zuletzt in unserem Haus veröffentlicht haben, haben inzwischen neue Verlagspartner gefunden, worüber wir sehr froh sind. Für einige wenige suchen wir noch Verlage, ich bin zuversichtlich, dass wir auch für sie früher oder später neue Heimaten finden werden. Es sind durchweg ernstzunehmende, gute Schriftsteller und Dichter, die werden ihren Weg gehen.

GN: Sie sind eine herausragende Persönlichkeit, nicht nur als Verleger. Sie haben ein Stück weit mit Ihrem Verlag die literarische Landschaft geprägt. Was macht Egon Ammann vor diesem Hintergrund in Zukunft? Bleiben Sie auf die eine und andere Weise der Literatur erhalten?

EA: Wie ich schon ausgeführt habe, werde ich die Werkausgabe von Pessoa weiterhin begleiten, auch den Dante und den d’Arrigo, aber dann werde ich das Alter erreicht haben, wo ich mich mit mir und meinem Abtreten beschäftigen muss. Auch das wird Arbeit sein. – Ein Kollege von mir, Friedrich Witz, der Begründer des Artemis Verlags, hat seine Biographie mit dem vielsagenden Titel «Ich wurde gelebt» überschrieben. Ganz so ist es bei mir nicht gewesen, ich konnte und habe gestaltet, ich habe gedient, ja, und dann kommt die stille Besinnung auf das, was gewesen ist, die Rechenschaft, das Beschäftigen mit dem Abgang. Eine Biographie jedoch wird es nicht geben, so wichtig ist die nicht und bin ich nicht.  ■

.Links:  Ein anarchistischer BankierGo Lisbon

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Das Zitat der Woche

Veröffentlicht in Gesellschaft, Gottfried Benn, Kultur&Gesellschaft, Philosophie, Psychologie, Zitat der Woche von Walter Eigenmann am 19. April 2010

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Vom Nihilismus

Gottfried Benn

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Der Mensch ist gut, sein Wesen rational, und alle seine Leiden sind hygienisch und sozial bekämpfbar, dies einerseits, und andererseits die Schöpfung sei der Wissenschaft zugänglich, aus diesen beiden Ideen kam die Auflösung aller alten Bindungen, die Zerstörung der Substanz, die Nivellierung aller Werte, aus ihnen die innere Lage, die jene Atmosphäre schuf, in der wir alle lebten, von der wir alle bis zur Bitterkeit und bis zur Neige tranken: Nihilismus.
Dieser Begriff gewann in Deutschland Gestalt im Jahre 1885/86, als das Werk >Der Wille zur Macht< teils konzipiert, teils geschrieben wurde, dessen erstes Buch ja den Untertitel führt: >Der europäische Nihilismus<. Aber dieses Buch enthält schon eine Kritik dieses Begriffes und Entwürfe zu seiner Überwindung.
Wollen wir ihn noch weiter zurück verfolgen, wollen wir feststellen, wo und wann dieser schicksalhafte Begriff zum ersten Male in der europäischen Geistesgeschichte als Wort und seelisches Erlebnis auftritt, müssen wir uns, bekanntlich, nach Rußland wenden. Seine Geburtsstunde war der März 1862, der Monat, in dem der Roman >Väter und Söhne< von Iwan Turgenjew erschien. Weiter können auch russische Geschichtsforscher diesen Begriff nicht zurück verfolgen. Aber der Held dieses Romans, namens Basaroff, das ist schon der fertige Nihilist, und Turgenjew stellt ihn mit diesem Namen vor. Dieser Name wurde dann ungeheuer schnell populär, der Autor erzählt in einem Nachwort zu seinem Roman, wie er schon nach wenigen Monaten in aller Munde war, als er im Mai desselben Jahres nach Petersburg zurückkehrte, es war die Zeit der großen Brandstiftungen, des Brandes des Apraxinhofes, rief man ihm zu: »Da sehen Sie Ihre Nihilisten, sie stecken Petersburg in Brand.«

Gottfried Benn (1886-1956)

