Glarean Magazin

Herta Müller: «Niederungen»

Posted in Buch-Rezension, Günter Nawe, Herta Müller, Literatur, Rezensionen by Walter Eigenmann on 16. März 2010

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Skizzen aus einem Banater Dorf

Günter Nawe

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Es ist ein Milieu der Trostlosigkeit, der Hoffnungslosigkeit und der existentiellen Heimatlosigkeit, von dem Herta Müller, Literatur-Nobelpreisträgerin 2009, in dem Band «Niederungen» erzählt. Und es handelt vom Leben in einem unbenannten Ort im deutschsprachigen Banatschwaben – im kommunistischen Rumänien.
In eindringlichen Prosaskizzen und Erzählungen schildert ein Mädchen – Alter ego der Autorin? – ein Dorfleben jenseits der herkömmlichen Idylle. Armut und fast archaische Traditionen herrschen bei den Daheimgebliebenen vor, während andere längst das Weite gesucht haben. Es sind immer dieselben Menschen, denen der Leser in den Skizzen begegnet: Mutter, Vater, das Kind, Großmutter, Tante, andere Verwandte. Das Geschehen im Dorf, in den Familien ist geprägt von den Alltäglichkeiten, den sozialen und individuellen Problemen, von Angst und dem stoisch ertragenen Gefühl der Ausweglosigkeit. Und so sitzen die Frauen «an den Winternachmittagen…am Fenster und stricken sich selber hinein in ihre Strümpfe aus kratziger Wolle, die immer länger werden und so lang sind wie der Winter selbst, die Fersen haben Zehen, als könnten sie von alleine gehen». Mit Auswirkungen bis in den privaten Bereich, in das Geschehen um Liebe und Hass, Geburt und Tod.

Herta Müller (*1953)

Es ist eine fast suggestive, auch assoziative Prosa, die den Leser in Bann zieht, mitnimmt in die Wirklichkeit und in Traumwelten von irritierender Art. Ob es «Die Grabrede» ist, während der eine Vergewaltigung imaginiert wird, ob es die «Dorfchronik» ist, in der die sozialistisch-gesellschaftlichen Bedingungen dargestellt werden. Immer sind es faszinierende Bilder einer fast unwirklichen Wirklichkeit, mit denen uns die Autorin konfrontiert.
An dieser Stelle spiegelt Literatur auf grausame Art und Weise das Leben. Auch Herta Müllers Leben. Denn in diesen Schilderungen riefen die kommunistischen Machthaber Rumäniens den Geheimdienst auf den Plan. Diese Texte waren und wollten so gelesen werden: Kritik am Sozialismus, an der Zwangskollektivierung, an der Entindividualisierung des Menschen. Das war subversiv – und musste geahndet werden. Die Autorin sollte dies hinfort am eigenen Leibe zu spüren bekommen.

«Niederungen» war das Debüt – und was für eines! Die  Erzählungen enthielten schon die ganze Poetologie der Autorin. Und es hat in diesen Texten literarisch etwas begonnen, was als «Fortschreibung» in allen späteren Büchern der Herta Müller bis hin zu «Atemschaukel» zu lesen ist: Der Widerstand gegen Unfreiheit und Verfolgung,  die schonungslose, akribische Notation des Bösen als Mahnung an die Nachwelt. Dies gelingt Herta Müller – und das macht sie über die Chronistin hinaus zur Dichterin – in einer großartigen poetischen, bilderreichen, wunderbaren Sprache; in einer Sprache, die neue Wahrheiten findet. -
Das Buch «Niederungen», das sei zum Schluss angemerkt, ist 1982 erstmals erschienen – in Bukarest. 1984 dann in einer gekürzten Fassung in Deutschland. Die jetzt vorliegende Ausgabe ist von der Autorin um die fehlenden Texte ergänzt und überarbeitet worden und bringt Müllers Debüt zum ersten Mal in der originalen Fassung. ■

Herta Müller, Niederungen, Prosa, Hanser Verlag, 144 Seiten, ISBN 978-3446235243

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Leseproben

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Günter Nawe

Geb. 1940 in Oppeln/D, von 1962 bis zur Pensionierung 2005 Mitarbeiter eines Kölner Zeitungsverlags, danach freischaffend u.a. als Pressesprecher eines großen Kölner Chores und Buchrezensent für Print- & Online-Medien

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