Für unser Thema äußerst interessant ist nun, daß der Nihilismus dieses Basaroff eigentlich gar kein Nihilismus in absoluter Form war, kein Negativismus schlechthin, sondern ein fanatischer Fortschrittsglaube, ein radikaler Positivismus in Bezug auf Naturwissenschaft und Soziologie. Er ist zum erstenmal in der europäischen Literatur der siegesgewisse Mechanist, der schneidige Materialist, dessen etwas fragwürdige Enkel wir ja heute noch lebhaft tätig unter uns sehen – hören wir, welche vertrauten Klänge aus den sechziger Jahren zu uns herüberklingen: Ein tüchtiger Chemiker, hören wir, ist zwanzigmal wertvoller als der beste Poet. Ein Stück Käse ist mir lieber als der ganze Puschkin. Halten Sie nichts von der Kunst? Doch, von der Kunst, Geld zu machen und Hämorrhoiden zu kurieren! Jeder Schuhmacher ist ein größerer Mann als Goethe und Shakespeare. George Sand ist eine zurückgebliebene Frau, sie verstand nichts von Embryologie.
Und neben diesen Wahrheiten tritt das Kaschemmenmilieu in Leben und Kunst als letzter Schrei auf, hier und damals entstand also der Stil, den wir bis in gewisse moderne Opern und Opernbearbeitungen verfolgen können: der Kult des Athleten, der Hymnus auf den Normalmenschen, die kindische Gesellschaftskritik: die Gerichte sollen abgeschafft werden, die Erziehung soll abgeschafft werden, die alten Sprachen als ungenial verboten werden, dafür hat man es mit den Trieben: dreckig soll der Mensch sein, die Frauen soll man tauschen und von anderen erhalten lassen, trinken soll man, denn Trinken ist billiger als Essen, und außerdem stinkt man danach, ja, selbst den Dadaismus, dessen Auftreten in Zürich und Berlin unsere Gegenwart kürzlich so interessant fand, finden wir in einem Roman der sechziger Jahre, dem Roman >Was tun< von Tschernischewsky, schon vor: Kunst heißt, lesen wir dort, zwei Klaviere in einen Salon rücken, an jedes eine Dame setzen, um jedes soll sich ein Halbchor bilden, und jeder Beteiligte singt oder spielt dann gleichzeitig recht laut ein anderes Lied vor sich hin. Dies wurde als die Melodie der Revolution und die Orgie der Freiheit bezeichnet. Wir sehen also, die geistigen Auswirkungen des geschichtsphilosophischen Materialismus beginnen in den sechziger Jahren, sind also mindetens achtzig Jahre alt, also eigentlich sind sie das Alte und das Reaktionäre. Eigentlich, und damit stoßen wir in die Zukunft vor, ist heute aller Materialismus reaktionär, sowohl der der Geschichtsphilosophie wie der in der Gesinnung: nämlich rückwärts blickend, rückwärts handelnd, denn vor uns liegt ja schon ein ganz anderer Mensch und ein ganz anderes Ziel.

Aus Gottfried Benn, Nach dem Nihilismus (Essay 1931)

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Links. Gottfried Benn

Wie Gedichte entstehenHitler&BennGedichteBenn&NationalsozialismusKleine AsterBlinddarmHerkunft PlagiatAuf deine Lieder… -

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Humor in der Musik (8)

Veröffentlicht in Humor, Humor in der Musik, Igudesman, Joo, Kabarett, Musik von Walter Eigenmann am 18. April 2010

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Rachmaninows Riesenhände

Pianist Joo und Igudesman
(Rachmaninov, Prelude Op. 3/2 – «Die Glocken von Moskau»)

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Der brillante Schachzug (64)

Veröffentlicht in Der brillante Schachzug, Schach, Schach-Rätsel von Walter Eigenmann am 17. April 2010

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Weiß am Zuge

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Lösung: —>(weiterlesen…)

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Wendelin Schmidt-Dengler: «Bruchlinien»

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Literatur, Literaturkritik, Literaturwissenschaft, Rezensionen, Sigrid Grün, W. Schmidt-Dengler von Walter Eigenmann am 16. April 2010

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Spezifisches österreichischer Literatur-Texte

Sigrid Grün

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Die Frage nach Besonderheiten der österreichischen Literatur wird in der Germanistik gerne und oft diskutiert. Der Literaturwissenschaftler Wendelin Schmidt-Dengler spürt dieser Frage in seiner Untersuchung «Bruchlinien» ebenfalls nach, verzichtet aber auf den ohnehin vermessenen Anspruch, sie pauschal zu beantworten.
Eine österreichische Literatur schlechthin existiert nämlich nicht. Vielmehr geht es Autor Schmidt-Dengler darum, die Besonderheiten einzelner Texte herauszuarbeiten. Das Interessante an der Literatur sind nämlich nicht unbedingt die Gemeinsamkeiten, sondern die Differenzen, eben die «Bruchlinien».

Bereits 1995 wurde «Bruchlinien» erstmals veröffentlicht. Diese «Vorlesungen zur österreichischen Literatur 1945 bis 1990» sind nun in einer geringfügig ergänzten Neuausgabe erschienen. Und das Buch des 2008 verstorbenen österreichischen Literaturwissenschaftlers enthält genau das, was der Untertitel verspricht: Vortragsmanuskripte zu Vorlesungen, die der ehemalige Vorstand des Instituts für Germanistik der Universität Wien und Leiter des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek zwischen 1982 und 1994 an der Universität Wien gehalten hat. Die Texte zur zeitgenössischen österreichischen Literatur sind entsprechend lebendig und an der gesprochenen Sprache orientiert. Diese Besonderheit macht das Buch zu einem unvergleichlichen Vergnügen, denn immer wieder blitzen Schmidt-Denglers feiner Humor und seine Leidenschaft für Literatur hervor.

Höhe- und Wendepunkt kritischer österreichischer Literatur: Thomas Bernhard

Zu Beginn führt der Autor in die Materie ein. Er begründet, warum er sich ausgerechnet dem Zeitraum zwischen 1945 und 1990 widmet. Der Beginn des Analysezeitraums liegt nahe. Der Krieg erforderte eine Neuorientierung. War das wirklich so? Und inwiefern? Was unterschied den Neuanfang von der Nachkriegsliteratur in Deutschland? Diese und viele weitere Fragen versucht der Autor zu beantworten.
In den «Bruchlinien» wird der gesamte Literaturbetrieb beleuchtet. Neben einzelnen Büchern, die Schmidt-Dengler besonders beachtenswert erschienen, geht er auch auf einzelne Verlage, Zeitschriften (z.B. «Der Plan», «Stimmen der Gegenwart» etc.) und natürlich auf geschichtliche und politische Entwicklungen ein. Denn die Literaten lebten in den seltensten Fällen in einem Elfenbeinturm und setzten sich gerade in Österreich mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander. Oft kritisch – Thomas Bernhard ist dafür wohl das prominenteste Beispiel. Und sein Tod im Jahre 1989 markiert schließlich auch den Schlusspunkt von Schmidt-Denglers Ausführungen. Denn mit Bernhard ging eine Ära zu Ende.

Wendelin Schmidt-Dengler (1942-2008)

Neben Thomas Bernhard analysiert der prominente Literaturwissenschaftler in seinen Vorlesungen auch viele weitere bekannte Autoren, beispielsweise Elias Canetti (nicht «Die Blendung», sondern eine seiner autobiographischen Schriften, nämlich «Die gerettete Zunge»), H.C. Artmann, Ernst Jandl, Ingeborg Bachmann, Heimito von Doderer, Marlen Haushofer, Peter Handke, Josef Winkler u.v.m.
Doch auch unbekanntere Autoren, die in seinen Augen zu wenig Beachtung geschenkt bekommen haben (z.B. Werner Kofler) werden gewürdigt. Schmidt-Dengler geht dabei chronologisch vor. So lassen sich Entwicklungen auch sehr gut nachvollziehen. Innerhalb mancher Zeitabschnitte (1970-1980) widmet er sich einem Buch pro Jahr. Die lebendig gestalteten Textanalysen regen den Leser zur weiteren Beschäftigung mit der Materie an und bieten eine gute Diskussionsgrundlage. Ich persönlich habe auf alle Fälle richtig Lust auf die Primärliteratur bekommen.
Fazit: Wendelin-Schmidt Denglers Vorlesungen sind eine wunderbare Einführung in die österreichische Nachkriegsliteratur. Sie machen Lust auf Literatur, da in jedem Satz die lebendige Leidenschaft des Autors für die Materie aufscheint. Ein Buch, das sich auf wohltuende Weise vom verschnarchten Akademikergefasel abhebt, das die Literaturwissenschaft leider immer noch im Griff hat. ■

Wendelin Schmidt-Dengler, Bruchlinien, Vorlesungen zur österreichischen Literatur 1945 bis 1990, 560 Seiten, Residenz Verlag, ISBN 9783701731794

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Sigrid Grün

Geb. 1980 in Rumänien, Schauspielausbildung in Regensburg, Studium der Deutsche Philologie, Philosophie und Vergleichenden Kulturwissenschaft in Regensburg und Oldenburg, derzeit Promovierung in Vergleichender Kulturwissenschaft, Sachbuch-Autorin und Betreiberin eines oberbayerischen Kulturportals

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Leseproben

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Frühlings-Tanka (04)

Veröffentlicht in Japanische Lyrik, Literatur, Lyrik, Motoori Norinaga, Tanka von Walter Eigenmann am 15. April 2010

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Auch in diesem Jahr

hab’ ich’s wiederum erlebt,

wie die Kirschen blühn -

Es ist doch ein rechtes Glück,

lebend auf der Welt zu sein!

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Motoori Norinaga (1730-1801)

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K. Müller / C. Meyer: «Magic of Chess Tactics»

Veröffentlicht in Computer-Schach, DVD-Rezension, Karsten Müller, Schach, Schach-Rezension, Schach-Software von Walter Eigenmann am 14. April 2010

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Instruktiver Zauber der Schach-Taktik

Malte Thodam

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Während die meisten «Fritz-Trainer»-DVDs aus dem Hause Chessbase sich mit nahezu jeder spielbaren Eröffnung bzw. mit den Endspielen beschäftigen, hat der Hamburger Großmeister (und Trainer) Dr. Karsten Müller in Zusammenarbeit mit dem Fide-Meister und A-Trainer Claus Dieter Meyer eine Taktik-DVD mit dem Titel «Magic of Chess Tactics» herausgebracht. Die DVD wurde auf der Grundlage des gleichnamigen Buches beider Autoren produziert, das bereits 2002 erschienen war.

Es ist dabei jedoch nicht bei einer bloßen Wandlung des Mediums geblieben, denn das alte Material wurde nochmals überarbeitet und um neue Analysen der beiden Autoren erweitert. Im Wesentlichen orientieren sich die vorgestellten Partieausschnitte an den großen Taktikern – oder Magiern, wie Müller sie nennt – der Schachgeschichte. Vertreten sind daher natürlich Partien von Spitzenkönnern der klassischen Ära wie Tal, Spielmann, Stein, Nezhmetdinov und Bronstein. Außerdem sind für die neuere Zeit noch Beispiele von solchen Größen wie Shirov oder Anand vorhanden.

GM Dr. Karsten Müller

Neben den 38 Videoeinheiten, in denen Müller Partie-Fragmente und die dazugehörigen Analysen vorstellt, befinden sich noch zahlreiche von ihm und Meyer kommentierte Stellungen im CB-Format auf der DVD. Abgerundet wird diese durch einige kurze Texte (Vorwort, Informationen zu den Autoren sowie Texte zu den Spielern). Des weiteren wurde die DVD mit einigen Bildern der Hauptakteure garniert, die leider hin und wieder etwas unvorteilhaft ausgewählt sind (etwa rote Augen bei Kasparov). Natürlich ist dieser Sachverhalt im Hinblick auf den Zweck der DVD eher nebensächlich, allerdings hätte sich hier und da sicher besseres Fotomaterial finden lassen können.

Wie arbeitet man nun mit der DVD? Eines ist klar: Auch dieses Medium nimmt dem Schachspieler das eigenständige Analysieren nicht ab. Karsten Müller empfiehlt ausdrücklich, sich beim Anschauen genügend Zeit zu nehmen. Statt sich nur «berieseln» zu lassen, soll man bewusst Pausen machen, um selbst kritische Stellungen zu analysieren und die Lösung anschließend mit einem Schachprogramm zu überprüfen. Eine wirklich vernünftige Alternative zu dieser Vorgehensweise gibt es eigentlich auch nicht, wenn man etwas verstehen möchte, da Großmeister Müller alles recht zügig vorträgt.

Dafür sind die Analysen sehr genau, und hie und da gibt Karsten Müller Hinweise auf typische taktische Manöver in bestimmten Stellungstypen. Die behandelten Stellungen sind in der Regel sehr schwierig einzuschätzen, womit sie mehr sind als eine bloße taktische Aufwärmübung. Die Kenntnis einfacher taktischer Motive reicht hier nicht immer aus, weshalb sich die gesamte DVD auch eher an fortgeschrittene Spieler richtet.

Screenshot: GM K. Müller analysiert (in englisch) das berühmte Endspiel Topalov-Shirov / Linares 1998

Zum Beispiel muss im Läuferendspiel der bekannten Partie Topalov – Shirov, die 1998 in Linares gespielt wurde (u.a. auch schon 2003 in Breutigams Buch «64 Monate auf 64 Feldern» vorgestellt), das unglaublich schöne 47… Lh3!! gefunden werden. Ohne Kenntnis der Partie dürfte das Aufspüren dieses genialen Läuferzuges selbst starken Amateuren alles andere als leicht fallen. Für jene bietet die DVD dann mit über drei Stunden Laufzeit in deutscher und englischer Sprache aber auch genug Material für eigenständiges Arbeiten. Etwas störend ist dabei nur der für viele Schach-DVDs leider übliche stolze Preis.

Fazit: Wer gerne am bzw. mit dem Computer trainiert, findet hier eine gute Abwechslung von der Arbeit mit diversen Taktikbüchern. Und wer noch nicht die erforderliche Spielstärke besitzt, um die Aufgaben zu lösen, der kann sich einfach am Zauber von Karsten Müllers «Magier» erfreuen. ■

K. Müller / C.D. Meyer:  «Magic of Chess Tactics», Schach-DVD aus der Reihe «Fritz-Trainer», Chessbase 2009

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Screenshots

Kapitelübersicht

01: Intro
02: Fischer,R – Donner,J
03: Shirov,A – Lautier,J
04: Topalov,V – Shirov,A
05: Kreuzfesselung
06: Bronstein,D – NN
07: Bronstein,D – Korchnoi,V
08: Tal,M – Bronstein,D
09: Samsonov – Nezhmetdinov,R
10: Nezhmetdinov,R – Tal,M
11: Polugaevsky,L – Nezhmetdinov,R
12: Stein,L – Birbrager,I
13: Stein,L – Portisch,L
14: Stein,L – Anikaev,Y
15: Spielmann,R – Gruenfeld,E
16: Spielmann,R – Thomas,G
17: Tal,M – Koblentz,A
18: Tal,M – Klaman,K
19: Tal,M – Smyslov,V
20: Tal,M – Benko,P
21: Tal,M – Nievergelt,E
22: Kunnemann – N.N.
23: Analyse von Kunnemann – N.N.
24: Dame und Springer: Anand,V – Radjabov,T
25: Angriffskombination 01: Müller,K – Zagrebelny,S
26: Angriffskombination 02: Caruana,F – Berg,E
27: Angriffskombination 03: Rotlewi,G – Rubinstein,A
28: Angriffskombination 04: Bagirov,V – Gufeld
29: Angriffskombination 05: Maroczy,G – Romi,M
30: Angriffskombination 06: Alekhine,A – van Mindeno,A
31: Angriffskombination 07: Nimzowitsch,A – Vidmar,M
32: Angriffskombination 08: Kasparov,G – Karpov,A
33: Angriffskombination 09: Panczyk,K – Matlak,M
34: Angriffskombination 10: Martorelli,A – Antunes,A
35: Endspielmagie 01: Szypulski,A – Silbermann,F
36: Endspielmagie 02: Short,N – Cheparinov,I
37: Endspielmagie 03: Geisler,F – Heissler,J
38: Endspielmagie 04: Analyse von Kunnemann – N.N.

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